DER GLAUBE AN DEUTSCHLAND

DER GLAUBE AN DEUTSCHLAND
Ein Kriegserlebeil von Verdun bis zum Umsturz
von
HANS ZÖBERLEIN
1941 - Zentralverlag der NSDAP., Franz Eher Nachf., München - 36. Auflage / 501.-540. Tausend
Auf den Weg!
Hier ist das Vermächtnis der Front niedergelegt!
Ein einfacher Soldat, der nicht beabsichtigte, die Kriegsliteratur zu vermehren, hat sich in jahrelanger, mühevoller
Arbeit neben seinem Beruf eine Last von der Seele geschrieben. Kämpfe und Schlachten stehen in historischer Treue
mit Tag und Stunde, Ort und Gelände wieder auf. Nicht so, wie man vielleicht die Ereignisse heute nach Jahren erst
sieht. Gipfel und Abgründe stehen nebeneinander und immer die sturmieste Treue der Kameradschaft dabei.
Man hört das Herz der Front schlagen, den QuelI jener Kraft, die unsere unvergänglichen Siege schuf. Und ungewollt
greift die soziale Frage ins Geschehen ein, das Denken der "vaterlandslosen Gesellen".
Das Buch hat allen etwas zu sagen: dem Soldaten, dem Politiker, den schaffenden Deutschen aller Stände.
Der heranwachsenden Jugend ist es
das Erbe der Front!
München, im Februar 1931
Inhaltsverzeichnis
Schlacht bei Verdun
In den Vogesen
Wieder Schlacht bei Verdun
Im Douaumont
Fleury
Ausbildung beim Sturmbataillon
Schlacht an der Aisne
Schlacht in Flandern
Tankschlqcht bei Cambrai
Winter in der Siegfriedstellung
Große Schlacht in Frankreich
Schlacht bei Noyon
Die zweite Marneschlacht
Die letzte Flandernschlacht
Der große Rückzug
Die letzte Nachhut
Der "Frieden"
Die chronologische Schilderung des dreijährigen Kriegserlebens eines Infanteristen würde in diesem Buche nicht Platz
finden. Daher sind aus den niedergesehriebenen Blättern nur die ganz großen Ereignisse herausgegriffen worden.
Dazwischen liegen Wochen und Monate des Kleinkampfes in sogenannten "ruhigen" Stellungen. Erzählt ist nur ein Teil
des Krieges, aber der schwerste. Die Westfront mit ihren Großkampfgebieten ist der Schauplatz. Dort, wo der Glaube
an das alte Reich an Drahtverhauen und in Trommelfeuern zerbrach - und aus Trichterfeldern in Blut und Feuer, bei
Hunger und Tod der neue Glaube an ein besseres Deutschland geboren wurde.
Der Infanterist, der hier erzählt, stand bei mehreren bayerischen Regimentern im Felde. In der Gefechtsspalte seines
Militärpasses steht folgende Litanei von Kämpfen:
3. - 10.3.16
Am 10.3.16
1. - 15.9.16
20.9. - 3.10.16
4.10. - 13.12.16
14.12.16 - 25.1.17
26.1. - 5.4.17
6.4. - 28.4.17
29.4. - 19.7.17
31.7. - 23.8.17
24.8. - 5.11.17
1.2. - 20.3.18
21. u. 22.3.18
23. - 26.3.18
27.3. - 23.4.18
24.4. - 26.4.18
27.4. - 3.5.18
4.5. - 8.6.18
9.6. - 13.6.18
14.6. - 26.6.18
5.7. - 14.7.18
15.7. - 17.7.18
18.7. - 25.7.18
26.7. - 3.8.18
4.8. - 8.8.18
9.8. - 25.8.18
26.8. - 16.9.18
27.9. - 8.10.18
9.10. - 10.10.18
10.10. - 4.11.18
5.11. - 11.11.18
Ab 11.11.18
Angriffsschlacht bei Verdun.
verwundet am Rabenwald bei Forges.
Siellungskämpfe i. d. mitil. Vogesen.
Schlacht vor Verdun.
Stellungskämpfe an der Aisne.
Stellungskämpfe an der Somme.
Stellungskämpfe an der Aisne.
Doppelschlacht Aisne-Champagne.
Stellungskämpfe in Lothringen.
Schlacht in Flandern.
Kämpfe in der Siegfriedstellung.
Vorbereitung der großen Schlacht in Frankreich.
Durchbruch zwischen Gouzeaucourt und Vermand.
Große Schlacht in Frankreich.
Kämpfe an der Somme, Ancre und Avre.
Schlacht bei Villers-Bretonneux, an Luce und Avre.
Kämpfe a. d. Anere, Somme u. Avre.
Kämpfe an der Avre und bei Montdidier und Noyon.
Schlacht zw. Montdidier und Noyon.
Kämpfe an der Avre u. an der Matz.
Kämpfe zwischen Aisne und Marne
Angriffsschlacht an der Marne und in der Champagne
Abwehrschlacht zwischen Soissons und Reims.
Die bewegliche Abwehrschlacht zwischen Marne und Vesle.
Stellungskämpfe an der Vesle.
Ausbildungszeit hinter der Front der 2. Armee.
Stellungskämpfe in belg. Flandern.
Abwehrschlacht in belg. Flandern.
Kämpfe an der Front Armentières-Lens.
Kämpfe in der Hermannstellung an der Schelde.
Rückzugskämpfe von der Antwerpener Maasstellung.
Waffenstillstand an der Westfront.
Die kursivgedruckten Gefechte sind geschildert.
Der Verfasser
Schlacht bei Verdun
Ein Ruck fuhr durch die Wagenreihe; die Bremsen kreischten, und der Zug stand. Die Türe wurde aufgerissen:
"Aussteigen!"
Stockfinstere Nacht ist draußen. Wo man nur war? Hastig wurden beim spärlichen Schein einer Taschenlampe Decken
und Mantel auf den Tornister gerollt, und bald war der letzte Schatten des Schlafes aus den Augen gewichen.
Merkwürdig, daß kein Bahnhof auf der Seite stand, wo wir ausstiegen, - und auf der anderen auch nicht, nur der
quatschende Teppich einer sumpfigen Wiese. Langsain begann der Februartag seinen bleichen Schein auf den
regenschweren Himmel zu zeichnen, als unsere Marschkolonne auf einer Straße festen Boden unter die Füße bekani.
Iller und da trug ein Windstoß einen gedämpften Wirbel an unsere gespannten Ohren, und wortlos lauschte dann die
ganze Kompanie mit ihren Sinnen den verwehten Fetzen eines fernen Schlachtenlärms.
Lange marschierten wir in stummer Andacht dahin; eintönig klang der schhirfende Takt des Gleichschritts dazu. Daß
wir in die Schlacht gingen, war jedeni klar.
Wir hatten im Zwielicht des Tages eine Ortschaft passiert. "Savigni" (Champagne) stand an einem Haus geschrieben.
Der Wind hatte sich gelegt, und deutlich rollt ununterbrochen, anschwellend und wieder verebbend, der Kanonendonner
an unser Ohr. An winterlich öden Feldern vorbei und durch ärmliche, kleine Ortschaften zog die larige Marschkolonne
des Aegiments ostwärts darauf zu. Neugierig starrten Feldgraue in verschlissenen, von Lehm gefärbten Uniformen vor
den Häusern zu uns her. In besseren Gebäuden waren Stäbe einquartiert. Auf freiem Feld übten einige Kompanien, und
in Wäldern waren Arbeitskommandos beim Schlaoen der Bäume. An den Straßenrändern lagen Faschinen und Roste
geschichtet. Eine Munitionskolonne jagte in scharfem Trab an uns vorbei und bespritzte uns mit dein weißgrauen Dreck
der Straße bis an den Helm.
Hoch oben, in Richtung zur Front, hob sich eine lange Kette weißer Wölkchen vom grauen Himmel und verlängerte
sich immer mehr. "Baff, baff, baff" - tönte matt das Platzen der Schrapnelle. Ein kleiner dunkler Punkt schwirrte darin.
Interessiert beobachteten wir die Fliegerjagd, bis der graue Vogel in rasendem Flug näher kam und die weißen
Wölkchen in der grauen Wolkenwand zerflossen. Und ganz fern am Horizont sprangen auf einer Bodenwelle
fächerartige Brunnen empor, hüllten sich in schwarze Rauchwolken und waren längst verweht, bis ein zerklirrender
dumpfer Krach von weither an unser Ohr drang. Das dauerte vielleicht zehn Minuten, dann lag der Horizont wieder so
friedlich vor uns wie vorher. Die ersten Vorboten des Krieges hatten sich uns vorgestellt. Alle hatten wir das
beklemmende, feine Gefühl der Gefahr, als wären wir selbst durch diese Einschläge hindurchgegangen - und für sich
schätzte wohl jeder, wie weit es noch sei bis in den Bereich des feindlichen Feuers.
Am Nachmittag bog die Spitze des Regiments auf eine seitlich liegende Ortschaft zu, und, was der Hoffnungsvollste
nicht erwartet hatte, wir kamen dort in Quartier. Eine Karte, die an einer Kantine angeschlagen war, zeigte uns, daß wir
uns in den Argonnen befanden. Der Ort hieß Macqu. Südwärts streckte sich in breiten schwarzen Streifen, so weit das
Auge sah, der allen blutig bekannte Argonner Wald, von dem wir erst kurz in Antwerpen das schwermütig schöne Lied
gelernt hatten. "Argonner Wald um Mitternacht - - -"
Wir fanden dichtgedrängt in einem Stall Platz. Mit neugierigen Augen betrachteten wir das Leben und Treiben im Ort.
Zivilisten sind nicht mehr da. Das reinste Feldlager ist aus diesem kleinen Nest geworden. In Toren und Höfen rauchen
Feldküchen und stehen hochbeladene Bagagewagen; in Ställen und Bretterschuppen stampfen die Rosse. Aus allen
Fenstern dringt der Lärm und Gesang einquartierter Soldaten, und die Brunnen sind den ganzen Tag umlagert.
Ordonnanzen sausen hin und her zwischen den Kanzleien. Abends stehen in großen Höfen die Kompanien marschbereit
für die Ablösung, und spät in der Nacht oder am frühen Morgen kommen die Abgelösten truppweise, müde und
schmutzig in die von den anderen verlassenen Quartiere. Häufig rasseln in der Nacht Munitionskolonnen durch die
Straßen und kehren Stunden darauf langsam mit abgetriebenen Pferden zurück. Eine Menge gefangener Russen ist mit
dem Instandsetzen der Straßen beschäftigt. Von Zeit zu Zeit kommt ein Sanitätsauto und ladet am Schulhaus seine
Bahren ab.
Bald ist uns das Treiben zur Gewohnheit geworden, und die Ohren vernehmen kaum noch den immerfort rollenden
Wirbel, obwohl er - besonders nachts - deutlicher wird. Bald ist auch die alte, gewohnte Munterkeit durchgedrungen
und der Schatten der lauernden Gefahr verscheucht. Aber ein Funke davon ist doch noch vorhanden und vibriert leise
weiter in den erregten Nerven, solange man Zeit hat zum Grübeln und Sinnieren, solange man tatenlos sich sträubend in
ein unbekanntes Schicksal ergeben muß, das seine stählernen Arme breitet, und dessen unerbittlicher Blick dir sagt:
"Du entkommst mir nicht!"
Erst hieß es, wir müßten die Preußen im Argonner Wald ablösen, dann brachte einer das Gerücht von einer
gewaltsamen Erkundung, wozu wir bestimmt sein sollten. Ein anderer wieder versicherte, wir lägen hier bereit, einen zu
erwartenden Gegenstoß der Franzosen im Hinblick auf unsere ersten Erfolge bei Verdun abzuschlagen. Daß wir selbst
an der Angriffsschlacht bei Verdun teilnehmen werden, an das Nächstliegende dachte kaum einer.
In der Nacht vom 6. zum 7. März ist Alarm. Bis zum Morgengrauen sind wir schon ein gutes Stück marschiert.
Marschrichtung ist das Trornmelfeuer vor uns, und jedem wird klar, daß da vorne ein gewaltiges Ringen unsere frischen
Kräfte auf sich zieht. Bis zum Mittag liegen schon mehrere Orte hinter uns. Das Leben auf den Straßen wird hastiger
und stärker, je näher wir dem Lärm kommen, Eine Reihe Fesselballons steht wie große Würste am wolkigen Himmel
und drüben 'ganz weit und ganz klein eine ebensolche Reihe. Das ist der Feind. Ob er uns wohl sieht? "Cunel" steht auf
einer Tafel in einem dreckigen Nest. Hier wird gerastet und menaglert. Autos und Wagen mit Verwundeten, die bleich
und voll lehmiggelbem Dreck sind, fahren an uns vorbei. Wir hören, daß es vorne fest vorwärts geht, was uns mit guter
Zuversicht erfüllt. Ein Preuße ruft uns zu: "Nu, man feste druff, Jungens!"
Dann gelit es weiter. Die Kompanieführer studieren im Reiten ihre Karte, es scheint etwas bevorzustehen. Bald biegen
wir von der Straße ab, quer über ein Feld. Einzelne Granattrichter werden bestaunt. Dann nimmt uns ein Wald auf,
durch dessen Unterholz wir uns stundenlang hindurchwinden. Zwischen dem dichten Gestrüpp tauchen andere
Kompanien auf, die ebenso wie wir nach vorne auf den immer stärker werdenden Geschützdonner zustreben.
Artilleristen hantieren hinter verstecktün Geschützen, und urplötzlich zerreißen ohrenbetäubende Schläge die Luft.
Immer weiter! Der weiche Lehmboden bringt uns in Schweiß, und lästiu drücken schon längst Gewehr und Tornister.
Der klebende Lederhelm wird ins Genick geschoben.
Wir müssen eigentlich längst im Feuerbereich der feindlichen Artillerie sein. Die Trichter werden immer zahlreicher.
Manche sind ganz frisch aufgerissen und haben am tiefsten Punkte schwarze Flecken vom Pulver, und manchmal
schaut ein zackiger Splitter aus dem Lehm. Andere sehen aus wie vernarbte Wunden und sind fast bis oben voll Wasser
und die Ränder schon wieder vom Gras überwachsen. Zersplitterte, abgeschossene Bäume und zerfetztes Geäst liegen
im Weg. Ein eigenartiger, saurer Geruch liegt in der feuchten Luft.
Im Dunkelwerden machten wir endlich halt auf einer mit verharschtern Schnee bedeckten Wiese. Hundsmüde sanken
wir in den Schnee und begannen zu schlafen, nachdem wir erfahren hatten, daß wir heute nicht mehr gebraucht würden.
Ein glänzender Sieg sei von den vor uns liegenden Preußen erfochten, mehrere französische Stellungen seien
vollständig genommen und über tausend Gefangene gemacht worden. Daher war auch das Schweigen der feindlichen
Artillerie zu erklären, die ihre Stellungen nach hinten verlegen mußte. Wie lange ich frierend lag, weiß ich nicht.
"Auf! Weiter geht's!" Schüttelnd vor Frost tappten wir in der stockfinsteren Nacht, einer hinter dem anderen, in
endloser Reihe dahin. An allen Ecken vor und hinter uns fuhren gelbe Blitze empor, begleitet von bebendem Krachen
und stählernem Sausen in der Luft. Unsere schwere Artillerie beschoß Verdun. Hin und wieder, alle paar Minuten, fuhr
ein lohender Feuerstreif von einer Höhe lunter uns am Nachthimmel wie ein Riesenfanal ernpor; ein brüllender Schlag,
als wäre der Schlund der Hölle aufgesprungen, und ein drückender Luftstoß warf und schob uns durcheinander, da wir
gerade in der Schußrichtung liefen. "Kurz voraus!" "Anschluß halten!" "Schaut, daß ihr nachkommt!" Man rutschte,
stolperte, schrie und brüllte, um sich verständlich zu machen in dem Feuerlärm. "Obacht, Draht!" Aber schon lag einer
im glitschigen Lehmdreck und fluchte.
Allmählich wurde der Schritt doch gemütlicher. Häuser tauchten auf, es ging neben einer schmutzstarrenden Straße
entlang, die von Truppen überfüllt war. Alle möglichen Bagagewagen, Feldküchen und unaufhörliche
Nfunitionskolonnen jagten auf der einen Seite vor und auf der anderen zurück. Wie graue Scheinen huschten Pferde und
Soldaten aneinander vorüber. Man wurde uanz irr in dein Durcheinander, wo die eigene Koiripanie lief, Vor einem
Haus brannte eine trübe Laterne neben einer Rotkreuzflagge; Bahren und Verwundete schoben und drängten sich im
Eingang.
Endlich war der Trubel überwunden. Wir stiegen und rutschten einen Hang abwärts und blickten in das nächtliebe
Panorama der Beschießunu. Eine Zeitlang schwelte der Lärm eines breiten Infanterlefeuers heran, und ganz deutlich
prasselten darüber empor die Leiern der Maschinengewehre. Dann verschlang das mächtigere Toben der Artillerien den
kleineren Lärm wieder.
Nach schier verrückten Kreuzundquerzügen tauchten die leblosen Ruinen zerschossener Häuser auf. Es war Gercourt.
In einer abseits stehenden großen Scheune wurden wir für die Nacht untergebracht. Zwei Kompanien lagen haufendicht
auf dem blanken, harten Lehmboden. Schlaf kam uns nicht in die Augen vor schneidender Kälte, nur die müden Glieder
ruhten von der Erschöpfung. Alle paar Minuten erschütterte der Schlag des Riesengeschützes hinter uns den Boden und
die Wände, daß der dicke Staub aufwirbelte. In den Spuk draußen mischte sich auf einmal immer häufiger ein dünner,
winselnder Ton, der in einem dumpfklirrenden Krach ertrank. Der Ort wurde beschossen. Aber anscheinend
teilnahmslos für die Umgebung sucht das Gehirn die sich überstürzenden Eindrücke zu sammeln und in Ordnung zu
bringen. Mit dem bleichen Morgen sinke ich in einen unruhigen Schlaf, der immer wieder alle paar Minuten von dem
Riesenschlag des Geschützes unterbrochen wird.
Am 8. März weckt mich mein Kamerad. Wir waschen uns den verschwitzten Schmutz von Kopf und Händen und sehen
ziemlich froh und unternehmungslustig gestimmt in den sonnigen Morgen hinein. Das Schießen ist jetzt bedeutend
schwächer wie in der Nacht. Um 8 Uhr fahren die Feldküchen bis in die Nähe heran und bringen Kaffee. Eiserne
Portionen werden gefaßt. Plötzlich streut eine feindliche Batterie die zerschossene Ortschaft ab. Ununterbrochen
winseln die Geschosse heran, mit zersplitterndem Krach gelblichgraue Wolken der zusammenbrechenden Mauerreste
oder braune Erdfächer aufwirbelnd. Mehrfach fallen Erdbrocken klatschend in die Nähe. Wir stehen hinter der Ecke
einer zerschossenen Scheune und beobachten das Schauspiel der Beschießung mit der Neugier der Unerfahrenen aus
nächster Nähe, bis unerwartet einige Meter vor uns mit starkem Luftdruck eine Erdwolke auffährt und uns mit Steinen
und Erdbrocken überschüttet. Die Mauer, hinter der wir standen, hatte uns vor Schlimmerem bewahrt. Erschrocken
suchen wir unsere Scheune wieder auf, die gerade geräumt wird, weil ein Treffer im Dach und andere vor dem Tore
eingeschlagen haben. Alles ging glücklich ab, so daß wir das Feuer für wirkungslos hielten.
Im Laufschritt jagten wir truppweise durch die zerstörte Ortschaft, von unheimlich nahen Granateinschlägen gehetzt.
Mit umfassenden, kurzen Blicken nahm ich das Bild der Zerstörung an einer Straßenecke schaudernd in mich auf.
Fensterlose Mauern, eingestürzte, verkohlte Dachstühle, durchgeschlagene Decken und finstere, unheimlich gähnende
Kellerlöcher. Steine, Ausrüstungsstücke, eine zerschossene Protze und tote Pferde mit heraushängender Zunge lagen
auf der Straße im geronnenen Blut. Nur einen Augenblick lang sah ich das, dann waren wir im Freien. Allenthalben
rückten die Kompanien unseres Bataillons in Zugkolonne die jenseitige Bodenwelle empor und strebten dem Rande
eines auf der Höhe liegenden Waldes zu, dem Forgeswald. Vor dem Walde bei einer Gruppe noch unbeschädigter
Häuser gingen wir in Deckung, während andere Kompanien sich in den Gebüschen an einem ausgefahrenen Wege
bargen.
In einem seitlich von uns liegenden, weiten Obstgarten begann die feindliche Artillerie mit wütender Hast einige
Häuser zu zerschmettern. Und auf einmal, mit einem Sprung, hatte sie unsere Umgebung gefaßt. Unter den plötzlich
niederschmetternden Einschlägen rannten wir in einen Keller, in dem eine Menge Drähte zusammenliefen. Die
Telephonisten drunten schimpften, daß wir das Feuer auf sie gezogen hätten; noch nie sei, bis gerade eben,
hiehergeschossen worden. Ich ging wieder hinaus und stellte mich unter das Vordach des Hauseingangs.
Rauchschwaden vernebelten die Aussicht, unaufhörlich heulte und fuhr es nieder, mit blassem Feuerschein und
betäubendem Schlag stickigen Dampf verbreitend. Aufschreie gellten durch das Getöse. "Sanitäter!" klagte
hilfefordernd und stöhnend irgendeiner, man kann nur nicht feststellen, woher; bis einige bleich, mit erschrockenen
Augen, über und über voll Dreck, blutend und jammernd vorbeihasten in den Keller und einer auf meine Frage: "Was
ist denn los?" zu einer Hecke deutet und stöhnt: "Volltreffer, ein ganzer Haufen tot."
Augenblicklich bin ich außerstande, mich vom Fleck zu rühren, so ist mir das Entsetzen in die Glieder gefahren. So
unfaßbar scheint es mir, daß dort an der Hecke, wo vor wenigen Minuten beim Betrachten der ersten Einschläge sich
einer lustig machte und alles vor Lachen hinausbrüllte, jetzt eine Reihe regungsloser, grauer Gestalten lag und Sanitäter
dabei waren, Zeltbahnen und Decken darüber zu breiten. Zwanzig Mann mit einem Schlag verwundet und tot. Das
Feuer war vorüber, und weiter entfernt tobten die Einschläge der heimtückischen, feindlichen Batterien. Wie im Traum
schloß ich mich meinem sammelnden, weitermarschierenden Zug an.
Ein eigenartiges Schauspiel fesselte erneut unsere Aufmerksamkelt. Am Rande des Forgeswaldes stand ein riesiges
Geschütz, das ein unerhört langes Rohr über die Bäume emporreckte. Ein Gewimmel von feldgrauen Gestalten war um
dasselbe herum, bis mit einemmal auf einen Pfiff alle stillzustehen schienen. Dann, unsere Augen wurden ganz groß,
stieß auf einmal eine mächtige Wolke von Feuer und gelbem Dampf aus der Mündung, das Rohr kippte nach unten, und
ein herzbeklemmender Donnerschlag erschütterte die Luft. Ein Marinegeschütz mit einem 30-cm-Kaliber war hier in
Tätigkeit.
Strahlenförmig bogen von allen Seiten die Kompanien des Bataillons in eine Schneise ein. Kurz, wie ein Spuk, fegte
schon wieder der Feuerwirbel über uns hin. Zur Seite blickend, sah ich mit Entsetzen, wie die letzten Gruppen einer
Kompanie von der Wolke eines klirrenden Einschlages verschlungen wurden, Getroffene zur Seite taurnelLen und alles
ause:nanderstob. Weiter! Weiter! Schon heult mit glerheiserem Gejohle eine neue Lage heran und zerschmettert hinter
uns, Äste und Laub emporwirbelnd. Auf glitschigen, schwarzen Waldwegen eilen wir vorwärts, Lichtungen, auf denen
Arülleristen hinter Geschützen und Haufen von Granatkörben hantieren, überquerend, bis wir endlich, tief in dem
verwirrten Unterholz versteckt, kurz rasten dürfen. Rasch ist alles wieder beisammen, und in Reihen zu einem windet
sich die Kolonne durch den Wald. Bäume liegen geknickt umher, verwirrendes Astwerk und wassergefüllte Trichter
hemmen den Marsch. Der Wald ist ein hallendes Echo donnernder Abschüsse versteckter Batterien, die wir nicht sehen,
und prasselnder, heulender Einschläge. Manchmal schwankt der Boden vom Stoß eines Blindgängers, der sich, tief
erstickend, in den sumpfigen Waldboden wühlt.
Auf einem Lattenrost geht es dann besser vorwärts und an den gähnenden Mäulern einer Batterie vorbei, die aus dem
Astwerk dichter Büsche über unsere Köpfe gucken. "Obacht geben!" schreit eine Stimme aus den Büschen heraus.
Ich höre noch eine Zahl rufen, dann ein niehrst, miniges Jertig!" und das Kommando: "Erstes - Feuert" Dann schleudert
mich der Luftdruck eines ungehörten Absehusses betäubt in den Dreck. Schimpfend vor Ärger, sehe ich ineine anderen
Kameraden lachen, aber hören kann ich sie nicht mehr. Schon befürchte ich, daß mir die Trommelfelle geplatzt seien,
doch bessert sich nach einiger Zeit mein Zustand, und ein paar Stunden später höre ich wieder ganz gut; nur ein leises
Singen plagt mich noch tagelang danach.
In der Deckung einer vorspringenden Walclecke verschnaufen wir. Hinter Büschen liegt die Masse des Bataillons zum
Vorgehen bereit. Dicht vor uns läuft das Gew Pre der seitherigen deutschen Stellungsgräben den sanft abwärts
gerichteten Hang entlang. Das graue Gespinst endloser Drahtverhaue, an einzelnen Stellen durchbrochen, zieht sich
davor hin, und auf dem jenseits ansteigenden Hang liegt dasselbe Spiel umgekehrt. Dazwischen liegen, kaum kenntlieh
hingestreut, die Gefallenen. Das sieht so harmlos aus und sagt doch jedem den Ernst der Lage an. Wer wird von uns
darankommen?
In der Bodensenke, halblinks, ragen aus einem riesigen hellen Schutthaufen die Reste zerschossener Mauern empor.
Das ist das Dorf Forges, das gestern von den Preußen gestürnit worden ist. Bis jetzt, um die Mittagszeit, sind die
Stellungen über den jenseitigen Hang hinweggetragen. Der Sturm auf den Rabenwald steht bevor. Mir stehen als
Reserve für alle Fälle bereit. Mein Name wird gerufen: "Sie treten als Ordonnanz der Kompanie zum Bataillonsstab."
"Jawohl!"
Unhellverkündend zerspringen auf dem Hang vor uns einzeln, Granaten, als wir gerade im Laufschritt gruppenweise
aus dem Wald hervorbrechen und gestreckten Laufes über Gräben und Drahtverhaue hinweg in den Grund auf Forges
zueilen. Ohne Verluste erreichen wir die breite, schuttübersäte Straße, die durch den Ort führt, und schlagen uns seitlich
nach links in eine restlos zerstörte Mühle. Hier sollen wir bleiben. Hinter einem mannshohen Mauerrest gehe ich mit
den anderen Meldern in Deckung. Wir sollen hier weitere Befehle eines preußischen Regiments erwarten, dem wir für
den Angriff unterstellt sind.
Vertrauenerweckend ist der Ort nicht. Hart jenseits der Straße liegt das- Bataillon in sündhaft dichten Haufen. Von
vorne dringt ein immer wahnsinniger werdendes Gewehrfeuer, vermischt mit dem vielfachen Geschnatter der
Maschinengewehre, durch das Toben der beiden Artillerien. Vielfach dröhnen schwere Granateinschläge in den
Schutthaufen des Dorfes, haushohe Sprengwolken emporstoßend und prasselnd die letzten Mauern umlegend. Hin und
wieder klopft, bald langsam - bald rasend - ein französisches Maschinengewehr auf den Steinhaufen, hinter dem wir
liegen.
Wir setzen uns auf die Tornister und wicheln unsere Füße in Decken, denn es ist bitter kalt geworden. Man scheint uns
vorne nicht zu brauchen. Auf der Straße humpeln und laufen Verwundete zurück. Sanitäter traoen zu vieren verdeckte
Bahren nach hinten. Gefangene Franzosen schleppen und tragen verwundete Kameraden mit vielem "Oh maman" und
Gestöhn vorbei. Es sind die ersten Franzosen für mich in ihren neuen graublauen Spenzern mit dem kindisch kokett im
Genick sitzenden kleinen Stahlhelm, von uns mit forschenden Blicken gemustert. Ihr lebhaft gestikulierendes,
schwatzhaftes Gebaren erweckt vorläufig keine besondere Achtung vor dem Gegner bei uns. Das war ein wesentlich
anderes Volk als wir. "San dös Geckerlmacher!" sagte einer von uns aus seiner momentanen Empfindung heraus.
Schon die ganze Zeit hat eine feindliche Batterie die Flugbahn ihrer sausenden Geschosse über uns hinweg in den
nahen, jenseits der Straße liegenden Friedhof gelenkt und zerschlug die zum Teil noch stehende Friedhofmauer oder
warf die Grabsteine wie Spielzeug empor und durcheinander. Erst hörte man ein dünnes Winseln, das unheimlich
schnell zu einem Mark und Bein durchdringenden Geheul anschwoll, als spränge das Ungeheuer direkt auf uns zu - uiihuiuhi schscht... trruurn - da war es mit einem Satz über uns hinweg und wühlte sich mit Blitz und mörderischem
Krachen in Erde und Gestein. Mit schnarrendern Singen surrten die Splitter "tschäng-trr" - aufspritzend in den Dreck.
Erst einzeln, dann lagenweise zu dreien - seht, seht, seht - jagten die Flachbahngeschosse so dicht über uns weg, daß wir
gruselig meinten, die Haare würden uns gekämmt, und den Kopf jedesmal tief nach unten beugten, als wollten wir uns
möglichst klein vor den daherrasenden Ungetümen machen.
Als sich das Spiel im Friedhof ausgetobt hatte und einige Minuten lawy schwieg, äugte ich vorsichtig über die Mauer
nach drüben. Ein Fesselballon der Franzosen, der vorher nicht dagewesen, stand schön und groß dort drüben. Und nun
wurden wir eingedeckt. Die Batterie schoß direkt auf die Straße. Es verging uns Hören und Sehen. Hilflos kauerten wir
uns in den toten Winkel des noch ragenden Gemäuers. Kurz vor uns in den Steinhaufen der Mühle schlagende
Geschosse bedeckten uns mit Geröll und grauem Staub. Eine Granate, die wir nicht kommen hörten, riß einige Meter
hinter uns ein mächtiges Loch, rotes Feuer flog vor den Augen, undurchsichtiger, schwarzer Qualm raubte den Atem,
eine Ladung Steine und Drech. prasselte herab, Splitter schlugen staubend in die Mauer. Entsetzt starrten wir einander
in die schreckhaft aufgerissenen Augen und verzerrten Gesichter. Mich traf ein schmerzender Schlag an den Fuß, ein
zackiger, breiter Splitter hatte sich in den Absatz meines Stiefels gebrannt. Unwillkürlich hatten wir unsere Dechen über
uns gezogen, die, uns wunderbar schützend, an vielen Stellen von Splittern zerfetzt waren. Ich merkte mir das für
spätere Tage.
Ausreißen! - dachten wir. Das war aber Wahnsinn. Wohin denn? Unerbittlich, mit präziser Reihenfolge, eine hinter der
anderen, zerbarsten um uns die Granaten. Der einzige Trost war der fieberhafte Gedanke: wenn es doch aufhören
wollte, wenn es doch aufhören... Da schlug an der Ecke unserer Mauer wieder ein fahler Blitz hoch, die Mauer wankte,
Steine rutschten auf uns herunter - aber die Mauer stand weiter. Nicht einmal den Schlag der Explosion hatten wir
vernommen, aber gegen diese Granate war unsere Deckung gut.
Es war schon spät am Nachmittag, als die Batterie endlich ihr Feuer verlegte. Ein Hauptmann des Bataillons kam mit
einigen Ordonnanzen über die Straße herüber, gratulierte zu unserem Dusel und lobte unsere Ruhe in diesem Feuer. Wir
besahen uns nun die Umgebung erst genauer; eine Menge frischaufgewühlter Trichter beträchtlichen Umfanges waren
da. Ein Glück, daß dieser Feuerwirbtl nicht in die gedrängte, 50 m rückwärts liegende Masse des Bataillons gefahren
war.
Von vorne kam eine preußische Ordonnanz mit der Meldung, der Rabenwald sei zum größten Teil genommen. In
größeren Trupps zogen Verwundete und Gefangene auf der Straße nach hinten. Hoch oben rauschten die Bahnen der
schweren Geschosse durch die Dämmerung.
Auf einer leichten Erhöhung, 300 in links von der Mühle, hielt unbeweglich ein Reiter. PlöIzlich jagte, wie aus dem
Boden gestampft, eine schwere Batterie unter Bäumen hervor und versc-bwand ebenso schnell in einer Senkung vor
unseren BI eken. Bald darauf fuhren ununterbrochen die Blitze des Mündungsfeuers mit wilder Schönheit am
dämmernden Himmel empor, und rollendes Gebrülle verschlang sich mit dem übrigen Feuerlärm der Artillerie.
Nun entwickelte sich ein Schauspiel von gigantischer Wucht. Als drohte es uns mitzuverschlingen, fiel auf die kleine
Bodenerhebung da drüben mit rasender, heulender Gier das Feuer einer Batterie aus den Forts von Verdun. Wir standen
wie gebannt. Riesige gelbe Blitze schossen empor, der Boden wankte, und eine pechschwarze, noch nie gesehene
Wolke von unerhörter Größe stand kerzengerade wie ein verästelter Baum unter dem zerreißenden Donner des fühlbar
bis zu uns dringenden Luftdrucks dort drüben. Ununterbrochen heulte Schuß auf Schuß heran, ein toller Wahnsinnstanz
von Blitzen durchzuckte den ganz in eine finstere Rauchwand gchüllten Hügel. Aber ungestört zuckte das
Mündungsfeuer unserer Batterie weiter, bis auch dieser Wutausbruch zu Ende ging. Eine Mauer in unserer Nähe stürzte
von den Erschütterungen ein.
Die Kompanien rückten heran und erhielten Befehl, sich in dem zerschossenen Schutthaufen des Dorfes für die Nacht
einzurichten. Wir vom Bataillonsstab gruben im Garten vor der Mühle einen seichten Graben und überdeckten ihn mit
Brettern und Türen zum Schutz gegen Splitter. Essenholer klapperten mit den Kochgeschirren, und nach Sättigung
unseres Magens schichten wir uns, als hätten wir es nie anders gekannt, wie Heringe aufeinander, in unseren viel zu
kleinen Graben und schliefen unter dem wiederauflebenden Geschteße der feindlichen Artillerie unbekümmert ein.
Mitten in der Nacht erwache ich, schier eingemauert von herabgerutschten Erdmassen, eine Granate hatte uns den
Graben eingedrückt, ohne daß wir es merkten. Ich wühlte mit den Händen meinen Tornister heraus, suchte umsonst
mein verlorenes, schönes Messer, das mir aus dem Stiefelschaft gerutscht war, und stülpte mir einen viel zu großen
Helm über den Kopf.
Mit Anbruch des Morgens rückten wir wieder nach hinten und bezogen die ehemalige alte deutsche Stellung. Wir
waren vorläufig überflüssig. Vor dem Graben hatte sich eine Batterie eingeschanzt, daß die Rohre der Geschütze knapp
über den Boden strichen. Wir krochen über steile Stufen tief in den enuen Raum eines tropfenden Unterstandes, der mit
mächtigen Hölzern ausgesteift war. Das war etwas Neues für uns, und wir fühlten uns absolut sicher geborgen darin.
Wir hatten den ganzen Tag Zeit, stöberten durch den sumpfigen Graben, standen auf den Feuerstellungen herum und
untersuchten die heruinliegenden Ausrüstungsgegenstände, Gewehre und Handgranaten. Grausig steif lagen Tote vor
dem Graben, die wohl von den ersten Schüssen beim Angriff getroffen worden sind. Scheu sahen wir daran vorbei.
Drüben sah man am Hang noch die Toten der Franzosen wie blaugraue Flecke hingestreut. In einem Laufgraben lagen
mehrere Tote in wirrem Knäuel in einer Lache geronnenen Blutes mit verzerrten, gelben Gesichtern und glasigen
Augen an einer eingedroschenen Grabenwand. Sanitäter räumten bald das Gelände und pflanzten kleine Holzkreuze ins
Feld.
So also sah der Heldentod aus? Ein würgendes Gefühl im Halse und wirre Gedanken im Kopf schlich ich umher. So
wenig war also ein Menschenleben, daß es jederzeit durch irgendeine Tücke, durch einen grotesken Zufall ausgelöscht
werden konnte? Vielleicht könnten diese Leute noch leben, wenn sie nicht gerade dort gegangen wären, just als diese
Granate kam oder das kleine kupferne Ding daherzischte. War man so wenig Herr über sein Leben?
Es dreht sich alles um in mir.
Wenn mich gestern die eine Granate getötet hätte, es wäre mir so zwecklos, so sinnlos vorgekommen wie die ersten
Toten hinten in Trillancourt. Schließlich war es noch zu verstehen, wenn man einem Franzosen gegenüber bleiben
würde, der stärker, gewandter, rascher mit der Waffe umzugehen verstand.
Nachts saß ich lange auf der Feuerstellung und lauschte dem Rauschen der Geschoßbahnen hoch über mir. Wie das
schlürfte, gurgelte und zischte! Manchmal, wenn das Riesengeschütz hinter dem Forgeswald aufblitzte, fuhr ein
grünlieh leuchtender Punkt in hohem Bogen am Nachthimmel entlang, von einem Schlürfen und Rollen begleitet, als
führe ein Waggon auf einem Geleise dahin. "Rollwagl" hatten wir diese schweren Geschosse getauft. Es war kalt und
begann zu schneien. Später zog ich mich in den mit stickiger, dumpfer Luft gefüllten Unterstand zurück und schlief, auf
dem Tornister sitzend, ein.
Noch im Dunkeln mußte ich zum Kaffeeholen in den Forgeswald zurück, wo unsere Feldküchen standen. Lange irrte
ich im Schneegestöber umher, bis ich den Unterstand wieder fand. Um 11 Uhr vormittags am 10. März wurde ich zum
Kompanieführer geschickt mit der Meldung: "Sofort auf Höhe 85 vorrücken!" Wir hatten die Spitzen unserer Heline
abgenommen, um angeblich Stahlhelme vorzutäuschen.
Die ganze Gegend war eingeschneit. Es war ziemlich ruhig, als sich die Kompanien, eine hinter der anderen, wie ein
endloser Wurm durch die weiße Fläche schlängelten. Wir gingen mit dem Bataillonsstab voraus, durch das
unbeschossene Forges hindurch, wo Pioniere die gestern zerschossene Straße ausbesserten, und kletterten über
zerschossene französische Gräben eine Höhe hinan. Einzelne leichte Granaten zersprangen und beschmutzten schon
wieder die weiße Schneedecke. Verstreut lagen Tote im Gelände, wie alles schonungsvoll weiß zugedeckt. Nur hier und
da schaute eine genagelte Stiefelsohle oder eine verkrampfte, starre Faust hervor. Am Rande des Rabenwaldes
verschnauften wir in einem seichten Graben, bis alles heran war. Mit singendem Pfeifen - ziu-ziu - flogen die ersten
Infanteriegeschosse über uns hinweg.
Auf einem frisch getretenen Pfad geht es in den zerschossenen Wald hinein. Fast ununterbrochen begegnen uns
Verwundete, über und über voll Lehm. Man sah ihnen an, daß sie keine leichten Tage hinter sich hatten. In blutigen
Zeltbahnen an Stangen getragen, wie in einer Hängematte, wurden bleiche, teilnahmslose Schwerverwundete
zurückgeschleppt. Der Boden war völlig aufgeweicht und färbte bald sein lehmiaes Gelb auf Stiefel und Gewand ab.
Preußische Jäger führten Trupps gefangener Franzosen zurück. Sie sahen ebenso mitgenommen aus und schienen froh,
den Krieg für sich beendigt zu haben.
Verworrener Kampflärm drang von vorne heran, Infanterieschüsse und Handgranateneinschläge. Weit schien es nicht
mehr bis dorthin zu sein. Manchmal jagte die Garbe eines MG.s klatschend durch die Bäume. Querschläger fauchten
grimmig durch das Geäst. Waffen und Ausrüstungsstücke liegen häufig verstreut umher, deutsche und französische
Handgranaten und Patronen sind überall in den Dreck getreten. An einem französischen Unterstand ist dichtes
Gedränge, unser Stabsarzt hängt eine Rotkreuzflagge vor den Eingang. "Die Verbandstelle", sagen wir mit
verständnisvollem Blick zueinander. Jeder weiß, was das zu bedeuten hat; es wird also heute nicht bei der Reserve
bleiben.
Ein Stück tiefer im Walde machen wir vom Bataillonsstab halt. Die Kompanien gehen in Stellung, die knapp vor dem
Walde draußen liegen muß, dem Feuerlärm nach. Bald geht es bei uns an die Arbeit. Gräben werden ausgehoben und
ein riesiges Loch für einen Unterstand. Bäume werden mit der Taschen- und Seitengewehrsäge abgeschnitten und zum
Eindecken des Unterstandes herbeigeschleppt. Zum Abdecken der Balkenlage, damit das aufgeworfene Erdreich nicht
durchrieselt, werden herumliegende Decken und Mäntel genommen.
Ich begebe mich zur Herbeischaffung dieser Dinge in etwas weiteren Umkreis. Dabei stoße ich auf eine ringförmige,
bastionartige, alte französische Stellung, die dicht von Stacheldraht eingefaßt war. Sie war nicht unter, sondern über
dem Terrain aufgebaut, nach hinten offen. Eine Anzahl toter deutscher Soldaten lag davor, und im Innern lehnten an
den Wänden und lagen am Boden eine Menge toter Franzosen, deren Umformierung mit roten Hosen und blaugrauen
Röcken grotesk von den blutüberströniten, wachsgelben Gesichtern und den schwarzen Haaren abstach. Einer hatte die
Hände über der blutbefleckten Brust zusainmengekrampft, ein anderer die Finger wie Krallen in die Erde gebohrt. Eine
Strecke weiter lagen die Franzosen wie hingesät; sie sind anscheinend auf der Flucht erschossen werden, denn die
meisten lagen auf dem Gesicht. An einem zerschossenen Unterstand lag eine Menge Verbandmaterial zerstreut umher,
eine ganze Reihe Toter zugedeckt daneben. Ein französischer Sergeant oder Offizier mit breiten Borten an den Ärmeln
saß mit eingeschlagenem Schädel an einen Baum gelehnt. Ich eilte weiter, vom Grauen geschüttelt, und erzählte
anderen Kameraden, was ich gesehen hatte. Später ging ich doch wieder hin und zog den Toten die Decken mit
abgewandtem Gesicht weg, weil wir sie zum Abdecken unserer Balkenlage unbedingt brauchten.
Um 3 Uhr setzte die französische Artillerie ein, die uns bisher unbehelligt gelassen hatte. Zuvor ist ein französischer
Flieger ganz tief über dem Walde gewesen. Wie gut doch unsere kurzen Gräben Deckung boten! Blindgänger aller
Kaliber lagen umher. Bis zum Abend schwoll das Feuer immer mehr an. Merkwürdige rosa- und gelbgefärbte
Sprengwolken zouen stickend durch die Bäume. Wir holten uns alle von den toten Franzosen in einer viereckigen
Blechbüchse steckende Gasschutzmittel, da wir noch keine Gas. masken besaßen. Eine schwarze Schutzbrille und eine
Gazebinde vor Mund und Nase, die man naß machen mußte, war der ganze Apparat.
Immer häufiger zerplatzten Schrapnelle mit weißen Wolken im Geäst und gossen einen Regen Bleierbsen auf den
Boden. Schon eilten einzelne Leute meiner Kompanie von vorne verwundet vorüber. Da wurde ich vom Adjutanten mit
einem Befehl zur Kompanie geschickt, die sich vor dem Walde draußen in der Stellung eingeschoben haben sollte. Im
Laufschritt sauste ich davon durch den rauchenden Wald. Einige Jäger kamen mir in den Weg, die einen bleichen
Leutnant schleppten, dem das Bein abgeschossen war und zur Seite hing ohne Verband. Der Leutnant fragte nach der
Verbandstelle und meinte, ich solle ihn zurückschaffen helfen. Ich zeigte ihnen die Stelle, wo von weitem die
Rotkreuzfahne durch die Bäume schimmerte, und lief weiter, indem ich zur Antwort gab, ich sei Ordonnanz, mit einem
Befehl unterwegs.
Am Waldrand verschnaufte ich in einem Loch und betrachtete aus meiner überhöhten Lage die Gegend vor mir. In der
Nähe sah ich Köpfe einiger Leute neben einem ratternden MG. Weiter abwärts, zirka 200 in am Hang, lagen in einer
frischen Stellung dichte Reihen Kopf an Kopf; das mußten die Unseren sein. Und drüben am aufsteigenden Hang,
weitere 300 in entfernt, schimmerte es blaugrau hinter frischaufgeworfeiien Deckimpn. Das war der Feind. Auf beiden
Seiten wurde eifrig geschanzt; noch eifriger knatterten die Gewehre, und um mich herum schlugen mit Peitschenknall
die Geschosse in den Lehm. Mit zerschlagenden Krallen baute die Artillerie dazwischen. Eigentlich zeigten
verschiedene graue Gestalten, die regungslos vor mir draußen lagen, den Weg. Es waren, nach dem Aussehen züi
schließen, Leute meines Bataillons, die im Vorgehen gefallen waren. Mehrmals duckte ich mich zum Sprung. aber
immer wieder peitschte ein MG. auf die Deckung. Ich wußte, was ich wagen mußte, war ein Wettlauf mit dem Tode.
Seht - trumm - fuhr eine Granate mit splitterndem Reißen in einen Baum hinter mir. Mit einem Satz sprang ich hoch
und wäre bald wieder zurückgefallen vom eigenen Schwung, dann hetzte ich, von zischenden Geschossen umpfiffen,
kreuz und quer nach vorne, stürzte über einen Telephondraht und sprang wieder hoch, übersah einen Granattrichter und
fuhr, mit dem Kopf voraus, in den Dreck. Meinen Helm hatte ich schon längst verloren.
Ein Verwundeter stöhnte dumpf vor mir. Ich sah nach ihm und erkannte einen Kameraden meiner Kompanie und rief
ihn an. Mit aller Kraft, kalten Schweiß auf dem todbleichen Gesicht, suchte er heranzukriechen. Auf einmal hatte ich
jede Vorsicht vergessen, sprang auf und schleifte ihn mit allen Kräften in meinen Trichter. Ein Granatsplitter hatte ihm
das Schienbein abgeschlagen. Mit Mühe und Schweiß legte ich ihn zurecht und wickelte ein Verbandpäckchen unter
allen möglichen Trostworten um seine Wunde, steckte kunstgerecht mein Seitengewehr als Schiene hindurch, wie ich
es einmal gelernt hatte, und band ihm mit einem Riemen die Füße aneinander. Dann versprach ich ihm, ihn auf dem
Rückweg mitzunehmen, und stürzte wieder hinaus, als gerade einige Meter über mir ein Schrapiiell mit blendendem
Blitz zersprang.
Weiter, weiter! Atemlos, von dem Knall der Infanteriegeschosse begleitet, immerfort wirr den Befehl stammelnd, hetzte
ich dahin und starrte nach den Franzosen drüben, als suchte ich, woher auf mich geschossen würde - bis auf einmal
Gesichter auf mich zugewendet waren und einer von rechts meinen Namen schrie und mit den Armen winkte. Ich lief
darauf zu und sprang zusammenbrechend in ein großes Granatloch; mein Kompanieführer stand vor mir. Freudig
überrascht, daß ich es gleich so passend getroffen hatte, richtete ich meinen Befehl aus und verschnaufte. Er empfahl
mir, die baldige Dunkelheit abzuwarten und nicht wieder durch das wahnsinnige Feuer zurückzulaufen. Neugierig
schaute ich über den Rand des Trichters nach vorne zum Feind. Der Höhenzug halbrechts vor uns, auf den ein Gewitter
unserer Artillerie soeben herniederfiel, war der "Tote Mann", der morgen in der Frühe gestürmt werden sollte.
Ich wollte gerade etwas sagen, da - ffft! - ein Feuerbüschel umzitterte mich; mir wurde leicht, als ob ich flöge; ein
unsagbar harter Schlag traf mich an meine linke Schulter, wie von einem Riesenhammer, dann schwanden meine Sinne.
Was mich in diesem Augenblick durchzuckte, war seltsam. Ein Bewußtsein war noch wach in mir. Ich glaubte fest,
schon körperlich tot zu sein, und horchte angespannt mit feinem Empfinden durch das mich umgebende Dunkel, was
nun sein würde. Ich verspürte weder Schmerzen, noch empfand ich irgendwie Angst oder Reue um mein scheinbar so
schnell dahingegebenes Leben. Alles schien mir so frei und leicht und so wunschlos. Keine Frage mehr nach dem
"Warum". Der Körper war, wie eine abgestreifte Fessel, nicht mehr da.
Da wurde es leise heller um mich. Ich schlug die Augen auf. Ein brennender Schmerz lähmte meine linke Seite, und
deutlich verspürte ich, wie wieder das Leben durch meine Glieder rann. Wo war ich denn? Stoßweise, qualvoll ging mir
der Atem durch die Lunge, ich stöhnte wie ein kleines Kind, bis ich mich wieder rühren konnte und vollends wach
geworden war. Da sah ich, daß ich auf dem Rand des Trichters lag, stützte mich auf, urn zurückzukriechen, als im
selben AuTenblick die Garbe eines MG.s daherpeitschte und mein linker Arm von einem fürchterlichen Hieb getroffen
wurde. Dann wurde ich an den Füßen gefaßt und zurückgezerrt.
Einige Kameraden zogen mir vorsichtig den Waffenrock aus und schauten mich mit bedauernder Miene an. Einer sagte
zu inir: "Ein feiner Kavalierschuß im Arm, ich gratuliere." "Halts Maul, der g'langt!" sagte ein anderer. "Da schau her!"
Sie schnitten mir das Hemd auf, das am Rücken ein einziger blutiger Lappen war. Ich sah noch, daß meine Hosenträger
zerfetzt waren, dann wurde mir schwindelig. Ein Krankenträger sagte zu mir: "Wennst laufen kannst, dann schaug', daß
d' z'ruckkommst, sonst verblut'st dich da!" und drückte mir einen Ballen Verbandzeug auf den blutigen Rücken, der wie
ein Schwamm tropfte. Ein wenig schöpfte ich Atem, dann zeigte ich nach hinten, wo mein Kamerad mit dem Beinschuß
im Trichter lag. "Den kriag'n ma scho", war die Antwort, "schau nur schleunigst, daß du jetzt weiterkommst!"
Dann hoben sie mich hoch, im Nu stand ich droben und begann mit nacktem Oberkörper wie ein Wahnsinniger mit
meinen letzten Kräften zu laufen, kam sonderbarerweise wieder an den Trichter, wo mein Kamerad mit entsetzten
Augen meine seltsame Erscheinung betrachtete und mich gar nicht gleich wiedererkannte. Ich sagte ihm, daß er bald
geholt würde, und hoffe, ihn hinten wieder zu treffen. Er dankte mir wohl hundertmal. Mir wurde es schwarz vor den
Augen; doch sprang Ich mit letzter Willenskraft hoch und rannte und taumelte durch das immerwährende Geknalle und
Pfeifen der Gewehrgeschosse, meinen hilflosen Arm haltend, in den dampfenden, dröhnenden Rabenwald zurück.
Einsam und leblos lag er da, kein Mann war zu sehen. Nur die Toten lagen noch an der gleichen Stelle wie vorher und
wiesen mir in den nebligen Schwaden den Weg. Ich keuchte, kalter Schweiß bedeckte meinen nackten Oberkörper, nur
im Rücken rieselte es warm bis in die Hosen. Ringsum heulte, blitzte und krachte es.
Da - vor mir im Wurzelwerk eines Baumes spritzte es feurig auf; voll Angst schrie ich laut - eine diehte, schwefelgelbe
Wolke hüllte mich ein, ich fiel über die Beine eines toten Franzosen. Krachend und rauschend brach der riesige Baum
vor mir zusammen. Luft! Weiter! Hinweg! Wie im Traum sah ich aus wirrem Geäst einen weißen Schimmer vor den
tränenden Augen, stolperte, rutschte und flog einige Stufen abwärts in das gähnende Loch eines Eingangs.
Als ich wieder zu mir kam, sah ich den schüttelnden Kopf unseres Stabsarztes vor mir. Der Sanitätskorporal meiner
Kompanie wand gerade unaufhörlich Binden um meinen Arm und meine Schulter, daß ich bald wie in einem weißen
Panzer steckte. Ein stickender Husten schüttelte m eh am ganzen Körper. Dann bekam ich den rotberänderten
Lazarettfahrschein an einem schwarzweißroten Schnürchen angebunden und wurde vorsichtig in den niedrigen Raum
des ehemals französischen Unterstandes geführt,wo ich mich hinlegen sollte, wegen Platzmangels aber warten mußte,
bis ein preußischer Jäger vor mir ausgeschnauft haben würde, was nicht mehr lange dauern konnte, mit so einem
Bauchschuß, wie mir der Korporal tröstlich versicherte. Ich sah schweigend dem zähen Todeskampf des leise
jammernden Jägers zu, selbst an Leib und Seele gebrochen. Wie lange -wußte ich nicht; dann wurde er still. Sanitäter
trugen ihn hinaus vor den Unterstand; sie mußten ihm mit Gewalt die Finger lösen, die er zur Verbergung seiner
wahnsinnigen Schmerzen in das Drahtgitter seines Lagers geklainmert hatte. Ganz leicht verwundet und fast gesund
kam ich mir dabei vor. Dann wurde ich, trotz meines Sträubens, auf einen energischen Befehl des Arztes von den
Krankenträgern auf die eben geräumte Drahtklappe gelegt. Dicht gedrängt aneinander lagen und stöhnten in dem langen
Raum lauter Schwerverwundete. Des öfteren trugen Krankenwärter einen, der ausgelitten hatte, hinaus.
Greifbar nahe, nicht schreckhaft, sondern vertraut, stand mir hier der Tod zur Seite. Wieder wie vorne in der Stellung
schien sich die Dunkelheit meines gehetzten, gepeinigten Empfindens zu lösen, und mit wachen Sinnen schien ich in
ein anderes Dasein hinüberzugleiten, das, frei von Mühsal und Qualen, freundlich mich in seine linden Arme nahm.
"Mutter!" weinte ich auf und schlief endlich ein. Ein Donnerschlag! Feuer, Funken und Gestank, dann Schreien, Jammern und Stöhnen. Alles drängt zum Ausgang.
Schwerverwundete bitten flehentlich um Hilfe. Ich habe mich im ersten Schreck erhoben, um auszureißen.
"Volltreffer", war mein erster Gedanke. "Seid ruhig, es ist nichts; es war bloß der Ofen", beschwichtigte der
herbeigeeilte Arzt. Einer hatte den Ofen anschüren wollen, freute sich, daß er schon mit Brennmaterial gefüllt war, und
machte Feuer. Kaum bückte er sich wieder auf, da zerriß der Ofen, in den die flüchtenden Franzosen Leuchtraketen
hineingesteckt hatten.
Ich fühlte mich wunderbar gekräftigt nach dem kurzen Schlummer, kletterte von meiner Klappe und wollte gehen. Ein
Batterieleiter, der in einem Nebenabteil des Unterstandes saß, sah mich stehen und bot mir ein Glas Wein zur Stärkung,
das mir ordentlich wohl tat. Überrascht von dem hier unerwarteten Genuß und von der lebhaften Anteilnahme des
Offiziers und seiner Ordonnanzen wohltuend berührt, setzte ich mich hin und sah dem Betrieb einige Zeit zu. Endlich
kamen die Bahrtrupps der Sanitätskon-ipanie von hinten. Wie 'ich mich eben sträubte, auf einer Bahre mich
zurücktragen zu lassen, weil ich lieber zu Fuß gehen wollte, wurde ein neuer Verwundeter hereingebracht. Ein
freudiges Erkennen. -- "Hans, du?" -."Konrad!" Es war mein Kamerad, den ich vorne im Trichter veribunden hatte. Er
wurde nun statt meiner auf die Bahre gelegt und hinausgetragen. Ich stieg hinterher und tappte im Dunkeln plötzlich
allein umher. Die Bahre war mit ihren Trägern verschwunden.
Da rief mich einer im Flackerschein ein" Leuchtkugel an: "He, Sie Leichtverwundeter, nehmen Sie doch ein paar
Kameraden mit, die den Weg nicht kennen!" Ich wußte ihn in diesem Pechdunkel genau so wenig. An der Stimme
erkannte ich in den Verwundeten Kameraden meines Bataillons.
Wir waren ungefähr eine Stunde lang aufs Geratewohl dahingeschoben, als ein preußischer Essenträger uns schleunigst
kehrtmachen hieß und die Richtung andeutete, wo Forges lag. Wir waren im Bogen wieder zur Front gegangen. Endlos
lange irrten wir umher, gabelten unterwegs zwei andere verwundete Kameraden meiner Kompanie auf und kamen bei
aufgehendem Mond an einen breiten Wasserstreifen, den überschwemmten Forgesbach.
Hinter Forges machten wir eine stundenlange Rast neben der zerschossenen Bahnlinie und vertilgten die letzten Reste
des eisernen Bestandes, den einige noch bei sich hatten. Überglücklich, der Feuerhölle mit dein Leben entronnen zu
sein, plaudertèn wir von den hinter uns liegenden Stunden, bis die Kameraden alle einschliefen, während ich mit einer
inneren Unruhe meinen Gedanken nachhing.
Noch habe ich selbst nicht recht begriffen, wie Ich auf einmal verwundet bin. Schmerzen fühle ich nicht mehr und muß
mich jetzt wundern, daß ich vor Stunden noch Angst hatte um mein Leben. Und doch wieder keine Angst, es war nur
das Erschrecken vor einem anderen Zustand des Lebens. Da sind auf einmal Wände gerissen und Schleier verweht, und
in irgendeiner neuen Sphäre des Empfindens muß ich selig erschrocken sein, als wenn sich plötzlich ein Berg vor mir
auftat und ungeahnte Schätze sehen ließ. Ich fürchte nur, daß ich das alles wieder vergessen habe, wenn die Nacht um
ist.
Es muß doch etwas Ungeheures, Gewaltiges ums Sterben sein. Mag sein, daß ich vor dieser Erinnerung noch leise
zittere, vielleicht auch vor dein Gefühl eines inneren Glückes. Mir ist so, als sei heute meinem jungen, heißen Leben
eine Dornenkrone aufgedrückt worden.
Da übernimmt mich nun doch eine freudige Rührung, wenn ich daran denke, wie es wohl daheim sein wird, wenn die
Karte ankommt: "Bin verwundet - ist aber nicht schlimm." Wie da meine Mutter vor Sorge weinen wird und meinem
Vater die Augen feucht werden vor Stolz über seinen großen Lausbuben, der jetzt Soldat ist. Allein meine Eltern sind es
schon wert, daß ich im Kriege hin. Ein unbändiger Stolz faßt mich, so wie in alten Zeiten einem zumute war, der zum
Ritter geschlagen wurde. Und hin eh nicht auch geadelt worden heute, wie mein Blut in Frankreichs Erde rann für
Deutschland? Ich fühle, daß ich damit einen Anspruch erworben habe, der mir selber noch nicht klar ist, der aber
besteht.
Es ist bitterkalt. Klappernd vor Frost wecke ich die andern auf. In den Trichtern an der Straße steht Eis über den
Lachen. Granaten zogen flüsternd weit ins Hinterland. Unter einer Reihe rauchender Feldküchen fanden wir mit dem
Instinkt der Gewohnheit unsere Kompanieküche heraus, die haltmachte, uns ausgiebig verpflegte und die Taschen und
Brotbeutel füllte, damit wir unterwegs ins Lazarett nicht verhungerten. Der Feldwebel steckte mir noch ein ganzes
Bündel Zigarren, Marke "Heer und Flotte", in die Taschen.
Nach langem Trott trafen wir auf ein frei auf geschlagenes Feldlazarett bei Brieulles. Hier bekarn ich die bekannte
Spritze in den Arm und wurde sofort auf einer Bahre in den Anhänger eines Lazarettautos geschoben.
Das war eine Fahrt! Neben mir lag ein preußischer Jäger mit einem Bauchschuß, der sich krümmte vor Schmerzen.
Über mir jammerten zwei andere, Der Jäger stieß grimmigheulende Schreie aus, und ich fluchte gotteslästerlich wie ein
alter Fuhrknecht, so wurden wir geworfen und gestoßen. Unterwegs wurde mein Nachbar stiller, und in Stenay trug
man ihn tot in den Empfangsraum des Lazaretts.
Unter den Ausgeladenen lag auch der Jägerleutnant, der mich im Rabenwald aufgefordert hatte, ihn mit
zurückzuschaffen. Mit Aufgebot seiner ganzen Selbstbeherrschung klemmte er ein Monokel in seinen zitternden
Augenwinkel und fragte den diensttuenden Arzt: "Äh, Herr Kamerad, haben Sie nicht Sonderzimmer für Offiziere?
Lassen Sie mich wegbringen, ich bitte darum!" Der Arzt empfand anscheinend den peinlichen Eindruck dieser
Forderung auf die umherliegenden, schwerverwundeten Soldaten und sagte: "Herr Leutnant, wir kennen hier nur
hilfsbedürftige, verwundete Helden!"
In dem schönen, weißen Bett des Lazaretts schlief ich ununterbrochen dreißig Stunden lang, dann wurde ich
umgebettet, weil ich das ganze Bettuch mit Blut durchtränkt hatte. Wohltuend wirkte die stille Pflege der Schwestern.
Vorzüglich wurde ich verköstigt und trank, wie ein alter Zecher, eine Flasche Wein nach der anderen. Nach zwei Tagen
kam ich zum Arzt, der einen Durchschuß meines linken Oberarmes und eine 7 cm breite und 15 cm lange klaffende
Wunde am linken Schulterblatt feststellte, nebst einem kleinen Schwips. Er prophezeite mir, daß ich nicht mehr
felddiensttauglich würde in diesem Kriege und wenigstens ein Jahr lang im Lazarett bliebe.
Nachmittags lag ich schon im Lazarettzug und freute mich auf die Heimkehr.
Hans Zöberlein: Der Glaube an Deutschland
In den Vogesen
Im Saargebiet lag ich ein Vierteljahr im Lazarett, zog mir für unerlaubten Ausgang eine Woche Diät - d. i.
Schleimsuppe - zu, passierte Ostern erst um 12 Uhr nachts über die Gartenmauer ein und zerbrach dabei die in meinem
Arm steckende Glasröhre. Darauf wurde ich auf Wunsch noch ungeheilt gerne zu meinem Ersatzbataillon in die Heimat
versetzt.
Der dort über den Zustand meiner Wunden entsetzte Bataillonsarzt ließ sich erweichen, mich anstatt in ein neues
Lazarett nach Hause auf vier Wochen in Urlaub zu schicken. Während dieser Genesungszeit wurde ich wunschgemäß
wieder zu meinem Stammregiment versetzt, bei dem ich den Sommer in fortgesetzten Genesungsurlauben und
Gefangenenwachen verbrachte. Schlafen konnte ich wie ein Dachs, der sich eingewintert hat. Ich habe mich
buchstäblich wieder gesund geschlafen.
Das ging sogar so weit, daß ich einmal auf Wache im Gefangenenlager im Schilderhaus, trotz aller Bemühungen, wach
zu bleiben, einschlief. Dabei habe ich mich mit dem Rücken gegen die in der Rückwand eingebaute elektrische Klingel
gelehnt, und im ganzen weiten Lager läutete es ununterbrochen Alarm. Die Wache rückte aus, Patrouillen jagten um
den Drahtzaun. So halb ini Dusel hörte ich das alles, wurde aber um keinen Preis völlig wach, bis ich Schritte im Sand
knirschen hörte. Ich fuhr heraus: "Halt. wer da?" "Eonde! Haben Sie alarmiert?" "Nein, Herr Leutnant, Posten drei alles
in Ordnung!" Natürlich hatte im gleichen Augenblick das Läuten aufgehört, weil ich nicht mehr auf dem Klingelknopf
schlief. Da kam ich natürlich darauf, warum es Alarm geläutet hat.
*
In der Garnison lag auch mein Firmpate beim Ersatzbataillon eines Landwehrregiments. Eines schönen Tages im
August trafen wir uns. Er wurde gerade zu einem Regiment nach Rußland abuestellt, zu dem aber nur
stellungskampffähige Leute genommen wurden, weil es dort so ruhig war. Ich beschloß, mit Ihm nach dem mir noch
unbekannten Kriegsschauplatz zu gehen, und meldete mich anderntags freiwillig dem erstaunten Feldwebel, denn
Freiwillige gab es damals nicht mehr häufig. Der untersuchende Oberarzt ließ sich erst nach langem, hartnäckigem
Bitten bewegen, mich mit der offerren Wunde "stellungskampffähig zu schreiben. Ich erhielt noch drei Tage Urlaub
und wurde dann plötzlich geholt, weil der Transport ging. Mein Firmpate undichfreuten uns schon, daß es so schön
klappte, und schworen, den Krierr Schulter an Schulter bis zum Ende durchzumachen.
Plötzlich hieß es, alle Leute, die seit drei Tagen nicht beim Arzt waren, zur Untersuchung. Ein fremder Arzt ließ uns
unausgeldeidet an sich vorbeigehen, fragte nach meinem Alter und sagte: "Gut." So war ich durch den kundigen Blick
dieser "K.v.-Maschine" felddiensttauglich geworden, wie mir der Feldwebel sagte und inich vorn Transport ausschied,
und so mußte ich meinen Firmpaten allein nach Rußland ziehen lassen. Einige Tage später stand ich mit einem neuen
Nachersatz wieder zur Untersuchung vor dem früheren Arzt, der sich baff wunderte, wie ich auf einmal k.v. war mit der
noch offenen Wunde. Ich hatte aber schon anläßlich des Transportes nach Rußland im Kreise meiner nahen und fernen
Lieben rührenden Abschied genommen und mein ganzes Geld verputzt und bat daher, mich wieder ziehen zu lassen. ich
hatte auch gehört, daß das Regiment, zu dem ich kommen sollte, bis jetzt ein beschauliches Dasein in den Vogesen
gepflegt hatte und viele alte Leute hätte, so daß es nie an Fronten, wie Verdun und Somme, eingesetzt werden könnte.
Dann hatte ich den Garnisondienst dick und sehnte mich nach einer nicht so langweiligen Tätigkeit.
So stieg ich denn gerade an meinem einundzwanzigsten Geburtstage, Anfang September, in Burg-Breusch im Elsaß aus
dem Transportzug, hängte den Tornister mit einem Riemen über die unverletzte rechte Schulter und marschierte mit
dem aus lauter wiedergenesenen Kameraden zusammengestellten Nachschub in den morgendlich frischen Wasgenwald.
Anmutige Täler und friedliche Felder, heirnatlieh anmutende Nadelwälder und freundliche, versteckte Dörfer zogen
vorüber, in denen bayerische Truppen den gemütlichen Eindruck eines Manöverlebens hervorriefen. So echt deutsch
wie nur irgendein reizvolles Stück unserer großen Heimat war die Gegend. Der Bedeutung dieses Kriegsgebietes
entsprechend, lagen nur schwache Besatzungen in den Orten.
In Saal wurden wir vom Regiment auf die verschiedenen Bataillone verteilt. Hier riß schon wieder die Befehlsgewalt
manches alte und frisch geknüpfte Band bester Kameradschaft auseinander. Allmählich, gegen Mittag, kamen wir in
den Stellungsbereich, der wie ein heiterer Sonntagsfriede vom Sattel einer Hochstraße in einer Lücke des Waldes sich
vor unseren Blicken breitete. Einmal, um den Krieg nicht ganz vergessen zu lassen, rollte von lächerlich weiter
Entfernung der Donnerschlag einer Granate in vielfachem Echo durch die bewaldeten Berge, An einem Laufgrabenende
standen der Feldwebel und der Bataillonskommandeur in Erwhrtung des hier so seltenen Ereignisses, einen Nachersatz
in Empfang zu nehmen. Ich kam zur zwölften Kompanie eines bayerischen Ersatzregiments. Wir trugen eine grüne
Nummer wie Jäger auf den Achselklappen und am Helm ein grünes "E". "Etappenregiment" sagten andere Truppen
hänselnd zu uns, und doch sah das Regiment die Etappe weit weniger als die meisten anderen Regimenter der Armee.
"Eselregiment" sagten die ewigen Räsonierer, wenn es wieder einmal wohinging, wo nur noch "Esel" hinzubringen
waren. Aber "Ehre" klingt es aus der blutigen Geschichte des Regiments. Unter sich nannte sich die Truppe die
"Vogesenfeuerwehr", spottend des langen Nichtstuns und einen gesunden Willen verratend.
In einen Winkel der "Feste Kaiser", wie unser Unterstand getauft war, warf ich meinen Tornister, wurde aber vom
Korporal gleich eines anderen belehrt, der jedem zwei Nägel anwies, wo die "Affen" in sauberer Reihe auf
gehängt wurden. Daneben kam das Lederzeug, und dranßen, am jenseitigen Ausgang, wurden unter einem Vordach die
Gewehre, schön ausgerichtet, in eine Stütze gestellt. Ein Kasten war an einer Wand für das Brot, ein Regal für die
Kochgeschirre daneben, ein Klapptischchen zum Schreiben bei einem winzigen Fenster und darüber eine elektrische
Birne. Wir waren angenehm überrascht von diesem Komfort und freuten uns über die schöne Anordnung. Zuletzt
wurden unserer besonderen Obhut drei echte Maßkrüge, eine schmierige Tarockkarte, von der nur die Sechser noch
ziemlich neu waren, und zwei Marmeladeeimer zum Suppen- und Kaffeeholen als heiliges, unveräußerliches Inventar
anvertraut. Ein abgesprengter Boden eines Schrapnells stand mit Blumen gefüllt am Fenstersims. Oben auf dem
Unterstand stand unter Bäumen eine geschickt maskierte Laube zum Sommeraufenthalt, und einige Schritte weiter
sprudelte ein in Rohr gefaßter Quell ein frisches Wasser aus dein Felsgestein. Es war das reinste Paradies; hier konnte
man besser wiedergenesen als in den viereckig langweiligen Kasernen daheim, Allabendlich kam die neueste
Straßburger Zeitung vom gleichen Tag in die Stellung und verband unsere Weltabgeschiedenheit mit draußen.
Die Stellung lag zur Hälfte im Wald am Hang eines ziemlich ansteigenden Berges, zur anderen auf dem Wiesenhang
einer Talseite. Der Laufgraben zur Küche und Kantine war eine lange, stelle Treppe mit in den Fels gehauenen Stufen.
Rotblaues Granitgeröll und eine fette Erdschicht waren von den Gräben durchschnitten. Eine idyllische Feldwache war
im Talgrund in einer Häusergruppe eingenistet. Maurer der Konipanie bauten schon monatelang die Häuser innen zu
bombensicheren Unterständen aus, ohne daß der Feind es von außen oder oben sehen konnte. Wir schleppten Zement
und aus einer versteckt im Walde liegenden Grube in Säcken Sand herzu. Eine eigens zusammengestellte Baukompanie
trieb tiefe Stollen in die Wände der vom Feinde nicht eincresehenen Berge, die hundert und mehr Meter Deckung
hatten. Oft erschütterten unterirdische Sprengschüsse den Boden. Drahtziehertruppen waren alle Nächte tätig, den
breiten Streifen des Drahtgespinstes vor der Stellung immer noch breiter zu spannen. Die Sonntage wurden wie daheim
durch Arbeitsruhe gefeiert.
Rechts von unserer Kompaiiiestellung erhob sich der blutig bekannte Rüclen von Bau de Sapt. Er trug in die schönen
Berge der mittleren Vogesen das wüste, tote Gepräge des modernen Krieges. Ein wirres Geäder von Gräben spannte
sich über einen von Granaten umgewühlten Hügelzug. Grau verwitterte, zerfetzte Baumstümpfe starrten wie ein
versengtes Stück Bart aus dem Gesicht der waldigen Landschaft. Uns gegenüber lag der Ormont, der mit seinem breiten
Rücken die hinter ihm liegende Stadt St. Dié verbarg. Weiter rechts sah man an klaren Tagen weit ins Meurthetal. Von
einem betonierten Postenstand aus beobachtete ein Posten mit dem Fernglas den Verkehr auf den rückwärtigen Straßen
und schrieb jeden Mann, Pferd oder Wagen auf einen Meldeblock mit Angabe der Zeit.
Wenn wir nicht den Graben kehrten oder die Patronen und Handugranaten in den Munitionskästen Lumpen blank
rieben und die Ladestreifen nachfetteten oder sonstwie arbeiteten und Posten standen, saßen wir in der Laube beim
Tarock oder Schafkopf, sangen aus freier Herzenslust in den schönen Tag oder trieben sonstige Dummheiten, wie das
Aufstellen und Konstruieren aller möglichen Rattenfallen, oder nahmen Sonnenbäder in einer Wiesenmulde, die
besonders heilsam für meine immer noch eiternde Wunde waren. Ich mußte mich damit verbergen, sonst hätte mich der
Feldwebel sofort ins Lazarett geschickt. Unsere Kompanleküche, die in einer Talsohle, der Sicht des Feindes entzogen,
in einem Weiler steckte, war die -beste Küche, die ich in meinem ganzen Feldzug traf. Sie lieferte eine über alles Lob
erhabene und sehr gut zubereitete Verpflegung. Mittags gab es gewöhnlich drei Gänge, an den Sonntagen sogar vier bis
fünf. Die Bierbanzen standen hinter dem flause wie in einem großen Bräu der Heimat. Mittas beuann bis in die Nacht
hinein der Ausschank, so daß wir nie Durst zu leiden brauchten und die frischen Brunnen selten verkostet wurden. Das
reiche Hinterland gab zur Verpflegung der Truppe aus seiner Fülle. Die Nahrungssorgen der Heimat waren in den
Vogesen damals nicht zu spüren.
Zauberhaft schön waren die bleichen Nächte, wenn der Mond seine blanke Sichel unter die an den tiefdunkelblauen
Himmel gesäten Sterne hing und die Milchstraße wie ein zarter Schleier über das dunkle Gewölbe flog. Aus den
Wiesenhängen leuchteten Millionen weißer Sterne der Margueriten, und von den finsteren Waldstücken hoben sich
sagenhaft verschwommen die weißen Mauern der Ruinen, Dann stiegen wir freiwillig aus den Gräben in die laue Luft
und tauchten durch das meterholie Gras des Wiesenbandes zwischen den beiden Drahtverhauen wie geduckte Panther,
das Abenteuer des Kampfes suchend und den prickelnden Reiz der lauernden Gefahr empfindend. Alte Leute fanden
das verwegen und empfanden das "Freiwillige" als einen strafwürdigen Frevel an der Geborgenheit des Lebens hinter
dem Drahtverhau. Als es gar einmal bei einem Versuch, den feindlichen Draht zu durchschneiden, zu einer Schießerei
kam, stieg ihre Entrüstung aufs höchste über diese Störunc des bisher sorgfältig gehüteten Friedens.
Den Jungen wurde diese Frontkaserne langweilig. Und ein Gerücht, daß wir abgelöst würden, einige Tage nach
Bekanntwerden der Kriegserklärung Rumäniens, riß mit der aufatmenden Freude der jungen Leute den Kampfgeist der
alten hoch. Das Gerücht wurde Tatsache. In einer Nacht Mitte September übergaben wir einer Gruppe Landwehrleute
die Jeste Kaiser" samt zugehöriger Feuerstellung, der genau stimmenden Munition und dem zugehörigen Inventar von
drei Maßkrügen, der Taroeldiarte und dem Schrapnellscherben am Fenster, in den ich zum Abschied einen Strauß
frischer Blumen gestecht hatte. Singend und jauchzend zogen wir rückwärts durch das romantisch gelegene La grande
Fosse mit dem Übermut und der Unbekümmertheit ausgeruhter, satter Soldaten. Noch einmal warf ich von der
Ilochstraße, aus der Marschkolonne tretend, einen umfassenden Blick auf das Märchenkriegsbild der Vogesenstellting
und sog mit der würzigen Niachtluft seine heimatliche Schönheit in meine Brust. Der Krieg soll sie nicht mit seinen
rücksichtslosen Tritten in einen Schutthaufen verwandeln können. Nicht unser Land!
Hans Zöberlein: Der Glaube an Deutschland
Das zweitemal vor Verdun (Herbst 1916)
Unsere schöne Fahrt aus den Vogesen hatte gar nicht lange gedauert. Bei Neu-Breisach wurden wir schon wieder
ausparkiert. Die Landschaft der fruchtbaren Rheinebene umfängt uns. Von weither ragt der Fels mit dem Münster von
Alt-Breisach wie ein Juwel in das heitere frühherbstliehe Bild. Ein Singen und Klingen steht über der feldgrauen
Kolonne, und die "Wacht am Rhein" haben wir alle in unserem Leben wohl nicht mit solch echter Begeisterunom
uesuii(ren als auf der Pontonbrücke nach Alt-Breisach.
Auf dem Marktplatz setzen wir die Gewehre zusammen; wir kommen hier in Quartier. Wir sollen hier zur Verladung
nach Rumänien bereit liegen, dem neuesten Kriegsschauplatz. Truppen der Westfront haben ja immer freudig
aufgeatmet, wenn die Fahrt einmal ostwärts ging.
In Breisach werde ich aus unklaren Grimden von der zwölften Kompanie mit einigen Kameraden zur zehnten
Kompanie versetzt. Diese Kompanie hat noch einen besonders kräftigen Stamm an Ausmärschlern vom August 1914.
Wertmesser in der Mannschaft ist noch das Dienstalter; der lange Stellungskrieg in den Vogesen bot zu wenig
Gelegenheit zur Entfaltung anderer Tugenden. Wir Jungen waren die besondere Sorge des Feldwebels, eines Stettiners,
der sich nach Bayern verirrt hatte, wie er immer scherzte. Er war ein Dutzend Jahre älter als ich. Sein größter Greuel
waren ungeputzte Stiefel und die bei den Bayern immer schief heruntergehaute Mütze. Gerade der Mützensitz ging
seiner preußischen Korrektheit gegen den Strich. Seine Mühe, deswegen war aber umsonst.
In einer lauen Nacht wurden wir verladen. Die Stimmung war in angenehmer Erinnerung an den schönen Aufenthalt in
dem Städtchen rosig und fröhlich und im Ausblich auf einen angenehmeren Kriegsschauplatz unternehmend schneidig.
Gegen Morgengrauen wurden wir auf einer elsässischen Station verpflegt. Wir mußten also wieder westwärts des
Rheines sein. Bald zeigte auch der verschlossene Charakter der Ortschaften, daß wir durch Lothringen fuhren, und
gegen Mittag rollten wir im Bahnhof von Metz ein. Noch konnte sich hier das Blatt wenden. Doch bald kamen wir
durch eine mir sehr bekannte Gegend, und im Laufe des Nachmittags stand unser Transport in Longuyon. Die
Stimmung sank auf den Nullpunkt. Es war ein einfaches Rätsel zum Raten: "Verdun!"
Wenn es doch an die Somme ginge, von der die Gerüchte noch nicht so schauerlich durch die Gräben der Westfront
gewandert waren! Es war ein wilder Willkomm, den uns diese Front bereitete: Das heisere, drohende Gebrüll der
ewigen Schlacht vor Verdun. Wie beschaulich war doch die Ruhe und Rornantik der Vogesenberge dagegen!
Auf dem Bahnhof in Longuyon war ein heftiger Betrieb. Hunderte von gefangenen Franzosen waren lässig mit
Bahnarbeiten beschäftigt. Eine ganze Anzahl von durch Treffer beschädigten Geschützen wurde an uns
vorbeigeschoben. Artillerie wurde einparklert, die ordentlich mitgenommen aussah. Ihre Pferde waren nur mehr Haut
und Knochen und steif wie Sägeböcke. Abgelöste Infanterie stach merkwürdig fahl gegen unser gepflegtes Aussehen
ab. Alle waren schmutziggelb und sahen bleich und teilnahmslos an uns vorbei.
Endlich verließ unser Zug den Bahnhof. Der klare Spätsommertag hatte allerhand Flieger am graublauen Himmel
hängen. Auf unsere Bahnlinie werden mehrere Bomben geworfen, kurz vor der Durchfahrt unseres Zuges. Langsam
schaukeln unsere Wagen über die auf einer Seite unterwühlten Schwellen. Ein Wunder, daß wir nicht entgleisen.
"Arancy" heißt das dreckige Nest, wo wir aussteigen. Drei Stunden staubigen Marsches geben uns Zeit zum Einfühlen
in die neue Lage und bringen uns nach Mangiennes, das von Truppen und Fuhrparkkolonnen geradezu wimmelt. Wir
bleiben für die anbrechende Nacht im Quartier und pferchen uns in eine Baracke am Ortsrand. Preiißische Inlanteristen
geben uns Schilderungen von der Stellung vorne, die unsere Befürchtungen an Grausigern noch übertreffen. "Lauter
Trichter - Schlamm - Tote - Tote! Und kein Wasser - der Durst, Junge - der Durst erst! Andauernd Zunderl Am
schlimmsten aber ist die Ablösung durchs Feuer!"
Die letzten Zweifel über unseren Einsatz schwinden bei der Bekanntgabe des morgigen Vormarsehes ins Kaplager. Die
meisten haben diese Nacht wenig geschlafen. Gruppenweise saßen sie beisammen und redeten von den zu erwartenden
schweren Tagen. Noch hatten alle Truppen da vorne einen unglaublichen Tribut an Toten und Verwundeten bezahlt,
warum sollte es uns anders gehen? Ich hatte ans meinem Tornister eine Karte von Verdun herausgekramt, die von allen
eifrig studiert wurde. Da standen die Namen Douaumont, Vaux, Fleury, Chapitrewald, Brule-HassoulMinzenOstwestschlucht, Bezonveaux, Pfefferrücken usw., die jedem aus den Tagesberichten längst bekannt waren. Und auf
dem anderen Maasufer hieß es: Toter Mann, Rabenwald, Höhe 304, Béthincourt. - Und da stand auch ein blaues
Kreuzlein zwischen Totem Mann und Rabenwald, das ich damals eingezeichnet hatte, als ich verwundet wurde. Wie
weit lag das schon zurück? Damals war Anfang März und lag der Schnee in der Frühe des Tages, und jetzt war Ende
September. Ein ganzer Sommer ist darübergegangen - und noch kein Ende der Schlacht vor Verdun.
Ich ging mit einigen Kameraden hinaus ins Freie, weil wir doch nicht schlafen konnten. Ein verwirrendes Getümmel
unaufhörlicher Kolonnen rasseit schattenhaft durch den Ort. Sanitätsautos schoben sieh hindurch. Infariterie rückte in
dichten Marschkolonnen schweigsam nach vorne. Das ging wohl jede Nacht so.seit den Tagen des Februar, als die
Front vorne in Bewegung kam. Und wohl immer stärker hat dazu das Trommeln der Artillerie gedröhnt und das
flackernde Lodern am Nachthimmel die Augen geblendet. Dieses ewig vibrierende Rollen des Feuers war der Unterton
der trostlosen Stimmung, die die ganze Gegend hauchte. Und wenn in den Nächten das Feuer der tausendfachen
Mündungsflammen brüllend über die Wälder einporzüngelte, empfand jeder die unheimliche Größe des feurigen
Schicksals da - vorne, vor dem der Mensch jäminerlich klein war - nichts war. Ein Bild taucht in meiner Erinnerung
auf, wenn ich zurückdenke an Verdun: Ein weiter, öder Schutthaufen, auf dem kein Grashalm sprießt und nichts als
helle Kreuze wachsen und im Wetter bleichen.
Bleiche, übernächtige Gesichter sahen aus den in der Morgenfrühe angetretenen Kompanien. Wer noch Zweifel über
den baldigen Einsatz gehabt hatte, wurde durch einen Appell mit Erkennungsmarken überzeugt.
*
Stundenlang sind wir durch verwahrloste Felder auf einer tief ausgefahrenen Straße zur Front marschiert.
Ein feines Winseln und entferntes Krachen einzelner schwerer Granaten dringt an unsere gespannten Ohren. Wir rücken
langsam in den Bereich des feindlichen Fernfeuers. Immer häufiger liegen Auto- und Fuhrparks zu beiden Seiten der
Straße in der Ilut ausgedehnter Waldungen. Am "Deutschen Eck" biegen wir zur Rast in den Wald ein und halten.
Baracken stehen dicht gedrängt unter den Bäumen, von Truppen überfüllt, die neugierig an unsere rastende Kolonne
herantreten und fragen, wen wir wohl ablösen werden.
Die Musikkapelle eines bayerischen Regiments setzt sich beim Weitermarsch an unsere Spitze. Ihre schmetternden
Klänge übertönen das Rollen des Feuers von Zeit zu Zeit. Aufheiternd wirkt die Musik nicht. Viele empören sich sogar
darüber. Der Regimentskommandeur wendet sein Pferd und stellt sich in die Kolonne, daß rechts und links die Rotten
vorbeibiegen. Er ist bleich und erregt. Er weiß, daß er bei der Mannschaft.keineswegs beliebt ist, gerade jetzt erst recht
nicht, wo erzählt wird, daß er uns wohl hineinführt nach Verdun, aber im Kommando von einem anderen abgelöst wird.
Er spricht einige Worte yon Mut und Kopfhochnehmen. Drohende Rufe und Flüche antworten ihm; einige Fäuste
fahren empor. - "Neun Kinder warten auf mich!" - "Bei mir sieben - sechs - fünf!" schallt es vielstimmig und wirr. Wir
Jüngeren schauten ungläubig auf diese Szene, die für unser Fassungsvermögen zu sonderbar war. Gefühlsmäßig
konnten wir den alten Familienvätern nicht unrecht geben. Denn zum Einsatz an dieser Front war die Hälfte von unserer
Kompanie zu alt.
An einem kahlen Hang rechts der Straße bei den Dorftrümmern von Azannes liegt eine kahle Höhe. Tausende von
Holzkreuzen stehen wie ein wettergebleichter Jungwald darauf. Alle sehen hinüber - jeder denkt das gleiche - und einer
meint laut: "Wenn man wenigstens das gewiß hätte, daß die daheim wüßten, woran sie sind, und es nicht bloß heißt
'Vermißt'!" Soeben fahren einige Geschützprotzen in den Eingang des Friedhofes. Starr stehen die Beine der Toten
unter den Plandecken hervor. Frisch aufgeworfene Gruben sind in langen Reihen zum Empfang bereit. Merkwürdig
steif sitzen zwei nebeneinander auf einer Protzenrückseite. Sie sind festgebunden, daß sie nicht herunterfallen, denn sie
sind tot. Gegenüber dem Friedhof schwenkt die Musik zur Seite und spielt. Die kopfhängende Marschkolonne des
Regiments zieht vorüber, während drüben Zeltbahnbündel in die offenen Gruben gesenkt werden.
Über die kahlen Hänge einer Höhe, des Cap de bonne Espérance, zieht die Marschkolonne hinweg. Ein verstreutes
Barachengewirr ist das Kaplager. Allenthalben ist das Gelände von Leuten belebt. Das Winseln und Einschlagen der
Granaten in dem zerzausten Wald vor uns, dem Herbe-Bois, vervollständigt die Erregung. In einen Bachgrund steigen
wir hinab. Am jenseitigen Hano, in der Nähe einiger Hausruinen - Sumazannes genannt - kommen wir in Bereitschaft,
wo wir in Baracken und Erdlöchern untergebracht werden. Ranziger, amerikanischer Speck, die Beute eines U-Bootes,
ist unser Mittagessen, das wir angeekelt wegwerfen. Schlechte Kost auch noch dazu!
Unser Major ist schon nach vorne zur Ablösung des Kommandanten im Fort Douaumont. Ein fremder Major
übernimmt unser Bataillon. Schon werden einzelne Gruppen abkommandiert zu den Meldestafetten und Fernsprechern.
Wegführer ins Fort werden gesucht, aber es meldet sich niemand dazu.
Es war am dritten Tage unseres Hierseins, gerade zur Mittagszeit fahren wir von den Bänken hoch. Ganz nahe ein
immer deutlicheres dünnes Pfeifen und dann drei ras einander folgende dumpf krachende Schläge. Erde und Holz
prasselt. Schreien und Stöhnen1 Entsetzt renne ich hinaus und sehe gerade noch die letzten hochgeworfenen Trümmer
zu Boden sinken. Am Bach, wo vorher noch die Baracken der elften Kompanie standen, ist ein krachender, brennender
Trümmerhaufen, aus dem Menschen herausschreien um Hilfe. Mit einem Satz bin ich drüben und ziehe einen heraus
bei den Beinen, über und über voll Blut, das Gesicht schwarz verbrannt. Ich versuche ihm rasch den zerschmetterten
Oberschenkel abzubinden und schneide mit meinem Messer Stiefel und Hose mit einem Ruck auf, aber er stirbt mir
unter den Fingern, und seine Augen verglasen. Andere heben die Bretter und Hölzer hoch und schütten Wasser in den
Brand. Zwölf Tote und zwanzig Verwundete zählt man. Der feindliche Tatzenhieb hatte schwer getroffen - und heute abend soll es nach vorne in die Reservestellungen gehen.
Noch vor Sonnenuntergang deckt die toten Kameraden die Erde am Bache bei Sumazannes. Als das Vaterunser,
monoton aus heiseren Kehlen gewürgt, über die frischen Gräber klang, fühlten wir, wie mit Zentnerlasten sich das
Schicksal auf unsere Schultern gesenkt hatte. So schwer, daß man nicht mehr ans Abschütteln denken konnte.
*
Schweigend wurden die Tornister auf ellion Haufen gelegt. Das Kochgeschirr, von Mantel und Zeltbahn umgeben, lag
als Sturmgepäch bereit. Der Lederheim blieb zurück. Vorne wurden in der Bruleschlucht Stahlhelme gefaßt, etwas
ungewohnt Neues für uns. Die Eiserne Portion lag wohlverstaut neben Rauchzeug und Patronen im Brotbeutel. Die
Verbandpäckchen waren.mit besonderer Sorgfalt im Waffenrock eingenäht, die mochte keiner missen - wenn er
vielleicht sonst keine Hilfe hätte. Die letzte Karte mit mysteriösen Andeutungen - wir durften nicht schreiben, wo wir
waren - hatte der Postsach aufgenommen.
Wie die Kompanie im Dämmerdunkel zum Vorgehen angetreten ist, werde ich vorgerufen und vom Feldwebel als
Wegführer ins Fort kommandiert. "Ich?" frage ich aus allen Wolken gefallen. "Hören Sie denn nicht?" sagte barsch der
Feldwebel und fügte hinzu: "Sie waren doch schon einmal hier vor Verdun, Sie kennen also den Betrieb. Eintreten!" Du
liebe Zeit! Haben diese Leute eine Ahnung von Verdun! "Rechts um! Ohne Tritt - - -!" Wir bilden Reihe zu einem und
treten beklommen nach vorne an.
Durch das zerfetzte Herbe-Bois windet sich uni Trichterränder ein von Tausenden von Füßen getretener Pfad.
Schanzzeug und Seitengewehre klappern zusammen mit den Feldflaschen die ewig blecherne Melodie einer in Stellung
rückenden Truppe. Einzelne schwere Schüsse heulen in regelrechten Pausen weiter rechts ins Herbe-Bois. Vermutlieh
steht dort eine Batterie. Man sieht das Feuer der Detoriationen durch die Baumstümpfe aufblitzen. Vorne scheillt es
heute ruhiger zu sein. Das Mündungsfeuer der Geschütze zuckt ganz gemächlich hier und da, als ob es sich beruhigen
wollte. "Obacht! Draht; - Loch!" - Leises Reden geht durch d e Reiben. Man hatte beitio,es Feuer erwartet. Warum das
wohl ausblieb? Einer nieinte: "Schreits nur riet so laut, 's kimmt eh früah gnua!"
Nach einer knappen Stunde ging es hangabwärts; eine Stockung trat ein. Die Ornesschlucht lag vor uns. Pferde standen
unten, Munitionskörbe wurden in weißleuchtende Aufwürfe des jenseitigen Hanges geschichtet. Wir schauten, daß, wir
weiterkamen aus dem Knäuel, und stiegen mit Händen und Füßen den Jenseitigen stellen Hang hinan. oben stand einer
und sagte wiederholt. "Jetzt sind wir am Vauxkreuz. Ist alles da?"
Und vor uns tat sich das nächtliche Panorama der Front von Verdun auf. Weit fiel der Blick in das gespenstisch
flackernde Schlachtfeld. Wir blieben stehen und staunten hinab in den Kessel des gärenden Dunkels und Lärmens zu
unseren Füßen. Prasselndes Infailteriefeuer wehte heran, mit der dumpfen Begleitung der Handgranateneinschläge.
Ganz nahe, keine halbe Stunde weit schien es zu sein und zu brodeln. Die Dunkelheit verwischte die Entfernungen.
Eine fortwährend steigende Kette von Leuchtkugeln zeichnete hell das bleiche Band des Stellungsverlaufes ins dunkle
Gelände. Feine Funken sprühten dazwischen von den Detonationen der Geschosse. Ein Märchenbild, eine italienische
Nacht mit Lichtersprühen und Feuerwerk.
Horch! An einer Stelle scheint sich das Prasseln des Feuers zu verstärken, immer schneller folgen sich die
Leuchtkugeln. MG.s hacken dazwischen mit monotonem Dauerfeuer, und Ilandgranateneinschläge summieren sich zu
einem dumpf rollenden Wirbel. Da - eine grüne Leuchtkugel steigt auf und zerfällt wie ein Stern. Noch eine - drei zehn und immer mehr. Gnade Gott! Heißt das nicht Sperrfeuer? In heftigen Wogen brandet jetzt das Kleinfeuer des
Infanteriekampfes, während das grüne Signal in mehreren Stafetten nach hinten wandert. Feldgeschützc bellen in
Scharen los und mischen sich in das beginnende Inferno der Hölle von Verdun.
Jetzt steigt auch vor uns der grüne Stern strahlend empor Und läßt uns in den Schlund der Bruleschlucht blicken - jetzt
schon hinter uns in der Ornesschlucht und im Herbe-Bols. Die ganze Gegend ist voll heimlichen Lebens geworden.
Ilundertfach fahren die Suichflammen der Abschüsse blendend aus dem Boden. Rumms, rurumms! grölen die
Brurninbässe der schweren Geschütze in der Brule- und Ornesschlucht. Noch Ist das Schauspiel überwältigend schön,
Vorne steigen jetzt auch rote Leuchtkugeln hoch und verschönern das farbige Lichterspiel. Ziehende quellende Wolken
der Einschläge verschlingen und verschleiern es, bis es schließlich ganz darin ertrinkt und der Kessel vor uns von
brodelndem, feuerdurchzucktem Dampf wogt.
Blitzgelbe Lohe der Abschüsse und rotsprühendes Feuer der Einschläge zittert durcheinander. Das Ohr ist betäubt vom
Krachen und Sausen, das wirr um uns splittert und dröhnt. Hastiger geht es weiter. Jetzt ist es da, was jeder erwartet hat.
Die Bruleschlucht ist bis oben vom Dampf erfüllt. Feuer und Qualm wallt und zuckt durcheinander. Da müssen wir
hinein?
Vor mir schreien sie etwas, was ich nicht verstehe. Vor lauter Schauen bin ich zurückgeblieben und der letzte
geworden. Jetzt gilt es. Noch sehe ich die letzten Schatten vor mir im Rauch dahinhasten, da wirft mich ein Druck zu
Boden mit rötlichem Feuer und nachtschwarzem Bauch. Ein Wurf Erde trifft mich von der Seite. Entsetzt fahre ich
hoch und schreie: "Kameraden? Zehnte Kompanie?" Ich bin allein, einsam - in dieser Hölle. Wie ein Wahnsinniger
stürze ich in Sprüngen abwärts in die Schlucht. Ich kann nichts mehr sehen, falle in Löcher, stürze über Bäume - nur
fort, weiter -hinaus! Nur jetzt nicht! So allein in diesem Grauen der Vernichtung. Sind da nicht Gestalten wie Schatten
vor mir? Vielleicht sind es die anderen. Wasser schlägt kalt um meine Knie, nur durch - und da geht es schon leicht
bergan.
Keuchend und zitternd tappe ich in nebliger Finsternis dahin. Wo nur die anderen sind? Ach, wenn man nur sehen
könnte! Ein schwerer reißender Einschlag wirft mich erneut zu Boden - da liegt schon einer - ein Toter! Um Gottes
willen, fort! Ach, wäre ich doch besser oben liegengeblieben und hätte das Ende des Sperrfeuers abgewartet.
Aus einer Ritze schimmert Licht. Waren das nicht Stiminen? Ich hebe eine Zeltbahn zur Seite. Barsch wird sie mir aus
der Hand geschlagen. "Alles besetzt hier!" Mensehen hier? Das beruhigt mich. Schattenhaft hastet einer vorüber und ist
vorbei, ehe ich hervorbringen kann: "Kamerad, wo...?" Wie ich suche, fährt ein jäher Blitz auf über mir, ein pressender
Knall schleudert mich zur Seite, unter mir gibt etwas nach. Fluchen und Schreien. "Aber, Mensch, so gib doch Obacht!
Hier ist ja alles schon voll, laß die Zeltbahn aus!" - "Meine Füße! Mein Brotbeutel!" Bis einer sagt: "Ginder, dem ist ja
was bas§lert vorhin, wie's gegracht hat, seht doch mal nach!" Man zerrt die Zeltbahn völlig beiseite, und ich bin im
engen Schlupfloch einer Gruppe Sachsen, die doch dann Platz machen, daß ich mich niedersetzen und verschnaufen
kann. Sie sind alle schon marschbereit, denn sie sollen heute nacht noch ablösen vorne in der Stellung. Ich sage dem
Unteroffizier, daß ich auf den Douaumont als Wegführer kommandiert bin, und erkläre ihm, daß ich mich gleich
anschließe beim Voruchen. Denn wie sollte ich sonst das mir völlig unbekannte Fort in der Nacht finden!
Langsam ebbt das Feuer ab. Es ist bereits 1 Uhr nachts geworden. Ich sehe hinaus und suche nach meinen Kameraden.
Sie sind eben dabei, die Schlupflöcher zu besetzen, die von den Sachsen geräumt werden. Unsere Kompanie hat
glücklicherweise keine Verluste. Nur mich hat man vermißt und geglaubt, ich läge da droben am Eingang zur Schlucht.
Schon wollten Krankenträger nach mir suchen. Aber von den anderen Kompanien werden Verluste bekannt. Ich melde
mich beim Kompanieführer ab und schließe wich den Sachsen an, welche eben in langer Reihe am Hang der Schlucht
antreten.
Der Mond spendet eine bleiche, fahle Beleuchtung. Ich bin vorne beim Führer, der mir leise die Wege und Gefahrzonen
erklärt. Gleich am Ostausgang gibt es einen Halt. In hastiger Aufeinanderfolge heulen schwere Granaten direkt
flankierend in die Ecke, wo der Weg rechts zum Douaumont abbiegt. In einer kurzen Schleife wird das Feuer
unterlaufen, haarscharf pfeifen die Luder dabei über unsere geduckten Köpfe. Ein schauderhaftes Gelände umfängt uns.
Widerlicher Verwesungsgertteh liegt über der Hassoulschlucht, die wir hastig keuchend überqueren. Eine zerfetzte
Batterie streckt die Reste der Räder und Lafetten gespenstisch in die Luft. Undeutlich erkennbar liegen die zerknüllten
Kleiderbündel Gefallener zur Seite. Stahlhelme, Gewehre, Patronen, Handgranaten und alles erdenkliche
Pioniermaterial liegt zerstreut über dem zerwühlten Boden, wie in einem riesigen, stinkenden Schutthaufen. Bei Nacht
kennt man nicht, daß ehedem ein Wald hier stand.
Scharf geht es einen langen, steilen Hang empor, auf dem uns einzelne Trupps begegnen. Keiner spricht ein Wort, man
hört nur das Keuchen der Lungen, Gespannt sieht alles auf den Weg nach vorne. Die Sachsen kennen ihn, sie sind
schon öfters hier herauf. Immer sieht er anders aus, denn stündlich wird er von netten Trichtern umgestaltet. Ein Schuh
Leichtverwundeter liumpelt vorbei nach hinten. Kahl und leer, wie eine Mondkraterlandschaft, liegt die Höhe vor uns
im bleichen Schein der Sterne, Jetzt fallen gruppenweise Einschläge auf den Kamm, und wir gehen gerade darauf zu.
Vier Tote liegen in einem Knäuel beisammen, von weitem konnte man meinen, sie hätten sich hier nur zum Rasten
niedergebetzt. "Die sind von heute abend; wie ich vom Douaumont herunter bin, waren sie noch nicht da", sagte der
Korporal.
Auf einmal bleibt er stehen und sagt: "Wir sind da!" Von vorne werden wir angerufen; ein Licht blitzt auf - ganz kurz.
Der gesuchte Eingang zum Fort ist gefunden. Ein Posten steht dort und leuchtet. "Rasch, rasch! Erst vorhin haben sie
wieder eine Lage hergesetzt!" Eine nasse, glitschige Betontreppe in einem engen Stollenhals führt uns empor. Es ist
drückend warm und stickig, daß uns der Schweiß herunterrinnt wie in einem Dampfbad, bis wir auf einmal in einem
breiten Gang halten. Alles atmet auf in der Geborgenheit der Kaseniatten des Forts. Das Schweigen geht in einen
lebendigen Redefluß über. Wo wir stehenbleiben, lassen wir uns züi Boden fallen, um zu verschnaufen. Gott sei Dank!
Wir sind in Deckung. Dumpfe Schläge vibrieren durch das Gewölbe. Der Douaumont wird noch immer beschossen.
Immer mehr Leute schieben sich in den Gang; es wird bald fürchterlich eng. Ein dumpfer Lärm hallt durch die
brütende, stickige Atmosphäre. Laute Rufe schneiden durch: "Gang frei machen!" "Obacht, Verwundete!" Ein Zug
schmutziger, bleicher Gestalten mit blutigen Verbänden huscht im Zwielicht der armseligen Beleuchtung vorbei;
Bahren und Zeltbahnbündel, aus denen Wimmern und Stöhnen dringt, schwanken vorüber. Schweißtriefende Gestalten
mit stieren Auigen kommen hastig aus der entgegengesetzten Richtung des Ganges. Abgelöste! Die verschiedensten
Regintentsnummern schwirren vorbei. Erschütternde, laute Schläge dröhnen vorn anderen Ende des Gewölbes her, der
Luftdruck sticht beklemmend durch den menschenüberfüllten Raum. Mit weit geöffneten Augen stieren wir in die
Richtung des Ausgariges, Er liegt unter Feuer.
Kisten werden herbeigeschleppt und Handgranaten verteilt. Kästen mit MG.- Munition, Sandsäcke in Bündeln wer den
ausgegeben. Ich muß mich beim Fortkommandanten meiden. Schon gebe ich mich der angenehmen Hoffnung hin, diese
Nacht im sicheren Fort zu verbringen. Da höre ich die gewaltige Stimme unseres Majors, der jetzt Kommandant vom
Douauniont ist, wie er einen Leutnant der Sachsen fragt: "Wie lange wollen Sie noch bleiben? Höchste Zeit, sonst
kommt die Ablösung vor Tag nicht zurück. Lassen Sie antreten!" In die rastenden Kolonnen kommt Bewegung.
"Fertigmachen!"
Ich melde mich bei ihm. "Von der zehnten Kompanie ins Fort kommantliert!" - "So - Sie sind das! Gehen Sie gleich mit
dem Bataillon, damit Sie den Weg wieder kennenlernen!" "Sie kennen sich sowieso schon aus, Ihnen ist das nichts
Neues mehr", fügt der Adjutant hinzu im Weggehen.
Ich habe eine unheimliche Wut auf den Major und hätte am liebsten weinen mögen, wenn ich mich nicht geschämt hätte
vor den anderen. Ich soll mich auskennen hier, wo sich der Teufel nicht zurechtfinden mag? Ich wollte ihm nachlaufen
und sagen, daß er sich irre. Gewiß hatte der Feldwebel etwas dahergeschwätzt von "im Gelände bekannt". Die anderen
Kameraden laren schön warm in den Löchern am Hanu der Bruleschlucht und schliefen. Und mich hetzte man so
herum. Das war schier zuviel" heute mittag das Unglück in Stimazannes, dann der Spießrutenlauf durch das Sperrleuer
in der Bruleschlueht und der Weg zum Douaumont. Hat man denn clar kein Herz? Hundsmüde, zum Umfallen, lehnte
ich an einem Sandsackverbau und überlegte. Sollte Ich in einem Trichter draußen liegenbleiben - denn ich komme ja
doch nicht mehr so weit, so zerschlagen hin ich an allen Gliedern - und vor Tag wieder hereinschleichen ins Fort? Als
"Versprengter"?
"Wo willst du hin?" rief mich ein Posten am Eingang hinter Drahtgeflecht und einer Sandsackmauer an. "In Stellung!
Wo sind denn die Sachsen hin?" "Die sind schon draußen; da mußt du dich schicken; wart, ich gehe ein Stück mit!"
sagte er hilfsbereit und führte mich durch ein zerfetztes, gähnendes Loch ins Freie. Kühle Nachtluft umfing mich.
Grausig gepackt von der Angst, fiebernd vor Aufregung, folgte ich ihm. Wenn sie jetzt herschossen? Lag da nicht ein
Toter? Wie ein gesehrecktes, witterndes Tier sog ich den schleimig-eklen Verwesungsgeruch in die Nüstern.
Grauenhaft zerzaust und zerwühlt war der Graben des Forts. Nun klommen wir schräg einen zerwühlten Wall hinan und
hielten. Da - jetzt -grimmig faycht es heran, mitten auf den Douaumont. "Geh doch weiter, bleib doch nicht hier
stehen!" Da fuhr aus dem Fortgraben eine Leuchtkugel hoch und zitterte über riesigen schwarzen Trichtern. Sie hatte
wenigstens einige Reihen geduckter Leute sehen lassen; das mußten die Sachsen sein. Hastig stürzte ich in dieser
Richtung davon.
Heulend und gurgelnd zogen die Granaten hoch oben ihre Bahn. Huliui - brrach, - brrach, - brrach! - Feuerschein huscht
blaß über die zerrissene Erde, und surrende Splitter zersingen im Umkreis. Das haut gewiß auf den Forteingang. Ob der
Kamerad wohl schon wieder drinnen war in der Deckuna? Stöhnend und keuchend wie ein gehetztes Tier stürzte und
fiel ich von einem Trichter zum anderen. Glitschiger, zäher Lehm saugte sich an die Stiefel; bald rechts, bald links
rutsche ich von den schmalen Trichterrändern ab. Völlig erschöpft brach ich zusammen und raffte mich wieder hoch,
um weiterzustürzen. Scheu streifte ich, mit den Augen den Boden suchend, in der stockfinsteren Gegend an unerträglich
dünstenden Toten vorüber. Schon höre ich zuweilen aus dem ewigen Gebrodel des Gewehrfeuers das Klirren der vor
mir gehenden Trupps. So rasch ich lief, es dauerte lange, bis ich sie endlich einholte und nicht mehr allein war.
Das fortwährende Geflacker der Leuchtkugeln kam imrner näher. Links seitwärts, auf einer Bodenwelle, fuhren in
endloser Reihenfolge schwerste Einschläge nieder. Glühende Strahlenbüschel der Schrapnelle streuten mit mattem
Knall die ganze Gegend ab. Zögernd verhielt die Kolonne; ich arbeitete mich keuchend an die Spitze vor zum Korporal.
Heftiger zuckten beim Franzmann die grellen Strahlen der Abschüsse.
Der schwarze Schatten einer Bodenerhebung nahm uns im Weiterschreiten den Blick nach vorne. Weithin sichtbar zog
sich ein weißleuchtender Einschnitt durch den Aufwurf des Gesteins. "Der Einschnitt am Bahndamm von Fleury",
erklärte der Korporal. Zu gleicher Zeit zuckte dort eine Reihe von Blitzen hoch. Schmetterndes Krachen und Splittern.
Dampf verdeckte den weißen Anwurf. Wir sprangen auseinander und in die Trichter, das feurige Verhängnis erwartend.
Stickender Qualm, Feuer, stäubende Erde, Schreien: "Sanitä..." Wie lange das dauerte? Eine Ewigkeit von drei
Minuten; dann verzog der Rauch wie ein Vorhang von dem weißen Einschnitt. Auf! Vorstürzen, hindurch!
Unaufhörlich zischten die Geschosse der wahnsinnig nahen Batterien über uns hinweg. "Nur schnell, weg da - lahmes
Schwein - mach weiter!" Vielleicht geht es gleich wieder hierher.
Sumpfige, wassergefüllte Trichter hemmen den guten Vorsatz. Ein zähneknirschendes, verflucht langsamesWaten
durch zähen, glucksenden Lehm will kein Ende nehmen. "Leise, wir sind eingesehen von der Kalten Erde!" Bei jeder
Leuchtkugel erstarrt alle Bewegung, und die Lichter funkeln auf der langen Reihe der Stahlhelme. Ich bin schon über
und über voll klebendem Lehm. Mein Gewehr ist zum Schuß unbrauchbar, so oft bin ich damit gestürzt; Schloß und
Visier sind eine unförmige Lehmmasse. Aufwürfe tau(hen vorne auf; einzelne Leute begegnen uns, im Zurückgehen
begriffen. Eine in den Boden gestochene Rinne, eine Art Graben, knietief voll Lehmbrei, nimmt uns auf. Kaum fünfzig
Schritte noch, dann sind wir in der Stellung bei Fleury.
Rudelweise ziehen die Abgelösten nach hinten. Ich setze mich, zum Umfallen matt, gegen alles um mich herum
gleichgültig, an die Wand eines großen Trichters und falle in einen bleiernen Schlaf.
Irgend jemand rüttelt mich wach. "Sie müssen machen, Bayer, sonst kommen Sie heute nicht mehr zurück. Werfen Sie
doch Ihr Gewehr weg, das hindert Sie nur im Gehen! Hier haben Sie die Meldung, die geben Sie am Bahndamm ab
beim Abschnittskommandeur." Allmählich begreife ich. Ums Leben gern hätte ich gebeten: Laßt mich doch hier
schlafen, ich bin zu müde, es geht nicht mehr! Vom HerbeBois bis Fleury in einem Lauf, das ist ja unmenschlich das
erstemal. "Fehlt Ihnen etwas?" fragt mich der Leutnant, und alle im Trichter schauen herzu. Ich raffe mich auf,
taumelnd, und sage: "Ja, ich gehe schon!" Sie sollen nicht sagen können, daß ein Bayer den Mut verloren hätte.
Und so wate ich den Graben zurück. Ein bleigraues Dämmern zieht schon herauf. Schwarz steht hinten der breit
gespannte Bogen einer zernarbten Höhe, das muß der Douaumont sein, dort kann ich schlafen - bloß schlafen. Ein MG.
fährt knallend mit seiner Garbe in die Mulde, Gleichgültig sehe ich Wasser und Dreck vor mir aufspritzen beim
Einschlagen der Geschosse. Soll das mir gelten? Ob die mich drüben wohl sehen? Ich strebe auf den weißen Einschnitt
des Bahndammes zu und fühle noch dumpf die Genugtuung, damit eine große Station des Kreuzweges zum Golgatha
des deutschen Frontsoldaten - zum Douaumont - erreicht zu haben.
Eine harte Spannuilg hat sich in mein überhitztes Gehirn gesenlu, das wie kochendes Blei in meinem Schädel schwankt.
Da hinter dem Damm sollen einige Stollen sein. Ich suche nach links, über riesige Trichter stolpernd, und finde einen
Stapel Kisten von Minen und Handgranaten, die mit Dachpappe zugedeckt sind. Im Dusel halte ich das für einen
Stollenhals und will dort hinein. "Was suchst du hier?" ruft mich jemand an. Ein Signalposten mit der Leuchtpistole
steht ein Stück weiter. Licht schimmert von unten. Ich frage nach dein Kommandeur und schiebe mich dann
rücksichtslos durch einen zum Bersten vollen, stickigen Stolleneingang hinunter. Dort sitzt einer mit einem Notizblock
und schreibt: "Meldung nach vorne!" sage ich zu ihm, Er schaut mich an und sagt: "Wo kommen Sie denn her? Zu
welchem Regiment gehören Sie denn?" Ich gebe in kurzen Sätzen Antwort und sage, daß ich ins Fort zurückgehe.
"Dann können Sie ja das alles mitnehmen, meine Ordonnanzen sind sowieso alle unterwegs und wahrscheinlich heute
nacht wieder einige ausgefallen." Mir ist das alles so Wurscht.
Willig macht man nur Platz, als ich hinaufsteige in die frische Morgenluft. Es ist ziemlich hell geworden. Deutlich
schon sieht man das grauenvolle Antlitz dieser HöllenIandschaft, Am Douaumont steigen unaufhörlich die
Springbrunnen der Einschläge hoch. "Junge, Junge, da hast du höchste Eisenbahn!" sagt der Posten zu mir, als gäbe er
keinen Pfifferling mehr für mein Leben.
Immer deutlicher graut der Tag, Einschläge liegen verstreut über dein Hang. Gleichgültig, aber hastig steige ich
Trichter um Trichter hinan. Ich sehe mechanisch auf die Uhr, als hinter dem Duaumont der Schein der Morgensonne
aufzuleuchten beginnt. Es geht, auf 6 Uhr.
Und mit Heulen und Zischen fällt das Feuer auf die Krone des breitgewölbten Rückens. Halb einer Ohnmacht nahe, von
wirren Bildern erfüllt, stehe ich freudig aufatmend plötzlich hinter der Deckung des Walles, stolpere über Steine,
Drahtrollen, an Toten vorbei, höre noch jeinand rufen: "Links, Mensch, links!", sehe eine verfallene dunkle Öffnung
und taumle hinein. Einer führt mich durch ein Dralatoewirr nach innen, wo wieder vielstiminiges Murmeln an mein Ohr
dringt. Ein Donnerschlag - Feuer und harter Luftdruck hinter mir. Es hat auf den E.ingang geschlagen. Im breiten Gang
sinke ich auf die zitternden Knie und lehne mich an die nassen Steine der Wand, alles dreht sich um mich, wie ein
laufender Prater - es wird mir flimmerig vor den Augen, und dann schlage ich der Länge nach - nicht aufs Pflaster sondern in die welchen Arme der endlichen Umnachtung, einen singenden Ton im Gehirn, wie das unaufhörliche
Pfeifen der hetzenden Granaten.
Hans Zöberlein: Der Glaube an Deutschland
Im Douaumont
Als ich die Augen wieder aufschlug, lag ich auf einer Drahtklappe. Es roch nach Jod und Apotheke. Einer im weißen
Mantel schaute mich an und fühlte meinen Puls. Auf einem Tisch wickelten im grellen Lichtkegel eines Scheinwerfers
zwei Krankenwärter an einem leise stöhnenden Verwundeten herum. Ich bin im Verbandraum des Douaumont, schoß
es mir freudig durch den Sinn. "Na, geht ja schon wieder! Schmerzen?" fragte der Arzt. Ich deutete nach meinem
Schädel. "Kopfweh? Schlafen, zwei Aspirin und schlafen; den ganzen Tag haben Sie Zeit." - Die Meldungen, fiel es mir
siedeheiß ein, wo waren die? Hatte ich sie unterwegs verloren? Nein - ich muß sie mit hereingebracht haben; ich suchte
und fand sie nicht in meinen Taschen. Erregt sprang ich auf und fragte den Arzt, der bei einem anderen stand. "Ist bei
mir nichts gefunden worden? Ich habe..." - "Die Meldungen? Nur keine Sorge, die haben wir Ihnen aus der Hand
genommen und weitergegeben." Ein Stein fiel mir vom Herzen; ich mußte mich wieder setzen, weil mich die Freude zu
übermannen drohte. Nein, sie können nicht von mir sagen, daß ich ein Schwächling sei. Es wird schon gehen, eine
Nacht ist ja schon vorüber; es sind nur noch fünf, bis ich wieder abgelöst werde.
Einer bringt Wasser und verteilt es an den Klappen. Ich krame meinen lehmverkrusteten Trinkbecher aus und reibe ihn
mit den gelbschmutzigen Fingern einigermaßen sauber. Wie er mir eingießt und sein Gesicht in den Lichtschein hebt,
erkenne ich den Spangler von meiner Kompanie. Zugleich fährt es uns beiden heraus: "Was tust denn du da?
"Verwundet?" - "Nein, mir ist's nur etwas schwarz geworden; Ordonnanz bin ich halt, Wegweiser!" Er pfiff durch die
Zähne: "Ah, dann glaub' ich es! Geh mit mir, ich habe einen feinen Druck erwischt da herinnen. Ich muß Wasser
filtrieren. Was sagst du zu meinem Fabrikat? Fein, ha?" Er kippte den letzten trüben Guß aus seinem Blechtornister.
Wir drückten uns ungesehen hinaus und tappten durch düstere, nur spärlich erleuchtete Gänge, die jetzt bei Tage fast
ruhig dalagen. Alles schlief. Von irgendwoher strich ein kühler Luftzug herein und brachte dumpfes Grollen mit sich.
Dann stank es bestialisch nach verbrannten Lumpen und Verwesuncr. Das Grauen grinste gespenstisch aus den dunklen
Ecken. Gestalten hockten am Boden neben schmutzigen Gewehren und schliefen. Versprengte der vergangenen Nacht.
Handgranatenkisten standen stoßweise an den Wänden. Einige trugen auf einer Tragbahre den Mist von Holzwolle,
Lumpen und Dreck zusammen. Im breiten leeren Gefechtsgang standen Leute umher, die anscheinend zur Besatzung
gehörten. Die Kaseinatten waren vollgepfropft mit Infanteristen, Pionieren und Artilleristen. Vom anderen Ende her
roch es nach Büchsenstampf, und wir kamen auch bald an der Küche vorüber. Dann ging es wieder in niedrigen Gängen
viele Stufen abwärts, und endlich hob der Spangler eine Decke vor einem Loch in der Mauer zur Seite. "Das ist jetzt
meine Werkstatt", sagte er leise, denn am Boden lagen schlafende Gestalten. Über Fässern oder Kübeln standen
blechbeschlagene Kästen, aus denen es dünn rieselte und tropfte; Tropfen für den Brand des Durstes. Wir setzten uns
auf den Boden und machten auf einer Hartspiritusdose eine Fleischbüchse warm. Und dann kochte der Spangler noch
einen Extratee mit dem trüben Wasser, den wir durch einen Sandsackfetzen seihten. Hernach rollte ich Zeltbahn und
Mantel auf und drückte mich in eine Ecke, wo zwischen zwei Mann noch ein schnialer Platz auf der zermürbten
Holzwolle war. Von Zeit zu Zeit ging ein durnpfes, murrendes Zittern durch den Boden, wenn der Donaumont von
schweren Granaten getroffen wurde.
*
Von einem regen Leben und lauten Gerufe wurde ich geweckt. Staunend sah ich auf meiner Leuchtuhr, daß es schon 7
Uhr abends war. Der Spangler hatte schon Essen gefaßt, so daß ich nur einzubauen brauchte. Er hatte im Fort alte
Handgranaten mit verwachsten Köpfen aufgetrieben, die brannten ganz gut und lange, wenn sie auch ein weinig stanken
und die Kochgeschirre gelb anräucherten. Im Gefechtsgang war schon ein reges Hin und Her. Die ersten Trupps von
draußen sind hereingekommen, mit Schweißrinnen in den lehmgrauen Gesichtern. Bei einem Kasematteneingang stieß
ich rnit unserem Adjutanten zusammen und erhielt meinen Auftrag für die kommende Nacht. "Heute haben Sie es
leicht. Sie müssen nur die zehnte und elfte Kompanie von der Bruleschlucht mit Baumaterial, Patronen und
Handoranaten heraufführen. Dann sind Sie fertig. Wissen Sie das Depot?" - "Das finde ich schon."
Von Pionieren hörte ich, daß sie nach Bezonvaux zurückgingen; ihnen schloß ich mich an. "Auf eigene Rechnung und
Gefahr, wennste in keiner Lebensversicherung bist", meinte ein Schnapser zu mir. Es ging den langen Stufengang
wieder abwärts, den ich gestern mit den Sachsen heraufkam.
Der dumpfe Krach berstender Granaten schlug uns mit einem Male laut entgegen. Wir waren am Ausgang. Jeste
Zunder, was?" meinte einer vor mir. "Heute haben sie wieder mal schlecht mertaciert", ein anderer.
Mit einem Male liefen die Pioniere weg. Ich lief hinterdrein, was ich herausbrachte. Donnerkeil, die konnten aber
sausen. Tsching - trumm, trumm! Brocken fliegen, und Splitter zischen. Trichter um Trichter, auf und ab in diesem
einzigen, grauenhaften Schutthaufen. Und ich renne und rufe. Die Pioniere habe ich längst verloren und weiß nicht,
wohin in dieser öden, überall gleichen Wüste. Löcher - Schutt - Löcher - zerrissene Erde. "Pioniere! Pioniere, wartet do
- -" Ffft - fft - - fft wrumm, wrumm! Haarscharf ist es über inich weg, daß ich mich ohne Besinnen in ein Loch warf. Da
soll ich Leute heraufführen? Wie soll ich in der Nacht den Douaumont finden, wo ein Stück Boden, das man kurz
überschauen kann, ist wie das andere? Ich weiß jetzt nicht mehr, bin ich von links, von rechts oder sonstwo
hergekommen in den Trichter voll Lehmbrei, in dem ich verschnaufe. Ich krame in der Tasche nach meinem Kompaß
und lasse die zitternde, grünleuchtende Nadel einspielen. So ein Kompaß ist halt doch ein verläßlicher Freund in der
Not des Irrens. Eine der genialsten Entdeckungen, fühle ich im Augenblick. Ich muß doch gut in der Richtung
geblieben sein, haarscharf Norden habe ich. Weit kann ich da nie fehlen.
Ich wollte die Schlucht nieiden, in der es rauchte und blitzte, aber ich sehe, daß es einerlei ist, wo man läuft. Rote Blitze
zerglühen über mir, und rasselnd spritzen die Schrapnelle aus einer ins Dunkle verschwimmenden Wolke in den Lehm.
In riesigen Sätzen springe ich hangabwärts und bin, ehe ich es noch glaube, schon dort, wo die Schlucht sich weitet und
die zerschossene Batterie von gestern nacht steht. Ich rieche sie schon. Dann ist ja dort vorne, bei diesen dröhnenden
Einschlägen, schon das scharfe Eck, wo es in die Bruleschlucht hineingeht. Pulverrauch weht heran und mischt sich mit
Verwesungsdunst. Angstvoll gebannt stiere ich nach der Einschlagstelle und merke mit einem Male, daß Ich in zähen,
tiefen Lehrnbrei komme. Schweißtriefend trete ich mit meinen Stiefeln, um nicht steckenzubleiben. Endlich finde ich
einige Stollenbretter und Kisten, die von irgendwein einmal über diesen Sumpf geworfen wurden, und komme wieder
hinaus. Diese Übergangsstelle muß ich mir merken! Einen zerknüllten, zerlöcherten Wellblechrahmen, den ich einige
Schritte weiter finde, stelle ich im offenen Bogen neben den Weg. Man sieht so deutlich von ziemlicher Entfernung
diese Stelle, wie ich selbst im Zurückschauen merke.
Jetzt habe ich nicht mehr weit. Ich denke an meine Aufgabe, die ja nur eine "leichte" ist heute. Ssst! - Wie
eingeschlungen liege ich plötzlich am Boden - Erde wird um mich herum aufgerissen, beißender Rauch wallt, Brocken
prasseln und stoßen mich. Wrumm - wupprr - wrumm! Ach Gott, ach Gott! Fort - weg da - ehe die nächste Lage!
Taumelnd stolpere ich durch weiche, dampfende Erde, Blei in den Füßen, wie im Traum, wenn ein Haus über einem
eingestürzt und man vom Schrecken an den Boden genagelt ist. Schon - iiiisssst - iii - wieder. Und diesmal fährt der
Feuerspuk hinter mir in den Grund der Schlucht; trumm -, zwei Blindgänger dabei, die den Boden schütteln, daß ich das
Zittern in meinen Beinen spüre. Doch dann fühle ich, daß der Boden mählich abwärts fällt. Baumstumpen tauchen aus
dem schwarzgrauen Düster der Nacht. Ich renne in die Bruleschlucht hinein. Menschenumrisse bewegen sich, aus
feinen Spalten am Boden blitzt sekundenlang Licht, wenn Zeltbahnen zur Seite geschlagen werden. ich bin am Ziel und atme auf. Ich bin wieder unter Menschen und nicht mehr so gottverlassen allein.
Einer führt mich zum Kompanieführer, der schon wartet. "Wie lange braucht man denn zum Douaumont?" "Eineinhalb
Stunden." "Woher denn, es sind doch keine drei Kilometer?" "Aber ein Sauweg, Herr Leutnant." Meine Ankunft
brachte wimmelndes Leben in die Schlucht; die Kompanie trat an. Ich fragte mich zur elften durch, die mir aber schon
entgegenkam und in die Schlucht hinabstieg in langen, schweigenden Reihen. Die glühenden Blitze der Schrapnelle
zuckten fortwährend hoch über dem lärmenden Grund. Kolonnen knarrten und rumpelten drunten aneinander auf der
schmalen, kotigen Straße vorbei. Baurnaterial polterte zu Boden, Kisten wurden übereinandergeworfen, Rufen und
Wiehern schallte darüber weg. Ein Hochbetrieb der letzten Abladestelle vor der Front. Jeder hatte es eilig, hier wieder
wegzukommen. Gotteslästerlich fluchende Fahrer und schnaubende Rosse zerrten an einer Feldküche, die seitwärts bis
zu den Achsen in einem schlammgefüllten Trichter eingesunken war. Aber sie rührte sich nicht. Eine schimpfende,
schwere Munitionskolonne kann nicht mehr durch. In den Trubel hinein brüllen die Einundzwanziger, die am Ende der
Schlucht stehen, und am jenseitigen Hang zuckt das betäubend hallende Feuer anderer Batterien. Da wird wohl der
Franzmann auch nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Unsere Leute fassen Stollenrahmen und Schnelldrahtringe, eine neue Art von Drahthindernis, Eisenpfähle und
Sandsackbündel; die Elfte nimmt Ilandgranatenkisten und Patronerikästen auf. Eine Stunde vergeht fast, bis alles in
langer Kette am Hang der Schlucht endlich zum Vorgehen bereit ist nach vielem wirren Rufen und Suchen. Mit der
elften Kompanie wird ein Leuchtsignal vereinbart für den Fall des Abreißens und Abirrens im unbekannten Gelände.
"Antreten!" wird nach hinten durchgesagt, und schweigend windet sich der lange Wurm aus der Schlucht hinaus. Es ist
mondhell geworden, eine gute Sicht liegt in der bleichen Nacht. Das scharfe Eck wird nicht mehr beschossen. Gerade
wackelt dort eine Kolon ne der Artillerie durch die Trichter; die Pferde krümmen sich unter der Last wie Katzen, von
den Fahrern in einem fort angefeuert: "Wüh, wüh, hüo, hüo, wüh!" Da steht wohl noch eine Batterie vorne in der
flassoulschlucht oder sonstwo in dieser Leichengruft.
"Eine böse Gegend", meinte der Leutnant neben mir. "Auf jeden Trichter wird schon einer treffen, den es derhaut hat
hier herum." Ein Stiefel an einem Bein, das aus dem Schutt ragte, bestätigte nur zu gut meine Worte. Blindgänger und
Schrapnellhülsen lagen alle paar Schritte. Wie viele werden vergraben und verschüttet sein neben zerknüllten
Menschenleibern?
"Kurz voraus! A bgerissen!" sagten sie nach vorne durch. Wir hielten. Alles warf sich zum Verschnaufen hin. Ich lief
ein Stück rückwärts, wo ein Haufen schimpfend beisammenstand, der sich nicht auskannte. Dann ging es wieder,
beflügelt voni Heulen einer Lage, die in die soeben verlassene Schlucht fuhr. Das trieb ohne Worte an. Es ging schon
stark bergan, und keuchend tappten wir Schritt für Schritt. Seitwärts verklirrten Granaten, und mit einem Male zischte
es über uns hinweg in die Schlucht. Jeden Augenblick - natürlich, da gurgelt und johlt es vor uns schon herab.
Erschrocken und beklommen stocken wir. Einige werfen sich schon zu Boden. Vom Kamm vor uns zuckt ein riesiger
Blitz, ein erdrückender Schlag brüllt auf - nochmal - und immer wieder. Das geht auf das Fort. "Weiter! - Nicht
stehenbleiben!" sage ich. "Los, Leute, beisammenbleiben!" ermuntert der Leutnant, "da dürfen wir nicht übernachten!"
Unwillkürlich bog ich etwas nach rechts aus. Der bleiche, zitternde Schein der Leuchtkugeln von der Stellung vorne
flackerte hinter haushohen Rauchknäueln am Douaumont. Der Richtung nach ging das sicherlich auf den Eingang.
Wir mußten doch warten und zusehen in zerrender Ungewißheit, ob uns dieser Feuerstrudel nicht fressen und
zersprengen würde. Der Leutnant ließ die Leute sich in die Trichter legen. Ein zischender Feuerüberfall jagte nach
hinten in die Schlucht. Tschiu-tschiu-tschiu. Ich habe es mir ja gedacht, daß es nicht so glatt abgehen würde. Nur jetzt
nicht - so kurz vor dem Ziel. Da laufen ja ein paar Leute vom Fort her. Einer jammert: "Sanitäter, ich verblute sonst,
ohohohh!" Er setzt sich nieder; unsere Krankenträger nehmen sich seiner an. "Direkt vor den Eingang geht es. Wir sind
gerade 'raus, da haut es ein; zu acht waren wir, die anderen - sind erledigt!" "Junge, Junge! Da könnt ihr jetzt nicht
'rein", sagte ein anderer. "Na, lange dauert's nimmer, dann gibt's 'nen großen Klamauk an dieser Ecke. Immer so
Zunder, das hat etwas zu bedeuten. Los, Willem, häng an!" Dann schoben sie mit dem Verwundeten ab.
"Ich komme gleich wieder, Herr Leutnant!" rufe ich und laufe suchend und stolpernd rechts ab. Das Fort muß doch
noch andere Eingänge haben; es soll ein ganz neuer dasein, habe ich heute gehört. Hinten steigt eine weiße
Leuchtkugel, das ist die Elfte, die uns sucht. Jetzt auch die Antwort von unserer Spitze. Sie werden sich schon finden.
Läuft da nicht im ungewissen ein Trupp Leute rückwärts? Freilich. "Kameraden, wo geht's da ins Fort?" Einer bleibt
stehen und sagt: "Wennste zweimal umfällst, biste drin." Ach ja - eben schimmert fein von tief innen ein Licht, und ein
Schub Leute kommt aus dem Schutthang, wie von dem Berge ausgespien. Man kennt es ja am zertretenen Boden, daß
hier ein Eingang sein muß. Gott sei Dank! "Daher, Zehnte!" winke ich einem Haufen, der seitab herumsteht. "Wir sind
Elfte!" "Wurscht! Schaut, daß ihr da hineinkommt!" "Sind wir schon da?" fragt der Leutnant. "Schon? Langt's noch
nicht?" "Daher, Zehnte!" schreie ich voll Freude. "Marsch, marsch!" Und dann warte ich stolz vor dem Eingang, bis der
letzte Mann im Loch ver. schwunden Ist.
Das ist besser gegangen, wie ich zu hoffen wagte. Von mir aus kann der Franzmann ruhig weiterpflastern beim anderen
Eingang, wir sind in Deckung. Ein klemmender Luftdruck stiebt hinter mir herein. Schießt er jetzt auch hierher?
"Schwein gehabt, Bayer", meinte der Posten am Eingang und ließ eine Decke vorfallen. Mir brach der Schweiß aus
allen Poren in der warmen stickigen Luft des betonierten Stollens, der ein Meisterwerk unserer Pioniere war. Dann ging
es ungezählte Stufen empor, bis ich endlich in den breiten Gefechtsgang kam, in dem ein Gedränge von Leuten war,
daß ich kaum durchkonnte. "Gano, frei halten! Platz! Platz!" rief es durcheinander. Schon kamen mir die ersten wieder
entgegen, die im Pionierdepot abgeladen hatten. Ich ging zum Adjutanten und meldete unser Eintreffen.
Ein befreiendes Reden ging durch die Reihen der rastenden Kameraden. Verwundete wurden herbeigebracht, die
mußten sie mit zurücknehmen. Eine Zigarette dampfte bei jedem. Schweißbäche rannen über die erhitzten Gesichter.
Dann wurden die Zeltbahnbündel aufgenommen und mit den schwankenden Lasten der Rückweg angetreten.
Ich stand im Stollen und schaute ihnen nach, bis der letzte Trupp in der Nacht draußen verschwunden war. Befriedigt
baute ich mich dann auf mein Holzwollager. Wir hatten keine Verluste gehabt. "Ein Glück, ein Sauglück!" sagte der
Spangler. Es muß doch nicht so schlimm sein, wie sie immer daherreden.
*
Man weiß nie, ob es Tag oder Nacht ist. Im Fort ist es immer finster. Düstere Schatten schleichen durch die Gänge,
wachsen riesengroß im fernen Schein einer Karbidlampe und gehen schweigend vorbei, Überall riecht man Chlorkalk
und Karbid. Einzelne Rufe hallen durch die feuchten Quadergewölbe und ersticken an Sandsackverbauen. Das Fort
schläft noch. In den Kasematten liegen sie fürchterlich eng gedrängt und schnarchen. Ein elender, armseliger
Kerzenstummel flackert über Gewehre, Säcke und Sturmgepäcke, die an den Klappen hängen. Eine würgende dieize
Luft ist im Raum, zur Hälfte alter, stickender Tabakrauch.
In der Nähe des Ausganges ist ein leichter Schein des Tages. Posten lehnen an breiten Schußscharten neben MG.s und
rostigen spanischen Reitern. Draußen scheint ein dunstiger, sonniger Tag zu sein. Wohltuend weiche Luft zieht herein
und streicht angenehm kühl durch die Durchfahrt. Wenn man nur innen im stinkenden Fort auch wenig davon spüren
würde! Ich trete näher und frage: "Kann ich einmal hinaussehen?" Ohne ein Wort rückt der Posten zur Seite, daß mein
Blick ins Freie fallen kann. Ich sehe nicht weit. Ein flach gedroschener Schutthaufen liegt voraus. Zerrissenes
Steingeröll und geborstene Erde ringsum. Gleich draußen vor dem zerfransten Mauerwerk des Ausganges sind tiefe
Trichter, Stahlhelme und Gewehre, Kochgeschirre und Dralitrollen liegen herum. Schauderhafte, menschenferne Wüste
ist das.
"Da - da liegt ja einer draußen!" stoße ich plötzlich erschrocken hervor. "Wo liegt einer?" fragt ungläubig der Posten.
"Dort! Halbrechts oben!" "Mensch, den laß nur, der lag heute morgen schon da, dem tut kein Zahn mehr weh!" "Mir ist
es so vorgekommen, wie wenn er sich gerührt hätte." ",Mensch, bei dir piept's wohl?" "Leib mir einmal dein Glas!" Ein
murrendes Grollen rüttelt den Boden, draußen zerschlägt ein dumpfer, schwerer Krach. Wrrrumnis! - Eine graue
Rauchwolke zerfließt von rückwärts kommend über dem Stück blauen Himmels draußen. "Gib her und geh weg da! Es
geht wieder los", drängte der Posten. Aber ich hing gebannt an dem Schutthaufen draußen, wo der eine lag, halb
eingegraben im Geröll. "Halt! - er rührt sich!" Ganz langsam dreht er sich vor meinen Augen, greifbar nahe, ein graues,
blutüberkrustetes Gesicht, die Augenlider gingen auf und zu, und die Lippen öffneten sich jäh und fielen wieder
zusammen. Er rief wohl um Hilfe, um Wasser. Keiner hörte ihn. "Freilich, der lebt ja noch, den kann man nicht so
liegenlassen!" "Laß sehen!" Und nach kurzem Schauen meinte der eine Posten: "Es könnte sein, guck du einmal!" zum
anderen. Der setzte das Glas ab und schaute fragend: "Stimmt - wer holt ihn 'rein?" "Sanitäter!" "Aber jetzt geht das
nicht, die kommen ja gar nicht 'rein damit, und wir kriegen elend Eisen auf den Hut. Bei Tage darf niemand 'raus hier,
wegen der Fesselballone."
Der Douaumont wurde beschossen und schÜttelte sich murrend. Sand rieselte leise bei jedem Stoß. Jeden Augenblick
konnte es denen drüben einfallen, den Ausgang zu beschießen. Es war erst 3 Uhr nachmittags, bis zur Nacht ist es noch
lange. Da mußte man eben warten. Wer weiß, wie viele so wie der draußen herunilagen, denen auch nicht geholfen
werden konnte! Es war ja nicht meine Sache. Wenn ich noch schlafen würde oder nicht so neugierig gewesen wäre,
wüßte ich gar nichts davon. Den Sanitätern kann ich es ja sagen.
Aber - es ist gemein, einen so liegen zu sehen und nicht zu helfen. Wenn ich da draußen liegen würde? Wer wird denn
gleich solche Angst haben, so feige hundsgeineine Angst? Ich habe doch schon öfter Glück gehabt. Ach was, es wird
nicht gleich eine Granate kommen; versuchen muß man's. Man muß sich sonst schämen vor sich selber.
Ohne ein Wort zu sagen, schiebe ich den Posten weg und sprinue mit einem gewaltigen Anlauf hinaus. Weiße
Schrapnellwolken quirlen vor mir plötzlich in der Luft, Splitter pfauchen, und ein schrillender Zünder girrt vorüber,
einen spiralförmigen weißen Rauchfaden nachziehend. Ein aufgerissener stacheliger Minenkorb fängt meinen Fuß, daß
ich falle. Pfanggm-trr, bubb-rrr - macht es über mir, und seitwärts di-Ischt ein Hagel den Dreck, daß unzählige
Staubwölklein auffahren. Hätte ich nicht noch warten können, bis das vor -? Schu - schschu - schuschuchclicht trrummm. Was ist denn das? Vor mir steht eine Riesenwolke über dem Wall, daß es finster wird vor Rauch. Gerade
dort, wo der liegt. Ich kehre doch besser wieder um, denn jetzt wird jeden Moment - da - da! Direkt zu mir herab stößt
es - ach Gott, ach Gott! Mit einem gewaltigen Ruck rutsche ich einen tiefen, glitschigen Trichter abwärts, Brocken
kollern, irgend etwas preßt mich hart an, daß mir Hören und Sehen vergeht. Über mich sinkt die Nacht herein, aus der
es Erde regnet und Splitter. Wahrscheinlich haben sie mich drüben gesehen, und jetzt halten sie hierher - bilde ich mir
fest ein. Und da - Ekel und Entsetzen lähmt mich - eine hagere Knochenfaust schaut neben mir aus der Erde, ganz
grüngelb, eine Leichenkralle. 'raus! Weg da! Lieber ein Stück weiter vorlaufen und dort liegenbleiben, bis es finster
wird.
Mit Händen und Füßen, über und über voll von schmierigem Lehm, klettere ich hinauf und springe in blinder Hast
vorwärts. Und lasse mich ohne Besinnen fallen, wie es hohl über mir zu schluchzen beginnt. Das geht hinter mir nieder,
direkt neben dem schwarzen Loch des Einaanges spritzt es haushoch in einer weißgelben Staubwolke empor, Steine
rasseln und rutschen. Wie die Wolke verweht und die letzten Brocken niedergeprasselt sind, liegt ein Haufen Geröll vor
dem Loch, das ganz klein geworden ist. Nur weiter!
Wohin renne ich denn? Da bin ich jetzt über den Damm des Kehlgrabens geklettert; vor mir senkt sich das grauenhafte,
öde Kraterfeld der Schlacht. Wie es da aufzuckt und raucht - da - dort - hier und wieder da! So also sieht das aus. Keine
Regung sonst, kein Mensch ist zu sehen, alles liegt erstorben - tot vor mir. Trichter an Trichter - bergauf und berorab.
Nur einige Flieger schwirren steif wie giftige Libellen darüber hin.
Da rechts ab muß er liegen - ich sehe ihn schon. Er rührt sich nimmer. Herrgott - schon wieder! Doch diesmal geht es
auf den zerzausten Buckel des Douaumont, gleich dreimal schaurig gewaltig. Jetzt werden sie in den Kasematten bange,
horchende Gesichter machen, wenn das Gewölbe zittert. Wie unschuldig leise die weißen Schrapnelle dagegen sind,
immer schön drei nebeneinander. Ein Sprung noch, ein Klettern durch riesige haustiefe Trichter, dann bin ich keuchend
und schwitzend neben der jämmerlich zerbrochenen Gestalt. So lange habe ich zu den paar Metern Entfernung
gebraucht, unglaublich!
Er hat die fiebernden Augen offeii und erschrickt freudig, als er mich sieht. Im blutüberkrusteten Gesicht öffnen sich
flüsternd die Lippen. Er möchte wohl etwas Wasser. Im Fort - jetzt habe ich keines. Erst wühle ich seine Beine frei auweh! - da hat es ihn auch erwischt, seine Hosen sind blutig zerfetzt. Nun ist er ohnmächtig geworden. Er wird mir
doch jetzt nicht unter den Fingern sterben? Ein Preuße ist es, ein blutjunger Kerl wie ich und vom gleichen Regiment,
von dem die Posten sind. Ein Meldegänger wohl, denn er hat kein Lederzeug um. Mit Gewalt stemme ich mich ein und
ziehe ihn mit einem Ruck aus dem Trichter, daß ich selber hintenüberfalle. Herrgott, ist der groß und schwer! Tschiuu tschiuu - pfurr - pfurr - fahren Schrapnelle heran. Ich möchte ihn eigentlich verbinden, aber ich kann jetzt nicht lange im
Dreck und Blut herumstüren. Mühselig zerre ich ihn sitzend hoch und stemme mich unter. Und dann werfe ich ihn über,
obschon ich meine, mir reißen die Sehnen. So taumle und stapfe ich Schritt für Schritt vorsichtig rückwärts, immer das
verschüttete Loch im Auge und einen Gedanken im Hirn: Es wird doch nicht jetzt... ? Ich komme näher, aber da breche
ich in die Knie unter meiner Last. Im Knien raste ich, glühend und schier atemlos. Pfrrr - pfrrr - diese lästigen
Schrapnelle wieder.
Am Loch stoßen sie von innen mit Spaten heraus und räumen etwas aus. Auf wieder! Das letzte Stück noch, kaum 20
in. Und dann gähnt es vor meinen flimmernden Augen, ich stolpere im Hinansteigen und falle über den Steinhaufen.
Hände greifen heraus und ziehen mir den Verwundeten weg, daß ich hineinkriechAn kann ins Düster des Gewölbes, wo
ich erschöpft mit pumpenden Lungen auf das Pflaster falle. Krankenträger warten schon mit einer Bahre. Im grünen
Schein einer Karbidlampe schleppen sie ihn weg. Gemurmel ist um mich herum. Ich werde aufgehoben und an die
Wand gelehnt; ein Sanitäter setzt mir eine dicke Labeflasche an den zitternden Mund und schüttet mir das Wasser
daneben in den offenen Halskragen. "Donner ja, du bist ein Mordsjunge, Bayer! Na - sauf noch mal!" meinte er. Erst
jetzt sah ich, daß eine Gruppe Pioniere rege arbeitete, Sandsäcke füllte und aufschichtete. Einer legte eben den
SelbStretter ab, das Sauerstoffgerät mit der Maske. "Was hat's denn da gegeben?" fragte ich. "Da ist eine direkt in den
Eingang 'rein und hat die Barrikaden umgeworfen, wie du draußen warst. Die Posten hat das Gas betäubt, wenn sie
nicht noch draufgehen." Es stank immer noch scharf nach verbranntem Sprengstoff. Mit Kistendeckeln fächelten die
Pioniere, um den Gestank wieder hinauszutreiben. So schnell geht es, so schnell und verworren.
*
Gegen Abend meldete ich mich beim Adjutanten und bekam den Auftrag, die beiden Kompanien von gestern wieder
von der Bruleschlucht mit Material heraufzuführen. Diesmal ging es schon leichter als gestern. Wieder lag der
Douaurnont unter schwerem Feuer, und nach langem Warten kamen wir endlich hinein. Es war heute fürchterlich eng.
Alle Gänge standen gedrängt voll, und unser Major schwitzte ordentlich, um die gestauten Massen wieder zum Fort
hinauszubringen. Überall hörte man ihn befehlen.
Schon glaubte ich für diese Nacht meine Ruhe zu haben, da rief mich der Adjutant, bei dem ich mich eben abgenieldet
hatte, nochmals zurück: "Waren Sie schon einmal im Chapitrewald?" "Nein!" "Warten Sie einmal!" Während er
hinausging, setzte ich mich auf eine Kiste und rauchte eine Meinphis aus der offeilen Schachtel, die am Tische stand.
Da kam mein Major herein. "Ich brauche jemand für den Abschnitt im Chapftre. Trauen Sie sich, den zu finden?" "Das
wird nicht möglich sein, Herr Major!" "Es sind heute zwei Führer ausgeblieben, die von vorn kommen sollten, alles ist
unterwegs. Die Leute müssen weiter, sonst wird es zu spät. Es hat sich die Ablösung sowieso schon einen Tag
verzögert, die beiden Kompanien sind gestern im Feuer zersprengt worden. Es muß gehen, warten Sie einmal!" Er holte
eine Karte, auf welcher groß und übersichtlich die Stellong vorne bruchstückwelse eingetragen war. "Also", meinte der
Major, "den Weg links vom Fort weg an der Russenschhicht nehmen - hier, sehen Sie? Wenn Sie in der Vauxschloeht
sind, lassen Sie die Kompanie in die Stollen dort untertreten und suchen mit einer Patrouille den Abschnitt vorne.
Genau Richtung nach dem Kompaß festlegen! Dann nehmen Sie von vorne zwei Mann mit zur Vauxschlucht zurück
und führen die Ablösuno,' vor. Verstanden?" "Jawohl, Herr Major!"
Ich warte im Eingang, bis die Reihe der Mannschaften herausdrängt. "Gut ausziehen!" lasse ich nach hinten durchsagen.
Wir haben höchste Zeit. Und dann schreite ich einer leise klappernden Kette dunkler Schatten voran neben dem
Leutnant der vordersten Kompanie.
In der Russenschlucht vor uns liegt schweres Feuer. Auch weiter links winseln Granaten in regelmäßiger Folge heran
und zerkrachen schwerfällig. Das wird wohl in die Vauxschlucht gehen, dem Kompaß nach gehen wir gerade drauf zu.
Der Schweiß rinnt in Strömen.
Eine kurze Hast, Minuten nur, müssen wir doch einschalten, damit d le Hinteren wieder gut anschließen können. "Alles
da?" "Jawohl!" "Sergeant Petri?" "Jawohl!" "Na, darin is Jut! Los, Jungs!" Es geht schon leicht abwärts. Abgelöste von
vorne kommen vorbei. "Welches Regiment?" Es ist das gesuchte. "Wo liegt euer zweites Bataillon?" "Sind wir selbst,
immer geradeaus. In der Schlucht Schleife links, da poltert's gerade." "ls jut, danke." Es geht ja besser, als ich dachte.
Wenn nur das Feuer nicht stärker wird! Es sind schon mehrere Granaten giftig nahe über uns weg. "Was pfeift, tut
nichts", sagt einer halblaut hinter mir. Doch da geht es schon hinab in die Schlucht. Herrschaft, ist da unten ein Sumpf,
da kann man nicht hindurch! Einige stecken gleich bis an die Knie drin und fluchen, bis sie herausgezogen werden.
Endlich finden wir eine Stelle, wo es hinübergeht.
Greulich zertrampelt sieht es hier aus. Tote liegen im Schlamm bei allem erdenklichen Geräte. Wir finden auch einen
Stollen, aber bis obenhin voll. Gleich weiter da! Da rechtsab, am Ende der Schlucht, brüllt es schon die ganze Zeit her.
"Na, wollen wir hier warten, bis wir 'rausgefunkt werden?" fragen schon einige. "Wir gehen hier 'raus, Jungs, hier
riecht's verdächtig nach Kameradschaft." Mir war das auch lieber, und so stiegen wir den vorderen Hang wieder hinan.
Ein MG.-Posten stand oben. Auf unsere Frage wies er uns schräfy nach links vorne. Gut, wir gehen schräg links.
Doch von rechts saust es flankierend kriapp hinter uns in die Schlucht. Alles drängt hastig herauf. Unten ruft und schreit
es durcheinander: "Sanitäter, Hilfee!" - Weiter, weiter, verfluchtes - - - "Sanltäääter!" Da hat es in der hinteren
Kompanie eingehauen. Verwirrung und zerflatternde Haufen. Sssiliust - wrach! Das treibt alles herauf. "Daher!
Beisammenbleiben! Jungs, hierher!" Aber sie liegen zum größten Teil in den Trichtern. Denn schon wieder... ! Das
Jammern wird immer größer: "Helft! - Sanitäääter!" Ach Gott, ach Gott! Wir dürfen doch nicht hier liegenbleiben. Ich
renne am Hang entlang und brülle: "Alles rechts herauf! Alles zu mir her! Daher, Kaineraden!" "Unser Leutnant ist
weg!" schreit mich einer an. "Daher, daher zu mir! Seid vernünftig, Jungs!" schreit der Leutnant. Wer kann da noch
vernünftig sein, wenn es schon wieder donnernd zerreißt dort unten und die Splitter vorübergiften?
Es scheint niemand mehr unten zu sein, nur die Verwundeten jammern herauf. "Sergeant Petri, bleiben Sie da mit der
Gruppe, bringen Sie die Verwundeten zurück!" jawohl, Herr Leutnant." Dann schrie der wieder herum: "Gruppe Petri
bleibt hier! Gruppe Petri..." Ein klirrender Krach fegt ihm den Rest vom Mund weg. "Auf geht's, schnell, schnell,
Kameraden!" brüllte ich, und angesichts einer riesigen Sprengwolke am Hang stürzte mit einem Schlag das ganze Rudel
auf und rannte vorwärts. Nur endlich weg da von dieser Totenschlucht. Sssiuiuuu - wrrachch - wrrachch - wrrachch fällt
es steil vom Himmel herab und hinter uns die Schlucht hinab. Von diesem Himmel, der schon anfängt grau zu werden.
Der Haufen fädelt sich wieder zur Reihe ein, die beiden Kompanien durcheinander. Wir rennen und keuchen, stürzen
und fluchen. Jeder weiß, daß wir in einer Viertelstunde verschwunden sein müssen. Es sind schon weniger Leute
geworden; der eine Kompanieführer fehlt, der liegt wahrscheinlich hinten in der Schlucht. Wenn sie nur vorne nicht so
viele Leuchtraketen steigen, ließen! Das hält uns so lange auf, weil wir im hellen Schein immer warten müssen, bis so
ein langweiliges Ding endlich verlöscht. Wir sind im Chapitrewald. Einzelne Baumstumpen und Holztrümmer in der
Trichterwüste lassen es vermuten. "Nur zu! Wir müssen es bald haben", ermunterte ich die keuchend abfallenden Leute.
Ein Abgrund lauernder Gefahr beklemmt mich drückend ängstlich, daß ich nur stoßweise atmen kann. Alles schweigt,
nur das Klappern des Schanzzeugs und der Seitengewehre ist zu hören. Es ist auf einmal unheimlich ruhig da vor uns.
Jetzt werden sie drüben den Morgensegen herrichten und dann mit einem Schlage die Andacht eröffnen.
Der Leutnant ruft halblaut seitwärts nach mir: "Bayer, wo ist der Bayer?" "Da bin ich!" "Es kann doch nimmer weit
sein?" "Meiner Schätzung nach keine 400 m mehr." "Nicht mal das, aber nur gerade drauflos, es ist ja egal, wo wir In
den Schlachtkessel da 'reinkommen." Meinem Kompaß nach habe ich gerade Süden. Aber wie oft wir rechts und links
von der Richtung abgewichen sind, weiß ich nimmer. Wir können genau so gut auf Fleury nach rechts oder auf den
Fuminrücken zu, trichterauf - trichterab, einmal rechts herum, einmal links vorbei, wie eine Schlange gegangen sein. Da
- endlich einmal wackelt vor uns eine deutsche Leuchtkugel in die Höhe. Das ist ja schon verflucht nahe, freue ich
mich. Wir sind auf einen Schlag in die Knie gesunken und starren bewegungslos geradeaus. Hat sich nicht etwas beweet
da vorne? Freilich, da kommen welche entgegen, geduckt durch die Trichter springend. Scharf peitschen Schüsse
vorbei, wir haben nicht mehr weit. "Hier warten!" sage ich und stürze den geduckten Gestalten entgegen.
In einem Trichter treffen wir uns, in dem ein paar Tote liegen. "Ablösung?" "Jal Wir wissen nicht wohin!" Ein Korporal
ist dabei und sagt: "Na, Mensch, wo bleibt ihr nur, die anderen sind schon seit gestern da. Flink jetzt!" "Wir sind aber
zwei Kompanien!" "Egal, Mensch, bei uns ist auch alles durcheinander." "Los denn!" Wir springen zurück. Yier Haufen
machen und vorsichtig ablösen, so wie ihr seid. Heute nacht wird dann rangiert!" befahl der Leutnant. Es ging
überraschend schnell. Vier Reihen zogen sich geduckt nach vorne, einzelne kamen ihnen entgegen, und in kaum fünf
Minuten bewegten sich die Trüppchen der Abgelösten nach hinten. Es war schon sichtig auf kurze Strecken. Meine Uhr
zeigte 5 Uhr vorbei. Da standen vorne gerade vier Mann auf, um in einen anderen Trichter hinüberzuwechseln. Taktatak-tak... sie fielen durcheinander. So ein Leichtsinn! Ich wendete mich zum Heimweg ins Fort.
