Jürgen D. Kruse-Jarres Heinrich Kruse – Journalist und Schriftsteller

Jürgen D. Kruse-Jarres
Heinrich Kruse – Journalist und Schriftsteller
Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf
Archiv · Bibliothek · Museum
Herausgegeben von Joseph A. Kruse
Band 11
Jürgen D. Kruse-Jarres
Heinrich Kruse
Journalist und Schriftsteller
Ein Kämpfer für den Liberalismus
im 19. Jahrhundert
Grupello Verlag
Das Auge liest mit – schöne Bücher für kluge Leser
www.grupello.de
Jürgen D. Kruse-Jarres, Jahrgang 1937, Urenkel von Heinrich Kruse,
wuchs in Duisburg auf. Er studierte Medizin, promovierte, habilitierte auf
dem Gebiet der Klinischen Biochemie und war beruflich auf dem Gebiet
der Laboratoriumsmedizin in Mannheim, Freiburg und Stuttgart tätig, zuletzt 22 Jahre lang als Ärztlicher Direktor am Katharinenhospital in Stuttgart. 2002 wurde er pensioniert und widmet sich nach mehr als 150 wissenschaftlichen Publikationen und Buchveröffentlichungen während seiner
beruflichen Tätigkeit nun vorwiegend der Familiengeschichte und der privaten Schriftstellerei.
Verlag und Autor danken dem
Landschaftsverband Rheinland
für die freundliche Unterstützung.
1. Auflage 2008
© by Grupello Verlag
Schwerinstr. 55 · 40476 Düsseldorf
Tel.: 0211–498 10 10 · Fax: 0211–498 01 83
Druck: Müller-Satz, Grevenbroich
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-89978-089-5
Inhalt
Vorwort
1. Historischer Hintergrund (1616 – 1815)
Folgen des Dreißigjährigen Kriegs für Pommern
Wurzeln in Alt-Strelitz
2. Vorfahren und Vaterstadt (1787 – 1833)
Die Eltern in Stralsund
Jugend in Stralsund
3. Lehr- und Wanderjahre (1833 – 1847)
Studium in Bonn und Berlin
Bildungsreise durch Nordosteuropa
Promotion und Probelehrer in Stralsund
Lehrer und Erzieher in England
Oberlehrer in Minden
4. Journalist und Redakteur
4.1 Erste Schritte als Journalist (1847 – 1849)
Restauration und Vormärz
Das Zeitungswesen im preußischen Rheinland
Die Kölnische Zeitung
Redakteur in Augsburg und Köln
Schriftleitung der Neuen Berliner Zeitung
Chefredakteur der Deutschen Zeitung
4.2 Karriere in schwieriger Zeit (1850 – 1855)
Preußens Pressezensur
Redakteur der Kölnischen Zeitung
Der »englische Artikel«
Skepsis gegenüber Österreich
Verfechter einer westlichen Bündnispolitik
Gedankenaustausch mit dem Vater
4.3 Chefredakteur in Köln (1855 – 1872)
Übernahme von Verantwortung
Die »Neue Ära« Preußens
Beginn der Ära Bismarck
Bismarcks Preßordonnanz
Veränderungen in der Kölner Redaktion
4.4 Umschwung und Wandel (1870 – 1884)
Zweifel an der Politik Bismarcks
Fortschritt trotz bleibender Skepsis
Wechsel von Köln nach Berlin
7
15
17
21
27
31
33
35
35
39
45
47
50
54
56
58
65
67
71
77
80
86
93
98
102
105
108
115
119
122
5. Dichter und Schriftsteller
5.1 Frühe Dichtungen und spätere Bearbeitungen
Die frühen lyrischen Werke
Herausgabe früherer Werke
Seegeschichten I (Kleine Dichtungen, 1879)
Fastnachtsspiele (1887)
Seegeschichten II (Zweite Sammlung kleiner Dichtungen, 1889)
Die kleine Odyssee (Eine Seegeschichte in sieben Kapiteln, 1892)
Sieben kleine Dramen
5.2 Wachsende Anerkennung (1868 – 1876)
Dramen der mittleren Periode
Die Gräfin (1868)
Wullenwever (1870)
König Erich XIV. von Schweden (1871)
Moritz von Sachsen (1872)
Brutus (1874)
Marino Faliero (1876)
5.3 Epiker oder Dramatiker? (1877 – 1882)
Heinrich Kruse, der Buchautor
Das Mädchen von Byzanz (1877)
Rosamunde (1878)
Der Verbannte (1879)
Raven Barnekow (1880)
Witzlav von Rügen (1881)
Alexei (1882)
5.4 Alterswerke (1884 – 1902)
Atempause
Die späten Werke
Arabella Stuart (1888)
Hans Waldmann (1890)
Nero (1895)
König Heinrich der Siebente (1898)
6. Lebensabend (1884 – 1902)
Der Umzug von Berlin nach Bückeburg
Epilog
131
132
133
134
136
139
141
145
146
146
150
153
155
156
160
167
172
175
178
180
183
185
189
190
191
193
195
196
199
201
Kurzbiographien
205
Bibliographie
212
Vorwort
D
ie Biographie eines Mannes wie Heinrich Kruse bedarf einer kurzen
Beleuchtung des Hintergrundes, um die Charaktereigenschaften dieser außerordentlichen Persönlichkeit richtig einordnen zu können.
Die Besonderheiten des aufkeimenden Liberalismus nach Zeiten des
Absolutismus in Zentraleuropa und nach den Auswirkungen der Aufklärung kennzeichnen die Zeit der Lehr- und Wanderjahre Heinrich Kruses
und seine geradezu schwärmerische Sympathie für die idealistischen Vorstellungen individueller Freiheit und nationaler Einheit nach dem Vorbild
Ernst Moritz Arndts.
Kruses Meisterjahre fallen dann in die Zeit nach dem Illusionsverlust der
Liberalen durch die gescheiterte Revolution von 1848/49. Hernach entwickelten sich divergierende Richtungen des deutschen Liberalismus, die
sich in der Person Heinrich Kruses nahezu exemplarisch widerspiegeln.
Die Frage stellt sich, ob die Haltung der Liberalen in den 60er Jahren
des 19. Jahrhunderts auf Bismarcks autoritäre Politik entscheidenden Einfluß gehabt hat. »War in einem liberalen Denken und Fühlen, in der Staatsund Lebensauffassung des deutschen Liberalismus' bereits die innere Bejahung der deutschen Reichsgründung unter Bismarck vorbereitet?« Diese
Frage warf Walter Bussmann in einem Vortrag zur Geschichte des deutschen Liberalismus im 19. Jahrhundert auf.1 Daraus könnte man zwangsläufig die weitergehende Frage ableiten, ob denn Alternativen zur Genese
der Reichsgründung ohne Beteiligung der Liberalen denkbar gewesen wären.
Dies soll jedoch in der vorliegenden Biographie nicht erörtert werden.
Vielmehr stellt sich die entscheidende Frage nach den Gründen für
einen offensichtlichen Sinneswandel der Liberalen nach der Revolution
von 1848/49, wodurch die Reichsgründung 1871 überhaupt erst möglich
wurde. Die Liberalen waren schließlich die stärkste parlamentarische
Fraktion und kämpften teilweise ungestüm gegen die autoritäre Monarchie
Preußens, deren politische Führung und jede Art territorialer Expansion;
und dennoch entstand gerade aus jener, von den Liberalen über lange Zeit
so vehement attackierten Führung Bismarcks durch geschickte Diplomatie
und zielbewußte Kriegsführung das 2. Deutsche Reich. Es muß somit dem
Werdegang der deutschen liberalen Bewegung zwischen 1849 und 1871
7
eine erhebliche, ja entscheidende Bedeutung zukommen. Was geschah mit
dem deutschen Liberalismus in dieser Zeit?
Zunächst war der schwerwiegende Mißerfolg der Liberalen in der bürgerlichen Revolution von 1848/49 insofern von nachhaltiger Bedeutung,
als ihr im Vormärz überschwenglich zur Schau gestelltes Selbstvertrauen
nach dem Scheitern der Nationalversammlung (Paulskirchen-Parlament)
infolge der Rangeleien zwischen den groß- und kleindeutschen Staaten
einen enormen Dämpfer bekam. Zudem schmolzen wegen des Zauderns
Friedrich Wilhelms IV. und der anschließenden 27jährigen Regentschaft
seines Bruders Wilhelms I. allmählich alle Hoffnungen auf eine baldige
Machtübernahme durch dessen liberal gesinnten Sohn Friedrich Wilhelm
dahin. Der Zeitpunkt einer von den Liberalen erhofften Wende wäre allerdings mit dem Jahr 1888 auch viel zu spät gekommen, da der Verfassungsund Militärstaat Preußen inzwischen auf der Basis einer konsequent konservativ durchstrukturierten Verwaltung viel zu widerstandsfähig war, als
daß der inzwischen todkranke Kronprinz in der extrem kurzen Zeit seiner
neunundneunzigtägigen Regentschaft noch hätte entscheidende Weichen
stellen können.
Als Folge des kläglichen Scheiterns der Revolution und des ernüchternden Zuwartens auf eine politische Wende entwickelten sich beim deutschen Liberalismus in der 22jährigen Periode zwischen der Revolution
und der Reichsgründung gravierende Besonderheiten und Tendenzen, wie
sie bei späteren Werdegängen der Parteien kaum mehr von vergleichbarer
Bedeutung zu beobachten waren.
Zwei wesentliche Merkmale kennzeichneten den Liberalismus in jener
kritischen Zeit: einerseits die unheilvolle Abspaltung der Nationalliberalen
von der bisher im Parlament mehrheitlich vertretenen liberalen Fortschrittspartei; und andererseits die weitgehend widerspruchslose Billigung
vieler Liberaler, ideologische Zukunftsträume sozialer, gesellschaftlicher und
wirtschaftlicher Art allmählich durch vorwiegend wirtschaftsorientierte
Ziele so zu durchmischen, daß die ideellen Ziele nur noch schwer erkennbar waren.2 Zunächst löste sich – wenn auch nur zögerlich und schrittweise – das vermögende Bürgertum von den tugendhaften liberalen Idealen. Dies war die eigentliche »Tragödie des deutschen Liberalismus«.3
Noch am Vorabend der Revolution hatte sich das geschlossene Bild
einer nach außen und innen deutlich gefestigten Einigkeit gezeigt, das sich
in einem starken Gefühl eines ehernen Bündnisses gegenüber der autoritären Obrigkeit und in dem gemeinsamen Wunsche nach individueller
Freiheit in einem geeinten Vaterland äußerte. Hernach aber entwickelten
sich nicht nur im Rheinland divergente, ja sogar konkurrierende Definitionen von Freiheit und Einheit, die zu sehr widersprüchlichen Äußerungen und Programmen über deren Priorität führten.4
8
Heinrich Kruse
Trotz dieser Meinungsverschiedenheiten hielt die Liberalen aber immer
noch die Klammer des gemeinsamen Vertrauens in die Reformfähigkeit der
preußischen Monarchie zusammen. Den Grund dafür lieferten zwei sehr
unterschiedliche Aspekte: einerseits das Bewußtsein einer vorbildlichen
Aufgeschlossenheit Preußens gegenüber dem spektakulär wachsenden
technischen Fortschritt; und andererseits die überzeugende Maxime eines
ihrer prominentesten Vertreter, Georg Gottfried Gervinus: »Freiheit ohne
Macht ist nicht möglich! Es muß uns um Erwerb von Macht ebenso zu tun
sein, wie um den Besitz der Freiheit.«5 In dieser Hinsicht stritten die Liberalen zwar mit verschiedenen Argumenten engagiert für ihre Ideale freiheitlich orientierter Reformen; doch gleichzeitig sprachen sie sich einheitlich für Preußen und das Leitbild einer konstitutionellen Monarchie aus,
die sie trotz aller Kritik am bestehenden absolutistischen System als die
beste aller Regierungsformen befürworteten.
Gleichzeitig bildete sich unter dieser Konstellation äußerlicher Einigkeit und interner Zerstrittenheit in den eigenen Reihen eine deutliche
Polarität zwischen einem liberalen Bildungsbürgertum und einem liberalen Besitzbürgertum heraus. Diese Entwicklung legte einen irreparablen
Bruch innerhalb der einst so homogenen und bislang organisch gewachsenen Gemeinschaft der Liberalen offen. Es entwickelte sich allmählich eine
eklatante Diskrepanz zwischen den beiden Richtungen: Während die Verfechter des Bildungsbürgertums, die sog. Bewahrer der Bildung und der
»idealen Habe unseres Volkes«6 (u. a. Gustav Freytag), ihre Ideale geradezu fanatisch vertraten, standen sie dem profitorientierten, wirtschaftlich
denkenden Unternehmertum verständnislos, ja rivalisierend gegenüber.
Das Bildungsbürgertum verlor zunehmend den Rückhalt bei den großbürgerlichen Unternehmern. Diese verhielten sich politisch, insbesondere parteipolitisch weitgehend zurückhaltend, da sich die Wirtschaftspolitik Preußens zu ihren Gunsten entwickelte, sich zunehmend unternehmerfreundlich zeigte und damit den Bedürfnissen einer zeitgemäß ungestümen Industrieentwicklung weitgehend entgegenkam.
Auch die Spaltung zwischen den politisch gemäßigten, den Staat bejahenden Bürgern und radikal-demokratisch denkenden Personen (z. B. Karl
Marx) wurde immer offensichtlicher. Der deutsche Liberalismus jener
Tage war somit gekennzeichnet durch die Abwendung vieler Mitglieder, egal
welcher Gruppierung, weg von den ursprünglich idealistischen Inhalten
liberaler Parolen hin zu einem wirtschaftlich und sozial begründeten Realismus, dem Preußen vergleichsweise durch seine ökonomischen Impulse
vielversprechende Perspektiven zu bieten hatte.
