Das Manuskript, Stand 11.11.2015

Die vernetzte Vernunft
Gewissheiten, Fertigkeiten und Wirksamkeiten der Vernunft der Gegenwart
Einleitung
Unsere gegenwärtige Welt ist von einem tiefen Widerspruch geprägt. Auf der einen Seite meinen
wir, dass wir die Wirklichkeit immer besser im Griff haben. Technik macht die Wildnis beherrschbar
und dehnt unseren Spielraum immer weiter aus. Auf der anderen Seite wird uns die Welt immer
unverständlicher, die Frage, welche unserer Überzeugungen wahr sind, ist kaum mehr zuverlässig zu
beantworten. Technische Weltbeherrschung und zuverlässiges Weltverstehen scheinen nicht
zusammenzugehören. Schon gar nicht fühlen wir uns ich der Lage, das moralisch Gute in unserem
Handeln sicher zu erkennen.
Wir beherrschen die Welt, aber wir begreifen sie nicht. Aber ist dann Weltbeherrschung nicht nur
eine Illusion? Treffen unsere Begriffe noch die Wirklichkeit? Kann es gelingen, Zusammenhänge so zu
beschreiben, dann uns die Welt, in der wir leben und die wir beherrschen, verständlich wird? Können
wir hoffen, in einem philosophischen System einen Halt zu finden, der uns die Grenzen unseres
Wissens erträglich macht und uns ein sicheres Handeln auf unsicherem Grund ermöglicht?
Dieses Werk, das auf drei Teile angelegt ist, versucht, auf all diese Fragen neue, aber positive
Antworten zu finden. Dazu wird es systematisch vorgehen, aber das System, dem es folgt, wird es
erst entwickeln. Lieb gewonnene Selbstverständlichkeiten wird es nicht nur fragwürdig machen,
sondern auf den Kopf stellen - oder genauer, das, was schon so lange auf dem Kopf stand, dass es
selbstverständlich geworden ist, wird es auf die Füße stellen.
Wir glauben allenthalben, dass das Wissen über die Welt, am besten wohl geordnet in
wissenschaftlichen Theorien und gelehrt in Schulen und Universitäten, die Basis für alles
Weltverstehen, für unseren erfolgreichen Umgang mit der Welt und für zweckdienliches,
zielgerichtetes Handeln sei. Diese Überzeugung ist so tief in unserer Kultur verwurzelt, dass uns die
vielen Misserfolge und die zunehmende Verunsicherung durch die wachsende Unübersichtlichkeit
unserer realen Erfahrungen zwar verzweifeln und pessimistisch hinsichtlich der Zukunft werden
lassen. Unsere Hoffnung aber, dass der Ausweg aus der Verzweiflung in einer gelungenen, richtigen
Anwendung von zutreffenden theoretischen Erkenntnissen über die Welt liegen möge, wollen wir
nicht fahren lassen.
Das einzige Ziel dieses dreiteiligen Gesamtwerks ist es, zu lernen, den Blick umzukehren. Wir wollen
uns aus dem theoriegeleiteten Blick auf die Welt lösen, der uns vorgeblich den Erwerb von
Fähigkeiten ermöglicht, die uns letztlich mehr oder weniger erfolgreich handeln lassen. Statt dessen
werden wir sehen, dass es unser intuitives Handeln ist, dass uns Fähigkeiten erwerben lässt, die uns
letztlich ein Wissen ermöglicht, das dann aber eigentlich nicht mehr theoretisch genannt werden
kann. Wir verstehen die Welt dann nicht mehr in dem Sinne, dass wir sie in theoretische Gebilde
einsortieren können, die uns Prognosen und Richtlinien für erfolgreiches Eingreifen in die Welt
erlauben - sondern umgekehrt, wir verstehen uns auf den Umgang mit Welt, wir verstehen unseren
erfolgreichen Eingriff dann ebenso wie unsere Irrtümer und unser Scheitern.
Vorbemerkungen zur Gesamtkonzeption der Arbeit
Seit dem vor drei Jahren die Kritik der vernetzten Vernunft erschienen ist, hat das Konzept der
vernetzten Vernunft weiter an Klarheit gewonnen. In Vorträgen und Einzeltexten zum Konzept der
vernetzten Vernunft habe ich Präzisierungen vornehmen können. Viele Diskussionen haben dazu
beigetragen, die Struktur des vernetzten Denkens und Handelns besser zu verstehen.
Genau genommen hätte das Buch, das 2012 veröffentlicht wurde, nicht „Kritik der vernetzten
Vernunft“ heißen dürfen, denn eine solche Kritik muss erst noch geleistet werden. Diese eigentliche
und umfassende Kritik ist das Ziel des Werkes, welches ich mit diesen Zeilen beginne.
Um Missverständnissen von Beginn an vorzubeugen sei bereits an dieser Stelle betont, dass der
Begriff der vernetzten Vernunft nicht ein Denken bezeichnet, welches sich auf ein bestimmtes
technisches Netzwerk, namentlich das Internet, stützt oder dieses Netzwerkes bedürfte. Es handelt
sich bei der vernetzten Vernunft auch nicht um das, was landläufig als das „digitale Denken“
bezeichnet wird. Der Zusammenhang zwischen der vernetzten Vernunft und den technischen
Netzwerken mit ihren elektronischen Endgeräten und digitalen Datenströmen ist nicht der einer
Abhängigkeit der ersten von den letzteren. Eher ist es umgekehrt: die vernetzte Vernunft hat sich
zuletzt eine technische Infrastruktur geschaffen, die ihren Wünschen und Forderungen, ihren
Prinzipien und Wirkungsweisen entspricht.
Mit dem Begriff der vernetzten Vernunft werden wir die Rationalität der Gegenwart beschreiben, die
sowohl im Weltverstehen als auch im Weltverändern wirksam ist. Erst ganz allmählich wird dieser
Begriff im Verlaufe der Untersuchung seine Rechtfertigung finden. Diese Rechtfertigung wird auch
eine Bestimmung der Begriffe Vernetzung und Vernunft umfassen. Für den Moment mögen vage
Vorstellungen genügen: Vernetzung wollen wir uns als einen Prozess des Herstellens von
Verbindungen zwischen Dingen vorstellen, die durch das entstehende Netz an ihrem Platz gehalten
werden und ihren Sinn erhalten. Die Vernunft, die uns interessiert, ist die, die in solchen Netzwerken,
und im Herstellen dieser Verbindungen ihre Gründe sucht. Vernunft ist, nach Gründen für etwas zu
fragen und Gründe angeben zu können - vernetzte Vernunft sucht Gründe, indem sie Netzwerke von
Gründen sucht und erzeugt.