Die Vauxschlucht dampfte. Unaufhörliches Zischen fegte dorthin. Nur hindurch jetzt! Stiebender Rauch, Bersten und
Surren, ich falle und stürze hangabwärts, raffe mich auf und stürze wieder zwischen schmutzüberstreuten frischen
Toten, renne im Düster einigen Gestalten rechts in die Schlucht nach und hänge mich ausdauernd an den Leuten vor mir
an, mit denen ich den jenseitigen Hang schräg emporkeuche.
Es gibt jetzt keinen Irrtum mehr. Breit und schaurig öde liegt der Douaumont halblinks vor uns. Wir rennen und
stürzen, keiner achtet auf den anderen, jeder denkt nur "Douaumont - Douaumont" und fühlt das schneidende Pfeifen
der fletzpeitsche der Granaten. Am ärgsten ist wieder das Feuer auf dem Fort. Wir sehen das mit der Gewißheit längst
gehegter Erwartung, als wir durch die Trichter des Caillettewaldes dahintaumeln. Ich muß mich nur wundern, woher
diese ausgemergelten Menschen noch diese Energie nehmen. Es ist die Hoffnung, die ewige Hoffnung, entrinnen zu
können, wenn auch nur auf ein paar Tage, nach hinten ins Kaplager. "Geh doch gleich weiier, rechts am Fort vorbei!"
stoße ich unterm Laufen hervor. Der vor mir schüttelt den Kopf und sagt nur: "Rasten -- - - Wasser!" Ja freilich,
deswegen allein wagen sie den Gang ins Fort.
Ich springe jetzt voraus, wie ich sehe, daß sie vor mir ungewiß zögern, renne und werde gestoßen und gedrängt von den
anderen, bis wir hinter einem Knick des Kehlgrabens das Loch finster gähnen sehen in der zertrümmerten Steinwand
des Eingangs und uns im Knäuel hineinschieben, wirr stammelnd und rufend vor Freude. "Gott sei ... Der Teufel noch
mal! - Ahh - ahh - Schwein gehabt. - - - Doch noch - so'n Dusel!" "Wer hat noch 'ne Zigarette? 'raus damit!" Beglückt
und geborgen werfe ich mich mit den Preußen auf das Pflaster des Gefechtsganges, teile meine letzten Zigaretten aus,
und im lechzenden Genuß dieser Gottesgabe zünden wir umständlich am "Langrohr" eines schon Daliegenden an. Ich
brauche ja nimmer weiter, ich bin schon am Ziel.
Wir reden von der Stellung, vom Kaplager, von den Wegen, vom Fraß und vom Durst und von der Hoffnung auf
Ablösung durch andere, neue Regimenter. Dann erheLe ich mich schwerfällig und schwanke zum Kommandoraum, wo
ich dem Adjutanten Meldung von der Ablösung mache. Er nickt nur, kurz aufsehend von seinem Schreibblock, legt
aber erschrocken die Feder weg und schiebt mir einen Hocker hin zum Draufsetzen. Diese Luft, diese stickende
Schwüle ist es wahrscheinlich, daß mir mit einem Male schwarz vor den Augen wird, und ich schwanke wie ein
Strohhalm im Wind. Doch gleich ist es vorüber. Ein scharfer Dunst vor meiner Nase läßt mich instinktiv nach einer
Feldflasche greifen und Feuer in meinen Schlund gießen. Der Schnaps macht mich wieder stark und klar. "Heute nacht
werden Sie aber geschont. Ich habe recht stark gezweifelt am Gelingen der Ablösung. Habt ihr Verluste gehabt?" "Zwei
Gruppen vielleicht in der Vauxschlucht. Es ist dort unmenschlich dreckig." "Wo denn nicht in diesem Gelände, das
keinen Quadratmeter hat, der nicht ein paarmal umgewühlt worden ist?" "Aufgeben wäre das beste, es ist das Blut nicht
wert, das hineingeschüttet wird." "Wir können uns aber damit trösten, daß es dem Feinde nicht besser geht." "Doch!
Unsere Artillerie macht es ihm nicht so schwer, die schießt viel zuwenig im Vergleich zum Franzmann." "Kann auch
nicht. .Jetzt inuß alles an der Somme eingesetzt werden, dort brauchen wir die Granaten noch nötiger."
Mir fielen fast die Augen zu. Ich schwankte unsicher auf meinem Sitz hin und her vor Müdigkeit. "Da, rauchen Sie eine
Zigarre und schlafen Sie! Wo haben Sie sich übrigens verkrochen?" Jm Wasserkeller bei den Pionieren unten." "Was,
Sie sollen doch drüben bei den Ordonnanzen und Führerkommandos liegen. Ziehen Sie heute noch um!"
Unten warf eh mich, ohne zu essen, auf den Boden und schlief augenblicklich. Um die Mittagszeit herum weckte mich
der Spangler gewaltsam zum Büchsenstampf. Dann nahm ich meinen Kram, schlürfte noch schlaftrunken Stufen und
finstere Gänge aufwärts in den Gefechtsgang und rnietete mir in der Stabskasematte eine Drahtlilappe, die ich gleich
wieder zum Schlafen aufsuchte. Hier oben dröhnte deutlich jeder Schuß durch die Decke. Eine Ecke an der Außenwand
war mit Sandsäcken verbaut, durch deren Fugen leise das Tageslicht rieselte. Eine eingedrückte Wandstelle? - Dag war
ja vertraulich sicher!
Gleichgültig sahen die anderen meiner Einmietung zu. Der Wechsel war hier häufig; wer weiß, ob nicht morgen schon
wieder ein anderer meinen Platz einnehmen kann. Erst wie ich die Zigarre rauche, wurde ich für sie interessant. "Kann
man da auch mal eine Nase voll nehmen?" fragte einer. "Meinetwegen!" "Neu im Fort, nicht?" "Nimmer ganz!" "Als
was?" "Als Wegführer oder Meldeläufer!""Abschnitt?" "Fleury-Chapitrewald." "Ich habe M-Raum, Thlaumont, rechter
Nachbarabschnitt, kenne aber die Gegend bis zum Pfefferrücken und bis zum Laufsee. Es ist überall gleich. Möchte
endlich mat weg, warte schon seit dem Juni, daß ich einen feinen Heimatschuß verpaßt kriege, habe aber kein
Schwein." Er sah auch danach aus. Ein hartgesottener Muskot, ein Reservist, vielleicht mit knapp dreißig Jahren. "Was
hältst du von der Lage da herum?" fragte ich ihn, abwechselnd dabei wieder einmal selber meine Zigarre zwischen
meine Zähne nehmend. "Gar nichts! Ich habe kein Vertrauen, daß es bis zum nächsten Jahr so bleibt. Unsere Artillerie
ist meist weg. Das haben die Schangels natürlich gespannt, daß wir nicht mehr können. Durchbruch bei Verdun? Quatsch! Gerade an der dicksten Stelle! Das hätte ich woanders gepackt, wo man auskönnte mit'n Ellenbogen. So frißt
dieses Loch nur Leute - und hat keen Sinn. Jetzt klopfen sie schön langsam den Douaumont ein, bis er nur noch ein
großer Dreckhaufen ist, dann riegeln sie alles mit Sperrfeuer ab und holen ihn wieder, ganz billig. Diese Stellung da
vorne ist nie zu halten, hängt ja alles in der Luft." "Du hast recht", sagte ich beistimmend.
Draußen schlug erschütternd nahe eine schwere Granate auf, daß von der Decke Sand herabrieselte und ein kurzer
dumpfer Stoß durch den Boden ging. Unheimlich war das, dieser unsichtbare Schlag von außen. Die Karbidlampe
wurde ausgeblasen, daß uns die Finsternis schweigend umfing, nur seitwärts durch den Sandsackverbau rieselte ein
Schimmer von Licht. Ein Benzinfeuerzeug sprühte Funken und leuchtete dann einer Pfeife zum Anbrennen. Doch kam
es nicht so weit, ein neuer Schlag schlug betäubend über uns, der Luftdruck löschte die Flamme. Wir sagten nichts und
warteten auf den nächsten Schlag.
Da riß einer die Decke am Eingang beiseite, eine Taschenlampe blitzte grünlich fahl und ließ in ihrem Kegel ein
schweißtriefendes Gesicht sehen mit weit offenen, starren Augen. "Wo kommst du her?" fragte einer aus dem Dunkel;
der Neue schien hier bekannt zu sein. "Vom Bahndamm! Die Schangels haben was vor, und die Brieftauben sind alle."
Er ließ sich im Finstern auf eine knarrende Bettstelle nieder. "Nichts Flüssiges und was Tabakartiges?" fragte er dann
von dorther. Schlürfende Schritte brachten eine Feldflasche. Ein glimmernder Punkt zitterte bei einem anderen, der, die
Zigarette zwischen den Lippen, fragte: "Klein oder groß? Langrohr gefällig?" "Hast du's so dicke? Her damit!"
Ringsum im Kreise, der sich zusammengedrängt hatte, glimmten feurige Punkte auf; ein Duft frischen
Zigarettenrauches zog durch unsere Nüstern.
Regelmäßige Schläge drückten die Luft beklemmend zusammen. "Draußen ist wieder Akkordbetrieb, da kullert es nur
so", warf einer in die lauschende Stille. Ein wupperndes Schwingen drang durch die Deche - oder von der Außenwand.
"Ein Dutzend Fesselballons hat er drüben, die lassen die ganze Gegend rauchen. Der Weg vom Bahndamm herauf war
noch einigermaßen ruhig. Drunten bin ich gerade noch rechtzeitig abgekommen, ehe er dort anfing. Aber hier am Fort
pflastert er ordentlich. Erst wollte ich zur Südschanze 'rein, bin aber lieber zur Westdurchfahrt 'rüber, weil dort das
Loch nicht so zugepflastert war. - Na, bis Abend wird es schon wieder ruhiger werden. Es ist auch so'n hübscher Tag
heute! Da wär' so 'ne Kahnpartie recht mit Molli auf der Alster, nich wahr, Kürl?" "Jo, jo, wir fahren schon Kahn, es
sIchaukelt genau so, nur Molli fehlt." "Das Luder hat sicher wieder 'neu anderen, so 'n Garnisonsjünorling mit
gewichsten Stiebeln und blanken Knöppen, der ihre Koteletts futtert und mit ihr abends spazierengeht in den Anlagen,
wo's duster ist." "Pst! Halt Mul! Verderbe nicht dem Jung sin gute Erziehung, der erst hereinkam! Is 'n Bayer, 'n ganz
junger. Dort sind sie ja noch fromm, in Bayern." "'n Bayer? Wo steckt der?" Zu mir her fiel der blendende Schein der
Taschenlampe. "Na, deine Klamotten sind auch nicht mehr ganz unschuldig. Du bist wohl schon länger...? - Halt, warst
du nicht vor ein paar Tagen am Bahndamm, ich meine doch - - - ?" "Freilich war ich dort!" Da muß ichauchdieses
Gesichtschon einmal gesehen haben. Panng--nak, schlug es oben immer wieder drauf. "Gibt's wohl bald Ablösung,
was?" "Irgendwen werden wir schon ablösen, ob das aber gerade ihr seid?" "Schon bekannt hier? Warst du schon mal
da?" "Da in der Gegend noch nicht. Drüberhalb der Maas am Toten Mann, da bin ich verwundet worden im März."
"Kavalier schuß mit Heimaturlaub und wieder 'raus." "Nein, es hat mich schon etwas besser erwischt, meine Wunde ist
jetzt noch nicht verheilt." "Was? Wie kommst du denn da wie. der hier 'rein? Mensch, hau doch ab, ins Lazarett!"
Ich erzählte, wie ich dummerweise wieder ins Feld kam. Sie lachten. Ja, die Bayern schieben noch feste an", spottete
einer. "Das gleiche meinen wir von den Preußen." "Weiß einer, was mit Paul ist?" fragte der, der vom Bahndamm
gekommen war. "Seit gestern unterwegs nach Hause mit einer Handvoll Splitter im Leib. Liegt seit der Frühe draußen
vor dem Kehlgraben wie tot, bis einer kommt, der kennt, daß er noch lebt, und ihn 'reinholt, wie's gerade feste staubt.
War ein Mordsjunge, soll einer von den Bayern gewesen sein." "So, dann ist Paul weg, ich habe noch seine Uhr, die er
mir ausgeborgt hat. Kameraden sind sie, die Bayern, da lass' ich nichts drüber kommen." "Warst das du vielleicht?"
fragte mich der Reservist. "Kann schon sein. Mich freut es, wenn es ein Kamerad von euch war. " Da vergaßen sie das
Spötteln. Wie es zum Kaffeefassen Zeit war, nahm mir der eine das Kochgeschirr aus der Hand: "Gib her, ich mach'
schon!"
Zu dieser Zunft von Douaumont gehörte ich jetzt ohne weiteres, als wäre ich schon iminer mit diesen Kerlen
beisammengewesen, die in schier frechem Zynismus über Leben und Tod redeten und höchstens ganz hölzern
wieherten, wenn einer einen Witz machte, der nach Verwesung und Dreck roch. Draußen schien sich das Feuer wieder
gemäßigt zu haben. Sie machten sich allmählich fertig zum Aufbruch, gingen zu ihren Befehlsstellen ini Fort und
hoekten dann noch eine Weile beisammen, bis es Zeit war zum Hinausgehen nach dem M-Raum, zum Thlaurnont, in
den Caillette- und Chapitrewald oder nach Fleury. Fleury war das verrufenste Loch hier in diesem Abschnitt, wie ich
bald herausfand. Erschöpfte Gestalten kamen mit Einbruch der Dunkelheit ins Fort, Nlelder wie ich. Sie erzählten, daß
der Franzmann am Nachmittag von der Kalten Ei-de her angegriffen habe und einige Trichter genoinmen hätte. Schon
kamen die ersten Trupps Verwundeter den Gefechtsgang entlang, müde auf den Boden fallend und vor sich hinstierend.
Das vielstimmige Summen in den Gewölben wuchs an.
Erst gegen Mitternacht kam der Menschenstrom wieder in Fluß. Immer neue Trupps Verwundeter kainen von den
Südeingängen. Sie erzählten von stundenlangem Trommelfeuer auf der Stellung vorne und von schweren Verlusten.
Viele seien verschüttet worden. Vorne sei nur noch ein umgewühltes Massengrab. Am Bahndamm sei ein Stollen
eingeschlagen und alles verschüttet worden. Der Franzmann hätte nur stärker angreifen brauchen, dann wäre er schon
durchgekommen. Kein Gewehr sei mehr zum Schießen brauchbar und die MG.s zertrümmert. Sogar mit Minen hätten
sie cehaust. Unsere Artillerie sei in so zahm, daß er drüben ungeniert alles machen kann. Es klang so viel Entrnutigung
aus diesen Worten, so viel Müdigkeit, daß ich fühlte, diese Front vor Verdun war unter solchen Umständen verloren.
Wir waren zu schwach, vor allem zu schwach an Artillerie. Wer die meisten Granaten in diesen Schutthaufen werten
konnte und dainit die schutzlose Infanterie zerfetzen, verschütten und zersprengen konnte, der brauchte nur Über tote
Trichterfelder vorwärtsstolpern und so "siegen".
Da wurde mein Name gerufen, "Zum Kommandanten!" Aha, die versprochene" Schonung" kam. "Zur Stelle!" "Nach
Fleury! Es führt ein weißes Band bis zum Bahndamm, das ist leicht zu sehen bei Nacht. Bringen Sie den
Essenträgertrupp der Sachsen, der seinen Führer in der Hassoulschlucht verloren hat, vor! Es schließt auch gleich ein
Trupp mit Baumaterial an, den der Vizefeldwebel hier führt. Marsch, marsch jetzt! Los!"
Im Gefechtsgang stand ein Knäuel Sachsen beisammen, die Blechtornister und Speisenkübel an Stangen dabeihatten.
Sie waren trotz der Verluste in der Hassoulschlucht etwas unbehüinniert. Ihr Sergeant hielt mir wohlwollend eine
Feldflasche her: "Lutsch mal ä wänich vorn Gaffähh!" Ich lutschte, und alle lachten, wie ich plötzlich erschrocken
absetzte. Das war ja ein höllisch starker Schnaps. Dann nahm ich aber ein ordentliches Nlaul voll. "Gib nur acht, wir
müssen morgen wieder zum Gaffähhfassen zurück sein!" sagte einer. Drum waren die Sachsen so gemütlich. Die
Pioniere schauten verschlossen drein und sagten kein Wort. Sie hatten Spaten und Pickel, große Schlegel und Sägen bei
sich.
Mein Major stand in der Westdurchfahrt und schaute dem Hinausrücken zu. Polterndes Krachen wehte herein. "Es geht
auf den Grabenwall, rechts ausbiegen!" rief einer, der von draußen kam. Dann war ich im Freien und sah die Sterne
über mir. Schschschuchuchuch - Funken sprühten, und ein zerreißender Schlag dröhnte. Augenblicklich hatten wir uns
hingeworfen. "Auf, weiter! Daher!" brüllte ich und sprang, von einem Rudel gefolgt, über Steinhaufen und durch
riesige Trichter, stieg in die zerhackte Mulde des Wallgrabens und riß mir an einem verbogenen Eisenpfahl das Knie
blutig. "Nur weiter, weiter da!" Doch warfen wir uns vor einem schluchzenden Gewinsel in der Höhe nieder, ein
wuchtiger Schlag stieß durch den Boden. Linksab ist es unerhört groß aufgezuckt. "Loos!" Wir fielen und rutschten den
Wall abwärts und rannten durcheinander ein Stück weit. Da hielten wir an, bis alles da war und die Ordnung hergestellt
werden konnte. Schwitzend und schimpfend setzten wir uns wieder in Gang, dem Gewehrgeknatter und MG.-Gehacke
mit auf und ab tanzenden Leuchtkugeln entaegen. "Vollzählig?" "Ja, alles vollzählig!" Auch bei den Sachsen. Mit einer
wahren Artistik balancierten sie mit den schwankenden Kübeln an der Stange über die Trichter hinweg.
Einhiebe dröhnten zur Seite, und knallende Schrapnelle platzten vor uns. Die Pioniere hinter mir keuchten. Eine böse
Nacht brüllte und schrie nach Blut. - War das nicht ein weißer, feiner Streifen am zerwühlten Boden? Das weiße Band?
Schon wieder zu Ende? Weiß Gott, wie oft das zerfetzt war. Und doch war das kurze Stück ein Trost für uns; wir sind
am richtigen Weg. Die Einschläge, die vorhin noch drohend bang geradeaus lagen, sind jetzt seitwärts ausgewichen. Ein
widerlicher Brodem von Toten steigt eine Zeitlang aus den Trichtern. Starre Menschenleiber liegen im ungewissen
Dunkel darin. Man stolpert über Gewehre und stößt an offene Gasmaskenbüchsen. Abgerissene Worte flattern aus dem
lärmenden Gewühl der Geräusche, und dann war es, als schluchze und weine einer verlassen vor sich hin. Das ist doch
nicht bei uns? Der weitherfallende Schein von Leuchtkugeln zeichnet gebückte Gestalten vom Dunkel ab, die um i"end
etwas herumstehen. Um einen Verwundeten wahrscheinlich.
Ein wenig rasten, ein paar Minuten nur! So in einem Trumm geht es nicht weiter. Es ist zwar schon 3 Uhr vorüber. Wie
wohl das tut, so dazuliegen und das Herz allInählich etwas langsamer klopfen zu lassen, den Schweiß mit den lehmigen
Fingern von den Brauen zu wischen und nicht hineinlaufen zu müssen in die Granaten da vorne! Wie es drüben
blendend zuckt - Stille - dann laut hintereinander bu - bumm, bu - bumm, bu - bumm, bu - bumm, zzzzssii, brachch,
brachch, brach - brach! Plängg - pläng macht es, wenn die roten Schrapnelle glühend zerspritzt sind linksab über der
Russenschlucht. Wandert nicht das Feuer jetzt weiter? Tssi - tssi zischt es haarscharf vorbei und zerbricht hinter uns.
"Auf!" Tssi - tssi - ein Blindgänger dabei. Wir rennen zur Abwechslung wieder einmal, daß uns das salzige Wasser
siedend in die Augen rinnt. Und da taucht unterm Stolpern über frische Erdschollen endlich der Bahndamm auf. Von
weitem leuchtet der weiße Durchstich. Schattenhafte Gestalten bewegen sich. "Wir sind am Bahndamm!" sage ich zu
dem Vize der Pioniere, die halten und ihre Lasten abwerfen. Die Essenträger setzen ihre Kübel ab. "Aufnehmen, weiter
die Sachsen!" hetze ich. Durch den Einschnitt stürzen einige von vorne kommend. "Sachsen?" frage ich. "Ja", antworten
Fie erstaunt. "Wo liegt die sechste und achte Kompanie?" Einer deutet mit der Hand: "So in dieser Richtungliegt die
sechste, von da könnt ihr den Graben zur achten durch. Wir haben einen Graben gemacht. Vorsicht! Von rechts MG.Feuer!" Jetzt kenne ich mich aus - dort bin ich ja schon gewesen.
Verflucht langsam ging es weiter. Täk - täk - täk - täk kam es von einem französischen MG. aus der rechten Flanke.
Und dieser zähe, pappende Lehm an den Füßen! Wieder ein kurzes Stück. Eine Leuchtrakete schaukelt am Fallschirm
langsam auf uns zu. Und das ekelhafte MG. fegt in die flache Mulde, durch die wir noch müssen. Sind das nicht
Stahlhelme? Die Rakete erlischt. Wortlos stapfen wir voran. Aber dann läßt uns das klirrende Bersten einfallender
Granaten alle Vorsicht vergessen. Ein grimmiges Zischen fegt über uns sträubend dicht hinweg. Der Bahndamm
verschwindet in Feuer und Rauch. Wir schleppen und waten. "Nur zu, nur zu!" Das auch noch. Eine Stange bricht.
"Weiter jetzt! Liegenlassen!" Blendende Schrapnelle zerspringen. MG.s hageln irgendwo durch die zerraufte Luft.
Unzählige Leuchtkugeln werfen geisterhaftes, fahles Licht darüber. Da sinkt einer um, im Lehmbrei bis über die Knie
steckend. Ich fasse schnell seine tastenden Hände und zerre ihn wieder auf festen Boden. Hasten, Rennen, Fluchen und
Schreien. "Daher, nicht liegenbleiben! Daher!"
Und alle kommen wir durch. Nicht einer bleibt zurück. Hinter dem aufgeworfenen Rand eines mächtigen Trichters
sehen wir Stahlhelme. Gewehrgranaten zerstäuben glühend. rote Wölkchen darüber. Sie haben uns drüben gehört. Was
kümmert es uns? Wir sind da, lassen uns zu Boden fallen, keuchend und schwitzend, froh und stolz. "Wir haben euch
zu trinken gebracht!" Und sie warteten schon sehnsüchtig darauf, haben nimmer geglaubt, daß wir kämen, den Durst zu
stillen, weil es schon so spät war. Wenn auch ein Korporal vermahnend meint: "Stille, seid doch endlich stille!" Und
dann führt einer den Trupp der Achten durch den Graben weg zur Nachbarhompanie. Geklapper von Kochgeschirren ist
um den Trichter herum, Flüstern und Tuscheln. Wir sind denen da vorne eine Gewißheit, daß sie noch nicht ganz von
aller Welt abgeschnitten sind. Einige gehen mit zurück, den verlorenen Kübel zu suchen. Es ist nicht weit; wir finden
ihn wirklich in dieser Wüstenei halb im Lehmbrei versunken. Dreißig Liter Kaffee sind darinnen, ein unwägbarer
Schatz hier vor Fleury.
Ein Leutnant ließ uns warten, weil Verwundete gebracht würden zum Mitnehmen. Wir hatten aber höchste Zeit; es war
schon fast 5 Uhr, und vom Osten her wurde der Himmel blaß. Wenn wir nur erst über dem Bahndamm wären! Der
Bahndamm! Schweigend ergeben nahmen wir die Zeltbahribündel auf die Stangen und stapften nach hinten. Das
Zwielicht der Dämmerung verwob alle Erscheinungen ins Grau des anbrechenden Tages. Jeder lief, was er konnte.
Noch zoren die schlürfenden Bahnen der Granaten meist hoch oben weg auf die Schluchten und Straßen hinten. Aber
mit Tagesgrauen fiel das Feuer wieder auf die Brennpunkte der Kampffront. Der Franzmann wußte, daß diese Zeit die
rentabelste Stunde des Tages war. Drüben im Chapitrewald schoß er Gas. Milchiger Rauch zog dort in Streifen Über
den Boden hin. Vielleicht bald auch hier vor uns. Pfrrr - pfrrr rascheln Schrapnelladungen hernieder. Und mit
schluchzender Flugbahn fiel eine schwere Granate nach der anderen aufwirbelnd hinter den Damm. Gerade jetzt, wo
wir -. Und nicht ausweichen können mit diesen leise wimmernden Lasten, nicht Deckung nehmen können. Das ging ja
viel zu langsam, da war es längst zu spät, bis man absetzte, um sich hinzulegen.
Es war ein Gang durch die Hölle. Und trotzdem kamen wir heil hindurch.Wallender Rauch,klatschendeErdbrocken,
gellende Splitter, Stürzen in die Knie, Aufraffen mit letzter Kraft. Weiterstolpern mit baumelnder Zeltbahn - bis wir es
hinter uns hatten. Es ging schon leicht ansteigend zum Douaumont, der wie ein zerdroschener Totenschädel aus
Sprüngen und Löchern grinste. Leichte Granaten zerspritzten Erde dicht neben uns. Sie taten uns nichts. Ein schwerer
Schuß heult herab, daß wir erschrocken stoc hen - nur ein Blindgänger, der hurtig weiterkollerte, bis er von einem
Trichter eingeschluckt wurde. Rasten, ein wenig verschnaufen von der Hetze! Nur jetzt nicht - im Fort meinetwegen
stundenlang. "Weiter, Kameraden, es ist nicht mehr weit!" Sie wissen es selbst. Wohin anders sollen denn diese
schweren Einschläge gehen als hinter die zerfranste Kante der ansteigenden Bergkuppe? Dahinter liegt das Fort, und
der über die Kante wallende Rauch ist von der täglichen Reveille der Franzosen.
Eine weiße Leuchtkugel steigt aus dem Rauch vor uns, das Zeichen für alle Irrenden dieser Nacht. Wo man wohl am
besten hineingeht? Schrapnellwölklein werden von den ersten Strahlen der Sonne rosig zart überhaucht. Die
Westdurchfahrt ist feuerfrei, also dorthin. Die paar Schraptielle dort sind nichts im Vergleich zu den Brocken, die
rechtsab auf die Südschanze fallen.
Und dann erreichen wir nach mühseligem, verderbenschwangerem Klettern über Steinhaufen und durch riesige Trichter
das gähnende Loch des Einganges. Bündel um Bündel taucht hinein. In heißen Minuten drängen wir uns zusammen, das
hohe Winseln herabfallender Granaten wie das Schwert des Damokles über den geduckten Köpfen, bis uns endlich der
düstere Brodem des Forts umfängt mit seiner Sicherheit. Im Gefechtsgang werden die Verwundeten vorsichtig
niedergelegt. Sanitäter schleppen sie nach unten weg. Ein kurzes Verweilen, hastiges Hinabstürzen eines Trinkbechers
voll Wasser, das der Spangler an die Durchkommenden verteilt, noch einmal ein Schluck von dem starken "Kaffee" der
Sachsen, dann tummeln sie sich zum Nordausgang.
"Zur Stelle! Auftrag erledigt, Verluste keine!" meldete ich dem Kommandeur, der mir im Gang begegnet. "Na, haben
Sie das weiße Band gefunden?" "Nur ein paar kurze Stücke noch, es ist aber ganz gut bei Nacht." "Dann muß ein neues
Band gelegt werden. Melden Sie sich gegen zwei Uhr wieder bei mir!" Schon wieder ich!
Einige Ordonnanzen meines Regiments sind neu gekommen. Von den gestern hier gewesenen fehlen drei. Die Klappen
sind leer. Sie müßten eigentlich längst zurück sein, denn sie sind lange vor mir in der vergangenen Nacht hinaus. Der
Reservist fehlt auch. Vielleicht hat er endlich seinen Heimatschuß verpaßt bekommen? Aber dann hätte er sich im Fort
sicher verabschiedet. Er soll in der Nacht am Thiaumont gewesen sein. Unten im Verbandraum sei auch keiner von den
Fehlenden, erzählt einer, der schon nachgeschaut hatte. Keiner spricht aus, was er denkt! Vermutlich verschollen in
irgendeinem der unzähligen Trichter da vorne. Das Schicksal aller Melder von Douaumont. Man geht hinaus und
kommt nicht wieder. - Und wer verwundet wird als einzelner und sich nicht helfen kann, verblutet einsam und
gottverlassen in seinem Trichter. "Hilfe - Kameraden - Hilfe!" Wer hört das in dem brüllenden Land? Wer findet einen
in der Öde des Schlachtfeldes? Nur vom Franzmann kommen die Granaten herangeheult, die helfen dir, daß bald ein
Ende ist mit dem Geschrei. Eine Lücke, so eine leere Drahtklappe, kann grausiger sein als ein zerknüllter Toter vor
unseren Augen. "Hilfe - Kameraden -."
Die neuen Melder sind von anderen Bataillonen meines Regiments, ein Korporal und ein Schnapser. Sie kommen frisch
von hinten aus dem Kaplager und schauen jetzt noch mit erschreckten, fassungslosen Augen, sind aber bemüht, sich
nichts ankennen zu lassen; sie haben noch unverschämt viel Zigaretten und müssen ordentlich austeilen.
Erst um 3 Uhr erwachte ich, und ich hätte mich doch um 2 Uhr melden sollen. Noch halb verschlafen trat ich in das
Gewölbe des Kommandeurs, wo ich den Auftrag erhielt, mit einem Pioniergefreiten ein neues, doppeltes Band zum
Bahndamm zu legen. "Das muß noch bei Tage geschehen, damit Sie genau Richtung halten können und die gangbaren
Stellen finden." Bei Tage? Das wird gut werden. "Es ist heute so regnerisch draußen, die Sicht ist schlecht; es ist nicht
so schlimm", fügte der Adjutant bei. Die beiden Neuen gingen mit auf Veranlassung des Adjutanten. Der Pionier hatte
in Sandsäcken Spulen mit Bändern gebracht. Spaten lehnten genug in den Kasematten. Wir berieten und machten zwei
Partien, um in einem Lauf das Band doppelt legen zu können.
Feiner Regen rieselte draußen; wenn nichts weiter, gab das eine kleine Sauerei. Das Feuer war schwach im Vergleich
zur vergangenen Nacht. Dunstig verschwommen hob sich eine lange, zerhackte Bodenwelle weit vorne im Gelände, der
Bahndamm von Fleury. Gut 1000 Meter mochten es bis dahin sein. Wir schlugen den Pflock ein, um den der Anfang
des Bandes gebunden war, und unterm Laufen spulten wir ab. Alle paar Meter warf der Pionier kunstgerecht einen
Spaten voll Erde darauf, daß es am Boden festhielt. In einigen Längen Abstand folgten die anderen. Gerade hatten sie
ihren Pflock eingeschlagen, da gurgelte es von hoch oben chuchuchuchu - chucheccchtt! Auf dem Douaumont und
hinter dem Wall spritzten haushoch Erde und Steine in riesigen Wolken auf, die steil wie Pappeln aussahen. Die beiden
hatten sich hingeworfen, von hallenden Brocken verhagelt. Wie sie zu uns herankamen, waren ihre vordem sauber
gewesenen Waffenröcke über und über voll Dreck. "Sind das die Kleineren?" fragte der Korporal spöttisch. Wir liefen
weiter, um rasch aus dem Bereich zu kommen, denn schon wieder schluchzte und gurgelte es hoch über uns, daß wir
uns schleunigst zu Boden fallen ließen. Trummrr - trummrr - trummrr -. Am Wall sprangen drei gigantische Erdsäulen
auf. Ich habe gerade dorthin geblickt und direkt einen schwarzen Strich senkrecht einfahren sehen. Über eine
Sprengwolke hinaus flatterte ein Pflock mit unserem weißen Band, das sich strafft und abreißt. "Hoho, wer zupft denn
da an meinem Band?" fragte erstaunt der nebenanliegende Korporal. "Der schwarze Schorsch!" sagte ich, und die
anderen lachten dazu, denn sie hatten es auch gesehen.
Grauenhaft verwüstet sah das Gelände bei Tage aus. Immer wieder lagen Gefallene in den Trichtern, die Fäuste reckten,
Finger verkrallten oder zu unscheinbaren, wesenlosen Bündeln zerknüllt waren. Auf dem Transport gestorbene
Verwundete in Zeltbahnen reckten starr genagelte Stiefelsohlen zu uns her. Man sah, daß hier ein Weg verlief, wenn es
auch nur Trichter waren. In den Nächten war das wenigstens nicht so deutlich.
Der Regen ließ nach. Vom Douaumont wogte, wie von einem kochenden Kessel, der Dampf der Einschläge unzähliger
Granaten. Braun, schwarz, weiß und grau sprang es dort aus dein Boden und wob sich zu einer schaurigen Decke von
Erde, Pulverdampf und zuckenden Blitzen. Gebannt schauten wir in dieses übernatürliche, zerschmetternde Schauspiel
mit seiner grollenden, brüllenden und zischenden Raserei. Wenn wir nur wieder gut zurückkamen!
Zu uns her fauchen plötzlich grimmig nahe Feldgranaten und zerschmettern dröhnend, daß wir uns vor den
schwirrenden Splittern in Trichtern decken. Tschin bumm - tschin bumms! Herrgott, die sind direkt uns vermeint!
Splitter, Brocken und schwarzer Rauch! - Das wird ja immer besser. Wie das jetzt rast, daß man sich gar nicht mehr
auskennt. Trumms - trumms, truppuruprumps -. Immer mehr, unzählige Granaten, wirr durcheinander in blödsinnig
hastigem Trubel. Ich habe mich eng an die Wand des Trichters gepreßt, in den ich zufällig geraten bin, ganz eng. Und
um mich herum haut es beklemmend ein. Wer wird auch so leichtsinnig sein, am hellen Tage hier herumzulaufen, wo
man doch weiß, daß der Franzmann mit Batterien auf einzelne Melder hält! Wwupp - das haut oben den Rand des
Trichters ab, Erde rutscht über mich weg, die heiße Lohe glüht mir ins Gesicht mit heizendem Rauch. Ach Gott - ein
Volltreffer, aber anscheinend ist mir nichts passiert. Zum Greifen nahe ziehen weiße Schrapnellwolken ganz tief über
mich weg.
Was liect denn da drüben, kaum zwei Schritte weg in meinem Trichter? Das ist doch ein Toter - ein Franzose auch noch
dazu; den hat es erst kurz wieder ausgewühlt. Drum stinkt es hier so entsetzlich, in solcher Nachbarschaft. Fast meine
ich, der Kerl rührt sich noch mit seinen verfaulten Knochen und dreckigen Lumpen. Freilich, da muß ja ein Toter
nochmal lebendig werden in diesem Feuer. Daß es gar nicht aufhören mag? - So ein Wahnsinn! Aufhören, aufhören, he,
aufhören - hört doch einmal auf! Ich will ja nichts weiter; ich gehe schon wieder zurück, nur aufhören! Fflupp, Blindgänger! - Er schlägt einen blitzenden Salto über meinen Trichter weg. Gegenüber am anderen Rand platzt die Erde
auf und spritzt zu mir herüber. Ein silberner Ausbläser pfurrt über meinen gestriegelten Kopf und bohrt sich bis an den
goldenrot schimmernden Ring in den Boden neben dem Totenbündel. Bleischauer hageln in die zerraufte Erde.
Ich schließe die Augen und hauere mich zusammen, daß die Knie an mein Kinn stoßen. Wenn ich mich nur verkriechen
könnte, denn lange geht das nicht mehr. Eine muß mich doch einmal treffen von so vielen, ein Splitter ins zitternde
Fleisch hacken. Aber gleich richtig, daß ich nicht langsam verenden muß. Nein, nein, nur n cht gleich so arg, nur so
leicht, daß ich nachher davonlaufen kann ins Fort zurück und dann gleich hinter und heim, so wie damals im März
drüben am Toten Mann. Nein, auch das nicht: bloß aufhören - so hört doch endlich auf! Was habe ich euch denn getan,
daß ihr mich so martert? Ich bin doch unschuldig an diesem Grauen und Sterben! Ich habe ja keinen Krieg gewollt, so
hört doch auf!
Es nützt nichts, siewüten fort, Rache, Rache, Rach, Rrach! brüllt das. Der Tote da gegenüber will auch Rache. Hat er
denn nicht schon an den anderen da herum genug? Der hat es auf mich abgesehen, gerade auf mich, der wartet nur
noch, bis - ach, da ist es schon! Blasses Feuer, drückender Schlag an den Körper, Erde, frische, rauchende Erde. Jetzt,
jetzt steht er auf und springt mich an, mich vollends zu ersticken. "Hil - hi -."
Wie der Qualm verzieht und ich mich aus rieselnder Erde hebe, liegt der tote Franzose zu meinen Füßen - ohne Kopf.
Ein leerer, zerlöcherter Blechhelm liegt dabei. Er stinkt fürchterlich zu mir empor. Ich drehte mich weg und hielt den
Ärmel vor das Gesicht, um etwas anderes zu riechen. Wie fein doch das Pulver dagegen schmeckte! Mit den Händen
scharrte ich Erde über den Leichnam, und das half einigermaßen. Mit den Füßen half ich nach, vorsichtig, daß ich ihn
nicht trete, denn das wäre mir als Schändung des Toten erschienen.
Oben rauscht und faucht es giftig weg. Horch, geht das nicht doch weiter? Ach freilich, endlich wandert der
Höllentrubel fort. Nur zu, nur zu! Er wandert, daß das Zischen zum Flüstern wird und ich zagend ungläubig nachsehe,
wohin das jetzt geht. Da wälzt sich ein zuckender, wogender Feuerqualm zum Douaumont empor, rückt ostwärts
hinüber zum Caillettewald und wandert auf den breiten Hardoumont, wo er wütend die Erde umwirbelt.
Mir fehlt nichts, gar nichts, wie ich mich vollends erhebe. Zwei französische Flieger schwirren oben und rattern mit den
MG.s Weiß der Teufel, was sie damit wollen!
Was ist denn mit den anderen, daß sie sich nicht rühren? Ich rufe. "Bleibe! Fliegerdeckung! Sonst gibt's noch mal was
ab", antwortete der Pionierschnapser. Die Flieger surren schon nach Vaux hinüber, ich springe zu ihm in den Trichter
und sehe auch den Korporal und seinen Kameraden, den Michl, sich erheben. Keinem fehlt etwas.
Es dämmerte schon stark. Wieder liefen wir glitschend im aufgeweichten Lehm und kamen endlich mit Einbruch der
Nacht an den Bahndamm, wo gerade die Leute der Reservekompanie steif aus den Stollen krochen.
Ich war müde und abgespannt, als wir im Fort eintrafen, wie noch nie diese Tage her. Wenn ich doch endlich abgelöst
würde von dieser immerwährenden Hetze durch das Feuer!
Abgelöst? "Heute geht das erste Bataillon unseres Regiments in Stellung, drei Kompanien vordere Linie, Chapitrewald,
rechter Abschnitt, eine Kompanie Reserve in der Vauxschlucht. Die neuen Wegführer nehmen Sie zum Einweisen mit.
Gegen 12 Uhr trifft das Bataillon im Fort ein. Halten Sie sich bereit!"
Bis Mitternacht war die Zeit schnell verraucht. Gerade hatte sich der Gefechtsgang etwas geleert, da rückten schon die
Kompanien unseres ersten Bataillons ein. Mir wurde unbehaglich zumute, wenn ich daran dachte, diesen Haufen durch
das Feuer führen zu müssen. Wenn nur die Vauxschlucht nicht wäre! - Nach einer Stunde waren Handgranaten,
Sandsackbündel, Spaten und Schnelldrahtringe auf die Gruppen verteilt. Wir konnten antreten.
Es war gerade merkwürdig ruhig draußen und die Nacht stockfinster. Langsam erst gewöhnten sich die Augen an das
Dunkel. Mit der ersten Kompanie kletterte ich an der Spitze über den Wall und nahm die Richtung zum Caillettewald,
immer den Leuchtkompaß in der Hand. Der Korporal führte in Abstand die zweite, der Michl die dritte und der
Pioniergefreite, als alter Kenner der Gegend, die Reservekompanie. So konnte nichts fehlen, und wir kamen gut voran.
Wir hatten noch nicht den jenseitigen Hang des Caillettewaldes erreicht, als in der Russenschlucht ein donnerndes
funkensprühendes Feuerwerk einfiel, das im Aufblitzen lange Reihen schwarzer Gestalten erkennen ließ. Lange
schauten wir von oben in die dampferfüllte, feuerdurchblitzte Schlucht und hörten mit banger Erwartung die heulenden,
winselnden Granaten einfallen. Flebernd und hastend keuchten wir dahin. Es wurde ruhiger, nur in der Bussenschlucht
zogen die Nebel der Pulvergase am Boden hin.
Endlich senkte sich das Geländ eabwärts.DieVauxschlucht kam. Daß heute nicht hereingeschossen wurde? Eine
merkwürdige Ruhe war in dieser dunklen Nacht. Brütete er da drüben wieder irgendeine Teufelei aus? Ein Bahngeleise
mußte früher einmal da am Hang gelaufen sein, einige wirr verbogene Schienentrümmer standen aus dem
aufgebrochenen Boden. Hier hausten mit Vorliebe größere Kaliber, dem Trichtermaß nach zu schließen. Finster und
unheinilich starrt uns der jenseitige Hang entgegen. Wir waten unten durch sumpfige Lachen, vorsichtig sondierend
nach versteckten Trichtern im Schlamm.
Jetzt müssen doch bald die Führer zu den einzelnen Kompanieabschnitten kommen, die uns hier erwarten und zur
Ablösung vorbringen sollen. Beim Ansteigen zum jenseitigen Hang stehen auch einige Leute da und fragen: "Seid ihr
Bayern!" "Ja!" "Schwein gehabt! Wo ist die erste Kompanie? Geht mit mir!" wir warten oben am Hang, bis alles da ist.
Der Preuße gibt Belehrungen über das Verhalten. "Seid das erstemal hier, was? Na, werdet schon sehen. Schön ist
anders. Nur feste Fliegerdeckung und mit dem Wasser sparen bis zum letzten Tag. Beim Vorrücken achtgeben, sofort
knien und nicht rühren bei Leuchtkugeln, sonst gibt's MG.-Feuer und Tschinbumm von Souville her."
Gelassen sind wir viere umgekehrt und kommen bei Tagesgrauen aus Fort heran. An der Caillettewaldecke wartet der
Korporal mit dein Michl. Es eilt auch gar nicht, denn drüben am Hang zum Fort sprühen Einschläge von erschütternder
Gewalt auf.
"Los! nicht lange gucken!" schreit der Pionier. In Gottes Namen durch in einem Lauf. In Riesensprün"en sehe ich den
Korporal den Hang emporklinimen. Und er saust mitten hinein ins Feuer. Da ist er weg. Erdbrocken prasseln und
dreschen mich flach an den Boden, eine pechschwarze Wolke kriecht herab. Da huscht im verwehenden Rauch eine
Gestalt heran, weiß Gott, der Korporal! Er gibt mir einen Stoß in den Rücken und brüllt: "Saus, was d' kannst!" Schon
springt der Michl über mich weg, ich erhebe mich mit einem Ruck und taumle schier geistesawesend durch die noch
dampfenden frischen Trichter, klettere über Tote hinweg, die erst - - - - nur zu - nichts denken, denn schon - - -. Ich
lasse mich in einen Trichter fallen, in dem der Pionier kauert und mich glasig anstiert. Stäubender Druck preßt auf uns
ein, blasses Feuer huscht über die zerklüftete Erde - dann weiß ich nichts mehr. Ich werde wohl schon gestorben sein
und die anderen da mit. Es ist Ja Wahnsinn, da noch ausweichen oder durchbrechen zu wollen, da muß man ja - - - -.
Wie es auf einmal hell wird? Ich glaubte doch, es wäre stockfinstere Nacht. Was rührt sich denn da neben mir, ist denn
der noch nicht tot? Er ist mit einem Satz weg. Halt, ich muß ja auch - freilich, schnell, um Gottes willen schnell, ehe die
nächste Lage - - -.
Plötzlich stehe ich auf den Beinen und laufe aus der flachen Mulde hinaus, in der ich lag. Gestalten springen kurz vor
mir und winken. "Hat es dir was getan?" schreit mir der Korporal ins Gesicht. Ich schüttle nur den Kopf und suche, wo
es denn endlich in den Berg hineingeht, erkenne aber, daß wir erst den Wall erklinunen. Ein gaukelndes, weißes
Wolkenspiel der Schrapnelle hängt darüber und bellt herab wie lästige Hunde, die sich nicht herantrauen. Hinter uns
brüllt die Erde vor Entsetzen, als müsse sie untergehen. Da stolpert der Pionier, der vorangelaufen ist. Er steht aber
nicht mehr auf, was hat er denn? Er liegt vornüber in einern Dreckhanfen, sein Waffenrock hat hinten Löcher.
Erschrocken wende ich ihn uni, er lebt noch. Der Korporal ist neben mir. "Pack an!" schreie ich, fasse den Pionier
unterin Arm, der iNlichl hebt die schleifenden Füße, und so fallen wir in der Südschanze durch den Eingang ins Fort.
Dort legen wir den Pionier im Gedränge auf den Boden, um ihn zu verbinden, und sehen - daß wir einen Toten ins Fort
geschleppt haben.
Ein kreischender, brüllender, tobsüchtiger Tag hat begonnen. Von den abgelösten Preußen lagen noch ain Mittag große
Trupps im Gefechtsgang, die nicht nach hinten in die ersehnte Ruhe am Kap der guten Hoffnung konnten. Von den
Eingängen her drang wie drohendes Murren das Bersten schwerer Granaten, Pioniere, die in die Bruleschlucht hinter
wollten, kanien nach kurzer Zeit wieder ins Fort. Draußen sei die Hölle los, ganz tief surren die französischen Flieger
über den Schluchten. Den Lauf nach hinten wagen, sei Selbstmord bei diesem Feuer. Artilleriebeobachter erzählten in
unserer Kasematte, der Bahndanim sei eine zuckende Rauchwand, man könnte nicht hindurchsehen, was in der
vorderen Linie los sei. Unsere Artillerie gäbe ein dauerndes Störungsfeuer auf die bekannten Batterien drüben.
Anscheinend habe der Franzmann eine Menge neuer Artillerie eingeschoben, deren Stellungen noch nicht bei uns
bekannt seien. Wir dachten nichts anderes, als daß der Franzmann im Laufe des Tages noch angreifen würde.
Dann kommt einer herein und sagt, einige schwere Volltreffer hätten einen Stollen durchschlagen. Pioniere mit
Selbstrettern gehen bei uns vorbei zum Aufräumen; es stimmt also. Ein anderer kam hernach und erzählte, daß es eine
Beobachtung verschüttet hätte; der Beobachter, mit dem wir vor einer halben Stunde noch sprachen, sei unter den
Toten.
Gleich darauf kam wirrer Lärm aus dem Gefechtsgang. Wir stürzten erschrocken hinaus und hörten von entsetzten
Leuten, es habe die Außenwand einer Kasematte eingeworfen. Schon waren die Pioniere beim Aufräumen. Die
Sanitäter schleppten verdeckte Bahren hinweg. Und zu allem diese grauende Finsternis in den Gängen. Still saßen wir
beisammen um einen Stumpen Kerze, den der Michl gestiftet hatte. Wir hatten auch nur eine Sandsackwand. Und oben
droschen wütende Hiebe auf das Gewölbe, daß wir oft meinten, wir würden auf den Kopf geschlagen, und
zusammenzuckten. Dann drückte die gespannte Luft die Kerze aus; der Michl rieb sein Benzinfeuerzeug an und machte
wieder Licht.
Wir ließen das Essen fast unberührt stehen, nur ein kratzender Durst plagte uns elend. Gerade hatte ich beim Spangler
unten einige Feldflaschen voll trübes Wasser erbettelt, da hallten die ehernen Schläge des Gasalarms und das
krächzende Heulen der Sirenen durch die Gänge. Natürlich hatte ich meine Maske oben liegen. Vorsichtig stieg ich die
Stufen hinauf. Meine Taschenlampe blitzte über lauter glotzäugige Gestalten, und mir schienen das eigentlich erst so
die richtigen Geschöpfe für das Innere des Berges zu sein. Von der Ostdurchfahrt sah ich im Streiflicht einiger Lampen
weißliche Schwaden herankriechen. Es roch schon stickend süßlich. Ganz wild drängte ich mich durch einen Haufen
glotzender Leute in meine Kasematte und stülpte meine Gasmaske über, die mir der Korporal schon offen entgegenhielt
und mich dann scheltend an den Haaren zupfte.
Dieses Sitzen und Warten dauerte mir doch zu lange; ich tastete mich zu meiner Klappe und streckte mich aus. So
schlief ich ein, die Gasmaske übergestreift. Erst einige Püffe weckten mich wieder. "Alarm vorbei!" Mein Kopf glühte,
und der brennende Schweiß tropfte mir aus den Haaren und vom Gesicht. Doch dann schlief ich wirklich ein. Unsere
Artillerie gäbe Sperrfeuer auf Fleury und die Kalte Erde, hörte ich noch einen sagen; das war mir aber jetzt völlig
Wurscht, nur schlafen, die paar Stunden noch. Wumm - tanngg - pfurr - klopft und stößt es über mir. Ich ziehe die
Zeltbahn über das Gesicht, daß mich der herabrieselnde Sand nicht stört. - - Monotones Summen schwillt an und verebbt und schwillt wieder zu grollendem Murren. Gellende Rufe peitschen
dazwischen: "Platz! Obacht! Platzl Kompanie ferrrtig machään!" Was ist denn? Ja so, es ist wohl schon wieder Nacht
geworden. Freilich, schon 9 Uhr; die anderen Kameraden sind schon fort. Doch nicht alle. Eben kommt der Mich]: "Du
sollst schleunigst zum Adjutanten, der sucht dich nicht viel lang schon, mein Lieber!" Ich rumple auf und melde mich
gegenüber. "Da sind Sie ja endlich. Schnell, der Trägertrupp wartet schon lange! Zum Bahndamm! Material für die
Pioniere!" Und zu einem Leutnant gewendet, sagte der Adjutant: "Das ist der Führer. Glückauf denn!" Im Gefechtsgang
lehnte und lag eine Kompanie unseres zweiten Bataillons mit Stollenbrettern und Sandsackbündeln. "Wohin geht's
denn?" fragte einer im Vorbeigehen. "Bahndamm!" Er erschrak sichtlich dabei; der Bahndamm von Fleury war überall
verrufen.
Draußen grollte die Nacht. Kühler Wind blies uns in den Rücken. Unsere Artillerie feuerte lebhaft zum Feind. Wir
liefen dem weißen Band nach und kamen in einer Stunde am Bahndamm an. Pioniere bauten Stollen hier in den Hang.
Weißes Gestein wurde heraufgeschleppt und in unzähligen Sandsäcken außen aufgeschichtet, die wir in die nächsten
Trichter entleeren mußten, und auf das weiße Gestein wurde Erde geworfen, damit die Flieger nichts finden konnten.
Ein einziger Treffer schlug unter die Leute. Der kostete drei Tote und zehn Verwundete, was die ganze Arbeit nicht
wert war. Um 1 Uhr waren wir wieder im Gefechtsgang des Forts. Und ich werde morgen abgelöst. Herrschaft, bin ich
froh! Gleich werde ich meine Klamotten zusammensuchen.
Da wurde ich gerufen. Was ist denn schon wieder? Jetzt soll nur ein anderer einmal laufen. Brieftaubenwärter sind von
hinten gekommen mit verhängten Steigen, in denen es flattert. Zwei sollen noch diese Nacht nach dem Abschnitt
Fleury-Süd und einer zum Bahndamm; dort sind die Tauben ausgegangen. Die Tauben sind ausgegangen? Dann also
noch einmal vor. Der Mich] geht von selber mit aus blanker Kameradschaft. Das macht es mir leichter, und eilig gehen
wir hinaus.
Gerade sind wir über den Wall, da flattert es steil an schwellend herab. Im Nu sind wir am Boden, der seitab von einem
herzbeklemmenden Schlag aufgerissen wird Splitter fauchen in die Nacht, Steine prasseln. Dann rennen wir den Hang
hinab und halten in einem Trichter Ein Taubenträger fehlt, Wir rufen, vielleiebt ist er seitwärts gelaufen. Keine
Antwort. Dann muß er noch oben liegen. Wir müssen nachsehen. Ein neuer donnernder Schlag reißt oben den Wall auf.
"Michl, los!" In den fallenden Stein- und Erdregen laufen wir hinein und klettern empor. Wenn man nur besser sehen
könnte. Da herum sind wir vorhin gewesen. florch, stöhnt da nicht einer? Das kommt ganz tief atis einem Trichter. Hier
nebenan hat es vorhin ein neues, mächtiges Loch gerissen. Ganz zackig ist der Rand, und nach Schwefel und Säure
stinkt es heraus. Ich steige in den gähnenden Trichter hinab. Da röchelt einer, als müßte er ersticken. "Michl, daher,
schnell! Da ist er!" Fast ganz von Erde verdeckt. Ich wühle Kopf und Brust mit den Händen frei. Der Michl hat einen
Stiefel gefunden und hebt ein Bein heraus, dann das zweite. "Auweh, da hat's ihn, der Haxn ist ab!" ',Pack fest an!" Der
Michl faßte den Verwundeten an den Schultern, ich bei den Knien mit dem baumelnden, blutigen Stumpf, und So
stolperten wir über Erdschollen und Gestein, bis wir in den Eingang der Durchfahrt fielen, wo ich "Halt, halt! Ich kann
nimmer!" keuchend hervorstieß. Mir waren die Fingernägel vom Einkrallen in die aus meinen Händen rutschenden
Beine abgebrochen, Im Eingang stehende Infanteristen nahmen sich uni den Verwundeten an, wir aber stürzten wieder
in die Nacht hinaus, warfen uns vor entsetzlichen Granaten nieder, fielen stolpernd den Wall abwärts und riefen nach
den anderen, bis uns endlich einer von weither Antwort gab. Sie waren schon ein Stück weitergegangen. Immer wieder
steckte ich meine wehen Fingerspitzen in den kühlenden Nlund, denn es zog und brannte stoßweise darin. Nach einer
wilden Hetze durch das Feuer erreichten wir glücklich den Bahndamm.
Im anbrechenden Morgen rannten wir den nun längst vertrauten schaurigen Weg ins Fort zurück, und schon um 6 Uhr
waren wir angelangt. Wir hatten in der Rekord,eit von einer knappen halben Stunde die Strecke vom Bahndamm zum
Douaumont durchlaufen.
Eine halbe Stunde später bin ich unterwegs zur Bruleschlucht mit Befehlen für die Kompanien meines Bataillons. Heute
nacht werde ich meinen letzten Dienst als Führer machen, wenn ich die Kompanie zur Ablösung nach Fleury bringe.
Mit dem Morgen sind bereits die Wegführer anderer Regimenter im Fort angekommen, Ich bin abgelöst worden.
Eigentlich sollte ich nach der Ablösungsordnung zur Ruhe ins Kaplager kommen, doch ist mir nichts gesagt worden,
und ich werde wohl oder übel noch mit der Kompanie in Stellung gehen müssen. Kein Hahn kräht danach, ob ich das
noch ertrage nach diesen Nächten voll Hetze und Angst durch die Granaten und über die Trichter dieses vom Feuer der
Explosionen gemordeten Landes. Das muß man einfach.
Da liegen einige Tote meines Regiments. Vielleicht sind sie von der Kompanie, die ich vergangene Nacht - - vielleicht
von gestern schon. Scheu gehe ich daran vorbei. Bis wir hier wegkommen von diesem zerhackten Feld, werden sie wie
Marksteine an den Wegen liegen, die das Regiment nach so vielen anderen vor ihm gehen mußte. Wer - wer von uns,
die da gehen müssen, wird es sein? Und wieder fragt da etwas in mir - und so fragt es in allen - was hates dennfüreinen
Sinn - dieses Sterbenmüssen vor Verdun, das der Heimat und dem Volk nichts nützen kann? Dieses viele junge Blut,
das in diesen lehmigen, grauen Boden sickerte, hat Deutschland nicht einen Schritt näher gebracht dem Siege und der
Entscheidung. Der größte Teil der jungen Jahrgänge, "Deutschlands letzte Hoffnung", hatten sie dazu gesagt, lag hier
vergeudet und verblutet. Ich glaube fast, daß hier vor Verdun auch unsere letzten Hoffnungen begraben und
zertrümmert liegen, Es hat keinen Sinn, so sehr ich auch danach grüble. Vielleicht sehe ich es später ein. Aber, warum
denn erst später? Wir müssen ja heute hier laufen ums Leben, wir möchten heute schon wissen, warum, welchen Sinn es
haben soll. Sonst zerbricht hier der Glaube an die Gerechtigkeit unserer Sache, sonst zerbricht auch das Vertrauen zu
denen, die uns in diese Schlachten schicken. Wehe ihnen, wenn sie diese Toten hier einmal fragen: "Verantwortet euch,
warum das geschah!"
Über der Bruleschlucht hängt Rauch platzender Schrapnelle. Mechanisch laufe ich über den Grund der Hassoulschlucht
und haste den Hang empor. Wimmelndes Leben sehe ich unter den zerzausten Bäumen, wie es steil abwärts geht. Die
Kompanien bereiten'sich für die Stellung vor. "Fliegerdeckung! Fliegerdeckung!"
Hans Zöberlein: Der Glaube an Deutschland
Fleury
Wir fassen Fleischbüchsen, Brot und Zwieback, Verpflegung für sechs Stellungstage. Jeder erhielt eine zweite
Feldflasche; Kaffee und Tee sollen durch einen bereits ausgeschiedenen Trägertrupp jede zweite Nacht vorgebracht
werden. In einer bretterüberdeckten Erdhöhle, unten an der Straße der Schlucht, holten wir uns einen Stahlhelm, den die
von der Stellung Zurückgekommenen dort abgeworfen hatten für die nächsten. Wir putzten an den uns ungefüg
erscheinenden Blechkübeln herum, ehe wir Appetit fanden, sie überzustülpen mit den Schweißkrusten und Dreckspuren
ihrer vorherigen Träger. Ich brauchte von diesem Leihhaus keinen Gebrauch mehr machen, denn ich hatte ja bereits seit
dem Douaumont einen solchen Eisenhut und war die ungewohnte Schwere und das Drücken schon einigermaßen
gewöhnt. Außen schmierten wir die lielme mit Lehm an, damit sie nicht spiegelten; verschiedene stülpten einen
Sandsack darüber, wodurch das Monstrum noch ungefüger aussah. Zur Probe schlugen wir uns gegenseitig mit dem
Gewehrkolben einmal so halbernst drauf, was gar nicht einmal wehe tat, sondern nur preßte.
Rauchzeug wurde reichlich ausgegeben. Wo noch einigermaßen Platz war in den Taschen, stopften wir die übliche
Marke Jür fleer und Flotte" hin. Jür flotte Herren", sagten wir dazu. Es gab heute ganze Hände voll "Lang. rohre", wie
wir die Zigaretten mit Hohlmundstück nannten. Der Feldwebel ließ schon zum drittenmal zum Fassen ansagen.
Natürlich war ich sofort in der Reihe. Über uns werden gerade Flieger beschossen. Splitter und Bleikugeln summen aus
der Höhe und klatschen nebenan in den Dreck. Da saust auf einmal ein Ausbläser zischend vorbei, noch einer, mehrere.
So nahe streift das vorüber, daß wir uns wie ein Blatt Papier an den Hang pressen möchten, wenn es ginge. Überhaupt
sind das gar keine Blindgänger, die Luder krepieren ja unten in der Schlucht. Ssssiutt - sssiut. Immer besser. Ich klebe
an einem vorstehenden Felsbrocken und traue mich nicht zu rühren, weil ich mit der nächsten Bewegung mitten in diese
in.einem fort fließende Flugbahn hineintappen werde. Mir ist, als ob ich gestriegelt würde auf der blanken Haut. Vor
mir stehen verlassene Zigarrenkistehen und Zigarettenschachteln. Dieses Gelumpe ist schuld, daß ich jetzt so dahänge.
Tssi -tssi - tssii! kommt es ganz steil herab. Wenn ich doch zur Seite springe? Aber dann muß ich - es geht nicht - denn
nebenan, rechts und links und vermutlich auch hinter mir, wo ich nicht hinsehen kann, blitzt es in der Sonne metallen
vorbei. Es ist eine schwere, aber erfahrungsreiche Lehrzeit für mich. In den wenigen Minuten, solange dieses Feuer
dauert, lerne ich die Flugbahn eines Stellgeschosses erhorchen und sehe, daß Bruchteile von Sekunden genügen können,
in Deckung zu stürzen, ehe das anzischende Ding auffallen kann.
Auch das hört einmal auf. Alles hat sich in die Löcher am Hang verkrochen. Langsam taue ich wieder aus der
Erstarrung auf und schiebe die Zigarrenkisten unter den Arm. Der Schmied-Martl in meiner Gruppe ist wenigstens so
kaineradschaftlich, mir eine Kiste voll abzunehmen. Ich binde meinen gefundenen Schatz auf das Sturmgepäck, vorne
werden sie schon froh sein darum. Im engen Erdloch quetsche ich mich zwischen die anderen Kameraden und mische
meinen Schnarchbariton in das schnurrende Konzert schlafender Soldaten. Eine dreckstarrende Zeltbahn schließt uns
hier innen von den Geschehnissen dieser lärmenden, bellenden Welt da draußen ab.
Mit dem Anbruch der Nacht lebt die Schlucht wieder auf. Unsere Feldküche hat unten in einer gar nicht
beneidenswerten Lage noch einmal tüchtig gekocht, dann darf sie auf eine Woche ins Kaplager und dort rasten und
schlafen, bis wir Wiederkommen - wenn wir noch können. Über den vorderen Hang weht das Durcheinanderrollen des
Artilleriefeuers. Heute ist es besonders grimmig, oder hört es sich hier hinten nur so an? "Da schau, was ist das?" stößt
mich unser Korporal in die Seite. Über dem schwarzen Rand oben glimmt grüner Schein auf und versinkt. Jetzt wieder ein grüner Stern zittert in die Höhe und fällt langsam in die Schlucht. Am flang drüben, rechts und links, überall tanzen
grüne Sterne in die flöhe. "Sperrfeuer!" Gnade Gott denen, die da vorne sind! Morgen sind wir es.
Ein Gefunkel von Abschüssen fährt durcheinander. Der jenseitige Hang zuckt von oben bis unten von Feuerblitzen.
Krachendes, heulendes Gedröhn brüllt zusammen, daß man sein eigenes Wort nicht mehr hört und die Ohren zu klein
sind, den sprudelnden, sich überstürzenden Schwall der Explosionen zu erfassen. Sperrfeuer! Rotes Licht glüht auf, und
wieder steigen überall im Umkreis rote Sterne durch die Schwaden des Rauches. Feuer vorverlegen! Feuer vorverlegen!
Unsere Artillerie schießt zu kurz. Welche von diesen vielen Batterien das wohl ist?
Winseln und Rauschen, Zischen und Heulen fegt von vorn in die Schlucht. Glühende Detonationen springen auf und
grollen drohend durch den Trubel. Immer mehr. Jetzt werden die Batterien vom Franzmann hageldicht zugedeckt. Du
liebe Zeit, da möchte jetzt keiner von uns da drüben an den Geschützen stehen. Wirr, phantastisch wild geht dort im
Dampf und Feuer die Welt unter. Stickender Brodem füllt die Schlucht. Immer neues Feuer schluckt er in seiner
nebligen Decke ein, und die Nacht kommt schwarz und drohend finster darüber.
Jäh fahren schwere Schrapnelle über uns aus dem Dunkel und hacken mit pfeifendem Hagel in den Boden. Wir kauern
uns in die Erdlöcher und sind froh, daß wir uns mit Stollenbrettern und Erde eine Splitterdeckung darübergelegt haben.
Eine unnütze Arbeit schien es uns am Nachmittag noch vor dem Vorgehen, jetzt macht sie sich reichlich bezahlt.
Stumm hocken wir im Finstern beisammen. Da reißt jemand die Zeltbahn auf und wirft sich herein, noch einer. "Kein
Platz da, geht nicht!" "Kameraden, nur bis es vorüber ist; wir gehen dann gleich wieder." Ein paar Artilleristen sind es,
die zur Beobachtung in den Douaumont wollen. "Wem gehören denn die Haxen da? Mach dir'e nicht gar so bequem,
ruck!" Und dann geht es doch, wenn wir die Beine einziehen. Ich muß daran denken, wie ich vor fast einer Woche in
einer solchen Nacht zu den Sachsen ins Loch gefallen bin. "Junge, Junge, das ist wieder eine Nacht; wenn wir nur erst
im Fort wären!" meint einer der Artilleristen. "Und wir erst in Fleury!" seufze ich bedrückt. "Müßt ihr noch ablösen
heute? Na, dann will ich nichts mehr sagen. Sagt mal, wie soll das noch enden?" "Mit einem großen Saustall, wie denn
sonst!" "Mächtig Artillerie hat der Franzmann da, alle Tage neue Batterien. Bei uns ziehen sie ganze Abteilungen
heraus, füllen sie auf und schieben sie ab an die Somme. Die Munition ist knapp. Die Bestände müssen geschont
werden. Dieser Abend hat wieder ein ordentliches Loch gerissen, da heißt es die nächsten Tage wieder: Einsparen! Wir
wollen morgen unsere Batterie auf neue Geschützstellungen einschießen. Wir schießen Fünfzehner-Langgranaten, das
gibt schon aus."
Erst jetzt merken wir, daß ein Leutnant dabei ist. Da könnte man eigentlich etwas anbringen bei dem, und ich platze
heraus: "Woher kommt es denn, daß unsere Artillerie so oft zu kurz schießt? Das ist eine verfluchte Schlamperei. So
eine Batterie gehört zusammengeschlagen, weil so eine nicht mehr wert ist." Augenblicklich war es stumm, bis der
Leutnant anfing: "Tja, Kameraden, da kann in der Regel die Artillerie nichts dafür. Unsere Geschütze streuen
unglaublich, wir brauchten längst neue Rohre, weil die alten schon zu stark ausgeleiert sind. So ein Rohr leistet nur eine
gewisse Zahl von Schüssen, dann sind die Züge ausgeschliffen, daß es nur so klappert. Was glaubt ihr wohl, was es für
Rohrkrepierer glibt? Erst vorige Woche hat uns so ein Luder die halbe Batterie zerfetzt; das ist auch kein Pappenstiel.
Früher hätte man einen Hauptmann vor ein Kriegsgericht gestellt, der mit solchen Büchsen geschossen hätte. Aber es ist
ja nichts da, einfach nichts da. Ihr verlangt wohl Sperrfeuer, wenn vorne angegriffen wird, habt aber keine Ahnung, was
das heißt. Wir geben schon immer ein paar Striche zu, aber zu weit können wir doch auch nicht vorlegen, sonst ist es
kein Sperrfeuer mehr, und der Franzmann lacht sich den Buckel voll. So bei der Nacht einfach Sperrfeuer nach der
Karte geben, ist nie das ganz Richtige. Da kommt der Wind dazu, Regen, Kartuschenstärke; das ist immer anders. Dann
einmal am Pfefferrücken, dann schnell bei Damloup - ganz so einfach ist das nicht, da muß man schon eingeschossen
sein. Der Franzmann ist da besser dran, der hat für jede Ecke dieser Festung seine genaue Tabelle von vornherein. Ihr
tut gerade, als wäre es purer Mutwille von uns. Laßt uns nur wieder ordentliche Geschütze kriegen, dann sollt ihr mal
sehen, nicht wahr, Steffen?" Jawohl, Herr Leutnant, dann rasieren wir einer Mücke den Bart weg als alte
Richtkanoniere von Jüterbog." Wir mußten lachen. Ein Feuerzeug lobte auf vor einem kantigen Gesicht mit
herausfordernd funkelnden Augen. "Na, ich werd's mal dem Kaiser sagen, wenn ich ihm begegne, wie ihr Bayern
schimpfen könnt."
Die Zeltbahn wurde weggerissen. "Fertigmachen! Antreten!" "Na, dann nichts für ungut, Bayern." "Na, gar nicht; gebt
nur gut zu beim Schießen!" "Wird gemacht! Hals- und Beinbruch! Macht's gut!" "Ihr auch!"
Es war schon wieder ruhiger draußen. Wie doch so eine Rederei gleich ablenkt! Hoch oben rauschte das Feuer hinüber
und herüber ins Hinterland. Jetzt kriegt die Bagage ihre Abendkost. In einer langen Reihe stand die Kompanie am
Hanc. Die Elfte schloß an. Ich meldete mich beim Kompanieführer. Es war 11 Uhr, wir mußten abrücken. "Alles da?"
"Vollzählig, zwei Offiziere, achtundneunzig Mann; genau hundert!" meldete der Feldwebel, der zurückblieb. "Kommt
mir alle wieder, aber nicht mit dem Kopf unterm Arm!" versuchte er zu scherzen.
Eine Spannung der Erregung hielt uns alle gefesselt. "Marsch!" Die Schlange setzte sich in Bewegung und wand sich
zur Bruleschlucht hinaus. Wie gewöhnlich dröhnte es an der scharfen Ecke mörderisch laut. In hastigen Sprüngen
sausten wir unter den kreischenden Flugbahnen hinweg. Ein bleicher Halbmond leuchtete spärlich herab. Vor uns
raucht, und klirrte es in der Hassoulschlucht, und wir bogen daher links ausweichend den Hang zum flassoulrücken
empor. Eine unendlich scheinende Reihe von Gestalten zog ich hinter mir her durch die Trichter. Die Luft war brütend
schwül, wir klebten alle vor Schweiß.
Um Mitternacht schlüpften wir in den langen Stollen, der ins Fort führte. Unheiinlich nahe Einschläge jagten uns
hinein. Und froh erlöst atmeten wir auf, wie uns im Gefechtsgang dumpfes Geinurmel umfing. Wir waren noch
vollzählig, auch die Elfte. Handgranaten wurden gefaßt in Sandsäcken, Stollenhölzer und Schnelldrahtringe auf die
Gruppen verteilt. Das kann eine nette Schlepperei werden.
Der Spangler erschien unter einem Mordshallo und tränkte die ganze Kompanie noch einmal durch. Dann tauchte unser
Major aus dem Dunst und ließ noch Spaten auf die Züge verteilen. Wir sollen vorne eine zweite Linie ausheben und
Stollen zu bauen anfangen, sagte er. "Macht meinem Bataillon keine Schande da vorne vor Fleury: wenn ihr die
Schneid nicht verliert, dann ist es nicht so schlimm, verstanden?" "Der hat leicht reden da herinnen", sagte der Anderl.
Von der Westdurchfahrt her drückten die nahen Schläge des Feuers draußen; lange hielt das an. Marschbereit standen
und lehnten die Leute im zitternden Gewölbe. Jeder wußte, daß das Schwerste noch bevorstand. Ich wurde mit Fragen
bestürmt und beschwichtigte immer wieder: "Nur nicht abreißen draußen im Finstern, keinen Lärm machen! Nicht bei
jedem Schuß gleich hinlegen; es trifft gar nicht so leicht." Wozu lange reden, sie werden schon sehen. Wenn wir nur gut
vom Fort hier wehkommen! Die Beschießung dauert schon fast eine Stunde. Recht lange können wir nicht mehr warten.
Es ist jetzt genau 2 Uhr. Ich gehe bang zum Ausgano, und schlüpfe zagend durch das Loch hinaus. Merkwürdig, es
bleibt ruhig; eine Minute und noch länger. Haben sie drüben wohl ihr Programm abgeschossen oder Feuerpause
eingelegt zum Kühlen der Rohre? Die Gelegenheit ist günstig. "Auf geht's! Laufschritt!" Das reißt sie hoch, ein
schlimmes Gedränge und Gestoße, der Haufen quillt ins Freie. Blind tappen sie hinter mir drein. "Nur los im
Sauhaufen, daß ihr da wegkommt!" hetzt der Major, der mit herauskam. Und das Rudel er.oießt sich über den Wall mit
Geschepper und Gepolter. Allmählich fädelt sich die lange Reihe wieder ein. Das weiße Band schimmert vom Boden.
Eine seltsame Feuerruhe ist eingekehrt; nur in die Russenschlucht rumpelt schweres Steilfeuer von drüben. Vielleicht
haben wir Glück?
Die Schwüle ist gesättigt vom widerlichen Verwesungsdunst. Wenigstens ist der Boden einigermaßen trocken, da geht,
es doch rascher und leichter voran. Einzelne Granaten und Schrapnelle zerbersten seitab. Bubumm, bubumm - bellen
uns fingernde Blitze von drüben an. Jetzt haut es kaum 50 in vor uns ein. Splitter fliegen heran, daß wir im Schritt
zögern. Jetzt drei-, viermal zugleich. Ein Feuerriegel! Wieder eine Lage! Ich drehe scharf nach links ab in die
Russenschlucht. Dort ist das schwere Feuer verstummt. "Wohin auf einmal?" fragt erregt der Leutnant. "Ausweichen!"
antwortete ich kurz. "Daß Sie sich nicht verlaufen!" "Woher denn, da bin ich schon oft gewesen." An einer langen
Reihe verwesender Gestalten stolpern wir vorüber, Da mag einmal ein Feuerüberfall jäh über die Re4he einer
Kompanie gefahren sein, vielleicht unterm Rasten. Keuchend pumpen die Lungen.
Drohend finster hebt sich mit einem Male der zerwühlte Bahndamm vor uns im bleichen Schein der schon bedenklich
nahen Leuchtkugeln. Daß er nicht beschossen wird? Das ist doch ganz gegen die Regel? Doch da klafft schon der weiße
Einschnitt!"Vorsicht jetzt! Nichtrühren,wennLeuchtkugeln kommen!" Gruppe um Gruppe rennt durch den Einschnitt
und starrt auf das plötzlich nahe Geflacker und duckt sich vor dem Pfeifen peitschender Geschosse. Es geht besser, als
ich geglaubt habe. Über uns weg drischt es jetzt unaufhörlich den Damm entlang. Das haben wir wieder einmal gut
erraten. Hastiges Schlapsen gluckst im lehmigen Morast der flachen Mulde. Und endlich - eine Gestalt ruft uns leise an:
"Bayern?" "Ja. - Sachsen?" "Nu freilich, ihr gommt aber bald!" Sie haben uns also noch gar nicht erwartet. Es ist 4 Uhr
vorüber, wir haben über zwei Stunden gebraucht zu einer Strecke von gut 2000 in. Aber jetzt sind wir endlich da. Und
nicht einen Mann Verlust.
Die Sachsen weisen uns kurz ein: "Nicht so laut, die Schangels sind höchstens 30 in weg. Gewehrgranaten und eigenes
Kurzfeuer schlimm. Französische Artillerie schießt meist knapp über den Graben weg. Macht's gut!" "Kommt gut
heim!" wünschen wir, denn hinten liegt ein wüstes Feuer im Gelände. Wir lassen uns erschöpft in die Löcher fallen und
die Hitze der Anstrengung abkühlen.
Meine Gruppe liegt am rechten Flügel der Kompanie. Ein Riesentrichter ist unsere Nachbarschaft. In ihm liegt ein MG.,
und daneben schließt die Elfte an. Die Trichter sind mit kurzen Durchstichen zu einer Art Graben verbunden, durch den
man gebückt und kriechend den ganzen Kompanieabschnitt absolvieren kann. Wüste, lehmige Dreckhaufen, glitschige
Wände mit einem Durcheinander verdreckter Gewehre und Handgranaten, unzähliger Patronen, Helme, Kochgeschirre
und aufgeschnittener Fleischbüchsen gespicht. Übler Verwesungsgeruch strömt aus dem wohl hundertmal schon
umgewühlten Boden; lehmüberkrustete, starre Gestalten recken von vorne und hinten lehmige Arme und unförmige
Stümpfe, die vielleicht Stiefel sein können, über die aufgeworfenen Haufen. Der Grund des Grabens ist glucksender
Morast. Ein Arsenal von Waffen und Ausrüstung liegt von Füßen zertreten im graugelben Lehm. Der anbrechende Tag
gießt faden Schimmer über diesen einzigen, großen Friedhof von Fleury. Trichter zu Trichter gähnt, so weit ich schauen
kann. Hinten hängt brodelnder Rauch am Boden. Die Sachsen haben keinen leichten Rückweg ins Fort.
In einem breiten Trichter muß ich auf Posten ziehen. Man kann nicht ganz aufrecht stehen, so seicht ist das Loch. Weit
schauen kann ich auch nicht. Einige verbogene Schienentrümmer stehen frei vor meinem Ausblick in die Höhe. Die
Franzmänner machen sich wohl hier und da einen Jux daraus, auf die Schienen zu schießen; das klingt dann wie ein
Glockenschlag. Eben hat er das erstemal bei mir angeläutet, daß ich bös erschrocken zusammenfahre. Heulend fährt der
Querschläger davon.
Die Brustwehr ist zu niedrig. Mit einigen gefüllten Sandsäcken, die von den Sachsen noch für irgend etwas hergerichtet
sind, baue ich eine kugelsichere Deckung und lege eine breite Schießscharte darin an. Ein paarmal hat so ein
Franzmann drüben, der mich wohl beobachtete, schon in die Sandsäcke geknallt. Die Scharte verhänge ich mit einem
leeren Sack, den ich kunstgerecht mit ein paar Patronen feststecke. So vergeht wenigstens die Zeit. Auf meine Ablösung
hat man wahrscheinlich vergessen. Alles kauert in den Drecklöchern und schläft.
Mit kräftigen Püffen wecke ich einen, der mich ablöst. Gerade macht die französische Artillerie einen heftigen
Feuerüberfall nach hinten, daß man sein eigenes Wort nicht nichr versteht. Dieses verfluchte ewige Zischen, Rasen,
Heulen, Bersten, Krachen und Donnern! Und wenn es auch nicht uns gilt, irgendwas von unseren Sinnen reagiert dar
auf und sammelt beklemmende, drückende Empfindungen in uns an. "Hör nur, wie sie wieder fetzen, die flunde!" brüllt
der Schmied-Martl mir ins Ohr. "Wenn's ihnen nur alle Rohre einmal zerreißen täte", wünsche ich laut. Wir lauern
gereizt auf alle schlürfenden Geräusche, ob sie nicht bald kurz und jäh zu uns herniederbiegen.
Ein paar andere unserer Gruppe wollen den Graben vertiefen, einige Meter weit haben sie den Schlamm schon
ausgehoben, daß es festen Boden gibt; da saust eine ganze Fuhre voll Dreck herab und wirft alles wieder zu. Wie soll
denn da etwas halten in diesem von unten herauf zersprengten, gelockerten Land? Wir versuchen es mit Sandsäcken
und mauern eine regelrechte Wand auf. Die hält wenigstens. Wenn nur das Zeug nicht so stii ken und pappen würde.
Jeden Spaten voll muß man mit den Fingern wegkrallen und den Lehmpatzen mit der Faust in den Sack drücken.
Nachher sollen wir mit diesen stinkenden, krustigen Fingern Brot anfassen. Ich rauche mit dem Schinied-Martl um die
Wette; wir haben ja ein paar hundert Zigarren dabei. Eine wird an der anderen angezündet; der Nlartl bringt es auf vier
Stück in der Stunde. Wenn der so weitermacht, hat er in ein paar Tagen die schönste Nlikotinvergiftung. Aber bei dem
greift es scheinbar gar nicht an. Wie praktisch eigentlich dem Feuerer seine baumelnde Pfeife ist! So einen Koksofen
braucht man nur alle Stunden aufzufüllen und kann ihn immer zwischen den Zähnen hängen lassen. Die Alten haben
doch schon viel mehr Erfahrung, wie man der schwierigsten Dinge am leichtesten', Herr wird.
"Jetzt wird eine Nische gemacht, daß man sich wenigstens beim Schlafen nicht auf dem Bauch 'rumtreten lassen
braucht", schlägt er vor. Da tue ich gleich mit. Stundenlang haben wir zu tun. Ein Stück wird nach unten gestochen, ein
Stück mauere ich mit Sandsäcken auf, die wir regelrecht zu Lehinsteinen breitschlagen. So haben wir schon ein ganz
schönes Stüük geschafft, einen Fünfzehner-Blindgänger ausgegraben, den wir sorglos wie einen Stein vor den Graben
hinaussehutzen, eine französische Feldflasche, in der noch Wein ist, den aber keiner trinken niag. Gewehre, Bajonette,
Lederzeuge. Fast jeder Stich bringt etwas Neues zum Vor, schein. Schon wieder ein Lederzeug. "Und toteln tut's schon
allerhand, mein Lieber. Rauch nur fest!" sagt der Feuerer. "Nachher legen wir oben ein paar Gewehre darüber, mach's
nur nicht so breit! Vielleicht erwischen wir sogar ein paar Stollenrahmen. Wirst sehen, wie in einem Himmelbett kannst
dann schlafen." Jetzt kommt ein Stiefelabsatz zum Vorschein. Da wird doch nicht einer drinnen liegen? Wie ich aber an
dem Lederriemen ziehe, löst sich die ganze Wand los, und ein Toter rutscht heraus. Wir laufen beide entsetzt vor dem
Gestank davon. "Seids so gut und dechts ihn wieder zu!" schimpft uns der Korporal. Erst zünde ich mir eine frische
Zigarre an, der Feuerer macht einen gewaltigen Dampf mit seinem Koksofen, und dann schieben wir mit alten
Gewehren den Leichnam wieder zurück, soweit es noch geht. Es ist so kein ganzer, der Kopf und ein Arm fehlen ihm.
Schnell schichte ich Sandsäcke und Lehnischollen davor, und der Feuerer spreizt ihn noch mit alten Gewehren fest, daß
er niminer herausfallen kann. Ein paarmal müssen wir dabei noch zum Luftschnappen in die Nachbarschaft; den
weiteren Ausbau geben wir aber auf. Zur Not können wir, eng aneinandergequetscht, uns hineinsetzen. Unsere Füße
baumeln draußen im Grabenstück, und keiner geht vorüber, ohne daraufzutreten. Man kann auch nur beim genauen
Hinschauen unterscheiden, daß das keine Lehmpatzen, sondern Stiefel sind. Vom Feuerer kann ich da eine ganze
Litanei von Flüchen lernen und passend anwenden. Ein gutes Stück des Tages ist darüber hingegangen. Den Kopf im
Helm an die Wand gelehnt, schlafe ich sorglos ein.
Als mich der Feuerer wachrüttelte, mußte ich mich erst besinnen, wo ich war. Ja so, das waren ja die Souvillebatterien,
die so laut schossen, und das niedrige Zischen über mir waren ihre hungrigen Granaten. "Du hast aber einen
Bärenschlaf; hast du denn das Feuer nicht gehört? Jetzt ist es ja wieder ruhiger. Du mußt jetzt aufziehen!" Meine
Knochen waren ganz steif, ein frostiges Schütteln am ganzen Körper ließ meine Zähne hörbar aufeinanderklappern. Ich
hüllte mich fröstelnd in meinen Mantel.
Der Abend war golden klar und frisch. Es war ja Herbst, doch wer kannte den Wechsel der Jahreszeiten noch?
Rollsalve um Rollsalve rauschte über die dämmernden Gründe. Von den Forts drüben an der Maas zuckten lange Blitze
zum dunkelnden Himmel, dumpfe, schwere Abschüsse kamen sekundenlano, danach herüber, wenn die schlürfende,
rollende Geschoßbahn schon in schattenhaft weitem Donnern in den Schluchten hinten geendet hatte. Lauernd ruhig
liegt die Front vor meinem Postenstand. Da fährt drüben, ganz nahe, eine rote Funkengarbe hoch. Fauchend steigt die
erste Leuchtrakete nach oben, zerlnallt mit mattem Schlag und träufelt silbernes, fahles Licht herab. Langsam schaukelt
der seidene Fallschirm mit der Nlagnesiumfackel und zeichnet tiefschwarz den zackigen, zerhackten Rand der
Geländesilhouette. Eine Schneildrahtwalze stand wie ein zartbleiches, stacheliges Gewebe über dem Rand, Von der
Flanke peitschte aus dem Chapitre eine MG.-Garbe in den Dreck. Zeng - zeng, ziu - ziu - zi - jagen die Hochschüsse
darüber weg. Der Leutnant vom zweiten Zug kommt, die Posten zu kontrollieren. "Ohne Neuigkeit!"
Von hinten kommend gurgelt und zischt es hoch herab - ein kurzer Augenblick Stille - beim Franzmann drüben zuckt
eine mächtige rote Feuergarbe auf, und ein metallener Donnerschlag reißt am Trommelfell. Noch einmal, ein drittes und
viertes Mal - es reißt gar nicht mehr ab. Das sind unsere Einundzwanziger. Sie gelten den giftigen Souvillebatterien.
Wie sie da schweigen können! "Na, die geben aus", meint der Leutnant hinter mir. Doch jetzt zischt es ganz kurz, daß
wir unwillkürlich den Kopf einziehen - schscht - schscht - schscht! Eine ganze Lage. Ganz nahe geht das, in die
Stellung der Franzosen drüben, knapp 30 bis 40 in vor uns. Schollen prasseln, Splitter fauchen vorbei. Wenn das nur
nicht zu kurz geht. - Weiter rechts liegen auch solche mächtige Einschläge. Schscht, schscht, schscht! Das war noch
näher. - Mir wird unheimlich zumute. Rauch wallt heran, gigantische rote Blitze fahren empor. Da rechts drüben
schießen die Unsern rote Leuchtkugeln aus dem ziehenden Rauch der Einschläge. "Feuer vorverlegen!" Eigenes Feuer
in unserer Stellung! Können sie denn hinten nicht besser aufpassen; da sollen sie doch lieber aufhören.
Ein roter, finsterer Schein huscht über die Trichter. Gespenstisch, wie aus der Unterwelt getaucht, sieht die,Gegend
darin aus. Unzählice rote Sterne überschnellen sich. Der Franzinann fordert Sperrfeuer. MG.s peitschen und hämmern,
knallend prasseln die Kugeln der Infanterie in die Sandsäcke vor mir. "Jetzt haben wir's, weil die hinten keine Ruhe
geben. Wir dürfen dran glauben", brüllt mir einer ins Ohr. Handgranaten streuen rote Blitze vor meine irrenden Augen.
Und mit einem pfeifenden, heulenden Orkan wirft sich das Sperrfeuer auf unseren Graben. Eine Fieberangst treibt mit
einem Schlage ein wirbelndes Feuerwerk aller Farben in die wogende, zuckende Nacht empor. Hören und Sehen
ertrinkt. Ein Vulkan ist drüben aufgebrochen und wirft seine glühende Last auf uns.
Betäubt und mutterseelenallein stehe ich vor meiner Schießscharte und stiere in Rauch, Feuer und Gebrüll, in stiebende
Erdschauer und flackerndes Licht. Daß ich nicht darin versinke, mitwirble und kreische? Vielleicht tue ich es; ich merle
es nur nicht.
Hundertmal wohl in Sekunden rast und faucht tötendes Eisen und Kupfer vorüber, ich merke es nicht. Ich bin immer
noch da, noch nicht eingeschlungen von dem satigenden Strudel. Vor mir, neben mir, hinter mir zuckt Feuer vom
Boden, quillt Dampf auf. Warum falle ich nicht um? Trifft es mich nicht? Was geht denn überhaupt vor sich? Ein
Gedanke fährt schneidend durch mein Hirn. Ich muß ja aufpassen! Der Franzmann wird sicher angreifen wollen. Eine
Gefahr schauert mich an, daß ich ein wenig wach werde dabei. Schießen, ja freilich, ich muß doch schießen. Eine
mechanische Übung regt sich. Laden, durchdrücken, laden, durchdrücken. Draußen ist soeben tine Lücke im Rauch,
dahinter das Drahtnetz und sich bewegende Köpfe. Das sind sie! Nur tief halten! Drüben spritzen Funken von meinen
Schüssen. Und unser MG. rattert ja auch, höre ich. Jetzt bin ich nimmer allein. Einen Patronenrahmen nach dem
anderen stoße ich in die Kammer des Gewehres. Das geht ihnen drüben wenigstens nahe na) die Ohren. Nur tief halten,
wenn auch der Hauch wieder alles verdeckt. Jetzt hat es mir eine Ladung Dreck ins Gesicht und auf das Gewehr
geworfen! Brrr! Es geht schon noch, wenn auch das Gewehrschloß hart auf und zu geht.
Die Leuchtkugeln steigen nicht mehr. Rabenschwarz ist alles rinosum. Horch, sind da nicht auch die Unseren mit im
Spiel? - Freilich! Hinüber fegt Zischen und Rauschen. Da muß das Feuer schon stark nachgelassen haben, daß man das
heraushört. Was schreit da einer? "Feuer einstellen!" Es ist also wohl vorbei. Endlich - endlich -! Und fast schlagartig
weicht der Druck des Fecens der Geschosse, die langsame Gangart der Feuerstöße surrt wieder. Es beginnt ruhiger zu
werden. Eine nachdrohende Lage unserer Einundzwanziger rauscht noch nach Souville herab, die nächste Lage zieht
schon in sanfterem Bocen weit über uns weg. Nur auf der Kalten Erde drüben lagern noch die Schwaden des Rauches.
Ganz unschuldig schwininit wieder eine weiße Leuchtkugel über die Stellung weg, aus der es wie ein Aufatmen geht.
Von drüben kommt leises Stöhnen und klagendes Winimern. Wir hören es erschauernd noch lanue herüberwehen. Da
kommt mein Nachfolger und löst .ich ab. "Ohne Neuigkeit!"
Vom linken Flügel her bringt unser Sanitätssehnapser vier Verwundete. Es hätte mich ja gewundert, wenn es so ohne
weiteres abgegangen wäre. Die MG.-Schützen erzählen, es sei schon ein ganzer Haufen Verwundeter nach hinten
gegangen. Bei ihrem Trichter geht ja alles vorbei. "Du sollst die Verwundeten und diese Meldung zum Bahndamm
bringen, Befehl vom Kompanieführer", sagt der Gefreite. Postenstehen und Meldegänge machen ist schon ein wenig
viel Zumutung. Wie ich aber höre, daß die halbe Kompanie die ganze Nacht schanzen muß, ziehe ich doch vor, nicht zu
koppen, und schiebe nach hinten ab. Von nebenan bringen sie Zeltbahnbündel, die sich anschließen.
Es ist jetzt auffallend ruhig. Unbeschossen kommen lir über den Bahndamm, wo sich die Verwundeten nach dein Band
von selbst den Weg ins Fort zu finden trauen. Gleich neben dem Einschnitt im Damm liegt ein frischer Haufen Toter,
die den abgelösten Sachsen gehören, wie mir ein Alarmposten unserer neunten Kompanie erzählt, die am Bahndamm in
den Stollen liegt. Überall ist der Boden ganz frisch aufgebrochen; es muß tagsüber ein pfundiges Feuer hier gehaust
haben. Und am Abend beim Sperrfeuer hat es den Posten derhaut, der den Stollen nimmer erreichen konnte. Nach mir
kommt ein Meldeläufer der Zwölften in den Stollen herabgetorkelt. Er sagt, daß sie vorne vier Tote hätten und eben
fünfzehn Verwundete zurückschaffen ließen. Wir gehen zusammen wieder nach vorne, denn allein ist es so unheimlich,
an den Toten in den Trichtern vorbeizulaufen. Mir ist zumute, als stünden sie auf und langten nach mir. Nur nicht allein
sein hier.
Eine schanzende Linie geduckter Gestalten ist gleich hinter der Stellung. Jetzt steigt eine Rakete, und alles
verschwindet auf einen Schlag. Drüben werden sie halt das blecherne Hacken der Spaten hören. Da wird es bald Lagen
setzen, Vorläufig hackt ein MG. herüber. Wie es wieder finster wird. geht das Geklapper der Spaten wieder los.
In unserem Graben zerrten sie Schnelldrahthindernisse auseinander, die vor die Stellung geworfen wurden. Der
Schmied-Martl kroch mit mir hinaus in die Trichter, wo wir die Drahtwalze vor unserem Grabenstück weiter nach
vorne rollen wollten. Sie blieb aber an allen möglichen Hindernissen hängen, so daß wir einen gehörigen Radau dabei
machten und einige Handgranaten vor uns aufflogen, die uns nichts schadeten. Knapp 30 in hinter der Stellung hatten
unsere Schanzer einen gut metertiefen Graben ausgehoben, bis der Morgen zu grauen anfing und das Schanzen
eingestellt wurde. Die Elfte hatte dabei einen Toten und mehrere Verwundete. Sie hatte schon elend Pech.
Nach einem kurzen, tiefen Schlaf trieb mich der Lärm des Feuers wieder auf. Der Tag war giau und trübe. Oben jagten
französische Flieger die Stellung ganz tief entlang und gaben Zeichen für ihre Artillerie. Und mit einem Male faucht
eine Lage Steilfeuer bedrückend nahe herab und schmettert vierfach in die Trichter hinter uns. Eine Granate warf mir
eine Ladung Dreck und stinkendes Wasser ins Gesicht. Pfui Teufel! Unterin Abschütteln sehe ich durch den
Pulverdampf der Einschläge Gestalten davonsausen und merke, daß ich auf einmal allein bin. Ich erfasse mit den Ohren
geschwind noch, daß einige MG.s von uns auf die Flieger'schießen, dann verschluckt ein brandender Feuerwirbel alle
anderen Eindrücke und schließt mich ein in Grausen und Todesangst. Davonlaufen? Wahnsinn! Ich würde mitten
hineinlaufen. Deckung, nur gute Deckung! In meiner Nische kauere ich mit stieren Augen, die Knie an den Bauch
gezogen, die Arme zur Deckung der Brust gekreuzt. Blasses Feuer zuckt, schwarze Rauchballen zerwehen zu grauen
Schleiern. Fffft, fffft, fffft - saust es steil von oben, schschttt, schschttt, schschtt - zischt es flach und sengend nahe.
"Schluchchch - chuchch - chuchehttt", kommt es ganz senkrecht aus dem Himmel herab, die schweren Kaliber des
Forts. Ungelenk taumelnde Brocken werden im Niederprasseln von neuen Einschlägen hochgetrieben und zu feiner
Erde zerschlagen, die, wie mit Schaufeln geworfen, auf mich herabregnet. Wurf um Wurf schlägt mir hart in das starre
Gesicht. Wenn ich doch versuchen würde, auszureißen? Aber wohin? Der ganze Abschnitt muß unter Feuer liegen. Soll
ich - soll ich nicht?
Da hebt mich ein furchtbarer Stoß vom Sitz auf und läßt mich wieder zurückfallen. Von einem rotzüngelnden Feuer
schlägt ein heißer Druck auf mich. Jetzt hat es - - - ich versinke in schwarzer Totenstille. Wie damals am Toten Mann
ist es wieder. So wohlig schnell hat es mich erlöst. Und da habe ich solche Angst davor gehabt? Wie man nur so
kindlich furchtsam sein kann! Es tut mir gar nicht weh und ist gar nicht schrecklich. Es ist besser als diese ewige Qual
der Angst vor diesem Augenblick. Wie in einer der alten Kirchen ist es, so still, so feierlich. Das Licht bricht nur
gedämpft in den hohen, kühlen Raum, und von dem gebogenen Balken im Chor, hoch über dem Altar, schaut der
Gekreuzigte zu mir allein her und sagt mit strahlend leuchtendem Gesicht: "Es ist vollbracht!" Und seine Worte rollen
hallend von den hohen Gewölben: "Vollbracht - bracht - bracht!" So furchtbar, daß die Gewölbe über mir brechen und
einstürzen. Doch die Steine, die herabfallen, sind weich wie Lehmbrocken, wenn sie auch hart auf Helm und Schulter
schlagen. Und durch das eingestürzte Gewölbe bricht der grelle Tag von außen in den Staub. Luft! Luft!
Ungläubig erwache ich langsam aus der würgenden Betäubung. Ich lebe ja noch. - Wo es mich wohl diesmal getroffen
hat? Die steifen Glieder lassen sich noch rühren, auch die zerschlagenen Beine kann ich aus dem Schutthaufen ziehen,
den es über mich geworfen hat. Nebenan ist die rückwärtige Grabenwand abgerutscht und der Lehm schwarz
angeraucht. Tiefe Risse klaffen, und unten ist ein zitronengelber Fleck, um den wie ein Strahlenkranz lange, sl Iberne
Splitter herumstecken. Daß nur die Wände meiner Nische nicht eingerutscht sind? Die Sandsäcke halten doch gut, ich
habe sie auch ganz fachgerecht als Maurer im Verband aufgeschichtet, immer eine Läufer- und eine Binderreihe. Und
dann erschrecke ich, denn ein fußlanger, schmaler Splitter steckt wie ein Messer neben mir in einem Sandsack. Der
zackige Btuch des Metalls blitzt, und eine Seite ist ganz giftig-gelb angehaucht. Mich schüttelt es, wie ich daran denke,
wenn dieses Messer handbreit nebenan in meinen Schädel gefahren wäre. Die anderen werden es kaum glauben, daß ich
hier saß. Wo sie nur sind, und warum lassen sie mich so allein?
Pffupp - trrr - gurrte der Bleiregen eines Schrapnells über mich weg aus dem schmetternd tobenden, kreischenden
Strudel. Nun aus einem rosig durchzuckten Schneeballen, der an dem Trichterrand rechts neben mir aufspritzt und mir
einen weißen, schweflio, stinkenden Schleier vor das Gesicht zieht. Die Wand in meinem Rücken durchbebt ein Stoß,
spritzende Erde wird von hinten über meinen eingeduchten Kopf gestreut. Ganz deutlich hat es, wie ein leichter
Hammerschlag, oben auf meinen Helm geklopft, daß ich noch tiefer zusammenfahre; das war ein Splitter - Eisen auf
Stahl. Wie gut doch mein Helm ist, den werde ich nimmer hergeben; so ein hilfreicher Freund ist er. Nun wieder ein
Stoß hinter mir. Ein Sandsach plumpst herab auf rneinen Schenke]; ich schüttle ihn ab, daß er nach unten fällt. Jetzt
zerspritzt wieder so ein Schneeballen rechts von mir - pffupp! Daß nur in meine Füße kein Splitter fährt, die
deckungslos im Graben liegen? Ich will sie anziehen und denke, daß es doch ganz nutzlos ist. Wozu auch - eine muß
doch einmal treffen. Wieder wirft ein Stoß Erdbrocken von hinten auf mich herab, die nächste wird bestimmt
durchschlagen. Wie genau die drüben herhalten, immer ins gleiche Loch! Jetzt kommt's! - Noch nicht. Aber jetzt!
Wieder nicht. Wann denn endlich? Seid doch barmherzig und quält mich nicht so! Ach Gott - die - und barmherzig! Eine kochende Wut quillt in mir auf, daß ich brüllen möchte vor Empörung, wenn es einen Zweck hätte. Ihr feigen
Hunde da drüben, ihr habt nur dann Mut, wenn ihr auf jeden Infanteristen eine Kanone richten könnt! Kommt doch her,
wenn ihr Schneid habt!
Auf einmal kommt mir zum Bewußtsein, daß die Einschläge nicht mehr um mich herumliegen. Oder griffen sie jetzt
an? Schnell erhebe ich mich; mit ungelenken, steifen Beinen stolpere ich über die frischen Erdhaufen im Graben zu
unserem Postenstand. Durch die Schußscharte sehe ich hinüber zum Feind. Drüben ist alles ruhig. Mein Gewehr ist über
und über voll Dreck. Knirschend geht das Schloß, wie ich es herausnehme und den Sand wegblase. Dann stoße ich
einen neuen Patronenrahmen in den Kasten und höre mit Vergnügen das Knacken des Schlosses und das Schnappen des
Sicherungsflügels als erste bekannte, zutrauliche Laute wieder. Wie heimliches Gewisper zieht das Rauschen der
Granaten hoch oben weg. Ein Flieger kommt, dem hellen Singen seines Motors nach ein Feind. Ich drücke mich in den
Schatten des Trichters und sehe ihm nach, wie er mit abgestelltem Motor und singenden Spanndrähten oben
wegschwirrt. Der schaut jetzt nach, wie das Feuer gewirkt hat. Zufrieden schwenkt er wieder ab - es langt schon.
Gleich ein paar Schritte neben meiner Sitznische liegt das MG. verschüttet im Graben. Mit aller Macht will ich es
herausziehen; es rührt sich nicht, man wird es schon ausschaufeln müssen. Zum Schießen wird es kaum mehr zu
gebrauchen sein - und reinigen - in dem Dreck d vorne? Nicht zum Drandenken! Die MG.-Schützen natürlich auch fort.
Doch - erschrocken stocke ich - was ist denn das dort drüben? Da liegt ja einer, halb mit Erde zugedeckt, auf dem
Gesicht. Ein Ruck durchfährt mich, und mit einem Schlag war die ganze Angst und das Gefühl des Grauens
weggewischt von der Gewißheit: dort liegt ein Toter - das Opfer. Mit einem Satz sprang ich hinüber und zerrte ihn aus
dem Erdreich. Dann drehte ich scheu seinen Kopf zur Seite. Ich wäre sicher zu Tode erschrocken, wenn mir noch ein
Funke des Lebens aus den gebrochenen, weit offenen Augen entgegengeleuchtet hätte, die in einem unerwarteten Blick
erschrocken und verwundert erstarrt waren. Merkwürdig dumpf empfand ich, daß ich nicht darüber entsetzt war. Der
hatte es vollbracht. Jetzt erst kannte ich ihn wieder; erst in der vergangenen Nacht - wie lange das nun schon wieder her
war - hat er mir geholfen beim Hinauswerfen der Drahtwalze.
Den Abschnitt der Elften hat es bös zugerichtet. Ich muß über frische Aufwürfe riesiger Trichter hinwegkriechen. Ein
Schlupfloch in der Grabenwand, das mit Stollenhölzern ausgesteift war, hat es zusammengedrückt wie eine
Streichholzschachtel unter einem Fausthieb. In einem Trichter lehnt ein nagelneuer Fünfzehnerblindgänger mit zwei
Kupferringen arglos an der Wand, als hätte ihn einer sorgfältig dort hingestellt. Und dann sehe ich -endlich nach einer
Biegung die ersten Menschen wieder: zwei Krankenträger, die einem Verwundeten Arme und Brust mit weißen Binden
umwickeln."Wo sind denn alle hin?" frage ich. "Die kommen schon wieder, wir haben nur den Graben geräumt bei dein
Feuer." Da kommen auch schon etliche daher mit Spaten. "Wie schaut's denn bei euch in der Zehnten aus? Uns haben
sie richtig gestaubt, Bruderherz!" fragt mich einer, "uns hat's einen Toten..."
Ausreden konnte er nimmer, denn ein kurzes, scharfes Zischen stieß direkt auf uns herab. Wie ein brüllender Schlag
aufdröhnte, lagen wir schon am Boden und ließen die Lehmbrocken auf uns herniederprasseln. Keine sechs Schritte
hinter den Graben ist das gegangen. "Mir gangst!" schrie der von der Elften und verschwand dahin, wo erhergekommen
war. Und nun geht mir ein Licht auf. Die Franzosen schießen ja den neuen Graben zusammen, der heute nacht
ausgehoben wurde. Sie wollen uns um keinen Preis hier Fuß fassen lassen und hatten wohl einen großen Angriff vor.
Das konnten ja saubere Aussichten werden.
In unserem Graben traf ich auch meine Kameraden wieder. Sie hatten sich nach links verzogen und von dort aus
zugeschaut, wie ihre nächtliche Arbeit zerschlagen wurde. Den langen Splitter in der Sandsackkammer schlug ich noch
tiefer ein und hing daran mein Kochgeschirr auf. An Schlafen war vorläufig nicht zu denken. Überall wurde geschanzt,
um wenigstens einigermaßen den Graben wiederherzustellen. Ein reges Störungsfeuer tobte im ganzen Frontabschnitt.
Am vorlautesten spien die Souvillebatterien im Gelände umher, daß wir uns wunderten, wie ihnen die Rohre nicht
glühend wurden. Erst als unsere Einundzwanziger hinüber nach Souville rauschten, hörte das laute Gekläff dieser
höllisch nahen Batterien auf. Ganz teilnahmslos lehnte ich mich an den schnarchenden Feuerer und schloß die Augen,
bis ich endlich für einige Stunden Schlaf fand.
Ich mußte mich doch wundern, daß bei vielen von meiner Kompanie immer noch eine bissige Art von Galgenhumor
aufkam über die Misere des Kampierens in diesem Dreck und Feuer. Der Schmied-Martl öffnete schon die zweite Kiste
Zigarren und philosophierte dazu: "Ein guter Tabak ist eines von den sieben Weltwundern. Wenn's mich einmal
derhaut, dann..." "Ist nicht viel hin!" warf der Feuerer dazwischen. "Sell is ja Nebensach, hin is hin; d' Hauptsach is, daß
dein Leben ausg'nutzt hast, und a frische Maß, a feine Zigarr'n und a saubers Dirridl hab i nia wegg'stoßen." "Geh, hör
auf; wer di' schon anschau'n möcht' mit deine drei Sauborsten überrn Maul und dem Jodlsack am Hals!" "Meinst, dei'
Schafwoll is schöner? Brauchst bloß mäh' sagen, dann bist echt!" Da wußte aber der Feuerer ein saftiges Schnadahüpfl
drauf, daß wir trotz aller Beengung unserer Gemüter hell auflachen mußten und die anderen von der Elften neugierig
herüberkamen, was es denn Lustiges bei uns gäbe. Aber der Martl war ein gefürchteter Aussinger, der gab es noch
besser zurück. Das war so diplomatisch fein, daß man es gar nicht wiedergeben kann. Und zufrieden strich er seine drei
Sauborsten mit dem Schnurrbartbürstl, das er immer bei sich hatte, und ging mit mir zum Besuch des ersten Zuges, wo
er einen wußte, der einen prima Schmalzler dabei hatte. Wir wollten wieder einmal recht herzhaft niesen können und
einmal was anderes riechen als diese widerliche Verwesungsluft.
Der Sepp hatte gleich eine ganze Schweinsblader voll dabei und war von der diplomatischen Anrede des Matl so
geschmeichelt, daß er jedem eine ordentliche Prise auf den Handrücken baute. An meiner Handgrube erkannte der Sepp
gleich, daß ich ein Zünftiger war, und da stellte sich auch heraus, daß wir Kollegen sind. "Den Maurer erkennt man am
Schnupfen", sagte er. Während wir uns so, im Trichter hockend, ganz grübig unterhalten, schreit der Posten von
nebenan: "Lusts einmal, wo das hingeht!" Da merkten wir erst durch unser Geplärr, daß ein schweres Tromnielfeuer
weiter links auf Fort Vaux zu lag. Cber uns war es merkwürdig ungewohnt stille, alle Geschütze schienen sich jetzt
dorthin zu richten. Das mußten die Unseren sein. Von hinten schlug das Gepupper der Abschüsse unserer Batterien
aufbrodelnd durcheinander. Neugierig springe ich auf den Postenstand und kann weit nach links hin überschauen.
Drüben am Chenoi und bei Damloup spritzen in breitem Rudel massenhaft Einschläge durcheinander; ein schaurigschönes Bild aus der Perspektive des Unbeteiligten. Der grollende Wirbel 2000 in von uns weg chlug alles in seinen
Bann. Die ganze Front schien dem Ereignis da drüben am Chenoi zu lauschen; es wurde fast totenstill ringsherum. Und
erst jetzt erkannte man, wieviel Feuerlärm gewöhnlich über uns hinweg sein Unwesen in das zerwühlte Land trug.
Da springen aus dem Rauchmeer am Chenoi weiße und rote Leuchtkugeln hervor, ganz bläßlich bang in der Helle des
Tages. Ein Angriff schien dort im Gange zu sein. Unser Kompanieführer sagte, unsere bayrische Metzer Brigade greife
das Fort Tavannes an. Jetzt springen in wildem Tempo rote, weiße, grüne und prachtvolle gelbe Sterne über den grauen
Dampf hinaus im schönsten Farbenspiel. Und dann sah man Leute da drüben springen im lichter werdenden Rauch.
Herrgott, das sind die Unseren, jetzt greifen sie an! Ganze Reihen springen vor und werden wieder vom Rauch
eingeschluckt; Erdfontänen schießen dazwischen vom Boden auf. Eine rasende Herde schnatternder MG.s prasselt mit
dem Gebrodel des Infanteriefeuers dazwischen. Man möchte meinen, kein Kopf könnte da drüben heraus, aber immer
wieder springen die Reihen. Immer tiefer in die feindliche Front tauchen die weißen Leuchtsterne, ein berauschender
Anblich der Kühnheit und Todesverachtung. Flieger kurven kreuz und quer ganz tief über den Rauch hin.
Weit hinter die feindliche Front zieht sich wilder Trubel unzähliger roter Leuchtkugeln. Und dann verschlingt der
glühende, brennende Rachen des feindlichen Sperrfeuers das kühne Bild des Sturmes. Der ganze Horizont beim Feind
ist ein einziges schauriges Flammenzucken, das Himmelsgewölbe ein rauschender Orkan, und vor Tavannes scheint die
Welt flammend unterzugehen. Eine finstere Wand der Pulvergase legt sich über den Zusammenbruch des Angriffes vor
dem Machtwort der Überfülle des Materials, das sie drüben haben. Wie ein schüchternes Kind vor einem zürnenden
Gott stand dagegen unsere Artillerie. Immer noch schaute ich hinüber, ob nicht doch noch welche vorspringen zum
Angriff; ich konnte nichts mehr erkennen.
"Wie steht's da drüben? Meinst du, daß sie das Fort kriegen?" fragten mich die umstehenden Kameraden. "Nein! So
können sie es nicht kriegen - bei dem Feuer!" Ich glaube, ich habe fast geschluchzt vor Gram und bitterer Enttäuschung.
Der Bann wich wieder von unserem Abschnitt; der gewohnte Lärm der Artillerie lebte wieder auf. Da drüben, 2000 in
nur von uns weg, hatte ein Riesendrama seinen Abschluß gefunden. Der Vorhang des Feuers war darübergefallen; die
alte Tagesordnung kam wieder zur Geltung, und in dauerndem Gleichklang pflügte der berstende Stahl in mehr als
Mannestiefe, langsam aber gründlich, den dutzendmal schon umgestülpten Boden, schlug aus alten Trichtern wieder
neue und mengte immer mehr frisches Blut in den stinkenden Morast. Hinter der zernarbten, flachen Bogenlinie der
breitgelagerten Kalten Erde verblaßte der letzte Schein des Tages, und unter dem Brüllen der Batterien brach, wie schon
unzählige Tage zuvor, die Nacht herein. Die Nachtposten zogen auf. Am Bahndamm ließen die Souvillebatterien ihren
Überfluß an Granaten zerschellen.
Beim Franzmann blieb es auffallend finster; keine Rakete stieg wie sonst. Lösten sie drüben ab? Im Nachbarabschnitt
ist unruhiges Geplänkel der Posten zu hören. Handgranaten zerschlagen dumpf. Nebenan, aus dem großen Trichter
beim MG., spritzen Funken von einem Feuerstrahl. Da hat einer eine Leuchtkugel fast senkrecht in die Luft geschossen;
sie scheint oben zu verlöschen. Doch nicht! Der glühende Punkt zerspringt mit einem Alale, und ein funkenrieselnder,
gelber Stern senkt sich langsam in seiner Pracht herab. Gelber Stern - war das nicht heute Sperrfeuerzeichen? Gestern
noch war es grün. Was sollte das bedeuten? Vielleicht irre ich mich. Aber - in leuchtender Schönheit steigt nach hinten
Stern um Stern, erst am Bahndamm, jetzt am Douaumont, auch weiter rechts am Thiaumont und in einer deutlich
erkennbaren Stafette nach rückwärts. Sperrfeuer! Ich sprang zum MG. hin, wo eben die zwei noch übrigen Schützen das
Gewehr mit dem Schlitten feuerbereit auf die Deckung warfen. "Was ist denn los?" Aber ein hundertfältiges Rauschen,
Zischen, Heulen und Fauchen wischte mir die Worte ungehört von den Lippen, Wie auf einen Schlag fuhr ein
betäubender Wirbel von Detonationen drüben beim Franzmann in die Trichter und schwoll in Sekundenlänge zum.
brüllenden, heulenden, fegenden Orkan, der alle Sinneswahrnehmungen in sich riß.
Es konnten noch keine zwei Minuten seit dem Aufleuchten des gelben Sternes verstrichen sein, und mit unglaublicher
Präzision lag der kompakte Riegel des Sperrfeuers vor unserem Graben. Sengend nahe huschten die Feldhasen über
unsere Köpfe und bauten ritit metallischem Klirren in die Rauchwand vor uns. Und wie fürchterliche, blitzende Keile
hieben die Einundzwanziger dazwischen. Ein Sandregen fiel über unsere Stelluno,. Fassunuslos staunten wir hinüber,
wo wir im Düster nichts sahen als wirr wogenden Rauch und aufspritzende Erdbrochen. Und erst jetzt inerke ich, daß
massenhaft Kugeln in die Aufwürfe knallen. Die Franzosen schießen wahnsinnig. Sie glauben wohl, wir greifen an und wir ineinten, sie kämen! Drüben glimmt roter Schein über dem Rauch; die ganze Front steht in bengalischer
Beleuchtung, ein dämonisches Bild der Unterwelt. Die Franzmänner fordern Sperrfeuer an. Jetzt geht es uns dran.
Wohin schnell, wohin?
Und die Welt geht unter bei Fleury, und wir damit. Jn fiebernder Angst habe ich mich allein am Postenstand
niedergekauert. Wenn ich schon sterben muß, dann allein, daß ich die anderen nicht zu sehen brauche in ihrer
Todesangst. Irgendwo in diesem Johlen und Krachen schlägt es deutlich wie ein Pendelschlag - ging-gang, ginggangDas ist mein armes, gequältes Herz, und das Uhrgehäuse bin ich selbst. - Wie das gespenstisch vorbeizischt und in
allen Richtungen niederfällt, Erde aufwirft und mit Klumpen um sich schmeißt - schneidend scharf und glühend heiß
vorbeiwischt! Ein dumpfer Schlag wirft mich zur Seite, Sandsäcke kollern herab; wo meine Schießscharte war, hängt
eine Rauchwolke. Stickende Schleier wehen durcheinander. Gegenüber auf Alenschenlänge bricht aus einer
Sprengwolke ein Erdrutsch nieder. Dann blitzt es jäh, ein klingender Schlag dröhnt. Wie der Rauch wieder dünner wird,
sehe ich, daß eine der hochstehenden Schienen in den Graben hereingebogen ist. Da ziehe ich den Kopf noch tiefer ins
Genick. Ein schwarzes Trumm fällt aus der kreischenden Nacht, ein Stück zerzauste Eisenbahnschwelle.
Dann aber senkt sich eine fürchterliche, brausende Gewalt von oben herunter und preßt mich wie einen Stein in die
Lehmwand. In einem Riesenschlag wird der ganze Lärm verschluckt. Schrill aufschreien möchte ich in wahnsinniger
Angst, vielleicht tat ich es auch, Finsterer Rauch liegt auf mir. Auf, auf! denke ich. Das sind ja unsere eigenen
Einundzwanziger. Doch schon faucht und braust es; drei Donner zerschmettern, eine Fuhre Erde schwappt oben herein
und deckt mich züi; doch nicht ganz. Ich kann mich noch hochraffen. Mein Gewehr bringe ich auch noch heraus. Nein,
es ist nicht mehr zum Aushalten; die eigene Artillerie! - Was ist denn da? Ein Knäuel brüllender, schreiender Menschen
stößt mich zur Seite. Die schlagen und raufen miteinander; jeder will sich zuunterst in das Loch legen vor mir. Waren
das die, die man Kameraden nennt? Wie sie einander zerren, treten und stoßen, als wären sie sich todfeind! Bestien
scheinen sie zu sein!
Und an diesem Menschenjammer gewinne ich wieder Halt. Wie eine Feuerkralle prasselnd an den Grabenrand schlägt,
rühre ich mich gar nicht mehr. Der Knäuel schreit schrill auf und kriecht noch enger zusammen. Doch wie es plötzlich
wieder beengend nah herniederfaucht und eine neue Lage unserer Einundzwanziger ringsum zerschmettert, daß ich
umgeworfen werde, huscht wie ein Spuk das ganze Rudel an mir vorbei und davon. Ich hasche einen am Bein, daß er
stürzt. "Was habt ihr denn, seid doch nicht so verrückt!" brülle ich mit rollenden Augen. "Volltreffer, laß aus!" Und fort
war er.
Weiter links glomm grüner Schein über dem Dampfgewoge. Jeuer vorlegen!" Immer neue grüne Sterne stiegen; das
mußten sie doch endlich sehen. Eine rasende Wut kochte in mir. Konnten sie denn nicht besser aufpassen? Immer noch
knallte die Infanterie wie toll herüber. Zi-zi-zi pfeift es an meinen Ohren vorbei, wie ich mich wieder erhebe.
Gewehrgranaten zerklirren wie Glas. Doch das kompakte Gedröhn der Artillerie zerflattert schon. Die Hauptmasse des
Feuers weicht ins Hintergelände. Es geht endlich vorüber, endlich!
"Geh her, helft mir, schnell! Schau nur hinüber, wie's da wimmelt!" schreit ein MG.-Schütze in mein Ohr und zerrt
mich am Arm. Wirklich, wie an einer Schnur aufgereiht, schauen drüben unzählige schwarze Kugeln über das zerhackte
Vorfeld herüber im Flackerschein einer Leuchtrakete, die Köpfe der Feinde im Helm. Wir wickelten das im Trichter
lehnende MG. aus der Zeltbahn und warfen es auf die Deckung. Drüben lief von hinten eine ganze Kette spiegelnder
französischer Stahlhelme durch einen seichten Laufuraben heran. Mann hinter Mann; ganz nahe waren sie, gerade zum
Hinüberspucken weit weg. Wollten sie jetzt angreifen? Hastig zog der Schütze den Gurt durch, ich führte ihm zu, und
dann ratterte das Gewehr los, daß drüben die Funken stoben und der Spuk der Köpfe versank. Wo er wieder auftauchte,
hielten wir hin. "Wo ist dein Kamerad?" fragte ich brüllend. "Den hat's derhaut, dahinten liegt er." Wirklich, da liegt
einer regungslos im Düstern hinter uns.
Die Büchse rauchte, dampfte und hämmerte. "Wasser her!"
Da prasselte auf unser MG. ein Hagel von Geschossen von beiden Flanken, daß wir uns zusammenduckten. Kreuzfeuer!
Und wie sie sich überhasten! Handgranaten zerreißen mit singendem Schlag. Sie haben unseren Platz natürlich durch
das unaufhörliche Schießen herausgebracht und decken uns ein. Schnell reißt der Schütze den Schlitten herab und
schreit mir zu: "Handgranaten, wirf!" Der Feuerer lief mir gerade in die Hände. "Handgranaten her! Schnell, schnell!"
Dann trat ich in den großen Trichter nebenan, wo ich gut ausholen konnte, und ließ Handgranate um Handgranate
hinübersausen. Der Feuerer kam gar nicht mehr nach, und der MG.-Schütze schaute zu und kommandierte immer: "Horuck - ho - ruck", daß wir einander anlachten. Das eine MG. schwieg gleich nach den ersten Würfen, und nach einem
weiteren Dutzend gab auch das andere das Schießen auf. Ich warf aber weiter und deckte die Trichter drüben einmal
richtig ein. Längst fiel kein Schuß mehr zu uns her.
Erst gegen Mitternacht beruhigte sich die Front. Unsere Krankenträger begannen ihr Werk. Das Feuer hatte uns acht
Verwundete gekostet. Die Elfte hatte durch einen Volltreffer unserer Elnundzwanzliger vier Tote und sonst ein gutes
Dutzend Verwundete. Von der Zwölften brachten sie auch einen-langen Schub Verwundeter, so daß sich bald der ganze
Graben bei uns damit füllte. Der Sepp kam mit einer Meldung vom Kompanieführer, und dann führte ich den langen
Zug zum Bahndamm zurück. Von der Elften ging ein Leutnant mit, der bei unserem Major am Bahndamm eine
gepfefferte Beschwerde über unsere Artillerie machte. Man konnte verstehen, daß bei der Elften eine
Katastrophenstimmung aufkam.
Es stellte sich nun heraus, daß bei der Elften eine starke französische Patrouille in unsere Stellung wollte. Der Vize vorn
Grabendienst hat das Vorgelände eifrig abgeleuchtet und dabei aus Versehen eine gelbe statt einer weißen Leuchtkugel
in die Pistole geschoben und, ohne es zu wollen, Sperrfeuer ausgelöst. Ein Fehlgriff hatte die ganze Front zum Rasen
gebracht. "So ein Depp!" sagten ich und der Sepp zueinander, als wir das hörten und auf unseren Trägertrupp warteten,
der von Douaumont her unterwegs sein sollte. -
Es war eine selten klare Nacht. Ganz tief stand der Große Bär, und für sich allein funkelte oben der Polarstern.
"Du, ist das wahr? Das hab' ich einmal gelesen, daß die Sterne da droben auch solche Weltkugeln sind wie die Erde.
Sogar hundert- und tausendmal größer sollen sie sein. So ein kleines Pünkterl, das gibt's doch nicht?" fragt mich der
Sepp, und überrascht gab ich zurück: "Es ist schon so. Das macht nur die große Entfernung, daß sie uns so klein
vorkommen." "Meinst du, daß es da auch Krieg gibt?" "Frag doch nicht so blöd, was weiß ich; was geht denn das dich
an, wenn auf so einem Stern ein Krieg ist? Wir wissen ja gar nicht, ob auf so einem Stern überhaupt wer lebt." "Meinst,
daß sie von so einem Stern aus sehen, daß bei uns auf der Erde ein Krieg ist?" "Was kümmert denn die das da droben?
Wie sollten sie das sehen, wenn sie unsere Erdkugel kaum sehen? Wenn es da weit hinten so einen Stern zerreißt, der
vielleicht tausendmal größer ist als die Erde, so merken das nur die, die mit großen Fernrohren gerade dorthin schauen.
Morgen geht halt dann ein Stern weniger auf, wer kennt das unter diesen Millionen Lichtpunkten? Kein Mensch fragt
danach - höchstens der Sepp!" "Ja, ja - so ist's. Wir sind der Nichts und der Niemand. Aber einen Herrgott gibt's doch;
ich hab' keinen Rosenkranz in der Tasche, aber an einen Herrgott glaube ich. Ich meine immer, daß er seine Finger bei
dem Krieg recht tief im Spiel hat. Wenn das nicht wahr ist, laufe ich heute noch auf und davon. Dann könnt's mich gern
haben mit dem Saustall da." - "Schrei nur nicht gleich so laut! Du hast schon recht. Es muß einen geben, der den letzten
Sinn kennt, warum das alles sein muß. Jedes Ding muß einen Sinn haben, sonst wäre es nicht da; auch der Krieg hat
einen."
Von hinten tauchte eine Reihe dunkler Gestalten aus dem Düster. Der Trägertrupp. "Zehnte?" "Ja, Zehnte!" "Elfte und
Zwölfte gehen gleich mit. Gleich weiter, Manner, wir haben es bald!" Es waren nicht alle. Einen Teil hatten sie
unterwegs eingebüßt. Hinten am Douaumont sei ein wahnsinniges Feuer gewesen, erzählten sie hastig. Mitten unter den
Trupp hat es eingehauen. Es hat von jeder Kompanie ein paar erwischt. Sie hatten einen fürchterlichen Weg hinter sich
und wollten lieber bei uns vorne bleiben, bis wir abgelöst würden. Doch brachte ich sie wieder mit guten Worten bis
über den Bahndamm zurück.
Hundsmüde saß ich in meiner Nische und zog die Zeltbahn vor. Die Frische der Nacht hatte die Luft gereinigt vom
Verwesungsdunst. Mein Magen knurrte; den ganzen Tag hatte ich in der Erregung nichts zu mir genommen.
Büchsenfleisch und Zwieback, die alte Leier; es konnte einem schon zuwider werden. Ich zündete eine Hartspiritusdose
an und wärmte den Rest Kaffee aus meiner alten Feldflasche auf, der schon recht muffig roch. Tröstlich blaßblau und
geisterhaft züngelten die Flammen am Kochgeschirrdecke] empor. Einen Trinkbecher voll Wein oder Schnaps hätte ich
jetzt für eine Gottesgabe gehalten. Daß es so etwas in dieser Lage nicht gab für unsereinen? - Ich muß doch einmal
heirnschreiben darum. Ach Gott - daheim! Wie das wohl sein mußte, ruhen und atmen zu können, befreit von dieser
drückenden Bestie der immerwährenden Angst vor etwas Gräßlichem und dein bleiernen Grauen vor dem anderen
Leben!
Wie an der Schwelle eines finsteren Tores stand man hier, nur einen blassen Schimmer des Lichtes, das man Leben
nennt, im Rücken - bis eine Granate daherzischte und mit Feuer und Rauch das Tor einschlug, daß man entsetzt
hineintaumelte ins unbekannte jenseitige Land des Schattens und Schweigens. Da hatte der Sepp es leicht, der glaubte
einfach an einen Herrgott. Wir von der Stadt aber wissen zu viel, wir sind unglaublich aufgeklärt. - Und wissen, im
Grunde genommen, weniger als der Sepp.
Eigentlich fühle ich, daß in dieser Not des armseligen Menschleins da bei Verdun alles von einem wegfällt. Man steht
mit nackter Seele voreinander. In den paar Tagen haben wir uns alle so gut kennengelernt, daß es keinen Zweck hat,
einander noch etwas vorzutäuschen, wie es der zivilisierte Mensch in seiner Verlogenheit so gern tut. Er möchte gern
mehr scheinen, als er ist. Und ich kann nicht sagen, daß auch nur einer von uns falsch und erbärmlich wäre. Im
Gegenteil, ich muß mich schon zusammennehmen, um mithalten zu können. Was ist bloß unser Korporal für eine
ruhige, kernige Bauerngestalt, ein Vorbild in allem! Und der Feuerer, der ist daheim in der Maxhütte natürlich ein
Sozialdemokrat, aber hier eine goldene Seele. Und der Schmied-Martl, der Michel, der Sepp - Kameraden wie man sie
suchen muß. Wenn sie auch oft und gerne fluchen: das geht hier fürs Beten. Was hielt nur diese Menschen so aufrecht?
Auch in mir empört sich irgendeine Regung gegen die Verneinung. Wenn ich denke, wie ich früher schon diesen
Hunger nach dem Leben spürte, diesen Drang nach Schönem, Großem, Erhabenem. Das faßte einen oft unwiderstehlich
und hob einen wie auf den Kamm einer Woge in schwindelndem Schwung hinauf - an die Sterne. Da fühlt man, wie ein
Funke aufglimmt da drinnen unter dem Kontakt der Kraftströme, die von uns zu den Sternen auf- und abfluten,
besonders dann, wenn ein Leid da innen stach - wie jetzt. Warum sind wir denn so geschaffen mit dieser weinenden,
unbändigen Sehnsucht über diese Erde hinaus? Erst der Krieg hat in uns Jungen diese Sehnsucht richtig entfacht.
Größe, Wahrheit, Reinheit wollen wir. Klar soll das Leben sein - und einfach. Dann ist es schön. So soll es einmal
werden, wenn wir wieder heimkommen.
Ja, wenn wir wieder heimkommen! Wie weise, daß uns die Zukunft verschleiert ist, soweit sie grauenhaft für uns wird!
Rosig ist sie immer in der Phantasie unseres jungen, schäumenden Gehirns, so rosig überhaupt wie die
Schrapnellwolken im ersten Strahl der eben aufgehenden Sonne, die unschuldig weiß, wie eine Osterbotschaft, über die
grauenhafte Öde segeln. Die Morgenflieger sind oben, sie suchen, was in der vergangenen Nacht geschah. Wir haben
das Schanzen sein lassen, weil es zwecklos ist.
*
Es gibt nichts Furchtbareres als ein verwüstetes, erstorbenes Land. Nicht Neugierde war es, was mich trieb, einmal am
Taue dieses verbrannte Gesicht der Landschaft zu schauen, in dem noch die schwarzen Schatten der Dämmerung in den
Trichtern kauerten wie die Leere ausgestochener Augenhöhlen. Mir war dabei zumute wie einem, der die letzten
Schrecken wissen will, damit kein ungeklärtes Geheimnis später einmal sein Erinnern umdüstern kann. Vorsichtig hob
ich mein Antlitz hinter der erhöhten Deckung eines frischen Trichters und schaute ringsum.
Wie nahe da alles im Dämmern des Tages lag, was in den Nächten unendlich ferne schien! Diese zerrissene,
unscheinbare Bodenerhebung im Rücken der Front mußte der Bahndamm sein. Wie einem aufgerissenen Leib die
Därme, war ihm das weiße Gestein des Unterbaues herausgewühlt. Und dahinter wölbte sich breit und schwer der
Rücken des Douaumont, über den gerade ein rosiger Schein der ersten Sonnenstrahlen huschte und mit grauenhafter
Plastik die Aufwühlung des Berges erkennen ließ. Unscheinbar, aber Mit geschärften Augen deutlich erkennbar sah ich
Gestalten in die Trichter gestreut. Dort einzelne, da gleich mehrere beisammen, an einer Stelle vor dem Bahndamm eine
saubere Reihe. Seit wann sie wohl so lagen? Es sah gar nicht aus, als ob sie tot wären, doch ein Lebender legt sich nicht
so offen hin.
Dahinten, zum Douaumont, liefen ja welche, arglos, wie das Kribbeln von Käfern sah sich das an, und doch wußte ich,
mit wieviel Ängsten sie erfüllt sein mußten, denn rings um sie herum spritzt die Erde dampfend auf. Jetzt sind sie in den
Trichtern verschwunden. Gefallen? Oder haben sie nur Deckung genommen?
Dort, wo der Bahndamm im Gelände verläuft, dort, wo es in die Vauxschlucht hinuntergehen muß - es ist unglaublich-,
dort schleppen sie einen in der Zeltbahn. Sie haben das Licht des Tages vor sich und heben sich in scharfen, dunklen
Konturen vom Gelände ab. Die kommen aus dem Chapitre, dessen einzelne, kaum meterhohe Baum. stümpfe einen
phantasiebegabten Kopf erraten lassen, daß einstens Wald hier war. Der Franzmann müßte ja blind sein, wenn sie
entkamen.
Dort, wo sich die Sonne glühendrot über den Rand des Horizontes heraufschiebt, muß Fort Vaux liegen. Es blendet
mich, daß ich nichts deutlich erkennen kann. Weiter frontwärts, da, wo sich eben ein dampfendes Gewoge befindet, hat
sich gestern nachmittag das Drama des Angriffes abgespielt. Die feindliche Artillerie schenkt dieser Gegend gerade ihre
besondere Zuneigung. Nun wende ich das Gesicht feindwärts; aber hier sehe ich nicht weit im leicht ansteigenden
Gelände. Riesige Trichter gähnen, einzelne Drahtwalzen zeigen den wirren Verlauf der Stellung. Dahinüber zu war
einst das Dorf Fleury; man kann das nur an der weißlichen Färbung der Trichter erkennen, die von den zermahlenen
Steinen der Häuser herrührt. Wir selber liegen ja im Bahnhof von Fleury. Die Schiene an meinem Posten ist das letzte
Andenken davon. Dahinüber zu liegt das Fort Souville, ganz glatt hingeduckt, wo diese verwünschten Batterien stehen,
die so laut herüberbellen und nachts auf Posten immer so blendend in die Augen blitzen. Von dort aus soll man Verdun
im Kessel liegen sehen, hat mir einer im Douaumont gesagt. Herrgott, so nahe - und nicht hinkönnen!
Rechts ab geht es in eine Mulde. Feiner Herbstnebel verschleiert den Grund. Und jenseits steigt der lange, mächtige
Rücken der Kalten Erde an, der sich wie ein lauernder, bissiger Hund in unserer rechten Flanke lagert. Rötlicher Boden
- oder ist das nur der Schein der Sonne? - ist dort von weißen Zackenlinien durchbrochen, den zerschlagenen Werken
von Thiaumont. Sie riegeln als höchste Erhebung die Rundschau nach Westen ab. Ganz hinten, wo die Kalte Erde sich
nach Verdun zu in den Kessel senkt, steht noch am Hang eine Ruine bei einigen Baumstümpfen, dem Aussehen nach
einstens eine Kapelle, der einzige einsame Zeuge ehemaliger Kultur, so weit ich schauen kann in dieser Wüstenei.
*
Pengg! In den Aufwurf vor mir klatschte ein Geschoß. ich duckte mich und nahm den Helm ab, daß ich vorsichtig
hinüberschauen konnte. Da peitscht es wieder; das kommt scharf von links aus der Flanke. Aha, da rollt einer gerade
einen der großen französischen Sandsäcke heraus. Zwei Hände in blaugrauem Tuch wälzen ihn. Die mußten erst frisch
in Stellung gekommen sein, weil sie noch so blank aussahen. Jetzt tauchte ein französischer Stahlhelm heraus, daß ich
deutlich die Bombe auf der Vorderseite sehen konnte. Das ist ein frecher Kerl. Blitzschnell fährt da drüben ein Lauf
heraus, und kaum habe ich mich gebückt, klatscht es in den Dreck vor mir. Das ist ja eine höhnische Herausforderung;
wie kriege ich denn den Musjö bloß? Kriechend schiebe ich mich aus meinem Trichter in den Graben zurück und gehe
bei unserem Postenstand auf Lauer. Er wirft eben einen neuen Sandsack heraus und patscht laut schnabelnd mit den
Händen drauf herum. Vielleicht will er einen Heimatschuß und ein paar 'Monate Lazarett in Paris. Das kann er schon
haben. Außerdem reizt mich der Gedanke, daß das der erste deutliche Feind vor meinem Gewehr ist. Ich ziele auf die
rechte Hand, die ganz breit herausgehalten ist, und sehe durch den Rauch meines Schusses, wie sie drüben zur Seite
fliegt. Ein Schrei bestätigte, daß ich getroffen hatte. Jetzt war ich quitt mit den Franzosen, meine Verwundung vom
Frühjahr war zurück"ezahlt. Stolz und Freude hatten mich übermannt. Kühnste Bilder unglaublicher Kämpfe
umschwirrten mich. Mit einem Schlag war alles Grübeln und Sinnieren gebannt. Dieses persönliche Kampfereignis
verband mich plötzlich unlösbar mit dem ganzen Geschehen des Krieges. Ach ja, auch der Krieg hat eine schöne Seite.
Und ist ganz einfach: Du - oder ich!
Brennender Durst quälte mich beim Erwachen. Eine Feldflasche Kaffee hatte ich noch, d le aber für zwei Tage und
zwei Nächte reichen sollte. Ich wollte recht sparsam damit sein, aber beim Ansetzen konnte ich doch nicht einhalten,
ehe der letzte Tropfen herausgeronnen war. Das war ja gar nichts für meinen Durst. Ich war völlig ausgedörrt. Lieber
einmal ordentlich die Eingeweide durchnäßt, als so langsam dahinlechzen bei spärlichen Tropfen, die mit der Zeit faulig
werden in der Flasche.
Neuartige Flieger kreisen über der Stellung. Sie haben keinen Rumpf, sondern nur ein dünnes Gestänge, an dem hinten
die Steuerflächen sind. Das sieht komisch und ungewohnt aus. Den Kerl, der drinnen sitzt, kann man ganz deutlich
sehen. Da stößt so ein Geier ganz tief herab und fetzt mit seinem MG. in den Graben, daß wir uns blitzschnell an die
Wände pressen. Wie ich dem Hund so nachschaue, sehe ich bei der Elften einen Posten blutüberströmt
zusammenbrechen. Den hat er getroffen, denke ich und schaue zu, wie sie ihn wegtragen.
Da gibt es vom Posten nebenan einen blechernen Schlag, und wie der andere vorher sinkt der Mann von der Elften um
und ist augenblicklich tot. Direkt von links ist ihm der Schuß durch den Helm gefahren. Dann war das vorhin auch kein
Fliegerschuß, denke ich mir. Die Nachbargruppe ist ratlos, aber das hindert den Korporal derselben nicht, gleich einen
dritten zum Abschießen auf den Postenantritt zu schicken. "Bist du nicht dümmer, du Büffel!" herrschte ich ihn
wutentbrannt über solche Einfalt an. "Dich geht's nichts an, der Posten muß gestanden werden, das ist Befehlt" "Dann
stell dich selber hin, dein Schädel hält's sicher aus!" Unser Korporal versucht den andern abzubringen und schlägt ihm
einen gemeinsamen Postenstand im großen Trichter vor. Doch noch unterin Verhandeln haut ein neuer blecherner
Schlag dem Posten den Stahlhelm vom Kopf. Es ist ihm nichts weiter passiert, wenn er auch meint, er hört alle Glocken
läuten. Sein Stahlhelm hat eine fingerlange Dulle. "Der hat mehr Glück als Verstand", meint der Feuerer dazu. Ich bin
aber auf den Antritt gesprungen und habe mit einem blitzschnellen Kopfheben erkannt, daß der Schütze da drüben in
dem gleichen Trichter sitzen muß wie der von heute morgen. Er lacht noch recht höhnisch auf: "Häh - hä - hä - hä -"
und wackelt dabei mit seinem Stahlhelm. Warte nur! Aber von da aus geht es nicht, da ist es zu gewagt.
Der Schmied-Martl hat auch eine Sauwut, denn ihm hat der Franzmann eine so nahe hingehen lassen, daß er jetzt noch
die Augen voll Dreck hat und dran herumwischt. Wir beschlossen, den Franzinaiiii herauszulocken, daß er sieh zeigen
mußte, dann wollte ich ihm schnell eine hinüberlassen, daß es langt. Aber wie? Der Martl kam bald auf eine glänzende
Idee. Wir banden zwei Gewehre kreuzweise übereinander und knöpften einen Mantel darüber; obendrauf steckten wir
einen Knödel, aus Sandsäcken zusammengeknüllt, und stülpten einen Stahlhelm darüber. Keiner lachte, die Geschichte
war blutig ernst, wenn auch der Strohmann bedenklich wackelte. Hoffentlich spannte der Franzmann den Schwindel
nicht.
Vorsichtig legte ich mich auf die Lauer und schob langsam mem Gewehr durch die Sandsäcke hinaus, während Martl
seinen Strohniann wackelnd auf den Postenstand bei der Elften stellte. Drüben rührte sich nichts geraume Zeit. Dann
hörte ich Stimmen halblaut herüber, ein Stahlhelm hob sich für einen Augenblick über die Sandsäcke drüben,
verschwand aber sofort wieder, ehe ich abdrücken konnte. Ein schlauer Kerl - spannte er was? Plötzlich sprühte ein
Schuß drüben, ich hörte den Stahlhelm scheppern. Der Martl brüllte, als wenn er getroffen wäre. Mit einem Male
tauchte drüben ein grinsender Kopf auf, der wiehernd lachte, "hä-hä-hä", und da fuhr ihm schon mein Schuß, ehe er
versinken konnte, ins aufgerissene Maul, daß es den Franzmann hintenüberriß. Wie ein Mehlsack plumpste er
schwerfällig um, daß wir ihn am Trichterrand liegen sehen konnten. Ein Freudengeheul aus unserem Graben gab den
Franzosen ihren Spott zurück, und der Martl äffte wiehernd nach: "hä-hä-hä-hä". Wie sie da schimpften und zu schießen
begannen mit Gewehrgranaten! Aber eine Lage Handgranaten von uns dämpfte rasch ihre Empörung. Unser
Kompanieführer ließ mich rufen und lobte den guten Schuß. Er versprach mir das Eiserne Kreuz, wenn wir
hinterkamen.
Und wieder kam nach einem heißen, trommelnden Tag eine laue, brüllende Nacht. Ich sollte mit der Tagesmeldung
zum Stollen am Bahndamm zurück und wartete schon eine geschlagene Stunde, daß das Feuer nachlassen möchte. Erst
gegen Mitternacht wurde es ruhiger, und ich hetzte schweißtriefend nach hinten. Jetzt kannte ich den Weg schon, als
wäre ich seit Monaten da gelaufen. Ich wußte, daß bei den im Dreck versunkenen MG.-Schlitten der Weg leicht rechts
abbog, daß bei der Gruppe der drei Toten, die ihre Köpfe hockend zusammensteckten, als hätten sie sich ein Geheimnis
zuzuflüstern, die gute Hälfte geschafft war; ich wußte, wie ich am kürzesten über den Damm hinweg den Stollen finden
mußte, und erschrak doch hin und wieder, wenn alles so zerschossen und verändert war, daß ich Mühe hatte, mich im
Düster zurechtzufinden. Das eine Mal lag da ein Toter, wo gestern noch keiner war, dann wieder war der
verschwunden, nach dem ich mich richten wollte. Immer dünstete säuerlicher, scharfer Geruch der Sprengstoffe aus
dem Boden und mengte sich mit schleimig-eklem Verwesungsdunst.
Diese Nacht ist wieder blutgierig und kreischt und brüllt und klirrt. Da ist es zehnfach grausam, allein durch die
Trichter dahinstolpern zu müssen, mutterseelenallein. Gespenstische Gedanken rennen da nebenher. Man hört auch so
allerhand auf der Stollentreppe, wenn man warten muß, bis das Feuer am Damm etwas nachläßt, daß man wieder
hinausstürzen und in die Stellung vorrennen kann.
Roter Schein zuckt dann über die Stollenhölzer, die oben schon verdächtig zerfranst sind. Staub wallt herein, Brocken
prasseln, und brummende Schläge zittern durch das Holz. Nebenan hat es heute vormittag direkt auf den Eingang
geschlagen. Kein Mensch hat es gemerkt hier, erst wie das Feuer vorüber war, sah einer, daß der Stolleneingang drüben
verschwunden war und ein zerfetzter Toter zwischen den zerknickten Hölzern hing, die aus dem Schutt ragten. Es sind
aber nur zwei Tote ausgegraben worden, den anderen hat nichts gefehlt. Es ist nicht angenehm, am Bahndamm in
Reserve liegen zu müssen. Mühsam werden die Stollen unten erweitert. Hoffentlich stoßen sie bald zu dem Gang durch,
der von nebenan herübergetrieben wird, dann geht's schon besser mit zwei Ausgängen. Nur gut, daß bald Ablösung
kommt, der neue Stab soll schon diese Nacht vorkommen. Übermorgen wird vorne abgelöst. Diese Nacht gehen Bayern
eines anderen Regiments durch, die in Fleury-Nord ablösen, das rechts neben der Elften anschließt. Und der Durst! Ob
wir auch nichts mehr in der Feldflasche hätten? Und ich wollte bei ihnen um ein paar Tropfen betteln. Wenn nur die
Nacht kühler wäre, das erfrischte wenigstens. Vielleicht gibt's Tau am Morgen, daß man das Kochgeschirr ablecken
kann, wenn es voll Perlen hängt.
Hat es nicht nachgelassen? Es ist still geworden draußen; die Granaten rauschen hoch oben weg. Die Zeit ist günstig;
ich stürze hinaus, gleich weg über den Damm, und renne durch den schon stark ausgetrockneten Morast zur Stellung,
die ich mit fliegenden Lungen erreiche. Heute nacht brauche ich nicht Posten zu stehen, ich darf schlafen und tue es
augenblicklich. Es wird Zeit. Noch zwei Tage und eine Nacht. - Wenn nur der Durst nicht wäre - -!
Hundsmatt und zerschlagen werde ich wach. Ich habe von einem großen Wasser geträumt, so unendlich viel Wasser,
klares, frisches Wasser. Man schauerte eiskalt, wenn man mit den Händen hineingriff. Wie ungleich doch alles verteilt
ist auf dieser Welt; irgendwo ist lästiger Überfluß, anderswo schreiende Not. Wasser, einer der köstlichsten Schätze,
ohne den alles andere nichts wert ist. Ein Land ohne Wasser ist wertlos. Oh, jetzt kann ich recht gut verstehen, warum
es Kriege gibt! Diese ungleiche Erde ist's, die Kriege heraufbeschwört unter den Menschen, die Laune der Natur, die
Wüste und Fruchtbarkeit so ungleich verteilt. Und alle möchten leben auf dieser Erde, gut und schön auch noch dazu.
Im Grunde gehen alle Kriege um den Besitz von Land, wahrscheinlich auch dieser. Ich kann es zwar noch nicht recht
überschauen, aber es wird wohl so sein. Land gibt Leben. Alle anderen Erscheinungen des Krieges sind nur Mittel
dieser Kernfrage des Krieges, die auch im Trommelfeuer und Fliegerkampf die ewig uralte bleibt. Und diese zum
Schutthaufen gewandelte Landschaft ringsum ist nur das Bild der heute gebräuchlichen Waffen und Kampfarten; das
Wesen des Krieges ist geblieben. Das erkenne ich jetzt, da mir der Durst die Eingeweide verbrennt und der Speichel als
weißer Schaum an den geborstenen Lippen hängt.
Vielleicht phantasiere ich schon mit dem Fieber im glühenden Gehirn. Die Kameraden haben so schläfrige Augen, in
denen ein stechender Blick lauert. Oder macht das nur die grelle Sonne, die so unbarmherzig herabglüht? Wankend
gehe ich durch den Graben. Der Schmied-Martl sitzt rauchend im Trichter, unzählige erloschene Stunipen liegen um ihn
herum. "Hast auch nichts mehr zu trinken?" frage ich bettelnd. Er schüttelt den Kopf: "Schon lang nimmer! Wann
werden wir abgelöst?" "Morgen nacht!" "Wenn's dir nicht graust, ich weiß einen Trichter, der ein ganz gutes Wasser
hat!" "Wo, wo??" "Haben schon mehr davon getrunken, wenn's auch der Leutnant verboten hat." Hinter dem Graben
stand in einem Trichter eine grünliche Lache. Ein Toter hing mit den Beinen darin. Mir stieg gleich ein fürchterlicher
Gestank ins Gesicht, daß ich mich vor Ekel schüttelte. Aber der Martl schöpfte vorsichtig oben ab, nahm ein Maul voll
und spie es wieder aus. "Zum Maulwaschen geht's schon, darfst bloß nicht umrühren beim Schöpfen", meinte er,
während in mir ein unterdrücktes Erbrechen würgte. "Nein, mein Lieber, eher verdursten; vergiften mag ich mich nicht
oder mir einen Typhus holen." "Dann müßte die halbe Kompanie krank werden; spreiz dich nur nicht so!" Ich tauchte
meine Hände zur Kühlung der Pulse ins Wasser und kroch wieder in den Graben zurück, immer noch den widerlichen
Verwesungsgestank in der Nase, der von meinen Händen kam. Das soll man trinken können? Pfui Teufel! Aber unterm
Postenstehen sah ich, wie viele zu dem Trichter mit Kochgeschirren krochen und Wasser holten.
Und keine Linderung. Kein kühler Lufthauch strich über die Stellung, nur brütende Schwüle und zitternde, klare Luft.
Jetzt, im Herbst! Fahlblau darüber der Himmel, kein Wölklein, außer von platzenden Schrapnellen. Ich zermarterte
mein Gehirn, Wasser zu finden. Ich wollte rauchen. aber der Rauch war Feuer für meinen Schlund und meind
geborstenen Lippen. In den Därmen wütete ein dumpfer Brand, und vor den Augen meinte ich wirre Fäden von
Spinnweben zu spüren. Ich wischte, aber es half nichts. Wie verschwommen lag alles vor mir. Ein unbändiges
Verlangen stieg in mir hoch, daß ich halblaut flehte und bettelte: "Wasser! Wasser!" Oh, wenn wir zurückkommen, wie
ich da trinken werde, einen Eimer voll auf einmal; nein, ich werde gleich in der Bruleschlucht in den Bach
hineinspringen - und wenn sie mich erschießen dabei. Wie schön es sein müßte, wenn es regnen würde! Dieser
gläserne, heiße, verfluchte Himniel da droben müßte grau sein, daß man sich drüber freuen könnte.
Wie ich so halb im Dellrium wieder abgelöst bin, sehe ich dem Feuerer zu, wie er Wasser aus der Feldflasche durch
sein Schneuztuch ins Kochgeschirr filtriert. Das könnte ich auch tun. Aber dann fährt mir der bittere Leichendunst in
die gierig schlürfende, trockene Nase, und der Ekel schüttelt mich wieder. Lieber verdursten! - "Du wirst ja krank",
sage ich zum Feuerer. "Ist schon wurscht, wie ich verrecke", gibt er gleichgültig zurück. Die MG.-Schützen filtrieren
auch durch einen Sandsackfetzen. Sie haben die Wassertrommel voll und bieten mir von ihrem Überfluß an, unter der
Bedingung, daß ich im Notfalle das Kühlwasser für das MG. persönlich ersetze. Noch verzichte ich. Ja, wenn man das
Wasser destillieren könnte! - Da kommt mir ein Gedanke. Ich habe ja eine kleine Blechbüchse mit Kaff eebohnen bei
mir; die hat es früher zum eisernen Bestand gegeben. Zufällig habe ich auf der Kammer beim Einkleiden zum
Ausmarsch diese Rarität noch erwischt. Mit wahrer Liebe schneide ich Bohne um Bohne mit dem Messer und
zerdrücke sie mit dem Horngriff zu Mehl. Der Feuerer stellt einen Kochgeschirrdeckel grünliches, dickes Wasser auf
die Spirltusdose. Gekocht kann das Wasser nichts schaden. Nur gut, daß ich so viele Dosen Spiritus dabei habe. Die
ganze Gruppe steht herum und schaut zu. "Der Hans kocht einen Kaffee", sagen sie erwartungsvoll zueinander - "einen
Kaffee!" und schnuppern den herben Duft der Bohnen wie ein Wunder vom Himmel. Es ist nur ein Kochgeschirrdeckel
voll. Jeder darf ein Maul voll nehmen und langsam hinunterrinnen lassen. Dann kochen wir den Satz noch einmal auf und ein drittes Mal. Ein viertes Mal geht nicht mehr, weil der Schmied-Martl den Satz gefressen hat. War das eine
Erquickung, der köstlichste Trank meines Lebens! Wir derpackens's doch noch bis morgen nacht.
Am Nachmittag wird unsere Stellung beschossen. Diesmal laufe ich gleich mit den anderen zu unserem linken Flügel
hinüber und schaue von da aus eine Stunde lang zu, wie das schwarzzerreißende Steilfeuer den Schutt umwühlt.
Besonders stark liegt das Feuer über dem Abschnitt der Elften. Unser linker Flügel bleibt ungestört, der interessiert den
französischen Fesselballon drüben nicht im min. desten. Doch geht dieser heiße Tag vorüber, und wie die Schatten der
Dämmerung die gähnenden Löcher füllen, kehren wir zurück. Wir haben Mühe, uns einigermaßen wieder
zurechtzufinden. Unser Postenstand ist verschwunden; die eine Wandseite unserer Sitznische ist eingedroschen, meine
Zeltbahn ist zerfetzt, und meinen Mantel muß ich erst mit dem Spaten suchen. Später flairnmt mit einem Male ein
heftiges Gewehrfeuer auf, daß wir die Spaten wegwerfen und wütend zu fetzen beginnen. Das müssen drüben schon
ganz nervöse Burschen sein. In einem Trumm schießen sie Leuchtraketen, ein Wunder, daß sie nicht Sperrfeuer
forderten. Einige Lagen ganz tief hängender Schrapnelle leiten ein fortwährendes Störungsfeuer auf unseren Graben
ein, das uns vier Verwundete kostet. Unser Konipanieführer läßt eine Brieftaube ab mit der Forderung um
Vergeltungsfeuer. Lange danach beginnt auch eine Feldbatterie den Abschnitt drüben grimmig zu bearbeiten. Das
Zischen und Einhauen unserer Granaten erfüllt uns mit köstlicher Genugtuung, nur schade, daß es sobald wieder
aufhörte.
*
Im Anbruch des letzten Tages blieb die Sonne aus. Wie es hell, wird, hängt der ganze Himmel voll grauer Wolken. Es
wird doch nicht regnen.? Über Nacht ist das Wunder gekommen, Regen - Regen! Endlich gegen Mittag beginnt es fein
herabzurieseln. Ich halte lange mein brennendes Gesicht nach oben, bis es ganz naß ist und ich die Tropfen von den
Lippen lecken kann, halte meine Hände in die fein rieselnde Flut und drücke meine gesprungenen Lippen auf die
feuchte Kühle. Köstlicher, guter Regen! Alles ist munter und freudig wach. Wir spannen die dreckstarrenden
Zeltbahnen über die Trichter, um das Wasser vom Himmel aufzufangen, und sehen in geduldiger Wonne zu, wie sich in
der Senkung eine kleine, trüb-gelbe Lache zu sammeln beginnt, die wir abwechselnd aufschlürfen, einmal der Feuerer,
dann ich. Und von außen dringt der kühle Regen allmählich durch bis zur heißen, glühenden Haut. Sogar das Feuer
erstickt langsam, wie Wattepolster dämpfen die ziehenden Wolken den Schall. Wenn auch der Boden aufweicht und die
Schritte im zähen Lehm glucksen, wenn auch die lehmigen Schießprügel noch schwerer werden von neuem Dreck - der
Regen ist ein Segen für uns.
Wir hatten uns längst nach Dunkelwerden zum Abrücken ,gerichtet. Nur noch Stunden konnte es dauern bis zur
Ablösung! Wie ein Entrinnen aus schwerem Gefangensein kam uns das vor. Wie das Steigen aus einer Grabesgruft in
den hellen Tag. Mit Bangen verfolgten wir das Feuer im Hinterland, das wieder Bedeutung für uns erlangte. Gerade
heute schossen sie wieder ganz unsinnig, als wüßten sie von der Ablösung. Das gurgelte, heulte und zischte heiser vor
Gier über uns weg. Selten fackelten unsere Leuchtkugeln durch die Finsternis. Unruhig brodelte das Gewehrund MG.Feuer herüber. Unser Schweigen macht sie wohl nervös da drüben? Ich will zu ihrer Beruhigung ein paar Rahmen
hinüberknallen.