Bewußt eingefädelt oder unwillkürlich sich entwickelnd profitierte von
dieser Entwicklung ganz besonders die Bismarcksche Politik. Die Sicherung materieller Interessen in einer geradezu explodierenden Entwicklung
10
der deutschen Industrie kam seiner Machtpolitik sehr entgegen. Das
Vertrauen der Liberalen in die Fortschrittsbereitschaft Preußens und deren
Eifer bei der Durchsetzung ihrer ursprünglichen Idealvorstellungen konnte Bismarcks Realpolitik nur sehr willkommen sein.
So wundert es nicht, daß spätestens Ende der 60er Jahre das Interesse
sehr vieler Liberaler an der preußischen Expansions- und Arrondierungspolitik stärker ausgeprägt war als ihre zuvor noch so leidenschaftlich vertretenen Forderungen nach individueller Freiheit. Dennoch blieb bei allen
Liberalen, auch bei den seit 1861 abgespaltenen Nationalliberalen, die unerschütterliche Zuversicht in die Durchsetzbarkeit ihrer liberalen
Gedanken in einem fortschrittlichen und reformwilligen Staatswesen ungebrochen. Es bestand ja schließlich damals immer noch die begründete
Aussicht auf einen Thronwechsel und damit auf eine politische Neugestaltung unter liberalen Vorzeichen.
Vor diesem Hintergrund möchte die vorliegende Biographie die Aufmerksamkeit des Lesers auf Heinrich Kruse lenken, einen Journalisten und
Schriftsteller, dessen wesentliches Wirken in die ereignisreichen Jahre zwischen dem Vormärz und der Erneuerung des Deutschen Reichs unter
Bismarck fiel. Kruse stand über drei Jahrzehnte als verantwortlicher Redakteur einer der bedeutendsten deutschen Tageszeitungen, der Kölnischen
Zeitung, bis zu seiner Pensionierung 1884 im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Er ist insofern ein authentischer Zeitzeuge jener Epochen, die von der
Restauration und dem Vormärz über die Revolution, die »Neue Ära« und
den Verfassungskonflikt bis hin zur Reichsgründung und seine Folgen
führt. Daß diese Person der Urgroßvater des Autors war, steigert einerseits
das Engagement des Biographen, birgt jedoch unwillkürlich die Gefahr
fehlender Objektivität und Kritikfähigkeit in sich. Daher wurde in der
vorliegenden Biographie sehr viel Wert auf zeitgenössische Beurteilungen
und Zitate im Originaltext gelegt, wobei natürlich nicht verhindert werden
kann, daß schon alleine die Auswahl solcher Zitate die Gefahr der Subjektivität in sich birgt.
Eine Biographie Heinrich Kruses unterliegt zwangsweise einer gewissen Zweiteilung, die einerseits durch seine journalistische und andererseits
durch seine schriftstellerische Tätigkeit bedingt ist. Beide laufen weitgehend nebeneinander her. Dennoch erscheint dem Autor eine getrennte
Darstellung der beiden Tätigkeiten der Übersicht und besseren Lesbarkeit
wegen sinnvoll.
Von eindeutig größerer öffentlicher Wirkung war seine Betätigung als
verantwortlicher Schriftleiter der Kölnischen Zeitung. Das Ansehen und
die weite Verbreitung verdankte die Zeitung der fortschrittlichen und weitsichtigen Leitung ihres Herausgebers Joseph DuMont, sowie den Hauptschriftleitern Karl Heinrich Brüggemann und Heinrich Kruse. Unter
11
Kruses Redaktion vertrat die Kölnische Zeitung konsequent die spezifischen Ansichten der Liberalen in der katholischen Rheinprovinz gegenüber der autoritären Staatsgewalt des protestantischen Mutterlandes
Preußen; allerdings aufgrund des beschriebenen Wandels liberaler Prämissen mit nachlassender Kampfeslust. Dafür gab es zudem, wie gezeigt werden wird, eine Reihe sehr unterschiedlicher Gründe.
Trotz aller Gegensätze und aller noch so scharfer Kritik stand Kruse
stets fest zu Preußen und folgte, wenn auch nur sehr zögerlich und mit
wiederholt geäußerter Skepsis, der grundlegenden Neuorientierungen unter der Politik Bismarcks. Erst mit dem deutsch-französischen Krieg und
der anschließenden Reichsgründung 1870/71 kam es in ihm zu einer sich
festigenden politischen Standortbestimmung: Es hatte sich in ihm trotz
nahezu unveränderten politischen Machtverhältnissen ohne Anzeichen einer
Liberalisierung ein eindeutiger Wandel vollzogen. Die ursprünglichen,
idealistischen Ziele der Vereinbarkeit von nationaler Selbstbestimmung und
individueller Freiheit wichen mehr und mehr den nationalliberalen Interessen des Bildungs- und Besitzbürgertums.
In den Äußerungen seiner politischen Meinung hat Kruse ein ungewöhnliches publizistisches Talent an den Tag gelegt, dessen Wortgewalt
sich auch in seinem umfangreichen Œuvre als Schriftsteller widerspiegelt.
»Er hat das Kunststück fertig gebracht, dem zahmen Liberalismus wilde
Gebärden zu geben«, hat einmal ein Kritiker gesagt.7 Sein kerniger, derber
Stil gab seinen Leitartikeln stets einen beherzten und forschen Charakter.
Abgesehen von den originellen stilistischen Vorzügen wurde Heinrich
Kruse in journalistischen Fachkreisen trotz manch überzogener Schärfe
und Polemik ein hohes journalistisches Verantwortungsbewußtsein bestätigt. Seine Kommentare waren exemplarisch für den kritischen Geist des
rheinischen Liberalismus in einer konservativ eingestellten, zeitweise sehr
autoritären Regierungszeit. Sie waren stets gekennzeichnet durch den
Willen zum Frieden in unruhigen Zeiten und zur Einigung Deutschlands
unter einer Führung Preußens, obwohl er dessen autoritäre Staatsführung
immer wieder heftig kritisierte.
Das wichtigste persönliche Merkmal Kruses aber war sein sehr selbstbewußtes, furchtloses Auftreten gegenüber jeglicher Art von Einschränkung
der individuellen Freiheit. Stets war sein Vorbild der englische, homogen
gewachsene und somit selbstverständliche Liberalismus. Beispielhaft war
sein geradezu leidenschaftlicher Einsatz für die nationale Einheit unter liberalen Vorzeichen. Statt verhängnisvoller Zergliederung in Kleinstaaten war
für ihn die »Nationale Bewegung« ein wichtiges politisches Ziel. Er glaubte fest an die Fortschrittsfähigkeit Preußens und an seine politische Wendung hin zu einem liberal geführten Staat. Heinrich Kruse hat seinerzeit
nicht ahnen können, daß sich seine Wünsche nie erfüllen würden.
12
Neben seiner journalistischen Tätigkeit war Kruse seinerzeit ein bekannter Dichter, geschätzt wegen seiner »Buchdramen«. Vor allem in seinen 16 Dramen gewinnt man den Eindruck, als wenn Kruse sich vorwiegend der Besinnung auf die inneren Werte der Geschichte, insbesondere
der deutschen, widmet. Aus ihr nährt er in traditioneller Versform kraftvoller Jamben seine Begabung zur plastischen Darstellung von Recht und
Unrecht, von Moral und Verwerflichkeit. Der Vorwurf epischer Längen,
aufwendiger Szenenwechsel und Shakespearescher Nähe in Form und
Inhalt versagte seinen Dramen allerdings den erwünschten Anklang bei
den Theaterintendanten. Auch nach seinem Tod trat dieser Erfolg nicht
ein, obwohl etliche seiner Werke diese Achtlosigkeit nicht verdienen.
Kruses Dramen sind heutzutage weitgehend vergessen. Vielleicht kann die
vorliegende Biographie dazu beitragen, die Aufmerksamkeit auf das eine
oder andere Krusesche dramatische Bühnenwerk zu lenken.
Den Beruf des Journalisten in der uns heute bekannten Form gab es in
der Mitte des 19. Jahrhunderts noch nicht, und hauptamtliche Redakteure
waren zunächst noch sehr selten. Zu jener Zeit war die enge Verzahnung
von journalistischer und schriftstellerischer Arbeit als Personalunion von
Zeitungsredakteur und Schriftsteller die Regel und wurde sogar für alle
Seiten als gewinnbringend betrachtet. Inwieweit dies auch auf Heinrich
Kruse zutrifft und somit als gelungen bezeichnet werden kann, will die
vorliegende Biographie beleuchten.
Da über das Leben und Schaffen Heinrich Kruses nur sehr wenig Literatur zu finden ist,8 jedoch ein umfangreicher Nachlaß existiert, war ein
eingehendes Studium der Hinterlassenschaften erforderlich. Mein Dank gilt
an dieser Stelle vor allem dem Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf, das
den Nachlaß von Heinrich Kruse verwaltet. Der Autor hatte uneingeschränkt die Möglichkeit der Einsicht in die zahlreichen Dokumente (allein
mehr als 10.000 Briefe an Heinrich Kruse) und fand stets hilfreiche
Unterstützung bei der Beschaffung von Unterlagen. Allen Mitarbeiter(inne)n des Heinrich-Heine-Instituts sei an dieser Stelle herzlich Dank gesagt!
Ganz besonderer Dank gilt vor allem Herrn Prof. Bernd Kortländer
und Frau Dr. Susanne Schwabach-Albrecht, die kritisch die Entstehung
des Manuskripts begleitet haben und mit vielen wertvollen Ratschlägen
zum Gelingen erheblich beigetragen haben.
Zum Schluß noch eine Bemerkung zu Wort und Schrift der vorliegenden Biographie: Wo dies für das Verständnis hilfreich oder sogar notwendig erschien, wurden gelegentlich Originaltexte dem heutigen Sprachgebrauch angepaßt, ohne dabei den Inhalt zu verändern.
Jürgen D. Kruse-Jarres, Stuttgart 2007
13
Anmerkungen
1 Walter Bussmann: Vortrag am 14. Januar 1958 auf der Jahresfeier der Deutschen Hochschule
für Politik Berlin; erschienen bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt 1969
2 Werner Stephan: 100 Jahre liberale Partei. Die Kaiserzeit. I. Zwei Richtungen repräsentieren
den Liberalismus. In: Geschichte des deutschen Liberalismus (Hrsg. Walter Dorn und
Harald Hofmann). Liberal-Verlag, Bonn 1966, S. 68-70
3 Friedrich C. Sell: Die Tragödie des deutschen Liberalismus. DVA, Stuttgart 1953, S. 141 ff.
4 Toni Offermann: Preußischer Liberalismus zwischen Revolution und Reichsgründung im
regionalen Vergleich. Berliner und Kölner Fortschrittsliberalismus in der Konfliktzeit. In:
Langewiesche, Dieter (Hrsg.): Liberalismus im 19. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht,
Göttingen 1988, S. 109-135
5 Georg Gottfried Gervinus: Deutsche Zeitung vom 3.7.1847
6 Gustav Freytag: Karl Mathy. Geschichte seines Lebens. 2. Aufl., Hirzel, Leipzig 1872, S. 61
7 Paul Lindau: Literarische Rücksichtslosigkeiten. s. u., S. 41
8 Paul Lindau: Heinrich Kruse. Der Redacteur der »Kölnischen Zeitung«. In: Literarische
Rücksichtslosigkeiten. Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1871, S. 39-46; Karl Leimbach
(Hrsg): Die deutschen Dichter der Neuzeit und Gegenwart, Biographien, Charakteristiken
und Auswahl ihrer Dichtungen. Bd. 5, Kesselring, Leipzig 1893, S. 160-182; Beate-Carola
Padtberg: Rheinischer Liberalismus in Köln während der politischen Reaktion in Preußen
nach 1848/49. Schriften zur rheinisch-westfälischen Wirtschaftsgeschichte, Bd. 36. Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv, Köln 1985, S. 255-256; Walter Gödden und Iris
Nölle-Hornkamp (Hrsg.): Lexikon westfälischer Autorinnen und Autoren 1750-1950. Bd.
2, Schöningh Verlag, Paderborn 2001; Susanne Schwabach-Albrecht: Heinrich Kruse – ein
Journalist und Schriftsteller im 19. Jahrhundert. Archiv für Geschichte des Buchwesens, Bd.
57, K.G. Saur, München 2003, S. 287-297
1. Historischer Hintergrund
Folgen des Dreißigjährigen Kriegs für Pommern
S
eit 1616 wütete in Deutschland der religiös motivierte und als Widerstand gegen die Vormachtstellung des Hauses Habsburg zu verstehende »Dreißigjährige Krieg«. In Pommern hielten sich die Herzöge zwar
neutral, mußten jedoch zur Abwehr gegen die von der Ostsee eindringenden Schweden die Anwesenheit der kaiserlichen Truppen ertragen. Diese
standen unter der Heerführung des vom Protestantismus zum Katholizismus übergetretenen Herzogs von Friedland und Mecklenburg, Albrecht
Wallenstein. Das Herzogtum Pommern wurde auf diese Weise ab 1626 zum
Kriegsschauplatz zwischen dem kaiserlich-katholischen Heer Wallensteins
und den schwedisch-protestantischen Truppen König Gustavs II. Adolf
von Schweden. Ganz Pommern hatte entsetzlich unter den Auswirkungen
dieses Kriegs zu leiden1 und verlor dabei zwei Drittel seiner Bevölkerung.
Weite Landstriche waren für viele Jahrzehnte wüst und leer. Damals entstand das Kinderlied vom abgebrannten Pommerland.2
Schweden gelang es, 178 Jahre lang praktisch Herr über Pommern zu
werden: Nach dem Tod des letzten Herzogs Bogislaw XIV. im Jahre 1637
hätte nach geltendem Recht auf der Basis des Erbvertrages von Grimnitz
(1529) der Kurfürst von Brandenburg, also ein Hohenzollern, die Herrschaft über Pommern übernehmen sollen. Dies jedoch wußten die Schweden zu verhindern. Der Westfälische Frieden von 1648 zerschlug endgültig das Erbrecht Preußens auf die Herrschaft über ganz Pommern und
ordnete Hinterpommern dem Kurfürstentum Brandenburg zu, während
Vorpommern von nun an der Krone Schwedens unterstand.3 Der König
von Schweden war somit nun auch Herzog von Pommern. Vorpommern
war somit Reichsterritorium und in Doppelstellung schwedische Provinz
gleichzeitig.4 Die Schwedische Krone wurde von einem Generalgouverneur vertreten. Daneben gab es einen Landtag mit drei Kurien und ein
Oberdirektorium, in welchem ausschließlich Pommern vertreten waren.
