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Ackerbau
„Ich bin mehr Ökoals Techno-Bauer“
Mit viel Geduld und
Experimentierfreude feilt
Dieter Helm, Ackerbauer in
Brandenburg, an seinem
Anbausystem. Sein Ziel:
Stabil 100 dt/ha Weizen auf
34er-Böden ernten!
W
er Dieter Helm mit dem Spaten oder der Bodensonde über
seine Felder in Bückwitz,
nordöstlich von Berlin ziehen sieht,
denkt nicht, dass in dem ruhigen Ackerbauern ein Querdenker steckt: „Steigende Erlöse werden bei uns Landwirten immer abgeschöpft durch höhere
Preise für Produktionsmittel, davon
muss ich mich als Landwirt abkoppeln“,
so Helm. „Welche Kosten kann ich minimieren? Die Pacht nicht, aber in der
Produktion bei Düngung, Pflanzen-
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schutz, Technik, Energie und Arbeitseinsatz.“
Wie will er das schaffen? Mit einem
ausgeklügelten Anbausystem, bei dem
er auf seinem eher mageren Standort
(24 bis 50 BP) in Bückwitz alles auf die
Karte „Bodenfruchtbarkeit“ setzt. Diese
zu stabilisieren bzw. zu steigern, ist
Kern seiner „Betriebsphilosophie“ (siehe
Übersicht 1). Nicht ganz einfach, zumal
auf dem sandigen Lehm nur 580 mm
Niederschlag fallen. Weiteres Problem:
Eine undurchlässige Tonmergelschicht
im Untergrund. Das heißt, die Pflanzen
bekommen ihr Wasser nur von oben, es
gibt keine Nachlieferung aus dem
Grundwasser.
Vielfalt statt Einfalt: Seinem Ziel, dauerhaft 100 dt/ha Weizen zu ernten,
rückt Helm mit Beharrlichkeit näher. In
2012 ist es ihm erstmalig gelungen, diese
Marke zu knacken. Auf Teilschlägen
hat er mit seinen beiden Söhnen (siehe
Kasten „Profil“) 130 dt/ha Weizen gedroschen. Je nach Jahreswitterung ern-
Unter dem Zwischenfruchtgemenge:
Regenwürmer und üppige Wurzeln.
Fotos: Moritz
„Nicht ohne meinen Spaten“, so
heißt es bei Landwirt Helm,
wenn es zur Bestandskontrolle
auf den Acker geht. Hier steht er
Anfang Oktober in einem
prächtigen Zwischenfruchtgemenge, das er vor Mais
anbaut.
ten sie 70 bis über 90 dt/ha Wintergetreide. Selbst der Winterroggen bringt
bereits über 90 dt/ha.
Seine Strategie: „Konventioneller biologischer Landbau“ – Pflanzenschutz und
Düngung ergänzend, aber nicht dominierend einsetzen. „Aufrüsten der organischen Substanz im Boden“, das ist aus
Sicht von Helm bei der zunehmenden
Ressourcenverknappung die Zukunft.
Sein Grundsatz ist, dass er die „Bodenfruchtbarkeit“, die beim Anbau aus dem
Boden auf das Produkt Getreide, Mais,
Raps usw. übertragen wird und beim Vermarkten den Betrieb verlässt, immer wieder reproduziert. „Wenn ich das als
Ackerbaubetrieb nicht tue, fahre ich auf
Verschleiß. Ich betreibe dann konjunkturellen und nicht nachhaltigen Ackerbau.“
Doch was versteht er unter „Bodenfruchtbarkeit“? Der studierte Landwirt
liefert seine Definition wie aus der Pistole geschossen: „Das ist die Menge an
organischer Substanz und Nährstoffen,
die ich dem Boden zuführen muss, um
das Bodenleben komplett zu ernähren.“
Dreh- und Angelpunkt in der Helm
GbR ist dabei die neungliedrige Rahmenfruchtfolge, die Dieter Helm so ausgerichtet hat, dass zwischen jedem
Glied der Anbau von Zwischenfrüchten
möglich ist, auch vor Mais (Übersicht 2,
Seite 71). „Es gibt kein starres Schema,
wir passen die Fruchtfolge flexibel an.
Unser Grundsatz ist aber, nie mehr als
25 % Raps, 25 % Mais und 50 % Getreide
anzubauen“, erklärt Helm. Die Grasververmehrung liegt bei 5 bis 10 %. Es sind
PROFIL
Name: Dieter Helm
(72 Jahre)
Ort: Bückwitz in
Brandenburg
Betrieb: Im Rahmen einer GbR bewirtschaftet Helm
mit seinen Söhnen
Gerald (41) und
Holger (38) sowie
3 Fremd-AK rund
650 ha Acker-, 20 ha Grünland und
360 ha Forst. Sie bauen Winterweizen, -gerste, -roggen, Raps, Mais, Hafer und Rotschwingel an. Betriebsschwerpunkte sind Vermehrung mit
Aufbereitung (500 t), Forst und Erneuerbare Energien (Solar, Wind).
