FAZ Buchbesprechung - Deutsche Stiftung Schlaf

SE IT E 12 · S A M S TAG , 2 7 . JU N I 2 0 1 5 · NR . 1 4 6
Literatur und Sachbuch
F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G
Gegen den Strom
ist es eben anstrengender
Politisch ganz korrekt: Michael Pauen und Harald Welzer
verteidigen die prinzipienfeste Selbstbestimmung
Hier ist die Pointendichte ziemlich hoch: Stefan Gärtners satirische Spitzen gegen Joggingbrötchen und biodynamischen Lebensstil treffen ins Schwarze.
Foto Max Kesberger
Herrengedeck mit Damengedöns
Leben ist die Summe
von Fehlern, die wir
Erfahrung nennen:
Stefan Gärtners Roman
„Putins Weiber“ schickt
einen Gagschreiber auf
Wiederbegegnungstour
mit den verflossenen
Geliebten.
er Titel war vor dem Buch da.
„Putins Weiber“ ist natürlich
der Hammer, aber auch doppelt irreführend. Zum einen ist
Putin bloß der Spitzname von Waldemar
Winkelhock, einem höflich beflissenen,
entscheidungsschwachen Gebrauchstexter und Gagschreiber aus Bielefeld. Nur
Dr. Raimund aus Wien hält ihn für ein
verkanntes Genie; nur in seinen Kolumnen für eine Fernsehzeitschrift wütet Putin wie Iwan der Schreckliche, aber die redigiert und liest ja auch niemand. Und
dann ist „Weiber“ ein viel zu grobes, pubertäres Wort für all die schönen, klugen, auf keusche Weise koketten Frauen,
die Putin auf seiner sentimentalen Reise
zurück in die Vergangenheit trifft.
Das ist nämlich die (schon von Nick
Hornby in „High Fidelity“ durchexerzierte) Grundidee von Stefan Gärtners erstem richtigem Roman: die Suche nach
der verlorenen Zeit in ihrer weiblichen
Gestalt als Verflossene. Nachdem Vera,
D
seine aktuelle Freundin, ihn schamvoll
betrogen und in eine längere Denk- und
Beziehungspause entlassen hat, will Putin alle erinnerungswürdigen Ex-Freundinnen noch einmal besuchen, um mit
sich und ihnen ins Reine zu kommen. Er
muss herausfinden, welche Möglichkeiten und Alternativen er damals, vor fünfzehn Jahren in Frankfurt, versäumt, welche Fehler er gemacht hat, was aus ihm
geworden wäre, wenn er nicht gekniffen, geschwiegen oder jedenfalls versagt
hätte. Oder wie sein Männerfreund
Georg es formuliert: „Kannst was nachholen. Oder wenigstens sehen, was du
damals verpasst hast. Und ob überhaupt.
Oder so.“
Alle Ehemaligen stellen sich für Putins Rückführungstherapie zur Verfügung: Manuela, die so verknallt in ihn
war, die Psychotherapeutin Mareike, seine große Liebe, Marie, inzwischen Lehrerin in Prüm; nur Mimi, die Putin auf einer Pornoseite im Internet ausgegoogelt
hat, liegt bereits auf dem Friedhof. Bei
dieser Tour tauscht man Erinnerungen,
Vorwürfe und melancholische Bemerkungen aus, man lacht und weint miteinander, einmal ergibt sich sogar Sex im
Wald. Aber es gibt kein Zurück. Das Leben ist die Summe von Fehlern, die wir
begangen haben und Erfahrung nennen,
und hinterm Horizont geht’s weiter.