Die Stände behielten ihren politischen Einfluß und eine gewisse Selbständigkeit. Das Leben Vorpommerns war ansonsten im wesentlichen
durch eine Gutsherrschaft des Adels und des Großgrundbesitzes be15
stimmt. Einer relativ kleinen Zahl von Besitzern sehr großer Rittergüter
stand die Masse armer Bauern und Leibeigener gegenüber. Infolge des
Eindringens von Schweden in das europäische Festland war Vorpommern
von einem engmaschigen Netz von Festungen überzogen.
Brandenburgs »Großer« Kurfürst Friedrich-Wilhelm versuchte später
sein im Westfälischen Frieden durch Annullierung des Erbvertrags gedemütigtes Land nach Norden hin auszudehnen und die Schweden aus
Pommern zu verdrängen. Im Schwedisch-Brandenburgischen Krieg
besiegte er 1675 die Schweden bei Fehrbellin und eroberte Stettin, Rügen,
Greifswald und Stralsund, doch unterlag er 1679 der französischen Diplomatie im Frieden von St. Germain bei Paris und mußte die Eroberungen
wieder an Schweden zurückgeben.
Kaum daß sodann für 25 Jahre ein wenig Ruhe eingekehrt war, brachte
der Nordische Krieg um die Vorherrschaft im Ostseeraum, den die Schweden unter Karl XII. seit 1700 gegen Rußland, Sachsen-Polen und Dänemark führten, für das besetzte Pommern wieder schwere Leidenszeiten.
Viele Städte wurden geplündert und eingeäschert. Im Frieden von Stockholm 1720 wurden Teile Pommerns wie Stettin, Usedom und das Land bis
zur Peene Preußen zugeschlagen. Stettin wurde zur stärksten Festung
Preußens ausgebaut. Die Regierung saß in Stralsund. Konfessionell war
ganz Pommern lutherisch, doch gab es auch Anhänger des Pietismus, der
zwar von Schweden verfolgt, von Brandenburg jedoch sehr gefördert
wurde. In seiner Aversion gegen die schwedischen Besatzer näherte sich
Pommern immer mehr dem brandenburgisch-preußischen Staatsverband.
So wurden Pommerns Bürger allmählich treue und aufrichtige Untertanen
Preußens.
Wenn auch unter schwedischer Vorherrschaft, so schien nach 1720 für
eine gewisse Zeit wieder Frieden einzukehren, denn trotz seiner Anlehnung an Preußen war Pommern von den ersten beiden Schlesischen
Kriegen Preußens gegen Österreich verschont geblieben. Doch hatte es
unter dem Siebenjährigen Krieg in den Jahren 1756-1763 um so mehr zu
leiden. Wesentliche Teile Pommerns mußten vor den Russen kapitulieren.
1763 sank die Bevölkerung infolge der Verluste im Krieg um 20%.5 Der
Wille zum Wiederaufbau durch Friedrich den Großen konnte den Verlust
nur wenig mildern, indem Umsiedler aus ganz Deutschland in neuen
Dörfern Pommerns eine neue Heimat fanden.
Am Ende des 18. Jahrhunderts fand auch in Pommern ein erhebliches
soziales Umdenken statt. Die Schrift des auf Rügen geborenen und in
Greifswald lehrenden Historikers Ernst Moritz Arndt trug wesentlich
dazu bei, daß 1807 die Leibeigenschaft auch im schwedisch besetzten
Pommern abgeschafft wurde.6 Unglücklicherweise mußte Pommern zur
gleichen Zeit nach den vernichtenden Niederlagen Preußens gegen Napo16
leon in den Schlachten von Jena und Auerstedt kampflos kapitulieren.
Doch folgten dann allerdings nach dem für Preußen zunächst sehr demütigenden und verlustreichen Frieden von Tilsit auf Initiative des Freiherrn
Karl von und zum Stein die großen Reformen, die auch für Pommern von
großer Bedeutung waren.
Nach den Befreiungskriegen wurde Europa auf dem Wiener Kongreß
neu geordnet. 1815 fiel das schwedisch verwaltete Pommern an Preußen.
Der Grimnitzer Erbvertrag wurde dadurch – 167 Jahre nach der Annullierung im Westfälischen Frieden – endlich erfüllt. Pommern war sodann
über einen relativ langen Zeitraum bis 1918 ein Teil des Königreichs
Preußen und somit eine Provinz eines modernen, straff und sparsam verwalteten preußischen Staates.7
Wurzeln in Alt-Strelitz
In der beschriebenen Zeit waren die
Kruses im vorpommerschen Alt-Strelitz ansässig. Das kleine Städtchen,
idyllisch eingebettet in die Mecklenburgischen Seenplatte mit ihren Seen,
Flüssen und Teichen, war zunächst
brandenburgisch und fiel 1349 an die
Grafen Otto und Ullrich von Fürstenberg, die ihm das Stadtrecht verliehen. Von 1701 bis 1712 war AltStrelitz Residenz und bis 1736 Sitz
der mecklenburgischen Landesbehörden. Die Residenz und Teile der
Stadt brannten 1712 ab, was Herzog
Adolf Friedrich III. veranlaßte, vom
Wiederaufbau abzusehen und in das
nach seinen Plänen umgestaltete GlieWappen der Familie Kruse
nicker Jagdschloß am Zierker See um»kräftig und sicher«
zuziehen. Dem Herzog fehlte eine
repräsentative Umgebung, was der Grund für die Entstehung von NeuStrelitz war, einer planmäßig im Barockstil angelegten Ansiedlung, die
noch heute als Musterbeispiel der Städtearchitektur der damaligen Zeit in
Europa gilt. Diese Neugründung hatte zur Folge, daß Alt-Strelitz mit seinen ausgedehnten Wäldern, bunten Wiesen und weiten Feldern wieder
vorwiegend zu seiner alten Struktur einer Agrarstadt zurückkehrte. Zunächst blieb Alt-Strelitz aber auch noch eine Garnisonsstadt, denn von
17
1701 bis 1732 befanden sich die Garnison der Strelitzer Leibgarde sowie
von 1809 bis 1820 die beiden Kompanien des Strelitzer leichten InfanterieBataillons in der Stadt.
Besondere Bedeutung hat Alt-Strelitz als jüdische Hauptstadt Mecklenburgs »Oll-Mochum«.8 Teils aus Toleranz, teils aus Eigennutz hatte der
Herzog 1733 vielen Neuansiedlern in seinem Land die Möglichkeit einer
Existenz geboten und jüdischen Einwanderern gegen eine geringe Gebühr
das Niederlassungsrecht eingeräumt. Er hatte ihnen eine zehnjährige Steuerfreiheit gewährt, Bauplätze zur Verfügung gestellt, preiswertes Baumaterial überlassen und freie Religionsausübung zugestanden. Nirgendwo in
dieser Region waren die Juden im 18. bis hinein in das 19. Jahrhundert so
autonom wie in Alt-Strelitz. Dies führte dazu, daß Alt-Strelitz die höchste
jüdische Bevölkerungszahl erreichte, die es je in Mecklenburg gegeben hat.
Den Juden war es letztendlich zu verdanken, daß das kleine Herzogtum
bald wirtschaftlich florierte. Das Haus Mecklenburg-Strelitz wurde so
zeitweilig eines der reichsten deutschen Fürstenhäuser.9
In Alt-Strelitz hatten die Kruses als angesehene Handwerker vorwiegend achtbare Stellungen und Ämter inne und brachten es sogar bis zu
dem Titel »Senator«, d. h. Mitglied des Gemeinderates.10 Heinrich Kruses
Vorfahren waren Leinenweber (Joachim, 1640 – 1695, Bürgermeister in
Strelitz), Brauer (Ertmann, 1680 – 1719), Gastwirt (Christoph Friedrich,
1719-1780) und Handschuhmacher (Christian-Dethloff, 1758 – 1835).
Der Stammbaum der Familie Kruse läßt sich vom heutigen Zeitpunkt
an über 11 Generationen bis in das Jahr 1640 zurückführen; davor ist eine
weitere Rückverfolgung der Familiengeschichte nicht mehr möglich, da
die älteren Kirchenbücher im Dreißigjährigen Krieg verbrannten.
Stammbaum der Familie Kruse
Literatur
1 Martin Wehrmann: Geschichte von Pommern. Erster Band: Bis zur Reformation (1523). 2.,
umgearbeitete Auflage; Zweiter Band: Bis zur Gegenwart. Reprint der Ausgaben von 1919
und 1921. 2 Teile in 1 Band, Weltbild, Augsburg: 1992
2 Ludwig Biewer: Kurze Geschichte Pommerns. Kulturelle Arbeitshefte, 37, (Hrsg. Heinz
Radde), 2. Aufl., Köllen-Druck, Bonn 1999
3 Hans Branig: Geschichte Pommerns. Teil I: Vom Werden des neuzeitlichen Staates bis zum
Verlust der staatlichen Selbständigkeit. 1300-1648, Historische Kommission für Pommern
V, 22/I, Böhlau, Köln-Weimar-Wien 1997
4 Helmut Backhaus: Reichsterritorium und schwedische Provinz. Vorpommern unter Karls
XI. Vormündern (1660 – 1672) (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 25), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1969
5 Oskar Eggert: Geschichte Pommerns, Bd. 1 (Hrsg. Pommersche Landsmannschaft), Bielefeld-Brackwede 1974
6 Oskar Eggert: Die Maßnahmen der preußischen Regierung zur Bauernbefreiung in Pommern. Forschungen zur Pommerschen Geschichte, Heft 9, Böhlau, Köln 1965
7 Hans Branig: Geschichte Pommerns. Teil II: Von 1648 bis zum Ende des 18. Jahrhunderts
(Bearb. Werner Buchholz), Historische Kommission für Pommern V, 22/II, Böhlau Köln
2000.
8 Ursula Homann: Juden in Mecklenburg-Vorpommern, Geschichte und Gegenwart. In:
»Tribüne. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums«, 38. Jahrg., Heft 151, 1999
9 Frank Estling: Mecklenburg-Strelitz. Beiträge zur Geschichte einer Region. 2. Auflage.
(Herausgegeben vom Landkreis Mecklenburg-Strelitz anläßlich des 300. Jahrestages der
Gründung des Herzogtums Mecklenburg-Strelitz), Mecklenburg, Friedland 2001
10 Francis Kruse: Vergangenes und Gebliebenes. Lebenserinnerungen eines preußischen Beamten. Godesberg 1923, Privatdruck Ingeborg Schulz-Schomburgk, Eschwege 1967
2. Vorfahren und Vaterstadt
Die Eltern in Stralsund
D
er 1787 wie seine Vorfahren im mecklenburgischen Alt-Strelitz geborene Vater von Heinrich Kruse, Andreas Abraham Theodor Kruse, war
das dritte von fünf Kindern des Christian-Dethloff Kruse; allerdings starben
drei seiner Brüder bereits im Kleinkindesalter. Von den vier Geschwistern
wurde nur seine um zwei Jahre ältere Schwester Dorothea erwachsen, heiratete den Bäcker Johann Friedrich Behm und bekam zehn Kinder.
Andreas Theodor kam schon in jungen Jahren auf das Gymnasium in
das 130 km entfernte Stralsund. Diese Stadt sollte in seinem weiteren
Leben seine Heimatstadt und die Geburtsstadt seiner Kinder werden. Sie
liegt am Strelasund, einer Meerenge der Ostsee und wird auf Grund ihrer
Lage als Tor zur Insel Rügen bezeichnet.
Die Lage ist wegen des Zugangs zur Ostsee nach zwei Seiten besonders
günstig. Die reichen Fischbestände machten schon in frühen Zeiten einen
blühenden Handel möglich, weswegen sich schon im frühen Mittelalter
viele Kaufleute in diesem Raum ansiedelten. 1234 verlieh der slawische
Fürst Witzlaw I. dem Fischerdorf Stralow (stral kommt aus dem Slawischen und bedeutet Speerspitze) am Strelasund das Stadtrecht. Schnell entwickelte sich die junge Stadt zu einem zusehends erstarkenden Handelsstandort.1 Dies löste sehr bald den Neid der Kaufleute anderer Städte aus.
So überfiel die Hansestadt Lübeck 1249 den aufstrebenden Konkurrenten
an der Ostseeküste und legte die Stadt in Schutt und Asche. Doch die
Stralsunder bauten ihre Stadt unverdrossen wieder auf und intensivierten
sogar den Handel noch erheblich. 22 Jahre später wurden große Teile der
Stadt durch ein Feuer erneut zerstört. Auch jetzt war der Wille der Einwohner ungebrochen: die Stadt wurde wiederaufgebaut, doch diesmal vornehmlich mit Backsteinhäusern, wofür Stralsund viel gerühmt wurde und
bis in die heutigen Tage weltbekannt ist.