Um Mitternacht nahm die Wut des Feuers noch eher zu als ab. Jetzt werden sie hinten im Fort verhalten. Noch zwei bis
drei Stunden. Wir warten und sehen dem Feuer nach. Natürlich, die Souvillebatterien bearbeiten ausdauernd den
Bahndamm. Schlürfend fegt Rollsalve um RollSalve zu ununterbrochener Kette verwoben über unsere Köpfe. - Es wird
4 Uhr - und sie kommen immer noch nicht. Wo sie nur bleiben? Es ist doch höchste Zeit, sonst kommen wir nicht mehr
vor Tag ins Fort zurück.
Dann kamen sie endlich angeklirrt. Zuerst die Ablösung der Nachbarkompanie. Sachsen waren es. Dann kam unsere
Ablösung truppweise heran. Sie sind erregt und erzählen leise und hastig von schweren Feuerüberfällen und bösen
Verlusten. Truppweise, wie die Sachsen kommen, rückt unsere Kompanie ab. Ein gespenstisches, lautloses Spiel der
Schatten regt sich im Graben. Unser Leutnant gibt mir flüsternd den Auftrag, die vollzogene Ablösung am Bahndamm
beim neuen Kommandeur zu melden. Wir sind so die letzte Gruppe.
Ich frage mich nach dem Oberleutnant der Sachsen durch. Der gibt mir einen gefalteten Zettel und sagt, seine
Taschenlampe mit der Hand verdeckend: "Melden Sie Vollzug der Ablösung! Verluste der sechsten Kompanie beim
Vorgehen sechsundzwanzig Mann, zwölf Mann beim Verwundetentransport, in Stellung slebenundvierzig Gewehre.
Und eilen Sie, Bayer, es wird bald helle!"
Meine Gruppe wartete noch getreulich. "Los jetzt!" Wir waten ins Freie im glitschigen Lehm. Das Gehen war heute
eine verfluchte Arbeit. Wie zäh der Dreck pappte! Wir sind noch keine fünfzig Schritte weit gekommen, da peitscht
eine Geschoßgarbe in unsere Flanke und zwingt uns in den Dreck. Donnerwetter, das saß! Einer knurrt stöhnend auf.
Da fegt es vorüber. "Was ist denn?" "Au, mich hat's! Mein Arm, mein Arm!" stößt der Korporal schwer schnaufend
hervor. "Wartet! Wartet doch! Den Michl hat's derwischt", ruft unterdrückt der Schmied-Martl und hebt einen auf. "Geh
nur weiter, Michl, geh nur!" meint er fast zärtlich und führt den Michl schwankend einher. "Bis zum Bahndamm
wenigstens, da sind Sanitäter. Bleiben wir halt im Stollen, wenn wir heute nimmer weiterkommen." Ich führe den
Korporal langsam, wie ein kleines Kind, an der gesunden Hand. Am Bahndamm hauen Granaten ein. "Geht's bis zum
Fort?" "Es muß gehen, laß mich nur nicht aus!" preßt der Korporal hervor.
Da steht endlich der Damm vor uns. Wir drängen uns durch den Einschnitt. Unten liegt einer von unserem Regiinent,
den hat es sicher vorhin beim Zurückgehen..., - nur darüber weg, schnell! Denn krachend splittern Granaten hinter uns.
"Martl, gradaus sausen, ich muß schnell Meldun machen! Nur fort da!"
Wo ist denn der Stollen? Herrgott, wer soll sich da auskennen! Trichter - Tote - Erdbrocken - Stollenrahmen, Helme
und Gewehre. Und dieses reißende Feuer! Da links sehe ich etwas im Blendschein eines Schrapnells, durch den
Schleier ziehenden Rauches. Leute! Da muß der Stollen sein. Schnell hin!
Der war wieder bis oben voll, sogar außen herum saßen sie, direkt vor dem Eingang. Ich will mich hinunterdrängen.
"Durchlassen, ich habe eine Meldung! Laßt mich doch durch!" Keiner rückt zur Seite, nicht einmal Antwort geben sie.
"Weg da, ich muß hinunter, he - durchlassen!" Mit den Beinen und Händen drängte ich mich unter sie, um die Decke
vor dem Loch wegzuziehen, daß ich wenigstens hinunterrufen kann. Da fiel einer um, noch einer. Schlafen die aber gut!
Bei diesem Feuer! So was von Müdigkeit!
Ich taste im Düster gegen Dachpappe und Kisten. Was ist das? Das ist ja gar kein Stollenhals. Und die schweigsamen
Kerle? - das sind - Tote doch nicht?! Eine eiserne Klammer des Entsetzens faßt meinen Kopf und drückt ihn zusammen.
Ich möchte schreien - und kann nicht - fliehen aus dieser schweigsamen Gesellschaft und bin an den Boden gewurzelt.
Aus grauem Nebel und flimmernden Sternen vor meinen Augen taucht eine Gestalt mit umgehängtem Gewehr. "Suchst
du was?" ruft durch Brausen und Zischen in meinen Ohren eine dünne, ferne Stimme. "Bat - Bat - Bation - wo - wo?"
stammle ich, vorwärtsstolpernd, und tauche wie durch Nebel in ein gähnendes Loch, von dem ein schwaches Licht
heraufschimmert - stoße mit dem Schädel an und falle und rutsche, bis mich Fäuste anhalten. "Blöder Kerl, dich hat's
wohl!" Dann fühle ich, erwachend, wie mir der Schweiß in Strömen herunterrinnt, und muß mich erst wieder auf die
Meldung besinnen. "Ist Ihnen etwas passiert? Sie schauen ja aus, Menschenskind!" Den Kopf schüttelnd, nahm ich eine
Meldung ins Fort entgegen und drängte mich wieder hinaus, hob wie im Traum mein Gewehr, das ich hatte fallen
lassen, wieder auf und drehte mich wie unter einem Zwang suchend um, bis ich im Zwielicht der Dämmerung die
Totengruppe sitzen sah. Wer sie nur so auf einen Haufen an den KistenStapel gelehnt hat, daß man meinte, sie rasten
und schlafen nur?
Ich konnte ja wieder denken, begann zu hasten und zu rennen, rutschte in Trichter und kletterte glitschend wieder
hinaus. Auf und ab, zwei Schritte vorwärts, einen zurückgerutscht. Ist das ein Kampf, man kommt kaum vom Fleck,
und der graue Schein der Dämmerung liegt schon gespenstisch über dem Land. Fauchend fährt es vorüber und zerbirst
seitab. Ein Stück des weißen Bandes schimmert. Das habe ich hier gelegt, regt es sich freudig in mir. Schritt für Schritt,
Meter für Meter erkämpfe ich keuchend den Weg. Seitlich voraus höre ich Stimmen, dort laufen Leute im Dunst
verwehter Granateinschläge, Das sind doch meine Kameraden? Ich schreie und winke, sie halten auf mich zu. "Wir
wissen den Weg nicht", wimmert der Korporal. Der Feuerer trägt mit dem Schmied-Martl den Michel auf dem Gewehr
sitzend daher. "Haben wir's noch nicht bald?" fragt er aus käsweißem Gesicht. "Es dauert nimmer lang, Michel", tröste
ich, und er schließt die Augen.
So quälend langsam geht es voran mit den Verwundeten, und die Gegend wird immer heller. Ich werde fiebrig, denn
man sieht schon weit, Cberall stoßen Einschlagswolken vom Boden, wohin man schaut. Jetzt fegt es scharf über uns
weg und legt eine viergliedrige spritzende Kette vor unseren Weg. Das gilt uns, sie haben uns drüben entdeckt, denke
ich. Mechanisch biege ich an der Spitze rechts ab, vielleicht kommen wir vorbei. Und wir kommen vorbei, legen uns
ein Stück weiter in Trichter zum Verschnaufen und sehen mit Freude, daß wir schon ein gutes Stück dem Fort
nähergekommen sind. Eben verschwinden die letzten Leute auf der Geländeerhöhung vor uns. Weit und breit sind wir
allein. Heller Tag ist angebrochen.
Wir rasten lange. Ich verbinde den Korporal, dem ein Schuß schräg durch den Arm ging. Dem Michel hat der SchmiedMartl schon einen Verband über die völlig zerschossene Hand gelegt. Zwei Schüsse sind ihm nebeneinander durch und
durch und haben die Hand zerfetzt, die noch immer blutet. Dann packen wir es wieder. Arn Douaumont staubt es
schaurig gewaltig.
Vom Westen jagt grauer Dunst heran. Feines Nebelreißen hüllt uns ein. Auf 100 in im Umkreis vers nkt das Land. Jetzt
können sie uns wenigstens nicht mehr sehen. Endlich stehen wir am Wall im Fauchen und Rauschen unzähliger
Flugbahnen und sehen ein wirbelndes Feuer vor uns auf der Kuppe des Forts. Mit letzter Kraft klettern wir durch die
Riesentrichter unter dem Heulen und Donnern des Feuers. Fast finde ich mich nicht mehr zurecht, doch da gähnt seitab
das Loch der Westdurchfahrt, und überglücklich vor Freude drängen wir uns durch das zerbröckelte Gemäuer. Der
dumpfe Lärm lauter Stimmen umfängt uns im Gewölbe des Gefechtsganges, in dem wir unsere zitternden Beine
glückselig entlangschleppen. Die Kompanie liegt rauchend und lärmend am Boden. Der Spangler teilt Wasser aus und
fällt mir mit einem Freudenschrei um den Hals: "Weilst nur wieder da bist!" Mir selber ist dumpf zumute, als sei ich
einer schweren Gefahr entronnen.
Dann stand ich noch einmal im Gewölbe des Kommandeurs. Der Adjutant ist allein. "Meldung vom Bahndamm!"
"Gehört nicht hierher, sondern zum Abschmttskommandeur. Aber geben Sie nur her! Sind wohl auch froh, daß das
Regiment wieder wegkommt da?" "Und ob, Herr Leutnant! Mir reicht es bis ans Kragenknöpferl. Da vorne ersauft bald
alles im Dreck, was die Granaten noch übriglassen. Mehr Artillerie müßte her. So erdrückt uns das Cbergewicht."
"Woher nehmen? Dafür geht es bald in Rumänien vorwärts, und an der Somme ist den Engländern die Offensive
verpatzt. Das wiegt schwerer. Hier ist jetzt Nebenkriegssehauplatz." "So? Und doch fällt hier eine schwere
Entscheidung, hier werden wir tief innen getroffen, jeder, der einmal da vorne war!" Der Leutnant sah erstaunt auf.
"Oho, nur keine Einbildung!" "Das ist keine Einbildung von mir. Es wird gemurrt, und das nicht ohne Grund." '.,Daß
natürlich einzelne Leute moralisch erdrückt werden von dem Feuer, das hat es schon immer gegeben." "Einzelne? Herr
Leutnant, ein Funke bleibt für die nächste Zeit in jedem, der da wieder herauskommt. Ein Gefühl unserer Schwäche.
Daß wir das angefangen haben, macht es so schwer begreiflich. Es steckt kein Sinn mehr dahinter. Das fühlen die
Leute." "Ihr kommt ja weg von hier, wozu das Gerede?" "Nur wegen dein Nebenkriegssehauplatz. Die
Hauptkriegsschauplätze sind wenigstens nicht so grauenhaft wie hier. Das sagen alle, die Arras und die Champagne
mitgemacht haben." "So war es auch nicht gemeint, ich weiß, daß dieser Platz hier wohl der unheimliebste ist an der
ganzen Front. Da, stecken Sie sich eine an!" "Ein Schnaps wäre mir lieber, Herr Leutnant." "Sooo? Haben Sie das auch
hier gelernt? Da, saufen Sie..." "Nein, das ist angeboren, Herr Leutnant, hier ist es nur geweckt worden... danke schön!"
"Na, es wird jetzt besser mit dem Regiment, wir kriegen jetzt einen schneidigen General, da paßt's einmal auf." "Macht
nichts, uns kann nichts mehr erschrecken, wir sind jetzt gut abgebrüht. Darf ich jetzt eine anstecken?" Yon mir aus, jetzt
schauen S' aber, daß S' weiterkommen!" Grinsend knallte ich die Hacken zusammen und ging.
Die Kompanie hatte schon das Fort verlassen. Nur meine Kameraden warteten auf mich. Ohne Zögern liefen wir hinaus
und sahen ein zuckendes Rauchwolkenspiel breit vor den Hang gelagert, daß wir doch einen Augenblick stockten.
Frisch gewühlte Trichter mahnten jedoch eindringlich daran, wo wir waren, und wir begannen aufs Geratewohl zu
rennen. Weit vor uns kribbelten die Trupps der Kompanie schon am jenseitigen Hang. Staunend sahen wir die
Trüppehen durch die Rauchschleier der Einschläge laufen, nicht einer blieb liegen. Unsere Kompanie hat schon ein
ausgesuchtes Glück.
Hoppla! Die ist aber nahe in den Dreek. Hopp... ein Blindgänger! Die nächste hinter uns. Wir stürzen in grotesken
Sprüngen in die Schlucht abwärts, überschlagen uns, springen auf und weiter, rutschen in saftige, breiige Trichter und
ziehen einander an den Gewehren wieder heraus, sehen stier und plötzlich geduckt tanzende Erdschollen und
quellenden Dampf rechts, links voraus und keuchen schwelißgebadet dahin. Hinlegen und abwarten? Nein! Durch, nur
durch! Es muß doch einmal... doch dampft nicht die Clanze Schlucht? Hätten wir nicht warten können im Fort?
Klingend wie Stahl zerreißt ein Schrapnell einige Meter hoch über mir. Dann wird es klarer, wir haben das Feuer
durchlaufen. Ist denn alles da? Freilich, da vorne sind die anderen, sie wenden sich gerade um, zu sehen, wo ich bleibe.
Es geht ja schon den Hang zur Bruleschlucht bergan. "So eine Sauerei, grad jetzt noch!" schimpfe ich, und ein Chor von
Flüchen antwortet mir unterm Weiterrennen. Erst jetzt merke ich, daß mir die Zigarre des Adjutanten ausgegangen ist
unterm Hetzen, ein Wunder, daß ich sie nicht verloren habe. Der Schmied-Martl leiht mir seinen Stumpen zum
Anzünden, zeigt mir ein Loch im Ärmel und meint: "Hätt' jetzt das nicht ein biss'l weiter gehen können zu einem feinen
Heimatschuß? Wo wir so auf dem Heimweg sind?!" "Das tät' dir so passen. Aber... was ist denn dort los, da hat's,
scheint's, wen derwischt?"
Richtig, ein Stück weiter links lagen ein paar, und andere knien daneben. Wie wir näher kommen, schreit einer herüber,
man versteht aber nichts in dem Rollen des Feuers. Wir sollen wohl helfen. Es sind Leute der Neunten. Krankenträger
schleppen gerade einen weg. "Geh, packt's mit an, bis in die Schlucht hinter!" bittet ein Sanitätssehnapser. Wir nehmen
einen, dem es einen Splitter in die Hüfte gejagt hat, in der Zeltbahn mit.
In der Bruleschlucht trafen wir ein Durcheinander aller Kompanien des Bataillons und gaben den Verwundeten bei der
Neunten ab. Meine Kompanie warf eben ihre Stahlhelme für die Nachfolger in einer bretterüberdeckten Erdhöhle weg.
Aufatmend nahm ich den Stahlhelm vom verfilzten Haar und setzte die federleichte Mütze auf. Aber gut war er doch,
weil er mich so wunderbar behütet hat bei Fleury vorne.
"Wie spät ist's denn eigentlich?" fragt mich einer. Ich griff nach meiner Uhr und... fand Glasseherben und
Messingräder. Wie ist denn das möglich? Der Schmied-Martl lachte: "Laß dich heimgeigen mit deiner Blechzwiebel,
die man so leicht zerdrücken kann!" Da sah ich aber, daß ein Loch in meiner Hose war, etwas seitwärts der Uhrtasche,
und wie ich den ganzen Kram herausstülpte, war eine plattgedrückte Schrapnellkugel darunter. Da ist es mir er,angen
wie dein Alten Fritz. Meine Uhr hat diese Kugel gehindert, mir den Leib aufzureißen, und mich vor der elenden
Todesqual eines Unterleibschusses bewahrt. Da strich doch ganz eiskalt ein Ahnungssehauer der vorübergestreiften
Gefahr über meinen Leib, daß ich meinte, das Blut gefriere inir in den Adern, und ich mich niedersetzen mußte. Es ist
nur gut, daß man nie weiß, wie nahe es einem geht.
Drüben am anderen Hang schießen die Einschläge schwerer Granaten auf. Mit aller Hast stiegen wir durch die
zersplitterten Baumstumpen der Bruleschlucht hinauf und hielten uns, dem Laufe eines fast eingeebneten Grabens
folgend, rechts ab von den Einschlägen, die mit lobenswerter Starrköpfigkeit immer auf die gleiche Stelle gingen.
Umschnurrt von Splittern, kamen wir rennend vorbei. Oben auf der feuerfreien Höhe des Vauxkreuzes verschnauften
wir. Da fiel mir wieder ein, wie wir vor langen Tagen in die Bruleschlucht hinabgerannt sind. Und da packte mich eine
bange grausige Neugier, noch einmal in dieses Stück Land zu schauen, das so viele Stationen höchster Energie und
schwerster, schnürender Todesangst für mich umfaßte.
Über die kümmerlichen Stümpfe einstigen Waldes, der in die Bruleschlucht versank, hinweg lag die graue Erde kahl
und ausgebrannt, so weit ich schauen konnte. Ein wüstes, pockenzernarbtes Gesicht ohne Augen, ein Anblick, der
einem grausig ins Herz schneidet. Ein Stück Land, das nicht mehr zu dieser Erde zu gehören schien, so unglaublich
fremd scheint es dem Menschen. So verlassen tot, öde und wüst muß die Hölle sein, der Ort der ewigen Vernichtung,
der grenzenlosen Verlassenheit und der sinnlosen Verzweiflung. Der Ort für Verfluchte und Verbannte des Lebens. Es
ist aber bloß Krieg. - Aber welch ein Krieg!
"Das bleibt den Unsern daheim doch erspart. Was hin wird, ist ja dem Franzmann sein Land. Mit dem kann er einmal
nichts mehr anfangen, da ist's aus." "Ja, da ist's aus", gab ich dem Feuerer zu, der mit anderen, meiner Neugierde
folgend, noch einmal zurückschaute. "Nicht züi glauben, daß wir da drinnen waren und wieder herausgekommen sind",
meinte der Martl. Für die, die da kämpften und um ihr Leben hetzten, war diese Front noch ein Rätsel. Ein völlig
unverstandenes Stück Krieg blieb es wohl immer für jene, die nicht durch die Brechwalzen dieses knirschenden
Quetschwerkes hindurchrasselten.
Noch einmal jagte uns das Heulen und Schrillen schwerer Flachbahrigeschosse durch die schon spärlicher werdenden
Trichter. Sie galten der schweren Mörserbatterie in der Ornesschlucht, die mit dröhnenden Abschüssen die Luft
erschütterte. Im Schweinstrab kamen wir ins Herbe-Bois, wo wir wieder in eine gemächlichere Gangart fielen, wenn
auch schwerfälliges Winseln seitab in den sterbenden Wald zieht und breit donnernd verkracht. Eigentlich ist der Wald
schon längst gestorben, nur noch zerzauste Stämme ragen zwischen alten verwachsenen und frischen Trichtern. Aber
ein tiefer Kontrast tut sich hier auf. An den zersplitterten Stümpfen zittert noch gelbes Laub im Winde. Grau
verwittertes, zerschlisseiies Holz ist umrankt von dunkelgrünem Efeu, der das Erstorbene noch einmal lebendig macht.
Hier hat zu Beginn der Schlacht der Kampf im Schnee zwischen den noch nackten Bäumen getobt, und jetzt ist Herbst.
Das blieb mit jedem Schritt weiter hinter uns zurück, und jeder Schritt steigerte das Gefühl des Geborgenseins und
neuerwachenden Lebens. Wir ließen uns Zeit, um mit genießerischem Behagen die Erlösung aus dem Feuer zu kosten.
In die flackernden Augen der grauen, schrnutzigen Gesichter kam ein freudiger, ruhiger Glanz. Allmählich sank mit der
wechselnden Umgebung das Erleben hinter die feinen Schleier der Gedanken, die die Erinnerung bergen für spätere
Tage. Und hätte uns einer jetzt gefragt, wie es vorne gewesen sei, wir hätten es ihm nicht sagen können. Noch heute
sehe ich einen Leutnant unserer Kompanie lachend und scherzend neben mir schreiten, über und über voll Dreck, aber
mit einer nagelneuen Pfeife im Mund, die ihm gar nicht zum Gesicht paßte und deren plötzliches Vorhandensein mir
ein Rätsel blieb. Wir waren voll Verwunderung wie neugeborene Kinder, die sich nicht entsinnen können, woher sie
kamen in diese Welt.
Gemächlich trotteten wir durch das Lager bei Suniazannes. Es war von fremden Truppen belegt. Wir mußten die
jenseitige Höhe zum Kap der guten Hoffnung hinan ins Kaplager. Merkwürdig sind doch die sonderbaren Namen dieser
Gegend. Hier die gute Hoffnung, wie schön das klang und wie wahr das ist, wenn man von vorne kommt! Da vorne die
Kalte Erde, der Tote Mann, der Pfefferrücken, der, Rabenwald, die Totenschlucht und wie die schaurigen Orte alle
hießen. Wie ein lange vorbestimmtes Schicksal dieses Landes klano, es aus diesen Namen.
Baracken liegen zerstreut am Kap. Da kommen wir hinein. Ah, ist es da schön! Bänke und Tische aus rauhen Brettern
und saubere, breite Klappen aus Draht gibt es hier. Ach, das Gehänge doch schwer gewesen - merkt man jetzt beim
AbneLln. Und die Stiefel erst. Nia, aber jetzt soll etwas schmecken, ein Kaffee und ein frischer Barras, man wird schon
für uns gesorgt haben nach dieser Fastenzeit da vorne. Der Feuerer klappert eifrig mit den Kochgeschirren davon.
Er kommt leer wieder zurück. "Es gibt nichts. Um zwei Uhr ist Esseniassen, Kaffee ist schon längst ausgegeben." Und
jetzt ist es zehn Uhr vorbei. Der Feldwebel hat es so angeordnet, sagen sie an der Feldküche. Was geht uns das an, wir
haben Hunger! Wo ist der Feldwebel? Ins Deutsche Eck zum Zahlineister, Löhnung lassen. Wenn nur den
Malefizkreuzbauern der Teufel holen möchte! Fluchen und Koppen lärmt durch die Baracken. Den eisernen Bestand
essen, der in unseren Tornistern ]ist, schlägt einer vor. Der hat recht. Und ich bin einer der ersten, der seine Büchse
aufschneidet. Der Feldwebel soll nur kommen, dem werden wir unsere Meinung sagen; was glaubt denn der eigentlich?
Wütend und verstimmt warf ich mich auf die Klappe und fühlte das wohlige Rieseln des Blutes in meinen erschöpften
Gliedern. Gekränkt im Innersten mußte ich erkennen, daß hier Gesetze schroff zur Geltung gebracht wurden, die nicht
mehr zumTrichterleben paßten. Ein schreiender Gegensatz! Wie mochte da erst die Auffassung von dieser Front hinten
bei den Stäben sein? Auffallender hätte nian uns nicht zeigen können, welche tiefgreifende Wendung allein äußerlich
sich hier vor Verdun vollzog. Ähnlieh mochte es auch an der Somme sein.
Das feurige Erleben im Hochdruck der Seelenangst hat uns da vorne innerlich umgeschmolzen, ein neuer, noch nicht
gekannter Begriff des Krieges will sich in uns prägen. Überholt war mit einem Male das bisher Gebräuchliche, auch die
Technik des Kampfes war neu, in vielen Arten dem bisher Geübten geradezu widersprechend. Nur die
Hintengebliebenen, der Apparat, waren noch die gleichen wie vordem, die Feldwebel, die Kanzleien, die Stäbe, die
Etappe. Das begann sich knirschend zu reiben. Das fuhr vernichtend in die guten Ansätze eines neuen Willens und war
ein stümpernder Mißbrauch der Kraft, die vorne im Grauen so schon erschüttert und zerflattert war. Ich möchte schlafen
und kann nicht. Eine Wandlung vollzog sich, ich bin mitten darinnen. Man fühlt das eigentlich nicht klar an sich
herantreten. Man weiß nur bestimmt, daß unsere Weltanschauung da vorne Schiffbruch erlitten hat, zerborsten ist im
Sturm des Erlebens. Wir haben bisher falsch gedacht vom Leben und viel zu oberflächlich vom Krieg. Man fühlt nur
seitdem den Druck und die Spannung, wie ein Schiff in seinen Spanten es spüren mag, das vom Steuer aus dem
bisherigen Kurs ab in eine neue Richtung gedrängt wird. - - Vorerst hieß es wieder: Stiefel putzen! Jetzt kamen wieder die gewohnten Appelle und die peinlichen Fragen des
Zopfgeistes: "Soll das Gewehr gereinigt sein? Das heißen Sie gereinigt?" "Ich habe mich bemüht, auf einmal bringe ich
die Rostflecken nicht weg." "Sie haben sich eben nicht bemüht, aber das werden Sie jetzt sofort nachholen. Ihr braucht
nicht denken, weil ihr ein paar Tage da vorne gewesen seid. Es war ja gar nichts los vorne." "Mehr schon als in zwei
Jahren in den Vogesen." Der Herr Gewehrunteroffizier schnappt nach Luft, geht aber, ohne ein Wort zu sagen, zum
nächsten, als er mein zorniges Gesicht sieht.
"Eisernen Bestand vorzeigen!" Ein Gekudder geht durch unseren Zug. "Ruhe im Glied, ich weiß schon, was euch so
stößt." Dann geht es an: "Fleischbüchse vorzeigen!" "Aufschreiben!" Und dann kommt der Feldwebel zu mir: "Wo
haben Sie Ihre Flelschbüchse?" "Gegessen, Herr Feldwebel!" "So, gegessen! Wissen Sie nicht, daß das verboten Ist?"
"Ich hatte Hunger, Herr Feldwebel!" "Hunger? Ausrede! Hätten die anderen auch haben können und haben die
Fleischbüchse nicht gegessen. Ich werde Sie dem Kompanieführer besonders melden. Keine Widerrede f" Von mir aus
hätte eine Lage Fünfzehner einmal ruhig in die Bagage einbauen dürfen, dann hätte doch diese Gesellschaft eine leise
Ahnung bekommen vom Unterschied zwischen der Vogesenkaserne und Verdun. Drunten am Hang zum Deutschen
Eck gruben sie den ganzen Tag reihenweise Löcher für die Gefallenen, die aus den Schluchten von vorne
zurückgeschafft werden konnten. Unabsehbare Reihen von bleichen Holzkreuzen standen dort unten. Eben spielte eine
Kapelle die weinenden, schluchzenden Weisen des Chopinsehen Trauermarsches.
"Herhören! Die fehlenden Büchsen des eisernen Be standes müssen an der Verpflegung eingespart werden. Bedankt
euch bei denen, die sie gefressen haben! Es steht uns nicht mehr zu als die übliche Ration, das Proviantamt gibt nicht
mehr aus. Das sind keine Kameradent Sie, sollen sich schämen!" Da sollen also wir, die in Stellung waren, uns vor
denen schämen, die nicht vorgehen brauchten - die Front vor der Etappe? Da nützt es ja nichts, wenn man noch so gerne
ein ganzer Soldat sein wollte. Da mußte ich den Kopf hängen lassen. Das verstand ich nicht mehr. Überlaut brüllte die
Front, und hier wurde sie einfach nicht gehört - übergangen. Verbissene, wutverzerrte Gesichter ringsum. Ich sah es und
wußte, das hatte ins Mark getroffen. Unsinnige Tragik war es, daß der Feldwebel sicher glaubte, den Geist der
Kompanie vor unserer "Disziplinlosigkeit" gerettet zu haben. "Ich werde mich beschweren!" "Hat doch keinen Zweck,
halt lieber dein Maul!"
*
Es regnet fein. Schon seit gestern. Gnade Gott denen, die jetzt vorne sein müssen. In den Wagenspuren steht das
Wasser, und die vielen getretenen Pfade vom Kap nach allen Seiten sind Moraste geworden. Eine Viertelstunde östlich
vom Kap liegt Azannes im Grunde. Ich gehe am Nachmittag hinunter, vielleicht ist dort eine Kantine. Es hat heute zwei
Löhnungen gegeben, und unser Marketender hat schon eingepackt zum Abrücken. Azannes macht einen traurigen,
gestorbenen Eindruck, wenn auch Truppen die Straßen bevölkern. Von der zerfallenen Kirche steht noch der
abgebrochene Stumpf des Turmes. Ganze Scharen von Krähen haben sich dort eingenistet. Manchmal stöbert mit
knarrendem Geschrei und langsamem Flügelschlag eine Schar auf und schwärmt nach vorne ins flerbe-Bois zum Fraß.
Sind es diese schwarzen Vögel, die so melancholisch. düster stimmen, oder sind es die leeren Fensterhöhlen oder der
Regen?
Gegen 5 Uhr kam ich ins Kaplager zurück. Fast hätte ich vergessen: um 5 Uhr war ja Besichtigung. Dort marschierten
schon die Kompanien zum Viereck auf. Da gab es sicher einen Krach. Ich holte mein Lederzeug und mein Gewehr aus
der Baracke, schmuggelte mich von hinten heran und hing mich an den linken Flügel meines Zuges. "Stillgestanden!
Augen rechts!" Ein General mit seinem Stab ritt in das offene Karree. Dein hatten wir unterstanden. Er hielt eine
Ansprache. Die üblichen Worte von "brav ausgehalten da vorne im Feuer, vom Dank des Vaterlandes, vom
Ungernscheidensehen". Besonders betonte er, daß unser Regiment, mit seinen vielen altenLeuten, einen unerwartet
guten Geist gezeigt habe. Und er habe das Vergnügen, den Tapfersten von da vorne das Eiserne Kreuz im Namen S. M.
des Kaisers zu verleihen. "S. M. Kaiser Wilhelm II. und S. M. Ludwig III., König von Bayern, sie leben: Hurra - hurra hurra!" Gepreßt klang es von den Kompanien. Neben mir hatten viele nur den Helm erhoben und nicht gerufen.
Dann kam der Feldwebel mit einer Liste und begann die Namen der Auszuzeichnenden zu verlesen. Die hinter mir
Stehenden gaben mir einen Stoß in den Rücken, daß ich vor die Front prallte. "Du kommst dran, gratuliere!" Ich trat
zwar gleich wieder ins Glied, aber der Kompanieführer hatte es doch gesehen. Er kam auf mich zu, während der
Feldwebel, zum Erstaunen aller, sechs Leute aufrief, von denen kein einziger vorne in Stellung gewesen ist. Gemurmel
ging durch das Glied. "Sie kommen nach dem Einrücken zu mir!" sagte der Kompanieführer und wandte sich. Ich war
ja auch erstaunt, nicht aufgerufen worden zu sein, obwohl ich auf die Auszeichnung ganz vergessen hatte. Meine
Kameraden murrten, weil sie der Ansicht waren, daß, wenn schon einer würdig, dann ich es sei, und obendrein war es
mir vorne versprochen worden.
Endlich war die Besichtigung vorüber, wir rückten ein. Ich ging in die Baracke des Kompanieführers. Der Feldwebel
war bei ihm. "Zur Stelle!" Der Kompanieführer sah mich etwas betreten an und sagte: "Ich habe Ihnen vorne das E. K.
versprochen. Nun war es aber heute nicht möglich, Ihnen das Kreuz züi geben. Es waren von früheren Vorschlägen aus
den Vogesen eine ganze Reihe älterer Leute da, die verbittert gewesen wären, wenn sie übergangen und ein Junger, in
der Kompanie Neuer, ihnen vorgezogen worden wäre. Die Leute haben alle aktiv gedient und sind seit dem Ausmarsch
bei der Kompanie. Ich denke, Sie werwerden das begreifen. Ich habe mich vorne gefreut über Sie und weiß, daß es
nicht einfach war, als Meldegänger im Feuer heruinzulaufen. Aber der Feldwebel hat mir gerne!det, daß Sie Ihren
eisernen Bestand gegessen und andere dazu aufgehetzt hatten, und als Strafe mußte ich Sie mit der Auszeichnung
übergehen bis zum nächsten Mal. Da! Nehmen Sie einstweilen als Anerkennung für Fleury diese fünf Mark aus meiner
Tasche!"
Er schob mir einen Fünfmarkschein hin. Ich wischte denselben mit einer Handbewegung unter den Tisch und sagte:
"Um fünf Mark bin ich nicht jede Nacht von Douaumont durchs Feuer gelaufen, und um fünf Mark habe ich auch die
Franzosen nicht abgeschossen bei Fleury vorne. Ich habe geglaubt, daß die Auszeichnungen heute für Leute verliehen
wurden, die vorne waren. Es war aber nicht einer darunter, lauter Bagagehenkel waren es. Und wenn der Herr
Feldwebel glaubt, die Auszeichnungen werden dem Dienstalter nach verdient, so soll er in Zukunft doch seine Leute für
die Stellung auch nach dem Dienstalter aussuchen und uns Jungen Schonung angedeihen lassen, bis wir uns alt gedient
haben. Ich war bisher der irrigen Meinung, daß das Eiserne Kreuz eine Tapferkeits- und nicht eine Dienstauszeichnung
ist. Als solche mag ich es nicht." Dann machte ich eine schneidige Kehrtwendung und ging hinaus.
Hans Zöberlein: Der Glaube an Deutschland
Ausbildung hinter der Front (Anfang 1917)
Alles fror zu Ste' n und Bein bei dieser schneiden den Kälte, die in Frankreich selten so grimmig ist wie in diesem
Winter. Die noch am Abend vorher schlammigen Wege waren über Nacht steinhart worden Alle Fußtapfen und
Radfurchen waren erstarrt und bereiteten de marschierenden Beinen holperige Qual und unsichere Tritt. Das spürten wir
so recht, als wir nach bitterkalte Bahnfahrt von Caudry aus nach Montigny marschierten in der nebligen, verreiften
Landschaft Hier lag das Sturm bataillon unserer Division Das Nest war armselig und Öde.
Das einzige Lebendige waren wir. In einem der typischen Backsteinhäuser Nordfrankreichs kamen wir in Quartier.
Zwölf Mann in eine Stube, die völlig leer gewesen wäre wenn nicht der in jedem Hause dieser Gegend stehende
wurmstichige Webstuhl aus Holz eine breite Ecke ein genommen hätte. Trotz Mantel und zwei Wolldecken klapperten
wir nächtens frierend mit den Zähnen.
Wir merkten gleich, daß hier beim Sturmbataillon ein anderer Wind pfiff als bei der Kompanie. Hier hatte man ja Zeit
und Gelegenheit, vor allem stramm zu sein. Schneidige Ehrenbezeigungen und klappende Griffe wurden eifrig geübt,
unaufhörliche Appelle sorgten für immerwährende Beschäftigung in der sogenannten freien Zeit. Das Putzzeug kam
hoch in Kurs, und die Schuhcreme belastete mit ihrer Anschaffung den Etat stark, daß die Löhnung nicht bis zum Ende
der Dekade reichen konnte. Der strenge Dienst in der kalten Luft verdoppelte den Ilunger, aber die Verpflegung war
nach den Rationen der Etappe zuwenig für einen alten und erst recht zuwenig für einen jungen Soldaten. Die Sehnsucht
nach den verlassenen Fleischtöpfen der Kompanie stieg von Tag zu Tag.
An den bitterkalten Vormittagen rückten wir zum Üben aus. In der Nähe einer Windmühle waren einige Gräben
aus,:,ehoben und Drahtverhau davor angelegt, das sogenannte Übungswerk. Handgranatenattrapperi, von uns selber
zugeschnitzt, dienten zum Werfen. Hier merkten wir erst, daß wir eigentlich noch nicht richtig mit Handgranaten
umgehen konnten. Wir lernten es nun aber gründlieli. Jeden Vormittag hatten wir vier Stunden lang geübt, wie man
einen feindliehen Drahtverliau zerstört, in einen Graben einbricht und aufrollt - und wie man sich wieder zurückzieht.
Jeder Vormittag wurde mit einer scharfen Übung beendet. Das war immer das Schönste am ganzen Dienst, dadurch
bekamen wir einigermaßen ein Bild, wie so etwas eigentlich ausschaut, und das Wichtigste dabei war, daß man mit der
scharfen Handgranate vertraut wurde. Hier lernten wir mit Eifer und Lust die neue Technik des Krieges und die
Beherrschung der Sprengstoffe. Das Gewehr trat in diesem Krieg der Gräben in den Hintergrund.
Aber wir lernten noch vielerlei. Den Gebrauch der Drahtschere in gedeckter Lage, das Herrichten und Legen geballter
und gestreckter Ladungen, das Sprengen von Unterständen und Stollen, das Ausräuchern von MG.-Nestern mit
Flammenwerfern, deren Anwendung unseren Pionieren vorbehalten blieb. An den Nachmittagen lernten wir das
Anlegen von geschickten Siellungsgräben, das Minieren der Stollen, das Stellen von Hindernissen, die Handhabung des
Maschinengewehrs, des Granatwerters und des leichten Minenwerfers. Man mußte Augen und Ohren offen halten, um
überall mitzukommen.
Die scharfen Übungen brachten uns manchmal Verwundete. Auch längst geübten Werfern konnte eine Unachtsamkeit
Splitter in den Leib jagen. Es war eigentlich ein Wunder, daß nieht mehr Unfälle vorkamen bei der oft zutage tretenden
Verwegenheit im Umgang mit den Sprengmitteln, wo Bruchteile von Sekunden von kühnen Burschen ausgenützt
wurden, die außerhalb jeder Möglichkeitsberechnung lagen. Auch unser Kompaniestoßtrupp verlor einen Kameraden,
den Hans, der auf lange Zeit ins Lazarett wandern mußte. Schrammen und blutige Risse, einen verstauchten und
übertretenen Haxen hatte jeder einmal.
An den Abenden strichen wir in der Dunkelheit durch den Ort und suchten irgendwo ein Stück Holz zu ergattern. Wald
war keiner in der Nähe, sonst hätten wir dort abgeholzt. So verschwanden bald da ein alter Fensterladen oder ein paar
Bretter und Latten von einem Schuppen, bald dort ein Stück Gartenzaun oder eine Bank aus einem Hof. Holz gab es nur
für die Feldküche. Und so umlagern wir unseren Ofen fröstelnd und erzählen und reden von der Kompanie vorne und
von daheim.
Ein Gerücht geht um vom nahen Frieden. Der Papst soll ein Friedensangebot gemacht haben. Es ist viel die Rede von
Frieden mit Annexionen und Frieden ohne Annexionen. Wir verstehen das nicht. Erst auf langen Umwegen erforsche
ich, daß Annexion das Nehmen eines bisher fremden Stück Landes ist. Endlich hatten wir auch durch eifriges Studieren
der "Kölnischen Zeitung", die jeden Tag beim Sturmbataillon verteilt wurde, herausgebracht, daß ein Verband der
Alldeutschen dieses Geschrei von den Annexionen aufgerührt hatte. Er hatte Kriegsziele aufgestellt, nach deren
Erreichung Frieden geschlossen werden könnte. Das Erzbecken von Briey regte den Eifer aller quatschenden
Garnisonskrieger an, die Spalten aller Blätter troffen von den Ergüssen dieser Schleimköche. Offen gestanden, wir
einfachen "Hansln" hier draußen wußten nicht, ob wir Briey haben mußten oder nicht. Uns widerte das tobende
Feilschen uni den Vorteil einer Seite gegen die andere zum Erbrechen an.
Waren das unsere Kriegsziele? Polen, Briev, Kolonien, Kontributionen? War das der Sinn des Übermächtigen schier
erdrückenden Erlebens, an den Schmelzpunkten der Front?
Irgendeiner von uns fragte das und zerknüllte zornig die Zeitung. Er war ein Reservist, schon weit in der Welt
herumOlekommen und hatte sich beim Kriegsausbruch von Amerika abenteuerlich nach Spanien durchgeschlagen und
ist von da aus über Italien nach Nürnberg gekommen zu seinern Bezirkskommando, wo er sich zu melden hatte. Er war
einer von den ganzen Kerlen, wie man sie in jeder Kompan le traf, meist von den Führern nicht verstanden, weil sie es
ablehnten, durch Diensteifer und blitzende Stiefel das Augenmerk der Vorgesetzten auf sich zu lenken.
Der fing wie ein Pfarrer zu reden an: "Ich habe mich oft schon gefragt, ob dieser Staat überhaupt wert ist, wegen ihm
das Leben zu riskieren. Einfach das Kanonenfutter abgeben, damit die Gesellschaft daheim in den weichen Betten jetzt
schon das Fell des Bären unter sich verteilt, um das wir da heraußen an den Fronten raufen? Diese Herren sind der
Staat, ihnen gehört dieses Vaterland - und uns - ein Dreck. Da sollen doch sie herausgehen und es verteidigen, jeder
muß sich doch selber um seine Sachen sorgen. Habt ihr in der Zeitung davon gelesen, was wir bekommen sollen? Wir die doch das alles holen müssen, was die Großkopfeten einstecken wollen? Weil ich nur das weiß von den Annexionen;
von jetzt ab wird der Bremsschuh eingehängt. Nichts mehr freiwillig für die Profitmacher. Wenn es mir nicht wegen der
Kameradschaft zu tun gewesen wäre, hätte ich mich nicht mehr gemeldet zum Sturrnbataillon."
Wir schwiegen und staunten. Was verstanden denn wir von dieser Politik, die da mit uns getrieben wurde ? - Aber recht
hatte er. In jedem von uns widerstrebte inne etwas, sich mißbraucht zu sehen an den Gefühlen, die man für Deutschland
- für die Heimat in sich trug. Es war noch etwas dabei, man konnte es nur nicht recht sagen, was es sei. Das Empfinden
einer Berufung als Werkzeug eines neuen Geistes, der durch unser Kämpfen und Leiden erst geweckt wurde und mit
uns erst heranwuchs. Daß unser Staat nicht vollkommen war, hatten wir alle gespürt. Jeder hatte daheim zu werken und
zu schuften, daß er die paar Pfennige errackerte zum Leben. Jeder hatte das gespürt, was man mit einem Fremdwort die
"Soziale Frage" nannte. Das verstanden dann wenigstens die meisten nicht, und die akademisch Gebildeten konnten
sich mit so einem Wort wie ein Gockel blähen. Man schämte sich wohl, von der Sorge ums Auskommen zu reden. Das
war nicht fein. Hungern und 's Maul halten oder in Fremdworten darüber spreoben ' das war anständiger.
"Paßt's amal auf!" hub der Beni an. "Ihr braucht nicht meinen, daß ich aus Idealismus rede, weil ich ein Maler bin. Es
ist heute schon förderlicher, wenn ein Künstler keine Ideale hat. Da gibt's so Schmierfinken, die malen Schlachten von
dem Krieg, und man sieht an jedem Strich, daß sie gar keine Schlacht miterlebt haben. Ich habe schon mancherlei
probiert, aber ich glaube, verstehen werde ich diese Erlebnisse erst einmal in zehn Jahren, wenn's mich nicht derweil
längst schon derhaut hat, und dann kann ich sie erst malen. So tief geht das Kriegserlebnis. Da muß ich lachen, wenn
daheim die Armen im Geiste raufen um den Profit. Den Profit haben ja wir, wir ganz allein, die alle den Saustall von A
bis Z mitmachen. Was dieser Krieg an Werten hat, kann nur dort am reinsten gewonnen werden, wo das heißeste Feuer
glüht. Und wo's heiß hergeht, kommen die Geldsäcke nicht hin. Das sag' ich schon, der Krieg hat einen Sinn, einen ganz
tiefen, wie ihn vielleicht noch kein Krieg gehabt hat. Den verstehen wir jetzt noch nicht. Am allerwenigsten aber die,
die heute bei uns regieren, so ziellos und planlos geht's da drunter und drüber. Einen Bismarek bräuchten wir halt wie
Anno 70/71. Was man vom Kaiser halten soll, ist mir nicht recht klar. Er hat zwar einmal gesagt: 'Ich kenne keine
Parteien mehr...', aber die Parteien sind rühriger denn je. Habt ihr das gelesen vom Liebknecht und vom Ledebour, was
die im Reichstag gesagt haben vom Frieden ohne Annexion? Wenn das die Feinde zu hören kriegen, dann können sie
sich nur freuen über die schöne Hilfe; so eine Rede spart ihnen hunderttausend Mann ein, weil ihr alle nämlich meinen
werdet, der Liebknecht und der Ledebour haben recht. Und der Gedanke daran läßt euch vielleicht bedauern, daß wir da
vorrie bei Transloy die Engländer so zusammengeknallt haben. Und so werden viele denken und erlahmen.
In Wirklichkeit hat keiner von den zwei Teilen recht. Um so einen gewöhnlichen Schmarren führt man keinen Krieg.
Herrgott, der Hindenburg wenn ich wär', ein SturmhatallIon tät' ich aus der ganzen Gesellschaft machen, da sollten
dann die einen das Erzbecken von Briey stürmen und die anderen versuchen, den Feinden ihre Menschenliebe zu
predigen und Frieden zu bringen. Da tät' ich sagen als Hindenburg: "Antreten - ihr unabkömmlichen Herrschaften,
Stahlkoks auf, laden und sichern, Handgranaten umhängen, jetzt wird jeder Mann zum Kämpfen gebraucht, nachher
reden wir wieder weiter, wenn der Krieg vorbei ist."
Lachende Zustimmung allseits. Einer steckte einen neuen Stumpen Kerze an. "Na, was sagst denn du dazu?" fragte
mich der Beni, mit dem ich oft tiefschürfende Unterhaltungen hatte, "'raus mit der Sprache!"
"Seit Fleury habe ich eine andere Meinung vom Sinn dieses Krieges, keine schlechtere, nein, eine größere. Es wird jetzt
schon deutlicher, daß dort vom Feuer die Anschauung des Krieges, wie sie von der Kaserne aus gelten mag, verbrannt
ist. Auf diesen Krieg haben sie uns daheim nicht vorbereiten können, weil er ein ganz neues, hartes, furchtbares Gesicht
hat. Wer hätte einmal gedacht, daß in' so einem Morast, wie er jetzt an der Somme ist, sich überhaupt noch Menschen
gegeneinander stellen könnten? Oder, daß in der ausgebrannten Hölle von Verdun noch Regimenter einander die Zähne
zeigen könnten? Es kostet ein noch nicht recht erfaßbares Maß an Willen und Mut, da nicht feige zu werden, wenn auch
keiner ein Wort zum anderen davon gesagt hat. Da habe ich gemerkt, wie stark ein Mann sein kann, was für
unheimliche Kräfte in einem lebendig werden können. Das ist ein Sinn dieses Krieges, uns das erkennen zu lassen, wie
unheimlich stark ein Mann sein kann. So einer von der Front wiegt doch Dutzende von daheim auf an Lebensenergie.
Drum hat es heut keinen Zweck, sich zu ereifern über Kriegsziele. Man kann sich nur ärgern, wie diese Gesellschaft im
sicheren Hinterland dem Feinde in die Hand arbeitet durch ihre saudumnie Streiterei.
Wir von der Front sind einmal, wenn wir wieder heimkommen, nicht so bescheiden. Wir werden dann ganz andere
Sachen fordern. Dann müssen diese Burschen sich ganz dasig in ihre Löcher verkriechen. Dann geben wir bekannt, was
das Ziel dieses Krieges für uns gewesen ist, nämlich unser Recht zu einem anständigen Leben, wie es einem Mann
gebührt, der das Land und Weib und Kind mit seinem Leben geschützt hat vor der Vernichtung. Damit verteidigen wir
alles, was das Leben schön und lebenswert macht, das, was man die Kultur nennt. Und darauf werden wir unseren
Anspruch erheben, wenn diese Kultur gesichert ist. Nicht daß wir wieder als Arbeitstiere von früh bis spät anschieben,
nur um den Bauch füllen zu können, und an nichts weiter denken zu dürfen, weil wir es uns sonst abdarben müßten.
Denn das, was wir mit unserem Blut erhalten, gehört in erster Linie uns, nicht denen, die gnädigst aus ihrem Überfluß
Kriegsanleihe zeichnen."
"Da meint man fast, man hört den Liebknecht reden", warf der Beni ein.
"Nein, mein Lieber! Für Liebknechts Wahnsinn, der alles leugnet, was unserem Leben erst den Inhalt gibt, schwärme
ich nicht. Was der heuchelt von Menschengleichheit, ist ein Blödsinn. Der möchte, daß jeder so viel hat wie der andere,
ich möchte, daß der, der um etwas kämpft, es auch behalten darf, wenn er es erringt, und das ist ein Unterschied.
Liebknecht arbeitet unseren Feinden in die Hände und verrät die, denen er angeblich aus der Bedrückung helfen will.
Versöhnung aller Unterdrückten und Kampf geineinsam gegen ihre Unterdrücker ist deswegen nicht denkbar, weil
unsere Feinde, ob Arbeiter oder Kapitalist, unsere Niederlage wünschen. Und die wünscht auch der Liebknecht. Und
wenn uns heraußen der patriotische Schleim der Vaterlandspartei zum Ekel ist, dann muß uns dieser Pharisäer erst recht
anwidern. Ich habe euch schon gesagt, daß die daheim nicht zu uns passen. Etwas Neues beginnt sich noch unklar als
Lebensauffassung zu kristallisieren in unseren Gehirnen, gefühlsmäßig lebt es schon länger in uns. Wir sind
Kameraden, ganz einfach. Können wir nicht auch daheim uns als Kameraden das Leben schöner, rein von
gegenseitigem Haß gestalten? Jawohl, das geht! Geht's heraußen, dann geht's auch daheim!"
Noch im Liegen redeten wir weiter, als das Licht längst erloschen war. In absonderlichen Meinungen gärte in allen der
Gedanke, wie es einmal werden sollte, wenn der Frieden "ausbricht". - - Wir übten schon mehr und mehr komplizierte Angriffe gegen stark ausgebaute Gräben und brachten immer besser das
schwierige Zusammenarbeiten mehrerer Stoßtrupps zugleich fertig. Da wurde bekannt, daß unsere Division an der
Somme abgelöst und verladen worden sei. Auch wir mußten also wandern. Am letzten Übungstag ging es scharf her. Es
wurden sämtliche Handgranaten, die noch im Depot lagen, verworfen. Von überwältigendem Eindruck war das
Vorgehen des ganzen Sturrnbataillons zum Angriff und das Trommelfeuer, das über die zu nehmenden Gräben
niederging. Wenn es im Ernstfall ebensogut ging, war so ein Angriff unwiderstehlich. Das hob das Selbstvertrauen starl,
und weckte die in den Gräben verlorengegangene Lust zum Angriff. Am Abend stehen wir marschbereit, und dann
singen wir schallend zum Dorf hinaus in die eisigkalte Winternacht.
Im Februar rückten wir in Prouvais ein und waren damit in unserem früheren Abschnitt der Division vom vergangenen
Herbst. Hier wußte ich, wo riesige Mengen Kartoffeln und Gemüse von der letzten Ernte in großen Mieten eingedeckt
waren. Es stand zwar eine Wache von Landsturmmännern dabei, sogar von Landsleuten, aber während sich einige von
uns scheinheilig mit den Posten unterhielten, brachen wir in eine der schwer gefrorenen Mieten ein und füllten unsere
Handgranatensäcke. Weil die Landstürmer selber über Hunger klagten, haben wir ihnen aus Mitleid manchmal einen
Korb der ihnen gestohlenen Kartoffeln in die Wache gestellt.
In Prouvais übten wir fleißig und schritten dem Ende der Ausbildung zu. Es wurde sogar bekannt, daß wir als
Sturmbataillon beisammenblieben. Die regelrechte Ausrüstung sollte am Weg sein, Hosen mit ledernen Knien und
ledernen Hinterteilen, ledernen Ellbogen an den Röcken, Karabiner statt Gewehre, schmale Patronentaschen, wie die
Pioniere sie trugen, und anderes mehr.
Da brachte uns aber daß schlechte, mangelhafte Essen uni jede Lust, länger zu bleiben, als nötig. Es gab mittags nur
eine dünne Brühe, in der anscheinend Fleischbüchsen ausgewaschen waren, für fünf Mann einen Barras am Tag und
leeren Kaffee, von dem der Martl behauptete, da habe der Küchenschani sein Sehmalzlerschneuztuch durchgezogen,
sonst nichts. In den Quartieren wurde gemurrt. Und wir beschlossen, endgültig den Ursachen unserer schlechten
Verpflegung nachzugehen bis zur Wurzel. Ich stellte den Küchenschani zur Rede, der aber recht nochnäsig tat und
sagte: "Macht es euch besser, wenn's euch nicht paßt!" Am anderen Morgen traten wir nicht an. Es war natürlieh
auffallend, daß eine Gruppe geschlossen erkrankt war. Der Feldwebel kam drohend ins Quartier und brüllte: "Raus!
Antreten!" Ich sagte ruhig von meiner Klappe her: "Herr Feldwebel, wir haben uns zum Arzt gemeldet, weil wir krank
sind, und ich melde mich zum Rapport beim Herrn Hauptmann." Da ging er wütend weg. Das Bataillon rückte ohne uns
aus.
Ein Arzt kam, um unsere sonderbare Seuche zu untersuchen. Wir gestanden ihm frei heraus, daß wir. soweit ganz
gesund seien, nur wären wir vom Hunger so schwach, daß wir nicht ausrücken könnten. Zuerst wollte er furchtbar
streng mit uns Simulanten verfahren, aber sein Staunen wuchs immer mehr, als wir ihm erzählten, wie unsere
Verpflegung war. Er schrieb uns einen Tag dienstfrei und versprach uns, mit dem Hauptmann zu reden.
Wie gegen Mittag das Bataillon von der Übung zurückkam, wurde ich zum Rapport geholt. Es gab wieder unieine leere
Brühe als Mittagskost. Mein Kochgeschirr nahm ich mit und meldete mich in der Kanzlei: "lnfanterist... zum Rapport!"
"Was wollen Sie?"
"Ich bitte Herrn Haupuniann um Entlassung zu meiner Kompanie."
"Aus welchem Grund?"
"Weil ich sonst hier beim Sturmbataillon verhungern muß!"
"Was? - Was müssen Sie?"
"Verhun-gern, Herr Hauptmann."
"Kerl, spinnst du, oder höre ich nicht recht?"
"Keines von beiden, aber wollen Herr Hauptmann bitte sehen, wie unsere tägliche Mittagskost aussieht,?" Ich hielt ihm
mein Kochgeschirr hin.
"Was soll das sein?"
"Unsere vollständige Mittagskost seit drei Tagen!"
"Das Wasser da? - Sonst nichts?"
"Nein! Sonst nichts - Herr Hauptmann."
"Küchenunteroffizier!" brüllte der Hauptmann zum Fenster hinaus. Der Schani kam mit rotem Kopf gerannt.
"Was gibt es heute zu essen für die Leute?"
"Eine Konservensuppe!"
"Und sonst?"
"Sonst nichts!" sagte er kleinlaut, und warf mir einen giftigen Blick zu.
"Warum sonst nichts? Wo kommt die Verpflegung der Leute hin? Es ist doch für die volle Stärke gefaßt worden?"
"Ich habe nichts mehr zum Kochen, Herr Hauptmann. Heute kann ich auch kein Brot mehr ausgeben, weil ich rein
nichts mehr habe."
"Den Feldwebel! Marsch, marsch!" befahl der Hauptmann dem Schani.
"Und Sie holen die sämtlichen Offiziere sofort zu mir!"
Ich lief fort und brachte den gerade beim Essen sitzenden Offizieren den Befehl. Vor den Quartieren standen die Leute
des Sturmbataillons und bestürmten mich mit Fragen. Wie ein Lauffeuer war es durch die Gruppen gegangen, daß ich
mich über die Verpflegung beim Hauptmann beschwerte. In unserem Quartier warteten die Kameraden in banger
Erwartung. Vom Quartier des Hauptmanns dröhnte ein furchtbarer Krach herüber, dann kamen zwei Leutnants heraus,
die den Feldwebel in der Mitte führten. Wir sehen erstaunt, daß ihm seine Hangabzeichen abgerissen waren und die
Kokarden an der Mütze fehlten. Er hatte auch nicht mehr umgeschnallt. Er wurde nach Amifontaine in den "Franzl"
gebracht, wie uns der Bursche vom Hauptmann zuflüsterte. Gleich darauf sahen wir den Köchenschani
feldmarschmäßig abrücken. Er war sofort an der Küche abgelöst worden. Und dann sprengten die Fuhrwerke unserer
Bagage im Galopp aus dem Ort, ein Leutnant ritt mit. Der Unteroffizier vom Dienst sauste von Quartier zu Quartier:
"Dienst fällt aus heute nachmittag, in zwei Stunden wird Verpflegung gefaßt!" Wir jubelten auf, wir hatten doch
gewußt, daß unser Hauptmann ein Herz für seine Leute hat.
Wie wir uns noch freudig unterhalten über die plötzliche Änderung, schreit einer "Achtung!" Wir rumpeln auf. Der
Hauptmann kommt ins Quartier. Er rügt uns, daß wir uns nicht schon längst über die Verköstigung beschwert haben,
und hält uns eine Standrede, weil wir eine kleine Meuterei in der Gruppe veranstaltet hätten. "Ich habe gute Lust und
stecke euch ein paar Tage ins Loch." Aber der Arzt, der mit ihm gekommen ist, bestätigt, daß wir alle zu schlapp waren
vor Entkräftung und beim Ausrücken wahrscheinlich umgefallen wären wie aDdere draußen unter der Übung. "Ihr
kriegt jetzt eure Verpflegung ordentlich, und dann will ich sehen, wie ihr jetzt als mein bester Sturrntrupp arbeiten
werdet, verstanden?" "Jawohl, Herr Hauptmann!" brüllten wir. Der vorlaute Beni sagte noch: "Wenn wir vorne
eingesetzt werden, dann sollen Sie einmal die Meuterer sehen, Herr Hauptmann!" Und dann erzählte er dem
Hauptmann noch von unserer Patrouille an der Somme, und wir merkten, daß ihm das gefiel. "Solche Kerle will ich ja",
sagte er, und dann wandte er sich an mich- "Wollen Sie noch zür Kompanie versetzt werden?" "Nein, Herr Hauptmann;
ich bitte darum, bei Ihnen bleiben zu dürfen!" Dann gab er jedem die Hand, und wir schweren nach seinem Weggehen,
daß wir für ihn durchs Feuer gehen werden.
Wirklich, zwei Stunden darauf sprengte unsere Bagage mit vollen Wagen ins Dorf. Sofort wurde kalte Verpflegung
ausgegeben für die letzten drei Tage, und nach zwei weiteren Stunden schleppten wir die Kochgeschirre voll heran. Das
war aber eine wirkliche Sturmkost, und wir wünschten, immer beim Sturmbataillon bleiben zu können. Noch bis in die
Nacht hat die Feldküche gearbeitet. Wir kannten uns gar nicht mehr aus vor all den guten Dingen. Unser Amerikaner
rekelte sich schnaubend auf seiner Klappe und meinte: "Ja, ja! Die Liebe des Mannes geht durch den Magen, noch viel
mehr aber die Liebe zum Vaterland durch den Magen des Soldaten!"
Am anderen Morgen strahlende, vergnügte Gesichter beim Antreten. Brausender Gesang beim Ausmarsch sagte dem
Hauptmann mehr als Worte, wie seine Leute an ihm hin. gen. Und die Übungen klappten wie am Schnürl, daß es eine
Freude war für Offizier und Mann. Am Nachmittag war der Unterricht über den verschärften U-Boot-Krieg auf
Anordnung der Armee. Unser Hauptmann machte die Sache sehr kurz. Er fragte nur: "Wem gefällt der verschärfte UBoot-Krieg nicht?" Schweigen im angetretenen Viereck. Da trat der Beni vor und sagte: "Mir, Herr Hauptmann!" "So!
Warum denn?" "Weil er nicht scharf genug ist! Ich freue mich über jede Granate, die versenkt wird, und über jeden
Engländer, der ersauft, weil wir mit dem nicht mehr zu rechnen haben." "So, meinen Sie - aber das Völkerrecht?" "Herr
Hauptmann, wir begreifen nicht, warum man noch Bedenken haben kann, die U-Boote voll einzusetzen. Die Engländer
sollen ruhig verhungern: sie blockieren uns ja auch." "Und wenn es nun vorkommt, daß ein neutrales Schiff versenkt
wird?" "Der soll draußen bleiben aus den Gefahrzonen, jetzt ist Krieg, und wer sich da dreinmischt, kriegt eben eine
aufs Dach. Wer einmal im Trommelfeuer war, bei Verdun oder an der Somnie, der muß so denken!" "Gut! Eintreten!
Ich meine, da brauche ich nicht mehr lange darüber reden und erklären, ihr werdet da gerade so denken wie ich, oder
nicht?" "Jawohl, Herr Hauptmann!" rief das ganze Viereck. "Dann sind wir ja fertig mit dem Unterricht. Wegtreten!"
Das war kurz und bündig. So gefiel es uns.
Vorne an der Front lebte das Artilleriefeuer mehr und mehr auf. An einem Nachmittag rollte es auf zum Trommelfeuer.
Mehrere Fesselballone hatten die Franzmänner hochgelassen, und bis in die Nähe der Ortschaft heulten schwere
Granaten heran. Unser Leutnant hatte den Unterricht unterbrochen. Wir schauten zur Front und sahen dem Spiel der
Spren,wolken und Einschläge im absinkenden Gelände zu. Einmal heulten nahe heran einige Lagen schwerer Granaten,
die in unserem Übungswerk einschlugen, das frontwärts vor der Ortschaft lag. In einem nahen Walde begannen
Revolverkanonen zu hämmern und eine Kette weißer Bälle nach neugierigen Fliegern zu jagen, die schleunigst
abwendeten. Es waren Magnesiumgeschosse, die brennend in elegantem Steilbogen hintereinander emporzogen und im
Absteigen verlösellten9 etwas Neues für uns und für den Feind.
Erhöhte Bereitschaft wurde angesagt. Vorne schien etwas los zu sein. Einige rote Punkte tauchten am Horizont auf und
trieben näher. Es waren kleine Freiballone, die irgendwo im freien Feld niedergingen. Unsere Fahrer saßen auf ihren
ungesattelten Pferden auf und sprengten darauf zu. Sie brachten einen Ballon herein, an dem Bündel Flugblätter hingen.
Unser Zugsleutnant las uns eines der Blätter vor, in dem, in einem zum Lachen reizenden Deutsch, zum Überlaufen
aufgefordert wurde. "Kameraden" stand darüber. Sie drohten mit dem Eintritt Amerikas in den Krieg und mit großen
Offensiven, die uns alle vernichten würden, wenn wir nicht bald übergingen zu ihnen und die Gewehre wegwerfen
würden. Und logen von den Annehmlichkeiten der Gefangenschaft bei ihnen, daß wir uns satt essen und frei als
Menschen umhergehen könnten, weißes Brot statt Schweinerüben, Wein und Tabak bekämen. Frankreich kämpfe für
das Recht der unterdrückten Völker und auch für das Recht der vom Kaiser unterdrückten deutschen Kameraden. Je
eher wir also überliefen, um so früher käme der Frieden.
"Ein deutscher Kamerad" stand darunter.
Wir lachten über diesen plumpen Schwindel und nagelten das Blatt an unsere Latrine, da es förderlich für die
Entleerung war. Die drüben mußten uns schon für ganz hirnverbrannt ansehen - - Das ganze Bataillon stand im Anbruch der Nacht. Vorne rollte das Feuer unvermindert. Auch unsere Artillerie schoß
emsig mit. Da trat der Hauptmann vor die Linie. "Kameraden! Soeben ist Befehl von der Division gekommen. Die
Ausbildung ist als beendet zu betrachten, die ,Mannschaften rücken zu ihren Kompanien ein, das Sturmbataillon wird
hiermit aufgelöst!" Alles lauschte bestürzt. "Kameraden, wir können nicht beisammen bleiben, wie es mein und euer
Wunsch war. Mein stolzes Sturmbataillon soll in die Regimenter der Division den Angriffsgeist hineintragen; die neue
Art, an den Feind heranzukommen. Der Angriff ist die beste Verteidigung, hat einmal einer gesagt, und der hat recht.
Wenn jetzt von drüben in den kommenden Wochen der Feind zum Durchbruch anlaufen wird, dann drauf mit
Handgranaten und den Hunden an die Gurgel, die uns als Voll, auslöschen wollen. Dann haut ihnen die Antwort auf
ihren Wisch mit dem Kolben ins Gesicht! Von meinem Sturmbataillon errsibt sich keiner, meinem Sturmbataillon muß
sich der Feind ergeben! Verstanden?"
"Jawohl, Herr Hauptmann!" rollt es in die Nacht.
"So wie ihr seid, müssen eure Kompanien nun werden. Dann kann der Krieg nicht enden, wie sie es drüben gerne
möchten. Unser Bayerland und unser großes deutsches Vaterland muß leben können in allen Zeiten. Hurra!"
"Hurra! Hurra! Hurra!" donnerte es über den Ort. Da sprang der Girgl ganz unvorschriftsmäßig heraus und schrie:
"Kameraden, unser Hauptmann lebe!" "Hurra! Hurra! Hurra!" jauchzten die Glieder des Bataillons. Dann schrillen
Kommandos auf, wir schwenken ein, und die Züge marschieren dröhnenden Schrittes nach drei Richtungen
auseinander, jeder zu seinem Regiment.
Hans Zöberlein: Der Glaube an Deutschland
Die Schlacht an der Aisne
Frühjahr 1917
Schweigend marschierten wir. Die Nacht war lind. In den letzten Häusern von Prouvais fing einer zu singen an: "=
Deutschland, hoch in Ehren...", und wir fielen ein. Brausend, wie voller Orgelton, stieg das Lied in die schwarze
Dunkelheit. Andacht hielt unsere aufgewühlten Herzen gefangen. "Haltet aus im Sturmgebraus!" Eine Ahnung zog
durchs Gemüt von kommenden schweren Tagen, wo das Aushalten im Brausen der Feuerstürme schwer werden kann.
Das zog auch wie ein tiefer, dunkler Unterton durch die Strophen des Liedes. Wie oft hatten wir das schon gesungen,
übermütig und keck, stolz und trotzig - und hatten uns nichts dabei gedacht! Heute fühlten wir den Sinn des Liedes aber
deutlich und durchdrangen den Text mit der Lebendigkeit von Fleisch und Blut.
"Daß sich unsere alte Kraft erprobt..." Wir waren ja eigentlich nicht die von gestern und heute. Wir waren schon seit
alters her. Da sind wir in unseren Ahnen die Straßen zur Schlacht marschiert und haben in feinem Fühlen und Vorahnen
genau so andachtsvoll gesungen und der kommenden Tage gedacht, nur in anderen Röcken und Helmen. Mit uns
marschierte Deutschland, das in jedem von uns lebte und wirkte, wenn auch nicht in jedem gleich. Das trieb uns hinweg
über die Klippen menschlicher Schwächen, das hob uns hinüber über die Todesangst in schicksalsschweren iNlinuten
und grauenvollen Stunden. Das war immer gleich, immer groß und heilig, trotz unserer rauhen Sitten, die das
gewöhnliche Leben, dessen Zentrum der Magen ist, uns lernte. Wir konnten nicht sagen so inhaltlos, gedankenlos, daß
wir für Deutschland litten und starben. Das klarig so unwahr, so unrichtig, daß irgend etwas im Gefühl sich gegen diese
Phrase auflehnte. Deutschland sind wir selbst, Deutschland kämpft durch uns. Nicht der auf der Karte abgezirkelte
Fleck Erde ist Deutschland, sondern wir Soldaten und unsere Angehörigen daheim, Weib und Mutter und Kinder. Unser
Blut ist es. Jetzt marschiert es, morgen steht es vor dem Feind, und kämpfen wird es noch oft müssen. Eigentlich
immer! Bis einmal der Untergang des Lebens dieser Erde es auslöscht und in den Äther zerstäubt als Licht oder Kraft.
So sinne ich - und die Stiefel schlürfen den ewigen Rhythmus meiner Gedanken auf der Straße. Ein auf und ab
schwellendes Dröhnen des Feuers gibt die Begleitung dazu. Neben mir im Glied gehen die schwarzen Schemen der
Kameraden einlier im gleichen Schritt, als wären wir einer allein. Das ist so vertraut, so selbstverständlich, als könnte es
nie anders sein. Sie alle sind schwcigsam und hängen den Gedanken nach, die aus dem selten schönen Gesang vorhin
hervorschwangen. So kommen die ersten Häuser von Amifontaine in Sicht, und wieder hebt einer vorne zu sitigen an:
"Ich hab' mich ergeben..."
Und hell klingt die einfache Weise ins Dorf. Der Adjutant des Regiments empfängt uns und teilt uns mit, daß wir gleich
in Stellung vor inüssen. Es sei beim Regiment und auch beim Nachbarregiment heute angegriffen worden. Die Angriffe
seien zwar abgeschlagen, aber man weiß nicht, was der Franzmann noch weiter vorhat. Melduno, beim
Bataillonscefechtsstand in der Eckartsburg. Zuvor Handgranaten fassen im Pionierdepot, damit wir gleich eingreifen
Können beim Eintreffen, wenn es nötig sei.
In der Nacht geht es alte, bekannte Wege frontwärts. Die Straße nach Juvincourt ist noch dieselbe. Aber es ist mehr
Artillerie im Gelände, die mehr Kolonnen des Nachts vor und zurück in Bewegung setzt als im Herbst, wo diese Straße
ausgestorben und scheinbar zwecklos im Lande lag. Wenn es auch finster ist, wir merken doch, als wir durch Juvincourt
trappeln, daß die träumerische Ruhe der Ruinen verflogen ist, und stocken zögernden Schrittes, als am anderen Ende
der Straße der jähe Einschlgg einer schweren Granate aufblitzt und die Ziegel weit umherprasseln. Dann biegen wir
hastig und scheu durch einen verwahrlosten Hof von der mit Schutt übersäten Straße seitwärts aus der Gefahrzone aus,
klettern über lockere, unter den Füßen einbrechende Schutthaufen und staunen über eine früher nicht dagewesene
schwere Batterie, an deren Geschützen bei einem glimmenden Licht Kanoniere hantieren. Gerade sind wir über frische
Trichter weg in den Bahngraben eingebogen und lassen die letzten Ruinen zurück, da rauscht es haarscharf über uns.
Ffft - ffft - trumm - trumm - trumm! Das galt sicher der Batterie.
"Da rührt sich was", sagte der Girgl vor mir, "die Sanatoriumsruhe ist, scheint's, beim Teufel." "Ja, da liegt was in der
Luft", gebe ich zurück. "Die Frühjahrsoffensive kommt, an der Somme ist's ihnen zu dreckig, jetzt probieren sie's halt
ein Stück weiter unten." "Glaubst du, daß sie durchbrechen können?" "Wird nicht so leicht sein, wenn genügend
Artillerie hinter uns steht."
Von vorne rollte die Benzolbahn zurück. Wir stiegen aus dem Graben hinaus und gingen oben weiter bis zur Reimser
Straße. Ein Trupp gefangener Franzosen stand vor dem Gefechtsunterstand des Regiments. Sie schauen drein, als wären
sie müde und satt vorn Kriege, und sehen teilnahmslos auf unser Erscheinen im Sturrngewand. Ein kurzes Verweilen.
Der Führer meldet unser Eintreffen beim Regimentskommandeur. Dann tritt unser Major, der jetzt das Regiment in
Vertretung führt, heraus und sagt: "Es ist Zeit, daß ihr wieder kommt. Der Franzose wird alle Tage frecher. Sorgt mir
dafür, daß ihm ordentlich auf die Finger geklopft wird, wenn er wieder kommen sollte. Nun geht zu euren Kompanien
als Stoßtrupps! Eure Aufgabe ist, wo der Feind einbrechen sollte in die Stellung, ihn sofort wieder hinauszuwerfen. Das
habt ihr doch gelernt?" "Jawohl, Herr Major!"
Durch die altbekannte Vitzt humallee, einen der großen Laufgräben, gingen wir nach vorne. Unruhiges Störungsfeuer
lag über der Stellung. Durch die Bäume sahen wir ein großes Feuer im linken Nachbarabschnitt rot lodern. Dort hätten
die Franzmänner beim Einbruch in die Stelhim, einen Unterstand in Brand gesteckt, erzählten uns rückwärtslaufende
Ordonnanzen. Das wäre beim Nachbarregiment. Dort sei der Franzmann unter schwersten Verlusten wieder von den
Stoßtrupps unserer aufgelösten Sturmbataillone hinausgeworfen, die gerade noch zur rechten Zeit dort eingetroffen
wären. Auch in unseren wohlbekannten Abschnitt b 3, wo wir einmal so nahe am Gegner lagen, ist der Franzmann
hereingekommen und hat einen Gefallenen mit hinübergebracht, aber selber einige Tote und seine
Starkstromausrüstung zurücklassen müssen, Gummihandschuhe, Gummistiefel und mit Gummi umhüllte Drahtscheren
zum Durchschneiden des strorngeladenen Drahtverhaues. Das war alles vor wenigen Stunden geschehen. Wir stießen
beim Vorgehen auf eingeschossene Graberistellen. Alarmposten standen in der dritten Linie vor den Unterständen der
Reservekompanie. Bald trafen wir Bekannte, unsere Kompanie lag hier. Unser Eintreffen wurde allenthalben freudig
begrüßt, und wir empfanden, daß unsere Kameraden großes Vertrauen auf den Stoßtrupp setzten. Man sah eigentlich an
den altmodischen Vorbereitungen der Züge zum Vorrücken bei einem eventuellen Gegenstoß, wie überlegen unsere
gelernte neue Technik war.
Unser Kompanieführer schickte uns gleich in den besonders gefährdeten Abschnitt b 3 vor. Die Laufgräben waren
ordentlich zerrauft. Minen- und Granatblindgänger lagen häufig in den Gräben. Die Feuerstellungen waren an vielen
Stellen eingedroschen von schweren Volltreffern, abgeschossene Äste und Baumstämme sperrten an manchen Stellen
den Durchgang. Vorne im ersten Graben stand die gesamte Besatzung. Aber der Feind verhielt sich ruhig. "Schade, daß
es schon vorbei ist", bedauerte der Spangler, Jetzt hätten wir gleich unser Gesellenstückl machen können."
Die Spannung ließ wieder nach; die Bereitschaft wurde aufgehoben. In den folgenden Nächten schoben wir von
verschiedenen Abschnitten aus Patrouillen, um die Tätigkeit der Franzosen zu erforschen. Es erei,mete sich nichts. Wie
Molche wanden wir uns da kriechend durch das aufgeweichte Vorfeld und zitterten vor Spannung und Kälte unter
unaufhörlichem, eisigem Regen.
Wenn wir nicht in den Nächten den zerfetzten Drahtverhau flickten, dann mußten wir tagsüber die vom einsetzenden
Tauwetter abbröckelnden Gräben ausschaufeln. Ganze Grabenstücke waren nicht mehr passierbar, man wäre bis an die
Hüften in den weißen Kreidebrei eingesunken. Alles wurde weiß, und unsere Uniform paßte sich in kurzer Zeit der
Farbe des Geländes an, daß wir wie Müllerburschen aussahen. Obendrein regnete und schneite es durcheinander. Was
gestern sauber gemacht war, war am anderen Morgen wieder eingerutscht. Die Gräben wurden erschreckend breit. Man
konnte in manchen bequem mit einem Fuhrwerk durchfahren. Mit einer ungeheuren Energie räumten wir den Abschnitt
sauber, legten neue Roste über Wassersammellöcher und bauten einem weiteren Einrutschen mit Faschinen und
Absteifungen vor. Als endlich das Wetter besser wurde, wurde auch das Erdreich wieder fester.
Gegen Ende Februar kommt unser Bataillon nach Amifontaine in Ruhe zurück. Unsere ganze Kompanie wird auf dem
finsteren Dachboden eines Bauernhofes untergebracht. Die ganz Zerrissenen, zu denen ich gehöre, erhalten neue Hosen.
Man kennt sich gar nicht mehr - und als ich noch ein Paar neue Schnürstiefel gegen meine zerlatschten und zerrissenen
alten eintausche, habe ich allen Grund, eitel zu werden. Ich habe längst im Tornister ein Paar Wickelgamascheil mit
herumgeschleppt, die ich jetzt zum Entsetzen meines Feldwebels vorschriftswidri" anlege. Sogar frische Wäsche wird
gefaßt; Hemden, die wie Brennessel auf der Haut kratzen, und Socken, steif wie ein Breit, kaum ein Faden Wolle im
ganzen Gewebe. Aber sie sind wenigstens ohne Löcher.
Die Kompanien mußten täglich nach Juvincourt zum Schanzen und dort die Gräben der Reserve-I-Stellung instand
setzen, die verfallenen Unterstände säubern und das dürre Gras vor der Feuerbrüstung zu Boden treten, um Schußfeld
zu schaffen. Munitionsdepots wurden angelegt, Täfelchen mit Grabennummern und Unterstandszeichen angebracht.
Die Schoppgräben wurden ausgeschaufelt und die Drahtverhaue verstärkt. Zum größten Teil waren die Gräben aber
blank und ohne Hindernis.
Es wird immer lebendiger in unserer Gegend. Die Windstöße eines großen Unwetters jagen als Vorboten über das
Land. Noch wintert es, aber der Frühling soll in wenigen Wochen, dem Kalender nach, kommen. Föhnstimmung liegt in
der Luft. In den Quartieren wird von allerhand neuen Ereignissen gemunkelt. Eine Unmenge schwerer Artillerie soll im
Anmarsch sein. Reservedivisionen sollen in den Orten weiter hinten im Quartier liegen, und das Lager von Sissonne
soll voller Truppen aller Waffen stecken. Urlauber sagen, daß die Bahnhöfe in der Etappe von Munitionszügen fast
verkellt wären. Unsere Division hat einen eigenen Fesselballon bekommen. Wir sehen ihn an klaren Tagen hochgehen.
Und unsere Flugstaffeln schnurren eifrig zum Feind. Es spürt bald ein jeder, daß etwas ganz Großes sich zu entwickeln
beginnt. Zu einer Schlacht wird die Rüstuno, bereitet.
Ein düsteres Bild des Krieges sehen wir noch vor dem Abrücken in die Stellung. Hochbepackte Karren und weinende
Frauen sammeln zu einem langen, traurigen Zug vor der Ortskommandantur. Verbissene Männer haben sich in die
langen Zuggurte des Karrens gelegt. Amifontaine wird von Zivilisten geräumt. Das allein würde genügen, um uns den
Ernst der Lage vor Augen zu führen. Eine der schroffsten Härten des Krieges, die Vertreibung der Menschen von ihrer
Heimat, zieht an uns mit Fluchen und Klagen vorbei. Wir begreifen das und können es gut mitfühlen.
Eine Frau mit ihren zwei Kindern, die unserer Gruppe regelmäßig die Wäsche gewaschen hat, kommt noch zum
Abschied weinend in unser Quartier. Aber sie schimpft nicht über uns, sondern über die eigenen Landsleute. Wir
erklären ihr, daß eine große Offensive bevorsteht, daß dabei Amifontaine zu einem Trümmerhaufen wird und daß sie
mit ihren Kindern von den französischen Granaten erschossen würden. Zu ihrer eigenen Sicherheit müßten sie aus dem
Feuerbereich gebracht werden. Laut aufweinend geht sie fort und wünscht uns viel Glück in den kommenden Tagen,
nicht bedenkend, daß Glück für uns ein Unglück für ihre Landsleute ]ist. Der Pfarrer und der Malre machen stolze,
abweisende Gesichter, wie sie im Vorüberkommen die Frau bei uns sehen.
Und dann zieht der lange, düstere Zug zum Dorfe hinaus.
*
Ganz gegen den seitherigen Brauch brechen wir an einem Morgen zum Marsch in die Stellung auf. Es ist Sonntag.
Auf der Divisionshöhe verhalten wir, um den eingesehenen Südhang in einzelnen Gruppen zu passieren. Auf dem
Rücken der Höhe wird bereits eine neue Stellu rig ausgehoben. Die Luft ist frisch und klar. Breit und tief liegt das
schöne Land der Aisne zu unseren Füßen gebreitet. Der Lenz hat seinen ersten Hauch über das Land geweht. Aus dem
winterlichen Gelbgrau der Eintönigkeit beginnen sich ganz leise schon die ersten feinen Töne lebendigerer Farben zu
entwickeln. Vorne aus dem Wald ragt die kahle, sandige Spitze der Königshöhe mit ihren zerfetzten Baumstrünken.
Dahinter, schon ganz verschwommen iiii Dunst des Morgens, ziehen finster die weiten waldigen Hänge jenseits der
Alsne. Rechts im Grunde, von einem violetten Schimmer überhaucht, dehnt sich der Wald von Chevreux, aus dem eine
stelle Höhe nach Westen zu ansteigt, wie die Eckbastei eines Festungswerkes. Von ihrem Rüchen rinnen weiße Streifen
hangabwärts, und ihr Scheitel liegt blendend weiß in der Sonne, wie der Firnschnee auf den Bergen. Es ist aber nur
Kreide, die von den Granaten ausgegraben wurde. Eben dampfen die Rauchschleier einiger Einschläge auf dem Hang.
Unter), an den Hang gekauert, liegt in romantischer Gruppierung der Ruinenhaufen von Craonelle. "Winterberg" heißt
die Höhe in der Soldatensprache. Von ihr aus zieht ein breiter, massiger Rücken westwärts und verschwimmt in der
Ferne mit dem Horizont. Der Chemin des Daines., Unten, in der Ebene von Laon, hebt sich wie ein mittelalterliches
Bollwerk der Riß der Zitadelle und der beiden Türme der Kathedrale der Stadt. Und überall sind die weißen Flecken der
Dörfer in der Niederung hingestreut, Ein schönes Land, fürwahr! Nur nach links zu liegen die winterlich kahlen, trostlos
flachen Bodenwellen der Champagne. Ganz hinten im dunstigen Schleier, kaum mehr mit dem Auge erkennbar, standen
die Türme der Kathedrale von Reims über einem undefinierbaren hellen, dunstüberlagerten Gewirr, wahrscheinlieh der
Stadt selbst.
Bum - sssium - bum - sssium -! Hart an unserer Straße schlagen zwei Granaten ein. Bisher wurde diese Straße nicht
beschossen. Bumm, bumm - die Abschüsse! Wieder winseln zwei Granaten heran, eine vor uns, ein Blindgänger. Scheu
hasten wir an dem funkelnden, verschrammten Geschoß auf der Straße vorüber. Ein Fünfzehner, der Form nach eine
Sch Iffsgranate. Also hatten sie drüben jetzt Langrohre aufgestellt. Die Kompanie schwirrte wie ein Rudel Hühner
auseinander. Auch in den Ruinen ,von Juvincourt brüllen schwarze Wolken der Einschläge hoch. Holzfetzen flattern im
Bogen zur Seite, gelber Staub der zermalmten Steine flimmert in der Sonne. Im Laufschritt sausen wir durch die fast
kilometerlange Straße. "Der Franzl schießt sich schon ganz gut ein", stößt der Beni im Laufen hervor. Den weiteren
Weg legen wir ohne Feuer zurück. Wir kommen diesmal am Klingelweg und Schustergraben in Stellung. Unser
Stoßtrupp liegt gleich neben dem Unterstand des Kompanieführers. Deswegen muß ich Melde- und Fernsprechdienst
übernehmen. Häufige Leitungspatrouillen und Meldegänge halten mich den ganzen Tag auf den Beinen. Jedes
Grabeneek, jeden Baum auf eine Stunde im Umkreis lerne ich wie alte Bekannte gewöhnen.
Unheimlich still und verlassen ist nachts das Grabengewirre. Wie ein Alp liegt die tote Finsternis auf dem Empfinden,
wenn ich dann allein inich im undurchdringliehen Dunkel Schritt für Schritt dahintaste, die Hand vorgestreckt wie ein
Blinder, und das Grauen der Finsternis über dem Graben auf der Lauer liegt. Manchmal schrecke ich zusammen, wenn
Ratten mit feinem, giftendem Pfiff durch den Graben rascheln. Gierig saugt das Ohr dann jeden Laut in sieh. Und
manchmal warnt mich etwas plötzlich, und ich empfinde, daß ich mich in. der Finsternis verirrt habe. Dann taste ich
mich vorsichtig zurück, bis ich an die verpaßte Kreuzung des Grabens komme, suche den Verlauf der Telephondrähte
an der Wand und biege dann erleichtert in den rechten Weg ein. Hier und da in diesen Nächten fallen gellend und jäh
blendende Schläge auf die Gräben. Dann renne ich durch rieselnden Sandregen und ätzenden Rauch um mein Leben,
nicht mehr fühlend, wie ich mit dem Kopf gegen vorstehende Baumwurzeln stoße, bis ich, außer Atem und voll kalten
Schweißes, in die Kabine des Telephonisten auf der Eckartsburg stolpere. "Heut schießt er wieder wie der Teufel auf
die Frankenallee; grad vor und neben mir hat es eingehaueil." "Hab's mir schon denken können, daß das wieder auf die
Frankenallee gegangen ist! Wart halt ein wenig, bis es vorüber ist!" sagte dann die Wache am Stöpselapparat. Dann
griff ich in die Tabakschachtel, die immer gefüllt auf dem Tisch stand, als Privilegium der Meldegänger, und stopfte
meine Pfeile, während der Summer am Apparat leise erklang: "Töt-töt-töt."
*
Regimentsbefehl: "Die Stoßtrupps der Kompanien zur Granatwiese an der Reimser Straße!" Wie wir hinterkamen, gab
der Regimentskommandeur bekannt, daß innerhalb der nächsten Tage eine gewaltsame Erkundung des Regiments
durchzuführen sei. Jedes Bataillon für sich mit einem Trupp von fünfundzwanzig Mann. Es soll an drei Stellen in die
feindliche Linie eingebrochen und mindestens ein Franzose tot oder lebendig eingebracht werden, damit die Nummern
der gegenüberliegenden Regimenter festgestellt werden können. Jeder Mann eines erfolgreichen Trupps bekommt
zwölf Tage Urlaub und das Eiserne Kreuz. Unsere Gruppe meldet sich geschlossen. "Entweder alle oder keiner", meinte
der Amerikaner. Ein junger Offiziersstellvertreter übernahm die Führung unseres Bataillonstrupps. Ihm standen die
Achselstücke und das Eiserne Kreuz 1. Klasse in Aussicht. Auf der Eckartsburg wurde uns an Hand eines
Stellungsplanes der Einsatz des Trupps erklärt. Vorn Abschnitt b 3 sollten wir ausgehen. Da war wenigstens das
Vorfeld nicht breit. Fliegerbilder gaben uns erst noch genaue Einsicht in das Grabennetz der Franzosen. Einige
Unterstände waren deutlich zu erkennen. Es wurde geplant, in zwei Gruppen zu zwölf Mann in zwei Laufgräben
einzubrechen, dieselben abzuriegeln und das dazwischenliegende Grabenstück. aufzurollen, in welchem die
Unterstände lagen.
Endlich wurden Tag und Stunde bekannt. Wir wählten im Drahtverhau die beiden Ausbruchstellen und legten an die
Brustwehr die breiten Ausfalleitern an. Dann spähten wir vorsichtig nach der Stärke des feindlichen Drahthindernisses.
Es war, wie bei uns, eine doppelte Reihe aufeinandergetürmter spanischer Reiter; so dicht, daß man nicht durchblicken
konnte. Eine gestreckte Ladung putzte da schon eine ordentliche Gasse sauber zum Hindurchstürzen, wenn die Minen
nicht zuvor schon breite Löcher rissen.
So hatten wir alles gründlich vorbereitet, die Handgranaten in die Sandsäcke gesteckt und noch einmal nachgesehen, ob
die Sprengkapseln ordentlich saßen, damit es keine Blindgänger oder Spätzünder gab. Wir mußten mit der Wirkung
jedes Wurfes rechnen können. Alle Briefe und, Papiere, sogar die Erkennungsmarken blieben zurück, die
Achselklappen wurden abgetrennt und einzelne Waffenröcke mit den bayerischen Löwenknöpfen gegen die neuen
Röcke mit neutralen Beinknöpfen ausgetauscht. Nichts an uns konnte, wenn einer fiel und drüben liegenbleiben mußte,
verraten, zu welcher Truppe wir gehörten. Jeder schrieb seinen Namen und die Adresse unseres Feldwebels in Stettin
auf einen Zettel, den wir in die Rocktasche steckten. Ein sonderbar beklemmendes Gefühl beschlich uns dabei. Wir
machten unser Testament im Angesicht des Todes.
Dann waren wir bereit und bezogen einen für uns geräumten Unterstand der ersten Linie. Telephonisten hatten eigens
eine Leitung hierher gelegt zur rechtzeitigen Verständigung, wenn etwas Besonderes los sein sollte. Maschinengewehre
standen im Graben bereit, die vor dem Losbrechen unseres Trupps das Gelände abriegelten, um ein seitliches
Abschneiden durch die Franzosen zu verhindern. Das kriegerische Leben der Stellung war gegen den gewöhnlichen
Alltag um das Mehrfache gesteigert.
In den Stolleneingang hatten wir die gestreckten Ladungen geschoben: vier Meter lange Gasrohre mit dem wirksarnsten
Sprengstoff, Ekrasit, von unseren Pionieren hergerichtet. Vielleicht brauchten wir sie gar nicht. Unsere Feldküche hatte
eigens gebraten und gesotten; es ging hoch her beim letzten Schmaus vor unserem. Gang zum Feind. Unser Major kam,
und wie er die unternehmungslustige Stimmung sah, ließ er einen Korb Wein von seinen Ordonnanzen vorschleppen
und ein Kistehen Zigarren dazu. Wenn schon, denn schon, sagten wir uns und zechten drauflos mit einem Heidenlärm,
daß wir sogar die Zeit der Feuereröffnung verpaßten. Mittendrein kamen drei Pioniere daher; sie Wollten mitmachen
und drüben Unterstände sprengen. "Haut schon!" sagten wir. Und droben rumpelte das Vernichtungsfeuer über unseren
Lärm hinweg. Schwere Stöße rüttelten unseren Stollen; das waren die Zweizentnerminen, die alles zerdrückten auf zehn
Meter im Umkreis. Immer wieder löschte der Luftdruck die Kerzen aus, Wir schauten auf die Leuchtblätter der Uhren;
es ging auf 4 Uhr. Um 5 Uhr 25 war es Zeit zum Hinaufgehen; um 5 Uhr 30 begann der Vorstoß.
Allmählich wurde es ruhiger im Unterstand. Die leeren Weinflaschen klirrten zu Boden, einer wischte die Lachen lind
die Zigarrenasche vom Brett des schmalen Tisches. Von droben schütterten Einschläge durch die Decke. Der Posten
oben im Stollenausgang schrie herunter: "Jetzt haben sie drüben Sperrfeuer angefordert", und stieg, von einer Flut der
Einschläge beklemmt, einige Stufentiefer. Kreidebrocken kollerten herab, Feuerschein huschte über die Rahmen der
Stollentreppe. Wenn nun ein Treffer unseren Eingang einschlug? "Die Spaten herrichten!" sagte mit flackernden Augen
unser Truppführer; er hatte den gleichen Gedanken. Jetzt blies ein beklemmender Luftdruck alle Kerzen aus. Ein
Streichholz zischte, ein neuer Luftstoß erIöschte es. "Laß sein, wir brauchen jetzt kein Licht!" sagte einer. Glühende
Punkte der Zigarren glimmten aus allen Ecken. Der Beni stieß mich in die Seite: "Magst trinken?" -"Jetzt nicht; hebe
die Flasche auf, bis wir zurück sind!" - "Ich hab' ja einen Schnaps, dummer Kerl!" - "Dann tu her!" Eine Taschenlampe
blitzte auf, und einer sagte: "Schau nur, wie der sauft! Wäre ggcheiter, er täte jetzt beten." Einige, gezwungene Lacher,
dann war es wieder still. Oben wubberte das Feuer durcheinander. Stoß um Stoß zitterte durch die Erde, in der wir uns
geborgen hatten. Es ging auf 5 Uhr.
Da summte der Fernsprecher. Alles blieb still, um zu hören. "U 8 - halt aus!" Das war der Anruf. "Ja, dicke Kurzgänger
schon - alles wohlauf." Dann hängte der Telephonist wieder ein. Beim Franzmann sind drei Fesselballone hoch; es soll
niemand hinausgehen vor der Zeit. Massiges Störungsfeuer liegt über unserer Stellung bis zur Reimser Straße. Der
General beobachtet am Scherenfernrohr, wenn es losgeht. Unser Feuer hat der Beobachtung nach schon gut gewirkt.
Das klappte ja ganz gut. Wieder summte es. Der Nachbartrupp rief an, wie es bei uns stehe, und fragte nach der Zeit.
"508." Wir sehen auf unsere Uhren; es stimmt: Acht Minuten nach 5 Uhr.
Da torkelte unser Ausguckposten die Stufen herunter wie ein Besoffener. Ein beengender Luftdruck, Feuerzucken und
Dampf schlug mit einer rutschenden Erdmasse herab. Alles rumpelt auf. "Ruhe! Sitzenbleiben! Es hat nur den Eingang
halb verschüttet", rief der Truppführer. "Die Leiter hat es herübergeworfen, jetzt sind wir eingesperrt wie in einer
Hennensteige", stammelte der Spangler, der gerade oben gestanden ist. Der Franzmann schoß also bei dieser Nähe der
beiden Linien auf unseren Graben? Da hockten sie drüben gewiß in den Unterständen, und das gab dann einen
ergiebigen Fang. Aber jetzt schnell ausräumen!
Der Girgl, der Amerikaner und ich stiegen hinauf. Tatsächlich waren wir eingesperrt. Die breite Ausfallsleiter war von
einer Wucht Erde an den Eingang gepreßt. "Obacht unten, weiter werfen!" Zuerst räumten wir den Ausgang aus. "Ein
Seitengewehr 'rauf mit einer Säge!" Ein Pionier kam und schnitt die dicken Sprossen der Leiter durch. Keine drei Meter
daneben zersprang ein Schrapnell direkt im Graben. Rauchfetzen wehten draußen vorbei. Beklommen sahen wir das,
während wir' uns beim Schaufeln gegenseitig stießen auf der engen Treppe, bis wir endlich hinaus konnten.
Jetzt brauchten wir keine Leiter mehr, denn die vordere Grabenwand war schräg eingedroschen. Der Truppführer kam
herauf. Wir schauten, wie die Drahtgasse wäre. Ein Riesentrichter klaffte in unserem Hindernis. Mit dem Spaten hieben
wir einige noch den Weg versperrende Drähte ab und räumten auch hier aus. Aber drüben beim Feind stand noch das
Hindernis unversehrt. "Deckung!" brüllte plötzlich der Girgl, dann nahm uns ein brüllender Krach Hören und Sehen.
Fetzen und Steine brachen mit einer rutschenden Erdmasse auf uns herein. Ich wurde halb zu0.eschüttet und wühlte
mich heraus; der Girgl packte mich beim Arm und zog mich vollends empor. Er hatte gerade noch gesehen, wie eine
Mine direkt auf uns zustürzte.
Wir taumelten in das Stollenloch, voll Dreck und im Gesicht weiß wie die Kreide, die an uns hing. "Wo bleibt ihr denn,
es wird doch Zeit?" fragten sie unten. Jünf Minuten noch!" "Seids fertig?" Schon lange waren sie ferti,. Der Beni hängte
mir die Handgranatensäcke und den Karabiner um. Dann stiegen wir hinaus in den Trichter. Die Pioniere trugen die
gestreckte Ladung. Jeder stand an seinem Platz; ich gleich hinter dem Führer als kurzer Werfer, hinter mir der Girgl als
Weitwerfer. Alle hatten einen bangen Zug im Gesicht. Mir lief ein Frösteln hinunter, während ich auf die Uhr blickte.
Noch zwei Minunten. Das Feuer des Franzmanns hatte etwas nachgelassen!
Jetzt, jetzt! Ein MG. beginnt gleich neben uns hölzern züi hämmern, Und da fiel die Feuerglocke unserer Artillerie,
grimmig fauchend, über das Grabenstück drüben. Den Einschlägen nach standen wir rechts. "Los!"
Da sausten die Pioniere mit dein Rohr hinüber, schoben es gebückt durch das Hindernis, und dann gab einer mit der
Hand ein Zeichen im Hinwerfen. Wir zählten: Eins, zwei, drei, vier - eine riesige Sprengwolke brüllte, Drahtblöcke
flogen. Wir rannten hinüber und durch die Wolke hindurch in die wirbelnde Welt beim Feind.
Ein fast unversehrter Graben liegt offen; wir sprangen hinein, und schon taumelten die ersten Handgranaten im Bogen
den Graben entlang. Französische Handgranaten und Gewehre lagen herum. "Los! Der Graben ist ein ganzes Stück weit
leer", brüllte der Führer, und wir brüliten nach hinten zu unseren Trägern: "Los!" In duckender Hast sprangen wir von
Schulterwehr zu Schulterwehr. Kein Mensch im Graben. Ein schwarzes Loch in der Wand - ein Unterstand -, nichts
rührte sich unten. Handgranaten hinunter. Dumpfe Schläge, weiter nichts. Die Pioniere sind auch da; einer von ihnen
steigt schnell ein paar Stufen hinab. Dann stürzt er heraus: "Weiter!" Kaum einige Sekunden drauf wankt der Boden;
ein dumpfer Stoß; gelber Rauch wird aus der Öffnung gestoßen, die lautlos zusammenrutscht.
Über uns weg peitscht der Schauer von Gewehrkugeln. "Die Hunde haben den vorderen Graben geräumt", brüllte der
Martl. Wir hasten weiter, die Handgranaten wurfbereit, unsere Träger mit der Faust am Kolbenhals des Karabiners.
Wieder ein Unterstand. Ich schrie hinab in singendem Ton, wie ich es von den Franzosen gehört habe: "Les Allemands
- allons - allons!" Nichts regt sich. Ein Schriftstück ist an das oberste Brett genagelt: "Alarme de gaz" steht darauf. Ein
Griff, ich reiße es ab und stecke es zerknüllt in die Tasche. Wieder steigt der Pionier hinab mit einem viereckigen roten
Paket, und gleich darauf ist er wieder oben: "Weiter!" Und wieder wankte nach einigen Sekunden der Boden, und der
Stollen sinkt ein.
Wir müssen doch bald auf den anderen Trupp stoßen? Vorhin sahen wir einige Handgranaten fliegen. Der Martl hebt
den Spaten hinaus zum Zeichen, wie weit wir gekommen sind. Aha, gleich ein paar Schulterwehren weiter taucht das
Blatt eines Spatens heraus. Sie sind es. Wir rennen vor und stoßen auf die anderen. Der Offiziersstellvertreter ist vorne
dran. "Wie steht's, habt ihr was erwischt?" -"Der ganze Graben ist leer, kein Schwanz rührt sich!" - "Dann können wir
nichts ausrichten. Unterstände sprengen und wieder zurück!" Wir kehren bedepft um. Der Franzmann schmierte uns
richti" aus. Wir schauten auf die Uhr: die zwanzig Minuten der vorgesehenen Dauer waren fast um. Die Artillerie hörte
dann programmäßig zu schießen auf.
"Was ist's jetzt, packen wir die zweite Linie an; wir können doch nicht so leer umkehren?" fragte der Führer.
"Jawohl, probieren wir es!" gaben wir zurück. Unsere Absperrung stand noch richtig am Grabeneck, wo der Laufgraben
hinterlief zur zweiten Linie der Franzosen. Wir ließen die Pioniere da zur Deckung, und darin schoben wir in den
Laufgraben los. Eine französische blaugraue Mütze lag am Boden. Ich steckte sie ein. Dann rollten wir den Laufgraben
auf mit Handgranaten; er war natürlich ebenso leer.
Aber jetzt kamen wir an die zweite Linie heran. Herrgott, war die besetzt! Da zischte und knallte es auf den Laufgraben
nur so her. Handgranaten krepierten vor uns. Wir kamen in ein Höllenfeuer - und stockten. "Salve!" rief unser
Truppführer. Zehn Handgranaten taumelten durch die Luft. Ein mächtiger Wirbel der Detonationen. "Los!" Wieder
stürzten wir 20 in vor, in den Rauch unserer Handgranaten hinein. "Salve! Nochmals Salve!" Das fützte ordentlich. Jetzt
hatten wir nicht mehr weit. Französische Stahlhelme tauchten schon blitzschnell auf vor uns. Da rissen welche aus.
Handgranaten flogen heran. Ein MG. hauelte über unsere geduchten Köpfe in den spritzenden Dreck. "Drei Salven,
dann los!" schrie der Führer, und wir brüllten es den hinter uns Stehenden in dem Geknall und Geprassel zu. Ein Hagel
von Handgranaten flatterte voran: tschumm - tschumm - tschumm - rrrr! rollten die Salven. Dann stürzten wir vor. Mir
hielt die Beklemmung den Atem an. Dicht hinter dem Führer rannte ich. Jetzt kam es zu etwas Wüstem, Grauenhaftem:
dem Nahkampf.
Da stockte ich plötzlich und riß den Führer am Arm zurück. Ich hatte In einem seitwärts abzweigenden engen Graben
etwas gesehen und bin erschrochen. Wirklich ein Franzose! Hinter mir stießen sie von dem plötzlichen Halt
aufeinander. Wir schauten uns nur einen Herzschlag lang an. Dann schob der Girgl mich in den Graben hinein, ohne ein
Wort zu sagen, und die anderen schoben nach. Kaum zehn Schritte voraus stand ein graublauer Franzmann im
Zwielicht der Dämmerung und schoß mit seinem Gewehr eifrig nach links in den Hexenkessel hinüber. Ein Sprung -,
dann hatte ich ihn von hinten umklammert, daß er keinen Arm mehr bewegen konnte, und ehe er im Schrecken
aufzusehreien vermochte, hatte ihm der Girgl Über in,.ie Schultern hinweg die Fäuste um den Hals geklammert. Dann
zog mich der Girgl mit seiner Bärenkraft samt dern Franzosen in den Laufgraben zurück. Grimmige Freude auf allen
Gesichtern: wir haben einen! "Ein Mordslackl", sagte der Martl. "Zurück jetzt, wir decken! Saust, was ihr könnt, sonst
werden wir noch abgeschnitten!" Ich war unbändig stolz. Der Beni haute mir geschwind mit den Fingern symbolisch
das Eiserne Kreuz 1. Klasse an die Brust.
Unser Gefangener begann sich zu sträuben. Er wollte nicht weiter und legte sich hin. Wutentbrannt schlug ich ihn mit
der Faust ins Gesicht, dann schleifte ich mit dem Girgl den Franzmann am Boden durch den Dreck. Hinten drängten sie
schon nach. "Saust, die Franzln kommen über das Feld gesprungen!" schrie der Beili und knallte mit dem Karabiner
hinaus in die anbrechende Dunkelheit. Die Pioniere standen noch an der Absperrung und schossen ebenfalls, was sie
herausbrachten. Ein unheimliches Feuer pfiff über uns weg. Ganz nahe schon drängten die Franzosen. Einer der
Pioniere taumelte beim Hinaussteigen zurück. Die anderen packten ihn und zerrten ihn hinüber. Unser Franzmann
merkte den nahenden Kampf und wollte strampelnd loskommen. "Derschieß ihn!" brüllte der Girgl. Ich baute ihm eine
Handgranate so kräftig auf den Kopf, daß er nachgab; dann schleppten und schleiften wir den Franzmann über das
Vorfeld und warfen ihn kopfüber in den Stollen hinunter, Da waren auch die anderen schon da. Keiner fehlte.
Unser ganzer Graben prasselte nun vom Feuer der Kompanie, die in banger Erwartung des Ausganges die Stellung
besetzt hatte. MG.s hackten hinüber, und dröhnende Salven der Handgranaten trieben drüben die Franzmänner in
Deckung. Die erste Leuchtkugel zischte empor, ein grüner Stern rieselte langsam seine Pracht über das rauchende
Gelände, das Zeichen, daß die Erkundung beendet war.
Unten im Stollen war ein ausgelassener Lärm vor Freude. Es war auch aller Grund dazu gegeben. Erst jetzt wurde uns
klar, in welche Falle wir uns begeben hatten. Die Franzmänner hatten uns eigentlich erwartet und wollten Uns Über das
freie Gelände hinweg abschneiden und schnappen. Jetzt freute es uns erst recht, daß es gelungen war, aus dieser Falle
sogar einen Franzmarin herauszuholen.
"Hans, da sauf! Der Kompanieführer hat ein Faß Bier versprochen; das holen wir jetzt!" schrie der Amerikaner mich an.
Ich trank in langen Zügen, dann gab ich den Rest dem verwundeten Pionier, der eben von einem Krankenträger
verbunden worden war. Er hatte einen Streifschuß an der linken Brustseite. Der Franzmann saß lächelnd unter uns und
kauderwelschte mit unserem Truppführer. Sein Gesicht war verschwollen, wo ich ihm die Handgrariate aufgesetzt
hatte. Er deutete darauf und meinte wegwerfend: "Un peu malade, c'est égal!" Ich merkte erst jetzt, daß er ein Bärenkerl
war und dem Brunner-Girgl an Kraft und Größe nichts nachgab. "324" stand in schwarzen Zahlen am niederen Kragen
seines Spenzers. Er gab zu, daß seine Leute beabsichtigt hätten, uns von zwei Seiten zu umgehen. Lakonisch sagte erz
"La guerre finiel" Auf die Frage, ob von den Franzosen eine Offensive zu erwarten sei, bestritt der Spitzbube das ganz
entschieden und sagte, die Pollus wollten nicht mehr angreifen gegen die deutschen MG.s.
Der Offiziersstellvertreter vom anderen Trupp kam. Er war etwas beschämt, weil er keinen Franzosen mitgebracht
hatte. Dann gingen wir mit ihm zur Eckartsburg zurück, wo er den Franzosen unserem Major präsentierte als Beute
seines Stoßtrupps. Wir schauten uns betreten an, aber der Major begann gleich eine fließende Unterhaltung auf
französisch mit dem Franzmann, deren Ende wir nicht abwarteten. Wir hörten noch, daß die Stoßtrupps dcr anderen
Bataillone unseres Regiments ohne Erfolg umkehren mußten und schwere Verluste erlitten hatten. Beim linken
Nachbarregiment haben sie sechs Franzosen erwischt. Jedenfalls ist der erwartete Erfolg erreicht, die
gegenüberliegende Division war erkannt. Und die Aussagen der Gefangenen bestätigten, daß drüben ein ungeheurer
Angriff vorbereitet würde.
Wie ich in der folgenden Nacht eine Meldung zur Eckartsburg bringe, erfahre ich, daß der Offiziersstellvertreter schon
in Urlaub gefahren war und das E. K. 1 bekommen hätte. Von unserem Urlaub war nichts bekannt. Als wir frag. ten,
erhielten wir den Bescheid, daß im Hinblick auf die gespannte Lage der Urlaub gesperrt worden sei in der siebten
Armee, zu der wir gehörten. Verärgert schleichen wir durch die Gräben, und die Räsonierer in der Kompanie lachten
Ulris aus- ",Da habts den Schwindel! Ihr holt einen Franzosen herüber, und der Stiefeltreter kriegt 's E. K. 1, weil er
keinen erwischt hat."
*
Jeden Tag kommen neue Beobachter der Artillerie in un. seren Abschnitt und schießen ihre Batterien ein. Wenn wir das
merken, schlüpf en wir in die Unterstände, denn die ersten Schüsse sitzen meist in unserem Graben. An einem
Vormittag haut ein Einundzwanziger direkt in unsere Stellung, zerreißt einen Reservisten und verwundet seinen
Postenkarneraden schwer. Die Batterien hinten bestreiten, daß sie es gewesen seien. Eine Fürifzehnerbatterie setzt sogar
eine ganze Rollsalve auf unsere zweite Linie und tötet einen Unteroffizier und vier Mann der Minenwerferkompanie.
Wie der Beobachter kommt, behauptet er fest und steif, das sei der Franzmann gewesen. Er stellte sein Scherenfernrohr
in der zweiten Linie auf und sagte: "Jetzt paßt einmal auf, wo wir hinschießen!" Er rief einige Zahlen in den
Fernsprecher und dann. "Feuer!" Wir liefen zur Seite in unseren Stollen, da pfeift es auch schön von oben herab und
direkt auf unseren Graben. Das Scherenfernrohr fliegt in hohem Bogen durch die Luft, und der Beobachter ist nicht
mehr zu finden, weil ein Volltreffer seiner eigenen Batterie ihn zerrissen hat. Wir müssen trotz der ungeheuren Tragik
über die Komik der Situation lachen. Unser Major kommt später mit dem Major von der Artillerie in den Graben vor.
Es gibt einen Pfundskrach, der uns königlich erfreut.
An einem klaren Nachmittag stehe ich auf Posten. Da fährt hart an mir vorbei von hinten eine Granate, haut meinen
Schutzschild um, daß Funken stieben, und fährt wie ein silberner Pfeil senkrecht wieder schier 30 ni hochl überschlägt
sich ffrt - ffrrt mit einigen Purzelbäumen und haut dann drüben beim Franzmann klatschend auf die Grabendeckung.
War das ein ausgezeichneter Blindgänger! ich habe immer gewartet, daß das blitzende, nagelneue Ding krepieren sollte.
Im Stollen erzählte ich den seltsamen Glücksfall. Der Beni spottete: "Da reden s' alleweil von unserem schlechten
Material, eine Granate vorn Franzl wär' da längst zerbrochen, aber die unseren bleiben ganz, so gut sind sie."
Die Nächte waren von geschäftigem Lärm beim Feind erfüllt. In den Gräben wurde lebhaft geschanzt. Das Knarren
unzähliger Fuhrwerke trug der Wind von den Straßen in Pontavert herüber zu uns. Das nahm die ganze Nacht kein
Ende. Unsere Artillerie unterhielt schweres Störungsfeuer auf die Stellungen und das Hinterland. In Pontavert und
Chaudardes wurden Häuser in Brand geschossen, deren rote Glut erst gegen Tag erbleichte. Einmal krepierte mit einem
weit hörbaren Donnerschlag ein großer Munitionsstapel drüben. Auch bei Tage sahen wir bei Chaudardes eine
mächtige, turmhohe Rauchwolke aufschießen, der lange Sekunden danach ein grollender Donnerwirbel folgte. Ein
Riesendepot von Granaten mußte dort in die Luft geflogen sein. Was wohl da drüben noch für Unmengen bereitgelegt
waren? Es hieß, daß die kommende Schlacht an Wucht und Größe alles Bisherige übertreffen werde. Ein banges
Grauen vor dem Kommenden und die Ahnung unsäglich schwerer Tage lag auf den Gemütern.
Um die Stärke der feindlichen Artillerie zu erforschen besetzten wir an einem Abend den ganzen Abschnitt des
Regiments. Schlag 9 Uhr eröffneten wir aus MG.s und mit Handgranaten ein wahnsinniges Feuer gegen die feindliche
Stellung, nur eine Minute lang, dann verschwanden wir schleunigst in unsere Stollen. Wohl hundertfach schossen
drüben die ganze Front entlang die roten Leuchtkugeln und forderten Sperrfeuer. Dann wirbelten die Trommeln der
Artillerie stundenlang oben über die Erde. So massiv und lückenlos lag das Feuer, daß jedes Brüllen uns im Unterstande
vom Munde geweht wurde. Im Vibrieren der Luft ertrank jeder Laut. Ein fortwährendes Zittern schütterte die
Stollenrahmen.
Die Rührigkeit der Franzosen nimmt von Tag zu Tag zu. Ganz ungeniert schanzen und klopfen sie drüben. Es werden
sogar schon Drahtgassen geschnitten. Von meinem Posten aus schieße ich nachts einen Franzmann beim
Drahtschneiden ab, Am anderen Morgen beginnt in unserem Zuo,abschnitt ein heftiger Handgranatenkampf. Dabei
bekomme ich eine ganze Anzahl feiner Splitter in meinen rechten Arm. Gerade beim Ausholen zum Wurf einer
Handgranate krepiert eine französische vor meinem Schutzschild und gibt mir einen förmlichen Hieb an den Arm. Aber
ich achte nicht weiter darauf, es gibt ja nur ein paar Tropfen Blut, und die kleinen Löcher heilen rasch zu, ohne jede
Pflege. Erst später, nach Monaten, als ein Splitter nach dem anderen auseiterte, machte mir die Geschichte zu schaffen.
Beim Franzmann aber ging die Werferei sicher nicht unblutig ab. Einmal sah ich, wie ein Stahlhelm drüben in einer
Handgranatenwolke emporwirbelte. "Den Kopf hätte ich sehen mögen, der ihn aufgehabt hat", meinte mein' Nachbar.
Gegen Abend trommeln die Artillerien regelmäßig wütend auf einen Abschnitt der Front. Da versuchen einmal die
Unsern, ein andermal der Franzmann eine gewaltsame Erkundung. Aber mit dem seitherigen System bleiben die
Erfolge aus, auch bei uns. Man kennt das schon, und der Einbruch erfolgt regelmäßig in menschenleere Gräben,
während seitlich schon Stoßtrupps zum Abschneiden des eingedrungenen Gegners lauern.
Der März geht zu Ende. Wir mutmaßen, daß es nicht mehr lange dauern kann, bis die letzte Feuervorbereitung
losbricht, der dann gewiß ein unerhörter Anprall der französischen Divisionen mit Tanks und Fliegern auf dem Fuße
folgt. Wenn nur wir dann nicht mehr in diesen, dem Untergang geweihten Gräben liegen und zugrunde gehen müssen,
ehe wir uns mit der Infanterie des Feindes zur EntsAeidung messen können. Am Morgen des 2. April geht unser
Divisionär durch die Stellung. Ich stehe gerade auf Posten. Er fraut mich über den Feind; ich sage ihm, wie ich mir
denke, was drüben vorgeht, und er meint, daß der Ausbruch der Schlacht unmittelbar bevorstünde.
Wie eine Erlösung ist es, als wir in der Nacht darauf von unserem zweiten Bataillon abgelöst werden, das in einer neuen
Ordnung die Stellung bezieht. Wir hören, daß die Masse der Kompanie in den schweren, tiefen Stollen der zweiten
Linie liegt, daß die Unterstände vorne gesprengt werden sollen und nur mehr Sicherungsposten ausgestellt werden. Das
ist einmal richtig, sagten wir zueinander.
*
Es war schon heller Tag, als wir zurückgingen. Der Wald war bereits bös zerzaust, die Laufgräben an vielen Stellen
ganz seicht und breit eingeschossen. An der Reimser Straße gab es große, frische Trichter. Der Bahngraben hatte auch
verschiedene Treffer. An den abzweigenden Gräben der Reserve-I-Stellung halten wir. Unsere Kompanie bleibt in
dieser Stellung als Artillerieschutz zurück; die anderen Kompanien kommen nach Amifontaine. Mein Zug bezieht
gleich den Stollen neben dem Bahngraben, dessen Hölzer schimmeln und tropfen vor Nässe. Wir richten uns Klappen
ein zum Liegen.
Nachts müssen wir zum Schanzen heraus, unseren Stellungsgraben, den wir schon früher bearbeiteten, vertiefen und
zum Antritte zum Schießen abstechen. Quer über den breiten Bahngraben nebenan wird eine verfallene Brustwehr neu
aufgerichtet mit einem Tunnel für den Zug. Einige hundert Meter links von uns ragen die weißen Mauerreste einer
Windmühle von einem kahlen Hügel. Dort steht eine Batterie bayerischer Feldhasen. Es wird ununterbrochen geshanzt
und gearbeitet, kaum daß wir ein paar Stunden zum Schlafen kommen.
Man kennt die vordem idyllische Gegend nicht wieder. Ein verstecktes Leben reut sich allenthalben. Melderstafetten
werden abgestellt, die durch die Schoppgrüben nach hinten bis zur Brigade laufen. Die ehemalige Einsamkeit
verfallener Gräben ist einem Kribbeln von Soldaten gewichen, und die Stille verlassener Felder wird von den
Abschüssen der versteckten Geschütze jäh zerrissen. In den Nächten lodert der Himmel beim Feind vom furchtbaren
Flammenzucken der Geschütze, und die ganze Front entlang murrt der Wirbel des Feuers.
An einem Nachmittag steige ich aus der stickenden Enge des Stollens zum Luftschnappen hinauf, von einer bangen
Neugierde getrieben, was dieses trommelnde Schüttern des Bodens bedeutet. Es ist sonnig warm. Drüben beim
Franzmann steht eine lange Kette Fesselballone. Ich zähle über zwanzig Stück. Im Walde von La Ville-aux-Bois spukt
ein phantastisches Spjel von grauweißem Dampf mit Erdfahnen und wirbelnden Asten. Die Königshöhe ist zeitweise
ganz von Rauchwolken eingehüllt. Das Gelände dampft, und über. all springen kleine und große Erdbrunnen auf. Das
weiße Band der Reimser Straße raucht wie ein Fluß in der Winter. sonne bis nach Corbeny hinüber. Grobe Holzfetzen
flattern im Walde, da sinkt ein Baum um in einer riesigen Sprengwolke, dort hebt es einen riesigen Stamm kerzen.
gerade empor, und dann verhüllt schwarzer Rauch seinen Sturz. Haushoch stehen diese schwarzen Explosionen im
Wald. Immer wieder neue Schrapnellwölkchen fliegen weiß Über den Kronen der Bäume und verwehen im Wind.
Gebannt starre ich in dieses packende Schauspiel der Ver. nichtung. Das ist kein gewöhnliches, starkes Feuer mehr, das
ist das zerdrückende und fressende Vernichtungsfeuer vor einem Angriff. Das grollt und murrt wie lang gebändigt
gewesene Wut. Und wenn die regelmäßigen schweren FinSchläge bei der Windmühlenhöhe verkracht sind, hört man in
den Zwischenpausen bis zur nächsten Salve, wie es nach links in die Champagne und nach rechts auf Laon zu in
monotonem, rasendem Wirbel trommelt. Eine niederdrükkende Wucht der feindlichen Gewalt legt sich auf das Geinüt.
Die Tage in den Trichtern vor Verdun und den Stollen an der Somme dämmernwieder herauf mit ihrer Qual. Jetzt ging
es hier an der Alsne los in noch wilderem Takte des Rasens.
Einige Kameraden kamen herauf und betrachteten erbleichend das grausige Schauspiel. Der Beni meinte: "Diesmal
haben sie uns in der Pfanne, da vorne werden wir alle gefressen ohne Gnade. Einmal müssen wir doch auch
drankommen in diesem Krieg." -
"Schau nur, wie's in Juvincourt staubt!" Die Ortschaft lag gut 500 in rückwärts. Riesengroße, gelbe Sprengwolken
standen über den Ruinen, schwarze, zerrissene Einschläge fächerten auf und sanken wieder zusammen. Bei der Kirche
mußte es brennen, graue, diche Wolken quollen dort unaufhörlich hinter den Ruinen hervor. Ein feindliches
Fliegergeschwader kommt von der Front. "Fliegerdeckung!" Vom Stolleneingang schaue ich nach oben. Sie kommen
ganz tief daher. Deutlich sind die Farben der Kokarden an den Tragflächen zu erkennen. Was ist das? - Sie werfen
etwas Weißes ab? Eine Unzahl Blätter wirbelt in der Luft, vorn Winde nach Juvincourt abgetrieben. Nebenan beim
ersten Zug fallen einige herab. Ich springe hinüber und hole eines davon. Da stand: "Deutsche Soldaten! Wollt Ihr
Frieden? Wollt Ihr wieder genug zu essen und nicht mehr hungern und leben wie Tiere? Wir wissen es, Ihr habt viel
ausgehalten, aber diesen Sommer werdet Ihr nicht mehr der vereinten Kraft unserer gut genährten, vor Begeisterung
glühenden Soldaten widerstehen können. In wenigen Wochen werdet Ihr aus Frankreich und Bel(Yien hinausgetrieben
sein. Die ganze Welt steht auf gegen Euren wahnsinnigen Kaiser und seine blutdürstigen Generale. Hört es, deutsche
Soldaten! Das mächtige, friedliche Anieri a hat Euch den Krieg erklärt! Es kann nicht mehr länger beiseite stehen und
zuschauen, wie Euer Kaiser und Tirpitz mit dem unmenschlichen U-Boot-Krieg dem Völkerrecht ins Gesicht treten,
und kämpft jetzt in der Front der Entente für das Recht der Völker! Wollt Ihr der Vernichtung entgehen, dann kommt
ohne Waffen herüber, und Ihr seid gerne willkommen bei uns und den Hunderttausenden Eurer Kanieraden, die in
Frankreich frei und ohne Gefahr leben! Sie fordern Euch auf, nicht unnützen Widerstand zu leisten und dadurch den
Sieg der Demokratie auch für Deutschland zum Wohle Eurer Frauen und Kinder aufzuhalten. Wir sind furchtbar
gerüstet. In einer Schlacht, wie sie die Welt noch nicht sah, werden die tapferen Soldaten der Entente, die Sieger von
Verdun und von der Somme, die Front durchbrechen und der Welt den Frieden bringen. Wer nicht unnütz sterben will,
der komme mit dein Losungswort Frieden und Brot' zu uns. Er wird wie ein tapferer Kamerad aufgenommen sein und
sich die Achtung der ganzen Welt verdienen.
General ... des ... Corps."
Im Stollen las ich es den Kameraden vor. Es machte kaum einen Eindruck auf die Leute, höchstens den, daß die
Angriffsabsicht endlich bestätigt wurde. Aus Amerikas Eintritt in den Krieg machten wir uns nichts, denn Ame,i war ja
schon lange der geheime Verbündete der Enten Die Granate, die mich vor einem Jahre am Toten Mann verwundete,
trug an einem Splitter des Bodens den Stempel "Bethlehem Steel". Amerikas Demokratie ist ein Geldgeschäft.
Da hatte der Tagesbefehl unserer Armee schon anders ge. klungen. Keine Überhebung, sondern der Ernst und die Ruhe
der Gefaßtheit auf das kommende Schwere, die Sicherheit des Vertrauens auf uns hatte daraus gesprochen. Und der
Tagesbefehl unseres Divisionärs hatte knapp und schnei. dend gesagt, daß das Schicksal der Schlacht in unseren
Händen lag, die wir zuerst mit dem Feinde aneinandergerieten. Bei uns lag es, ihren weiteren Verlauf zu bestimmen,
wir konnten dem Franzmann die erste Abfuhr geben, daß er auf seine großen Ziele vergaß. Auf dem Wege nach
Deutschland standen zuerst wir, und bis wir in den Boden kartätscht waren, mußte dem Franzmann der Atem
ausgegangen sein. Diesmal sind halt wir bei den ersten, verlorenen Divisionen, die solch eine Schlacht als Opfer
verschlingt. Unser Leutnant sagte das so ruhig, und wir trugen es mit der Ruhe des Schicksalhaften. Daß die Schlacht
heute begonnen hatte, konnten wir an der Wucht des Feuers erkennen. Es war der 4. April.
Wir müssen gegen Mitternacht zur Windmühlenhöhe zum Schanzen. Wie eine Mondlandschaft sieht der Hügel schon
aus; lauter große Trichter haben weiße Kreide ausgeworfen, man könnte meinen, es habe frisch geschneit. Artile
leristen schaufeln ein umgeworfenes Geschütz aus, das seine Räder nach oben streckt; wir greifen mit zu. Sie erzählen,
daß zwei Geschütze heute zerschossen worden sind und daß dafür zwei neue vorgebracht würden. Auch einen
gefährlichen Kartuschenbrand hätte es gegeben und einige Verwundete. Diese Batterie gefällt uns; denn trotz allem
bleibt sie da in diesem gefährlichen Eck. Morgen früh wird sie wieder schießen, was gerade herausgeht, zum Ärger der
Franzosen. Eben schaffen sie von hinten frische Geschoßkörbe heran. Mit sechs Pferden wird eine Kanone über die
Trichter geschleppt; Kantschus klatschen auf die Hinterbacken der schwer in den Geschirren liegenden Rosse. Mit
einem Male heult es kurz heran, ein höllischer Schlag reißt einen Mauerfetzen der Mühle ein. Steine prasseln. Aber das
Geschütz steht da, die Pferde werden abgehängt und preschen paarweise im Bogen nach hinten.
Aber dann fährt unausgesetzt Granate um Granate heran. Wir ziehen schleunigst ab und geben in dem wachsenden
Feuer das Schanzen auf. Im Rennen bleibe ich mit der Spitze meines geschulterten Pickels an einem Telephondraht
hängen; ich bücke mich, um freizukommen - im gleichen Augenblich zerschellt ein Schrapnell an der Grabenwand und
wirft eine Laduno- Kreide herab. Der gute Telephondraht war mein Glück, ich fluche ausnahmsweise einmal nicht über
das Hängenbleiben. Hinter mir heben sie einen Landstürmer auf, dem das Schrapnell einige Kugeln in die Schulter
gejagt hat.
Unsere Krankenträger sind dauernd im Trab. Bei den anderen Zügen hat es auch schon mehrere Verwundete gegeben,
und auf den Wegen von und zur Stellung kommen alle Verwundeten in unseren Graben um Hilfe. Die Trägertrupps der
vorne liegenden Kompanien gehen bei uns nie vorbei, ohne zu rasten im Stollen für einige Minuten, und erzählen von
den Verlusten auf dem Wege und der er',wüstung der Stellungen vorne im Wald. Vorne trommelte das
Vernichtungsfeuer nun schon einige Tage. Mit wachsender Heftigkeit zieht es immer weitere Kreise ins Hinterland. Die
Trichter im Brachfeld um uns her werden immer zahlreicher. Wie starre Augen standen drüben die Fesselballone.
Einmal sah ich von unserer Feuerstellung aus einen brennend abstürzen. Bald darauf kam einer unserer Flieger ganz tief
dahergeschaukelt und ging hinter Juvincourt nieder. Ein Franzose, der ihn verfolgte, wurde von unserer Artillerie in
Fetzen geschossen. Wir lachten schadenfroh darüber. Unser Flieger stieg wieder auf und flog heim zu seiner Staffel.
Beim Franzmann gingen zu unserein Ergötzen fast täglich einige Ballone in Rauch und Flammen auf.
Am Karfreitag war es hell und klar. Das Feuer des Feindes quoll zu unheimlicher Stärke auf. Am Mittag fiel auch über
unseren Graben das Feuer mit staunenswerter Präzision nieder. Die zitternde Luft drückte unsere Lichter aus. Schwere
Stöße rüttelten zornig an den Stollenhölzern. Jetzt sind wir auch drangekommen. Horcht nur, wie da, droben umbaust!
Gott sei Dank hatte unser Stollen zwei Ausgänge, für den Fall, daß es einen davon eindrosch. 6 in Deckung hatten wir
zwar, aber die Hölzer ächzten in der Stille des Schweigens. Es war, wie wenn Glocken oben angeschlagen würden:
"klangg - klängg - klungg!" Dann schob die Detonation die Erdmassen wankend durcheinander, der Boden zitterte und
bewegte sich, als krümme sich ein Untier tief in der Erde, und wir sagten beklornmen scherzend: "Jetzt ist wieder eine
in den Keller gefallen!"
Die Hunde schossen mit Verzögerung. Das galt nur unserem Unterstand, den kannten sie drüben sicherlich von den
Fliegeraufnahmen her - oder die Fesselballone hatten den Verkehr hier beobachtet. "Stollenbrecher" hießen wir diese
Granaten, die sich einige Meter tief in die Erde bohrten. Schon meint man - ein Blindgänger! -, da hebt ein dumpfes
Murren oben die Erde etwas in die Höhe, Risse klaffen und Dampf zischt heraus. Und unten hat es auf die Leute die
Stollendecke herabgequetscht - aus! Oben sinkt die Erde etwas ein.
Ein Artillerist einer Beobachtungsstelle an der Windmühle meinte: "Da sehen wir einmal selber, wie das ist. Aber wenn
der Einschlag nicht direkt auf den Stollen trifft, sondern daneben, macht es nicht viel. Unsere Langgranaten gehen
tiefer, die würden glatt durchhauen da." Ein sauberer Trost! Warum soll von den Hunderten hergezielter Einschläge
nicht doch einmal einer richtig treffen? Der Franzmann rechnet sicher, daß es so ist. Wenn von hundert Granaten eine
richtig sitzt, dann hat es sich gelohnt. Und eine muß doch sitzen, eine'einzige von so vielen. Klangg - klungg - klangg...
Man hört das Rascheln von Rosenkränzen. Heute ist ja Karfreitag! Es wispert in der Finsternis. "- - Der für uns mit
Dornen gekrönt worden ist - - - -!" "- - Der für uns ans Kreuz geschlagen worden ist..." Keiner sagt ein Wort. Im stillen
betet mancher mit, als wenn er selber die Dornenkrone trüge und jeden Augenblick ans Kreuz müßte. "Klickklack,
wrrr", rührte es wieder um, einmal ganz nah, als hinge diese hölzerne Glocke gleich über uns, und dann etwas
gedämpfter wieder weiter.
Und dann kam es - wie eine Erlösung aus der Starre - ganz laut - klangg-gg-wupprrr! Ein dumpfer Schlag. Wir hielten
uns aneinander an, die Wände wankten, Holz krachte spl ltternd. Ein einziger erstickter Aufschrei aus allen Kehlen dann standen wir wieder fest. Undurchsichtiger Staub! Irgendwoher stöhnte es erstickend. Brocken kollerten und Sand
rieselte. "Licht! Schnell! Licht!"
Streichhölzer flammten endlich auf. Man konnte nicht hinüberschauen in die andere Ecke, die voll Qualm war. Mit
Gewalt drängte ich mich durch. "Anpacken!" schrie unser Leutnant. "Ho ruckk - ho - ruckk!" Da stemmten sich einige
hustend vor Schwefelgestank gegen die Fetzen zerbrochener Stollenrahmen und suchten sie auseinanderzudrücken.
Strampelnde Beine lagen darunter. Mit einer mir selber nicht zugetrauten Kraft zog ich daran; langsam brachte ich den
Menschen ruckweise vor, und dann hatte ich ihn mit einem Schwung heraußen, zerschunden und zerkratzt. Der andere
ging schon leichter. Beim Anreißen rutschte ich nach hinten aus, wo mich der Leutnant auffing und lachte: "Gut so! Ist
schon vorbei! - Es ist nicht weiter schlimm, Leute, zwei Rahmen sind gebrochen."
Dann räumten wir das zerschossene Eck; der Leutnant riß die hängenden Fetzen weg, ein ganzer Schub Kreide rutschte
nach, und ein Streifen helles Tageslicht fiel herein. Ich sah hinauf und schätzte höchstens 4 in bis zum Rand der
Kreidedecke, sah aber dahinter noch mal einen Rand. Der Einschlag ist in einen zuvor schon aufgeworfenen Trichter
gefallen. Ein Artillerist sagte, das sei unser Glück gewesen, denn der Schuß hätte so das meiste seiner Sprengwirkung
nach oben geblasen. "Wie kompliziert so ein Fall doch ist; da meint man immer, es wäre so einfach!" sagte unser
Leutnant, und wir zündeten gemeinsam unsere Pfeife an und bliesen den Rauch zum neuen Kamin hinaus.
So gegen 4 Uhr ließ das Feuer nach. Eine Ordonnanz vom zweiten Zug schrie herunter: "Seid's noch da? Man findet
euch ja gar nimmer, so schaut's da aus. Sofort Essen fassen in Juvincourt, weil die Feldkuchl abrückt!" Merkwürdig keiner hatte Hunger und Durst, keiner wollte bei diesem Feuer den Weg nach Juvincourt wagen. Ich mußte allein
gehen, denn heute war ich dran. Mit den Kochgeschirren stieg ich hinauf. Dann rannte ich los, ohne Mir Zeit zu
nehmen, das Bild der Verwüstung zu betrachten; ich merkte nur, daß unser Graben fast eingeebnet war und ich über
lauter große Trichter klettern mußte.
Juvincourt brannte an mehreren Stellen. Rasselnd fuhren schwerste Einschläge in die Trümmerhaufen. Am Friedhof sah
es grauenhaft aus. Dort hatten sie Gefallene zur Beerdigung hingelegt, die von den Einschlägen umhergeworfen waren.
Einem lag eine herausgeschleuderte Grabplatte über der zerdrückten Brust. - So muß es am Jüngsten Tag aussehen,
wenn die Toten auferstanden. Es war ja Karfreitag heute.
Schweiß- und staubbedeckt kam ich zur Küche. Der Schimmelbauer hatte schon angespannt. Der Peterl hat im
Oberschenkel eine rote Wunde; ich streiche ihm die Backen und zupfe an seiner Mähne. "Ist nicht so schlimm", meinte
der Schimmelbauer; aber ich kannte, daß es ihm naheging, wie wenn es sein eigenes Kind getroffen hätte. Unmöglich
konnte ich alles tragen, was ich mitnehmen sollte; sogar ein halber Sack Post für meinen Zug war dabei.
Wie ein Esel bepackt, in jeder Hand fünf volle Kochgeschirre, kunstgerecht aneinandergehängt, machte ich mich auf
den Rückweg. An der Kreuzung der Straße nach Corbeny mußte ich anhalten und verschnaufen. Da waren über einen
Straßengraben Stollenhölzer geworfen; ich maß mit meinen Schuhen, daß sie ungefähr 120 cm lang waren. Her damit!
Die lehnte ich gegen einen Schutthaufen, legte den Postsack dazu und schrieb mit einem Kreidebrücken darauf "Zehnte
Kompanie". Darin rasch weiter! In den Friedhof wird gerade geschossen, ich schwenke daher zum Bahngraben, der
augenblicklich feuerfrei ist. Die Fünfzehnerbatterie schießt grad lustig drauflos. Wie ich vorbeikomme, hören sie auf,
und die Kanoniere ziehen gegen Fliegersieht Netze mit Lappen über die Geschütze. Dann sausen sie ab. Einer kehrt
schnell wieder um: "Halt! Mein Maßkrug!", holt hinter ein paar Steinen einen echten, wirklichen Maßkrug hervor und
bietet ihn mir an. Ich trinke einige tiefe Züge von dem frischen Bier, daß dem Kanonier die Augen heraustraten. "Jetzt
schwing dich aber, der Flachbahnseppl wird gleich dasein; wir haben ihn gerade ein bißl tratzt!"
Ich stolpere hastig über die Brocken und Trichter, dem zerfetzten Bahngeleise nach. Seit zwei Tagen hat sich die
Gegend so verändert, daß ich mich verlaufen hätte, wenn nicht die verbogenen Schienen und zerrupften Schwellen den
Weg gezeigt hätten. Kaum bin ich aber an den Mauerresten der letzten Häuser vorbei, da saust es heran mit Wucht und
haut hinter mir ein, dann nebenan, daß mir die Splitter bissig um die Ohren surren und ein Kreidebrochen an meinem
Stahlhelm zerschellt. Ich renne, was ich hergeben kann. Der Kaffee spritzt aus den Kochgeschirren, und immer neue
Granaten landen mit schrillender Gier ringsum. Ein Blindgänger wälzt sich wie ein Faß vor mir - ich habe ihn gar nicht
kommen hören in dem Trubel - und dreht sich in der leichten Mulde eines Trichters ein paarmal wie ein Kreisel herum.
Leichter Rauch geht von ihm weg. Ich starre ihn fassungslos an und erwarte jeden Augenblick, daß er krepiert, weil ich
meine, daß er schließlich ein Brennzünder ist, und werfe mie rei Se ritte daneben in, um en Splittern zu entgehen. Er
denkt aber gar nicht daran und scheint seinen Zorn schon verraucht zu haben. Vor mir geht gerade ein Einschlag auf die
quer über den Bahngraben laufende Feuerstellung und drückt den Tunnel zusammen. Eine Wellblechtafel, die dort lag,
wird wie ein Stück Papier zerfetzt und zusammengeknüllt. Der Stollen! Wo ist der Stollen? Durch d le Rauchwolke
torkelnd, sehe ich das gähnend dunkle Loch, das halb verschüttet ist, setze mich auf das Hinterteil und rutsche mit
einem Schub Kreide hinab. In den Feldkesseln ist kaum noch ein Kochgeschirrdeckel voll Kaffee, aber meine
Hosenbeine tropfen davon.
Erst in der Nacht, als das Feuer wieder ruhig wird, hole ich mit einem Kameraden den Postsack, der noch unberührt
dasteht, und die Schurzhölzer. Im Unterstand wird eifrig gearbeitet. Die eingerutschte Kreide wird in Sandsäcken
heraufgeschleppt. Wir keilen die neuen Hölzer ein und schütten das Loch von oben wieder zu. Andere schaufeln die
halbverschütteten Eingänge aus. Dann müssen wir noch den Graben einigermaßen gangbar machen, bis zum nächsten
Stollen, in dein ein riesiges Depot von Handgranaten, Leuchtkugeln und MG.-Munitionskästen ist. Eine nette
Nachbarschaft. Wenn da einmal ein Volltreffer zündet!
In der Nacht zum Ostersonntag werden wir von der neunten Kompanie abgelöst und kommen in die Ermischbaracken
zurück. Kaum haben wir uns wohlig auf die Klappen gestreckt, da winselt es draußen, und ganz nahe Krache werfen
Erdbrochen an die Barackenwände und prasselnd aufs Dach. Wir ziehen aus und richten uns in einem nahen, frisch
ausgeworfenen Graben zum Schlafen ein. Am Ostersonntag müssen wir nach Amifontaine zurück.
In Amifontaine haben wir kaum in einem Hause die Tornister abgeschnallt, da schwillt ein dünnes Winseln zu
schlürfendem Brausen an, einige Häuser weiter fährt eine so riesige Wolke von Staub und Rauch auf, wie wir sie noch
nie sahen. Prasselnd sinken die Mauern darin zusammen. Unsere Fensterscheiben sind alatt hereingeblasen werden, und
die Ziegel des Daches rasseln herab. "Raus!" brüllt unser Kompanieführer. Wir sausen hinaus mit unserem Gepäck und
über den Schutthaufen weg, zu ei nein Stolleneingang in einem Garten. Da sind unter der Straße lange Stollen
durchgetrieben, elektrisches Licht brennt darin. Das haben wir ja noch gar nicht gewußt, daß es hier so schöne Stollen
gab. Zehn Minuten später geht ein brummender Stoß durch die Decke, daß von den Stollenrahmen der Staub losprellt.
Da schreit einer herein: "Das Haus vom Stab des vierzehnten Regiments total wegrasiert! Der ganze Stab verschüttet!"
Was waren das für Geschosse, die ein zweistöckiges Haus wie ein paar Kartenblätter umbliesen? Alle zehn Minuten
ungefähr ein Stoß wie ein Erdbeben und das Prasseln umstürzender Mauern. Das ging so im Kreis herum den ganzen
Nachmittag, Dazwischen heulten lächerliche Fünfzehnerlein ins Dorf.
Gegen Abend verließen wir hastig das ungastlich gewordene Amifontaine in Gruppensprüngen und sammelten hini ter
dem hohen Bahndamm, dessen Krone gleich nach unserer Ankunft von donnernden Einschlägen zerrissen wurde, so
daß wir schleunigst weiterliefen. Es war nirgends mehr rechtschaffen Ruhe. Wo man auch hinkam, hetzte das Feuer der
Franzosen. Hundsmüde erreichten wir das Waldlager bei Prouvais im Anbruch der Nacht.
Am anderen Morgen treibe ich bei einer bayerischen Fußerbatterie einen Bader auf, der mir den Urwald aus dem
Gesicht schabt. Dann waschen wir uns noch einmal gründlich bis zur Brust, ziehen frische Wäsche an und warten auf
das Mittagessen. Da kommt plötzlich wieder Befehl zum Vorrücken. In Gruppenreihen rücken wir über die
Divisionshöhe nach Juvincourt, kommen glücklich durch die Trümmer des Dorfes, das immerwährend unter Feuer
liegt, und ohne Verluste wieder in die Artillerieschutzstellung am Balingraben. Dort pfropfen wir uns zur neunten
Kompanie In unseren früheren Stollen, wie die Heringe im faß, und harren auf weitere Befehle. Die eine Hälfte der
Leute muß liegen, während die andere im Gange sieht. Einige fächeln dauernd, daß genügend Luft herabkommt. Vorne
rollt das Feuer wie alle Tage über den Wald, und den ganzen Nachmittag klingt wieder der hölzerne Glockenschlau
über unseren Häuptern von den schweren Granaten, die den Graben zum soundsovielten Male einebnen. Tag für Tag
das gleiche, nervenfressende Spiel. Wenn sie nur endlich kämen!
Nun dauert dieses zehrende Feuer schon eine Woche lang. Langsam - in schematischer Hartnäckigkeit wird das Land
umgestülpt, und die Deckungen und Gräben werden zerstampft. Wir sind in der Eintönigkeit des täufichen Feuers
stumpf geworden und haben nur eine hoffnungslose Sehnsucht nach Ablösung - Ruhe. Wir sind bis in die Seele müde.
Eine Krise schleicht durch die Stimmung, die keine Höhepunkte des Erlebens mehr hat, die gefährliche Gleichgültigkeit
gegen alles. Gegen das Feuer und seine Zerstörung, gegen Führer und Kameraden. Es ist alles Wurscht, man kann ja
doch nichts machen als warten - Warten -.
Wieder schlägt der wuchtende Klöppel an die hölzerne Glocke den lieben langen Nachmittag, wieder ersticken die
Flammen der Kerzen im wabernden Druck der Luft. Wieder stehen und liegen wir unten und warten auf den Schlag, der
alles auslöscht. Es st zum Umfallen heiß. Da schlägt um 4 Uhr eine Granate auf den einen Eingang. Wwupp - pp! Dann
ist es finster oben, und eine Unmenge Kreide rutscht herab, daß ich unten noch bis an die Knie eingefüllt werde. Der
Eingang ist eingedroschen, ein Loch ist zugemauert an unserer Gruft. Wir fangen einstweilen zu schaufeln an und
räumen immer mehr herunter, neue Massen rutschen nach, noch scheint kein Licht herein. Erst mit Einbruch der
Dunkelheit haben wir ein Loch, so daß einer hinauskriechen kann. Und die ganze Nacht schleppen wir Sandsäcke
hinauf zum Entleeren, bis endlich der Eingang wieder frei ist. So sind die Ereignisse in der Reservestellung; wie mag es
wohl da vorne aussehen? 2 bis 3 km weiter vorne?
Wie es wieder Tag wird, kommt Befehl zum Vorrücken an die Reimser Straße. Wir erwarten einen feurigen Gang,
kommen aber bei schwachem Beschuß ohne Verluste im Bahngraben bis an den Pionierpark "Walhalla" vor. Dort sind
die klotzigen Betonstände der Geschütze zertrümmert; einem ist die dicke Decke glatt abgehoben worden von einem
nebenangehenden schweren Geschoß und wieder daraufgefallen, daß es aussieht, als habe einer seinen Hut auf dem
Ohre sitzen.
"Schtt - bumm, schtt - bumm", hauen Granaten zwischen unsere Reihe, die auf den Regimentsgefechtsstand zubog. So
nahe und so giftig. Wir steigen durch große Triebter, da zischt so ein Luder haarscharf - ssstt - an mir vorbei und wirft
mich um., daß ich einen förmlichen Salto durch einen Trichter schlage. Der Martl hinter mir lacht recht dreckig darüber.
Ich lange erst nach meinen durcheinandergeschüttelten Knochen, bis ich begreife, was los war, dann springe ich hoch
und renne mir fast den Schädel am niedrigen Schlupfloch eines Unterstandes ein.
In der Nacht, als das Feuer etwas nachließ, gehen wir zur Ablösung des ersten Bataillons in Stellung. Ich muß als
Wegführer vorausgehen. Die Vitzthumallee ist kaum noch zu finden. Ein Durcheinander von abgeschossenen Ästen und
umgestürzten Bäumen zwingt uns zum langwierigen Ausweichen. Wir halten öfters an, bis ich den Weg wieder
gefunden habe, in atemloser Hetze und Qual. Zwischen den Bäumen zucken donnernde Einschläge auf.
Endlich, nach langem Irren, sind wir am Gleisdreieck. Die Bude unseres Marhetenders steht noch frech da, wenn auch
das Dach fortgeblasen ist. An den Resten der Bahngleise entlang finde ich zur ehemaligen Frankenallee, die ein Stück
weit noch ganz gut erhalten ist. Wir können hier sogar auf Rosten laufen. Bis mit einem Male der schöne Graben in eine
Reihe riesiger Trichter mündet, in denen Weiher stehen voll Astgewirr. Da gab es doch früher keine Lichtung und kein
Wasser? Dann sehe ich einen zerstampften Betonblock. Ein kleiner Fensterrahmen läßt mich erkennen, daß wir in der
dritten Linie sind, bei dem einstigen Kompanieführerunterstand vom letzten Herbst. Unsere danebengestandene
Blockhütte ist verschwunden. Richtig - "da führte ja noch der Graben zur Maraisstellung, ein Stück weit ganz gut
erkennbar, und bald darauf sahen wir einen Posten oben auf der Deckung stehen. Wir waren am Friedrichsweg, im
Schaltraum.
Der Graben und die Trichter füllen sich mit Leuten der ersten Kompanie, die stumpfsinnig aus einem wassergefüllten
Stollenzugang bis an die Knie rauschend herauswaten und nach hinten verschwinden. Ich muß dann, da sie sich nicht
auskennen, bis zum Gleisdreieck mit zurück. Dabei erzählt mir ein Korporal von riesigen, 3 in langen
Torpedogeschossen, die diese unfaßbar großen Trichter ausgeworfen hätten. Sie freuen sich, endlich einmal nach hinten
zu dürfen. Ich schwieg über "hinten", weil ich ihnen die Freude nicht verderben wollte.
Dann wate ich auch bis an die Knie in den Stollen des Schaltraurnes. Innen steigt der Boden etwas an, und das Wasser
hört auf; dann geht ein langes Stück des Stollens trocken weiter, ein breiterer Gang enthält eine Reihe Klappen, und
drüben geht es wieder durch Wasser hinaus ins Freie. Dieser Stollen geht durch einen Sandhügel, hat aber kaum 4 in
Deckung und kann wegen des Grundwassers nicht tiefer liegen. Die hundertzwanzig Mann unserer Kompanie stehen
zur Hälfte bis an die Knie im Wasser auf die Gewehre gelehnt und duseln vor Erschöpfung. Wir wechseln ab, und dann
dürfen die bisher im Trockenen Ge. wesenen ein Fußbad nehmen. Eine furchtbare Stickluft macht das Atmen schwer.
Ich trachte, daß ich in die Nähe des Ausgangs komme, wo es frisch hereinweht. Wir wissen jetzt, daß wir eine der acht
Kompanien des Regiments sind, die in den nächsten Tagen mit dem Angriff zuerst zusammenprallen werden. Vielleicht
schon in Stunden - wenn der Tag zu grauen beginnt.
Gegen 10 Uhr vormittags beginnt der Stollen zu wanken unter aufbrüllenden, ungezählten Einschlägen von ganz
unerhörter Stärke. Das ist so wie die Achtunddreißiger in Amifontaine, nur dutzendweise auf einmal. Von einem
Ausguck im Stollen sehe ich, wie in den Wald links von uns, auf die Minenburg zu, ganze Schwärme klotziger Patzen
einfallen und mit einem Wirbelschlag ein Stück des Waldes umknicken. Minensalven! Donnerwetter, die rasieren! Man
sieht nichts weiter als Rauch, durch den hoehgeworfene Hölzer niederprasseln und ganze Stämme hochgeschleudert
werden. Das wandert systematisch und legt den Wald uni wie Streichhölzer, Mir schmerzen die Ohren vom Krachen
und unaufhörlich rollenden Grollen des Feuers. Stumm lehnen wir an den Wänden und suchen das Beben des Körpers
und Zittern der Kinnladen zu bändigen.
Jetzt - ganz nahe - ein Fächeln und Zischen. Dumpfe Stöße - Blindgänger? Nein! Aufbrüllende, ohrenzerreißende
Detonationen, betäubender Luftdruck! Es wird finster draußen. Wir schwanken mit dem Stollen hinüber und wieder
herüber, das Wasser schlägt klatschend gegen die Wände, stinkender Brodem der Sprengstoffe zieht herein.
Unwillkürlich haben wir uns zusammengeducht. Es ist nichts weiter.
Und dann geht es so fort bis gegen 3 Uhr nachmittags. Immer wieder stößt der Druck durch das Grundwasser nach oben
an unsere Füße. Es ist, als ob wir in einem schwachen Schiff durch das grundlose, gewaltige Meer führen und hilflos
vom Sturm geschüttelt würden. Manchmal meinen wir, jetzt hätte es das andere Ende des Stollens durchgeschlagen,
und die am anderen Ende wollen nicht glauben, daß bei uns noch alles heil ist.
Wie dieser Orkan sich legt, hören wir erst wieder, daß auch die Artillerie fieberhaft arbeitet."Klick, klangg, klangg,
klingg" - tat es in einem fort. Jeder Einhieb einer Granate in die Nähe wurde vom Grundwasser an unsere
Stollenrahmen telegraphiert. Das klickerte nur so, aber der Stollen schwankte nicht mehr so heftig, sondern sanft wie
eine Wiege im Auspendeln.
Auch an diesem Tage kam die Dämmerung über den Wald, und die Wut ebbte ab zum gleichlaufenden Takt des
Störungsfeuers. Ich stand wieder am Ausgang beim Posten und redete mit dem Girgl. Da fächelt es mit zischendem
Unterton heran, wir wateten schnell einige Schritte weit stolleneinwärts, ein vibrierender Stoß des Salveneinschlages aber nur - matte Knalle. Ausbläser? Da kroch und kochte es draußen milchiggrau heran. "Gas! Gas!" brüllte ich und riß
die Maske über das Gesicht - da kam es schon herein. Büchsen klapperten und Helme platschten ins Wasser. Dann
standen wir mit blähenden Backen und Glotzaugen und verschwammen voreinander im grauweißen Dunst der
Schwaden. Wieder Stöße einer einschlagenden Gasminensalve, Einer - ich glaube der Girgl - rollte eine Decke auf und
bedeutete mir mit Zeichen, zuzufassen. Ich begriff, was er wollte, und dann hielten wir mit der Decke den Eingang zu.
Das Schnaufen wurde wieder leichter. Meine Augenscheiben waren angelaufen, es war stockdunkel vor mir. Das
Schwitzwasser rann mir über das Gesicht, es wurde unerträglich heiß. Wie wohl da die Kühle des Wassers unten tat!
Weiter im Gange hinten schlug einer platschend ins Wasser - besinnungslos! Andere schleppten ihn weiter nach innen,
aufs Trockene, daß er nicht ersoff. Draußen piasselten die Salven und zitterten durch den Boden.
Meine Einsatzpatrone wurde schon heiß, immer schwerer gingen die Atemstöße. Lange - unendlich lange. Bis mich
einer rüttelte und sagte - "Es geht schon wieder, nimm deine .Maske ab!" Dann bogen wir vorsichtig die Decke zurück
und schauten hinaus. Weiße, milchigblaue Schwaden lagen träge am Boden und wanderten langsam feindwärts, von
einem gütigen Fächeln der Luft abgedrängt in den Hexenkessel. Der Girgl fächelte mit der zusammengefalteten Decke
die letzten kriechenden Schleier vor dem Eingang weg. Dann gingen wir hinaus in die köstliche, reine Luft und
lauschten auf den rauschenden Gesang der Granaten, die hinüber und herüber ihre Bahnen zogen. Drunten im
Maraisabschnitt platzten immer noch Gasminen, und der Hexenkessel war in der Milch der Gasmassen ertrunken. Beim
Franzmann drüben machten sie einen Mordsradau, hämmerten auf Gongs und Glocken wie verrückt. Gasalarin - vor
dem eigenen Gift!
Aus dem Boden stieg noch immer von schwarzgrünlichen Flecken ein ekler Dunst auf. Wir warfen Sand darüber. Dann
schauten wir die sonstige Verwüstung an. Der Friedrichsweg, der gestern noch so gut erhalten war, ist in einer Anzahl
neuer Riesentrichter versunken. In ganz kurzer Entfernung unseres Stollens hatte eine schön ausgerichtete Salve eine
lange, breite Mulde ausgeworfen. Die Bäume, die gestern noch auf unserem Stollen standen, sind entwurzelt und
durcheinandergeworfen.
Mit einer Meldung werde ich vom Kompanieführer zum Bataillon geschickt, das in der Hasenhöhle liegen soll. Die
Eckartsburg soll ein Trümmerhaufen sein. Kein Mensch begegnet mir auf dem Weg. Ich muß einen Bogen um den
Sumpf bei der Königshöhe machen und finde nach langem Suchen in dem Chaos der Bäume endlich die flasenhöhle,
einen kleinen, freien Platz, von dem aus mehrere breite Stollen in die Erde gehen. Ich gab meine Meldung ab und
erfuhr, daß unser Trägertrupp schon den ganzen Tag hier sei. Sie folgten mir zur Kompanie, wo sie vom
Kompanieführer mit Vorwürfen empfangen wurden über ihr Ausbleiben. Sie hätten gestern schon eintreffen sollen. Das
Fleisch, das sie brachten, war stinkend geworden und ungenießbar. Sie baten, bei der Kompanie bleiben zu dürfen, der
Weg in dieser Wirrnis sei das Schlimmste, was sie je erlebten. Und diese Hetze durch das Feuer! "Schicken Sie die
Jungen zum Essenholen, die die ganze Stellungszeit in der Gegend umeinandergelaufen sind, die finden sich besser
zurecht, Herr Leutnant. Hier warten, bis es zum Schießen kommt, können wir alten Knochen auch."
Da rief der Kompanieführer nach mir und gab mir den Auftrag, mit noch einigen jüngeren Kameraden zur Küche im
Waldlager zu gehen. Ich sollte den Trägertrupp führen, da ich ja alle Wege genau kenne. Barsch schlug er meine Bitte
ab, doch beim Stoßtrupp bleiben zu dürfen, und sagte leise: "Vielleicht entgehen Sie auf diese Weise unserem
Schicksal. Von uns kommt doch keiner mehr zurück. Was cht fällt, kommt in Gefangenschaft. Ich meine es gut mit
ihnen, weil ich von Fleury her noch etwas gutzumachen habe. Nehmen Sie meine Papiere und Wertsachen mit zurück!