Dies ist, wie gesagt, nur eine sehr vage und sehr vorläufige Bestimmung der vernetzten Vernunft. Das
ganze Werk, welches hier beginnt, soll der Präzisierung des Begriffs dienen und gleichzeitig, das ist
die Hoffnung, die sich mit dem Schreiben verbindet, seine Erklärungskraft unter Beweis stellen. Es
soll sich, nach meinem gegenwärtigen Plan, in drei Teile gliedern. Im ersten Teil geht es um
Gewissheiten, im zweiten um Fertigkeiten, im dritten um Wirksamkeiten.
Man könnte vermuten, die drei Teile bauen aufeinander auf, weil einer allgemeinen Überzeugung
nach unsere Gewissheiten - oder unser Wissen - uns zu Fertigkeiten - zu Können - verhilft und diese
Fertigkeiten uns wiederum erlauben, in der Welt wirksam zu sein - zu handeln. Der Dreiklang von
Wissen, Können und Handeln, in dem das Wissen der bestimmende Grundton ist, das Können
sozusagen als Terzton die Harmonie ergänzt die vom Handeln als Quinte vervollständigt wird,
bestimmt unsere Vorstellung vom richtigen Umgang mit der Welt. Um Handeln zu können, so meint
man, muss man etwas können, und bevor man etwas kann, braucht man das nötige Wissen. Also
müssen wir erst verstehen, wie wir etwas wissen können und was Wissen ist, bevor wir das Können
und schließlich das Handeln verstehen.
Die drei Teile dieser Arbeit bauen aber nicht aufeinander auf, vielmehr werden wir uns in drei
Schritten von der Oberfläche zu den Fundamenten unseres Umgangs mit der Welt hinabbegeben.
Wenn das Vorhaben gelingt, werden wir am Ende sehen, dass die Grundlage des menschlichen
Lebens in der Welt nicht das Wissen ist, sondern das Wirken, aus dem ein Können und schließlich ein
Wissen entsteht - wobei diese drei Begriffe im Verlauf der Untersuchung ihre Bedeutung wandeln
werden.
Der erste Teil trägt den Titel „Die Gewissheiten der vernetzten Vernunft“. Er wird beschreiben, was
die vernetzte Vernunft zu wissen meint. Wie kommt es zu „wahrer, gerechtfertigter Überzeugung“?
Wie sehen Wissensnetze aus und wie verändern sie sich? Welche Knoten und Verbindungen sehen
wir im Netzwerk unserer Überzeugungen als Gewissheiten an, welche als Meinungen und welche als
Glauben? Und wie sind wir in der Lage, wahr von falsch zu unterscheiden? Das sind die Fragen, die in
diesem Teil beantwortet werden sollen.
Dazu gehört selbstverständlich auch die Frage, wie die Diskurse beschaffen sind, die jene
Gewissheiten hervorbringen, die als wahre Überzeugungen akzeptiert werden. Hier wird sich
allerdings zeigen, dass wir unterscheiden müssen: Sind die Diskurse tatsächlich so beschaffen, oder
erscheinen sie lediglich so? Sind wir, als Glieder der vernetzten Vernunft, vielleicht selbst so sehr im
Netz des Vernünftigen gefangen, dass wir ein bestimmtes Diskurs-Netz für vernünftig und gleichzeitig
bestimmend halten, welche sich in einer Außenbetrachtung als haltlos und unhaltbar erweist?
Diese Fragen verweisen auf die ganze Schwierigkeit des Weges, der vor mir und meinen Lesern liegt.
Wir machen uns von einem gewissen unbestimmten Standpunkt aus auf einen Weg, auf dem Klarheit
überhaupt erst gewonnen werden soll. Wir wissen noch nicht einmal genau, wo wir selbst gerade
stehen, wir sind uns unserer eigenen Überzeugungen gerade selbst nicht gewiss. Wir sind ja ein Teil
jenes Gebildes, das wir als vernetzte Vernunft bezeichnen.
Und selbst dieses einfachen Satzes können wir uns nicht so gewiss sein, dass wir ihn als
Standortbestimmung nutzen können. Nicht nur deshalb, weil wir ja noch nicht hinreichend bestimmt
haben, was die vernetzte Vernunft eigentlich sei, sondern auch deshalb, weil wir noch nicht wissen,
ob es diese vernetzen Vernunft in einem Sinne gibt, in dem wir sagen können, das wir selbst, als
lebende, vernünftige Wesen, ein Teil von ihr seien.
Wir wollen uns in diesem Werk auf einen Weg machen, der von einem unbekannten, unbestimmten
Ort aus zu einer gewissen Klarheit führt. Das Personalpronomen „Wir“ ist dabei ganz ernst gemeint.
Zwar ist es der Autor, der einen Text verfasst und damit die Richtung des Gedankengangs bestimmt.
Aber mein Anliegen ist es, dass meine Leser dem Weg dieser Gedanken als Weg zur Klarheit und
nicht als Weg durch eine schon zuvor geklärte Landschaft folgen. Es wird ihnen hier kein
Gedankengebäude präsentiert, welches dem Autor selbst bereits heute schon klar vor Augen steht.
Vielmehr ist der Text, der hier begonnen wird, die Dokumentation des Bauvorschritts dieses
Gebäudes von dem momentan allenfalls eine vage Idee, aber noch keine exakte
Ausführungsplanung, keine statischen Berechnungen und kein genaues Bild von Ansichten existieren.
Das Wort Wir ist auch deshalb angemessen, weil ich hoffe, dass die Richtung des Gedankengangs
nicht nur durch meine eigenen Überlegungen und Schlussfolgerungen, sondern auch durch
Diskussionen mit nahen und entfernten Partnern bestimmt werden wird. Entwürfe von zentralen
Teilen werde ich online und in persönlichen Gesprächen zur Diskussion stellen und ich hoffe, dass
diese Diskussionen der Klarheit der Argumentation helfen.
Um ein solches Wir zu ermöglichen, muss der Autor eines Werks allerdings wenigsten attraktive,
wenn auch vage, Vorstellung von Ziel des Unternehmens schon zu Beginn skizzieren können. Sowohl
der Weg, der eingeschlagen wird, als auch der Ort, zu dem er führen soll, muss eine gewisse
Attraktivität haben. Der Autor muss das Versprechen abgeben, dass der unbekannte, aber vermutlich
mühsame Weg zu einem lohnenden Ziel führt.