Mit der Christianisierung strömten auch viele Kaufleute aus den westelbischen Gebieten Holsteins, Niedersachsens, Hollands und Flanderns
nach Pommern und in den Stralsunder Raum an der Ostsee. Die zugkräftige Wirtschaft der Stadt brachte den Vorteil, daß sie von den rügenschen
21
und pommerschen Fürsten weitreichende Sonderrechte zugestanden bekamen, die ihnen einen hohen Grad an Selbständigkeit verschafften. Der
große Aufschwung kam für Stralsund, als die Kaufleute der Städte Bremen, Demmin, Greifswald, Hamburg, Lübeck, Rostock, Stralsund und
Wismar zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert ihre wirtschaftlichen Interessen im Handel mit anderen Nationen bündelten und den äußerst
erfolgreichen Städtebund der »Hanse« bildeten.2 Allerdings hat Stralsund
nie das Recht einer »Freien« Hansestadt zugestanden bekommen, sondern
war stets der Lehnsherrschaft der Herzöge von Pommern-Wolgast zugeordnet. Diesen war Stralsund immer wieder ein Stein des Anstoßes, denn
stets, wenn sie ihre Macht gegenüber der stolzen Stadt zu demonstrieren
versuchten, blieb ihnen dies durch die starke Stellung und die Unbeugsamkeit ihrer sehr selbstbewußten Bürgermeister verwehrt.
Viele und zum Teil auch lange kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den häufig wechselnden regionalen Landesherren oder unter der
Fremdherrschaft benachbarter Nationen wie Dänemark und Schweden
haben Stralsund periodisch zwar in Mitleidenschaft gezogen und die wirtschaftliche Entwicklung vorübergehend gehemmt, doch blühten Handel
und Wirtschaft Stralsunds stets durch das außerordentliche Engagement
ihrer Bürger schnell wieder auf. Der Handel Stralsunds mit den Städten
entlang der Ostseeküste und mit Skandinavien entfaltete sich überaus gut.
Vor allem landwirtschaftliche Erzeugnisse aus Stralsunds Umgebung waren sehr begehrt, sodaß auch das Umland von Stralsunds Konjunktur profitierte. Im Auf und Ab der Ereignisse verschaffte sich Stralsund so innerhalb des hanseatischen Bündnisses ein stetig zunehmendes wirtschaftliches
Ansehen, aber auch eine wachsende politische Bedeutung.
Allerdings traten mit der Zeit vermehrt private Handelsgesellschaften
mit vorwiegend eigenen Interessen an die Stelle der gemeinsam von der
Hanse getragenen Zweigstellen. So wurde gegen Ende des 16. Jahrhunderts z. B. der ausländische Handel immer mehr von einigen Mitgliedern
der Hanse unter Verstoß gegen die gemeinsamen Statuten vorbei an den
Hansa-Filialen betrieben. Schleichend aber spürbar machte sich dadurch
eine unvermeidbare Agonie der Hanse bemerkbar.3
Diese unheilvolle Entwicklung hatte auch gravierende Auswirkungen
auf Stralsund. Die vielfältigen Ansprüche und Machtbestrebungen der
Landesherren, die das Umland der Hansestädte beherrschten, bewirkten,
daß die Stadt aufgrund ihrer Lage im Dänemark-freundlichen Pommern
kaum noch gemeinsame Interessen mit anderen Hansestädten in Mecklenburg oder Holstein teilte. Aufgrund der vielen Streitigkeiten untereinander
und mit den Anrainerstaaten verlegten die Stralsunder Händler ihre Tätigkeiten mehr und mehr auf den Handel mit den baltischen Staaten. Bedingt
durch die politischen Verhältnisse konzentrierte die Stadt ihre Handels22
beziehungen verstärkt auch auf Schweden, nachdem die Verhandlungen
über die Aufhebung der von Dänemark verhängten Beschränkungen nach
dem siebenjährigen Nordischen Krieg (»Dreikronenkrieg«) 1570 gescheitert waren. Es wurden mit Schweden Handels- und Zollfreiheiten ausgehandelt, durch die sich Stralsund immer mehr zum Brückenkopf Schwedens auf dem Kontinent entwickelte. Die Stadt vertrat denn auch die Interessen Schwedens in den Kriegen des beginnenden 17. Jahrhunderts und
löste sich damit nun auch förmlich aus dem gemeinsamen Verbund der
Hansestädte. Ohnehin profitierte Stralsund in den kriegerischen Konflikten Schwedens mit Rußland, Dänemark und Polen von den durch Schweden zugesicherten Handelsprivilegien im Baltikum.
Um 1520 hatte die Reformation Einzug in den Ostseeraum gehalten.
Ausgehend vor allem von dem Prämonstratenserkloster Belbuck bei
Greifswald und hier durch einen Freund Martin Luthers, den pommerschen Reformator Johannes Bugenhagen, verbreitete sich die Lehre auch in
Stralsund, was vor allem in den unteren und mittleren Schichten der Bevölkerung zunehmenden Anklang fand.4 Der Rat der Stadt allerdings bezog
zunächst klar Stellung gegen die reformatorischen Bestrebungen, und auch
die Hanse sah anfangs in der Reformation ein Hemmnis für die Expansion
ihrer Handelsbeziehungen. Doch selbst die pommerschen Herzöge, mehrheitlich gegen die Reformation eingestellt, konnten die Verbreitung in
Stralsund nicht aufhalten.5
Somit gehörte Stralsund schon relativ früh zu den reformierten Städten,
was nicht gleichbedeutend war mit einer Konfrontation zum katholischen
Kaiser. Doch der Dreißigjährige Krieg verschonte die Stadt nicht, da 1628
die kaiserlichen Truppen unter der militärischen Führungen des Herzogs
von Friedland, Albrecht von Wallenstein, nach der Vertreibung der Dänen
aus Mecklenburg nun Pommern unter der Herrschaft des durchaus kaiserfreundlichen Herzog Bogislaw XIV. besetzten. In Stralsund wurden die
Stadtbefestigungen intensiviert und Kriegsmaterial sowie Lebensmittel
größeren Umfangs eingelagert, denn man stellte sich auf eine Belagerung
durch das kaiserliche Heer ein. Da die Stadt offiziell die Hilfe der Protestanten Dänemark und Schweden annahm und einen Allianzvertrag mit
Schweden abschloß, galt sie nun als kaiser- und somit reichsfeindlich. Der
Belagerung durch die Truppen Wallensteins hielt Stralsund dank der fremden Hilfe und der Standhaftigkeit ihrer Verhandlungsführer stand. Die
kaiserlichen Truppen mußten unverrichteter Dinge wieder abziehen.
Doch mußte Stralsund einen bitteren Preis für seine vermeintliche Freiheit zahlen: die Einwohner litten sehr unter den Folgen der Belagerung
und der Versorgung der fremden Hilfstruppen. Der schwedische König
Gustav II. Adolf bestand auf Gegenleistungen und einer bedingungslosen
Bindung an Schweden. Die 187 Jahre bis 1815 währende Schwedenzeit
23
hatte in Stralsund begonnen. Die schwedische Herrschaft über die Stadt
brachte auch nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges und dem Westfälischen Frieden von 1648 wegen der von König Karl X. Gustav und seinen Nachfolgern geführten Kriege weitere finanzielle Belastungen. Im Gegenzug allerdings bestätigte Schweden den Stralsundern viele ihrer Privilegien, was der Handelstätigkeit zugute kam. Ab 1720 wurde Stralsund Landeshauptstadt von Schwedisch-Vorpommern und blieb es bis zum Ende
der Schwedenzeit.
Die vielfältigen Konflikte, in die sich Stralsund in seiner bewegten Geschichte verwickelt sah, beeindruckten später A.T. Kruses Sohn Heinrich nachhaltig und waren wiederholt Gegenstand seiner späteren Dramen wie »Witzlav
von Rügen« (14. Jh.), »Raven Barnekow« (15. Jh.), »Die Gräfin« (15. Jh.),
»Wullenwever« und »König Erich« (16. Jh.) sowie »Der Verbannte« (17. Jh.).
Unter den dargestellten wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten kam Vater Andreas Theodor 1797 als Zehnjähriger nach Stralsund,
um das Gymnasium im ehemaligen Kloster St. Katharinen zu besuchen.
Das Gymnasium mit einer siebenjährigen Schulzeit war primär eine
Lateinschule, an der inzwischen aber auch viele andere Fächer unterrichtet
wurden. Es war die eigentliche zentrale Bildungsstätte der Stralsunder
Bürger und weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Das alte Kloster
war im 13. Jahrhundert von Mönchen des Dominikaner-Ordens gegründet
worden, ging mit der Reformation 1525 in den Besitz der Stadt über und
hörte damit auf, als Kloster zu existieren. Das bis heute erhaltene Gebäude
(heute Museum) zählt zu den bedeutenden Bauwerken der norddeutschen
Backsteingotik und ist eines der ältesten Klöster im Ostseeraum. Außerdem ist es eines der wenigen Klöster im norddeutschen Raum, deren gotische Bausubstanz fast vollständig erhalten blieb. Ab 1560 wurden die
Gebäude von drei kirchlichen Schulen als neu gegründetes städtisches Gymnasium und als Waisenhaus genutzt. Einer der prominentesten Schüler dieses Gymnasiums war Ernst Moritz Arndt, mit dem Andreas Theodor eine
lebenslange Freundschaft verband, obwohl er 18 Jahre älter war.
Nach seiner Schulzeit trat Vater Kruse 1801 als Lehrling in das Handelshaus des recht wohlhabenden Kaufmanns Johann Wilhelm Glaser ein,
dessen jüngste Tochter Friederike er 1814 heiratete. Der 28jährige hatte
sich bereits als tüchtiger Kaufmann einen Namen gemacht, vor allem
durch seine Erfolge auf Reisen nach England, Dänemark und Schweden in
den Jahren 1811 bis 1813 während der von Napoleon verhängten Kontinentalsperre. So war er in dieser Zeit eineinhalb Jahre geschäftlich in
London. Nach Stralsund zurückgekehrt brachte er seine englischen Erfahrungen in vielfältiger Weise ein, indem er mit der Gründung einer Bibliothek für Handel und Gewerbe sowie einer städtischen Gewerbeschule das
daniederliegende Gewerbe zu beleben versuchte.
24
Außerdem widmete er sich neben
der Erweiterung des Glaserschen Handelshauses mit großem Eifer zwei
Projekten der Stadt: Zum einen den
historischen Forschungen zur Geschichte Stralsunds6 und zum andern
der Armenpflege, wo er als »Inspector« und als rechnungsführender Administrator des Johannis-Armenhauses mit ungeheurer Energie tätig war.7
So beschaffte er u. a. mit unermüdlicher Sorgfalt die Geldmittel für die
Winterspeisung der Kinder. Bei aller Andreas Theodor Kruse
Mildtätigkeit war er aber auch ein (* 1787 in Alt-Strelitz, † 1873 in Stralsund),
streitbarer Mann: Als die »Inspection Vorsitzender der Tuchhändlergilde und
Altermann in Stralsund, pommerscher
der Armenpflege« in Stralsund ihm Landtagsabgeordneter
1856 sein Recht der Mitsprache aberkennen wollte »legte er gegen den Beschluß unter Verzichtleistung auf den
Schutz von ›Anstand und Schicklichkeit‹ und die beigefügten Lobpreisungen seiner 32jährigen Verwaltung bei der Direction des Armen-Collegiums, gleichzeitig auch bei dem Rathe hieselbst, seine protestierende Rechtsverwahrung ein und seine unbedingte Restitution in die Mitverwaltung des
Johannis Armenhauses als sein gutes Recht und beantragt unbesoldetes
Ehrenamt.«8 Diesem wortgewaltigen Protest wurde stattgegeben.
1839 wurde Andreas Theodor Kruse in die Körperschaft der Deputierten der Kaufmannschaft berufen und wurde 1848 als Abgeordneter des
Handelskongresses in Frankfurt Zeuge des Ringens in der Paulskirche um
die Gestaltung Deutschlands. Durch dieses Erlebnis besonders politisch
motiviert wurde er 1849 von den Altliberalen zum Abgeordneten der
zweiten Kammer des preußischen Landtags gewählt, ein Mandat, durch
welches er die Interessen Neuvorpommerns und Rügens auf den Gebieten
des Handels, des Gewerbes, der Schiffahrt und der Landwirtschaft vertrat
und das er 15 Jahre lang bei mehrfacher Wiederwahl mit großem Engagement ausfüllte. In Berlin hat er sich häufig mit urwüchsiger Kraft zu Worte
gemeldet: Als ein konservativer Redner seine Partei angriff, erwiderte er
ihm mit den Worten: »Meine Herren, Sie wollen konservativ sein? Wir
Pommern sind konservativ, wir waren noch jahrhundertelang feste Heiden, als Sie längst dem Christentum verfallen waren.«9
Als Vorsitzender der Tuchhändlergilde war er Altermann (Zunftvorsteher) des Gewandhauses in Stralsund und trat somit durch seine Tätigkeit
im »bürgerschaftlichen Repräsentationscollegium«10 auch an die Spitze der
Stralsunder Bürgerschaft. Wie weitsichtig Andreas Theodor damals war,
25
Johann Wilhelm Glaser (* 1749 in Wismar, † 1802 in Stralsund) und seine Ehefrau Christine
Dorothea geb. Spalding (* 1771 in Güstrow, † 1827 in Stralsund), Eltern von Friederike Kruse
wird aus seinem intensiven Einsatz für eine Eisenbahnlinie von Berlin nach
Stralsund ersichtlich,11 was allerdings an der fehlenden Unterstützung
durch die Behörden scheiterte.
Bei derart vielen politischen Aktivitäten mußte es zwangsläufig zu
spürbaren und folgenschweren Einschränkungen seiner geschäftlichen Tätigkeit als Kaufmann, aber auch seines Privatlebens kommen. So mußte
Andreas Theodor den Anteil seiner Frau Friederike an dem von ihrem
Vater Johann Wilhelm Glaser seinen drei Töchtern vererbten, unweit von
Stralsund am Sund gelegenen wunderschönen Rittergut Andershof aufgeben, als die Geschäfte infolge der rückläufigen wirtschaftlichen Situation
durch den Niedergang der Hansestädte immer unbefriedigender liefen,
und es ihm zudem wegen gewisser eigener Nachlässigkeit finanziell sehr
schlecht ging. Ein zusätzlicher Grund für seine geschäftlichen Versäumnisse waren neben seinen umfangreichen politischen Aufgaben als pommerscher Landtagsabgeordneter, als Altermann des Gewandhauses der
Stadt Stralsund, als Vorsitzender der Tuchhändlergilde und als Verwalter
von städtischen Stiftungen seine zeitraubenden historischen und literarischen Studien über seine Heimatstadt. Mit Sicherheit hat er dabei die
Grundlagen für die Interessen seines Sohnes Heinrich geschaffen, den die
Politik ebenso begeistern sollte wie die Geschichte Pommerns und insbesondere seiner Heimatstadt Stralsund.
