Kunst und Kultur 2

Leila Mousa: Kulturarbeit mit Flüchtlingen – Erfahrungen aus dem Libanon
In meinem kurzen Impulsreferat wird es um die Frage gehen, worüber wir eigentlich reden, wenn wir
über Kulturarbeit/ künstlerische Arbeiten mit Flüchtlingen sprechen. Die Gedanken, die ich hier heute
vortragen möchte, basieren auf einer Studie, die ich in diesem Jahr für das Institut für
Auslandsbeziehungen zum Thema „Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik in Flüchtlingslagern des
Libanon“ verfasst habe:
Mousa, Leila (2015): Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik für Flüchtlingslager? Handlungsfelder
und Potenziale bildungs- und kulturpolitischer Arbeit in den Flüchtlingslagern des Libanon (ifaEdition Kultur und Außenpolitik; voraussichtlicher Erscheinungstermin: Dezember 2015)
Mehr zur Studie sowie dem Forschungsprogramm „Kultur und Außenpolitik“ unter:
http://www.ifa.de/kultur-und-aussenpolitik/forschung-und-dialog/forschungsprogramm.html
Diese Überlegungen beziehen sich nicht auf die Situation in Deutschland, aber ich hoffe dennoch, dass
ich mit den Erfahrungen, die ich zu Kulturarbeit in den Flüchtlingslagern des Libanon vorstellen möchte,
auch zu den Diskussionen im heutigen Rahmen beitragen kann.
Was ich machen möchte?:
Im Folgenden sollen verschiedene Formate von Kulturarbeit vorgestellt (gewissermaßen eine
Sortierung von kulturellen Aktivitäten) sowie kurz einige Sensibilitäten gegenüber einzelnen Formaten
wiedergegeben werden, um so einen Einblick zu geben, wie im Libanon die Diskussionen zu
Kulturarbeit geführt werden.
Vielleicht können wir in der gemeinsamen Diskussion im Anschluss sehen, inwiefern diese übertragbar
sind oder Fragen aufwerfen, die man sich auch hier stellt oder stellen sollte.
Im Libanon
…ist aktuell – folgt man den offiziellen Zahlen – jeder Vierte (inoffiziellen Zahlen zufolge eher jeder
Dritte), ein Flüchtling, d.h. der Libanon ist weltweit das Aufnahmeland mit den meisten Flüchtlingen
im Verhältnis zur Aufnahmebevölkerung. Für die Betrachtung der Fragestellung (Kulturarbeit) ist
bedeutend, dass sich dort aktuell zwei Flüchtlingsgemeinschaften gegenüber stehen, die an sehr
unterschiedlichen Punkten ihres Flüchtlingsdaseins stehen.
Eine palästinensische Flüchtlingsgemeinschaft (280.000 in country), die seit mehr als 65 Jahren im
Libanon lebt, d.h. heute in der vierten Generation. Die Generation der Palästinenser, die geflüchtet ist,
verstirbt allmählich. Bis heute unterliegen die Palästinenser im Libanon sehr starken Einschränkungen
hinsichtlich ihrer Rechte… das hat sich historisch so entwickelt… Etwa 50 % der Palästinenser aus dem
Libanon leben nach wie vor in 12 Flüchtlingslagern.
Seit 2011 sind hierzu noch die Flüchtlinge aus Syrien hinzugekommen. Dabei handelt es sich um ca.
1,2 Mio. Syrer sowie 44.000 Palästinenser aus Syrien.
Diese Flüchtlingsbevölkerung befindet sich in einem nach wie vor sehr akuten Zustand der Krise. Der
Staat hat hier von Anfang an eine no-camp policy durchgeführt, weshalb diese Flüchtlinge – in teilweise
sehr unterschiedlichen Unterkünften – über 1700 Gemeinden des Landes verteilt leben. Angesichts
der Größe der Flüchtlingsgemeinschaft und ihrer Auswirkungen auf das Aufnahmeland sind die
Spannungen zwischen Aufnahme- und Flüchtlingsgemeinschaft angestiegen.