Manchmal auch für den „Retrodepp“ Putin: An Mimis Grab keimt unverhofft
eine neue Liebe zwischen Matti, ihrem
kaurismäkihaften Nachbarn aus Helsinki, und Mareike. „Aus der Geschichte lernen heißt nicht einmal verlieren lernen“,
erläutert Georg, „und so wir uns nicht sowieso verbieten wollen, in diesem Zusammenhang einen Sinn zu suchen, wo kei-
ner ist, liegt er allenfalls darin, dass ich
dir das jetzt erzähle.“
Gärtner war zehn Jahre lang TitanicRedakteur und hat sich in Werken wie
„Guido außer Rand und Band“, „Benehmt euch! Ein Pamphlet“ und einem
„erotisch-historischen Schelminnenroman“ über Angela Merkel für sein Romandebüt warmgeschrieben. „Putins
Weiber“ hat Stil, Witz und Verstand, die
Pointendichte ist erwartungsgemäß
hoch, und viele von Gärtners satirischen
Spitzen gegen Joggingbrötchen, Minicabrios, Hannelore Elsner und biodynamische Metzger treffen ins Schwarze. Außerdem wurde Gärtner nicht zufällig Sieger des Eckhard-Henscheid-Ähnlichkeitswettbewerbs 2014. Wenn Putin und
seine Freunde beim Herrengedeck mit
Bielefelder Luft und Detmolder Pilsener
über Weiberkram und „Damengedöns“
räsonieren, wenn Frührentner „Bei
Olga“ Fußballer- und Historikerwitze erzählen, zauberhafte Nachbarinnen anbaggern und Weisheiten wie „Was soll
man machen?“ und „Hört nie auf“ absondern, fühlt man sich in die Zeit der
„Vollidioten“ zurückversetzt. Geht in
Ordnung, sowieso, genau.
Gärtners Humor ist zwar eher an Seinfeld und den Simpsons geschult, aber er
schöpft wie Henscheid aus einem breiten
bildungsbürgerlichen Fundus und ist im
Grunde ein hoffnungsloser Romantiker.
Putin, der „Hans-Joachim Kulenkampff
für das 21. Jahrhundert“, beherrscht
nicht nur die Kunst des Kalauers, sondern hat auch „perniziöse“ Fremdwörter,
preziöse Sätze („Sie taumeln durch den
Glast des Nachmittags“) und gedrechselte Schwerenötereien drauf: „Ich habe keinen Grund zu der Annahme, ein Frauen-
versteher zu sein, aber die generelle
Wirksamkeit eines sauber dosierten
Kompliments ist nichts, was einem Zweifel unterliegt.“
Verglichen mit dem maßlosen fränkischen Bruddler Henscheid, ist Gärtner erzählerisch relativ diszipliniert und ökonomisch, aber auch er zeigt Schwächen
im Aufbau und in der Figurenzeichnung.
Der Wechsel zwischen Innen- und Außenperspektive, Ich- und Er-Passagen ist
wenig überzeugend; Spannung kommt
beim serienmäßigen Weiber-Abklappern
nicht auf. Alle, egal, ob junge Jurastudentin oder alter Bierdimpfl, reden im nämlichen Jargon ironischer Uneigentlichkeit
und „spöttischer Jovialität“, und dieses
dauernde Frotzeln, Plänkeln und Sticheln kann einem schon auf den Geist gehen. Die komplizierten, geradezu adornitisch verschachtelten Satzbauten, die
großflächig eingesetzte indirekte Rede,
die gespreizten, wohlerzogenen Ausdrücke bilden einen aparten Kontrast zum
banalen, bestenfalls sentimentalen Inhalt, und das ist vielleicht doch ein Fehler. Putin kommt sich mit seinem gepflegten Stil und seinen Prätentionen manchmal selbst vor „wie ein preußischer Offizier auf dem Ballermann“. Karl Kraus
kam nicht bis Bielefeld, Luhmann und
Gärtner schon.
MARTIN HALTER
Stefan Gärtner: „Putins
Weiber“. Roman.
Rowohlt Berlin Verlag,
Berlin 2015. 284 S., geb.,
19,95 €.
Als wir im Westen uns das Paradies erdichteten
Hymnen, auch an Müllhalden: Russische Poesie des Bronzenen Zeitalters in einer Auswahl von Robert Hodel
Die russische Literatur kam in politischen Stagnationszeiten zu sich selbst.
Unter dem „Gendarmen Europas“, Zar
Nikolai I., erlebte sie die Goldene Ära
Puschkins, unter Nikolai II. das Silberne
Zeitalter der Belle Epoque, und die Phase
vergleichsweisen sozialen Friedens unter
der Sowjetmacht, die mit Generalsekretär Breschnew verbunden ist, firmiert
auch als Bronze-Epoche in Kunst und
Dichtung. Die Vokabel klingt zu Recht archäologisch, denn in den unheroischen
sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts regenerierten sich in
der russischen Kultur ein menschlicher
Ton, die individuelle Reflexion und eine
europäische Formsprache, die vom offiziösen Sowjetheroismus buchstäblich verschüttet worden waren. Wie diese Poesie
aus dem Untergrund erblühte, manchmal
auch über den Umweg von Auslandspublikationen den Heimatboden befruchtete
und sich in publizistisch engagierte,
christlich inspirierte, neodadaistische
oder auch neubarocke Gedankenlyrik verzweigte, das kann der deutsche Leser sich
jetzt anhand einer beispielhaften zweisprachigen Anthologie vor Augen führen,
die der in Hamburg lehrende Schweizer
Slawist Robert Hodel zusammengestellt,
übertragen und erläutert hat.