Trotz der beschriebenen geschäftlichen Verschlechterungen erfreute
sich Andreas Theodor bis zu seinem Tode am 29. November 1873 eines
enormen Temperaments, großer mentaler Frische und guter Gesundheit,
26
wodurch er 86 Jahre alt wurde, was für die damalige Zeit ein sehr hohes
Alter war. Aus dem Blickwinkel seiner 13 Jahre vorher verstorbenen Frau
Friederike war er vielfach ein Unruhegeist, dem sie mit Ruhe und Gelassenheit entgegenzuwirken versuchte. Während sie klein und rundlich war,
zeichnete Andreas Theodor sich durch seine kräftige Erscheinung mit
einem charaktervollen Kopf aus. Allerdings war er so kurzsichtig, daß er
bei der Lektüre der Zeitung nahezu in ihr verschwand.
Friederike und Andreas Theodor hatten zwölf Kinder, von denen allerdings nur acht das Erwachsenenalter erreichten, vier Töchter und vier
Söhne; Heinrich war der älteste von ihnen. Nur die jüngste der vier Töchter war verheiratet, hatte jedoch keinen Nachwuchs. Zu dem nächstfolgenden seiner drei Brüder, Friedrich Wilhelm, der 11 Jahre jünger war, bestand kein sonderlich gutes Verhältnis. Dieser betrieb eine Stärkefabrik in
der Katharinenberg genannten Straße Stralsunds. Er war mit der von Heinrich sehr geschätzten Marie Bade verheiratet und hatte drei Kinder.
Heinrichs 13 Jahre jüngerer Bruder Karl Alfred war begeisterter Altphilologe, erfüllt von der Schönheit des klassischen Altertums. Doch war
er auch ein durchaus dionysischer Typ, der das Alltagsleben zu gestalten
wußte und daher sehr beliebt war. Sein pommerischer Magen ließ ihn alle
denkbaren Tafelfreuden genießen. Sein nie versagender Humor machte ihn
zu einem begehrten Gastgeber und geistreichen Unterhalter. Als Gymnasialdirektor in Mülheim an der Ruhr und in Greifswald, sowie als Provinzialschulrat in Königsberg und Danzig schuf er sich Generationen von begeisterten Schülern und Freunden.
Ein ebenso gutes Verhältnis bestand zwischen Heinrich und seinem 15
Jahre jüngeren Bruder Eduard. Dieser blieb Junggeselle und betrieb eine
Tabakfabrik in Stralsund. Verwandte und Freunde pflegten sich gerne zu
einer Zigarre und einem schwedischen Punsch bei ihm in der Mönchstraße
einzufinden. Er versuchte sich gelegentlich als Poet, doch seine Gedichte
fanden selbst bei seinen illustren Gästen selten den erwünschten Beifall.
Weitere Verwandtschaften mit anderen Trägern des Namens Kruse sind
nicht nachweisbar.
Jugend in Stralsund
Als Heinrich Kruse am 15. Dezember 1815 in Stralsund auf die Welt kam,
handelte es sich um eine politisch äußerst bewegte Zeit. Soeben war
Europa als Ergebnis des Wiener Kongresses neu geordnet worden. Die
ehemals schwedischen Gebiete wurden wieder mit Preußisch-Pommern
zur Provinz Pommern vereinigt und es wurde eine umfassende
Verwaltungsreform durchgeführt. Die alte Hansestadt Stralsund war end27
lich von fast 200jähriger Schwedenherrschaft befreit und nun zusammen
mit Vorpommern Preußen zugeordnet worden.
Das Stadtbild mit seinen vielen architektonischen Besonderheiten ließ
trotz vieler Zerstörungen im Laufe der vielen kriegerischen Auseinandersetzungen zurückliegender Jahrhunderte noch zu Heinrich Kruses
Jugendzeit auf das Wohlergehen der Stadt während der Blütezeit der
Hanse zwischen dem 14. und dem 17. Jahrhundert schließen. Viele Bauten
wie z. B. die Schiffercompagnie, die Marienkirche, das Rathaus oder das
Dielenhaus zeugen noch heute von der wirtschaftlichen Bedeutung Stralsunds und von seinem ehemaligen enormen Reichtum. Für den jungen
Heinrich war die charakteristische Entwicklung Stralsunds mit seiner
mittelalterlichen Gliederungsstruktur und den reichen Fassaden der Giebel- und Traufenhäuser aus ganz unterschiedlichen Epochen noch deutlich
erkennbar und vermittelte ihm eine, den nördlichen Hansestädten sehr
charakteristische und eindringliche Atmosphäre einer wertvollen Tradition und einer bedeutsamen Historie.
Heinrich wurde im bürgerlichen Niveau solcher Hansestädte erzogen,
zumal sein Vater in der Stadt als Vorstand der Tuchhändlergilde wichtige
öffentliche Ämter bekleidete. Er verlebte sowohl in seiner Vaterstadt als
auch auf dem nahe gelegenen Familiengut Andershof an der Ostsee eine
unbeschwerte Kindheit und Jugend. Selbstverständlich ging er auf das
Gymnasium im ehemaligen Dominikanerkloster St. Katharinen, das auch
schon sein Vater besucht hatte.
Seine besten Schulfreunde waren seine Vettern Richard und August
Spalding, die Söhne des Stralsunder Geheimen Kommerzienrats Spalding,
des Schwagers seiner Mutter. Besonders zu dem gleichaltrigen August
Spalding bestand eine intensive Jugendfreundschaft. Dieser arbeitete nach
der Schulzeit als Pächter eines der großen Güter der Stadt Stralsund auf der
Insel Rügen. Zwar war die Pacht auf Hiddensee sehr gering; doch war er
so tüchtig und fleißig, daß er sich später drei Rittergüter kaufen konnte. Er
war ein Urenkel des bekannten Theologen Johann Joachim Spalding.
Dessen Biographie (1714-1804) hatte zweifellos auf Heinrichs Lebenslauf
einen prägenden Einfluß: dieser prominente Vertreter der Aufklärung in
Pommern beschäftigte sich als junger Mann eingehend mit den Schriften
des englischen Aufklärers und Philosophen Anthony Ashley Cooper, des
3. Earl of Shaftesbury, der ihn stark beeindruckte und dessen Werke er ins
Deutsche übersetzte.12 Heinrich Kruse sollte einhundert Jahre später bei
einem Nachkommen jenes Lords Ashley, dem 7. Earl of Shaftesbury, für
einige Jahre Dienste als Hauslehrer tun.
Schon während seiner Schulzeit lernte Heinrich in seinem Elternhaus
viele herausragende Persönlichkeiten kennen, so z. B. Ernst Moritz Arndt,
einen engen Freund seines Vaters. In diesem politischen Denker erkannte
28
der junge Heinrich bereits sehr früh
einen Vorkämpfer der Demokratie,
einen unermüdlichen Anwalt der einfachen Bürger für ihre Befreiung aus
den Fesseln feudaler Abhängigkeit
und einen Protagonisten für die Sicherung der sozialen Existenzrechte eines
jeden Menschen gegenüber der herrschenden Adelswillkür. Arndts Patriotismus und sein Ruf nach Freiheit
beinhaltete vorwiegend die Interessen
und Wünsche einfacher Menschen
nach einem Vaterland, in welchem das Ernst Moritz Arndt (1769-1860), Historiker
Volk an der politischen und sozialen und Schriftsteller
Gestaltung seines Vaterlandes mitwirken wollte. Arndt war einer der Väter der Idee vom bürgerlichen Nationalstaat der Deutschen. Darin liegt der Grund der enormen Wirkung, die
er auf nachfolgende Generationen ausübte. Kein anderer Ideologe der
nationalen Bewegung von 1806 bis 1815 hat einen so nachhaltigen Einfluß
auf die Gedankenwelt späterer politischer Bewegungen, Parteien und
Strömungen gehabt. Politiker aller Lager haben Ernst Moritz Arndt immer
wieder für die Begründung ihrer jeweiligen Thesen, Forderungen und
Standpunkte in Anspruch genommen. Das hat allerdings in späteren Jahrzehnten dann auch zu einem falsch verstandenen nationalistischen Mißbrauch seines Gedankenguts geführt.
Über die Schulzeit des jungen Heinrich ist nichts Aufschlußreiches
überliefert. Er scheint ein strebsamer, sehr ordentlicher und gründlicher
Schüler gewesen zu sein, folgt man seinen vielen erhaltenen Schulheften.13
Erstaunlich ist zu sehen, wie ausgeschrieben und akkurat die Schrift des
Pennälers bereits zur damaligen Zeit war. Auch über die Güte seines
Schulabschlusses sind keine Einzelheiten bekannt, da trotz eines sehr umfangreichen Nachlasses Zeugnisse aus Kruses Schulzeit nicht mehr vorhanden sind.
Anmerkungen
1 Herbert Ewe (Hrsg.): Geschichte der Stadt Stralsund. Böhlau, Weimar 1984
2 Theodor Lindner: Die deutsche Hanse. 3. Aufl., Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1902;
Klaus-Peter Zöllner: Vom Strelasund zum Oslofjord. Untersuchungen zur Geschichte der
Hanse und der Stadt Stralsund in der 2. Hälfte des 16. Jahrhundert, Hermann Böhlaus
Nachfolger, Weimar 1974
3 Kurd von Schlözer: Die Hanse. II: Verfall und Untergang der Hanse und des deutschen Ritter-Ordens in den Ostseeländern. Nachdruck der Ausgabe von 1851-1853. VMA,
Wiesbaden um 1980
4 Hans-Günter Leder und Norbert Buske: Reform und Ordnung aus dem Wort. Johannes
Bugenhagen und die Reformation im Herzogtum Pommern. Evangelische Verlagsanstalt,
Berlin 1985
5 Robert Stupperich: Weg und Charakter der Reformation im Deutschen Osten. Gerhard
Rautenberg, Leer 1967
6 Andreas Theodor Kruse: Sundische Studien: 1. Urkundliche Nachrichten zur Geschichte
des Gewandhauses, 2. die Geschichte des Johannisklosters, 3. die Stralsunder Stadtverfassung, 4. die Machtentwicklung Stralsunds im Hansabund. Stralsund 1851-1855 (erwähnt in
der Allgemeine Deutsche Biographie, s. u.)
7 Andreas Theodor Kruse: Umriß einer Geschichte der Unterstützungsquellen und des Armenwesens in Stralsund, insbesondere des Johannis-Armenhauses. Stralsund 1824 (erwähnt
in der Allgemeine Deutsche Biographie, s. u.)
8 Die Inspection der Armenpflege: Verhandlungen über Kassen- und Rechnungsprüfung der
allgemeinen Armenpflege und des Johannis Armenhauses, Stralsund 9.11.1856. Nachlaß
Kruse, Heinrich-Heine-Institut, Düsseldorf
9 Francis Kruse: Vergangenes und Gebliebenes. Lebenserinnerungen eines preußischen Beamten. Godesberg 1923, Privatdruck Ingeborg Schulz-Schomburgk, Eschwege 1967
10 Allgemeine Deutsche Biographie. (Hrsg.: Die historische Commission bei der Königlichen
Akademie der Wissenschaften), Band 17, Duncker & Humblot, Berlin 1883, S. 254-57
11 Andreas Theodor Kruse: Vorläufige Ansichten über eine Berlin-Neustrelitz-Stralsunder Eisenbahn. Denkschrift, Stralsund 1853 (erwähnt in 5)
12 Thomas, K Kuhn: Johann Joachim Spalding. Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Band X, Traugott Bautz, Herzberg 1995, S. 868-870
13 Nachlaß Kruse, Heinrich-Heine-Institut, Düsseldorf
3. Lehr- und Wanderjahre
Studium in Bonn und Berlin
N
ach erfolgreichem Abschluß des Stralsunder Gymnasiums ging Heinrich Kruse als 18jähriger zunächst zum Hochschulstudium nach
Bonn. In Bonn studierte er klassische Altertumswissenschaften bei dem
bekannten Altphilologen und Archäologen Friedrich Gottlieb Welcker, der
durch seine Übersetzungen der Werke von Aischylos und Aristophanes
einen hohen Bekanntheitsgrad besaß. Außerdem studierte er Philosophie
bei Christian August Brandis, dessen Handbuch der Geschichte der Griechisch-Römischen Philosophie seinerzeit ein Standardwerk war. Brandis
hatte zuvor als Preußischer Gesandtschaftssekretär in Rom auf sich aufmerksam gemacht und war auch hernach politisch als Kabinettsrat für
König Otto in Athen tätig. Beide Professoren haben die altphilologische
Gedankenwelt Heinrichs nachhaltig geprägt, selbst wenn er selbst in seinem verhältnismäßig langen Leben nie die Gelegenheit wahrnahm, Griechenland oder Italien zu besuchen, geschweige denn die antike Welt der
Hellenen in seinen Dramen zu verarbeiten.
In seiner Bonner Zeit entwickelten sich u. a. zwei wichtige Freundschaften mit Studienkollegen, die seinen weiteren Lebensweg begleiten
sollten: Der eine war der Historiker und Archäologe Ernst Curtius, der
andere der Schriftsteller Emanuel Geibel.
Ernst Curtius, Sohn des Syndikus der Stadt Lübeck und ein Jahr älter
als Heinrich, hatte bereits während seiner Lübecker Schulzeit eine enge
Freundschaft mit dem ebenfalls ein Jahr jüngeren Emanuel Geibel geschlossen. Gemeinsam gingen sie zum Studium nach Bonn, wo Heinrich
Kruse sie kennenlernte. Alle drei gingen gemeinsam 1835 nach Berlin. 1837
wurde Curtius von seinem Lehrer Brandis nach Athen engagiert. Von hier
aus unternahm Curtius mehrere Reisen durch Griechenland und Italien.