Unser Ziel ist, die Gegenwart besser zu verstehen, als es uns jetzt gelingt. Am Ende des Weges, der
jetzt begonnen wird, werden wir eine Ordnung in den Ereignissen und Prozessen der Gegenwart
erkennen, die uns vieles verständlich macht und trotzdem der Komplexität und Vielfalt des
Geschehens gerecht wird. Wir werden das, was uns tagtäglich im eigenen Erleben oder durch
mediale Vermittlung begegnet, nicht auf wenige Kategorien und einfache Grundsätze oder Gesetze
reduzieren - aber wir werden es trotzdem besser verstehen, sogar ein wenig durchschauen. Wir
werden Orientierung gewinnen und dadurch zu einer gewissen Ruhe und Sicherheit im eigenen
Handeln gelangen.
Gegenwart ist das Hier und Jetzt, aber das heißt nicht, dass es sich dabei um einen winzig kleinen Ort
um das Ich herum und einen flüchtigen, nicht zu haltenden Zeitpunkt handelt. Gegenwart ist das, was
uns gegenwärtig ist, und das umfasst sicherlich mehr als den Zeitraum, der zwischen zwei
Nachrichtenausgaben, zwei Softwareversionen oder zwei Computergenerationen liegt. Die Das Jetzt
ist der Zeitraum, in dem sich unsere Welt nicht so grundsätzlich verändert hat, dass wir uns, wären
wir plötzlich an einen anderen Zeitpunkt innerhalb dieser Gegenwart versetzt, gar nicht mehr
zurechtfinden würden. Ebenso verhält es sich mit dem Hier: Dazu gehören alle Gegenden unserer
Welt, in denen wir ohne große Schwierigkeiten gleichermaßen zurechtkommen.
Auch wenn wir diese Gegenwart zu kennen meinen, auch wenn wir sie als einigermaßen stabil auch
morgen und auch an einem anderen Ort noch wiedererkennen können, heißt das nicht, dass sie uns
verständlich ist. Im Gegenteil, gerade das Unverständliche können wir als Grundzug des
Gegenwärtigen ansehen, während uns die vergangenen, nicht mehr gegenwärtigen Zeiten, oder die
entfernten, fremden Orte verständlich und verstanden erscheinen.
Wenn aber gerade das gegenwärtige unverstanden ist, das Fremde und Ferne aber verständlich
erscheint, ist es sinnvoll, über das Verstehen überhaupt neu nachzudenken. Dazu ist es notwendig,
dass wir von der Oberfläche unserer heutigen Überzeugungen, die uns immer wieder vor
unüberwindliche Schwierigkeiten stellen, wenn wir auf ihrer Grundlage die einfachsten Erlebnisse
des Alltags verstehen wollen, Schritt für Schritt hinab in die Fundamente bis hin zu jenen tieferen,
stabilen Schichten graben, auf denen unsere Sicherheiten ruhen und die wir durch unser Wirken
jeden Tag deformieren und gefährden.
Dies wird, wie gesagt in drei Schritten geschehen. Von den Gewissheiten kommen wir zum Können
und von dort zum Handeln der vernetzten Vernunft. Der Dreischritt geht von dem allgemein intuitiv
als zutreffend akzeptierten Gedanken aus, dass wir durch das theoretische Lernen zuerst zu
Gewissheiten kommen, auf deren Basis wir sodann unsere Fertigkeiten, unser Können ausbilden, um
schließlich das theoretisch und praktisch Gelernte in aktives, die Wirklichkeit veränderndes Handeln
umzusetzen. Deshalb lauten die Titel der drei Teile, welche als Einzelwerke geplant sind „Die
Gewissheiten der vernetzten Vernunft“, „Die Fertigkeiten der vernetzten Vernunft“ und „Die
Wirksamkeiten der vernetzten Vernunft“.
Zugleich gilt es jedoch, den eben als intuitiv zutreffenden Gedanken charakterisierten Grundsatz
selbst fragwürdig zu machen. Üben wir tatsächlich das zuvor theoretisch verstandene und als richtig
erkannte ein, um die so erworbenen Fähigkeiten schließlich in weltveränderndes Handeln
umzusetzen? Oder ist es nicht vielmehr umgekehrt: Handeln wir nicht zumeist irgendwie drauflos,
um Können zu erwerben und Fertigkeiten auszubilden die wir erst am Ende theoretisch verstehen?
Der Dreischritt dieses Werkes soll zeigen, dass zumeist letzteres der Fall ist, viel häufiger als wir es
uns in der modernen Rationalitätsvorstellung eingestehen wollen, und dass das auch kein Defizit,
eine Unvollkommenheit ist, sondern eine wesentliche Grundlage unseres Menschseins. Wir haben
jedoch in den letzten Jahrhunderten nicht nur eine Menge Kraft in die Verteidigung des Primats der
theoretischen Vernunft gesteckt, wir haben auch Strategien erarbeitet und eingeübt, um mit den
offensichtlichen „Abweichungen“ und „Verletzungen“ dieses Primats umzugehen. Das ist einer der
Gründe, warum wir uns vom Wissen über das Können zum Handeln bewegen und nicht umgekehrt
sogleich darstellen, warum dem Handeln, das ein Können ermöglicht und schließlich ein Wissen
rechtfertigt, das Primat zuzuweisen ist.
Ein anderer Grund ist, dass ich als Autor dieses Werks mich selbst erst Schritt für Schritt durch
permanente Selbst-Kritik aus den selbstverständlichen Vorurteilen zu befreien habe. Zwar existiert
bereits eine gewisse Klarheit vom Weg der Argumentation und vom angestrebten Ziel, aber bei der
Ausarbeitung der notwendigen Details werden eine Reihe von Unklarheiten und Widersprüchen
auftauchen, die bewertet und beseitigt werden müssen. Mancher wird sagen, dass es Aufgabe des
Autors ist, diese Arbeit zu leisten und am Ende das Ergebnis zu präsentieren. Warum sollen die Leser
jeden Schritt der Erkenntnisgewinnung mit nachvollziehen? Warum sollte man vom Autor nicht
verlangen können, dass er die Arbeit erst einmal zu Ende bringt und sodann das vollständige Werk in
der richtigen Reihenfolge präsentiert? Denn es scheint ja jetzt schon klar zu sein, dass der Teil, der
hier als letzter Schritt für eine ungewisse Zukunft versprochen ist, eigentlich an den Anfang gehören
wird.