Das verwahren Sie mir, bis ich entweder wieder zurückkomme - oder - wenn das nicht sein sollte, dann schicken Sie es
an die Adresse meiner Frau, die ich daraufgeschrieben habe. Es ist auch ein Brief an den Feldwebel dabei, in welchem
ich Sie zu einer Auszeichnung vorschlage, denn Sie haben es mehrfach verdient!" Staunend hörte ich ihm zu. So
menschlich nahe bin ich unserem harten Leutnant noch nie gewesen. Vielleicht wären wir schon immer besser
ausgekommen, wenn ich das gewußt hätte. -"Wir gehen heute nacht in den C-Tunnel vor dem Lisettewald, dahin
bringen Sie morgen den Trägertrupp!"
Meine Stoßtruppkameraden verabschieden sich, keiner gab mir viel Aussicht auf gutes Gelingen meines Auftrages. Sie
hatten vom seitherigen Trägertrupp genug gehört, um mich um den "Druckposten" nicht zu beneiden. "Bring uns nur
was zum Rauchen mit und zum Trinken! Sage zum Feldwebel, Durst haben wir, Durst!" riefen sie mir zu. "Nimm ihm
eine Feldflasche voll von unserem Bier mit hinter, das soll er sich schmecken lassen, uns muß es auch schmecken." Und
einer schöpfte wirllich aus der grünlichen Lache im Stollen, in die untertags alle ihr Wasser abgeschlagen hatten.
Trotzdem hatte jeder davon getrunken, vom brennenden Durst gequält. Auch ich.
Schweren Einschlägen ausweichend, kamen wir nach un,refähr einer Stunde endlich auf die Granatwiese.
Undurchdringliche Verhaue zerschossener Bäume hatten uns weit abgedrängt, bis wir uns einfach in der Verzweiflung
gewaltsam durcharbeiteten mit zerschundenen Gesichtern und zerkratzten Fäusten. Tote lagen gleich am Anfang des
Bahngrabens. Hetzend und keuchend liefen wir im Fegen der Granaten, bis wir einfach nicht mehr konnten.
Bald aber brachen wir wieder auf und liefen über das freie Feld auf Juvincourt zu. Dort war die einzige Brücke. Wir
haben uns oft gefragt, warum nicht einige Behelfsbrücken über den breiten Bach gelegt wurden; so mußte alles über
diese eine Brücke in Juvincourt, die Tag und Nacht unter schwerem Dauerfeuer lag. Mit hetzenden Lungen
durchrannten wir den Feuerriegel auf der Divisionshöhe und kamen, zurn Umfallen müde, nach vier Stunden Weg ins
Lager.
Am Abend rüsten wir uns zum Vorgehen. Verbandpäckchen in den Taschen, Stahlhelm auf und die Gasmaskenbüchse
umgehängt. Ein fester Stock wird geschnitzt, das Lederzeug bleibt da, eine Feldflasche mit Tee an den Taillenhaken des
Rockes gehängt, und der Träger ist fertig. In der Küche wird alles in Sandsäcke verstaut und abgewogen.
Zweihundertvierzig Feldflaschen voll Tee sollen wir vorbringen. Wir wundern uns, woher der Feldwebel so schnell so
viele Flaschen genommen hat. Das ist eine Last für acht Mann in je zwei Sandsäcken, die wir mit unseren Tornisterr
iemen zusammenhängen. Sandsäcke voll Brot, Sandsäcke voll Fleischbüchsen, Rauchsachen, Kerzen, Zucker,
Spiritusdosen und noch zwei große Speisekübel voll Kaffee, von denen jeder fast einen Zentner wiegt. Je zwei Mann
mit einer Stange, die kräftigsten von uns, müssen einen davon aufnehmen. Endlich ist alles fertig.
Um Mitternacht brechen wir auf, bepackt wie die Maulesel. Gering gerechnet hat jeder sechzig bis siebzig Pfund zu
schleppen. Wir müssen daher ein langsames Tempo anschlagen und fühlen schweigsam mit allen geschärften Sinnen in
die Zone der Gefahr hinein. Nach einer halben Stunde sind wir auf der Divisionshöhe und blicken in den feurigen
Grund von Juvincourt. An allen Ecken fahren die Detonationen empor. Es gibt keine andere Wahl als den kürzesten
Weg hindurch. Auf halber Höhe des fallenden Hanges rasten wir und werfen uns hin, schweißgebadet und glühend vor
Anstrengung. Wir müssen in einem Lauf durch das Nest hindurch, bis wir den Keller mit der Küche der ersten
Kompanie erreichen. Dort ist wieder Rast. "Auf, Manner! Haben wir's? Dann also los! - Anschluß halten!"
In kurzem Trab zotteln wir los wie Packpferde, die mit baumelnder Last behangen sind. Jetzt wird es gefährlich. Die
Straße. Seht - trrr. Ein schrilles Signal! - Das Sanitätsauto kommt von hinten gesaust und machte tolle Sprünge über
Brocken und Löcher. Nur weiter! Seht - trumm. So ein Luder - direkt auf die Straße vor uns! "Marsch, marsch!" Wir
sausen im Rudel wie toll gewordene Kamele. Huliuu - rrachch - Steine prasseln nieder um uns. Da stürzt einer: "Was ist
los?" "Nix, nix, bloß gestolpert!" Wir biegen in die Hauptstraße ein und schneiden das windige Eck beim
Sanitätsunterstand ab. Schon surrt das Auto wieder zurück mit voller Ladung.
Von vorne kommt eine Kolonne gerasselt, die Rosse dampfen und die Fahrer schwingen den Kantschu. Bei der Brücke
liegen schon wieder neue tote Pferde. Drüber - weiter! "Daher, beieinander bleiben!" Ich biege gleich rechts durch den
Hof, in dem unsere Küche gestanden hat, und dann kommen wir durch die zerschossene Hecke eines Gartens ins Freie.
Hinter uns blitzt es riesig auf, eine Erdmasse wird uns vom Garten aus nachgeschleudert, ein ohrenbetäubender Krach
überdröhnt Geschrei. Alles rennt auseinander. "Daher, Manner, wir haben's gleich, laufts nur!" Sie können nimmer
besser laufen, ich kriege selber nicht mehr genug Atem. Der große Trümmerhaufen mit dem hohen Mauereck muß die
Kirche sein, wir müssen bald an den Keller kommen.
Fast wären wir dran vorbei, ein leiser Lichtschim er läßt uns anhalten. Da führt eine Treppe hinab unter einen
Steinhaufen.
Wir rasten auf dem Boden des Kellers und verschnaufen. Die Köche der ersten Kompanie geben uns Kaffee. Es ist
fürchterlich eng, aber sie denken nicht daran, uns hinauszuweisen. Unser Sergeant sagt auf einmal zu mir: "Magst nicht
nachschauen hinten, da läuft es immer so warm 'runter?" Wirklich ist sein Rock von einem Splitter zerfetzt. Es wird ihm
schwach, er muß sich setzen. Unser Krankenträger zieht ihn aus. Am Schulterblatt blutet er aus zwei Löchern. Wir
lassen ihn hier zurück. "Auf - weiter geht's!"
Kurz entschlossen sausen wir über die gerade nicht beschossene Straße nach Corbeny und weichen über das offene Feld
rechts aus, bis wir auf einen Graben stoßen. Daran wandern wir entlang, nach einem Übergang suchend, müssen aber
bis zur Straße nach La Musette herüber. Hier kommen wir wieder in spritzendes Feuer und klettern über die massenhaft
aufgeworfenen Trichter keuchend hinweg. Es geht fast nicht mehr, aber wir schleppen uns noch bis an den Bahngraben
heran, wo wir uns erschöpft in die Trichter werfen. Einfallendes Feuer jagte uns wieder auf. Es ging langsam voran
unter der allmählich ins Fleisch schneidenden Last. Die Träger der großen Kübel mußten immer öfters absetzen.
Besonders erbaulich waren die Momente, wo Granaten nahe splitterten oder Schrapnelle zur Eile hetzten. Endlich kam
der weiße Damm der Reimser Straße heran. An ein Unterstehen war nicht zu denken, und ein auf der Straße liegender
frischer Toter ließ uns ein Rasten hier vergessen. Weiter in den Wald! Nach einer elenden Schinderei über gestürzte
Bäume hinweg kamen wir endlich an eine wüst zerschossene Stelle, wo wir verschnauften. Ich stieg in den Trichtern
herum, um mich zu orientieren und erkenne an einem eingedrückten, kleinen Unterstand, daß wir am "Bärensprung"
sind. Wie kommen wir jetzt da zum C-Tunnel? Es ist hohe Zeit, wir sind schon über vier Stunden unterwegs.
Der Wald hallt von donnernden Einschlägen. Wir steigen querfeldein, umgehen große Krater der Minensalven und
Fetzen ehemaliger Drahthindernisse, werfen zerschossenes Astgewirr zur Seite, uni Durchgang zu bahnen, und ich
erschrecke über die Gegend, die ich nicht mehr kenne. Von Graben keine Spur we'tiim. Doch! Ein ganz kurzes Stück
taucht plötzlich.vor uns auf. Unheimlich leer und verlassen. Zerknickte Stollenrahmen lassen einen früheren Unterstand
erkennen. Ich werfe meine Säcke ab und krieche hinein. Unten ist alles noch gut erhalten. Mit der Taschenlampe
leuchte ich die Wände ab, vielleicht finde ich einen Anhaltspunkt. Es ist alles durcheinandergeworfen; man sieht, daß
der Unterstand in höchster Eile verlassen wurde. Ein Schauer des Grauens rieselt mir den Rücken hinab. Da stehen noch
Kisten in einer Nische mit leeren Selterswasserflaschen! Dann sehe ich an der Wand Postkarten angenagelt, und
plötzlich durchzuckt mich freudiges Erkennen. Diese eine Karte ist von mir selber - von mir. Da haben wir einmal
gewohnt! Wann war das? Damals im Herbst des vergangenen Jahres muß es gewesen sein. Und hier ist auch noch das
vergilbte Bild von einem Tank, das wir seinerzeit mit eifrigem Interesse studierten. Wie hieß doch diese Stellung
gleich? "Sandkolonie!" Dann mußte da keine zehn Schritte weit der "Linke Weg" nach vorne führen. Natürlich, aber
verschüttet!
Nun war aber Vorsicht geboten; der Franzmann konnte nach den Aussagen Verwundeter nicht weit sein. Spähend kroch
ich eine Trichterwand hinan, als es mit einem Male hoch herab rauschte und mit mächtigem Donnerschlag kurz vor mir
einhieb. Unsere Einundzwanziger. Schossen die schon hierher? Wieder braust es mächtig herab und verhallt grollend.
Ganz nahe. - Mir wurde es unheimlich zumute. Es mußte da weiter links der Eckartsweg laufen. Also dem nach!
Erleichtert atmeten alle auf, wie ich ihnen erklärte, wo wir waren. Es war auch höchste Zeit. Ein dämmernder Schimmer
des anbrechenden Tages überflog den Himmel. Da stand ja die Tafel noch: "Eckartsweg." Er war aber nur noch ein paar
Schritte lang. So kletterten wir hinaus und stiegen, immer wieder einsinkend in dem auf gewühlten Boden, um riesige
Krater herum.
Und plötzlich haut es zischend um uns ein in rasendem Tempo. Gedankenschnell haben wir uns hingeworfen. Jetzt
kommt es, was wir immer gefürchtet haben, und merkwürdig, nun fürchte ich mich nicht mehr davor. Rauch entsteigt
dem Boden, Erde regnet unaufhörlich. Wupp, wupp, wupp - preßt uns der Druck der Explosionen das Gewand an den
Leib. Gleich links neben mir liegt einer - fühle ich dumpf -und dann ist er wie ein Schatten über mich weg auf die
rechte Seite gewischt. Warum wohl? Da fährt aber schon ein harter Stoß neben mir ein, aufspringende Erde wirft mich
üm, wie man einen Fisch in der Pfanne auf die andere Seite legt, und deckt mich fast zu. Ich fühle nur, daß ich das
eigentlich nicht mehr selber bin, dieser starre, steife Körper, und daß es ja gar keine Schmerzen bereitet. Ach ja - es ist
die Erlösung von dieser ewigen Nervenqual. Wie gut es sieh da liegt, ganz steif ausgestreckt, im Bewußtsein, daß es
endlich doch vollendet ist! Nichts tut mehr weh - und diese folternde Angst ist weg, endlich gewichen wie ein böser,
schwerer Alpdruck.
Blitzschnell erwacht dann wieder ein anderes Bewußtsein in mir. Was ist's? Um Gottes willen, die Granate! Auf, auf,
weg da! Da ist doch noch eben hergeschossen worden! Wo sind denn die anderen? Meine ganze linke Seite ist steif. Ich
kann nicht aufstehen. Doch, - es geht. Und ich erhebe mich taumelnd und benommen, Ohren und Nase voll Sand. Sand
rieselt den Hals hinab und aus den Falten meines Gewandes. Da stehen ja einige, und die anderen kommen eben aus
dem Abgrund eines Riesentrichters heraus. Der neben mir lag und plötzlich verschwand, ist auch wieder da. "Wo hat's
dich denn erwischt? Ich dachte, du stehst überhaupt nicht mehr auf." Er zitterte immer noch wie Espenlaub. "Kannst
noch mitgehen, Hans?" fragten die anderen. "Ja, freilich! Nur weg da! Es kann nimmer weit sein." Ich nahm meine
Sandsäcke auf und warf sie über die Schulter.
Es wurde schon leicht rosig am Himmel, und ein heller Streifen schob sich im Osten herauf. Gewehrgeschosse
peitschten in den Sand und zischten vorbei. Vorsicht! Sahen sie uns denn schon kommen? Da vorne ist eine geduckte
Gestalt in einem Trichter, sollte da - ??? Nein, es ist ein Deutscher, kein Franzose. Er ruft uns halblaut zu: "Aufpassen,
der Franzl ist nicht weit! Schnell herein!" Gott sei Dank, quillt es in mir auf, unsere Kompanie! Nebenan ist ein
halbverfallenes, enges Loch; der einzige Zugang noch zum C-Tunnel. Ein Wunder, daß er noch steht in dieser
Kraterlandschaft.
Wir steigen hinab, vom Jubel der halbverdursteten Kompanie empfangen, die nicht mehr auf unser Eintreffen gehofft
hat. "Habt ihr was zum Trinken? Hast du Zigaretten, Hans?" Wir haben alles. Ich gehe zum Kompanieführer, der
sichtlich erfreut ist, daß wir doch noch kamen. Schnell gebe ich ihm eine Schilderung von hinten und von dem
grausamen Weg hieher. Dann verabschiedeten wir uns, weil es Tag wird.
Die leeren Feldflaschen der Leute sind schon gesammelt, und mit dieser leichten Last steigen wir hastig über die
Trichter nach hinten. Ein MG. sendet uns seine Garbe nach, aber wir verschwinden schnell im Sausen der Geschosse
hinter der Deckung des niedergebrochenen Waldes. Schrapnelle, die uns noch nachgesandt werden, verpuffen
zwecklos, denn wir biegen in scharfem Winkelab, klettern über aefällte Bäume, werfen uns rücklings durchbrechend in
mannshohes Astgewirr und taumeln endlich erschöpft in den Sanitätsunterstand an der Reiniser Straße, als der
Morgengruß der Franzosen klirrend auf der harten Deckung zerschellt. Es ist hell geworden. Der elfte Tag des
Trominelfeuers ist angebrochen.
In einer elenden Bretterhütte kocht einer seelenruhig in diesem Feuer seinen Kaffee. Pfeifend kreischt das Rad eines
Brunnens, mit dem er Wasser heraufholt, eine milchigweiße Brühe. Uns niundet sie wie köstlicher Wein. Oben
schnurren deutsche Flieger durch vielfache Ketten der Schrapnellwölkehen zur Front. Sie suchen vorne, ob der
Franzmann nun doch einmal zum Angriff schreitet. Da läßt einer der Flieger eine rote Leuchtkugel fallen.
Vernichtungsfeuer heißt das heute. Wieder eine rote Leuchtku(sell Auch der andere Flieger jetzt - und dann wenden sie,
von der Wut der Batterien drüben umknallt. Wimpel sind an den Tragflächen zu erkennen - unsere Infanterieflieger!
Nun setzt mit aller Kraft das Feuer unserer Geschütze ein, und ein Eisensturm braust zischend über den Wald zum
Feind. Vernichtungsfeuer - von uns!
Es ist nicht mehr recht geheuer. In dem Feld bis Juvincourt springen fortgesetzt die Fächer und Knäuel der Einschläge
aus dem Boden. Da müssen wir durch! In einern Lauf hetzen wir bis zu dem Unterstand der Artillerieschutzstellung.
Tote liegen davor, der Unterstand ist eingedroschen, endgültig vernichtet. Ich dachte es mir ja. Weiter! Weiter! Bis zur
Küche! Und wieder hetzen wir. Unheimlich nahe saust es heran, nur weiter, weiter, hinaus! Rauch fährt in unsere
keuchenden Lungen, stickend und faul. Steine prasseln. "Links vorbei!" schreie ich, denn Juvincourt ist von einer
brodelnden Rauchmasse bedeckt. Sollte das nicht doch das Feuer vor dem Angriff sein, die geballte Wut der feindlichen
Batterien? Nur durch! Eine weiße Dampfwolke fährt steil vor uns hoch, nur durch! Da ist endlich der Keller, in den wir
stolpernd hinabtorkeln.
Und dann atmen wir auf und lassen die gehetzten Pulse hämmern und die gefühllosen Beine hinfallen aufs Pflaster. Die
zitternde Erde schüttert durch Boden und Gewölbe, aber es ist wenigstens eine Deckung. Man sieht doch das Wocren
des Rauches und das Spritzen der Erde nicht mehr. Ob er wohl angreift heute? Es kann doch nicht noch länger so
weitergehen! Einmal muß es jetzt schon sein. "Können wir etwas Kaffee haben?" "Da, trinkt nur, Kameraden, habt ihr
nicht Hunger?" "Nein, nur Durst." Und nachdem wir getrunken hatten, spürten wir doch den Hunger. "Dir muß eine
ganz nahe hergegangen sein, du bist ganz gelb auf der einen Seite. Und nichts passiert?" fragt der Korporal. "Eine langt
nimmer, Dutzende waren es diese Nacht; wenn da jede gleich treffen wollte!"
In einem Lauf nahmen wir die Strecke bis zur Divisionshöhe. An der Brücke lagen ein nagelneues Geschütz in einem
Trichter auf der Straße und tote Pferde daneben. Es stank schon ganz bestialisch hier. Ein Pferd hatte das Einschußloch
einer Granate am Kopf, und dann hatte ihm das im Bauch krepierende Luder das Fleisch von den Rippen geblasen und
die Knochen wie die Stäbe eines umgestülpten Schirmes nach außen gebogen. Es gab oft schon ganz seltsame Treffer.
Auf der Straße, die die Divisionshöhe erklomm nach Amifontaine zu, lag, das Sanitätsauto, halb im Straßengraben
hängend. Auch das mußte einmal so kommen. Wir wunderten uns nicht darüber.
Im Waldlager machte der Feldwebel ein erstauntes Gesicht, wie er mich sah. "Natürlich, Sie wieder! Ein anderer wäre
längst tot gewesen; der Spruch vom Unkraut, das nicht verdirbt, bewahrheitet sich einmal wieder." "Möchten Sie mehr
solches Unkraut, Herr Feldwebel? Dann müssen Sie aber erst noch Ihren Zopf abschneiden, der paßt nicht für solche
Leute." "Schlafen Sie lieber, damit Sie wieder vernünftig werden."
Während ich mich wohlig ausstrechte, sahichden Kameraden, der vorne im Feuer neben mir lag, einen Rosenkranz aus
seiner Tasche ziehen und mit aboewandtem Gesicht beten. Ich wußte, daß er ein Bauernbursche aus dem
Mittelfränkischen war und daß er protestantisch sein mußte nach seinem bisherigen Verhalten. "Was betest du denn da?
Du kannst ja gar keinen Rosenkranz!" "Doch, doch, meine Mutter war katholisch und hat es mir gelernt; ich habe so
eine dumme Angst. Laß mich doch immer neben dir gehen, sonst fürchte ich mich und meine, ich muß fallen. Sag aber
den anderen nichts!" "Nein! Du mußt halt selber danach trachten, daß du immer bei mir bleibst, wenn dir das eine
Beruhigung gibt. Du hast ja gesehen, daß es in diesem Feuer da vorne immer noch Möglichkeiten gibt zum
Durchkommen und daß nicht jede Kugel gleich treffen muß."
Er wandte sich ab und schlug ein Gebetbüchlein auf; seine Lippen bewegten sich tonlos, und dazu ließ er die Perlen des
Rosenkranzes durch die Finger gleiten. Ich sah ihm eine Welle nachdenklich zu. Was er trieb, war beinahe krankhaft,
und in seinen Augen lag ein hohler, glasiger Blick. Die fieberhafte Angst vor dem Sterben flackerte zeitweilig darin.
Ein sanfter Rippenstoß von mir ließ ihn erschreckt zusammenzucken. "Geh einmal mit hinaus, ich möchte mit dir
reden!" sagte ich zu ihm. Schwerfällig folgte er mir.
"Was hast du denn? Kerl, bist du krank? Dann geh doch zum Arztl" "Mir fehlt nichts, ich bin nur noch ein wenig
aufgeregt, ich begreife nicht, wie du so eiskalt sein kannst, wo es dir doch fast an den Kragen gegangen ist." "Warum
schaust du denn dann so geistesabwesend? Dir hat es ja, nichts getan!" "Lache mich nicht aus, wenn ich dir Was sage,
aber red nicht mit anderen davon! Wie ich närnlieh da vorne im Feuerüberfall neben dir gelegen bin hart links, da ist es
mir auf einmal eiskalt den Buckel hinu'ntergelaufen, und dann habe ich meine Mutter gesehen, ganz, voller Angst, und
sie hat mir ganz laut zugesehrien: Geh weg da, Heini, geh weg! Geh weg da, um Gottes willenp Ich weiß selber nicht
wie, auf einmal hat es mich über dich weg auf deine andere Seite gehoben, und da hat gleich darauf die Granate neben
dir eingehaut. Rühren habe ich mich nimmer können, denn ich bin furchtbar erschrocken, weil mir gewesen ist, daß
neben dir, wo ich zuerst war, meine Mutter gestanden ist und von der Granate getroffen wurde, daß sie schrie: Heini Heini!' Dann war's aus. Da bin ich aufgesprungen und habe schon gemeint, daß du tot bist. Du warst ganz von Erde
zugedeckt, nur dein weißes Gesicht hat herausgeschaut, und deine Augen waren zu. Und seitdem meine ich, daß meine
Mutter gestorben ist."
Er schluchzte auf und weinte stoßweise vor sich hin. Dann hob er sein nasses Gesicht und sagte: "Ich wäre sicher tot
gewesen, wenn du nicht dazwischen lagst. Du mußt auch wissen, daß meine zwei älteren Brüder schon gefallen sind;
der eine im August 14 schon bei Lunéville und der andere bei Verdun im vorigen Jahre. Und wie ich ins Feld
gekommen bin, hat meine Mutter gesagt: Ade, Heini, mein letzter Bub; wir sehen uns so nimmer auf dieser Welt.' Und
unser Pfarrer hat mir erst geschrieben, ich solle mich nicht leichtsinnig einer Gefahr aussetzen, damit ich doch wieder
heimkomme, denn meine Mutter weint Tag und Nacht um mich. Drum habe ich so Angst, so arg Angst vorm Sterben."
Hilflos stand ich dabei. Was sollte ich da sagen? Eine seltsam weiche Stimmung senkte sich über mich, und Bilder
durchkosteten Todesahnens schoben sich vor den suchenden Blick der Erinnerung: Am Toten Mann, bei Fleury und
Transloy - und da vorne bei La Ville-aux-Bois. Das war immer dieses ungewisse Tasten über eine dunkle Schwelle in
ein fremdes, fast lockendes Dasein, Seligkeit mit unsäglichem Grauen gemischt. Da verlor der Krieg sein Bild von
Dreck, Feuer, Blut und Verwesungsgestank. Ein noch nie gekannter Sinn und die Ahnung, daß mit dem Tode nicht das
Ende gekommen ist, versucht deutliche Gestalt zu werden. Solche und ähnliche Gedanken sagte ich dem sich
grämenden Kameraden und suchte ihm den Glauben zu geben, daß nach meinem Empfinden der Tod eigentlich eine
Erlösung sei. "Schau, diese Gewißheit, daß es irgendwie weli. tergeht - das Leben - ja, daß es schöner ist'als das
bisherige, das macht mich so gefaßt und ruhig, wenn ich hinein Muß in die Gefahr. Denke einmal da in dieser Richtung
nach, dann wird dir die Angst nicht mehr soviel anhaben können. Du gehst jetzt immer mit mir und bleibst in meiner
Nähe; ich brauche ja keine Angst zu haben, weil ich kugelfest bin. Die anderen sagen es ja alleweil von mir."
Er schwieg dazu, und dann gingen wir in unsere Baracke zum Schlafen. Wir waren mehr als bloß übernächtig. Die
anderen Kameraden lagen schon da und schnarchten. Von nebenan, durch eine Bretterwand drangen Stimmen. Dort
lagen die Mannschaften der schweren Batterie, die kaum dreißig Schritt weit stand. Es waren Landsleute von uns. Sie
hatten anscheinend jetzt eine Feuerpause und machten Brotzeit. Da schwangen mit einemmal aus dem Stimmengewirr
die Klänge von Saiten auf, die gestimmt werden. Hatten die da drüben eine Zither dabei? Und dann begann eine
kundige Hand die munteren Läufe eines Landlers aus den Saiten zu locken. Füße stampften im Takte dazu. Einige
Schläfer erhoben sich unwillig. "Wird jetzt bald Ruhe da drüben?" Da sagte drüben einer: "Jetzt singen wir eins!" "Was
denn?" "Almarausch..." Eine weiche, volle Baritonstimme begann, es war der Zitherspieler selber. Einige andere fielen
ein zur Begleitung der Melodie, und wir schwiegen und lauschten dem Lied, das wir noch nie so schön hatten singen
hören. Die wehmütige Herzklage der Sennerin um ihren toten Burschen. Das griff uns Lauschern weh ans Herz. Wie
leicht klagen sie bald daheim auch so um uns, wenn unsere Gesichter weiß sind wie das Edelweiß und unser Blut so rot
wie Almenrausch verronnen ist im Sand!
Dann waren sie fertig drüben, und die Zither schwang leise nachklagend ihre Saiten fort. Neben mir stand der Heini auf
und klopfte an die Bretterwand. "Geh, singts noch einmal!" "Was zahlst nachher?" fragte einer über. Aber der Bariton
fing schon wieder an. Und noch ein. mal sannen wir den klagenden Tönen nach. Nur war es diesmal, als kose
streichelnd, so lind wie die Hand einer Mutter, das Lied unser aufgewühltes Empfinden. "Gelt, das ist fein?" wisperte
der Heim mir zu. Ich nickte stunlin mit dem Kopf. Und dann war es aus. Drüben sagte einer. "So, Herrschaften, jetzt ist
Geschützreinigung, nehmts glei h den Fettkübel und den Wischer mit hinaus!" Im Gerumpel vieler Füße schwang noch
einmal brummend die Zither ihr, Saiten, wie sie an unserer trennenden Wand an einen Nagel gehängt wurde. Dann zog
ich den Mantel über das Gesicht und träumte langsam hinüber, bis ich das Rascheln der Blätter im Gebetbüchl des
Heiner nicht mehr vernahm.
Heute nacht sind wir um vier Mann mehr als gestern. Einige Urlauber sind dazugekommen. Der Haris, der beim
Sturmbataillon verwundet wurde, ist auch wieder da. An der Feldküche ist alles gerichtet. Also los denn! Alles wird
richtig verladen über unsere Schultern. Stock her, und "Auf geht's, Manner!" Es hat fein züi regnen begonnen, und die
Nacht ist stockdunkel geworden. Doch halten wir gut Richtung und kommen hart am Brigadestand auf der
Divisionshöhe vorbei. Dann sehen wir noch vor uns im Kessel rotes Feuer aufsprühen, das ist Juvincourt. Erst gründlich
rasten und dann mit voller Kraft hindurch wie gestern. Wir legen uns auf die regennasse Erde und pumpen die
fliegenden Lungen voll Luft. "Heiner, bist du da?" fragte ich, und neben mir antwortet er: "Ich bin schon da, Haris", und
eine Hand tastet im Dunkel nach mir.
"Also, Kameraden, gut beisaminenbleiben, faßt einander an den Stecken, daß sich im Dunkel keiner verirrt, dann
packen wir's wieder!" Huiuiui - rrach - rrach -- rrach - heult es in der Nähe, und Erdbrocken klatschen. Das treibt uns
gleich richtig an. Wir setzen uns in Trab, einer an den Stecken des andern gehängt. Jetzt gilt es wieder. Das
weißschimmernde Band der Straße taucht aus dem Dunkel. Ein kurzes Stück im Schritt zum Verschnaufen, darin
wieder: "Laufschritt!" Immer näher kommen wir an das gefährliche Eck beim Ortsausgang, Rrscht - bumm saust die
erste haarscharf über uns weg. Gerade biegen wir in die lange Straße des Ortes ein, da fährt eine ganze Lage auf die
eben verlssene Ecke. "Nur zu, aushalten, da kommt schon die Brücke!"
Aber die Brücke ist total verstopft - eine Munitionskolonne steht eingekeilt in der Straße. "Laßt uns durch, Fahrer!" "Es
geht nicht, wir können nicht auseinander, vorne müssen sie erst eine zerschossene Bespannung wegräumen." Man sah,
sie waren im Trab, durch den Einschlag momentan gehindert, direkt ineinandergefahren. Aber wir konnten nicht
warten, Mit Ächzen und Schieben drängten wir uns zwischen dein Geländer der Brücke und den zitternden Pferden
durch, ließen uns von den Fahrern über einen an das Geländer gedrückten Karren hinüberziehen und kletterten gleich
neben dem Bach über die Steinhaufen eines Hauses weg.
Ich warte an der Brücke, ob alles herüberkommt. Da flattert es kurz herab in das Getöse, eine hohe Wassersäule fährt
aus dem Bach und übergießt uns, daß wir tropfen. Pferde bäumen, 5ehreien und Fluchen der Fahrer, Kantschus
klatschen. Die Pferde beruhigen sich etwas und schnauben mit den Nüstern, als witterten sie die Gefahr. "Schnell, daß
wir da wegkommen!" Aber da flattert es schon wieder herab und faucht gierig nach uns. Wieder reißt es das Wasser
hoch in breiten Güssen, und wir stehen noch da neben. Eine Wirrnis steigender, ausschlagender Pferde! - Da taumelt
einer von uns unter den Hufen eines wild gewordenen Rosses und fällt gräßlich stöhnend zu Boden. Ein Huf hat ihm
das Knie zerschmettert. Wir ziehen ihn weg über die Schutthaufen der zerschossenen Häuser. Dann sind wir endlich
von der Straße weg ins freie Feld gekommen und legen ihn nieder. Unser Krankenträger weiß vorne an der Straße nach
Corbeny einen Unterstand in einem Haus mit einem Sanitätsposten. Zu zweit schleppen sie den Getroffenen, der
ohnmächtig geworden ist, dorthin. Und wir suchen die Küche im Keller zum Rasten, wo wir uns schwer atmend auf den
Boden werfen.
"Wir dürfen uns nicht lange aufhalten; hoffentlich kommen die zwei anderen bald wieder." Einer schaut hinaus, damit
sie leichter herfinden. Darin kommt er herein und sagt: "Jetzt schießt der Franzl lauter Blindgänger, und neblig wird's
auch draußen." - " Still!" Wir horchen. Wirklich zieht ein vielfaches Winseln und Fauchen oben hin Ganz matte Knalle.
Bestürzt sause ich hinauf. Oben kriechen milchige Schwaden am Boden; eben fährt eine Granate leise zischend in die
Erde vor mir, eine weiße, dicke Wolke qualmt daraus. "Gas!" "Gas!" brülle ich hinunter und reiße die Maske heraus.
Ein stechender Husten befällt mich. Un. ten sitzen sie wie glotzende Gespenster mit ihren Masken, und ich stelle mich
an den Eingang und halte die davorhängende Decke fen an den leeren Türrahmen. Gas auch noch.
Wie das da droben jetzt brodelt von knackenden Explo. sionen! Ob wir da heute noch weiterkommen? Wären wir doch
früher aufgebrochen! Aber dann wären wir weiter vorne damit überrascht worden. Geheuer war das nicht mehr. Der
Franzmann suchte wohl jetzt in der Nacht alles zu vergasen, und morgen würde er dann sicher angreifen. Allmählich
wurde es unerträglich heiß in der Küche, in deren Kesseln der Morgenkaffee für die Kompanien kocht. Ich versuche die
Maske abzunehmen; es ging schon. Im Raum war nicht viel Gas eingedrungen. Wie ich die Decke etwas wegnehme,
treibt die heiße Luft das Gas vor dem Eingang hinauf. Wir können nach oben.
Leichter Wind treibt die Schwaden in Fetzen umher. Wir müssen jetzt unbedingt machen, daß wir fortkommen, es ist
schon gleich 3 Uhr. "Masken auf, damit wir durchkommen!" Das Gas muß'auch einmal ein Ende nehmen. Wie,',blind
tappen wir mit unserer Last weiter. Es geht nicht, - Luft - wir ersticken sonst. So reißen wir die Masken wieder
herunter. Hustend und ganz benommen beginnen wir durch die Schwaden zu laufen, die bis an die Hüften wogen, dann
kommen wir so an den Schoppgraben II, weil wir zu weit rechts geraten sind. Heraus auf das freie Gelände, der flache
Graben ist bis oben voll Gas. Schrapnelle zerspritzen Feuergarben, nur weiter! weiter! Wir haben höchste Zeit!
Endlich kommen wir an den Bahngraben heran - er ist gasfrei. Einen Moment müssen wir doch rasten, einen kurzen
Augenblick nur. In den Wänden des Bahngrabens sind schwarze Striche von einschlagenden Gasgranaten gezeichnet,
die stinkenden, schwarzen Hülsen liegen am Boden. "Ist denn eigentlich alles da?" Bis auf die Krankenträger und den
Verwundeten sind wir beisammen. Das freut uns wieder. Auf Juvincourt wird immer noch Gas geschossen. Unheimlich
lautlos ist das - nur das singende Ziehen der Flugbahnen hört man. Überall fliegen die weißen Schleier am Boden. Ich
bin schon ganz heiser geworden.
An der Reirnser Straße quellen von winselnden Einschlägen neue Gaswolken vor uns auf. Wir biegen ab und kommen
an den fast nicht mehr erkennbaren Graben der Vitzthumallee, durch dessen Trichter und Astgewirre wir langsam
vorankeuchen. Schon bricht ein grauer Schein durch die zerfetzten Bäume des wüsten Waldes. Es ist 04:30 Uhr
morgens. Wir werden sicher gesehen bei dem Herausgehen aus dem Wald. Fieberhaft suchend in dein unkenntlichen
Gelände stehen wir plötzlich überrascht am "Bärensprung". Gott sei Dank! Gleich werden wir die Kompanie erreicht
haben im C-Tunnel.
Da zwingt uns eine MG.-Garbe zu Boden. Sie sehen uns schon. "Einzeln, sprungweise vor, es ist nicht mehr weit!"
Schüsse peitschen klatschend in den Sand, aber wir kommen hin. Da ist schon ein Posten von uns. "Was wollt ihr denn
hier?" "Trägertrupp sind wir." "Unser Trägertrupp war doch schon vor einer Stunde da; was seid ihr für eine
Kompanie?" "Zehnte!" "Ja, hier liegt die neunte; die zehnte hat uns heute in der Schaltstelle abgelöst." Zur Schaltstelle?
- wir werden es kaum mehr machen können. Schon graut der Tag hinter dem zerfetzten Wald herauf. Aber wir müssen
wenigstens zurück. Und die Kompanie wartet dürstend auf uns! Es muß gehen, es muß! Granaten sausen mit
wahnsinniger Folge heran. "Nicht hinlegen!" brülle ich. - "Weiter, mir nach!" Sie folgen aufstürzend und keuchend. Es
kann höchstens zehn Minuten zur Schaltstelle sein.
Fast wären wir an der Schaltstelle vorbeigesaust; da sehe ich gerade einen Posten stehen. Es ist alles ganz anders
geworden. Wer soll sich da noch zurechtfinden? Der Mann ist uns fremd? "Ist da die zehnte Kompanie?" "Nein, die
zwölfte!" "Ja, wo ist denn die zehnte? Wir können ja nimmer." "Frag einmal unseren Leutnant; vielleicht weiß der's."
Ich wate in den Stollen und rufe nach dem Leutnant, der herauskommt. "Die zehnte -? Ist die nicht im C-Tunnel?" "Da
kommen wir gerade bei,; dort liegt die neunte!" "Ja, vielleicht liegt die zehnte dann in der Hasenhöhle. Ich lasse euch
von einem Mann hinführen." "Braucht's nicht, Herr Leutnant, die weiß ich schon. Und wieder hetzen wir durch riesige
Trichter, kriechen unter feuerumzuckten, gestürzten Bäumen durch und bre. chen durch rauchendes Astgewirre. Da
kommt dann ein halbwegs erkennbarer Pfad, und dann sehen wir durch wehenden Dampf den Platz der Hasenhöhle vor
uns. Da steht ja unser Leutnant beim Major. Endlich - die Kompanie!
Aufatmend werfen wir unsere drückenden Lasten ab. Unser Kompanieführer freut sich mit den Leuten, die nicht
gealaubt hätten daß wir sie in der Hasenhöhle suchen würden. Wir sind glücklich vor Stolz, es doch geleistet zu haben,
und wollen uns zum Rasten niederlassen. Erst jetzt merken wir, daß Leute aus den Stollen herausstürzen und daß unser
Major mit lauter Stimme herumkommandiert. Der Beni stürmt mit dem Stoßstrupp heran: "Servus, Hans, kannst gleich
mitmachen!" "Was -?" frage ich verwundert "Da schau 'nauf zür Königshöhe, siehst es nicht, wie s' daherkommen?"
Wirklich, da über den Bäumen weg sehe ich an dem Hang der Königshöhe dicke Schwarrnlinien emporsteigen. Das
sind die Franzosen! Grüne Leuchtkugeln steigen blaß von der Höhe aus den massenhaften Einschlägen der Granaten.
Das ist der Ancriff! Jetzt kommt der Zusammenstoß. Endlieh - nach zwölf Tagen!
Rasch entschlossen springe ich zum Kompanieführer und frage: "Darf ich dableiben, Herr Leutnant? Jetzt werden Sie
mich brauchen können." "Nein, ich brauche Sie beim Trägertrupp, schauen Sie nur schleunigst, daß Sie hinauskommen,
ehe die Falle zuschnappt! Bis in einer halben Stunde werden die Franzosen an uns geraten, wenn nicht schon früher."
Da kam der Major und fragte mich: "Was tun Sie denn da?" "Ich bin beim Trägertrupp und möchte dableiben!" "Was
möchten Siei' Machen Sie, daß Sie zurückkommen! Los! - Und melden Sie an der Reimser Straße oder wo Sie sonst
hinkommen: Der Angriff ist im Gang. Das dritte Bataillon tritt zum Gegenstoß an!"
Es war 6 Uhr vorüber. Im Halbkreis um die Hasenhöhle stiegen die grünen Leuchtkugeln. Unzählige Flieger schwirrten
über dem Wald. Ein kompaktes Trommeln der Artillerie verschlang jede Möglichkeit, das Feuer des Feindes von dem
unsrigen zu untereheiden. Massenhaft begannen MG.s in die feinsten Lücken der Geräusche zu hämmern, und ein
qualmendes Prasseln dazwischen war wohl das Feuer der Gewehre. Unerhörte Donnerschläge hallten rollend durch den
rauchenden Wald, in dessen Geäste unzählige Schrapnellwölkehen geschleudert wurden und scheinbar lautlos
verpafften. Dieses Gewoge von Dampf, spritzenden Erdklumpen und brechenden Bäumen war die Feuerwalze. Da
sollten wir jetzt hindurch? Wie ging nur gleich der kürzeste Weg von hier aus zur Reimser Straße? Dort konnten wir
wenigstens etwas rasten, was uns hier nicht vergönnt war.
Zögernd verließen wir die merkwürdigerweise noch feuerfreie Hasenhöhle. Ängstlich hing sich der Heiner bei mir ein.
"jetzt geht's in einem Lauf zur Reimser Straße; jeder muß mit, wir dürfen nicht stehenbleiben unterwegs." Ein
klirrender, schwerer Einschlag wehte mir die letzten Worte vom Mund. Da kam eines der dichten Drahthindernisse quer
vor unseren Weg; gerade hier war es fast unzerstört. Wir hatten keine Lust, lange nach einem Durchgang zu suchen und
turnten drüber weg, daß uns die Fetzen von den Hosen hingen.
Nun faßten uns Qualm und stiebende Erde ein. Hinter mir schrie einer auf vor Angst. "Lauf! Schneller, schneller! Ach
Gott, ach Gott!" und ich sauste voran, daß mir die Zunge aus dem Munde hing, und verlor das nächste Bewußtsein für
meine Umgebung, nur stier den Weg suchend aus diesem Wüten heraus, das mit seinen gierigen Krallen nach uns hieb.
So laufe ich wie eine Maschine, längst wissend, daß ich eigentlich nicht mehr kann; aber irgendeine Kraft hebt
mechanisch meine Beine, daß ich über gestürzte Bäume leicht hinwegspr" nge, wie auf ebenem Boden, durch tiefe
Trichter hinab- und hinaufrenne, die soeben Granaten frisch aufgeworfen haben und an deren Rändern noch
Rauchfetzen flattern.
Wo sind wir denn eigentlich? Eine quälende Angst fa mich plötzlich, daß unser Lauf ums Leben doch vergeblich sein
könnte, daß wir uns verirrten in diesem Höllentrubel. Da liegt mit einem Male ein Rollbahngleis quer vor uns. Wo ging
das hin? Rechts oder links? Schnell! Nicht lange besinnen, nicht stehenbleiben! Da tauchen aus dem wehenden Rauch
eines schweren Einschlages die Reste einer Weiche auf. Die kannte ich doch, - da bin ich schon Oft gedankenlos
darübergegangen. "Wir müssen rechts!" Und da kommt auch gleich das umgewühlte Gleisdreieck. Jetzt kenne ich mich
aus. "Ist alles da?" Ich glaube es kaum, aber der ganze Haufen steht hinter mir. Wir sind gerade dreizehn.
Keuchend, mit fieberhaft glühenden Augen sehen sie mich an und fragen durcheinander: "Hast du den Weg? Wo sind
wir denn?" Ich winke mit der Hand und laufe an' Krachend bricht ein mächtiger Baum zur Seite. Was nur diese
Granaten wollen, uns passiert ja doch nichts! So viele schnappen und beißen johlend und knurrend vor Gier nath uns,
aber wir entlaufen ihnen aus den fangenden, glühenden Zähnen. Ich halte scharfe Richtung, die einstige Vitzthumallee
entlang. Jetzt sind wir, glaube ich, der Walze entschlüpft, man sieht wieder weiter voraus. Der Wald wird lichter, und
der Blick fällt über die rauchende Reimser Straße, in die wogende, zuckende Ebene vor Juvincourt. Da gähnt schon
halb verschüttet das Loch zum Unterstand, als eine braune Erdwolke gerade davor aufstäubt. Durch den Schleier des
Rauches stürze ich als erster hinein und breche fast zusammen in die zitternden Knie.
Gott sei Dank, hier wollen wir aber endlich mal rasten und das Feuer abwarten. Wer hat einen Tropfen zum Trinken?
Keiner von uns. Eine Kompanie des zweiten Bataillons steht gefechtsbereit in den Gängen. Es ist fürchterlich eng. Ein
Hauptmann fragt, was wir wollen. "Unterstehen!" "Das geht nicht, Leute, der Franzmann wird nicht mehr lange
ausbleiben. Ihr müßt machen, daß ihr zurückkommt."
Auch hier ist kein Bleiben. Auf der rückwärtigen Seite der Straße werden wir wieder hinausgedrängt. Wohin? Der
Bahngraben liegt unter schwerem Feuer. Überall im Zwischengelände fahren massenhaft schwere Einschläge hoch, so
weit man schauen kann in dem Trubel. Da ist es wohl besser, den Schüppgraben entlang zu laufen, dort liegt gerade nur
Schrapnellfeuer. Flieger kommen ganz tief daher und lassen weiße Leuchtkugeln fallen. Über dem Wald schwirren sie
wie Sperber haufenweise durcheinander. Von Berry au Bac her steht der Himmel im blutroten Schein der aufgehenden
Sonne, und rosig umhauchte SchrapnellWölkchen ziehen scharenweise im Morgenwind. Schwarze Rauch- und
Wolkenfetzen hängen sich davor und zerflattern. Der blutige Morgen der Schlacht ist angebrochen im Rasen der MG.s
und dem Trommeln der Feuerwirbel, wie sie dieser Krieg noch nie in solcher Macht bisher sah.
*
So messen wir wagend die Gefahr und laufen auf den Schoppgraben zu. Und wieder beginnt die fletze ums Leben. Da da liegt einer im Graben, ein Melder der Stafette. "Kameraden, laßt mich nicht liegen!" wimmert er und schaut mich aus
einem todbleichen Gesicht an, auf dem der Schweiß perlt. Man versteht es nicht, man sieht nur die bebenden Lippen
und flehenden Augen. Ich kann nicht vorüber an diesen Auoen und bücke mich zu ihm, und er lächelt glückselig. Ein
Splitter hat ihm den Oberschenkel aufgerissen. Die anderen hasten ängstlich vorbei. Rasch habe ich ein
Verbandpäckehen aufgerissen und wickle es um den schweißnassen Oberschenkel des Verwundeten. Er mußte schon
länger so liegen und hatte sich sogar umständlich die Hosen abgeknöpft. Rasch war ich fertig. Jetzt mußte ich aber
weiter. Allein konnte ich den Verwundeten nicht nach Juvincourt schleppen. "Kamerad, verlaß mich nicht, gelt! Ich
habe vier Kinder, die werden dich segnen. Verlaß mich nicht!" Was tun" Das Herz drehte sich mir um bei seinem
Flehen.
Ich schaute aus, ob nicht jemand in die Nähe kam, der ihn mit zurückschaffen konnte. Dort, schon weit - liefen die
anderen, direkt auf riesige schwarze Einschläge zu; da taumelten einige zu Boden in einer furchtbaren Wolke, einige
laufen erschreckt wieder auf mich zu in der Verwirrung. Und was ist denn dort? Vom Bahngraben her kommen drei
Trupps mit Bahren. Das sind Leute unserer Sanitätskompanie, Ganz ruhig laufen sie im schnellen Schritt durch die
aufspringenden Wolken der Granaten zur Reimser Straße vor. Ich springe darauf zu, winke mit beiden Armen wie wild
und brülle immer wieder: "Daher - Sanitäter, Sanitäter!" und bin ganz überglücklich, als ein Trupp auf mich zuhiegt.
Das sind brave, schneidige Kerle. Sie nehmen im Nu den Verwundeten auf, und dann seh' ich sie im Rauch nach hinten
verschwinden. Eine Hand winkt noch ein paarmal von der Bahre zurück.
Ein Flieger streicht heran und stößt schießend auf den Schoppa,raben herab. Er läßt weiße Sterne hinter sich, kehrt um
und kommt wieder. Dieser Hund lenkt noch mehr Feuer heran. Höhnisch, wie kalte, mordlustige Augen grinsen seine
Kokarden herab. Und ich renne mir fast die Seele aus dem Leibe, denn jeder Augenblick kann mich in
undurchdringliehen Rauch und sprühendes Feuer hüllen. Hinter mir johlt und donnert es furchtbar mit einem Male.
Ängstlich umblickend, sehe ich die Reimser Straße und den Schoppgraben in jagenden Sprengwolken unsichtbar
verschwinden. Da treffe ich auf die anderen Kameraden, die geduckt in den leichten Mulden des fast eingeebneten
Grabens kauern. Es sind noch sieben, die anderen sind schon fort. Der Heiner ist nicht dabei.
Wie wir an die Stelle des Einschlages kommen, der sie auseinandergetrieben hat, sehen wir eine Blutlache, aber der
Trichter ist leer. Da hat es also doch wen verwundet, aber der scheint nach hinten gerannt zu sein. Wir können uns jetzt
nicht darum sorgen. Gerade riegelt alle Minuten eine Viererlage riesiger schwarzer Granaten mit nervenzerreißenden
Schlägen den Weg ab. Dort zieht sich ein Graben quer, der erst in den letzten Nächten frisch ausgeworfen wurde, zur
Aufnahme eines Kabels. Nicht lange besinnen, durch! Von hinten hetzt die Feuerwalzenfurie sengend in den Rücken.
Und wir laufen, laufen mitten hinein.
Jetzt hat uns das Ungeheuer gefaßt. Es wird dämmerig dunkel um uns her. Aber da ist die Grabenkreuzung kurz zu
erkennen, und ohne eigentlich zu wissen, warum, biege ich plötzlich nach rechts in den Kabelgraben ein, dessen enge
Wände noch erhalten sind und dessen Tiefe uns schützend verbirgt. Darin renne ich ein Stück weiter und halte. Sie sind
alle wohlbehalten nachaekommen. Gerade sinken hinter uns die Wände des Grabens unter pechschwarzen Einhieben
zusammen, deren Dünner für uns nicht mehr hörbar im kompakten, schwingenden Wirbel des Feuers. "Es hat gar
keinen Sinn, so weiter zu rennen, Kameraden; bleiben wir hier und warten ab, bis das Feuer etwas nachläßt", brülle ich
durch den Schalltrichter meiner Hände. Herrgott, trommelt und zischt das durcheinander! Das ist übermenschlich, man
weiß ja gar nicht mehr, woher das alles kommt. Man merkt nur noch, daß die Erde von unheimlichen Pflugscharen
umgehackt wird, vorne, hinter uns, rechts, links - überall. Es ist, als wenn einer mit einem riesigen Löffel alles umrührt.
Und da soll man nicht mit unter die Erde gerührt werden, wie eine Handvoll Rosinen in einem Teig? Es ist undenkbar.
Wwruppruppwupp - rrrr - - Während alle Sinne betäubt scheinen, arbeitet noch irgendein Empfinden mit rasender Energie und feinster Reaktion
auf die Ereignisse im Umkreis. Das Unterbewußtsein tritt zutage und lenkt den Körper mit unheimlicher Präzision
durch die tausend Gefahren ringsum. Läßt ihn irn unmeßbaren Bruchteil einer Sekunde zusammenducken vor rasend
vorüberzischenden Eisen und ebenso wieder hochschnellen und aus einer Gefahr hinausstürzen, die auf den vorigen
Platz mit Vernichtung niederschmettert. Irgendeine unsichtbare Macht lenkt das alles, und man weiß mit fühlbarer
Verstandeskälte, daß man auf dünnem, schwingendem Seil über einen gähnenden Abgrund hin und zurück tanzt.
So kauern wir, stieren Auges, eng beieinander an der weißen Kreidewand und wissen nicht, was wir tun. Wir warten auf
irgendein Ereignis, das uns aus dieser Starre des Willens erlöst. Und in pechschwarzem Rauch erstirbt der suchende
Blick. Ein Feuerschein huscht über die beschattete Grabensohle. Wwwupp! Die Erde wankt, und der Graben rutscht
zusammen - dicht hinter uns. Das treibt uns hoch. Wir laufen weiter im schnurgeraden Graben, wenn auch ein
ablehnendes Gefühl uns sagt, daß es so feindwärts geht. Ich messe die Distanz im Rückschauen, da sehe ich, wie aus
dem Sausen und Winseln über uns drei - vier - schwarze Brocken wie Schattenstriche herabhuschen und, aufbrüllend,
diese pechschwarzen Wolken ausspeien. Wie. der wankt die Erde, und die Wände des Grabens hinter uns sind nicht
mehr. Dann saust es wieder herab. Gleich neben uns ist ein langer, schwarzer Strich eingefahren, fast senk. recht, und
schon fährt ein blendender Feuerstrahl hoch, und die Nacht der Sprengwolke liegt über uns, die Wände wanken und
rutschen ein. Ganz mechanisch ziehen wir die Beine heraus, und dann laufen wir wieder ein Stück.
Aber die Batterie drüben hält mit. Ganz nahe wieder sitzt die nächste brüllende Salve. Ach so! - jetzt wissen wir,
warum. Über uns ist ja ein Flieger, der schnarrt und kurvt wie ein beutehungriger Raubvogel mit glotzenden
Kokardenaugen, speit weiße und rote Sterne aus - und geht nicht weg. Wieder laufen wir - aber da hemmt das Ein.
fallen mehrerer schwarzer Striche vor uns meinen Fuß. Jetzt sitzen wir in der Zange. Sollen wir nach hinten ausreißen,
ehe sie zuzwickt und uns erdrückt? Was - schnell - was?
Da stehen wir nun geduckt und begreifen nicht, warum der Franzmann jetzt mit zwei so schweren Batterien auf uns
einhaut. Der Flieger meinte wohl, daß der Graben voll Reserven steht. Ach, wenn der wüßte, daß wir nur ein kleiner,
unbewaffneter Trägertrupp sind! Schaurig aufjohlend, fahren die schwarzen Striche vor uns ganz kurz ein. Wir weichen
wieder zurück und -- merkwürdig - die Lagen der ersten Batterie gehen schonungsvoll jetzt auch wieder zurück, und
wutbrüllend schlägt die zweite Batterie mit ihren Feuerpranken nach uns. Werden sie gleiches Tempo halten? Dann
haben wir gut 20 m Zwischenraum zwischen den beiden Lagen. Und in diesen 20 m wandern wir mit. Wir wissen jetzt
schon, wenn die schwarzen Striche sich einzeichnen in den Ausblick auf den Graben und finsterer Dampf ausbricht.
Dann laufen und klettern wir wieder ein Stück weit über die neuen rauchenden Trichterwände.
So spielen die Batterien Fangball mit uns. Wenn wir fast unten am Schoppgraben sind, geht es wieder umgekehrt. Nun
klopfen die beiden einschlagenden Lagen wieder den weg systematisch zurück, bis die Bahn ausläuft. Und so schwingt
das Feuer der Batterien wie ein doppeltes Pendel hin und her - wohl eine geschlagene Stunde lang - und wir damit. Es
ist ein Affenspiel, aber es ist todernst, und ohne zu reden, folgen mir die anderen und starren raich wie ein Wunder an,
wenn ich schreie: "Los! - Halt!" Wenn nur die Richtkanoniere drüben sauber Strich hielten auf dein Richtbogen. Bisher
haben sie mit achtenswerter Genauigkeit das getan. Und innerlich muß ich lachen über den Einfall, daß wohl die
Franzmänner anders schießen würden, wenn sie wüßten, wie sie von uns um ihren Erfolg betrogen wurden.
Und dann hat einmal der Richtkanonier der einen Batterie nicht aufgepaßt und wohl woanders hingeschaut und das
Rücken um einen Strich vergessen, und nun liefen wir mitten hinein ins berstende Feuer. Ein Glück, daß eine Granate
gleich eine mannshohe Trichterwand aufwarf, die alles von uns abhielt; nur die Erdklumpen schmetterten auf unsere
Stahlhelme herab; die sengende Lohe preßte uns das Gewand an den Leib, einer schrie jammernd auf, sonst nichts. Dem
hatte ein Splitter die linke Augenbraue samt dem Fleisch gut zur Hälfte abrasiert. So rücksichtsvoll war dieses
zackende, glühende Eisen gewesen, nicht einige Millimeter tiefer zu treffen und das Schädeldach zu zertrümmern, Einer
wickelte zwei Binden herum. Aber der Kanonier drüben schien sogleich seine Unachtsamkeit bemerkt zu haben und
verbesserte bei der nächsten Lage gleich um zwei Striche, so daß alles wieder klappte wie zuvor. Noch einmal liefen
wir vorn Schoppgraben weg hinauf - und mit einem Male war der ganze Spul, wie weggewischt.
Wir wollten es nicht recht glauben - aber es war so, Noch einmal wirbelte eine Salve an der Kreuzung des
Schoppgrabens quirlend die Erde um, und dann zogen mit einem Male die Einschläge, wie vom Wind fortgetriebener
Platzregen, nach hinten. Wir schauten dem Feuerspuk noch fassungslos nach und sahen, wie er hinten am
Windmühlenhügel mit seinen Krallen wahnsinnig die Erde aufscharrte. Dann verzog das Gewitter noch weiter und
ballte sich erneut zusammen über dem Trümmerhaufen von Juvincourt und dem Miettebach, wo es sich wie ein
furchtbarer Wolkenbruch in einer am Boden hängenden Wolke entlud. Wenn das die Feuerwalze war, dann ist sie
gewiß der französischen Infanterie ausgerissen.
Ich schaute nach vorne aus, denn mit einem Male knallen immer häufiger Infanteriegeschosse in die Aufwürfe des
Trichters, in dem wir standen. Im Walde und an der Reirnser Straße rauchte es immer noch von massenhaften
Einschlägen, und ganz tief strichen die Flieger darüber hin. Weiße Leuchtkugeln stiegen häufig an der Ecke des
LisetteWaldes und vom Zickzackgraben her in den hellen Tag. Kamen diese vom Feind? Denn von uns konnten sie
doch nicht gut sein? Dann war der Franzmann schon um den Wald herum und flankierte unser Regiment fast von
hinten, d. h. wenn es noch vorne war. Eine Ahnung zog plötzlich durch mein Gehirn von einer schweren, drohenden
Gefahr für unseren Frontabschnitt.
Doch wie wir uns erheben wollen zum Aufbruch, fällt das rasende Feuer der Feldgeschütze mit seinem dichten
Splitternetz über den Trichtergraben. Jetzt werden wir kaum mehr entkommen. - Jetzt werden wir gefangen. Unser
Hetzen durch das Feuer bis hierher hat nun doch nichts genützt. Wären wir doch gleich vorn geblieben, dann wäre es
wahrscheinlich schon vorbei. "Was ist jetzt das auf einmal? Ich meinte, es wäre schon vorüber?" brüllte mit entsetzten
Augen der Hans mich an. "Das wird erst die richtige Feuerwalze sein; jetzt greifen sie an - gegen unseren Graben." "Was tun wir denn da?" "Abwarten, bis das Feuer nachläßt, dann werden wir es schon sehen. Es müssen ja zuvor die
Unseren im Zurückgehen vorbeikommen, da gehen wir dann mit. Jetzt reißt es jeden, der aufspringt."
Lückenlos, Meter neben Meter, lagen die Einschläge oben am Trichterrand und streuten Kreide und Splitter und
Bleierbsen haarscharf über uns weg an die andere Wand des Trichters, die tiefer als die vordere lag, so daß sie
wenigstens kein Granatenfang war. Wir drückten uns ganz klein in den toten Winkel des Trichters und ließen das .Feuer
über uns wegspritzen. Ein handlanger Splitter schlug im schnarrenden Triller gegen meinen Stahlhelm, Daß er sich
überschlagen hatte, war mein Glück, er prallte so mit der Längsseite ab. Der gute Stahlhelm! Dem Hans neben mir
wurde der Ärmel von einem Splitter aufgeschlitzt, er merkte es selber gar nicht. Ein anderer machte eine unnötige
Armbewegung; da riß ihm eine Schrapnellkugel den Handballen auf. Zu unseren Füßen sammelte sich ein Arsenal
schönster Kriegsandenken. Drüben am anderen Rand funkelten nagelneue Ausbläser, die mit fauchendem Grimm kaum
handbreit über unsere Helme weggezischt waren.
So gegen 8.30 Uhr merkten wir, daß die Einschläge dünner lagen und vielfache Geschoßbahnen über uns schon
wegrauschten ins Hintergelände. Vorne in die Aufwürfe der Trichter hagelten französische MG.s langsam, zögernd und
dann wieder wütend schnell. Jetzt kamen sie! Ein brummendes Dröhnen und Rasseln drang immer näher. Was war das?
Doch nicht - - Tanks? Vorsichtig hob ich den Kopf über den Trichterrand und fuhr schnell wieder herunter, tief
erschrocken. "Tank!" Da kroch lärmend und wackelnd ein eiserner Kasten direkt auf uns zu. Gott steh' uns bei! Keine
30 in war er mehr weg; immer näher und tosender klapperte und klirrte es. Der Boden zitterte, und die Erde schob sich
knirschend zusammen unter dem schweren Druck des eisenklirrenden Kastens. Nein, da gab es kein Entrinnen mehr.
Sollten wir doch die Hände aufheben und um Pardon bitten? Sonst zerquetschte uns ja das Ungeheuer - oder es schoß
uns in Grund und Boden; wir waren ja unbewaffnet, wir konnten gar nichts tun.
Auf das Ende gefaßt, kauerten wir entsetzt ganz eng an der Wand des Trichters. Mit einem Auge sah ich den Oberbau
des Eisenkastens vorüberschwanken, wie er mit betäubendem Geklapper abhängend und wieder ansteigend die Mulde
des Grabens nahm und wir dabei von der zur Seite geschobenen Erde wie auf plötzlich blähenden Kissen gehoben
wurden. Ein Feuerstrahl zuckte vielfach hintereinander aus einem Rohre und spie seine Geschosse nach uns. Am
gegenüberliegenden Rande des Trichters spritzten Feuer und Erde im Rauch, daß wir noch enger in uns
zusammenkriechen, noch kleiner werden möchten. Das sind Revolvergranaten. Sie tun uns nichts. - Und dann gleitet
das Feuer plötzlich weg, und der Kasten rumpelt nach hinten.
Hatten uns die Franzmänner wohl für Tote gehalten? Gesehen hatten sie uns und sogar nach uns geschossen. Ganz
deutlich habe ich gesehen, wie das Rohr auf uns zuge. schwenkt wurde, fast hätte ich danach greifen können. Ein
ungeheurer Alpdruck wich von uns, und mit erwachende, Wonne sogen wir die blauen, benzinduftenden Abgase des
Auspuffes ein, der noch immer sein Bubb - bubb - bubb - bubb hören ließ. Vorsichtig hebe ich den Kopf und luge nach
vorne, denn jetzt mußte ja die Infanterie dichtauf folgen. Das Feld ist, so weit ich schauen kann, aber leer und tot. Und
doch pfeifen ziu - ziu - die Gewehrkugeln vorbei.
"Da schaut - drei - vier Tanks hinten! Wie die allein umeinanderkutschieren." Interessiert sprangen alle auf, das seltene
Bild zu schauen, und ich hatte Mühe, sie davon abzubringen, damit wir weiterkamen. "Da schaut, brennt da nicht
einer?" Wirklich, da qualmte Rauch aus einem der Kasten, und die anderen verschwanden schleunigst in der Senkung
des Miettebaches. Da blitzte ja noch ein Geschütz von uns am Windmühlenhügel, da noch eines. Sie schießen auf die
Tanks. Da hat es schon wieder einen, der raucht wie eine Pechpfanne. "Bravo! Hoffentlich ist's der, der uns beinahe
überfahren hätte", sagte der Verwundete. Nun mußte bald auch unsere zurückgehende Infanterie auftauchen. Deswegen
sahen wir*noch keine Franzosen, denn zuerst kamen doch die Unseren zurück, um sich weiter hinten wieder
festzusetzen zum Widerstand. So hatten wir uns das imm . er vorgestellt und fühlten auch jetzt noch keine unmittelbare
Gefahr, weil wir ja die kämpfende Linie noch vorne glaubten. Die Tanks waren natürlich durchgebrochen, die konnte
Infanterie allein nicht aufhalten.
"Los jetzt!" Eilig hasteten wir auf die ArtillerieschutzStellung zurück. Ein heftiges Prasseln begleitete uns.
Staubwölkchen von einschlagenden Geschossen sprangen nahe auf Hoppla! Ich bin an einem Telephondraht
hängengeblieben und gestürzt. Beim Aufstehen schaute ich unwillkürlich zurück und erschrak und staunte zugleich.
"Da schauts, die Franzosen!" Alles blieb stehen und staunte, als wären wir im Theater und nicht im Krieg. Einer sagt:
"Ah, so schaut das aus, ich habe bisher noch keine Franzosen angreifen sehen." Wie kleine Buben staunten wir das
Schauspiel an. Das war also der Massenangriff! - eine dicke, blaugraue Linie lief in kaum 300 in Entfernung gegen den
Kabelgraben an; dahinter lief eine zweite, ebenso dicke Linie vom Zickzackweg her und weiter hinten nochmal eine.
Die Franzmänner schossen im Laufen und Stehen wie Sonntagsjäger in die leere, blaue Luft, und nun warfen sie aus
großen Beuteln Handgranaten auf den eben von uns verlassenen Kabelgraben, daß es nur so dampfte. Wir lachten
darüber, denn keine Maus war ja drinnen.
Jetzt merkten wir auch, daß von unserer Artillerieschutzstellung her ein wahnsinniges Gewehrfeuer prasselte; drüben
liefen einzelne Franzmänner zurück, und da und dort lagen manche blaugrau hingestreut zwischen den Wellen. - Aber
waren denn die Unseren schon zurückgegangen? Das mußten wir glatt übersehen haben. Wahrscheinlich! Weiter,
weiter! Was waren das für lange Reihen, die da drüben zum Franzmann liefen? Verwundete in Zeltbahnen dabei? Doch
nicht gefangene Deutsche? Es kann nicht anders sein, denn die vorderen haben die Hände hochgenommen. Nur nicht
fangen lassen! "Lauft, was 'rausgeht! Bei der Nachbardivision ist der Franzmann durch und will uns umgehen!"
Unsere Linie war Kopf an Kopf besetzt. Ein heftiges Feuer spritzte dort aus den Läufen. Auf der Grabendeckung stand
riesengroß ein Leutnant und winkte mit einer Handgranate. Marsch, marsch! Schaut, daß ihr hereinkommt!" brüllte er
durch die Hände. Und endlich stolperten wir, triefend vor Schweiß, in den Graben, rafften schnell einige Handgranaten
auf, aber da schrie der Leutnant schon: "Kehrt, marsch, marsch!" Und im Nu räumte die Kompanie den Graben und lief
auf Juvincourt zurück, sich in den Trichtern vor der Ortschaft verteilend. Von der Mühle her schlugen schon massenhaft
die MG.-Garben der Franzosen den verlassenen Graben entlano, und aus dem Bahngraben genau so. Gerade noch war
die Kompanie der Umfassung entgangen. Der Leutnant sagte zu mir, daß er nur wegen uns gewartet hätte und fast
zuvor abgezogen wäre, so eingezwängt saß er schon mit seiner Kompanie. Immer noch meine ich, es wären die von
vorne zurückgewichenen Kompanien, aber da hörte ich, daß es die zweite Kompanie war von der Reserve.
Vor Juvincourt lag unser erstes Bataillon nun geschlossen nebeneinander. Wir wollten bleiben, wurden aber von dem
Leutnant abgewiesen, weil wir unbewaffnet waren. Gewehre waren noch nicht frei. Verluste hatte diese Korn. panie
noch nicht, und keiner gab natürlich jetzt sein Gewehr aus der Hand. Vielleicht nebenan bei der anderen Korn. panie.
Wir sprangen, hitzig befunkt, über das freie Gelände hinüber. Der Graben stand voller Leute, die sich von uns erzählen
ließen, daß der Franzmann vor ihnen lag. Sie wollten es nicht glauben, denn sie hatten nicht gesehen, wie er ankam.
Selbst der Leutnant dieser Kompanie hielt uns für Phantasten. Ich nahm einem Landstürmer das Gewehr aus der Hand
und sprang auf die Feuerstellung. Drüben lugten französische Stahlhelme heraus, die nahm ich der Reihe nach aufs
Korn. Dann feuerte ich den ganzen Zug an, der im Graben stand, und ein heftiger Feuerkampf entwickelte sich.
Mittendrin kam der Kompanieführer wieder daher und schrie: "Aufhören! Stopfen! Stopfen! Ihr schießt ja auf die
eigenen Leute." "Das sind doch Franzosen da drüben!" schrie ich zurück. "Weiter feuern!" kommandierte ich dann.
"Wollt ihr stopfen, wenn ich es sage?" brüllte der Leutnant seine Leute an. "Sie'machen, daß Sie weiterkommen aus
meiner Kompanie, Sie Flegel!" sagte er zu mir. Wutentbrannt schrie ich ihn an: "Ein kleines Kind kennt, daß das da
drüben Franzosen sind. Ich komme doch selber als einer der letzten aus dem Graben dort, wie die FranzIn schon ganz
dicht hinter uns her waren. Ich würde mich schämen als gewöhnlicher Soldat, nicht einmal einen Deutschen von einem
Franzosen auf 300 in unterscheiden zu können, und erst dann ein Leutnant!" "Sie sind wohl besoffen! Schauen Sie
schleunigst, daß Sie in Schwung kommen, Sie ungehobelter Lackl!" Da mischten sich meine Kameraden drein, und der
Hans meinte: ',Geh zu! Laß den Leutnant im Recht, er wird dann schon sehen, wenn ihn die eigenen Leute' da drüben
aus dem Graben herausziehen. Wär' gar kein arger Verlust!" Der Leutnant rief vor Wut einen Vize und befahl ihm, uns
nach hinten zu treiben. "Ihr habt euch bloß von eurer Kompanie gedrückt, ihr Burschen!" rief er uns nach. Da kehrte ich
noch einmal um und sagte: "Wenn wir beide noch leben nach dieser Schlacht, dann wünsche ich, daß wir uns vor dem
Kriegsgericht wiedersehen. Ich heiße Hans N. N. von der zehnten Kompanie. Schreiben Sie es auf!" Dann ging ich den
anderen nach.
Juvincourt lag unter schwerem Feuer. Der Schoppgraben II wurde von unaufhörlichen Einschlägen gesperrt. Geduckt
rasten wir durch die seichte Deckung. Auf einmal zersprang, keine zwei Schritte vor mir, ein schweres Schrapnell, daß
ich einen regelrechten Purzelbaum durch die Sprenawolke schlug. Ein schwerer Hieb hat mich am Kopf getroffen. Ich
hörte noch, wie einer schrie: Jetzt hat es den Hans auch noch derhaut!", und dann huschten die Gestalten meiner
Kameraden über mich hinweg. Ein Brausen und Klingen in meinen Ohren, dann sank dunkle, weiche Nacht über mich.
Das tat wohl, endlich Ruhe -, Schlaf -, Nacht.
Nach einiger Zeit mußte mich jemand aufgerichtet haben, es kam wieder Leben in meine Glieder, und ich konnte
wieder umherschauen. Da lag mein Stahlhelm zerbeult und zerschunden im Trichter, aber er hatte kein Loch. Daraus
kalkulierte ich, daß ich wahrscheinlich auch noch einen ganzen Schädel haben müßte. Aber was hatte denn das Blut zu
bedeuten, das mir von der Nase tropfte? Ich tastete mich ab und fand nichts. Ein Krankenträger der vorhin verlassenen
Kompanie war bei mir. "Wenn dir innen nichts fehlt, dann bist du gut weggekommen, bloß einen kleinen Splitter hast
du über der Nase direkt zwischen den Augen gehabt. Er ist ganz leicht gesteckt, drum hab' ich ihn gleich 'raus." Und er
zeigte mir einen blutigen Fetzen Mull mit einem feinen Splitter von kaum 8 mm Größe. Ich erhob mich, setzte meinen
Stahlhelm auf und sagte: "Es geht schon wieder, ich kann allein gehen und komme schon zurück, Kamerad."
Die Einschläge fallen schon dünner auf Juvincourt. Der Schädel brummt mir wie nach einer durchzechten Nacht. Ich
komme am Sanitätsposten vorbei an der Straße nach Corbeny, dessen kümmerliches Stallgewölbe immer noch erhalten
ist, und gehe hinein. Da sitzen meine anderen Ka. meraden ratlos drinnen und erschrecken, wie sie inich wi"dersehen.
"Gelt, da schaut ihr", sage ich zu ihnen "ich bin noch nicht in den ewigen Jagdgründen. Jetzt machen wir aber, daß wir
endlich einmal ins Lager hinterkommen und nicht zu guter Letzt auch noch geschnappt werden." "Da wirst dich aber
brennen", sagte der Hans darauf, "aus Juvincourt kannst schon nicht mehr 'naus. Die Franzosen haben das Nest schon
umgangen. Wir warten bloß, daß sie uns jeden Augenblick da herausziehen beim Krawattl und nach Paris schicken."
"Dann schauen wir doch, daß wir auf Berrieux zu noch ausschlitzen!" "Nach Berrleux? Und auf der Straße nach
Corbeny fahren die Tanks spazieren wie die Maikäfer. Wo willst du denn da noch hin?"
Es schien tatsächlich vercebens zu sein. Aber wenigstens mußten wir es versuchen. "Wartet hier auf mich", sagte ich,
"ich werde einmal die Lage genauer erkunden!" Wie ein Jäger pirschte ich mich von Trümmerhaufen zu
Trümmerhaufen. Schon wie ich über die Straße nach Corbeny sprang, pfiffen einige Kugeln scharf an mir vorbei. Das
waren keine Zufallsgeschosse, die waren schon nach mir gezielt. Kein Mensch begegnete mir auf dieser Patrouille nach
hinten. Ausgestorben schien der schaurige Ort. Beim Küchenkeller klatschten gleich einige Schüsse in den Steinha' fen,
als ich vorüber wollte; Mich schnell dahinterwerfend, sah ich gerade noch aus der Schußrichtung einige Franz sen an
der Hauptstraße rechts von mir vorüberspringen. Hinter den Trümmern der Kirche standen auch einige nd schauten
nach mir herüber. Es stimmte: die Franzt en waren in Juvincourt. Sie gingen gerade noch gegen, ie letzten Häuser an
der Brücke vor. Vielleicht kam ich doch noch zuvor hinüber und aus der Umfassung hinaus. Aufstürzend raste ich in
wahnsinnigen Sprüngen bis an den Bach, umschwirrt von Schüssen, und warf mich dort hin. Den Sprung zur Brücke
konnte ich aber nicht mehr wagen. Durch also! Bis an die Brust ging mir das kalte Wasser, und triefend klomm ich
drüben hinaus. In einem Lauf rannte ich mit klebendem Gewand zum Ortsausgang, sprang über die Straße nach
Damarry und warf mich hinter einem Schutthaufen zum Verschnaufen hin. Jetzt sah ich ja schon die Straße zur
Divisionshöhe; jetzt hatte ich gewonnen.
Kaum 30 m weg lag der Trümmerhaufen des Sachsenhauses, die Verbandstelle. Auf einmal tauchten daneben
Franzosen auf - drei - vier - immer mehr - an die zwanzig Mann. Mir wird trotz der Nässe meines Gewandes siedend
heiß. Also doch gefangen. Jeden Augenblick können aus den Ruinen um mich herum Franzosen auftauchen. Eine
unheimliche Gefahr sitzt mir drückend im Nacken. Vielleicht ginge es noch nach Damarry zu? Aber wenn ich mich
erhob, mußten sie mich sehen, und dann knallten sie mich einfach ab. Also liegenbleiben. Jetzt stellten sie drüben den
Dreibock eines MG.s auf und legten das Gewehr darauf, und schon spritzt der Dreck und heulen schnarrende
Querschläger von meinem Steinhaufen davon. Hatten sie mich doch gesehen?
Da wurde ich durch ein anderes Ereignis abgelenkt. Ganz nahe brüllen auf einmal Geschütze los. Um Gottes willen! Da
steht hinter den Büschen am Fuße der Divisionshöhe eine Langrohrbatterie, ahnungslos, ganz frei aufgefahren. Die fetzt
gerade los. Die Kanoniere arbeiten in Hemdsärmeln, den Feind natürlich weit weg vermutend. Wie das auf einmal
kribbelt da drüben bei den Franzmännern, und nun leckt das Feuerzünglein aus dem MG. blutdürstig zur Batterie. Da
purzeln schon die Kanoniere - aber - ein schriller Pfiff und ein Kommandosehrei - wie da die Geschütze herumfliegen,
und - da saust, schaurig nah, die erste Granate schon über mich weg und über die Franzosen, und schon die zweite,
dritte -. Wie das MG. vorn Haufen herunterfliegt und die Franzmänner rennen mit fliegenden Roekschößen! Ich weine
und lache auf vor Freude. Wenn ich nur ein Gewehr gehabt hätte; ein paar von den Hunden hätte ich leicht abschießen
können. Die Kanoniere geben ein wundervolles Schnellfeuer ab, Schuß hinter Schuß. Ich springe hinüber zu ihnen; es
sind bayerische Fußer. Der Leutnant und einige Kanoniere waren verwundet. Auf einer Karte zeige ich dem Leutnant,
der nicht weggeht und sich gerade verbinden läßt, die Gräben unserer Reserve-I-Stellung und sage, er solle darauf
schießen lassen, denn sie stecken voller Franzosen. Gleich darauf schreit er schon wieder seine Zahlen aus, und dann
geht ein dauernd rollendes Feuern los, daß die Kanoniere nur so schwitzen. "Köpfen lass' ich dich, wenn's nicht
stimmt", meint der Leutnant. "Köpfts nur die Franzosen, dann stimmt's schon!" lache ich.
Ich fühle nun schon wieder die Hoffnung schwellen, daß das Blatt sich wenden kann. Kaum bin ich ein Stück wei.
tergegangen, da kommt schräg über das Feld einer auf mich zugelaufen und ruft: "Halt, Kamerad! Können Sie mir nicht
sagen, wo das erste Bataillon des bayerischen Regiments liegt?" Es ist ein preußischer Offiziersstellvertreter. "Ich soll
mit meinem Zug zur Verstärkung vor, der Franzmann soll ja hübsch weit durch sein?" - "Freilich! Ich werde Sie gleich
vorführen; aber Vorsicht - es könnte sein, daß das erste Bataillon schon umgangen ist! Wo sind denn Ihre Leute?" Er
ruft zurück, und da stehen sie aus den Trichtern auf. Drei MG.s haben sie dabei, damit läßt sich schon was machen.
Hinten scheinen sie schon zu wissen, daß es genau auf der Schneide steht, und dru n haben sie die bereitgestellte
Scharfschützenabteilung eingesetzt.
Wir biegen weit um Juvincourt aus nach Damarry zu und finden im Miettegrund einige Planken über dem Bacl Und
dann biegen wir auf den Schoppgraben zu. Plötzlil. schlägt beim Überschreiten der Straße nach Corbeny aus Juvincourt
Feuer in die Reihen der Abteilung. Zwei Mann taumeln heraus, einer ist gleich tot. Da sind wir aber schon im Graben
und ducken uns vor den heranfegenden Garben der französischen MG.s. Die erste Kompanie steht noch wie vorher im
Graben und plänkelt mit dem Franzmann herum, ohne zu ahnen, daß sie im Rücken schwer bedroht ist. Es hat schon
eine Reihe von Verwundeten gegeben, meist Kopfschüsse, und einige sind gefallen. Das hat sie doch gründlich davon
überzeugt, daß ihnen keine eigenen Leute gegenüberlagen. Die Scharfschützen werfen ihre MG.s auf die Deckung und
rasieren drüben die Kopfreihe der französischen Stahlhelme ab.
Ein MG. von unserem Regiment kommt auch noch daher. "Wohin damit?" fragt der Korporal. "Daher, zum Flankieren,
da gibt's Arbeit, Manner!" schreie ich. Das ist auch ein richtiger Kerl, der Korporal. Wir verstehen uns gleich, ohne viel
Worte, als hätten wir uns schon imwer gekannt. Seine Leute werfen das Gewehr am Ende des Grabens in einen großen
Trichter und dann hämmert es mit unausgesetztem Dauerfeuer nach links hinüber zum Bahngraben und zur ehemaligen
Windmühle, wo es geradezu wimmelt von Franzosen. Ganze Gruppenreihen springen da drüben aus dem Miettegrund
zurück, und unser MG. hacht fest hinein. "Franzosen am weißen Hügel halblinks!" "Erkannt!" "Visier 700, zwei
Strich!" Jertig!" - "Dauerfeuer!" Wie am Exzerzierplatz, so genau und kaltschnauzig geht das, daß ich mich prächtig
darüber freue. "Wo kommt ihr denn her?" "Vom Lager von Sissonne - vom MG.-Kurs. Wir sind um 6 Uhr alarmiert
worden und gleich vorgefahren bis Amilontaine, und da haben sie uns vorgeschickt bis Juvincourt, da sollen wir weitere
Befehle zum Vorgehen abwarten: derweil sind die Franzln da. Wie schaut's vorne aus?" Ich zucke die Achseln und
brülle ihm durch das Hämmern des Gewehres zu: "Wird nichts mehr dasein, wenn schon der Franzryiann bis zu uns
herkommen konnte." - "Wo ist denn das Depot mit der Munition? Wir haben nur einige Kästen voll mit vorgeschleppt,
weil es geheißen hat, nur rasch laufen, Munition liegt im Juvincourtriegel genug." Sollte damit das Depot in der
Reserve-I-Stellung gemeint sein? Ich sagte dem Korporal, daß ich schon ein Depot wüßte, aber - da säße jetzt der
Franzmann drinnen. Was tun? Die Gurte sind leer geschossen.
Wir haben gar nicht gleich gemerkt, wie das Feuer der Franzosen vor unserem Graben erstarb. Auf einmal ist es weg
und vermutlich die Franzosen auch. Drüben springen jetzt ganze Scharen aus dem Miettegrund nach hinten zur Mühle
zurück. 800-1000 in weit sind sie weg. Wir müssen ruhig zusehen, die Patronen fehlen zum Schießen. Einem
daherkommenden Landstürmer reiße ich das Gewehr aus der Hand, springe hinauf auf die Deckung und schieße
freihändig hinüber in den Haufen. Ein Vize dirigiert einige Gruppen seiner Leute heran, die nun ein prasselndes Feuer
hinüberschicken. Aber ein MG. wäre da von ganz anderer Wirkung. Der Offiziersstellvertreter der preußischen
Scharfschützen kam auch und fragte, ob niemand das Depot weiß, die Patronen seien ihnen ausgegangen. Auch ihm ist
hinten das gleiche gesagt worden. Da mache ich ihm den Vorschlag, zu erkunden, ob die Reserve-I-Stellung vom
Franzmann wieder geräumt sei, was nach der allgemeinen Rückwärtsbewegung nicht unmöglich wäre. "Wissen Sie das
Depot, wo liegt es denn?" - "Da drüben in der Nähe der Windmühle; sehen Sie den v,eißen Graben, der sich zu dem
weißen Hügel da drüben hin ?lebt? Da drinnen liegt das Depot! Wer geht mit zur Patrotuille?"
Der Offiziersstellvertreter, der Korporal und ein kleiner Schütze von den preußischen MG.s gehen mit. Ich winke noch
zu der nebenanliegenden Kompanie hinüber, damit sie das Schießen einstellt, und dann springen wir die paar hundert
Meter über das freie Trichterfeld ' bis wir an den zertrommelten Bahngraben hinkommen. Schüsse, von weither nach
uns gezielt, singen vorbei. Sogar einige Schrapnelle schickt der Franzmann vor unseren Weg. Wie wir das sehen,
werden wir sorgloser; es ist uns das Zeichen dafür, daß der Franzmann wohl wieder ein gutes Stück zurückgegangen ist.
Im Bahrigraben liegen einige tote Franzosen. Umhergeworfene Gewehre und abgeworfene Ausrüstungsstücke lassen
erkennen, daß es doch größere Verluste beim Franzmann gab, als wir uns -gedacht haben. "124" stand auf den Kragen
der Toten. - Tote Franzosen vor Juvincourt - wer hätte das einmal gedacht! Wir redeten halblaut miteinander. "Was der
Franzmann wohl hat, daß er so rasch wieder zurückgeht, ohne den Gegenangriff abzuwarten?" Yielleicht haben die
Unseren von woanders her einen Gegenstoß gemacht? Daß man von unseren Leuten vorne gar nichts weiß, wundert
mich stark." "Ein paar Verwundete oder sonst wer hätten doch zurückkommen müssen", meinte der Korporal. "Wie
weit ist es denn noch, bis Ihr Depot kommt?" fragte der Offiziersstellvertreter. "Gleich da vorne bei dem zerfetzten
Blech geht der Graben links weg. Wir müssen schon etwas vorsichtig sein!"
Bisher ging ich voraus, hinter mir der Korporal, dann der Offiziersstellvertreter und sein kleiner Schütze, der lustig zu
mir vorschaute, wie ich mich umdrehte. "Wir machen jetzt selbständig Krieg", sagte er und schwang seine Pistole. Am
einstigen Bahngrabentunnel lag ein Riesentrichter vor der zerfetzten Kreuzung. Ich wollte ihn rechts umbiegen, um in
den Graben der Reservestellung zu kommen, und sagte: "Da geht's hinein!", als im selben Augenblick sich dort etwas
bewegte und ich mich instinktiv blitzschnell zurücklegte. Die anderen drei Kameraden prallten über mich vor und
stockten entsetzt - der Korporal wollte gerade den Arm heben zum Schuß - da blitzte ein Feuerstrahl von einer
Gewehrmündung, und alle drei sanken zugleich lautlos um. Zur gleichen Sekunde sah ich noch zwei Handgranaten, die
ich, fast ohne es zu wissen, miteinander abgezogen und geworfen hatte, hinter dem Kreideaufwurf, aus dem es
geschossen hatte, verschwinden. Dann ließ ich mich in den großen Trichter fallen. Zwei dumpfe Schläge. Wir sind
ahnungslos auf den Feind geprallt.
Ich mußte zurückspringen - in die nächsten Trichter; vielleicht entkam ich noch. Zitternd erhob ich mich, zögernd leise, jederzeit gewärtig, durch brechende Schüsse niedergeworfen zu werden. Dann schnellte ich wie eine Feder hoch
und hinaus in den nächsten Trichter, der Länge nach. Nichts rührte sich. Erst rhielt ich einige Zeit lauernd, dann wagte
ich einen 10-m-Sprung. Wieder nichts.
Nun wendete ich mich und hob vorsichtig den Kopf hinaus - den Stahlhelm hatte ich abgenommen. Zentimeterweise
schob ich die Schädeldecke empor, und dann tauchten meine Augen über den Trichteraufwurf und sahen, wie der
Offiziersstellvertreter sich kniend aufgerichtet hatte und versuchte, sich an der kaum meterhohen Grabenwand
rückwärts zu usten. Der lebte also noch. Die anderen rührten sich noch immer nicht. Der Korporal lag halb hinter einem
Aufwurf und war nicht näher zu sehen; aber den Kleinen hatte es hintenübergerissen. Der brauchte wohl nichts mehr Kopfschuß. Das ganze Gesicht eine Blutlache.
Wieder versuchte der Offiziersstellvertreter hochzukommen und sich an die Wand zu lehnen, sank aber um wie ein
Mehlsack. Daß sich der Feind nicht rührte, kam mir recht seltsam vor. Jeden Augenb ick konnte ja ein Franzmann
hinter der Grabenwand vcrstürzen und ihn niederschlagen. Aber zäh rappelte sich der Offiziersstellvertreter wieder
hoch, und jetzt machte er einige Schritte mühsarn heran. Ich lache ihn an, und er erkennt mich, schmerzhaft lächelnd
vor Freude. Dann fiel er wieder um und machte noch einige unbeholfene Versuche, hochzukommen.
Kriechend schob ich mich hin zu ihm und schaute nach seiner Verwundung. Ein Loch im Rücken seines Waffenrockes
war blutig, und wie ich seinen Kopf aufhob, kam ein Guß Blut aus seinem Mund. Aha, ein Lungenschuß! Da sah ich ja
auch das winzige Loch des Einschusses. Hatte der aber ein Sauglück! Das konnte keine drei Finger breit neben dem
Herzen vorbeigegangen sein. Ich riß seinen Waffenrock auf und drehte vorsichtio, einen Mullfetzen zu einem Pfropf
zusammen, damit er nicht von meinen Fingern beschmutzt wurde, und drehte ihm diesen Pfropf in das Einschußloch.
Dann wendete ich ihn um und stopfte einen größeren Pfropfen in das ausgefetzte Loch des Ausschusses. Er stöhnte
leise dabei, aber das Bluten hörte auf. "Wasser - Kamerad!" hauchte er, aber ich hatte keines.
Da rührte sich etwas; erschrocken fuhr ich zusammen und sah, daß der totgeglaubte Korporal sich aufgesetzt hatte und
ganz geistesabwesend umherschaute. Wie er mich sah, stieß er ein gequältes, rasselndes Stöhnen hervor. Er meinte
wohl, ich sollte ihm.helfen. Ich legte den Finger auf meinen Mund, daß er schweigen solle, und winkte ihm,
heranzukommen. Da schüttelte er müde den Kopf; er konnte wohl nicht. Mir tat er leid. Was sollte ich machen?
Ich blickte nach hinten, sah aber niemanden als die toten Franzosen im Graben. Hilfe holen von hinten? Aber da ging
sicher keiner mit bis hierher. Daß sich die Franzmänner nicht schon längst nach uns umsahen? Vielleicht sind sie
ausgerissen? Dann ginge es ja. Und wenn sie noch da waren? Dann mußte ich mich eben mit meinen Kameraden
gefangen geben, iin Stich lassen konnte ich sie nicht.
Zögernd ging ich geduckt vor und schob mich ruckweise an die Grabenmündung heran, jederzeit gewärtig, die Hände
hochstrecken zu müssen. Das Herz schlug mir zum Halse herauf wie ein Pumpenschwengel. "Hilf a bißl, Kainerad!"
stöhnte ganz matt der Korporal nebenan. Blaugraues Tuch lucite hinter einem Kreidehaufen hervor; erschrocken fuhr
ich zurück. Sie sind also doch da! Oder sollten es Tote sein? Die Handgranaten! - fuhr es mir blitzschnell durch den
Kopf. Vorsichtig luge ich um die Ecke. Da lagen, gräßlich zugerichtet, zwei Franzosen und rührten sich nicht mehr.
Dem einen hing ein Auge starr und grausig aus der blutgefüllten Höhle im zerschmetterten Schädel, und der andere lag
mit aufgerissenem Hals bäuchlings am Boden in einer sulzioen Lache Blut. Weiter hinten war der Graben mit
französischen Ausrüstungsstücken übersät. Gewehre lehnten an den Resten der Grabenwände, und die Dreifußlafette
eines MG.s stand leer darunter. Sie sind also davon. Gott sei Dank!
Der tote kleine Preuße saß noch immer hintenüberhängend an seinem Aufwurf. Dem sollte ich eigentlich seine Sachen
abnehmen und die halbe Erkennungsmarke. Wenigstens die, wenn es mir auch unheimlich vorkam, ihn berühren zu
müssen und das blutüberströmte Gesicht mit dem verbissenen Mund anzusehen. Ich riß seinen Rock auf und kramte
nach dem Blech. Da drinnen war es ja noch ganz warm. Lebte er noch? Ich zog ihn empor - und da ging ein frostiges
Schütteln durch den Körper, das letzte wohl; aber da schlug er die blutüberkrusteten Augen auf und stöhnte, ohne die
Lippen zu bewegen. Vielleicht war da noch zu helfen. Ich durchsuchte den Waffenrock des Preußen und verband ihm
den Kopf mit drei Binden. Eine mächtige lange Rinne zog sich über seinen Schädel, wie ein mit dem Säbel gezogener
Scheitel.
Dann rührte er sich endlich und bat um Wasser. "Kannst du aufstehen?" frage ich. Junge, Junge! Aber sag mal, ist nicht
eine Dampfwalze über meinen Kopf gefahren?" "Mach weiter, daß wir da wegkommen!" Ich packte ihn unter den
Armen, er wehrte sich aber und meinte: "Der geht schon von alleene und braucht keene Amme mehr", stand auf und
ging etwas schwankend nach hinten.
An einem Trichter saß der Korporal und ließ den Kopf hängen. Aus dem Mundwinkel tropfte ihm Blut in den Schoß,
das er anstarrte, ohne zu begreifen, was das sein sollte. Auch ein Lungenschuß? Rasselnd ging ihm der Atem, er rang
mühevoll um Luft. Ich riß ihm gleich ahnungsvoll seinen Waffenrock auf und sah schon am blutigen Hemd, daß er
einen Brustschuß hatte. Aber ich glaubte, mich äffte ein Trugbild, es war der gleiche Einschuß wie beim
Offiziersstellvertreter - keine drei Finger breit vom Herzen weg. Was es für Zufälle gibt! Genau so wie beim anderen
drehte ich ihm einen Pfropfen von seinem Verbandstoff in den Ein- und Ausschuß, und dann wird ihm schwindelig. Er
fiel In meine Arme, und jetzt quoll mit einem Stoß ein Strahl Blut aus seinem Mund, und dann schlief er mir in den
Armen ein.
Wie brachte ich bloß die drei zurück? Die zwei Preußen suchten einander zu stützen, kamen aber nur langsam voran.
Schwer gelang es mir nur, den großen, stämmigen Korporal hochzuheben und auf dün Buckel zu nehmen. So schob ich
ab nach hinten, an den beiden Preußen vorbei, die erschöpft am Boden lagen und stöhnten. "Wasser!" lechzte der
Offiziersstellvertreter. "Kamerad, einen Tropfen nur!" Ich versprach den Preußen, sie bald zu holen, aber erst mußte ich
den Korporal wegbringen, der schon wieder ohnmächtig geworden war.
Unter Höllenqualen schleppte ich den Kameraden nach Juvincourt. Die Zunge hing mir lechzend heraus, und der Kopf
glühte mir vor Atemnot. Der salzige Schweiß rann in Bächen beißend in meine Augen. Und Juvincourt lag unter Feuer,
aber ich merkte es kaum. Immer wieder rastete ich. Es ging fast nicht mehr, und schon wollte ich verzweifeln, da bogen
aus den Trümmerhaufen der Häuser zwei Sanitäter mit einer Tragbahre um die Ecke, Menschen, endlich helfende
Menschen. Gleich nahmen sie mir den Korporal ab und trugen ihn zum Sachsenhaus zurück. Einem soff ich die halbe
Labeflasche voll Tee aus und bat sie, doch gleich wiederzukommen und die zwei anderen Kameraden zu holen.
Die beiden Preußen fand ich ermattet im Bahngraben. Der Kleine war schon ein Stück weitergekommen. "Sanitäter - wie weit - - noch?" würgte er hervor, wie ich mich zu ihm niederbückte. "Gar nimmer weit, Kamerad, gleich werden
wir's haben." Dann hob ich den Offiziersstellvertreter auf meinen Buckel - er war schon etwas leichter als der Korporal
- und schleppte ihn ein gutes Stück zurück. Da setzte ich ihn ab und holte den Kleinen bis hierher. So schleppte ich
beide allmählich nach Juvincourt in den Sanitätskeller, legte sie mit Hilfe des Sanitätspostens auf eine freie Matratze
und setzte mich hin zum Rasten. Herrgott, war ich müde! Jetzt mußte ich schon machen, daß ich zurückkam. Was ging
mich denn das alles hier eigentlich an? Es war schon 11.30 Uhr. Die Schlacht schien zu stehen. Juvincourt hatten die
Franzosen längst wieder geräumt.
Dann rannte ich in einem Lauf die lange, verwüstete Straße von Juvincourt durch bis zu dem Steinhaufen, wo ich heute
vor zwei Stunden in höchster Verzweiflung schon einmal lag, und setzte mich. Mein Gewand war schon wieder
vollständig trocken, fast wußte ich nimmer, wie triefend naß es war. Dort drüben stand noch die Batterie. Jetzt waren
die Geschütze schon hinter Erdaufwürfen verborgen, und die Kanoniere steckten Zweige zur Maskierung darauf.
Die Divisionshöhe lag unter Schrapnellfeuer, aber mir war alles gleichgültig, wie ich die Straße hinaufstieg.
Und endlich sah ich jemanden vor mir. Ich rief; es war ein Offizier unserer Brigade. "Wo kommen Sie denn her? Von
vorne? Mensch, Sie schauen aus, über und über voll Blut; sind Sie verwundet?" Ich schüttelte den Kopf und gurgelte
erst einmal ordentlich aus einer mir gereichten Feldflasche, und dann erzählte ich. "Moment, Moment, das muß ich mir
notieren. Wo haben Sie die Franzosen gesehen? Vor der Divisionshöhe? Unmöglich!" Auf der Karte zeigte ich die
neuen Stellungen des Franzmarines an. Der Oberleutnant nickte und sagte: "Stimmt mit den Fliegermeldungen beinahe
überein. Ihr Reuiment ist noch vorne im Walde von La Ville aux Bois, aber umzingelt. Brieftauben haben die Meldung
gebracht, daß alle Angriffe der Franzosen gescheitert seien, daß sogar einige hundert Gefangene gemacht wurden, aber
nicht zurückgeschafft werden können, weil der Franzmarin hinter dem Regiment die Reimser Straße besetzt hat. Aber
jetzt ist schon eine Brigade unterwegs nach vorne, die das Regiment heraushauen soll." Mit einem Schlage erklärte sich
mir das merkwürdige Ausbleiben unserer Verwundeten, die es doch gewiß massenhaft in dieser Schlacht heute gab. Das
Wasser stieg mir in die Augen, wenn ich an mein Regiment dachte, das heute wie ein granitener Eckpfeller in die Flut
des Durchbruchs der Franzosen hineinragte. Das war heute ein Ehrentag meines Regiments, das so viel gelästert wurde
mit seinen alten Leuten. Mit einem Male war es ein Angelpunkt der Schlacht geworden, ein Halt der zerflatterten Linie.
Und der Durchbruchsplan des Franzmannes zerbrach daran. Ich ärgere mich, daß ich nicht doch vorne geblieben bin.
Neubelebt ging ich über die Divisionshöhe weiter. Ein Vize unseres Artillerieregiments kam dahergeritten und fragte:
"Haben Sie Tanks gesehen?" -"Freilich, dort drunten links bei Juvincourt, werden aber nicht mehr dasein." Ich hatte
mich umgedreht, und da entfuhr es mir: "Da, da! Sehen Sie's, dort bei den hohen Bäumen!" Der Vize hielt seelenruhig
sein Pferd an und hob das Glas an die Augen. "Ah, ganz richtig! Danke!" und preschte davon. Da sauste mit einem
Male eine Feldhasenbatterie hinter dem Brigadewäldchen hervor und protzte blitzschnell ab. Die Pferde ließen sie
gleich leichtsinnigerweise beiden Geschützen stehen. Ein rasendes Schnellfeuer flog in den Miettegrund, wo fünf Tanks
anscheinend festgefahren waren. Das war eine prachtvolle Szene, wie im Nu Tank für Tank in Sprengwolken versank
und das Feuer herausschlug. Alle fünf brannten hellauf. Mit einem Schlage war das Feuer verstummt und im Nu die
Geschütze aufgeprotzt. Die dürren, abgemagerten Rosse sprangen an, und - als wenn nichts gewesen wäre - verschwand
die Batterie plötzlich wieder hinter dem Wäldchen. Nur der Vize dankte lächelnd mit einem Finger am Helmrand, wie
ich laut hinüberbrüllte: "Bravo, Feldhasen, bravo!" Ich glaube, die ganze Szene hatte keine fünf Minuten gedauert. So
was war geradezu erhebend. Ja, Franzmann, wir sind auch noch da.
Noch einen Blick warf ich auf die brennenden, qualmenden Tanks im Grund, da fuhr eine Kette Schrapnelle
auseinander, aber die kamen zu spät, die Batterie war schon weg. Ich machte, daß ich weiterkam. Da hörte ich
metallenes Klirren und Stampfen. Kommandorufe. Was kam da? In prachtvoller, mächtiger Ordnung rückte die breite,
unübersehbare Schwarmlinie eines Infanteriebataillons über den Kamm, voran die Trupps der schweren MG.s und der
Stab mit dem Kommandeur.
Gepackt von der Wucht dieser plötzlichen Erscheinung, blieb ich stehen und staunte. Der Gegenstoß von uns war im
Gang. Deutsche Infanterie im Angriff! Schon das Herankommen dieser geordneten Menschenwogen hintereinander ließ
mich erschauern vor der Stoßkraft, die allein ohne weiteres auf mich fühlbar erschütternd wirkte. Ein Major kam heran
mit seinen Leuten, die mich anstaunten, wie eben frische, ausge.,ihte Truppen die abgekämpfte, ausgebrannte
Infanterie, die von vorne kam, mustern. Über und über voll Dreck, die Krusten meines Blutes im schwarzen,
durchschwitzten Gesicht, bot ich ein Bild des Schicksals, das sie vorne erwartete. Unwillig sah mich der Major an; er
wußte wohl, daß ich nicht ermunternd auf seine Leute wirkte. "Kommen Sie von vorne?" Jawohl, Herr Major!" brüllte
ich und schlug knallend die Hacken zusammen. Das gefiel ihm. "Ah, Sie sind vom bayerischen Ersatzreainient! Sagen
Sie mir, wo liegt euer erstes Bataillon? Wir sollen uns dort bereitstellen zum Gegenangriff und wollen euer braves
Regiment vorn heraushauen. - Halt!" schrie er über die eben ankommende erste Welle hin.
Kurz und bündig erklärte ich ihm die Gegend. "Aber gehen Sie doch vorher noch einmal zu unserem Brigadestab, der
gleich dort drüben, hinter dem kleinen Wäldchen, liegt." - "So - warum sagen Sie das nicht gleich?" Die Ordonnanzen
spritzten nach allen Seiten davon, Kommandos schwirrten, und die Wellen setzten sich wieder in Marsch, mit Klirren
und Stampfen an mir vorüberflutend.
Rheinische Regimenter waren es; lauter junge, ausgesuchte Leute von soldatischer Frische und Lebendigkeit. Schön
war das, wie so Welle um Welle vorüberklirrte und dann in Staffeln drunten bei Juvincourt nach rechts einschwenkte.
Die ersten Schrapnelle pfiffen schon über den kribbelnden Hang. Die Fesselballone standen heute schon näher und in
größerer Zahl als die Tage vorher drüben. Die sahen auch das Einrücken der frischen Brigade in den Kampfbereich und
sorgten für gebührenden Empfang. im Nu standen ganze Reihen riesiger schwarzer Einschlagswolken in den
Schutthaufen von Juvincourt. Ein weitausholendes, infernalisches Heulen drang im Tanz der Furien durcheinander, und
sprengend-reißende Donner schmetterten über den fauchenden Katzensang zusammen zum Salut. Darunter liefen die
Bataillone hindurch, Tausende von Soldaten, und zahlten den üblichen Zoll an Blut und Leben. Noch immer stand ich
und schaute in den dampfenden Grund hinab. Da wanderte das Feuer den Hang herauf und jagte mich aus meiner
Betrachtung auf, daß ich wendete und quer nach hinten über das Feld lief.
Frische Batterien standen feuerbereit, in den Senkungen ganz offen aufgefahren; ein ungewohntes Bild. Heute waren
die Waffen zutage getreten. Kaum ein Stück weiter hörte ich, wie in wütendem Satz das Feuer unserer Artillerie
ansprang. Flieger kamen tief heran und warfen Meldungen ab. Dann konnte das Feuer nichts anderes bedeuten als einen
neuen, gewaltigen Angriff des Feindes. Und Angriff prallte da vorne auf Angriff. Wie das wohl enden mag?
Jetzt begegnete ich immer mehr Leuten in dem von einem lebhaften Treiben erfüllten Gelände. Eine Menge neuer
Trichter klaffte im Boden. Und endlich lande ich im Waldlager, wo ich gerade zurechtkomme, wie die Küche mit dem
Feldwebel abrückt, hinterdrein das Häuflein der Träger und Ordonnanzen. Sie sind alle überrascht, wie sie mich sehen,
und der Feldwebel sagt: "Was, Sie leben auch noch?" "Wenn Sie nichts dagegen haben, Herr Feldwebel, bin ich sogar
ganz gesund." "Sie sind mir schon längst als tot oder gefangen gemeldet, aber Sie schauen auch danach aus. Mensch,
was sind Sie voll Blut!" "Ach was! Wohin denn so eilig?" "Wir gehen zurück. Das Regiment ist vorne eingeschlossen
und muß die Waffen strecken."
Das konnte doch iricht stimmen. Fragen stürmten auf mich von allen Seiten ein, wo ich so lange gewesen wäre und wie
es jetzt vorne aussähe. "Später! - Habt ihr nichts zu trinken? Und einen Brocken zum Beißen! Wo ist mein Tornister? Ist
der Heiner nicht zurückgekommen, hat den keiner gesehen?" Keiner weiß was von ihm. Es fehlen noch mehrere;
zurückgekommen sind nur die Kameraden, die ich zuletzt im Sanitätsunterstand an der Straße nach Corbeny sah. Das
waren sechs Mann, mit mir sieben. Die Hälfte hatten wir also verloren vorn Trägertrupp. Und jetzt sollte es aus sein und
das ganze Regiment beim Teufel? Das kann doch nicht sein!
Da ließen wir alle die Köpfe hängen und stiegen hintereinander querfeldein, an Amifontaine vorbei, das bös
zerschossen war, seitdem wir das letztemal hier durchkamen. Winselnde Granaten fielen herein. Artilleristen trafen zu
uns. Es waren Kanoniere der Batterie an der Windmühle; sie trugen die Verschlüsse ihrer Geschütze mit, die sie dem
Franzmann überlassen mußten, nachdem sie noch eine Reihe Tanks damit erledigt hatten. Freudig begrüßten wir
einander und erzählten von den vergangenen Stunden.
Drüben auf der Straße nach St. Erme kamen lange Reihen gefangener Franzosen daher. Sie schleppten in Zeltbahnen
viele Verwundete mit und waren ohne jede Bedeckung. Halt, doch nicht ganz! Da liefen ja ein paar Deutsche
hinterdrein. Wie sie näher kommen, rufen sie herüber und winken. Woher kennen die uns denn? Aber das ist ja
unmöglich, das gibt es doch nicht, daß diese Leute ausgerechnet von unserer Kompanie vorne in der Stellung sind! Und
wirklich - sie sind es! "Ja, was ist das, du bist es?" "Gelt, da schaust?" "Was ist denn vorne los, seid ihr denn noch da?"
"Alleweil! Wir haben unsere Stellung gehalten und den Franzosen saumäßig heimgeleuchtet, grad 'rumg'Iegen sind s'.
Den Haufen da haben wir noch bei der' Schaltstelle umzingelt und gefangen. Mein Lieber, zugegangen ist's da! Der
Major hat uns nur zu viert mit dem Haufen Franzosen hintergeschickt. Kennst ihn ja - vier Mann genügen - los! Wie wir
an die Walhalla bei der Reimser Straße kommen, steht der ganze Graben voll Franzosen. Wir haben schon gemeint,
jetzt geht's umgekehrt, und hatten schon unter dem Gewimmel von Franzosen das Koppelschloß in der Hand zum
Abschnallen, da schreien wir noch in der höchste . n Verzweiflung: 'Marsch, 'raus da!' Und da haben sich die
Franzmänner gar nicht lange besonnen und haben sich ohne Wider, stand angeschlossen!" "Gibt's denn das auch?" Wir
zählten gut fünfhundert Franzosen, und von uns - ein Korporal mit drei Mann.
Wer soll sich da noch auskennen? Gleich darauf kommt der Feldwebel der elften Kompanie daher und sagt, alles müsse
wieder vor, das Regiment sei nicht mehr umzingelt; es müsse heute nacht Verpflegung vorgebracht werden. So machten
wir wieder kehrt und liefen wieder zwei Stunden weit ins Waldlager zurück. Fluchend über diese ärgerlichen Umstände
wirrer Befehle, baute ich mich auf den Boden hin und schlief vor Müdigkeit mit bleierner Schwere ein.
*
Die Ungewißheit der Lage lastete auf dem Schlachtfeld. Niemand wußte, was sich in dem Trommeln am,Nachmittag
zugetragen hatte. Sorgende Gedanken bewegten mich, als wir wieder bepackt im Stockdunkel der Nacht über die
Divisionshöhe nach vorne gingen. Vor Juvincourt stiegen Leuchtkugeln aller Farben durcheinander. In der Nähe des
Brigadestabes hielten wir an, um uns nach der Lage vorne zu erkundigen. Aber es waren keinerlei Nachrichten
eingetroffen, welche die Lage geklärt hätten. Verwundete kamen truppweise zurück; es waren lauter Preußen, keiner
von unserem Regiment dabei. An der Brücke in Juvincourt begegnete uns ein verwundeter Leutnant, den wir um
Auskunft über die Lage baten. Er saute aber nur: "Ich kenne die Gegend nicht näher und kann euch keine Auskunft
geben als die, daß nicht recht weit vom Ortsrand in einer ehemaligen Stellung unsere Leute liegen, soweit noch welche
da sind. Jedenfalls ist die Reimser Straße noch vom Franzmann besetzt."
Wenn die Reimser Straße besetzt war, hatte es keinen Zweck, weiterzugehen. Die Trupps der anderen Kompanien
kehrten darauf um. Sollten wir es allein wagen? "Jetzt schaun wir einmal, wie's vorne steht, und ob das auch stimmt.
Wenn es stimmt, dann geben wir unsere Sachen den Preußen, die sicherlich heute nichts bekommen und Durst haben
werden. Zurücktragen ist Unsinn, die Unseren kriegen es dann so nicht mehr." Das leuchtete auch jedem ein. Wir
mußten um jeden Preis uns selbst davon überzeugen, ob es ging oder nicht. Immer neue Verwundetentransporte
begegneten uns im weiteren Vorgehen. Den Schoppgraben hatten die Preußen vertieft. Eine Reservekompanie lag darin,
mit dem Beerdigen ihrer Gefallenen beschäftigt. Stahlhelme kollerten vor unseren Füßen, und herrenlose Gewehre und
Tornister zeugten von den schweren Verlusten. Ein Stück weit über der Artillerieschutzstellung draußen war der Graben
abgedämmt und ein MG. postiert. Der Posten dort erklärte uns, das sei wegen des furchtbaren Flankenfeuers so gemacht
worden. Aber später habe es aufgehört, und Patrouillen hätten eben bis an die Reimser Straße erkundet, daß das
Gelände vom Feinde frei sei. Der Franzmann sei im Dunkel wieder zurückgegangen.
Der Franzmann verhielt sich auffallend ruhig. Unsere Batterien im Miettegrund schossen mit anhaltender Wucht auf die
Gegend bei der Windmühle und auf die Reimser Straße beim Zickzackweg. Vor uns, bei der Walhalla, lag Dunkel über
dem Wald von La Ville aux Bois. Keine einzige Leuchtkugel stieg dort mit bleichem Schein über die zerrauften Bäume.
Nur weit vorne es mußte der Richtung nach bei der Hasenhöhle sein zogen einmal kurz nacheinander drei Leuchtkugeln
auf. Jetzt wieder! Sollte das ein Zeichen der Unseren sein, daß sie noch da waren? Wir sprachen darüber und glaubten
nun gewiß, daß wir vorkönnten zur Kompanie. Schon allein die Möglichkeit einer Verbindung mit vorne war von
allergrößter Bedeutung; das sahen wir ein und gingen hoffnungsvoll in dem leeren Stück des SchoppTrabens vorsichtig
weiter. Der Hans und ich gingen mit entsicherten Handgranaten voraus, die wir uns weiter hinten aufgelesen hatten, und
die anderen sechs Kameraden hatten Gewehre aufgegriffen und sicherten nach rechts und links.
So kamen wir ungehindert an die Stelle, wo der Schoppgraben unter der Reimser Straße durchgeführt war, doch war die
Deckung eingeschossen. Lauschend standen wir hier eine Zeitlang, drüben rührte sich nichts. Kein Zweifel: die Reimser
Straße war an dieser Stelle nicht besetzt. Das Klappern und Rasseln eines Tanks drang vom Lisettewald und
Zickzackweg heran. Der Lichtstreifen eines Scheinwerfers fuchtelte dort die Straße ab. Flüsternd vereinbarten wir, daß
der Hans und ich zuerst ohne Gepäck hinübergehen sollten, um im Wald drüben vorzufühlen und die Kompanie zu
suchen. Dann wollten wir mit einigen Leuten kommen und die Zurückgebliebenen mit dem Gepäck holen. Drüben im
Walde hämmerte gerade ein deutsches MG. in regelmäßigen Feuerstößen; das konnte vielleicht 400 in weit sein. "Hörst
du's?" sagte ich frohlockend zum Hans; Aas sind die Unseren, sie sind noch da. Packen wir's jetzt?" Er nickte.
Mit einem Ruck stand ich oben auf der Straße, der Hans lief vor mir hinüber. Da war ja schon der Schoppgraben
wieder, hinein und - - was ist? - - Schatten lösten sich plötzlich aus dem Dunkel, eine Unmenge Fäuste hielten mich
eisern fest, und der Schlag eines Gewehres traf mich von der Seite an den Helm, daß ich an die Grabenwand taumelte,
aber sofort wieder zurückgerissen wurde. Franzosen! "Pardon, Kamerad, Pardon!" rief ich, während ich in dem Graben
vorwärtsgestoßen wurde. "Nix pardon, nix eamarade!" zischte einer der Franzosen mich an und stieß mich mit dem
Kolben in die Seite, daß ich die Zähne knirschend zusammenbeißen mußte, um nicht vor Schmerzen laut
hinauszubrüllen. Ein Stück voraus prügelten andere Franzosen auf den Hans ein und schimpften wütend dazu. Dann
drückte mich einer mit der Mündung seines Gewehres gegen einen Wurzelstock-, daß ich zusammenzuckte in der
Meinung, er durchsehösse mich jetzt. Gierige Krallen wühlten in meinen Taschen; ein Rahmen Patronen wurde mir ins
Gesicht geworfen; einer zog meine Uhr heraus, und ein anderer riß sie ihm gleich wieder aus der Hand; sie stritten
darum. "Nix eigarettes?" herrschte mich ein anderer an. "Qui, oui, camarade, ici!" "Nix camarade, tu chien, tu boche!"
Ich wollte nach der hinteren Rocktasche langen, da fuhr mir ein warnendes "'Alt-là!" entgegen. Ich wurde
herumgerissen und mit dem Gesicht an die Grabenwand gestellt. Die Mündung des Gewehres wurde mir von hinten in
die Rippen gestoßen und blieb dort, von einem knurrenden Zuruf begleitet, den ich nicht verstand. Da zog ich es vor,
mich nicht mehr zu rühren, denn jeden Augenblick konnte mir das kupferne Ding durch den Leib fahren.
Da mischte sich eine neue unterdrückte Stimme in den halblauten Wortschwall. Die Gewehrrnündung verschwand, ich
wurde wieder umgedreht, eine Taschenlampe blendete mich kurz. Vor mir stand ein französischer Offizier. "Quel
régiment?" - !Ici le numéro!" sage ich auf meine Achselklappe deutend. Ein Faustschlag ins Gesicht zauberte Sterne vor
meine Augen, das Blut rann mir aus der Nase. Eine Pistole wurde mir ins Gesicht gehalten, daß ich den brenzlichen
Geruch verbrannten Pulvers roch. "Quel régiment? - ou tu es eapout, tu boche!" klang es drohend, und der
Speichelerguß eines vor Wut geifernden Mundes klatschte mir ins Gesicht. "Trois", gebe ich trotzig zurück. "Ah, des
Bavarois!" sagte der Offizier erstaunt. "Offieier?" fragte er dann. "Non, colonel", sagte ich, ihn aufs Geratewohl recht
hoch titulierend. "Sous-offieier? Tu parles français?" "Nix charge, je parle seulement un peu français." "C'est bien! Où
sont vos traneWes et vos mitrailleux?" "Voilà, chez la route vis-à-vis", log ich, und er glaubte es anscheinend. "Ne sont
pas des soldats dans le bois?" "Oui, oui", sagte ich, obwohl ich es nicht wußte. "Combien y a-t-il?" fragte er. "Une
division", gab ich zurück; das war ein recht dehnbarer Zahlenbegriff. "Et votre artillerie? Combien de eanons?" "Viele;
überall sind bei uns Kanonen und Tanks", log ich. "Tanks?" fragte er überrascht. "Jawohl, jede Kompanie hat zwei ganz
neue Tanks", log ich weiter.
Da mußte ihm ein Gedanke gekommen sein; seine Taschenlampe blinkte kurz auf mich, ein staunendes "Ah!" entfuhr
ihm. "Tu es sous-offieier, du Lügner!", und er deutete auf das blau-weiße Rautenband, das wir Bayern damals alle am
Kragen des Waffenroches trugen. Ein Messer funkelte und begann an meinem Kragen diese Borte abzusäbeln. Dann
schnitt er mir sämtliche Knöpfe ab und grunzte dazu wohlwollend: "Des lions bavarois, des souvenirs de l'Aisne", und
zählte die Knöpfe: "une, deux, trois, quatre, einq..."
Die anderen Franzosen stürzten auf mich zu und suchten ebenfalls nach Löwenknöpfen als Trophäen; einer riß mir den
Rock auf und säbelte die hinteren Hakenknöpfe für den Leibriemen heraus. Daß sie mein feststehendes Messer in den
Wickelgamaschen nicht suchten, wunderte mich. Ich mußte trachten, daß ich es verschwinden lassen konnte, denn das
sollten dem Vernehmen nach die Franzosen mit Erschießen bestrafen. Langsam, allmählich schob ich es durch
Aneinanderreiben der Beine heraus, daß es zu Boden fiel, wo ich es mit den Füßen unauffällig in die Erde verscharrte.
Nun hatte mich doch das bitterste Los des Soldaten getroffen: ich war in Gefangenschaft geraten. Der Offizier, der
inzwischen weggegangen war, kam wieder und sagte zu seinen Leuten, ich solle gegen Tag zum Brigadier gebracht
werden nach Pontavert, wenn ihre Ablösung gekommen sei, (Ja ich wichtioe Aussagen gemacht hätte. Ich entnahm
daraus den Trost, daß sie mich wenigstens nicht ohne weiteres erschießen würden, was ich bisher immer noch für
möglich gehalten hatte, denn es waren ein paar ganz rabiate Kerle dabei. Zwei davon nahmen mich in die Mitte und
führten mich noch ein Stück tiefer im Graben weg zu einem großen Trichter. Da durfte ich mich setzen, und sie nahmen
mir gegenüber Platz, das Gewehr im Anschlag auf mich. Mir fiel auf, daß die Franzmänner nur leise miteinander
redeten und daß sie nicht wenigstens die stockdunkle Gegend von Zeit zu Zeit ableuchteten. Jedenfalls waren sie sehr
unsicher, wo unsere Leute steckten. Vielleicht konnte ich bei einer günstigen Gelegenheit sogar wieder ausreißen, es
hieß nur scharf aufpassen.
Dieser Gedanke hatte mich wieder aus der Hoffnungslosigkeit aufgerissen. Wo war denn der Hans? Ich sah und hörte
nichts von ihm. Fieberhaft erwog ich hundert Fluchtpläne und verwarf sie wieder. Jedenfalls schätzte ich, nicht weiter
denn 30 bis 40 in von der Straße weg zu sein, und drüben wäre ich in Sicherheit. Und doch wäre es Wahnsinn gewesen;
zweifellos würden mich die Franzosen abschießen.
Dann sank die Hoffnung immer tiefer, je weiter die Zeit vorwärtssehritt. Das Ausreißen wurde immer aussichtsloser,
und ich malte mir das Schicksal der Gefangenschaft recht trübe aus. Wären wir doch mit den anderen Trägertrupps
umgekehrt! Vergessen - ich bin so bis in die Seele müde - ein wenig schlafen, duseln...
Wie ich so halb döse und fror, rauschte es von oben mit blitzschnell schwellendem Heulen und Brausen herab. Der
Trichter wankt unter den erschütternden Detonationen schwerster Granaten. Rauch wallt vorüber. Woher kam denn
das? Das waren doch unsere Einundzwanziger? Freilich! Schon rauscht es wiedep, ganz kurz - fffttt! trumm - trumm trumm! Herrgott, sitzen die gut! Dreck prasselt in brechendes Holz. Undurchsichtiger Dampf liegt über dem Trichter.
Jetzt, jetzt geht es! Wo ist denn der eine Franzose hin? Er ist nicht mehr da. Noch einmal winkt die Freiheit. Das braust
aber schon ganz unheimlich heran und widerhallt grollend im Wald. Das war unsere Artillerie! Eine erdrückend scharfe
Wucht lag darin. Der andere Franzose duckte sich neben mir in den Dreck und schnaufte ganz wild. Jetzt mischen sich
die rumsenden Einschläge einer Fünfzehnerbatterie darein. Wie die Geschosse in steilem Bogen heranhuschen - sssiuttt
- trumm. Geht das nahe!
Und dann fährt mit reißendem Grimm ein Feuerstrahl oben am Trichter auf - wupp - und eine Fuhre Erde preßt mich
nieder. Ach, jetzt gar noch sterben müssen durch die eigenen Granaten! Um Gottes willen, 'raus, 'raus! - Und dann habe
ich wieder Luft und wühle mich frei. Ich bin allein - auf - davon! Ich taumle hinauf; da regt sich ein Schatten;
blitzschnell werfe ich mich hinter einen niedergebrochenen Baum. Ein Peitschenknall singt in meinen Ohren; der Hund
hat auf mich geschossen. Nicht rühren - abwarten. Da fährt es hoch heran, ein jäher Feuerstrahl schießt aus dem Boden.
Im Rauch springe ich unter niederprasselnden Ästen und Steinen auf und stolpere und klettere über ein krachendes
Gewirre. Schüsse zucken blendend nach mir. Ich werfe mich hin und krieche. Nur jetzt nicht mehr erwischen lassen!
Ich muß doch bald an der Straße sein? Freilich, der weiße Streifen schimmert ganz nahe. Mit unheimlicher Wucht haut
dort eben eine Einundzwanzigerlage ein; Gestalten huschen aus den Rauchwolken davon; Franzosen!
Da wage ich es. Ein Satz - und ich tauche im wehenden Qualm der Einschläge unter. Sie haben mich gesehen; Schüsse
zischen vorüber. Nur laufen, laufen - die Straße, die Straße! Und dann reißt mich ein Einschlag zu Boden. Ich werde
direkt weggeblasen, springe entsetzt auf und renne stürzend und taumelnd über einen Haufen Gefallener.
In einem Trichter atme ich auf - die Straße ist hinter mir, ich bin wieder frei! Eine Rakete platzt über dem Rauch
unserer Einschläge; sie suchen jetzt nach mir. Jetzt nur ordentlich draufpulvern, daß sie mich nicht sehen! Ich wagte
einen kurzen Sprung und vergrößerte die Entfernung auf 30 m. Zi-zi gifteten die Schüsse über mich weg; sie sahen
mich natürlich. Ach was, bei Nacht trafen sie schon nicht so leicht.
Und mit einem Male taumelte ich in den Schoppgraben. Vor Freude jubelte ich hell auf. Das wäre geglückt, wie selten
etwas gelang. Wenn nur der Hans auch - was ist das? Erschrocken fuhr ich zusammen und griff nach einer
herumliegenden Handgranate. Eine geduckte Gestalt kam von der Reimser Straße aus im Schoppgraben heran. Jetzt
verhielt sie und suchte - ah - auch Handgranaten. War das nicht? ... Jetzt kam er dicht heran. "Halt!" brüllte ich, und er
fuhr zusammen. "Hans, du!"
Er hatte mich gleich am Anruf erkannt. Wir waren fast närrisch vor Freude. "Weißt, wie die mich geprügelt haben! Da
machst du dir keinen Begriff. Aber jetzt bedanken wir uns noch für die gute Behandlung." "Haben sie dir auch alle
Knöpfe abgeschnitten? Hahaha! Wir lassen uns aber gar nicht lumpen und geben ihnen noch ein kleines Souvenir extra,
magst?" "Alleweil schon, los!" Jeder las einen Armvoll Handgranaten auf, nur schade, daß nicht mehr da waren. Dann
schlichen wir das kurze Stück bis zur Straße vor. Drüben rauschte eine Rakete hinauf. Sie waren ganz nahe, kaum 30 m
weit. Wie ihre Köpfe drüben im Bleilicht der Rakete sich bewegten! Einer funkte herüber, daß die Querschläger von der
Straßendecke heulende Bogen zogen. "Du kurz, ich weit", rannte der Hans mir ins Ohr. Dann zogen wir ab und warfen
mit rasender Schnelligkeit Handgranate um Handgranate. Schreie, Schüsse, französische Handgranaten zersprühten auf
der Straße. Dann rannten wir geduckt nach hinten, und ich brüllte durch die Hände schnell noch hinüber: "Souvenirs
des Bavarois!" Stöhnen und Schimpfen und irrsinnige Schüsse zeigten, daß sie verstanden hatten.
Weiter hinten rief uns ein Posten an, der unser lautes Lachen und Reden gehört hatte. Neue preußische Kompanien
hatten inzwischen den Graben bezogen. Ein Freudengeheul unserer anderen sechs Kameraden, die hier warteten,
empfing uns. Sie hatten gerade noch rechtzeitig erkannt, wie es uns erging, und gingen, sofort Gefahr witternd, ein
Stück zurück. Mit Mühe hatten sie die Preußen daran hindern können, nicht mit dem MG. zu schießen, so daß wir nicht
ein Kreuzfeuer durchlaufen mußten. Daß wir wirklich gefangen waren, glaubten sie fast nicht; sie hatten nur vermutet,
daß wir auf Franzmänner gestoßen wären und uns dann langsam zurückzogen.
Jetzt war es uns selber gewiß geworden, daß unser Regiment umgangen war. Morgen, mit Anbruch des Tages, mußte
sich sein Schicksal vollenden, wenn nicht noch diese Nacht das Ende kam. In Juvincourt gaben wir im
Sanitätsunterstand unsere Verpflegung an die über hundert zusammengepferchten Verwundeten ab. Ein Bild des
Jammers und Schmerzes birgt dieses trübe Gewölbe. "Einen Schluck Kaffee, Kamerad!" "Da hast du eine Flasche!"
"Oh, viel Dank, Kamerad!", und zitternde, fiebernde Hände griffen danach wie nach einem vorüberfliegenden Glück.
Wir hatten wenigstens unseren Weg nicht vergebens gemacht.
Hände schüttelnd zogen wir ab. Ein Schwarm Verwundeter, der laufen konnte, hing sich bei uns an, und wir trennten
uns erst im Lager voneinander, als sie ihre Bäuche bis oben vollgestopft hatten. Wir hatten die Verpflegung und
brachten sie so wenigstens los. Nebenan, im Bahneinschnitt, lagen Gardekompanien, lauter junge, stramme Kerle, die
über Nacht vorgekommen waren. Sie schwärmten das Lager im Walde ab nach etwas Eßbarem; sie hatten ewigen
Appetit und klagten über Hungerkuren in der Garnison, die sie zumeist erst vor wenigen Tagen verlassen hatten. Unser
Küchenschani hat gleich die Feldküch, angeheizt und mich dann später zum Ansagen hinübergeschickt: "Essen fassen
bei der zehnten Bayernkompanie!" Eine jubelnde junge Meute überrannte mich fast. Und unsere anderen Küchen taten
das gleiche, was aber die junge Garde nicht hinderte, gleich darauf bei ihren eigenen vor. gefahrenen Küchen zu fassen.
Sie waren ewig hungrig nach dem vergangenen Dotschenwinter.
Vom Trägertrupp der siebten Kompanie ist nur ein Mann zurückgekommen, der erzählte, daß sie im Finstern beim
Bahngraben ahnungslos auf Franzosen gestoßen seien. Die anderen sind alle gefangen, er konnte als letzter, da er etwas
zurückgeblieben war, gerade noch entkommen. An. dere Trägertrupps berichten über ähnliche Vorfälle; es ist also nicht
bloß mir und dem Hans so ergangen.
Nachmittags wurde das Waldlager mit schweren Schüssen belegt. Vorne war, dem Feuerlärm nach zu schließen, ein
allgemeiner großer Angriff der Franzosen im Gange. Ein französischer Flieger warf eine ganze Kette Bomben nach den
Kompanien der Garde im Bahnabschnitt, traf aber 50 m zu weit ab in eine dort stehende Kolonne, von der eine
Bespannung vernichtet wurde. Ich habe mich in den letzten Tagen oft gewundert über die Leistungen der zum Gerippe
abgemagerten Pferde unserer Kolonnen und Batterien, die steif wie Sägeböcke aussahen. Wenn wir die Fahrer tratzen
wollten, fragten wir, ob wir nicht unsere Röcke und Helme an den vorstehenden Knochen ihrer Rösser aufhängen
dürften.
Bei Einbruch der Nacht wurde endgültig zum Abrücken nach hinten fertiggemacht. Der Trägertrupp mußte noch einmal
zum Brigadewäldchen vor, aber ohne Gepäck. Dort erfuhren wir, daß der Franzmann.gegen Abend zwischen Corbeny
und La Ville aux Bois mit einer Unmenge Tanks angegriffen hat und durchgestoßen sein soll bis an die Beimser Straße.
Es sollte versucht werden, das Regiment vorne zu erreichen und den Befehl zu überbringen, daß es sich um jeden Preis
noch in dieser Nacht nach hinten durchschlagen soll; auf Entsatz wäre nicht mehr zu hoffen. Einige Meldegänger und
Verwundete seien zurückgekommen; die Lage vorne sei verzweifelt; seit zwei Tagen nichts mehr zu essen und zu
trinken - keine Patronen mehr - kaum einige Stunden Schlaf und dauernde Kämpfe nach allen Seiten und schwerste
Verluste.
, Während wir den Schilderungen des Oberleutnants lauschten, kroch aus dem Stollen daneben ein Verwundeter herauf
und hörte zu. Ich sah ihn an und erkannte in der Finsternis den Martl. "Ja, Martl, du?" "Meinst, mein Geist?" "Wie
kommst denn du...?" "Wo wollt ihr denn hin? Nach vorne? Ich gehe mit und zeige euch, wo man durchschlüpfen kann.
Aber nicht mehr als zwei, drei Mann dürfen es sein von der Reimser Straße aus. Wir haben uns heute in der
Dämmerung zu dritt durchgeschlichen mit den Meldungen. Aber schicken; es schaut bös aus, sonst kommen wir zu
spät." Sofort rannten wir los nach Juvincourt, und der Martl erzählte von den dauernden Angriffen vorne im Walde, und
wie sie sich nun schon zwei lange Tage mit dem Franzmann herumschlugen und ihm furchtbare Verluste beibrachten,
immer hoffend, daß ein Gegenstoß von hinten sie befreien und erlösen sollte. Man kann das nicht schildern, wenn man
nicht selbst dabei war, und der Martl war ein ruhiger, trockener Bursche, der alles so selbstverständlich hinnahm, als
könnte es gar nicht anders sein. Er hatte einen Streifschuß am Kopf, war aber ganz munter und trank den Schnaps aus
unseren Feldflaschen wie das Wasser. Der Beni und der Girgl sind mit ihm zurückgekommen und gleich weiter ins
Lazarett gegangen, weil sie verwundet waren.
Durch Juvincourt kamen wir schnell und drangen in dem Schopporaben wie gestern nacht vor. Eine drückende Unruhe
lag über der Gegend. Frisch eingesetzte Truppen irrten im Gelände umher, ohne sich zurechtzufinden. Von der Reimser
Straße kamen erst einzelne Trupps Versprengter daher, die nach hinten liefen. Bald wurden es immer mehr. "Wo lauft
ihr denn hin; was ist denn los?" fragte ich einen eben schimpfend vorbeilaufenden Haufen. "Mensch, der Franzmann ist
mit Tanks durchgebrochen und hat die Reiniser Straße besetzt. Alles ist gefangen!" "Deswegen braucht ihr doch nicht
gleich nach Berlin zu laufen, bleibt halt dann in Stellung, wenn ihr vorne nicht sicher seid!" "Kein Aas findet sich
zurecht; der eine sagt links der andere rechts; die Offiziere sind weg, wir sind eben' neu vorgekommen in diese Falle.
Man findet schon niemand."
Wir sahen, daß die Front hier sicher eine Lücke hatte, durch die die Preußen auf den Franzmann ahnungslos gerannt
waren; eine Panik war natürlicherweise dadurch ausgebrochen. Jetzt ließen sie sich aber anhalten und besetzten den
Schoppgraben und einige Trichter dazu. Ein Sergeant übernahm den Haufen und sicherte uns so den Rücken beim
weiteren Vorgehen. Ein gutes Stück drauf hörten wir Stimmen und starkes Getrampel und Geklirre. Schon glaubten wir,
es wären vorgeherde Franzosen, und machten uns schußbereit. Da paffte eine Leuchtkugel aus einem Haufen
Menschen; deutsche Stahlhelme blinkten, Rufe hallten langgedehnt über das Feld; man verstand nicht, was sie wollten,
im Dröhnen der Geschütze. Bald stießen wir auf den Haufen, der am Schoppgraben entlang daherkam, und riefen die
Leute an. Ein Hauptmann meldete sich, hocherfreut, endlich auf jemand zu stoßen. "Was, Bayern seid ihr, das ist schön,
wo sind wir denn eigentlich? Wir wollen zur Walhalla in Aufnahmestellung gehen, entlang der Reimser Straße, das
bayerische Regiment soll dann herausgezogen werden." "Die Walhalla liegt geradeaus, da, wo ihr herkommt." "Nicht
möglich, da hat mir der Franzmann eben eine ganze Kompanie geschnappt." Sollte die Reimser Straße besetzt sein? Der Martl glaubte es nicht.
Der Hauptmann gab uns zwei Gruppen mit als Sieherung, und dann fühlten wir an die Reimser Straße wieder vor.
Nichts rührte sich. Wir warfen zwei HandfTranaten hinüber. Es blieb still. Ich erklärte dem Martl, daß ich dem
Landfrieden nicht traue, denn gestern sei ich hier in Gefangenschaft geraten; auch der Hans sträubte sich. Da sprang der
Martl ohne langes Besinnen hinaus und ging langsam über die Straße. Nach einiger Zeit kam er wieder langsam daher
und sagte, drüben sei außer Toten kein Franzmann da.
Darauf überquerten wir die Reimser Straße und stiegen in den bös zerschossenen Graben hinab. Da war ja die Stelle,
wo ich gestern auf und davon bin. Nach ungefähr 100 m wurde der Graben besser, es war hier noch wenig Feuer in die
dichte Waldwirrnis über ihm gefallen. Kein Lebewesen ist zu spüren, tödliches Schweigen liegt ringsum.
Ich kannte mich bald aus. Wir konnten nicht mehr weit von den Trümmern von La Ville aux Bois sein. "Ganz
vorsichtig gehen, wir haben noch eine Viertelstunde und müssen durch den Wald, weil der Graben jetzt zerschossen
ist", rannte der Martl.
Zögernd hob er sich hinaus und wir hinterdrein. Eine würgende Beklemmung hielt meinen Hals umklammert. Wir
bogen im Kreise um La Ville aux Bois aus. Schon wollte ich warnen, nicht zu weit abzuweichen, da blieb der Martl
plötzlich stehen. "Was ist's?" raunte ich. "Hast nix g'hört da rechts von uns?" Scharf horchten wir in die Richtung. "Das
ist links, Franzosen, man hört sie reden. - Da - da vorne laufen gerade ein paar umeinander. - Wir müssen zurück, da
können wir nimmer durch, MartU' Der horchte nach La Ville aux Bois hinüber und winkte mir, ruhig zu sein. Da hörte
ich auch von dort Stimmen, es mußten viele sein, und dazu trappelten ununterbrochen Schritte. - Ach - da sah ich es ja,
was der Martl schon wußte; von La Musette her kamen ganze Reihen von Franzosen und schoben sich dort über die
bleichen Schutthaufen von La Ville aux Bois in langer Schlange nach vorne zur Königshöhe - wie wir!
"Halt, wer da?" gellte weither ein Ruf durch den Wald, ein Schuß brach, noch einer - und eine Leuchtkugel wakkelte
über den zerfetzten Bäumen empor. Die Franzmänner hielten an. "Los! Höchste Eisenbahn, die Spitzbuben packen's
diesmal von hinten!" raunte der Martl und schob hastig los, Duckend und springend folgten wir ihm, in der Gewißheit,
dem Verderben in die Arme zu rennen; aber wir mußten. Tote Franzosen lagen mehrfach umher, auch Gefallene von
uns. Bei einem Trichter stand ein deutsches MG., zerhackt von Splittern, ein toter Schütze daneben. "Merken!" raunte
der Martl, "da müssen wir wieder vorbei." Handgranateneinschläge hallen schon ziemlich nahe. Die Sicherungen
unseres Regiments nach rückwärts mußten etwas bemerkt haben. Wenigstens empfand ich die Erleichterung, daß sie
noch da waren und die Gefahr in ihrem Rücken erkannt hatten.
Der Martl hielt immer zeitweise an, wie ein Hund auf einer Spur, bog links und rechts im Zickzack, daß ich mich
zuletzt überhaupt nimmer auskannte. Auf einmal fuhr uns ein drohendes "Halt!" ganz nahe an. "Kameraden! Was sucht
ihr da draußen?" fragte eine unterdrückte Stimme. Hinter einem Haufen Gerümpel und Äste traten zwei auf uns zu, das
Gewehr im Anschlag. "Das Regiment suchen wir, wo ist der Major? Schnell, schnell, die Franzosen kommen, sie
müssen gleich dasein!" "Das wissen wir schon; eben hat's eine Patrouille gemeldet, daß sie von der Eckartsburg
herkommen; unsere Kompanie ist grad hinüber, um sie abzupassen." "Von der Eckartsburg doch nicht, von La Musette
her kommen sie. Schnell, wo ist der Major?" "Gleich dahinten in der Hasenhöhle, etwas links halten, sonst könnt ihr
nicht durch den Drahtverhau."
Wir kletterten in fieberhafter Eile durch die riesigen Trichter. Gefallene lagen darin, auch Franzosen dabei, sie mußten
schon öfter vom Rücken aus angegriffen haben. Und mit einem Male öffnete sich vor uns der Kreis der Hasenhöhle.
Sah es da aber aus! Eine Menge Leute stand schweigend, gedrängt mit Tornistern bepackt. Der Major mittendrinnen.
Wir meldeten uns. "Brigadebefehl: Um jeden Preis nach hinten durchschlagen. Von La Musette kommen ganze Haufen
Franzosen heran." "So, also da auch? Die Ordonnanzen!" "Zur Stelle!" rief es vielfach im Dunkel. "Die Kompanie
sofort abrücken, alles zur Hasenhöhle. Die überzähligen MG.s vernichten. Marsch, marsch! Leute!" Die Ordonnanzen
rannten nach allen Seiten. Ich sah, daß eine Unmenge Verwundete lierumlagen und -hockten. Die Stollen der
Hasenhöhle waren mit Schwerverwundeten vollgepfropft. Gerade hörte ich, wie der Major einem Oberarzt befahl, mit
den Krankenträgern zur Versorgung der Verwundeten zu bleiben und mit diesen in Gefangenschaft zu gehen. "Ich gebe
meine Treuesten in Ihre Obhut; wir können sie nicht mehr retten."
Wie zur Bestätigung prasselte mit einem Schlag von der Königshöhe ein höllisches Feuer her. Wirr schwirrten
Hunderte von Leuchtkugeln in die Höhe, bleiche Helle durch die Bäume werfend. Von vorne stürzten Leute heran.
"Wir sind umgangen; die Franzosen sind da." Und dann hagelte ein Schauer von Geschossen von drei Seiten durch den
Wald, wie das Zischen und Pfeifen entrissener Höllenfurien. Unzählige Handgranaten pupperten dazwischen, und
immer neue Leuchtkugeln schwirrten von allen Seiten auf uns ein. Das Kesseltreiben auf den todwunden Löwen von La
Ville aux Bols begann. Schreien und Brüllen, Stöhnen und Jammern der wehrlosen Verwundeten und kopflos
Gewordenen. Neben mir dreht sich einer um die eigene Achse und schlägt plötzlich schwer zu Boden. Mit fiebernder
Hast überlegte ich, was zu tun sei. Schießen? Wohin? In diesem Durcheinander! Ausreißen! Freilich - aber wo hinaus
aus diesem Feuerring, den eben ein grüner Stern nach dem anderen todbleich und gespenstisch beschien?
Da war der Major wieder. "Mir nach, Leute!" Wer hört das noch in diesem Lärm. Da waren auch der Martl und der
Hans. "Wo steckst denn? Los, los!" Freilich los, ich freute mich, die zwei wenigstens wiederzusehen. Ein aufbrüllender
Einschlag trieb uns an; der war mitten unter den Haufen der wahnsinnig gewordenen Verwundeten geraten. Nicht
umschauen - ach Gott! Schon wieder einer, ganz nahe, daß mich die Brocken trafen. Ich stürzte hinter den anderen
drein; der Major war auch dabei, unser Adjutant und noch zwei. Prasselndes Feuer schlug uns entgegen.
Wir taumelten und keuchten wie rasende Tiere hinein. Das kam von der Eckartsburg her. Da war ja, der Posten wieder.
"Ihr kommt nimmer 'raus, es wimmelt nur so von Franzosen", sagte er und warf sein Lederzeug ab.
Ohne ein Wort bog der Major plötzlich nach links, und ich sah gerade, wie der Posten seine Hände den plötzlich aus
dem Boden gewachsenen Franzosen entgegenstreckte. Einige mußten uns gesehen haben und stürmten hinter uns drein.
Der Martl gab mir einen Rempler in die Seite, und ich ließ wie er zwei Handgranaten abgezogen hinter uns fallen.
Kaum zehn Schritte weiter rumpelte die Salve mit einem rollenden Schlag auf. Die nächste Salve lag schon wieder
hinter uns beiden. Splitter surrten, Schüsse zischten vorbei. Ein beißender Hieb schlug an mein Kinn, als ich gerade den
Kopf wendete, um nach hinten zu schauen. Doch weiter! Schon brach es neben uns durch das abgeschossene Astwerk.
"Qui vive? 'alt-là! Qui vive!" Schüsse'sprühten ganz nahe auf. Der Major und die anderen warfen Handgranaten
dagegen. Wo sind Handgranaten? Nur nicht gefangen werden! Nicht fangen lassen! Da blieb plötzlich der Major stehen.
Warum denn jetzt? "Da geht's weiter", sagte der Martl. Aber der Major winkte ab. Wir lauschten. Hinter uns brachen
die Franzosen jetzt mit lärmendem Geschrei in die Hasenhöhle ein; wir waren also schon durchgebrochen durch den
Ring. Ein vielstimmiges jammerndes "Pardon" sagte uns, daß es zu Ende war mit den Trümmern zweier Bataillone des
Regiments. Es war zu spät gewesen.
Und mit einem Male verstummte das prasselnde Feuer. Einzelne Schüsse pfiffen noch kreuz und quer. Prächtige gelbe
Sterne fuhren hinter uns über die geknickten Bäume hinaus. Das Signal der Franzosen, daß die Umzingelung gelungen
war. Wir standen geknickt und hörten zerrissenen Herzens und voll ohnmächtiger Wut dem Drama zu. Mir trieb der
Gram das Wasser in die Augen. Und der Hans schluckte und knirschte mit den Zähnen. Der Martl drehte sich nach mir
um und knurrte: "Na, warts nur, Pardon gibt's jetzt keinen mehr bei mir von heut ab." - "Recht hast, Martl, da - -." Eine
Hand legte sich auf..meinen Mund. Ein Trappeln und das Knacken brechender Aste vor uns. Eine lange Kette
Franzosen kam auf uns zu. Ganz langsam duckten wir uns und legten uns platt auf den Boden. Kaum daß wir zu atmen
wagten. Und in ewig langen Minuten zog die Kette der Franzosen an uns vorüber. Wenn jetzt eine Leuchtkugel stieg
oder das kleinste Geräusch entstand, fanden sie uns. Ich zählte in einer sonderbaren Anwandlung die Füße, die kaum
zehn Schritt entfernt vorüberstiegen, eins - zwei, eins - zwei -. Ein Gefallener von uns lag dort; dem bogen sie aus nach
der uns entgegengesetzten Seite. So stand uns der gute Kamerad noch im Tode bei.
Endlich waren sie weg. Langsam erhoben wir uns und gingen weiter. Da sah ich, einen dankbaren Blick nach dem
Toten werfend, daß es der MG.-Schütze war, von dein der Martl gesagt hatte: "Merhen!" Er hatte es auch gleich erkannt
und übernahm jetzt die Führung. Schnell hoben ich und der Hans einige beim MG. liegende Handgranaten auf.
Vorsichtig suchten wir die tiefen Schatten der Bäume und schlichen mit ringsumher lauernden Augen weiter in der
Witterung drohender Gefahr. Und kamen endlich an den Schoppgraben, dort, wo wir ihn verlassen hatten.
Auf den Fußspitzen tappten wir lautlos darin weiter, ängstlich das Gewehr durch die herabhängenden Äste bugsierend,
daß ja kein Laut uns verriet. Plötzlich hielten sie vorne. Ich sah, wie der Hans sein Messer zog und zwischen die Zähne
nahm. Dann kamen Schritte heran, leises Wispern und das Anschlagen eines Gewehres gegen einen Baum. "Nicht
schießen!" hauchte der Hans vor mir. Ich hauchte es weiter zum nächsten und fügte hinzu: Yesser!" "Zwei sind's",
hauchte der Hans wieder. Ich nickte. Da rumpelte es vor uns. Die Franzosen stiegen aus dem Graben hinaus. Einer rief
halblaut: "Qui vive?" Das war ja unser Major. "La parole?" Eine andere Stimme gab eine mir unverständliche Antwort.
Gespannt horchte ich zu, wie unser Major aus dem Finstern mit den beiden Franzosen in einem fließenden Französisch
sprach. Die Franzosen fragten zurüch und trappten dann mit "Merci, mon capitaine!" weiter.
Unser Major sagte leise: "Die Reirnser Straße ist nicht frei; die Franzosen sind aber erst in Stellung gegangen. Diese
zwei suchen ihre Kompanie in La Ville aux Bois. Vorsicht jetzt, Helme ab und liegen lassen! Um einen alten Major mit
sechsunddreißig Dienstjahren zu fangen, sind die Franzosen doch zu dumm. Sucht französische Stahlhelme! Wir
maskieren uns." Dann schlichen wir weiter; aber nach kaum zwanzig Schritten sahen wir, daß der Graben besetzt war.
Der Major hatte schon einen französischen Stahlhelm auf und der Martl auch. "Kehrt!" hieß es von vorne. Wir gingen
wieder ein Stück zurück und tappten im Dunkel aus dem Graben hinaus nach rechts zur Granatwiese. Wo führte uns
denn der Major hin? Wenn die Reimser Straße besetzt war, kamen wir doch nicht durch. "Wo ist der Bahngraben?"
fragte der Major in einem Trichter. "Ich weiß ihn!" sagte ich. "Hinter mir bleiben!" "Hilf mir, da sind ein paar tote
Franzosen, die ziehen wir aus!" flüsterte der Martl zu mir her. Wirklich, nebenan in zwei Trichtern lagen tote
Franzosen. Wir machten uns an das grausige Geschäft, zogen den steifen Toten die Spenzer herunter, und dann
maskierten wir uns damit. Ich nahm dem einen Toten aus dem Brotsack das Käppi und setzte es auf. Auch der Major
hing einen horizontblauen Spenzer über. Der meine hatte gar volle Taschen, aber mir graute vor den Dingen darin und
ich griff nicht hinein. Jeder suchte noch ein französisches Gewehr, und dann waren wir fertig - ganz wie echte
Franzosen.
Dann gingen wir schnurgerade zur Beimser Straße und kamen an den Eingang des Bahngrabens. Da waren ja die
zerstörten Betonbunker der Geschütze. Franzosen hatten MG.s daraufgestellt, die natürlich auf den Bahngraben
gerichtet waren. Schlafende, verhüllte Gestalten lagen dahinter, zwei Posten standen dabei. Wenn wir nur schon drüben
wären! "Hier warten, bis ich rufe; wir sind jetzt eine französische Patrouille gegen den Feind", sagte der Major und ging
hinüber. Die Posten drehten sich nach ihm um, wurden aber erst richtig wach, als der Major sie anredete. Nach kurzem
Palaver rief der Major herüber: "Allons!" Wir steigen fiebernd und gespannt über die Reimser Straße. Ich ging lächelnd
an dem einen Posten vorbei, der beide Hände in den Taschen hatte und mit dein Major sich halblaut unterhielt. Neben
ihm trampelte einer, den anscheinend an den Füßen fror. Er redete mich an, als zum Glück im selben Moment der
Major "Pst!" sagte und sich uns anschloß.
Wir hasteten in den elend zertrichterten Bahngraben hinein. Tote von uns und den Franzosen lagen umher. Und im
Nacken kitzelte uns grausig kalt das Empfinden, plötzlich über den Haufen geknallt zu werden. Der Angstschweiß stand
uns allen auf der Stirne. Weit voraus stieg einmal eine deutsche Leuchtkugel. Wie wir uns gut außer Sicht glaubten,
bogen wir erleichtert aus dem Bahngraben hinaus ins freie Gelände und rannten drauflos. Allmählich wurden wir
freudig lebendig. Wir warfen die französischen Spenzer wieder ab und lachten leise über die gelungene Irreführung der
Franzosen, die vergeblich auf die Rückkehr dieser Patrouille warten werden.
Der Major hieß uns halten und etwas rasten. "Ich habe euch doch gleich gesagt, daß sie zu dumm sind, einen so alten
Fuchs wie mich zu fangen." Wir lachten leise und köstlich erfreut dazu. Das machte uns so leicht nicht wieder wer
nach.
Dann brachen wir mit frischem Mut auf. Ich bog an der Spitze nach links ab, und dann kamen wir auf die zertrichterte
Straße nach Juvincourt, auf der tote Franzosen und Gefallene von uns herumlagen unter unzähligen Waffen und
Tornistern. Ich rief laut: "Hallo, Posten - hallo!" Keine Antwort. Ein Stück weiter rief ich wieder. Da fuchtelte eine
Leuchtkugel aus dem nahen Schoppgraben. Wir wurden angerufen: "Wer seid ihr?" "Bayern!" "Einzeln
hereinkommen!" Dann stiegen wir beglückt in den Graben, von allen Seiten befragt, wo wir herkämen. "Wo ist der
Kommandeur?" fragte unser Major. Wir wurden nach hinten verwiesen. Und während unser Major mit dem Hauptmann
der Preußen über die Lage sprach, erzählten wir den Preußen, wie wir dem letzten Akt des Dramas im Walde von La
Ville aux Bois entrannen. Sie schüttelten staunend die Köpfe und wollten es nicht glauben, daß wir noch aus der
endgültig geschlossenen Zange entkamen.
*
Halb im Traum trollten wir dann durch das beschossene Juvincourt, schöpften an der gefährlichsten, fast von Trümmern
und Pferdekadavern versperrten Brücke frisches Wasser aus dem Bach und schluckten das Naß wie glühende Steine.
Immer wieder redeten wir von dem Schicksal, das jetzt wohl unsere gefangenen Kameraden vor sich hatten. Ein
Schauer der Erinnerung überkam mich, wie ich an den vergangenen goldenen Herbst denken mußte und an die Mutter
Gottes von Juvincourt, die wohl jetzt zertrümmert unter dem Schutthaufen der Kirche lag. Wie ein unfaßbares Wunder
standen die Bilder der letzten Wochen in meiner Erinnerung wieder auf, und ich konnte es schier nicht fassen, daß ich
doch noch den tausendfachen Gefahren heil und gesund entronnen bin.
Ein grauer Schein flog über den Himmel; die Sterne waren verblaßt, wie schon nach so manchen schweren - schweren
Nächten da vorne, als wir die Divisionshöhe emporgingen. Und wie die langen - langen Tage vorher heulten winselnd
die Granaten mit Beginn der Dämmerung in das zerrissene, sterbende Land, das einmal vor Monaten noch die
behagliche Ruhe eines vergessenen Stückes der Front atmete.
Während unser Major dem neuen Stab im Brigadewäldeben Meldung erstattete, schaute ich noch einmal auf das Land
zurück, an dem ein Stück meines Lebens hing. Da hob sich vorne aus dem Rauch der EI mschläge im Dämmer des
grauenden Tages über dem schmerzlich verwüsteten Wald von La Ville aux Bois der bleiche Stumpf der Königshöhe.
Wie ein gigantischer Gedenkstein wird mir seine Kontur im Gedächtnis bleiben für das Regiment, das einmal in seinem
Innern lebte und sein Gesicht mit Gräben furchte und in der großen Schlacht des Früh»ahrs gleich ihm in der Flut der
Massenancrriffe stand und kämpfte, bis es todwund und erschöpft zu Boden sank, wie ein sterbender Löwe,
eingeschlossen und abgeschnitten, drei Tage lang um sich schlug und dem Feind den ersehnten Durchbruch vergällte.
Es war kein Regiment frisch schneidiger, junger Soldaten- es war das kinderreichste Regiment der deutschen Westfront,
das dem Franzmann ein Vielfaches seiner Zahl gekostet hatte. Wie hatte doch der französische Offizier in der vorigen
Nacht gesa'gt: "Souvenir de l'Aisne, un lion bavarois." Ihnen war es ein Ruilm, den bayerischen Löwen
gegenübergestanden zu haben.
Abgewandt von den anderen stand ich, und mir kam es heiß in die Augen, als mich der Gedanke übermannte, daß mein
Regiment die Treue gehalten hatte bis zum Letzten. Die Treue ist das Größte am Soldaten.
Wehender Bauch stieg aus dem sterbenden Wald, und der Gipfel der Königshöhe spie Wolken aus wie ein Krater. Ein
längst gewohntes Bild. Nur waren es nicht die Granaten vom Franzmann, sondern die Geschosse deutscher Batterien,
die jetzt dort niederfielen und die Kreide der Aisne aufrissen, daß sie weiß wie Zucker über die Gegend gestreut war.
Rechts ab in der Ebene von Chevreux wogte ein Meer von Gas nach drüben; die Morgenarbeit unserer Batterien gewiß.
Schon tauchten aus dem klarenden Morgenhimmel die ersten Fesselballone beim Feind, als wären sie noch seit gestern
droben gelassen worden, und Flieger schwirrten hinüber und herüber, einander in die Gräben guckend wie neugierige
Hausfrauen einander in die Töpfe, um zu wissen, was heute gekocht wird. Und weiter rechts hebt sich, grausig zerfetzt,
die Höhe von Craonne - der Winterberg - rauchend aus dem Dunst. Ganz bläßliche Blitze zuckten allenthalben aus dem
Boden, die Mündungsfeuer unserer Batterien. Es ist alles ganz anders geworden, das fühle ich jetzt erst deutlich,
obwohl ich mittendrinnen war im Umgestaltungsprozeß. Heute gehört das Land anderen Truppen, wir sind abgelöst und
scheiden von ihm. Und diese apderen werden auf ihre Weise fertig werden damit.
