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Flüchtlinge - Hautkrankheiten überwiegen - Süddeutsche.de
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Freising
24. September 2015, 18:57 Flüchtlinge
Hautkrankheiten überwiegen
Nur wenige Flüchtlinge, die in den Landkreis kommen, haben schwerwiegende
medizinische Probleme. Psychische Erkrankungen aber können selbst Fachkräfte
wegen der Sprachbarriere kaum erkennen
Von Eva Zimmerhof
"Haben sie vielleicht Verletzungen von ihrer Reise?", fragen sich die einen, die beim
Arzt Flüchtlinge im Wartezimmer sehen. "Haben sie etwas Ansteckendes?", fragen
sich andere. "Das ist nicht so, dass die Flüchtlinge alle ganz schrecklich krank sind",
sagt Landratsamt-Sprecherin Eva Dörpinghaus. Wenn sie in den Landkreis kommen,
hätten sie in der Regel ein medizinisches Screening hinter sich. "Grundsätzlich ist es
so, dass die Flüchtlinge in den Erstaufnahmeeinrichtungen medizinisch versorgt
werden. Das heißt, wenn sie zu uns kommen, springt uns nichts an."
Nur bei den Flüchtlingen in der Moosburger Turnhalle nahmen Mitarbeiter des
Gesundheitsamtes noch ein weiteres Kurzscreening vor. Zusätzlich gab es eine
Erstuntersuchung im Gesundheitsamt. "Doch diese Flüchtlinge kamen im Rahmen
des Notfallplans hierher", sagt Dörpinghaus. "Das war ein Sonderfall."
"Einige der Erwachsenen haben schon Krankheiten wie Hepatitis, HIV und
Tuberkulose, die auch für uns nicht ungefährlich sind", berichtet Albert Söhl,
Kreisgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK). "Zum Teil sind es
Krankheiten, die bei uns eigentlich ausgerottet sind." Doch Söhl macht sich
deswegen keine Sorgen um seine Gesundheit: "Um sich mit Tuberkulose
anzustecken, muss man mit dem Infizierten acht Stunden lang in einem
geschlossenen Raum sein, heißt es."
Lorenz Weigl leitet das
Freisinger
Gesundheitsamt. (Foto:
Marco Einfeldt)
"Wir sind dafür da, dass wir mögliche Ansteckungskrankheiten herausfiltern, sodass
die Bevölkerung mit ihnen nicht in Kontakt kommt", sagt der Leiter des
Gesundheitsamtes, Lorenz Weigl. "Es gab bei den etwa 400 untersuchten
Flüchtlingen im Landkreis insgesamt zwei Fälle von behandlungsbedürftiger
Tuberkulose." Solche Fälle würden sofort ins Freisinger Klinikum oder nach Gauting
gebracht. "Abklärung bedürfen noch elf Lungen- und 14 Leberbefunde", sagt Weigl.
"Aber nur weil ein Röntgenbild etwas auffällig war, heißt das noch nicht, dass es eine
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ansteckende Tuberkulose sein muss." Vor allem habe es KrätzmilbenErkrankungen gegeben.
Das BRK versorgte die Flüchtlinge in Moosburg deshalb. "Krätze, das ist so eine
Hygienesache", sagt Söhl. "Die Hautkrankheit kann bei solchen langen Reisen eben
auftreten. Aber Krätze kann man schnell in den Griff kriegen." Außerdem habe das
Gesundheitsamt prompt reagiert und die notwendige Creme organisiert.
"In der Regel untersuchen wir auf offensichtliche körperliche Krankheiten und auf
Beschwerden hin", sagt Weigl. "Psychische Erkrankungen sind wegen der
Sprachbarriere nicht leicht festzustellen. Bei Auffälligkeiten bemühen wir uns aber,
Dolmetscher hinzuziehen." Unter den Flüchtlingen seien auch 23 Kinder im Alter von
null bis zehn Jahren gewesen. Darunter habe es Fälle von Krätze und Durchfall
gegeben. Schussverletzungen oder ähnliches habe er bei den Flüchtlingskindern im
Landkreis bisher nicht beobachtet, sagt auch Söhl. "Im Endeffekt haben sie die ganz
normalen Kinderkrankheiten. Sie werden dann vom Gesundheitsamt sofort zum
Kinderarzt geschickt."