Folie
67 Jahre, sensibler Punkt ihrer Existenz
Seit 2011
Hohe Segregation (12 Lager)
Verteilung über 1700 Gemeinden des Landes
In sehr unterschiedlichen Unterkünften
Ca 20 % in der Bekaa-Ebene
Ca. 20 % in ITS (informal tented settlements)
Zahlreiche Restriktionen
Rechtliche Situation hat sich in den letzten
Jahren massiv verschärft
UNRWA
UNHCR
„refugee“
Im Libanon nicht als Flüchtlinge anerkannt:
„persons displaced from Syria“
Aktuell Kürzung der Mittel > fund allocations…
zahlreiche andere Krisen in der Region machen
sich spürbar … Bedarf der Politisierung ihrer
Thematik >> Weg von der Behandlung als
humanitäres
Thema…
Auflösung
des
Flüchtlingsdaseins
Das humanitäre Regime ist noch nicht gefestigt
und unterliegt immer noch starken
Veränderungen, Mittel sind unzureichend und
die Flüchtlinge befinden sich in einer sehr
akuten Krisensituation. Darüber hinaus hat sich
ihre rechtliche Situation v.a. im letzten Jahr
massiv verschärft.
Mit Blick auf die Frage nach Kulturarbeit in den beiden Flüchtlingsgemeinschaften wird schnell
deutlich, dass es eine Vielzahl von Aktivitäten gibt. Drei Beispiele sollen in aller Kürze einen Einblick
in die Bandbreite der Aktivitäten geben:
1. Antigone:
Das erste Beispiel, „Antigone von Shatila“ ist ein Theaterstück, das in einem der Beiruter Theater
aufgeführt wurde. Frauen aus Syrien, die in (dem palästinensischen Flüchtlingslager) Shatila
untergekommen sind, haben gemeinsam mit einem Theaterautor und einem Regisseur das Stück für
sich umgearbeitet und ihre ganz persönlichen Erfahrungen in die Geschichte von Antigone
eingeflochten.
„der Anspruch war, dass es nicht aussehen soll wie Flüchtlinge machen Theater. Sondern eine
professionelle Produktion, bei der die Flüchtlinge ihren Teil beitragen …“ (IP 6)
Für die Frauen, die in dem Stück mitwirkten, brachte das auch ein Einkommen: „Because they are
working. It is not that they are only expressing themselves” (IP 22)
2. Al-Kamandjati:
Al-Kalamandjati, „die Violine“ ist eine in Frankreich basierte Organisation, die heute in zwei
palästinensischen Lagern 45 Schüler in vier Instrumenten unterrichtet. (nay, tableh, and 3oud, and
violine)
Die Organisation hat 2005 mit einer Reihe von Workshops mit sehr unterschiedlichen lokalen Partnern
ihre Aktivitäten begonnen. Heute arbeitet sie mit einem lokalen Partner zusammen, der einen
Sozialarbeiter hat, welcher mit den Kindern und ihren Familien den Lernprozess verfolgt. Die Kinder
dürfen die Instrumente mit nach Hause nehmen, aber verpflichten sich, jede Woche am Unterricht
teilzunehmen.
Nach 5 Jahren haben einige Kinder das Niveau erreicht, um am Konservatorium in Beirut Unterricht zu
nehmen. Die Organisation ist nicht daran interessiert, so viele Kinder wie möglich zu erreichen,
sondern die Qualität der Arbeit zu verbessern.
3. Naqab
Naqab Center ist eine kleine Initiative im palästinensischen Flüchtlingslager Burj el Barajneh. Diese
Initiative beruht auf Freiwilligenarbeit.
Als eines ihrer Projekte gibt die Initiative Fußball-Unterricht (Qualitäts-Fußball) für junge
Palästinenser aus ihrem Lager. Wer zum Unterricht akzeptiert wurde, verpflichtet sich, in ihrem
Zentrum an Geschichtsunterricht teilzunehmen. Dafür benutzen sie Materialien, die am Institute for
Palestine Studies produziert wurden – einem anerkannten Forschungsinstitut in Beirut.
Diese Konstellation – Fußball und Geschichte zu verknüpfen – ist für sie eine Antwort darauf, dass an
den UNRWA-Schulen für palästinensische Flüchtlinge kein Geschichtsunterricht zu ihrer Geschichte
gegeben wird, wobei die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte – insbesondere zu diesem
Zeitpunkt – existentiell ist.
Dabei ist ihnen sehr wichtig, dass sie die Arbeit als unabhängige Initiative, die ihre Themen selbst setzt
und selbst-organisiert durchführt. Sie finanzieren sich v.a. durch Spenden und fundraising parties.