Dem ist entgegenzuhalten, dass wir uns vermutlich am Ende des Weges an einem Ort wiederfinden
werden, der vom heutigen Standpunkt aus so fremd erscheinen muss, dass wir die Nachrichten, die
uns von dort erreichen würden, als unakzeptabel und absurd ablehnen würden. So bleibt uns gar
nichts anderes übrig, als gemeinsam den ganzen Weg zu gehen. Indem wir gemeinsam von der
Oberfläche zum Grund hinabsteigen, wird mit jedem Schritt klarer, wie das Sichtbare auf dem
Tieferen, zuerst verborgenen gründet. Den Weg zurück, wieder hinauf an die Oberfläche, wird dann
jeder von uns selbst und eigenständig wiederfinden.
Zum Status der Begriffe und zum Anspruch der Ergebnisse auf
Wahrheit
Wenn wir hier bereits Begriffe wie „Vernunft“ und „Netzwerk“ oder auch „Gegenwart“ verwenden,
stellt sich die Frage, welchen Status diese Begriffe haben. Bezeichnen sie etwas real Vorhandenes
und haben sie den Anspruch, dieses real vorhandene „richtig“ zu erfassen? Sind sie gar normativ zu
verstehen in dem Sinne, dass etwa eine anzustrebende, ideale Vernunft so und so beschaffen sein
müsste, um als Vernunft gelten zu können?
Im weiteren Verlauf der Untersuchung wird eine ganze Vielzahl von Begriffen auftauchen und eine
große Bedeutung gewinnen. Deshalb ist es sinnvoll, schon jetzt etwas über den Status dieser Begriffe
zu sagen und die Frage zu beantworten, welchen Anspruch auf Wahrheit diese Begriffe und damit die
ganze Untersuchung, die ganze Philosophie der vernetzten Vernunft, die hier entwickelt wird,
überhaupt hat.
Bleiben wir beim Begriff der Vernunft. Wir sagen: Vernunft ist die Fähigkeit, zu begründen. Später
werden wir uns fragen, ob dieser Satz so schon ausreicht um zu verstehen, was vernünftig ist, für den
Moment wollen wir den Satz so nehmen, wie wir ihn intuitiv verstehen. Diesen Satz können wir auf
philosophische Klassiker stützen, wir können die Herkunft des Wortes oder das seiner lateinischen
oder griechischen Übersetzung befragen. Das könnte zu einer gewissen Rechtfertigung dieser
Verwendungsweise führen, wir würden uns sozusagen auf eine lange Tradition stützen, in der
Vernunft als eine Fähigkeit, oder auch als das Bedürfnis nach Begründung angesehen wird. Aber so
lang eine Tradition auch ist, sie könnte, insbesondere für die Gegenwart, in die Irre führen.
Zudem könnte der Eindruck entstehen, wir würden mit dem Satz, dass Vernunft die Fähigkeit zum
Begründen ist, eine Forderung stellen: Wer als vernünftig gelten will, soll gefälligst begründen was er
sagt oder tut. Da wir den Begriff Vernunft zumeist als eine positive, anzustrebende Eigenschaft des
Menschen betrachten, könnte die Forderung gleichzeitig lauten: Gib gefälligst Gründe an für dein
Denken und Handeln, für deine Überzeugungen und Wünsche, damit wir dich als vernünftig
akzeptieren können.
Wir wollen uns im Folgenden weder auf Traditionen stützen noch Begriffe normativ einführen und
nutzen. Keinesfalls sollen die Begriffe, die wir verwenden, eine ideale, anzustrebende Welt
beschreiben, die in irgendeiner Weise als gut und verständlich anzusehen wäre und deshalb
anstrebenswert ist - und vielleicht in gewissen schönen Momenten von der tatsächlichen Welt
wenigstens annährend erreicht wird.
Unsere Begriffe haben aber auch nicht den Anspruch, die Realität so zu beschreiben, wie sie ist.
Wenn wir sagen, Vernunft sei die Fähigkeit, zu begründen, dann meinen wir keineswegs, dass wir so
und so oft Vernunft beobachtet hätten und dabei jedes Mal mit beobachtet hätten, dass der Mensch,
der da Vernunft besaß, Gründe für sein Denken und Handeln, oder für seine Überzeugungen und
Wünsche angegeben hätte. Es ist auch offensichtlich, dass sich eine solche Argumentation im Kreis
drehen würde: Denn wenn wir bei jedem vernünftigen Menschen beobachten würden, dass er alles
begründen kann, dann müssten wir wiederum vorher ja schon ein anderes Kriterium gefunden
haben, das diesen Menschen als vernünftig auszeichnet. Andersherum, wenn Vernunft einfach eine
Abkürzung ist für „Fähigkeit, Gründe angeben zu können“, dann wäre die Frage zu beantworten,
warum wir denn diesen Begriff, der eine Eigenschaft bezeichnet, eigentlich benötigen, welchen
Erkenntnisgewinn er uns geben soll.1
Wir können diesem ganzen Problem entgehen, indem wir behaupten, dass wir den Begriff Vernunft
mit seiner etwas ungenauen Bestimmung soeben frei erfunden haben - aus der rein spielerischen
Hoffnung heraus, damit irgendetwas anfangen zu können. Wir können behaupten, dass wir schlicht
die Intuition haben, dass der Begriff Vernunft in der Verwendung, wie wir sie gerade eben festgelegt
haben, uns irgendwie helfen wird, die Welt unserer Gegenwart zu verstehen.
Genau in dieser freien Haltung zu unseren Begriffen wollen wir die folgende Untersuchung führen.
Jeder Begriff, den wir im Verlaufe unserer Argumentation einführen werden, soll als eine freie,
intuitiv als brauchbar erkannte, Erfindung unseres philosophierenden Geistes angesehen werden.
Wir greifen uns Begriffe und schauen, was man damit anfangen kann.
Natürlich ist unsere Erfindung nicht voraussetzungslos. Unsere Intuition ist durch vieles geprägt und
auf einen Weg gesetzt. Zunächst sind wir überzeugt, dass die Begriffe, die wir verwenden und deren
Bedeutung wir festlegen, in dieser Weise tatsächlich verwendet werden, auch wenn dies oft
unbewusst, eben im alltäglichen Sinne intuitiv geschieht. Wir entnehmen die Bedeutung der Begriffe
dem Gebrauch im Alltag und ebenso der Verwendung in der philosophischen Literatur.
