Die dunkle Straße

Leseprobe aus:
Ma Jian
Die dunkle Straße
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Copyright © 2015 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Ma Jian
DIE D UNKLE STRASSE
Roman
Aus dem Englischen von
Susanne Höbel
Rowohlt
Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel
«The Dark Road» bei Chatto & Windus, London.
Der deutschen Übersetzung liegt die vom Autor autorisierte
­englische Übersetzung von Flora Drew zugrunde.
Redaktion Mirjam Madlung
1. Auflage August 2015
Copyright © 2015 by Rowohlt Verlag GmbH,
Reinbek bei Hamburg
«The Dark Road» Copyright © Ma Jian 2013
Alle deutschen Rechte vorbehalten
Satz aus der Minion PostScript bei
Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin
Druck und Bindung CPI books GmbH,
Leck, Germany
ISBN 978 3 498 03239 5
Für Flora
DIE D UNKLE STRASSE
Schlüsselwörter: sterilisieren, Grube, Muttermilch,
Familienplanungstrupp, Dattelbaum, Langeslebenmedaillon,
Nuwa-Höhle.
Der Kindsgeist sieht Mutter auf der Bettkante sitzen, ihre Hände
umfassen den runden Bauch, ihre Beine zittern vor Angst …
eili legt die Hände auf den schwangeren Bauch und
spürt den Herzschlag des Kindes wie das Ticken einer
Uhr unter einem Kissen. Das Klopfen am Tor zum Grundstück
wird lauter, an der Decke schwingt das Kabel mit der trüben
Birne hin und her. Die Männer von der Familienplanung sind
hier und wollen mich holen, sagt sie leise zu sich. Sie nimmt ihre
Füße aus der Schüssel mit warmem Wasser, kriecht unter die
Steppdecke und wartet darauf, dass die Tür aufgebrochen wird.
Am Nachmittag, als die letzten Schneeflecken auf den Maisbündeln im Hof in der warmen Sonne schmolzen und Fang, die
Nachbarin, Sesamsamen zum Trocknen auslegte, während ihr
drei Wochen altes Baby an ihrer Brust trank, stürmten plötzlich
vier Männer von der Familienplanung herein und zerrten Fang
mit sich, um sie zum Sterilisieren zu bringen. Fang trat um sich
und heulte wie eine Sau, die geschlachtet werden soll. Der Klebreis, den sie in einer Schüssel auf dem Boden als Vorbereitung
für Knödel eingeweicht hatte, kippte um, und zwei struppige
Enten watschelten herbei und pickten die Reiskörner auf. Endlich gelang es den Männern, Fang die Hände zusammenzubinden und sie auf die offene Ladefläche des Lastwagens zu zerren.
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Dabei zerriss ihr weißes Hemd, und ihre Schultern waren mit
dem Nasenblut des kahlgeschorenen Mannes verschmiert, dem
sie ins Gesicht getreten hatte. Er hockte bei ihren Füßen, band
ihre wild zuckenden Beine mit einem Seil zusammen und vertäute sie an den Metallstäben des Wagens. Fang, nun von der
Leibesmitte abwärts bewegungsunfähig, beugte sich über die
Seitenwand und schrie: «Ich verdamme die acht Generationen
eurer Vorfahren! Habt ihr vergessen, dass eure Mütter euch
genährt haben? Und jetzt wagt ihr es, einer Mutter ihr Kind
von der Brust zu reißen. Mögen euren Familien über neun Generationen Söhne versagt bleiben! …» Meili kletterte über die
Mauer, hob Fangs Baby vom Boden auf und flehte die Männer
an, Fang freizulassen. «Wenn sie sterilisiert wird, versiegt ihre
Milch. Wartet doch wenigstens, bis das Baby drei Monate alt
ist.»
«Halt du dich da raus!», sagte der Mann und rieb sich die
kalten roten Hände. «Hast du die Anschläge nicht gelesen?
Wenn herauskommt, dass eine Frau ohne Erlaubnis schwanger
ist, wird jeder Haushalt in einem Umkreis von hundert Metern
bestraft. Du hättest sie der Behörde melden müssen, bevor das
Kind auf die Welt kam. Als ihre Nachbarin bekommst du eine
Strafe von mindestens eintausend Yuan.»
Meili kannte die Männer nicht und vermutete, dass sie in den
Nachbargemeinden rekrutiert worden waren. Hätte sie nicht
befürchtet, dass ihr schwangerer Bauch bemerkt würde, wäre
sie zu Fang gelaufen und hätte ihr eine Decke um die Schultern
gelegt. So aber stand sie wie angewurzelt da und sah zu, wie
der Wagen davonholperte, während Fang auf der Ladefläche
geschüttelt wurde und aus ihren nackten roten Brustwarzen
Milch tropfte.
