Schlettau vor 100 Jahren - 1906

Unsere Stadt Schlettau vor 100 Jahren
Schlettau im Jahre 1906
Im Königreich Sachsen gab es seinerzeit durchaus eine Reihe demokratischer Einrichtungen
bei der Lenkung und Leitung der Städte und Gemeinden sowie auch des Landes. In der 1.
Sitzung des Stadtgemeinderates am 08.01.1906 stand die Wahl folgender städtischer
Ausschüsse auf dem Programm: für Bau und Forst, Rechnung und Finanzen, Armenwesen,
der Abschätzungsausschuss für kommunale Anlagen, der Marktausschuss, Ausschuss für
kommunale Wahlen, für öffentliche Gesundheitspflege, für Feuer- und Polizeiwesen, der
Krankenausschuss,
Verfassungsausschuss,
der
Einquartierungsausschuss,
Sparkassenausschuss, Gaswerksausschuss, der Ausschuss für die Vorbereitung und
Aufstellung des Haushaltplanes und der Schulvorstand. Damit waren die Stadträte durchaus
umfangreich gebunden und beschäftigt. Man darf sich also auch nicht wundern, wenn ab und
zu auch seltsame Beschlüsse gefasst wurden: so stimmte man einer Verfügung der
königlichen Amtshauptmannschaft zu, die im Gemeindebezirk auf Staatsstrassen
beschäftigten Schneeauswerfer bei der Tiefbau-Berufsgenossenschaft zu versichern. Ein
Gesuch des Vereins für Feuerbestattung um Bewilligung eines Beitrages für den Bau einer
Leichenverfeuerungseinrichtung in Chemnitz ließ man ganz einfach auf sich beruhen. Von
der Gründung eines Hilfsausschusses für die notleidenden Deutschen in Russland nahm man
wegen der Kleinheit der Stadt Abstand. Beschlossen wurde allerdings, die eingewendeten
Rechtsmittel von 4 Hausbesitzern gegen Bezahlung des Anliegerbeitrages für die
Fußwegherstellung and der Albertstrasse an die vorgesetzte Behörde „einzuberichten“. Von
einer erneuten Verfügung der königlichen Amtshauptmannschsaft, die Herstellung der alten
Buchholzer Straße betreffend, wurde zur Kenntnis genommen und beschlossen, um
Fristverlängerung zum nächsten Jahr nachzusuchen. Ein Gesuch der Wirtschaftsbesitzer
außerhalb der Stadt wohnender zum Erlass der Hundesteuer wurde abgelehnt. Schließlich
aber genehmigte man die Anbringung eines kleinen Gasbrenners für den Durchgang.
Das gesellschaftliche Leben pulsierte: Im Ratskeller fand am 09.01. ein Boucher-Konzert
statt. Über das letzte Gastspiel dieser berühmten Damen, die vor Kurzem in London zum 3.
Mal 2 Konzerte vor ausverkauftem Hause gegeben haben, sowie in Wien, Budapest und
Brünn auftraten, wurde zur Propagierung der Veranstaltung aus der Londoner Times folgende
Beurteilung rezensiert: „… die sehr beliebten Pariserin Boucher gab ihr letztes Konzert vor
sehr elegantem Publikum mit mehreren Mitgliedern der königlichen Familie, die der
Künstlerin mit Applaus und Blumen Beifall zollten. Die distinguierten Künstlerinnen haben
die beste Eignung beim Londoner Publikum hinterlassen. Leider ist nun nicht bekannt, ob der
Auftritt im Schlettauer Ratskeller stattfand und welche Resonanz bestand. Sollte es noch
jemand wissen oder gar ein Programm besitzen, wäre das eine Sensation!! Im Monat Januar
fanden in unserer Stadt seinerzeit immer in den Gaststätten besondere Bewirtungen statt. So
reklamierte in der Obererzgebirgischen Zeitung die Bahnhofsrestauration ein großes
Schlachtfest, wozu der Wirt Moritz Wiltzsch zu Liebotsch einlud, einem echt bayrischen
Gericht mit Schlettauer Schankbier und ab abends 6 Uhr den bekannten Münchener