Im Alltag werden Begriffe zumeist unreflektiert und intuitiv verwendet. Was das bedeutet, werden
wir im Verlauf unserer Betrachtungen noch genauer analysieren. Wenn wir einen Begriff aus der
Alltagssprache für unsere Überlegungen entnehmen, versuchen wir, seine intuitiv verstandene
Bedeutung explizit zu machen. Wir schreiben etwa: Vernunft ist die Fähigkeit, Gründe angeben zu
können. Wir hoffen, dass einer vorurteilsfreien Leserin, die unsere Begriffsbestimmung bedenkt,
dieser Satz plausibel und akzeptabel erscheint. Sodann werden wir den Satz erläutern, wir werden
die Bedeutung seiner Teile diskutieren, wir werden versuchen, seine Grenzen auszuloten. Wir
werden seine Konsequenzen beurteilen. Wir werden versuchen, herauszufinden, was der Satz über
anderes sagt, das dann eben nicht Vernunft genannt wird. Wir werden Lesarten und
Anwendungsfälle des Satzes diskutieren. Wir hoffen, dass wir auf diese Weise auch Zweifler dazu
bringen werden, den Satz zu akzeptieren, ihn wenigstens als eine mögliche und interessante
Sichtweise anzunehmen, der es eine Weile zu folgen lohnt.
Wenn wir hier das Wort Sichtweise verwenden, dann stellt sich die Frage, worauf ein solcher Satz
dann schließlich die Sicht freigibt. Haben wir mit unsere Methode, Begriffe zu wählen, zu diskutieren
1
Dies wäre der Ort, um bereits eine Auseinandersetzung mit Kants Unterscheidung zwischen analytischen und
synthetischen Urteilen zu führen. Später wird deutlich werden, dass wir diese Unterscheidung weder
benötigen, noch für hilfreich halten. Dann wird das hier gesagte auch verständlicher.
und zu klären, ein Mittel in der Hand, um über die Realität eine Wahrheit herauszufinden? Oder
reden wir vielleicht nur über Sprache, schaffen wir gar nur eine Kunstsprache, die von nichts handelt?
Unsere Begriffe sind der Alltagssprache entnommen und wir haben den Anspruch, dass wir ihren
intuitiven Gebrauch klären und explizit machen. Die Alltagssprache wiederum entwickelt sich in
einem erfolgreichen Umgang mit Wirklichkeit - wir glauben deshalb, dass sie der Wirklichkeit auch
angemessen ist - ohne jetzt schon genau sagen zu können, was Wirklichkeit und Angemessenheit
eigentlich ist, denn auch diese Begriffe, die wir jetzt noch intuitiv verwenden, müssen wir einer
Klärung unterziehen.
Unser ganzes Vorgehen in dieser Untersuchung ist das einer allmählichen Klärung von Begriffen, die
zunächst intuitiv verstanden und akzeptiert werden, dabei wird das eine oder andere
Missverständnis nicht auszuschließen sein. Ich möchte meine Leser ausdrücklich auffordern, ihr
Verständnis der Begriffe, die im Folgenden verwendet werden, zunächst aus ihrem Alltagsgebrauch
zu ziehen, sodann aber kritisch zu prüfen, ob dieses Alltagsverständnis zu der Verwendung passt, die
sie in meinem Text vorfinden. Wenn genauere Bestimmungen vorgenommen werden - etwa wie die,
dass Vernunft die Fähigkeit zum Angeben von Gründen ist - dann sollten meine Leser im besten Falle
prüfen, ob diese Begriffsbestimmung für sie für den Moment akzeptabel sein kann, soweit sie
wiederum die verwendeten Begriffe, in diesem Falle „Fähigkeit“ und „Gründe / Begründungen“ aus
ihrer Alltagsverwendung heraus verstehen und nachsichtig im Sinne der Bestimmung deuten.
Für den Gang unserer Untersuchung sollten wir immer das Bild des allmählichen hervortreten eines
Gebirges aus einem Meer vor Augen haben. Stellen wir uns vor, dass wir die Meeresoberfläche bei
diesem Vorgang beobachten könnten, dann würden wir zuerst hier und da undeutliche Schatten
erkennen, Wellen auf dem Wasser, die ersten Inseln würden allmählich sichtbar werden. Langsam
faltet sich das Gestein auf, das Wasser weicht zurück, verdeckt aber hier und da noch die darunter
liegenden Konturen, Manches formt sich noch um, einiges steigt schneller als anderes. Am Ende lieg
das Gebirge in seiner ganzen Schönheit und Klarheit vor uns.
Wir könnten sagen, dass wir doch auch eine systematische Karte des nun vor uns liegenden Gebirges
zeichnen können. Aber um es in seinem ganzen Gefüge zu verstehen, seine bizarren Faltungen und
seine regelmäßigen Verfärbungen, ist es notwendig, sein entstehen beobachtet zu haben. Wir wollen
ein Verständnis für die Vielfalt und die vielen kleinen Differenzen erwerben, die wir mit unseren
Begriffen nur unvollkommen be-greifen können. Nur, wenn wir die Herkunft der Begriffe kennen,
ihre Veränderungen, ihre Ausdehnungen und Abgrenzungen, ihr Zusammenwachsen und ihr
Auseinanderrücken beobachtet haben, sind wir so mit ihnen vertraut, dass wir sie nicht nur als
vorhandene Wissens-Bausteine verstehen, sondern uns auf sie verstehen, mit ihnen umgehen
können.
Am Ende wird ein System plausibler Begriffe entstanden sein, welches einiges unseres bisherigen
erfolgreichen Umgangs mit der Wirklichkeit verständlicher macht, und das gerade, weil wir sie nicht
auf wenige klare, eindeutige Beziehungen zu anderen Begriffen zurückgeführt haben, sondern weil
wir sie am Ende in ihrer ganzen Kraft, in ihrem ganzen Vermögen, eine Welt zu sein, verstanden
haben werden.
Unser Vorhaben heißt „Kritik der vernetzten Vernunft“. Wir hatten bereits gesagt, dass die vernetzte
Vernunft die Vernunft der Gegenwart ist. Sie knüpft vorschriftsmäßige - logische - Verbindungen
zwischen Wissensbausteinen, die auf den klaren Begriff gebracht worden sind. Wenn diese vernetzte
Vernunft die vor-herrschende Vernunft der Gegenwart ist, dann sind wir, die wir uns ihre Kritik zur
Aufgabe gemacht haben, selbst in ihr eingebunden - und müssen uns aus ihr, um sie einer Kritik
unterwerfen zu können, herausarbeiten. Das, was hier als Methode skizziert wurde, ist dieses
Herausarbeiten aus der vernetzten Vernunft. Dabei werden wir jedoch die Verbindungen zu ihr nicht
trennen, denn nur durch diese Verbindungen können wir sie einerseits verstehen und andererseits
auf sie zurück wirken.