Das Klopfen am Tor hört auf, dann fängt es wieder an. «Ich
bin’s – Kongzi!», hört sie ihren Mann rufen. «Mach auf!» Erst da
fällt ihr wieder ein, dass sie vor ein paar Stunden einen Spaten
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so gegen das Tor gerammt hat, dass es von außen nicht geöffnet
werden kann, und sie läuft in den Hof, um ihn hereinzulassen.
Kongzi stürzt ins Haus, sein Haar ist wirr, sein Blick gehetzt,
und er rennt rastlos im Zimmer umher. Er kommt von einer
Versammlung der Parteimitglieder. «Der Familienplanungstrupp, der gestern hier war, ist aus Hexi geschickt worden. Weil
das Parteibüro des Dorfes für ihre Zwecke zu klein ist, haben
sie in der Schule ein Klassenzimmer beschlagnahmt und führen dort Abtreibungen und Sterilisierungen durch. Sie werden
gnadenlos vorgehen.»
«Was sollen wir bloß tun?», sagt Meili mit verängstigtem
Blick.
«Ich weiß es nicht. Die Männer haben sich klar geäußert: Jede
Schwangere, die keine Geburtserlaubnis hat, wird unverzüglich
zur Abtreibung gezwungen, außerdem bekommt sie eine Strafe
von zehntausend Yuan.»
«Zehntausend Yuan? Das könnten wir nicht aufbringen,
selbst wenn wir unser Haus verkauften. Wie gut, dass wir letzten Monat die gefälschte Geburtserlaubnis gekauft haben.»
«Die wird sie nicht täuschen», sagt Kongzi; er nimmt die
Brille ab und reibt sich das Gesicht. «Diesmal prüfen sie die
Dokumente sehr sorgfältig und gucken genau, ob sie gefälscht
sind.»
«Wie viele Frauen haben sie heute zusammengetrieben?»,
fragt Meili und spürt Übelkeit in sich aufsteigen.
«Also, zehn standen gefesselt vor dem Parteibüro. Der Hausmeister der Schule hat seine Frau unter ihnen entdeckt und
wollte sie retten. Aber die Männer vom Trupp haben ihm mit
einem Hammer auf den Kopf geschlagen, er wurde in die Schule gezerrt und in der Küche eingeschlossen. Als die alte Schneiderin, die von der Heuschreckenbaumgasse, ihre schwangere
Tochter vor ihnen verstecken wollte, ist sie zu Tode geprügelt
worden.»
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«Sie haben sie umgebracht?» Meili zieht entsetzt die Luft ein.
Sie streicht sich über den Bauch und beobachtet Kongzi, der im
Zimmer umhergeht; ihre schrägen Augen haben die Form ausgebreiteter Flügel. Kongzi wirft die Hände in die Luft und stöhnt.
Nie hat Meili ihn in einem derart verstörten Zustand gesehen.
Er lässt sich neben sie fallen und stößt dabei die Wasserschüssel
um. Eine dunkle Pfütze breitet sich auf dem Zementfußboden
aus. Winzige Federn sinken auf die Oberfläche und sehen aus
wie kleine Boote auf einem See. «Warum hast du die Schüssel
nicht weggeräumt?», sagt Kongzi und springt auf. «Jetzt sind
meine Schuhe ganz nass.»
«Ich habe das Wasser für dich aufgehoben. Komm doch. Setz
dich wieder.» Meili holt die Thermoskanne und gießt warmes
Wasser in die Schüssel, dann kniet sie sich hin, zieht Kongzi die
Schuhe aus und wäscht ihm die schmutzigen Füße. Sie trocknet
sie mit einem Handtuch ab, danach wischt sie die Pfütze auf
dem Boden auf.
«Der Unterricht ist eingestellt worden», sagt er. «Aber wahrscheinlich wären sowieso nicht viele Schüler gekommen. Einige
sind schon zu Verwandten in andere Bezirke geschickt worden,
bis die Maßnahmen zu Ende sind.»
«Bekommst du trotzdem deinen Lohn?»
«Ha! Ich bekomme schon seit drei Monaten kein richtiges
Gehalt mehr. Das Schulamt hat nur lumpige einhundert Yuan
pro Woche ausgezahlt, aber jetzt können sie uns selbst das nicht
mehr geben. Letzte Woche habe ich nur einen kleinen Kanister
Diesel und einen Block Schreibpapier bekommen. Und die Bezirksbehörde besitzt die Frechheit zu sagen, dass mit den Maßnahmen gegen diejenigen, die sich nicht an die Familienplanungsvorschriften halten, Geld für Dorfschulen eingenommen
werden soll! Also, du kannst dir sicher sein, dass unsere Schule
kein Geld bekommt!»