Sie sind sehr kritisch mit Geldgebern, da sie den Eindruck haben, dass viele Geldgeber mit genauen
Ideen und Vorgaben zu Projekten kommen, die sie gerne fördern würden. Ihnen ist es wichtig, dass
ihre Existenz als Flüchtlinge ein politisches Thema bleibt und dass sie dies in ihren Themen, die sie
selbstbestimmt setzen, auch zum Ausdruck bringen können.
Diese Beispiele reihen sich ein in eine Vielzahl von kulturellen Angeboten von
Unterhaltungsangeboten, wie Malen und Sport, über Theatergruppen, über Projekte, in denen
Flüchtlingskinder ihre Lebenswelt fotografieren, Kunsttherapeutische Maßnahmen, folkloristische
Tätigkeiten, so z.B. traditionelle Tänze, alte Männer, die Geschichten erzählen,
Alphabetisierungsprojekte, Anfertigung von Büchern und Filmen mit dokumentarischem Charakter,
Multi-media-trainings, mobiles Kino, oder mobile Musikschulen, etc.
Einige dieser Aktivitäten werden von Kulturakteuren finanziert oder durchgeführt, d. h. NRO, die sich
explizit als Kulturakteure verstehen. Andere wiederum werden durch das humanitäre Regime
bereitgestellt. Damit meine ich, durch Organisationen, die Hilfsleistungen, Schulangebote etc. vor Ort
anbieten und zumeist durch UN-Organisationen gefördert sind. Diese Kulturprojekte werden dann aus
Mitteln finanziert, die für Programme wie „social cohesion“, „child protection“, oder „psychosocial“
zur Verfügung stellen.
Dies hat in Diskussionen vor Ort wiederholt die Frage aufgeworfen, wovon man eigentlich redet, wenn
man von Kulturarbeit in Flüchtlingslagern bzw. Kulturarbeit mit Flüchtlingen redet?
Um sich dieser Frage anzunähern, will ich hier einen Vorschlag für eine Sortierung anbieten. Zu diesem
Zweck habe ich das Feld der Kulturarbeit, d.h. jene Aktivitäten die für die Studie erfasst wurden, nach
den Zielen der Aktivitäten sortiert, auch wenn es bei einigen Aktivitäten schwer fällt, diese ganz
eindeutig einer Kategorie zuzuordnen. Ich möchte drei Bereiche von Kulturarbeit unterscheiden
(vielleicht ein Punkt für die spätere Diskussion?). Im Prinzip liegt jeder dieser Kategorien ein anderer
Kulturbegriff zugrunde:
Folie:
1.
Kultur als „Kunst“, der Kunst wegen / Ausdrucksraum:
politisch/ unpolitisch, elite arts vs. community arts …
Alles was Artikulationsräume ermöglicht: Künstlerförderung, Bereitstellung von Räumen, etc.
2. Kultur im Sinne des „Erhalts der eigenen Kultur“/ identitätsstiftend:
Traditionspflege (traditionelles Handwerk, folkloristische Aktivitäten wie Tänze, Küche, etc.),
Erinnerungskulturen, Auseinandersetzung mit Geschichte
3. Kunst und Kultur als Instrument
… als Freizeitbeschäftigung/ Unterhaltung, als Dialograum, für therapeutische Zwecke etc. …
1. Unter Kultur als „Kunst“
… sind all jene Aktivitäten zu finden, bei denen es um die Kunst der Kunst wegen geht. Dabei handelt
es sich um Aktivitäten, bei denen Kunst als Ausdrucksraum dient, d. h. wo sie Kritik und Bedürfnisse
artikuliert, Konfliktnarrativen Raum gibt, auch politisch werden bzw. provozieren, radikal sein kann
(nicht muss). Zum anderen finden sich hier Aktivitäten, die der Förderung von Künstlern als
Ermöglichung von Artikulationsräumen (Stipendien, Projektförderung, Bereitstellung von Räumen)
dienen oder aber Basiskulturarbeit (Grundlagenvermittlung). >>> Ggf. Antigone // ggf. Al-Kamandjati
2. Kultur im Sinne des „Erhalts der eigenen Kultur“:
Diese Kulturarbeit ist gekennzeichnet durch Referenzen zur Herkunft und Identitätsstiftung. Diese Art
von Projekten tragen dazu bei Tradition zu erhalten oder Identität (neu) zu definieren. Darunter sind