Wird das, was wir am Ende gefunden haben, die Wahrheit über die vernetzte Vernunft sein? Nein,
wenn wir die vernetzte Vernunft selbst als etwas objektiv vorhandenes auffassen, was an sich so ist,
wie wir es beschreiben können.
Fassen wir die vernetzte Vernunft jedoch als ein begriffliches Gebilde auf, das uns einen akzeptablen
und gelassenen Umgang mit der Wirklichkeit ermöglicht, dann hat diese Untersuchung allerdings den
Anspruch, Wahrheit zu finden - und in diesem Sinne ist sie auch kritisierbar, in diesem Sinne kann sie
auch fehl gehen.
Wir wollen das Gemeinte an einem Beispiel erläutern. Oben hatten wir (in Fußnote 1) bereits auf die
Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Urteilen bei Kant hingewiesen. Man
könnte die Diskussion führen, ob es denn wirklich, in der Realität der sprachlichen Äußerungen,
analytische Urteile auf der einen und synthetische Urteile auf der anderen Seite gibt. Diese Frage
interessiert uns nicht. Wir nehmen diese Begriffe als Kants freie Erfindungen, die er in irgendeiner
Weise intuitiv aus seiner Erfahrung mit sprachlichen Urteilen, die ihm in seiner Beobachtung der
Realität begegnet sind, gewonnen hat. Wir können sodann nachverfolgen, ob Kant in der Erläuterung
der Konsequenzen seiner Begriffe plausibel argumentiert. Es wäre denkbar, dass wir dabei
Ungereimtheiten finden (was aber nicht der Fall ist). Wir können darüber hinaus prüfen, ob uns Kants
Unterscheidung in irgendeiner Weise hilft, unsere eigenen Erfahrungen übersichtlich und
verständlich zu machen, ob sie uns dabei nützt, frei mit der sprachlichen Wirklichkeit, die uns
begegnet, umzugehen, oder ob sie uns eher verwirrt. Hier setzt unsere Kritik an, die aber nicht sagt,
dass Kants Unterscheidung falsch ist.
Es wird sich zeigen, dass wir die Unterscheidung von Urteilen in analytische und synthetische sogar
benutzen können, und zwar im negativen Sinne, indem wir für bestimmte Urteile, etwa für den Satz,
dass Vernunft die Fähigkeit ist, Begründungen angeben zu können, sowohl eine synthetische als auch
eine analytische Perspektive als wesentlich ansehen.
Unsere Untersuchung hat also keinen Wahrheitsanspruch im Sinne einer objektiven Gültigkeit oder
Richtigkeit. Sie soll aber zu einem freien, angemessenen und verständigen Umgang mit der
Wirklichkeit beitragen. Insofern ist sie auch kritisierbar, und insofern besteht andererseits auch
Hoffnung, dass sie eine implizite Wahrheit über diesen Umgang mit der Wirklichkeit offenlegt.
Erster Teil:
Die Gewissheiten der vernetzten Vernunft
Vernunft und „vernünftig sein“
Wenn wir uns nun daran machen, die Gewissheiten der vernetzten Vernunft zu verstehen, dann
müssen wir uns zunächst einen Begriff davon machen, was wir alles zur Vernunft zählen wollen. Wir
hatten schon gesagt: uns geht es um die ganze Vernunft der Gegenwart, dass gerade diese sich als
vernetzt charakterisieren lässt, wird sich erst im Verlaufe der vor uns liegenden Betrachtungen
immer wieder aufs Neue zeigen.
Vernunft, so sagten wir schon mehrfach, ist die Fähigkeit, Begründungen angeben zu können. Das
Geben einer Begründung ist ein Akt eines Subjekts. Begründen ist Vollzug, ist vernünftig sein. Jemand
gibt eine Begründung, zumeist einem anderen Subjekt gegenüber. Wir können uns auch selbst etwas
begründen. Wir teilen und dann sozusagen in zwei Teile auf: Während ein Teil meines Selbst einen
Grund sucht und angibt, prüft der andere Teil dieses Selbst, ob der Grund akzeptabel sei.
Zunächst wollen wir der Einfachheit halber zwei Subjekte annehmen, eines, das begründet, Gründe
gibt, und eines, das Gründe akzeptiert. Auch die Frage, ob diese Subjekte immer einzelne Personen
sein müssen, lassen wir bis auf weiteres außen vor. Wir sehen in der einfachsten, elementaren
Konstellation ein Subjekt, welches etwas zu begründendes hat, und ein zweites, das der Begründung
nachfragt. Im diesem ersten Teil unseres Unternehmens geht es um Gewissheiten, also hat dieses
Subjekt eine Gewissheit. Das andere Subjekt fordert eine Begründung für diese Gewissheit.
Voraussetzung für Vernunft ist, dass beide Subjekte von dieser Gewissheit Kenntnis haben, das
Gewissheit-habende Subjekt hat seine Gewissheit mitgeteilt, und zwar als Gewissheit. Zur Vernunft
gehört, dass die Subjekte über Gewissheiten sprechen können.
Drehen wir uns hier schon im Kreis? Muss nicht eine Gewissheit darüber bestehen, dass jemand eine
Gewissheit hat, damit dieser überhaupt nachgefragt, damit Gründe für die Gewissheit gefordert und
angegeben werden können? Woher sollte diese Gewissheit kommen? Wir sind in einer Logik
gefangen, die solche Kreise als problematisch ansieht, und wir werden später sehen, dass wir uns aus
dieser Logik befreien und eine neue Logik finden müssen. Im Moment sagen wir: Ja, wir drehen uns
in einem Kreis, genauer, wir bewegen uns auf einer Spiralbahn, die eine breite Spur zieht, sodass es
beim Vollenden des Zirkels den Anschein haben mag, wir vollzögen einen Kreis, und bewegen uns
doch allmählich von einem Inneren ins Äußere.
Wer begründet, akzeptiert, dass Begründungen gefordert werden. Er gibt Begründungen, von denen
er wiederum annimmt, dass sie vom anderen akzeptiert werden. Zur Vernunft gehört nicht nur das
Abgeben, sondern auch das Annehmen von Begründungen.