1838 traf er wieder mit Emanuel Geibel zusammen, der zu dieser Zeit
ebenfalls Griechenland bereiste. Zusammen mit Geibel versuchte er sich an
Nachdichtungen verschiedener klassischer griechischer Schriftsteller. 1844
wurde Curtius zum Hauslehrer des späteren Kaisers Friedrich III. und als
Professor an die Universität Berlin berufen. 1852 hielt Curtius seinen
31
Franz Emanuel August Geibel (1815 – 1884)
deutscher Lyriker
Ernst Curtius (1814 – 1896)
Archäologe und Historiker
berühmt gewordenen Vortrag in der Singakademie von Berlin über Olympia und initiierte damit eigentlich die ersten archäologischen Grabungen
an diesem Ort.1
Emanuel Geibel, Sohn eines reformierten Pfarrers und gleichaltrig wie
Heinrich Kruse, studierte in Bonn Theologie und klassische Philologie. Sehr
bald entdeckten beide untereinander eine große Seelenverwandtschaft. Als
Curtius, Geibel und Kruse gemeinsam 1835 nach Berlin gingen, baute
Heinrich Kruse über Emanuel Geibel auch freundschaftliche Beziehungen
zu Adalbert von Chamisso, Bettina von Arnim und Joseph von Eichendorff
auf. Geibel erhielt 1838 eine Anstellung als Hauslehrer beim russischen
Gesandten in Athen, die bestimmend für seine klassische Dichtung war.
Geibel bezeichnete Heinrich Kruse schon in Studentenzeiten als den »besten
Kritiker« seiner literarischen Arbeiten,2 ohne zu ahnen, daß dieser selbst
dichterisch tätig war, wenn auch zunächst nur im Geheimen und nicht mit
der Absicht einer Publikation. 1842 erhielt Geibel nach Veröffentlichung seiner ersten Gedichte vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. eine
lebenslange Pension und 1852 von Bayerns Maximilian II. eine Professur für
deutsche Literatur und Poetik in München, wo er bis 1868 unterrichtet. Aus
politischen Gründen kehrte Geibel wieder nach Lübeck zurück, da er nach
dem Tod von Maximilian II. wegen seiner preußischen Gesinnung stark
angefeindet wurde und sogar seine lebenslange Pension verlor.3
Die drei Freunde wechselten 1835 von Bonn an die Berliner Universität, die sie gemeinsam fünf Semester lang bis 1837 besuchten. Hier trafen sie eine durch die kürzlich verstorbenen Philosophen Friedrich Hegel
und Friedrich Schleiermacher geprägte reizvolle Atmosphäre geistiger
32
Anstöße und Auseinandersetzungen an. Sie hörten Vorlesungen des Philosophen Henrik Steffens, der nach langen Bemühungen des preußischen
Kronprinzen und späteren Königs Friedrich Wilhelm IV. an die Berliner
Universität berufen worden war, um in Preußen unerwünschte Einflüsse
der lutherischen Freikirche durch den Altlutheraner Johann Gottfried
Scheibels zu vereiteln.4 Zwar herrschte im geistigen Berlin jener Jahre die
liberale Bewegung des »Jungen Deutschland«, doch der Naturphilosoph
Steffens verstand es, mit seinen Grundgedanken einer großen Einheit von
Natur und Geschichte stets ein überfülltes Auditorium vorzufinden. Seine
wenige Jahre später herausgegebene »Christliche Religionsphilosophie«
war ein viel beachtetes Werk deutscher Philosophiegeschichte.
Nach dem Studium in Bonn und Berlin trennten sich 1837 die Wege der
drei Studienfreunde Curtius, Geibel und Kruse, ohne jedoch den engen
Gedankenaustausch auf schriftlichem Wege ihr Leben lang aufzugeben.
Bildungsreise durch Nordosteuropa
Nach seinem Studium begab sich Heinrich Kruse in den Jahren 1837 bis
1840 auf eine ausgedehnte Bildungsreise, die den Hanseaten in alle Länder
rund um die Ostsee brachte. Zunächst führte ihn der Weg in die Städte
Danzig, Riga, Moskau und St. Petersburg, hernach dann über Stockholm
und Kopenhagen wieder zurück nach Hause. Heinrich Kruse hatte sich
bereits auf der Grundlage eingehender Literatur gut vorbereitet. Doch war
ihm besonders daran gelegen, durch direkten Kontakt mit der Bevölkerung vielfältige Erfahrungen zu sammeln und seine ethnologischen und
soziologischen Kenntnisse über reine Reisebeschreibungen hinaus zu erweitern. »Ich versäume nicht, mich durch Schriften über den vergangenen
und gegenwärtigen Zustand der Länder, durch welche ich reise, zu unterrichten. Doch sind vor allem jetzt die Zungen der Menschen meine Bibliothek.«5 Besonders bedrückten ihn seine Beobachtungen über die Unterdrückung der einfachen Bevölkerung durch die baltische und vor allem
aber durch die russische Aristokratie.6
Unter Nikolaus I. wurde in der 30jährigen Regierungszeit von 1825 bis
1855 die Bevölkerung gegenüber dem westlichen Bildungsniveau gezielt
abgeschirmt. Jede Diskussion über dringend erforderliche Agrarreformen
wurde im Keime erstickt. Drakonische Polizeiverfolgungen gegen jedes
freiheitliche Gedankengut waren die Regel. Und doch gelang es Zar
Nikolaus während seiner autokratischen, ja geradezu despotischen Herrschaft nicht, die begreiflichen Unruhen zu unterdrücken, die mit dem
Dekabristenaufstand (benannt nach dem Monat Dezember, russisch: dekabr), d. h. dem Protest Adliger und hochgebildeter Offiziere gegen das
33
absolutistische Zarenregime in St. Petersburg am 14. Dezember 1825 ihren
Ausgang nahmen.7 Das Land befand sich wirtschaftlich in einem ruinösen
Zustand, die Verwaltung war rückständig und korrupt und in geradezu
panischer Furcht vor einem Aufstand der Leibeigenen. Diese innere
Schwäche Rußlands führte u. a. zu der schweren Niederlage im Krimkrieg
der Jahre 1853 bis 1856, in den Nikolaus sein Land in Konfrontationen mit
der Türkei, sowie mit Österreich, Frankreich und England verwickelte.
Zwar war der Zar nicht grundsätzlich gegen eine Anhebung des Bildungsniveaus beim einfachen Volk, was sich äußerlich durch einen Zuwachs
an Gymnasien und einen Aufschwung des wissenschaftlichen Niveaus
bemerkbar machte; doch wurde bei näherer Betrachtung dieses verstärkte
Bildungsangebot vorwiegend den Söhnen von Adeligen und Beamten vorbehalten. Deren Erziehung baute kategorisch auf den drei Pfeilern Autokratie,
Orthodoxie und Patriotismus auf. Geheimagenten sorgten überall für die
uneingeschränkte Durchführung derartiger zaristischer Anordnungen.
Neben diesen gravierenden Mißständen Rußlands beklagte Heinrich
Kruse vor allem die Benachteiligung der Juden in allen Bereichen des alltäglichen Lebens bis hin zu der Tatsache, daß ihre Kinder nicht zur Schule
gehen durften.8 Das Land stand seinerzeit unter dem beharrlichen Einfluß
der russisch-orthodoxen Kirche, welche die Juden nicht akzeptierte. Diese
hatten bereits unter früheren Zaren einiges zu erdulden: Unter Katharina
II. und Alexander I. wurden sie schrittweise »zum Schutz der Bevölkerung
gegen das Unrecht der jüdischen Konkurrenz« in ein Sperrgebiet im früheren Polen verbannt. Sie hatten dort keinen Kontakt mehr zur Außenwelt,
was den Beginn einer stets bedrohten Existenz in Unfreiheit, d. h. in einem
Ghetto darstellte. Die Wehrpflicht für die Juden erstreckte sich auf eine
Dienstzeit von 25 Jahren. Nikolaus I. erzwang darüber hinaus die Christianisierung und Taufe der Juden, die sich allerdings dagegen vehement
wehrten, worauf der Zar mit der Einschränkung ihrer Siedlungsgebiete
reagierte. Er schloß jüdische Verlage und belegte importierte jüdische
Bücher mit einer strengen Zensur. War die Situation für die Bevölkerung
nicht schon dramatisch genug, so war sie für die Juden geradezu fatal.9
Heinrich Kruses vielfältige Beobachtungen in jenen Tagen seiner Reise
kamen immer wieder zu dem Ergebnis, daß die Menschen im Osten trotz
aller Widerwärtigkeiten und Erniedrigungen vergleichsweise erheblich
gleichgültiger, duldsamer und weniger dünnhäutig waren als in Deutschland, kaum zu reden von einem Verständnis für Barmherzigkeit und
Einfühlungsvermögen, wie es Menschen in Mitteleuropa kennen.10 Diese
vielfältigen und insgesamt relativ negativen Eindrücke seiner Reise,11 sollten ihn im Hinblick auf Rußland und die russische Politik in seiner späteren journalistischen Tätigkeit lebenslang in seinen Stellungnahmen nachhaltig, wenn auch sehr subjektiv beeinflussen.12
34
Promotion und Probelehrer in Stralsund
Von der Reise 1840 zurückgekehrt, erfolgte eine kurze Interimsphase, in
welcher Heinrich Kruse zunächst in Berlin zum Doktor der Philosophie
promovierte mit einer Arbeit über das Leben des griechischen Staatsmanns
und Gelehrten Aratos von Sikyon, der im 2. Jahrhundert v. Chr. am Golf
von Korinth den Achaiischen Bund im Nordwesten des Peloponnes
anführte und zunächst gegen die Expansion Mazedoniens und hernach mit
deren Hilfe gegen die Vorherrschaft Spartas kämpfte.
Nach Abschluß der Dissertation und des Promotionsverfahrens in
Berlin begann Heinrich Kruse seine berufliche Laufbahn zunächst als
Lehrer auf Probe in Stralsund. Damals wurden für den Lehrerberuf an den
Universitäten noch keine Spezialisten für bestimmte Fächer ausgebildet,
sondern es wurden nach einem preußischen Edikt von 1810 für Gymnasien Lehrer entsprechend der Humboldtschen Bildungsidee eines kosmopolitischen Denkens ausgebildet, die nach einem Examen »pro facultate
docendi« für jedes Unterrichtsfach an den höheren Schulen eingesetzt
werden konnten. Das System gab dem Kandidaten die Möglichkeit, sich
nach bestandener Probezeit gleich um eine besser dotierte Oberlehrerstelle
zu bewerben.13
Heinrich Kruse begann seinen Dienst im Mai 1841 am Stralsunder
Gymnasium, das er selbst und sein Vater einst besucht hatten. Doch das
Berufsleben als Gymnasiallehrer war für ihn ernüchternd, eintönig und
äußerst verdrießlich.14 Ein solcher Alltag brachte ihm wenig Befriedigung,
so daß er sich bereits wenige Monate später nach einer beruflichen
Veränderung umschaute.
Lehrer und Erzieher in England
Zu jener Zeit bot sich Heinrich Kruse eine außergewöhnliche Gelegenheit,
die sich durch die Vermittlung von Freunden seines Vaters ergaben, den
preußischen Gesandten Karl Josias von Bunsen und den Regierungspräsidenten von Arnsberg, den Geheimrat Georg Wilhelm Kessler, zu dessen
Familie enge freundschaftliche Kontakte bestanden: Im Oktober 1841
wurde Kruse als Erzieher der beiden 10 und 8 Jahre alten Söhne von Lord
Anthony Ashley, dem 7. Earl of Shaftesbury, nach England berufen.15
Dieser war ein Nachkomme des bekannten englischen Politikers,
Philosophen und Schriftstellers Anthony Ashley Cooper.16 Lord Anthony
Ashley machte sich als Mitglied des Unterhauses und später des Oberhauses besonders um die Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse sehr
verdient. Er saß seit 1826 im britischen Parlament und trat als Mitglied der
35
Konservativen Partei für die politische Emanzipation der Katholiken und
für die Verbesserung der Lebensbedingungen der untersten sozialen
Schichten ein.17 Mehrere große soziale Gesetzeswerke gingen maßgeblich
auf seine Initiativen zurück, so der »Mines Act« von 1842, welcher die
Beschäftigung von Frauen und Kindern unter 13 Jahren in Bergwerken
verbot. Er hatte zahlreiche Ämter in sozial-karitativen Organisationen
inne. So gründete er mehrere Arbeiterinstitute und war Mitbegründer des
Christlichen Vereins junger Männer (YMCA).
Eine interessante und beeindruckende Zeit sollte auf Heinrich Kruse
zukommen. An seinen Freund Max Kessler, den Sohn des Regierungspräsidenten von Arnsberg, schrieb er in Erwartung des bevorstehenden
Wechsels voller Freude: »In der nächsten Woche habe ich noch Examen
abzuhalten, dann aber stehe ich jeden Augenblick zum Aufbruch bereit.
Ich bin guten Mutes, daß ich der Empfehlung Deines Vaters keine Unehre
machen werde. […] Meine Stellung hoffe ich richtig aufzufassen. Ich bin
seit meiner Universitätszeit durch so manche Schleifmühle gekommen,
daß Lebendigkeit und Befangenheit ziemlich verschwunden sind. Die
Sitten des Englischen high life sind mir wenigstens aus Schriften nicht ganz
unbekannt, und so viel als ich daran beteiligt werden könnte, hoffe ich
mich in nicht langer Zeit darein zu finden. Ein vernünftiges Reservement
und die Mitte zwischen dem zu viel und zu wenig in der Persönlichkeit
wird meine Aufgabe sein. Für meinen Vater ist es ein großes Vergnügen,
daß ich nach seinem geliebten England gehen soll, wo, wie er glaubt, mehr
zu lernen ist, als in Italien.«18
Auf dem ländlichen Familiensitz der Earls von Shaftesbury, dem St.