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Ohne emotionalen Halt
"Die Kinder haben Schlimmes erlebt und ich denke, man muss gut auf sie
aufpassen. Zunächst sind sie noch sehr mit ihrem neuen Leben
beschäftigt, vieles kommt erst später hoch", sagt Katharina Münch, die
einen besonderen Draht zu Menschen mit Migrationshintergrund hat. Die
Kinderärztin spricht türkisch und griechisch und arbeitet zum einen in
einer Freisinger Arztpraxis, zum anderen im sozialpädiatrischen Zentrum
des KBO-Kinderzentrums München, wo sie mit ihrem Team eine
interkulturelle Sprechstunde leitet.
Urteile über psychische Erkrankungen seien für die Mitarbeiter des
Landratsamtes schwierig, sagt Sprecherin Eva Dörpinghaus. "Die
Asylsozialberater sind nun einmal keine Fachleute zur Feststellung von
Traumata." Die Versorgung von Flüchtlingen "wird eine große
Herausforderung für die psychotherapeutischen Einrichtungen werden",
sagt Münch. Da wird man mit der Behandlung kaum hinterherkommen",
vermutet auch Dörpinghaus. "Viel schlimmer für die Kinder ist oft, dass
ihre Eltern traumatisiert sind. Denn Kinder orientieren sich sehr stark an
ihren Eltern und die traumatisierten Eltern können ihren Kindern keine
emotionale Sicherheit mehr geben", schildert die Kinderärztin. "Geld, Zeit
und Liebe, die wir in Flüchtlingskinder und Kinder aus sozial schwachen
Familien investieren, ist nicht nur menschlich, sondern auch
gesellschaftlich eine wichtige und gute Zukunftsinvestition für alle."
Ähnlich wie Katharina Münch schätzt der Leiter des Freisinger
Gesundheitsamtes die Situation ein. "Die Symptome von psychischen
Erkrankungen zeigen sich oft erst im Nachgang, wenn die Menschen
etwas zur Ruhe gekommen sind", sagt Lorenz Weigl. Vorher
kompensierten die Flüchtlinge ihre Erlebnisse oft. Doch irgendwann sei
dies den traumatisierten Menschen nicht mehr möglich - dann etwa,
wenn Angehörige in den Aufnahmeeinrichtungen voneinander getrennt
werden.
zim
"Es ist schon so, dass wir Flüchtlingskinder versorgen, aber noch nicht in der Zahl,
dass es eine große zusätzliche Belastung für uns wäre", berichtet der Freisinger
Kinderarzt Udo Rampf. Da es aber Unklarheiten bei der Versorgung gibt, hat ein
Qualitätszirkel von Kinderärzten bereits im April einige Forderungen formuliert, im
Sommer hat sich außerdem ein Arbeitskreis zum Thema getroffen.
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Generell sei es so geregelt, dass die Bewohner der Unterkünfte, die bereits
Erstuntersuchungen hinter sich haben, "ganz normal zum Arzt gehen" und ihre
Kinder zum Kinderarzt bringen, sagt Dörpinghaus. Irmgard Eichelmann, die für die
Betreuung der Flüchtlinge im Landkreis zuständig ist, besuche die Unterkünfte
häufig, so Dörpinghaus. "Sie sagt, die Kinder müssten nicht sehr oft zum Arzt. Und
wenn, dann geht es um so etwas wie Erkältungskrankheiten, Zahn- und
Hautprobleme." Beim Arzt würden die Flüchtlinge, Erwachsene wie Kinder, übrigens
"genauso behandelt wie andere Patienten auch", betont Dörpinghaus. "Gerüchte,
wonach Flüchtlinge bevorzugt werden, sind einfach nicht wahr."
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SZ vom 25.09.2015
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