Meili wendet den Blick nach rechts und sieht ihre Tochter
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Nannan, die neben ein paar unordentlich hingeworfenen Schuhen in der Ecke hockt und auf den nassen Boden starrt. «Was
machst du da, Nannan?», sagt sie. «Geh wieder ins Bett.»
Nannan richtet verschlafen den Blick auf Kongzi. «Muss Pipi,
Papa.»
«Dann geh. Du bist doch schon zwei. Da solltest du keine
Angst mehr im Dunkeln haben.»
Nannan geht maulend zur Haustür, schafft es aber nicht, sie
zu öffnen. Meili drückt den Griff herunter und stößt die Tür auf.
Ein kalter Luftzug weht herein, und die Haut über ihrem Bauch
zieht sich zusammen.
Kongzi erschaudert und zündet sich eine Zigarette an. Hinter ihm an der Wand ist ein riesiges Mosaik mit grünen Bergen
und blauen Strömen. Sein Freund, der Alte Cao, hat es für ihn
gemacht, als Kongzi das Haus vor drei Jahren baute. Vor einem
Jahr ist der Alte Cao zu seinem Sohn und seiner Schwiegertochter in eine fünfzig Kilometer entfernte Stadt gezogen, wo sein
Sohn ein niedriger Kader ist und mit seiner Frau in einem luxuriösen Block für Regierungsangestellte wohnt. Links von Kongzi hängen eine Schriftrolle mit dem konfuzianischen Text für
Kinder, dem Drei-Zeichen-Klassiker, und ein gerahmtes Foto
von Kongzi und Meili am Platz des Himmlischen Friedens, das
von ihrer Hochzeitsreise nach Peking stammt. Rechts ist die Tür
zu Nannans Zimmer, wo sich unter dem Bett, von Säcken mit
Dünger und Schweinefutter verdeckt, die Grube befindet, die
Kongzi ausgehoben hat, damit Meili sich darin verstecken kann,
wenn die Schwangerschaft sich nicht mehr verbergen lässt.
«Der Alte Huan, der Leiter der Bezirksfamilienplanungsbehörde, war bei der Versammlung», fährt Kongzi fort, nachdem er einen tiefen Zug von seiner Zigarette genommen hat.
«Er sagt, die Maßnahmen werden im ganzen Land durchgeführt. Alle höheren Beamten sind mobilisiert worden. Die
Leiter der Trupps stehen unter Druck, weil sie Zielvorgaben
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erreichen müssen. Morgen wollen sie jeder Frau im Dorf, die
schon ein Kind hat, eine Spirale einsetzen.»
«Ich lasse das nicht zu, dass sie mir so ein Metallding reintun!
Yan sagt, von ihrem hat sie solche Schmerzen, dass sie sich bei
der Feldarbeit nicht bücken kann.»
«Ja, und wenn es eingesetzt wird, kann es eine Fehlgeburt
geben. Bleib also morgen im Haus. Wenn die Männer von der
Familienplanung kommen, musst du sie überzeugen, dass du
nicht schwanger bist, und dann zeigst du ihnen die Geburtserlaubnis und sagst, du brauchst die Spirale nicht, weil du die
Erlaubnis hast, ein zweites Kind zu kriegen. Mein Vater ist in
der Partei immer noch ein geachteter Mann, mit Glück kommst
du vielleicht durch.»
«Aber man sieht jetzt deutlich meinen Bauch. Und als ich gestern im Dorf war, ist mir plötzlich schlecht geworden, und ich
habe mich mitten auf der Straße übergeben. Kong Dufas Frau
hat mich argwöhnisch angesehen, als sie an mir vorbeiging.»
Meili leuchtet mit der Taschenlampe in den Hof, wo Nannan
immer noch neben der niedrigen Mauer zwischen ihrem Haus
und dem Haus von Kongzis Eltern hockt.
«Wie idiotisch von dir! Und wenn sie dich bei der Polizei
gemeldet hat? Es gibt einhundert Yuan für solche Meldungen.»
Als Nannan hereinkommt und sich an ihn schmiegt, sagt er:
«Jetzt ab ins Bett, sonst erkältest du dich.»
«Mein Popo hat großes Pipi gemacht, Papa», sagt sie und balanciert über einen Kabelstrang. «Hab Durst.»
Kongzi wendet den Blick ab und wirft die Hände in die Luft.
«Abtreibungen, Sterilisierungen, Spiralen! Wie weit ist es mit
diesem Land gekommen? Konfuzius sagt, von den drei Nichterfüllungen der Pflichten eines Sohnes ist die schlimmste die,
keinen Sohn zu zeugen. Und jetzt, zweitausend Jahre später,
ist es mir, dem männlichen Nachkommen der sechsundsiebzigsten Generation, nicht erlaubt, meiner heiligen Pflicht nach14
zukommen und einen männlichen Nachkommen der siebenundsiebzigsten Generation in die Welt zu setzen.»