Für die Generation der 1940 bis 1960
Geborenen, die Hodels Buch anhand
von 31 Dichtern mit jeweils sechs Werken vorstellt, war jene „Stagnation“ prägend, von der in den wilden neunziger
Jahren einige sagten, damals sei Sowjetrussland im Kommunismus angekommen – man habe es nur nicht bemerkt.
Und wirklich: Der Moskauer Dmitri Prigow (1940 bis 2007), der als Ältester die
Sammlung anführt, besingt in einem Gedicht aus dem Zyklus „Apotheose des Milizionärs“ mit volkstümlichen Rechtschreibfehlern und Pleonasmen, wie ein
braver Polizist, der positive Held des Ob-
rigkeitsstaats, nachts ein Rowdytrio davon abhält, eine schutzlose Spaziergängerin zu überfallen. Ein Achtzeiler aus dem
spätsowjetischen Zyklus „Hauswirtschaft“ mit der Anfangsformel „Ich verbrachte mein Lebtag mit dem Abwasch“
preist zugleich das Leben in genügsamer
Betrachtung, wie es damals der Intelligenzija möglich war; denn es ordne den
Geist und schaffe Distanz von unappetitlichen Dingen wie Volk und Machthabern, die man „draußen und unten“ auf
der Straße lassen konnte.
Bei Viktor Kriwulin (1944 bis 2001),
der während der neunziger Jahre in dieser Zeitung mit großartigen publizistischen Texten hervortrat, verrät schon die
herbe, kulturgesättigte Sprache den Pe-
Was tun?
Stuttgart wird gemeinhin unterschätzt – besonders von mir. In der
Tübinger Studentenzeit war das
zwar die große Stadt in der Nähe,
schien aber auch in allem anderen
das genaue Gegenteil der Gelehrtenrepublik neckaraufwärts: laut, verstopft, hässlich, oberflächlich. Kürzlich aber saß ich auf einer Terrasse
am Südhang des Stuttgarter Kessels,
die man in Italien kaum schöner hätte finden können (und in Tübingen
tersburger. Kriwulins Sonett über „Jene“
führt vor, wie der Verlust des Christentums die Erinnerung an die unter der
Sowjetmacht gestorbenen Seelen behindert. Zugleich schildert er unter dem Titel „Solange wir das Himmelreich erfanden“, wie in der späten Sowjetunion Russen und viele andere Nationalitäten sich
den Westen als gelobtes Land vorstellen
konnten, das nicht von Interessen getrieben und doch der Nabel der Welt sei. Offensichtlich inspiriert von Anna Achmatowas Diktum, wonach Abfälle der Nährboden für Verse sind, sind zwei spätsowjetische poetische Hymnen an Müllhalden. Jelena Schwarz begeistert sich für
die Majestät totaler Fäulnis und Verwesung, Olesja Nikolajewa preist mit christ-
gar nicht). Und dort gab es auch
noch ein Buch, das mir einen Ort
vorstellte, den ich noch nie besucht
hatte: den Hoppenlau-Friedhof mitten in der Stadt. Das Buch heißt
„Die Gräber der Dichter“, wurde
schon 1991 von Friedrich Pfäfflin,
dem früheren Leiter des Schiller-Nationalmuseums in Marbach, und dessen Frau Waltraud verfasst und war
lange vergriffen, bis nun ein prominenter Wahlschwabe, der belesene
Koch Vincent Klink, es, wesentlich erweitert, neu herausgebracht hat (Edition Vincent Klink, Stuttgart 2015.
420 S., 68 Abb., br., 24,– €). Damit gewappnet, lockt in der Sommerhitze
(im Kessel heißer als sonst wo) der
kühle Friedhof noch mehr zum Besuch, zum Beispiel am Grab von Wilhelm Hauff. ANDREAS PLATTHAUS
lichem Ethos die Neuverwendung des
von anderen Weggeworfenen.