So erscheint also die Vernunft im Geben und Nehmen von Begründungen, im wechselseitigen
Fordern und Akzeptieren von Gründen. Wir sagen nicht, dass sie in diesem Geben und Nehmen
zwischen Subjekten entsteht, dazu kommen wir erst viel später. Aber wir erkennen die Vernunft in
dieser Wechselseitigkeit. Wenn wir gesagt haben, Vernunft sei das Vermögen, Begründungen geben
zu können, dann sehen wir jetzt, dass dieses Können ein zweifaches Fordern und Akzeptieren ist.
Denn wo niemand etwas entgegen-nimmt, kann auch nichts gegeben werden, und wo gar nichts
gefordert wird, kann auch nichts gegeben werden, schließlich gehört zum Geben nicht nur notwendig
das Fordern und das Nehmen, sondern eben auch das Annehmen, das Akzeptieren des Gegebenen.
Wer die Begründung gibt, der akzeptiert, dass die Begründung gefordert wird und fordert, dass die
Begründung akzeptiert wird. Wer die Begründung annimmt, der hat sie zuvor gefordert und
akzeptiert sie schließlich als Begründung.
Wissen wir nun, was Vernunft ist, was es heißt, vernünftig zu sein? Es fehlt uns noch die Bestimmung
des Forderns und des Akzeptierens einer Begründung, Wir sprechen hier und zunächst von
Begründungen für Gewissheiten. Wenn ich eine Begründung für eine Gewissheit fordere bedeutet
das, dass ich die Gewissheit beim anderen als vorhanden annehme, aber mir fehlt etwas zu dieser
Gewissheit - mir fehlt der Grund, der die Gewissheit halten kann. Mir ist dieser Grund jedoch nicht
gleichgültig, deshalb fordere ich ihn. Wir müssen darin übereinstimmen, dass Gewissheiten Gründe
benötigen, und wir müssen gemeinsam die Notwendigkeit der Gründe einsehen. Akzeptieren
bedeutet, dass die Forderung erfüllt ist, dass Gründe nun angegeben sind. Wenn ich umgekehrt
akzeptiere, dass jemand Gründe für meine Gewissheiten fordert, dann stimme ich mit ihm darin
überein, dass Gewissheiten ohne Gründe haltlos sind - zugleich fordere ich, dass die gegebenen
Begründungen als Halt meiner Gewissheiten akzeptabel sind.
Dass Vernunft zwischen Subjekten sichtbar wird, setzt also eine mehrfach verschränkte
Übereinstimmung zwischen den beiden voraus. Das betrifft nicht die Gewissheiten selbst, sondern
ein geteiltes Regelwerk des Forderns und Akzeptierens.
Wie kann ein solches Regel-Werk entstehen? Die Antwort auf diese Frage finden wir in dem Dritten,
für den die Vernunft im Verhalten und im Verhältnis der beiden sichtbar wird. Dieser Dritte begleitet
uns schon währende der ganzen Beschreibung des Vernünftig-Seins der beiden. Jedes Subjekt ist mal
Gewissheit-habender Begründung-Geber, mal Begründung-fordernder und mal - und das vielfach,
Vernünftig-Sein Beobachtender Dritter. Wir bilden ein Netzwerk mit vielen Vernünftigen Begründung-gebende und -akzeptierende Vernunft ist vernetzte Vernunft.
Sagen wir damit, dass Vernunft schon immer vernetzte Vernunft ist? Oder sagen wir, dass frühere
Vernunft noch nicht auf das Geben und Akzeptieren von Gründen angewiesen war? Weder, noch.
Wir beobachten und beschreiben die Vernunft der Gegenwart. Im Vernetzt-Sein von Gründe-Geben,
Gründe-Akzeptieren und diese Wechselseitigkeit als Vernunft verstehen erkennen wir einen ersten
charakteristischen Zug dessen, was wir als vernetzte Vernunft bezeichnen werden.
Wir betonen, dass wir weder über die Art der Gewissheiten, noch über den Charakter der
Begründungen bisher das mindeste gesagt haben. Vernunft setzt weder eine bestimmte Art von
Gewissheiten, noch eine besondere Weise des Begründens voraus - solange sie zwischen den
Subjekten akzeptiert werden.
Darüber hinaus halten wir fest, dass das Akzeptieren einer Begründung nicht das Teilen einer
Gewissheit bedeutet. Ich kann Gründe für eine Gewissheit akzeptieren, ohne diese Gewissheit selbst
zu haben. Es können mir andererseits Gründe für eine Gewissheit, die ich teile, selbst als nicht
akzeptabel erscheinen. Darauf werden wir im nächsten Abschnitt zurückkommen.
Das Feld der Gewissheiten
Im ersten Teil unserer Untersuchung geht es also um die Frage, wie die Vernunft in der Gegenwart
ihre Gewissheiten begründet. Wir werden uns auf keinen Fall auf eine bestimmte, ausgezeichnete
Form oder Weise des Begründens konzentrieren oder beschränken. Das ist auch der Grund, warum
wir hier nicht vom Wissen, sondern von Gewissheiten sprechen. Ohne dass jemand genau angeben
könnte, was unter Wissen eigentlich zu verstehen ist, wird das Wort heute oft in einer politischen
Absicht verwendet. Es dient dazu, bestimmte Formen von Gewissheiten gegenüber anderen
abzugrenzen und auszuzeichnen. Wissen wäre dann etwas, was auf eine ausgezeichnete Weise
zustande kommt - nämlich durch Wissenschaft - und eine besondere Qualität besitzt, es soll, so
meint man, sicherer und objektiver sein, wobei das Attribut des Objektiven auch eine normative
Auszeichnung gegenüber anderem, bloß subjektivem ist. Wissen, das dann wissenschaftlich gesichert
ist, wäre in so einer Sicht eine besonders anzustrebende und verlässlichere Form von
Überzeugungen, welche von anderen Arten von Überzeugungen, etwa Geglaubtem oder Gemeintem,
abzugrenzen sei.
Wir wollen uns bewusst in einem größtmöglichen Abstand von solchen Bewertungen halten, auch
wenn es uns möglich erscheint, am Ende unseres Wegs ein Urteil über die Berechtigung einer
Auszeichnung bestimmter Formen von Überzeugungen gegenüber anderen Formen zu finden. Aber
dorthin ist es ein langer Weg. Wir wollen ihn nicht durch einen unbedachten Sprung abkürzen,
sondern versuchen, bedachtsam und tastend einen sicheren Grund zu finden, auf dem wir
voranschreiten können.