Von Helm empfohlene Bücher zum
Thema „Boden“ und „Pflanzen“
finden Sie in der Rubrik „Heft+“
unter www.topagrar.com
Übersicht 1: Kern der Betriebsphilosophie in der
Helm GbR ist die Bodenfruchtbarkeit
Gründigkeit
Maximale
Rhizosphäre
Minimierung
Bodenbearbeitung
Bodenfruchtbarkeit
Minimierung
Pflanzenschutzmittel
Ausgewogenes
Nährstoffangebot
Der in Mulchsaat gesäte Raps zeigte
Anfang Oktober kräftige Wurzeln.
Vielfalt
Wurzelsysteme
Fruchtfolge inklusive
Zwischenfrüchte
Ständige
Bodenbedeckung
Maximierung
Bodenleben
Durch Fruchtwechsel, Zwischenfrüchte, reduzierte Bodenbearbeitung, organische
Düngung und regelmäßiges Kalken verbessert Helm die Bodenfruchtbarkeit.
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Grafik: Driemer
Regulierter
Wasserhaushalt
Quelle: Dieter Helm
Flurgestaltung
Ackerbau
zwar nur 5 bis 6 Hauptkulturen im Anbau, aber durch die Zwischenfruchtgemenge mit über 10 Partnern bringt Helm
Vielfalt in die Fruchtfolge.
Die winterharte Zwischenfruchtmischung MaisPro TR, die er vor Mais anbaut, besteht aus Felderbse, Futterroggen, Inkarnatklee, Phacelia, Buchweizen, Sonnenblume, Schwedenklee,
Öllein, Leindotter, Pannonische Winterwicke, Ramtillkraut, Perserklee und dem
Rettich Deeptill aus den USA. Diese
Mischung bringen Helms per Düngerstreuer mit 35 kg/ha plus 40 bis 50 kg/ha
Lupinen direkt nach der Getreideernte
aus. Danach folgen 25 m3/ha Biogasgülle
und ein Walzgang. Zusammen mit dem
Ausfallgetreide entwickelt sich zügig ein
üppiger Pflanzenbestand. Klee und Getreide kommen durch den Winter, die
übrigen Pflanzen frieren ab. Anfang April wird der Bestand mit Glyphosat behandelt und nach einem Scheibeneggengang erfolgt die Maissaat. Den Effekt
der Zwischenfrucht zu Mais beziffert
Helm mit 20 % Mehrertrag. Außerdem
soll sie mindestens zwei Jahre nachwirken.
„Wir haben mit den Zwischenfrüchten
viel auf unserem Betrieb experimentiert“,
so Helm. Statt Lupinen verwendet er z. B.
auch Ackerbohnen (75 kg/ha).
Auch Grasuntersaaten mit Rotschwingel gelingen im Mais. Der Grassamen
wird drei Tage vor dem Maislegen mit der
Drillmaschine (9 kg/ha) breit gesät.
Boden ständig bedeckt: „Unser Ziel
ist, dass der Boden immer bedeckt ist“,
erklärt der Diplom-Landwirt. „Das ist
die beste Maßnahme, um Stressbedingungen des Bodens wie Trockenheit,
Rotschwingeluntersaat in
Silomais, breit
gesät mit der
Drillmaschine,
drei Tage vor
dem Maislegen.
Hitze, Starkregen und Kälte zu reduzieren.“ Der schützende Hohlraum, den die
Zwischenfrüchte über dem Boden bilden, verlängert z. B. im Herbst die Umsetzungsprozesse im Boden und verhindert Erosion. Hinzu kommt, dass die
Böden besser befahrbar sind, was z. B.
bei der Maisernte von Vorteil ist.
Die vielfältigen Haupt- und Zwischenfrüchte dienen mit ihren Wurzelund Pflanzenresten, die auf dem Feld
bleiben, als „Futter“ für das Bodenleben.
„Selbst als viehloser Ackerbauer bin ich
Tierhalter, denn auf einem Hektar leben 4 bis GVE im Boden. Die muss ich
füttern“, weiß Helm, der sich viel Wissen über die Bodenlebewesen, ihre Aktivitäten und Bedeutung für die Bodenfruchtbarkeit angelesen hat. Besonders
fasziniert ihn die Theorie, dass Pflanzen
Nährstoffe nicht nur in wasserlöslicher,
mineralischer Form als N, P und K
(„Mineralstofftheorie“), sondern über
ihre Wurzeln bevorzugt organisch gebundene Nährstoffe aufnehmen. Nach
dieser These muss organische Substanz
nicht erst durch lange Abbauprozesse
völlig mineralisiert werden, bevor sich
die Pflanzenwurzeln die Nährstoffe erschließen können. Sie sollen, wie Mensch
und Tier, ganze Mikroorganismen und
einzelne Zellbestandteile durch Aus- und
Einstülpungen ihrer Wurzelschleimhäute
aufnehmen können (Endozytose). Das
klingt abenteuerlich, aber wie ein „Sektierer“ wirkt der belesene Landwirt nicht,
der zu DDR-Zeiten als stellvertretender
LPG-Leiter für den Ackerbau auf 4500 ha
verantwortlich und von 1990 bis 2009
CDU-Landtagsabgeordneter in Brandenburg war. „Wir können gar nicht genug
organische Substanz in unsere degradier-
Schnell gelesen
• Die Bodenfruchtbarkeit zu sta-
bilisieren bzw. zu steigern, ist
Kern der Betriebsphilosophie
von Ackerbauer Dieter Helm.