Gile's House in der Grafschaft Dorsetshire in Südwest-England in der
Nähe des Seebades Bournemouth, war es die Aufgabe von Heinrich Kruse,
sich um die Ausbildung der Brüder Anthony und Francis zu kümmern.
Beide erwiesen sich als sehr wißbegierige und gelehrige Schüler. Vor allem
der achtjährige, sprachbegabte Francis entwickelte zu seinem neuen Lehrer
ein besonderes Vertrauensverhältnis. Hauslehrer Heinrich Kruse wurde
von Anfang an voll in das Familienleben im St. Gile's House integriert und
nahm mit dem gehörigen Abstand am alltäglichen Familienleben teil. An
die Mutter seines Freundes schrieb er: »Mit der Familie bin ich durch
gegenseitige Achtung und Wohlwollen verbunden. Sie erweist mir mehr,
als ich verlangen kann. […] Das Haupt der Häupter, dem alle streben zu
gefallen und streben müssen zu Gefallen zu sein, ist der alte Earl. Seine
vergnügteste Stunde ist die beim Nachtisch, und der vergnügteste Augenblick darin, wenn der Kammerdiener die neue Flasche bringt, welche
immer erst geleert sein muß, ehe die Sitzung aufgehoben wird. […] Der
alte Herr hat offenbar große natürliche Fähigkeiten, und ich höre ihn gern
reden, wenn er sich über seine großen Zeitgenossen ausläßt.«19 Bei solchen
36
Lord Anthony Ashley Cooper, 7. Earl of
Shaftesbury (1801 – 1885), Politiker und einer
der erfolgreichsten Sozialreformer im England
des 19. Jahrhunderts
Henry John Temple, 3. Viscount Palmerston
(1784 – 1865), britischer Staatsmann und Premierminister (1855 – 1858 und 1859 – 1865)
Gelegenheiten bekam Heinrich Kruse viel über die weltanschauliche
Anschauung des Lords, über die politische Lage, über die sozialkritischen
Auseinandersetzungen im Parlament und über die maßgebenden Persönlichkeiten der damaligen Zeit mit. Auch lernte er im St. Gile's House, in
welchem bereits Georg Friedrich Händel 100 Jahre vorher den 4. Earl of
Shaftesbury besucht hatte,20 viele englische Politiker kennen.
Besonders beeindruckt war er von dem damals 57jährigen Stiefvater
von Lady Ashley, dem Lord Henry John Temple Palmerston, der von 1830
bis 1851, mit einer fünfjährigen Unterbrechung als Oppositionsführer,
Außenminister war und später als Premierminister von 1855 bis 1865 die
Geschicke Englands bestimmen sollte. Der agile, nicht selten streitsüchtige und sich überall einmischende Lord entfaltete in den großen innenpolitischen Fragen Großbritanniens und in Sachen des politischen Gleichgewichts im gesamten Europa eine rastlose Tätigkeit, was ihm den Namen
Lord Firebrand einbrachte. Er war eine beeindruckende und charismatische Persönlichkeit. Als ihm sein Doktor mitteilte, daß er unheilbar krank
sei, antwortete er: »Die, my dear doctor! That's the last thing I shall do!«
Seine gewichtigste Leistung war die Allianz zwischen England, Frankreich, Portugal und Spanien zum Schutz der konstitutionellen Interessen.
Palmerston hatte wesentlichen Anteil an der Lösung der holländisch-belgischen Krise, wodurch es 1830/31 zur Gründung eines unabhängigen
Staates Belgien kam. Was seine Beziehung zu Deutschland betraf, so
erwarb er sich durch seine Parteinahme für Dänemark in der schleswig37
holsteinischen Frage in Preußen einen rigorosen Widersacher.21 Auch
sonst schuf er sich und Großbritannien vor allem in seiner späteren Zeit
durch seine teilweise undiplomatische Art viele Feinde, weswegen sich
Großbritannien zeitweise in einer gewissen Isolation gegenüber den kontinentalen Staaten Europas befand.
Während seiner zweijährigen Tätigkeit anfangs der 40er Jahre prägte die
beeindruckende Persönlichkeit Palmerstons Heinrich Kruses politisches
Weltbild entscheidend und nachhaltig. Noch viel später zeigte er immer
wieder eine besondere Sympathie für die englische Monarchie und die britische Politik. Der englische Liberalismus war aus Kruses Sicht so etwas wie
ein ideales Vorbild für Preußen. Noch lange pflegte er seine Kontakte zu
Politikern und Journalisten in England und gründete seine spätere journalistische Einstellung wesentlich auf die in England gewonnen Erkenntnisse.
Nachdem der inzwischen zwölfjährige Sohn Anthony des Earls von
Shaftesbury eingeschult worden war, endete die Tätigkeit von Heinrich
Kruse in England. Besonders schwer fiel ihm die Trennung vom jüngeren
Bruder Francis, der ihm inzwischen sehr ans Herzen gewachsen war. Diese
emotionale Bindung sollte sich später bei der Namensnennung seines
Sohnes widerspiegeln.
Die Heimreise trat Heinrich Kruse Ende 1843 an. Auf der Rückreise
besuchte er in Hamburg seinen Onkel Kommerzienrat Georg Heinrich
Kaemmerer, ein mit der Schwester seiner Mutter verheirateter Kaufmann
und Inhaber der sehr erfolgreichen Firma G. H. Kaemmerer Soehne.
Dieser machte ihn erstmals auf die ihm bisher nicht bewußte wirtschaftliche Krise seines Vaters aufmerksam. Dieser hatte, wie schon gezeigt
wurde, bei seinen vielseitigen geistigen Interessen und den mit Hingabe
übernommenen politischen Verpflichtungen die eigenen Geschäfte so sehr
vernachlässigt, daß er in finanzielle Schwierigkeiten geriet und nahezu vor
dem Bankrott stand. Heinrichs Vater hatte nicht rechtzeitig erkannt, daß
die wirtschaftliche Blütezeit Stralsunds mit dem Niedergang der Hanse
einem unwiderruflichen Ende entgegenging und die Stadt die einstmals
führende Stellung im Tuchhandel längst an England verloren hatte.22
Schwager Georg Heinrich Kaemmerer erwies sich wiederholt als Retter in
der Not und half mit großzügigen Darlehen zu niedrigen Zinsen. So konnte der drohende Bankrott noch einmal abgewendet werden.
Zu jener Zeit hatte Heinrich Kruse noch enthusiastische Pläne über
weitere Reisen nach Frankreich und Italien. Die Situation im elterlichen
Haus bewogen ihn jedoch, diese Pläne über weitere Reisen aufzugeben
und sich trotz innerlichen Widerstrebens umgehend um eine Anstellung
als Lehrer zu kümmern.: »Es ist immer schmerzlich, wenn man die Handlungsweise eines Vaters nicht ganz billigen kann«, so schrieb er seinem
Freund Max Kessler.23 »Es fällt mir nicht ein, über ihn zu klagen, kann es
38
auch meinerseits am allerwenigsten. Vater hat meiner Erziehung jedes
Opfer bereitwillig entgegengebracht, und alles, woran ich zu denken habe,
ist, wie ich mich dafür jetzt endlich dankbar bezeugen kann. Ich strebe
jetzt eifrig, mir eine Anstellung zu verschaffen. Ich habe bereits eine Eingabe beim Minister gemacht und sie Deinem Vater geschickt.«
Oberlehrer in Minden
Im Herbst 1844 übernahm Heinrich Kruse eine Oberlehrerstelle in Minden. Dies sollte jedoch nur eine kurzfristige Durchgangsstation auf seinem
weiteren beruflichen Weg sein. Das Gehalt war sehr dürftig und entsprach
keineswegs dem Aufwand, der zur Ausfüllung dieser Position aufgebracht
werden mußte.24 Außerdem machte sich bei ihm sehr bald die bereits
bekannte Lustlosigkeit am Lehramt bemerkbar. Er war in dieser, nicht freiwilligen, sondern nur unter wirtschaftlichem Zwang gewählten Situation
von Anbeginn sehr unglücklich und fühlte sich vorwiegend als leblose
»Corrigiermaschine«. Die eigentlichen Aufgaben eines Ausbilders und die
pädagogische Arbeit mit seinen Schülern blieben weit hinter seinen Vorstellungen und Erfahrungen zurück. In seinem Frust über seine Tätigkeit
beschäftigte er sich in dieser Lebensperiode intensiv mit den literarischen
Werken Jean-Jacques Rousseaus, George Sands und Victor Hugos oder las
historische Werke des Göttinger Historikers Friedrich Christoph Dahlmann25, der in der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49 einer der
Führer der kleindeutschen Partei war, oder des Berliner Staatswissenschaftlers Friedrich von Raumer26, der in seinem Hauptwerk, der Geschichte der
Hohenstaufer, eingehend auf die dramatische Literatur einging, oder des
Heidelberger Historikers Friedrich Christoph Schlosser27, einem seinerzeit
bedeutenden Geschichtsschreiber im Sinne der Aufklärung zur Zeit eines
aufkommenden Historismus. Hier wurde offensichtlich bereits ein
besonderes Interesse für historische Dramen geweckt und entscheidende
Weichen gestellt für Kruses spätere schriftstellerische Tätigkeit.
Während seiner Mindener Zeit lernte Heinrich Kruse die sieben Jahre
jüngere Louise Menckhoff kennen, die er 1852 in Minden heiratete, als er
bereits einige weitere Stationen seines Lebensweges hinter sich hatte und
bereits Ressortleiter bei der Kölnischen Zeitung war. Die Familie Menckhoff war seit Generationen im westfälischen Bielefeld ansässig. Louises
Großvater war Steinsetzmeister und hatte ein Baugeschäft; ihr Vater, Generalleutnant Friedrich Wilhelm Menckhoff, war von 1839 bis 1846 Kommandeur des 15. Infanterie-Regiments Prinz Friedrich der Niederlande in
Minden. Er wollte ursprünglich »Bauconducteur« werden, doch wurde er
trotz des bereits bestandenen Staatsexamens zum Militärdienst herangezo39
gen und trat später in das preußische Heer ein. Er fiel durch seine stramme militärische Haltung auf, seine gütigen braunen Augen und sein volles
weißes Haar, das in krausen Locken sein Haupt bedeckte. Er war sehr
angesehen und die Bürger seiner Garnison sprachen noch 40 Jahre nach
seinem Tode 1866 mit Verehrung von ihm, als sein Enkel Francis als Regierungspräsident nach Minden kam.
Auch seine Frau Friederike, Tochter des Großkaufmanns Johann Peter
Schmits, stammte aus dem altpreußischen Teil Westfalens, aus Hamm. Sie
war eine kleine zierliche Frau mit großer Nase und großen Augen, sehr
beweglich und angeregt, »dabei aber zu Hypochondrie und Pietismus
hinneigend«.28 Sie überlebte ihren Mann um 16 Jahre und starb 1882 in
Bückeburg, wo Heinrich Kruse nach seiner Pensionierung 1884 auch bis
zu seinem Lebensende lebte.
Doch zurück zu jener Mindener Zeit, als Heinrich Kruse drei Jahre lang
Gymnasiallehrer bis 1847 war. Damals wurden in dem 30jährigen Heinrich
eine gewisse journalistische Leidenschaft und ein steigendes Interesse für
politische Vorgänge in Europa und insbesondere in Deutschland geweckt.
Seit Anfang 1845 gehörte die Kölnische Zeitung, eine der bedeutendsten
deutschen Tageszeitungen, zu seiner täglichen Lektüre. In der tiefsten
Provinz in Minden, fern allen politischen Geschehens beneidete er seinen
Freund Max Kessler, der eine Stelle als Gerichtsreferendar in Köln bekommen hatte: »Was Du von Deinen gesellschaftlichen Unterhaltungen mitteilst, interessiert mich sehr. Es ist doch besser in Köln zu sein, als in
irgendeinem Nest an der russischen Grenze oder bei den Wasserpolacken.
Bleib Du nur dem Rhein getreu und sehne Dich nicht nach den nüchternen Bierländern. […] Ich wollte nur, ich wäre auch erst am Rhein. Das
überall erwachende Leben in Deutschland hat für mich viel Anziehendes.
Der Deutsche Michel reibt sich die Augen und redet allerdings zuweilen
noch wie im Traum.«29
Heinrich Kruse wurde in Minden zunehmend unzufriedener mit seinem Beruf als Lehrer und überlegte, wie er das frustrierende Dasein als
Lehrer gegen eine Tätigkeit in der Politik oder im Pressewesen eintauschen
konnte. So verfaßte er Denkschriften zur Verbesserung des Unterrichts,30
die er an das Kultusministerium schickte, in der Hoffnung, bei einer seiner
nächsten Bewerbungen um eine bessere Stelle berücksichtigt zu werden.
Doch das preußische Ministerium unter der Leitung von Johann Albrecht
Eichhorn, einem orthodoxen Protestanten und Pietisten, war derartigen
Reformvorschlägen völlig verschlossen. Somit hatte Heinrich Kruse keine
Chance, gehört oder gar befördert zu werden. Auch alle Versuche, an ein
Gymnasium einer größeren Stadt wie Elberfeld, Bremen oder Düsseldorf
zu wechseln, schlugen fehl, da sich das gymnasiale Schulwesen seit 1840 in
einer Krise befand. Der Grund war damals vordergründig ein erheblicher
40
Überschuß an Lehrern.31 Maßgeblicher war jedoch die gesellschaftspolitische Situation: Das Kultusministerium unter Eichhorn war in der sog
Vormärzzeit der Jahre vor 1848 äußerst restriktiv und folgte mit vorauseilendem Gehorsam den Vorgaben König Friedrich Wilhelms IV., der Reformen, wenn überhaupt, sehr autokratisch nur dann zuließ, wenn sie sich an
der konsistorialen Kirchenverfassung der evangelischen Kirche ausrichteten.