Schlachtschüsselessen. 1906 wurde in unserer Stadt die bis dahin höchste Anzahl
schulpflichtiger Kinder angemeldet: 55 Knaben und 40 Mädchen. Berichtet wurde aber auch,
dass ein junges Mädchen in diesen Tagen freiwillig in den Tod gegangen ist aus Verzweiflung
darüber, einer Unredlichkeit verdächtigt worden zu sein. Die Unglückliche und ihr
zurückgelassener Vater wurden allenthalben bedauert. Aus der 2. Stadtgemeinderatssitzung
war zu erfahren, dass der Herr Stadtkassierer Gamig und der Registrator Herr Ruttloff die
Gehaltsregelung und die Ausdehnung der Pensionsberechtigung auf die Hinterbliebenen
genehmigt erhielten. Das Gesuch eines hiesigen Bürgers um Gewährung bei der städtischen
Freistelle an der Fürstenschule St. Afra in Meißen fand Zustimmung. Mit der Beschaffung
und dem Einbau eines neuen Ofens für die Arrestzelle im Rathaus wurde Maurer Bitterlich
betraut. Aus Anlass der Silberhochzeit des Deutschen Kaiserpaares wurden für die Schule die
Büsten des Kaisers und des Königs angekauft. Am Tage der Silberhochzeit wurden die
öffentlichen Gebäude mit Flaggen geschmückt und vormittags fand Blasmusik statt. Dass der
unerbittliche Tod Mutter und Tochter im Grabe vereint, dieser seltene Fall ereignete sich in
unserer Stadt. Die zum Begräbnis ihrer Mutter anwesende 38 Jahre alte Briefträgerin aus
Annaberg hatte der Mutter das letzte Geleit gegeben und ordnete, nach dem die Trauergäste
das Haus verlassen hatten, die Wirtschaft. Dabei überkam ihr eine Ohnmacht, von der sie sich
nicht wieder erholte. Mutter und Tochter wurden auf dem hiesigen Friedhof nebeneinander
zur letzten Ruhe gebettet. Dem Ersuchen des Herrn Fabrikbesitzers Scheffler aus Dörfel
bezüglich der Werkgrabenanlage wurde entsprochen.
Im Jahre 1906 hatte die Volksschule unserer Stadt 16 Klassen, bestehend aus 305 Knaben und
305 Mädchen. Von diesen 610 Kindern waren 6oo evangelisch-lutherisch und 10 römischkatholisch. Im Vergleich dazu zählte man 1895 bei 3175 Einwohnern 654 Schulkinder, 1900
bei 3386 Bewohnern 644 Schüler. Das waren noch Zeiten!! Ähnliches betrifft auch die
Anzahl der Fabrikarbeiter in 39 Betrieben unserer Stadt mit 552 Personen.
In der Gemeinderatssitzung des Monats Mai beschloss man den Antrag des Hauptmann a. D.
Naumann betreffs Herstellung von Schaumfängen und die Beseitigung eines Brückenpfeilers
and der in der Nähe des Brauhauses befindlichen Brücke gemäß der Aussage des
Bauausschusses zu genehmigen. In der Oberezgebirgischen Zeitung fand ich zu gleicher Zeit
von der Naumannschen Maschinenfabrik folgende Anzeige, von der heute sicher so mancher
nur träumen kann (Abb.). In der gleichen Zeitung fand ich in eigener Sache die folgende
Verkaufsannonce (Abb.).
Mein Urgroßvater Eduard Theml, geboren in Sebastiansberg im Böhmischen, betrieb in
Schlettau eine Produktenhandlung für landwirtschaftlichen Bedarf in den beiden ihm
gehörenden Häusern Bahnhofsstraße 165 und Schwarzenberger Straße 165. Offensichtlich
brauchte er zur Auslieferung seiner Produkte an die Bauern nach dem Winter einspännigen
Lastschlitten mit Schleife zum sicheren Befahren von Steigungen und Abfahrten nicht mehr.
Da ihn in der Umgegend jedermann kannte, bedurfte es in der Annonce keiner weiteren
Angabe von Ort und Stelle.
Dieter Theml
Schlosser, Dreher und Handarbeiter gesucht!
Lastschlitten mit Schleife gesucht!
Bei Zahnschmerz
Zahnkitt!