Seit der Sowjetstaat zerfiel und der
Wind der Historie wieder durchs Land
heult, verhaken die Dichter sich in der Tagespolitik. In den nuller Jahren reimt
Alexej Zwetkow anlässlich des blutig beendeten Geiseldramas in der Schule von
Beslan ein Horrorlied über König Herodes. Timur Kibirow bannt eine Talkshow
über die moderne Frau, die neben ihrem
Ehegatten mindestens zwei Sexualpartner haben sollte, in freie Versmaße. Und
fürs Konsum- und Anspruchsdenken findet Jelena Kazjuba das antipoetische
Bild eines Ex-Schmetterlings, der, in
eine borstige Raupe zurückverwandelt,
nur noch frisst, sich über Zurücksetzung
beschwert und obendrein behauptet, niemals geflogen zu sein. Das lyrische Subjekt löst sich auf. Mal naturhaft wie bei
Nikolai Kononow, dem beim wie immer
plötzlichen russischen Sommereinbruch
schwitzende Körper und fliehende Käfer
vor Augen stehen. Mal taoistisch wie bei
Natalja Asarowa, die im Ton chinesischer Weisheitssätze alternierend das
Lernen und das Vergessen preist. Bei einem singulären Buch wie diesem muss
man umso mehr bedauern, dass den deutschen Übersetzungen so wenig Zeit zum
Reifen blieb, dass nicht nur keine poetischen, sondern nicht einmal idiomatisch
deutsche Texte daraus geworden und
obendrein etliche Fehler stehengeblieKERSTIN HOLM
ben sind.
Robert Hodel (Hrsg.):
„Vor dem Fenster unten
sind Volk und Macht“. Anthologie russischer Poesie:
Generation 1940–1960.
Leipziger Literaturverlag,
Leipzig 2015. 472 S., geb.,
34,95 €.
Was ist Autonomie, und warum soll man
sie verteidigen? Mit einfachen Antworten
geben sich der Philosoph Michael Pauen
und der Sozialpsychologe Harald Welzer
nicht zufrieden. Autonom sei jemand, so
die beiden Autoren, der nach Prinzipien
handelt, die er für richtig hält, auch wenn
er sich gegen Widerstand durchsetzen
muss. So gesehen, können auch Verbrecher und Diktatoren autonom handeln.
Autonome Menschen haben Handlungsspielräume, die Menschen in vormodernen Ordnungen nicht zu ihrer Verfügung
haben. Wir haben uns daran gewöhnt,
selbst zu entscheiden, wen wir heiraten
und welchen Beruf wir ergreifen wollen.
Aber Autonomie ist nicht einfach da. Sie
ist vielmehr eine zivilisatorische Errungenschaft, die mit der Aufklärung in die
Welt kam.
Pauen und Welzer berufen sich auf die
Zivilisationstheorie des Soziologen Norbert Elias, der gezeigt hat, dass Autonomie nicht nur eine Leistung der Aufklärung, sondern auch eine Möglichkeit
war, die sich aus der Entstehung des staatlichen Gewaltmonopols und seiner friedensstiftenden Wirkung ergab. In dem
Maß, in dem die Gewalt aus dem Leben
verschwand und Menschen ihr Leben
über den nächsten Tag hinaus planten,
konnten sie sich an eigenen Bedürfnissen orientieren, ohne dem Zwang der Gemeinschaft nachzugeben. Fremdzwang
wird zum Selbstzwang, hätte Norbert Elias gesagt.
Ohne Privatsphäre keine Autonomie.
Nur im geschützten Raum kann gelingen,
was in einer transparenten Umgebung unmöglich wäre. Erst wenn die Augen des
Herrschers nicht mehr sehen können, was
die Untertanen tun, wenn sie unter sich
sind, entstehen Entscheidungsspielräume.
Totale Transparenz und Demokratie sind
unvereinbar. Zwar wissen auch Pauen und
Welzer, dass keine Ordnung überleben
kann, wenn sie nicht auch Konformität
und Anpassung erzwingt. Aber sie unterscheiden zwischen einer Unterwerfung,
die erzwungen wird, und einer Anpassung, die aus eigener Einsicht kommt.