Das Wort Gewissheit gibt den größtmöglichen Grad einer Überzeugung an. Eine Gewissheit bezieht
sich auf eine Aussage über einen Sachverhalt, über etwas, was der Fall sein kann oder nicht der Fall
sein kann. Gewissheit heißt: Ich bin mir des Sachverhalts so sicher, dass mir ein Irrtum
ausgeschlossen scheint. Ein Zweifel an dem Sachverhalt ist mir nicht möglich. Von Gewissheiten
können wir andere Grade des Überzeugt-Seins unterscheiden: Das bloße Meinen und das Vermuten.
Wir können einem Sachverhalt gegenüber auch neutral eingestellt sein, wir sagen dann, dass wir
nicht wissen, ob er zutrifft oder nicht. Schließlich können wir auch bezweifeln, dass der Sachverhalt
zutrifft: Dieses Bezweifeln ist, bezogen auf den Sachverhalt, eine negative Vermutung: Einen
Sachverhalt zu bezweifeln bedeutet, zu vermuten, dass er nicht zutrifft.
Das Bezweifeln eines Sachverhalts ist also das Vermuten seines Gegenteils. Das bedeutet, zu jedem
Sachverhalt gibt es einen gegenteiligen Sachverhalt, und wir können nur von einem der beiden
überzeugt sein. Das gebietet die Logik. Welche Logik? Von Alters her kennt die Philosophie das
logische Grundprinzip, welches wir hier verwenden, als den Satz vom ausgeschlossenen Dritten. Ist
diese Logik, die wir seit zwei Jahrtausenden als die richtige Logik ansetzen, die menschliche Logik? Ist
es die Logik, nach der wir, wenn wir frei urteilen, unsere Gewissheiten bestätigen oder verwerfen?
Vermutlich nicht. Wir kennen viele Fälle, in denen wir von einem Sachverhalt und gleichzeitig von
seinem Gegenteil überzeugt sind. Wir haben uns viele komplizierte Verfahren und Formulierungen
ausgedacht, um diesen einfachen Umstand des menschlichen Denkens zu ignorieren. Im Laufe dieser
Untersuchung werden wir einen neuen Blick auf die menschliche Logik gewinnen, die es uns erlaubt,
ganz frei mit dem umzugehen, was wir im Moment noch als einen unerträglichen Widerspruch
ansehen.
Nehmen wir ein recht einfaches Beispiel. Wir stehen in einem Geschäft und betrachten die Farbe
eines Kleides. Es schimmert grün, und wir wollen auf keinen Fall ein grünes Kleid kaufen. Der
Verkäufer versichert uns, dieses Kleid sei gar nicht grün, es wirke nur so im Licht des Ladens. Uns fällt
aber an der Beleuchtung in diesem Geschäft nichts Besonderes auf. Der Verkäufer bittet uns, vor das
Geschäft ans Tageslicht zu treten, Dort würden wir erkennen, dass das Kleid in Wirklichkeit nicht grün
sei. Tatsächlich ergibt eine Überprüfung, dass das Kleid vor dem Laden nicht mehr grün aussieht. Das
Kleid ist grün, und es ist doch nicht grün.
Wir haben einfache Verfahren, mit dieser Situation umzugehen. Wir haben entschieden, dass das
Tageslicht die richtige Farbe des Kleids zeigt. Das Kleid ist also, sagen wir, in Wirklichkeit nicht grün.
Wir kaufen das Kleid und werden abends von Freunden gefragt, seit wann wir denn doch grüne
Kleidung tragen.
Es gibt schwierigere Beispiele: Wir können eine Situation herbeisehnen und befürchten. Wir können
einen Menschen lieben und hassen. Wir können eine Handlung richtig und falsch finden.
Unser Ziel ist, eine Logik zu finden, in der das möglich ist. Was bedeutet hier der Begriff Logik?
Wir wollen Tatsachen von Sachverhalten unterscheiden. Das Wort Tatsachen wollen wir für Aussagen
reservieren, die notwendig zutreffend sind. Auch wenn nämlich eine Gewissheit den größtmöglichen
Grad des Überzeugtseins ausdrückt, gibt es einen noch höheren Grad der Sicherheit als die
Gewissheit. Das sind Tatsachen, die notwendig als wahr akzeptiert werden müssen.
Gibt es solche Tatsachen? Wir würden etwa nicht sagen: Ich bin mir gewiss, dass die Summe aus 2
und 3 die Zahl 5 ergibt. Das ist einfach so, es ist, so sagen wir auch, ein Fakt. Aber wie ist es mit der
Aussage, dass die Summe aus 2349856 und 327432 die Zahl 2677288 ist? Ich kann sagen: ich bin
gewiss, dass es so ist, denn ich habe es soeben ausgerechnet. Nun können wir uns vorstellen, dass es
einem Kind in der ersten Klasse mit der Gleichung 2+3=5 ebenso geht wie uns mit der Gleichung
2349856 + 327432 = 2677288. Es ist gewiss, dass es so ist, weil es gerade mühsam mit Fingern oder
Rechenstäbchen ausgerechnet hat, was herauskommt, wenn man 2 und 3 zusammenzählt.
Mathematische Aussagen sind also, aus einer bestimmten Perspektive der Vernunft, ebenso
Gewissheiten wie alle anderen Aussagen. Genau diese Perspektive werden wir im Folgenden als
unseren Ausgangspunkt nehmen. Wir benötigen den Begriff der Tatsache, die jede Gewissheit
übersteigt und eine Aussage auszeichnet, die notwendig wahr sein soll, dabei als einen methodischen
Grenz- oder Gegenbegriff. Wir werden uns fragen, aus der Perspektive welcher Vernunft eine
Aussage als Tatsache anzusehen ist, und ob diese als eine menschliche Vernunft angesehen werden
kann. Uns wird dabei immer wieder helfen, die Sicht des Kindes einzunehmen, welches all das, was
uns als notwendig zutreffend erscheint, erst lernen muss. Wie dieses Lernen erfolgt, wird uns erst im
zweiten Teil dieser Abhandlung beschäftigen. Für den Moment genügt es, zu sehen, dass selbst
einfache mathematische Aussagen für die menschliche Vernunft, etwa eines Kindes, keineswegs
Tatsachen sein müssen, sondern etwa Gewissheiten sein können.
Gewissheiten drücken Überzeugungen aus, an denen uns ein Zweifel nicht möglich scheint.2
Allerdings müssen wir unterscheiden, ob es sich um den Zweifel einer zweiten Person handelt, oder
um den der Person, die die Überzeugung hat.
2
Wittgenstein: Über Gewissheit.