Der Major kommt aus dem Unterstand. Ein fremder Oberst ist mit ihm heraufcfekoinmen und betrachtet uns forschend:
"Ihr seid brave Kerls, Kameraden. Respekt!" saate er, an die Mütze greifend zum Gruß. Wir schlugen müde die Absätze
zusammen und schwenkten dann ab nach hinten, noch einmal einen umfassenden Blick werfend auf das weite,
dampfende Feld und den Trümmerhaufen von Juvincourt, der wohl von jetzt ab im Brennpunkt der Kämpfe hier stehen
wird.
*
Die Ermisch-Baracken lagen in Trümmern, tote Pferde darunter. An einem Fetzen Dachpappe hing verwaschen eine
unbeholfene Zeichnung aus dem Bergwerk vor Pontavert, die ich einmal in müßiger Stunde des vergangenen Herbstes
gemacht hatte und in der Baracke an die Dachpappe nagelte.
Am sterbenden Amifontaine stiegen wir müde vorüber. Tag für Tag sanken die Reste der Häuser noch besser in den
Schutt - und doch war es erst wenige Wochen her, daß noch Kinder mit uns in den Quartieren gescherzt hatten.
Weit, weit hinten lag das in der Erinnerung. Da ragen der zerbeulte Kessel und der zerschlagene Bottich unserer
Badeanstalt aus den Trümmern; vier Wochen mochten es sein, daß wir das letzte Bad dort genommen hatten, und heute
waren wir verwildert am ganzen Leib. Es war Zeit, daß wir in Ruhe kamen; wir waren müde geworden bis in die Seele
hinein.
Von unserer Kompanie waren noch zwanzig Mann der Gefechtsstärke vorhanden, die Stafettenläufer, Fernsprecher,
Träger und einige wenige, die von vorne nach hinten durchkamen.
Unterm Marsch nach Malmaison erzählten wir den letzten Akt des Dramas unseres Regiments, und der Girgl berichtete
von den vorhergehenden Tagen. Die Leute waren zuletzt ganz erschöpft; in drei Tagen hatten sie kaum zwei Stunden
geschlafen nach den aufreibenden Tagen des Trommelfeuers. Hunger und Durst trieben sie fast zur Verzweiflung, die
Verwundeten jammerten, die erschreckend an Zahl zunahmen und nicht nach hinten konnten; ganze Gräben voll Toter,
massenhaft gefallene Franzosen. Dann war am dritten Tag die Munition ausgegangen; die Depots der flasenhöhle waren
leer, auf den Mann trafen am Mittag *des letzten Tages noch zwanzig Patronen. Die MG.s hatten sich verschossen und
waren zum großen Teil unbrauchbar geworden, sie wurden mit fünfundzwanzig erbeuteten französischen MG.s in
großen Trichtern vergraben. Und langsam bröckelten die Kompanien ab; eine Gruppe nach der anderen wurde
abgeschnitten, von Franzosen umringt und niedergemacht. Zuaven hausten unmenschlich unter wehrlosen, entwaffneten
Leuten, die sich gefangen geben wollten. Die Wut der Franzosen war begreiflich; immer wieder wurden sie massenhaft
niedergemäht und mit Handgranaten zugedeckt. Gefangene wurden stillschweigend nicht mehr gemacht; sie konnten
doch nicht zurückgebracht werden. In den Trichtern unserer alten Stellung fuhren schon am ersten Tage französische
Batterien auf und wurden von unseren MG.s zusammengeschossen, ehe sie einen Schuß abaeben konnten. Aber die
Minenwerfer der Franzosen setzten dem immer besser zusammengedrängten Haufen des Regiments schwer zu. Und
über allem die drückende Gewißheit, daß das Regiment hinten schon aufgegeben war und die Schlacht weit im Rücken
von Juvincourt tobte. Die Ordonnanzen, die nach hinten geschickt wurden, kamen nicht wieder. Die Flieger warfen
wohl etwas ab, aber in dem Cewirre des Waldes wurde das nicht gefunden. Und weil das Regiment längst aufgegeben
war, die letzten Patronen verschossen waren, mußte es kapitulieren wie die ausgehungerte Besatzung einer belagerten
Festung.
Wir wußten, daß dieser Wald von La Ville aux Bois dem französischen Ang iff wie ein Stein im Wege gelegen ist.
Gefangene hatten ausgesagt, das erste Tagesziel des Angriffes sei Amifontaine gewesen, und noch in der folgenden
Nacht hätte ein überraschender Stoß bis ins Lager von Sissonne führen sollen. Ihnen sei gesagt worden, sie brauchten
nur ins Leere marschieren, ihre Artillerie hätte in den zwölf Tagen des Tommelfeuers alles vernichtet, und der Wald
von La Ville aux Bois sei so vergast worden, daß kein Mensch mehr drinnen leben kann.
Dann schwiegen wir, ein jeder hing seinen Gedanken nach. Von der Front rumpelte das Getöse der Schlacht. In
Malmaison misten wir eine Stube im Schulhaus erst ordentlich aus, in der Pferde einer Kolonne gestanden sind, und
werfen uns auf ein rasch gerichtetes Lager von Holzwolle. Schnell kritzele ich eine Feldpostkarte an daheim. "Bin heil
und gesund aus der neuen Schlacht an der Aisne zurückgekommen."
Ein fleeresbericht der Franzosen ist von den Funkern aufgefangen worden, in dem großsprecherisch von dem Sieg über
die Bayern bei La Ville aux Bois die Rede ist. Fünfzehnhundert Gefangene und dazu hundertachtzig MG.s sollen in
dem Wald gesteckt haben. Damit soll der Mißerfolg der Franzosen drei Tage hindurch begründet werden. Der Wald
von La Ville aux Bois soll ein mit Hunderten von MG.s gespicktes Bollwerk mit auserlesener Besatzung gewesen sein.
Derweil kann der Franzmann nicht den zehnten Teil an MG.s erbeutet haben und keine fünfhundert Gefangene gemacht
haben. Wie sie wohl gestaunt haben werden, als sie die alten Leute sahen!
Der Feldwebel spannte mich ordentlich in den Dienst seiner Schreibstube. Ich mußte an über hundertzwanzig Adressen
der Angehörigen meiner vorne gebliebenen Kameraden schreiben und schonende Nachricht bringen, daß der Vater oder
Sohn vermißt ist seit dem 19.4.1917 und vermutlich mit dem tagelang eingeschlossenen Regiment in Gefangenschaft
geriet.
Dabei kam mir auch die Adresse von Heiners Mutter unter die Augen. Was sollte ich da schreiben? Da war es doch
besser, ich wende mich an den Pfarrer seines Heimatortes, dessen Name in dem abgegriffenen Gebetbüchlein stand, das
ich in seinem Tornister gefunden hatte. Während ich noch überlegte, gab mir der Feldwebel einen Brief und sagte:
"Wenn Sie wegen des * * schreiben, müssen Sie sich an den Pfarrer wenden, von dem heute ein Brief kam, daß seine
Mutter gestorben ist." Ich erschrak und stieß hervor: "Wann ist sie gestorben?" "Lesen Sie nur, es steht genau drinnen."
Ich flog fieberhaft über die Zeilen, die eine zitternde Greisenhand geschrieben haben mochte. Da stand es und gestern,
am Sonntag, den 15. April, früh 5 Uhr, selig im Herrn entschlafen ist mit den Worten: Ach Gott, mein Heiner!"
Als in dem wahnsinnigen Feuerüberfall am 15. April jene Granate am Bärensprung direkt neben mir einschlug, da
mochte es wohl 5 Uhr morgens gewesen sein.
Sechs Wochen später schickte uns der Wachtmeister einer badischen Batterie ein Päckchen mit den letzten
Habseligkeiten von Heiner, seinen Rosenkranz mit der halben Erkennungsmarke dabei, und schrieb dazu, sie hätten den
Toten bei Damary in einem Gebüsch ihrer neuen Batteriestellung gefunden.
Hans Zöberlein: Der Glaube an Deutschland
Die Schlacht in Flandern 1917
Der harte Boden des Waggons war schuld, daß mir vom Liegen sämtliche Knochen steif geworden sind. Es ist still und
dunkel, alles schläft und schnarcht. Nur das rhythmische Stoßen der Räder über die Enden der Schienen schlägt von
unten her: -mta-ta, -mta-ta, -mta-ta, -mta-ta. Jetzt fahren wir schon einen ganzen langen Tag. Gestern um diese Zeit sind
wir in St. Avold in Lothringen verladen worden, und vor einigen Stunden - so um Mitternacht - waren wir in Mons zur
Verpflegung. Dieses Mal schien es hoch nach dem Norden der Front heraufzugehen, Arras oder Ypern zu.
Wahrscheinlich nach Flandern. In Mons sahen wir den Heeresbericht angeschlagen von vorgestern. "Schweres
Trommelfeuer in Flandern..."
Einer war aufgestanden und schob die kreischende Schuhtüre des Viehwagens zurück. Es war schon grauender Tag. Ein
feiner, fröstelnder Regen wehte herein und weckte unsere Reihe im Nu. Häuser flogen vorbei. Der Schmied-Martl rief
auf einmal: "Jetzt kommen wir bald nach Gent; das Nest da draußen kenne ich von vierzehne' her noch." Und er begann
zu erzählen von den Oktobertagen um Wytschaete.
Mir fiel ein, daß es gerade Zeit wäre, noch einige Zeilen nach Hause zu schreiben. "Den wievielten haben wir denn
heut?" Wir rechneten zurück und fanden, es muß heute der 1. August sein. "Der 1. August? Dann haben wir ja heute
genau drei Jahre Krieg, Manner! Heute ist Kriegsgeburtstag."
Drei Jahre - Herrgott, wie war das vor drei Jahren, diese rauschende Begeisterung! Diese Freude von uns Jungen!
Endlich, endlich war eine große Zeit angebrochen, und wir hatten das Glück, gerade alt genug zu sein, um auch mittun
zu können. Und heute, nach drei Jahren, waren wir längst "Alte" geworden. Heute lächelten wir wissend über diesen
Rausch, der selten ist. Heute waren wir mit unseren zweiundzwanzig Jahren schon ernste Männer mit einer
weitgereiften Erfahrung, sogar über Dinge, die zwischen Himmel und Erde standen und die wohl nie in unserer Seele
sich spiegeln könnten, wenn nicht der Krieg den Staub der modernen Bildungp von ihrer klaren S ilberfläche geblasen
hätte.
Wir jungen, frühreifen, überklugen Burschen hatten damals ja kaum mehr eine Seele. Die ist uns in der Hast nach
Wohlleben, Berufserfolgen, nach Vielwissen und Alleskönnen verkümmert wie ein unreifer Apfel am sturmgeknickten
Ast.
Bis dieser 1. August mit einem Male das alles umwarf wie ein Baukastenspiel und uns den Weg wies zum Erkennen des
Lebens. Da hat uns der Krieg hineingestoßen in Orte des Schauderns und des Todes, daß wir uns sträuben wollten, mit
dem Schrei des Entsetzens, und hat uns dort hinüberblicken lassen jenseits der Grenzen unseres Daseins, daß man still
ist, wenn man daran denken muß und es schon fast selbst nicht glauben möchte in Stunden irdischer Sicherheit, was
man dort sah: Schrecken und unsägliche Schönheit - ein schmerzloses Vergessen und Versinken in Nichts - oder in
Licht. Das kann ich nicht unterscheiden und will es auch nicht. Es genügt mir, vor der Größe ungeahnter Lebensweite
und Kraft bis in den Grund der Seele zu erschauern.
Von draußen drang ein wirbelndes Rollen gedämpft durch den Regenschleier. Dem Klang nach fuhren wir gerade
darauf zu. Das war der altgewohnte, knurrende Willkomm der Schlacht, wie wenn einer aus knirschenden Zähnen
hervorstieß: "So, kommt ihr jetzt? Nur her da mit euch, was seid ihr so frech!"
Die Kornmandeln standen mit hängenden nassen Köpfen - ein gesegnetes Friedensbild - und vorne rumpelte das
länderfressende Feuer der Schlacht.
Der Regen strömt. Tosend fährt der Zug in Gent ein. Ein Lazarettzug von schier endloser Länye schleicht leise an
unseren Wagen vorbei. Der Ariderl meinte dabei: "So ein feiner Heimatschuß wäre gar nicht übel; es tut ja nur einen
Aucenblick weh und dann nur wohl. Heute bin ich genau drei Jahre dabei und zwei Jahre aktiv, sind zusammen acht
Jahre, weil die Kriegszeit doppelt zählt. Acht Jahre Soldat und noch kein Lazarett gesehen, das ist eine Schande, weil
sonst jeder meint, ich bin beim Kartoffelschälen in der Etappe gewesen."
Nach kurzem Aufenthalt rollt unser Transportzug weiter nach Brügge. Immer deutlicher wurde das Grollen von der
Front her vernehmbar, und die Jungen legten die Spielkarten weg und lauschten mit großen Augen dem brodelnden
Getöse der Schlacht. Wie das gurgelte, sich überstürzend heißhungrig johlte und fletschend knurrte! "Da müssen wir
hinein? Da kommt ja keiner mehr lebendig heraus. Und das soll man tagelang aushalten?" fragte einer mit
schreckensgroßen Augen. So hatten wir Alten auch einmal gefragt, und doch sind wir wieder zurückgekommen aus
diesen Hammerwerken der Westfront. Und jedesmal faßte uns von neuem dieses Wehren gegen das Grauen vor der
unerbittlichen Macht da vorne. Immer wieder fühlten wir neu, daß eine drückende Beklemmung wie ein eiserner Reif
sich um das Herz schnürte, die Angst vor dem Ende. Bis das Schicksal der neuen Schlacht wie ein Alp über uns lag und
wir wie Traumwandler an den Rändern tausendfacher Gefahren mit wunderbarer Sicherheit vorübergingen.
In Brügge war auch nur kurzer Aufenthalt. Es ging gleich wieder weiter. Man schien uns schon erwartet zu haben,
einige Offiziere sprangen am Zug entlang, nach dem Transportführer fragend. Nach wenigen Minuten schnaubte die
Lokomotive zur Halle hinaus; die steifen, zackigen Giebel und die hohen, kantigen Türrne der alten Stadt blieben hinter
uns.
Wir drängten uns an die Wagentüren und sahen in das eigenartig schöne, gepflegte Land hinaus, das dicht bevölkert
war. Wir lachten über die Aufschriften an den Estaminets. "In te Klock", "ten Oilefant", "ten Swan", "ten Ruiter". Das
verstanden wir recht gut, das war gar nicht fremd. Der Girgl sagte: "Die sind aber früh dran mit der Ernte, das Getreide
kann doch noch nicht zeitig sein; schau nur, die Halme sind noch halb grün. Die haben aus irgendeinem Grunde früher
geschnitten." Da wußte halt wieder einmal die Bevölkerung mehr von den Absichten des Feindes als die Unseren und
suchte, wahrscheinlich auf eine geheime Order hin, die Ernte zu bergen, ehe sie von den verheißenen
Durchbruchserfolgen der Engländer in den Boden getreten wurde. Große Beete, in deren Furchen Wasser stand, waren
mit Tabak bebaut. Auch hier wurde schon geerntet. Man sah an den Häusern die grünen Girlanden der aufgerelliten
Tabakblätter zum Trocknen hängen. Massige, schwere Kirchtürme und die eigenartigen Windmühlen mit ihren wie
gekreuzte Arme gespreizten Flügeln beherrschten das abwechslungsreiche Landschaftsbild. Kleine Wäldchen, Hecken
und Pappelalleen an den mit dem Lineal gezogenen Straßen hinderten dem Blick das Eindringen in die endlose Weite.
Der seltsam schwermütige und dennoch freundliche Eindruck eines Rembrandtschen Bildes lauert über allem. Es schien
sogar dessen Firnishauch nicht zu fehlen, als sei das Land schon seit Jahrhunderten so gewesen und in dem damaligen
Zustand zur Mumie gealtert und eingetrocknet. Ein frischer, lebendiger Zug schien längst nicht mehr über das
schlafende Land gefahren zu sein, und hinter der stillen Heiterkeit der Dörfer und dem schweren, satten Grün der
Bäume und Büsche fühlte man die Schauer und das Gruseln alter, sonderbarer Sagen. Und der Wind sang, durch die
Äste streichend, in monotonem Klang die dunkle Weise vom geigenden Tod. Wir kannten alle die Sage vom Tod von
Ypern. Ich habe versucht, in diesem Lande den scheinbar etwas zu stark nachgerühmten Mythos nicht mit gutwilligem
Glauben auf mich wirken zu lassen, und betrachtete kritisch alles um mich herum. Und schon nach wenigen Tagen hatte
mich der eigenartige, schwere Zauber Flanderns in seinen Bann geschlagen. Flandern, Leiden und Sterben für etwas
Großes war ein Begriff der Stimmung meines Gemütes; so wie ein Vers, den ich irgendwo gelesen habe, es sagte:
"Der Himmel so fahl,
Flandern wird kahl,
Mein Blut rinnt so rot,
Komm her, grauer Tod!"
*
Ein kleines Städtchen kam: "Thourout." Der Zug hielt. Viele Zivilisten standen am Gleise. Frauen boten schöne, große
Äpfel zum Kauf an. So früh schon reife Äpfel in Flandern? Wir griffen zu. Lichtervelde kam. "Fertigmachen zum
Aussteigen!" Der Zug hielt mit knirschendem Bremsen. Dann hieß es: "Drinnen bleiben, es wird weitergefahren!" Man
schob uns hinter der lärmenden, dumpf grollenden Front umher. Über Coolskamp-Ardoye ging es weiter. In Pitthem
hielten wir wieder. Das Signal "Aussteigen!" schmetterte von vorne. "Rasch, auf die Straße setzen! Fliegerdeckung
nehmen!"
Iin Marsch-Marsch liefen wir unter die einzelnen Häuser und Bäume an der Straße. Flieger schwirrten tief heran durch
die wehenden Regenwolken. Bomben zersprangen seitwärts in den Hecken. Ein feines Zischen nahe beim Bahnhof,
silbri'o, blitzend huschte etwas herab, Erde sprang auf, ein klirrendes Zerreißen sticht an unsere Ohren, wir haben uns
gedankenschnell in den Straßengraben geworfen. Noch einmal singt es leise von fern und dann immer näher, daß wir
die Köpfe in Dreck und Gras ducken, ein Stoß und ein Kollern über die Pflastersteine. "Drunt bleiben!" schreie ich
einigen neugierigen Köpfen, die sich erheben wollen, zu. Aber die erwartete Detonation bleibt in den nächsten
Sekunden aus. Vorsichtig lure ich über den Grabenrand. Da liegt gleich hinter unserem Haufen in einer Wasserlache
eine nagelneue, blitzende Fliegerbombe, zerbeult und mit zerknüllten Flügelblättern. "Vorsicht, raus! Links vorbei!"
Wie neugierige Kinder schauen die Jungen den Blindgänger an. Es ist ihnen noch nicht recht bewußt, was dieses
blitzende Ding an Grauen und Entsetzen in sich birgt. "Die wäre gerade recht an meine Uhrkette", witzelte einer.
"Ohne Tritt - marsch!" Ausgiebiger Regen rieselte herab. Von Zeit zu Zeit blinkte die Sonne ermunternd durch die
tiefhängenden Wolken. Es ging ein Stück zurück auf der Strecke, die wir gekommen waren. Coulskamp kam wieder.
Die Straßen hatten holperig gepflasterte Bahnen, daß gerade die Marschkolonne darauf Platz hatte. Erst gefiel uns das
Pflaster, das einen sicheren Tritt gab. Aber hinter Coolskamp zogen wir schon vor, nebenan im regenweichen Streifen
des blanken Bodens zu gehen. Allmählich zerflatterte die Kolonne, der Regen ging uns schon längst bis auf die Haut.
Das voll Wasser gesogene Gepäck drückte wie ein Eisenklotz auf die krumm gezogenen Schulterblätter, und das
Lederzeug mit seinem schweren Gehänge rieb allmählich die Hüften wund.
Wir marschierten schon über zwei Stunden, und der salzige Schweiß rann beißend in die Augen. Vom Stahlhelm troff
der Regen in Bächen zur Seite. Immer weiter! Es mußte höllisch eilig sein mit uns. Fluchen und Koppen in den
Gliedern der Kolonne. "Wird nicht bald gerastet, es geht ja nimmer!" Natürlich, die Herren sitzen bequem zu Pferde,
die drückt keine Zentnerlast des Affen. Man schwört im stillen, bei der nächsten Rast allerhand Kram hinauszuwerfen;
die Stiefel z. B., auch noch die zweite Decke dazu; und die Fleischbüchse wird gegessen. Das spielte jetzt keine Rolle
mehr, wenn wir doch da vorne in die Schlacht mußten. Mochte der Feldwebel nachher ruhig toben, wenn man wieder
zurückkam. Da gab es sicher Sachen genug von denen, die eben nicht mehr zurückgekommen sind. Und wenn man
auch vorne bleiben mußte, wozu sich dann jetzt noch schinden mit dem Kram?
Da hatten es doch die anderen Waffengattungen fein. Die kannten die Qual des Affenschleppens nicht; sie hatten gar
keine Ahnung davon. Deren Gepäck wurde gefahren, und sie konnten ledig nebenher gehen. Gerade der Infanterie
mutete man alles zu. Bald werden sie uns noch einen Kasten MG.-Munition, zwei Sandsäcke voll Handgranaten und für
drei Tage Verpflegung aufhängen. Man kennt das ja! Der Martl spottete noch dazu: "Es heißt ja auch, die Infanterie ist
die Krone aller (W)affen."
Und der Regen rinnt. - Eine Ortschaft kommt näher. Lichtervelde? Ja, zum Teufel, was ist denn das für ein Krampf!
Erst fährt man uns durch diesen Ort, und dann läßt man uns wieder hierher zurückmarschieren. Vier Stunden sind
dadurch versäumt. Den schuldigen Esel an diesem Blödsinn hätten wir unter den Watschenbaum gelegt, wenn wir ihn
gekannt hätten. Vermutlich so ein wohlgemästetes Etappenschwein. Unser Major sprengt wutschnaubend und brüllend
auf seinem Apfelschimmel durch die Straßen des Ortes. Die Feldküchen fahren natürlich ganz woanders in Flandern
herum, und uns knurrt der Magen. Auf dem Marktplatz setzen wir die Gewehre zusammen.
Wir sollen hier auf Lastautos warten, die uns nach vorne bringen sollen. In Hausgängen wanden wir unsere Röcke aus.
Frauen boten uns allerlei nette Klöppelsachen zum Kauf um Spottpreise an und baten um Brot. Das hatten wir zwar
nicht mehr reichlich, aber wir gaben ihnen und den bettelnden Kindern mehr, als wir entbehren konnten. Was hatten die
kunstvollen Spitzen, Deckehen, Schürzchen für "ma ch&e" für uns jetzt für einen Wert! Den Rest unseres Soldes legten
wir nutzbringender in einigen Stamperln Schnaps und einer Tasse schwarzen Kaffees an im nahen Estaminet.
Geschäftig sorgend lief der Pfarrer des Ortes hin und her. Er ließ uns Häuser öffnen, daß wir im wieder beginnenden
Regen unterstehen konnten. Dann lief er wieder zur Kirche, die gerade zu einem Feldlazarett eingerichtet wurde.
Hunderte von Verwundeten lagen auf dem Stroh im Schiff. Die neugierigen Jungen mußten natürlich zuerst ihre Nase
dort haben und kamen ganz grün im Gesicht wieder heraus. Ich unterhielt mich mit einem Leichtverwundeten, der
gerade von vorne kam und mich um eine Zigarette anfocht. "Junge, das sag' ich dir, Somme ist Dreck dagegen. Einfach
nicht zum Sagen. Kein Aas kennt sich mehr aus. Überall Tommys. Und bloß Vierundzwanzigerlagen, das sind seine
kleinsten auf Infanterie. Und Brandgranaten, ekelhafte Luder, spritzen ein brennendes Öl um sich; wen's trifft, der ist
verloren. Und ganz neuen Granatenaufschlag hat er; die geben gar keinen Trichter, die rasieren egal über dem Boden.
Durch ist er nicht ganz, der Tommy, aber weit zurückgedrängt hat er uns, heute morgen hat er Poelkapelle genommen.
Hat auch Geschütze erwischt diesmal. Na, freut euch nur; ich habe es überstanden."
Es schien also vorne nicht gut zu stehen. Das Rollen des Schlachtgetöses wurde vom Regen gedämpft. Endlich gegen 5
Uhr nachmittags schallt das Kommando: "An die Gewehre!" Unser neuer Kompanieführer läßt Halbkreis machen. "Wir
sind jetzt Eingrelfdivision, für den Fall, daß der Engländer wo durchkommt; dann müssen wir immer antreten zum
Gegenstoß. Gut beisammenbleiben! Wer nach hinten ausschlitzt, den kaufe ich mir besonders, der geht dann gern
wieder vor." Zu mir gewendet, sagte er: "Geben Sie mir Ihren Karabiner und eine Patronentasche! Ich bin gewohnt,
selber mitzumachen." "Bravo!" riefen ein paar. "Den Engländern werden wir's schon besorgen, die sollen sich freuen,
wenn wir kom m*en." Der Leutnant war, scheint's, doch ein anderer Kerl, wie wir vermutet hatten, so hatte noeh keiner
mit uns gesprochen. Das imponierte uns gewaltig. So sah auch alles nur halb so schlimm aus, was uns erwartete, und
gut gelaunt stürmten wir die Lastautos, als sie am Marktplatz auffuhren.
In quetschender Enge standen wir auf den Kästen, die Motoren sprangen an, und Wagen hinter Wagen rollte zur Front.
Häuser und Bäume flogen vorüber. Das ging anders wie ein langweiliger Marsch. In den Feldern voraus sahen wir die
ersten Einschläge aufspritzen. Das Winseln und Krachen wurde rasch deutlicher, und schon hörten wir die erste Granate
rauschend über uns wegfahren. Uns wurde doch etwas warm dabei. Wenn so eine in den dick gefüllten Kasten... Wie
ein Fußtritt in einen Ameisenhäufen müßte das sein. Vor einer Häusergruppe kamen uns Zivilisten mit Karren entgegen,
Flüchtlinge, mit ihrem ganzen Elend und Kram beladen, Kinder und verweinte Frauen dabei. Sie drückten sich zur Seite
und winkten uns zu, staunend über die Wucht, mit der so viele frische Soldaten an ihnen vorüberrollten. Merkwürdig,
diese Flamen haßten uns nicht als Feinde.
Eine große Ortschaft kam: "Staden." Die ersten zerschossenen Häuser flogen vorüber. Steine und Schutt unter den
Eisenrädern gaben uns rüttelnde Stöße. Kolonnen streiften hart an uns vorbei. Ganz schwere Einschläge erdröhnen, und
Steine prasseln. Sususususu - sssustt - krumrrr! Man hört kaum etwas im Dröhnen und Rattern der Motoren. Ganz
langsam geht es durch die Straßen von Staden. Der Verkehr keilt sich zwischen den Häusern. Die Wagen sind dicht
aufgerückt, und die Masse des Bataillons rückt langsam als dicker Klumpen durch. Sssiii - uuuu - stt - trachrrr! Wenn
da eine jetzt - - - ! Wir stehen in prikkelnder Folter der Nerven auf den Kästen. Ob es nicht besser wäre, wir stiegen ab?
Da springt der Wagen an und beginnt zu rasen; im Umsehen liegt Staden hinter uns. Wenn uns nur nicht die
Fesselballone jetzt sehen, wie da Wagen hinter Wagen aus der Ortschaft hervorschießt. Drüben stehen sie am abendlich
dämmernden Himmel, dessen Wolkenschleier gerade jetzt zerreißen, wo sie uns einmal recht gewesen wären. Zu beiden
Seiten der Straße fahren zackige Erdwolken in wechselndem Spiel aus dem Boden. Kornmandeln stehen in den Feldern,
die nicht mehr geborgene Ernte der Flüchtlinge. - Da - kurz vor unserem Wagen auf der Straße ein splitternder Krach in
weißer Wolke, ein Stoß - die Bremse nur - ein Ruck - weiter, weiter! Das galt uns. Der Wagen hinter uns saust direkt
neben einem Einschlag vorbei; ein Wunder, daß nichts passierte. Ich mag gar nicht mehr zurückschauen.
Über ein Bahnaeleise holpern wir weg. Der zerschossene Stumpf einer Windmühle liegt am Weg. Abgerutschte
Steinmassen sperren die Straße, Wir schwanken darüber Weg, Schon wähnend, der Kasten stürze um. Noch mahlen die
Hinterräder grundlos im Geröll - da zischt es kurz und gierig, ein betäubender Schlag -, eine riesige Staubwolke wallt
hinter uns auf, Steine prasseln hageldicht, ein einziger Schrei des Entsetzens, Mauerklötze und wirbelnde Balken über
uns. Einige zuchen zusammen, von Mauerbrocken getroffen. Dann sehen wir aus verstaubten Gesich. tern einander an.
"Mich bringst nimmer zum Autofahren, mir gangst", brüllte mir der Hans in die Ohren. Hinter uns wo die Mühle
vordem stand, liegt in einem Staubschleier, nur noch ein Schuttkegel, aus dem Balkenhölzer hervor. starren.
Schwankend torkeln die hinteren Wauen daran vorbei. Und wieder heult es herab, auf dem Bahngeleise neben der
Straße Schwellen und Schienen aufreißend. Es ist uns allen nicht mehr recht geheuer hier oben. Aber der Wagen rattert
und stampft mit kochendem Kühler weiter. Eine Gruppe verstreuter Häuser kommt näher. Der Saum eines breiten
Waldes rückt heran. Zerflatternder Dampf und die weißen Schäferwölkehen der Sehrapnelle stehen über den Kronen
der Bäume.
Bei einer Häusergruppe sind Bagagen und Feldküchen, die uns bekannt vorkommen. Freilich, das sind ja die Unseren.
Und der Wagen hält dort an. Wir klettern hölzern steif herunter. Die vom zweiten Wagen wähnten die meisten von uns
tot und verwundet, aber außer blauen Flecken und einigen Steinschürfungen fehlte uns nichts. Hoffentlich haben wir
immer so Glück.
Unser Major erscheint auf der Bildfläche. Wir hören, daß wir zu spät gekommen sind; ein anderes Bataillon vom
Regiment ist dafür eingesetzt worden. Wir bleiben aber in höchster Bereitschaft hier liegen. Es wird schon dunkel, als
wir uns in fürchterlicher Enge in die paar Häuser drängen, die noch nicht zerschossen sind. Wir richten unser
Sturmgepäek und stapeln die Tornister in einem Schuppen. Dann fallen wir wie hungrige Wölfe über unsere Fcldküche
her und entschädigen uns reichlich für die Ausfälle in den letzten Tagen. Ab heute gibt es wieder
Großkampfverpflegung, zwei Mann einen Barras statt bisher zu dritt und wieder einen Schluck Schnaps zum Tee nebst
Besserung der sonstigen Kost, Vorläufig das einzige Angenehme in Flandern. Der Feldwebel sagt, wir lägen in Terrest.
Vor uns sei der Houthulster Wald. Aber das interessiert uns weiter nicht. In ekelhafter Aufdringlichkeit beehrt eine
Batterie der Engländer unsere Unigegend mit ihren Liebkosungen. Eine andere Kompanie hat noch vor völligem
Dunkelwerden einige Tote und ein gutes Dutzend Verwundeter beim Fassen an der Feldküche.
Und das Feuer rollt ewig - ewig weiter, vom riesenhaften Brüllen unserer Ferngeschütze im Walde vor uns übertobt, die
wohl jetzt den Nachtverkehr in Ypern etwas lebhafter beschleunigen mit ihren Granaten. Wir sind schon wieder einmal
drinnen im Hochbetrieb. Und gestern sind wir um diese Zeit noch ahnungslos zwischen Fourmies und Avesnes
gefahren. Das war einmal. - - - Und vor langer Zeit muß das gewesen sein, daß wir keine Granaten mehr winseln hörten
in der Nacht und nicht brechendes Donnern im Einschlafen an unseren Nerven riß.
*
Wer ist denn dieser widerliche, grinsende Kerl? Werft ihn doch hinaus; wir möchten doch alle noch schlafen! "Ja, willst
du denn dableiben, Hans? Hans! Alarm ist! Auf geht's!" "Was? Was?" fahre ich erschrocken hoch. "Da trink, wir haben
schon Kaffee gefaßt; gib deine Feldflasche her zum Auffüllen; dort liegt dein eiserner Bestand. Los, los!" Das war ja
der Girgl. Ja so, Alarm! Kein Wunder bei dem Feuer draußen. Der Feldwebel schrie schon: "Antreten!" Hastig stürzte
ich den Trinkbecher Kaffee hinunter und stopfte die Fleischbüchse und den Sack Zwieback in den Brotbeutel, warf das
Sturmgepäck über, der Kare hing mir zwei Sandsäcke mit Handgranaten um den Hals, irgendein Gewehr stand noch da,
das wird schon mir gehören. Hinaus! Sie zählten schon ab. "Rechts um! Ohne Tritt - -!"
Ein trüber Morgen zog herauf. Wir trotten schweigend auf einer Straße dahin, endlos, stundenlang. Stinkende,
aufgeblähte Pferdekadaver liegen herum, und die Trichter werden immer häufiger. Vor einigen zerschossenen Häusern
lagen die ersten Toten, häßlich aufgedunsen, mit blauschwarzen Gesichtern. Scheu bogen wir daran vorbei. Ein ganz
schwerer Brocken mußte da eingehauen haben, dem Trichter nach, in dem noch die breite Geschoßspitze steckte. Nahe
heransausende Granaten brachten uns zum Laufen. Der erste Pikrindunst zog in unsere Nasen. In einer Bodensenkung
lag eine verlassene Ortschaft. Wir bogen außen herum, krachenden schwarzen Einschlägen ausweichend. "Jonkershove"
las ich an einer Richtungstafel.
Was wohl heute los war mit uns? Weiter voraus liefen die Reihen anderer Kompanien. Eine weitere kleine Ortschaft
kam. Das sei "Nachtegal", sagten sie von vorne durch.
Scharf links abbiegend, kommen wir an ein Häusergeviert, in dem eine Verbandstelle liegt. Das sei der Kloster. hof,
hören wir. Da herum sollen wir in Bereitschaft gelegt werden, um von da aus im Bedarfsfalle zum Gegenstoß
anzutreten. Eine ganze Schar Verwundeter vom ersten Bataillon begegnet uns. Gerade vor ein paar Minuten habe ein
Volltreffer mitten unter sie eingehauen, zwölf Tote und eine Menge Verwundete auf einen Hieb, erzählen sie. Wir
halten das für übertrieben, aber der Arzt unseres Bataillons, der helfend eingriff, bestätigt es. Das sind ganz schöne
Hiebe für den Anfang.
Hinter zerfetzten Hecken standen vor und hinter uns verd ekte Batterien, die mit ihrem Geknalle unsere Ohren taub
machten. Wer konnte da noch das Heranwinseln der enalischen Granaten heraushören? Endlich wird unter Bäumen
gehalten.
Unser Kompanieführer geht weg mit seinem Burschen. Wohin denn? Die vorderen stehen ratlos und schreien ihm nach.
Horcht einmal! "Lump elender? Du Feigling!" Was ist denn da passiert? Der Sepp vom ersten Zug kommt mit meinem
Karabiner daher. "Da hast deinen Schießprügel wieder, der saubere Herr Leutnant braucht ihn nimmer. Hast so was
schon g'hört, krank ist er auf einmal worden, der Windbeutel!" "Krank? Was fehlt ihm denn?" "Da brauchst schon lano,
frauen, die ganze türkische Musik hat er beieinander' Aber gestern noch solchene Sprüch' reißen: Wer nach hinten
ausschlitzt, den kauft er sich. Derweil ist er der erste." Ein anderer schrie: "Alle miteinander sollten wir ihm nachlaufen,
und wenn er fragt, was wir wollen: Wir gehen unserem Kompanieführer nach." "Niederknallen sollte man den Hund",
schrie wieder einer.
Unser Schullehrer war als Ordonnanzoffizier beim Bataillonsstab. Ein kaum seit einer Woche bei der Kompanie
erschienener Feldwebelleutnant übernahm die Kompanie. Ein Vize war noch da, der den dritten Zug führte. Die beiden
anderen Züge übernahmen Sergeanten, die schimpften: jm Saustall sind wir schon recht, und hinten heißt's wieder:
'Eintreten' - wenn die, besseren Herrschaften vom Druckpunkt kommen. Sie hatten nicht unrecht. Drei
Säbeldienstgrade, die zu unserer Kompanie in Lothringen gekommen sind, sind irgendwo abkommandiert. Brauchbare
Unteroffiziere, die in den Kämpfen sich bewährten, konnten nicht verdienterweise befördert werden, weil der Etat
schon überfüllt war.
Der neue Kompanieführer sagte gleich ganz vertraulich zu uns Alten in der Kornpanie: "Ich bin das erstemal im Felde.
Daher werde ich mich wahrscheinlich recht durrim stellen. Drum verlasse ich mich auf euere Ratschläge und vertraue
darauf, daß ihr mich nicht im Stiche laßt." Das war ein Wort, das sich hören ließ. Die immer noch herumstehende
Kompanie verteilten wir in die Trichter und ließen Deckungen ausbauen. Vom grauen Himmel rann der Regen in Fäden
herab. Für den Stoßtrupp mit seinen zwölf Köpfen fanden wir zwei große Trichter nebeneinander, in denen wir uns eine
Sitzbank abstachen und einige große, gebogene Wellbleche darüberstülpten, die wir bei Nachtegal gesehen hatten und
eine halbe Stunde weit herbeischleiften. Und im Reuen ertrank die flandrische Erde.
Am Nachmittag schwoll der Feuerkampf wieder auf zu rasendem Wirbel. Brüllend fielen die Batterien um den
Klosterhof und im Houthulster Wald ein. Auch die Feldhasen, kaum 100 in vor uns und hinter einer Hecke gleich
nebenan, kläfften wie wütende, gereizte Hunde los. Und dann fielen immer häufiger Granaten aller Kaliber in unseren
Abschnitt. Immer mehr, bis wir schließlich nicht mehr erkennen konnten, was um uns vor sich ging. Der Bodeddes
Trichters begann zu schwanken. Erde und Splitter flogen, von feurigen Lohen umhergeschleudert, kreuz und quer, und
der Qualm der Sprengwolken lag über dem wässerigen Boden wie dicker, heizender Rauch. Da sauten wir nichts mehr
zueinander und schauten gequält in unsere zuckenden Gesichter.
Einer von uns fehlte, der Karl, der ist vor einer halben Stunde zum Klosterhof gegangen um Wasser zum Trinken. Es
wird ihm doch nichts passiert sein? Besorgt schaue ich hinaus, wo er bleibt. Ein Schatten huscht durch den wehenden
Rauch und wirft sich hin, springt wieder auf und sucht umher. Ich winke ihm, er ist es und kommt heran; aber da fährt
eine große, schwarze Sprengwolke neben ihm auf und wirft ihn um. Ich ducke mich vor den zischenden Splittern. Da
taumelt er schon heran und fällt herein zu uns in den Trichter.
"Ach was, mir fehlt nichts", entgegnet er auf meine Frage, aber ich sehe, wie ihm das Blut von der Hand rinnt. Ein
Splitter saß im Handrücken, ein netter Heimatschuß. Ich verband ihn gerade, da rumpelt ein anderer herein zu uns mit
entsetzten Augen im blutenden Schädel: "Da, da, da - - Volltreffer, ohohoh - -!" stöhnte er und fiel um. Den hatte es bös
zugerichtet. Ich brülle zum Sanitäter, der einige Trichter weiter weg lag. Im Nu war er da. Dem armen Kerl hatte es die
Schulter glatt an der Kugel zerschmettert und eine Anzahl kleinerer Splitter in den Kopf gejagt. Lange lag er
ohnmächtig. Da riefen sie draußen schon wieder: "Sanitääääter!"
Ich sprang mit hinüber, da lag einer totenbleich im Triebter und wimmerte, der Fuß hing ihm zur Seite in eine immer
größer werdende Blutlache. "Abbinden, schnell, sonst verblutet er!" Wir schwitzen vor Hast, während der Verwundete
vor verhaltenen Schmerzen mit den Zähnen knirscht, daß die Kinnladen anschwellen. Eine Granate wirft Rasenfetzen
herab, heiß vorbei surrt ein Splitter und klatscht neben meinem Fuß in den Boden. Jetzt dürften sie drüben schon wieder
aufhören, noch dazu bei diesem öden, traurigen Wetter. Die Brühe läuft mir zum Genick hinab.
"Geh einmal 'rüber!" schrie der Max. Wie ich hinkam, sah ich drei Tote zerfetzt und zerknüllt im Trichter liegen.
Unsere ersten Toten in Flandern. Gegen Abend haben wir das erste Grab in diesem Trichter beim KIosterhof
zugeworfen und drei Stahlhelme auf die zerschlagenen Gewehre gesteckt.
Und wie gestern klarte es in der Dämmerung auf. In blutrotem Feuer schwamm die untergehende Sonne. Die Artillerien
mäßigten ihre Wut. Was vorne los war, wußten wir nicht. Recht weit konnte aber die vordere Linie nicht weg sein.
Einzelne Kugeln pfiffen vorüber. Munitionskolonnen preschten zu den Batterien heran. Von hinten klirrten lange
Reihen eines Sturmbataillons über uns hinweg. Wir hörten von ihnen, daß Franzosen angegriffen hätten, die sie jetzt
wieder zurückwerfen wollten. Franzosen? In Flandern? Das ist neu. Rasch machten wir uns zur Unterstützung bereit.
Bald darauf hörten wir von vorne den prasselnden Lärm unzähliger Handgranaten und das Brodeln des Infanteriefeuers
mit dem Schnattern der MG.s. Immer ferner rückte das Tosen des Kampfes und erstarb mit dem sich dazugesellenden
Schrapnellfeuer im Herabsinken der Nacht über dem Kampffeld.
Wir schöpften das Wasser aus unserem Trichter. Das Störungsfeuer rauschte hinüber und herüber die ganze Nacht wie
das Knurren zweier Löwen, die erschöpft einander gegenüberliegen und Kräfte sammeln zum neuen Ansprung.
*
Der andere Tag bringt das schon gewohnte Anschwellen des Artilleriekampfes mit der Morgendämmerung. Der Regen
hatte sich verzogen; aus Lachen und Gräben dampfte der Nebel. Plötzlich am Vormittag kommt Befehl zum Abrücken.
Bei Nachtegal sammeln die Kompanien und marschieren nach Jonkershove. Wir sollen weiter links verschoben werden
in eine neue Bereitschaftsstellung, hören wir. Mitten in Jonkershove, als wir gerade an der Kirche vorbeikommen, haut
eine schwere Granate mit unheimlich kreischendem Schlag neben uns ein. Alles stürzt davon, Verwundete schreien.
Schon haut es wieder schmetternd daneben. Mit einigen beherzten Krankenträgern springen wir vom Stoßtrupp wieder
zurück und zerren unter niederprasselnden Einschlägen die Verwundeten heraus. Einer ist so schwer an der Brust
getroffen, daß er im Sterben liegt.
In übermenschlicher Seelenruhe bleibt unser Kapuzinerfrater, der als Krankenträger beim zweiten Zug war, bei ihm
knien und betet ihm vor, bis der andere ausgelitten hat. Noch einmal gehen wir zurück und tragen den Toten ins Feld
hinaus, zwei Krankenträger scharren ihn ein. So pflanzen wir um den Houthulster Wald unsere Gewehre in die Erde,
mit dem Stahlhelm drauf - blutend, ohne an den Feind zu kommen. Das Schicksal aller Reserven einer Schlacht. Bei ein paar alleinstehenden, verlassenen Häusern erwartet uns die Kompanie. Die Leute haben inzwischen einen
gbstgarten geplündert. Es gibt schon reife Birnen und Apfel. Die Angst und der Schrecken von vorhin sind scheinbar
schon wieder vergessen. Da wir rasten, stöbern wir die Häuser durch. Es scheint einmal Artillerie hier gewesen zu sein.
An der Wand einer Stube hängt das Bild des Kaisers, sauber gerahmt, ein Bild Hindenburgs und Ludendorffs daneben.
Ein rabiater Kerl vom zweiten Zug kommt auch herein und schreit, wie er die Bilder sieht: "Runter damit, die sind
schuld am Krieg! Die fressen imd saufen recht grübig dahinten, und wir dürfen den Schädel hinhalten dafür." Und mit
dem Gewehrkolben schlägt er die Bilder in Scherben. Wir sind momentan starr, das ist uns zu neu, das hatten wir nicht
erwartet. Mit einem aschfahlen Gesicht trat der Girgl an den Burschen heran: "Das sagst noch einmal und du bist hin,
du Franzos, du falscher Hund! Melden tu' ich dich nicht, aber dran denken sollst, solang du noch lebst, du
Zuchthauspflanz'n!" Und mit einem Aufschrei sank der Bilderstürmer unter dem schmetternden Fausthieb des Girgl
zusammen. Er hatte ihm die Nase eingeschlagen.
Wir ließen ihn achtlos liegen und gingen hinaus, immer noch fassungslos über das eben Erlebte. Ich sagte zum Girgl:
"Das war recht, jedem gehört es so von diesem Gesindel. Die sollen sie lieber daheim lassen, diese Scheißkerle." Und
der Girgl meinte: "Der nächste wird glatt erschlagen, denn der hetzt ja doch bloß weiter, wenn er jetzt ins Lazarett
kommt. Was der wohl dem Arzt weismachen wird von seiner merkwürdigen Verwundung?"
Der Sepp gesellte sich zu uns beim Weitermarsch. Wie ich ihm den Fall erzählte, sagte er bloß: "So, so, der war's. Da
fällt mir ein, das ist derselbige, der in Lichtervelde gesagt hat, er würde sich bloß freuen, wenn der freche Stoßtrupp da
vorne von der ersten Granate zerfetzt würde. Der wäre schuld, daß wir nach Flandern kommen; denn wenn alle sich so
dumm stellen würden, wie er es mit Fleiß macht, dann käme unser Regiment bloß in ruhige Abschnitte. Was sagst jetzt
da dazu? Ha, sind das auch noch Soldaten? Pfui Teufel!" "Da müssen gerade wir paar Alten zusammenhalten; so etwas
darf nicht aufkommen in unserer Kompanie. Sind denn wir schuld am Krieg? Oder daran, daß der Engländer jetzt so
verrückt angreift" "Freilich nicht - aber wenn schon unser Konipanieführer sich drückt, was soll man da von den Leuten
verlangen? Ich weiß nicht, was das jetzt in den Garnisonen für ein Betrieb ist. Da gehören einmal ein paar so
Drückeberger an die Wand, dann wird's gleich anders."
Um die Mittagszeit kamen wir an ein sauberes Barackenlager bei Ohndank. Hier wurden wir untergebracht in
Bereitschaft. Wir waren jetzt Eingreifdivision und hatten im Falle eines Angriffes ohne weiteres zum Gegenstoß
anzutreten. . Eine neue Kampfmethode, die uns sehr zusagte, weil sie nicht starr ans Gelände gebunden, sondern
beweglich war. Das Lager wird uns bald ein unerträgliches Gefängnis. Wir dürfen bei Tage die Baracken nicht
verlassen. Das Wetter wird sonnig und klar, die Fliegerplage beginnt. Sie dürfen nur ein lebloses Lager sehen, das ihnen
nicht wert scheinen muß, ihre Granaten daran zu verschwenden. Deswegen können wir doch des Nachts keine Ruhe
finden, denn ununterbrochen winseln die Granaten in die Nähe und zerrt das Bersten und Krachen an unseren Nerven.
*
Mit einem Vize gehe ich an einem Vormittag zur Erkundung eines Anmarschweges und ei nes Ortes für die
Bereitstellung zum Gegenstoß nach vorne. Wir haben nicht weit in den Houthulster Wald. Neben dem Weiler Vifwege
zweigt von der Bahnlinie Staden-Langemarch, die im Heeresbericht so oft genannt wird, ein Nebengeleise in den Wald
ab. Ihm nach gehen wir, es bietet die Möglichkeit eines gegen Sicht gedeckten Vorrückens.
Der Wald steht in seiner vollen Pracht. Mächtige Bäume breiten ihre weitausladenden Kronen über dünnem
Unterwuchs. Trichter stehen bis oben voll Wasser. Baumkronen hängen geköpft am zersplitterten Stamm, und hier und
da liegt ein entwurzelter Baum schief in den Asten seiner Nachbarn. Merkwürdigerweise ist das Bahngeleise noch
unzerstört. Ein provisorischer Ausladebahnhof - Bayernbahnhof, lesen wir - ist aber bös zerschossen. Eine Reihe
Waggons stehen hier, noch mit Pioniermaterial beladen, sie können nicht mehr rückwärts gestoßen werden, denn nach
hinten ist der Schienenstrang zerfetzt von respektablen Trichtern und die Schienen wie Draht wirr zerrissen und
aufgebogen.
Fün gutes Stück weiter kommen wir an eine Straße, die trotz der sonnigen Klarheit gerade von langen Munitions.
kolonnen befahren wird. Es muß allerhand schwere Artillerie im Walde stehen. Tosende Abschüsse widerhallen. Rumm
- mm - nimm - in -. Und in regelmäßiger Folge winseln Granaten über uns weg; Äste krachen und knicken seitab, und
zerrauftes Laub wirbelt aus stäubenden Wolken.
Auf der Straße weitergehend, kommen wir an den Südrand des Waldes. Ein Drahtverhau ist unter den letzten Bäumen
gespannt, ein unvermutetes Hindernis. Vor uns im freien Feld liegt die gedehnte Zeile einer Ortschaft. Eine Bahnlinie
und ein zertrümmerter Bahnhof weiter rückwärts das mußte der Karte nach Schap-Ballie sein - werden von schweren,
schwarzen Einschlägen getroffen. Wir sind froh, daß wir nicht auf der im Freien laufenden Straße vorgegangen sind, als
wir das sehen. Mit Muße studieren wir unsere Karte, wir können nimmer weit haben zum Bereitschaftsplatz, der mit
einem roten Kreis eingezeichnet ist. Diese Häuserreihe vor uns mit ihren ausgebrannten Mauerresten ist Koekuit.
Danach muß also der Platz dort drüben bei diesem Barackenlager sein, zwischen Ortschaft und Houthulster Wald.
Wir stehen eine Welle unter den letzten Bäumen des Houthulster Waldes und schauen zur Front. Über den Feldern und
zerhackten Gestrüppen liegt staubiger Dunst. Der Abraum moderner Schlachtfelder liegt im Gelände. Zerschossene,
umgestürzte Protzen und Wägen, Stapel von Geschoßkörben und aufgerissene Kisten bei toten Bespannungen und
verstreut und unscheinbar im Feld liegende graue Gestalten. Am Horizont verweht sich das Aufspritzen von
Erdbrunnen und Zerfließen der Rauchballen zu einem Schleier, der die letzten Geheimnisse da vorne verhüllt. In
Zeltbahnen werden Verwundete über das Feld geschleppt von müden, gegen die Einschläge der Granaten tauben
Gestalten. Sonst ist das Feld leer - trostlos öde - zerrissen und verbrannt.
Diese modernen Schlachten tragen das Gepräge von tosenden, schlagenden Fabrikbetrieben, in denen der Mensch
nichts ist als eine Nummer. Einer, der eine Maschine bedient von früh bis spät, immer das gleiche einförmige Ge,assel
um sich, ohne zu wissen, was das werden soll und wozu das gebraucht wird, was er tut. Kriege der Industrie, der
modernen Lebensform. Schlachten, die der Konkurrenzkarripf zweier Konzerne sind, mit den Faktoren: Bessere Ware,
schnellere Produktion - und einer einzigen Unbekannten - das Menschlein Soldat, das am wenigsten schätzbare
Material, trotz Schulen und Kasernen.
Der deutsche Infanterist warf alle Kalkulationen über den Haufen. Denn wo die Gigantik der Schlacht nicht mehr von
der Führung gemeistert werden konnte, wo das Feuer allen Zusammenhang zerriß, da standen statt Bataillonen und
Kompanien auf einmal Reihen von Persönlichkeiten, jede der eigene Feldherr und Soldat zugleich, und handelte und
meisterte das neue Wesen der Schlachten. Das ist das unerreichte Wunder deutscher Soldaten.
In der kommenden Nacht - es war der 7. August - rückten wir in Bereitschaft nach Koekuit ab. Ein riesiges
Eisenbahngeschütz stand feuerbereit mit steil aufgerecktem Rohr auf dem Bahngeleise, wie wir vorbeikamen. "Wohin
schießendie?"fragteeiner. "Dieschießen gleich nach London 'nüber, daß die Tommys nicht mehr so weit ins Lazarett
haben", sagt der Sepp. Wie wir schon ein gutes Stück vorbei sind, zuckt ein blendender grüner Schein hell durch die
Bäume, ein jäher, stoßender Schlag brüllt betäubend hinter uns auf, der Abschuß des Riesengeschützes. In einer Stunde
sind wir bei den Baracken von Koekuit, wo uns die Kompanien des ersten Bataillons bereits marschbereit erwarten.
Schnell erzählen sie uns noch, daß sie heute nachmittags in der Baracke, die unser Zug bezieht, fünf Verwundete durch
ein Schrapnell hatten.
Wir sind so viele, daß wir uns nicht auf den Boden strecken können. Abwechselnd sitzen und schlafen wir. Bald
herrscht ernstes Schweigen, jeder denkt an die sonderbare Lage und lauscht dem Winseln und Zischen der Granaten,
das in die Nähe und über uns weg zieht. Ei ne unruhige, schw üle Nacht liegt über dein Gelände, das Feuer der
Engländer nimmt immer heftigere Gewalt an. Nach Mitternacht gehe ich hinaus; ich kann - wie die meisten - doch
keinen Schlaf finden. Draußen treffe ich den Sepp, der von der Baracke des zweiten Zuges herüberkam. "Was sagst
jetzt da? So eine Dummheit hab' ich auch noch nicht erlebt. Uns da hereinhocken, gut fünfhundert Mann auf einem
dicken Haufen zusammen. Die wollen uns hinten, scheint's, möglichst bald los haben." - - Gegen Tagesanbruch schoß das Wüten der Artillerie weit über den seitherigen Grad der Wildheit hinaus. Wir saßen wie
auf Kohlen, sahen durch die Fensterspalten die aufstoßenden braunen und schwarzen Wolken der Einschläge vielfach
drüben im Feld gegen Koekult zu und weiter nach vorne ein ständiges Ineinanderflattern von wehenden Rauchfahnen.
Die Scheiben klirrten unausgesetzt, und die Bretterwände zitterten und knarrten von den Stößen, die den Boden
schwanken ließen. Mehrmals klatschten die Bleischauer von Schrapnellen rasselnd gegen Dach und Wände.
Ausgeworfene Rasenbrocken pumperten an unsere Türe. Einige Splitter hackten von draußen durch das Holz und fielen
kraftlos herab. Sonst ereignete sieh nichts. Die Erregung glättete sich, wie das Feuer abebbte. Nur hinten, über dem
Walde, wehte dünh zerfließender Rauch, von stetigen schweren Granaten genährt, der wie spritzende Schleier sich
emporraffte und wieder versank.
Flieger schnurrten grimmig über das Barackenlager weg, gespannt auf irgendeine Bewegung lauernd. Fliegerdeckung
wurde von allen scharf beachtet, einer kontrollierte den anderen. Ich hatte in einem Brett einen Ast durchgedrückt und
so ein feines Guckloch gefunden, durch das ich die Fesselballone drüben zählen konnte, die in weitem Bogen um Ypern
herum standen. Fast dreißig Stück waren zu erkennen.
In der endlosen Langeweile wurde in allen Ecken Schafkopf gespielt. Wer nicht mittat, schaute zu, und mancher
Verächter dieses Spiels lernte so gezwungenermaßen die Karten kennen. Der Martl war ein gefürchteter Schafkopfer,
der ganz verwegene Solos wagte. Gerade sagte er einen "Du" an und legte los: "Trumpf, Trumpf - und Trumpf - und
Schellensau - und Grasaß -", da fuhr ein Schlag gegen die Barackenwand, fauchend sprang etwas Blitzendes über
unsere Köpfe, die sich mit hurtiger Eleganz tief verbeugten, heulte durch die gegenüberliegende Wand und zerknallte
klirrend draußen vor der Baracke, alles im Bruchteil einer Sekunde. Ein Schrapnell hatte beide Wände der Baracke
durchschlagen und zwei regelrechte kreisrunde Löcher ausgestanzt, ohne zu krepieren, Rücksichtsvoll zersprang das
Geschoß erst draußen, wo es sich ungefährlich entladen konnte. Einer der seltsamen Schüsse, die einem im Kriege
begegnen. - - Nach Einbruch der Dunkelheit drängten wir hinaus aus unserem Gefängnis ins Freie. Der Trägertrupp brachte die
Verpflegung vor. Mit einem Male, so gegen 10 Uhr, setzte unsere Artillerie schlagartig zu einem Feuerüberfall an. Ein
unaufhörliches Züngeln der Mündungsfeuer flackert aus dem Houthulster Walde und auch vom Felde bei Koekuit und
an der Bahn. In packender Wucht strömte das Zischen der Granaten zusammen zu einem prachtvoll rauschenden Strom,
und drüben beim Feind verlosch fast lautlos knisternd der Schwall von Geschossen. Gas! Das neue Gelbkreuz wurde
geschossen, das von einer fürchterlichen Wirkung sein sollte. Ein gefangener englischer Offizier soll ausgesagt haben,
die Wirkung unseres neuen Gases sei verheerend; es mache die unerschrockensten Leute scheu, weil es keinen Schutz
dagegen gäbe. Ein geplanter Angriff sei einmal gar nicht zur Entwicklung gekommen, weil die Infanterie schon vorher
durch unser Gas unbrauchbar geworden sei.
Eine Stunde später kam die Vergeltung von drüben. Ein klirrender, heulender Orkan fiel über die Batterien. Der Tommy
wußte ganz gut, wo sie standen' Kein Schuß fiel dabei auf unsere Baracken. Bei Koekuit wirbelte ein wildes Feuer
durcheinander. Lange Munitionskolonnen rasselten im Galopp durch den kreischenden Trubel. Wie Scheinen huschten
die jagenden Wagen auf der Straße dahin. Da! - Volltreffer - ein Knäuel im Rauch. Wie sie aufeinanderfahren, die
hinteren sich bäumend und stemmend zur Seite reißd~, und ins zertrichterte Acherfeld ausbiegen. Nicht lange, dann
rasselt der schattenhafte Spuk in sauber eingefädelter, endloser Kolonne weiter nach hinten. Die Fahrer haben keine
beneidenswerte Aufgabe.
Feuerwolken steigen aus der Erde und werden langsain kleiner, noch lange weißlichen Rauch hinterlassend.
Brandgranatent Beim Einschlag spritzt das Feuer wie ein Springbrunnen in bogenförmigen Strahlen umher; schön, aber
fürchterlich. Die Grausamkeit ist nicht immer häßlich.
*
Am anderen Morgen fordern sie vorne "Sperrfeuer" an; die grünen Leuchtkugeln schwirren im Dämmer und Dunst.
Eine Stunde lanir trommelten dann die beiden Artillerien vorne zusammen mit solch kompaktem Wirbel, daß man keine
Vibration der zusainmenrolleiiden Donner mehr spürt. Es ist alles ein einziger, wütender, langgezogener Schrei des von
dem fahlen Himmel steigenden Tages. "Alles fertigmachen!" schreien sie vom anderen Zug herüber. Wir wissen nicht,
was vorne los ist, und stehen wartend mit den Gewehren und Handgranatensäcken unruhig fiebernd im engen, schwülen
Haufen. Die elfte Kompanie entsendet eine starke Patrouille, die erkunden soll, ob der Enuländer angreift. Die ersten
Flieger von uns brummen ganz tief daher.
Nun laßt das Feuer weiter nach hinten. Schon heult und gurgelt es heran, draußen vor den Baracken wirft es Erdbrocken
auf - Blindgänger! Wieder einer, nein drei. Lauter Blindgänger. Bis mit einem Male ein schwarzer Rauchballen
aufquillt und haushoch wächst zwischen zwei Baracken. Im Rauch stürzen die Leute dort heraus, ein Haufen drängt
entsetzt zu uns herein. Wie der Rauch sich verzogen hat, liegen drüben einige Gestalten unter der Türe. Die Wand der
Baracke ist eingedrückt. Dann springen Leute hinzu und schleppen die am Boden Liegenden weg. Drei Tote und vier
Schwerverwundete. Der erste Hieb hat getroffen. Die Baracke wird nicht mehr bezogen, die Leute keilen sich unter die
anderen ein.
Vorne brandet das Veuerwogen in seine gewohnte Bahn zurück. Das fressende Vernichtungsfeuer sucht sorgsam
wieder seine Ziele. Ein Angriff ist abgeschlagen worden, erfahren wir. Die Gewehre werden wieder an die Nägel der
Bretterwand gehängt. Die Sonne scheint in den flimmernden Staub. In gedrängter Enge schlafen wir in einem
eigenartigen Dämmern der Sinne ein, mit den Ohren unruhig noch lange das Winseln und Zischen der Granaten
messend, wohin sie wohl fallen.
*
Ani Nachmittag wird das Barackenlager wieder beschossen. Uns ist es, als ob wir auf spitzi gen Nägeln sitzen. Diese
paar Tage des Harrens und Bangens fressen bei vielen die Moral. Da sitzt man in einer Kiste wie die Bücklinge
aneinandergeschichtet und zählt die Granaten, die heran- und drüber weg pfeifen. Unsere Bude dröhnt und wackelt. Das
Poltern der Erdbrocken gegen Dach und Wände wird immer häufiger; Splitter klopfen hart ans Holz. Der Martl sagt
dann jedesmal laut in die bange Stille hinein: "Herein!" - Und fraot dann ganz unschuldig: "Es hat doch wer geklopft?"
Mich empört das, und wir streiten eine Zeitlang miteinander. Plötzlich brüllt es ganz nahe, wir spüren, wie die ganze
Baracke ein kurzes Stück gerückt wird, Splitter hacken prasselnd ins Holz. An der Wand gegenüber schreien ein paar
schrill auf vor Entsetzen, alles wirft sich auf unsere Seite herüber. Genagelte Stiefel treten unbarmherzig auf mir herum,
daß ich schreie und mit den Fäusten auf die mich schindenden Beine wütend einschlage: "Gehst net 'runter, du Hammel,
au - gehst wepT' Einer hat die Türe aufgerissen im Gedränge neben mir und will hinaus ins Freie. "Dableiben -,
Fliegerdeckung!" herrschte ich ihn an und werfe die Tür krachend zu. Die Wand gegenüber ist zerSplittert. In der
Aufregung haben wir noch gar nicht bemerkt, daß dort einer regungslos auf dem Gesicht liegt. Entsetzt springe ich hin
und drehe ihn um. Ein stöhnendes Glucksen fährt aus der durchschossenen Kehle - tot! Sein Blut ist unbemerkt in
einem kleinen Bächlein durch den Bretterboden gesichert. Alles ist bestürzt. Wir lassen den Toten liegen und werfen
eine Zeltbahn darüber, bis es Nacht wird.
Und nach der ersten Bestürzung melden sieh zwei Verwundete, die neben dem Toten gesessen hatten. Einer hat zwei
Splitter im Hinterleder und behauptet, er spüre gar nichts; der andere sagt, er habe einen Schlag an die Hüfte bekommen
und hat, wie wir ihn ausziehen, eine nußgroße Wunde, aus der nur wenig Blut kommt, was uns bedenklich vorkommt.
Wir verbinden ihn und hören so über das Heranheulen einer neuen Granate weg, die wieder ganz nahe krepiert, daß
unsere Türe auffliegt und bang alles hinsieht, wer dort herein will. Es steht nur der Tod im flatternden Rauchmantel
einer Granate draußen. Ein einziger Splitter ist hereingefahren und unserem Vize direkt ins Herz, daß ihm der Kopf
einsinkt und er ohne Laut vornüberfällt irn Sitzen. Die Türe stelit offen, aber keiner will mehr hinaus, wenn auch längst
der Rauch verweht ist.
"Dem ist's schon vorgegangen", sagt der Girgl, wie wir ihn zu dem anderen legten. "Der hat schon alleweil so
zersprengt geschaut, so unheimlich." Und mir ist beim Aufbücken, als flögen so viele bleiche Kreuze über die
leichenblassen Gesichter, die alle herschauen, was wir da machen. Mir flirrt es vor den Augen wie ein Schwindel, und
schwer lasse ich mich auf meinen Platz fallen.
Draußen pfauchen Schrapnelle über uns weg, gleich hinter unserer Baracke mit metallischem Klang zerspringend.
Totenstill ist es geworden. Die Jungen sitzen mit aufgerissenen Augen da und können noch nicht fassen, daß es so
schnell geht. Langsam macht der Schmied-Niartl die Türe zu. "Ja, Herrschaften, heute haben wir Besuch gehabt; jetzt
ist er wieder fort, hat nicht einmal seine Türe zugemacht. Ich sag' alleweil, wem's aufgesetzt ist, den trifft's." "Das ist
ein Schmarren", sage ich, und jetzt können wir wieder reden, denn der Schmied-Martl bleibt fest bei seiner
Anschauung.
Der Girgl hat mich derweil immer angeschaut und tupft mich mit der Faust an die Brust. "Du! Hast es auch g'sehen, wer
's nächstemal drankommt?" rannte er. Ich erschrak, als müßte ich selber sterhen, so eiskalt ging das mir ans Herz. Auch
der wußte es? Ich nickte und sagte: .Halt 's Maul, red keinen Papp daher!" Er lächelte ganz unmerklich fein. "So, hat er
dir's auch schon sehen lassen!" "Schmarren", safrte ich, aber ich wußte, daß er den toten Vize meinte. Noch verstand ich
das nicht. Mir war, als läge ein Schleier vor m einen Augen und ich sähe die bleichen Kreuze davor flimmern. Entsetzt
schlug ich meine Hände vor das Gesicht und war froh, als einer eine Zigarette anzündete und der säuerliche Geruch des
Tabaks mich auf andere Gedanken brachte. ich kranite nach meiner Pfeife und stopfte zitternd den schlechten Tabal,
hinein, den wir uns selber hinten aus der frischen Ernte geschnitten und getrocknet hatten. Ganz zerschlagen lehnte ich
an der Wand. Der Hans spielte leise auf der Mundharmonika: Jin Feld des Morgens früh..."
Es war schon ziemlich dunkel. Da riß einer die Türe auf und sagte: "Bei euch ist's ja still wie in einer Kirche; das Essen
ist da." Da rumpelten wir auf. Kochfreschirre klapperten. Eine Taschenlampe blendete. Dann haben wir dem
Trägertrupp unsere Verwundeten angehängt und ihnen die Sachen der beiden Toten mitgegeben. Kauin eine Stunde
später steckten zwei Gewehre mit einem Stahlhelm über einem zugeworfenen Trichter. Ich legte mich aber für diese
Nacht mit dem Maxe, der mir überallhin in rührender, sorgender Treue nachlief, in einen frisch ausgeworfenen Trichter,
der noch kein Wasser hatte, zum Schlafen hin.
*
Gerade hatten wir uns beim Tagesgrauen fröstelnd in unsere Baracke geschlichen, da brach der gleiche Rummel los wie
gestern. Sperrfeuer! Das brodelte wie ein einem Hexenkessel da vorne. Heute mußte unsere Kompan e eine Patrouille
vorsehicken, zu sehen, was los sei. Unser halber Stoßtrupp lief mit mir vor. Über Koekuit lag schweres Feuer. Hier
Sollten wir in den Häusern einen Stab suchen, der in einem Betonkeller versteckt sein soll, im sorrenannten
Brigadehaus. Einzelne Verwundete kommen von ganz vorne durch. Wir fragen, was los sei. "Toirlmy greift an, mit
Tanks wahrscheinlich." Wahrscheinlich? Das heißt, "nichts wissen".
Auf der Straße in Koehuit lagen Gefallene und tote Pferde. Wohin? Eine Straßenkreuzung kam. "ten Pelikan", stand,
von Splittern verkratzt, an einer Mauer. Daneben zeigte ein Pfeil "Nach Poelkapelle". Die Querstraße liegt unter Feuer.
Am Ende derselben laufen Telephondrähte zusammen. Da springt einer aus einem Schutthaufen hervor und
verschwindet bei den Telephondrähten von der Bildfläche. Dort muß es sein! Ganz frisch gefallene Tote liegen neben
der Straße. Kein Wunder hier. Wir bogen ins Feld aus und pirschten uns von der Seite heran, warfen uns aber vor einer
weiter ausholenden Laue in den Dreck. Jetzt schnell auf! Wir stürzen vor, über die Straße, - ein Eingang gähnt in einem
Erdeinschnitt, hinab! Auf der Straße droben zerreißt mit zackigem Donner ein haushoher Einschlag.
Ein geschäftiger Stab ist da unten. Viele Leute in fürchterlicher Enge. Ein Jägerleutnant will uns wieder hinaustreiben.
Da sehe ich im Schein einer Kerze unseren Schullehrer sitzen und rufe ihn beim Namen. Freudig begrüßt er uns. Er ist
als Verbindungsoffizier hier bei der preußischen Brigade von unserem Bataillon aus.
"Ihr hättet nicht kommen brauchen, es sind sowieso ein paar Leute vom Bataillon da, die einen Befehl zum Eingreifen
überbringen würden, oder ich selber." Wir rauchten auf den paar Treppenstufen eine Zigarette und stürzten dann wieder
über die Straße weg zum Lager zurück und schlichen uns von hinten in unsere Barache. Es war wieder nur blinder
Alarm.
Heute war der dritte Tag, der 10. August. Heftiger als gewöhnlich befunkte der Engländer das Gelände um uns. Ein
klarer, sonniger Tag begünstigte die Beobachtung der Fesselballone. Über Koekuit wurde ein enolischer Flieger
abgeschossen. Drückende Schwüle brütete in den Baracken. Von draußen kam durch die offene Türe nur noch
wärmerer Brodem herein. Halbmatt lungerten wir am Boden herum. Der Girgl kam auf einen Gedanken, er
veranstaltete ein regelrechtes Fingerhakeln. Das lenkte eine Zeitlang ab, aber dann hatte keiner mehr Lust zum
Einhakeln, denn der Girgl zog jeden hin. Programmäßig wurde am Nachmittag das Lager wieder beschossen. Wir
lauern und horchen fiebernd auf die Einschläge. Wer kommt heute wohl dran?
Das waren die gleichen Brocken wie gestern, so eine Art Sechzehnerkaliber. Es waren viele Blindgänger dabei, kaum
der dritte Teil krepierte. Aber die Granate, die nebenan in die Baracke der zwölften Kompanie einfiel, war kein
Blindgänger. Sie warf die Baracke wie ein Kartenhaus auseinander und deckte ein grausiges Gewimmel von
getroffenen Menschen auf. Jetzt war es schon gleich, mochten uns die Fesselballone sehen oder nicht, wir stürzten
hinaus und zerrten die Trümmer weg und schleppten die Verwundeten zum Verbinden in den Schatten der anderen
Baracken. Es sind sieben Tote und dreiundzwanzig Verwundete gewesen, die wir herauszogen; ein ganzer Zug war
vernichtet.
Es war nur gut, daß wir in der folgenden Nacht aus dieser Seelenfolter erlöst wurden durch das zweite Bataillon. Auch
bei unseren anderen Zügen hatte es Verwundete gegeben, im ganzen zwei Tote und zehn Verwundete in der Kompanie.
Unser Trägertrupp hatte gestern einen Toten und vier Verwundete. Langsam fraß das Tag und Nacht wühlende Feuer an
den Reserven. Aber mehr als an Blut verloren wir an Kraft in diesen drei Tagen der Bereitschaft in den Baracken.
*
Der Weg ins Ohndanklager war hetzend heiß im Schrullen der Granaten. Staubig waren Straßen und Wege, und über
den Feldern lag der bittere Dunst der Sprengstoffe. Wir gingen über Schap-Bailie und Vifwege zurück und fanden das
Ohndanklager bös zerschossen vor. Fünfzehn Tote und eine Menge Verwundete hatte das erste Bataillon hier eingebüßt
und ist daraufhin ausgezogen. Auch wir marschierten weiter in der schwülen, bleichen Flandernnacht mit ihren weißen
Sternen, durch wirbelnden Staub, den die müden Füße aufwarfen und die Räder endloser Kolonnen von den Steinen
mahlten, die ununterbrochen mit singendem Knarren zu den Batteriestellungen im Houthulster Wald fuhren um
Eisenfutter für die hungrigen Schlünde der Geschütze vorzubringen. In Stadenreke hatte uns der Feldwebel in einigen
Häusern Quartier bereitet.
Da war für uns in einem Bauernhof neben der Straße ein alter Schweinestall, der war dick mit den ungedroschenen
Garben vom Felde draußen ausgelegt. Der seit langern in den Mauern haftende Gestank der Urbewohner störte nicht im
mindesten unsere Überzeugung, daß das ein ausgezeichnetes Unterkommen war. Ein Gewölbe machte den Stall
wenigstens splittersieher, was wertvoll war, weil das Dach des Hauses schon in Trümme-rn herabhing. Unser Stoßtrupp
hatte gerade Platz drinnen. Kriechend kam einer hinter dem anderen zum niederen Loch hinein. "Oh, fein, da hau dich
her!" rief der Maxe, der mir schon einen Platz reserviert hatte. Dann kam er wieder mit vollen Koch. geschirren, und
bald darauf hörte man nur noch das stöhnende Grunzen satter, zufriedener Leute. Weil wir in einem zwiefachen Saustall
waren, diese Front und dieses Quartier, grunzten alle, daß einer von draußen meinen konnte, die einstige Besatzung sei
noch hier. Wie schnell ist doch das niederdrückende Erleben schon wieder vergessen! "So, jetzt ist Feierabend, Manner;
zum Frühlutter weckts mich aber auf; jetzt wird einmal selig gerußelt", sagte der Girgl, und wir wühlten uns wohlig in
das Stroh. Daß sie draußen noch keine Ruhe geben - was ist denn das für ein Gerenne? Da ruft wer unsere Namen.
"Was ist denn schon wieder?" "Haus! Alarm!" Wie es da Flüche hagelte! Wie blinde Schermäuse krochen wir hinaus
zum Tempel und schnallten um. Und im Trab ging es hinter der Kompanie drein, die schon eilig auf der Straße nach
Vifwege lief.
Abgetriebene Kolonnen rüekten müde nach hinten. Ein brüllender, schrillender Feuerbrodem erfüllte den schwülen,
staubigen Morgen. Wir schwitzten und schimpften, aus schlafmüden Augen verärgert umherblickend. Gelb stach die
eben aufgegangene Sonne durch den Qualm überm Houthulster Wald. Schwere Flachbahngeschosse huschten und
schrullten nach hinten. Die Straße nach Staden stand in schwerem Feuer. Im Galopp rasten die Kolonnen dort durch.
Auch die Kreuzung bei Schap-Ballie lag unter riesigen, schwarzen Einschlägen. Wir bogen seitlich über das Feld ab
und sahen in das irre Gewoge des Trommelfeuers mit Bangen hinein.
Bei Schap-Bailie war ein zerfetzter Soldatenfriedhof mit riesigen Trichtern, aus denen es stark nach Verwesung roch.
"Herrgott, totelt's da!" sagte der Sepp. "Hat keiner eine Prise Schmai, daß man's nimmer so riecht?" Ein allgemeines
Schnupfen ging durch die Reihen. Auf einmal ist Halt mitten in den zertrümmerten Resten von SchapBallie. Eine
zerzauste Baracke ohne Dach lag seitab; darin versteckten wir uns vor den Fesselballonen, die schwach aus dem Dunst
über der rauchenden Front schimmerten. "Weil s' nur schon wieder eine Baracke gefunden haben", räsonierten die ganz
Grantigen unter uns. Diesmal war das aber ein Glück, denn überallhin streute der Engländer seine schweren Brocken,
daß oft der Boden zitterte und Sprengstücke über uns wegsurrten. Ich merkte nicht viel davon, weil ich, auf einem Brett
sitzend, eingeschlafen war und erst wieder erwachte, als es hieß: "Abrücken! Die Bereitschaft ist aufgehoben."
So ging es fast jeden Morgen und manchmal auch unter Tags. Plötzlich: Alarm! Wir laufen dann vor zu irgendeinem
Bereitstellungsplatz nach Schap-Bailie, in den Houthulster Wald oder nach Koekuit, verbeugen uns bereitwillig vor den
nahe über unsere Köpfe schnurrenden Granaten, werden von neben uns aus dem Boden fahrenden Sprengwolken
gehetzt und werfen uns, am Ziele angelangt, in Trichter und Wassergräben und warten - warten - bis es wieder einmal
heißt: "Abrücken, die Bereitschaft ist zu Ende!" Tag für Tag ist das so. Tag für Tag schwillt in den letzten Stunden vor
Tagesgrauen das Trommelfeuer zu einem Taifun auf, der über das Trichterfeld hin und her brandet in verschlingenden
Wirbeln und die Wogen seines Feuers weit in das Hinterland noch wirft bis über Staden und Zarren hinaus. Dann
steigen vorne aus Rauch und Qualm die roten oder grünen Leuchtkugeln ' hilfeheischend immer und immer wieder, der
Armen, die da vorne in der Vernichtung liegen. Der Engländer stößt mit starken Patrouillen vor, um zu prüfen, wieweit
das Feuer schon gewirkt hat. Dann bellen die MG.s und verraten noch Leben in der zu Asche gebrannten Feuerwüste,
im Houthulster Wald und am Bahndamm stürzen die Kanoniere an die Geschütze und geben Sperrfeuer auf den
Steenbach und Kortebach, daß die Rohre glühend heiß werden und sie es gar nicht merken, wie eine Lage heranfährt
und alles in einem Wirbel umwirft und zuschüttet. Und dann schlägt der Engländer wieder einen endlosen, heißen Tag
lang auf den Trichtern herum mit seinen schweren Kalibern und schießt die Batterien mit Vierundzwan, zigerlagen in
Grund und Boden, wirft die Munitionskolon. nen durcheinander und verjagt die Reserven aus ihren Unterkünften. Und
darin probiert er es am anderen Tage wieder, ob die deutsche Stellung reif sei zum Sturm. Wenn er nur endlich einmal
anpacken würde! - So oft blinder Alarm. Wieder war es nichts. Unsere Gewehre werden zu sinnlosen Dingern in
unseren nervösen Händen. Ob er wohl überhaupt noch einmal angreift? Wir glauben es schon nicht mehr.
*
In unserem Schweinestall in Stadenreke werde ich krank. Wir haben tags zuvor eine "Marmelade" benannte, bittere
Schmiere gefaßt, ein Erzeugnis, von dem wohl irgendein Kriegsgewinnler daheim im Nu steinreich wurde, die Genießer
seines Produktes aber schwer krank. Es gab schon eine ansehnliche Zahl darin- und magenkranker Leute im Regiment,
ich war nicht der erste. Dazu war das Brot so klebrig, wie wenn es nicht richtig durchgebacken wäre; das kam aber von
der Verwendung neuer Kartoffeln und des frischen Mehles aus der halbreif gedroschenen Ernte. Es mußte dieses Jahr
höllisch knapp hergegangen sein mit den Verpflegungsvorräten. Unsere anderen Regimenter der Division, die nicht so
weit vorgeschoben waren wie wir, holten in ständiger Alarmbereitschaft die Ernte von den verlassenen Feldern ein und
gingen mit Gewehr und Sichel zu Mahd. Nichts durfte verlorengehen.
Einmal ist wieder bei Tagesanbruch Alarm. Die anderen rumpeln hinaus zum Antreten, ich liege steif und wach im
Stroh und kann mich nicht rühren. Der Max und der Kare kommen, um züi sehen, wo ich bleibe. "Kerl, ja schaust du
aus, was hast denn eigentlich?" Aber ich kann nicht einmal reden. Die Zunge ist schwer wie ein Bleiklotz. Hilflos
schaue ich die beiden an, die mich aufrichten und hinausschleppen zum Feldwebel, "Ja, sind Sie der Tod selber?" meint
dieser, "schnell zum Arzt damit!" Die Krankenträger tragen mich ins Revier, das in einer Stube nebenan sich befindet.
Unser Stabsarzt ist auch schon marschbereit. Sie messen mein Fieber. 39,5 Grad. "Hin! Was fehlt Ihnen denn?" fragt
der Arzt. Ich zucke mit den Schultern und lalle etwas daher. "Opiumtropfen!" verordnet er, "dann geht's gleich wieder."
"Sollen wir ihn im Re'vier lassen?" fragt einer der Krankenträger. "Jetzt gibt es kein Revier, jetzt geht es nach vorne; da
vorne wird jeder schnell gesund. Der soll nur mit und soll sich nicht so verstellen mit dem bissel Fieber." "Er kann ja
nicht einmal gehen, Herr Stabsarzt." "Dann soll er liegenbleiben, wenn er so viel Bollen hat." Diesem
Leichenfabrikanten wäre ich an die Gurgel gefahren, wenn ich noch gekonnt hätte. So brüllte ich ihm bloß einen
tierischen Schrei ins Gesicht. "Da seht ihr's ja, wie der simuliert, Opiumtropfen und weiter damit!"
Noch nie hatte ich mit diesem Vieharzt zu tun gehabt, einem Sohn des "auserwählten Volkes". Aber merken werde ich
ihn mit- mein Leben lang. Das waren diese k.v.-Maschinen, die mit Recht so erbittert gehaßt wurden. Die Energie
wurde in mir von Scham und Stolz aufgepeitscht. Jetzt Zähne zusammen und mit nach vorne gegangen! Ausgerechnet
mich hieß der einen Bollenbruder. Zwei Mann hielten mich untergehängt, und so trat ich ins Glied der noch wartenden
Kompanie; die anderen hingen mir die Ausrüstung um. Die Opiumtropfen hatten mich direkt berauscht. In mir kochte
es wild und gäh, Dem Juden das heimzahlen, war mein ganzer Gedanke. "Können Sie denn laufen?" fragte der wirklich
besorgte Feldwebel. "I-i ge-mmmit. Hab' k-keine B-b-bolln", schnatterte ich im Fieberfrost. Unser Sanitätssehnapser
erzählte wütend den Hergang.
So zocren sie mich mit beim Vorgehen. Doch bald versagten meine Beine. Immer weiter blieb ich mit dem Max und
dem Sepp zurück, die mich führten wie ein kleines Kind. "Wir reißen ab und finden dann die anderen nimmer; geh zu,
kehr um, du kannst ja gar nicht vor, so wie du beieinander bist", meinte der Sepp. "Geht ihr nur zu, ich finde schon die
Kompanie, ich gehe langsam nach", lallte ich mit meiner pelzigen Zunge. Sie ließen mich dann allein und rannten den
letzten im Dunst des Morgentaues verschwindenden Gestalten der Kompanie nach, Wie ein BesOffener tappte Ich
umeinander. Eine Straße kam quer über den Weg. Feuer glühte in meinem Schädel. Wo ich war und wohin ich ging,
war mir nicht mehr bewußt. Nu, der Gedanke an die Schande, zurückzubleiben, ein Drückeberger geheißen zu werden,
peitschte mich immer wieder auf, wenn ich auf die Hände zusammenbrach.
Endlich hatte ich im Delirium die bekannte Straße nach Schap-Bailie gefunden und irrte im Zickzack darauf umher, wie
ein Besoffener immer bestrebt, in der Mitte zu bleiben, aber mit magnetischer Macht zogen mich die Straßengräben an.
Meinen Karabiner hatte ich längst irgendwo verloren. Da raste im Trab zu alle- Schrecken eine Kolonne heran. Ich
wollte ausweichen - da sind sie schon sie werden mich iliederreiten und überfahren, diese wilden, schnaubenden Rosse.
Hart rechts heran, daß sie Platz haben zum Vorbei... - und taumelnd stürzte ich kopfüber in das autspritzende Wasser
des Straßeng-abens. Das war schön kühl - ach - dann wußte ich nicht's mehr von diesen Bestien auf dieser vor Haß
tobenden Welt.
- - Wie ich die Augen aufschlug, war ich gerade dabei, einen wunderschönen Gartenweg zu überqueren. Eine rauschend
duftende Pracht glühendroter Rosen stand vor mir; schier ein ganzer Wald war das. Ein tiefblauer Himmel stand klar
und rein darüber, und ein goldenes Licht lag wie eine unendliche Güte über der Welt.
Das tat so wohl! Sirigende Stille und feierliche, reine Ruhe um mich her, wie heilig das war! Und diese Wunder an
Blüten und Knospen! Ich bückte mich danach und griff an die Stengel, nicht um sie zu brechen, nur um diese
unglaubliche Pracht mit meinen weißen Händen zu greifen. Doch ich riß mich an den Dornen, daß die Tropfen meines
Blutes wie funkelnde Rubinen zur Erde fielen. Ein seli ges Wunder erschreckte mein klopfendes Herz. Aus jedem
Tropfen, wo ich ging, wuchs ein neuer Rosenstrauch empor init blutigroten Rosen, wie ich sie noch nirgends sah. Um
so viel Schönheit könnte man sich gern verbluten. Daß es solch ein Wunder gibt? Nein, es ist gar keines; alles ist so
selbstverständlich, nur habe ich das bisher nicht recht gewußt. Wie dumm man doch sein kann!
Voller Freude ging ich dahin. Von ferne ragte, wie eine Insel, ein Bau unter mächtigen Bäumen heraus. Die feierlieb,
Ruhe zog mich dorthin. Mit wonnetrunkenen Augen maß ich das schlichte, königliche Bauwerk, indem ich beflügelten
Schrittes breite Stufen hinanstieg. War das ein köstliches Gestein, das lebte fürwahr und sah aus wie die reinste,
frischeste Haut, von feinem blutgefülltem Geäder durchzeichnet. Und war doch nicht mit der Hand geformt, nein,
gewachsen schien es, gerade aus dem Boden heraus. Blaue Schatten, blau wie der Himmel, lagen in den Rundungen der
Säulen. Kein Zierat, kein Gesims oder Profil war daran und war doch schöner, als ich je etwas sah. So möchte ich bauen
können, dann wäre ich ein gottbegnadeter Meister.
So trat ich voll Jubel und Glück in einen sonnigen Hof. Aus den Fu,en der Steinplatten im Boden -,vüehern Blunien von
nirgends geschauter Art wie leuchtende Augen. Ein Brunnen ist inmitten. Freilich, da muß ein Brunnen sein, das weiß
ich noch. Einmal bin ich ja schon dagewesen -- fällt mir jetzt ein - vor langer, langer Zeit, wie ich noch ein Kind war viel früher eigentlich schon - nein, erst gestern. Der Brunnen hat ein klares, silbernes Wasser, durchsichtig bis tief
hinab. Wenn man sich über den Rand bückt, dann sieht man den schönsten, klarsten Spiegel, den es gibt, und dirin sein
Bild, Und da ist man immer schön und gut, wie alles umher. Aber das Wasser hat keinen Grund. Unendlich weit geht es
da hinab, daß man alles umher vergessen könnte, wenn man sein Schauen hinabsenkt in die Tiefe, immer tiefer und
weiter, es findet kein Ende. Vergessen! Oder ist es der Himmel, in den man hinabschaut? Auf und ab, oben und unten?
Es ist hier gleich - ob man hinab schaut oder hinauf.
Und im Aufschauen erschrecke ich vor Freude bis ins Herz. Vor inir steht im weißen Gewand und blauen Mantel die
Frau. Sie schaut mir ruhig und gütig bis in das Herz hinein mit Augen, so blau wie der Himmel und so unendlich tief
wie der Brunnen. Das Haar liegt ihr wie Licht auf dem Scheitel und wallt über die Schultern. Wir setzen uns an den
Rand des Brunnens, und eine welche, kühle Hand legt sich segnend auf mein Haar. Unsere Herzen reden und halten
Zwiesprache, indes der Mund schweigend lächelt.
"Da bist du ja!" sagt ihr Herz zu meinem Herzen, und mein Herz antwortet: "Ach, endlich habe ich dich gefunden, so
lange habe ich mich nach dir gesehnt." "Es ist gar nicht lange, erst gestern bist du noch bei mir gewesen." "Ich weiß
nimmer, wo ich war. Warum hast du mich gehen lassen?" "Du bist ja nicht geblieben." "Ich möchte immer bei dir
bleiben. Hier ist gut sein." Sie lächelte, und wir schwiegen und ruhten einander in den Augen.
Da nahm sie mich bei der Hand, und ihr Herz sagte: "Komm!" Wir wandelten im Hof rund um den Brunnen, und ihr
Herz fragte: "Kennst du mich noch?" "Freilich kenne ich dich, du bist die Güte!" "Ach nein, kennst du mich denn nicht
mehr?" fragte es traurig. "Ich kann es nicht recht sagen, hilf mir doch! Die Wahrheit bist du oder die Schönheit - die
Ruhe und das Licht. Für mich bist du alles, denn du machst mich glücklich! Ach, jetzt weiß ich es, du bist das Glück!"
"Nein, nein, du kennst mich nicht", sagte es wehe zu meinem Herzen, und das wurde betrübt. Ich hätte weinen mögen,
als ich in diese klaren, fragenden Augen sah. Ich habe es doch gewußt, als ich herkam, und da muß ich es vergessen
haben, als ich in den tiefen Brunnen schaute.
"Weißt da es noch immer nicht?" fragte weh ihr Herz, aber das meine schwieg und weinte. "Komm mit mir!" sagte nun
der Mund der Frau, und ich fragte: "Wohin willst du mich führen?" "Zu deinen Rosen!" "Zu meinen Rosen?" "Ja, die
will ich dir zeigen, daß du dich wieder freuen sollst." Da nahm mich die Frau bei der Hand und führte mich schwebend
über den Wald der Rosen weg, die wie ein rotes Meer zu unseren Füßen standen, so weit ich schauen konnte. Und ein
berauschender Duft wob um uns. - Aber mein Herz war bang.
An einem Wege standen Rosen, die leuchteten und glühten wie - wie doch gleich? Ach ja, wie Blut. "Wem gehören
diese Rosen alle, die so rot sind wie Blut?" fragte ich. Da legte die Frau ihre kühle Hand auf mein Haar und sagte: "Dir!
Du hast sie ja gesät." "Das weiß ich aber nicht mehr- wie können sie denn so wachsen?" "Es sind die Rosen, die aus
dem Blute erstehen, das in Liebe vergossen wird!" Und die Frau strich über meine Rosen mit kosenden Fingern, und
]ich sah, wie sie sich zitternd beugten und erschauerten vor der Berührung. "Gibst du mir eine?" fragte sie, und ich
antwortete: "Nimm sie alle!" Da beugte sich die Frau und brach eine Rose, und mein Herz zuckte dabei. Und aus dem
Finger, der die Rose brach, fiel ein leuchtender Tropfen Blut zur Erde, und daraus entsproß im Nu ein Strauch. Eine
durchsichtige, weiße Rose entfaltete ihre wundersame Knospe wie ein Auge, das sich öffnet. Staunend sagte ich: "Ach,
jetzt weiß ich, wer du bist! Die Reinheit bist du." Sie aber schüttelte lächelnd ihr Haar und sagte. "Die weiße Rose, die
schenk' ich dir, daß du mich nie vergessen sollst", und sie neigte ,ich und hüßte mich auf die Stirne, daß ich selig
erschauerte.
Dann war sie verschwunden, und ihr blauer Mantel zerfloß im blauen Himmel, wie ich wieder aufsah. Da schrie mein
Herz auf vor Schmerz: "Jetzt kenne ich dich; du! - du bist die Mutter, du bist der Sinn des Lebens!" Und ich weinte,
weil es zu spät war, hob müde mein Haupt und irrte hinaus aus dem Garten.
Und das goldene Licht erstarb. Der Himmel wurde grau und der Weg steinig. Da sprangen mich böse Gestalten an; die
heulten wie Granaten in Flandern und schlugen mit feuerblitzenden Kolben nach mir, bis ich am Boden lag. Da knieten
sie dann, höhnisch grinsend, auf meiner Brust, daß ich kaum atmen konnte. Einer zwängte ein blitzendes .Messer in
meine zusammengebissenen Zähne, und ein anderer goß mir grinsend brennendes Feuer in meinen Schlund und schrie
dabei: "Nur schlucken! fest, das ist gesund! Gleich noch einen Kübel voll, das hilft wie der Teufel!"
Mit einem Ruck fuhr Ich hoch und stieß meine Peiniger weg - und schaute staunend um mich. Ich lag auf dem
Steinboden in meines Feldwebels Quartier, splitternackt ausgezogen. Ein Knäuel nasser Kleider lag daneben, und eben
hielt der Feldwebel einen Trinkbecher heißen, scharfen Getränkes unter meine Nase. "Hei lewet ja noch! Da, saufen
Sie, das weckt die Lebensgeister!" Er goß mir den Trank hinab. Pfui Teufel, brannte das! "Was ist denn das?" Der Ferdl
stand daneben und sagte begütigend: "Trink nur, das ist schon gut. Essig und Obstbranntwein, gut heißgemacht. Wir
haben jetzt keinen Champagner für dein feines Maul." Essig und Spiritus - brrr! Schimpfend über die mir angetane
Roßkur, drehte ich mich brummend um, der Ferdl streifte mir ein frisches Heind über den Kopf, wickelte mich in
Decken, und dann begann ich den Rausch auszuschlafen, den mir der halbe Liter dieses Gebräues in den Kopf trieb.
Es mußte Abend sein, wie ich wieder erwachte. Da trugen mich gerade meine Kameraden vom Stoftrupp zum Haus
hinaus. "Wohin mit mir?" fragte ich. "Ah, kannst schon wieder schnabeln! Ins Revier kommst." "Zum Juden?
Ausoeschlossen! Ich bin ja schon fast wieder gesund." "Also, dann bleibst halt bei uns." Der Max pflegte inich wie eine
Mutter, so rührend war seine Sorge. Weiß Gott, wo er die Leckerbissen, die er mir in den Mund stopfte, ergattert haben
mag. "Wennst nur wieder g'sund wirst", sagte er, jeden Dank ablehnend, "daß d' bei uns bleiben kannst." Noch stellte
unser Sanitätsschnapser 39 Grad Fieber fest und riet mir, ohne weiteres ns Lazarett zu gehen. Aber ich mochte nicht,
und meine Kinieraden mochten es auch nicht.
Und zusehends genas ich wieder. Schon am zweiten Tag saß ich draußen in einer Laube neben unserem Haus, ließ mich
von der Sonne wohlig bestrahlen und honnte mich schon wieder ordentlich über die Schnakenplage ärgern, während
mir der Ferdl erzählte, wie er mich mit einigen Fahrern der Kolonne, die abgesprungen waren, gerade noch am
Rockzipfel erwischte und patschnaß aus dein Straßengraben zog, ehe ich regelrecht ersoffen wäre. Der Feldwebel hatte
sich beim Abrücken der Kompanie gleich gedacht, daß bald liegenbleiben würde, und volsoralich den Ferdl wie einen
Schutzengel nachgeschickt. Gegen solche Kameraden tauscht man nicht gern ein Lazarett ein.
Am 15. August trat ich schon wieder mit an, als der gewohnte morgendliche Alarm kam. Er wurde jedoch wieder
abgesagt, und so sonnte ich mich weiter in der wohligen Wärme, die die anderen eine Sauhitze nannten und sich in die
Schaiten der Bäurne verkrechen zum Tarocken.
Kaum hatten wir uns abends ausgestreckt, da rief der Ferdl herein: "Morgen früh um 6 Uhr ist die Kompanie
marschbereit! Wir kommen zurück nach St. Joseph. Quartiermacher sind schon weg." "So Ist's recht - endlich aus dem
Feuerbereich heraus, daß man einmal wieder sorglos schlafen kann."
Draußen fuhren die Kolonnen frontwärts zu den Batterien. Eine ununterbrochene Schlange wälzte sich knarrend und
rasselnd an unserem Quartier vorbei . Dicke, schwere Mörser klapperten mit breiten Radgurte, einher, daß man kein
Wort mehr verstand und die Mauern zitterten. "Schau, da bringen sie wieder ein ganz Schweres mit Holzpantoffeln",
hieß es dann. Weil wir doch nicht schlafen konnten, krochen wir zur Schweinepforte wieder hinaus.
*
Die Erde bebt, und über den staubige, Feldern zittert in schwingenden Stößen die Luft. Der Ilimmel brennt im
sinnverwirrenden Geflacher unzähliger Stichflammen. im tausendfachen Geheul der Flugbahnen erstickt das Platzen
der Abschüsse. Und das alles wieder ertriiilt im klirrenden Gellen und rauschenden Tosen der Detonationen.
Es ist noch keine Nacht so gewesen wie diese. Die Nacht vom 15. zum 16. August 1917, in der die Schwaden des
Pulvers zusammenfließen zu einem wogenden Meer von Gas und Rauch. Dieses Meer verschlingt den feuersprühenden
Houthulster Wald, ertränkt die Batterien im freien Feld und schlägt über den doppelreihigen Kolonnen auf den Straßen
zusammen. Und unter dieser Decke grollt und murrt es weiter, etwas gedämpfter, unheimlicher, weil man nichts mehr
sieht um sich her. Weil doch nur alles noch ein einzi(ses brüllendes, kreischendes, zähneknirschendes heiseres Würoen
ist in dieser fahlen Flandernnacht, in der das Innerste der Erde erzittert, als käme das Jüngste Gericht.
Und dazwischen fährt ein scharfes, johlendes Sausen in die Nähe, und für kurze Sekunden überbrüllen dann schwerste
Einschläge den tosenden Wirbel des Trommelfeuers. Tiiischschutt - trennt, - ng! Ffftt - tangng! Die Straßenkreuzung
liegt unter Dauerfeuer; auch die verstreut liegenden Höfe werden schwer beschossen.
Herrschaft - Saxen - - das ist aber ganz dicht über uns weg. Eine der mächtigen Pappeln an der Straße wird von einem
hellorünen Feuerblitz zerspreißelt und - da - da hat es die Kolonne erwischt. Blendend zischen und knallen brennende
Kartuschen, Karren brechen und stürzen, Pferde bäumen und hän(yen. Im Nu ist alles ein qualmender, wirrer Haufen.
Die hinten nachkommenden Kolonnen könneu nicht weiter, spannen ab und jagen mit der blanken Bespannung über das
Feld zurück. Vorne soll die Straße unbefahrbar geworden sein von vielen neuen Trichtern. Da - schon wieder. Die
Scheune neben der zerfetzten Pappel bricht krachend zusammen, und in unserem Hofe reißt eine riesige Wolke das
Steinpflaster hoch. Hastig fahren wir alle miteinander in das Eingangsloch unseres Stalles, - vier - fünf Köpfe wollen
zugleich hinein - und dann lachen wir über die Komik der Situation ein wenig ärgerlich, denn wir sind mit den Köpfen
zusammerigerumpelt, daß uns der Schädel brummt.
In dem niederen Gewölbe ist man wenigstens sicher vor den herumschwirrenden Splittern. Den Stall wird es nicht
gerade ausgerechnet treffen, hoffen wir als Optimisten. Schweigend schnallen wir um und richten uns zum Ausreißen
her. Kollern von Steinen und murrendes Rütteln im Boden meldet uns häufige Treffer in den Häusern nebenan, wo die
anderen Leute der Kompanie liegen. Das ist kein gewöhnliches Störungsfeuer mehr, das sind keine zufälligen Schüsse,
die bald wieder weiterwandern. Wir beschließen, uns lieber in das offene Feld hinauszulegen, statt zu warten, bis wir in
dem Steinhaufen zugeschüttet werden. Der Martl schaut hinaus und sagt: "Da laufen Leute nach hinten, ich will einmal
schauen", und ist schon draußen. Gleich kommt er wieder. "Das sind die Unseren; wir sollen machen, daß wir einzeln
hinauskommen und uns hinten beim Stadener Feldkreuz sammeln. Da nebenan muß es bös eino-ehaut haben, das Haus
ist fast ganz weg. Wie wir noch warten, daß die Einschläge hinter unserem Haus etwas aussetzen sollen, kracht und bricht über unserem
Gewölbe das Dach donnernd zusammen. Ein rüttelnder Stoß betitelt uns wie ein Erdbeben, und undurchdringlicher
Staub erlöselit den Kerzenstumpen im Eck. "'naus, 'naus!" Bis ich endlich aus dein Loch hinauskriechen kann, vergehen
bange Ewigkeitsminuten. Die zerschossenen Protzen an der Pappel brennen immer noch lichterloh und beleuchten
gespensterhaft die dampfende Gegend. Sprengwolken fahren, soweit ich schauen kann, aus dem Boden. Die vordein so
lebendige Straße ist leer und tot.
Rasch springe ich mit unserem Blitzschwaben und dem Max durch regnende Erde und stinkende Schwaden über den
frischzertrichterten Hof ins freie Feld. Da faßt uns aber eine Doppellage direkt am Platz und schmettert uns zur Erde.
Herroott noch einmal! Wie auf Kommando sind wir sofort wieder hoch und laufen, was Irausgeht. Aber schon haut es
erneut um uns ein. Der Blitzschwab schreit, Feuer fährt an seinem Bauch heraus, dann fällt er hin. Ohne ein Wort
zueinander zu sagen, springen wir beide gleichzeitig hin und heben ihn auf, Er läuft aber gleich selber rnit weiter. Sein
neuer Waffenrock glimmt vorne, und das Lederzeug hängt zerfetzt herab. Ein Splitter ist ihm direkt in die
Patronentasche gefahren und hat einige Rahmen Patronen zum Explodieren gebracht, die seinen Waffenrock
anzündeten. Aber sein Bauch ist darunter ganz unversehrt. "So ein Luder, ein verrecktes! Bissen hat's mich auch noch,
da - ich mein', ich blut' da - an der Brust." Wir stießen auf die anderen von unserem Stoßtrupp, die gerade einen der
Jungen in eine Zeltbahn legten. "Dem hat's die halbe Wade weggerissen, blut'n tuat er wia a Sau", sagte der SchmiedMartl auf meine Frage. Unserem Bfitzschwaben hatte ein Splitter den linken Brustmuskel aufge-"bissen".
Vorne über dem Houthulster Wald und über der Front lag das kompakte Feuer des Feindes mit unfaßbar erdrückender
Wucht. Ein heimliches Grauen faßte mich an, wie ich dein sich übersprudelnden und selberverschlingenden Feuerorkan
lauschte. Jede einzelne Wahrnehmung ertrank darinnen wie ein Funke in der Weißglut eines Hochofens. Da muß ja
alles zu- unde gehen - alles zerschlagen, zermalmt und zerrissen werden. Mit seiner unmeßbaren, nicht mehr
natürlichen Schwingung faßte dieser Feuerwahnsinn ins sausende Blut und brachte es zum Mitschwingen in seinem
kreischend rasenden Wirbel, daß man wie im Tauinel eines Rausches sinnlos und gedanlenlos dahinlief.
Und doch übertönte jetzt ein stoßweises Brummen aus der Luft meine Wahrnehmunc. Flieger! Suchend äugte ich nach
oben in den schon bleicher werdenden Hirriniel. Jetzt hatte ich sie. Wie graue Scheinen zogen in geringer Höhe die
Maschinen eines Bombengeschwaders nach hinten, kleine, glühende Punkte sprangen oben auf. Unsere Flakbatterien
schossen danach. Die bleichen Strahlenfinger unserer Scheinwerfer tasteten das dunkle Gewölk Suchend ab. Wie rasch
sie herumfuchtelten! Jetzt - da tauchte, wie ein silbriger Nachtfalter, ein Apparat in einem Strahlenbündel auf, stieß ab
und kurvte darin herum, der bleiche Finger ließ nicht aus im Hindeuten, "da ist er" - schon zierten glühende
Strahlenbündel der Schrapnelle das Bild. Immer tiefer sank der Falter, ließ blitzende Punkte nacheinander herabfallen,
die verschluckt wurden vom Dunkel der weichenden Nacht. Bomben! - In Staden krachte es mit höllischen Schlägen
kurz hintereinander. Dann stürzte das silbrige Ding steil ab ins Dunkel, abgeschossen? - oder war es nur ein Trick zum
Entkommen? Rrr -- rrr - rrrrr - rrrrr - rrrrr - surrten die schweren stoßenden Motoren. Der uanze Himmel muß
vollhängen von diesen schnurrenden Insekten.
Drüben am Ypernbogen war es genau so. Dort fuchtelten an die zwanzig Scheinwerfer durcheinander, und kleine
glühende Punkte zuckten scharenweise am Nachthimmel. Dort waren unsere Bomber in Tätigkeit.
Wir sind von dem Brüllen und wahnsinnigen Toben des Feuers ganz wirr beim Abrücken züm Sammelplatz, brüllen
und schreien durcheinander, und doch versteht keiner den anderen. Im ersten Tagesschein kommen wir an das schwer
beschossene Staden heran und verhalten, um den richtigen Weg zu suchen. Der ganze Zug ist beisammen, auch unser
Feldwebelleutnant ist bei uns. Vorne muß sich jetzt unsere Artillerie mit aller Kraft in das Wüten yeworfen haben,
soweit sie noch da ist. Ein einziges, schwingendes, endlosesTosen braust über Flandern hin. Das allmorgendliche
Sperrfeuer verinutlich, etwas stärker wie sonst. Mehr denken wir uns nicht dabei. Wir sind ja abgelöst. Wir trotten die
vor- Kolonnen und Bagagen stark belebte Straße dahin, und da ist ja schon neben einem einzelnen Gehöft das
Feldkreuz unter zwei Linden. Ein ärmliches, gußeisernes Ding, die Gestalt des Gehreuzigten mit Goldbronze angechen.
Hier wollen wir auf die Quartiermacher warten und auf den Rest der Kompanie.
Es ist schon 6 Uhr vorüber. Wo sie nur bleiben? Wir haben uns auf die Tornister gesetzt, und rauchen. "Das erste, ist
jetzt für mich, einmal wiccler richtig waschen, wenn wir ins Quartier kommen, und dann hoffe ich auch, daß allerhand
Postpachln dasein müssen. Und ein frischer Tabal, muß -wieder her; alles ist schon verdampft", sage ich. "Und ich will
bloß ein Nochgeschirr voll Kaffee und einen halben Barras dazu. Waschen kann ich mich morgen auch noch. Wir haben
uns so erst gestern das Gesicht wieder abgestaubt für die nächsten acht Tage", sagte der Kare. Und der Schmied-Martl
meinte: "Ich werd' einmal den Marketender lebendig machen, wenn er aicht schon g'storben ist vor Bollen, ob der nicht
ein Packl Kunsthonig hat oder eine Hartwurst, wenn auch ein paar Hufnägel drin sind." "Und wenn die Feldkuchel nicht
bald kommt, fress' ich meinen eisernen Bestand", meinte der Maxe, worauf mehrere geringschätzig sagten: "Den haben
wir schon lange gefressen, tu ihn nur gleich 'raus!"
Wie wir uns so grübig unterhalten, marschieren die Eller, die uns ablösen sollen, vorüber zur Front. Sie haben ihre
Tornister dabei, so daß wir an nichts Arges denken. Wo nur unsere übrige Konipanie bleibt? Da kommt auch ein
Haufen Offiziere zu Pferde heran, das ist doch unser Divisionsstab? Einer hält seinen Ileiter an und fragt, was wir da
machen. "Nichts, wir warten auf unsere Quartiern)acher." "Da könnt ihr lange warten. Jetzt wird zum Gegenstoß
angetreten, meinte Herren, der Engländer ist durchgebrochen. Auf! Wieder vor!"
Der ist gut! Was ist los? Der Engländer durch? Daher das wütende Trommeln die ganze Nacht. "Jetzt aber gleich deine
Fleischbüchse 'raus, Max!" So eine Viecherei, Kruzitürken! Na, also in Dreiteufelsnamen wieder vor. Im Gehen machen
wir noch geschwind Brotzeit. Wie wir nach Staden hineinkommen, stehen unsere Quartiermacher vor einem Haus. Die
Feldküche ist da- der Küchenschani gibt uns gleich Verpflegung für zwei Tage mit-, die übrige Kompanie ist schon von
Stadenreke aus vorgerückt in Bereitschaftsstellung. Wir binden schnell unser' Sturmgepäck zurecht und machen unsere
zwei Feldflaschen voll Kaffee, während der Feldwebel schnell noch ein paar Kisten Handgranaten holen läßt und uns
vom Stoßtrupp noch richtig vollpackt damit.
Dann gehen wir auf der geraden Straße nach Schap-Ballie. Da müssen sie heute nacht aber ordentlich hergefetzt haben.
Tote Pferde und über den Damm gestürzte zertrümmerte Alunitionswagen begegnen uns häufig. Die paar Häuser von
Stadenberg werden auch ganz gehörig befunkt. Wir machen uns seitwärts dran vorbei. Englische Flieger rasen ganz tief
über den Bäumen an der Straße daher. ie suchen, wo denn jetzt die Reserven zum Gegenstoß bleiben. Wir verstecken
uns schleunigst im Schatten der Hecken und Gebüsche.
Wie weit wird denn der Enoländer überhaupt durchgestoßen sein? Da kommen einige Verwundete daher, die fragen
wir, ob sie von vorne kämen. Ja, von ganz vorne. Was denn los sei vorne, der Engländer soll durch sein? Ja, das stimme
schon, er habe die ersten zwei Staffeln der Artillerie geschnappt, inzwischen wohl auch die dritte. Es sei ja nichts mehr
vorne. Die Infanterie ist ganz weg, die Tanks hätten die paar Mann, die das fürchterliche Feuer übrigließ,
zusammengeschossen. Bis an den Ilouthulster Wald wären sie schon herangekommen. Jetzt würden die Tommys aber
bald an die Bayern geraten, die ihnen beolegnet seien; dann wäre wenigstens das Argste aufgehalten.
Das Feuer hatte nachgelassen und lag jetzt hauptsächlich auf dem Hintergelände der Front. Schap-Ballie wurde schwer
beschossen. In langen Sätzen rannten wir ohne Halt hindurch. Wir hatten Glück dabei. Mein Stahlhelm hielt einige
wohlo, meinte Steinwürfe der Granaten schmerzlos ab. Aber den Bahnhof von Westroosebeke konnte man nicht ohne
Verluste passieren. Da hinein orgelten ununterbrochen ganz dicke Kaliber und spien ihre Splitter bis züi uns heran, daß
wir lieber nach rechts auf die Straße zur Ferrne im Houthulster Wald abbogen. Erschöpft, vom Bennen, hielteil wir bei
der Ferme an. Hier mußte ein großer Artilleriekommandeur seinen Stab aufgeschlagen haben. Meldegänger kamen und
gingen. Telephonisten legten frische Leitungen durch den zerfetzten Wald. Daß dieses Haus noch stand, schien uns ein
Wunder Im Garten davor blühten die Blumen und summten die Bienen. Unglaublich, aber wahr. Ununterbrochen
schickte der Engländer seine Granaten hinter das Haus, daß der Wald hallend dröhnte. Ein Meldereiter hielt in einem
niedrige" Stall sein zitterndes Pferd.
Ein kurzes Stück sausten wir die beschosseDe Straße entlang, die vorn Walde nach Koekuit führte, bis wir, quer durch
die Bäume stoßend, auf einem Brachfeld draußen eine liegende Schwarmlinie fanden von unserem Regiment. Wir
schwärmten gleich aus und verlängerten die Linie bis zum Drahtverhau vor dem Waldrand. Unser Feldwebelleutnant
ging weiter, um unsere Kompanie zu suchen, die vorne bei Koekuit schon im Gefecht liegen sollte. Bis um die
Mittagszeit warteten wir hier untätig ohne Befehl und ließen uns die Sonne auf den Rücken brennen. Geschäftig
schwirrten unsere Flieger oben, die unsere Bereitstellung beobachteten. Die englischen Fesselballone waren
merkwürdigerweise nur vereinzelt zu sehen, Vielleicht hatten die anderen schon den Vormarsch angetreten.
Hinten wurde es lebendig. Dort legte sich das elfte Regiment in dicken Haufen in die Trichter des Waldes. Englische
Flieger brausten von Langemarek her und entdeckten uns natürlich. Sie schnatterten mit den MG.s Morsezeichen für die
Artillerie drüben. Ob sie das wohl verstehen~ Ein ganz frecher Flieger gibt schon keine Ruhe, immer wieder kurvt er
eifrig über uns. Und jetzt haben sie ihn drüben endlich kapiert. Hoch heran orgelt und rauscht es, und genau in unserer
Schwarmlinie springen zugleich vier gewaltige, schwarze Detonationen hoch. Wir pressen uns an den grasigen Boden;
das haben wir ja erwartet, aber doch nicht gleich so genau. Ich bin mit dem Maxe hinter einen alleinstehenden Busch in
Deckung gekrochen, wie die Flieger kamen, und denke, uns sehen sie nicht und können uns also nichts tun. Wir fühlen
uns ganz sicher da und schauen nach links hinüber, wo die ersten Getroffenen neben den schwarzen Sprenglöchern
liegen und die anderen nach hinten springen, um in Trichtern Deckung zu nehmen. Wie wir noch schauen, macht es
Ffit-Wupp! Ein Stoß wirft uns hoch, Bauch qualmt zischend, und Erde stäubt, daß wir nichts mehr sehen. Ein zerfetzter
Dusch fällt mit seinem Wurzelstock voll Erde auf uns herab. Erst wie Wir erschrocken aufspringen und der Bauch
verwebt, sehe ich, daß das unser eigener Busch war, hinter dem wir gelegen sind.
Wir haben uns rasch wieder gefaßt, und der Max meint schon in seinem jugendlichen Leichtsinn: "Wenn das alleweil
nicht mehr tut - -." Aber ich schimpfe: "Du Depp, das war zum Glück ein Ausbläser, aber der dümmste Bauer hat schon
immer die größten Kartoffeln.""Wen meinst denn da? Ich bin ja gar kein Bauer", entgegnete er unschuldig, während wir
uns in den nahen Wald verziehen. Wo nur die anderen alle hin sind? Das so schnell unigeackerte Brachfeld ist mit
einem Male leer, wir haben gar nicht gemerkt, daß wir allein bleiben. Kurz entschlossen melden wir uns bei der hinter
uns im Walde liegenden vierten Kompanie der Eifer und beschließen, da mitzumachen, denn eg kann ja nimmer lange
dauern bis zum Angriff. Sonst heißt es gleich, wir hätten uns gedrückt. Das war überhaupt ein Pech heute und eine
Verwirrung.
Aber wir liegen noch um 3 Uhr im Straßengraben und ducken uns vor den im Wald ungemütlich einschlagenden
Granaten. Weiter hinten gibt es schon Verwundete. Da rattern auf der Straße Geschütze heran. Es sind unsere
Feldhasen, die Reserveachter. "Jetzt wird's gleich aufgeben", sage ich zum Max, wie ich das sehe. Im Trab rasselt
Geschütz um Geschütz vorüber, die Kanofilere auf den Protzen, die Fahrer zu Pferde, wie auf dem Übungsplatz. Es sind
lauter junge Kerle, und wir schauen einander fragend in die erregten Gesichter. "Das sind unsere Sturmbatterien, die
gehen mit uns vor", sagte der Leutnant von den Eifern. Na, gnade Gott, wenn die erst von den englischen
Fesselballorien gesehen werden! Da möchte ich nun doch nicht auf so einem Roß oder einer Protze sitzen.
Um Koekuit herum brandet nun mit einem Schlag etn heftiges Feuer auf. "Um 4 Uhr wird zum Gegenstoß angetreten,
fertigmachen!" sagen sie durch die liegenden Reihen.
Ja, wer kommt denn da auf einmal daher auf der Straße? Das ist ja unser Kompameführer mit seinem Burschen. Ich rufe
ihn an, er stutzt und wird ganz verklärt. "Endlich linde Ich ein paar. In der ganzen Gegend suche ich die Kompanie.
Überall im Umkreis bin ich gewesen. Wie weggezaubert ist unser Regiment." "Bleiben Sie mit uns bei den Elfern, wir
machen da mit," Da kommt ein Major von den Elfern, der schreit:"Antreten!" Die Elfer machen rechtsuni und geben in
Reihen vor und biegen rechts an Koekuit vorbei. Den Major fragt unser Leutnant, ob er nicht wisse, wo unser Regiment
angreift. "An der Bahnlinie nach Langemarck!" So weit links hätten wir allerdings das Regiment nicht "esucht. Da
waren wir ja mitten im Zentrum der Schlacht. "Auf, wir müssen laufen, daß wir sie finden; ich muß zum Regiment, ich
muß dabeisein. Die Schande sonst für mich", sagte heftig unser Leutnant, Es war schon gleich 4 Uhr.
In fiebernder Hast sprangen wir keuchend über das Feld auf die Trümmer der Ortschaft zu. Da - - es ging schon los. Ein
prasselndes Gewehrfeuer loderte um das rauchverhüllte Koektilt, und unsere Artillerie warf sich mit einem wilden
Feuer ins Getöse, daß von Pulverdarnpf und Staub die Sonne trüb wurde. Vor dein Ort trafen wir Ärzte von unserem
Regiment, die mit Sanitätern ein fliegendes Lazarett aufschlugen mitten im Feuer auf freiem Feld. Schon drängten
Scharen von Verwundeten herzu. "Wo ist unser Regiment?" "Das geht gerade über das Brigadehaus zum Angriff vor."
"Schnell, schnell, die erreichen wir schon noch, das ist nicht weit!"
Ringsum begann das Feld immer mehr zu dampfen, und voraus wogte und zuchte eine Mauer vGn schwarzem Rauch
und spritzendem Sand, das englische Sperrieuer. Am "Pelikan" liegt um einen seichten Trichter ein frischer Haufen
Toter; die sind von uns. Einem steckte ein Zünder im Gesicht, der den ganzen Kopf zu einer breilgen Masse geschlagen
hatte, weder Auge noch Mund war mehr zu sehen. Ich weiß nicht, warum ich in der Hast das so deutlich sah e4n
Mensch ohne Gesicht, das ist doch kein Mensch. Auf der Straße donnerten pfundige Granaten - nur durch! Rauch und
Gestank - Sand peitscht ins Gesicht. Verwundete laufen und hinken schon allenthalben über das Feld nach rückwärts.
Bei einem Seitenblick erhasche ich gerade noch das Bild, wie die Elfer in breiter Wucht aus dem Barackenoewirr bei
Koekuit vorbrechen und einige Geschütze von Pferden baumelnd durch die Trichter vorgezerrt werden. Und sehe, wie
alles von unzähligen Sprengwolken und weißen Schrapnellen im Nu gefaßt und zerschlagen wird. Dann schluckt der
Rauch alles ein.
Beim Brigadehaus liegt ein zerschossenes Personenauto in einem Trichter; das hat unserem General gehört. So was
sieht ihm gleich, der fährt oder reitet noch einmal zum Engländer hinüber. Im Eingang zum Betonblock steht einer, den
ich anschreie-"Wo sind die Bayern hin?" - "Zum Bahnhof!" winkt er die Straße entlang. Da sind sie auch durch, Tote
zeigen den Weg. Ein Verwundeter winkt. Weiter, weiter; dem können wir jetzt nicht helfen! Und so sausen wir unter
spritzenden Einschlägen durch, die sengend nahe an der Straße liegen. Splitter hauen in den Staub - nur zu, nur durch,
ach Gott - ich kann fast nimmer.
Da taucht auch schon der zerfetzte Bahnhof aus dem Rauch, "Poelkapelle" steht auf den zerrissenen Mauern. Seitab
liegt ein Betonbunher, daneben noch einer. Preußen sind darinnen. Ein Jägerleutnant schickt uns auf unsere Frage nach
dem Regiment der Bahnlinie nach. "Vor fünf Minuten sind die Bayern da vorgegangen." Man hört schon den
Kampflärm. Kugeln zischen vorüber. Jetzt müssen wir sie bald sehen. Wieder ein Betonbunker voll Preußen. "Sind die
Bayern hier vorbei?" "Ja, da geradeaus sind sie am Bahndamm." Man sieht und hört schon nichts vor Rauch und immer
neuen großen Sprengwolken. Das feindliche Sperrfeuer! Wer achtet da noch auf Schrapnelle, ein Kinderspiel neben den
schwarzen, donnernden Sprengungen der schweren Granaten! Wir glühen vor Anstrengung.
Hart links am Bahndamm springen wir vor. Schon mehrmals ist die Garbe eines englischen MG.s klatschend über uns
weggefegt. Und wir klettern in Rauch und Feuer und Gebrüll am zerwühlten Darnin entlang wie in einen glühenden
Rachen hinein. Aber wir haben kein Auge dafür.
Da kommt endlich wieder ein Betonbunker in Sicht. Auf dem liegen ein paar MG.s. Ein Haufen Preußen klebt an dem
Eingang wie ein Bienenschwarm, Verwundete dabei, sie suchen da Deckung. "Wo sind wir denn?" "Lager Ahrens ist
das." "Habt ihr die Bayern gesehen?" - Achselzucken. Sie verstehen uns anscheinend nicht in dein Getöse des
Sperrfeuers und Geklatsche einschlagender MG.-Garben. Endlich begreift ein Leutnant, was wir suchen. "Da voraus
sind keine Bayern, sondern Tornmys; aber vorhin ist eine Schwarmlinie jenseits vom Bahndamm gesehen worden."
"Dann kriegen wir sie schon."
Ein zerschossenes Bahnwärterhaus steht neben uns am Damm. Ob sie da drinnen sitzen? Aber die Unseren müssen
schon weiter voraus sein. Ist das eine Hetze in diesein Trubel und Schnattern! Erst jetzt kenne ich, nach rückwärts
schauend, durch welches Feuer wir gelaufen sind. Doch - "weiter, weiter!" drängt der Leutnant. "Vorsicht jetzt, lassen
Sie mich voraus!" brülle ich ihm zu. Er hört aber nicht und läuft schon wieder weiter, steigt unter unglaublichen
Einschlägen auf den Damm hinauf; wir beide keuchen hinter seinem Burschen drein. Ich kriege von hinten einen Stoß
in den Rücken und schaue um, was das ist. Da springt der Max gerade - über und über voll Drech - aus einer
Rauchwolke auf. Dann schreit er mir ins Ohr: "Deinen ganzen Barras verlierst, dein Kochgeschirr hat's zerrissen." Mein
Gott, der denkt jetzt noch ans Essen, wo es mir heiß in den Kopf schießt, wenn ich an den Splitter denke und an mein
noch ganzes Rückgrat.
Ich schaue nach dem Leutnant aus, der gerade vorne am Damm einen Augenblick stehenbleibt und dann schnell
herabspringt, sein Bursche hinterdrein. Im selben Augenblick sehe ich Gestalten dort im Rauch durcheinanderspringen.
"Das sind ja Engländer!" brülle ich, zu Tode erschrocken und reiße meinen Karabiner herauf und schieße, ohne an
Deckung zu denken, im Stehen danach wie ein Wahnsinniger. Der Max knallt neben mir ebenfalls ber. Zwei habe ich
schon sicher getroffen, die sind nur so den Damm hinabgekugelt. Der Max hat auch einen erwischt, aber jetzt sind sie
weg. "Max, da sind s', die Hund'!" schreie ich wie erlöst. "Ja, da sind's-, schreit er zurück und wirft sich neben mir in
den Dreck. Wo nur das Regiment sein mag?
"Wir springen noch ein Stück vor zum Leutnant", brülle ich und schnelle mich auf. Aber da faßt verteufelt nahe mit
peitschendem Knallen ein englisches MG. nach uns, daß ich mich ohne Besinnen vom Damm herab in einen Trichter
fallen lasse; der Maxe fällt in seiner ganzen Länge über mich und drückt inich in die schlammige Brühe, daß ich gleich
pappe vor Dreck, mein Karabiner natürlich auch. "Fehlt was?" "Mir nicht. Dir?" "A - na!" "Da, mache meinen
Karabiner wieder sauber, tu deinen derweil her! Der Leutnant muß ja pfeilgerade auf die Engländer draufgetreten sein,
so nahe sind die da." "Ja, den haben sie schon, wenn er nicht hin ist." - "Und seinen Wichser dazu. Da hat er dann
wenigstens in London gleich einen, der seine Stiefel putzt", brülle ich den Max grimmig lachend an. "Laß deinen
Schädel herunten, daß sie dir nicht eine 'naufbrennen!" Hageldicht peitschte das MG. über uns weg, daß der Dreck nur
so spritzte. Jetzt steht's genau, Max, da sind wir richtig eingegangen."
Endlich hörte das giftige Zischen und Knallen auf. Ich warf Ineine Handgranatensäcke ab, um besser werfen zu können.
Vorsichtig Ingte ich hinaus. Wir konnten kaum mehr um Straßenbreite von den Tommys entfernt sein. Ah, da vorne
gleich bewegten sieh einige englische Deckel, diese ekelhaften flachen Stahlhelme. Sie mußten dort oben am Damm in
einem Trichter sitzen. Jetzt hob sich drüben ein Gewehr zum Anschlag. Ich duekte mich schnell, Und jetzt rasselte das
englische MG. wie ein Wasserfall nach der anderen Seite des Dammes. Dort gingen wohl . die Unseren jetzt erneut zum
Angriff. Auf einmal taumelten zwei Eierhandgranaten zu uns herüber, fielen aber zu kurz und krepierten nicht einmal in
dem Sumpf in dein wir lagen. Sie wollen wohl mit uns anbinden? Da holte ich wägend zum Wurfe aus, zweimal rasch
hintereinander. Meine Handgranaten ficlen direkt zwischen die zerfetzten Schienen Und zerschlugen vor den
Stahlhelmen drüben, die schnell verschwanden. Das war zu kurz. Das MG. stockte, schnatterte aber gleich wieder
weiter. Wieder taumelten zwei Eierhandgranaten zu uns heran; sie gingen seitlich und zersprangen unschädlich in
Triehtern, Da faßte Ynich die Wut. Blitzschnell auf - zwei Handgranaten hinüber - und sofort wieder in Dechun(y.
Tssung - tssung! "Los, Max - nicht mehr auslassen!" Zu zweit sprangen wir auf und warfen - und warfen, daß der
Bahndamm in -weißen Dampf gehüllt wurde. "Drauf! Nicht mehr derfangen lassen, Max." "Drauf!" schrie er mit
heiserer Wut mich an, Ich hatte mir last den Arm verzerrt und hörte erst auf, wie der Max sagte: "Die letzte!" Die hoben
wir auf. Da droben rührte sich nichts mehr. Auch das MG. schwieg, wie sich der Dampf verzogen hatte. "Ich glaube,
denen ist das Schießen vergangen", sagt der Maxe voll Genugtuung.
"Ah, da schau 'nüber, wie sie da laufen!" Wirklich, da sprangen gut 200 m halblinks vor uns neue Engländer durch die
Trichterwüste heran. Wir knallten stehend danach, weil wir im Liegen kein Schußfeld gehabt hätten. Das waren einmal
feine Zielscheiben, von denen wir mit grimmiger Freude einige abschossen. Dann war das Feld wieder wie tot. Die
übrigen sind in Trichtern verschwunden.
Da, um uns herum, mußte früher einmal eine Stellung gewesen sein. Morsches, zerrissenes Holz und zerfetzte
Sandsäcke deuteten darauf hin. Gefallene lagen dazwischen, Engländer und Deutsche. Einige zerfetzte Büsche und
abgeschossene Baumstumpen seitab standen wohl früher einmal an einer Straße, Was weiter voraus lag, das,
weißdurchkleckste Gerümpel, mußte wohl Langemarck sein. Um uns her war ein stinkender Morast. Klatschend
schlugen die Granaten in die Wasserlachen - und ertranhen zumeist als Blindränger, Da mußte früher ein Bach in der
Nähe gewesen sein, dessen Bett von unzähligen Granaten zerwühlt war zu einer breilgen Sumpflache.
Ein seltsames Schauspiel fesselte uns dann. In unserer linken Flanke wiekelte sich ein gewaltiger Angriff ab. Da
sprangen weitmächtige Linien der Niachbardivision in Gruppenreihen durch die feuerspeiende Ebene, die unzählige
Sprengwolken ausstieß. Und wie weißes Schäfergewölk hing die Decke der Schrapnelle über den stürmenden Linien.
Aber immer weiter drangen sie dort drüben vorwärts - ohne Aufenthalt - und tauchten im wehenden Qualm des
Sperrfeuers unter. Da kamen sie wieder in einer Feuerlücke zum Vorschein, unentwegt weiterstürmend, ein erhebendes
Bild der Kraft.
Mit einem Male prasselte jenseits des Dammes ein wütendes Gewehr- und MG.-Feuer auf. Da mußten jetzt auch die
Unseren erneut zum Angriff schreiten. Wenn wir hinübersprängen? Doch in Gedankenschnelle fiel ein wirbelnder,
heißer Feuerstoß über unsere Gegend und drüchte uns fauchend in den Schlamm. Und wir beide sitzen da
mutterseelenallein mittendrin. Finsterer Rauch hüllte uns ein, bleiche Feuerbüschel zitterten, und der Trichter begann
sich mit uns schwankend im Kreise zu drehen. Wir wurden einfach im Dreck gewälzt und hin und her geschoben in
dem grauen Teig. Brüllend und reißend hieb es ein, warf spukhaft Schlammsäulen hoch und flatternde Brocken und
Trümmer. Der Trichter war schon längst nicht mehr da, wir fielen in neue Schlammulden und wurden auseinander nach
zweierlei Richtungen gebeutelt. Und nun merkte ich erst noch, daß das ja unsere Artillerie 'sein mußte, die eigenen
Kameraden. Freilich, der Bahndamm war ein lohnendes Ziel für die Batterien, seiner Beschießung galt sicher die
sorgendste Genauigkeit. Und wir sind anscheinend zu weit vorgeprellt.
Um uns wird es dunkel vor Qualm und berstender Erde. Ein Schwellenstoß am Bahndamm fängt zu brennen an und
nebelt uns vollends ein in stickende, dunkle Nacht. Ganz schwach kommt mir einmal der Gedanke zum Davonlaufen,
aber ich bringe jetzt die Kraft nicht dazu auf. Wir kriechen beide wieder zusammen, und ich ziehe meinen
halbverschütteten Karabiner wieder aus dem Dreck.
Schaurig rot glüht der Brand der Schwellen durch die bald schwächer, bald stärker verwehende Dunkelheit des
Rauches, und rote Blitze riesiger Einschläge zucken durch das Düster. Da rutscht vom Damm ein mächtiger Schub Erde
und Steine herab, eine zerspreißelte Schwelle darunter; das bietet wenigstens eine feste Unterlage und ist wieder eine
kleine Anregung für den vollständig leerlaufenden Gedankenapparat in dieser unheimlich brüllenden Einsamkeit der
Hölle, in der wir verschollen sind.
Einen Augenblick lang schauen wir uns in die schwarzen Gesichter, aus denen die Augen schreckhaft geistesabwesend
glänzen. Aber wir ertragen das nicht lange. Und dann preßt mich eine erstickende kreischende Wut von oben steinhart
in den Boden. "Hi - Hi -" versuche ich zu schreien - da windet sich ein erwachtes Untier mit gigantischer Kraft unter
mir, hebt mich federleicht hoch und schüttelt mich brüllend ab, daß ich mit Erde und Wasser irgendwohin falle und mit
dem letzten Funken der Lebenskraft mich gegen die dumpf auf mich herabklatschenden Erdschollen aufbäume, um
nicht lebendig begraben zu werden. Nebenan regt es sich, und mein Kamerad hebt sich aus der lockeren Erde wie ich.
Wir sagen kein Wort, es hat doch keinen Zweck. Und außerdem spüre ich die Genugtuung, daß das eine englische
Granate gewesen sein muß. Wie der Boden schwankt von den vielen Stößen, klick - klanck - klunck. Das sind die
Blindgänger. Was der Mensch alles aushalten kann, es ist schier nicht zu glauben. Nur die Hände zittern in heftigen
Rucken, und die Lungen fliegen, als wäre man zu Tode gehetzt.
Jetzt erhenne ich, daß der Engländer ein gigantisches Sperrfeuer über die Gegend geworfen hat. In jagenden Schauern
fliegt das vorüber, Feuerstoß um Feuerstoß, wie die heulenden Böen eines Orkans. Ganz tief verpuffen unzählige
Schrapnelle mit glühendem Zucken, und ein aufquellendes Feuer springt hier und da mitunter aus dem Boden und
versinkt langsam in sich. Brandgranaten! Ich kau ere mich ganz klein in die Mulde, in die es uns vorhin warf, und ziehe
den Stahlhelm tief herein. Nur nicht verbrennen müssen! Dann wühle ich mit meinen Händen Erde auf meine Beine,
daß das spritzende Brandöl meine Gliedmaßen nicht treffen kann. Immer neues Feuer spritzt am Bahndamm auf und
verglüht langsam. Wenn da eine Granate nur etwas weiter links geht!
*
Dieses bangende Warten lähmt fürchterlich und macht so teilnahmlos gegen das, was man ängstlich-decken und halten
möchte, das Leben. Und die Sinne ersterben schon kribbelnd kalt in dem lebendigen Körper. Das Blut stockt, und das
Herz pumpt stoßend schwer, so schrecklich sterbend langsam...
Da springt er ja umher in seinem fliegenden, schwarzen Mantel und schlägt mit einer glühenden Keule um sich, brüllt
heiser und lacht wiehernd, wie die Ei-de aufspringt. Und ist wütend, wenn der Schlag kein Feuer zündet, sondern blind
bleibt. Der Tod von Ypern tanzt wie besoffen am Bahndamm bei Langemarek herum, springt hinüber und kommt
wieder herüber und sucht iiiit seinem unbeweglichen beinernen Gesicht nach Opfern. Mit einem Satz springt er vor
mich hin, daß die Erde wankt. Ich schreie ihn an: "Was willst du von mir?" "Von dir? Nichts! Du fürchtest dich doch
nicht? Du bist ja sonst so gescheit!" höhnte er. "Dann hör einmal auf mit deinem Wahnsinn!" "Wahnsinn? Von mir? - - Gelt, wie du vorhin geschossen hast, da hast du mich schon brauchen können. Aber mit dir streite ich nicht lange,
Herrrr Ritter - haha - von der weißen Rose. Das ist dein Glück heute! Halte mich nicht auf!" Dann schwang er seinen
flatternden Mantel um und verschwand nach hinten.
Es wurde wieder hell, und das hallende, sausende Dröhnen entfernte sich. Wir hoben ungläubig unsere Köpfe von der
umgeackerten Erde und schauten blinzelnd in die untergehende Sonne. So lange hatte das gedauert, daß der Abend
darüber kam. Ich zocr meine Uhr mit einer Ladung Sand aus der Tasche; sie tichte noch, als ich sie ans Ohr hielt. Es
war schon 7 Uhr vorbei. Dann reckten wir uns tolpatschig wie Neugeborene auf und delinten wohlig unsere steif
gewordenen Knochen. Bis der Max sagte: "War das was! Ich weiß nicht, warum ich nicht schon längst hin bin; nicht
einmal verwundet. - Aber ganz derschlagen bin ich. Was tun wir jetzt?" - Ja, was tun? Erst suchte ich meinen
Karabiner, den fand ich vor unserem Trichter mit zersplittertem Schaft und ließ ihn liegen. Dem Max sein Karabiner
war voll Dreck und Schlamm, daß wir Mühe hatten, das Schloß herauszunehmen. Dann wuschen wir den Schieflprügel
in einer Wasserlache ab und gossen Wasser mit der hohlen Hand durch den Lauf, daß der Sand einigermaßen
herausgewaschen wurde. Der nächste Schuß gab sicherlich keine kleine Laufaufbauchung.
"Jetzt sehen wir einmal nach, ob vom Leutnant und seinem Burschen noch was da ist." Erst schauten wir in die tote
Wüstenel vor uns. Sie sah genau so aus wie vorher, nur war an der frischen, feuchten Erde zu sehen, daß ein neuer
Feuersturrn darüber weggetost sein muß. Am Bahndamm lag, wie ein Dachs eingerollt, ein toter Engländer neben
einem anderen Miakigelben Kleiderbündel, aus dem Fäuste und Beine starrten. Von unserem Leutnant sahen wir keine
Spur. Weit entfernt fielen Gewehrschüsse, und in die Trümmer von Lanoemarek schlug unsere Artillerle. Langsam und
gebückt stapften wir durch die Trichter schrittweise vor. Nichts rührte sich. Wir fanden nur tote Engländer, die von dem
Wüten der Artillerie halb zugedeckt waren. Vielleicht auch der Leutnant und sein Bursche.
Vorsichtig schob ich mich zu dein Engländernest hinan; dort hatte ich ein umgeworfenes MG. gesehen, das die Füße
seines kleinen Dreibocks eniporreckte. Ein großer Trichter lac, da oben am Damm, sechs tote Engländer darin. Der
zersplitterte Stiel einer unserer Handgranaten lao, an der Wand des Trichters. "5,5 Sekunden" las ich am erhalten
gebliebenen Brandstempel des Stieles. Ein wirrer Haufen verschossener Patronenhülsen und leerer Gurte war von dem
Einhieb einer Granate schon halb verschüttet. Aufgerissene Patronen]-ästen standen herum, englische Karabiner und
Gasmasken lagen durcheinander. Da mußten allerhand Leute vorher darinnen gewesen sein. Cornedbeefbüchsen und
Zwiebach in aufgerissenen Blechschachteln, Milchdosen und Stanniolpäckchen, in denen ein schwerduftender Tabak
war, lagen umher. Ich steckte von allem reichlieh ein; das waren die überzeugendsten Bewe'sstücke, daß wir beim
Engländer waren. Außerdem riß ich einem Toten die Schulterspange aus Messing ab; "Northaml)tonshire" stand darauf.
Dann steckte ich englische Patronenrahmen in meine Tasche und bewaffnete mich mit einem englischen Gewehr. Die
Handgranaten waren mir zu schwer, die ließ ich liegen. Gern hätte ich das englische MG. als BeuteStück
mitgenommen; das konnten wir aber nicht, weshalb ich es vom Damm hinabwarf, wo es in einem Trichter voll Wasser
versank. "Die haben's leicht, die kennen keinen Kohldampf", meinte der Max unterm Einpacken und bedauerte, nicht
alles mitnehmen zu können. Aber einen der fabelhaften Gummikragen, die keinen Tropfen durchlassen, müssen wir uns
noch aneignen. In Flandern regnet es gern.
Dann besann ich mich darauf, wo wir uns befanden. "Paß fein du nicht auf!" herrschte ich den Max an und sah zum
erstenmal über den Damm nach der anderen Seite. Eine Trichterwüste wie herüben und zerstreut dazwischen tote
Engländer, ganz frisch gefallen, und tote Deutsche, die schon länger hier liegen mußten. So angestrengt ich auch
schaute, ich sah keine Bewegung in den Trichtern. Die einbrechende Dämmerung lag schon schattenhaft düster über der
Gegend. Da peitschten Geschosse in den Dreck. bonnerwetter, das waren deutsche! Kaum 200 in entfernt hatte es
aufgeblitzt. Rasch duckte ich mich und kroch zur anderen Seite des Dammes wieder hinab.
Ein weiteres Suchen in diesem breiten, stinkenden Morast um uns her war zwecklos. Ach, jetzt wußte ich, wo wir
waren: am Kortebach vor Langemarek, da, wo gestern die vorderste Linie gewesen sein muß. Die Lachen in den
Trichtern färbten sich rot vom Schein der im Dunst und Staub der Flandernschlacht blutig-dunkel versinkenden Sonne.
Trichter voll Blut - das mag schon stimmen. Ein schwüler Hauch fächelte von drüben heran, der bestialisch nach
Verwesung stank, daß wir uns schüttelten vor Ekel und Grauen. Da beschlossen wir, zurückzugehen. Die Einsamkeit in
diesem Massengrab packte uns unheimlich furchtsam an, wie die Drohung einer nahen Gefahr. Drüben blitzte es
vielfach auf hinter den Trümmern von Langemarck, und laut schlugen die Abschüsse der englischen Kanonen zu uns
her. Donnerwetter, standen die weit vorne! Von links, aus der Flanke, fegte die Garbe eines englischen MG.s an den
Damm. Da wendeten wir uns und sprangen geduckt zurück.
Neben dem Bahnwärterhaus verschnauften wir in einem Trichter. Es war uns schon wieder leichter zu Gemüte. so daß
ich sogar endlich an meine Feldflasche dachte und mit dem Fingernagel den Schlamm am Stöpsel weglratzte. Wie ich
zum Trinhen ansetze, fahre ich zusammen; da springen gerade zwei Gestalten über den Damm, doch es sind Deutsche,
die ersten Freunde wieder. Wie sie uns sehen, springen sie zu uns heran. Es sind zwei Mann von unserem ersten
Bataillon. Sit sind auch allein und suchen Anschluß. Sie wissen nicht, wo das Regiment liegt, und vermuten, es müßte
noch ein Stück weiter hinten liegen. Allein können wir nicht hier vorne bleiben, also zurück. Da sprang wieder einer auf
uns zu, ein Leutnant vom anderen Regiment der Division, allein, ohne Leute. Sein Regiment mußte doch viel weiter
rechts ab sein; wie kam der Leutnant nur bis hier herüber?
Wie wir noch raten, haut neben uns eine Granate ein; der Leutnant schreit kurz: "Au, mich hat's!", hüpft auf einem Bein
und fällt kreideweiß um. Er hatte einen Splitter im Knie. Die zwei anderen sind schon davon. "Kameraden, laßt mich
nicht liegen!" fleht der Leutnant. "Na, na, das tun wir nicht. Max, pach. an; es hann so niinmer weit sein bis zum
Betonbunker, wo die Preußen waren." Der Leutnant hing seine Arme um unseren Hals, und so schleppten wir ihn
sitzend init. Endlich, nach mehrmaligem Absetzen, kamen wir an den Betonbunker. Dort verband ich das Knie des
Leutnants und schiente ihm das Bein mit meinem englischen Karabiner, den ich fast vergessen hätte, zuvor zu entladen.
Dann haelten wir am Kortebach mit dem Seitencyewehr ein verlassenes, zerzaustes Bäumchen als Stange ab und trugen
dann den Leutnant in einer dreckigen Zeltbahn zurück. Er lobte uns in einem Trumm, daß der Max sagte: "San S' nur
jetzt stad, es g'Iangt schon!"
Das war eine ermüdende Schlepperei mit der baumelnden Last an der Stanue in der Dunkelheit durch Trichter und
wüstes Gestrüpp. Am Bahnhof Poelkapelle lagen schwerste, rummsende Einschläge. Da konnten wir nicht durch, und
ich beschloß, gleich neben der geraden Bahnlinie entlangzulaufen. So kamen wir schneller nach SchapBallie, wo sie
heute am Nachmittag schon ein großes Zelt unserer Sanitätskompanie breitmächtig aufgestellt hatten, was uns wie eine
Frechheit erschien, die sicher nicht lange geduldet werden würde. Nach mancherlei Irrungen, oft verzweifelt nahe von
Granaten gehetzt, durch feuernde Batterien hindurch, die hinter zerfetzten Flecken standen, kamen wir gegen 11 Uhr
nachts an den Bahnhof Westroosebeke und liefen auf der Straße nach Schap-Bailie weiter, bis wir vor das Lazarett
kamen. Eine Reihe Sanitätsautos wartete gerade. Ein Arzt stand da und fragte: "Welche Verwundung?" "Knieschuß."
"Verbunden?" "Ja freilich." Er sah im Dunkeln schnell nach dem Verband und sagte, als er das Gewehr sah:
"Geschient? Seid ihr Krankenträger?" "Woher denn!" "Das habt ihr gut gemacht. " Dann sprudelte der Leutnant
glückselig seinen Dank, schüttelte uns die Hand, wurde auf eine Bahre gelegt und in das Auto geschoben. Die Tür
klappte zu, und der Wagen brummte davon. Wir schauten etwas betroffen dieser flinken Abfertigung zu und wendeten
wieder frontwärts.
Auf der Straße nach Koekuit herrschte heftiger Betrieb. Kolonnen fuhren hin und zurück. Eine Einundzwanzigerbatterie
klapperte mit zwei Geschützen auf Holzpantoffeln nach vorne. Trägertrupps schoben hastig vorbei, und lange Reihen
von Zeltbahnbündeln an Stangen mit wimmernden Verwundeten schwankten nach hinten. Einzeln und in Gruppen
kamen die leichter Verwundeten über das Feld und auf der Straße heran. An den zwei Feldlazaretten bei Schap-Bailie
mitten im schweren Feuer staute sich die Flut der Verwundeten.
*
Die Nacht ist kühl. Nebelstreifen ziehen über das Feld. Unsere Artillerie macht einen prachtvollen Gasüberfall nach
drüben. Die enulischen Geschütze unterhalten nur lässiges Feuer. Noch wissen wir nicht, Nvas im Gegenangriff erreicht
worden ist, aber die Schlacht steht. Der Durchbruch der Engländer ist bös mißlungen. Und das erfüllt uns mit einer
grimmigen Freude.
MG.-Wagen unseres Regiments rattern von hinten irn Trab heran mit frischer Munition. Sie wollen zum Brigadehaus;
dahin wollen wir auch und springen auf, um ihnen den Weg zu weisen. Im Nu sind wir am "Pelikan" und schwenken
zum Brigadehaus ab. Die dampfenden Pferde zerren die Wagen nur so über die Trichter in der Straße mit heftigen
Rucken, daß wir uns anklammern müssen, um nicht herabzufallen. Neben dem Betonblock des Brigadehauses ist in
Mauertrümmern ein enger, gewölbter Raum enthalten, in dein eine Menge Leute steckt, Ordonnanzen und
Fernsprecher. Dahinein schlichten wir die Kästen. MG.-Schützen warten schon darauf und schleppen gleich einen Teil
davon weg. Einer sagt auf unsere Frage nach der Kompanie, bei seinem Gewehr lägen nebenan Leute von uns, so daß
wir ohne Besinnen einige Kästen Munition nehmen und mit ihm losschieben.
Schon wie wir aus dem Steinhaufen hinaussteigen ins freie Feld, faßt uns plötzlich das Feuer der Artillerie. Wir meinen
noch anfangs, es sei eine vereinzelte Lage, und laufen, was wir können, durch die sandigen, tief aufgewühlten Trichter.
Aber vor uns legt sich ein feuerzuckender Riegel. Stiebende Erde schlägt uns im bitteren Pikrindunst ins Gesicht. Da
fährt es blendend nahe auf. Gedankenschnell liege ich am Boden, der Max plumpst auf mich drauf. Der vor mir
gewesene MG.-Schütze springt plötzlich wieder zurück und - da schleudert ihn der jähe Blitz eines Schrapnells zu
Boden. Ich krieche die paar Meter Entfernung zu ihm hin und finde ihn mit zerschinettertem Schädel unterm
zertrümmerten Stahlhelm schon tot. Da schüttelt mich das Grauen, daß ich entsetzt aufspringe und laufe, bis wir einen
frisch ausgeworfenen großen Trichter finden. Da setzen wir uns hinein und rasten. Ich hätte es mir ja gleich denken
können daß das mit dem MG.-Schützen kein gutes Ende nimmt, denn hinten beim Brigadehaus habe ich gemeint, daß
ihm ein bleiches Kreuz auf der Stirn schwamm.
Ich mußte schlafen, meine Nerven waren sicher überreizt. Seit zwei Tagen hatte ich kein Auge mehr zugebracht. "Jetzt
läßt du mich eine Stunde schlafen; dann kommst du dran; paß derweil auf, was los ist, und schau, ob du keinen laufen
siehst, der unser Bataillon weiß!" sage ich zum Max und rolle meinen Mantel auf zum Zudecken, denn mich schüttelte
der Frost. Es ist mir zumute, als würde ich wieder krank. Nur jetzt nicht krank werden, wo wir nicht bei der Kompanie
sind!
Die Stunde konnte noch nicht um sein, als mich der Max wieder wachrüttelte und sagte: "Du, Hans, horch einmal, da
jammert einer schon die ganze Zeit, daß man sich fürchten könnte; dem müssen wir doch helfen." Ich lauschte erregt.
Und nachdem hinten in Koekuit eine schwere Rollsalve verkracht war, hörte ich ganz deutlich: "Ohli - ohh - ohh!" Weit
wec konnte das nicht sein. Mir ist es eiskalt über den Rücken gefahren; sollte ich schon wieder solch ein Kreuz sehen
müssen? War das eine Qual! Wenn ich mir nur die Ohren zuhalten könnte! Doch bäumte sich das Schamgefühl in mir
auf, und ich sagte fest: "Bleibe da, Max, ich suche ihn; dem müssen wir freilich helfen." Dann ging ich dem Jammern
nach.
Gefallene Engländer lagen herum; ich blieb stehen und lauschte. Da war es nicht; da links voraus mußte es sein, ganz
nahe schon. Und dann fand ich ihn. Wie ich mich niederbückte und fragte: "Na, Kamerad, wo fühlt's?", klammerte er
sich an mich und bettelte: "Wasser - ohh - ohh!" Ich suchte erst, was ihm fehlte. Und dabei mußte ich dem da ins
Gesicht sehen, und - da stand das Kreuz darauf. Doch ich erschrak nicht mehr davor, da ich es gewiß wußte. Er war ein
Korporal von meinem Regiment. Ich gab ihm zu trinken und tappte dabei ungeschickt mit den Fingern an seiner Seite in
slilziges, geronnenes Blut. Ach Gott, dem hatte es die Brust aufgerissen; ein schwarzes, zerfetztes Loch war da. Mit
dem Tagesgrauen starb er gewiß. Das war so die Zeit zum Antreten für die Hinüberfahrt. Was sollte ich da noch helfen?
"Du - ich glaub' - ich muß sterben", keuchte er unter leisem, erstickendem Wimmern. Ich nickte mit dem Kopf; ich
konnte jetzt nicht lügen, so gerne ich es getan hätte. Vielleicht sah er es nicht einmal im Finstern. Er nestelte unruhig
mit den Fingern an seinem aufgerissenen Waffenrock, er suchte etwas. "Ich werde schon deiner Frau schreiben", sagte
ich ungeschickt, nur um etwas Tröstendes zu sagen und ohne zu wissen, ob er überhaupt eine Frau hatte. "Ja - da - sei
so gut - da!" Er zog stöhnend ein blutiges Papier heraus. Seiner Mundart nach mußte er ein Franke sein. Sicher hatte er
auch Kinder daheim; ich traute mir aber nicht, danach zu fragen, und würgte aus heiserer Kehle: "Freilich, Kamerad,
freilich!"
Er begann zu keuchen. Dann tastete er nach mir mit kalten, nassen Fingern, hob ein wenig den Kopf und stieß hervor:
"Sei ehrlich, Kamerad! Sag - ist's ein Schwindel?" - - "Wa... was sagst? - ein Schwindel? Na - na - na", stotterte ich,
denn das hatte mich -wie ein liammer ans Hirn getroffen. So hatte mich noch 1,einer gefragt., und so hatte mich noch
nie Grauen und Entsetzen geschüttett. Der möchte von mir wissen, wofür er sterben muß ... Ach, das möchten wir alle
gerne - in dieser Zeit.
Ich stützte ihrn den Kopf lioch und fühlte warm, wie plötzlich das Gewissen aus nur heraus zu sprechen begann: "Nein,
es ist kein Schwindel, Kamerad. Wir tun's für die Unsern daheim, für deine Frau, deine Kinder. Denn die drüben wollen
uns die Gurgel zudrücken. - Und daß unser Land nicht zerschossen werden kann, so wie Flandern -, daß es noch eine
Gerechtigkeit gibt auf der Welt, nicht lauter Schwindel und Betrug. Hörst du's?" Er nickte leicht, und ich fuhr fort:
"Schwindler gibt's genug, jawohl! Oben mehr wie unten. Wir zwei gehören nicht dazu, sonst wären wir nicht da vorne,
wo es einen treffen kann, daß man sterben muß. Aber laß uns erst einmal wieder heimkommen, dann wird aufgeräumt
mit dem Geschmeiß, da kannst du dich drauf -,-erlassen!" "Red nur zu!" flüsterte er. Schrapnelle blitzten rot über uns,
daß die Bleikugeln zur Erde klatschten. Der Max kam heran, er hatte sich hingeworfen. Ich winkte ihm mit der Hand ab
und sprach eindringlich leise weiter: "Weißt, der Krieg ist für uns Feldgraue schwer, aber er ist der Anfang von einer
neuen, besseren Zeit. Später einmal werden sie es ja sehen daheim, daß keiner umsonst oder für einen Schwindel
gefallen ist - wenn die neue Zeit kommt. Es gibt eine Gerechtigkeit, die alles heimzahlt. Und die komitit, verlaß dich
drauf! Da schneiden dann wir Soldaten sicher nicht schlecht ab, weil wir ehrlich waren und keine Schwindler. Wir nicht
- Kamerad!"
Dann wollte ich ihm noch einmal zu trinken geben, er schob aber unwillig meine Hand weg und begann zu
phantasieren. Von Poelkapelle her flog ein leichter heller Schein an den grauen Himmel.
Jetzt ging er zum großen Appell. Stumm hockte ich neben dem Sterbenden. Mir war, als drücke das ganze unsägliche
Leid der Welt auf meine ängstlich flackernde Seele. Er wollte aufrumpeln, sank aber stöhnend um. Heiser, mit
weitaufgerissenen Augen im zerfurchten Gesicht, über das ein grauer Schein des Tages flog, stieß er hervor."Nach
rechts -und links hinaus - schwärm... schwärmen - marsch - marsch - da - da - -! Zum Sturm - Gewehr - rrrr -!" Er
knirschte mit den Zähnen noch einmal, dann wich langsam die Spannung aus seinem Gesicht. Jetzt hat er sich doch
noch den Himmel erstürmt.
*
Hinter den zerfetzten Baumstrünken bei Poelkapelle wurde der Himmel von einem blutigen Hauch überflogen. Das
Feuer der Artillerie warf sich erneut mit rasendem Grimm über das zerrissene Land. Im Nebeldunst und Rauch dampfte
der Grund. Kugeln zischen. Was stieg da vorne in langer Kette über den zerhackten Damm? Man sah fast nichts vor
Qualm und Feuer. Der Tommy, der Engländer kommt! Ich habe den starren Toten im Schauen fast vergessen, aber jetzt
brauche ich seine Patronen und sein Gewehr. Vorne, kaum fünfzig Schritte voraus, schwebt ein roter Stern über dem
Gewoge -sekundenlang. MG.s hacken los, und der übermenschliche Wahnsinn der Vernichtung beginnt wieder einmal
zu rasen.