Wer sich an der Theaterkasse anstellt, handelt autonom. Denn wenn sich niemand
an Regeln hielte, wäre es auch um die eigene Freiheit schnell geschehen.
Autonomes Handeln beruht auf Voraussetzungen. Wer in einer offenen Gesellschaft Kritik übt, riskiert wenig, wer es in
einer Diktatur tut, setzt womöglich sein
Leben aufs Spiel. Manchmal bewirkt ein
und dieselbe Tat Verschiedenes. Ein polnischer Bauer, der einen Juden rettete, begab sich in Lebensgefahr, und er tat, was
sonst nur wenige wagten. Er handelte autonom. Ein dänischer Bürger, der das Gleiche tat, handelte hingegen konform, weil
er sich verhielt, wie sich die meisten Dänen verhalten hätten. In jedem Fall gilt,
dass Gruppendruck autonomes Handeln
einschränkt. Erst wenn sich Risse im Gehäuse der Hörigkeit zeigen, sind Menschen bereit, sich zu widersetzen und Kritik zu üben.
Autonomie und Konformität gehören
zueinander. In allen modernen Gesellschaften müssen Handlungen synchronisiert werden. Und wer einmal auf eine
Weise gehandelt hat, wird es wieder tun,
weil Menschen von ihren Gewohnheiten
nicht abweichen wollen. Aber Konformität entlastet auch von Entscheidungszwängen. Wer anderen die Entscheidung darüber überlässt, wie er leben soll, muss sich
den Zumutungen einer unübersichtlichen
Welt nicht mehr aussetzen. Man kann sich
aus freiem Willen für das Leben in Unfreiheit entscheiden, und es kommt vor, dass
Menschen es tun, weil ihnen Sicherheit lieber ist als Entscheidungsfreiheit. Was historisch erreicht worden ist, kann also jederzeit wieder verspielt werden.
Pauen und Welzer beklagen, dass die
Diktatur des Konformismus auch in die
Wirklichkeit der europäischen Demokratien zurückgekehrt sei: Die Bürger seien
zu Objekten der Geheimdienste und ihrer
Überwachungstechnologie geworden, sie
hätten sich Google und Facebook unterworfen und sich einreden lassen, dass es
besser sei, wenn sie von Entscheidungszwängen entlastet würden. Diktaturen
und Überwachungsmedien vernichteten
Privatheit und bedrohten Autonomie. Das
sei der Preis, der für die Übertragung von
Rechten gezahlt werde. Der moderne Totalitarismus komme ohne Terror aus, hatte
der Philosoph Günther Anders geschrieben. Pauen und Welzer stimmen ihm zu.
Tatsächlich könne die moderne Informationsindustrie Menschen durch Manipulation steuern und sie dazu bringen, von
selbst zu verrichten, was man von ihnen
will. Die Welt wird dadurch entdifferenziert, Komplexität abgebaut, das Denken
vereinfacht. Dagegen sollten wir uns wehren, schreiben die Autoren, wir sollten unsere Freiheit nicht gegen Sicherheit eintauschen und Autonomie nicht der Bequemlichkeit opfern.
Fast jeden Satz in diesem Buch möchte
man unterschreiben. Aber müsste man
nicht auch von den Chancen sprechen, die
sich aus dem sozialen Netzwerk ergeben?
Vom Protest, der durch sie organisiert und
vernetzt werden kann, und vom Widerspruch, der in ihnen auch dann formuliert
werden kann, wenn die Mehrheit ablehnt,
was man selbst für eine gute Idee hält? In
der Anonymität können andere Menschen
verleumdet und verteufelt werden, aber
sie eröffnet auch die Möglichkeit, sich zu
widersetzen, ohne in Gefahr zu geraten,
zur Verantwortung gezogen zu werden.
Handelt eigentlich nur autonom, wer
Kritik so vorbringt, dass er linksliberalen
Erwartungen entspricht? Was ist mit Menschen, die sich dem Diktat des politisch
Korrekten verweigern, die sprechen, wie
es ihnen gefällt, die sich weigern, an Wahlen teilzunehmen, und sich den Tugendwächtern in den Weg stellen, wenn sie wieder einmal für uns entscheiden wollen,
wie wir leben sollen? Über sie sagen die
Autoren wenig.