gleichermaßen folkloristische Aktivitäten zu finden, wie auch Aktivitäten, die mit Erinnerungskulturen,
also der Auseinandersetzung mit Geschichte zu tun haben (Wissen über die Herkunft/ Geschichte zu
bewahren). >>> Naqab
3. Kultur und Kunst als Instrument:
Hierunter fallen Sport wie auch künstlerische Aktivitäten (Musik, Theater, etc.), die sich an Flüchtlinge
und die Aufnahmegesellschaft richten und als primäres Ziel nicht die Produktion von Kunst verfolgen,
sondern … Beschäftigung bzw. Unterhaltung, Trauma- oder Dialog-Arbeit. Kunst und kulturelle
Aktivitäten bieten hier den Zugang
Die Zeit reicht leider nicht aus, um an dieser Stelle in die Tiefe zu gehen. Aber ein Punkt scheint hier
wichtig: Die Betrachtung von zwei Flüchtlingsgemeinschaften hat gezeigt, dass es wesentliche
Unterschiede darin gab, wie die Flüchtlinge bzw. Vertreter der Kulturarbeit aus den
Flüchtlingsgemeinschaften über Kulturarbeit und kulturelle Aktivitäten sprechen:
So gibt es in der palästinensischen Flüchtlingsgemeinschaft eine Vielzahl von Aktivitäten, bei denen
es sich gleichermaßen um Unterhaltung/ Freizeitbeschäftigung/ psychosocial wie auch um
folkloristische Aktivitäten handelt, die sich von Lager zu Lager kaum unterscheiden. Umgekehrt gibt es
eine Wahrnehmung von kaum Förderung im Bereich der Kunst als Kunst/ kaum freie Räume für Kunst
und Bildung und eigene Themensetzung, der Großteil dieser Aktivitäten findet in selbst-organisierten
Initiativen wie Naqab statt. Im Kontext von wenig Förderung, aber auch einer allgemein schlechten
Bildungssituation, wird die Vielzahl von kulturellen Aktivitäten sehr kritisch als Ablenkung und
Entertainment diskutiert, die dazu beitragen soll, die Situation erträglich zu machen … und darüber zu
einer Normalisierung und Depolitisierung des Flüchtingsdaseins beiträgt.
In der syrischen Flüchtlingsgemeinschaft findet man solche Diskussionen noch nicht. Auch finden sich
hier wenige Aktivitäten, die man dem Bereich „Erhalt der Kultur“ zuordnen würde, vermutlich liegt das
daran, dass sich noch nicht durchgesetzt hat, dass sich die Situation möglicherweise verstetigen
könnte.
Auch hier sind sehr viele Aktivitäten im Bereich der Kultur als Instrument zu finden, einerseits, um Leid
zu lindern, aber auch da das Verhältnis zur Bevölkerung angesichts der großen Flüchtlingszahlen sowie
der sozioökonomischen Auswirkungen des Flüchtlingsproblems sehr schwierig geworden ist. Die
Notwendigkeit solcher Aktivitäten wurde von den meisten Akteuren nicht in Frage gestellt, jedoch wird
dies von Kulturakteuren nur sehr bedingt als Kulturarbeit verstanden. Sehr umstritten war der Bereich
der therapeutischen Maßnahmen (hierzu viel Kritik).
Zusammenfassend:
Die Gegenüberstellung der Diskussionen in den verschiedenen Flüchtlingsgemeinschaften hat sehr
deutlich zeigt, dass Kulturarbeit mit Flüchtlingen vor dem sozialen, politischen und historischen
Moment beurteilt werden muss, in der sich eine Flüchtlingsgemeinschaft befindet, d. h. umgekehrt
dass man sich die Gegebenheiten jeder Situation genau ansehen.
Zudem scheint wichtig, herauszustellen, dass Kulturarbeit – so schön sie ist, so ambitioniert die Akteure
sind, so sehr sie in guter Absicht geleistet wird – nicht immer unproblematisch ist. Ganz prinzipiell und
sehr verkürzt, scheint es daher wichtig, als Kulturakteur oder –förderer immer wieder die eigene Rolle
zu hinterfragen sowie folgende Fragen zu stellen:
Wer wird aktiv, womit und für wen?
Mit welchem Ziel?
Wer definiert dieses Ziel?