Ich habe mich hinter den Toten geworfen und das Gewehr auf seine zerschossene Brust gelegt. Jetzt kenne ich nur noch
Kinime - Korn - Tommy und schieße mit knirschendem Grimm in diese allmählich deutlicher werdenden Gestalten.
Wie schwarze Schattenbilder stehen sie vor der Morgenröte des 17. August. Da gibt es nur Fleckschüsse - Visier 400!
Die roten Sterne haben unsere Artillerie alarmiert. Das zischt und rauscht über mich hinweg und ertränkt allmählich die
rennenden Gestalten in seiner wogenden Flut. Das Hagelwetter der Kugeln und Splitter peitscht um meine Ohren, in
denen ein unirdisches Sausen und Klingen der Höllensymphonie Flanderns ist. Dumpf klatscht das englische Blei in
den Wall, den der tote Kamerad mir bietet. Immer noch suche ich Kimme - Korn -, ich finde nur selten noch ein Ziel.
Der Feind liegt in den Trichtern am Kortebach, unser Feuer läßt ihn nicht mehr heraus. Der Max knallt fest an meinem
linken Ohr vorbei. Auch drüben bei Poelkapelle sind sie aneinandergeraten; da kocht die Schlacht wie bei uns, weit
über den Rand des menschlichen Fassungsvermögens hinaus.
Die blutige Röte des jungen Tages ist rasch verblichen. Es hat ganz fein zu regnen begonnen. Von meinem
glühendheißen Gewehrlauf zischt feiner Dampf. Ab und zu finde ich schon noch ein Ziel, wenn da drüben eine der
feindlichen Gestalten aufspringt, um sich ein Stück vorzuwerfen, oder wenn welche versuchen, über den rauchenden
Damm zu entkommen. Nebenan, keine zwanzig Schritt entfernt, haben sie von hinten ein MG. vorgeworfen durch das
Sperrteuer hindurch, das hämmert in kniendem Anschlag hinüber, daß ich mir fast überflüssig vorkomme neben dieser
Feuerkraft. Flieger von uns brausen brummend tief heran zum Feind. Ich winke hinauf zu dem Beobachter, der uns in
dem Kampfgewoge sucht und sich herausbeugt. Er winkt zurück. Wir haben uns schnell verstanden. "Wir sind schon
noch da", heißt das.
Und das Feuer läßt nach. Schon kennt man das Heulen der schweren Geschosse, die nach hinten ziehen, aus dem Toben
heran,. Aha, jetzt kriegen die Batterien ihren Teil, weil sie so mörderisch geschossen haben. Der Dunst verzieht bald,
und die paffenden Schrapnelle, die schon über uns weggewandert waren, stellen sich wieder ein. Ein langsames
Gewehrfeuer flackert noch hinüber und herüber. Die MG.-Schützen rufen zu mir her: "He, welche Kompanie?"
"Versprengte von der zehnten!" schreie ich zurück. "Ist das erste Linie?" "Nein, die muß noch an die hundert Meter
voraus sein, schaut nur vor, da vorne sieht man einzelne aus den Trichtern schauen." "Dann müssen wir da vor!"
"Unsinn, es ist besser, ihr bleibt da, vorne sind schon MG.s. Man kann nicht wissen, ob der Tommy schon genug hat."
Dann kroch ich zurück, umpfiffen von englischen Nugeln, und setzte mich zum Max in den Trichter. Er richtete sich
gerade zum Brotzeltniachen her; ich hatle keinen Appetit und sah ihm gleichgültig züi, wie er eine köstliche englische
Marmelade auf die goldgelben Keks strich und hineinbiß. Dann suchte ich in meinem vor Dreck klebenden Rock nach
meiner Pfeife und probierte den starken englischen Tabak. Schon nach den ersten Zügen fielen mir die Augen zu.
Es mußte so gegen Mittag sein, alg ich von selber wach wurde. Der Max schlief auch und sägte Wurzelstöcke dabei,
daß es nur so Passelte. Ich muflte doch endlich was essen und schnitt eine der englischen Büchsen auf. Der Brief des
Toten fiel mir em; ich zog ihn heraus. Er war von Blut beschmiert und die Blätter zusammengeklebt, daß ich Mühe
hatte, die Schrift zu entziffern. Eine schwere Frauenhand hatte da ihre Sorge hingeschrieben:
"- - - gestern ist's kominen, daß Dein Bruder, der Kaspar, im Lazarett nach der Operation frestorben ist. Mir wird ganz
angst, wenn ich an seine drei Kinder derik', daß es mir auch so gehen könnte init den meinen. Sein Weib ist ganz hin, so
hat sie's troffen. Gelt, nimm Dich doch in acht, daß es Dich nicht derwischt. Der Krieg ist was Arges für die kleinen
Leute, grad zahlen und schuften und bluten. Es geht arg unrecht her. Der Bachmüllerin der ihre ist schon wieder in
Urlaub da, der ist bei einem Meßtrupp, dem passiert nichts, hat er selber g'sagt beim Wirt. Und der Gschwendner ist
immer noch bei der Genesungskompanie in Ingolstadt. Der hat zu Deinem alten Vater gesagt, er geht nimmer hinaus, so
dumm ist er nicht, daß sie ihn noch einmal erwischen zu einem Nachersatz. Er weiß schon, wie man das macht, und mit
seinem Feldwebel hann er's recht gut, der kommandiert ihn jedesmal ab. wenn eine Untersuchung kommt. Er sagt, da
machen es die großen Herren noch ganz anders, die werden nicht k.v., die sind alle unabkömmlich auf einem
Druckposten. Du sollst halt auch schauen, daß Du einen Druckposten kriegst. Der Niedermaier, der große starke Kerl,
ist vorige Woche bei der Nachinusterung am Bezirksamt wieder frei gebliel,en; er sagt, ihm fehlt es am Herzen, er
könnt's nicht derschnaufen und fät' gleich umfallen. Der Krieg ist ein Schwindel, sagt er, und wer am besten schwindelt,
der gewinnt ihn.
Unsere Stadtleut', wo zum 1 lanistern kommen, schimpfen schön bös, wie es drin zugeht. Hinten herum kannst alles
haben uin ein Sündengeld, sonst können die Stadtleut' verhungern. Das weißt ja selber, was da für ein Krampf geht. Am
letzten Sonntag hat der Pfarrer wieder viere aus der Gemeinde von der Kanzel beruntergelesen, die gefallen sind. Das
ist ein Kreuz, wenn das so weitergeht. Vorn Bindlerbauern der Bub und der Knecht, der Baderheiner und der
Maurerwastl. Mit Rußland soll's ans End' gehen, liest man in der Zeitung, das wär' wenigstens einmal eine Zuversicht.
Ich weiß nicht, mich tröstet das Beten auch nimmer.
Zur neuen Kriegsanleihe soll man zeichnen. Am letzten Sonntag nach der Kirch' hat einer von der Sparkasse eine Red'
g'halten, daß man jetzt zeichnen soll, damit's früher gar wird. Dein Vater bat sein Letztes in Kriegsanleihe
umgewechselt. Ich habe noch gewartet weil ich wissen will, was Du meinst. Weißt, wenn's halt doch ein Schwindel ist?
Ich glaub' schon bald selber dran. Der Gschwendner und der Niederniaier haben gesagt, sie zeichnen nichts, weil's doch
hin ist. Beim Wirt wär's bald zum Raufen kommen deswegen, wenn nicht der Bürgermeister dagewesen wäre.
Weißt, ich hab' so Angst um Dich, daß ich oft ganz schwach werde in der Arbeit. Du weißt, was man jetzt in der Ernte
Arbeit hat ohne Mannsbilder. Wir haben bis jetzt noch alles gut hereingebracht. Nur das Korn am Buchenacker steht,
noch, das kommt überinorgen dran. Ich hab' den Brief in der Nacht geschrieben, weil ich nicht einschlafen hab' können.
Seit drei Tagen schreib' ich, bis mir die Augen übergehen. Denk an inich und Deine Kinder, halt Dich zurück! Du mußt,
nicht immer vorne dran sein. Schreib bald heim! Behüt Dich Gott! - - -"
So also schaute es daheim schon aus. Und das stimmte wohl. Daheim blühte der Schwindel, während hier in Flandern
die Männer dieser Heimat init solchen Briefen in der Tasche fielen und wie der Tote da vor meinem Trichter draußen
zuletzt noch zweifelten an dem "Warum?". Und eine Frage reckt sich riesengroß auf: Hat es überhaupt noch einen Sinn,
hier stehenzubleiben, sich vor den Engländern hinzuwerfen und zu verbluten, wie der da vor mir draußen?
"lst's ein Schwindel?" Diese Frage schon reißt und sprengt an der Grundlage unseres Soldatenlebens. Daß so etwas
überhaupt möglich war bei uns? Dann war alles umsonst, dann hätte man so viel Blut sparen können. War denn keiner
da, der rücksichtslos daheim hineinbrannte in diese Pest und das stinkende Gewürm zerdrückte? Vielleicht wollen die
maßgebenden Stellen es nicht anders, man kann ja nicht wissen. Vielleicht war man da der Dumme, der noch seinen
Schädel hinhielt, wo schon längst ein anderes Ende, als wir wollten, vorbereitet wurde.
Da liegt man dreckig und verlaust, hungernd und dürstend in einem schmierigen Loch, ganz auf sich selbst gestellt und
auf die Treue seines Kameraden, duckt sich und erschrickt vor jedem giftig nahen Zischen und Bersten der Granaten,
immer auf der spannenden Lauer vor dem Engländer, während daheim ein unrechtes Buchstabensystem denen heimlich
recht gibt, die schlau genug sind, es zu überlisten. Ein tiefer Riß geht durch dieses Volk, von dem wir zum Sterben
ausgeschickt sind, daß es leben kann. Und dieses Leben des Volkes hat nichts Großes mehr an sich, nichts Edles,
Erhabenes, daß man erschauernd davor schweigen müßte, wenn dieses Große im Volke gebot: Kämpfe, daß ich euch
erhalten bleibe als Seele eures Daseins, und wenn es nicht anders geht, dann stirb für mich!
Das war alles so gewöhnlich, kleinlich und erbärmlich, was man von der Heimat hörte: Schieben, Drücken, Jammern
über die Schwere der Zeit, kein Funke mehr der tiefen Erkenntnis des Kriegsgescheheris. Der Krieg war denen daheim
ein Schwindelsystem, bei dem der das meiste galt, der sich am wenigsten erwischen ließ. Und die Fronten waren nur
noch eine tägliche Nebenbelästigung in der Zeitung. Da möchte man schon wünschen, daß einmal so ein Vierundzwanziger auf einem Stammtisch einhaut, damit sie doch
eine leise Ahnung kriegen, was Krieg eigentlich ist; daheim haben sie in der Sorglosigkeit hinter der feurigen Front den
Kontakt mit uns verloren. Wir standen in einer ungeheuren anderen Welt, die sie daheim nicht verstehen konnten. Wie
ein Hund nicht weiß,'daß der Mond, den er anhellt, keine Gaslaterne ist, sondern eine andere, geheimnisvolle
Weltkugel, wie unsere Erde.
Und aus dieser für uns Frontsoldaten eigenen Welt ungeheuren Erlebenseindruckes waren die Gesetze entstanden, die
unser Denken so ganz anders bestimmten. Mochte vielleicht letzten Endes dieses Würgen und Feuern einmal
umgewandelt werden in gewonnene oder verlorene Länder, in Handelsverträge und Kolonien, in Tribute und Steuern, in
Rechte der See- und Luftfahrt, eines wird ewig frei bleiben vor der Buchstabensucht der Herren am grünen Tisch, das
sich nicht verklausulieren läßt und be,raten oder in Zahlen messen. Das ist das Erleben unserer Seelen jenseits der
durchbrochenen Mauern dieses erbärmlichen Daseins und ist der Flug unseres Geistes in ungekannte Regionen der
Welten. Vor unseren harten Griffen fallen Kulissen, wanken und stürzen Wände, die vorsorglicher, tintiger
Wissenskram um uns aufgestellt hat wie Scheuklappen. Wir wissen, daß mehr als Geld und Titel und Würden der Geist
gilt, der aus unserem siedenden Blute raucht und sich niederschlägt als Gold des Erkennens der Ewigkeiten und der
Kräfte im Weltall in unseren gestählten Herzen. Einmal kann Großes daraus werden.
Und da treibt uns eine Lust am Kampf, wenn das Blut rot aufwallt vor unseren Augen. Da treibt es uns, voll ehrlichen
Grimms diejenigen zu töten, die uns vernichten wollen mit ihrer Übermacht, Granaten messen wollen an unserer
tollkühnen Lebensverachtung. Weil wir dieses Leben verachten können, drum bleibt es uns so billig. Es ist schon so,
dem Mutigen gehört die Welt, warum nicht uns, die wir verwegen genug sind, die Herrschaft über diese Erde
anzukündigen? Iniponderabilien hat einer das einmal cenannt. Wir Frontsoldaten kennen sie, diese unwägbaren Werte,
wir wenden sie bewußt an mit unseren unzulänglichen Kampfwerkzeugen, von denen noch das beste und großartigste,
zuverlässigste unser Körper ist. Und manchmal ist uns selbst, als seien wir körperlos, als sei das ein großartiger
Automat, der da schießt und wirft, auf unser Geheiß, und nachher nicht mehr recht weiß, was er getan hat...
Wohin hin ich denn da in Gedanken gekommen? - Ja so, der blutige Brief auf meinen Knien war daran schuld. - Das
Feuer schien wieder recht wild zu werden. Seit den Morgenstunden ist es "ruhig" gewesen, jetzt schoß der Engländer
wieder massig herüber. Ich muß doch einmal die Gegend genauer betrachten. Wir liegen so halbwegs zwischen Koekult
und dem Bahndamm. Nebenan beim MG. steht ein Posten ganz regungslos im Trichter. Gerade wirft einer eine leere
FleischUchse heraus. Gefallene liegen im Gelände von gestern noch, aufgerissene Tornister mit umhergestreutein Inhalt
daneben und Gewehre. Herrgott - ist das ein entsetzliches Gesicht der Landschaft, der übliche Schutthaufen moderner
Schlachtfelder. Trichter, Löcher, Tote und undefinierbares Gerümpel zerhackter Kisten, Hölzer und Geräte. Was ist
denn das da vorne für ein dreckiger Kasten? Ah, ein Tank, die eine Seite ist aufgerissen, uod vorne auf der geneigten
Stirnwand steht ein lateinisches A und ein Herz ist , daraufgemalt - ausgerechnet ein Herz.
Da, rechts ab, wo so unaufhörlich die Erde aufspringt, liegt anscheinend ein zertrümmerter Betonbunker hinter dem
zerhackten, entblätterten Gestrüpp einer Ilecke, die wie ein zerrupfter Besen aussieht. Anscheinend leer. Doch nicht! Da
springt einer heraus und nach hinten. Der Kerl spielt ja mit seinem Leben.
Schon hackt ein MG. nach ihm. Da ist er plötzlich weg, kommt aber schon wieder - schon wieder verschwunden. Ein
Meldeläufer vielleicht? Drüben haben sie ihn natürlich gesehen und schießen von allen Seiten nach ihm. Da springt er
auf einmal wieder. Er kommt näher heran. Ich winke ein paarmal, bis er mich sieht und auf uns zuhält. Jetzt kenne ich
ihn; es ist unser kleiner Freiwilliger, ein Bürschehen mit siebzehn Jahren, der beim Bataillon als Ordonnanz ist. Hoppla!
Da hat gerade neben ihm eine Granate ihre Sandfontaine aufgeworfen; er läuft weiter; vielleicht hat er gar nichts
gemerkt im Eifer. "Daher, daher, Fritz!" brülle ich. Er erkennt mich, springt heran und fällt zu uns herein, daß der Max
wach wird. "Wohin denn am hellen Tag?" "Zum Brigadehaus. Wir haben mit dein Fernglas gesehen, daß ganze Haufen
Engländer drüben herankommen - da gibt's heute noch was." "Du darfst deinen Kohlrabi in acht nehmen, schau nur, wie
sie dort hinfetzen, lauter (ranz schwere." "Mich trifft's nicht leicht-, ich bin so bloß ein Knirps. Übrigens muß ich dir
sagen, daß du chon lange verdächtig bist, im Lazarett oder auf Druchpunht zu sein, wie so viel andere. Eine Schande
ist's. Kaum dreißig Mann haben die Kompamen, und ein guter Teil treibt sich sicherlich hinten herum." Ich schenkte
ihm eine englische Fleischbüchse. "Wo hast die denn her?" "Drüben geholt; wenn du zurückkommst, erzähle ich es
dir." Dann sauste er ab nach hinten, und wieder zwitscherten die englischen Kugeln nach ihm. Aber der Frechdachs
kam durch, wie ich sah, und verschwand hinter dem weißen Steinhaufen von Koekuit.
Kaum eine Viertelstunde danach verdichteten sich die Einschläue der Granaten mit einem Satz. Über die Ge"end raste
der Feuersturm, daß wir uns in unserem Trichter so klein als möglich machten. Und wie gestern am Bahndamm begann
der Boden zu sebwanken, während über uns weg die Luft vom schneidenden Heulen und sprengenden Reißen der
Granaten brüllte. Sand wurde in Schauern auf uns geworfen, daß ich mein Gewehr in meinen Mantel wickelte, um es
vor dem Verschmutzen zu hüten. Die Trichter begannen im Rauch zu verschwinden. Der Einhieb eines Blindgängers
knapp vor dem Trichter warf mich hoch wie einen geprellten Frosch. Das verwirrte und lähnite die Sinne mit seinem
Krachen und Johlen.
Wir hauerten uns eng zusammen und warteten, daß es doch endlich wieder aufhören sollte. Unsere Nerven schienen
gerissen zu sein, so daß wir gegenseitig spürten, wie uns zitterndes Stoßen durchrann. Herrgott! - je - nur ein
Blindgänger! Ich habe ihn direkt auffallen sehen auf dem Bord des Trichters, den ich fortwährend anstarren muß von
unserem Platz aus - keine zwei Schritte weg. Der Luftdruck hat mir das Atmen weggenommen - oder war es das
Erschrecken vor dem drohenden Tod? Auf unsere Helme klatschen Sandschollen, und einmal rasselt hart die Garbe
eines Schrapnells. Dann räkelt sich plötzlich eine braune, zackige Einschlagwolke ganz heiß vor uns, daß es dunkel
wird und ein Fuhrwerk voll Erdschollen auf uns herabpoltert. Der Stoß der Granate hat uns vornübergedrückt, aber
hastio, pressen wir uns wieder an die vordere Trichterwand. Die nächste wird vielleicht mitten...
Aufhören, Schwindel, aufhören! Schnattert da nicht ein MG.? Gleich drei, vier miteinander müssen es sein. Der
Tommy? Nun hört man wieder nichts mehr. Ganze Ketten unschuldig weißer Schrapnellwolken treiben, vom Wind
seitwärts geblasen, über uns weg. Da hämmern wieder die MG.s. Und das klatschende Geschnatter über uns ist doch
eine englische MG.-Garbe? Jetzt greifen s' an, Max!"
Ah, jetzt sehe ich sie; noch sind es mindestens 600 ru, aber dort kommen zwei Linien gelbbrauner Kerle daher, hinter
dem Schleier der englischen Feuerwalze. Und dort, was ist das? Ich erschrecke - ein Tank wackelt weiter rechts über
die Trichter heran. Weiter hinten noch einer. "Max, da schau hinüber, Tanks!" Janks? Wo denn? Ja, was machen wir
denn da?" "Nichts - dableiben."
Neben uns hämmert das MG. los. Sie hatten es wieder in kniendem Anschlao, vor den Trichter geworfen. Bei dein
zerschossenen Betonbunker stob gerade ein Schwarm unserer Leute auseinander und warf sich in die Trichter neben
den Resten der Hecke. Rote Leuchtkugeln zogen blaß durch den Dampfschleier, die Feuerwalze der Engländer. Wie das
zuckte und wogte von Rauchballen und aufspringenden Erdfächern und mit seinem girrenden Kreischen und Gewittern
unsere Nerven zerrte. Jetzt - jetzt kam es zu uns mit einem Ansprung. Trumm - rrach - rrach - trurnmrr - pffurr rommsss. Undurchdringlicher Rauch beizte unsere Nasen, und unsere Augen gingen über im Reiz der Pulvergase. Die
Erde bebte und zitterte und stieß nach unseren hingekauerten Körpern, als wolle sie uns abwerfen. Wenn nur das bald
aufhören würde - aufhören würde - aufhö - - - - wupp! Was liegt
denn so schwer auf meinen Beinen in dieser plötzlichen schwarzen Nacht und preßt blendend sengendes Feuer in mein
Gesicht, daß ich - - Luft! Luft! - Da grinst er ja mit seinem beinernen Gesicht vor mir. Eigentlich habe ich das gar nicht anders erwartet. So
heimtückisch und jäh ist er, der Yperner Tod, nicht Zeit Ias3en zum Vorbereiten. "Muß es denn schon sein?" "Ach, du
bist es wieder? Von dir will ich nichts." Da flattert er davon, und sein finsterer Mantel hebt sich, daß es wieder lichter
wird und luftiger.
Wie ich schwerfällig endlich den Arm hebe, werde ich vollends wach. Ich bin ganz mit Sand zugedeckt und bis an die
Hüften eingernauert. Um Gottes willen - wo ist denn der Max? Ein neuer, frischer Trichter hat sich nebenan aufgetan.
Mein Gewehr, wo ist mein Gewehr? Oben hagelt und zischt es. Der Enaländer - der muß ja schon ganz nahe sein.
Warum schießt denn das MG. nebenan nicht längst? Auf, schnell auf! Wie ich hochfahren will, drückt mich etwas hart
an den Beinen. Ich wühle mit den Händen danach - mein Gewehr im Mantel. Beim Herausziehen bringe ich meine Knie
frei und schraube mich förmlich aus der Erde los. Dann tauche ich mit dem Kopf in die fegenden Garben der Geschosse
und schaue zum Feind.
Da vorne wütet das Sperrfeuer unserer Artillerie. Wo sind denn die Engländer? Man sieht nichts vor Dampf und Staub.
Und die Unseren? Man hört nichts vor Geknatter und Gebrüll. Von nebenan schreit einer heran zu mir; dort sitzen ein
paar Leute in einem Trichter. Was wollen die denn von mir?, Ist das nicht der Max, der mit dem schwarzen Gesicht?
Freilich, so lang baumelnd kann nur der Max daherspringen. Er lacht vor Freude, als er mich sieht. ja, du lebst noch?
Ganz schwarz bist im Gesicht wie ein Neger, und deine Haare und Auaenbrauen sind ganz gelb. Hast du einen Dusel!"
"Was war denn mit dir, du bist ja auch ganz schwarz im Gesicht?" "Ich denke, springst 'raus, wenn's einhaut, dann ist
wenigstens bloß einer hin. Aber da hat's auch schon eing'haut. Du bist natürlich hin, denk' ich mir und springe gleich
weiter vor Angst. Derweil rasiert eine andere Granate das MG. vor meinen Augen weg; dort liegen s' jetzt, drei sind tot,
die anderen zwei sind so davongekommen!"
"Red nicht lange, der Tommy kommt!" schrie ich dazwischen und schlug das Gewehr an, denn rechts ab sah man auf
einmal die EnAänder in breiten Wellen anbranden. Dort waren auch wieder die Tanks, diese verwunschenen und
verfluchten Panzerkästen. Wie Schildkröten, so schwerfällig, krochen sie daher. "Schieß, Max! Raus,was d' kannst. Depp! Visier 500 mußt nehmen", weil ]ich sah, daß er mit gewöhnlichem Visier schoß. Nur drauf! Schuß um Schuß!
Das werden ja immer mehr statt weniger. Mein Lauf wurde heiß, und das Fett am Schaft fing zu kochen an. Eine zweite
Welle schob sich heran, die vordere lag schon am Boden und hatte das Feuer aufgenommen. Deutlich sah ich bei
manchem Schuß, wie mein Ziel vornüberfiel; ich hielt immer mitten hinein, da mußte ich ja treffen. So ist es recht. Jetzt
sind wir einmal dran, Tommy. Hoppla, der langt - der nächste. Wie er sich nach hinten bäunit und in die Knie sinkt!
Einer um den anderen sackt zusammen mitten im Ansprung. Rache ist süß.
Aber die Tanks krochen immer näher heran; einer davon drehte nach uns herüber zu, der wollte anscheinend unsere
vordere Linie aufrollen. Wie er das Rohr eines Geschützes herumschwenkte und ein rasendes Schnellfeuer auf die
Umgebung daraus hervorblitzte, standen drüben plötzlich, kaum 300 m weg, ganze Scharen Engländer. Aber - endlich haute unsere Artillerie dazwischen mit schmetternder Wucht, ganze Lagen nebeneinander, daß wir bald kein Ziel mehr
fanden. Die Tommys hatten sich wieder in die Trichter geworfen.
Halbrechts hinter uns bellten ein paar Feldhasen unerwartet nahe auf; die mußten sie jetzt erst dort vorgebracht haben.
Das waren unsere Achter. Wie da die Tanks auf eininal kehrtmachen und das Schießen vergessen! "Max, jetzt türmen s',
die Tommys. Schieß, schieß!"
Wir knallten eifrig und sprangen auf, um besser zielen zu können. "Da - da hat's einen Tank erwischt! Fein! Wie der
brennt! Das ist recht!" "Paß auf, jetzt kommen die anderen dran." Und kaum gesagt, hing an dem anderen Tank eine
schwarze Wolke, Feuer schlug heraus, und dann hüllte dunkler Qualm den Kasten ein, aus dem hier und da ein rotes
Feuer leckte. Und nun wichen, soweit wir schauen konnten, die Engländer in wirren Haufen zurück, und mit rasender
Freude schossen wir einen nach dem anderen ab, der uns durch die Einschläge der Granaten vor das Korn kam. Dort
hinten, wo sie zuerst aufgetaucht waren, verschwanden sie wieder von der Bildfläche, und wir legten die heißen
Gewehre weg. Unsere Patronen waren fast verknallt. Wir rissen Patronenkästen auf, die der Max vom zerstörten MG.
heranschleppte, und steeliten die aus den Gurten gezogenen Patronen an unsere leeren Ladestreifen.
Die MG.-Schützen gesellten sich züi uns und ließen sich im Trichter nebenan nieder. Die Entspannung des Feuers, die
eintritt, wenn Infanterie nahe aneinandergerät, ließ wieder nach, und das Fegen der Granaten und Peitschen der
Geschosse drückte uns wieder in die Deckung. Es mußte sowieso bald finster werden, und die Flieger sehen nicht mehr
viel von der Lage, die suchend - Freund und Feind - über uns kreisen. Die Tanks brannten immer noch, schaurig
rotglühend.
*
Nach Einbruch der Dämmerung, als der Engländer nur noch mit einzelnen Granaten die Gegend abstreute, haben wir
die drei Toten und den am Morgen gestorbenen Korporal zusammen in ein großes Cranatloch gelegt und ab,wechselnd,
weil wir nur zwei kleine Spaten hatten, Erde daraufgeworfen. Mittendrein kommt der Fritz daher: "Ihr sollt zum Major
im Eisenbetonlaoer!" Das ist der zertrümmerte Bunker, den wir den ganzen Tag über gesehen. hatten. "Erst gehe ich
noch einmal zum Brigadehaus, da hat sich ein Haufen Versprengter gesammelt!" "Bring doch was zum Trinken mit!"
rief ich ihm nach. Was nur der Major wollte? Da gab es sicher einen Krach, weil der meinte, wir hätten uns gedrückt.
Zum Eisenbetonlager haben wir nicht weit. Es herrscht ein reger Betrieb da, Trägertrupps sind gekommen,
Kochgeschirre klappern und Fragen schwirren durcheinander. Das ist nicht recht gemütlich, so viele Leute auf einem
Haufen.
Aus einem mit Zeltbahnen verdeckten Trichter steigt unser Major heraus. Der Kompanieführer der Zwölften ist bei ihm.
"Weiß jemand von euch, wo der Leutnant J ... steckt von der zehnten Kompanie?" fragt er. Ich trete vor ihn hin und
sage: "Beim Tommy drüben, den haben sie uns vor der Nase weggeschnappt gestern nachmittag." "Nicht möglich! Wo
soll das gewesen sein?" "Da, links am Bahndamm, aber auf der drüberen Seite." "So weit links? Wie kommt denn ihr da
hinüber?" Ich erzähle kurz, wie das kam, und wie wir zu zweit das MG.-Nest am Damm ausgeräuchert haben. Da sagt
der Leutnant der Zwölften: "Ihr wollt das gewesen sein?" und zum Major: "Das war das saumäßige Flankenfeuer, das
uns die meisten Verluste brachte." Stolz sagt der Max: "Jawohl, das waren wir zwei. Wenn ihr's nicht glauben wollt,
dann schaut einmal die englischen Keks und die Cornedbüchsen an!" "Machen Sie einen schriftlichen Bericht, wenn wir
abgelöst sindl" sagte der Major zu mir. Dann teilte er den Haufen ab und sagte: "Diesen Zug führen Sie, verstanden!"
"Da ist ja ein Sergeant dabei, Herr Major, von der Elften einer." "Ganz gleich, Sie führen den Zug!" Ich staunte. Der
Max meinte: "Respekt, Herr Zugführer! Muß ich jetzt vor dir stillstehen?" "Halt deinen Brotladen, du gewöhnlicher
Infanterist!"
Der Leutnant führte uns ein Stück weiter nach vorne ins Ungewisse der stockdunklen Nacht. Im Finstern stolperte ich
über ein aus einem Trichter ragendes MG. Das konnten wir brauchen. Die Schützen dahinter sind tot. Die zwei mit uns
gegangenen Leute der MGK. nehmen das Gewehr auf, und unsere Leute mußten die Kästen schleppen.
Schweigend tappten wir durch die Trichter. Allmählich wurde es sumpfig. Wir konnten doch nicht mehr weit haben.
Verflucht scharf und laut knallten Gewehrgeschosse an uns vorüber; wenn man nur etwas weiter schauen könnte im
Dunkeln. Da fuchtelte vor uns eine Leuchtkucel auf, eine englische, sie träufelte silbrig ab unterin Brennen. Wir sanken
lautlos in die Trichter. Plötzlich schnatterte ein MG. auf uns her. Da wären wir wieder einmal ahnungslos auf den
Tommy geprellt. Ich schimpfe leise auf den Leutnant ein, der uns so hereingeführt hat. Da knallt hinter uns eine
deutsche Leuchtkugel und zieht einen flachen Bogen. Wenn wir uns jetzt rühren, schießen sie uns von hinten
zusammen. Der Leutnant muß mit dem Max zurück und dort sagen, daß wir im Vorfeld liegen. Wie es ruhiger wird,
machen wir kehrt und treffen auf herumstehende Leute. Wie's der Teufel will, ist es unser Trägertrupp, der bald ebenso
ahnungslos zum Engländer hinübergetappt wäre.
"Hans! Hans! Daher! Der Girgl, der Martl, der Hans, unser ganzer Stoßtrupp ist da!" Der Max zog mich am Arm zu
einem Trichter, wo inich eine Flut von Begrüßungen empfing. "Seids da, Etappenhengste, habts ausgeschlafen? Habts
die Feldkuchel noch net ganz aufgefressen, habts ung wenigstens ein Radl und die Deichsel davon übriglassen? Seids
noch nicht zittrio, vor lauter Druckpunktnehmen und Weiterlrümmen?" "Ruhe dal Seids doch g'scheit, Neidhammeln!
Der Major hat mich zum Zuglührer gemacht, jetzt heißt's parieren, Koppen ist verboten!"
"Ja - den schau an!"
Der Hans erklärte mir die Lage. Nach rechts war eine große Lücke, in die wir uns einschoben. Endlich gegen
Mitternacht war alles in Ordnung gebracht. Und unterm Erzählen verzehrte ich mit Behagen meinen Büchsenstampf
und ließ gleich, ohne abzusetzen, eine Feldflasche voll Kaff ee durch meinen ausgedörrten Schlund rinnen. Sie haben
natürlich in den letzten zwei Taaen allerhand durchgemacht wie wir. Die Kompanie ist total zersprengt. Was noch
greifbar ist, ist der Stoßtrupp und einzelne Leute, die ein Schani vom ersten Zug um sich gesammelt hat.
Kompanieführer ist keiner da, der ist ja bei uns am Bahndamm gewesen. Aber jetzt sind wir wenigstens wieder fünf
Gruppen stark. Seit langem schlief ich wieder einmal unbesorgt im Kreis der Kameraden ein.
Plötzlich prasselndes Gewehrfeuer, geisternde Leuchtkugeln, Hämmern von MG.s. Das ist da links von uns. Eine rote
Leuchtkugel fordert schon Sperrfeuer. Was ist denn? Der Hans schießt auch rote Leuchtkugeln, Schüsse brechen wild
und sinnlos ins Dunkel. Was ist denn los?
Aber es wird noch wilder da links drüben. Ist da nicht das Feuer der Gewehre schon hinter uns? Einige stürzen heran. "Der Tommy ist durch, links, vom Bahndamm her. Wir inüssen zurück!" "Nein, dableiben!" Der Scham vom ersten Zug
springt her im tobenden Durcheinander. "Was ist los? Meine Leute wollen zurück?" "Dableiben und schießen, wir
greifen links ein, da ist die Elfte anscheinend eingedrückt worden. Stoßtrupp 'raus!" Zum guten Glück schnattert unser
MG. los. Die braven Schützen durchbrechen so rasch die Verwirrung, ein prasselndes Feuer schlägt zum Feind hinüber.
Drei Mann lasse ich mit dem Sergeanten beim MG. zurück, dann laufe ich mit meinen Leuten dem Stoßtrupp nach zum
linken Flügel. Ein Haufen verwirrter Leute in den Trichtern steht auf, wie sie uns sehen. "Raus zum Gegenstoß! Drauf!"
brüllt der Hans und wirft sich mit seinen Leuten vor ins grauwerderide Dunkel. Alles springt auf und stürzt drauflos.
Da schleppen zwei Mann ein MG. auf der Brettlafette, weiß Gott, wo die daherkommen. Ich winke ihnen, daß sie zu
meiner Gruppe herankommen. Und wie ich mich wieder umwende zur Front, stehen die Engländer vor uns. Cberrascht
wie wir, von einer Leuchtkugel erhellt, au[ zwanzig Schritte Entfernung, Mann an Mann, erdrückend viele. "Stellung!"
schreie ich, während schon das Feuer unter uns schlägt. Weiter rechts krepieren Handgranaten. da muß unser Stoßtrupp
sein. Und da schinettert schon unser MG. hinüber, und unsere Handgranaten fliegen in die wirr durcheinanderkugelnden
Gestalten dort vorne. Irgendeiner von uns schießt fortwährend Leuelltkugeln, der Kerl muß den ganzen Brotbeutel voll
Leuchtpatronen haben. Knallend fährt eine enc,lische MG.-Garbe unter uns. Neben mir bäumt sich einer auf und dreht
sich zur Seite. Ich kenne ihn nicht. Wir haben einen verflucht harten Stand. Das MG. von uns setzt aus. Nur das jetzt
nicht - sonst sind wir verkauft, wenn das auch kein regelrechter Angriff sein kann, nur ein örtlicher Vorstoß der
Engländer.
"MG.-Munition her!" brüllen sie, ich schreie es weiter, und - o Wunder! - da wirft einer von links einen Kasten zu mir
her, noch einen. Ich fasse sie und springe damit in den Trichter, wo der eine SchüLze mit blutendem Schädel steht und
mir gleich einen Kasten aus der Hand reißt. Der eine, der schießt, ist ein Korporal. "Wasser her!" schreit er mich mit
rollenden Augen au. Ich gebe ihm meine Feldflasche; er gießt in den Mantel, daß es dampft, und schüttet die Hälfte von
meinem guten Kaffee daneben. Meine zweite Flasche gebe ich noch dran. Aber er jagt erst einen halben Gurt durch, ehe
er wieder nachfüllt. Ein Prachtkerl! Der andere führt ihm züi, die Augen voll Blut. Ich stoße ihn einfach weg und halte
den Gurt an den Zuführer. Und es lohnt sich. Wie ein Rudel Spatzen Hirren die Engländer jetzt auf, und wir hauen mit
dem Feuer hinein. Jetzt, sehe ich auch, warum sie laufen; da winkt einer rechts vorne aus dein Trichter. Dort flattern
Handgranaten durch die Luft. Unser Stoßtrupp hat sich mitten in die Engländer hineingebohrt. Wir hören zu schießen
auf, denn von der Bodenwelle hinter uns fegen jetzt die Garben zweier erwachter MG.s in die fliehenden Engländer
hinein.
Der Tag beginnt leicht zu grauen. Wir stehen lachend und jubelnd aus den Trichtern auf. Vor uns draußen liegen die
Haufen der gefallenen Engländer; ihrer Front nach haben wir sie d:rekt von der Flanke angepackt. Schnell springe ich
vor und reiße einem der Engländer die Schulterspange ab wir müssen wissen, welcher Division sie angehörten.
Unser Major komnit auf einmal mit einem Haufen Leute von hinten heran und ist prächtig(, erfreut, sagt aber, daß die
Engländer vermutlich am Morgen angreifen werden und daß unser Bataillon aus seiner vorgeschobenen Lage in die
allgemeine Front zurückgenommen werde. Unsere Kompanie kommt ins Eisenbetonlager als Reserve für Gegenstöße.
DasAufbrechen gehtraschvor sich, und nochrascher ziehen wir ins, um möglichst bald in Deckung zu kommen. Wir
können schon ein Stück weit sehen. Der Boden steigt leicht an; auf der Geländewelle hier liegt jetzt das Bataillon mit
noch zirka hundert Mann und einigen MG.s. Plötzlich faßt uns mit einem Satz das Feuer einer Batterie, daß wir zu
rennen beginnen. Aber das Feuer folgt uns haarscharf. Hinter mir stöhnt einer, zwei andere zerren ihn schnell mit.
Direkt über unseren Köpfen zerklirren die Schrapnelle, daß die Scherben und Kugeln prasselnd um uns aufklatschen.
Und dann stößt mich ein Feuerblitz zur Seite, vor mir fallen einige und schreien, springen auf und hasten jammernd
weiter. Einer hüpft auf einem Bein vor mir weg, unser Kapuziner. Abermals birst es auseinander, mein Helm scheppert
vor prasselnden Schlägen, und an meinen lose übergeworfenen Mantel schlagen vielfach Hiebe. Doch hat es mir
anscheinend nicht viel getan. Den Kapuziner hat es hingeworfen; er jammert aber nicht einmal, wie ich ihn auf. hebe.
Im Nu ist der Max da, und auf unseren Händen tragen wir den Kapuziner sitzend zurück zum Eisenbetonlager. Das Blut
tropft ihm nur so aus der Hose. Er hat einen großen Splitter im Oberschenkel und zwei Schrapnellkugeln im Fuß. Ein
Hilfsarzt ist da, der sich gleich um ihn annimmt.
*
Eine Reihe großer Trichter nimmt uns auf. Es liegen schon mehrere gesammelte Versprenute hier, die die fünf Mann
Verlust, die wir eben hatten, wieder wettmachen. In einem Riesentrichter sitzt der Stroßtrupp beieinander, aber wegen
der gefährlichen Bevölkerungsdichte siedle ich mich mit dem Max in einem Nachbartrichter an. Aus dem
Eisenbetonlager schleppen wir uns geschwind noch Bretter und eine Tür herbei, decken oben ab und werfen Erde
darauf. Das ist eine gute Fliegerdeckung und wenigstens splittersicher gegen die vielen Schrapnelle.
Nach getaner Arbeit ist gut ruhn, dachten wir und schmauchten mit Wonrie eine Zigarette. Dabei räkelten wir uns
behaglich, wenn der Engländer auch nebenan mit pfundigen Brocken ins Eisenbetonlager schoß. Heute wird er kaum
mehr angreifen, die übliche Zeit ist schon längst vorüber. Ein sonniger, heißer Vormittag lastete über dem öden
Trichterfeld. Ruft da nicht wer? Ein Verwundeter? Wir schauen hinaus und sehen, wie einer daherbumpelt, ein paar
Schritte lang, und hinfällt. Ein Meldeläufer! "Helft mir, Kameraden!" Wir steigen hinaus, packen ihn und tragen ihn
schweißtriefend zum Hilfsarzt ins Lager. Der schneidet ihm den Schuh herunter und bindet ihm den abgeschlagenen
Fuß ein. "Gleich weiter damit!" sagt er. Wir legen ihn auf unsere Zeltbahn und wollen ihn wegtragen, Da schaut
nebenan der Major heraus und sagt zu mir: "Bleiben Sie nur da, da kann ein anderer helfen!"
Endlich treibe ich einen auf, der es wagt. Kaum habe ich "lieb wieder in den Trichter gesetzt, schreit oben der Max
herein: "Geh, helf mir doch, den anderen hat's grad derhaut!" Wirklich, da - liegt er schon regungslos neben dem
Zeltbahnbündel. Mich beutelt es am ganzen Körper, wie ich das sehe, und der Max ist ganz weiß vor Schrecken.
Wieder steige ich hinaus. Wir müssen aber springen, denn Kugeln schwirren um uns. "Pack an, MaxI" "Bleiben Sie da,
da kann ein anderer mitgehen!" sagte wieder der aus seinem Trichter auftauchende Major. Was er nur hat, daß er mich
nicht gehen lassen will? "Los, Max, schau nicht lang!" sagte icb, und wir schieben endlich los, um aus dem Feuer zu
kommen. Da kommt uns einer nachgelaufen, unser Berliner, der Telephonist beim Bataillon ist. "Du sollst umkehren,
ich soll mittrauen Junge, hat der Alte einen Narren an dir gefressen." "Ich glaube eher, daß er mir nicht traut."
Bis an die Straße nach Koekuit ging ich mit, dort kehrte ich um und kam nach Kreuzundquersprüngen durch das
allenthalben rauchende Feld an den großen Trichter, in dem meine Kameraden vom Stoßtrupp schliefen. Ich schlief
gleich mit. Lange nach Mittag kam der Max erst wieder angeschnauft.
Da war schon wieder ein grübiger Schafkopf im Gang. Der MG.-Korporal war auch da. "Bei uns geht nix mehr z'samin,
wir sind bloß noch zu dritt, und Karten haben wir auch keine", sagte er über die Schulter zu mir. Der Girgl spielte grad
ein Herzsolo und bedauerte, daß kein Tisch da war, wo er seine Trümpfe richtig hinhauen hätte können. Der Hans sagte
unterm Spielen zu mir: "Du, ich glaub', bei euch hat's vorhin, wie ihr zwei fortgewesen seid, das Dach abgedeckt. Die
Bretter sind nur so geflogen. Da hahts wieder einmal große Kartoffeln gehabt." Ich meinte, er scherzte, aber wie ich
hinübersah, standen ein paar zerfetzte Bretter aus dem Trichter heraus. Ja, da hatten wir wieder einmal Glück gehabt. Es
hatte sieh gelohnt, daß ich mithalf, den Verwundeten zurückzuschaffen.
So gegen 3 Uhr stieg das Feuer über die gewohnte Kurv, steil auf und verdichtete sichzu schwerem Vernichtungsfeuer.
Besonders das Eisenbetonlager wurde regelrecht eingedeckt dort wirbelten Steine, liOlzfetzen und Erdklunipen in
schauerlichem Spiel der Vernichtung durcheinander. Und dann griff das Feuer zu uns herüber und schüttellte unseren
Trichter, daß die steil ausgegrabenen Wände teilweise einrutschten. In der Mitte spielten die vier immer noch. "Hört
doch auf bei diesem Feuer, das ist ja ein Frevel!" brüllte ich dem vor mir sitzenden Martl ins Ohr. Der schüttelte den
Kopf: "Wir spielen weiter, wir wollen sowieso nicht in den Himmel. Du kannst ja beten, wenn du Angst hast!" Ich sagte
nichts mehr.
Der Girgl wollte die Karte nicht mehr ausgeben und schaute etwas betreten drein. "Weiter, du gibst!" sagte der Korporal
zu ihm. Und er gab frisch aus, während ein schwarzer, aufbrüllender Einschlag Feuerschein über sein bleiches Gesicht
huschen ließ. Er war ganz ruhig, - und wie ihm ein Rasenbrocken die Karten aus den Händen schlug, kramte er sie
wieder aus dem Dreck. Der Martl schüttelte den Sand von der Zeltbahn und brüllte: "Eichelsolo!" Er hob die erste Karte
zum Ausspielen, da zischte es heiß über uns weg - tschii -! Erde flog auf an derienseitigen Trichterwand, einige
Brocken tanzten durch die Luft, und ein heftiger Stoß beutelte uns durcheinander. Starr vor Entsetzen stierte ich auf ein
rundes Loch an der Wand drüben, aus dem ein Faden feinen Rauches gemächlich stieg, und wartete auf das Aufbrechen
des Vulkans, 2 m vor mir. Hilflos, wie ans Kreuz genagelt, kam ich mir vor. Und vor meinen Augen zitterte der
Eiehelbauer in der Hand des Alartl. Kein Atemzug rührte sich, bis der INlartl losbrach: "Trumpf! Der Tommy meint, er
könnte uns auftrumpfen, wo ich doch den Alten da hab' - und Trumpf, Grasbauer, Herzober, Schellenober - -so ein
cernauertes Solo; ich hätte eigentlich einen Tout ansagen sollen; sakra, sakra!"
Da griff ich über ihn weg und warf die Karten, die ich erwischte, zum Trichter hinaus. Empört schrie mich der Martl an:
"Wärst halt ein Pfarrer worden oder ein Heiliger, wennst das nicht sehen kannst!" Der Girgl stand auf und sagte
entschlossen: "Jetzt rühr' ich aber vier Wochen lang keine Karten mehr an, das ist ja mindestens ein Fünfzehtier
gewesen. Das Ilackfleisch, das der gemacht hätte, wenn er krepiert wäre!"
*
Erst wie die Sonne glührot hinterm Ilouthulster Wald unterging, ließ das Feuer nach. Ich zog mit dem Max in einen
neuen Trichter, wo wir uns wieder splitters' eher einbauten. Mein Gewehr war zerschlagen, mein Mantel von Splitiern
zersiebt und versengt. Ich warf ihn aber trotzdem über, denn die Nacht wurde frisch. Mitten in der Arbeit kam der
Berliner mit einem Leutnant daher, der uns sagte, er hätte unsere Kompanie vorübergehend übernommen. Wir müßten
bei einem Angriff ohne weiteres zum Gegenstoß antreten. Er habe erfahren, daß ganz verwegene Bursehen in unserer
Kompanie wären, die könnte er gerade brauchen. Der neue Leutnant war uns allen sympathisch. Wir unterhielten uns
recht griltbig mit ihm, wobei wir ihm gleich seinen ganzen Schnaps austranken. Er teilte die Kompanie neu ein, denn es
waren wieder ein halbes Dutzend Versprenate eingetroffen, die bei den Elfern bisher mitgemacht hatten. Der Sepp war
auch darunter; den nahmen wir gleich mit in unser Granatloch herein.
Im Eisenbetonlager suchte ich mir ein neues Gewehr - das dritte jetzt - und fand auch eine passende Gasmaske. Dort
traf ich unseren Schullehrer, der eben vom Brigadehaus gekommen war und ansagte, daß wir morgen abend abgelösu
würden, die Vorkommandos seien schon unterwegs. Und da fühlte ich erst, wie müde und verbraucht wir waren. Eine
unbändige Sehnsucht nach einem sorglosen, ruhigen Schlaf überkam mich. Wie ein Aufseufzen ging es durch unsere
Trichter bei dieser Nachricht.
Spät in der Nacht kamen ein paar Mann unseres Trägertrupps mit Kaffee. Unterwegs hatten sie fünf Verwundete und
einen Toten. Hinten sei ein unglaubliches Feuer. Wir hörten es ja. Der Engländer griff wieder zur alten Taktik. Er
trommelte wieder einmal wochenlang, bis er von neuem angriff. In den nächsten Tagen hatten wir sicherlich keine
Überraschungen zu erwarten, wohl aber ein gründliches Vernichtungsfeuer. Noch in dieser Nacht fing er an, mit
wütenden Feuerschlägen auf. unseren Trichtern herumzu-, stampfen. Am Morgen hatten wir zwei Tote und drei
Schwerverwundete. Ein Junger von, Stoßtrupp ist noch gefallen beim Verwundetentransport hinten in Koekuit.
Beim Tagesgrauen stürzt sich ein blödsinnig tobender Feuerwirbel über unser Gelände, brandet heran und hüllt uns in
Dampf und Dunkel und Gestank. Von vorne sieht man so ungefähr die grünen Sperrfeuerzeichen der Unseren kurze
Sekunden über dem Gewirbel aufleuchten. Ein An,griff natürlich! Wir lassen unsere Mäntel und sonstigen Sachen
liegen und springen mit Gewehr und Handgranaten aus den Trichtern, bereit zum Gegenstoß. Pfauchend und tosend
haut es vor und urn uns ein. Sollen wir noch warten? Wieder hinein also in den Trichter. Vorne prasselt und backt unser
peitschendes Feuer zum Feind, den wir im Dunst der Pulverschwaden nicht sehen können. Wenn nur nicht auf einmal
diese ekelhaften Tanks vor uns auftauchen; gegen diese Giftkröten kann man sich ja nicht wehren. Unser Sperrfeuer
zischt und heult zum Feind mit brausender Macht.
Ein Melder springt durch die wehenden Schwaden heran. unser Berliner. Er purzelt nur so durch die Trichter, per. liko Perlako, auf, weg - auf, weg! Dann kommt er heran zu uns. "Nicht antrete n zum Gegenstoß, erst Befehl des Majors
abwarten! Weitersagen! Eine Patrouille soll vor und erkunden, was los ist!" Dann geht er wieder. Eine Patrouille - wer
ist das von uns? Ich springe zum Hans hinüber - gerade haut ein Schrapnell ein - ich mitten durch den spritzenden Sand
und die weiße Wolke; es tut mir nichts, und ich denke mir auch nichts dabei - das kleine Schrapnell da. Der Kare, der Sepp und der Martl gehen mit. Der Max muß nachher wieder zum Transport einiger Verwundeter, die wir
eben wieder frisch bekommen haben. "Hintereinander!" brülle ich und springe hinaus. Giftig peitschen Geschosse
vorbei. Die Engländer schießen heftig, da müssen sie also schon wieder liegen. Unsere MG.s hämmern immer noch. Ein
paar Verwundete hasten scheu und angstvoll an uns vorbei nach hinten. Dort links steht ein MG. von uns. Es ist schon
fast taghell geworden. Mit einem Sprung bin ich an der Kugelspritze. Was ist denn los?" "Anpackt hat er wieder, der
Tommy." "Ist er herangekommen?" "Ja, den Sack, aus dem wir gestern 'raus sind, hat er heut zugemacht; es war aber
nichts mehr drinnen.".- "Jetzt gibt er, scheint's, wieder Ruh?" "Ja, vorläufig schon." "Sind Tanks dabeigewesen?" "Hab'
nichts gesehen." "Servus dann." "Halt! Zuerst tust noch eine Spreizen her, wannst eine hast." "Haben wir schon, gerade
noch eine für jeden von euch. Wir sind fein auch noch dahinten." "Hab's schon g'sehn. Servus!"
Ich mache schnell Meldung beini Major und erhalte eine feine Zigarre von unserem neuen Leutnant dafür. Er hat schon
gespannt, daß es klappt bei uns.
*
"Drüben beim Engländer muß ein neuer Munitionstransport aus Amerika eingetroffen sein, weil er gar so
umeinanderwirft. Da haben unsere U-Boote wieder nicht recht aufgepaßt", meinte der Sepp. Den ganzen Vormittag
wurde unsere Gegend unter Feuer gehalten. Wir hatten zur Deckung gegen Fliegersicht unsere dreckstarrenden
Zeltbahnen zusammengeknüpft und über den Trichter gespannt. Rauchend und schlafend ging die Zeit des Wartens
dahin. Am Nachmittag rappelte das Trommeln der Artillerie mit solcher Macht über das ganze Feld, daß die Sonne nur
trübe durch die Schwaden und flimmernden Staubwolken drang. Wir saßen schweigend in unserem Trichter und
lauschten auf die Einschläge. Herabfallende Erde drückte immer wieder unsere Zeltbahn ein daß wir sie weanehmen
mußten.
Wie ich den mir gegenübersitzenden Max im Feuersturm so anstarre, fährt hinter ihm ein schwarzer Patzen nieder, hebt
den Max auf und wirft ihn herüber zu mir. Er weiß gar nicht recht, wie ihm geschieht, und ist baff verwundert, wie er
das Loch sieht, einen guten Meter hinter seinem Rücken, in das ein Blindgänger gefahren ist. "Solche Kartoffeln, Max!
Du mußt noch ein Bauer werden, du hast Glück in dem Beruf", spottet der Sepp. Wir reden noch über, die
unabsehbaren Folgen, die uns ein unverdientes Glück in den letzten Tagen so häufig aus dem Wege geräumt hat, da
wirft mich ein harter Stoß hoch und im Bogen hinüber, wo ich erschrocken - als Gegenbesuch -dem Max in die Arme
falle. Er hat das gleiche Schauspiel erlebt wie vorhin ich - und wirklich, k aum zwei Se hritte weg ist ein rundes,
gähnendes Loch, das vorhin nicht war. "Jetzt mußt du schon auch ein Bauer werden - - -", spottete der Sepp, "ich bin
schon einer, mir hilft das nicht mehr."
Doch mit der Zeit verging uns das Spotten. Immer enger fielen die Einschläge, und im Vernichtungswirbel stöhnte die
Erde Flanderns, wie schon oft vorher. Grimmig kurz endeten die Flugbahnen. Reißend, zerhackt standen die zackigen
Sprengwolken vor dem kurzen Abschnitt unseres Ausblickes. Dann wieder gab es harte Stöße und einige merkwürdig
tanzende Erdbrocken von Blindgängern. Fffftt - Wrruchch - wrruchch! bauten die Lagen einer schweren Batterie immer
dicht hinter uns ein, ewig lang - ohne Aufhören, bis endlich wieder ein Tag zur Neige ging und die Feuerpause der
schweren Geschütze von den kläffenden Schrapnellen ausgefüllt wurde.
Da sitzt man im Loch und stiert vor sieh hin, lauscht mit feingeschärften Ohren auf die Flugbahnen und denkt
irgendeinen Blödsinn. Ich habe inmer in mir die Melodie gehört: "Alir san die lustinga Hollhackersbuam - - -",
tausendund aber tausendmal nacheinander; ich konnte sie nicht unterdrücken, dazu hatte ich keine Kraft mehr, immer
wieder fing es an: "Wir san die lustinga - -", und ich hätte brüllen können vor Wut über die "lustige" Qual, die meine
ausgerissenen Nerven gegen meinen Willen spielten. Der Sepp mußte etwas aufgeschnappt haben, denn er pfiff in
einem Trumm durch die Zähne: "Ja, das haben die Mädchen so gerne - -", daß wir wetteiferten im Blödsinn. "Wir san
die lustinga - und - das haben die Müdchen so gerne..." Was der Max tat, weiß ich nicht recht; der hatte die Augen
zugemacht und hatte ein verdächtiges Zucken um den Mund. An diesem Gesicht konnte ich inich wieder einigermaßen
fassen. Aber die"lustinga Holzhackersbuam" brachen immer wieder durch. Etwas tun, irgend etwas tun! Kartenspielen!
Einen Rosenkranz in den Finürern halten, ganz gleich! Rauchen! Ich kann in den zitternden Lippen meine geschenkte
Zigarre nicht lange halten und tappe mit den zuckenden Fingern damit so dumm herum, daß ich mich am Kinn brenne.
Und merkwürdig, der Schmerz zaubert mit einem Male die Ruhe wieder herbei.
So sinkt die Nacht herein. Wir sitzen immer noch und denken ins Leere. Das Feuer ist längst weg. Gestalten kommen,
fremde Stimmen rufen. Das Vorkommando ist da, Württemberger sind es. Sie gehen wieder nach Koekuit, um ihre
Kompanien zu erwarten; der Sepp geht mit, um sie den Weg nicht verfehlen zu lassen. Wir richten uns her und trampeln
vor den Trichtern herum, schlaftrunken und gleichgültig gegen die Welt um uns her. "Höchste Zeit ist es", sagt der
Girgl zu mir. Und endlich taucht aus dem Düster von Koekult her eine lange, klirrende Reihe flÜsternder Gestalten und
geht an uns vorbei zur vorderen Linie. Das hört gar nicht mehr auf - und ist doch nur eine Kompanie. Eine nach der
anderen klirrt vorüber; ein H.-uch frischer Kraft und neuen Mirtes geht davon aus. Und endlich kommt eine lancie
Reihe, die unsere Trichter einnimmt und viele neue Trichter besetzt. Das Schwäbeln macht uns ganz munter, und die
Erzählung, daß sie ohne Verluste vorkamen, macht uns ganz froh.
So schwanken und taumeln wir im bleichen Mondlicht rückwärts, wissen kaum, wie wir durch das beschossene Koekuit
kamen, über dem der staubige Dunst der Großkampfschlachten lag, und schlürfen lang durch den weißen Staub einer
Straße mit müden, pelzigen Füßen. Wir sehen im flüchticen Beiseiteblicken, daß das Land in den paar Tagen, welche
wir vorne waren, unkenntlich zerschossen worden ist. Ein Dunst von Pulver und Verwesung mischt sich in den Staub.
Granaten zerbersten unbeachtet nahe.
Allmählich erkennen wir, daß wir auf dem Wege nach Staden sind. Da werden wir munter und freudig, werfen uns
übermütig ins taufrische Gras eines Gartens zum Rasten und zünden ohne Scheu eine Pfeife an. Zwei Stunden lang
liegen wir hier und dampfen. Einer hat köstliches, frisches Wasser aus einem zerschossenen Hof geholt; er holt immer
wieder neue Flaschen voll. Es pressiert uns jetzt gar nicht mehr. Wir sind endlich - endlich abgelöst. Gott sei Lob und
Dank! Vorne grollt die nächtliche Hölle der Schlacht. Was geht das uns noch an? Uns hat sie entkommen lassen
übersatt an Blut und Schweiß. Wir haben eine gründliche Ruhe verdient.
*
Ja, Ruhe! Beim Anbruch des Tages erheben wir uns und merken, daß wir anscheinend lauter Holzstecken statt Knochen
im Leibe haben, und die Füße sind bis zum Knie wie aus Gummi. So wanken wir weiter nach Staden, immer froher
werdend und längst gebannte Lebens. freude hervorbrechen lassend, in den jungen Morgen des 20. August. Über uns
tobt eine ratternde, brummende Luft. schlacht.
In Staden wird gesammelt. Die Feldküche gibt Kaffee aus und spannt gleich an. Und da geht es schon weiter. Zum
Rasten ist kaum Zeit. So trippeln wir in der Kolonne die Straßen nach rückwärts im stechenden Brand der
Hundstagssonne und im Staub des mehlfarbigen Sandes der Straßen.
Die Kompanie ist sehr klein geworden; nicht die Hälfte ist mehr da von der Gewehrstärke vor fünf Tagen. Ich zähle
durch und finde dreiundsechzig Mann von hundertfünfzig. Jetzt hören wir erst, daß dieser und jener, den wir vermissen,
tot oder verwundet ist. Über eine bestimmte Anzahl ist nichts zu erfahren; das sind die Verschollenen, die auf die
Vermißtenliste gesetzt werden. Die meisten von ihnen liegen sicher irgendwo in den Trichtern am Kortebach und bei
Koekuit, aber keiner weiß wo. Das ist eine alte Sache von jeher. In Gefangenschaft werden höchstens der Leutnant und
sein Bursche geraten sein, die bei mir und dem Max am Bahndamm waren, und das war nicht einmal gewiß. Von dem
Häuflein, das jetzt marschiert, sind so ungefähr zwanzig Mann, wenn man den Trägertrupp abrechnet, nicht vorne
gewesen. "Versprengt" nennt man das, ein anrüchiges Wort. In den Schauern des Granatfeuers war es leicht möglich,
daß einer verschwand, ohne daß man es merkte. Manche werden wirklich von der Truppe abgesprengt, nehmen bei
fremden Formationen an der Schlacht teil, verrichten noch Wunder an Tapferkeit und fallen schließlich, von keinem
gekannt und weiter beachtet. So - wie der Korporal, den ich sterben sah, oder der eine Fremde, der in der Nacht vom 17.
zum is. August neben mir fiel. Aber hier hinten wird ,wieder alles fein eingetragen und jede Gewehrnummer
aufgeschrieben; von diesen Toten bleibt nur ein Vermerk in der Starnmrolle der Kompanie: "Vermißt seit dem 16.
August 1917 in Flandern bei Langernarck." Wie es solch ein System nicht anders kann, werden zu guter Letzt die
üblichen Eisernen Kreuze an die unrechten Waff eiiröche geheftet, und die stillen Verdienten sind natürlich darüber
verbittert. Das ist auch schon eine alte Sache.
Wir unterhalten uns unterm Marschieren darüber. "Jetzt geht der Krampf wieder an, eiserner Bestandsappell,
Gewehrappell, Exerzieren; dazu ist die Kost wieder herabgesetzt; heute hat's schon wieder nur ein Drittel Barras
gegeben. Gerade jetzt, wo man wieder einen Appetit kriegt, gibt's schon wieder Etappenkost. Glaubst du, daß sie in der
Etappe nicht mehr kriegen? Sie nehmen sich's schon", räsoniert der Girgl. "Das ist mir vorläufig Wurscht, erst wird
einmal ganz gehörig ausgeschlafen, dann reden wir weiter", gab ich zurück. - Eine Orts,-haft kam - Hoglede.
Quartiermacher und der Feldwebel erwarteten uns. Es gab aber keine Quartiere. Auf einer Wiese neben einem
Bauernhof wurde Biwak bezogen. Uns war das gleich, wir schliefen überall, solange es nicht regnete; nur laßt uns
endlich in Ruhe!
Der Martl und ich bauen uns abseits an einer Hecke ein richtiges Indianerwigwam aus großen Ästen und decken die
ungedroschenen Garben eines verlassenen nahen Feldes, deren Körner schon ganz schwarz sind, darüber. Bis wir damit
fertig sind, bringt der Kare schon den Büchsenstampf, und dann wühlen wir uns in die duftenden Ähren und sinken in
die samtige Weichheit sorgloser Ruhe - - *
Hat da nicht jemand gerufen? Freilich - wiederholt ruft da jemand meinen Namen. Das ist der Feldwebel, der gerade die
Kompanie verliest. Da ist scheinbar schon der erste Appell im Gang. Den habe ich glatt verschlafen. Ach was, jetzt
stehe ich schon gleich nicht mehr auf, in meinem Verzug falle ich doch bloß auf. Da sitzt gerade eine Drossel über mir
an der Ilecke, und ihr melodisches Pfeifen ist mir ein längst entbehrtes Wunder. Wenn ich jetzt aufstehe, fliegt dieses
Wunder davon. Ach was, es ist eine Unverschämt. heit, jetzt schon wieder einen Appell zu halten.
"Eisernen Bestand vorzeigen!" ruft der Feldwebel auf der Wiese. Das habe ich mir gedacht und muß still für mich
darüber lachen. Jetzt gibt's Nasen. Der Stoßtrupp fällt natürlich bös auf. Aber die "Versprengten" haben brav ihre
Fleischbüchsen und Zwiebacksachln; die werden natürlich gelobt, weil sie dem Feldwebel keine Sorge machen wie der
undisziplinierte Stoßtrupp. Jetzt hagelt ein Donnerwetter, daß die Drossel erschrocken aufhört. "Wer weiß, wo der Kerl
steckt?" fraut der Feldwebel wieder nach mir. "Dem werde ich schon kommen, daß er weiß, daß man zum Appell
anzutreten hat. Ich denke, der hat Zeit genug gehabt zum Ausschlafen die vier Tage lang, wo er sich auch gedrückt hat
wie jetzt." Ah, da schau! Es ist doch manchmal interessant, jemand in eigener Abwesenheit über einen reden zu hören.
Einer widerspricht, der Martl, und jetzt - der Max. "Sind Sie ruhig, wenn ich nicht frage; mir ist das alles gemeldet
worden. Ich kenn' euch schon, ihr helft euch gegenseitig mit euren Lumpereien. Wenn ihr ihn seht, soll er sich sofort
bei mir melden, feldmarschinäßig!" Jetzt muß ich doch hin! Dem Feldwebel werde ich eines aufgeigen. Aber - da flattert der Vogel herab und setzt sich
pfellgerade auf meine Stiefelspitze und pickt mit dem Schnabel daran herum. Was ist denn da so gut daran? Ah- ein
Käfer; der schmeckt aber, der arme Kerl. liuschist der Vogel weg, der zutrauliche Gast, und singt jetzt von gegenüber
mit neuer Inbrunst. Da habe ich also wieder nicht aufstehen können, und jetzt ist meine Wut schon weg. So ist es einmal
in der Welt, der Große frißt den Kleineren, und das muß ich doch zugeben, daß mir die Drossel schon lieber ist als der
Käfer. "Wuppuruppupupwuwupprrupp!" grollt die Front vorne. Auch dort vorne frißt der Große den Kleinen. Groß muß
man sein, der Kleine zerbricht unter der Wucht dieser stampfenden Hammersehläge. Da vorne hänclen die
Schneeballen der Schrapnelle an dem blaudunstigen Himmel, und die einst grünen Wiesen sind grauer Sand mit
Löchern wie leergebrannte Augenhöhlen. Und da liegt man vorne drinnen, und aufbrüllendes Feuer wirft einen hinüber
und herüber, daß man nicht mehr ans Zurückkommen glaubt. Irgendwo im Brotbeutel hat man eine Fleischbüchse, und
die ist hier hinten Gegenstand eines hochnotpeinlichen Appells. "Wie können Sie sich unterstehen, Ihre Fleischbüchse
nicht mehr zu haben, wo Ihnen doch bekannt ist, daß - - - ?" "Ist Ihnen vielleicht auch bekannt, Herr Feldwebel, - - -?"
Na, das hat ihm noch keiner gesagt, was ich am Herzen habe. Auf also! Angetreten! Der Appell ist so schon aus.
Voll Dreck und Speck, verwildert am ganzen Körper, das verrostete Gewehr und das zerfetzte Sturmgepäck in der
Hand, trat ich in die Schreibstube, die im Bauernhof war. "Drückeberger... zur Stelle!" - Ein grimmiger Blick trifft
mich: "Wo stecken Sie denn? Wissen Sie nicht - -?" "Ich weiß, Herr Feldwebel, ich habe geschlafen und bin nicht
geweckt worden. Eiserner Bestand - Fehlanzeige natürlich." "Das sieht Ihnen gleich. Jetzt wird nicht geschlafen, jetzt
ist Dienst, verstanden?" "Nein, das verstehe ich nicht. Das ist Schikane, Herr Feldwebel, das bringt den guten Willen
um. Aber ich nehme Ihnen den Diensteifer nicht übel. Sie möchten eine saubere Kompanie. Vergessen Sie aber nicht,
daß ein guter Teil der Kompanie nach dem Feuer da vorne noch gar nicht zu Bewußtsein gekommen ist! Da vorne
gelten andere Dienstvorschriften; die stehen leider nicht im Reglement, daß Sie auch damit bekannt werden könnten."
"Was fällt Ihnen denn ein? Ich brauche von Ihnen keine Belehrungen. Ihr habt keine Disziplin, ihr Burschen, aber dafür
helfe ich euch schon. Wo sind Sie denn gewesen? Warum haben Sie sich gedrückt? Sie haben wohl gedacht, jetzt paßt
niemand auf? Da haben Sie sich aber verrechnet. Mir entgeht nichts. . "O ja, Ihnen entgeht viel, Herr Feldwebel. Alles,
was nicht gemeldet wird und was Sie nicht sehen. Und das ist das meiste. So haben Sie zum Beispiel mir nicht
zugesehen, wie ich mich gedrückt habe. Darf ich Ihnen den zersiebten Mantel eines Drückebergers zeigen und mein
zertrümmertes Kochgeschirr? Vielleicht versuchen Sie einmal eine englische Marmelade, die ich in der Etappe
gefunden habe. Oder betrachten Sie sich das Regimentsabzeichen, das ich von einem toten Engländer abriß, dem ich
hinten bei Brügge begegnet bin!"
Er schaute zweifelnd und ungläubig auf die Dinge. Jerner möchte ich eine neue Gewehrnummer melden, die dritte seit
fünf Tagen." "Kerl, Sie sind mir ein Rätsel, mit Ihnen kennt sich der Teufel aus. An der Alsne haben Sie es geradeso
gemacht, daß man nicht wußte, was Sie alles getrieben haben. Wie ein Vagabund treiben Sie sich herum." "Ja,
Vagabunden sind wir allerdings; wir waren ja führerlos da vorne bei Langemarck und haben uns halt so
herumgeschlagen init den Engländern als Vagabunden. Dafür muß man sich so anreden lassen, daß man am liebsten
den Krempel hinwerfen möchte und auf und davon. Wer hat Ihnen denn das Märchen erzählt?" "Der Trägertrupp hat es
mitgebracht. Gerade von Ihnen hat es mich furchtbar gewurmt. Wenn schon Sie davonlaufen, was soll man dann noch
von den anderen verlangen?" "Es ist wirklich zum Davonlaufen gewesen; was einen noch hält, ist jenseits der Pflicht
und der Disziplin, wie sie im Reglement steht. Ich bitte Sie, unseren Major zu fragen über meinen Verbleib." "Es ist
schon gut. Nun machen Sie aber, daß Sie in Ordnung kommen wie Ihre Kameraden! Sie geben so kein gutes Beispiel."
Jin Stiefelputzen lasse ich mir gern von jedem was vormachen. Morgen bin ich mit mir selber schon wieder im reinen,
dann brauchen Sie sich gewiß nimmer zu beklagen. Ich weiß, daß viele meiner Kameraden Ihnen das gleiche sagen
wollen. Wenn man es hinunterschlucken muß, wird nur ein würgender Groll daraus. Sprechen Sie doch einmal vor der
Kompanie darüber!" "Das mache ich morgen; mir gefällt das, daß Sie mit das schildern. Aber ich bin doch kein
Blutegel. Sternbomben und verdammt nochmal, wir ziehen doch alle an einem Karren!" "Ja, Kruzitürken und
Drahtverhau, wir ziehen schon, bloß nicht nach zweierlei Seiten. Es ist nach der einen schon schwer genug."
Da lachten wir uns an. "Sie müssen mir mehr erzählen." "Jawohl, aber so trocken geht das nicht, da wird man heiser."
"Ich lasse zur Abendkost einen Grog machen, dann seid ihr mir gleich besser gewogen, ihr Vagabundensoldaten!"
lachte er und ging gleich mit zur Feldküche, wo ich auch so. fort ein neues Kochgeschirr und einen eisernen Bestand
faßte.
Wie ich zu meinen Kameraden karri, empfingen mich mürrische Gesichter. Die hatten natürlich nach allen Regeln
gekoppt und den Feldwebel richtig durchgelassen. "Einen Grog gibt's heut noch", sagte ich als ZauUrspruch. "Ist's
wahr?" Dann sprangen sie auf und wuschen ihre Geschirre mit Sand ordentlich aus. "Dann ist er anders aufgelegt, der
Kreuzbauer, wie vorhin", meinte der Girgl. "Sein Glück, sonst hätt' ich ihm einmal was gesagt, wie man mit uns
umgeht." Die Stimmung wurde mit einem Male froh lebendig. Ein schwerer Druck wich von den Gemütern. Der Hans
zerlegte mit dem Messer seine Mundharmonika und putzte umständlich daran herum, bis der Sand heraußen war, der
ihm vorne hineingekommen ist. Und von der dampfenden Feldküche kam ein wunderbarer Duft herüber, daß wir
behaglich schnüff elten.
*
Im Dunkel der Nacht lagen wir im Kreis auf der Wiese und plauderten. Ich lag auf dem Rücken und starrte zu den
Sternen hinauf, die vom flimmernden, bleichen Band der Milchstraße durchzogen waren. Das surrende Singen der
Bombenflugzeuge drang schwerfällig herab, und mit geübten Augen suchten wir alle nach den ganz feinen, hauchzarten
Scheinen der Maschinen, die feindwärts da oben, vorn rhythmischen Schlag ihrer Motorenherzen getrieben,
vorüberschwammen. Wie alle Nächte, irrten die bleichen Finger der Scheinwerfer am blauen Dunkel herum. Und
frontwärts zuckte das Geflacker des Mündungsfeuers über den rabenschwarzen Schattenrissen der Dächer und Bäume.
"Hört nur, wie's wieder rumpelt!" sagte der Sepp, "das wird jetzt so weitergehen bis zum Winter, leicht blüht's uns
wieder, daß wir noch einmal an diese Front kommen." Jeder sträubte sich innerlich gegen diesen Gedanken. "Ist das
auch noch ein Krieg, Manner?" fragte der Hans.
Wir verstummten plötzlich. Der Feldwebel kam heran und setzte sich mitten unter uns. "Na, seid ihr jetzt zufrieden, ihr
Knurrsäcke?" "Knurrsäcke?" Wir lachten über diesen komischen preußischen Ausdruck. "Na, noch lang nicht, das war
ja gar nichts; wir sind ja ganz zerlechzt wie ein Wasserschaffl, das seit Johanni in der Sonne gestanden ist", gab der
Martl zurück. "Wir haben schon über ein Jahr lang die Reifen angetrieben, weil wir immer besser
zusammengeschwunden sind bei dem Drittel Kartoffelbarras, jetzt werden sie aber bald ganz abfallen von uns, wenn's
noch lange so weitergeht. Und da sollst noch Großkampf machen? Wir brauchen keine Tanks, bei uns scheppert so
jeder einzelne mit seinen Knochen daher wie so ein Blechkasten." "Gut, dann bilden wir eine Tankkompanie, da mache
ich auch mit."
"Sie können da gar nicht mitscheppern, Herr Feldwebel, Sie gehen besser zur Luftschifferabtellung und lassen sich am
Strick anbinden als Fesselballon, die brauchen so gerade einen, weil s' heute nachmittag einen abgeschossen haben."
Wir brüllen vor Lachen, aber der Feldwebel brüllt mit.
Ach Gott! - wir können ja schon wieder lachen, daß uns der Bauch wehtut. "Allen Ernstes, ihr Brüllaffen, ich gehe jetzt
an die Front und mache einem andern Platz in der Schreibstube. Vor einer Stunde habe ich unseren Major um
Versetzung gebeten, da hat er mich natürlich angeblasen, ob ich verrückt geworden sei. Gibt's nicht! Ihr wißt ja, wie er
ist. Aber ich gehe zum Regimentskommandeur. Das habe ich mir in den Kopf gesetzt; damit basta. Und euch nehme ich
in meinen Zug. Wehe dem, der dann noch koppt!" Wir schwiegen erstaunt, das hatten wir doch nicht erwartet. Der hielt
Wort, das wußten wir. "Aber wo müssen wir denn das hinschreiben?" fragt der Martl, und der Girgl platzt dazwischen:
"Wann wird denn da nachher der Einstand getrunken?" "Wir kommen morgen weg; hinten steht ein Waggon Bier fürs
Regiment. Morgen abend wird angezapft. Ein Hektoliter ist dann frei; aber ich will keine Besoffenen sehen!" "Ah,
wegen dem Tröpferl!" warf der Kare geringschätzig hin. "Gute Nacht dann, Ruhe im Biwah!" "Gut' Nacht, Herr
Feldwebel."
Ich ging ihm nach. "Heute habe ich Ihnen Unrecht getan, Herr Feldwebel.""lch Ihnen auch,wir sind jetzt quitt. Hören
Sie, es ist eine Schande ' daß sich ein Teil unserer Leute gedrückt hat. Mich wundert es nicht, wenn schon der
Kompanieführer das Beispiel dazu gab. Immerhin ist es oben weiter nicht aufgefallen. Ihr habt dieses Mal noch die
Ehre der Kompanie gerettet. Es sind schon so viele Zigeuner mit dem Nachersatz gekommen. Das darf nicht
weiterfressen, der Stoßtrupp darf auf keinen Fall sich da mitreißen lassen. Ihr müßt das gute Beispiel sein in der
Kompanie." "Herr Feldwebel, das hat alles einen tieferen Grund. Die Leute haben den Glauben nimmer an unser Recht.
Es wird soviel gewühlt. Oft ist einem selber, daß man nicht mehr versteht, warum das alles so schwer ist. Um das zu
verstehen, langen die Worte von Pflicht und König und Vaterland nimmer. Das ist ja Hohn, wenn man sieht, wie
ungerecht die Last verteilt ist, Dahinten haben sie leicht daherreden. Und daheim reden sie offen vom Schwindel!"
Dann erzählte ich ihm, wie der Korporal da vorne in seiner letzten Stunde noch fragte, ob er für einen Schwindel
sterben muß.
Er sagte sinnend vor sich hin: "Das ewige Warum. Der Krieg hat ganz tiefe Ursachen. Der ist gekommen wie ein
Unwetter im Hochsommer nach einem schwülen Tag. Warum ist es schwül, wissen Sie das? Warum sind da über uns
die Sterne, wissen Sie das? Ebensowenig wissen wir, warum Krieg ist. Vierzehn haben wir so eine Art Ahnung gehabt.
Da stehen wir eben jetzt drinnen wie in einem Gewitter. Das was wir tun können, ist, zu zeigen, ob wir elend und
erbärmlich sind oder groß und gefaßt. Da - sehen Sie die Sternschnuppen? Drei gleich - schnell, wünschen Sie sich
was!" Dann fuhr er fort: "Da hat es irgendwo da draußen im Weltraum einen Stern zerrissen, und ein paar Trümmer
davon haben wir gesehen. Was kümmert uns das; die Welt geht dadurch nicht zugrunde. Wir sind doch so Illeine
Würmer, aber große Geister könnten wir sein. An der Gefahr erst wird man groß; am gewöhnlichen Leben kommt man
um. Verstehen Sie mich?"
"Das habe ich in diesem Kriege erst verstehen gelernt. Und manches dazu, das einen hinüberhebt über die Grenze dieser
kleinen Welt. Wenn man das jedem sagen könnte - aber man lacht vielleicht darüber." "Daß wir Deutschen doch immer
Erklärungen suchen, die unsere Feinde nicht brauchen. Denen genügt es, zu wissen, daß wir ihnen Konkurrenz machen
- oder der Neid gibt ihnen den Grund zum Kriegführen."
"Für die Gegner langt das als, Kriegsgrund, aber für uns deutsche Simpel nicht. Wir fragen erst noch lang, ob wir ein
Recht dazu haben, zu schießen, oder wer zuerst angefangen hat. Wie die kleinen Buben, die sagen: Der hat zuerst
hergeschlagen', und vergessen, daß aus einem anderen Grund die feindselige Stimmung entstand, die eben einen
anfangen ließ."
"Es muß etwas geschehen, die Leute müssen wieder rangiert werden, wo sie von Rechts wegen selber hinwollen. Gut'
Nacht jetzt!" "Gute Nacht, noch einmal!"
An meiner Hecke schaute ich noch um zur Front und prägte mir das nächtlich furchtbare Zucken des Feuers ein.
Dahindurch sind wir gelaufen - wie oft? Wie oft werden wir noch hindurchmüssen durch dieses Fegefeuer? Wann
einmal haben wir gefehlt, daß dies notwendig ist? Und wann endlich dürfen wir in Ruhe gehen, drüben bei den Erlösten
oder hier? Der Feldwebel darf es wohl bald. Der hatte vorhin ein klares, feines Kreuz auf der Stirn. Der hatte auch
schon den Sinn dieses Lebens erkannt im brüllenden Hochofen der Front und durfte heim - zu den anderen.
Die Taufrische schüttelte mich fröstelnd. Das Loch zu meinem Lager gähnte schaurig finster und verschlang meine
Gestalt im Hinwerfen aufs Stroh. Erst lange danach bin ich hinübergesunken.
Am anderen Tage putzte und werkelte ich an meinem Anzug, und gegen Mittag stieg ich, neu kultiviert, auf den
Lastwagen, der uns 'bis über Thielt hinaus nach Schyfferskapelle rollte. Dort nahmen uns freundliche Flamen ins
saubere Quartier für einige Tage. "In te Klockk" saßen wir an den Abenden und sprachen, weit vom rollenden Wirbel
der Schlacht, über die Erlebnisse vorne bei Langemarek, die uns immer deutlicher im gewöhnlichen scharfen Umriß
greifbarer Tatsachen vor die Augen traten. Noch hatten wir nicht den nötigen Abstand davon. Ein süßes Grauen hat uns
Flandern doch eingeprägt. Es ist doch ein seltsames Land, in dem verwandte Geister uns umwehen.
Der Himmel so fahl,
Flandern wird kahl,
Viel Blut strömt so rot,
Ernt' ein, grauer Tod!
Ein unvergeßlich schöner Marsch führte uns dann in einer bleichen, linden Nacht zur Bahn nach Pitthem. Im
nachtschlaf enen, romantischen Thielt hallte der Tritt der schweigsamen Kolonnen über das Pflaster, und voller
Andacht fing der Hans das alte Leiblied der Kompanie zu singen an:
"O Deutschland, hoch in Ehren..."
So schön hatte es noch nie geklungen. Verschlafene Hemdgestalten blickten aus den Fenstern erstaunt auf die deutschen
Soldaten, die von der brennenden Front kamen und sangen. Und wir selber wurden ergriffen von der Kraft, die immer
noch in uns marschierte von einer Schlacht zur anderen. Uns selber ein unbegreifliches Rätsel, das jenseits der Grenzen
des Verstandes erst lösbar wird.
In Pitthein stand der Zug, reichlich groß genug, unsere Reste aufzunehmen. Und in der Nacht noch fing er das Rollen
an, wie schon so oft: - m-tata, - m-tata, - m-tata...
Hans Zöberlein: Der Glaube an Deutschland
Die Tankschlacht bei Cambrai
Jetzt hat es so pressiert, und nun liegen wir schon zwei geschlagene lange Tage in Busigny. Während wir an unseren
MG.s üben, suchen die anderen das Nest nach Brennmaterial ab, denn es ist bitter kalt. Kein Span Holz ist zu finden,
denn wohl seit Jahr und Tag sahendiese Ort an- und abrückende Truppen in seinen Mass quartieren. Jedes überflüssige
Tor ist längst ausgehängt, und die Zäune zwischen den Grundstücken sind abgetragen und in die Kamine gewandert.
Doch enthebt uns der Marschbefehl weiterer Holzsorgen, und in der Nacht zum letzten Novembertag rücken wir
frontwärts nach Serrain, wo wir uns auf einem Dachboden fürchterlich eng zusammenkeilen. Morgen soll ein großer
Gegenangriff links von Cambrai stattfinden und die Stadt aus der nahen Bedrohung herausschlagen. Unser
Kompanieführer sagt an, daß wir als Reserve bereitstünden.
Ein Angriff von uns? Auf eine feste Stellung der Engländer? Das kann so was werden. Wir glauben nicht recht, daß wir
weit damit kommen. Wir haben ja keine Tanks, die einfach über alles hinwegkriechen können, wie der Engländer bei
seinem letzten Angriff vor ein paar Tagen. Dieses leicht gewellte, völlig nackte Gelände bietet verflucht wenig
Deckung. Man kommt da im Angriff wie auf einem Präsentlerbrett daher. Bitte, bedient euch, Tommys, soviel ihr
Appetit habt. Wir werden ja sehen und wollen auf unser altes Glück vertrauen. Etwas unerhört Neues wird ,ich gewiß
ereignen, Krieg im freien Feld, ohne Drahtverhau und Feuerwalze! Die Kugeln werden zumeist singen, und die
Artillerie wird nicht auf Gräben und Trichter, sondern auf springende Linien schießen. Was morgen kommt, ist ein
Wagnis, eine Probe, ob wir noch angreifen können über freies Feld hinweg ohne die Deckung der Gräben und Trichter.
Es ist just ein Jahr, daß wir das erstemal in dieser Gegend waren. Von dieser Erinnerung her ist sie uns gar nicht
sympathisch. Damals lagen wir höchstens eine Stunde weiter rechts in dem Ort Walincourt und sind von dort aus in die
dreckice Winterstellun der Somme gekommen. Es sind nicht mehr viele in der Kompanie, die damals dabei waren.
Noch vor Tagesgrauen rücken wir ab nach Villersoutreaux. Auch ein bekanntes Nest von früher. Hier haust nur noch
die Front. Zivil ist längst weggebracht. Die Artillerie unserer Division fährt im Trabe hindurch. Hastiges Treiben und
Rennen jagt durch die Straße zur Front im trüben Dämmer des Tages. Dann kehrt Ruhe ein. Wir stecken in den
Häusern-, die englischen Morgenflieger finden ein leeres Dorf. Und doch liegt hier die Masse unseres Regimenits zum
Nachrücken bereit.
Um 8 Uhr wird die Ruhe der Front vor uns vorn tobenden Ausbruch unserer Artillerie grausam zerrissen. Schweigend
horchen wir dem Vorbereitungsfeuer zu. Um 9 Uhr ist es ein schwelender Brodem, der über die englischen Gräben
brandet. Wir wissen, daß jetzt drei Divisionen von uns vorbrechen nach einer knappen Stunde Feuervorbereitung. Das
ist etwas unerhört Neues, denn bisher hat man zuvor tagelang getrommelt, ehe es zum Angriff kam. Gespannt horchen
wir, es scheint zu gelingen, allmählich rollt das Feuer weiter. Da springt gegen 10 Uhr unser Berliner vom
Bataillonsstab heran: "Antreten, die erste Stellung ist genommen!" Elektrisiert rumpeln wir auf, und wenige Minuten
später marschieren wir frontwärts mit einem Gewimmel aller möglichen Truppen und Munitionskolonnen. Unser MG.Wagen und die Feldküche fahren in der Kolonne mit. Das Artilleriefeuer wird vorne immer schwächer, und das
prasselnde Knattern des Infanteriefeuers hat sich weit entfernt.
Le Catelet wird passiert. Die ersten Leichtverwundeten begegnen uns. Sie machen zuversichtliche Gesichter. Schon
heulen die ersten Granaten heran an die breite NationalStraße, von der wir abbiegen auf einen zerschossenen
Trümmerhaufen in der Senkung des Geländes. Ganze Scharen gefangener Tommys begegnen uns. Viele Schottländer
mit ihren kurzen Röcken sind darunter; die meisten sind trotzig und verbissen. Sie sind alle schön glatt rasiert gegen uns
bartstoppellge "Huns" und tragen kokett ihre Waschschüsseln auf einem Ohr. Besonders stolz sind die englischen
Offiziere, für die unsere Kolonne Luft zu sein scheint. Gestern waren sie noch stolze Sieger über die "Germans", und
heute gehen sie in Gefangenschaft. Aber wie auf einmal eine Rollsalve schrillend über uns weg, dicht neben der Straße
einhaut, verlieren die Tommys ihre stolze Haltung und schlagen einen prächtigen Schweinstrab an.
Unsere Kolonne wird auseinandergezogen, wir sausen im Laufschritt durch den Trümmerhaufen einer Ortschaft und
überschreiten die unter Feuer liegende Brücke des St. Quentin-Kanals. Im Schilf und Gestrüpp der Senkung eines
verwahrlosten Flußlaufes, der Schelde, lagern wir bei der Feldküche und nehmen unser MG.-Gerät vom Wagen. Wir
sind im Bereich der alten deutschen Stelluncy. Der eben passierte Ort, in den ununterbrochen weither winselnde
Granaten fallen, ist Honnecourt.
Unsere nagelneuen leichten MG.s werden heute das erstemal ins Feuer kommen. Liebevoll ölen wir Schloß und
Gleitvorrichtung noch einmal durch und stecken die Trommel mit den hundert Patronen an. Neugierig sind wir, wie wir
uns damit anstellen werden, noch dazu im Angriff.
"Auf! Marsch!" Der jenseitige Steilrand des Flußbeckens wird erklommen. Zerschossene Stellungsgräben und
zerknüllter Drahtverhau werden überschritten, die erstürmte englische Stellung. Wir wundern uns, wie dürftig diese
Stellung ist, in der alles mögliche Gerümpel an Waffen und Zubehör herumliegt. Der erste tote Feind liegt mit
ausgestreckten Armen und Beinen am Weg, gerade so, als hätte er es sich recht bequem machen wollen. Irgendeiner,
der Zeit hatte, hat ihm die Stiefel ausgezogen.
Eine breite Mulde nimmt uns auf, über der die Wolken von Schrapnellen stehen. Einzelne Gefallene von uns liegen im
dürren' gelben Gras. Feldgeschütze stehen offen aufgefahren neben der zerzausten Hecke einer Straße. Jetzt protzen sie
auf und jagen im Trab weiter nach vorne. Wir schauen groß über das unerwartete Schauspiel. Das ist Offensive, es geht
vorwärts, vorwärts. Gut 1 km weiter rechts ziehen massice Kolonnen Infantirie feindwärts wie wir. "Das ist unser altes
Reserve-Regimen", sagt unser Leutnant. Wäre das ein Futter für die englische Artillerie! Nie hätten wir geglaubt, daß
so etwas am hellichten Tage an der Westfront möglich wäre, noch dazu jetzt im vierten Kriegsjahr.
Die feindliche Artillerie ist recht bescheiden und kleinlaut. Wir hätten einen anderen Empfang erwartet. Der Engländer
muß bös überrascht worden sein. Einige tausend Meter weiter rechts hat die Tage her ein Höllenfeuer getobt, und hier
gegenüber hat Tommy keine Artillerie mehr. Lange Reihen Gefangener schleppen Verwundete nach hinten. Die zweite
englische Stellung wird überschritten. Sie ist fast unversehrt geblieben von unserem Feuer. Aufgerissene
Ilandgranatenkisten mit schwarzen Eiern stehen dutzendweise darinnen. Die Gräben sind noch gar nicht alt, und das
Drahtgespinst davor ist noch ganz frisch. Sie müssen glatt überrannt worden sein.
Von der Bodenwelle vor uns ragt das Gemäuer von Ruinen, aus denen der Rauch eines Brandes qualmt. Das ist VillersGuislains, unser nachstes Ziel. Um eine zerstörte Ortschaft weiter rechts lärmt das Geknatter und Gehämmer eines
heftigen Infanteriekampfes. Wir schauen vom erstiegenen Kamm der Bodenwelle weit in eine kilometerbreite Mulde, in
der es von winzigen Pünktehen wimmelt. Dort ist das Gefecht im Gang. Der Ort dahinten am Horizont muß Metz-enCouture sein, und das Nachbardorf von Villers-Guislains, das so deutlich nahe liegt, ist Gouzeaucourt. Alte, bekannte
Namen. Vor einem Jahr sind wir durch diese noch nicht zerstörten Ortschaften marschiert, und jetzt werden wir uns hier
herumschießen mit den Engländern. Wer hätte sich das träumen lassen damals?
Fffiiu - ffiuu - trumm - trumm! Die Kolonne beginnt zu hasten. Ffiiu - ffiiu. Wir rennen in einen Hohlweg und werfen
uns an den Hang. Eine Abteilung unserer Feldhasen prescht auch herein und bleibt in aufgeschlossener Reihe hier
stehen. Ein Gegenangriff soll im Gange sein. Ffftt... ffftt - Donnerkeil, das geht ja knapp vor uns in den Dreck. Ffft -ffft
- ffft - trummrummrrumm, Brocken und Erde prasseln. Wahrscheinlich haben sie drüben die Kolonne mit den
Geschützen gesehen. "Linksum - marsch!" rufen sie durch die kauernden Haufen, Gott sei Dank! Es geht weiter, durch
die Ortschaft. . der Straßenkreuzung steht ein englisches MG. in einem Haufen Patronenhülsen, und die Bemannung mit
eingeschlagenen Schädeln liegt daneben, lauter Offiziere. Aha, von hier aus haben sie die Mulde, durch die wir kamen,
wunderbar abstreichen können. In der Eile erkläre ich schnell meinen Schützen, wie vortrefflich diese Stellung war. Nur
nicht stehenbleiben dabei! Fff - ffft - Steingeröll spritzt aus den Mauertrümmern nebenan, Dampfschleier verbergen die
vor uns Hastenden. Ffft - tt - wrumm, wrumm, wrumm! Das sind Bröckerl! "Daher, daher, geradeaus! Schnell, daß wir
'rauskommen!" Da liegen ein paar unkenntlich im Dunst auf der Straße, einer dreht sich langsam zur Seite und krümmt
sich wie ein Wurm, dann stößt er einen wilden, schrillen Schrei aus, daß mir ein Schauer durch die Haut fährt, Weiter!
Ffft - ffft - wrumm -! Wir haben uns gedankenschnell an ein Stück Gemäuer gepreßt, das von den Stößen der
Einschläge schwankt, und in hilfloser Einfalt stemme ich mich dagegen, daß es nicht umfallen soll. Zwischen den
Ruinen stehen erbeutete schwere englische Geschütze' "Weiter! Ist alles da?" Wir sind noch beisammen und rennen
Über Schutt ' Geröll und einen Haufen weggeworfener englischer Gewehre ins Freie hinaus.
Ein Hohlweg, durch den wir hasten, steckt voller Verwundeter und Minenwerfer. Gefangene Tommys mit stup'den
Gesichtern kauern und lehnen zwischen riesigen Stapeln von englischen Geräten und Patronenkisten. Vor uns brodelt
ein wahnsinniges Feuer der Infanterie und ein endloses Rattern der MG.s. Schwärme von singenden Geschossen jagen
um unsere Köpfe. Weit kann es nicht mehr sein. Da - plötzlich halt! "Zehnte Kompanie vor!" Aha, jetzt geht's auf.
Diesmal sind wir die ersten. Und solch ein ungemütliches Feuer um die Ohren. Der Engländer hat einen Gegenangriff
von Epehy her gemacht und die Flanke der Preußen vor uns eingedrückt, hören wir. Wir sehen das Trümmernest nicht,
es soll halblinks voraus in einer nicht einzusehenden Mulde liegen.
Da steht eine ganze Reihe Feldgeschütze von uns im Hohlweg. Rad an Rad, die Pferde daneben. Sie beginnen ein
langsames Feuer-. "Schrapnell-Brennzünder 600!" höre ich rufen, ein märchenhaft kurzes Feuer. Da schreit unser
Zugführer, der eben von einer Besprechung kam: "Zum Angriff fertigmachen, Seitengewehr pflanzt auf! MG.s voraus
als erste Welle - marsch! Richtung - die Häusergruppe halblinks" - die wir vorläufig noch nicht sehen. So etwas haben
wir schon ewig lange nicht mehr gehört und schieben und ziehen einander etwas beklommen über den Steilrand des
Hohlweges hinauf.
Vor uns tobt das Gefecht. Gestalten springen kreuz und quer, man kann nicht recht erkennen Freund oder Feind. Und
von links heran aus der Flanke kommt ein Gewimmel brauner Gestalten, vielleicht 500 in noch entfernt. Dagegen
springt eben eine andere Kompanie aus dem Hohlweg heraus. Gut 100 in voraus ist der Aufwurf eines Grabens zu
erkennen, darauf rennen wir zu im Knallen und Pfeifen wirrer Kugelschwärme. Mein Richtschütze, der Heiner, ist
neben mir und schreit nach hinten zu den anderen: I'Marsch - marsch, saust, Krummstiefel, saust!" "Richtung
einhalten!" brüllt unser Feldwebel, der mit der zweiten Welle dichtauf folgt. Zi, ziu, päng, ziu - tsiänng, haut es höllisch
noch vorbei. Das ist uns direkt vermeint. "Jetzt wird's warm."
"Der Tommy - links - der Tommy! - Achtung - daher, Stellung!" brülle ich und haue mich hinter einen Aufwurf eines
Schützenloches, in dein ein toter Preuße liegt, gleich daneben zwei Engländer. Kaum ist der Heiner mit der Spritze da,
peitscht eine Garbe englischer MG.s den Rasen und wirft unsere Linie zu Boden. Das kommt direkt aus der Flanke. Wir
stoßen die Gabelstütze in den harten, trockenen Lehmboden, und dann liege ich fiebernd und keuchend vom Laufen und
visiere eine Reihe von Erdaufwürfen an, hinter denen sich diese ekelhaften braunen Stahlschüsseln der Engländer
bewegen. "Los, schau nicht so lang, oder laß mich hin!" drängt der Heiner. Da habe ich schon einen Aufwurf am Korn,
hinter dem drei Engländerdeckel eng beisammenstehen und ein feines RauchWölklein aufsteigt von einem MG., und
ziehe ab. Wie ein dröhnender Hammer schlägt mein MG. los. Punktfeuer! ich sehe nicht mehr viel vor blauem
Pulverrauch, aber drüben sind die drei Deckel verschwunden, und der Dreck ist von meiner Garbe aufgestäubt. Das geht
ja ausgezeichnet. "Patronen her!" Ein neuer Gurt kommt dran. Mit dem bürste ich die ganze Reihe der Aufwürfe drüben
ab, daß es nur so staubt. Die springenden Gestalten sind verschwunden, nur bei einem Gebüsch steht ein ganzer Knäuel
Engländer, wartet einmal. Da halte ich mit Punktfeuer hinein und sehe alles durcheinanderpurzeln und in alle Winde
springen. "Ah, fein, fein!" lacht der Heiner mir ins Gesicht und füllt schnell Wasser nach. Unser Dampfschlauch zischt
weiße Wolken aus, schnell eine Handvoll Dreck drauf, das verrät uns sonst kilometerweit. Prachtvoll springen unsere
Gruppen vor: "Sprung - auf, marsch, marsch!" - und von Villers-Guislains her werfen sich die breiten Schwarmlinien
unserer anderen Bataillone ins Gefecht. Ein brausendes Hurra beginnt durch die Linien unseres Regiments zu
erschütternder Gewalt aufzubranden - überall stehen mächtige Linien auf und rennen vor. "Schnell, Heiner, Dauerfeuerl
Nicht davonlassen!" Und mit hämmernder Wucht schlägt unser Feuer in den fliehenden Feind und wirft ihn zu Boden.
Drei, vier MG.s hageln Vernichtung. Da strecken sich unzählige Hände hinter den Aufwürfen hervor; wir stoppen, und
mit erhobenen Händen steigen die Engländer aus ihrer Deckung den anstürmenden Linien entgegen. Ein kurzes
Durcheinander, dann ziehen die Reihen der Tommys nach hinten.
Der Abend verdunkelt das Gelände. Wir sammeln und sehen dem Vorrücken unserer anderen beiden Bataillone in die
einsinkende Nacht eine Weile noch zu, dann rücken wir nach. Wir sind Reserve. Unser Korripanieführer lobt unser
MG. über den Schellenkönig, und wir selber sind unbändig stolz, gleich mit solcher Wirkungskraft eingegrffen zu
haben. Zwei Mann der Kompanie sind gefallen, und ein gutes Dutzend soll verwundet worden Sein, Wir haben gar
nichts davon gemerkt. Der Gustl, der auf eine Welle verschwunden warl taucht auf einmal mit einem Armvoll Cornedbeef-Büchsen auf, verteilt unserer Bedienung englische Zigaretten und läßt jeden aus einer nagelneuen englischen
Aluminiumflasche einen brennend scharfen Schnaps trinken. Gerade, wie er wieder mit dem Ludwig auf einen neuen
Beutezug aus will, müssen wir leider weiter. Wir trösten uns mit zukünftigen Gelegenheiten.
*
Wir sind schon ein gutes Stück im angebrochenen Dunkel marschiert in langer Kette zu einem. Neben uns ist die
Artillerie nachgerückt bis an die ersten Häuser von Epchy heran. Da fahren fast zwei Regimenter Artillerie
nebeneinander auf, das unsere und ein preußisches mit je vierundzwanzig Geschützen. So etwas macht uns von der
Infanterie Mut und stärkt die Zuversicht. Der Engländer muß im Laufen sein, Schade, daß die Naebt dazukam. Seine
Artillerie hat sich in Schweigen gehüllt, nur einige Ferngeschütze schießen nach hinten auf die Straßen. Düstere Brände
glühen weitverstreut im Gelände. Die Romantik alter Feldschlachten steht noch einmal auf.
Unser Bataillon ist in Richtung auf Metz-en-Couture abgebogen in eine weite Mulde. Hier soll eine Lücke beim
Vorgehen entstanden sein, die wir abschließen sollen. Einige halbverfallene, seichte Gräben aus früheren
Stellungszeiten ziehen wirr durch die Gegend. Fast über eine Stunde lang sind wir schon gelaufen und sind noch
nirgends auf Leute von uns gestoßen. Das Bataillon hat nach keiner Seite mehr irgendeine Fühlung. Uns kommt das
unheirnlieh vor. Rechts muß unsere Front weit zurückliegen bei Gouzeaucourt, und links von uns scheint in Epehy der
Engländer sich erneut festgesetzt zu haben. Ganz verdächtig ist, daß eine deutsche Batterie von weit hinten schwere
Schrapnelle gut 800 in hinter uns verknallen läßt. Es wird äußerste Stille befohlen und ein seichter Graben bezogen.
Patrouillen fühlen nach allen Seiten. Einer der kritischen Momente einer Schlacht ist eingetreten. Flüsternd meint unser
Feldwebel zu mir, daß wir längst durchgebrochen sind, wir sollten noch diese Nacht, nein, diese Stunde noch einige
Divisionen durch dieses Loch vorwerfen können, dann fliege die ganze Front auseinander. Er ist aber nur ein Zugführer
und hat nichts weiter zu reden, weil er das nicht versteht. Eine der in allen Schlachten winkenden Möglichkeiten zu
ungeahnter Entwicklung der Dinge wartet. Es ist eine Frage der Kraft und des kühnsten Entschlusses. Moderne
Feldherren sind zu weit ab im weitgespannten und tief gegliederten Schlachtfeld, um solche Augenblicke der Gunst
packen zu können. Das uns bekannte Ziel ist ja nicht das eines Durchbruches, sondern ein Entlastungsstoß für Cambrai.
Wir sind noch zu sehr in die Schwerfälligkeit der Materialschlachten durch lange Gewohnheit versunken, daß uns eine
Bewegung im freien Feld, wie heute, ungeheuerlich erscheint. Dieses In-der-Luft-Hängen, wie unser Bataillon es eben
durchkostet, sind wir nicht gewöhnt. Wir fühlen uns nur sicher in starrer Linie mit gutem Anschluß beiderseits und mit
einem wohlgeordneten Verteidigungssystem dahinter.
Das spüren wir in dieser giftbrütenden, verderbenschwangeren Nacht mit unheimlich geschärften Sinnen, die fieberhaft
in das Ungewisse unserer Lage zu tasten suchen. Grell grünlich mit einem doppelten Hof steht der Mond oben. Frost
macht unsere Hände starr und blau, und die Kälte kriecht an unseren Beinen aus dem Boden empor. Ich hätte mir gerne
einen Schluck Kaffee warm gemacht, aber ich weiß nicht, ob nicht jeden Augenblich Befehl - da - unser
Kompanieführer kommt mit seinen Ordonnanzen eben vorbei und sagt leise an: "Alles nach rechts abrücken, mir nach!"
Da trappeln wir schweigend durch den gewundenen, verfallenen Graben, bis auf einmal ein frisch ausgehobener neuer
Graben quer durchschneidet, in den wir abbiegen und nach einiger Zeit anhalten und Front machen. Wir müssen erst
nachdenken, welche Grabenseite nun eigentlich Front sein könnte, denn ein feiner Nebel kriecht über die Gegend heran
aus einer breiten Mulde hinter uns. Ganz weitab flackern Leuchtkugeln und hallen Schüsse der Posten. Unglaublich
schweigsam ist die Artillerie auf beiden Seiten. Nur rechts von Cambrai her brummelt das Feuer der Geschütze, und
einige Zeit lang feuert eine einzige englische Batterie, eine einzige weitum, deren Granaten hoch, flüsternd nach hinten
ziehen.
"Spaten 'raus, Gewehr einbauen!" ordne ich an. Aber bald lasse ich die Arbeit einstellen, ich glaube, daß wir morgen
nicht mehr hier sein werden. Wenn man sich nur auskennen würde! Mitternacht ist vorüber. Die meisten hocken am
Boden und schlafen ein wenig. Patrouillen von uns sind ausgeschickt, gespannt lauschen die Posten, denn da links
voraus, wo wir vorher in der verfallenen Stellung lagen, kommt Geschrei und wirres Schießen, von dunklen Schlägen
der Handgranaten durchbrochen. Dann ist Ruhe. Vor uns rennen einige Schatten im Dunst des feinen Nebels. "Halt!
halt! Wer da?" "Nicht schießent Kameraden!" Einige Preußen kommen herein. Sie erzählen, daß sie von Gouzeaucourt
herkämen, plötzlich von Engländern umzingelt gewesen seien, die den Rest ihrer Kompanie im Nebel überrumpelt und
geschnappt hätten. "Mensch, war das ein Verhau - alles besoffen herüben und drüben! In Gouzeaucourt gibt's aber die
Menge von Wein, Seht und alles, was du dir denken kannst. Am Nachmittag haben wir einen ganzen Eisenbahnzug
gestürmt mit Marketenderwaren. Da liegt alles nur so 'rurn, jeder holt sich, was er braucht, Tommys und die Unseren;
es wurde bislang nicht aufeinander geschossen. Gemeinheit, uns so zu überfallen, scheinen neue Truppen gewesen zu
sein." In einem Atemzug schnatterte einer der Preußen das heraus und seufzte noch einmal: "Mensch, diese Beute!
Solch ein Fett!"
Nach einigein Hinundherfragen brachten wir heraus, daß Gouzeaucourt von keinem der Teile besetzt sei. Es wäre in der
Ortschaft nur ein wafferiloses Treffen von Engländern und Deutschen zum Plündern. Wir denken, daß die Preußen
richtig aufschneiden, und glauben nicht daran. Da stolpert aber wieder einer von vorne daher. Der ist von unserer
zwölften Kompanie. Keuchend erzählt er, daß er mit einer Patrouille in dem Ort war, daß viele besoffene Engländer
drinnen seien und Verbrüderung mit unseren Leuten feiern. In einem Keller sei eine unheimliche Sauferei, lauter
Champagner würde getrunken. Jetzt wird's aber lustig. Da sollte man doch nachsehen. Mit einem Male ist unser
Kompanieführer unter uns: "Was gibt's denn da?" Er hört kopfschüttelnd die Märchen an und geht mit den Preußen den
Major suchen.
"Eine starke Patrouille zur Klärung der Lage nach Gouzeaucourt. - Stoßtrupp und ein MG." "Wollen Sie mitgehen?"
fragt mich der Kornpanieführer. "Freilich, Herr Leutnant, ich bin selber neugierig!" "Jeder einen großen Sack
mitnehmen zum Einfüllen", schlägt beutelüstern der Heiner vor. Noch kichernd über so eine feine Aussicht, stolperten
wir los zur "Champagnerpatrouille".
Dürres, krachendes Gras hing voll Reif. Gute Sicht ließ uns die Ruinen des Ortes bald erkennen. Ein Feldweg schnitt
unseren Weg, an dem umgestürzte Protzen und zwei englische Geschütze in einem Haufen von Kartuschen standen. Ein
Anblick, der Infanteristen kühn berauscht. Tote Pferde und gefallene englische Kanomere lagen ein Stücklein weiter an
Trichtern. Alles mögliche Gerümpel wird übergangen, ein toter Deutscher liegt quer den Weg sperrend am Rücken.
Zögernd rücken wir näher an die ersten Ruinen heran und verhalten. Ich beratschlage flüsternd mit dem Hans, daß wir
den Weg verlassen und einen Bogen nach links schlagen, um die ersten Häuser herum, um nicht gerade englischen
Sicherungen am Wege in die Hände zu laufen. Er ist der gleichen Meinung und biegt mit dem Stoßtrupp ab, hinter
welchem wir sichernd nach beiden, Seiten folgen, jederzeit gewärtig, das MG. zum Feuern hinzuwerfen.
Halt! Das sind doch Schritte und Stimmen? Von hinten her kommt das, so halbwegs aus der rechten Flanke. Leises
"flalt - halt!" geht durch unsere Reihe, die in den Boden versinkt. Es kommt näher - und jetzt hört man deutlicher das
Knirschen von Stiefeln auf dem von uns verlassenen Weg. Ein gespenstisch ergreifender Zug naht, schwankende
Bahren auf schaukelnden Schultern ziehen vorüber, und hinkende Gestalten laufen nebenher, auf andere gestützt. Ein
Zug Verwundeter - Engländerl "Soll ich schießen?" haucht mir gepreßt der Heiner ins Ohr und setzt den Kolbenschaft
ein. "Nicht! - Durchlassen!" "Durchlassen!" flüstert es durch die Kette, die in lauernder Spannung am Boden liegt, bis
der düstere Zug vorüber ist wie eine Geistererscheinung.
Ich springe geduckt zum Hans. "Hast sie gesehen?" "Ja, da muß hinter uns noch eine englische Linie liegen, sofort
melden, drei Mann vorläufig zurück, wir schauen noch ein Stück weiter!' Drei Schatten huschen rückwärts, und im
prickelnden Reiz dieser seltsamen Lage pirschen wir uns vorsichtig an eine noch ziemlich gut erhalterie Häusergruppe
heran, die die einzigen Dächer in dem Getrümmer hat. Sie scheinen leer zu sein. Geplünderte englische Wagen stehen
neben dem Rest einer Gartenmauer, ein riesiger Stapel Granaten liegt auf der anderen Seite. Hier muß ein Kampf getobt
haben, denn alle möglichen Dinge des Krieges sind wirr unter eine Reihe toter Deutscher verteilt, ein schweres MG.
steht mit offeneni Kasten daneben. Zuführer und Schloß fehlen. Tote Engländer liegen in einem großen Trichter, bei
dem wir uns alle sammeln. Einem von ihnen nehme ich die blecherne Kanone von der Mütze ab.
Der Ort scheint ausgestorben zu sein. Nur einmal hören wir verwehtes Stimmengewirr, wissen aber nicht, woher das
kommt. "Wo gibt's denn da den Champagner?" meinte kichernd der Heiner. "Ich möchte mein MG. einmal mit
Champagner statt mit Wasser auffüllen, das soll auch einmal eine Freude haben." "Halt 's Maul, Aff', da herum riecht's
nach Blut - nicht nach Sekt!" Wir kamen überein, daß wir die Häuser ein wenig durchsuchen wollen und dann
umkehren. Durch einen verwilderten Garten krochen wir an das nächste Haus heran. Es hatte keine Fenster mehr, und
innen war ein verwahrlostes Durcheinander, das wir als Überreste eines früheren deutschen Quartiers erkannten, durch
das geschäftig pfeifende Ratten raschelten. Wieder war uns, als hörten wir ein Stimmengemurmel, unheimlich drohend
wie das unterirdische Grollen eines Vulkans, auf dem man steht. "Was ist das?" fragte mich bedrückt der Girgl, der
eben ums Haus herum zu mir gestoßen war. "Da muß ein Keller irgendwo sein", meinte der Martl. "Ein Weinkeller!"
ergänzte der Heiner, der absolut von seiner Idee nicht abließ. "Los, zum nächsten Haus nebenan, es können ja ebenso
Deutsche hier sein, Tote liegen ja herum! Nicht so lange zögern!"
Gebannt bleibe ich mit einem Male stehen. Diesmal habe ich mich sicher nicht getäuscht. Stimmen kommen aus dem
Hause, das wir eben umstellen. "Hörst du's?" tuschle ich dem Hans ins Ohr, und er nickt bejahend. Da lehnen einige
Fahrräder an der Mauer neben einem Eingang. Die Fenster sind von innen sorgfältig abgeblendet. "Vorsieht, Vorsicht,
Engländer!" mahnt der Hans. "Horch, sie singen!" Wir sind baff, was singen die? "Unter den Brücken von Paris", den
Schlager, den wir so oft in Brügge von den Matrosen hörten. Das sind freilich die Unsern. "Los, nicht lange schauen!"
sage ich unbekümmert laut und trete polternd in den finsteren Gang des Hauses, stoße an einige an die Wand gelehnte
Gewehre, die umfallen, und bin augenblicklich von einem Lichtschein geblendet, der aus einer plötzlich geöffneten Tür
fällt, in deren Rahmen einer wie aus dem Boden gewachsen steht mit einem Armvoll Teller - ein Engländer. Tödlich
erschrocken, aber blitzschnell gefaßt schlage ich mit meinem Karabiner dem fassungslos versteinerten Engländer von
unten den Stoß Teller aus den Pfoten, daß schrill die Scherben klirren, und trete ihm wutbrüllend vor den Bauch, daß er
rücklings in das Zimmer fliegt, aus dem wirres Geschrei jäh das Singen unterbricht. Mit einem Blick umfasse ich die
überraschte Tischgesellschaft von einem halben Dutzend englischer Offiziere, die entgeistert in die über meine
Schultern vorgereckten Mündungen der Karabiner meiner Kameraden starren und auf mein "Hands up" zögernd die
Arme einporheben. "Raus!" herrscht sie der Hans an, und wir treten zur Seite.
Das ist ja ein prächtiger Fang, ein ganzer regelrechter Stab scheint das zu sein! "Karten, Befehle suchen!" schreit der
Hans und rennt umher, den Tisch umwerfend, findet aber nichts. Ein Wirrwarr entsteht augenblicklich, ein paar von uns
haben eine Küche entdeckt und plündern. "Hans, magst einen Schnaps? Da, steck ein!" schreit mich der Kare an. Ich
packe ihn aber beim Kragen und brülle: "Raus jetzt, zurück!" Wir sind alle übergeschnappt von dem unerwarteten Fang.
"Wer hat die Gefangenen?" schreie ich und bin erstaunt, daß der Heiner in eiserner Zucht mit den zwei anderen
Schützen des MG.s die Engländer hinausführt. Der Girgl schmiert einem von den Jungen, der gerade aus einer Flasche
saufen will, eine knallende Tachtl und schiebt ihn hinaus ins Freie. "Seids nicht stad, ös Hammeln - schleunigst kehrt
marsch!" - herrscht der Hans die Jungen an, die gerade ein Freudenomesehrei anheben wegen der Beute. "Los,
Schweinstrab!" dränge ich, und dann fällt mir ein, daß vermutlich ein anderes Zimmer im Haus die Karten und
wichtigen Befehle birgt. Noch einmal zurück? Nein, es geht nicht mehr. Gefährlich drohend erkenne ich unsere
unglaubliche Lage. Wir müssen weit hinter den englischen Posten sein. Wenn wir nur wieder gut durchkommen. Den
Heiner und den Martl schienen gleiche Gedanken zu bewegen, denn sie sagten zweifelnd -. "Gefangene haben wir
gemacht, sind aber selber gefangen."
Da kommt der Hans daher und sagt ganz erregt: "Girgl? Wo ist denn der Girgl?" "Vorne bei den Gefangenen." "Woher
denn, der fehlt, halt, halten!" Der Girgl fehlt? Wirklich! Wir müssen noch einmal zurück. Es kann sein, daß wir die
ganze uns unbekannte Gegend alarmiert haben. Wo nur der Girgl steckt, es ist doch kein Schuß gefallen vorhin?
Hastig suchen wir die Strecke ab. "Girgl? - Girgl?"
Keine Antwort! Da gähnt der Eingang des eben geräumten Hauses, vielleicht ist er noch drinnen. "Girgl?"
Unheimliches Schweigen, das mir den Hals zuschnürt. Wenn wir nur schon wieder glücklich bei der Kompanie wären!
Der Kare hält mich am Arm zurück: "Psst - Tommys!" und deutet rechts ab. Wirklich, dort stehen zwei rauchende
Engländer und reden auf einen Dritten ein, der am Boden liegt. Und auf einmal stehen noch zwei Engländer daneben,
die anscheinend schwer besoffen sind, so wackeln sie zusammen. "Nicht schießen! Ich bin's!" sagt einer von ihnen, daß
die anderen Tommys sich umdrehen und uns sehen Das war der Girgl, der Stimme nach: wahrhaftig, er hat nur einen
englischen Stahlhelm auf. "Come along, old friend! Kamerad - Krieg aus - nix bum, bum - Fritzi!" sagt ein Engländer,
und der Girgl echot: "Nix bumbum, Krieg aus!" Das ist ja eine ganz gemütliche Gesellschalt, denken wir und kommen
vorsichtig lauernd näher. "Meine Kameraden, nix bum-bum, Tommys", versichert ihnen der Girgl wieder, und ich gehe
auf ihn zu und sage leise"Los, Girgl!" "Geht nicht ' der ganze Keller hockt voller Engländer, ein Schritt, und ich bin
erschossen." Ich sehe, daß die Engländer keine Gewehre haben, sondern Pistolen. "No, nix bum-bum, Kamerad", sage
ich, und einer der Engländer legt mir den Arm auf die Schulter und gröhlt: "Krieg aus - Fritzi - Krico, aus!" "Krieg
aus!" brülle ich zur Antwort, gebe ihm aber einen pfundigen Stoß, daß er hinfällt, wie er nach meinem Karabiner greift.
"Martl, auf geht's!" schreie ich dann, denn ein anderer Engländer hebt plötzlich seine Pistole auf mich zum Anschlag.
Sie sind alle schwer besoffen, merke ich, und trete dem einen in den Bauch, daß er einknickt und lakonisch "Ou - ou"
sagt. Da wirft auch der Girgl einen Tommy nieder, der Marti haut einem anderen schnell noch den Karabiner Ins
Gesicht, und dann sausen wir über Stock und Stein davon. Aha, jetzt funken sie uns nach. "Nur zu, die treffen heut
nichts mehr mit solchen Kanonenräuschen", sagt der Girgl lachend. Schnell erzählt er daß einer von unseren
Gefancenen sich im Wirrwarr gedrückt hätte und er ihm schnell nach ist bis zum Haus, da hätten ihn auf einmal ein paar
Engländer beim Fuß gepackt, daß er hinfiel, und ihn in einen Keller gezogen, in dem eine total besoffene
Engländerbande gesessen sei. Sie haben ihm gleich eine Flasche hingehalten zum Saufen, und da hätte er das erstemal
in seinem Leben einen Champagner erwischt. Nur durch seine Verbrüderei mit den Engländern sei er wieder an die Luft
gekommen, er hätte ihnen versprochen, uns auch zu holen, und da wären wir gerade dazugekommen.
Hinter uns ist es in der Ortschaft lebendig geworden Leuchtkugeln steigen über den feinen Morgennebel. Es ist schon 4
Uhr. Horch! Das Trappeln vieler Füße kommt irgendwoher. Eine marschierende Kolonne. Das müssen anrückende neue
Truppen sein, meint der Hans, ein Zeichen, in welcher Lage wir uns befinden. Auf einrnal stößt einer einen
langgezogenen Ruf aus, der weithin gellt. Das kommt von den Gefangenen. Schon wieder. Antwort gellt. Leuchtkugeln
schwirren. "Wer war das, der gerufen hat?" Der Martl sagt wütend: "Derschlagts sies doch gleich!" Und ich mache den
Engländern verständlich, daß beim nächsten Muckser unser MG. weiterredet, Unwillig gehen sie mit. Sie hofTen
wahrscheinlich, durch Verzögern eine Möglichkeit ihrer Befreiung herbeizuführen.
Zum Reißen gespannt stieren wir in das Dunkel vor uns, aus dem uns bei jedem Schritt Feuer ansprühen kann.
Instinktiv sind wir rechts ausgebogen, denn von Zeit zu Zeit fahren links von uns Leuchtkugeln hoch. Ein alter,
verfallener Graben kommt quer, den wir nicht erwartet haben. Dem Kompaß nach müßten wir Irnks halten. Plötzlich
taucht ein Bahngeleise aus dem Nebel. Ein Bahngeleise? Wir haben doch im Herweg kein Geleise überschritten.
Hinüber! Mir kriecht ein fatales Brechgefühl zum Hals herauf. Wir müssen uns verlaufen haben. Diese verdammten
Leuchtkugeln haben uns irr gemacht. Ratlos halten wir drüben an. Es gibt nur eine Möglichkeit, dem Kompaß nach aufs
Geratewohl ostwärts zu gehen.
Der Hans geht mit einigen Leuten als Spitze voraus. Mir schwant, daß wir doch durch den weiten Bogen den nach uns
suchenden Engländern entkommen sind. Jetzt gilt es nur, unbemerkt durch eine Lücke hinüberzukommen, was mir
nicht schwer scheint, denn in dein Raum, den wir jetzt durchschleichen, ist es schon immer dunkel und regungslos
gewesen diese Nacht. Der Mond ist verschwunden, lauernd schwarzes Dunkel. umgibt uns, nur das bereifte Gras
knistert zu unseren Füßen. Fast fallen wir in die unerwartet gefundene Rinne eines verfallenen Grabens, in der wir
ratschlagend verharren. Kein Teufel weiß, wo wir sind. Teilnahmslos hocken die Gefangenen im Graben. Mit einem
Male sagt einer von ihnen gut deutsch: "Ihr habt euch verloren, ihr kommt nicht durch." "Kümmert euch nicht, es ist
nicht mehr weit." "Sehr weit noch, ihr werdet gefangen sein von unseren Soldaten jeden Augenblick. Wenn ich rufe,
werden sie nicht schießen," "Kein Wort, sonst bist hin!" Der Hans, der ein Stück weiter gegangen war, kam zurück und
sagte, daß die Gegend sauber sei. Also los! Es ist 5 Uhr geworden.
Totenstill ist es und rabenfinster. Der Nebel hat sich gelegt und einen Reifhauch niedergeschlagen. Glucksend höre ich
das Schwanken des Wassers im Kühlmantel unseres MG.s. Wieder ein verfallener, alter Graben. Der Hans behauptet, es
sei derjenige, in dem wir gestern vor -Mitternacht lagen. Der Girgl sucht nach Spuren. Erde ist frisch abgetreten, und
dann findet er einen Gurt deutscher Patronen. Es kann stimmen. Aber dann ist höchste Gefahr um uns. Bei jedem
Schritt können wir auf Engländer stoßen. Die Spannung erwarteter Gefahr packt uns. Leise zögernd tasten wir weiter.
Wenn nur ein Zeichen von unseren Leuten käme, ein Schuß nur aus deutschem Gewehr vorbelpfeifen würde, er wäre
ein unsäglicher Trost in unserem Irren in dieser unheilbrütenden Nacht.
Die Vorausgehenden sinken lautlos zu Boden und wir sofort auch. Knistern des Grases kommt heran, streifende
Schritte. Das sind höchstens zwei, drei Mann. Dann geht es vorüber und ist mit einem Male verstummt. Wir haben
niemand gesehen, und doch ist jemand in der Nähe. Nach einer bangen Welle schleichen wir weiter und stoßen auf
einen Grabenaufwurf mit ganz frisch aufgeworfener Erde. Eine verlassene Stellung - von wem? Drüber weg! Englische
Gewehre und Stahlhelme liegen herum. Einer von uns stößt laut an einen blechernen Wasserkasten, daß wir
erschrocken stehenbleiben, denn jetzt - nichts rührt sich, nichts. In feinen Wölkchen zischt der Atem aus den
Nasenlöchern.
Durch das knieholie Gras einer ausgedörrten Sumpflache geht es im Brechen dürrer Stengel und Rauschen der Schritte.
Und da ist mit einem Male der Aufwurf eines Grabens vor uns. Hinein und nachgeschaut. Einige passen scharf auf. Der
Heiner geht dicht hinter mir, und vor mir schiebt sich der Martl wie eine Katze geducht den Graben entlang. Schon sind
wir ein gutes Stück weit gekommen, doch der Graben ist verlassen. Mit einem Male riecht es verdächtig nach
Menschen, daß der Heiner unverschämterweise mich fragt: "Hast denn du deine Hosen voll?" "Eher schon du, das
Geschmackerl kommt von dir her!" "Halt, da am Boden -das ist ganz frisch." Also muß doch wer dasein. Ganz
vorsichtig weiter! - Da dringt wirres Geschrei aus der Richtung unseres Haupttrupps. Was ist da los? Zurück schnell!
Schüsse brechen - Aufschrei: "Damned Huns", "ou -ou - Hund verfluchter-willst dableiben!" Eine Handgranate
zerschlägt dumpf vor uns im Graben, der Pulverdampf wallt uns entgegen, so nahe war das. "He, aufhören, wir sind's,
der-Hans und der Martl!" "Nur her da!" gibt der Kare zurück. Da liegt ein ioter Engländer im Graben, so wie ein
Handgranatenvolltreffer einen Menschen zerknüllt und zerrissen auf den Boden wirft. Mit gemischtem Gefühl setze ich
den Fuß auf die warme, weiche Fleischmasse, um drüber wegzusteigen. "Was gibt's denn?" "Die Gefangenen sind
davon bis auf zwei. Mit einem Schlag sind die Schlawiner aufgerumpelt, einer hat mich bei der Gurgel gepackt und
wollte mir den Karabiner nehmen, gerade daß ich ihm mein Messer in den Hals rennen konnte. Einen, der schon droben
war, habe ich schnell zusammengeschossen, und der Gustl hat einen mit der Handgranate derworfen. Zwei sind noch
da, denen hat der Girgl gleich das Zapf erl ein bißl eindruckt, daß s' nachgegeben haben." Einer der Engländer mußte
also doch entkommen sein.
Noch ist der Hans, der noch vorne erkundet, nicht zurück. Da kommen sie ja daher. l,Pst, da san ma, Hans! Hans - da..."
Erschrocken gab ich dem rufenden Kare einen Rempler und riß eine Handgranate ab, die in kurzem Bogen vor einem
schattenhaften Rudel niederfiel, das kaum zwanzig Schritte seitwärts stehengeblieben war. Bis der Schlag nach fünf
Sekunden die lauernde Spannung zerriß, hatte der Heiner schon sejne Büchse herumgeworfen und hämmerte
feuersprühend in die plötzlich lebendig gewordene Gegend. Funken stieb-en um uns, einer schreit neben mir laut: "Au u - u!" Ganz nahe zerschlagen feuerspeieride Klumpen englischer Handgranaten. "Schottländer sind's, nur zu, fleiner."
"Trommel her, schnell!" Der Gustl hält neben ihm schon die nächste bereit. "Ich hab' mir schon denkt, was das für
komische Lackln sind", stößt der Martl schnaufend unterm Werfen heraus.
Da fällt von hinten her einer in den Graben, der Hans, und schreit: "Ausziehen! Bringt äie Gefangenen um, wir sind
mitten unter den Engländern! Los, mir nach!" Da fleht aber der eine Gefangene: "No, no, ich haben drei Kinder,
Pardon, Pardon", und klammertos'ich zitternd an meinen Arm. "Wert seid ihr es ja nicht los!" Und im selben
.Augenblick zersplittert eine englische Handgranate direkt neben unseren geduckten Köpfen. "Dem Graben nach!"
schreit der Martl. Rechts von uns sind die Engländer schon im Graben und beginnen aufzurollen, daß wir vor Bauch
nichts mehr erkennen können. Die erste Leuchtkugel tanzt über dem dampfenden Feld. Uns gehen die Handgranaten
aus, Wir beginnen zu rennen, weiß Gott, wohin, Ganze Ketten Engländer kominen über das Feld daher.
Da flackert die erste deutsche Leuchtkugel auf in dieser Nacht, und mit einem Male beginnen zwei deutsche MG.s zu
hämmern, deren Kugeln über unsere Köpfe hinwegfegen. Ein Lichtertanz hebt an. Vor uns tauchen deutsche Stahlhelme
über den Grabenrand, und eine Stilrnme ruft uns an: "Wer ist das da draußen?" "Patrouille der Zehnten, der Engländer
ist hinter uns." Und dann schieben wir uns an einer langen Reihe schießender Gestalten Decken und Zeltbahrien
vorüber, es ist ein Zug unserer neunten Kompanie, der als Flankensicherung ausgestellt war. Der Engländer ist nicht
weiter gefolgt. Das Feuer erstirbt langsam während wir einem Leutnant die Abenteuer dieser Nacht' erzählen. Wir sind
am rechten Flügel des Bataillons ausgezogen und am linken Flügel hereingekommen. Ein Mann geht ab, der mit dem
Hans draußen war, ein Junger hat einen Splitter im Oberarm. In dem Kampfgewühl hat er darauf vergessen, aber jetzt
wird ihm ganz schlecht vom Blutverlust. Die zwei übriggebliebenen Gefangenen nehmen ihn in die Mitte beim
Weitergehen, Posten rufen uns an. Wir sind wieder daheim.
In den Gräben ist Bewegung. Alles steht marschbereit. Unser Major kommt vorbei und befiehlt: "Alles rechtsum
machen - marsch - mir nach!" Das Bataillon rückt aus seiner umklammerten Lage ab, ehe der erwartete Angriff der
Engländer es von allen Seiten lassen kann. Es ist 6 Uhr morgens. Der 1. Dezember beginnt zu dämmern, und die kahle,
öde Gegend hebt sich mit Buckeln und Mulden aus der unheimlichen Nacht. Dröhnendes Donnern der Artillerie setzt
plötzlich ein. Feindwärts züngelt das Feuer der englischen Geschütze aus dem Dämmerdunkel und schleudert Granaten
und Schrapnelle in die Mulde, durch die die Schlangen der Kompanien sich rückwärts winden. Wir geben in die
allgemeine Frontlinie aus unserer vorgeschobenen Stellung zurück. Ein mächtiger Steilhang dräut aus dem lichter
werdenden Morgen, dahinauf geht es im Brechen der Granatendonner. Verwundete werden abgeschleppt.
Wie durch einen Zufall sind auf einmal die vier MG.-Gruppen unserer Kompanie beisammen. Von allen Seiten singen
die Kugeln der Engländer über unsere Köpfe. Der Ancriff scheint hinter uns her zu sein. Noch sehen wir nichts vom
Feind. Bei Epehy schlägt ein heftiges Feuer unserer Feldbasen los. Bespannungen rasen wirr dort drilben vor und
zurück. "Sie kommen, dahinten kommen sie!" schreit einer. Wirklich, da kribbeln weither - gut 800 in kann das sein breitmächtige Schwarmlinien der Engländer heran. An einigen Stellen brennt Feuer aus schwarzen Rauchballen.
"Stellung!" schreie ich, und im Nu wirft sich die Reihe der Bedienungen zu Boden. yisier 700!" Dann hagelt dem
Schauer der feindlichen Geschosse, die hoch über uns wegsingen, das Feuer unserer vier MG.s entgegen.
"Visier 600!" Es 7st heller geworden, die Linien drüben sind näher gerückt. Lücken klaffen, die Sprünge drüben werden
hastiger. Wie der Kommandant einer Batterie stehe ieh an unseren vier Büchsen, die von lachenden, eifrigen Menschen
bedient werden. "Hemmung!" Bisichnachschauen will, heißt es: "Geht schon wieder!" "Heute werden sie ordentlich
eingeweiht", schreit mich der Heiner grinsend an und zieht einen neuen Gurt durch. Drüben sind mit einem Schlag die
Engländer verschwunden. Sie haben sich in der von uns verlassenen Stellung festgesetzt. Jetzt sehe ich erst, da drüben
kriechen ja Tanks den flachen Hang herab, drei, vier, sechs Tanks. Und was da weiter hinten brennt, sind - vier - fünf
brennende Tanks. Ein paar Geschütze von uns hauen noch in das anrückende Geschwader, Einschläge spritzen auf -und
da - seht ihr's, eine Granate ist oben auf einem der Eisenkästen krepiert. Schwarzer Rauch quillt heraus, und schon leckt
rotes Feuer von brennendem Öl hervor. Wie sie da auseinanderstieben! Da, schon wieder einer, er brennt zwar nicht,
bleibt aber mit einem ausgefetzten Loch stehen. Ja, unsere Feldhasen! Jetzt haben sie schon einen anderen Kasten in der
Arbeit. Es sind ja auch wunderbare Ziele aus dieser Nähe. "Hat ihn schon!" brüllt einer.
"Rechts - rechts kommen sie auch!" Wir werfen unsere Gewehre herum, denn aus Gouzeaucourt brechen drei, vier
Wellen Schottländer vor und überfluten das kahle Gehügel. Yisier 700!" In diese dicken Linien der berockten Gestalten
fegen wir halb flankierend hinein. Da gibt es aus! Wie sie schon zerflattern und in den Boden sinken! Heute machen wir
die Schlacht allein aus mit unseren vier MG.s. Schon fallen die leeren Patronenhülsen zu Haufen, und das Kühlwasser
geht auf die Neige, daß die heißen Gewehre brenzlig rauchen. "Wasser auffüllen!" Im Eifer haben wir ganz auf das
Bataillon vergessen, bis mit einem Male die Löwenstimme unseres Majors vom Steilhang hinter uns brüllt: "Wollt ihr
schauen, daß ihr hereinkommt! Wer sind diese unverschämten Kerle, welche Kompanie?" Das verraten wir aber nicht,
und auf die große Entfernung erkennt er uns nicht.
Wir bauen schleunigst ab und laufen in weitem Bogen zurück. Durch eine wirre, alte englische Stellung klettern wir den
Steilhang hinan. Dabei haben wir noch so viel Zeit, ein paar Unterstände nach Beute zu durchsuchen, und finden
ungeahnte Herrlichkeiten: Fleischbüchsen, Marmelade, Kondensmilch, Schokolade, Zigaretten, sogar einige dicke
Flaschen mit Stanniolköpfen, in denen aber ein abscheulich bitteres Gesöff ist, englisches Ale. Wir füllen Taschen,
Brotbeutel und die leeren Partronenkästen, deren leere Gurte wir um den Hals hängen. Schnell hat jeder einen
enulischen Gummimantel ergattert, ich zwänge noch ein Paar lange Gummistiefel unter den Arm zu einem Stoß
Londoner Witzblätter und Zeitungen, die mir besonders wertvoll erscheinen, weil Original-Reuter-Depeschen drinnen
stehen. Schade, daß wir nicht alles mitnehmen können, denn England ist reich, und wir sind arm. Nach einigen Minuten
Wühlen, Wegwerfen, Zertreten und Wiederaufheben sind wir wandelnde Trödelläden und schleichen uns so, bestaunt
und beneidet, zur Kompanie, die wir am Friedhof vor Villers-Guislains erfragen.
Die obere Platte des Steilhanges fällt vor dem Friedhof von Villers-Guislains in einem mannshohen Damm ab. Dahinter
liegt die Masse unseres Bataillons gedrängt. Mann an Mann. Erst lag unsere Kompanie abseits an der Mauer des
verwahrlosten Friedhofes neben dem Schutthaufen der einstigen Kirche. Einige gestern erbeutete schwere Geschütze
stehen zwischen den Trümmern. Doch bis wir schauen, zerreißen einige schwere Schrapnelle über uns, alles springt auf,
Verwundete schreien, und zu allem haut ein schweier Volltreffer mitten in die Kompanie, der uns zwei Tote und zehn
Verwundete kostet. Da werfen wir uns an den vorher gemiedenen Damm in die dicken Haufen der anderen Kompanien
und sind wenigstens so einigermaßen in Deckunu. Es wird eifrig geschanzt, um den umherfegenden Splittern zu
entgehen. Immer neue Einschläge liegen vor und hinter dem Damm, die Krankenträger finden reiche Arbeit. Weit
hinten steht ein erbeutetes englisches Zeitlager, ein Feldlazarett, mitten im kahlen Feld. Ein ständig genährter Strom
von Verwundeten zieht dorthin den weiteingesehenen Hang empor.
Urplötzlich verlängern sich die Flugbahnen und fahren im Wirbel über den Trümmerhaufen von Villers-Guislains.
Haarscharf streichen die Garben englischer MG.s über die Krone des Dammes. Wir sollen als Reserve hier liegen, aber
diese Reserve ist selber erste Linie. Weit nach rechts klafft eine Lücke der Front, die wir zwar ausgezeichnet von
unserer erhöhten Stellung beherrschen, aber es ist eine ungewohnte, fatale Lücke. Gerade sehe ich breite Linien von
Gonnelieu aus zum Angriff schreiten. Das sei unser Nachbar-Regiment der Division, das Gouzeaucourt anpacke, sagt
unser Leutnant. Heute ist ein Tag der Infanterie. Ihr knatterndes Feuer und das rattqnde Stoßen der MG.s gibt heute den
Ton an. Daß unsere Artillerie so zurückhaltend ist, die müßte doch jetzt nur so dreinhauen ins Gefecht?
Da sagt der Feldwebel, unser Angriff sei vorläufig eingestellt. Das Ziel sei sowieso erreicht. Unsere Artillerie hätte sich
gestern schon fast restlos verschossen, und in der Nacht wären keine Granaten vorgekommen, weil hinten be
Honnecourt die einzige Brücke in der Nacht von Fliegern zerstört worden sei. Deswegen hätte auch unsere Feldküche
nicht vorfahren können. Da erkennen wir erst, mit welch feiner Nase unser Major sein Bataillon aus der Schlinge
gezogen hat.
Oben am Damm haben wir nebeneinander unsere vier Büchsen feuerbereit aufgestellt. Daneben liegen vier schwere
Gewehre unserer MG.-Kompanie. Weitere acht schwere Gewehre sind an den Damm gelehnt. Der Hauptmann der
MG.-Kompanie spricht eben mit unserem Major. Sie schauen mit Feldstechern andauernd nach links hinüber, von
woher ununterbrochen ein Strom von Geschossen flutet und heulende Querschläger vorüberschnarren. Der Heiner und
der Martl haben inzwischen hinten im Hohlweg bei den Wagen der MG.-Kompanie Patronen geholt. Es sind ihnen
Kästen mit Stahlkerngeschossen mitgegeben worden für die Beschießung von Tanks. Sie erzählen: "Da links drüben,
bei Epehy, muß es grauslich zugehen. Vom ersten Bataillon sind uns Verwundete begegnet, die sagen, daß ein Haufen
Tanks unter ihnen furchtbar aufgeräumt hat, ihr Hauptmann sei gefallen, und die Schottländer hätten sie ein Stück
zurückgeworfen. Dann wären sie im Gegenangriff von neuen Tanks gefaßt worden. Ein ganzes Artillerieregiment von
uns hätten die Engländer samt Geschützen erwischt." "Latrinen! Da ginge es uns-schon dran, wenn es so wäre", wirft
unser Feldwebel ein. Ein Melder kommt gesaust und ruft nach unserem Major. Jetzt wird es brenzlig.
"Tanks kommen, Tanks!" rufen die Posten von links herüber. Tanks? Wenn die unseren Haufen finden! Und warum
sollen sie ihn nicht entdecken? Hinter dem verdächtigen Damm werden sie sicher nachschauen. Ich strecke den Kopf
hinaus und erschrecke; denn im Hohlweg links kriechen ratternd und polternd zwei eiserne Kästen heran. Man sieht nur
das Oberdeck mit der vorgestreckten Schnauze über dem Boden wegkriechen, und wie der Gurt sich von hinten nach
vorne abwickelt. Die fahren in die Ortschaft hinein, hoffe ich, und nicht zu uns herüber. "Volle Deckung!" schreit unser
Major. Ich drücke mich stehend neben meinem MG. an den Damm, denn ich möchte jetzt nicht den Kopf in den Dreck
stecken und warten, bis mich ein Tank überfährt. "Haben Sie nicht gehört?" herrscht mich der Major an. "Ich stehe
Posten, Herr Major." "Gehn Sie in Deckung! Wenn euer Major aufpaßt, kann das ganze Bataillon schlafen."
Wenigstens habe ich noch gesehen, wie der vorderste Tank in entgegengesetzter Richtung abschwenkt und aus einem
Geschütz in die Ortschaft hinein Schnellfeuer gibt. Aber der zweite Tank dreht sich drohend zu uns her und steht
förmlich auf dem Hinterteil auf wie ein gereiztes Untier, als er aus dem Hohlweg herauskriecht. Der Martl und der Ilans
binden mit einem Kochfschirriemen geballte Ladungen aus Handgranatenköpfen. her uns weg peitscht der Hagel
englischer MG.s. Unbeweglich steht unser Major und schaut mit dem Feldstecher zum Tank hinüber. "Daß den keine
trifft!" wundert sich der Kare, und wir alle damit. Der Heiner aber sagt zynisch über die Reihe der bleichen Gesichter
weg: Jetzt wird der Kasten gleich die Parade abnehmen. Kopf hoch, meine Herren Krummstiefel! Haltung, Gewehrlage,
Richtung, meine Herren!" Der macht am Galgen noch Witze.
Der Boden dröhnt in eisernem Stampfen. Wupupupupup - schlägt der schwere Motor. Schrilles Quietschen draußen vor
uns. Peitschendes Knallen haut oben weg. "Jetzt ist er da, hopp!" sagt der Martl, springt auf und wirft eine geballte
Ladung hinaus, gleich darauf der Girgl. Dann stehen sie geduckt, die abgerissene Schnur mit dem steinernen Knopf
noch in der zitternden Faust. Zwei brüllende Detonationen zerschlagen, wir fahren hoch und sehen den Tank, kaum
dreißig Schritte vor uns, aus ' weißem Rauch tauchen. Er schwenkt und dreht schwerfällig ab. Anscheinend ist er noch
gesund. Wie er aber seine nietenübersäte Breitseite zeigt, hackt schnell das Feuer zweier MG.s auf ihn los, daß
Schwärme von Querschlägern davontrillern wie ein Katzenchor und Funken von seinem Panzer spritzen. "Punktfeuer!
Nur Punktfeuer!" schreit ein Vize und winkt zu uns her. Da bin ich schon hinter meinem Gewehr, der Heiner reißt einen
Kasten Stahlmunition mit den roten Ringlein auf, und dann habe ich eine schwarze Scharte der Panzerwand am Korn,
die eben aufgemacht wird. Eisern umklammert die Faust den Schaft, Funken und Rauch sprühen um den schwarzen
Schlitz, da dreht der Kasten sich weg, schwankt durch einen Trichter, daß wir schon meinen, er fiele um, und zeigt uns
sein Hinterteil. Das verkratze ich ihm noch ordentlich mit dem Rest meines Patronengurtes. Die Stahlkerne reißen
deutlich Rillen, aber den Panzer durchschlagen sie nicht. Dann sehe ich nur noch, wie eine geballte Ladung niederfällt
und Feuer und Dampf mit herzbeklemmendem Druck dem Kasten einen Stoß gibt, daß er vor unseren Augen
verschwindet. Er ist dem Steilhang zu nahe gekommen und von der geballten Ladung hinabgestoßen worden.
"Ja, der Girgl, der wirft nur so umeinander mit den Tanks", lobt unser Kompanieführer den strahlenden Girgl. "Hätts
mich nur hinlassen, dann hätt' ich ihm die Ladung auf den Schwanz g'stellt, aber ihr, mit eurer Fetzerei." An Ort und
Stelle wird der Girgl vom Major zum Unteroffizier befördert. Das ganze Bataillon ist in Aufregung. Wir streiten mit der
MG.-Kompanie, die behauptet, sie hätte dem Tank ein Loch in die Wand geschossen, erst habe es geraucht, dann sei die
Platte glühend geworden, und auf einmal habe ein faustgroßes Doch geklafft. "Aber wir haben ihm wenigstens auch ein
Auge ausgeschossen", wirft der Heiner ein, "aber streitet nur fest, derweil kriecht der Tank noch davon." Später hat eine
Patrouille den Tank halb am Hang hängend aufgefunden mit drei Toten, die andere Besatzung ist ausgekommen, und
tatsächlich hatte er ein faustgroßes Loch in der linken Seite. Da haben wir uns dann mit der MG.-Kompanie in den Sieg
geteilt.
"Tank - Tank!" schreien sie schon wieder. "Volle Dekkung!" brüllt der Major. Der Heiner hat schnell noch einen
Kasten SmK.-Munition bei der MG.-Kompanie stibitzt. Herrschaftseiten! Diesmal fegt es pfellgrad den Damm entlang.
Verwundete schreien. Nebenan, wo der Damm einen Knick macht, bildet er einen stäubenden Kugelfang. Dort kriechen
sie gerade auseinander, Verwundete krümmen sich und werden von mutigen Fäusten aus der Garbe gezerrt. Unheimlich
viele Querschläger fauchen neben uns ein. Jetzt erst haben sie uns richtig. Die Tanks, vbn denen das Feuer kommt,
müssen auf der Straße von Villers-Guislains stehen. Der Leutnant der Zwölften spricht gerade mit unserem Major. Sie
scheinen angestrengt nach links in die verdächtige Flanke zu schauen. Da macht es einen knallenden Schlag. Durch den
Stiefel des Leutnants ist etwas gefahren, ein zerfranstes Loch ist im Schaft. Na, hat es nichts gemacht? - denke ich, das
Bein muß doch ab sein von diesem Querschläger? Den Leutnant hat es erst um die eigene Achse gedreht, dann schlägt
er um mit einem grimmig verzerrten Gesicht und will gerade vor Schmerz hinausbrüllen. Im selben Augenblick, da alle
Gesichter den Schrei erwarten, sagt der Major: "Nicht wahr, Herr Leutnant, das tut gar nicht weh!" Da rafft sich die
schmächtige Gestalt dieses Schullehrers auf, er möchte Haltung annehmen und kann doch nicht mehr, aber scharf
antwortet er: "Nein, Herr Major, nicht - der Rede wert!" Und ruhig, wenn auch weiß wie eine Mauer, sieht er zu, wie
ihm der Stiefel aboleschnitten wird und einer ein Quartl Blut herausgießt. Das imponiert uns, und wir vergönnen ihm
gern das Eiserne erster, das ihm der Major verspricht. Hätte es jeder so verdient! Noch einmal staunen wir, wie unser
Major im kalten Wind sich müht, ihm Feuer zu einer Zigarre zu geben, wie er sie dann selber anzündet und dem
Leutnant zwischen die' Lippen steckt. Ganz neidig sind wir ihm darum. -
Es mag so gegen 10 Uhr vormittags sein. Das Feuer der Tanks ist weg. Rechts tobt das Gefecht um GouzeauCourt.
Unsere Linien weichen zurück vor vielfachen weiten Linien der Engländer. Kein Zweifel, der Feind hat neue
Divisionen ins Gefecht geworfen. Doch da brechen wieder von uns von Gonrielieu aus zwei, drei neue Wellen vor. Das
muß unsere Divisionsreserve sein. Man sieht, daß sie mit voller frischer Kraft zum Gegenangriff schreiten. Sie fangen
die weichenden Trümmer auf, und nun geht es umgekehrt, die Engländer zerflattern und gehen zurück. Lange Reihen
Gefangener wandern nach hinten. Man sieht, daß dieses harmlos scheinende Spiel der Kräfte noch anderen Gesetzen
gehorcht, als uns im vordersten engen Gesichtskreis kämpfenden Infanteristen bekannt ist. Sehnsüchtig sehen und
horchen wir nach hinten zu unserer Artillerie. Sie ist heute tot, wir stehen allein. Flieger kommen und suchen nach uns,
es sind Freunde. Da fällt uns erst auf, daß bis jetzt nicht ein einziger englischer Flieger über uns war.
Unsere Kompanie rückt als Flankendeckuno- nach links mit einem Zug der MGK. Nur ein Stück weit, aber von da aus
können wir das Feld gut überschauen. Es ist der Kampfplatz von gestern nachmittag. Ein gutes Stück weiter links
müssen unsere anderen Bataillone liegen. Wir werfen unsere Gewehre auf den in einen Hohlweg auslaufenden Damm
und machen erst einmal Brotzeit aus unseren Beuteschätzen. Neben uns werfen sie vier schwere MG.s eng
nebeneinander auf den Rand oben. So warten wir und schlagen mit den Armen und trampeln mit den Füßen, denn uns
friert allmählich hundsgeineln. Heute wird nicht soviel mehr los sein. Wir sind ja Reserve, wenn auch nebenbei erste
Linie. Vor uns greifen sie nicht mehr an.
"Wem gehören diese Gewehre? Zum Schuß fertigmachen!" ruft da auf einmal unser Major herab, der oben allein
umeinanderspaziert. "Nur drunten bleiben! Keiner schaut 'raus!" meint er dann. Jetzt sind wir natürlich erst recht
gespannt und horchen, um wenigstens mit den Ohren etwas zu erfahren. "Hörst es?" fragt der Martl. "Ich höre nichts."
"Doch, Tanks sind's, aber noch weit weg." Jetzt höre ich ein leichtes vibrierendes Dröhnen, aber das sind keine Tanks.
"Flieger werden es sein", sagte ich. "Nein, das sind keine Tanks und keine Flieger", schüttelt der Hans den Kopf. "Was
denn?" Ein raschelndes Knistern und Klirren ist in dem Gedröhn, das stärker anschwillt, und jetzt klingt es fast, als
wäre ein dünnes, plärrendes Geschrei dabei. Man hört schon nichts deutlich, denn die Schießerei im Feld links draußen
ist tobsüchtig geworden. Ein neuer Angriff natürlich.
"An die Gewehre! 'raus, was 'rausgeht!" schreit unser Major, daß wir rasch eniporfahren und in ein eigenartiges
Schauspiel verwundert starren. Gut 5-600 m halblinks kommt jetzt ein braunes, zappelndes Gewoge über das gelbe
Gras der kahlen Felder daher. Ein blitzendes Flirren zuckt darüber in der Sonne. "Kavallerie - Kavallerie!" Unerhört!
Englische Kavallerie braust an! Erschütternd, gewaltig, übermächtig ist das Bild. Tausende zuckender Füße, Tausende
geschwungener blitzender Degen rennen heran. Jief halten, an die Beine!"
Der Heiner hackt als erster hinein in die wogende Masse. Ein Höllenlärm rasender MG.s hämmert. Stinkende
Pulverschwaden, Dampf, Schreie: "Drei Strich - - - Gurt her! - Laß mich jetzt!" Man versteht sein eigenes Wort nicht
mehr und starrt und starrt - wie das auseinanderflattert, zerstiebt, stürzt und sich wälzt. "Nur drauf, gib ihm, gib ihm!"
schreit einer mir ins Ohr. Ich habe den -Heiner nach dem ersten Kasten weggestoßen und fühle nur noch ein Rütteln an
meiner Schulter, habe Kimme und Korn längst verloren und fege mit der Garbe in das Gewurle, das, in Trupps
zersprengt, nach allen Seiten jagt, immer wieder von dem feurigen Besen unserer Gewehre gefaßt. Minuten dauert das
nur - mir Ewigkeiten -, dann zuckt die niedergestreckte Masse weit verstreut im Gelände. Ganz hinten verschwinden die
letzten flüchtenden Reiter hinter dem Kamm der Bodenwelle, die sie ausgespien hat.
Ein grimmiger Rausch hat uns rasend gemacht. Dort spritzt noch einer, hinhalten - da hegt er schon. Da wieder! - Hoppla! Die Jagd beginnt - die große Wucht des Anpralls ist verebbt. Die Arbeit der Infanterie setzt ein, die Einzeljagd.
Die Kompanie hat den Hang besetzt und läßt ein prasselndes Feuer sprühen. Bis an den Hang sind Versprengte
herangeritten. Mühelos, ohne Widerstand werden sie mit ihren Pferden hereingebracht, gelbbraun im Gesicht und hager
von Gestalt, den Turban unterm englischen Stahlhelm. Es sind Inder. Nun wundern wir uns über diesen todoeweihten
Kavallerleangriff nicht mehr. Unser Feldwebel redet Englisch mit den Gefangenen, die aussagen, man habe ihnen
gesagt, die Germans seien in voller Flucht, aber da seien sie an die vielen gack, gack, gack, gack - ou - ou - geraten,
wobei sie die Augen verdrehen und mit dem Zeigefinger über die Gurgel fahren, daß wir lachen müssen. Einer hatte
einen kleinen, schwarzen Elefanten um den Hals an einer Perlenschnur hängen, den er fest an sich preßte. Er glaubte,
der Talisman habe ihm sein Leben beschützt.
*
Feuerpause. Ermattet liegt die Front. Wir haben jetzt endlich einmal Zeit, ordentlich zu vespern, und der Heiner
entfaltet den ganzen Reichtum unserer Beute. Der Marti und zwei von den Jungen sind verschwunden mit dem
Geheimauftrag, am Steilhang in der englischen Stellung weitere Beute zu sammeln. Der Martl entdeckt einen
Verbindungsgraben dabei, der im Hohlweg nebenan mündet, und bringt alles mögliche mit. Arme voll
Konservenbüchsen, einen großen Steinkrug mit Schnaps, zwei Blechschachteln voll Keks, die für die ganze Kompanie
reichen, einen Viertelzentrier Bohnenkaffee - Bohnenkaffee? Unglaublich! - eine Büchse voll echten Ceylontees,
Blechdosen mit Zigaretten, ganze Packen Socken, Handschuhe und Hemden direkt ab Manchester, eine Shagpfeife für
mich, mit Champagner getränkten schweren Tabak, Pariser "Elegante Blätter", die mit Schmunzeln beim Schmaus
betrachtet werden, Rasiermesser und Seifen, die nach den Gefilden der Seligen duften, eine Kanne wunderschönes
Schmieröl für unsere Gewehre, das wir so freudig begrüßen wie das Freßzeug. Tage der Rosen tun sich auf im
Zukunftsbild. Der Anderl kommt daher, ganz lustig und fidel: "Das ist wieder einmal ein Krieg, da rührt sich was und
geht was her; genau wie 'vierzehne' im August, Bloß die Tanks, die bal der Teufel holen tät'. Wie meinst, wenn da heut
drei Tanks statt eines gekommen wären, die Metzelsuppen, Brüderl!"
Der Feldwebel schreibt die heutigen Verluste auf, drei Tote und über zwanzig Verwundete zählt er zusammen. Unsere
Verluste sind gering im Vergleich zu den anderen Bataillonen, die über die Hälfte ihrer Gewehrstärke eingebüßt haben.
Sie trugen die Hauptlast des heutigen Tages. An uns hat sich der Tommy nicht mehr herangewagt wegen des drohenden
Steilhangs. Dafür wirft er wieder schwere Granaten herüber und hebt uns Deckungen aus, daß wir nur noch ein wenig
mit dem Spaten nachhelfen brauchen. Artilleristen besuchen uns, Preußen und unsere Achter. Von ihnen erfahren wir,
daß die Hälfte ihrer Geschütze vor unserer Linie draußen stünden, sie konnten sie nicht mehr zurückbringen und warten
auf die Nacht zu dieser Arbeit. Schon werden bei uns Sicherungen zu diesem Zweck eingeteilt. Die Kanomere sind
noch erfüllt von Stolz, daß sie heilte mit dem Karabiner als Infanteristen an der, Schlacht teilnehmen konnten, nachdem
sie die letzte Tankgranate aus dem Rohr gejagt hatten. Noch qualmen einige dieser Luder im Vorfeld draußen. "Ja,
wenn die Kolonne gekommen wäre...", sagen sie vielversprechend.
