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Wie sinnvoll sind Drogenkonsumräume? | Manuskript
Wie sinnvoll sind Drogenkonsumräume?
Bericht: Christian Werner
Eigentlich liebt Isabel Zeh ihr Viertel im Leipziger Osten. Doch ihre Kinder einfach so im Park
spielen zu lassen, traut sie sich nicht.
Isabel Zeh, Anwohnerin
Hier ist praktisch so ein Spielplatz und gerade so da hinten, da ist die Gegend und das
kann ich ihnen mal zeigen.
In der „Gegend“ werden illegale Drogen konsumiert. Der Müll bleibt einfach liegen.
Isabel Zeh, Anwohnerin
Genau. Da sieht man ja schon das auch schon, diese Alufolie und auch die
Verpackungen von den Spritzen und alles. Blutiges Tempotaschentuch und so. Also hier
sind so die ganzen Reste.
Löffel zum Aufkochen von Heroin, benutzte Spritzen, Verpackungsmüll. Das, was die
Junkies zurücklassen, liegt in Parks im Leipziger Osten, wo sich Familien erholen und
Kinder spielen. Für die Anwohner inzwischen traurige Normalität. Die Drogenszene ist
hier schon lange nicht mehr zu übersehen, sondern fest im öffentlichen Bild verankert.
Isabel Zeh, Anwohnerin
Da rechts von dem Hügel, da gibt es einen Bereich wo einige sitzen und auch dealen, da
möchte ich nicht, dass sie spielen und auch hier so den ganzen Bereich in diesem
Gebüsch, wo Drogen versteckt sind beziehungsweise die auch selber konsumieren und
auch da hinten, in dem Bereich sitzen sie häufiger mal.
Exakt macht den Test: Über einen Monat hinweg dokumentieren wir zwei Mal die Woche
an verschiedenen Plätzen Drogenmüll. Jedes Mal finden wir mitten in Wohngebieten oder
in der Nähe von Spielplätzen mindestens drei bis vier gebrauchte Spritzen und anderen
Abfall. Ein Sozialarbeiter der Stadt erzählt uns, dass man in einem gesamten Monat bis zu
100 Spritzen findet. Im Zentrum für Drogenhilfe warnen die Sozialarbeiter um Annegret
Wegner vor den Gefahren, die von diesen Hinterlassenschaften ausgehen.
Annegret Wegner Zentrum für Drogenhilfe
Wenn man sich an einer Kanüle verletzt, kann man sich Infektionskrankheiten wie
Hepatitis B oder C, kann man sich mit HIV infizieren. Die Möglichkeit besteht bei einer
Stichverletzung mit einer Kanüle immer.
Wir fahren nach Düsseldorf. Hier geht man längst andere Wege, um die Folgen des
illegalen Drogenkonsums in den Griff zu kriegen. Unweit der Innenstadt gibt es seit sieben
Jahren einen so genannten Drogenkonsumraum, im Szenejargon Druckraum.
Hinweis: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf nur für den privaten Gebrauch des Empfängers
verwendet werden. Jede Verwertung ohne Zustimmung des Urheberberechtigten ist unzulässig.
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Hier können Süchtige unter fachlicher Aufsicht Drogen nehmen, wie Juliano, der seit
sechs Jahren Heroin drückt. Er kommt fast jeden Tag hierher, um sich einen Schuss zu
setzen.
Die Spritzen tut man hier rein. Die werden dann entsorgt, nicht wie draußen, die
anderen Leute schmeißen die dann einfach auf den Boden hin oder so. Kleine Kinder
sich irgendwie piksen können. Hier werden die wirklich entsorgt, dass da nichts passiert
oder irgendwelche Kinder, sich stechen können.
Der Abfall landet nicht auf der Straße, sondern wird professionell entsorgt. Die Regeln
sind streng: die Abhängigen müssen ihren Stoff wie Heroin, Kokain oder auch
Amphetamine selbst mitbringen und dürfen nicht länger als 30 Minuten am Stück hier
sein. Im Gegenzug erhalten sie sauberes Drogenbesteck, in Notfällen ist medizinisches
Personal vor Ort. Dass es funktioniert, zeigt sich auch im Umfeld.
Joachim Alxnat, Geschäftsführung Drogenhilfe Düsseldorf
Wir wissen aus der Nachbarschaft und ich denke auch im Innenstadtbereich, dass es
eine Entlastung gegeben hat. Früher waren also wesentlich mehr Beschwerden, was
Konsumvorgänge in Parkhäusern, in Hausfluren oder in Gebüschen anbetrifft, die sind
deutlich zurückgegangen.
Mit anderen Worten: auch die Anwohner profitieren von der Einrichtung.
In Leipzig etablierte sich die Drogenszene Anfang der 90er Jahre unter anderem in
solchen Häusern. Elend, Dreck und Müll blieben hinter morschen Mauern verborgen.
Doch diese Zeiten sind vorbei. Immer mehr Häuser werden saniert oder abgerissen. Die
Junkies weichen an öffentliche Orte aus, wo jetzt auch der Konsummüll landet.
Doch darauf zu reagieren oder überhaupt eine offene Debatte über Druckräume
zuzulassen, lehnt man im Rathaus ab. Der zuständige Bürgermeister war weder zu einem
Hintergrundgespräch noch zu einem Interview bereit. Wir passen ihn auf dem Weg zu
einer Sitzung ab.
Professor Thomas Fabian (SPD) Sozialbürgermeister
Ich habe keine abschließende Position dazu. Das Thema steht in Sachsen derzeit nicht
an, insofern gibt es da sicher eine interessante Fachdiskussion dazu, aber in Leipzig
steht das nicht auf der Tagesordnung.
Insgesamt 24 Drogenkonsumräume gibt es bundesweit - unter anderem in NordrheinWestfalen, Hessen und Berlin. In der Fachwelt ist ihr Nutzen unumstritten, auch in
anderen Ländern wie der Schweiz oder in Kanada hat damit gute Erfahrungen gemacht.
Sachsen stellt sich nach wie vor dagegen. Die Linke sieht im Freistaat jedoch dringenden
Bedarf.
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Rico Gebhardt, Landesvorsitzende Die Linke Sachsen.
Also ich sehe sie deswegen vor allem in Leipzig. Leipzig ist nun einmal eine der
Hochburgen, wo Drogen konsumiert werden. Ob ich das nun gut finde oder schlecht
finde, ob die Stadtgesellschaft das gut findet oder schlecht findet. Es ist nun einmal
Dreh- und Angelpunktes auch des Vertriebes von Drogen und dann bleiben natürlich
auch ganz viele Drogen in Leipzig hängen. So. Also gibt es auch Konsumenten dafür und
wenn es Konsumenten gibt, muss ich mich darum kümmern und nicht die Augen davor
verschließen. Deswegen ist es unbedingt notwendig, dass wir langfristig, eigentlich
sogar kurzfristig darauf reagieren und solche Räume einrichten.
Wie gesagt, für die Stadt ist das Thema derzeit nicht tagesordnungstauglich. Für die
Bürger im Leipziger Osten heißt das, sie müssen weiterhin mit den gefährlichen
Hinterlassenschaften der Drogenkonsumenten leben. Und die Eltern mit der Angst um
ihre Kinder.
Isabel Zeh, Anwohnerin
Dass sind schon einige Nachbarn und Bekannte, die sagen, da musst du aufpassen und
die lassen ihre Kinder hier auch gerne ungern alleine spielen und jeder guckt so ein
bisschen drauf, dass sie ja nicht ins Gebüsch gehen, sondern hier auf der Fläche, auf
dem Spielplatz bleiben.
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