Der eigentliche Architekt der neuen europäischen Staatenordnung von
1815, Klemens Fürst von Metternich, sah in der Entwicklung der einzelnen Staaten bereits bald nach der Umsetzung der neuen Struktur hier wie
auch andernorts seine Befürchtungen bestätigt: Die sog Periode der Restauration (1815 – 1848) erwies sich durch mannigfaltige Restriktionen der
einzelnen Staaten stark belastet. Bereits im August 1819 kamen die
Minister der deutschen Staaten in Karlsbad überein, revolutionäre und
freiheitliche Regungen rigoros zu unterbinden. Damit stagnierte jegliche
Verfassungsentwicklung; Preußen u. a. kehrte zum Absolutismus zurück.
National- und Freiheitsbewegungen wurden die Flügel gestutzt. Erst die
Pariser Julirevolution von 1830 gab den nationalen und liberalen Leidenschaften wieder neuen Aufwind. Eine revolutionäre Welle erfaßte einen
großen Teil Europas. Dies beflügelte allen voran die Schriftsteller des Jungen Deutschlands wie Heinrich Heine, Georg Herwegh, Georg Büchner,
Christian Dietrich Grabbe oder August Heinrich Hoffmann von Fallersleben.
Auch Heinrich Kruse fühlte sich damals begeistert von dem allgemeinen Freiheitsgedanken. Er hielt am 15. Oktober 1846 anläßlich des Geburtstags des Königs eine viel beachtete Rede in seiner Mindener Schule.
»Eine Staatsverfassung ist unerläßlich! Das Gefühl geht durch das ganze
Volk und spricht sich darin aus, daß immerzu von neuem das Gerücht entspringt, Seine Majestät der König sei im Begriff, in seiner Weisheit dem
Staate aus eigener Bewegung eine Verfassung zu verleihen.« In seiner Rede
wies er darauf hin, daß Deutschland sowohl in der Wirtschaft als auch in
der Politik gegenüber anderen Ländern enorm rückständig sei. Er appellierte an die Mündigkeit der Bürger und vertrat mit Nachdruck die Meinung, daß König und Volk gemeinsam über staatliche Angelegenheiten
entscheiden sollten. Die Rede endete mit seiner Forderung nach einer dringend notwendigen Verfassung.32
Tags darauf berichtete Heinrich Kruse an seinen Freund Max Kessler:
»Hier ist die Begebenheit des Tages meine gestrige Rede. Ich sprach mit
anständigem Freimut. Aber so sehr die Menschen erwarten, an diesen Tagen
nur eine Menge nichtssagender widerlicher Schmeicheleien zu hören, so
überraschend ist es für sie, daß wirklich jemand offen spricht wie er denkt.
[…] Der Präsident ist in tausend Ängsten, daß die Zeitungen davon melden möchten, daß in seinem Minden eine freisinnige Rede gehalten wäre.
41
Schon hat er darüber nachgedacht, wie dergleichen events künftig verhindert werden könnten.«33
Die vielfältigen und positiven Reaktionen auf diese Rede bekräftigten
Heinrich Kruse in seinem bereits gefaßten Entschluß, baldmöglichst den
Wechsel vom Lehrer zum Journalisten zu vollziehen. Trotz ausbleibender
Kritik seitens des Oberschulamtes,34 sah Heinrich Kruse für sich in seiner
Tätigkeit als Gymnasiallehrer keine weitere Zukunftsperspektive: »Als
Lehrer am Gymnasium zu Minden widmete ich mich der Jugend mit Eifer
und darf sagen, daß meine Schüler an mir hingen. Aber wie Sie richtig vermuteten, glaubte ich durch meinen Lebensgang, meine Studien und meine
Macht über die Sprache befähigt zu sein, mir einen größeren Wirkungskreis zu suchen. Ich beschloß mich der Presse zu widmen.«35
Anmerkungen
1 Friedrich Curtius (Hrsg.): Ernst Curtius. Ein Lebensbild in Briefen. Julius Springer Berlin,
1903
2 Karl Theodor Gaedertz: Emanuel Geibel. Sänger der Liebe, Herold des Reiches. Wigand,
Leipzig 1897, S. 114
3 Christine Göhler: Emanuel Geibel. Ein Lebensbild in Selbstzeugnissen und Berichten seiner
Freunde. Sventana, Schellhorn 1992
4 Peter Hauptmann (Hrsg.): Gerettete Kirche. Studien zum Anliegen des Breslauer Lutheraners Johann Gottfried Scheibel (1783 – 1843). Monographienreihe Kirche im Osten, Bd. 20,
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1987
5 Heinrich Kruse: Brief aus Riga an seine Eltern vom 17.2.1840. Nachlaß Kruse, HeinrichHeine-Institut, Düsseldorf
6 Heinrich Kruse: Briefe an seine Eltern aus St. Petersburg vom 18.3., aus Moskau vom 1.5.
und aus Eisenberg (elazna Gora, Ostpreußen) am 16.7.1840. Nachlaß Kruse, Heinrich-Heine-Institut, Düsseldorf
7 Nikolaus Katzer: Der gescheiterte Staatsstreich des aufgeklärten Adels. Der Dekabristenaufstand von 1825 in Rußland. In: Große Verschwörungen. Hrsg. Uwe Schultz,
C.H. Beck, München 1998, S. 175-192
8 Heinrich Kruse an Georg Heinrich Kaemmerer (Onkel von Heinrich Kruse). 15.5.1838.
Nachlaß Kruse, Heinrich-Heine-Institut, Düsseldorf
9 Julius Elk: Die jüdischen Kolonien in Rußland; Kulturhistorische Studie und Beitrag zur
Geschichte der Juden in Rußland. Georg Olms, Hildesheim 1970
10 Heinrich Kruse an Georg Heinrich Kaemmerer am 24.12.1838. »Selbst die Kinder sind hier
nur auf ihren Vorteil bedacht, wenn sie freundlich zu mir sind, wissen sie genau warum. Ich,
der Mensch, bin ihnen gleichgültig.« Nachlaß Kruse, Heinrich-Heine-Institut, Düsseldorf.
11 Heinrich Kruse an Max Keßler am 25.9.1845: »Meine alten tief in der Überzeugung wurzelnden Grundsätze, die sich bei mir im Lande der Knechtschaft, in Rußland mit feurigen Zügen
eingebrannt haben.« Nachlaß Kruse, Heinrich-Heine-Institut, Düsseldorf. Dieses Bild von
Rußland mit einer barbarischen, von Despoten geknechteten Bevölkerung war in den westlichen europäischen Ländern weit verbreitet. Es hatte seinen historischen Ursprung in der
Tatsache, daß Rußland seit der Kirchenspaltung 1054 nicht mehr als Teil des christlichen
Abendlandes anerkannt wurde und durch die Mongolenherrschaft von der Entwicklung im
übrigen Europa abgeschnitten worden war. Den Westeuropäern, geprägt von der Form des
Ständestaates oder später einer liberalen Konstitution, erschien der russische Absolutismus als
Tyrannei. Vgl. Th. J. G. Locher: Das abendländische Rußlandbild seit dem 16. Jahrhundert.
Wiesbaden 1965. – Heinrich Kruse: Leitartikel »Rußland« in der Kölnischen Zeitung vom
6.1.1850, in dem Kruse allein Rußland die Schuld an den außenpolitischen Spannungen gab,
aus denen sich später der Krimkrieg entwickelte. Vgl. Karl Buchheim: Die Geschichte der
Kölnischen Zeitung Bd. 111 1850 – 1858. Köln 1976, S. 123-124; Bd. IV. Köln 1979, S. 113.
12 Susanne Schwabach-Albrecht: Heinrich Kruse – ein Journalist und Schriftsteller im 19. Jahrhundert, Archiv der Geschichte des Buchwesens, Bd. 57, K.G. Saur, München 2003, S. 288
Anm. 8 und 9
13 Karl-Ernst Jeismann: Geschichte und Bildung. Zur Professionalisierung der Gymnasiallehrer im 19. Jahrhundert. Schöningh, Paderborn 2000, S. 332
14 Heinrich Kruse an Georg Heinrich Kaemmerer am 21.9.1841: »Ich habe hart am
Gymnasium zu unterrichten, nicht ohne Erfolg, wie ich glaube, aber ohne jene Freudigkeit,
mit welcher man einen Beruf anzufangen pflegt, in welchem man die ganze Aufgabe seines
Lebens zu erkennen glaubt.« Nachlaß Kruse, Heinrich-Heine-Institut, Düsseldorf.
15 Geoffrey Francis Andrew Best: Shaftesbury. Batsford Publ., London 1964
16 Antony Ashley Cooper, Earl of Shaftesbury, 3. Earl of Shaftesbury: Sämtliche Werke, ausgewählte Briefe und nachgelassene Schriften. (Hrsg. Gerd Hemmerich & Wolfram Benda,)
Frommann-Holzboog, Stuttgart 1981 – 1998
17 Johann Georg Lehmann: Shaftesbury, Anthony Ashley Cooper, Graf Shaftesbury.
Lebensbild eines edlen Menschenfreundes. Oncken Nachf., Hamburg 1886; Antony Ashley
43
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
44
Cooper, Earl of Shaftesbury, 7th Earl of Shaftesbury et al: Report of the Metropolitan
Commissioners in Lunacy, to the Lord Chancellor. Presented to Both Houses of Parliament
by Command of Her Majesty, Bradbury & Evans Publ., London 1844
Heinrich Kruse an Max Keßler am 24.9.1841. Nachlaß Kruse, Heinrich-Heine-Institut,
Düsseldorf. Siehe auch: Susanne Schwabach-Albrecht: Heinrich Kruse – ein Journalist und
Schriftsteller im 19. Jahrhundert, Archiv der Geschichte des Buchwesens, Bd. 57, K.G. Saur,
München 2003, S. 288
Heinrich Kruse an Friederike Kessler (Ehefrau von Georg Wilhelm Kessler) am 17.11.1841.
Nachlaß Kruse, Heinrich-Heine-Institut, Düsseldorf. Siehe auch: Susanne Schwabach-Albrecht: Heinrich Kruse – ein Journalist und Schriftsteller im 19. Jahrhundert, Archiv der
Geschichte des Buchwesens, Bd. 57, K.G. Saur, München 2003, S. 289
Siegfried Flesch: Händel, Lebens- und Schaffensdaten. In: Händel-Handbuch, Bd. 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, S. 11-35
Windham Dalling and Henry Lytton Bulwer: The life of Henry John Temple, Viscount Palmerston: with selections from his diaries and correspondence. Completed by Anthony Ashley Cooper 1876, 2 Vol., Richard Bentley Publ., London 1870
Susanne Schwabach-Albrecht: Heinrich Kruse – ein Journalist und Schriftsteller im 19. Jahrhundert. Archiv für Geschichte des Buchwesens, Bd. 57, Buchhändler-Vereinigung,
Frankfurt am Main 2003, S. 289
Heinrich Kruse an Max Kessler am 6.2.1845. Nachlaß Kruse, Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf
Heinrich Kruse an Friederike Kessler am 8.7.1844. Nachlaß Kruse, Heinrich-Heine-Institut,
Düsseldorf. Siehe auch: Zur Besoldung von Gymnasiallehrern: Karl-Ernst Jeismann. s. o.,
S. 341
Anton Springer: Friedrich Christoph Dahlmann. Hirzel-Verlag, Leipzig 1870
Friedrich von Raumer: Geschichte der Hohenstaufen und ihrer Zeit. Sechs Bände, F.A.
Brockhaus, Leipzig 1823 – 1925
Ellen-Charlotte Sellier-Bauer: Friedrich Christoph Schlosser. Ein deutsches Gelehrtenleben
im neunzehnten Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004
Francis Kruse: Vergangenes und Gebliebenes. Lebenserinnerungen eines preußischen Beamten. Godesberg 1923, Privatdruck Ingeborg Schulz-Schomburgk, Eschwege 1967, S. 13
Susanne Schwabach-Albrecht: Heinrich Kruse – ein Journalist und Schriftsteller im 19. Jahrhundert. Archiv für Geschichte des Buchwesens, Bd. 57, Buchhändler-Vereinigung,
Frankfurt am Main 2003, S. 289
Heinrich Kruse: Die Verbesserung der schriftlichen Arbeiten. Minden 1844. Nachlaß Kruse,
Heinrich-Heine-Institut, Düsseldorf; Heinrich Kruse: Der Unterricht in den alten
Sprachen. Ein Vorschlag zu dessen Wiederbelebung. Minden 1847. Nachlaß Kruse,
Heinrich-Heine-Institut, Düsseldorf
Jörg Requate: Journalismus als Beruf, In: Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd.
109. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1995
Heinrich Kruse: Rede zum Geburtstag des Königs am 15.10.1846. »Eine Staatsverfassung sei
unerläßlich! Das Gefühl geht durch das ganze Volk und spricht sich darin aus, daß immerzu
von neuem das Gerücht entspringt, Sr. Majestät der König sei im Begriff, in seiner Weisheit
dem Staate aus eigener Bewegung eine Verfassung zu verleihen.« Nachlaß Kruse, HeinrichHeine-Institut, Düsseldorf. – Susanne Schwabach-Albrecht: Heinrich Kruse – ein Journalist
und Schriftsteller im 19. Jahrhundert, Archiv der Geschichte des Buchwesens, Bd. 57, K.G.
Saur, München 2003, S. 290, Anm. 24.
Heinrich Kruse an Max Kessler am 16.10.1846. Nachlaß Kruse, Heinrich-Heine-Institut,
Düsseldorf
Provinzial-Schul-Kollegium an Heinrich Kruse am 29.10.1846. Nachlaß Kruse, HeinrichHeine-Institut, Düsseldorf
Heinrich Kruse an einen Freund am 7.2.1891. Nachlaß Kruse, Heinrich-Heine-Institut,
Düsseldorf