Es wird ruhig. Frostiger Wind streicht über das kahle, trostlose Land. Wir haben regelrechte Posten ausgestellt und
richten uns für die Nacht ein. Draußen in der Mulde steht schon seit dem Angriff der Inder ein Schimmel auf einem
Fleck. Die ledigen Pferde sind längst verschwunden und abgeschossen, wenn sie nicht zu uns herübergelaufen sind.
"Daß er sich nicht vom Fleck rührt, vielleicht ist er verwundet, dann schieß' ich ihn ab, daß er nicht mehr lange leiden
muß", sagt der Schnned-Martl zu mir. Wie ich aber mit dem Feldstecher nachschaue, sehe ich, daß der tote Reiter noch
mit einem Fuß im Bügel hängt, und deswegen steht der Schimmel still, von Zeit zu Zeit den Kopf wendend, ob sein
Herr noch immer nicht au fstelit. Wir vereinbaren, daß wir den Schimmel einholen, wenn es Nacht wird. Einen Turban,
einige Degen, die schnurgerade sind wie ein Florett und einen Griff aus Papierrnasse haben, und einige Sättel, die
fremdartig gebaut sind, haben wir schon, brauchen wir bloß noch ein Roß.
Flieger von uns kommen ganz tief daher und werfen Kisten herab mit Fleischbüchsen und Seltersflaschen, die
wunderbarerweise nicht zerbrechen. Patronenkästen stürzen wie welland das Manna aus dem Himmel herab. Ein Zettel
liegt innen: "Es kommt noch mehr nach, nur aushalten!", von unserem General unterschrieben. Und noch einer, der ist
von unserem Brigadier, von unserem guten, weißhaarigen Vater: "Verpflegung mit preußischen Trägern in Marsch
gesetzt. Höchste Anerkennung für eure Haltung heute!" Das klang uns ungewohnt und sonderbar, daß wir darüber zu
munkeln begannen. Heute war doch gar kein so arger Tag. Da war ein Tag in Flandern oder an der Aisne oder gar bei
Verdun ja viel furchtbarer gewesen. Aber heute hatten wir etwas geleistet, Angriffe abgeschlagen, englische
Schwadronen niedergemäht - und doch haben wir weniae Verrichtungen getan, die außergewöhnlieh waren. Es ist halt
so in der Welt, es wird nur der Erfolg gemessen, und wenn er noch so leicht war. Nicht das Ertragen ungeheurer Seelenund Körperlasten, und wenn sie noch so erdrückend waren - wenn es keine sichtbare Leistung bedeutete. Daher ist es
immer lohnender und schöner, der Hammer zu sein als der geduldige Amboß.
Aber auch hier wird die Front wieder erstarren. Das Angriffsziel ist sogar überholt worden. Es wird eine Stellung
gebaut werden und Unterstände darinnen. Gegenseitig wird das Feuer wieder daran zu zermürben suchen in der alten
Leier des Stellungskrieges. Das Abenteuerliche der Bewegung in fremden Gegenden ist wieder vorüber. Wie die Blüte
der Königin der Nacht, die nach langen stachligen Jahren nur einige Stunden ihre feurige Pracht erschließt, so ist uns
dieser Tag im Kriege gewesen.
*
Für heute scheint der Engländer genug zu haben. Die Nacht sinkt herein ohne ein Aufleben des Feuers. Ganz tief braust
ein Geschwader von fünf Flugzeugen vom Feinde her. Erst wie sie über uns sind, erkennen wir an den Abzeichen, daß
es Engländer sind. Kurz darauf werden sie schon von unseren Flakbatterlen hinter dem Kanal gefaßt, und wie sie wieder
mit voller Tourenzahl heimzu stürmen, sind es nur noch vier Alaschinen, eine Ist abgeschossen worden.
In großen, frischen Trichtern des Vorfeldes geht unser Zug auf Feldwache, den Hohlweg sichernd, durch den unsere
Feldhasen ihre Geschütze zurückbringen. Sie haben die Hufe ihrer Pferde umwickelt, und wir machen mit unseren
AIG.s den nötigen Spektakel, daß der Feind nicht viel gemerkt hat. Er scheint selbst nicht daran zu denken, uns dabei zu
stören; denn nur selten schwankt eine Leuchtkugel von ihm über das neblige, leere Feld. Von fernher schießt er mit
MG.s wispernde Kugelschwärrne irom ndwohin ins Weite. Die beiden anderen Züge der Kompanie liegen als
Schützenschleier zur Deckung der Artillerie stumm auf dem Bauch im Vorfeld unter dem Gerümpel und den toten
Pferden und Gefallenen des Tages. Unsere Sanitäter suchen nach Verwundeten und finden in einem Grabenstück so
viele, daß die Hilfe der Nachbarkompanie in Anspruch genommen werden muß, diese armen, um Pardon flehenden
Feinde zurückzuschaffen. Es sind meist Inder. Auch einige verwundete Artilleristen von uns sind darunter, die nicht
mehr geglaubt hatten, wieder zu Kameraden zu kommen, und fast weinten vor Glück, doch noch in pflegende
Freundeshände zu kommen. Das waren die, die noch am Geschütz blieben und die letzte Granate zum Rohr
hinausjagten auf die Tanks, als schon die Kavallerie die feuernden Geschütze überritt.
Der Hans hat In einem Haus hinten eine englische Küche entdeckt und gleich zu einem Kafieesud angerichtet. Wir
haben ja alles dazu, sogar einen Sackstumpen Zucker hat er gefunden und noch so allerlei, wie gemunkelt wird. Der
Toni sammelt schon die Kochgeschirre ein und geht fort damit. Einen heißen Kaffee, einen echten englischen noch
dazu, prachtvoll! Wir reiben uns erwartungsvoll die Hände. Bei uns in der Zehnten geht halt was zusammen. .Jetzt
müssen wir nur noch den Schimmel holen. Wer geht mit? Nicht mehr als drei Mann! Es kann nicht mehr weit sein.
Dort unten in der Mulde steht er ja und leuchtet weiß durch das Dunkel, Jetzt wiehert er, wahrscheinlich merkt er, daß
er befreit werden soll. Werden wir gleich haben. Warum weicht er denn aus vor uns, ist er denn so scheu? Er wird halt
das fremde Odeur wittern, wir stinhen nicht indisch. Oder sollte... sind das nicht Gestalten dort? Eben hat sich doch ein
schwarzer Umriß vor das weiße Pferd geschoben - deutlich erkenne ich - ein Tommy! Schußbereit rücke ich näher,
nach hinten flüsternd: "Tommy", von woher ein zischendes "Schon erkannt" kommt. Sollen wir wegen des Schimmels
eine Schießerei riskieren? Da kommt mir der Gedanke, ausgerechnet ein Schimmel - könnte der nicht das Pferd eines
höheren Offiziers gewesen sein? Deutlich erkenne ich jetzt drei Gestalten, die den Schimmel wegfÜhren. "Drauf!"
brüllt da hinter mir einer los, der Gustl. Aber es ist nichts mehr da zum Draufgehen, denn wie ein Spuk sind
die,Tommys im Dunkel verschwunden. Der Gustl hat schnell den Schimmel einefanoen und tätschelt an ihm herum,
sein alter Reitergeist freut sich an dem' schönen Tier. Der Toni knallt ein paar Schuß ins Dunkel und sagt: "Da laufen
s'!" Vermutlich haben sich die Burschen hingelegt, weil wir sie nicht sehen, Kehrt!
Der Gustl läßt eben den Schimmel den Hang erklimmen, da meine ich, daß ich Stimmen höre. Da wirklich: "Sanität Sanität!" - Englische Krankenträger sind das, die suchen das Feld ab nach Verwundeten. Laßt sie, dabei wollen wir
nicht stören. "Sanität - Sanität -!" ruft es halb unterdrückt im Dunkel der Nacht. "Hallo - hallo - come here - Sanität!"
ruft es von weiter rechts. Und jetzt wissen wir, warum das Feuer des Feindes schweigt in dieser Nacht. "Sanität Sanität!" Es ist, wie wenn Kinder verzweifelt nach der Mutter schreien, schon hoffnungslos ermattend und züm Sterben
niüd. "Hallo - come here - Sanität!" "Horcht nur, wie sie winseln können, die steifen, kaltschnauzigen Engländer meinst
alleweil, sie sind von Holz", sagte der Heiner.
Voller Stolz und Freude führte der Gustl den Schimmel an alle Trichter und ließ ihn bestaunen. Erst jetzt sah ich näher
hin und erkannte, daß das Pferd ein Prachttier war, nur müde schien es zu sein. Dann durfte der Gustl als ehemaliger
Schwolli aufsitzen und mit Erlaubnis des Leutnants nach hinten reiten, um es in einen Stall zu bringen, was er lachend
tat. "Bruderherz, endlich wieder einmal Roßfleisch zwischen den Beinen, das ist ein Festtag für mich. Wenn bloß der
Sattel nicht zu klein wäre für mein Ilinterlederl Die Inder müssen hinten ganz spitzig sein." Dann schiialzte er mit der
Zunge und trabte davon in die Nacht, uns um das erwartete Schauspiel betrügend, daß er im Bogen aus dem Sattel
fliegen sollte.
Frost fällt ein und friert in Stunden den Boden zu Stein. Wir müssen häufig eine Reihe von Patronen durch das MG.
jagen, damit es uns nicht geht wie bei den anderen Gewehren, die alle mit "Lauf zurück" eingefroren sind. Das uns auch
neu, auf Frost sind wir nicht vorbereitet. Hinter dem Damm machen wir in einem verhängten Trichter ein Holzfeuer und
tauen darüber unsere Gewehre wieder auf. Uns selber tut der heiße Bohnenkaffee, der mit enulischer BüchseninlIch
versüßt ist, unsäglich wohl in den kalten Gedärmen. Der. Feind ist ruhig geblieben die ganze Nacht. Irgendein Geschütz
schießt Leuchtraketen hoch über uns in die Luft, die weithin hellen Schein über die Gegend werfen. Da sehen wir, wie
es -vor uns draußen kribbelt von Enc;ländern, die in langer Reihe schanzen, aber vor einer Serie Schüsse aus unseren
MG.s verschwinden. Sie scheinen vorläufig keine weiteren Angriffsabsichten mehr zu haben. Da kommt gegen
Morgengrauen unser Berliner und sagt an, daß wir uns richten sollten zum Ablösen. Bald darauf taucht eine lange Kette
aus dem Dämmer des Taues, und Preußen nehmen unsere Stellung ein.
*
Schlaftrunken und halb erfroren trotten wir rückwärts über das gerümpel- und waffenübersäte kahle Gelände mit den
Gefallenen der letzten Tage dazwischen. Gleichgültig duseln wir dahin und werden erst wieder etwas aufgeweckter, als
wir an die den Engländern wieder entrissene Siegfriedstellung kommen und eine Reihe ausgebrannter, zertrümmerter
Tanks am Wege in rostigen Drahtverhauen liegen sehen. Auf einen ist ein Knabenbildnis gemalt. Allerlei liebliche
Nainen sind an den Panzerwänden zu lesen: "Mary, Betty, Eveline, Khaki boy". Riesige Kästen sind darunter. Die
Raupenbänder hängen abgeschossen weg, und zackige Sprenglöcher mit ausgebogenen Ecken gähnen in den dicken
Wänden. Das Kriegsgerät eines Industriestaates liegt durchwühlt und durcheinandergeworfen herum: Bleche, Hülsen,
Metallbüchsen, Kartuschen, Gurte, Ölkannen, Werkzeuge. Dieses Bild eines Fabrikarsenals ist das Kennbild der
Tankschlacht von Cambral. Soweit man am Stellungsverlauf entlang schauen kann, liegen zerschossene Tanks, ein
eindringliches Bild der Macht des Angriffs vor wenigen Tagen Jetzt war die Scharte von damals` wieder ausgewetzt,
und wir haben dabei geholfen. Wir sind überlegen, zwar ärmer und weniger an Zahl, aber bessere Soldaten. Wenn wir
auch noch Tanks hätten, ja dann!
Gleich hinter der Siegfriedstellung gähnt das breite tiefe Bett des trockengelegten St.-Quentin-Kanals. Darinnen
wimmelt es von Truppen, daß wir groß und klein staunen, wie viele Leute wir in dieser Ecke der Front haben. Stollen
an Stollen geht es in den Hang des Kanalbettes. Die Reste einer Ortschaft sind jenseits im Gewirr der Stellung zu
erkennen. Es ist Banteux, die einzige Unterbrechung der endlosen, kahlen Stoppelfelder voll Unkraut, ohne Baum und
Hecke. Ein wirklich großartiges Industriegelände, nicht ein Blick fällt auf eine herzerhebende Erscheinung in dieser
Trostlosigkeit und Nachtheit der Gegend.
Ein warmer Stollen nimmt uns auf. Die stichige, dicke Luft hüllt uns wohlig ein, so hat uns der schneidende Wind der
Steppe vor Cambral ausgefroren. Gleich gehen ein paar zum Essenfassen nach Banteux, wo unsere Feldküche schon die
ganze Nacht auf uns wartet. Sogar Post hat sie mitgebracht. Hurra, die Feldpost! Das ist fast des Guten zuviel auf
einmal. Jetzt wenn man sich noch ausstrecken könnte, aber es ist zu eng für so viele Leute. Was nur das für eine
Gesellschaft ist, die unten im Stollen sitzt, dein Reden nach Preußen. Unser Feldwebel interessiert sich eingehend für
diese fremde Besatzung und beginnt sie peinlich auszufragen. "Welches RegimentKompanie? Was tut ihr denn da, euer
Regiment ist doch in Stellung?" "Mensch, uns friert, wir sind beim Vorgehen versprengt worden und können bei Tage
uns doch nicht abschießen lassen." "So, versprengt? Daß ihr dann aber in einen canz fremden Abschnitt untergekrochen
seid und nicht in eure Stollen, he - komisch - nich?" "Wir wissen nicht, was Sie meinen." "Kommt mal 'raus, aber fixe,
ich zeige euch, wo ihr hinmüßt, ihr Drückeberger, fix, sage ich, sonst sollt ihr was sehen!" Ohne ein weiteres Wort
ziehen sie aus. Von anderen Stollen kommen noch verschiedene Trupps dazu, ein ganz netter Haufen sammelt sich im
Kanalbett. Ein Hauptmann dieses Regiments sucht selber alle Stollen ab und führt den Haufen nach hinten. Uns ist der
Schlaf vergangen. Das Ereignis gibt uns zu denhen. Es soll ein Regiment sein, das erst von Rußland nach dem Westen
kam.
Die Russen haben einen Waffenstillstand geschlossen, hören wir, im Innern Rußlands sollen blutige Revolutionen im
Gange sein. Das ist für Rußland nichts Außergewöhnliches. Für uns bedeutet das aber das Freiwerden der Riesenfront
im Osten. Auch Rumänien wolle Frieden, hören wir, Friedenstauben kommen zu uns nach dem Westen geflogen. Sie
bringen eine Hoffnung mit für das kommende Jahr. Da könnten wir dann im Westen so stark sein, daß endlich einmal
der Spieß umgedreht werden kann. Wir reden noch eine Zeitlang über diese neu aufgerissenen Ausblicke ins kommende
Jahr, von dem wir zuversichtlich erwarten, daß es das letzte Kriegsjahr sein wird. Dann hauen wir uns auf die
Stollenbretter und schlafen den Schlaf des Gerechten. Es ist so pudelwarm im Stollen, daß sogar unsere erfroren
geglaubten Läuse wieder lebendig werden und am müden Körper emsig kribbeln. Laßt ihnen die Freude!
*
Der ganze Tag ist darüber vergangen. Draußen ist es schon finster. "Fertigmachen!" schreit einer von oben herein. Der
Gustl ist auch wieder da. Er hat uns einen kleinen zweirädrigen Handkarren mitgebracht mit Munitionskästen, wie wir
sie bei den Preußen schon im Gebrauch gesehen haben. Man kann sie zwar nicht überall mit hinnehmen, aber sie
verrimern die verfluchte Schlepperei bedeutend. Zwei Mann hängen sich in die Traggurte und fahren das cranze MG.
samt Geräte über Stock und Stein dahin.
Wenn wir schon zu hoffen wagten, nach hinten ins Quartier zu kommen, so haben wir uns wieder einmal voreilig
getäuscht. Es geht nach dem verschlafenen Tag wieder in Stellung vor. Gerade kommen wir noch gut weg, da rauscht
mächtiges Steilfeuer englischer Vierundzwanziger in das Kanalbett, riesiges Feuer zuckt über die nackten Hänge, und
in vielfach brüllendem Echo brechen die Detonationen durcheinander und füllen das breite Bett mit Dampf. Der
Tommy hat schon wieder eine Menge neuer Batterien drüben in Stellung gebracht. Wir merk-en das ausgiebig, wie wir
an Villers-Guislains herankommen.
Ausgerechnet unsere Kompanie kommt in den Trümmerhaufen der Ortschaft als Reserve, mit der Aufgabe, den Ort bei
einem Angriff zu halten. Gleich an der windigen Straßenkreuzung nach Gonnelleu ist e.in noch halb erhaltenes Haus
mit einem großen Keller, den unser Zug bezieht. Nebenan im Hof ist ein großer Stollen, in dem ein anderer Zwy Platz
nimmt. Wir stöbern natürlich gleich das Haus gründlich durch. Der Heiner hat eine ganze Reihe Konservenbüchsen mit
seiner Spürnase entdeckt, die auf einem Bordbrett fein geordnet standen. Es sind bessere Qualitäten als die bisherige
Beute, Schildkrötensuppe, Schoholade in Büchsen, Mixpickles, Geflügelhonserven und Sardinen. Kein Wunder, denn
in diesem Hause ist vor dem Angriff ein englischer Brigadestab aus London gelegen. Wir wundern uns, daß nicht längst
andere vor uns ausgeräumt haben.
Mich interessiert besonders ein englisches Kartenblatt, auf dem gerade unsere jetzige Stellungsgegend zu sehen ist. Der
Schimed-Martl ist fast in Verzücluncy geraten, wie er in unserem Kellercewölbe eine Unzahl von Werkzeugen findet.
Es muß eine Waffenmeisterei hier gewesen sein. Mit seinem unruhigen Erfindergeist konstruiert der Martl gleich eine
Öllampenbatterie, die zwar ein rußendes, stinkendes, aber immerhin schönes Licht gibt. Dann setzt er eine Reihe
fauchender Lötlampen in Betrieb, an denen wir unsere Hände wärmen und sogar darüber Suppen und Kaffee sieden.
Nur stlnlt es überall nach Benzin. Eine Reihe Drahthlappen sind an der einen Wandseite des breiten Gewölbes. Mehr
brauchen wir vorläufig nicht. Hier ist es doch schöner als in den halten Erdlöchern der Stellung draußen vor dem Ort.
Der Schmied-Martl zein crleich seine Handwerkskunst und macht jedem einen Nickelring nach Maß oder andere Dinge.
Mir verehrt er eine kleine handgemachte Kette für meine Uhr, die ich seither an einer Schnur getragen habe. Ein ganzer
Stoß der plumpen, aber guten englischen Gewehre, die unseren Karabinern ähneln, steht in einer Ecke bei einem
Haufen englischer Lederzeuge und Ausrüstungsstücke; wahrscheinlich ist die Besatzung des Kellers überrascht und
gefangen worden. Hier können wir Vergleiche mit unserer Ausrüstung anstellen, die weniger kompliziert und schöner
ist, soldatischer; wenn sie auch heute nicht mehr so gedieg n und gut sein kann wie die englische.
*
Noch vor Tagesanbruch werde ich mit meiner MG.Gruppe an den Rand der Ortschaft vorgeschiclt. Artillerie von uns
schleppt gerade ein paar erbeutete nagelneue englische Geschütze nach hinten ab. Ganz geräuschlos gleiten dieseleben
an uns vorüber, sie haben Lafetten mit Gummibereifung, was uns in höchstes Erstaunen versetzt. Da sind ein paar
Steinhaufen an einer verwilderten Seitenstraße, an der tote, steifgefrorene Pferde ihre Hufe in die Luft strecken. Wir
sollen einen Keller an der Straße besetzen, um die Lüche eines Volltreffers bei der Stellungskonipanie auszufüllen, Es
ist neblig. Ein Korporal zeigt uns die Richtung: "Dort voraus, kaum 50 in ist der Keller." Aber wir finden keinen und
gehen weiter. "Bei den 50 in hat auch der Fuchs gemessen und seinen 'gchwanz dreingegeben", sage ich arglos.
Ein gutes Stück draußen ist ein einzelner Steinhaufen, der ein enges Kellerloch hat voll Dreck und Morast. Feindwärts
ist ein guterhaltenes Kellerfenster, von dem aus ein prachtvolles Schußfeld sich breitet. Schnell herein, es wird schon
heller und das graue Genebel bald lichter. Mit Feuereifer rnisten wir aus, damit wir in dem iiiedrigen, feuchten
Gewölbe, das einige verdächtige Risse zeigt, auch Platz finden. Ein Posten wird an das Fenster gestellt, dann drängen
wir uns auf vollen englischen Patronenkisten, die wir von einem Stapel an der Straße hereinschleppten, eng zusammen
und rauchen und verschlafen die Zeit. Wir sind hier völlig selbständig, bei 'Tage kann sich niemand draußen sehen
lassen. Die Stellung liegt nicht weit vor uns im freien Feld, wo eine Reihe von Aufwürfen zu erkennen sind. Gellend
scharf fegt zeitweise feindliches MG.-Feuer die Straße lancs. Der Tommy ist hier verflucht nahe, kalkuliere ich.
Am Nachmittag liegt der Ort unter schwerem Feuer. Unser Kellerloch zittert und knistert in den morshen Fugen des
zerfressenen Gesteins. Durch den A sgang werfe . eh einen kurzen Blick nach hinten und sehe duern Vernichtungstanz
einige Zeit zu, wie mächtige Vlerundzwanziger turmhohe Staubwolken aufreißen und einen Steinregen weitum
verprasseln lassen. Das geht unserer Kompanie heiß in die Nähe, wenn nicht direkt aufs Dach. Bin ich froh, daß wir
jetzt nicht in der Mausfalle des großen Kellers sitzen. Der muß ja einstürzen, wenn eine solche Granate nur nebenan auf
die Straße geht. Wie das wirbelt und dicken schwarzen Qualm ausspelt oder zermahlenen Ziegelstaub zu riesigen roten
Wolken ballt, die wie Bäume über den Trümmern aufschießen. Recht geheuer ist das nicht. Dann schaue ich durch das
Kellerferister zur Stellung. Da vorne liegt auch ein ganz gehöriges Feuer. Es wird immer stärker, und wenn man den
Kopf etwas hinausstreckt, hört man, wie es die ganze Front entlang trommelt, Ein Fliegergeschwader brummt oben
weg, wir können nicht sehen, ob Freund oder Feind.
"Meinst, daß es was gibt?" fragt mich der fleiner. Ich zucke die Achseln und schaffe an: "Macht euch fertig! Wenn ein
Angriff kommt, müssen wir ins Freie hinaus. In dem Loch da können wir leicht überrumpelt werden." Dann fällt mir
ein, daß Tanks kommen könnten. Was dann? Der Schmied-Martl hat einen seiner verrückten Einfälle. Wir reißen die
englischen Patronenkisten auf und brechen die Kugeln aus. Das feine Fadenpulver schütten wir in einer Kiste
zusammen. Der Martl raucht dabei seelenruhig seine Zigarre weiter. Just nicht den Sturnpen weg, möcht'st wohl in den
Himmel fahren!" " Ich gib schon acht, nur keine Angst, der ist grad recht gut." "Weg damit, leichtsinniger Tropf!" Da
drückt er ihn aus und schiebt ihn in die Quetschfalte seiner Mütze, wo er schon eine Sammlung ähnlicher Stumpen hat,
mit der Bemerkung: "Aufheben - zum Gebet nach der Schlacht!" Dann wl dmet er sich mit Eifer der Konstruktion
seiner geballten Ladung. Alle sind mit dabei, die Patronen zu entleeren, und überhören das Anschwellen des Feuers, das
sicher ernste Absichten verrät. Wie endlich die Kiste voll Pulver ist und wir auf unzähligen Hülsen herumglitschen,
steckt der Sehmied-Martl eine Handgranate durch ein Loch, das er kunstgerecht in den Deckel geschnitten hat, und
vergräbt sie grinsend in das gelbe Fadenpulver, biegt sauber das Blechfutter der Kiste darüber und nagelt mit unserem
MG.-Schlüssel ordentlich zu. Obendrein bindet er einen Draht noch herum und sagt: "So, fertig ist sie, wo ist der
Tank?" "Wie willst du die denn anbringen, so ein schweres Trumm?" frage ich. "Das wirst schon sehen, 15 in weit
werfe ich die alleweil noch." "Freilich - und wenn sie losgeht, tätscht sie unsere Kellerdecke zusammen wie einen
Guglhupf." ".Meinst, daß Ich da herinnen bleib' in der Bruchbude, daß mir was auf den Kopf fällt?"
"Streits net uni den Bären, der noch gar nicht da ist!" warf der Heiner ein. Aber da heutelte uns ein heftiger Stoß, daß
wir durcheinanderfielen. Vor dem Kellerfenster hat direkt auf der Straße eine schwere Granate eingehauen. Mir war, als
senke sich das Gewölbe durch. Wenn es nur ein ordentliches Gewölbe gewesen wäre, aber in Frankreich bauen sie nicht
so solid wie bei uns daheim. Wieder ein kurzes Fauchen draußen, ein neuer Stoß rüttelt an unserer Falle. Steinbrocken
kollern die paar Stufen des E, ingangs herab, das Gewölbe knirscht - aber es hält. Ja, wollen wir dableiben, bis wir
eingemauert sind in dem Massengrab?" schreit der Toni, "Wo willst denn hinrennen in dem Feuer draußen?"
Der Gustl stellt eine Patronenluste an das Kellerfenster, weil hart an seinem Gesicht vorbei ein Splitter hereingefahren
ist und zwischen dem Heiner und dem SchmiedMartl durch die Wand schlug. Jschurn - rrumburrunibum -trrronng wrrrach - wrrach!" stößt es von allen Seiten jetzt hernieder. Wenn nur keine oben auf das Gewölbe schlägt! Wrrum -
rrumm! Das ist unglaublich nahe gegangen, stinkende Pulverschwaden dringen herein, eine Fuhre Bauschutt schwappt
mit und verschüttet unsere Treppe. Wenn da eine drauf geht, dann ist es wenigstens gleich mit uns allen auf einen
Schlau. Keiner sa,t mehr eii-i aus Wort. Nur der Schmied-Martl will mit nervösen Händen seinen Stumpen in der Mütze
suchen, besinnt sich aber und sagt: "Nachher, nach der Schlacht." "Pfupp - rrr!" Beim Kellerfenster schlägt mit Hauch
und Feuer ein Haufen Dreck herein. Der Gustl ist zur Seite geflogen, und die Patronen. kiste ist zerhackt. Er blutet ' aber
nur aus der Nase.
Ich stelle eine andere Kiste an die Öffnung und räume Steine und Sand mit der Hand weg. Lange dauert das nimmer,
das könnte nach alter Erfahrung schon der Sprudel der Feuerwalze sein. Draußen spritzt Dreck aus ziehendem Rauch.
"Trumm - trumm - trumm rr -", haut es verdammt nahe, wenn das nicht schon direkt in das Steingeröll geht über
unserer Decke. Gott sei Dank, nur leichte Kaliber, durchschlagen... "Wupp - pp!" - Ich sehe nicht mehr, ein Blitz hat mich geblendet, und ein furchtbarer Schlag klebt mich an die Wand. Jetzt - ist - es aus! Ich muß lebendig begraben sein, lebendig begraben, denn tot bin ich nicht, ich spüre, wie es mir warm über das
Gesicht rinnt, und höre gleich neben mir einen röcheln und dann komwt mir zum Bewußtsein, daß ich an die Treppe
hingeworfen bin und einer auf mir liegt. Was, was war denn eigentlich? Mit einem Ruck der Nerven bin ich wach und
sehe eine Blutlache an meinem Waffenrock. Ist das von mir, mir fehlt doch nichts, ich spüre gar nichts? Steine kollern,
Stimmen rufen, Schüsse fallen.
Da klirrt das Aufstoßen von Gewehrkolben oben an der Treppe, ich wende erschrocken den Kopf im Liegen - zwei
riesige Schottländer mit blaugefrorenen, nackten Knien stehen oben und stoßen mit den Bajonetten nach mir herab. Ein
Schrei würgt sich aus meiner Kehle. "Nei - nein! - No - no - Tommy." "'raus, Fritzi!" schreit einer und springt herab. Ich
bringe vor Entsetzen keinen Ton heraus, wie ich in das kaltlächelnde, brutale, glattrasierte Gesicht schauen muß und in
zwei funkelnde blaue Augen. Und da knallt in diese kalte Grimasse ein blecherner Schlag, der Hals platzt am engen
Kragen auf, Blut spritzt in Stößen auf das Steingeröll, das Gesicht wird eigen starr und sinkt mit aufgerissenem Mund
zurück. Ein Schuß hat den Kopf von oben durchschlagen.
Da höre ich aus dem Kellerraum das dröhnende Häminern eines MG.s. Mein Gewehr schießt, mein Gewehr! Schreie
und Schüsse gellen. Ein rot bestaubtes Gesicht beugt sich zu mir her, Fäuste wühlen mich frei und reißen die Gestalt
über mir weg. Der Heiner, der hat mich in letzter Sekunde gerettet. "Das war'n bloß zwei, die anderen sind gar nicht
hergekommen, der Gustl schießt wie der Teufel", meint er ganz ruhig. "Den Toni hat's derhaut vorhin, sonst ist nichts
weiter passiert, wir haben geglaubt, du bist auch hin, weil du dich nimmer gerührt hast."
Da sah ich, daß unsere Kellerdecke ein Loch hatte, in dem gerade drei steckten und fest drauflosknallten. Ein
Hagelwetter tobte draußen. Ich wankte zum Kellerfenster, wo der Gustl pulvergeschwärzt am Kasten hantierte und, wie
er mich sah, fluchte. "Kruxifix - Hemmung!" Ich sah - "Lauf zurück!", riß die Federspannung ab und klappte den
Kolben herab, zwei Hülsen hatten sich verklemmt am Ausstoß. Im Nu war das Gewehr wieder gerichtet, Wasser
nachgefüllt unterm Schießen. Draußen war vom Feind nichts mehr zu sehen.
"Wohin schießt du denn?" "Stellung voraus, da sind s' jetzt drinnen." Knatterndes, rasendes Feuer wettert um unser
Kellerloch. Und haarscharf zischen die Granaten unserer Feldhasen drüber weg. Prachtvoll sitzen die Einschläge knapp
30 m voraus, wo ich jetzt eine Linie der Engländer am Boden liegen sehe. Da - da springen einige. Schon rasselt unsere
Büchse, sie stolpern und fallen. Auf der Straße liegen tote Schottländer, keine zwanzig Schritte mehr weg, gerade noch
rechtzeitig erkannt. Noch kann ich mir nicht zusammenreimen, wie das alles sich abgespielt hat, ich muß doch länger
betäubt gelegen haben.
Da springt einer heran, der Anderl. "War denn der Anderl fort?" "Freilich, der hat doch Meldung gemacht!" "Der
Leutnant kommt selber her", sagt der Anderl und erschrIckt, daß ihm das Wort im Halse steckenbleibt: Jetzt hab' ich
gelogen, ich hab' gemeldet, daß es dich derhaut hat - - du kannst halt, scheint's, auch nicht binwerden. Liegt der Kerl da
wie die schönste Leich' und lebt dann weiter! - B'such g'habt von London? fragte er, auf die toten Engländer deutend.
"liabts schon nachg'schaut nach Zigaretten?" fragte er dann. "Hab' s' schon!" entgegnete grinsend der Heiner und hielt
ihm eine Blechschachtel mit Zigaretten hin. "Daß ich weiterred', unsere Sanitäter kommen auch", meinte darin der
Anderl unterm Anzünden. Ja so, der arme Toni, der lag auf dem Steinhaufen des eingebrochenen Gewölbeteils, ein
Splitter hatte seinen Helm durchschlagen und ihm den Schädel aufgerissen. Es war schade um den braven, hübschen
Kameraden. "Packt mit an, wir wollen ihn hinauslegen!" sagte ich.
Der Toni fühlte sich aber gar nicht so tot an, ich mußte an den Kopfschuß des kleinen Preußen an der Aisne denken.
Draußen meinte auch der Heiner: "Vielleicht lebt er doch noch ein wenig?" Wir schoben sein Sturmgepäck unter den
dreck- und blutverkrusteten Kopf, dessen Lippen ganz schmal zusammengekniffen waren. Vorsichtig nahm ich den
zerbeulten, durchlöcherten Helm ab und erschrak freudig, wie jetzt noch leise warmes Blut, bei dieser Hundskälte
heute, an der Schläfe herabrieselte. "Verbandpackl her, der ist noch nicht tot, ihr Rindviecher, jeden laßt ihr gleich
sterben!" Vorsichtig wischte ich das geronnene Blut von den Augen und schob dabei die Augenlider hoch. "Er. zuckt, er
zuckt noch, der lebt g'wiß noch", stieß der Anderl hervor. Da spüre ich auch, wie ein feiner warmer Atem aus der Nage
kommt, und eile, den blutigen Kopf zu umwickeln. Dann decken wir den Toni mit unseren Zeltbahnen zu und ziehen
unsere Mäntel aus, daß er nicht auf dem kalten Boden liegen muß. "Wenn er nur wieder wird! Herrgott, laß ihn nicht
sterben!" denke ich für mich, denn mir ist klargeworden, daß er mich beim Durchschlag der Granate, wenn auch
ungewollt, gedeckt hat.
Heute habe ich zweien von meinen Kameraden das Leben züi verdanken. "Das vergesse ich dir nicht", sage ich zum
Heiner, worauf er lacht. "Ach was, du bist mei Freund, und mei Freund is mei Leb'n." "Aber das Eiserne mußt jetzt
kriegen, ich sag's schon dem Leutnant." "Pfeif' drauf, bin so auch ganz schön, tu lieber ein Feuer her, mein
Luntenfeuerzeug mag nicht. Wenn ich mir kein 'Eisen ins Kreuz krieg'."
Wie wir eine Zeitlang beisammensitzen und dem Gefetze über unseren Köpfen lauschen, während der unermüdliche
Gustl aus der verstaubten Werkzeugtasche das Ölkännehen nimmt und unser MG. durchölt, lasse ich mir schildern, was
eigentlich war. - "Ja - es war halt so", sagte der SchmiedMartl, "es hat halt einen Mordsplurnpser getan, und dann ist
uns das Gewölbe 'naufgefallen. Das war so bloß noch eine Haut. Aber wir sind alle ins Eck da hinten g'flog'n da hat's
uns nix g'macht. Dann ist der Dreck und der Rauch zu der eingeschlagenen Luke wieder hinaus, und da hätt' ich fast
lachen müssen, denn wir sind von oben bis unten backsteinrot gewesen, aber schon so gut eingestaubt, daß ich gemeint
hab', wir wären echte Indianer. Du und der Toni seid da drüben gelegen und habt euch nimmer gerührt. Au weh, die
g'Iangen, hab' ich noch g'sagt, und wollt' euch grad wegziehen vom Eingang, da schreit der Gustl: Der Tommy kommt!'
und da war grad das Loch in der Decke ganz kommod, da haben wir die Köpfe 'rausgestreckt und drauflosgefetzt." Der
Heiner erzählte dann ergänzend: "Mich hat's auf den Gustl zurückgeworfen, und da sind wir miteinander auf unsere
Büchse gefallen, so daß ihr gar nichts gefehlt hat zum Glück. Wir wir Uns wieder gefaßt haben, stellen wir die Büchse
ans Kellerfenster, und beim Hinaussehauen denk' ich mir, was denn da draußen für komische Kerle umeinanderlaufen.
Wir haben zuerst gemeint, daß unsere Linie vorne zurückgeht, derweil ist da vorne gar keine Linie von uns gewesen
anscheinend. Tommys sind's, und da haben wir das Fetzen ang'fangt. Der Anderl is gleich hintrig'saust zur Kompanie.
Auf einmal hör' ich wen schreien: Rrauß!' Wie ich umschaue, steht ein Tommy im Eingang bei dir dort und will dich
abmurksen; da hab' ich ihm eine durchs Hirn zunden, daß er g'Iangt hat. Den anderen hat derweil schon der Xari
wegg'putzt; meinst alleweil, er könnt' net bis drei zählen, der Duckmauser."
"Ich hab' s' schon derlurt g'habt, die zwei", erzählt der Xari bedächtig, "aber da is noch einer schon weiter hinten
g'wesen den hab' ich noch zuvor abg'schossen, und grad wie ich den zweiten anbrennen will, is ein Versager im Lauf.
Bis ich durchlad', hat ihn der Heiner schon, aber dann hat's gleich den andern g'streut, der grad a Ilandoranat'n zu uns
herwerfen wollte. Grad ein Muckerl z'spät war er dran, er hat s' nimmer 'rausbracht aus seinem Zwerchsack."
So gute, feste Kameraden habe ich im ganzen Krieg, außer beim Stoßtrupp, nicht gehabt. Wo nur der Leutnant bleibt
und die Krankenträger? Das fetzt aber jetzt nur so oben weg wie ein Rudel Schwalben. Der T,mmy muß gleich ein paar
MG.s in Stellung gebracht haben. "Mein Lieber, jetzt haben sie aber eine Sauwut, das schnakhelt nur so", schreit in dem
Geknalle und Zischen der Gusti vom Kellerfenster her. Querschläge trillern von unserem Steinhaufen weg. Und das
hört gar nimmer auf. Wir tragen den Toni wieder herein, denn draußen könnte ih n leicht ein Querschläger treffen, die
wie die Hummeln umeinandersurren. Er hat immer noch die Augen zu und atmet ganz unmerklich. Vorsichtig decken
wir ihn wieder zu. Draußen hat sich jetzt der Brodern eines Infanteriegefechts erhoben und brandet besonders weiter
rechts zu wahnsinnigem Toben auf. Lauschend sind wir verstummt. Jede Orientierung ist uns genommen, denn von
allen Seiten prasseln die Kugelschläge an unseren Steinhaufen, überbrüllt von dem Donnern und sprengenden Reißen
des Artillerieleuers. Feindwärts ist nichts zu sehen ' nur da drüben kriecht ein verwundeter Schottländer mit blutendem
Schädel rückwärts. "Der will uns nichts mehr, laß ihn!" sage ich zum Ileiner, der auf ihn anschlägt. Auch links voll uns,
im freien Feld, prasselt Gewelipfeuer und hämmert das Rattern deutscher MG.s. Gerade dahin können wir nicht
schauen. Vielleicht geht es, daß ich ein wenig hinaussehe und nach der Kompanie Umschau halte.
Da - horch! - Was ist das! Brummendes, pupperndes Stoßen und quietschendes nasseln. "Tank!" Entsetzt schreie ich das
Wort in die stumme Gesellschaft meiner Kameraden. Daher also dieses mörderische Gefetze. Da sehe ich ihn auch, wie
der schütternde Kasten mit Getöse aus der Ortschaft hinter uns auf der Straße heranpasselt. Mir scheint, er sucht zu
entkommen. MG.s pendeln, an der Seite, von sprühendem Feuer aus ihren Läufen gerüttelt. Quer über der Straße liegen
die toten Schottländer von vorhin, da - jetzt wälzt sieh der Kasten drüberweg wie ein fressendes Ungeheuer und
zermalmt und zerreißt sie zu unförmigen Klumpen - eiskalt brutal.
Und da - da ist, direkt vorne, eine Klappe offen, ein Gesicht schaut heraus - und verschwindet jetzt blitzschnell hinter
der fallenden Klappe. Der Feind hat mich gesehen und erkannt. Gleich wird der Tank bei uns sein! Was tun, was? Das
MG. herauswerfen? Unsinn, das zerhacken sie uns mit Leichtigkeit und uns damit. Diesmal sind wir geliefert, wir
dürfen froh sein, wenn sie unser Leben verschonen. Gibt's nicht, Tanks machen doch keine Gefangenen. Blitzschnell
schießt mir das durch den Kopf. Ausreißen? Daß sie uns nur so abknallen brauchten? Also dableiben, möglichst wenig
rühren! Ich wollte, es wäre Nacht. Zielleicht geht er vorbei, hoffe ich mit kindlicher Einfalt.
Schon hagelt es oben in den Dreck. Das Gewölbe beginnt zu zittern, und Wände und Boden vibrieren mit unter der
dröhnenden Wucht des eisernen Kastens. Wir haben uns an die Straßenwand gepreßt und sehen, wie am
Deckeaeinbruch oben der Mörtel aufstäubt und knallendes Blei zerspritzt. Ein Schatten schiebt sich am Kellerfenster
vorbei. Der Gustl hat sich geduckt. Da spritzt es zum Fenster herein und hackt gegenüber roten Staub aus der Wand, wo
der Toni liegt und mit dein Leben ringt. Was nützt es, wenn wir schreien, brüllen - es geht im eisernen Dröhnen und
singenden Brummen der Maschine unter. "Verreck - Hund - verreel,!" brüllte der Schmied-Martl. "Wo hast deine
Pulverkisten?" schreie ich plötzlich, vom einzigen rettenden Gedanken durchzuckt. "Da! - Wenn ich nur 'nausl"önnt'!"
"Laß ihn vorbei!"
Da werfen der Gustl und der Reiner voller Wut das MG. ins Kellerfenster, und ehe ich es verhindern kann, hämmert das
Stoßen des Gewehres in das Getöse. Sie haben den Tank schräg von hinten und lassen die Funken nur so von seinem
Panzer sprühen. "Aufhören!" schreie ich. "Nix da! Weiter!" brüllt mich der Reiner an. "Und wenn ich hin bin!" Da, der
Tank bleibt stehen - aber schon brüllt der Motor, fauchend wie eine wütende Katze, wieder an, Der Kasten fährt
rückwärts! - Er dreht nach uns her!
"Raus! Der zerdrückt uns!" schreie ich entsetzt und stürze an die Kellertreppe, der Schmied-Martl mit mir. Der Reiner
aber schießt und brüllt. Das Hinterteil des Tanks steht zum Greifen nahe auf der Straße draußen. Jede Niete kann man
sehen und einen Totenkopf über zwei Schwertern. Einen Totenkopf! Der Xari und der Anderl werfen Handgranaten, der
Tank stockt. Jetzt, jetzt! Ich klettere vollends ns Freie, umhagelt von Geschossen. "Kiste her!" "Laß mich, laß mich!"
wehrt der SchmiedMartl. "Zu zweit! Los! Hooo - rruck!" Wir haben die Kiste mit vier Händen gefaßt, der Martl reißt ab
und zählt: "Einundzwanzig...", dann fliegt sie im Bogen init rauchendem Stiel direkt auf den Tank, kollert herab und
bleibt vor ihm liegen. Und jetzt faßt er mit dem linken Gurt unsere Kiste und zerdrückt sie. Vierundzwanzig... fünf... !
Ein fürchterlicher Blitz schlägt aus dem Boden, und ein furchtbarer Schlag wirft uns nieder. Flirrt - frrut - frrut tschäng! surrt und zischt es vorbei. Eine ungeheure blaue Rauchwolke verhüllt das Bild der Explosion. Wir sehen nichts
mehr. So gewaltig habe ich mir die Wirkung dieser Holzhiste nicht vorgestellt. Alles im Umkreis muß vernichtet sein.
Meine singenden, tauben Ohren fangen ein schnurrendes Geräusch auf. Der Rauch zerfliegt und enthüllt das Bild der
Zerstörung. Da dreht sich der Tank wie ein vertriebener Kreisel um die eigene Achse, ein Gurt liegt wie ein eiserner
Bandwurm abgerissen auf der Straße, und mit dem andern Gurt schraubt sich der schwankende Kasten, im Kreise
torkelnd, von uns weg über das Feld, wo er bruminend und heulend wie ein wütender Elefant sich mit dem leeren,
verbogenen Stumpf des Gurtrades in den Boden wühlt und Erde aufwirft. Neben mir flucht der SchmiedMartl: "Ja, ist
der noch nicht hin - noch nicht? Der Sauhund! - G'langt der noch nicht?" Es reicht anscheinend doch, denn jetzt bleibt
er rauchend und qualmend liegen. Das Geheul des Motors erstickt jäh abbrechend.
Da fegt es tschi - tssiu - tssiu haarscharf über uns weg; metallen brechendes Aufschlagen von Granaten; tssiu - tssiu tssiu -. Da gähnen plötzlich zerfranste Löcher in der Panzerwand des Tanks; knatterndes Brennen der Munition, ein
matter Schlag, und rotes Feuer fließt über die Wände. Der Tank war schon ein glühendes Krematorium, ehe diese
Granaten kamen, jetzt flammt er, in schwarzen Qualm gehüllt. Wären diese Granaten doch einige Minuten früher
gekommen! Dann wären mir und dem Schmied-Mütl die Haare an den Schläfen nicht grau geworden, wie wir Tage
danach beim Waschen erschrocken sehen.
Die Kellerdecke ist eingestürzt bis auf ein winziges Stück, unter dem der Toni mit dem Tode kämpft. Wenn einer mit
dem Fuß oben drauftritt, bricht es herab. Der Xari, der Anderl und der Ludwig hocken mit schwarzgebrannten
Gesichtern auf dem Schutt und blinzeln mit den Augen, wie ich sie anrufe. Dem Anderl sein Schnurrbart ist ganz gelb
versengt und die Augenbrauen auch. Vom Gustl und vom Heiner sieht man nur ein paar Arme und einen Stiefel aus
dein Steinhaufen ragen. Der eine Arm greift in der Luft herum mit gesprelzten Fingern und umklammert mich eisern,
wie ich mit der Hand schnell danach greife.
Der lebt noch! - Fieberhaft wühlen wir und schleudern Steine und Brocken zur Seite; da kommt ein Stahlhelm, der
Gustl! Er schnappt mit verstaubten Nasenlöchern und sandverstopftem Mund nach Luft, der Martl hilft ihm und lehnt
ihn an die Wand. "Gott sei Dank!" sagt da eine Grabesstimme aus dem Schutthaufen. "Au - au! Gehst runter!" Da liegt
der Ileiner, eingeklemmt zwischen eini,gen großen Trümmern, die wir wegräumen. Er hat das MG. im Arm, und die
Gabelstütze hat ihm ihre Krallen gerade in den Bauch gedrückt. "Ich mein', mir hat's das Kreuz abgeschlagen. Wasser
und eine Zigarette, dann sind wir quitt, Hans!" "Hätt'st mir g'folot!" "Da war's schon z'spät!" "Freilich..." "Geh, hör auf,
es is schon wieder vorüber! Mach einen Punkt!" Rauchend sitzen wir auf dem Schutt und sagen nichts mehr.
Nach einer Weile meinte der Anderl: "Ich schau' einmal, wo die Krankenträger bleiben." "Nein, bleib da, es wird so
bald finster, dann gehen wir miteinander zurück." Dann schauten wir nach dem Toni, der, leise durch die Nase
stöhnend, an der Treppe draußen lag. "Gib ihm was zum Trinken, ich mach' ihm das Maul schon auf", forderte mich der
Schmied-Martl auf und drückte seine Daumenknöchel dem Toni ans Kinn, daß dieser mit einem halblauten Schrei die
Lippen aufriß und ich ihm den eiskalten Kaffee hineingießen konnte. Er konnte ja schlucken, und wie! Dann schluc er
die Augen auf und schaute uns an; mit einem Ruck fuhr er in die Höhe: "Ach, du bist's! Mich friert elendil Was war
denn?" "Schlaf nur weiter, ein bissel ankratzt bist halt am Schädel." Da legte er sich wieder hin und machte beruhigt die
Augen zu. Es mußte doch nicht so schlimm sein mit seiner Verwundung.
Das Gelände war wieder tot. Läge der qualmende Tank nicht draußen und die toten Engländer nicht auf der Straße und
vor unserem Keller, wir müßten uns erst besinnen, was gewesen ist. Wir haben allen Grund, äußerst vorsichtig zu sein.
In den Steinhaufen klatschendes Blei und eine Serie MG.-Schüsse von Zeit zu Zeit zeigen uns deutlich, daß der Tommy
unser Nest heraushat und auf uns lauert. Der Xari sagt, er sähe, wie links von uns auf gleicher flöhe mit unserem
Kellerloch Erde herausgeworfen wird. Da schanzen sie. Anscheinend hat sich ein Nest dort drüben festgesetzt in
Handgranatenwurfweite. Wir wenden den Schutt des eingestürzten Gewölbes um und suchen nach unseren
verschütteten Patronenkästen und Handgranaten.
Diese englische Nachbarschaft ist uns recht unbehaglich. Noch scheint sie im unklaren zu sein über unsere Stärke. Aber
die Nacht könnte uns sicher gefährlich werden. "Jetzt haben sie ein MG. eingebaut - zu uns her", sagt der Gustl vom
Postenstand herab. Es stimmt, wie ich beklommen hinüberluge. Das dürfen wir uns nicht bieten lassen, denn es
beherrscht unseren Rückweg mit tödlicher Sicherheit. Vorsichtig heben wir unser MG. herauf. Da sind zwei
Steinbrocken übereinander, daß eine schmale Spalte gerade gestattet, den Rückstoßverstärker hineinzuschleben; für den
Mantel ist das Loch zu klein. Und wenn wir jetzt dran herurnreißen, werden sie drüben aufmerksam. Langes Dauerfeuer
geht so nicht, aber für eine gutsitzende Serie muß dieser windige Anschlag schon genügen. "Ob du so was triffst?"
zweifelt der Gustl. "Halt's Maul und führ gut zu!" sage ich und suche die Büchse vorsichtig in Richtung zu bringen, so
ungefähr nach dem Maul, denn beim Visieren sehe ich nur einen Backstein vor dem Korn. Drüben schaut der runde
Metalltopf des englischen Lewisgewehres unheildrohend herüber. "Gut aufatmen! Fertig?"
"Fertig!" Rüttelnd schlägt das Gewehr an meine Schulter- drüben spritzen Funken von Metall des Lewisgewehres, das
von den fliehen ineines Punktfeuers gestoßen wird, umfällt und sich schräg mit verbeultem Mantel querlegt. Und so
hacke ich es in Fetzen. mit grimmgem Feuerstoß, bis mir der Heiner beim Stocken meiner Büchse ins taube Ohr schreit:
"Durch!" Der Gurt ist leer. "Das tut uns nichts mehr", sage ich, lachend über das ganze Gesicht, und setze ab. Der Martl
haut mir seine Pratze auf die Schulter: "Bist halt ein Mordslackl, ein Wildschütz!"
"Ist schon recht, aber jetzt fertigmachen zum Abrücken! Zuerst geht der Ludwig und der Xari mit dem Toni in der
Mitte, dann der Ileiner und der Gustl mit dem MG., und der iMartl deckt mit mir und dem Anderl den Rückzug." Der
Toni hatte sich aufgesetzt und behauptete, er könne allein gehen, obwohl er vor Fieberfrost schnatterte wie eine Gans.
Der Ludwig stülpte ihm den Stahlhelm über seinen weiß,verbundenen Kopf, und dann warteten wir, bis endlich die
Dämmerung immer stärker wurde und der gefahrdrohende Erdaufwurf drüben nur noch mit anaestrengtein Auge
erkennbar war.
Da kroch ich mit dem Martl und dem Anderl hinaus und legte mich in einem flachen Trichter auf die Lauer. Vorsichtige
Tritte sagten uns, daß jetzt die zwei mit dein Verwundeten herausstiecsen. Sie hatten sich die leeren Handgranatensäcke
an die Stiefel gebunden und verschwanden wie unterirdische Wesen nach hinten. Wo nur die anderen bleiben? Fast
wäre ich erschrocken, so leise hatte sich der Gustl an mich herangeSehoben und keuchte inir ins Ohr: "Über die Straße
sind s' grad herübergekrochen, soll ich schießen?" "Schwingts euch ein Stück weit - und wartet auf uns, schnell!"
Leichtes blechernes Scheppern und leises Knirschen verriet mir dann, daß auch sie entwichen. Atemlose Spannung ließ
mich fast das Schnaufen vergessen. Ich fühlte nilt dem Instinkt des alten Kriegers, daß die Umgebung lebendig war. Ein
ganz leises Schlürfen kam heran, ein feines, hauchzaries Rascheln von Gras, so wie ein Tiger fast lautlos durch die
Dschungel schleichen muß.
Eine Hand legte sich auf meinen Arm, und ein Atem hauchte in mein kältesteifes Ohr: "Sie komrnen"" Ich nicke und
zische: "Zurüclkriechen!" Den Martl neben mir zupfe ich am Hosenbein und beginne mich vorsichtig vom Keller
wegzuschieben, in einer Faust den Karabiner, in der anderen die entsicherte Handgranate. Ganz deutlich weiß ich, wenn
wir jetzt aufstünden, würden Funken vor unseren Augen tanzen, und ein wildes Schreien würde anheben, so wie
Menschen nur schreien können, die in höchster Todesnot sind. Handbreite um flandbreite schieben wir uns wie Krebse
nach hinten, zitternd am ganzen Körper vor Anstrengung und heißer Erregung - und von drüben rücken sie handbreit
um handbreit nach, unseren Keller von drei Seiten umstellend. Einmal fährt gellend eine Reihe Schüsse über uns weg,
daß wir uns platt an den Boden drücken. Es ist nur blindes Feuer von irgendwoher. Weiter! Gut zehn Schritte haben wir
schon gewonnen, die Tommys müssen schon verflucht nahe am Keller sein.
Eine Faust krampft sich in meine Schenkel. Was ist denn? "Da!" raunt mir der Martl ins Ohr. Da muß einer liegen,
durchfährt es mich eiskalt, und ich halte den Anderl an. Der flüstert mir ins Ohr: "Depp, das ist der Tote, an dem bin ich
heute schon vorbei. Mehr rechts halten!" Er hat recht, wir steuern rechts mit unseren Beinen. War das nicht
Stimmengernurmel? Wieder klammert sich eine Faust in meinen Schenkel, der Anderl ist's. Ein mehrfaches Knakken das Schnappen der Federn englischer Handgranaten. Totenstille! Wo unser Keller sein muß, fährt jäh ein Feuerblitzen
auf - der rasselnde Donnerschlag einer Handgranatensalve drückt durch die Luft. "Auf!" schreie ich unterdrückt "Wurf!" Da flattern unsere Handgranaten in ein unbestimmtes Gewurle dunkler Gestalten und in ein Schwirren
drohender Stimmen. Jähe Schläge zersprühen Feuer, Splitter f auchen und singen vorbei, Schüsse peitschen! - Wir aber
rennen und springen, bis einer schreit: "Halt - zu uns her!"
Ein züngelndes Feuer zuckt hinter einem Mauerrest hervor und schlägt zum Feind. Es ist der Heiner und der Gustl. Wir
werfen uns keuchend daneben und heben mit zitternden Händen unsere Karabiner ins Dunkel und knallen drauflos, als
wären wir eine ganze Schützenlinie. Blendend zieht eine Leuchtkugel über uns weg. Eine hallende Stimme ruft:
"Herein da draußen -he!" Mein Name wird gerufen, es ist unser Leutnant. "jetzt ist mir wieder um einen Zentner
leichter", schnauft der Anderl auf. Hinter Erdaufwürfen hockt da unser Stoßtrupp, der eben mit dem Auftrag, unsere
Leichen zu bergen, ins Vorfeld wollte, denn wir sind ahnungslos den ganzen Tao, direkt vor der englischen Linie
gesessen. "Mensch, wie kommen Sie denn da hinaus?" fragt mich vorwurfsvoll der Leutnant. "Ihr Keller ist doch hier,
den Sie besetzen sollten!" "Ja, wo ist denn dann zum Teufel unsere erste Linie?" "Hier ist sie und war sie schon
immer!"
Es stellt sich heraus, daß wir in der Eile am Morgen an unserem Posten vorbeigerannt sind, der in der Nacht vorher von
einem Volltreffer vernichtet wurde. Durch die so entstandene Lücke der nicht zusammenhängenden Stellung sind wir
ahnungslos hindurchgerannt.
"Nun kommt aber, Kerls", sagte unser Feldwebel, "und eßt mal ordentlich; der Trägertrupp hat Wein gebracht, ich habe
schon reserviert. Und der Herr Leutnant hat eine Wette verloren - macht zehn Flaschen -. Ich sagte nämlich, wie er
meinte, ihr seid verloren, als die 'Meldung kam, daß zwei tot wären - das wäre noch nicht unterschrieben. Nun, habe ich
nicht recht?" "Das war wieder ein Sauglück heute, ein ganz unverdientes. Einen Volltreffer kriegen, ein Bajonett vor
den Aug en, einen Tank umbringen und in der letzten Minute den Kragen aus der Mausefalle herausziehen, alles mit
heiler Haut, das begreife, wer mag, ich kann es selber nicht recht fassen." mir ein paar leere Patronenkästen hat der
Toinmy erwischt, und das einzige, was sie umgebracht haben, wird dem Toni sein Karabiner sein.
Im Stollen saßen schon der Ludwig und der Xari. Ein freudiges Hallo empfing uns. "Hans, diesmal gibt's aber den Pour
le mérite", lachte mich der Sepp an und schüttelte mich bei den Schultern. "So was müßte in den Heeresbericht
kommen." Der Heiner brachte es gerade heraus, als wäre der Tag heute ein Ausflug auf die Oktoberwiese gewesen.
"Den Tank hättet ihr sehen sollen, wie's dein eine Haxen ausgerissen hat und wie er dann einhaxig weitertanzt ist",
erzählte er. "Nette Kameraden seids, mein ganzer schöner Schnauzbart ist verbrannt", schimpfte scherzend der Anderl.
Ich streckte mich auf eine der engen Klappen und machte unterm Einschlafen dem Kompanieführer stockend noch
einen Bericht, dann hatte ich Essen und Trinken vergessen und durchlebte noch einmal im Traum die furchtbaren
Minuten, bis ich, schweißgebadet und zerschlagen erwachte.
Da war es Mittag des anderen Tages. Der Gustl machte meinen kalten Drahtverhau und Wein auf dem Ofen oben in der
schon halb zerschossenen Küche warm. Das schlang ich hinunter mit einem Bärenhunger, drehte mich um und schlief
weiter. Am Abend müßten wir am Steilhang in Stellung gehen und die elfte Kompanie ablösen. Da hockten wir dann
schon wieder die ganze Nacht in einem großen Trichter des Vorfeldes zur Sicherung der schanzenden Kompanie.
Frierend lehnte ich mich an die steinhart gefrorene Trichterwand und schlief, bis es Zeit war, das Vorfeld wegen der
zunehmenden Helle des Tages zu räumen. Ich hatte mir mit dem Körper eine weiche Mulde aufgetaut und habe darin
köstlich satt auscreschlafen wie in einem Federbett. Eine Patrouille soll in der Nacht dagewesen sein; mich hätten sie
um keinen Preis der Welt wachrütteln können, nicht einmal einige schwere englische Granaten brachten es fertig, mich
wachzurütteln. Darüber lachte ich froh, wie die anderen es mir erzählten. Für den Toni ist der Meier-Hans zu meiner
Bedienung getreten.
Ein trostloser, langweiliger Tag brachte uns viele Fliegeraufmerksamkeit und eine stundenlange Beschießung, die
ungemütlich genau saß. Ein Volltreffer ging in den Trichter nebenan und zertrümmerte unseren MG.-Karren, daß wir
ihn ohne Bedenken nachts zum Auftauen unseres immer wieder einfrierenden Gewehres in unserem zeltverhangenen
Loch verbrennen konnten. Stückweise sind schon zusammenhängende Gräben entstanden. Nachts wurde unser Zug
herausgenommen und nach rechts verschoben ins leere Feld, wo wir eine Stellung auszuheben begannen. Der
Engländer brachte uns dabei einige Tote und Verwundete bei mit unglaublich gutsitzendem Schrapnellfeuer. Am
Morgen war wenigstens eine meterhohe Rinne ausgeworfen, die wir nach einem weiteren schweren Feuergang auf
Brusthöhe vertieften. Gleich hinter unserem Graben hatte sich eine Batterie Feldhasen eingebaut zur Tankabwehr. Am
Abend war sie von einem gigantischen Feuerstrudel zerschlagen, daß die Geschütze umgeworfen und Speichen und
Lafettenschwänze aus den Trichtern herausstanden. Ein Munitionsstapel ging dabei in die Luft und lockte natürlich
noch mehr Feuer an.
Drüben brachten sie täglich neue Batterien in Stellung, die Ihr Dasein recht kräftig bei uns meldeten. Villers-Guislains
sank vollends in Trümmer. Aber weitere Angriffe der Engländer blieben aus. Mit nachahmenswertem Eifer schanzten
sie drüben und begannen sogar schon Drahtverhaue zu spannen. Da wußten wir, daß auch sie drüben sich einzuwintern
begannen. Auch bei uns brachten Fuhrwerke nächtens das Material zum Ausbau der Stellung. Wir legten schon
Laufgräben an, und die ersten Fuchslöcher wurden bereits mit Blech und Holzrahmen ausgesteift.
Die Front war längst wieder erstarrt. Im vierten Kriegsjahr wurde noch einmal eine neue Stellung gebaut. Der kalte,
lähmende Winter jagte eisige Winde über die öde Steppe bei Cambrai. Bald wird es aus den grauen, düsteren Wolken
weiß herabtanzen und eine Leichendecke spannen über das öde Feld und die starren Gestalten da draußen im Vorfeld
schonend verdecken. Eine Atempause wird an der Westfront sein, die letzte vor dem Generalsturm, vor dem Würgen
und Ringen um die Entscheidung.
In einer Nacht kommen preußische Kompanien leise angeklirrt; wir werden abgelöst und herausgezogen in Ruhe nach
einer vollen Woche unerhörter Strapazen und Entbehrungen. Wir gehen diesmal schon durch einen Laufgraben zurück
zum Hohlweg, über den die Garben feindlicher Gewehre fegen. Ganz dunkel entsinnen wir uns, daß wir einmal frei
oben über das welke Kraut und Gras gelaufen sind und nicht sonderlich auf dieses Pfeifen und Zischen achteten. Das
waren kühne Tage freien Kampfes. Heute können wir nicht fassen, daß es dabei so wenige zu Boden riß, denn die Enge
der Gräben liegt wieder drückend auf unseren Gernütern und macht uns zu ängstlichen Spießern der Front, die
furchtsam zögern und fast einen Herzklaps kriegen, wenn sie diese schützenden Wände verlassen und aufrecht den Fuß
aufs freie Feld setzen sollen.
Müde, vergrämt und launisch trappeln wir auf zerschossenen Straßen rückwärts. Die ersten Weichheiten der
schußsicheren Etappe umwittern uns lockend. Wir schämen uns fast der Wildheit unserer schrnutzstarrenden, hageren
Gesichter, der zerschlissenen, verbeulten und verknitterten Ausrüstung der vorn Kampf verlotterten Haltung und
aufgelösten Respektsgrenzen. Eine gleichmachende gefahrlose Dienstfolge wird wieder die Wertunterschiede
auswischen, die vorne in den letzten Tagen sich so schroff von Mann zu Mann herausdrängten. Der einzelne taucht
wieder unter
im ausgerichteten Glied der Kompanie.
Ablösung! - Wir sind müde und verbraucht. Ruhe! "Der Kampf ist vorbei, der Krampf geht wieder an", sagt der Heiner.
"Wieviel Tote haben wir diesnial?" frage ich. "Zehne sind's."
"Das ist eigentlich nieht viel; diese Schlacht war nicht einmal teuer."
Hans Zöberlein: Der Glaube an Deutschland
Winter in der Siegfriedstellung
Eine große Besichtigung bei klirrendem Frost findet statt. Unser Divisionär ist Exzellenz geworden und hat den Pour le
mérite bekommen Wir scheinen doch keine schlechte
"Ein altbekanntes Gesicht - wie heißen Sie?! sagt er, vor mir stehenbleibend, Ich brülle meinen Namen. "Da ist noch
einer, den ich schon längr kenne, wie heißen Sie?" sagt der General zum Martl im hinteren Glied. Der Martl sagt seinen
Namen, fügt aber zu unserem Schrecken noch bei -"Ich hab' aber früher besser ausg'schaut." "Waren Sie krank?" "Nein,
Exzellenz! Früher hat's halt mehr zum Essen gegeben." "Reicht es denn nicht?" "Mehr Brot wär' halt recht, ein Drittel
Barras ist zuwenig, das g'Iangt grad zum Kaffee, zum Essen nimmer." "Sooo? - -" sagte der General, und der Leutnant
stand mit dem Feldwebel auf Kohlen und verwünschte den Martl nach der Insel der Seligen. Dann schaut der General
mich an mit seinen scharfen Augen und fragt: "Reichen Sie auch nicht mit dem Brot?" "Nein, Exzellenz!" "Und Sie?"
fragt er den Heiner. "Ich schon gleich gar nicht, Exzellenz!" Warum schon gleich gar nicht?" Weil ich noch im
Wachsen bin. Exzellenz!" Da lachte der General und meinte: "Noch nicht erwachsen und solch einen flotten
Schnurrbart. Aber ich will einmal sehen, ob eine Brotzulage von der Intendantur zu erhalten ist. - Gut' -Morgen, zehnte
Kompanie!" "Morrng, Xllenntz!"
- Wirklich, zwei Tage später gab es mehr Brot. "Für die Dauer von zehn Tagen eine Sonderzulage von je 125 Gramm
Brot in Anerkennung der Leistungen der Division in den letzten Kämpfen", hieß es in der Bekanntmachung beim
Dienstbefehl.
*
Es ging noch vor Weihnachten in Stellung. Ich brauchte nicht mitgehen, sondern wurde zür Kaiserparade nach hinten in
Marsch gesetzt. Das sollte eine Auszeichnung sein. Von jeder Kompanie ein Mann, der sich in der letzten Schlacht
besonders ausgezeichnet hätte, hieß es im Befehl. Auf der vereisten Straße nach Bertry, der ersten Marschstation, traf
ich einen jungen Kameraden der zweiten Kompanie, "Gehst auch zur Kaiserparade?" "Ja! Du auch?" "Freilich, das ist
meine Auszeichnung für die letzte Gaudi. Was hast denn du angestellt?" "Ich? Ja mei, ich hab' mit noch einem zwei
Tanks zusammengeschossen bei Epehy, deswegen muß ich von der Stellung aus so weit laufen, daß mich halt der
Kaiser sieht." "Oho, mit was hast denn da geschossen?" "Mit einem Feldgeschütz." "Bist du denn am Geschütz
ausgebildet?" "Na, i versteh' nix davon." "Wie hast denn das angefangen, so red doch!"
"Also, da ist doch der große Tankangriff gewesen bei Epehy. Unser Hauptmann ist gefallen, und von meiner Kompanie
haben die Tanks nicht viel übriggelassen. Eine Wut - und nichts machen können gegen diese Kästen. Da springt zu uns
ein Artillerist, ein Korporal von unseren Reserveachtern, ins Loch herein mit einem zerfetzten Arm. Den haben wir
verbunden, wie grad wieder ein paar so Luder daherrumpeln und das Feuern anfangen auf unser Loch her, daß es nur so
spritzt. 'Schießts doch die Hund' in Fetzen!' schreit der Korporal. Mit was denn, mit'm Stopselrevolver?, frag' ich. 'Mit
dem Geschütz Rindvieh, das wo noch in dem Loch dort drüben steht. Wenn ich nur könnt'!' Ich kann doch mit keinem
Geschütz schießen, ich bin doch kein Artillerist.' Ich richt's euch schon, aber laden und den Lafettenschwanz heben
kann ich nimmer.' Da sind wir dem Korporal nach und zu dem Geschütz hingekrochen, wo die Bedienung tot
danebengelegen ist; die haben wir erst weggezogen und dann die Kanone herumgehoben, wie's der Korporal gebraucht
hat. Wir haben aber nur noch einen Korb mit zwei Granaten gefunden, das andere war alles schon verschossen."
"Ja, und die Tanks, wo war'n denn die?"
"Die sind hinter uns umeinandergerutscht, drum. haben wir das Geschütz ganz umdrehen müssen. Ich hab' dann
geladen, der Korporal hat umeinandergesehraubt und eingerichtet. Feuer!' sagt er, und der Ludwig reißt am Strick. Grad
g'schnalzt hat's; es ist aber danebengegangen. Der Korporal hat nicht viel g'flucht. Die letzte Granate ins Rohr und noch
einmal abgezogen und - wumsdich! - die haut ein, und der Tank brennt. G'Iacht haben wir, g'lacht; so hat mich noch nie
was g'freut in meinem Leben. Granaten her! Suchts, der andere muß auch dran glauben', schreit der Korporal. Wir
suchen und suchen, da ist noch ein Geschütz in der Nähe, und da steckt im umgeschossenen Protzkasten akkurat noch
ein Korb mit zwei Granaten, mehr in cht. Den schleppen wir hin - und grad wie wir dort sind, fetzt uns ein MG. aber so
an, daß wir meinen, aus ist's. Der Korporal macht einen Schnapper und fällt um - tot! Wir zwei haben uns hinter den
Lafettenschwanz gesteckt und gemeint, es geht uns wie dem Korporal. Die Querschläger sind nur so davongesurrt, und
den Lafettenschwanz hat's nur so ausgefranst. Das war nämlich der andere Tank, der muß gesehen haben, daß wir mit
dem Geschütz seinen Kameraden erledigt haben. Ganz nahe fährt er zu uns her, wir haben uns aber nicht gerührt, ich
glaub', ich wäre so bald gestorben, so hat mich das Herz druckt.
Endlich ist er weg, und das Fetzen hört auf, weil er meint, wir sind tot. Wie wir ihm so nachschauen, sagt der Ludwig:
'Probler'n wir's noch einmal, er sieht grad nicht her.' Da haben wir dann heruingeruckt und geschraubt, aber es hat
nimmer g'Iangt, weil der Tank in eine Mulde hinunterfuhr. Zielen haben wir auch nur so wie mit unserem Gewehr
können. Aber das Rohr ist nimmer tiefer gegangen. Da haben wir hinten aufgehoben und ein paar Erdbrocken und leere
Körbe untergelegt. So hab' ich halt eingerichtet, wie man ein Gewehr am Zielbock einrichtet. Ein bissel ab - halt zuviel - wieder ein wenig auf, ein bissel rechts, ein bissel links, bis ich mein', es stimmt. Der Ludwig visiert auch durch
und meint, es könnt' stimmen, stolpert aber und verreißt die ganze Geschichte, wie ich grad abbrenn'! Die ist natürlich
weiß Gott wohin, und wir haben wieder von vorne angefangen, ein bissel auf, noch ein Ruckerl, halt - ein bissel links jetzt muß es aber stimmen! Die letzte Granate im Rohr - 400 in war er weg, der Kasten. Noch einmal hab' ich ganz
genau visiert und dann mit einem Stoßgebet abgezogen, daß das Geschütz beim Rückschlag bald den Ludwig
überfahren hätte. Aber am Tank ist auf einmal ein Spritzer, und dann raucht er schon und rührt sich nimmer. Kannst dir
denken, wie uns gewesen ist, war der auch hin." - Da steckt Man im raffiniertesten aller Kriege, meint und weiß, daß nur die blitzschnelle Anwendung rasender
Feuerkräfte und sekundenhafte Ausnützung maschineller Vorteile Oder Überlegenheiten die Selbstbehauptung
garantieren - und da stopseln zwei unerfahrene, kaum ausgewachsene Bürscherln an einer kornplizierten Feuerwaffe
herum und schießen damit Tanks zusammen. Kaum zu glauben ist das, jeder Fachmann wird es ablehnen, sich solche
Märchen aufbinden zu lassen, weil ihm bekannt ist, wie langwierig die Ausbildung bis zur Beherrschung solcher
moderner Waffen ist. Da leistet nun die Einfalt und der kindliche Glaube solche Wunder.
"Was hast denn dafür kriegt?" frage ich. "Das Eiserne zweiter - und zur Kaiserparade darf ich." "Das ist aber billig - da
gehört dir doch die Tapferkeitsmedaille dafür." "Ich sollte auch dazu vorgeschlagen werden, aber wir haben keine
Zeugen. Am liebsten red' ich gar nimmer davon, weil's ja doch keiner recht glaubt." Dann erzählte ich ihm, wie ich und
der Schmied-Martl den Tank vor Villers-Guislains gesprengt haben. "Soo! Was hast denn du dafür kriegt?" "Frag noch
recht dumm, zur Kaiserparade darf ich. Ich will auch gar nichts dafür. Jetzt, wo die Blecher kistenweis' ausgeteilt
werden, haben sie ja keinen Wert mehr."
*
Bei beißendem Frost fuhren wir am anderen Tage auf Lastautos in die Etappe nach Solesmes. Wenn ein Berg kam,
mußten wir absteigen und den Kasten schieben und Ketten unter die Räder mit ihren eisernen Reifen schlagen, denn die
Straßen waren bös vereist. Bei dem Städtchen Solesmes war ein großes Fliegerlager der RichthofenStaffel, die gerade
aufstieg und das weite Acherfeld umkreiste, auf dem sich an die fünfundzwanzig Divisionsabordnungen aufstellten im
großen Viereck. Man schrieb den 22. Dezember 1917.
So gegen halb 12 Uhr kommt mit "Tatütata!" der Kaiser angefahren, von einem Orkan des "Hurra - ha - ha - ha aahhh!" begrüßt. "Still-ge-standään!" In eisiger Ruhe erstarrt stehen die Würfel der Divisionen. Ein grollender
Trommelwirbel murrt über das offene Feld, und aufklirrend wie Silber tost der Rhythmus des PräsentierMarsches
darüber weg. Im dröhnenden Brummen der Motoren schwimmt das Fluggeschwader in ausgerichteten Gliedern in der
Luft.
Ein Schauer unserer Macht faßt uns an und ein freudiges Erhennen deutscher Größe. Das sind wir, wir! Wie lange
haben wir das nicht mehr gefühlt und gekannt! Da peitscht die Musik ins Blut, da reißt dieser Trommelwirbel die im
Frontdienst krumm gewordenen rheuniatischen Knochen gerade und die müde nach vorn gesunkenen Köpfe hoch, daß
die Brust sich herauswölbt und ein erleichtertes Atmen endlich wieder einmal durch die Lungen zieht.
Der Kaiser schreitet die Fronten ab in einer Wolke von ordenblitzenden Generalen mit dem alten, feldurau verhüllten
Spitzhelm. Die goldene Kaiserstandarte pendelt über den Köpfen. Immer wieder gellt ein stoßender Ruf als Antwort
über die Klänge der rauschenden Musik, wenn der Kaiser seine Soldaten grüßt. Und endlich kommt er zu uns heran, die
wir mitten in der weiten Aufstellung stehen. "Neunte! - - Stii - and! - Augen - rechttz!Und da sehen wir ihn vor unserer
Front, wie er sich breit zu uns herdreht mit dem längst bekannten, aber nun schwer zerturchten bleichen Gesicht und
grauen Haaren. "Morgen - Kameraden!" "Morngg - Mastät!', Und der himmellange Kürassier hinter ihm mit dem ins
Genick gebogenen komischen Helmdeckel schwenkt die Standarte mit dem Adler, Dann spricht der Kaiser mit dem
General v. d. Alarwitz und unserem Divisionär, geht dann die Front entlang mit dem Finger am Helmrand und weiter
zur nächsten Division. "Rührt - euch!"
"Das also ist er!" wispert mein Nachbar im Glied. Ja, das war er!" Es war das einzige Mal in meinem Leben, daß ich
den Kaiser so nahe sah, einmal früher daheim bei einer großen Feier, zwar auch als ganz kleiner Schulbub noch, aber
das weiß ich nimmer recht. "Schaut gar nicht gut aus", meint mein Nachbar wieder. "Ist ja kein Wunder -bei solchen
Sorgen, wie's der hat." "Ich möcht' nicht der Kaiser sein, mein Lieber!" "Nein, in dem seiner Haut möchte ich auch
nicht stecken", und dabei muß ich an den Lumpen denken, der damals in Flandern das Kaiserbild herunterschlug von
der Wand. "Den haben s' nicht viel dick - die Franzosen und die Engländer und wie die anderen drüben alle heißen",
fährt mein Nachbar fort. "Davonjagen sollten wir ihn, dann gäb's Frieden, steht auf den Flugblättern, die sie abgeworfen
haben vor ein paar Tagen. Das tät' ihnen so passen, weil sie's selber nicht fertigbringen. Die müssen uns schon für ganz
saudumm halten, grad jetzt, wo wir 's Heft in der Hand haben." "wir von der Front wissen es schon, aber das Gschwerl
daheim glaubt denen da drüben mehr. Das ist dem Kaiser seine schwache Seite, daß er denen daheim das Maul nicht
stopft, da gehöret einmal..." "Maul halten im Glied!" knurrt uns ein Hauptmann an vom rechten Flügel her. "Sixt, so
sollt's daheim auch heißen", zische ich noch, und mein Nachbar grinst verständnisinnig.
Eine knarrende, abgehackte Stimme hallt im totenstillen Vierech. Der Kaiser spricht, wir spitzen die Ohren. "- Dank, ihr
habt siegreich die Angriffe der Feinde abgewehrt, immer in der Unterzahl und der Unterlegenheit des Materials - - die
Ostfront frei geworden - - - Frieden mit Rußland - -aushalten diesen Winter - - im nächsten Jahr mit gesamter Kraft
auch im Westen die Entscheidung erzwingen - die Heimat rüstet, wie noch nie - dann mit gepanzerter Faust - die Feinde
zum Frieden zwingen - heuer das letzte Weihnachten im Kriege, das nächste Weihnachten daheim bei euren Lieben im
Frieden." "Parademarsch in Kompaniefront!" Jauchzend ergellen die Pfeifen, dumpf rasseln die Trommeln, in schmetternden
Klangwogen erdröhnt das funkelnde Blech. Endlos dauert es, bis es auch bei uns heißt: "Freiii - - wegg!" Noch einmal
sehen wir den Kaiser, wie er sinnend in die Reihen der heraufgerissenen Beine starrt, die spritzende Sandwogen vor
sich herwerfen von den Schollen des Ackers. Dann treten wir weg zum "Meriagieren". Die Parade ist aus.
"Was gibt's denn?" fragen wir die Preußen, an deren Feldhüche wir fassen. "Kalseressen - Erbsen mit Speck!" Es sind
aber nur Saubohnen, keine "Schrapnelle". "Wo ist denn da der Spech?" frage ich den dicken Koch. "Hier!" sagt er und
zwickt mich in den Hintern. "Mit einer Hand löffeln, mit der anderen hinterlangen, das schmeckt wie Erbsen mit
Speck." "Wird dir da nicht schlecht bei soviel Spech?" "Och - Speck -, das is 'ne Berufskrankheit bei mir, so wie 'n
Dierherz, vastehste, olla Bayer?" "Gib nur acht, daß d' nicht die neueste Berufskrankheit der Köche kriegst." "Wat
denn?" "Die Klau- und Maulenseuche." "Wat sagste? Klau...?" "Und Maulehseuche, weil die jed's Rindvieh kriegt."
Brüllendes Lachen im Umkreis. Jolla Käarl! Da sagen sie immer-. die dummen Bayern."
*
Spät in der Nacht komme ich hundsmüde nach Montbrehain zur Feldküche, wo ich die schon schlafenden Köche aus
den Decken trelbe, weil ich Hunger habe wie ein Wolf. Einer kocht mir noch einen heißen Tee mit Schnaps. Auch der
Feldwebel steht auf, wie er das Rumoren hört, und dann bin ich umlagert von Neugierigen. "Wie war's denn, hast 'n
g'sehn, den Kaiser, was hat er denn g'sagt - gibt's bald Frieden?" "Ja, nächste Weihnachten sind wir daheim - hat er
gesagt, aber zuvor müssen wir die Drenteren noch richtig zusammenschlagen - mit der gepanzerten Faust - hat er extra
betont - gerüstet wird daheim wie noch nie, zu einer Entscheidungsschlacht, wie sie halt noch nicht da war im ganzen
Krieg." "Das pfeift aus einem anderen Ton als seither", sagt der Schani, "das ist eine scharfe Rede von der gepanzerten
Faust." "Jawohl - und dann wird einfach der Frieden diktiert, ob s' mögen oder nicht", sagt der Baptist. "Genau so hat
der Kaiser gesagt. Warts nur, im Frühjahr geht's los, hinten werden unheimlich viele Granaten ausgeladen, die
Garnisonen werden ausgeräumt und die Kompanien wieder kriegsstark gemacht. Die Preußen üben hinten schon den
Bewegungskrieg, wir müssen natürlich auch exerzieren und üben, daß die Schwarten krachen. Aber dann, wenn's
losgeht!" Ja, wenn's losgeht!" nicht bedächtig der Schani, Jang darf's nimmer dauern, kein ganzes Jahr mehr." "Wirst
sehen, im Sommer sind wir so weit, und im Herbst ist der Frieden da", prophezeit der Baptist. "Wir Alten dürfen dann
heim, da gibt's dann einmal gute Zeiten. Haben wir auch verdient -und die Jungen müssen noch eine Zeitlang als
Okkupationstruppen in Frankreich bleiben. Was meinst wohl, was wir für eine Kriegsentschädigung fordern?"
An alle Möglichkeiten des Sieges denhen wir, nur an den Sieg. Nicht ein Schimmer von einem Gedanken kommt uns,
daß es anders gehen könnte. Da müßte denn Verrat im Spiele sein, und daran glauben wir nicht. Wir tragen immer noch
Deutschland im Herzen, das wir verlassen haben, um für seine Größe, Ehre und sein Recht zu kämpfen. Nichts haben
die Tage des Grauens und Hungerns, die hinter uns liegen, daran zu rütteln vermocht. Fehler werden überall
vorkommen, wo Menschen wirken, der Kern des Wesens wird dadurch nicht gestört - und der gibt den Ausschlag. Seit
langem bin ich einmal wieder von Herzen froh und glücklich geworden. Sieg - Sieg! Frieden!
Heuer ist die Weihnachtspost aber pünktlich gekommen und ein paar große Kisten mit Liebesgaben dazu. In der einen
liegt schön und liebevoll verpackt, aber doch deutlich erkennbar die Not an allem daheim. Nicht wie früher und noch
vergangene Weihnachten an der Somme sieht das aus, wo wir noch Würste, Leckereien, Schokolade und echte
Wollsachen in harmonischer Güte beisammenliegen sahen. Nichts zum Beißen gab es heuer. Hölzerne und blecherne
Taschenkämme, Patenthosenknöpfe, Nähzeuge, Putzbürsten, Brennesseltaschentücher, Messer, Mundharmonikas,
Spielkarten, Schreibpapier und Bleistifte - arm sah das aus, herzlich arm.
Doch hat wenigstens die andere Kiste einen erfreulicheren Inhalt, Rauchwaren und unzählige Flaschen mit Wein und
Schnaps. Trotz der dauernden Bewachung unseres Feldwebels bringe ich zwei Flaschen Kirschwasser aus der Kiste in
meinen Tornister hinein, aber beim Fischzug nach einer Weinflasche hat er mich erwischt. "Nichts da, mein Lieber, nur
über meine Leiche!" "Da hätten Sie dann schon zweimal sterben müssen, zwei Flaschen habe ich schon." "Na, na, na,
glaub' ich nicht, Sie meinen wohl, ich bin so dumm und gehe weg zum Nachschauen, freilich, daß Sie dann erst recht - - na, na, na, na", schüttelt er lachend den Kopf, und ich grinse.
Am Heiligen Abend ging ich schon in der Frühe mit dem Ferdl in Stellung. Ein beißend kalter Nebel kniff in Nase und
Ohren. Ringsum war alles weiß und vereist. Die Blenden an der Straße, gegen Einsicht des Engländers, die sich
kilometerweit frontwärts zogen, hingen fingerdick voll Reifkristallen. Die Trümmer einer Zuckerfabrik mit zerlöcherten
Kesseln und verbogenen Transmissionen lagen am Wege. Nauroy kam, noch nicht so stark zerschossen, wie es die
Nähe der Front vermuten ließ. Es gab noch ragende Häuser in dem leblos schaurigen Nest. Ein kurzes Stück weiter lag
das schon stärker zerschossene Bellicourt, vor dem wir links abbogen, über trassierte, angedeutete Gräben mit dichten
Drahtverhauen davor hinweg, bis wir in einem Hohlweg die ersten Stollen sahen. Das sollte ein Stück der dritten Linie
der Siegfriedstellung sein. Seit langem nicht mehr betretene Laufgräben führten nach vorne, aber oben gingen kreuz
und quer über das Grabennetz getrampelte Pfade im Schnee. Drahtverhau an Drahtverhau zog sich in wackeligen
Bändern über die Wellen des kahlen Geländes. Unbesorgt gingen wir über die weite Schneedecke, bis die hohe Wand
einer großen Kiesgrube kam und unser Kompan leführer aus dem gähnenden Schlund eines Stollens trat.
Nach kurzer Meldung stieg ich die Kiesgrubenwand hinan und lief in einem kurzen Laufgraben gar nicht mehr lange
und stand mit einem Male im vordersten Graben hinter einem stattlich breiten Drahtverhau. Keine Alenschenseele
begegnete mir. Nur an einer Knickung des auffallend seichten Grabens lehnte eine Gestalt, nein, zwei, an der vorderen
Grabenwand, der Heiner und der Gustl. "Ah - 's Christkindl kimmt!" sagten sie und deuteten auf mein großes
Weihnachtspaket, das sie mir von daheim geschickt hatten. "Erst auf d' Nacht kimmt's. Sei ds auch recht brav gewesen?
Wo ist denn das Stollenloch? Geh nur weiter, wirst aber keinen Platz finden, so klein ist's." Sie waren vermummt wie
ein paar alte Marktweiber im Winter, und der Heiner hatte Eiszapfen am Schnurrbart.
Der Unterstand war furchtbar klein. Unsere Gruppe hatte nur im Sitzen Platz. Der Schmied-Martl machte gerade an der
Stirnwand einen Handgranatenkistendeckel als Klapptisch an. Dann opferte er noch seine Reserve an Nägeln, die er
mühevoll gehamstert hat und von Stellung zu Stellung mitnimmt. Ein paar alte Seitengewehre wurden in die Klunsen
zwischen den Stollenrahmen getrieben für die Festbeleuchtung, und der Xari mistete aus und kehrte die Treppe.
Bis zum Dunkelwerden sah ich mich noch in der Stellung um, die recht sonderbar verlief. Am rechten Flügel waren wir
knapp 50 m vom englischen Graben entfernt und am linken Flügel fast 2000 m. In einem tiefen Bogen lief drüben die
vordere Linie zurück und ließ als Niemandsland eine kilometerbreite, langmächtige Mulde offen. Bei der großen
Entfernung vom Feinde war der Kompanieabschnitt sehr breit und daher die Postenaufstellung recht weitmaschig.
Überraschungen waren wohl kaum zu befürchten.
Drüben lagen weitmächtige kahle Hänge, und ein umgelegter Wald sah aus wie eine verschüttete Schachtel
Streichhölzer. Das war noch ein Stück der Arbeit unserer Siegfriedbewegung vom Frühjahr her. Alles im
Stellungsbereich des Feindes, das geeignet wäre, ihm Unterschlupf und Sichtdeckung zu geben, war rasiert. Wie ein
nackter Mensch am Operationstisch sah das aus, frei von allen deckenden Hüllen zur sachlichen Arbeit der Ärzte
hergerichtet. Grausam nackt, aber zweckmäßig für den Krieg. Ein paar Zahnstumpen gleich lagen rechts voraus einige
Nlauertrümmer des dem Boden gleichgemachten Ortes Villeret. Deutlich hoben sich Drahtverhaue und Stellungen aus
dem Gelände.
...Huuuu!! Kalt ist es wie in Sibirien. Der Drahtverhau ächzt und klirrt leise im Nordwind. Wenn ein Schuß in die
vereiste Deckung schlägt, sprühen Funken davon. Von Zeit zu Zeit rattert eine Serie aus den Maschinengewehren in die
beginnende Dunkelheit, damit die Läufe nicht einfrieren. Und im letzten Schein der Dämmerung schleicht der
Horchposten vom Girgl seiner Gruppe ins Vorfeld. Im Graben der Nachbarkompanie gehen schwere Minen nieder und
sprühen dunkles Feuer zum sternenübersäten Nachthimmel. In einer halben Stunde ist mein Grabend 'enst vorüber,
dann ist Heiliger Abend in unserem Unterstand.
Aus dem Rauchrohr unseres Ofens züngelt Feuer in den Graben heraus, daß ich warnen muß, nicht gar so verrückt
einzuschüren, aber gern meine starren Hände an dem warmen Rohr wärme und mich von der Hitze anfächeln lasse.
Unser Posten lehnt regungslos an der Grabenbrüstung. Der Anderl und der Xari sind es; flüsternd reden wir
miteinander. "Heut ist er ruhig drüben." "Werden halt auch Weihnachten feiern." "Aber besser schon als wir." "Freilich,
die haben ja alles, was ein Herz begehrt." "Einen Christbaum haben sie doch nicht." "Wir ja auch nicht." "Doch, ich
habe einen von daheim geschickt bekommen, so einen kleinen wie voriges Jahr."
Ein emsiges Treiben ist im Unterstand. Behagliche Wärme löst meine froststarren Glieder. Der Schmied-Martl hat
schon Wasser aus einem vereisten Trichter auf die glühende Ofenplatte gestellt. Einer brät Äpfel und zaubert
Wohlgerüche in den engen, hölzernen Raum. Dann setze ich mich nieder und packe bedächtig genießerisch aus, was
von daheim kam - Lebkuchen von der Mutter, Nüsse und Äpfel, sogar ein Stück Butter und geselchte Bratwürste - wo
sie die nur herhaben in dieser hungrigen Zeit? - ein neues griffestes Messer und im Eck wahrhaftig eine ganze Kiste
"Mexiko", die meinem Vater wohl schwere BeschaffunzssorL,en machte, eine Flasche Rotwein, die Marhe kenne ich
noch, die ist aus dem Friedensvorrat, dem ich im Keller daheim oft heimlich zu Leibe ging; allerlei Backwerk von der
Schwester und ganz unten ein Buch "Geschichten aus dem heiligen Landl", etwas zum freudigen Lachen; da werde ich
nachher draus vorlesen.
Die Kameraden stehen herum und freuen sich mit, denn bei uns gehört es allen, was einer bekommt. Da habe ich noch
ein Pachl, da staunen sie alle wie kleine Kinder, als ich es aufmache; denn da liegt ein kleines, zierliches
Christbäumehen drin mit feinen Kerzen und silbernem Tand. Das stelle ich auf ein Brett im Eck und zünde es an mit
feierlicher Art wie ein Mesner in der Kirche. Festliche Ruhe umfängt uns weich.
Da sitzen wir nun, stumm wie Hackstöcke, und fressen das Heimweh in uns hinein.
Nur die zarte Lichterpracht des Bäumchens im Eck strahlt schwach über die harten, abwesenden Gesichter.
Einer schneuzt sich verhalten, und der Heiner spielt mit dem Finger an dem silbernen Glöcklein, das von einem Zweige
hängt. Ganz leise fängt der Schmied-Martl auf seiner Mundharmonika zu spielen an, als rausche von fern eine Orgel aus
einer offenen Kirchentüre.
Und dann löst sich fein und zart wie eine Kinderstimme die Legende der Heiligen Nacht heraus und läßt unsere Herzen
überquellen, daß wir erst leise mitsummen und dann immer inniger zu singen beginnen: "Stille Nacht - heilige Nacht alles schläft, einsam wacht -."
So singen wir und schauen aneinander vorbei, weit in die Erinnerung zurück, wie es einstens gewesen ist - daheim. Und
wie die Strophe geendet hat, fangen wir wieder an: "Stille Nacht - heilige Nacht - - Hirten erst ku- -." Da stocken wir
und horchen hinauf, denn der Schlag einer Handgranate vibriert durch die seichte Decke.Tssuungl Der Martl setzt die
Mundharmonika ab. Ist das nicht unser Posten? Was hat denn der so rüpelhaft unsere Feier zu stören? Da! - - Tssuunng!
Tssuunng! Und jetzt - das ist unser Maschinengewehr, das so hölzern dumpf loshämmert.
Wir rumpeln auf. Der Heiner bläst geschwind die Kerzen aus. Trappeln oben, die Decke am Eingang wird weggerissen:
"Raus! Der Tommy!" Wir haben schon die Gewehre und Handgranaten gepackt, rennen den Ofen halb um und stehen
plötzlich in der eiskalten Nacht oben, die von Leuchtkugeln erhellt ist. "Da drüben am Horchposten!" schreit einer.
Beim Girgl seiner Gruppe fetzen sie ganz verrückt mit Handgranaten.
Schwere Minensalven schüttern mit reißendem Donnern, und dieses wüste Toben wird nun urplötzlich durch den
Wirbel unserer Handgranaten gesteigert. Rote Sterne zersprühen in der Nacht: Sperrfeuer - Sperrfeuer!
Ich knalle immer wieder Leuchtkugeln in den Drahtverhau, wo die Magnesiumballen grellhell verglühen. "Wo sind sie
denn? Ich sehe nichts!" schreie ich den Gustl an, der alarmiert hat. Yorhin waren sie da draußen, ganz gewiß, ich hab'
sie stehen sehen." Rrumms! haut eine Mine hinter den Graben, daß wir uns ducken vor den pfeifenden Splittern.
Leuchtkugeln um Leuchtkugeln hinaus - - - "Da! - da sind sie! Halbrechts, im Drahtverhau!"
Ein ganzes Rudel, sie haben Schneemäntel an, man sieht nur ein undeutliches Gezappel, wie sie über das Hindernis
turnen. Den Heiner zur Seite stoßend, reiße ich das MG. herum und haue mit sprühendem Feuer in den Haufen hinein.
Ein Höllenlärm raubt alle Besinnung. Ratatatatatat. Da sind sie - nur drauf, drauf! Sonst kommen sie uns herein in den
Graben. Spritzendes Feuer schlägt mir ins Gesicht, sie schießen auf uns, nur nicht nachgeben, lange machen sie das
nimmer unter der rasenden Garbe meines Gewehres - ratatatatatatat - ratatatatatatat -.
"Gurt durch!" schreit mir der Gustl beim Stocken des Gewehres in die Ohren, da spritzt wieder dieses Feuer, der Gustl
heult brüllend und fällt auf die Grabensohle. Wütend reiße ich einen neuen Kasten auf. "Gib her, ich hab' sie jetzt",
brüllt mich der Heiner an und stößt mich weg. "Sie müssen schon im Graben sein. Sperr ab! Sperr ab!"
Tsenng, tssingg! Das sind englische Handgranaten in unserem Graben. Harte Brocken von einem Minenschlag kollern
vor meine Füße. Stickender Pulverschwaden weht. Da stoße ich mit brüllenden Gestalten zusammen, die hinter die
Schulterwehr zurückweichen: "Der Tommy! Herinnen ist er!" "Dableiben, absperren! Nichts wie Handgranaten! Du,
Xari, zum Kompanieführer, der Stoßtrupp soll vor!"
Da fliegt ein Stück vor uns im Graben eine feurige Wolke auf, schwarze Bälle kollern heran. Sie rollen zu uns herauf!
Wir pressen uns an die eisige Wand der Schulterwehr und ziehen ab. "Nur drauf, drauf, nicht mehr auslassen!"
Da steht der Gustl mit stieren Augen im blutigen Gesicht plötzlich neben mir und schrillt mit übergeschnappter Stimme:
"Laßts mich - laßts mich hin - la - la!" und hält mich am Arm mit der zischenden Handgranate, daß ich ihn entsetzt
zurückstoße und gerade noch werfen kann, ehe sie in meiner Hand loscreht.
Rasend haut unser MG. mit wütendem Peitschen über unsere Köpfe hinweg den Graben entlang und reißt Funhen aus
dem Eis an den Wänden. Da kommen sie uns so leicht nicht heran, der Martl schießt flach den Graben entlang
Leuchtkugel um Leuchtkugel, rote, weiße, gelbe, grüne, was ihm gerade für Patronen unter die Finger kommen - und
horch! Sscht wumm - schscht wumm! Endlich unsere Artillerie. Gott sei - Dank!
"Platz machen!" schreit wer von hinten. Unser Kompanieführer ist da und hinter ihm der ganze Graben voller Leute!
"Den Stoßtrupp vorlassen!" "Wo san s'?" fragt mich der Hans ganz atemlos, und dann schreit er schon: "Salveee Achtung, Wurff!"
Da stürze ich mit vor und hinein in den weißen, wallenden Dampf. "Achtung, Salvee, Wurff!" Trumm - sssrrr!
"Llooss!!" Hoppla, da liegt einer, ein Tommy! Da wieder einer! Weiter! Es kommt keine Gegenwehr.
Der Graben ist leer.
Sie sind anscheinend schon wieder fort. Von dunklen Blutflecken ziehen Spuren durch den Schnee ins Niemandsland
hinaus.
Da steigt vor uns eine deutsche Leuchtkugel, und eine Stimme ruft: "Langsam, öha, mir san a no da!" Das ist der Girgl.
Hinter ihm steht auch der ganze Graben voller Leute, die von der Nachbarkompanie herbeigestürzt sind zur Hilfe. "Was
war denn los?" frage ich.
"Von unserem Horchposten ist einer tot; grad haben wir es noch gespannt, sonst hätten sie ihn hinübergezogen." "Wer
ist es denn?" "Der junge Allgäuer, der Simmerl. Da liegt er, gleich beim Unterstand. Der Peter hat ein paar Splitter im
Buckel. Sonst ist nichts los bei uns. Aber die Elfte hat von einer Mine drei Tote und ein paar ganz Schwere. Euer MG.
ist halt grad noch recht gekommen, sonst hätten sie uns von drei Seiten gehabt. Aber dann haben wir selber nichts mehr
machen können, so habts zu uns herg'funkt."
Erleichtert hehren wir um. Das ist noch gut abgegangen. "Das sind so Christen, die Engländer, nicht einmal heute
können sie Ruhe geben!" schimpft einer voll Grimm. Für ein paar von uns und ein gutes Dutzend Engländer ist es für
immer stille Nacht geworden.
Knapp vor dem Graben liegen ihre starren Gestalten über- und nebeneinander, wie sie die tödliche Garbe hinwarf. Im
Drahtverhau hängt ein ganzer Klumpen wirr, mit verrenkten Gliedern. Dunkle Flecke und Streifen von Blut zeichnen in
seltsamen Figuren den weißen, verharschten Schnee.
Das Sausen unserer Granaten erstirbt wieder über dem noch unruhig und nervös flackernden Feuer der Posten. In den
Unterständen hocken die Kameraden des Reservezuges während dieser Nacht eng auf den Stufen. Emsig gehen die
Grabenstreifen auf und ab. Der Feind streut .Minen und Granaten auf unsere Stellung bis zur Mitternacht; dann
scheinen die Batterien drüben auch endlich an Weihnachten zu denken.
Feierliche Stille liegt über dem Schnee. Mit einem Male ist mir, als hätte ich einen tiefschluchzenden Seufzer gehört.
Und wieder! "Da lebt einer noch", sagte der Martl, der mit mir eben über die Strecke des Kampfes patrouillierte. Im
Schein einer Leuchtkugel sah ich, wie eine der Gestalten Im Drahtverhau sich regte und den Arm hob und wieder fallen
ließ. "Eigentlich sollten wir ihn hängen lassen, aber wir sind ja keine Engländer", sagte ich, noch erfüllt von der Wut
des Kampfes. Ein ins Herz schneidender Ruf kam von draußen: "llelp - help - comrades!"
Da stiegen wir hinaus und zogen den Engländer aus dem Stacheldraht,
Eine schrecklich große Blutlache stand im Schnee unter der Stelle, wo er gehangen hatte. Wir schafften ihn in den
Unterstand und legten ihn auf ein Stollenbrett, auf dem der Gustl mit seinem verbundenen Schädel saß und knurrte, als
er unseren Gast sah. Einer schob dem Enuländer seinen Tornister unter den Kopf, und ein anderer ging fort, unseren
Sanitätsselinapser zum Verbinden zu holen.
Flüsternd ging die Unterhaltung; eine unsichtbare Hoheit war mit dem verwundeten Feind bei uns eingekehrt. Wir
brauchten nicht erst den Sanitäter fragen, wir sahen, daß dem Tommy der Tod im Gesicht stand, das merkwürdig
hübsch und bubenhaft war, gar nicht recht passend zu der hünenhaft breiten Gestalt. Er mußte der Eleganz seiner
Uniform nach ein Offizier sein, trug aber keine Abzeichen, die darauf schließen lassen konnten.
Ein paar angstvoll irre Augen gingen im engen Raum umher, und dann flüsterte der Feind: "I thank you, comrades." Ich
knöpfte seinen schweißnassen Rock unter dem weißen Schneemantel auf und erschrak, wie ich die ganze Brust auf der
rechten Seite von einer Handgranate aufgerissen fand, daß geknicktes Gebein der Rippen hervorstand. Der mußte ein
unglaublich zähes Leben haben.
Wie ihm unser Sanitäter weißen Zellstoff darüberlegte und mich bedeutsam dabei ansah, ging ein unmerklich feines
Lächeln, das leise Wimmern unterbrechend, über das todo,eweihte Gesicht. Und noch einmal - da sah er das kleine
Christbäumchen vor sich im Eck.
Das hatte sogar der Gustl bemerkt, der finster den Engländer angestarrt hatte, und würgend heiser meinte er: "Geh,
zündts ihm den Christbaum noch einmal an - in seiner letzten Stund'!" Das tat ich mit zitternden Händen, und alle
wurden still und wagten kaum zu atmen. Da klang wieder wie vor Stunden von der Treppe her silbern fein die
Mundharmonika vom Schmied-Martl auf und trug noch einmal "fleilige Nacht" zu uns herein. Aber wir konnten nicht
mitsingen, wir mußten immer den Tommy anschauen, wie er mit dem letzten Licht seiner Augen das brennende
Bäumchen umfing und nach der Melodie horchte wie nach einer glücklichen Botschaft. "I thank you, comrades",
lispelte er noch einmal und freute sich über sein ganzes Bubengesicht.
Ich nahm seine tastende, blutbespritzte Hand und hielt sie ruhig in der meinen. Oben gingen ein paar behutsam hinaus
in die Nacht.
Bei der dritten Strophe ging er hinüber in den Frieden auf Erden.
Da verglomm der letzte Docht, und ein Duft von Wachs ging um unsere gesenkten Köpfe. Müde stand ich auf, deckte
den blutigen Schneernantel über die ausgereckte Gestalt, und der Sanitäter drückte ihm die erloschenen Augen zu.
immer noch sang eine Engelsstimme in meinen Ohren: "Sti-ille Nacht, - hei-lige Nacht, - alles schläft -." Beim
Hinausgehen steckte ich mein Christbäumehen unter die weiße Decke, und der Ileiner sagte gepreßt vor sich hin: "Jetzt
wird's aber bald Zeit mit dem Frieden..."
*
In den ersten Januartagen werden wir am hellen Tag abgelöst und kommen in die dritte Linie bei Bellicourt zurück,
dort, wo der Kanal von St. Quentin unter die Erde schlüpft und in einem breiten Tunnel iin Finstern dahinläuft. Auf
dem Grunde des Wassers liegt die schwere Kette, an der die Schleppkähne geführt wurden. Über dem Steinwerk des
Bogens steht stolz: Napoleon I., der der Erbauer dieser unterirdischen Wasserstraße war. Muffig verschimmelte, feuchte
Schleppkähne liegen im Tunnel auf dem Wasser, als Quartiere von den Pionieren benutzt, die eine elektrische
Kraftstation betreiben und Akkumulatoren füllen, welche wir täglich zum Laden hinbringen. Unsere Stollen in der
Siegfriedstellung sind nämlich mit elektrischer Beleuchtung versehen, was bei der Knappheit der Kerzen sehr
angenehm ist. Dieses Grabenrietz vor Bellicourt ist die eigentliche erste Siegfriedlinie, die Kampfgräben vorne sind die
Vorfeldstellung. Wo wir Jetzt sind, gibt es mächtige Stollen mit mehreren Ausgängen und langen Klappenreihen
übereinander, daß man sich räkelnd bequem ausstrecken kann, unbesorgt über die Einschläge der Vierundzwanziger,
die oben die Gegend unsicher machen.
Bei Riqueval steht eine freche Feldhasenbatterie, an der der Tommy täglich seine Wut ausläßt. In den Nächten gehen
wir zum Schanzen, schleppen Material und Minen nach vorne, minieren an angefangenen Stollen weiter und spinnen
Drahtverhaue oder schaufeln eingeschossene Grabenstellen wieder aus. Bei dem herrschenden Frost sind ja die Gräben
leicht sauber zu halten, und häufig finden wir Zeit, uns zusammenzusetzen und über die Kaiserparade zu, sprechen und
Mutmaßungen laut zu denken, was wohl das Jahr bringen wird.
Hier und da ist plötzlich Alarm in der Nacht, wenn vorne die roten Zeichen leuchten um Sperrfeuer. Dann werden die
Traggurte über den Nacken gelegt und die Patronenkästen im Karabinerhaken eingehakt. So stehen wir dann
sprungbereit auf den Feuerstellungen und schauen in den Feuertrubel vor uns oder ducken uns vor unheimlich scharf
vorübersausenden Granaten. Hier gibt es keine Laufgräben zur Vorfeldstellung, da geht es im Ernstfall immer schlank
"frei weg" zum Gegenstoß. Der Feind tastet ungewöhnlich häufig mit Patrouillen und Stoßtrupps an dieser Front umher,
er sucht Einsicht zu gewinnen, was wir beabsichtigen. Aber da ist er noch zu früh daran.
*
Die Ruhewoche hinter der Front in Viancourt ist angefüllt mit Exerzieren und Felddienst, Appellen und
Waffenrevisionen, Scharfschießen und Besichtigungen. Die Stäbe sind in eifriger Arbeit, und die Feldwebel prüfen
Bekleiduno, und Schuhwerk. Neue Gasmasken werden gefaßt, die ein Muster deutscher Gründlichkeit sind, und von
den Gasoffizieren wird nach dem "Stinken" Unterricht ilt über Art und Wirkung von Grünkreuz, Gelbkreuz ertel und
Blaukreuz. Der neue MGO. beim Bataillon prüft die MG.-Schützen auf ihre Ausbildung hin, gibt Anleitung, wie ein
Tank beschossen wird und wie man im offenen Gefecht die MG.-Waffe anwendet. Die Stahlhelme, Kühlmäntel,
Geschütze, Packwagen, Feldküchen, Minenwerfer und noch alles mögliche Gerät erhalten die grünbraungelbgefleckte
Schutzbemalung gegen Fliegersicht. Feldgrau ist außer Kurs. Staunend sehen wir die Auswirkungen einer großzügigen
Organisation des Heeres.
Voll des Neuen, rücken wir wieder in Stellung.
*
Es hat schon seit zwei Tagen geregnet und jetzt noch nicht aufgehört. Alles taut von dem warmen Regen auf, und das
Wasser vollendet in Stunden ein grandloses Werk der Zerstöruno, an dem Grabennetz, wie es sonst erst durch
wochenlanges Trommelfeuer erreicht werden könnte. Der Frost hat die Grabenwände tief zerrissen, und jetzt rutscht der
aufgeweichte Dreck in sich zusammen zu zähem Brei.
Vorne in Bellicourt-Nord hatte die Stellungskompanie noch vermocht, die ersten Zerstörungen wieder zu beseitigen, so
daß man wenigstens durch den Graben schlapfen konnte. Es war wie in einem Moor, nur der Kundige fand den Weg
hindurch, ohne in die trügerischen Schlammulden einzusinken. Der Graben war eigentlich schon ein breiter Hohlweg,
und vor unserem kleinen Mausloch von Unterstand, das nur knapp 2 m Deckung hatte, war so eine Art Marktplatz, auf
dem meist nachmittags Minen in allen Größen feilgeboten wurden, wobei imnier ein riesiges Angebot, aber keine
Nachfrage vorhanden war. Jedesmal nach der Ablösung krochen wir mit dem angenehmen Gefühl die paar Stufen
hinab, daß es wohl das letztemal gewesen sein wird, weil ja doch die nächste Mine - - aber das gewiß Erwartete trifft im
Kriege nicht leicht ein. Noch oft haben wir in dem elenden Loch unsere dreckstarrenden Stiefel und Mäntel
aneinandergeschmiert und sind einander in der quetschenden Enge ungewollt auf die Füße getreten, mit Galgenhumor
an das Zipperlein denkend, das wir uns hier für ein sonniges Alter holen. Wenn wir sonst heil wieder einmal in Zivil
schlüpfen können und in behaglich weißen Betten schlafen dürfen, nehmen wir eine kleine Gicht gerne in Kauf. Wir
haben ja so wenig Bedürfnisse, wir sind so bescheiden geworden, daß wir ganz vergnügt werden, wenn es einmal
Schnaps zum Brombeerlee gibt und die Marineladeoder Fleischportion ungewohnt groß ausfällt. Ist das Gegenteil der
Fall, dann wird einmütig nach allen Kräften gekoppt, daß dem Kreuzbauern im Quartierort die Ohren tagelang mir so
singen müssen; denn der ist der Prellbock für die schlechte Stimmung der Mannschaft.
Unsere Posten bekamen von weither Flankenfeuer an sichtigen Tagen. Einmal besonders stark. Den Nachbarposten
reißt ein Kopfschuß vom Stand herab, sein Kamerad dreht sich um, was das für ein scharfer Schlag war, da haut ihm ein
anderer Schuß den Unterkiefer entzwei. "Den mußt 'rauskriegen, Hansl, das lassen wir uns nicht bieten", sagt der
Korporal, dem es seine Leute traf. "Das kann nur ein Scharfschütze sein, der muß von Villeret heraufschießen, mein
Gewehr liegt aber am Gewehrwagen hinten bei der Bagage." "Unser Leutnant schleppt immer ein.Zielgewehr herum,
wart, ich hol's!" Bis ich die beiden Verwundeten verbunden hatte, war er damit da. Und dann begann einer jener
seltenen Zweikämpfe auf moderne Art.
Von der Schulterwehr unserer Feuerstellung konnte man das Niemandsland und weit hinten, so 800 bis 900 m weg, ein
Stück der englischen Stellung sehen, die dort ein ähnliches Knie machte, wie wir eines hatten. Dort mußte er hocken.
"Gib Obacht, grad hat er herg'fetzt!" warnte mich der Meier-Hannes. Ich hatte den Dreck schon spritzen sehen.
Langsam schob ich meinen Kopf über die Deckung, bis ich mit dem Glas hinüberschauen konnte. Da war ein seichter
Sandsackverbau, über den hinweg man ein Stück des englischen Grabens offen sah. "lla, da rührt sich was!" Ein
Tommy steht Posten und raucht, er schaut in den Graben einwärts und spricht mit zwei anderen, die ein weißes Blatt in
der Hand halten, eine Zeitung. Ah - und da steht noch einer, eben rührt er sich und schaut zu uns her mit einem
Feldstecher, wie ich. Jetzt winkt er den anderen ganz lebhaft, die zu ihm heraufsteigen auf den Antritt hinter dem
Sandsackvetbau. Vorsicht, der Bursche legt an! Und weg bin ich. "Einen Schutzschild her!" Oben klatscht es in den
Dreck, dort, wo ich vorhin hinaussah. Der lauert natürlich jetzt, bis ich wieder auftauche. Gleich komme ich.
Mit einem Ruck werfe ich den Schutzschild hinauf, da haut ihn ein metallener Schlag aus meinen Händen, daß mir die
Funken vor den Augen tanzen und meine Trommelfelle singen. So geht es nicht. Die drüben werden natürlich lachen.
"Patronenkästen her!" Mit diesen baue ich eine Deckung und lasse einen Zwischenraum zwischen zwei Kästen. Immer
den Kopf herunten lassend, knete ich mit den Händen Lehm dahinter. Zii - zii - ppeik - ppeik - gellt die
Herausforderung. So - und jetzt den Schutzschild davorgeworfen, nur fest daraufgehauen, jetzt fällt er nicht mehr um.
Jetzt kann ich mir Zeit lassen, schön langsam das Gewehr durch die Schußscharte schieben, entsichern und gut
einsetzen. Wunderschön bringe ich den Schützen drüben auf die Nadel im Zielfernrohr, er gibt ein prachtvolles
Brustziel und hält brav still, daß ich ihn noch im Fernrohr beim ruckenden Schuß hintenüberschlagen sehe. Durchladen!
Der Posten neben ihm dreht sich um, er will ihn wohl aufheben, da fällt er selber in meinem zweiten Schuß von der
Feuerbank herab. "Könnts schon 'rausschauen, die tun uns nichts mehr. Zwei hab' ich schon." Abwechselnd geht das
Glas von Hand zu Hand, sogar dem mit seiner zerschmetterten Kinnlade heben sie das Glas an die Augen, und
anerkennend haut er mich auf die Schulter und hätte mir beinahe mein nächstes Ziel verschlagen, das ich eben fasse.
Eine neue Khakigestalt ist aufgetaucht mit einem Gestell wie ein Scherenfernrohr, ein Artilleriebeobachter. Er stockt,
wie er die im Graben liegenden Gestalten sieht. Das ist ein gefundenes Fressen, so leicht komme ich im Krieg nicht
mehr nfit einem der Herren zusammen, denen wir die genaue Lenkung der Granaten auf unsere Gräben verdanken.
Mein dritter Schuß legt ihn zu den anderen. So - der nächste, bitte! Es dauert nicht lange - da drüben muß ein
Laufgraben in der Nähe münden - wieder einer! Der kehrt aber sofort erschrocken um, wie er die drei liegen sieht - und
sackt gerade vor der rettenden Schulterwehr in meinem Schuß zusammen. Das Jagdfieber packt mich; noch keinen
Fehlschuß habe ich bis jetzt getan, und eine Patrone habe ich noch im Lauf. Noch einen, dann lass' ich es als Abuleich
gelten für unsere zwei Getroffenen.
Es scheint sich drüben herumgesprochen zu haben, es kommt keiner mehr. Mir tun schon fast die Augen weh vom
Hinüberlinsen. Da fahre ich plötzlich aus meinen Gedanken durch einen peitschenden Schlag. Ein neuer Gegner? Wo
ist der, wo? Wieder ein Schuß, der war schon besser, wo ist bloß der Kerl? Die Scharte im Schutzschild wird er nicht so
leicht treffen. Ich suche - suche, ein neuer Einschlag, aber wieder schlechter. Und da habe Ich ihn, zwei - drei sind es
hintereinander; die hinteren schauen dem Schützen sportlich interessiert zu, ob er auch was trifft. Zii - peik - der war zu
hoch, recht weit ist dem seine Kunst nicht her. Wie er sich umdreht und sich ein anderes Gewehr reichen läßt, habe ich
ihn auf der Nadel und lasse ihn hintenüber. Die Drahtlücke drüben ist leer, und sehr zufrieden mit dein heutigen Tao,
steige ich von der Feuerbank herab.
Eine halbe Stunde später gab es schwere Minen aufs Dach, daß ein ganzes Grabenstück von den Erschütterungen
einrutschte. Auf dem Platz vor unserem Mausloch wurden neue Trichter aufgerissen, Brocken und Sand, ein wüster
Erdaushub, mit Splittern gespickt. Das Nachbar-MG. wurde durch Splitter zerbeult und hinter den Graben geworfen.
Wir hatten das unsere in den Eingang hereingestellt und warteten angespannt, was das bedeuten solle. Unsere Kiste
ächzte und knarrte, wenn die Erde von den Sprengungen auseinandergeschoben wurde. Hilflos hockten wir
nebeneinander und malten uns in Gedanken aus, wie das wäre, wenn auf einmal die Decke auf uns sich niederwerfen
würde. Ähnliche Situationen kamen in Erinnerung. Maul halten, aushalten und abwarten, bis es wieder aufhört. Und
nachts wird es durchgehende Arbeit geben, bis die eingeschossenen Gräben wieder einigermaßen gangbar sind, zwei
Stunden Postenbrennen, vier Stunden Schanzen, zwei Stunden Posten usw.
Da liegt noch nichts dran, wenn es sonst gut abgeht.
Nicht alle Tage ist es so lebhaft. Ein endloser Landregen erstickt die Kampfeslust in seiner grauen, lästigen Stimmung
und löst den letzten Frost in der Tiefe der Erde. Die Stellung rutscht vollends ein. Wenn die Schüsse schweigen, hört
man ein endloses Fallen, Klatschen und Gurgeln der lebendig gewordenen Erde. Aller Kampf dagegen ist sinnlos. Der
Brei bleibt Brei und sickert wieder herein, wie er hinausgeworfen wird. Erst geht der Dreck bis zu den Knien, aber über
eine einzige Nacht weg sind die Gräben nur mehr seichte Mulden mit über metertiefein Morast. Da haben wir Mühe,
ein Ersaufen unseres Unterstandes zu verhindern, und sperren den Graben durch Sandsackmauern ab. Unsere zwei
Nachbarunterstände sind voll Schlamm gelaufen, und die Besatzung ist wie Ratten herausgetrieben worden, als mit
Macht der Dreckstrorn hinunterschoß.
Wir arbeiten mit wahrer Todesverachtung Tag und Nacht, bis wir wieder ein festes Nest haben und endlich der sechste,
Tag verstreicht. Da werden wir vom anderen Bataillon abgelöst und waten über das freie Feld in die Siegfriedstellung
zurück.
Drei Tage Ruhe in schönen, tiefen Stollen, am warmen Ofen sind eine unsägliche Wohltat. Sie genügen, uns wenigstens
wieder daran zu erinnern, daß doch nicht die ganze Welt ein Sumpf aus braunem Lehmbrei ist und diese eisigen
Stumpen da unten auch noch zum Körper gehören und noch nicht gestorben sind. Ein Dutzend von der Kompanie
kommen ins Lazarett mit erfrorenen Füßen, das Revier füllt sich mit Kranken; die Keime längst herumgeschleppter
Krankheiten brechen auf und werfen viele nieder.
Nach drei Tagen rücken wir wieder in die Stellung vor auf unseren vorherigen Posten. Die Zerstörung der Stellung ist
restlos vollendet. Es sind nur noch Posten- und MG.-Nester vorhanden. Hinter dem Graben fiel das Gelände ab, so daß
wir sogar bei Tage ungesehen aufrecht von Nest zu Nest gehen konnten. Normalerweise hätten wir diesen Vorteil der
Stellung nicht kennengelernt. Die Grabenence beschränkt den Blick.
Vor allem nachts gab es aber ein höllisch scharfes Aufpassen. Die Kompanie vor uns hatte einen Posten verloren, Wie
er verschwunden ist, wurde nicht aufgeklärt. Der Rondevize fand den Postenstand verlassen. An Überlaufen war nicht
zu denken, da der vermißte Posten von zwei alten, bewährten Leuten. gestanden wurde. Keine Spur eines Kampfes,
kein Blut; die Gewehre standen gesichert an der Brustwehr. Nichts ließ vermuten, was da geschehen war. Auch die
Drahtgasse vor dem Postenstand war gesperrt wie vorher.
Da schleicht in den stockdunklen Nächten das Grauen durch die Stellung, und die natürlichsten Vorgänge werden zu
gespenstischen Erlebnissen der Todesangst. Im bleiernen Schlaf liegen die lehmverkrusteten Gestalten auf dem Boden
des Stollens oder hochen mit hängenden Köpfen auf dem Tornister. Man könnte sie ruhig wegtragen, ohne daß sie
erwachen würden, so müde und kraftlos sind sie von den Strapazen des Dienstes: zwei Stunden Posten, zwei Stunden
Kampf gegen den Dreck oder Essenfassen hinten in Bellicourt und zwei Stunden Schlaf bei quälenden Träumen der
überspannten Nerven.
Der Feind ist unglaublich rege. Keine Nacht vergeht, in der es nicht zu plötzlichen Überfällen auf Posten kommt,
einmal bei uns, dann wieder bei den Nachbarkompanien, Die Postenkette wird verstärkt. Ich muß mit meiner
MG.Gruppe, die auf acht Mann erhöht wird, nachts zwei Posten stellen, damit das Grabenstück zum linken
Nachbarposten mit überwacht werden kann. In den rabenfinsteren Regennächten, wenn der Wind in heulenden Stößen
über das kahle Gelände fährt, kann es beim schärfsten Aufpassen vorkommen, daß plötzlich eine Gestalt hinter dem
ahnungslos nach vorne ins Niemandsland starrenden Posten steht, wie ein Gespenst aus dem Dunkel getaucht. So wie
bei dem Nachbarposten, der plötzlich von hinten seinen Hals umklammert fühlt und niedergerissen wird, indes sein
Nebenkamerad von einem Stich ins Herz lautlos vornübersinkt. Und ebenso unbemerkt taucht eine neue Gestalt aus
dem Dunkel und fragt: "Was treibt ihr denn da für Dummheiten?" Der Rondeoffizier ist es, ahnungslos - bis ein Schuß
nach ihm zuckt; da knallt er mit seiner Pistole drauflos, und die Schatten verschwinden in der Finsternis. Er springt
hinter den Graben, weil er nicht weiß, wieviel er vor sich hat, und schießt eine Leuchtkugel. Handgranaten zerreißen um
ihn. Dann hört er nur noch ein Zerren im Drahtverhau - und dann nur noch das Heulen des Windes. Verwegene Kerle
müssen da drüben sein. So halbe Indianer oder Banditen der Prärien. Noch in der gleichen Nacht gehe ich init dem
Girgl, dem Hans und dein Martl auf Erkundung ins Niemandsland. Da streifen wir den Abschnitt entlang und finden
drei Lücken in unserefn Drahtverhau, die mit weißen Pflöcken markiert sind. Die Pflöcke ziehen wir aus und stecken
sie so, daß sie direkt vor unsere Posten führen.
Dann kriegen wir Besuch. Einige Pioniere von einer Mineurkompanie, die nebenan einen Minenstollen zum Tommy
treiben und von unserem Stand aus horchen wollen, was der Gegner macht. Sie stellen einen Apparat in die Mitte, und
dann müssen wir eine halbe Stunde lang ruhig sein, weil sonst der Korporal mit dem Kopfhörer nichts versteht. Zuvor
ermahnt er uns noch, irn Unterstand kein lautes Wort zu sprechen, weil der Tommy alles abhorchen kann. Nach einiger
Zeit sagt er leise: "Sie bohren - aber hier gibt's doch nichts zum Bohren in dem Dreck?" Dann nimmt ein anderer die
Kopfhörer und sagt naeh einer Weile: "Bohrer sind das nicht - eine Winde ist's, die quietscht so."
Da schreit wer draußen auf und jetzt zu uns herunter: "He, gehts 'rauf, der Meier-Hannes ist tot!" Was will der vom
Meier-Hannes? Der ist doch selber draußen, der kann doch nicht tot sein, ist erst vor einer halben Stunde noch... "Gehts
doch 'raus, wenn ich einmal sag'!" Das ist doch der Heiner, der weint ja beinahe. Da muß schon etwas los sein; aber
gleich tot..., wird nicht so schlimm sein, wo doch die Engländer nicht schießen. So denke ich unterm Hinaufstolpern in
den grauenden Tag. "Was ist's?" "Da droben liegt er, er hat ja hinauf müssen. Gleich komm' ich wieder 'runter, ich will
bloß die Gegend anschaun', hat er gesagt." Hinter der Brustwehr der Bastion liegt er mit ausgestreckten Armen in seinern Blut. "Hannes, Hannes!" rütile ich an der Gestalt, in dein festen Glauben, daß er noch lebt, so warm fühlt er sich
an; denn warum sollte er tot sein, warum denn gleich tot?... "Hannes!" zupfe ich an seinem Arm, "Hannes!" - und hebe
das abgewandte Gesicht zu mir her - aber da fährt es mir eiskalt ans Herz und lähmend ins Gehirn. Da sehe ich über den
gebrochenen Augen ein Loch in der Stirn. Dann natürlich, ja, dann - ist es wahr: er ist tot - tot... Freilich ist er tot!
Herrgott, dauert das lange, bis ich es diesmal begreife!
Den Heiner brachten wir den ganzen Tag nimmer vorn Posten weg. Einmal müsse ihm doch einer vor die Mündung
kommen, beharrte er. Und am Mittag steigt wirklich drüben ein Engländer aus dem Graben und geht in der Deckung
eines dichten Drahtverhaues gebückt auf unsere Stellung zu. Gespannt schauen wir ihm zu, was der macht, Auf einmal
hält er knapp 30 m vor unserem Graben und springt in ein Loch. Ein Horchposten, so nahe bei uns? Nach einer Weile
kommt wieder ein Tommy aus dem Loch heraus und schleicht gebückt rückwärts. Da hackt der Heiner mit dem MG.
nach ihm, daß er hinschlägt. "So, der verlangt nichts mehr!" Er zählte die leeren Patronenhülsen - "zweiundzwanzig
Schuß, viel werden nicht danebengegangen sein. Das muß er gewesen sein, denn von dort her hat es nach dem Hannes
geschossen", meinte aufschnaufend der Heiner. Wir beschlossen, den Horchposten auszuräuchern, und warfen eine
Salve Handgranaten in das Drahtgespinst drüben, daß die Fetzen nur so schwirrten. Von da ab ließ sich kein Tommy
mehr blicken.
Das eintönige Grau nebliger, regnerischer Tage paßte so recht zu unserer trüben Stimmung. Durch die Decke unseres
kalten Unterstandes fing es zu tropfen an und machte den Aufenthalt denkbar unoernütlich. Die Gräben waren nur kurze
Stücke weit passierbar. Von der Nachbarkompanie trennte uns ein unüberwindlicher Morast, so daß nur ein Stück
weiter hinten, oben frei weg, eine Verbindung möglieh war. Doch nach drei Tagen wurden wir mit der anderen
Kompaniehälfte in der zweiten Linie ausgetauscht. Da gab es schönere Stollen, in denen man sich wenigstens
ausstrecken konnte. Von da aus gingen wir nachts als Verbindungspatrouillen hinter den verfallenen Gräben auf und ab.
In einer Nacht wurden allein auf unserem Abschnitt vier Annäherungsversuche der Engländer abgeschlagen. Sie
schossen dabei zur Erstickung der Geräusche lebhaft mit Minen hinter die Gräben und unterhielten ein rasendes MG.Feuer in die Luft zur Täuschung der Posten.
Tiefschwarze Tinte ist ringsum. Man hört zwischen dem Peitschen der Postenschüsse das quatschende Geräusch der
Stiefel des Kameraden vor sich, den man nicht sieht. Vorsichtig tappt man ihm nach, im eingeweichten Boden
einsinkend. Wenn eine Leuchtkugel flackernden Schein über das zerwühlte Land wirft für ein paar Sekunden, sieht man
die ragenden starren Umrisse eines Menschen vor sich, das Gewehr im linken Arm und eine Handgranate in der rechten
Fa,ust. Ist der Llendende Schein erloschen, tappt man in flirhmernder Schwärze weiter, bis doch allmählich das Auge
sich an die Finsternis gewöhnt hat und im allernächsten Umkreis wenigstens Umrisse zu erkennen vermag.
Rutschender Abstieg in ein Postennest; ein leiser, unterdrückter Anruf: "Halt - Parole?" "Scharnhorst - -" "Und
Gneisenau. Nichts von Bedeutung." Man steht ein wenig, spricht leise mit dein Posten, schlüpft in den Unterstand und
legt Holz in den Ofen nach, damit es warm bleibt, und schlapft dann weiter in der Finsternis, fröstelnd bis ins Mark von
der nächtlichen Frische. Sogar der Dreck scheint frostig zu erstarren. Nichts los! Auch beim anderen Posten ist alles in
Ordnung.
Da knattert es weit rechts - das muß beim anderen Regiment sein - schlagartig, wie das Schießen aneinandergehängter
Salven, MG.s hämmern in monotoner Leier dazwischen, und dumpfe Schläge der Handgranaten pauken dazu. Da,
rechts oben, am Signalwald, wo die zerrauften fünf Bäume noch stehen, wird es taghell von den sich wirr kreuzenden
Lichtbügen der Leuchtkugeln. Dunkelrote Blitze fahren aus dem Boden, und Rauch wallt im bleichen Licht. Minen jetzt auch Schrapnelle. Da ist eine gewaltsame Erkundung im Gange. Rote Sperrfeuerzeichen werfen blutigen Schein
über die Stätte und heben die zerrauften Stämme der fünf Bäume wie ein Geisterschemen für Sekunden aus der Nacht.
Sperrfeuer -Sperrfeuer! schreit die Kette der Signale nach hinten zur Artillerie. Unruhiges Postengeplänkel greift bis zu
uns herüber. Die Schläfrigkeit ist urplötzlich weggewischt durch das Ereignis da oben, das jetzt im Wüten der Artillerie
zum schaurigen Erlebnis wird. Drüben, hinter der englischen Front, und hinten, bei Bellicourt, sowie am Kanal züngelt
das Mündungsfeuer der Geschütze aus dem Boden und hüllt am Signalwald die Gegend in wallenden,
feuerdurchblitzten Rauch. Ein grollendes Murren hat alle Geräusche in sich geschluckt, nur hier und da hört man das
Hämmern der MG.s noch heraus. Rotes, grünes, weißes Licht zieht leuchtende Bogen und zerspritzt oben zu Sternen,
die wieder im Rauch versinken.
*
Die nächste Ablösung brachte uns ins Hanseatenwerk. Da hörten wir, daß an der Bastion bei dem Bahneinschnitt schon
wieder zwei Mann durch Kopfschuß gefallen seien. Drei Tage lang lag ich mit dem Zielgewehr auf der Lauer nach
diesem verdammten Scharfschützen drüben, konnte ihn aber nicht herausbringen. Dagegen entdeckte ich eine Stelle, wo
sich häufig Tommys einfanden und Zeitungen lasen, eine Latrine. Nach dem Abschießen einiger Besucher wurde
anscheinend diese Betriebsstätte verlegt.
Dann wurde ich einmal zu dem linken Posten geholt. Dort konnte man von einem überhöhten Sandsackverbau eine
runde Ausbuchtung bei den Engländern überblicken, in der Schießscharten waren. 300 m waren hinüber, und mit dem
Glas konnte man sehen, daß jemand hinter der rechten Scharte stand. Ich schoß hinüber, der Hintergrund der Scharte
verschwand, und man konnte den Himmel durchsehen. Ich mußte getroffen haben - Antwort blieb aus. Ein paar
Stunden später kam der Posten wieder, es sei nicht mehr zum Aushalten, so würde jetzt der Feuerstand beschossen. Ein
Stück weiter beim nächsten Posten ging ich in Lauerstellung, immer die Bastion drüben beobachtend. Feiner Rauch
verriet, daß dort ein Schütze in Tätigkeit war. Aha, jetzt wechselte er die Scharte und ging zur nächsten, der
Schlauineier. Wie er sein Gewehr herausschob, sah ich im Glase, daß ein Fernrohr aufgesetzt war, das mußte er also
sein. Behutsam nahm ich die Scharte ins Fadenkreuz meines Gewehres und zog ab. Drüben wurde die Scharte licht, die
Zielbüchse laG, aber noch da. Scharf beobachtete ich weiter, und nach geraumer Zeit sah ich Schatten an den
Schußluken vorbeiwischen. Unsichtbare Hände zogen an der Büchse, mußten aber auslassen beim Einschlag meiner
Kugel. Eine Hand fuhr über den Sandsackverbau empor, krallte sich ein und riß die Scharte um. Der hat also auch
gesessen. Dann rührte sich nichts mehr, und ich kehrte befriedigt heim. Eine Belästigung unserer Posten blieb von da an
aus, und nach einer ,Meldung bei unserem Artilleriebeobachter ließ dieser die englische Sandsackbastion in Fetzen
schießen.
*
Ein regnerischer Tag begann zu grauen nach einer unruhigen Nacht. Hundsmüde krochen wir in unser Mauseloch zum
Schlafen. Der Tagposten am MG. war aufgezogen. Wir schlürften unseren Morgenhaffee, den der Heiner eben gebracht
hatte, der gerade vom Barras Scheiben schnitt zum Backen auf der Ofenplatte. "Schinken rösten", nannten wir das.
"Heut haben s' das Zuchersackl ausg, , waschen in der Kletzensoß', die Zeiten werden halt wieder besser",
philosophierte der Schmied-Martl. Der Heiner drehte sich um und sagte: "Daß ich nicht vergess', heut abend gibt's fei
an Schnaps, Feldflaschen nicht vergessen zum Mitgeben." Der Xari hackte mit dem Seitengewehr Holz am Eingang
oben: bum, bum, bum, bum! Aber da ist auf einmal ein anderes Geräusch wie das dumpfe Poltern des Holzes - ein
Fauchen, Zischen und Schrullen - da gibt's wieder einen Feuerüberfall auf Bellicourt oder sonstwohin. Und - mit einem
Male ist das Zischen und Fegen ganz kurz und scharf schneidend. Dröhnende Einschläge zittern durch den Boden. Von
oben rumpeln die Posten herein, ein Schauer von Erde hinter ihnen nach. Ein schwerer Druck beklemmt uns die Brust.
Das Hindenburglämpchen verlöscht. "Eine Mine; ein solches Trumm", sagt mit aufgerissenen Augen im Kopf der
Hermann.
"Lusts nur, Manner, wie das tuscht!" meint der SchmiedMartl und schauft mich an. Wir wissen, was das Feuer zu
bedeuten hat. Blitzschnell überdenke ich unsere Lage. "Fertigmachen! Im Eingang warten, alle Handgranaten mit
herausnehmen und ajle Patronenkästen!" Die Reservetasche nahm ich selbst und ging hinaus. Der Heiner folgte mir.
Der ganze Frontabschnitt stand unter schwerem Feuer. Eine dichte, weiße Kette der Schrapnellwolken schwamm über
der Linie, und in pfauchend hetzendem Strudel spran' gen die schwarzen Sprengkegel der schweren Granaten und
Minen aus dem Boden. Man hörte nichts mehr vom unaufhörlich ineinanderrollenden Donner des Feuers. Eine weiße
Rauchsäule quirlte plötzlich vor uns und überschüttete uns mit Erdbrocken. Da - rechts - im Graben - eine schwarze
Mine! Blitzschnell liegen wir am Bauch - der brüllende Schlag des Volltreffers wirft uns prellend empor.
Schrapnellaufschläge hauen oben ein. "Das MG. 'runter!" brülle ich dem Heiner durch die Hände zu, der es mit einem
Ruck in seine Arme reißt.
"Raus!! In den großen Trichter hinter dem Graben!" brülle ich in den Eingang. Der Graben zuckt und dampft. Der
Schmied-Martl zerrt eben zwei Handgranatenkisten über den Aufwurf, da reißt ein Einschlag sie ihm aus der Hand und
wirft ihn hinab. Er krabbelt fluchend wieder herauf, das Gesicht voll Dreck und Blut, und zerrt sie vollends in den
Trichter. Dem Hermann blutet die Hand, aber der Anderl verbindet ihn schon, und dann kauern wir uns zusammen
unten im Trichter wie ein grauer Klumpen und ducken die Köpfe unter dem regnenden Lehm und den rasselnden
Schrapnellen.
"Warum gehst da herein?" fragt brüllend der Anderl neben mir. "Weil sie uns im Graben überrumpeln. So erwischen sie
nichts, und wir können ihnen das Dach von oben abdecken." "Schlaumeier", lacht er kurz. "Und ausreißen können wir
von da aus leichter, wenn sie uns" - Tssi - tssi - tssiii - tssi - tssiii - ii.
Wir horchen auf, das geht doch schon weiter? Ohne jede Aufforderung rumpeln wir auf und schauen nach vorne im
Striegeln der Geschoßbahnen. Links von uns rasselt schon ein MG. Eine rote Leuchtkugel! Wir sehen noch nichts vorn
Feind. Feuerbereit stehen wir in spannender Erwartung. Mehrere rote Leuchtkugeln sieigen, das muß drunten beim
ersten Zug sein, beim zweiten Zug rührt sich noch nichts. Aber unsere Feldhasen wischen schon über unsere Köpfe
hinüber und -wurnm, wumm, wumm - hauen die schwarzen Wolken ins Vorfeld. Ich jage für alle Fälle zwei rote
Leuchtkugeln aus dem Lauf steil in die Höhe: Sperrfeuer!
Und wie aus dem Boden gezaubert steht auf einmal eine dicke Linie Tommys im wehenden Rauchvor unserem
Drahtverhau, soweit wir nach links schauen können, zwei- bis dreihundert Mann mindestens. Sie ballen sich zu
Klumpen an den frisch geschossenen Lücken und wälzen sich heran mit plärrendem "Urrä, urrä, urräa-ä-a-", das dünn
im Gedonner des Sperrfeuers erstickt, einen Hagel von Handgranaten vor sich herwerfend. Bis die Salve aufmurrt,
schlägt unser Feuer flankierend in die Haufen, daß sie stürzen und taumeln. "Ratatatatatat -." Stielhandgranaten wirbeln
ihnen entgegen und verhüllen mit weißem Dampf das Gewurle der Gestalten. Da rechts von uns drängt ein Haufe über
den Drahtverhau mit Brettern und will in den Graben herein. Blitzschnell werfe ich das MG. herum und haue in den
blöden, dicken Haufen zappelnder Gestalten mit rasendem Grimm - rratatatatat - und höre nimmer auf, bis sie
übereinanderliegen - ein Haufen zuckender Menscherikörper. "Da - da - da!" schreit der Heiner. Links von uns laufen
sie schon diesseits des Drahtverhaues und springen in den Graben herein, im Springen noch gefaßt von unserer Garbe.
Aber sie komwen herein, wenn auch noch mancher vornüberschlägt. Polterndes Krachen englischer
flandgranatensalven im Graben, sie rollen auf und machen kein übles Geschrei dabei. Aber keinerlei Spur von einer
Gegenwehr ließ sich dort vernehmen. Was ist denn mit dem zweiten Zug los?
Von der Nachbarkompanie stürzen gleich einige Gruppen des Reservezues herbei und nehmen uns ein gutes Stück des
Abschnittes ab. Ihrien ergaben sich auf Anruf drei vor dem Graben liegende Tommys, die einsahen, daß sie lebend
nicht mehr zurückkamen. Mit erhebender Wucht lag unser Sperrfeuer auf der feindlichen Stellung. Ein Leutnant der
Nachbarkompanie ließ ein MG. flankierend in Stellung gehen. "Keinen mehr auslassen von den Hunden, Australier
sind's, bis in die Waden. besoffen." Dann erklärte ich dem Leutnant, daß er mir helfen müsse beim Aufrollen, er
brauche bloß unsere Rückendeckung übernehmen, daß wir nachlinks vorgehen könnten. Denn von links heran peitschte
das Feuer eines Lewisgewehres, das die Australier an einer Schulterwehr aufgestellt hatten. Der zweite Zug mußte glatt
überrumpelt worden sein.
Im Laufgraben, von der zweiten Linie hergehend, ballten sich weiße Wolken von einem Handgranatenkampf, man sah
unsere Stielhandgranaten im Bogen durch die Luft wirbeln und schwarze Bälle dagegentanzen. Sie sind schon im
Laufgraben vorgedrungen. Da - diese weiten Würfe - die sind todsicher vom Girgl und vom Martl. "Trommel
anstecken, einzeln durch die Trichter - mir nach!" So sprangen wir in der Deckung des hinteren Grabenaufwurfes ein
Stück nach links. Nebenan sauste knisternd und peitschend die Garbe des MG.s der Nachbarkompanie den Graben
entlang.
Da hörte ich etwas schimpfen und durcheinanderfluchen, das waren Tommys, da rechts ab im Graben mußte es sein.
Vorsichtig kroch ich heran und winkte den anderen zu folgen. Jetzt mußten wir aneinandergeraten. In einem Trichter
verschnaufte ich etwas. Der Anderl kam zu mir herein. "Sie kemma", flüsterte ich ihm zu, er nickte und legte ein halbes
Dutzend Handgranaten bereit. "Los!" Wir warfen. Tssung - tssung! Heulendes Jammern und Klagen: "Oouu, pardon,
pardon!" Erstaunt horchten wir. Da schrie der Heiner von nebenan: "Aufhören! Die tun uns nichts. Schau nur, hast so
was schon g'sehn!" Noch erstaunter schob ich den Kopf über den Trichterrand und warf einen Blick in den
Grabenaussehnitt; es war noch ein Teil der verfallenen Stellung, da steckten bis zum Bauch acht Engländer im
Lehmbrei, von Blut besudelt, und jammerten. Einer hing tot, mit eingekrallten Fingern, halb an der Wand, als hätte er in
letzter Angst hinauskriechen wollen. Nein, die tun uns nichts mehr, sie sind in der Verzweiflung vor unserem Feuer wie
die Mücken auf den Leim geflogen. Weiter!
Vom Laufgraben her muß unser Stoßtrupp schon näher herangekommen sein. Wildes Schreien, Schüsse und
Handgranatenschläge. Man sieht einzelne Tommys durch die Trichter springen und Handgranaten werfen. Die können
wir fein aufs Korn nehmen und abknallen, daß sie nimmer aufstehen. Wir sehen sie lang in den Trichtern der Mulde
liegen. Plötzlich schnattert unser MG. Der Heiner schießt - und gerade sehe ich noch, wie ein Haufen Engländer aus
dem Graben flitzt und hinüber verschwindet. Rasend hacken zwei, drei MG.s zugleich danach im Kreuzfeuer. Aber die
anderen dürfen uns nicht mehr auskommen. Alles in den Graben herein! - Weiter! Da muß der erste Unterstand
kommen.
Herrgott, hat es da eingehauen! Englische Gewehre, Brotbeutel, Lederzeuge liegen verstreut umher, ein Toter daneben,
aber der Eingang zum Unterstand ist eingedrückt,'da haben die Engländer wohl schon daran gearbeitet, unsere Leute
auszugraben, sie brauchen ja Gefangene. Doch weiter. Dem Geschrei nach, das da vor uns ist. Da winselt einer und'ein
anderer flucht, ein Engländer: "Go on, you hound, go on, come here, old boy!" - und wieder ein Wimmern: "Pardon,
Kamerad, Pardon!" "Daher!" brülle ich. "Aufpassen jetzt l Da haben sie von uns einen." Die Pistole in der Faust, biege
ich um die Schulterwehr, an der ein Toter von unsliegt, entsetzlichzugerichtet, daß mich alten, abgebrühten Soldaten
selbst das Grauen ankommt und ich entsetzt zurückfahre, denn der Kamerad ist buchstäblich geschlachtet, in einer
entsetzlichen Blutlache. Da blinkt es khakifarben, ein toter Australier mit eingeschlagenem Gesiebt, und da - dahinten!
"Hands up!" brülle ich eine schwankende Riesengestalt an, die mir den Rücken zuwendet und einen von uns, der am
Boden liegt, am Bein zerrt und mit einer langen Peitsche drauf einhaut. Ein Satz und ein Hieb mit meinem
Pistolenschaft ins dreckstarrende, ausrasierte Genick der Gestalt, daß sie lallend und grunzend zusammensinkt. "flalt nicht umbringen, ein Offizier, den brauchen wir. Entwaffneni "Schonen auch noch, den Sauhund?" schrie mich der
Anderl an. "Packts lieber da mit an!" sage ich, auf den wie tot dallegenden, blutüberströmten Kameraden deutend. "Xari
und Anderl, den Kerl nicht auslassen, gut durchsuchen, alles andere mir nach!"
Daneben lac der Graben voll Toter und Verwundeter, hier hatte doch schon ein Kampf getobt, von uns lagen zwei Tote
unter den Engländern. Ein verwundeter Engländer schaut mich zweifelnd mit seinem Verbrechergesicht an und hält mir
mit einer Hand ein blutbesudeltes Päckchen Zigaretten entgegen, ein anderer verwundeter Tommy sitzt neben einem
großen, bauchigen Krug und sagt, mit der Hand darauf schlagend: "Brandy, comrade, come bere, all right, comrade" während wir auf den quellenden Körpern, die im Graben liegen, herumsteigen. "Aufpassen!"
Geschrei und Schüsse hommen uns entgegen. Ich steige ein eingerutschtes Grabenstück hinan, da sehe ich flüchtende
Engländer eben aus der Dechung steigen, blödsinnig umknallt von allen Seiten. Sie stürzen durcheinander, einer rennt
direkt auf mich her, eine Drahtgasse suchend, springt seitwärts, wie er den Lauf meiner Pistole sieht, und läßt eine
Handgranate fallen, daß ich mich vor den Splittern ducken muß. Bis ich aufschaue, sagt der Heiner hinter mir: "Hab' ihn
schon!" "Weiter dann!"
Die anderen haben sich schon in das nächste Grabenstück vorgeschoben, und triumphierend hält mir beim Einbiegen
um die Schulterwehr der Hermann einen Mordslachl von Tommy vor das Gesicht: "Den hab' ich grad erwiselit", sagt er
voller Freude, und der Tommy nickt grinsend dazu und hält mir die Iland her. Ich spucke ihm wütend darauf. Noch
zwei Gefangene werden gemacht von meinen Leuten, Vor dem Eingano, eines Unterstandes ist ein Geschrei. "Raus!"
brülle ich hinab. "Wir sind's, wir - Hans - Hans! Nicht schießen, wir sind's!" schreit es wirr durcheinander herauf, und
dann kommt eine blutbespritzte, bleiche Gestalt herauf, der Sepp, und fällt mir jubelnd um den Hals und weint fast
dabei. "Ja, das vergess' ich dir nicht!" "Steht nicht herum wie die Maulaffen! Los, weiter!"
Noch zwei Schulterwehren nehmen wir wieder, da sperrt eine Handgranatensalve unseren Weg; klatschende Schläge
spritzen in den Dreck; der Widerstand ist hartnäckig. Unser Stoßtrupp muß noch nicht heran sein. Der Heiner versucht
mit dem -MG. in Stellung zu kommen; da haut ihm ein funkender Schlao, die Büchse aus der Hand. Ein Schuß hat den
Kühlmantel durchschlagen, daß das Wasser ausrinnt. Hinter einer Schulterwehr nisten wir uns ein und legen
Handgranaten zurecht. Ich muß mich est orientieren, wir müssen doch bald am Laubrraben sein. Wo nur der Stoßtrupp
geblieben ist?
Vorsichtig hebe ich meinen Kopf zum Umschauen, habe aber noch nichts sehen können, da drückt mich ein funkender
Hieb auf den Kopf nieder in die Knie; mir wird schwarz vor den Augen. Der Sepp richtet mich wieder auf, nimmt mir
den Stahlhelm ab und zeigt mir eine fingerlange Dulle an der Seite. "Du hast schon ein Glück, das nimmer natürlich
ist", :sagt er kopfschüttelnd dabei. Da purzelt oben der Kare gestreckterlängs in den Graben herein . und rollt uns mit
den Augen an: "Ihr sollt nimmer weiter vorgehen, hat der Kompanieführer gesagt, aber fest abriegeln, und sollt lieber
Obacht geben, daß sie euch nicht noch.einmal hinten hereinkommen."
Das stimmt: wir haben eine große Lücke hinter uns. Ich stelle Posten aus, lasse die Verwundeten versorgen und die
Gefangenen in einen Unterstand treiben; sechs Stück sind es geworden. Den ersten Riesen sprechen die Torrirnys mit
Captain an. Er hat jetzt kreuz und quer blaue Striemen im verschwollenen Gesicht von seiner Peitsche. Sie stinken alle
nach Schnaps schon auf 10 m, und wir finden, daß der Inhalt des braunen Tonkruges, den sie mit herüberbrachten mit
dem Schnapsgeruch übereinstimmt. Das riecht -wie Zimt und Pfeffer und Scl...e, daß wir verzichten, davon zu trinken,
und mein Befehl, den Inhalt auszugießen, ohne weiteres befolgt wird.
Der Sepp hat sich mit einigen Leuten über den eingeschlagenen Stollen hergeniacht; er sagt, er hätte wen rufen hören.
Vielleicht leben noch welche unter den Holztrümmern und Erdmassen. Ein paar Enoländer her zum Wegräumen! Man
sieht, sie können recht gut umgehen mit den Spaten und wollen uns wohl zeigen, daß sie "fair comrades" sind. Horch,
da klopft es dumpf! Wir rufen hinab; eine dünne Stimme schreit etwas. "Wir sind bald durchl" ruft der Sepp hinab, "nur
net auslassen!" und wuchtet ein Holztrumm heraus, daß ihm der Spatenstiel abbricht.
Schlagartig zerriß die Stille jenseits ein wütendes Schießen peitschte über unsere Köpfe, grollendes Rumoren der
Handgranaten warf eine undurchsichtige Rauchwolke auf, die langsam näher kroch. in liaehen Bogen wirbelten
Handgrunaten darüber hin. Da - ein Tommy -- drei - zehn - ein ganzer Haufe -, sie springen aus dein Graben und rennen
zu uns her. Sie suchen die Drahtgasse, und da müssen sie bei uns vorbei. Drauf, nichts Nyle drauf mit Handgranaten,
sonst rennen sie uns noch über den Haufen! Aber die Garbe unseres MG.s wirft sie wirr durcheinander; sie fallen,
versuchen über den Drahtverhau zu entkommen, und wirklich - einem Teil gelingt es. "Schieß doch, du Depp, - schieß
doch!" brülle ich in hellem Zorn den Heiner an der auf einmal aufgehört hat. "Er mag nimmer, der Kasten!" Ich springe
hin und sehe. - Lauf zurück - brenne mich aber an dem heiß gewordenen Mantel, daß ich schnell die Büchse fallen
lasse. "Das hätt' ich auch gekonnt", lacht der Heiner und zieht mit der Handgranate aus. Aber jetzt springt von links her
ein MG. für uns ein. Schreien kommt heran, und dann taucht das Blatt eines Spatens aus dem Graben gleich hinter der
nächsten Schulterwehr, wo vor ein paar Minuten noch der Tommy saß. Ich winke mit einer Handgranate und rufe:
"Seids endlich da!" und fühle, wie mit dem Auftauchen der pulvergeschwärzten bekannten Gesichter vom Martl, Hans,
Girgl und den anderen Kameraden unseres Stoßtrupps eine ungeheure Last von rnir weicht.
Die Gefahr ist vorüber. Der Graben füllt sich mit Leuten, die Verwundeten werden abgeschleppt und die Toten
zurückgeschafft in die Mulde. In aller Seelenruhe durchsuchen ein paar alle Taschen der Gefallenen und werfen das
gefundene Zeug auf eine Zeltbahn: Brieftaschen, Erkennungsmarken, die sie an einer Kette am Handgelenk tragen,
Messer, Patronen, Pfeifen, Zigaretten, Tabaksdosen und Konservenbüchsen und allen möglichen Krarn. Da kommen
diese Leute von der anderen Seite der Weltkugel, von einem ganz anderen Erdteil, um gegen uns zu .kämpfen und uns
als das Übel der Welt auszurotten. Man möchte verzweifeln - so übermächtig ist die Lüge. Ihrer Lebtag haben sie von
Deutschland kaum eine Ahnung gehabt, bis der Krieg ihnen die Kunde brachte, ein wütendes, tolles Tier sei über die
Menschheit hergefallen, das Deutschland heiße. jeder Mensch, jeder Angehörige der Kulturnationen müsse gegen diese
"Huns" für die Freiheit der Völker streiten - und da sind sie nun nach Europa gekommen und sehen, daß sie von den
"Huns" nicht geschlachtet und gefressen werden. Grinsend stehen die baumlangen Kerle im Graben und nehmen
dienstbeflissen die Zeltbahnen mit den Verwundeten auf, folgsam, wie wenn sie noch einen Ausbruch unserer Wildheit
erwarteten, von der man ihnen drüben erzählt hat.
An dem eingeschlagenen Stollen wird mif allen Kräften gearbeitet, aber erst gegen Mittag stoßen sie über Gerümpel
und einige Tote durch und finden aneinandergedrängt über fünfzehn Mann, halb ohnmächtig vor Luftmangel. Wie sie
an die Luft gebracht werden, sehen sie aus wie mit Pergament überspannte Knochengerippe. Einer kniet so halb an der
Wand lehnend und betet lauter wirres Zeug daher und sagt, er müsse jetzt gleich fort, weil er eine Wallfahrt gelobt habe
zür lieben Frau von Altötting, wenn er noch einmal die Sonne sehen würde. Der Schmied-Martl schleppt, mit einer
englischen Zigarette im Mundwinkel, einen um den anderen auf dem Buckel herauf. Ein paar Verwundete bringt er
zuletzt noch daher, und so geht uns allmählich ein Licht ' auf, wo der zweite Zug gewesen ist. Sie waren alle beim
Schanzen im Graben, und wie der Feuerüberfall auf die Stellung fiel, ist alles in den nächsten Unterstand geflüchtet.
Und gleich drauf hat eine Mine den Eingang verschüttet, erzählen ein paar langsam und stockend, ein fürchterliches
Geschrei hat begonnen, denn alle haben gemeint, jetzt sei es aus für immer. Bis endlich der kleine Korporal, der erst seit
ein paar Wochen bei uns ist, Ruhe geschafft hat und sagt: "Seids doch ruhig, Kindsköpf' traurige, helfts mir lieber
meinen Arm frei machen, den es mir eingezwickt hat!" Dabei hat er keinen Schnaufer getan von Wehtun oder Jammern.
Sie hätten ihn aber nicht herausgebracht, weil sie nur Seitengewehre hatten und sich nicht rühren konnten. Der Korporal
hat selber mit dem freien rechten Arm mitgearbeitet, aber da war eine solche Überlast drauf, daß sich das Holz nicht
einen Millimeter gerührt hat. Wie dann alles still, war, hat einer laut vorgebetet - und die Zeit ist weitergesehritten.