Wir schätzen Personen, die Widerstand überwinden, schreiben Pauen und
Welzer. Wirklich? Wahrscheinlich ist
das Gegenteil der Fall. Die meisten Menschen schätzen nur, was ihrem Selbstbild entspricht. Sie wollen nicht verunsichert werden, sondern mit dem Strom
schwimmen. Autonomie ist ein Luxus,
den sich Menschen leisten können, die
materiell und politisch unabhängig sind,
oder solche, denen es egal ist, was andere über sie denken. „Man sollte sich dagegen verteidigen, dümmer und ohnmächtiger sein zu sollen, als man sein
könnte“, fordern Pauen und Welzer. An
dieser Forderung kann man sich freilich
JÖRG BABEROWSKI
orientieren.
Michael Pauen und Harald
Welzer: „Autonomie“.
Eine Verteidigung.
S. Fischer Verlag, Frankfurt
am Main 2015. 328 S., geb.,
19,99 €.
Über Wachen und Schlafen
Ingo Fietze weiß, wie man durch die Nacht kommt
Was haben Einstein, Napoleon und Dalí
gemeinsam? Alle drei haben sich regelmäßig den Freuden eines Nickerchens hingegeben. Wer Großes vollbringen will,
braucht seinen Schlaf. Dass wir diesen
einfachen Zusammenhang oft genug vernachlässigen und uns die Konsequenzen
erst bewusst werden, wenn es bereits zu
spät ist, kann fatale Folgen haben. Wie
wir trotzdem gut durch die Nacht kommen und was zu tun ist, wenn Morpheus’
Umarmung einmal ausbleibt, erläutert
der Schlafmediziner Ingo Fietze in seinem Buch.
Nachts werden Grundlagen für den
nächsten Tag gelegt, so der Autor, und die
Eindrücke des vorangegangenen verarbeitet. Der Tiefschlaf ist dabei das erholsamste Schlafstadium. Wem diese Schlafphase
fehlt, der fühlt sich am nächsten Morgen
wie erschlagen. Im Traumschlaf würden
hingegen Gedächtnisinhalte gefestigt und
das Gehirn von unnötigen Informationen
befreit. Die Nervenzellen kommen nicht
ohne diese Erholungsphase aus. Wer
nachts schlecht schläft, bekommt tagsüber die Quittung. Müdigkeit und geminderte Leistungsfähigkeit sind noch die
harmlosesten Folgen. Geschicklichkeit,
Schnelligkeit und Konzentration leiden.
und auch das Risiko von Herz-KreislaufErkrankungen steigt bei chronisch
schlechten Schläfern.
Wie schon in seinem Buch „Der Schlafquotient“ (2006), das er zusammen mit
Thea Herold verfasste, wirft Ingo Fietze
auch in seinem neuen Buch einen kritischen Blick auf die 24-Stunden-Gesellschaft, die immer mehr Menschen immer
länger wach hält. Indes klagen nicht alle seine Patienten darüber, nicht schlafen zu können. Manche werden gar nicht richtig wach
oder schlafen in den unmöglichsten Situationen ein. Fietze berichtet vom Fall einer
jungen Frau, die an Narkolepsie litt und
wiederholt ohne Vorwarnung in ein Wachkoma fiel. Herkömmliche Wachmacher
schlugen bei ihr nicht an – beim Thema
Schlaf gibt es noch viele ungelöste Rätsel.
Viele Schlafstörungen ließen sich auf
ein chemisches Ungleichgewicht beziehungsweise auf einen unausgeglichenen
Hormonhaushalt und damit auf ein gestörtes Schlaf-Wach-System zurückführen. In solchen Fällen, so Fietze, reiche es
nicht aus, Stress zu verringern, die Konsultation eines Experten sei angezeigt.
Auch schlafhygienische Maßnahmen wie
eine abgedunkelte und ruhige Schlafumgebung, kein Koffeinkonsum und regelmäßige Schlafzeiten seien im Falle einer
chronischen Schlafstörung kaum wirksam. Fietze betrachtet Phänomene wie
das Schlafwandeln ebenso differenziert,
wie er sich mit der Verschreibung von
Schlaftabletten auseinandersetzt. Tipps
für Diagnose und Behandlung runden das
HANNAH FEILER
Buch ab.
Ingo Fietze: „Über guten und schlechten
Schlaf“.
Kein & Aber Verlag, Zürich 2015. 220 S., geb.,
19,90 €.