• Dreh- und Angelpunkt ist die
neungliedrige Fruchtfolge. Sie
ist so ausgerichtet, dass zwischen jedem Glied Zwischenfrüchte stehen können.
• Helm setzt auf organische
Dünger wie Biogasgülle, Hühnertrockenkot und Kompost.
• Mineraldüngung, Pflanzen-
schutz und Bodenbearbeitung reduziert Helm so weit
wie möglich.
Rotschwingel, im Herbst als Untersaat in
Winterweizen gesät, zur Vermehrung.
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Der Tillage-Rettich bricht Verdichtungen
im Boden auf.
• In Raps und Weizen testet er
derzeit das Strip Till-Verfahren.
ten Brandenburger Böden
bringen“, ist seine Devise. „Es
gibt dabei kein zu viel.“ Deshalb will er den Humusgehalt
seiner Böden kontinuierlich
aufbauen. Der Einsatz von
Gesteinsmehl soll zudem die
Voraussetzungen zur Bildung
von Tonmineralen schaffen –
ein langwieriger Prozess, von
dem erst seine Enkel profitieren werden.
Neben Zwischenfrüchten
und Biogasgülle setzt er Hühnertrockenkot und Kompost
ein. Den Einsatz von Biogasgülle kombinieren Helms mit
der Kalkung, damit die Bodenkolloide nicht zerfallen
(Kali-Überschuss).
Kein PK mehr! Die Versorgung der Pflanzenbestände
nisse liefert. Statt nur alle
6 Jahre will er künftig alle
3 Jahre von ausgesuchten
Schlägen, die die Bodenqualität widerspiegeln, eine Untersuchung machen lassen,
auch wenn diese 280 ¤ kostet. „Ich möchte die Entwickung wichtiger Werte, wie
z. B. Nährstoff-, Humusgehalt
und Basensättigung, verfolgen“, so der Ackerbauer. Nur
das Auge reicht nicht, um die
Versorgung der Bestände beurteilen zu können. Deshalb
überprüft er mit Pflanzenanalysen, ob die Nährstoffe
tatsächlich in der Pflanze angekommen sind.
Auch achtet er auf den
pH-Wert, der u. a. für
die Nährstoffverfügbarkeit
wichtig ist. Gekalkt wird
Übers. 2: Helms Anbauplan
Rahmenfruchtfolge
Zwischenfrucht
1. Mais (Silo-/Körner-)
2. Hafer/Leguminosen/W-Weizen Grasuntersaat
3. Gras (Vermehrung)
4. Raps
evtl. So.-Wicke
5. W-Gerste/-Roggen/-Weizen ZF-Mischung1)
6. Silomais
Grasuntersaat
7. Getreide
Grasuntersaat/
Leguminosen
8. Raps
evtl. So.-Wicke
9. Getreide
ZF-Mischung1)
Die
Fruchtfolge
hat Helm so
ausgetüftelt, dass
der Boden
immer
bedeckt ist.
1) Zwischenfrucht-Mischung besteht Sommerund Winterzwischenfrüchten (mind. 8 Arten)
mit P und K erfolgt mittlerweile ausschließlich über organische Düngung. Zugekauft
wird noch mineralischer
N-Dünger. „Wir reden nicht
mehr von Düngung, sondern
von Pflanzenernährung. Wir
ernähren das Bodenleben“,
sagt Helm. „Wir wollen der
Pflanze nicht ins Maul düngen. Sie soll sich die Nährstoffe im Boden selbst suchen,
sonst wird sie faul.“ Neben einer guten Durchwurzelbarkeit und Wasserhaltefähigkeit
achtet Helm auf ein ausgewogenes Nährstoffverhältnis im
Boden. Seit zwei Jahren lässt
er die Bodenuntersuchung in
einem Labor in Österreich
durchführen, das sehr umfangreiche, detaillierte Ergeb-
möglichst jedes Jahr, je nach
Bedarf mit unterschiedlichen Kalken, wie z. B. Dolomit, wenn Mg fehlt und
Gips bei S-Bedarf.
Strip Till: Der 72-Jährige,
der sich in der Helm GbR
um Buchführung, Finanzen,
Strategie, Fruchtfolge- und
Anbauplanung
kümmert,
steckt voller Pläne. Die Bodenbearbeitung auf Strip Till
umstellen, ist das nächste
Ziel. Helms testen bereits das
Verfahren, kombiniert mit
platzierter Düngung.
Sein Wissen gibt er gerne
weiter. Jedes Jahr kommen
Studenten der Humboldt-Uni
auf den Betrieb, um von
Helm zu lernen.
-hm-