Einer hat abgezählt und gesagt, es könnten höchstens drei oder vier verschüttet worden sein, und sie würden bald
ausgeschaufelt werden, denn oben müßten sie doch merken, was los sei mit ihnen. Vielen ist's schon schwindlig
geworden, und einem haben sie die Pfeife mit Gewalt weggenommen, daß er das bißchen Luft nicht noch verderben
konnte. Und auf einmal habe eine Stimme irgendwoher laut gesprochen, aber sie haben nichts verstanden, bis einer
drauf kam, das müßten Tommys sein. Dann hätten sie ein Schlürfen und Purzeln gehört, wie wenn was
herunter(refahren sei - und auf einmal habe es einen Blitz und Donner gegeben, daß alles entsetzt auseinanderdrängte;
ein paar haben geschrien, weil sie getroffen waren. Bis einer drauf kam, daß die Engländer durch das Ofenrohr, das
unglaublicherweise nicht zerdrückt war, Handgranaten herunterließen. Der sei dann - der Düll-Kaspar war es - an das
Ofenrohr hin und hätte jedesmal, wenn es wieder herunterschlürfte, hineingelangt ins Ofenrohr und die Handgranate
aufgefangen, die Feder gehalten, daß sie nicht aufschnappen konnte, und so ein paar Handgranatenfedern wieder mit
einem Draht festgebunden und die Eier unschädlich gemacht. Sie haben schon durch das Rohr gehört, daß droben ein
Kampf sei - und auf einmal hätten sie Deutsche rufen hören: "Los - weiter!" Da ist alles in ein Freudengebrüll
ausgebrochen: "Die Unsein - die Unsern!" und sie haben gestritten, wer das gewesen sein könnte. Später haben sie dann
noch gehört, daß oben gearbeitet wird, und sie hätten durch das Rohr hinaufgerufen, aber keine Antwort bekommen.
Dann sei es wieder still geworden lange Zeit. Das Rohr sei von Erde oder sonstwie verstopft worden, und sie hätten
keine frische Luft mehr bekommen. Der Korporal sei still gestorben, mit seinem Arm in den Brettern hängend. Die
ineisten haben nichts mehr von sich gewußt in der fürchterlichen Hitze. Bis endlich wieder das Graben angegangen sei
und nimmer aufgehört habe. "Ich habe schon allerhand mitgemacht, aber so was - -." Allmählich brachten wir die
Kameraden nach hinten ins Revier zur Erholung, einige hatten das Zittern und Zucken gestörter Nerven und kamen ins
Lazarett. - Verschüttet gewesen!
Es wird wieder aufgeräumt. Von den im Dreck steckengebliebenen Tommys ist keiner, der noch lebt, unverwundet. Mit
den Tragstangen einer Krankenbahre lupfen wir sie heraus. Sie sind so jämmerlich beisammen, daß sie ganz apathisch
vor sieh hinstarren. Einige sind noch auf dem Transport gestorben. Noch lange hat dieses Grabenstück nach dein
durchdringenden "Brandy" gerochen, der uns immer einen leisen Brechreiz verursachte, wie der Hauch einer giftigen
tropischen Pflanze. Den tönernen Krug mit einer giftig dem Fratzengesicht hingen wir an Stelle unserer abgeschossenen
Schiene als Gasalarmgong auf. Er gab beim Draufschlagen mit einem Holzhammerl, das im Handumdrehen der
Schmied-Martl geschnitzt hatte, einen summenden, heulenden Glochenton, der weithin hörbar war.
Am kommenden Morgen wurden wir abgelöst.
Hans Zöberlein: Der Glaube an Deutschland
Große Schlacht in Frankreich
Der März ist gekommen über Nacht. Ungestüm jagt der laue Wind über das Land und treibt zerpflücktes Gewölk dem
Meere zu. Durchsichtig klar wird die Luft und läßt alles wunderbar deutlich erkennen auf weite Sicht. Das ist die Zeit
des Sturmes und Dranges, die einem das Blut in lebendigerem Pulsschlag durch die Adern kreisen läßt. Das ist die Zeit,
wo daheim der warme Föhn von den Firnen talwärts braust, die Bäume zaust und mit den Schindeln der Dächer
klappert. Die Zeit, in der die Äste brechen, die, das letzte Jahr verdorrt sind, und in die winterwelken Wiesen über
Nacht ein frisch-grüner Ton einschießt. Die Zeit, in der das müde Herz oft aufjubeln möchte und gar nicht weiß, warum
eigentlich. Wo noch einmal der Sturm der Jugend einen erfaßt und aufhebt aus der Schwere des Alters und die längst
begrabene Hoffnung wieder aufersteht.
Denn wir sind alt geworden, alt. Wir lassen oft den Kopf hängen wie kraftlos werdende Männer, deren Haare grau zu
werden beginnen, und haben einen schweren, gebeugten Gang, wie Bauern, die hinter dem Pflug so geworden sind. Wir
sind schweigsam und gehen oft nebeneinander her wie die Mönche, die zeitlebens kein Wort mehr sprechen dürfen.
Kaum, daß uns noch etwas erschüttert, der Tod eines Kameraden oder ein Brief von daheim. Das schlucken wir alles in
uns hinein als geduldige Taglöhner der Front mit Spaten und Gewehr.
Der trockene Wind ist gut. Langsam wird das Stellungsgewirre entsumpft, und wir können die eingerutschten Gräben
wieder ausheben, daß.man bald mit gewichsten Stiefeln darinnen gehen kann. Wenn man die Stollentreppe kehrt, gibt
es schon einen Mordsstaub, und vor einer guten Woche haben wir uns noch gegenseitig die Lehmkrusten mit dem
Messer vom Mantel geschnitten. In der Sonne ist es schon ganz schön warm, und bei Tage haben wir unsere Mäntel
abgelegt. Es geht aufwärts! Die Erde dünstet frisch, der Lenz ist nah. Das Brummen der Flieger nimmt den ganzen Tag
kein Ende, und die Fesselballone stehen entlang der ganzen Front wie gelbe Glotzaugen und starren ins Land nach dem,
was dieser Frühling wohl brinaen wird.
*
Oft sind die Nächte voll lauernder, unheimlicher Ruhe. Dann ist es stundenlang so still, als halte die Front den Atem an
und lausche dem fernen dumpfen Grollen eines heraufziehenden Gewitters. Da horchen sie drüben. Ihr blakendes
Gewehrfeuer schweigt, die MG.s scheinen zu schlafen, und nur selten zieht der rieselnde Silberbogen englischer
Leuchtkugeln über das Niemandsland. Dann ist die Luft erfüllt von einem Summen, Singen und Surren wie in einem
Bienenstock.
Wir kennen das von früher her. Aber da haben wir es mit beklemmender Spannung vernommen, so wie das immer
näher kommende Brausen eines Wasserfalles, dem wir im quirlenden Wirbel der Ereignisse rettungslos
entgegentrieben. Dann wußten wir, daß sie drüben zu einer neuen Schlacht rüsteten. Aber dieses Mal kommt dieses
Summen in der Luft aus unserem Hinterland. Immer nach Einbruch der Dunkelheit hebt cs an und wird besonders
deutlich in jenen Nächten, wenn der Wind von Ost nach West streicht.
Dann hören wir die Vorbereitung der Schlacht. Das summt und surrt und knarrt und rattert immerfort, endlos - monoton
- die ganze Nacht.
Ächzende Räder rollen auf den holprigen Straßen zu Tausenden hintereinander her. Dazwischen rasselt das eiserne
Geratter schwerer Munitionskolonnen und der Geschütze. Zugmaschinen mischen ihr pupperndes Stoßen der Motoren
darein und ziehen klirrende Ketten quietschender Wagenachsen hinter sich her. Pferde wiehern gefahrwitternd durch
das dumpfe Poltern abgeworfenen Materials. Gedehntes Rufen verhallt ferne, und murmelndes Gerede fließt dann und
wann in die Summe der Geräusche, begleitet von dem Trappeln vieler Stiefel auf steinig knirsehenden Wegen. Und
immer wieder überwogt das singende Knarren der Räder alle anderen Töne und Geräusche. Und das sälingt sich alles
zu einem wirren, bunten Knäuel im Gehör, ist überall und doch nirgends bestimmt im Ungewissen des nächtlichen
Dunkels.
Über den Ortschaften des Hinterlandes sehen wir oft seltsame Leuchtfeuer schwimmen. Es scheint dann, als hinge ein
träufelnder Korb voll Feuer in der Luft, der einen weiten Umkreis erhellt. Es sind am Fallschirm hängende
Magnesiumtöpfe von viertelstundenlanger Breiindauer. Da sind dann englische Flieger am Werk und greifen mit
Bornben und MG.-Feuer die überraschten Kolonnen auf den Straßen oder die vollgepfropften Unterkünfte an. Jede
Nacht ziehen laut brummend die Bombengeschwader hinüber und herüber, so tief, daß wir die feinen Schattenrisse der
Maschinen erkennen. Rrri, - rrrr - rrrr - rrrr -.
Nach stundenlangem Lauern zucken dann drüben beim Feind mit einem Alale in mächtiger Breite die Mündungsfeuer
der Batterien, ein zahlloses Zischen fährt über uns weg, und irgendwo im Hinterland bricht ein Feuerüberfall auf die
Straßen mit brüllendem Wirbel hernieder. Bellicourt und Nauroy sind zeitweise feuerzuckende, dampfende
Brennpunkte der feindlichen Störungswut. Dann hören wir zwischen dem schrullenden Geheul der Rollsalven und dem
donnernden Aufschlagen der Granaten das dumpfe Poltern stürzender Mauern und prasselnden Steinschlag. Spritzendes
Feuer der Benzolgranaten faßt manchmal das wirre Holzwerk zerfetzter Dächer und Gehälke, daß roter Brand
schauerlich die fortschreitende Zerstörung bescheint. Dann wird dort das Rufen lauter und schneidender, und das Rollen
der Räder fällt in rasende Umdrehungen.
In diesen Nächten brennen die Feuer trontauf und -ab. Manchmal fliegt hinten ein ungeheuer blendender Schein auf und
sinkt zusammen in leuchtender Glut, bis endlich der tiefe, grollende Donner einer gewaltigen Explosion zu uns kommt.
Dann ist ein Munitionsstapel in die Luft geflogen. Noch lange dauert das matte Geprassel der vom Feuer gefaßten
Granaten, bis es endlich den ganzen Stoß gefressen hat. Und in die feurig gerissene Lücke setzt schadenfroh die
englische Artillerie Salve um Salve. So bleibt keine Nacht ohne Feuerschein.
Aber endlos, unaufhörlich singt das Rollen der Räder, Räder, Räder - poltert es dumpf und klirrt es metallen laut,
schleicht und schlürft das Gehen unzähliger Stiefel und kribbelt das Geschlage unzähliger Hufe weiter, imnier weiter monoton - einschläfernd - bis im Osten der neue Tag seine Helle über den ungewissen Horizont heraufschiebt und die
Gegend wieder plastische Gestalt gewinnt. Dann erstirbt allmählich wieder das Sumnien im Bienenkorb.
*
Häufig zischt im Dämmern des Morgens ein unaufhörlicher Schwarm von Gasgranaten -in den St.-Quentin-Kanal und
füllt das Bett desselben mit weißen Schwaden, daß der Kanal wie ei ne Milchstraße in der wüsten Gegend liegt. Das ist
auch die Zeit, wo unsere Artillerie wie ein Raubtier aus dem Hinterhalt mit fauchendem Strudel die englische Stelluno,
anspringt und mit stählernem Gebrüll auf die Gräben drüben losschlägt. Da freuen wir uns immer und springen auf die
Feuerbänke, um hinüberzuschauen in die spritzenden Erdschauer und die wallende Rauchwand. Ja, Tommy, heuer
pfeift es aus einem anderen Loch, heuer sind wir auch'einmal beim Zeug. Heuer schlagen wir einmal hin, und ihr dürft
den Kopf herhalten all right! Wollen einmal sehen, ob ihr das auch so tapfer könnt wie wir die Jahre her. Habt ihr jetzt
schon Angst, weil ihr Sperrfeuer fordert mit gelben Sternen? Da springen wir in die Deckung unserer Holzkiste und
warten geduldig den Feuerschauer eurer Batterien ab. Wenn es losgeht schießen die nicht mehr so eifrig, so
unbehindert. Jetzt ist nichts los, bloß ein kleiner Vorgeschmack, eine Kostprobe. Wir kommen noch nicht. - Noch nicht.
Vorkommandos der Minenwerfer suchen Trichter hinter dem Graben aus zur Aufstellung ihrer Werfer. Überall stecken
sie Täfelchen in den Boden, "So viele Werfer?" zweifeln wir. "Das sind erst die mittleren - dahinter komirit noch eine
Reihe schwerer Werfer für die Zweizentnerininen. Wir nehmen den zweiten Graben dran, die den ersten."
"Dozinerwetter!" "Tja! So hat es noch nicht gebullert im ganzen Krieg, paßt mal auf! In Italien, bei Tolmein, haben wir
Nlinenonkeis allein die Stellung der Italianos sturmreif geschossen ' von Graben oder Drahtverhau war nachher nischt
inehr da - tja, so ist das, wenn wir mal anfangen." "Hin - so ist das", staunen wir. Wie wir nachts die -Laufgräben voll
minerischleppender Gestalten sehen, beginnen wir daran zu glauben. Die Riesentrichter füllen sieh mit eisernen dichen
Nudeln. Und so geht das Nacht für Nacht.
An den Vormittagen streifen Offiziertrupps der Sturmregirnenter durch die Stellung. Sie sehen gut ausgeschlafen und
sauber gepflegt aus. Der tönerne Schnapskrug vor unserem Mausloch gefällt ihnen so gut, daß sie ihn uns abkaufen
möchten. Wir lassen ihn aber nicht her. Sie schauen mit den Gläsern zum Feind, notieren die Unterstände und
vergleichen ihre Karten voll roter und blauer Linien mit der Wirklichkeit. "Wann geht's denn los, Herr Oberleutnant?"
frage ich. "Wann es befohlen wird, Herr Unteroffizier!" "Freilich, aber dauert's noch lang bis dahin?" "Ich werde mal
Ludendorff fragen, ist so beute lachmittag zum Skat bei mir", sagt der Oberleutnant lächelnd und geht weiter. Lange
kann es aber doch nicht mehr anstehen, wenn die schon sich umschauen.
Als wir aber in die Siegfriedstellung zurückkommen, können wir uns nicht zurechtfinden, so geht es da zu. Die Gräben
wimmeln von Pionieren und Minenwerfern, Nachts wird es auch oben im freien Feld unheimlich lebendig: Drahtgassen
zum Durchfahren der Geschütze werden geschnitten, hölzerne Brücken über die Gräben gelegt zum Drüberfahren, und
überall stecken wie aufgeschossene Schwarnmerlinge kleine Täfelchen im Boden. Verdeckte Granatenßtapel liegen auf
Schritt und Tritt im Gelände. "Grünkreuz, Gelbkreuz, Blaukreuz, Brisanz", lesen wir daneben: "2. Batterie, 3. und 4.
Geschütz, 4. Batterie, 1, bis 4. Geschütz", und die Regimentsnumniern dabei. Und nachts fahren Protzen mit Pferden
wirr im Gelände hin und her, und am Morgen sind neue verdeckte Granatenstöße gestapelt. Ja, hört denn das nicht bald
auf? Wir gehen scheu hindurch wie über einen murrenden Vulkan. An den Wegen und Straßen nach Bellicourt sind
ganze Mauern von Granaten alter Kaliber aufgeschichtet. Da wundert es uns nur, daß im Verhältnis so wenige von den
unzähligen Stapeln weitum in Brand geschossen werden.
In Bellicourt sieht es wüst aus, und trotzdem ist ein geschäftiges Ilasten und Treiben zwischen den Ruinen. In der
Kirche und am nebenstehenden Schulhaus ladet die Rollbahn immer neue Minen zu den schon an den Wänden
mannshoch gestapelten aus. Trägertrupps kommen in langen Ketten durch die Straßen und drängen sich an den dichtauf
fahrenden Kolonnen vorbei. Auch wir müssen nachts von Bellicourt aus in wiederholten Gängen Faschinen in die
Kiesgruben schleppen, dann abwechselnd Hölzer und Dielen, Damit sollen über die vordersten Gräben hinweg nach der
Feuervorbereitung die Geschütze nachgebracht werden. Neue Depots für Handgranaten und Patronen werden angelegt
und aufgefüllt. Immer wieder gibt es etwas zum Schleppen und zum Schanzen. Kleine Luftballone mit
Fluahlätterbündeln sehen wir aus unserer Etappe kommen und drüben beim Feind niedergehen.
Ein Gefühl der Macht dieser Vorbereitung faßt uns an wie ein Rausch. Daß so etwas noch einmal möglich ist, daß wir
noch einmal mit vollen Händen hineingreifen dürfen in schier unerschöpfliches Material, das erschüttert den Boden
unserer seither gewohnten Kriegsart des Mangels, Sparens und Hungerns. Und das macht es uns leicht, uns darauf
umzustellen und an das Kommende zu denken, an den Angriff mit vollen Kräften und vollen Händen.
*
Mitte März werde. wir abgelöst und kommen nach EstrAes in Ruhe. Und diese paar Wegstunden werde ich nie
vergessen in meinem Leben, weil sie mich mehr von der Größe und Macht meines Vaterlandes sehen ließen, als Sich
seither entdeckt hatte. Wohin wir kommen, wimmeln oldaten im Gelände, schnauben Bespannungen vor querfeldein
geschleppten schweren Geschützen und liegen mächtige Stöße schwerer Granaten. Und mitten aus dem lebendigen
Durcheinander fahren blendend grün die jähen Mündungsblitze einer Batterie, die mit schweren Geschützen, vöftig
ungedeckt, frei im Gelände steht. Da bleiben wir stehen und schauen, denn seit Flandern haben wir solch mächtige
Kanonennichtin Tätigkeitgesehen. "Wohin fetztihr denn?" frage ich ein paar hemdärmelige Kanoniere, die auf einem
hölzernen Tragel Granaten an die Rohre schleppen. "Nach Roisel ins Kino und auf ein paar andere Truppenlager.
Vergeltungsfeuer für die Beschießung unserer Ortsunterkünfte." Im Umkreis setzen noch einige Batterien in das
gleichmäßig rollende Feuer ein. Das hört sich schon ganz schön an. Aber noch stehen viele Batterien schweigend unter
Netzen umher, und auf der Straße fahren immer noch neue Geschütze nach vorne. Dann kommen Minenwerfer, die
unbeholfen gedrungen und dick aussehen wie eiserne Frösche, denen mit einer Lederkappe das gähnende Maul
verbunden ist, Ein sorgloser, weil kraftbewußter, siegsicherer Betrieb herrscht allenthalben. Wir können heute nicht,
wie wir sonst gewohnt waren, dem einst vereinsamten Rollbahngleis nachgehen, denn heute ist Hochbetrieb init langen
Zügen, aus deren Wagen wie Zuckerhüte die großenMinenkörbe gucken. Immer noch Minen - wer soll denn die alle
werfen?
Höllisches Geklapper kommt uns entgegen. Es sind Einundzwanziger auf Holzpantoffeln, damit sie im freien Feld
abseits der Straße nicht im weichen Boden versinken. Und vor den ersten Häusern von Estr6es steht ein Kran, mit dem
gerade ein dickes, mächtiges Geschützrohr, ein Dreißiger, von einem eisernen Wagen gehoben und seitlich auf die
mächtige Lafette geschwenkt wird. Aus Estrées kommen Kolonnen und Batterien und wieder Kolonnen heraus. Das
hört gar nicht mehr auf. Jenseits der Straße steht wieder so ein Geschützelefant mit Plandecken und Flecknetzen
verhängt. Mannshohe Granaten mit unglaublich schlanken Spitzen stehen rings im Hofe und in Körben kurze,
gedrungene Geschosse, die wie die geduckte Heimtücke aussehen, und Kartuschen dazu, deren Boden schon wie ein
kleines Wagenrad ist. Schade, wenn da eine einzige danebengeht!
Im Quartier können wir uns nicht gleich zum Schlafen auf die Klappen strecken; heute müssen wir erst noch einige
Stunden beisammensitzen und reden. Da sind wir nicht müde, nicht schläfrig und zerschlagen an allen Gliedern wie
sonst, wenn wir abgelöst waren. Jetzt ist das da, von dem wir so oft gemunkelt haben. "Was sagt ihr zu dem Betrieb,
ha?" "So ist's noch nirgends zugegangen, so mächtig und unbändig." "Ob sie's drüben wohl spannen?" "Wenn schon, so
stark erwarten sie die Offensive nieht. Sollen nur ruhig recht viel Truppen in die Stellungen stecken, dann rentiert sich
wenigstens das Feuer." "Das muß ja die Erde zum Erzittern bringen, wenn da alle Geschütze auf einen Schlag
abgezogen werden." "Auf einen Schlag?" "Ja, auf die Sekunde genau alle miteinander." "Da gibt's kein Ausreißen mehr,
und was nicht mehr auskann, ist rettungslos hin." Davon sind wir alle überzeugt und schweigen eine Zeitlang, von
einem Schauer gefaßt bei der Erinnerung an Zeiten, wo wir so dran waren, wie bald der Feind es sein wird. "Der
Durchbruch ist sicher!" meint dann wieder einer. "Bombensicher!" bestätigen mehrere.
"Hörts auf mit dem Schmarr'n, singen wir lieber eins!" schlägt der Martl vor und klopft seinen Votzhobel aus. "Was
denn?" "Soldaten, das sein lust'ge Brüder, haben frohen Mut..." Ein paar Alte schimpfen. "Gebts wenigstens bei der
Nacht a Ruah, gsehroarnaulige Kampeln; habts no net gnua vom Kriag?" "Wem's net g'fallt, der braucht ja net
mitsingen!" "Siegreich woll'n wir's Schanzzeug tragen..."
Ein unerhörter Schlag drückt mit pressender Gewalt die letzten Fensterscheiben ein. Staub wirbelt auf, und die Kerzen
sind ausgeblasen worden von dem Druck. Eine Bombe? Im Finstern sind wir aufgerumpelt, daß Bänke und Tische
umstürzen, Kochgeschirre klappern und Gewehre zu Boden poltern. Keiner schreit, alles lauscht ängstlich nach
draußen, nach dem nächsten Schlag. Das Trappeln vieler Stiefel, wirres Rufen, galoppierendes Hufegeklapper und da,
asende Fahren von Wagen dringt herein. "Macht die Tür auf!" schreit der Hans. Von draußen fällt roter Schein in die
Stube. "Was gibt's denn?" frage ich einen Vorüber laufenden. "Weiß nicht!" sagt der und ist schon fort. irgendwo muß
es brennen. Wir drängen Ins Freie, und da hören wir das Winseln schwerer Granaten und brechendes Donnern der
Einschläge, Feuer liegt auf dem Ort, der seither nie beschossen wurde. Da links, nach Joncourt zu, schießt eine
mächtige Feuergarbe senkrecht in die Luft und wirft einen Glutregen rundum-, ein dumpfgrollender Wirbel wie vorhin
folgt, daß der Boden zittert und unsere Ohren singen. Eine Kolonne trabt von der Straße weg in unseren Hof und hält,
die Rosse mit Schaum an den Trensen und dampfenden Leibern. "Was ist denn?" fragen wir die Fahrer. "Ein
Munitionszug ist bei Joncourt in die Luft geflogen. Wir wollten grad hin zum Ausladen. Derweil hat der Tommy
ausgeladen." Doch bald ist es, als wäre nichts geschehen. Die Kolonnen traben in endloser Reihe wie vorher, und uns
fallen langsam im fortwährenden Horchen auf das Winseln der Granaten die Augen zu. Lange wird der Tommy Estr6es
ja doch nicht mehr beschießen.
*
Am nächsten Vormittag kommt ein Geschwader von mehr als zwanzig englischen Fliegern über Estrées. Unser
Fesselballon, der hinter der Ortschaft steht, wird brennend abgeschossen, und über der Folemprise-Ferme tobt ein
hitziger Fliegerkampf. Dort haben sie einen Artillerieflieger von uns in der Kur, der ihnen aber in geschickten
Wendungen ausweicht und im freien Feld landet. Ganz tief umkreisen die Engländer die stehende Maschine und speien
ihre Phosphorbrandgeschosse nach ihr. Ein Höllenfeuer schlägt unter die fliegende Bande. Die Flakbatterien schleudern
Schrapnelle und Brennzünder dazwischen, und die MG.s auf den Fliegerpfählen schnattern wie eine wildgewordene
Gänseherde. "Hier hinten wird bald mehr geschossen als in der Stellung", sagt der Heiner. Und nicht einer aus dem
dichten Schwarm wird tödlich getroffen. Jetzt decken sie sogar noch den Park der schweren Geschütze an der
Folemprise-Ferme mit Bomben zu, daß die Trümmer nur so fliegen. Vielleicht kommen sie auch über Estrées. Wir
wollen lieber schon jetzt ins freie Feld hinaus.
Von uns sieht man keinen Flieger, auch nicht einen einzigen. Wie protzig brummend das Geschwader jetzt frontwärts
abzieht! Aber das scheint nur ein Manöver; jetzt kommen sie schon wieder. Es sind sogar mehr geworden. Was sie nur
da oben in der Luft für Tänze machen und dazu schießen müssen, so höhnisch herausfordernd! Oho, was ist denn das
auf einmal? Da stürzt ja einer trudelnd herunter! Wohl eine kleine Vorstellung, wie gelenkig sie sind und ihre
Maschinen beherrschen? Aber der kann sich nicht mehr einfangen, und - pfeilgrad saust er senkrecht ab, daß die Erde
zur Seite spritzt. Da - schon wieder einer -, er zieht einen Rauchschweif nach; der reinigt wohl seinen Auspuff - nein -,
der brennt doch? Wirklich, auf einmal schlagen Flammen aus dem Rumpf; er stürzt, er brennt - rrräckcki Da liegt er
herunten. Da droben fällt ein weißer Punkt durch das Gewirre herab, wird größer und größer - unten pendelt ein
schwarzer Strich daran hin und her. Da ist einer abgesprungen; freilich, dort hinten torkeln Tragflächen in Fetzen aus
der Höhe, und ein rauchender Knäuel, der pfeilschnell herabsaust, ist wohl der Rumpf mit dem Motor. Das war der
dritte.
Da müssen doch die Unseren dazwischen sein. Eine Luftschlacht ist im Gange; das rauscht und brummt und heult und
hämmert träcktäräcktäcktät - ratatatatatat - taratatatatat. Jetzt sehen wir sie. Das Glas her! Freilich, unsere Dreidecker
sind es. Der Rote da oben, der wunderschöne Spiralen nach oben dreht und jetzt wie ein Habicht herabstürzt auf die
Beute, das muß der Richthofen sein. Jetzt züngelt er einen feinen weißen Streifen nach einem Engländer, die Spur der
Phosphorgeschosse. Da - der taumelt, immer stärker, jetzt löst sich ein weißer Punkt vom Apparat, da springt einer ab,
da - da - da - der Fallschirm geht nicht auf - nicht auf! Immer schärfer saust das schwarze Bündel mit dein weißen
Punkt hinterher, ein Ton ist in der Luft, pfeifend wie ein schrilles Geheul des Entsetzens - da - jetzt - - - ein dumpfer
Stoß - der lebt gewiß nicht mehr, der nicht! Schwankend torkelt die Maschine nach, langsam, sich überschlagend und
wieder aufrichtend, wie ein Blatt Papier im Wind, einmal nach vorn, dann wieder nach hinten abrutschend, bis sie
endlich sich in wackligen Schraubenwindungen herabbührt und zerknickt, kaum 100 m neben dem Häuflein mit dein
weißen Paket, auf das schon von allen Seiten Soldaten zulaufen. Immer tiefer sinkt der raufende Schwarm über das
Feld. Ohrenbetäubendes Brummen, Surren und Feuern erfüllt die Luft. Zwei Dreidecker haben einen kleinen. ungemein
wendigen Tommy in der Arbeit. Jetzt rasen sie daher mit zornigem Gebrüll und heiserem Gebelfer, immer tiefer herab,
daß wir erschrochen zur Seite springen, denn jetzt - je... prasselndes, schnarrendes Knacken und Brechen: da drüben
liegt der Engländer im Acker, nur noch ein Trümmerhaufen.
Der Schwarm zerstiebt in alle Winde. Brausendes Suminen zieht über uns weg am reingefegten Himmel. Da sammeln
sich die Rotschwänze in Geschnaderordnung, sechs Dreidecker turnen wie Akrobaten in der Luft, sechs bloß - und die
anderen waren über zwanzig! Sechs sind herüben geblieben, die andern entflohen. Stolz zieht das Geschwader zur Front
und taucht seine roten Leiber in die blitzende Sonne. Das ist Richthofen mit seiner Schar!
*
Ungeniert schleppen am hellichten Tage mit einem klapPernden Radau schwere Motorzugmaschinen riesige
Langrohrgeschütze in Stellung, ein Schlepper zieht die Lalette, ein anderer das Rohr. Der Boden dröhnt, und die Häuser
zittern unter der ruckenden Last dieser Giganten, die mit ihrem Feuerarm bis weit in die Etappe der Engländer greifen
können. "Wo die hinhauen, fällt eine Ortschaft ein, wie von einem Erdbeben", orakelt der Kare und spuckt in seine
Wichssehachtel, um seine Stiefel wieder einmal auf den Glanz zu bringen. "Einen Trichter müssen die reißen, daß eine
ganze Kompanie drinnen Platz hat fährt er unterin Bürsten fort. Am Zwanzigsten soll es losgehen, das wäre in drei
Tagen schon, so munkelt man mit Bestimmtheit.
Am Nachmittag wird die Kompanie neu eingeteilt. Über Nacht ist ein neuer Oberleutnant gekommen, der natürlich als
Rangältester unseren Leutnant ablöst, der wieder zur zwölften Kompanie versetzt wird. Das gibt uns einen Riß.
Herrgott, immer, wenn etwas bevorsteht, kommt ein fremder Führer zu uns! Ein Hauptmann, den wir schon von früher
her kennen, löst unseren Major ab, der zum Oberstleutnant befördert wird und ein Regiment bekommt. Unseren Zug
bekommt ein neuer Leutnant, der von der Artillerie zur Infanterie versetzt wurde und, wie er zu uns vertraulich sagt,
keinen Dunst hat' vom Dienst der Infanterie. Züm Ausuleich werde ich ihm als Berater beigegeben. Wir finden uns bald
zusammen und trösten uns damit, daß wir einen Artilleristen bei uns haben, der im Notfall die von uns im voraus schon
erbeutet gesehenen englischen Kanonen umdrehen und bedienen kann.
Der neue Kompanieführer ist ernst und schweigsam. Er sieht leidend und finster aus, hat aber doch das Herz für die
Leute auf dem rechten Fleck. Das sehen wir, wie er die Familienväter unter uns nach der Zahl ihrer Kinder fragt und der
Landsturmmann Bauer III sagt: "Neun, Herr Oberleutnant!" "Was, neun Kinder? Sie übernehmen von morgen ab mein
Pferd." "Der Pferdewärter ist ein g.v.-Mann, Herr Oberleutnant", wirft der Kreuzbauer ein, "und Bauer ist k.v." "Dann
lösen Sie bei der Bagage jemand ab, der keine Kinder hat." "Es ist kein einziger bei der Bagage ohne Kinder." "Dann
bleibt Bauer so lange in der Kanzlei, bis seine Versetzuno, zu einem Landsturmbataillon genehmigt ist." "Jawohl, Herr
Oberleutnant."
Nach Einbruch der Nacht rücken wir zum Schanzen in die Stellung durch das lebendige Treiben im Gelände. Feuer
liegt auf den Straßen, auch Bellicourt wird beschossen. Von Zeit zu Zeit kommt ein hohles Sausen senkrecht aus dem
Himmel, gurgelt und schwillt zu infernalischem Geheul an, dann fährt ein turmhoher Blitz aus den Trümmern, und ein
rosaroter Schein huscht über die Reihe der Kompanie. Ein abfyrundtiefer Donner rollt dann über alle Geräusche hin.
Wir müssen heute durch Bellicourt, das ist der nächste Weg, "Wohin geht das?" frage ich rückwärts hastende Gestalten.
"Um die Kirche herum!" Natürlich, da müssen wir ja vorbei. Die ersten Haustrümmer kommen. Wartend steht hier ein
Rollbahnzug mit Minen, eine unbehagliche Nachbarschaft; schnell dran vorbei, denn wenn da eine einhaut, könnte es
gehen wie vorige Nacht am Bahnhof in Joncourt.
"Zugweise mit großem Abstand durch den Ort", sagen sie von vorne durch. Wir verhalten hinter Schutthaufen.
Herrgott, schaut es in Bellicourt jetzt aus, tote Pferde liegen auf der Straße unter Geröll, der gestern noch so lebhafte
Betrieb ist einer großen Einsamkeit gewichen, alles wartet draußen, bis es vorbei ist... ssss - schuchluchluchl - huliig uchchehtt! Wir liegen schlagartig am Boden und fühlen einen Ruck durch die Erde gehen, dem ein schütterndes Beben
folgt. Einen Augenblick steht der Stumpf des Kirchturms im gähen Blitz der Sprengung schwankend und schief geneigt,
dann hüllt knäuelnder Rauch ihn ein mit einem kleinen Weltuntergangsdonner, dem das Kollern und Rutschen einer
Steinlawine folgt, während ein heulender Schwarm von Splittern und Steinen langsam in der Umgebung verprasselt.
"Zweiter Zug - auf - marsch -marsch!" schreie ich und renne dem aufstürzenden Haufen voran über Steine und Hölzer
und einen umgestürzten Minenstapel, immer der Straße nach. Ein ungeheures Loch gähnt dort, wo einst das Schulhaus
stand, und im Vorbeihasten sehe ich, daß die Kirche nur noch ein einziger Steinhaufen ist, der über die Straße gerutscht
ist.
Am Laufgraben sammeln wir und gehen dann dem Geleise nach, bis wir im Bahneinschnitt an die Stollen kommen.
Von hier aus führt ein alter, verwahrloster, seichter Graben als sogenannte zweite Linie hinüber ins Hamburger Werk,
den sollen wir ausheben auf Mannestiefe. Wenn wir damit fertig sind, dürfen wir wieder abhauen nach Estrées.
Unruhig ist es heute. Da drüben links in den Kiesgruben glost ein roter Schein, da hat es ein Munitionsdepot erwischt,
das nun in dumpfem Knallen Stück um Stück verpufft. Wenn es die Faschinen und Hölzer faßt, die wir in den letzten
Nächten dort aufgeschichtet haben, kann das ein nettes Feuer werden. Vor uns draußen kribbelt es in den Trichtern, da
schleifen sie vom Bahneinschnitt her mit unterdrücktem Fluchen und Reden Minenwerfer durch die Trichter zum
Einbauen für den Angriff- Und drüben vom Hohlweg her auch.
Wir schanzen, daß uns bald ordentlich warm wird. Schon ,ückt die Linie weiter, um ein neues Stück in Angriff zu
nehmen. Wenn gleich eine ganze Kompanie arbeitet, das gibt aus. Bis 2 Uhr nachts können wir fertig sein, und jetzt
geht es auf 12 Uhr. Wenn nur diese nervöse Schießerei nicht wäre! Da am linken Flügel halten sie schon ziemlich nahe
her. Ganz gelbgrün sehen diese Minenschläge aus. Hoffentlich reißen sie nicht wieder unsere schöne Arbeit ein. Aber
zur Vorsorge werde ich ansagen, daß die Leute bei einem Feuerüberfall gleich die Stollen aufsuchen, die ersten drei
Gruppen im großen, der Rest in den zwei kleineren.
Kaum habe ich das durchgesagt, sehe ich drüben beim Feind ein rasend züngelndes Mündungsfeuer aufzucken. Wo das
wohl wieder hingeht, denke ich noch, da braust und jagt es schon heran und direkt auf die zweite Linie. Jn die Stollen Deckung!" brülle ich, durch den dampfenden Graben laufend, der plötzlich menschenleer wird. Der Leutnant, wo ist
denn der Leutnant? Der fehlt noch - und der Heiner und der Schmied-Martl auch. Da sitzen ja drei Gestalten eng
zusammengeduckt in einem Fuchsloch. Sie sind's, erkenne ich freudig. "Los, in den Stollen!" schreie ich dünn im
Krachen und Dröhnen. "Bei dem Feuer? Ich bleibe da, das dauert doch nicht lange", meint der Schmied-Martl wie
durch eine Wand. Er hält aber die Hände als Schalltrichter an den Mund. "Dann bleib' ich auch, ruckts ein wenig."
"Geht nimmer, kein Platz mehr." Nein, es geht nimmer, wenn ich die Hand ausstrecke, stoße ich an die Erdwand.
Ist das ein Feuerl! Wie das rumpelt und zischt! Unser schöner Graben, die ganze Mühe war umsonst. Da lehnen noch
die ledigen Spaten. Hoffentlich haben die anderen noch gut die Stollen erreicht. Sand regnet, und stinkender Dampf
hüllt uns ein und verweht wieder. Eigentlich stehe ich sinnlos blöde da im Graben, ich habe nur eine gedachte Deckung
zum Anschauen vor mir. Da hat es eben nebenan grün aufgezuckt, eine Wolke quirlt aus dem Feuer. Nicht einmal den
Schlag habe ich gehört. Jetzt noch näher, keine 3 in weg - und tut mir nichts? Ja so, die Schrapnelle speien ja nach
vorne. Wenn das nur gut abgeht, so ohne Deckung. Eine Mine wenn aber einhaut im Graben, statt davor oder dahinter
wie jetzt noch immer... unwillkürlich ducke ich mich hockend zusammen vor dem Schlupfloch der anderen drei.
Hoppla, die hat den Graben nebenan eingedroschen, daß es das Erdreich bis zu meinen Füßen herschiebt. Sauber sind
die hergemessen. Der Graben scheint eine gut eingeübte Zielscheibe der Tommys zu sein.
Jetzt dürfen sie aber bald aufhören, für einen FeuerÜberfall ist's genug. Mit dem Schanzen ist es natürlich für heute
vorbei, das hat keinen Sinn mehr. Wieder das Schrapnell, da links von mir, direkt im Graben. Der Kanonier drüben
könnte auch einmal woanders hinhalten als immer stupid ins gleiche Loch, zuletzt passiert doch noch einmal ein...
Wwpp!! - - Erde drückt mich nieder und mauert mich ein. Gerade habe ich noch einen erstickten Schrei gehört und
gefühlt, wie einer nach meinen Beinen griff. Ich werde wohl verschüttet sein, da ist es vorbei -aus - ganz aus. Kein
Mensch weiß, daß wir hier versehüttet sind, keine Hilfe ist in der Nähe. Doch einmal also?
Es beginnt schon - keine - Luft - Luft mehr. Grausam ist das, ersticken zu müssen, wehrlos, eisern eingemauert,
drückend schwer und eng. Wenn ich mich nur rühren könnte, vielleicht ginge es doch noch. Luft - Luft! - ach Gott! So
verrecken müssen, so sinnlos - nein - nein! Hinaus - hinaus - hinaus! - Wenigstens versuchen muß ich's. Rrruck - rrruckel, - rrruckek - ja, Herrgott!! Mit unglaublicher Kraft, die nur die Verzwelflung gibt, spanne ich Sehnen und
Muskeln, schon dem Ersticken nahe und fast nicht mehr bei Besinnung, nur das Unterbewußtsein ist selten hell wach.
Rrrruck-ekek! Wird die Enge nicht lockerer? Rrrruck-ck! Nur zu - rrruckek! Noch einmal.
Es geht, es geht! Die Erde gibt oben nach, und mit einem Male habe ich mich kerzengerade gestreckt und bin mit dem
Kopf an die Luft gefahren. Luft, ach Luft, sie stinkt zwar scharf nach Pikrinsäure, ist aber wunderbar kühl und weich.
Langsam bringe ich einen Fuß locker und stemme und schraube meine Schultern frei; Gott sei Dank, einen Arm bringe
ich heraus, dann den anderen, und schon fühle ich mich frei. Eine Kleinigkeit ist es nur noch, den Körper
herauszustemmen und im eh taumelnd aufzuraffen.
Die anderen, die Kameraden! Wo ist ein Spaten? Jetzt ist natürlich keiner da, das ist immer so. Wie ein Maulwurf, mit
dem Kopf voran, wühle ich das Loch, aus dem ich geschlüpft bin, mit den Händen und Armen auf. Da kommen mir
schon ein Paar andere Hände entgegen; ich fasse sie und werde umklammert, ziehe und ziehe, bis ein zerschundener
Kopf aus dem Sand taucht und nach Luft schnappt. Der Heiner ist's, der lebt also noch. Noch ein Ruck, dann kriecht er
von selber heraus. "Jetzt kommt der Martl", sagt er und steckt schon wieder drinnen im Loch. Wieder taucht ein Arm
aus dem Sand, und dann schleifen wir den Martl an die Luft und lassen ihn liegen. Das Loch wird immer größer, denn
der nachrutschende Sand füllt unsere verlassenen Plätze aus. Und so wird der Leutnant von selber frei, aber wir müssen
ihn herausziehen, von selber kann er nimmer.
Das war höchste Zeit, aber das Unglaubliche ist möglich geworden. Daß ich hockend zusammengekauert war, als die
Erdmasse hereinbrach, war unsere Rettung. Nur so konnte ich in den angespannten Muskeln die Kraft finden, die
Erdlast zentimeterweise nach oben zu schieben, die über mir saß.
Das kommt mir jetzt zum Bewußtsein, wie ich, nicht mehr recht bei Trost, die davonhastenden Schatten meiner
Kameraden sehe. Ach so, das Feuer ist ja immer noch da. Ich fasse das dumpf und gleichgültig, steige langsam über
Erdhaufen und durch Löcher voll Dampf, sehe Feuerzucken vom Boden aufspringen und fühle Sand und Erdbrocken
auf mich fallen. Das ist mir jetzt gleichgültig. Ihr könnt mir jetzt gar nichts anhaben, ihr dürft das gar nicht, und wenn
ihr noch so brüllt. Denn ich bin eben von den Tüten auferstanden. Was wollt denn da ihr noch, ihr feurigen Hunde?
Geht heim, es nützt euch doch nichts, denn ich bin in der Hand eines Höheren als ihr. Dunkel kenne ich einmal im
Dahintaumeln, daß ich im Bahneinschnitt bin und über frische Erdhaufen auf ein gähnendes Loch zu stolpere. Da
umfängt mich warme Luft mit Tabahsdunst und Holzrauch, die mit dunklem Murmeln von Stimmen von unten
heraufkommt. Und diese Luft bringt mich wieder zur Besinnung, daß ich zitternd vor Glück in die Geborgenheit der
Erde hinabsteige, die mich vorhin nicht mehr hergeben wollte.
Bleich wie der Tod, zerrauft und zerschunden, ohne Helm steige ich über die am Boden liegenden und hockenden
Gestalten, die still werden und alle verwundert zu mir herschauen. Dann sehe ich die strahlenden Gesichter von den
dreien vor mir und höre, wie einer in die Stille sagt: "Jetzt ist er ja da, der Hans." Der Leutnant schüttelt mir im Sitzen
meine Hände, und der Heiner will gerade eine Lobpredigt auf mich halten. "Laßt mich in Ruh'!" sage ich barsch und
lehne mich an den Schmied-Martl zum Schlafen hin. Der sagt aber vorlaut: "Jetzt weiß ich, warum der Gruber-Wasil
narrisch worden ist." "Warum?" fahre ich auf. "Ja, weil er halt verschüttet war." "Weilst halt du ein Depp bist, ein
damischer", fahre ich ihn an. "Sixt, so g'fallst mir schon wieder besser wie vorhin", lacht er mich aus. "Weilst ein Depp
bist", sage ich noch einmal. "Du nachher net", lacht er wieder, "hockst dich in den Graben vor uns hin wie ein
Häuchermandl, bloß daß d' uns nachher Irausbringen kannst." "Mei Ruah möcht i." "Danke, ich auch." Damit war das
letzte Wort über den Fall gesprochen.
Eine Stunde später stellten wir die Spaten wieder in den Stolleneingang und rückten heimzu ab. Die Engländer hatten
eine Feuerpause eingelegt, uni nach dem Ameisengekribbel bei uns herüben zu horchen. Mein Körper war von der
Anstrengung so zerschlagen, daß ich meinte, mir wären alle Sehnen gerissen. So trotteten wir vier den niedrigen
Bahndamm entlang. In der Kiesgrube brannte es noch immer; wir konnten die von den Flammen emporgeworfenen
Funkengarben sehen und sprachen von der Gefahr, die dort drüben für die umliegenden Granatenstapel bestand. Kaum
hatte der Heiner geendet: "Malt nur den Teufel an die Wand!", da schoß ein breites Feuer mit einer himmelhohen
Stichflamme da drüben auf, daß wir den Trümmerhaufen von Bellicourt rot beleuchtet vor uns sahen. Ein murrendes
Donnergrollen folgte dem in hohen Bogen nach allen Seiten stiebenden Trümmerschwarm, ein gigantischer Ausbruch
eines Vulkans. Wohin schnell, vor dem dahinwirbelnden und surrenden, johlenden Schwarm eiserner Trümmer, wohin?
Nur die kaum meterhohe Da-mböschung ist da. Wir werfen uns dahinter und pressen uns in den toten Winkel, schnell
kalkulierend, daß der Steilbogen der Flugbahn hier nicht hintasteri kann. Da fatiebt und zischt es schon herab und haut
klatschend in den Dreck, wie ein riesiger eiserner Hagelschlag - und haut klirrend an die Schienen, daß die Funken
sprühen. Langsam verebbt der große Regen.
Aufatmend erheben wir uns und betrachten die Trümmer, die so haarscharf über uns hinweggefahren sind, halbe
Granaten, Zünder und Bodenstücke, Trümmer der Geschoßkörbe, die noch glimmen, und zerbeulte Kartuschen. Ein
Wüstes Bild der Zerstörung und das glosende Feuer des Vulkans im Hintergrund. Vorn Entsetzen gepackt, rennen wir
rückwärts. Erst im Tagesgrauen torkeln wir halb schon schlafend in unser Quartier.
*
Zahllose Appelle werden gehalten. In den Quartieren tost nach den Dienststunden ein toller Trubel. Von ein paar
Griesgramen abgesehen, sind wir alle angesteckt von der Frische und Lebendigkeit der vielen Truppen, die in den
Nächten von EstHes kommen, um in der folgenden Nacht in Stellung zu gehen. Ganz neidig schauen wir auf diese
frischen Kompanien mit so überwiegend viel jungen Menschen.
Da zieht Deutschlands bestes Mannestum, das uns die mörderischen Schlachten noch gelassen haben, noch einmal
geballt an uns vorüber zur Front. Der Sieg wittert um die jugendlich kühnen und doch soldatisch ernsten, grauen
Marschkolonnen. Und in den letzten zwei Nächten wird das Rollen der Räder übertönt von dem schlürfenden Takt des
Gleichschrittes der deutschen Infanterie. Links - und links, links und links. - Ein eisenklirrendes Brausen steht über den
Straßen vom frühen Abend bis spät in den grauenden Morgen hinein. Links - und links, links und links - -. Dazwischen
rasselt und rattert das Geschütz der Feldartillerle, das in der letzten Nacht auf die schon längst bezeichneten Stellen im
Trichterfeld, dicht hinter der vorderen Linie, einrückt.
Stundenlang stehen wir an den Straßen und sehen dem Ablaufen des Aufmarschplanes zu, voller Bewunderung, wie
fein das klappt und sich zur Front wälzt. Bataillon um Bataillon, Batterie um Batterie. Keine Lücke ist in dieser grauen,
schlürfenden, klirrenden Schlange, die sich endlos vorüberschiebt.
Immer vier Mann, vier Mann im gleichen Schritt und Tritt, das Gewehr wippend über der Schulter, das leise gegen den
Stahlhelm klirrt; das Sturrngepäck auf dem Rücken und die Handgranatensäcke über das Genick gehängt. Dann wieder
die knarrenden Wagen der MGK., hinter jedem der Schützenzug mit den umgehängten Traggurten für das Gerät. Hoch
zu Roß die Kompanieführer zwischen Ende und Anfang der Kompanien. Immer vier Mann, vier Mann... Dann trappelt
das Schlagen von Hufen vorüber, immer vier Pferde*, eine Protze und ein ratterndes Geschütz, schlanke Rohre der
Feldhasen und kurze, dicke Haubitzen. Regungslos, wie aus Holz geschnitzt, wippen die Fahrer in den Sätteln der
Hand- und Stangenpferde, und die Kanomere werden gerüttelt auf den Protzen der Lafetten.
Über allen wuchtet der Stahlhelm, der in kühnem Schwung der Linie die kriegerischen Gestalten krönt.
Hier marschiert das deutsche Heer in seiner höchsten Vollendung, die es je erreicht hat. Aus den Augen blitzt jener
furchtbare Geist, der weitab von allem Elan und schäumender Begeisterung nur unsere Rasse beseelt. Erschauernd wie
vor einem Hauch uralter Zeiten fühlen wir das im Blut. Es ist das Göttliche, Große in uns Deutschen, das wir selber
kaum kennen, das aber unsere Feinde tödl, eh lähmt. Sie nannten es einst - und fürchten es heute noch als den "Furor
Teutonicus".
Er marschiert an den Feind. Jetzt, Führung, zeige, was du kannst!
Noch ein Tag - und dann geht es los - am 21. März. Verspätete Langrohrgeschütze poltern in ihre Stellungen, und in der
Nacht geht wieder das Schlürfen des Gleichschrittes der Infanterie durch den Ort zur Front. Die zweite Staffel rückt in
die rückwärtigen Linien der Siegfriedstellung ein. Vorne bezieht die Sturmstaffel die Ausgangsstellungen. Jetzt, wenn
der Engländer nichts merkt, dann ist er zu spät daran. Unsere Nerven sind zum Zerreißen gespannt.
Wir atmen auf, weil das Wetter sich bessert. Der Martl prophezeit schönes Wetter für die nächsten acht Tage, sein
Rheumatismus im Kreuz beweise das. Seit der vergangenen Nacht ist es wieder ruhiger geworden in Estrées. Es gibt
wieder Platz. Draußen am Ortsrand wird ein großer Platz abgesteckt für ein Feldlazarett, das in der letzten Nacht
aufgeschlagen werden soll. Eine Gefangenensammelstelle richtet sich daneben ein. Zukünftige Etappenruhe wittert
schon um die von den Sturmregimentern verlassenen Quartiere. Da werden wir auch nimmer lange hier bleiben.
"Morgen um diese Zeit schaut es schon anders aus", orakelt der Hans. Und alle denken nichts anderes mehr als "morgen
um diese Zeit". Was nur mit uns los ist?
Am Nachmittag wird es bekanntgegeben: Die Division ist Reserve der zweiten Armee. Aufgabe der nächsten Tage ist
für uns die Besorgung des Nachschubes von Munition und Verpflegung für die Angriffsdivisionen und die Schaffung
von Fahrtmöglichkeiten über das Trichterfeld für Artillerie und Kolonnen. "Auweh - Armierer. - Schipp - schipp hurra, - - Stoaklopfer - Gewehre abliefern und Regenschirme fassen", lachen wir verärgert durcheinander. Doch muß
schließlich irgendwer das machen, denn letzten Endes hängt das Schicksal der Schlacht daran. Eine dunkle Ahnung
zieht durch mein Gehirn, daß in der Überwindung des Trichterfeldes der Schlüssel zum Sieg liegen könnte. Die Karte
vom Schlachtfeld, die mir der Kompanieführer für meinen Zug gegeben hat, zeigt ein sinnverwirrendes Stellungsnetz
der Engländer in einer Geländetiefe von 20 km bis an Peronne heran, und dort beginnt erst das ebenso breite
Trichterfeld der Sommeschlacht. Wohl nirgends an der Westfront sind die Tücken, Hindernisse und
Geländeschwierigkeiten in solchem Maße gehäuft wie hier. Und gerade da greifen wir an, da, wo es niemand für
möglieh halten mag.
*
Der schicksalsschwere Vorabend der Schlacht ist angebrochen, und die letzte Nacht senkt sich auf die noch starr und
unverändert liegende Westfront. Von morgen ab wird der Krieg ein anderes Gesicht tragen. Ungeheuerlich scheint uns
das; wir sind doch schon zu lange daran gewöhnt, daß der Krieg sich in ganz bestimmten Gegenden abspielt. Schier
wagt man nicht daran zu glauben, daß wir noch einmal den Fuß auf Neuland setzen könnten, das seither von deutschen
Soldaten nicht betreten wurde. Wie ein Märchen klingt es, wenn wir heute noch davon reden, morgen wird es wohl so
kommen, als hätte es nie anders sein können. Morgen wird es durch die Drähte über die ganze Erde hinzittern und in
Wellen durch den Äther vibrieren: Deutschland greift an und durchbricht die Westfront. Und die ganze Welt wird
erschrecken bis ins Innerste, die ganze Welt - vor dem einen Volk.
An diesem Abend gehen wir in die Stellung vor. Wir haben nur die Gasmaske mitgenommen und einen Stecken in der
Faust, denn morgen, am großen Tag, sind wir Tagelöhner der Front. Wir sollen hinter den letzten Angriffswellen
Patronen, Handgranaten und Wasser schleppen.
Die Masken sind gefallen. Frei und feuerbereit stehen die unzähligen Geschütze rings im Gelände. Hinter
abgeblendeten Lichtern rechnen Offiziere an den Schußtabellen, und hinter den Geschützen sitzen auf Geschoßkörben
die Kanoniere und warten. Es ist längst alles fertig. Die Granaten halb aus den Körben gezogen, Wasser und Tücher
zum Kühlen der Rohre bereitgestellt, die Handschuhe zum Anfassen der Gelbkreuzmunition übergestreift, die
Hemdärmel aufgekrempelt, es wird nur noch die letzte Zigarette geraucht. Seitab stehen die Bespannungen bereit an
den Protzen. Die Rosse schlafen unter den Decken, und die Fahrer reden leise miteinander.
Seltsam ruhig ist die Front. Von vorne hallt lässiges Feuer der Posten, Neben einer Stange sitzt ein Fernsprechtrupp am
Boden, deutlich summt der Hörer: töt - töt - töööt. Die Uhrzeit wird jetzt durchgegeben: "9 Uhr 30 einstellen." Es
stimmt mit unseren Uhren überein. In zweieinhalb Stunden beginnt der 21. März 1918. Zwei Uhrzeiten haben wir fest
im Kopf: 5 Uhr 5 - Beginn der Feuervorbereitung - und 9 Uhr 40 - Antreten der Sturinwellen - und zur selben Zeit
treten wir beladen init Kisten den Weg an nach Villeret, vor dem jetzt noch zwei Stellungen mit dichten Drahtverhauen
liegen und ahnungslose Engländer in den Unterständen sitzen. "9 Uhr 40!"
In Bellicourt finden wir zwischen Schutthaufen einen Stolleneingang. Da geht es auf vielen Stufen hinunter die Tiefe
bis wir mit einem Male im dunsterfüllten, weiten Gewölbe des St.-Quentin-Kanals sind und uns auf den Boden werfen
zum Warten auf den Zeitpunkt: "9 Uhr 40." Ein dumpfes Brausen hallt vom Gewölbe des Tunnels, und unzählige
Kerzen leuchten über kampierenden Kompanien deutscher Infanterie, jenseits und diesseits des schwarzen Wassers,
über dessen welligem Spiegel der Schein der Lichter zittert und die unheimlichen Schatten der verankerten, leise
wiegenden Schleppkähne liegen. An den Mauern lehnen unzählige Gewehre und ganze Gruppen von MG.s, umlagert
von Patronenkästen. Mächtig ist das - berauschend mächtig. Dieses Lager von Regimentern junger, frischer Soldaten
und die unabsehbaren Reihen der Gewehrpyramiden. Das hessische Leibregiment liegt auf unserer Kanalseite. Scherze
und launige Reden fliegen hinüber und herüber. Zuversicht und Sieg leuchtet aus den Gesichtern. Nirgends eine Spur
von Angst und Sorge. Und wie ich den Gedanken festhalten will, wie viele von diesen jungen, blühenden Menschen
wohl "morgen um diese Zeit" nicht mehr lachen können, bringe ich es nicht mehr fertig. Es ist mir wie seinerzeit, wie
ich arglos, hofinungsfroh und himmelstürmend das erstemal ins Feuer kam, mit dem kindlich starken Glauben an ein
ewig dauerndes Leben auf dieser Erde. Genau so jung, und rosig liegt in diesen Stunden der Krieg vor mir. Ein Rausch
der Begeisterung schauert uns in die Seele und erhebt uns noch einmal in diesem Kriege himmelhoch über Grausen und
Not, daß wir das Gold der Sterne herabreißen möchten.
"Setzts euch her zu uns, ihr blinden Hesssen, wir beißen nicht!" ladet der Heiner ein. "Ihr müßt aber mit uns trinken, ihr
groben Bayern!" "Da liegt nix dran; her mit dem Offensivgeist!" Ein Korporal setzt sich zu mir und fragt: "Wo sind wir
beide schon einmal beisammen gewesen?" "Ich wüßte nicht", besinne ich mich Übe, dieses verwegene Frontgesicht mit
den blitzenden Augen. Sinnend sehen wir einander an. "Von Loretto her - oder von Somme-Pi?" "Da waren wir nicht.
Vielleicht von der Aisne her, Juvincourt - La Ville aux Bois oder von Flandern?" "Nee, war ich nicht - aber vielleicht
von Verdun? Warst du im Douaumont? Wenn ich nicht irre, warst du doch der..." "Und du warst der ... "Den du
hereingezogen hast." "Der mit dem Beinschuß? Ja, kannst du denn schon wieder laufen?" "Laufen? Nein, stürmen, so
gut bin ich geflickt!" "Ja, so was, du bist der - ja, die Freud', Kamerad - prost!" Der Korporal stand auf und rief: "Ruhe
im Glied! Eben habe ich einen Bayern wiedergefunden, der mich am Douaumont gerettet hat; da ist er. Kinder, im
größten Feuer hat er mich ausgebuddelt und weggeschleppt; so einer ist das! Jungs, reißt mal eure Hacken zusammen
vor dem und trinkt mal einen ganz großen!" "Jetzt hörst aber auf - wegen dem bissel Kameradschaft!" "Hans, jetzt mußt
reden!" schrie der Schmied-Martl begeistert. "Depp, redst du schon z'viel! Aber singen tun wir eins. Los, laßt es
rauschen, zieh dein' Kropf auf!" "Was denn, was denn?" fragt es wirr durcheinander. Aber der Hans hatte mich schon
kapiert; ich nickte ihm zu, und zugleich fingen wir an: "O Deutschland, hoch in Ehren... " Erstaunte Stille trat ein, und
mit einem Male sang unser ganzes Bataillon und sangen die Hessen, und drüben am anderen Ufer des Kanals standen
sie auf und fielen ein: "Daß sich unsre alte Kraft erprobt..." Unwillkürlich hatten wir einander bei den Händen gefaßt:
Bayern und Preußen, Infanteristen, Pioniere und Axtilleristen. "Zum Herrn erhebt die Herzen..." wogt es und dröhnt es
im hallenden Gewölbe. Plötzlich erkenne ich, daß ein preußischer Hauptmann mir in die Augen schaut, der den Heiner
und den Girgl an den Händen hält. Wir sehen einander an wie zwei uralte Freunde und lächeln unterm Singen, als
wollten wir sagen: "Schon immer ist es zwischen uns beiden so gewesen, so klar und schön." "Es sind die alten
Schwerter noch, es ist das deutsche Herz - - -." Ein Schauer faßt mich an wie eine Offenbarung, und die Freude des
Erlebens dieser Stunde übermannte mich, daß mir das Wasser in die Augen stieg. Ach Gott, wir sind doch noch nicht
gebrochen, wir sind stark und mutig wie damals im August, als es losging.
Das war unser Gebet vor der Schlacht. In hellem Jubel endete das Lied. "Kamerad, wir halten zusammen!" "Kamerad,
wir derpacken's doch noch!" "Kamerad, das gilt!" - "Nur net auslassen, grad jetzt überhaupt nit!" "Ran und drauf!" "Nix wie drauf, wir zeigen's ihnen schon!" schwirrt es durcheinander. Mich schüttelte der Hauptmann an den Schultern:
"l~,Zerls, wir müssen es schaffen!" Ja, nix anders, Herr Hauptmann!" "Den Geist hochhalten, immer hochhalten,
Kamerad!" "Der wird hochg'halten, Kamerad - wir haben ihn ja bis jetzt nit untergehn lass'n!"
Ein Singen und Klingen braust mächtig im weiten Bogen des Gewölbes. Die Kompanien wettstreiten mit ihren
Leibliedern. Ein Rausch hat alle gefaßt: Angriff, Sturm - Sturm - Sieg! Jauchzend würden jetzt alle diese Kompanien
dahinbrausen über den Feind und singend in die Garben der feindlichen Gewehre hineinstürzen - vorwärts, immer
vorwärts, Kartoffelsupp - Kartoffelsupp - supp - supp - supp! Achtung! Llloßß! Herrgott, daß uns noch einmal dieser
Geist umweht! Sieh nur, unsere glatzköpfigen, grauen Landsturmleute mit ihren vierzig Jahren, wie sie heute mitsingen:
"Gloria, Gloria, Gloria - Viktoria - mit Herz und Hand fürs Vaterland - fürs Va-ter-land." Ach Gott, da fällt alles
Drückende, Schwere von der Seele, und der Wurm im Gewissen: "Ist's ein Schwindel?", der verendet heute in dieser
Stunde.
Wie ich so still vor mich hindenke, geht ein Sausen und Sinaen durch meine Gedankenbilder, und mit einem Male
verklingt das weit in der Ferne, und totenstill wird es um mich herum. Bin ich wohl eingeschlafen und träume ich nur
das Bild, das ich vor mir sehe? So schräg gegenüber sitzt der Girgl und schaut mich an mit seinem feinen Lächeln in
den Mundwinkeln, das nur ich verstehe. Und die Kameraden um mich herum haben alle andere, feierlichere Gesichter
im trüben Flackern der Kerzen. Da fährt der Girgl langsam mit der Hand im Kreise herum, als wollte er mir etwas
zeicen. Und seiner Bewegung mit den Augen folgend, sehe ich, eiskalt erschrocken, wie über den stillen, feierlichen
Gesichtern ein feines, leuchtendes Kreuz aufzuckt, jedesmal dort, wo der Girgl hindeutet: beim Eichinger-Seppl, beim
alten Bauer, beim jungen Litzel, beim Korporal Endres, beim Feldwebel, beim Schober, beim Kompanieführer, beim
Toni, beim Ginsterer, beim Blitzschwaben und bei so vielen anderen, deren Namen ich heute nicht mehr weiß. Dann
machte der Girgl eine Handbewegung, die hieß"Sag nichts davon!" Und nun fuhr er langsam ein zweites Mal im Kreise
herum, und wie ich wieder seiner Hand folgte, hatten die vorigen alle tote Gesichter mit einem unsäglich feinen Lächeln
in den versteinerten Zügen, und über anderen glomm fein und klar das leuchtende Kreuz auf der Stirn, die sie geduldig
ergeben senkten. Da sah ich den Kare, den Hentschel, den Xarl, den alten Frank, den Jobst, den Pangerl, den Franzl, den
Alisi, den Schwankl und noch manchen von den vielen. Ich wollte schreien, aufspringen und davonlaufen, aber der
Girgl schaute mich zwingend an, daß ich sitzenblieb -und voller Angst staunte, denn auf seiner vorgebeugten Stirn
glomm fein das Zeichen und verschwand dann flackernd im Dunkel. So viele? Undenkbar! Ich muß zuviel Schnaps in
mir haben, daß ich alles vielfach sehe. So lange hatte ich Ruhe vor diesem Spuk, und jetzt kommt er wieder und quält
mich, jetzt, wo ich mich vorhin so schön gefreut habe. Und der Girgl auch? Wie eisige Nadeln kribbelt es in meinen
Adern, millionenfach schmerzhaft stechend, ooohhh - ooohhh, wie weh das doch tut! Aber so schäme dich doch, du
Jammerlappen, stehe bloß auf, deine Beine, dein Rücken sind eingeschlafen, sonst nichts. Du träumst nur.
Mit einem Male fängt mein Ohr den Schwall der redenden, rufenden und singenden Haufen wieder. Pfiffe schrillen
plötzlich gell hindurch, daß ich auffahre: "Was - was ist denn?" Beschwichtigend zog mich der Hans nieder: "Nix ist,
das geht uns nix an; die Preußen rücken ab in die Stellung." "Du hast, scheint's, g'schlafen wie ein Has' mit offenen
Augen - oder bist d' schon b'soffen?" lachte der Heiner mich an. "Wahrscheinlich hast du zuviel!" sagte ich taumelnd
und sah noch verschwommen, wie meine Kameraden zur Seite traten, um die abrückenden Hessen vorbeizulassen, und
ihnen nachwinkten und zuriefen: "Auf Wiedersehen! Laßt uns auch noch was übrig!"
Mitternacht war vorbei, und finsteres Dunkel gähnte vor den verlassenen Plätzen. Da wurde es still; wir bauten uns auf
den Boden zum Schlafen. Frierend ging ich über eine Planke, die zu einem der Schlepper führte, und warf mich in der
modrig-dumpfen Kajüte auf eine Bretterklappe. Das ist so die rechte Umgebung hier, da schimmelt und fault das
feuchte Holz des Kahnes, über das der Holzschwarnm seine gelb-weißen Netze streckt. Faulen, sterben, verwesen! In
der Schule habe ich einmal gehört von der Unterwelt, in der ein schwarzer Fluß ist, über den man auf einem Schiff zum
anderen Ufer hinübersetzen muß, an dem nicht mehr diese grauen Gestalten liegen wie draußen vor meiner Holzwand.
Und ich- fühle leise, wie ich schwimme - schaukle und schwimme - - - hinüber - ins - Ver-gessen...
*
"Du! Du! He du! Hans, auf!" Vor mir stehen der Martl und der Girgl mit einer Taschenlampe und grinsen mich an.
"Das Schönste hast verschlafen; geh nur 'raus und hör dir unser Feuer einmal an; so was hast noch nicht derlebt!" "Ist's
schon angangen?" "Seit einer Stunde schon; geh nur ,raus! Da kommt kein Schwanz davon, drüben beim Tommy."
Taumelnd gehe ich über die Planke und tappe den finsteren Ufersteig entlang zum Ausgang des Kanals ins Freie. Da
stehen unsere Leute in dicken Haufen, daß man nicht hindurch kann, und schreien erregt durcheinander. Von draußen
dringt ein rollendes Murren und Trommeln herein mit wehenden Schwaden des Pulverdampfes. Und ein schaurig
blendendes Zucken huscht draußen unaufhörlich über die Böschungen des Kanaleinschnittes. Herrgott, ist das ein
Feuer! Das grollt und brüllt und zittert und dröhnt wie tausend Gewitter zusammen. Das ist übermächtig, übernatürlich,
übermenschlich und unfaßbar - - -, und das sind wir, wir!
Daß es so mächtig würde, haben wir nicht erwartet. Wie sich das alles übersprudelt und ein Laut den anderen
verschlingt, wie das zischt und in hohen, hetzenden Bogen jagt miteinander, hintereinander, daß die Luft stöhnt und
heult hinter den Granaten wie ein Taifun. Ein Konzert aus tausend wild im Diskant gestrichenen Saiten und Tausenden
von Trommeln und Pauken. Man hört kaum eine der Batterien aus dem Trubel heraus; nur die Rollsalven der
Langrohre, die gleich oben bei Riqueval stehen müssen, stoßen mit dunklem Brüllen hindurch.
"Du, der Leutnant sucht dich!" brüllt mir der Ferdl ins Ohr. Ich gehe mit ihm tiefer in den Kanaltunnel hinein. Da sehe
ich, wie gerade von einem der Stollenaufgänge nach Bellicourt blutüberströmte Verwundete herabgetragen werden.
Einer würgt und speit blutigen Schaum. Der hat Gas geschluckt, sehe ich. Es sind Artilleristen. Unser Artillerieleutnant
ist dort und sagt zu mir: "Oben in Bellicourt hat es ein paar Volltreffer in eine Batterie gesetzt. Nehmen Sie doch eine
Gruppe mit, wir wollen helfen!"Ich fasse die zunächststehenden zehn Mann und schicke nach unseren Sanitätern. Dann
steigen wir mit dem Leutnant im Finstern die vielen Stufen empor und tauchen auf einmal in die brüllende, wetternde
Nacht oben.
Stickender Dampf zieht über das Steingeröll. Zagend sind wir stehengeblieben. Mir ist zumute, als wären wir auf einer
fremden Weltkugel an die Oberfläche getreten. Ringsum fingern die Stichflammen der Abschüsse steilschräg in die
Luft aus den ziehenden Schwaden der Pulvergase, wie Irrlichter aus einem vernebelten See. Und von betäubend
fallenden Schlägen ist die Luft gestoßen und der Boden gerüttelt. Ein feuriger Wahnsinn schrillt und grölt und johlt um
uns herum. Wir stülpen die Gasmasken Über die Gesichter und folgen dem Leutnant, der mich am Arm in eine
bestimmte Richtung zerrt.
Wenn man nur besser sehen könnte mit dein Rüsselsack vor dem Gesicht, man kennt sich ja gar nicht aus. Hinter mir
stoßen und drängen sie nach. Und dann sehe ich den Leutnant winken, der fast in den Schwaden versunken ist. Wir
stehen plötzlich vor einer Reihe von Langrohrgeschützen und sehen ein undeutliches Gewimmel von Leuten, die
schwere Granaten in die Rohre schieben. Einer brüllt Zahlen durch einen Blechlrichter. Hinter einem Mauertrumm
seitab liegt ein halbes Dutzend Verwundete, die wir packen und abschleppen.
Mit einem Schlag hat sich das Gewitter unheimlich verstärkt, denn jetzt kommt von drüben das Echo des Feuers, der
murrende Wirbel der Brisanzgranaten. Das knisternde Gasschießen ist beendet, die englische Artillerie zum Schweigen
gebracht. Jetzt geht die Vernichtung über die englischen Stellungen her. Das Fortissimo der Höllen rast über die Erde
im schaurigen Flammengewaber und reißt uns willenlos mit in den Strudel hinein. Was wollte ich eigentlich? Ich weiß
es nicht mehr- ich bin wohl verrückt geworden und steige durch den wogenden und beißenden Dampf mit einem
Körper, der mir selber nicht mehr zu gehören scheint. Ich bin untergegangen und schwimme im brandenden Meer der
Ewigkeit... Gnade Gott denen da drüben!
Totenstill ist es unten im Kanal. Erst nach einiger Zeit höre ich das hallende Murmeln der vielen Stimmen.
"Es wird schon Tag draußen, aber man sieht nichts mehr vor Dampf und Gas", erzählt einer. Es geht auf 8 Uhr. Noch
fast zwei Stunden bis 9 Uhr 40! Eine Erregung ist in uns gefahren, daß wir mit den Zähnen klappern, ohne zu frieren,
und hin und her zu laufen beginnen wie ein gestörter Ameisenhaufen. Wer kann denn noch ruhig sein, wo wir mit jeder
Minute dem Zeitpunkt näher kommen, an dem das Rad des Schicksals zu rollen beginnt, wo der höchste Einsatz alles
gewinnen oder verlieren lassen kann? Alle Augenblicke schauen wir auf die Uhr und zählen die Minuten, rennen zum
Gewölbe hinaus in das Gasgenebel des Kanalbettes, das wie ein Wattepolster die brüllende Artillerieschlacht dämpft.
Nur noch matt fährt ein feuriges Zucken der nahen Batterien hindurch; nach zwei Schritten schon ist die bisherige
Umgebung im Dampf versunken. Scharfer Senfgeruch heizt Augen und Nase, daß ich weine und rotze. Gas! Im
Gewölbe ist es doch noch besser. Wir stehen längst beisammen und sehen immer wieder auf die Uhr. "Antreten!
Gasmasken freimachen! Oben nimmt jeder seine Kiste, die ersten drei Gruppen Selterswasser, die nächsten drei
Handgranaten, der Rest Patronen. Rechtsum - marsch!" Zu allen Ausgängen strömen die Kolonnen hinaus. 9 Uhr 30 ist
es, noch zehn Minuten!
Das müßte ein gigantisches Bild sein, wie auf einen Schlag die gestaute Flut sich über das Land des Feindes ergießt in
vielfachen Wellen hintereinander. Aber drohen sieht man kaum den zweiten Vordermann im Düster de, Schwaden, und
würde nicht die Uhr es zeigen, man würd, kaum glauben, daß es s chon lichter Vormittag sein muß. An einer Straße ist
das provisorische Depot. Pioniere beladen uns mit Kisten. Ringsum bebt und zittert die Erde in der zusammengeballten
Wut des Schnellfeuers aller Kanonen. Die Feuerwalze läuft an. Wir sind fertig. 9 Uhr 40! Marsch!
Neben uns läuft der erste Zug, der nach Hargicourt soll. Wir biegen links weg in Richtung zur Rollbahn. Irgendwo
werde ich sie schon finden, wenn wir dem Kompaß nach Westen ansteuern. Feuernde Batterien sind am Wege; wir
stolpern mitten hindurch über unheimlich große Haufen leerer Kartuschen; die Kanoniere fetzen drauflos und drängen
uns seitwärts. Sie sind ganz schwarz im Gesicht; mit schier wahnsinnigen Augen brüllen sie uns wie gereizte Tiger an.
Frische Trichter, umgestürzte Geschütze, schwarze Brandflecken; hoppla, ein Toter, schier wäre ich darübergefallen.
Da hat, scheint's, die englische Artillerie noch tüchtig hereingelangt. Neue Scheinen hantierender Menschen an
feuerspelenden Rohren tauchen für Sekunden aus dem milchweißen Dunst; kein Weg, kein Steg--Wo sind wir denn
eigentlich? Da - ein Drahtverhau, jenseits wieder eine Batterie. Rechts oder links?
Mit einem Male zuckt. ein rotes Feuer blaß vom Boden, und ein unheimlich naher Schlag wirft Erde nach uns. Da schon wieder! Sie schießen noch, die Hunde - und was für Brückerl! Ich stürze rechts seitab und renne der keuchenden
Karawane im Nebel voran. Halt - ein Graben! Hinein! Das muß die dritte Linie sein. Ein Stollen kommt, ein Stab ist
dort unten. Und wieder so unheimlich nahe diese Vierundzwanzigereinschläge. Ein schreiender Verwundeter stürzte
mir in die Arme. Ich drücke ihn an die Grabenwand und renne weiter, weiter.
Allmählich kenne ich mich doch aus. Ein neuer Stollenhals oibt mir Klarheit über die Gegend; wir sind nicht weit vom
Hohlweg zum Hamburger Werk, zu weit rechts; aber das schadet nichts. Nur aus dem Bereich dieser Vierundzwanziger
hinaus! Meine Augen tränen von dem scharfen Gas, und meine Nase tropft; wie Meerrettich stinkt das und frißt sich in
die Schleimhäute. Die Kehle kratzt, daß ich heiser werde und ein Würgen mir aus dem Magen steigt. "Gasmaske auf!"
So finden wir den Stollen am Hohlweg und treten unter. Wir müssen ein wenig rasten und ausschnaufen. Ich zähle
durch; es ist alles da bis auf einen Gefreiten, der verwundet sein soll. Immer noch wütet diese Batterie oben im
Gelände.
"Wieder 'raus! Kisten aufnehmen!" Und wieder beginnt das Rennen im Nebel. Endlich der Hohlweg, aber da steht
Bespannung hinter Bespannung mit den Protzen drinnen. Rechts heraus, oben weg! Wäre das ein gefundenes Fressen
für die englischen Batterien. Wir nehmen die Masken wieder von den glühenden Gesichtern und husten wie ein Haufen
Schwindsüchtiger, aber die Fahrer haben ja auch die Masken abgenommen und leben noch. Da kommt ja schon das
Hamburger Werk, eine Rotkreuzflagge weht dort. Eben schleppen sie einen daher mit einem abgeschossenen Bein. Das
ist ja der Hauptmann von heute nacht im Kanal. Wir verhalten, denn gleich vor uns muß die erste Linie kommen; wir
müssen erst wissen, was los ist.
Im Vorbeigehen winke ich dem Hauptmann, der gelb ist im Gesicht und müde lächelt im Erkennen. Und ein paar
Schritte weiter tauchen auf einmal Engländer vor mir aus dem,Nebel, daß ich erschrecke. Die ersten Gefangenen, es
muß also vorwärtsgehen, vorwärts. Stierer Schrecken schaut aus ihren angstverkrampften Gesichtern, wie sie die Pistole
in meiner Faust sehen. Einer drängt sich heran und hält mir jammernd eine Photographie vor die Augen mit einer
ärmlich gekleideten Frau und drei Kindern. Und die anderen stehen und schauen, blöde lächelnd, was das Bild auf mich
wohl für einen Eindruck macht. Ich winke beruhigend, deute mit der Pistole zur Verbandstelle und schnauze sie an: "Au
transport des bless6s!" Sie nicken und lachen freudig und drängen bereitwillig dorthin.
Der vordere Graben steckt noch voller Infanterie. Peitschendes Feuer schlägt oben zeitweise weg, und von vorne dringt
das Rattern unserer MG.s über das Trommeln der Feuerwalze. Also am besten frei weg nach links zum Bahngraben! In
den Trichtern wimmelt es. Minenwerfer werden ausgegraben aus eingesunkenen Bettungen. Über die Gräben werden
Bretter geworfen und Feldgeschütze hinübergezerrt. Die Artillerie rückt vor, da muß es schon ganz gut stehen. Am
Bahngraben zersingen schwere Schrapnelle. Marsch, marsch! Unser vorderster Graben kommt, eingerutscht und
eingetreten, Wir steigen hinaus im schon dünner werdenden Nebel und stolpern durch eine Trichterwüste, die einmal
der englische Graben gewesen sein muß. Keine Spur von Drahtverhau und Unterständen ist mehr zu erkennen; nichts
wie Erde, aufgerissene Erde. Die Arbeit unserer Minen.
Vor uns kribbelt, so weit wir schon schauen können,das Trichterfeld von grauen Gestalten, und da tauchen im Grunde
die Mauerstumpen von Villeret aus dem Nebel. Englisches Feuer liegt noch auf dem Trümmerhaufen, und von vorne
hört man das Prasseln des Infanüriekampfes und das Poltern der Handgranaten. Da müssen die Unseren schon über die
zweite Stellung her sein. Es geht vorwärts! Jenseits von Villeret sehen wir im zerfließenden Dunst die Feuerwand
unserer Artillerie, wie sie Erdbrunnen aufspritzt und eine Rauchwolke über das gelbbraune Land schiebt. Und da sieht
man sie rennen -nit der Handgranate in der Faust; eben bricht eine aufspringende Welle vor. Trupps Gefangener laufen
unbewacht nach hinten. An unserer Stellung werden sie von den Pionieren eingespannt vor Geschütze und Protzen und
müssen zum Spaten greifen, um Wege zu bahnen. Und allenthalben stehen Kolonnen im Feld, die feindwärts streben.
Vorwärts drängt alles, vorwärts. Ein packendes Bild der Wucht. Endlich einmal sind wir wieder im Angriff. Dahinten
bei Nauroy haben sie gar schon einen Fesselballon von uns über den Dunst in die laue Sonne steigen lassen, verwegen
scheint uns das, und wir lachen froh über die kaltschnauzige Frechheit dieser Blutwurst in der vom Staube des Feuers
noch flimmernden Luft. Überall schießen Geschütze, die frei im Felde stehen, während andere sich fertigmachen zum
Aufprotzen und Nachrücken.
Wir orientieren uns nach der Karte und dem Kompaß und brechen wieder auf. Das englische Feuer auf Villeret ist
verflogen; sie gehen drüben zurück. Vor uns stehen die der Reserven auf und schlängeln sich vorwärts, dem
schwelenden Brodem des Infanteriekampfes entgegen. Neue Scharen Gefangener kommen über eine Bodenwelle
gerannt. Einzelne Geschütze kämpfen mit acht Pferden sich durch das Trichterfeld vorwärts. Am Rande von Villeret
steht schon eine Reihe Feldgeschütze, die nur so drauflosfetzen. Da liegen die ersten Gefallenen der stürmenden
Kompanien, so wie sie von einem MG. gefaßt worden sind, auf dem Gesicht. Ein kurzer, zertrommelter Graben kommt
quer, in dem ein schauderhaftes Durcheinander zerfetzter Engländer liegt in der zerwühlten Masse der Geräte und
Waffen. Ein Stück weiter liegen die Tommys nur so hingestreut im Trichterfeld, auf der Flucht von unserem Feuer
gefaßt. Da drüben winkt einer, ein Verwundeter. Ein Mullfetzen flattert neben ihm an einem Seitengewehr, das im
Boden steckt. Da kommt schon ein Bahrtrupp unserer Sanitätskompanie; ich winke sie ein in die Richtung; sie haben
erkannt und biegen darauf zu.
Verschüttete Minenstapel liegen an einem Wegeinschnitt, der völlig zertrommelt ist. Durcheinandergeworfene Rohre
lassen erkennen, daß hier eine englische Werferstellung war. Das muß unser Bestimmungsort sein. Wir räumen einige
tote Engländer beiseite und schichten aufatmend unsere Kisten aufeinander. Ein preußischer Leutnant kommt aus einem
Stollen herauf und meint: "Seid ihr schon da? Nur gleich weiter!" Er deutet unserem Leutnant auf der Karte an, wo
weiter rechts vorwärts ein Regimentsstab sein soll; dort müssen wir abliefern.
Aufs Geratewohl schieben wir los durch eine sanfte Mulde, in der verstreute Gefallene liegen, und biegen auf einen
erhalten gebliebenen Fetzen Drahtverhau zu, bei dem wir einen Haufen Leute liegen sehen. Nicht recht weit voraus
hören wir das Rumoren von Handgranaten, und mit einem Male peitscht die Garbe eines englischen MG.s über unsere
Köpfe. Vermutlich sitzt da noch ein MG.-Nest in der vor uns sich hinziehenden zweiten englischen Stellung. Da
verhalten wir in der Deckung, und ich springe gebückt vorwärts, um zu erkunden. Aber ehe ich den Haufen erreiche,
steht ein grollendes Hurrah-ha-ha vorne auf, und ein mörderisches Knallen, das plötzlich abflaut und einem wirren
Geschrei Platz macht. Da springt der Haufen auf und stürzt mir davon, ehe ich ihn erreiche. Von der Mulde hinten
schlägt ein wieherndes Gelächter meiner Kameraden an meine Ohren, und einer brüllt: "Ausg'schmiert!" Dann kommt
die Karawane nach.
In einem schräg quer laufenden Hohlweg stoßen wir auf eine Menge toter Engländer und finden ein Stück weiter eine
provisorische Verbandstelle. Der Oberarzt, den wir fragen, weiß nichts von einem Regimentsstab, aber wir hören von
einem eben verwundet ankommenden Leutnant, daß wir am richtigen Platz wären. Der Stab komme erst noch her. Der
Leutnant hat einen Höllendurst und reißt gleich eine Selterskiste auf. In kurzen Worten erzählt er, während er einen
Arm zum Verbinden hinhält und mit dem anderen trinkt: "Schweinehunde - erst hands up - und wie wir drüber weg sind
-nehmen die Schufte wieder die Gewehre auf - und schießen. Aber dann nochmal 'ran und keinen Pardon mehr gegeben,
alles abgemurkst. Meine Kerls hatten eine Sauwut - klar, Mensch!" "Wie weit sind wir denn schon?" frage ich. "Jetzt
werden sie schon über die Artillerie her sein, unsere Kerls. Donner ja, das flutscht heute mal ordentlich!" Das löst bei
uns Jubel aus. Herrgott, wenn wir nur auch dabeisein könnten!
Langsam trotten wir zurück. Der Heiner spürt einige Stollen aus und bringt ergiebige Beute herauf. Beim
Durchplündern der Unterstände gibt es auf einmal ein Mordsgeschrei. Der Anderl hat ein paar Tommys erwischt, die
sich unter die Klappen eines Stollens verkrochen hatten. Zum Glück kam auch der Martl dazu, wie der Anderl gerade
beim Raufen war, und zog die Burschen ans Tageslicht. Freche Kerle sind das; die dachten wohl, sie könnten auf die
Befreiung durch einen Gegenangriff warten. Der eine hatte noch lange, wie er mit uns ging, die fünf Finger vom Martl
rot im Gesicht.
Oben brummen unsere Infanterieflieger tief herab. So weit man schauen kann, stehen schon nachgeschobene Batterien
in Feuertätigkeit. Ein unbeschreibliches Gewimmel ist in dem aufgewühlten, gelbbraunen Gelände. Der Gefechtslärm
wird allmählich dünner und matter. Die feindliche Artillerie ist ganz still geworden. Es ist Mittag vorüber. Ganz nahe
stehen schon unsere Fesselbalione. Und auf den Straßen, schieben sich endlose Kolonnen heran. Herrgott, ist das ein
prachtvoller Tag heute, dieser 21. März! Jetzt wird es mit Riesenschritten dem Ende zugehen.
Beseligt, hungrig und doch glücklich kommen wir in unser Quartier. Eine ausgelassene Stimmung herrscht überall.
Wann kommen denn wir'dran? Noch ist kein Befehl da. Das Gefangenenlager vor dem Ort draußen steckt voller
Tommys, lauter kräftige, meist jugendliche Gestalten. Auf der Straße kommen sie noch immer truppweise daher. Lange
Kolonnen werden gebildet und abgeführt in die Etappe, damit im Saminellager Platz wird für den neuen Zustrom.
Unser Artilleriefeuer ist schon weit vorgerückt, der Lautstärke nach zu schließen. Bis tief in die Nacht hinein singen wir
und füllen den Ort mit dem fröhlichen, tosenden Lärm des Sieges.
*
Drei Tage später sind wir noch immer in Estrées. Längst sind die letzten Kolonnen der Angriffsarmee nach vorne
gerollt. Zwei Tage lang ging das ununterbrochen dahin. Scharen Gefangener von neuen englischen Divisionen kamen.
Sie erzählen uns, daß sie frisch von der Landung aus direkt in das Gefecht geworfen wurden. Viele Schottländer sind
darunter, die mit uns kauderwelschen, als hätte es nie einen Krieg zwischen unseren Völkern gegeben.
Matter mit jedem Tag wird das Feuer unserer Artillerie. Peronne soll genommen und die Somme an vielen Stellen
überschritten sein. Nur weiter rechts bei Cambrai hat der Angriff sich schon festgelaufen. Estrées ist zur beschaulichen
Etappe geworden. Wir wollen jetzt keine Ruhe, gerade jetzt nicht.
Wie eine Erlösung kommt der Marschbefehl. Am 24. März lassen wir EstHes hinter uns und rücken über das
Trichterfeld der alten Stellungen bei Bellenglise nach Vermand zu. Kahl und trostlos ist dieses Land, das mit Trümmern
übersät ist und nur fremd anmutende Bestandteile einer weit, weit entfernten Industrie aufweist, neben den öden,
zerschossenen Steinhaufen der Ortschaften. Gräben und Nester, Drahtverhaue, Wellbleche und Granatenstapel,
erbeutete Geschütze, Sandsackverbaue, weggeworfene Gewehre und Lederzeuge, Patronen und Handgranaten, ein
wüstes, verschüttetes Arsenal an Waffen und Geräten, Kisten, Geschoßkörbe, Ölkannen, Flecknetze - und im welken,
dürren Gras oder in aufgerissener Erde liegen die starren Gestalten der Gefallenen, graue und gelbe. An den Straßen
liegen die erschossenen Bespannungen der Artillerie und seitab im Feld ausgebrannte, aufgerissene Tanks.
Neben der Straße ist ein Steinbruch bei einem zerschosseneu Wald, da stehen erbeutete schwere englische Geschütze.
Der Zahl der Toten von beiden Seiten nach zu schließen, hat hier ein erbitterter Kampf getobt. Jenseits der Straße zieht
eine englische Stellung durch das kahle Gelände, die nur zum Teil ausgehoben ist. Hier hat das deutsche Feuer
vernichtend unter die Schottländer geschlagen, die in dichten Haufen in den Gräben übereinanderliegen.
Wir taglöhnern und klopfen Steine, füllen alte Sprengtrichter aus der Zeit des Somme-Rückzuges vor einem Jahr auf,
graben die Toten ein und sammeln die Waffen und Geräte zu Haufen. Drei, vier Tage lang.
Endlich kommt Befehl zum Weitermarsch. Barachenlager, Feldbahnhöfe, Materialdepots, riesige Granatenstapel,
erbeutete Tanks und wieder die Reihen der Toten im dürren Gras. Die Engländer haben schwer bezahlen müssen.
Manchmal finden wir die kahlen Hänge geradezu übersät mit den Khakigestalten. Das ist Flucht gewesen; man kennt an
den verlassenen Lagern die Eile und Überstürzung. Rollbahnzüge stehen beladen im freien Feld, und schwere
Geschütze stehen einsam an den Wegen, daneben die toten Pferde oder demolierten Zugmaschinen mit Raupenbändern.
Das Tal der Somme tut sich auf vor uns. Wir steigen hinab nach Peronne. Hier war ein Hauptlager der Engländer.
Unübersehbares Material, ein Tanklager mit Benzinund Ölfässern, Granaten über Granaten und der Abraum eines
Kampffeldes: zertrümmerte Wagen, umgestürzte Protzen und MG.-Wagen, aufgedunsene tote Maulesel, v rbrannte
Baracken - ein wüstes Durcheinander. Wir kommen nach Mt. St. Quentin, oberhalb Peronne, in englische trostlose
Baracken, die, düster, kalt und schmutzig, uns unbehaglich anstarren. Es ist alles so trocken, steifledern und kaltnüchtern, so bar jed en leisesten Schönheitsgefühls, daß wir uns wundern, wie faul und kulturlos diese Tommys doch
sind. Heute ist Karfreitag. Es stürmt und regnet von Westen über das Trichterfeld der Somme-Schlacht heran.
Am Karsamstag streune ich durch die Gegend. Von Mt. St. Quentin aus kann man weit nach Westen in das furchtbar
verbrannte, zerwühlte Gesicht des Somme-Schlachtfeldes schauen. Ein endloses Trichterfeld in grandioser Einsamkeit
zieht sich hier in die Weite, wohl bis hinaus ans Ende der Welt. Das ist monoton wie das Meer an stürmischen Tagen,
so auf und ab bewegt. Nur hier und da treibt wie ein sinkendes Wrack der Rest eines zerknickten Wäldchens darüber
hin. Der Karte nach sollen einmal viele Ortschaften da nach Westen zu gelegen sein. Jetzt ist alles nur gleichförrnige
Wüste und Schutt. Finstere Wolken mit goldenen Zacken treiben darüber hin, und der steife Westwind heult und pfeift
in der Öde dieser Welt vor Verlassenheit.
Die dürftige Buchsrabatte eines Gartens steht frischgrün an einer Mauer. Und dort? Wahrhaftig, das sind doch
Himmelsschlüssel, die aus dem welken Grase blühen! Rote, feurigrote Himmelsschlüssel. Und überall, rings um mich,
stehen sie in ihrer keuschen Pracht der Erstgeburt des Frühlings. Jenseits der Mauer stöhnt einem die Wüstenei des
Todes ins Herz, und hier auf dieser Seite treibt Leben aus dem Fetzen geschonten Rasens. Und morgen ist Ostern Auferstehung! Irgend etwas erschüttert mein hartgesottenes Kriegerherz. Es ist die wesensnahe Ahnung der im
Vergehen keimenden Auferstehung. Die ersten Blumen beginnen heuer zu blühen. Und blühen so brennendrot wie die
Liebe und das Blut.
Am goldig klaren Ostersonntag machen wir einen langen Weg und durchmessen das ganze Somme-Schlachtfeld bis an
seinen westlichen Rand bei Chaulnes und Ablaincourt. Überall sehen wir die Anzeichen eines überstürzten Rückzuges.
An der Römerstraße nach Amiens stehen im Auffahren zusammengeschossene Batterien. An den Geschützen hängen
die toten Pferde noch in den Strängen. Überall sind am Straßenrand eilig neue Granatenstapel errichtet, aber von
unserer Offensive überholt worden. In den verwaschenen und verwachsenen Trichterfeldern stehen wirr zerstreut
hölzerne Kreuze, dort, wo seinerzeit Franzosen gefallen sind. Sie haben eine blecherne blauweißrote Kokarde und ein
Blechtäfelchen mit dem Namen des Gefallenen. Kreuze für die deutschen Gefallenen sehen wir nicht. Hier und da aus
früheren Zeiten ein rohes, plumpes Holzkreuz an den Wegrändern für gefallene Engländer schief eingesteckt, nüchtern,
roh, daß wir erbost darüber reden, wie pietätlos der Feind mit seinen Toten ist.
Hier und da kommen wir an einer weißen Tafel vorbei, auf der der Name einer Ortschaft steht. Mehr sieht man nicht
mehr davon. Nur wenn man genauer hinsieht, erkennt man, daß nicht braune Erde, sondern Ziegelmehl unterm
wuchernden Unkraut liegt. Ganz selten grinst ein schwarzes Kellerloch aus dem Geröll.
Orte, die wohl nie mehr erstehen werden, von denen nur noch der Name existiert. Es ist schon bei Tage unheimlich,
durch diesen riesigen Friedhof zu gehen, und bei Nacht werden wohl die unter Erde und Schutt verschütteten Soldaten
an das bleiche Mondlicht steigen und in dem verstümmelten Land umhergeistern und suchen, wo einst die Stellurig
wohl war, der Unterstand, die Batterie, der Ruheort - und wo man einst an schönen Tagen baden ging...
In dieser Wüstenei steht an einer verwilderten, löcherigen Straße nach Chaulnes ein verlassenes Gefangenenlager. Hier
kommen wir in Quartier. Das Aussehen dieser dreckstarrenden, finsteren Baracken läßt wohl jeden geloben, sich das
Hundeleben der Gefangenschaft nicht zu wünschen. Zwischen Brettern steckt ein Zettel: "Wir freuen uns auf baldige
Befreiung. Glück auf und weiter Sieg, Kameraden!"
Die Kost ist seit ein paar Tagen ganz windig ausgefallen. Der Feldwebel erklärt uns, es sei in allen Regirnentern so
schlecht. Unsere Autos und Kolonnen müßten zum Transport der Granaten hergenommen werden, so daß sie nicht mehr
genügend Verpflegung fahren könnten. Vorne ist seit ein paar Tagen die Offensive zum Stehen gekommen, 17 km vor
Amiens. Und seit wir wissen, daß die Autos nicht genug Futter für unsere Mäuler und die Mäuler der Kanonen
vorbringen können, hat sich ein Reif auf die Blüte unserer Hoffnungen gelegt.
*
"Alarm! Wir rücken ab. Die Division wird eingesetzt!" Während des Marsches bricht allmählich die Dämmerung über
die Gegend herein, und so im letzten Zwielicht passieren wir die Ortschaft Harbonniers. Die Häuser sind voll gepfropft
mit Soldaten und Bagagen, und nur ein Granatloch in einem Schieferdach verrät, daß die Wogen der Offensive über den
Ort hinwegbrandeten. Ohne Rast geht es weiter in Richtung nach Bayonvillers, wie ich an der Wegmarkierung
geschwind noch ablesen kann. So auf halber Strecke stockt es endlich vorne. Die Feldküchen und MG.-Wagen fahren
vor. "Essen fassen - die MG.s freimachen!" Donnerwetter, das pressiert aber! "Jetzt wird's wirklich Ernst", meint der
Schmied-Martl und reißt die Plandecke vom MG.-Wagen. Kaum daß wir Zeit finden, einen Kochgeschirrdeckel voll
Dörrgemüse auszulöffeln, den frischgefaßten Barras auf den Tornister zu schnallen, da schreit der Kompanieführer
schon: "Halbkreis!" Aha, jetzt wird die Lage erklärt: "Wir lösen jetzt gleich ab vorne. Erster und dritter Zug vordere
Linie, zweiter Zug in Reserve. Morgen ist nichts los, aber übermorgen greifen wir an - Richtung Amiens:
Generalangriff auf der ganzen Offensivfront. Der Feind hat nur noch schwache Postierungen, seine Reserven sind
aufgebraucht, uud die Artillerie ist sehr schwach. Los jetzt - fertigmachen!" "Hat er jetzt unsere Artillerie gemeint oder
die englische?" fragte der Martl.
Ein Preuße führt uns nach vorne querfeldein durch ein Ackerfeld. Wir tropfen vor Schweiß unter der Belastung des
schweren Gerätes, und dazu machen sie vorne fast Laufschritt.
Da braust es auf einrnal zu uns heran. Klirrendes Blitzen fährt aus dem Acker und jagt johlende Splitterschwärme
ringsum. Da schreit schon einer auf und stöhnt. Atemlos hasten wir weiter. "Den Helmut hat es erwischt!" ruft einer der
Krankenträger. Der erste. Der war auch bei denen im Kanal unten... Huii-iiiu-rrachh-rrach-rrach! "Sausts, saust's!"
Es sollte gar nicht weit sein, und wir laufen schon über eine Stunde 'rum. Das Gelände fällt leicht abwärts in eine weite
Mulde. Und da lösen sich Schatten hinter Aufwürfen. Stahlhelme tauchen aus der Versenkung, und leise Stimmen
fragen: "Seid ihr Bayern?" "Ja - Ablösung ist da!" "Dicke Luft dahinten, was? Welche Kompanie?" "Zehnte." "Stimmt kommt 'rein!" Die beiden anderen Züge gehen noch ein Stück tiefer in die Mulde abwärts. Einige kurze Andeutungen,
und dann verschwinden die abgelösten Gardefüsiliere hinter uns im Finstern.
Wir sind mitten in einem frisch gepflügten Acker, der von einzelnen Schützenlöchern durchwühlt ist. Nach rechts geht
die Reihe dieser Löcher nicht mehr weiter im offenen Feld, So halblinks, in unserem Rücken, brennen Häuser in einer
langgestreckten Ortschaft, die Mareelcave sein soll, wie uns die Preußen erzählten. Fröstelnd hüllen wir uns in Mantel
und Zeltbahn und setzen uns ins warm-feuchte Erdloch zum Schlafen.
Stockfinster ist es, wie mich einer weckt und meine Zeltbahn verlangt. Es regnet. Oben steht, wie aus Holz geschnitzt,
ein Posten. Wir decken das Loch mit den Zeltbahnen ab und stellen das MG. unter, daß es nicht im Freien verrostet und
verdreckt. Denn hier vorne ist es aus mit dem Reinigen. Es regnet - so eine Sauerei! Das ist kein Offensivewetter.
Der neue Tag graut unter fortwährendem Regen. Vor uns, am Fuße des Hanges, sieht man im Ungewissen eine lange
Reihe von Schützenlöchern, gut 200 m noch weiter als wir. Man sieht die Leute dort die Löcher abdecken; doch mit
dem Hellerwerden erstarrt allmählich jede Bewegung da unten. Dunstschleier liegen über dem Boden der verregneten
Landschaft. Einzelne Granateinschläge und Schrapnelle sind allein die Unterbrechung der starren Ruhe.
Am Vormittau klart es ein wenig auf. Da starren wir vorsichtig in das vor uns liegende Gelände und suchen die
Stellungen des Feindes. Nach Westen zu ist friseligeackertes Feld, so weit wir schauen können. Vor unserer Stellung
draußen liegen unzählige kleine Dunghaufen. Nach links schließt ein Bahndamm die Rundschau ab, über dem von
weither der schwarze Riß eines Waldes steht. Das muß der Karte nach der Wald von Hangard sein. Vor unserem
Abschnitt steht gut 500 m westlich ein Wäldchen und deckt das Hinterland vor unseren suchenden Blicken ab. Eine
Straße biegt, von Mareelcave kommend und die Bahn kreuzend, an seinem Rande vorbei und knickt sich gerade vor uns
um den Nordrand herum ins Weite. Und da steht noch etwas, so eine Art spanische Wand, und wehrt wie eine Kulisse
dem suchenden Blick, den Hintergrund zu überschauen. So angestrengt ich mit dem Glase hinüberblicke, ich kann mir
nicht zusammenreimen, was diese sonderbare Wand wohl verbirgt. Am ähnlichsten ist sie noch den Blenden an den
Straßen der Front, die den Tagbetrieb gegen Einsicht des Gegners abdecken. Jedenfalls ist das eine gewiß, daß im
Wäldchen und hinter dieser rätselhaften Blende die Nester der Engländer sind, nein, sein müssen.
Peinlich genau suche ich mit dein Glas das Vorland ab, doch liegt alles friedlich und unberührt wie eine knospende,
grünende Frühlingslandschaft hingebreitet. Leichte Bodenwellen, kahl und nackt, ohne Busch und Baum, schmiegen
sich weich ineinander. Nur so halbrechts voraus, am Horizont hinten, hebt sich ein dichtbewaldeter Hügel, an dessen
Fuß eine gedrängte Häuserschar durch das Glas zu erkennen ist. Das ist das Ziel des morgigen Angriffes, das Städtchen
Villers-Bretonneux. Von dort aus sind noch zirka 12 km nach Amiens, und wenn wir Glück haben, können wir morgen
abend die Stadt vor uns sehen.
Täk-täk-täk - peik-peik-peik! klopft aus der friedlich scheinenden Idylle ein MG. unsere Aufwürfe ab. Und bald
schrillen Granaten haarscharf auf unsere Linie, daß Erdschollen über unsere Löcher fallen. In Mareeleave ballen sich
rote Ziegelstaubwolken an der Zuckerfabrik rings um den noch ragenden Stumpen des Fabrikschornsteins, einen
weithin sichtbaren Richtpunkt der englischen Artillerie. So im Hinduseln und Grübeln, im wiedereinsetzenden Regen
und in plötzlichen Feuerüberfällen vergeht der Tag, und das heimliche Leben der Stellung beginnt sich wieder zu regen,
Ordonnanzen huschen heran: "Die Zug- und Gruppenführer zum Kompanieführer!"
In der vorderen Linie gibt unser Oberleutnant von seinem Schützenloch aus die letzten Anordnungen bekannt. "Morgen
früh greifen wir an. Tagesziel ist Villers-Bretonneux, das ihr ja alle heute schon liegen habt sehen. Der zweite Zug folgt
als zweite Welle mit nur 50 in Abstand." "Jawohl, Herr Oberleutnant!" "Vom Gegner ist wenig bekannt, seine Stellung
wird in dem Wäldchen drüben vermutet. Das Vorfeld ist vom Feinde frei. Im Bahnwärterhaus hinter dem Wäldchen ist
wahrscheinlich ein MG.-Nest. Beim Herausgehen ist rechts kein Anschluß vorhanden. Die englischen Linien sind dort
jetzt mit uns auf gleicher Höhe. Ein Zug der MG.-Kompanie sichert unsere rechte Flanke, bis das vierzehnte Regiment
diese Stellung genommen hat. Allgemeine Richtung: die Straße nach Villers-Bretonneux. Noch vor Tag, also gegen 5
Uhr morgens, rücken Sie mit dem zweiten Zug in die erste Linie vor." "Jawohl, Herr Oberleutnant! Und wann beginnt
der Angriff?" "Um 7 Uhr, Punkt 7 Uhr!"
Fröstelnd stehe ich in meinem nassen Mantel dabei und frage nach kurzem Schweigen: "Wäre es nicht besser, wir
gingen in der Dunkelheit noch heraus und würden uns ein paar hundert Meter weiter vorne bereitlegen hinter den
Misthaufen? Wenn unser Vorbereitungsfeuer drüben noch ein MG. verschont, dann wird der Weg über das Vorfeld
teuer." Der Oberleutnant, der immer schon an uns vorbei ins Leere schaute, meinte müde: "Lassen Sie nur! Übrigens
haben wir morgen nur eine kurze Feuervorbereitung; die Munition ist knapp, aber wenn die Tommys im Laufen sind,
brauchen wir keine Artillerie nichr. Die Besprechung ist zu Ende."
Wir gingen auseinander. "Das ist eine ganz faule Geschichte", koppte der Martl. "Ich weiß schon, die ganze schwere
Artillerie haben sie längst woanders hingeschoben. Blind hinrennen müssen wir - wie die Russen" "Überrumpelt
müßten sie werden drüben. So nah hinkriechen im Dunkeln als nur möglich; dann einbrechen und aufrollen. Machen
wir doch den Vorschlag." Der Feldwebel, dem wir unsere Befürchtungen vorgetragen, schüttelt den Kopf und sagt: "Bei
einem so allgemeinen Angriff wankt die ganze Linie drüben; es ist ja mehr eine Verfolgung morgen." "Wer's glaubt!"
zweifelt der Martl noch, aber wir sind einigermaßen getröstet.
*
Es regnet die ganze Nacht. Die Zeltbahyl, in die wir unser MG. gehüllt hatten, konnte man auswinden, so hatte sie sich
voll Wasser gesaugt. Bis über die Knöchel Plätscherten wir in unseren Löchern und schliefen, im Wasser stehend, bis
auf die Haut durchnäßt. Bleischwer und eiskalt hingen Mantel und Rock an uns. Oben sanken unsere Patronenkästen
vom Eigengewicht in dem Dreck völlig ein. Fluchend und zähneknirschend sahen wir dem neuen Tag entgegen.
Über der Front lag eine unheimliche, schwarze Ruhe. Nur hinter uns hörten wir im heulenden Wind manchmal das
Knarren unserer Fuhrkolonnen. Frierend und zähneklappernd machten wir uns fertig und wateten durch den Schlamm
des Ackers nach vorne, wo wir uns zu den anderen in die engen, schmierigen Löcher pferchten. Es datierte n cht mehr
lange, bis der Tag trübe zu grauen begann und das Wäldchen drüben sich aus dem Regenschleier hob.
Um 6 Uhr sind wir schon längst fertig, haben die Tornister umgehängt und die patschnassen Mäntel unter die Klappe
des Affen geschnallt. Der Hans ist in unserern Loch mit ein paar Leuten des Stoßtrupps, dem Kare, dem Litzel, dem
Kürzinger, dem Schober. Der Heiner ruft von nebenan herüber: "Reoenschliine fassen, ineine Herren, Sonnenschirme
einliefern!" und grinst unter dem triefenden Stahlhelm hervor. Keiner antwortet ihm. Alle sind so seltsan, bedrückt und
fiebern leise, das Gewehr zwischen den Knie, haltend. Lähmende Stille liegt über der Front. Halb 7 Uhr ist es schon und
heller Tag. Was ist denn mit der Feuervorbereitung? Dampf und Gas brauchten wir, daß wir im Dunst des Feuers die
Engländer überrumpeln könnten. Wenn wir uns wenigstens schon draußen, knapp vor dem Wäldchen, bereitgelegt
hätten, die Misthaufen hätten uns so schön gedeckt.
Da - endlich beginnt das Rollen unseres Artilleriefeuers. Rechts hängt es noch weit zurück. Herzlich dünn ist das Feuer,
aber es wird schon noch werden. Hinter uns fangen auch ein paar Geschütze das Bellen an. Man sieht sie mit dem
Gewimmel der Bedienung frei auf der Bodenwelle hinter uns stehen. Ganze vier Feldhasen - o weh! Sie schießen mit
Eifer über uns weg und tasten drüben das Wäldchen ab und diese rätselhafte spanische Wand. Und dann rauschen noch
die Steilbahnen der Haubitzen dazwischen und holzen da drüben ein wenig aus. Wenn erst noch unsere Schweren
dazukommen, gibt das ein ganz nettes Wirkungsfeuer, wenn auch nicht den zwanzigsten Teil so mächtig wie am 21.
März. Zeit wäre es, daß sie mit einsetzten, denn das Feuer der Feldhasen wird schon zögernder und dünner. Noch
fünfzehn Minuten bis 7 Uhr.
Da lebt mit einem Schlage das Feuer wieder auf. Aha, jetzt kommt erst die Hauptsache. Doch - sind das nicht wir? Ist
das wirklich - der Engländer? Wirklich! Weiße und schwarze Rauchsäulen spritzen schlagartig aus dein Boden und
werfen Dreck über uns. Sss-ssiiu-ssiu-fftt! zischt es durcheinander und zerkracht schwer wuchtend. Besonders die von
uns verlassene zweite Linie wird mit strudelndem Wirbel zugedeckt. MG.s peitschen unsere Aufwürfe mit rasendem
Schloßenschauer. ich starre in schreckgeöffnete, gläserne Augen. "Da sollen wir angreifen? Wi müssen ja froh sein,
wenn die drüben uns nichts tun!" schreit mich der Hans entsetzt an. "Wir gehen nicht 'raus, es ist ja Wahnsinn", meint
der Litzel, "da sind wir alle hin!" "Wie die Russen werden wir da hineingetrieben, wie die Muschiks, direkt in die
Maschinengewehre." Drüben steigen rote Sterne über den Wipfeln des Wäldchens, und von Zeit zu Zeit streicht die
Sense der MG.-Garben knallend über uns hinweg. Die Kette der englischen Schrapnelle wirft sich auf unsere Linie. Der
Kürzinger schreit und greift nach seiner Schulter, wo ihm ein Splitter den Tornisterriemen und die Achselklappe
aufgerissen hat. Ich sehe auf die Uhr - jetzt ist es genau 7 Uhr! Mit 50 m Abstan ...
"Erste Welle - marsch!" schreit es durch die Stellung. Und mit einem Schlag steht die Schützenlinie oben. Ein paar
Schritte voraus der Kompanieführer und der Feldwebel, der, sich halb umwendend, mit dem Arm zum Feinde zeigt. Ich
bin plötzlich allein in dem Schützenloch und schreie: "Zweite Welle fertigmachen!" und stemme den Fuß ein zum
Herausspringen. Da fällt draußen der Schober hintenüber und schreit auf. Ein Hagelwetter von Blei prasselt und knallt
und peitscht urplötzlich ringsum, daß der Dreck aufspritzt wie die Blasen eines Platzregens. Taumelnde, stürzende,
durcheinanderfallende Gestalten draußen - kaum zehn, zwanzig Schritte weg. Schreien und Jammern - und unaufhörlich
das Prasseln und Knattern des Bleihagels, durch den immer noch einzelne vorspringen, sich hinwerfen oder plötzlich
zur Seite tanzen, kraftlos einknicken und die Arme aufwerfen. Natürlich, so hat es ja kommen müssen.
Da draußen liegen zwei Drittel der Kompanie im ersten Ansprung zusammenkartätscht. In einer Minute.
Und weit und breit sind wir allein, wo sind denn die anderen Regimenter, wo bleibt denn der Generalangriff, wo denn?
Uns so hinzuhetzen, so ein Wahnsinn, ein furchtbarer! Ach, jetzt sehe ich sie kommen, ganz weit hinten noch
schwärmen die Linien daher - und da links drüben brechen sie eben aus Mareeleave vor. Jetzt springt auch unser linkes
Bataillon heraus, am Bahndamm drüben - und fällt kaum nach zwanzig Schritten durcheinander - wie unsere Kompanie
-genau so im konzentrischen Feuer der englischen MG.s. "Es sind nur schwache Postierungen drüben." Gerade
hinauslachen könnte man.
Was tun? Es muß etwas geschehen! Wenn wir wenigstens schießen könnten! Aber draußen liegen die eigenen Leute im
Schußfeld. Und immer noch wettert herausfordernd frech dieser Bleischauer in den Dreck.
"Wo ist unser MG.?" brülle ich, Der Heiner winkt, ihm steht es. Jetzt ist's schon Wurscht. Auf! Und in ein paar Sätzen
hin ich drüben bei ihm. Und nicht getroffen worden? Das macht mich froh und verwegen. " Tornister her - drei
aufeinander - überhöhte Feuerstellung!" Sie begreifen mich, heben mich auf und bauen unter meine Füße ihre Tornister
während ich oben eine Gewehrauflage aus Tornistern richte. "Patronen her!" So! Wo stecken die Hunde? Am besten
nehme ich den Waldrand aufs Korn. Na, wartet nurl"Fertig?""Fertig!" echot der Heiner neben mir. Der erste Feuerstoß
rattert.
Verwundert schauen vorne ein paar um - und da winkt ja unser Feldwebel, der freut sich, daß wir anfangen. Nebenan
sehe ich im Visieren einen, der jetzt auch ein MG. vorne in Tätigkeit bringt - und da - da - nach den ersten Schüssen
fliegt es zerhackt zur Seite, und der Schütze rührt sich nicht mehr. Aber jetzt habe ich sie erkannt. Dumpf klatschen
Schläge in meine Tornisterbrustwehr, und sengend heiß haut es an meinen Ohren vorbei. Doch wütend beiße ich die
Zähne zusammen und ziehe durch. Drüben am Waldrand spritzt der Dreck auf, dort, wö vorher im Regendunst ein
feines blaues Wölkchen aufstieg. Wenn das nicht sitzt! Langsam rücke ich mit der spritzenden Garbe meines Gewehres
am Waldrand auf und ab. Den zweiten Kasten her! "Fein, jetzt halten sie das Maul" ' sagt der Heiner anerkennend, der
genau verfolgt hat, was ich machte. Noch einmal klopfe ich systematisch den Waldrand drüben ab. Merkwürdig, sie
scheinen drüben nicht mehr So viel Mut zu haben wie vorher. Noch einen Kasten her! Vorne winkt der Feldwebel im
Liegen und deutet nach vorne auf die Wand. Daher sprudelt noch das Feuer einiger MG.s hinüber in den Abschnitt des
Nachbarregiments. Freilich, da sind unsere Linien schon im Absteigen über den Hang begriffen und näher gekommen.
Da werde ich einmal etwas Luft machen. Vorsicht aber, denn vorne liegen Leute von uns im Strich, tote oder lebende ganz gleich - aufpassen! Fertig? Los! Ich habe den unteren Rand der komischen Wand da drüben fein im Strich der
Garbe und fege daran entlang. Und da - da ist ein ausgefranstes Loch, ganz unten, man sieht es nur, aus meiner
Überhöhung, da rührt sich was. Drauf! Ratatatatatat. Und jetzt rührt sich nichts mehr. Die langen, diese Hunde!
Und jetzt, jetzt! "Da schaut, wie sie jetzt ausreißen! Schützenfeuer, Leute, Schützenfeuer!" Fieberhaft lade ich einen
neuen Kasten durch. "Sie gehen zurück; schießt doch, schießt!" brülle ich nach allen Seiten und haue hinüber in die
gelben Linien da drüben, Sehr schwache Postierungen sind das, das muß ich sagen. Rudel um Rudel geht da zurück.
"Ratatatatat" - wie sie da auseinanderspritzerl und purzeln! "Visier 400! 'raus, was 'rausgeht!" Wenn nur mein MG.
rascher schießen würde! So langsam geht es heute, so schwer. "Federspannung anziehen!" brülle ich dem Heiner zu. So
schön kriegen wir sie nicht mehr zu fassen, in solchen Haufen. Da am Waldeck stehen sie unter den Bäumen in dicken
Schwärmen und schießen noch auf unsere vorgehenden Vierzehner. Wartet - so - jetzt Tommys - ratatatatat - tat - tat tat -- -. Was ist denn? Hemmung? Kasten auf, Schloß heraus - ein Versager - aha! Wenn ich nur nicht so dreckige
Pfoten hätte! Rasch, rasch - durchladen! Jetzt geht es wieder - sie haben den Wald schon verlassen ratatatatatatat - - Das macht Beine! Schon wieder Hemmung? Durchladen - geht schon wieder! Aber verflucht langsam - stockend.
Hemmung! "Ja, Kreuzteufelskasten, was hast d' denn?" flucht der Heiner. Nachschauen, Deckel auf! Du liebe Zeit, das
Schloß voll Dreck und Pulverschleim und die Gleitvorrichtung voll Sand, der immer mehr wird, weil der ströroende
Regen von meinen erdtrielenden Ärmeln und Händen bei jeder Bewegung neuen Dreck hineinwäscht. Und Lauf zurück
auch noch, das Wasser verdampft. "Laufwechsel! Reserveschloß her!"
Eine kostbare Minute geht drauf, aber dann läuft der Mechanismus wieder. Doch nicht lange - Hemmung! Drüben
machen die Tommys einen ungestörten Spaziergang und nehmen sogar schön pomadig ihre Verwundeten auf und mit
zurück. Ich brülle vor ohnmächtiger Wut. "Ja, gibt's denn das auch - gibt's das auch!" Heute ist uns schon gar nichts
vergönnt als Pech um Pech. Durchladen! Ja, willst du heruntergehen, du Hund von einem Schloßhebel! So - Abziehen tak - - -. Nochmals durchladen! Herrgott, geht das hart! Tak Was fehlt denn? Kasten auf! alles in Ordnung, aber die
Patronen gehen nicht mehr aus den längst durchnäßten Gurten heraus, so fest umspannt das gequollene Papiergewebe
der Gurte die Hülsen, unglaublich fest. Alles hat sich heute gegen uns verschworen, und der Himmel ist zum Feind als
Bundesgenosse getreten und hat unsere Waffen gebannt.
Wütende, enttäuschte Gesichter überall. Der Xari schlägt voller Wut ein Gewehr in Trümmer, weil's nimmer gehen
mag, das Luder, sagt er. "Aber da schaut nur, Leut', schaut nur, rechts feindliche Schützen; schießts doch, die
wunderbare Flankierung, schießts doch!" Sie suchen nach neuen Gewehren bei den Gefallenen und Verwundeten.
Ärmliches Feuer schlägt unter die rechts vo~ uns in hellen Haufen zurückweichenden Engländer. Solche gelben Massen
haben wir im ganzen Krieg noch nicht gesehen. Ich habe ein Gewehr genommen und lege im fiebernden Eifer einen
Gelben nach dem andern um, so ein gutes Dutzend allein. Nebenan stehen ja zwei schwere MG.s von uns. Warum
schießen die denn nicht? Fluchend und weinend vor Wut murksen dort ein paar Schützen an den Kästen herum.
Vielleicht können wir da noch etwas ausrichten. Herrgott, die zwei MG.s wenn flankierend schießen würden, kein
Schuß ging ins Leere.
"Was fehlt denn?" frage ich im Hinspringen. "Da! da! Ich derschieß' mich noch, ich derschieß' mich noch!" schrie mich
der Korporal wie ein Verrückter an und schlug weinend den Kastendeckel auf und zu. Das tat weh. Tröstend sagte ich:
"Du kannst ja nichts dafür vor lauter Dreck und Regen." "Meine schönen Gewehre! Und so viele Tommys - schau nur,
schau! Aber ich mag jetzt nimmer, ich stelle mich so lange oben hin, bis mich eine trifft." Stehend freihändig hielt ich
hinüber. Nach einigen Schüssen brachte ich vor Dreck das Schloß des Gewehres beim Laden nicht mehr zu. Nicht
einmal laden kann ich mehr. Ich riß mir die Hand blutig, dann warf ich das Gewehr wütend weg.
Die Vierzehner sind fast auf 100 m endlich an unserer Stellung heran. Der Hang und die Mulde liegen voll gefallener
und verwundeter Engländer. Keine Granate, nicht ein Schrapnell fährt in die weichenden Linien. Hinter uns stehen die
Geschütze mit leeren Rohren, und die Bedienung hat Muße, das Schlachtfeld zu überblicken. Kein Kommando kommt
aus unserer Linie. Bei unserer Kopipanie habe eigentlich ich jetzt das Kommando, es ist so nur die zweite Welle noch
da - alles andere ist ja - - ach Gott!
Da sitzt in einem Loch der Korporal Sedlmaier und hält seinen Arm, der von ein paar Schüssen durchlöchert ist. "Eine
gute Latte such' ich" rede ich ihn an, "weißt keine?" "Da nimm die meine, das ist ein prima Stutzerl - ich brauch' s' ja
nimmer." "Kimm gut hoam, Sedlmaierl" Er reichte mir seine andere Hand und lächelte: "Viel Glück, viel Glück; dir
passiert ja nix." Das war das meiste, was wir zwei je miteinander geredet haben. ich nahm seinen blutbespritzten
Patronengurt und rannte dann an der Linie entlang. "Zweite Welle - marsch! Zweite Welle - marsch!" "Sollen wir mit?"
fragte der MG.-Korporal. "Wir haben nichts, nicht einmal Schneeballen werfen können wir." "Setzt eure Gewehre
instand und kommt dann nach!" Sie breiteten ihre Mäntel aus und begannen die zerlegten Teile darauf zu reinigen.
Eine dünne, zerflatterte Linie kämpfte sich durch den aufgeweichten Acker, dessen Dreck sich wie Pechkuchen an die
Schuhsohlen hängte. ich zähle flüchtig durch, kaum vierzig Männlein sind es noch, und vor einer halben Stunde waren
wir an die hundertfünfzig. Da müssen doch noch mehr dasein. Freilich, da sitzt ja der ganze Graben noch voll. Diese
Drückeberger! "Was ist denn mit euch, wollt ihr 'raus!" brülle ich sie heiser an. Unser Sanitätssehnapser hob den Kopf
vom Verbinden und sah mich mitleidig an: "Was willst denn, narrischer Gockel, das sind doch lauter Verwundete!"
Hängenden Kopfes renne ich den anderen nach. In den klebenden Schollen des Ackers liegen sie ja, der Litzel, der
Schober, der Lederer, der Bauer I, der Berliner - der rührt sich noch. Und da liegt ja auch der Michl, unser Sanitäter, der
so vielen geholfen hat heute, bis es ihn doch erwischt hat am Bein unten. Er winkt mir ab, wie ich hin will, und lächelt:
"Geht schon allein; jetzt schaut nur, daß sie im Rennen bleiben, Servus, pfüad di Godl" Hier und da steht von der ersten
Welle noch einer auf und schließt sich an. Links von uns gehen die Neunte und die Elfte mit vor. Und da stehen ja unser
Kompanieführer und unser Feldwebel noch auf, wie wir ankommen und gehen weiter; der Haus, der Kürzinger und der
Neißwirt sind bei ihnen. Sie sind schon an der Straße und gehen rasch darauf weiter. Anfangs sind noch Kugeln an uns
vorbeigepfiffen, aber jetzt weichen sie überall zurück.in breiter Front. Wenn wir nur ein MG. hätten - ein einziges nur!
"Heiner und Schmied-Martli Zurück zum MGO., ein Reservegewehr holen und trockene Patronen! Der MG.-Korporal
soll ein paar Mann mitschicken, los!" "ja, wo ist denn der MGO.?" "Sucht ihn halt!" '"Schick andere, wir brauchen
keinen Druck!" "Schwingts euch, seids doch g'scheit, ohne MG. ist's nichts!"
Da sah ich, wie die rechts vor den Vierzehnern zurückgehenden Engländer MG.-Nester zurückließen. Kaum 200 in weg
in der Flanke lagen ein paar Tommys hinter einem Lewisgewehr, das sie zu uns her schwenkten. "Stellung!" Aber
schon zwingt die Garbe auch ohne Kommando unsere Linie zu Boden. Hinter dem englischen MG. steht einer und
deutet zu uns herüber, da schlägt er aber schon in meinem Schuß hintenüber. Die anderen Tommys wollen ausreißen,
bleiben aber in einer Garbe aus unseren Gewehren liegen.
Links sind schon meine Leute in das Wäldchen eingedrungen. Unter zerfetztem Gezweige ist ein regelrechter Graben'
und hier sehen wir die ersten toten Feinde aus der Nähe. Drei schwere, englische MG.s werden erbeutet, die Bedienung
liegt tot daneben. Es sind englische Kolonialtruppen, ganz neu gekleidet. Im Nu sind die Gräben nach Beute abgesucht,
das geht im Darüberhinsteigen. Tief ist das Wäldchen nicht, wir sind bald hindurchgestoßen und kommen in ein
Rübenfeld. Jetzt im Frühjahr ein Rübenfeld! Und rechts sind wir nun auch an diese rätselhafte Wand herangekommen,
eine 3 in hohe Schilfrohrmatte und dahinter - ein französischer Soldatenfriedhof mit hölzernen Kreuzen über den
Hügelreihen. Tote Engländer liegen zwischen den Gräbern, und ein MG. mit zerlöchertem Mantel steht auf einem
hochgestellten Dreibockstativ. "Unsre Arbeit!" lacht der Xari. Gleich hinter der Schilfrohrmatte ist ein tiefer, frisch
ausgestochener Graben, sogar ein brettergedeckter Unterstand,ist darinnen. Da finden wir zwischen Toten nagelneue
Kisten voll Fleischbüchsen, Milch, Marmelade, Sardinen, Schokolade, Keks, Stanniolpäckchen mit Tabak,
Blechschachteln voll Zigaretten und ganze Packen reinwollener Socken. Los, austeilen, einschieben, Taschen und
Brotbeutel vollmachen! Die Vierzehner haben uns inzwischen aufgeholt und greifen mit zu. In zwei Minuten ist alles
vorüber, und weiter geht's. Gegenseitig schnallen sie sich im Laufen die gefüllten Sandsäcke auf den Tornister. Ich habe
in dem Unterstand eine Taschenlampe gefunden und ein weißes Bündel, in dem eine Flasche "Old Portwine" und ein
gebackenes Hendl steckt, das noch etwas warm ist. Ein silbernes Besteck ist auch dabei und zwei weiße Kipfel. Der
Xari hängt das weiße Bündel an meinen Tornister, die zwei Kipfel essen wir gleich unterm Laufen.
Im Vorgehen hat sich uns eine Gruppe von den Vierzehnern angeschlossen. Dieser elende Ackerboden hängt sich wie
Blei an die Füße. Der Kompanieführer und der Feldwebel gehen immer noch mit ihrer Begleitung gut 100 m voraus,
schön bequem auf der festen Straße; da können wir sie freilich nicht einholen, wenn auch der Schweiß nur so strömt
trotz des kalten Regens. Die Engländer sind wohl schon über den Kamm der breiten Bodenwelle, die vor uns ansteigt,
hinweggeschritten, weil man sie nicht mehr sieht. Nur einzelne Tote liegen regungslos in den Furchen der Äcker, und
dort, dort windet sich ein Verwundeter neben der Straße und schaut mich flehend an mit seinem glattrasierten Gesicht.
Vor Villers-Bretonneux hebt sich eine Reihe großer Fliegerhallen, und davor sieht man weitmächtige Linien der
Engländer zurückgehen. Immer noch hängt der Abschnitt unseres Regiments stark vor der allgemeinen Front. Die
Artillerie hinter uns hat anscheinend wieder ein paar Granaten bekommen und fetzt damit drauflos auf Ziele, die uns
nicht sichtbar sind. Über den Hang in unserem Rücken zerrt ein Häuflein an Minenwerfern mit Stricken und Gurten, die
im Dreck versunken sind. Und bei den Vierzehnern drüben schieben gerade drei schwere MG.s in die Schwarmlinie ein.
Überall geht es voran in breit gedehnter Mächtigkeit. Wenn wir jetzt Tanks hätten, ginge es so dahin bis in die
einbrechende Dämmerung. Ja, Tanks! Um 7 Uhr heute hätten wir sie brauchen können zum Erledigen der elenden
MG.s. Dann wären wir noch an die hundertfünfzig statt nur vierzig Mann stark.
Hallo! Wo biegt denn die Spitze vorne hin? Und dort drüben am Hang - das ist doch eine MG.-Gruppe der Tommys?
Jetzt erkenne ich auch eine dicke Schützenlinie an den erdbraunen, flachen Stahlhelmen. Sie sind 300 m vielleicht
entfernt. Daß die da vorne sie noch nicht entdeckt haben? "Vorsicht, Vorsicht, da vorne - Stellung!" brülle ich durch die
Hände. Aber sie hören mich anscheinend nicht. Um Gottes willen, die Tommys schwenken das MG. nach dem
Spitzentrupp herüber. Im Stehen reiße ich das Gewehr an die Wange, da kniet einer in dem Haufen, der deutet herüber.
Nur ruhig - Kimme - Korn - Tommy! Im Rauch meines Schusses fällt er hintenüber. Aber da schnattert die Büchse
drüben schon los, unsere Spitze flattert auseinander, stürzt und überschlägt sich auf der Straße, ganze zwei kriechen
blitzschnell hinter einen Misthaufen, die anderen rühren sich nicht mehr. Im Stehen schieße ich in den Haufen der
gedrängten Stahlhelme hinüber, schon umzwitschert vom Rudel der Bleigeschosse, und merke, wie bei uns alle sich
hastig vorwerfen. "Stellung!" schreie ich und haue mich hinter den handhohen Rand des Ackers an der erreichten
Straße, der Xari- neben mir. Von den Vierzehnern wollen geschwind noch zwei bis an die Straße. Im Hinwerfen noch
höre ich einen hohlen Schlag und einen matten Seufzer - da fällt der eine um wie ein Holzklotz. Der andere schlägt
lautlos daneben und dreht sich langsam verzuckend zur Seite.
Herrgott, das striegelt nur so! Den Kopf ganz tief an den Boden gepreßt, fühle ich, wie an meinem Tornister dumpfe
Stöße zerren. Peik, peik - peik - peik - pank - pank - peik. Saugend eng presse ich mich in den nachgebenden, weichen
Erdbrei und merke froh, daß ich schon durch das Eigengewicht meines Körpers im Boden einsinke. Und das Peitschen
in der Luft über mir hört nicht auf. Meinen Stahlhelm habe ich abgestreift und zur Seite KoIlern lassen, vorsichtig, ohne
meine Lage zu ändern, denn ein leichtes Kopf heben bedeutet sicheren Tod. Nur Deckung, Deckung! Es gelingt mir
noch, meinen Tornister auszuhängen und vor mir auf den mit feinem jungem Gras bewachsenen Straßenrand zu werfen.
Gott sei Dank, der bietet Deckung, da geht kein Schuß hindurch, so gut ist der gepackt, und der Mantel macht ihn so
dick, daß ich mich wieder etwas aufheben und am Tornister vorbei zum Feind blicken kann.
Da läßt auch das Feuer endlich nach. Der Xari liegt steil zwei Schritte neben mir, daß ich schon fürchte, es hat ihn
getroffen, doch hebt er auf meinen Anruf den Kopf, wirft seinen Tornister vor und beginnt mit dem kleinen Spaten sich
eifrig einzugraben. Wir rücken zusammen und schauen einander an. "Bluatsakra, das ist schon ein bissel stark!"
schnauft er mir ins Gesicht. "Und so ein Hundsdreck! Aber das Waschen will nit aufhören heut, der muß uns elend dick
haben, der Petrus droben. Schieß du, ich grabe dich ein derweil."
Während ich die Deckel der Tommys drüben der Reihe nach auf das Korn nahm, wühlte der Xari unter meinem Bauch
die Erde weg, daß ich bald gut in Deckung versank. Jetzt sah ich auch, warum ich vorhin so erlesen genau befunkt
worden bin. Das weiße Bündel am Tornister hat natürlich alle Läufe drüben besonders gut angezogen. Wütend reiße ich
es weg und schleudere den Inhalt zur Seite. Es ist so alles schier zerhackt und das Backhendl schon von den englischen
Kugeln tranchiert, aber die Flasche ist noch ganz. Die fischt der Xari aus dem Dreck und stopft sie in meinen Brotbeutel
mit der Mahnung: "Nachher bist froh drum." Dabei verriß er mir ein prachtvolles Ziel, einen aufspringenden Engländer,
der drüben die Linie entlanglief.
Wie ich einen neuen Rahmen in den Kastenboden drückte, brachte ich das Schloß nicht mehr zu. Wütend schlug ich mit
der Faust den Kammerstengel herunter und visierte hinüber. Da lag ein MG. in der Linie, drei solche Deckel
nebeneinander, die warteten wohl auf neue Ziele. Nach den ersten Schüssen rührte sich keiner mehr, aber doppelt
genäht hält besser, also noch einmal durchschießen der Reihe nach. Verflucht, das Schloß geht nimmer zu! Kein
Wunder auch, bei jeder Ladebewegung wäscht der Regen von meinem im Dreck gewälzten Ärmel einen Löffel voll
Erde ins Gehäuse. Und jede Patrone, die ich mit meinen Drechpfoten anfasse, geht nicht mehr in den Lauf. Da nehme
ich dem Xari sein Gewehr zum Schießen, er soll das meinige einstweilen reinigen mit unseren Taschentüchern.
So treiben wir es eine Zeitlang. Zehn Schuß, wenn es gut geht, dann wieder reinigen. Der Xari reißt mein letztes Hemd
aus dem Tornister und packt mir sein vom Reinigen beschmutztes dafür ein. Ein Hemd ist kostbar. Zuletzt muß er
unsere Beutesocken hernehmen, sind zusammen zehn Paare, die können wir ja wieder waschen. Und wie dieser
Saubetrieb an Materialmangel eingestellt werden muß und meine Patronen ausgehen, krieche ich zu den toten
Vierzehnern hinüber und nehme deren Gewehre aus den verkrampften Fäusten, reiße ihre Tornister auf und wische mir
mit einer Unterhose einmal das dreckverspritzte Gesicht und die schmutztriefenden Hände ab. Bis ich auf meinen Platz
krieche, bin ich aber wieder genau so dreckig wie vorher. Verfluchter Regen und Dreck!
Eine gute Stunde mag darüber vergangen sein. In heftigem Feuerkampf liegen sich die Fronten gegenüber. Vom
Bahndamm her saust zeitweise ein Höllenfeuer in unsere Flanke, daß wir Erde dagegen aufwerfen. Drüberhalb der
Straße liegen unsere Leute verstreut im Rübenacher und rühren sich nicht mehr. Einzelne sehe ich zurückkriechen in die
Deckung eines verfallenen, alten Grabenstückes. Am Bahndamm steht schon halb zerschossen ein
Bahnwärterhäuschen, da sitzen sie natürlich drinnen und lassen keinen vorkommen. Armselig und spärlich bricht das
Feuer aus unserer Linie. Meine Leute sitzen in einzelnen Trichtern, gut 30 m rückwärts. Da und dort liegt einer, den ich
von hier aus nicht kenne, regungslos zwischen den Schollen des Ackers. Hoffnungsleer und einsam liegen wir beide da
vorne. Drüben sind die englischen Deckel meist verschwunden, und die noch sichtbar sind, die brauchen keine Deckung
mehr. Frische Kräfte sind jetzt nötig, die Reserven müßten einschieben. Aber da wird wohl heute nichts mehr daraus.
*
Um die Fliegerhallen bei Villers-Bretonneux brandet ein wahnsinniges Feuer. Da hat sich auch die Artillerie recht
heftig eingemischt, vor allem die englische. Und da - da weichen doch unsere Linien wieder zurück - und jetzt sieht
man bei den Hallen die Massen der Tommys vorbrechen. Ein Gegenstoß - ein wuchtiger noch dazu. Die ganze Front
heran schwillt das Feuer der Infanterie mit einem Male an, und die wankende Linie wird immer größer. Warum gehen
denn die da drüben zurück, warum denn? Jetzt tobt auch links drüben ein kochender Brodern los und wälzt sich heran
wie eine prasselnde, donnernde Woge. und mit einem Male stürzen aus den tiefhängenden Wolken englische Flieger
herab, brausen unsere Linie entlang, und - - Obacht, Bomben! Schwarze Sprengkegel tanzen im Acker, und heulende
Splitterschwärme folgen den reißend brechenden Donnern. Draußen, vor uns, ist bisher auf der Straße ein toter
Engländer gelegen, der alle viere von sich gestreckt hatte, dem hat das Bein mit dem gelben neuen Stiefel gehört, das
plötzlich neben uns in den Dreck klatscht; er selber muß direkt verduftet sein, weil ich ihn nicht mehr sehe.
Mit einem fauchenden Satz ist ein Rudel Granaten auf unsere Gegend herniedergefahren und umbrüllt uns mit Feuer
und pechschwarzem Rauch, daß uns der Luftdruck mit hartem Schlag noch tiefer in die aufgeweichte Erde drückt. Das
auch noch. "Die Artillerie ist nur schwach", fällt mir ein im Sausen und Pfeifen, Krachen und Johlen, das plötzlich über
uns herniederstürzt, Erde urnwirbelt und plötzlich zu wandern beginnt. Oho! Sollte das ein - - Angriff sein?
"Der Tommy, der Tommy!" Über dem Bahndamm ist blitzschnell eine dichte englische Linie aufgetaucht, und da vor
uns - "geradeaus Schützen, Visier 600". Wenn nur das Gewehr jetzt nicht versagt! Drüben ist über den Kamm der
Bodenwelle eine breite Schützenlinie herübergekommen und läuft auf uns zu. Und mit höhnischer Gier rattern
unzählige MG.s von drüben herüber und peitschen den Dreck spritzend auf. Gedankenschnell habe ich mich hinter den
grasigen Rand der Straße geduckt und sehe die abgemähten kurzen Halme seitwärts in die braunen Drecklachen fallen.
Herrgott, rasiert dasl Keinen Millimeter rühren. Da geht die Sense vorüber - kommt schrill klirrend wieder - und geht
endlich weg. Das Gras des Straßenrandes ist fabelhaft schön umgemäht wie von einer Sichel, stelle ich mit einem
bleiernen Knödel im Bauch fest.
Deutlich zum Abzählen steht drüben die erste Welle, eine zweite steigt oben gerade über den Kamm. Und Schuß um
Schuß bricht aus meinem Lauf in die springenden Gestalten hinein. Hoppla, der liegt! Der nächste auch! Und dieser
ganz frech vorausspringende, wohl ein Führer, warte einmal - sooo, mein Lieber. Eine kleine Revanche. So, der
nächste, bitte. Ich rede das halblaut vor mich hin. Da links drüben schnattert ein MG. von uns in einem Trumm, nur wir
haben keins. Wie hart das Gewehr schon wieder geht! Der Xari flucht schon wieder und haut an seinem Kammerstengel
mit dem Seitengewehr herum. er bringt das Schloß nicht mehr auf. "Da schau, da schau - halbrechts", schreit er. Was
denn? Was ist das? Autos auf der Straße von Villers-Bretonneux? So unverschämt nah. Wenn unsere Artillerie was
taugen will, dann muß sie jetzt in diese Massen hineinbauen, daß alles Brei wird. Hahaha! Unsere Artillerie, daß ich
nicht lache. Die steht bei ihren Geschützen und schaut zu, wie die Tommys absteigen..., ausschwärmen und die Autos
umwenden. Keine Granaten! Was brauchen wir Granaten zu einer Offensive, es gibt ja genug Infanterie. Verrückt
möchte man werden, überschnappen!
Unsere Gewehre gehen nicht mehr. Der Regen zischt auf dem heißen Lauf, und das Waäs am Schaft brotzelt vor Hitze.
Das Schloß ist vom Dreck verkleistert. Mir tropfen die hilflosen, matten Hände braun auf dem lehmverschmierten
Schießprügel. Drüben werfen sie sich einzeln vor und kommen immer näher. Da rechts von uns werden sie bald an der
Straße sein. In zehn Minuten werden sie uns überflügelt haben. Wer weiß, vielleicht liegen wir im selbstgeschaufelten
Grab. Und da droben am Kamm, unglaublich frech ist das, reiten welche heran - englische Kavallerie sitzt ab und
schwärmt aus, ein paar führen die Pferde zurück. Ein Schrapnell wenigstens, ein einziges, in dieses Gewimmel vor uns.
Ach, wenn wir nur ein einziges MG. hätten, auf ein paar Minuten nur!
"Xari, wir müssen zurück!" rufe ich heiser meinem Kameraden zu. "Probieren wir's halt!" gibt er resigniert zurück und
fügt noch bei: "Weit kommen wir doch nicht." Im Liegen werfe ich den Tornister über und ducke mich zum Sprung.
Mein Herz schlägt quälend zum Hals herauf. Mit einem Satz bin ich hoch und beginne in wahnsinnigen Sprüngen durch
den zähen Dreck zu hüpfen, jeden Augenblick den sicheren Fangschuß erwartend. Peitschend knallt es in den
spritzenden Acker. Da - ein Schlag an meinen Fuß, ich breche zusammen,
Natürlich, es ist ja undenkbar, noch zu entkommen. Wo es mich wohl erwischt hat? Ich taste keuchend nach nie'nein
Fuß und fühle, daß dem Stiefel der Absatz fehlt. Die Zehen kann ich auch noch rühren, sollte es wirklich nur meinen
Absatz getroffen haben? Aus den Trichtern hinten höre ich einen rufen in das Hämmern meiner fliegenden Pulse: Jetzt
hat es den Hans auch noch erwischt." Das macht mich im Nu lebendig, und unter den Rauchwolken einbauender
Granaten springe ich quicklebendig auf und setze nach ein paar verrückten Sprüngen in einen Trichter zwischen
lebende Erdklumpen, die meine anderen Kameraden sind. Nebenan ziehen sie gerade den Xari herein, der noch vor dem
Granatloch von zwei Streifschüssen am Oberschenkel getroffen wurde. Gott sei Dank, wenigstens wieder Kameraden
um mich herum.
"Weiß einer unseren Leutnant?" Keiner hat ihn gesehen. "Wir müssen trachten, rechts sind sie schon zurückgegangen."
Ich zaudere einen Augenblick und sehe zum Feind. Die gelben Gestalten sind schon fast bis an die Stelle
herangekommen, wo unsere gefallene Spitze liegt, kaum 100 m noch entfernt. "An den Friedhof zurück! Kriechen bis
an die Senkung, los, Leute!" Der Xari ist schon draußen und windet sich blutend durch den Dreck. Jetzt ist es schon
gleich, dreckiger können wir nimmer werden. Der einzige saubere Fleck an uns ist noch unter den Achseln.
Erschreckend zähle ich das kleine Häuflein, es sind noch sechzehn Mann. Fast ebensoviel liegen in den Furchen des
Ackers. Verschiedene Verwundete, höre ich, sollen schon zurückgegangen sein. Eine Gruppe muß links der Straße noch
liegen. Und hinter uns kommen drei Wellen Engländer nach, frisch eingesetzt mit sauberen Waffen.
Vor dem Friedhof ist ein seichter Wassergraben, der willkommene Deckung bietet. Schnell wird mit dem Spaten
nachgeholfen, und ein paar tote Engländer werden hinausgeworfen. Einige bewaffnen sich mit englischen Gewehren,
die herumliegen, und bald ist ein rasselndes Feuer im Gang. In einer Wasserlache wasche ich mein Gewehr rasch mit
einem Grasbüschel ab, und das hilft. Der Kare kriecht umher und knöpft unseren Toten die Patronentaschen los. Jetzt
sehe ich auch, woher die englischen Gewehre kommen. Hinter einem Grabhügel grinst der Heiner hervor und fragt:
"Magst auch einen englischen Prügel? die gehen besser." "Was ist's mit einem MG.?" "Nix ist's, keines da. Wir bringen
dafür das englische, das geht noch, der Martl schleift's schon daher." "Und Patronen dazu?" "Soviel der Herr wünscht."
"Her damit!" lache ich froh. Sind das zwei Zigeuner! Da schnauft schon der Schmied-Martl kriechend durch die
Grabhügel daher und zerrt ruckweise den Dreibock mit dem messingnen MG. nach. Der Kare und der Hermann bringen
die eigentümlich hohen Patronenkästen. "Ich hab' gemeint, ihr seid schon in Amiens - weißt, wie viele Tote wir heut
haben? - Achtundvierzig hat der Pflasterer schon beisammen", sprudelt der Schrnied-Martl hervor, ohne dabei seinen
kalten Zigarrenstumpen aus dem Mundwinkel zu nehmen. Er hat ein paar englische Wickelgamaschen ausgerollt und
schiniert aus einer Fettbüchse drauflos. "Halt einmal!" sagt er. "Was willst damit?" "Depp, den Mantel verbinden, daß
er's Wasser hält." "Heut hält das schon aus", meint er beim Verbinden der Löcher im Mantel. Der Lauf ist tadellos, sehe
ich. Da muß ich doch schmunzeln, ein verbundenes MG., alles von England geliefert. Es ist halt doch gut, daß wir
seinerzeit bei Cambrai und am letzten Vormarsch so oft mit englischen Waffen gespielt haben. Jetzt erst zu lernen, wie
so ein Ding geht, wäre zu spät. Durchgeladen - fertig! So, jetzt könnt ihr alle einmal zuschauen, wie das schnackelt.
An der vorhin verlassenen Straße liegt jetzt die englische Linie und versucht sich einzugraben, 300 m sind hinüber.
Diese dichte Linie der flachen Schüsseln fege ich in systematischem Breitenfeuer entlang. Ein Kompliment, meine
Herren, euer MG. geht fabelhaft. Keine einzige Hemmung trotz der schief und krumm im Gurt steckenden Patronen. Da
gäbe es bei uns hundert Hemmungen hintereinander, der englische Zuführer frißt die Patronen, wie sie daherkommen.
Und drüben ist die Wirkung vernichtend, einfach vernichtend. Die meisten der gelben Gestalten drüben haben
zuschanzen aufgehört, die brauchen keine Deckung mehr.
"Wasser nachfüllen! 01 her!" "Gelt, das ist besser als eine von unseren Büchsen, laß nur mich auch einmal hin!"
schmunzelt der Heiner. Er nimmt die zweite, noch weiter zurückliegende Linie der Engländer dran und hämmert in
kurzen Stößen nach einzelnen Nestern, die sich dort erkennen lassen. Und da kommt auch schon die Antwort, sie haben
uns drüben erkannt. Dem kleinen Löffler haut ein knallender Schlag durch den Stahlhelm, daß er steif wie ein Baum
sich halbschräg aufhebt und dann wieder zu Boden plumpst. Das kommt von halblinks, vom Bahndamm oder
Bahnwärterhaus. Mein Feldstecher ist zwar nur ein Lehrnbatzen, aber durch ein Auge kann ich noch sehen. Aha, da
sind sie ja! Deutlich sehe ich den pendelnden Arm eines MG.s aus einem mit Sandsäcken verbauten Fensterschlitz
ragen. Das muß aber auch von seiner erhöhten Lage aus unsere Linien wie auf einem Tischtuch liegen sehen. Wir
reißen die Dreifußlafette herum, und dann richte ich scharf ein und klemme das Gewehr fest. Im selben Augenblick
fährt klatschend eine neue Garbe unter uns, und der Schmied-Martl fällt auf mich her. "Hat's dich?" "Freilich!" stöhnt
er. "Wo denn?" "Da, an der Schulter." "Geh zum Heiner, der soll nachschauen. Ich hab' jetzt keine Zeit." "Den mußt dir
noch kaufen, Hansl." "Da kannst gleich drauf warten." Eine helle Wut kochte in mir. Jetzt geht es aufs Ganze, denke ich
mir und hebe den Kopf in den pfeifenden, knallenden Schwarm. Messerscharf visierend, ziehe ich den Bügel durch.
Drüben am Bahnwärterhaus hackt es roten Staub aus der Mauer, eine kleine Korrektur mit dem Handrad, jetzt muß das
Punktfeuer sitzen. Nur drauf und drauf. Das feindliche Feuer ist verstummt, ich höre aber nicht auf, bis der lange Gurt
verschossen ist und das Gewehr qualmend raucht. Dann schaue ich hinüber mit dem Glas und sehe die Wand des
Bahnwärterhauses von unzähligen Löchern angefressen, das MG. ist verschwunden.
"Kläff, kläff!" Aus dem Wäldchen links von uns fahren im Steilbogen leichte Minen, die senken sich hurtig auf den
Bahndamm - zu kurz! "Kläff, kläff" - aber jetzt! Wie die Dachziegel spritzen, die saßen! "Kläff, kläff." Noch besser.
Die sind schon durchgeschlagen. Aha, da taumeln ein paar Engländer heraus und springen seitwärts über den Damm.
Die nächsten drei schlagen schon Purzelbäume in meiner unbarmherzigen Garbe. Dann kommt keiner mehr. "Ich bin
fertig, jetzt kannst gehen, Martl." "Das ist Balsam auf meine Wunden", lächelt er mit einer Predigergeste. "Gehts nur
alle fort heute und laßts mich allein!" "Ich komme bald wieder, sind bloß zwei Fleischschüsse, schau, ich kann ja
meinen Arm heben. Soll ich was melden hinten?" Ja so, ich muß doch eine Meldung zurückschicken. Auf das
zerweichte Papier des Meldeblocks schreibe ich: ,Liegen am Westrand eines Friedhofes an der Straße nach VillersBretonneux. Verluste schwer. Vermutliche Kampfstärke noch fünfundzwanzig bis dreißig Mann. Waffen vor Dreck
unbrauchbar. Schickt Verstärkung mit frischen MG.s und Patronen! Artillerie-Unterstützung dringend nötig. Weiterer
An'griff unmöglich, soeben schweren Gegenstoß abgewehrt. 12.40 Uhr. Unteroffizier X." Dann kroch der SchmiedMartl nach hinten. "Ich schreib' euch schon", sagte er noch. Das war heute seine fünfte Verwundung. Mich wundert,
daß ich noch lebe heute.
Herzlich müde lasse ich mich in den Dreck des Grabens fallen. Einige schanzen. Drüben ist es still geworden, die Lust
zu weiteren Angriffen muß ihnen vergangen sein. Plötzlich springen draußen zwei Leute von uns auf und taumeln
gebückt näher. Der eine hält seinen Arm, und wie er so gegen den Horizont steht, kann ich für einen Augenblick durch
ein Loch in seinem Oberarm hindurchschauen. Das sind ja der Hans und der Kürzinger von der Spitze. Voll Blut und
Dreck fallen sie zu uns herein. "Ja, Hans, du?" "Ich bin's schon; da, schau meinen Arm an!" "Der is ja ab. So ein Loch!
Laß dich verbinden!" "Beinahe hätten sie uns noch g'schnappt." "Und die anderen?" "Der Feldwebel lebt noch, der liegt
da vorne hinter dem Misthaufen; den hat es ganz schwer. Jetzt sind aber die Engländer dort. Die anderen sind tot, der
Kompanieführer, der Litzel, der Neißwirt." "Magst trinken, einen Wein?" "Den mag ich schon." "Laß dich doch
verbinden, Mensch!" "Ich lauf' gleich zum Arzt, mein Arm ist sowieso hin; der muß weg, er hängt grad noch am
Fleisch." "Das hältst du so aus?" "Jetzt ist's ja nimmer schlimm." Mir schauerte vor dieser Bärennatur; ein anderer wäre
längst ohnmächtig. Herzen haben diese Kerle aus Gold und Stahl. Der Kürzinger hatte zwei Bruststreifschüsse und ein
zerschmettertes Schlüsselbein. Daß der noch bis hierher gehen und kriechen konnte? Der war immer ein feiner, guter
Kerl, und wie ich ihm ~den Trinkbecher mit Wein an den Mund hielt, sagte er erst noch leise: "Danke, ich will dich
nicht berauben." "Trinken tust!" "Bin ich froh, daß ich wieder unter Kameraden bin!" Und nach einer Weile: "Den
Feldwebel müßt ihr noch holen." Das ist leicht gesagt, aber wie?
Von hinten kam einer gerannt und schrie aus dem Friedhof her: "Der Kompanieführer zum Bataillon!" "Wo?" Jm
Wäldchen." Ich erhebe mich zum Sprung. "B'hüt euch Gott! Und wenn ihr hinten unsere anderen Kameraden trefft,
sagt, daß wir quitt sind mit dem Tommy. Der hat mehr bezahlt als wir." "Hab's schon g'sehen!" Sie bogen in die Mulde
nach links, ich mußte rechts und sprang geduckt durch die Gräber, bis ich hinter der Schilfwand in Sichtdeckung war.
War das ein Weg! Mitten durch die stillen Gefallenen meiner Kompanie hindurch. Da liegt ja der EichingerMichel und
schaut mich an, todbleich im Gesicht. Den haben sie noch nicht gefunden. "Ja, Michel, wo fehlt's denn?" jm Haxen",
schnattert er. Ein Oberschenkeldurchschuß. Das Blut steht schon geronnen in der braunen Erdbrühe. "Häng dich um,
ich nimm dich mit!" "Gelt's Gott!" "Red net lang, soo - ho - ruck!" Wankend kam ich hoch und stapfte über das Feld
mit meiner Last. Und so kam ich mühs4m an das Wäldchen heran, wo ich von einigen Krankenträgern entlastet wurde.
"Kimm guat hoam, Michl!" "Gelt's Gott, Hansl!" Im Weiterhasten kommt es mir so vor, als habe sich das Gezweige
eines Busches bewegt. Und war das nicht ein Stöhnen? Ich biege neugierig die Zweige des Gestrüpps auseinander und
sehe halb verdeckt den Bauer II vor mir liegen, den alten Landsturmmann mit seinen fünf Kindern, Aus dem
eingefallenen gelben Gesicht flehen mich ein paar Augen brennend an. "Du bist's! - Wasser!" Mit einem Blick sehe ich
sein aufgerissenes, blutiges Hemd und darunter hervorgequollene blaue Därme. Ein Bauchschuß. "Ich hab' kein
Wasser", lüge ich, wie ich das sehe, "aber ich nehme dich mit, hinten kriegst du's schon."Wie ein Kind nehme ich das
dürre, knochige Menschengestell, das mein Vater sein könnte, in die Arme und schleppe mit übermenschlicher Kraft.
"Halt dich an bei mir!" keuche ich. Er aber sagt stokkend und wimmernd: "Mit mir ist's aus! I werd' nimmer." "Wär' ja
g'Iacht, das ist keine Kunst, so einen leichten Bauchschuß z' heilen." Er schrie aber schrill auf und stöhnte ins Herz
schneidend. Ich konnte nimmer und legte ihn schonend zu Boden. Mir stand der Schweiß auf dem Körper, und ein
Schwindel faßte mich im Kopf. Herrgott, mir wird doch nicht übel werden! Wenn nur wer daherkäm', ich soll ja zum
Bataillon! Und der Bauer läßt meine Hand nicht los, daß ich fort kann. "Nur ruhig bleiben, Bauer, es kommt schon wer
und hilft. Dann kommst du heim und wirst wieder pumperlg'sund, und 'raus brauchst dann nimmer ins Feld, du
nimmer!" Endlich sah ich von weitem ein paar auf der Straße mit einer Stange daherkommen; denen winke und schreie
ich, bis sie mich endlich sehen. Die bringen den Kameraden zurück, und ich suche im Wäldchen, bis mir ein Leutnant
der Neunten den Bataillonsstab in der alten englischen Stellung zeigt.
"Zur Stelle, Zehnte!" "Sind Sie der Führer?" fragt der Hauptmann. "Jawohl, die anderen sind nicht mehr da -gefallen
und verwundet." Der Hauptmann atmete tief und hatte ein Brennen in den Augen, wie er mir die Hand reichte und leise
sagte: "Die Zehnte ist die bravste Kompanie gewesen, Respekt!" Da stieß mich ein innerliches Weinen, Jaß mir die
Augen brannten. Stockend berichtete ich vom Gefecht, den noch unklaren Verlusten, den unbrauchbar gewordenen
Waffen und vom englischen MG. in höchster Not. Da freute sich der Hauptmann und notierte sich meinen Namen. Ich
gab auch den Schmied-Martl und die anderen mit an. Dann erhielt ich den Befehl: "Es wird um 5 Uhr noch einmal
angegriffen auf der ganzen Front. Das Bataillon geht im Anschluß an die Vierzehner mit vor. Ein Zug der ersten
Kompanie soll einschieben zur Verstärkung mit Munition. Ein sc