«Ich will morgen nicht mit Gewalt in die Schule gebracht
werden», sagt Meili. «Ich verstecke mich in der Grube.»
«Die Kaninchenzüchterin in Ma hat sich zwei Monate lang
in ihrer Grube versteckt, aber gestern haben die Männer von
der Familienplanung sie trotzdem gefunden. Sie haben sie rausgeholt und zum Sterilisieren gebracht, und ihre dreihundert
Kaninchen haben sie konfisziert.»
Meili hat einen modrigen Geschmack im Mund und in der
Nase, von dem ihr schlecht wird, und weiß nicht, ob er aus der
Dunkelheit draußen kommt oder aus den Tiefen ihres eigenen
Körpers.
«Guck mal, Papa, ich kann meinen Bauch auch dick machen», sagt Nannan, zieht ihren Pullover hoch und streckt den
Bauch raus.
«Ins Bett jetzt!», ruft Vater.
Nannan bricht in Tränen aus und läuft in Mutters Arme. «Ich mag
Papa nicht», weint sie, «will einen neuen Papa.»
Mutter trägt Nannan ins Bett, stopft die Steppdecke fest um sie
herum und bürstet die dünnen Zöpfe aus.
Auf seiner rückwärtsgerichteten Reise hat der Kindsgeist den Weg
von Mutter und Vater nachgezogen, flussaufwärts durch die wasserreichen Landschaften, die sie neun Jahre lang hinabgetrieben sind.
Endlich hat er seinen Ursprungsort erreicht. Dies ist der rechtmäßige
Ort von Mutters zweitem Kind, welchen zu bewohnen der Kindsgeist
angewiesen wurde, bis die glückliche Geburt erfolgt ist.
Nur solche Szenen, die sich in Dunkelheit ereignet haben, sind für
den Kindsgeist jetzt deutlich sichtbar. Er sieht Schatten erschaudern,
als würden sie vom Wind bewegt, und hört Echos aus der Vergangenheit, die durch das Haus, jetzt ohne Fenster und ohne Dach, treiben
und einen Moment lang bei einem Mosaikstück an einer bröckelnden
Wand verweilen. Der Hof liegt in tiefer Dunkelheit, er ist leer, von ei15
nem Dattelbaum abgesehen, der gekrümmt auf dem Boden liegt und
aus dessen Stamm ein paar kahle Äste in die Luft ragen … Vater sagte, als er erfuhr, dass Mutter ein zweites Mal schwanger war, habe er
den Dattelbaum im Hof gepflanzt, damit das Kind bestimmt ein Sohn
würde, und in der Erde darunter habe er ein Langeslebenmedaillon
vergraben, damit das Kind sicher zur Welt käme. Mutter sagte, bevor
der Schössling gepflanzt wurde, sei sie damit zur Nuwa-Höhle gegangen und habe ihn über dem Heiligen Spalt gerieben, damit in Zukunft
alle ihre Kinder unter dem Baum geboren und den Segen der Göttin
Nuwa erhalten würden. Vater erwähnte noch, in dem Grubenversteck
unter Nannans Bett stehe ein rotes Lackkästchen, in dem eine uralte
Ausgabe der ANALEKTEN von Konfuzius liege und ein gebundener
Stammbaum der Familie Kong. Das rote Kästchen ist noch da, begraben unter den Trümmern des Betts und dem dicken Schutt der
niedergewalzten Mauer. Stechend schwarze Mäuseaugen glitzern
zwischen den Gräsern und den zerbrochenen Dachziegeln darüber.
In der Gasse dahinter wächst aus einem Haufen versengter Maiskolben ein Weidenbaum wie eine anmutige, im Tanz erstarrte Fee.
Weiter entfernt, hinter den roten Mauern der Anlage, stehen zwei
kleine Osmanthusbäume, und man sieht die öffentliche Straße, die
aus dem Dorf hinausführt.
Schlüsselwörter: Spirale, verdammte Kommunisten,
Flammen, Eileiter, Kong der Zweite Sohn, Klassenfeind.
inige verstörte Dorfbewohner sitzen dicht gedrängt auf
Meilis und Kongzis Bett, gegenüber auf dem Sofa und auf
dem Fußboden. Fast jeder gehört, wie Kongzi, zum Familienclan der Kongs und ist ein direkter Nachfahre des verehrtesten
Kong: Konfuzius. Meili hockt am Bettrand und hat die Hände
sorgfältig über dem Bauch gefaltet. Sie vermutet, dass Kongzis
Eltern ihre Schwangerschaft ahnen. Sein Vater sitzt am Kopfende und wirft verstohlene Blicke auf sie, während er an seiner
Zigarette zieht. Zwanzig Jahre lang war er Dorfvorsteher, und
obwohl er den Posten vor kurzem aufgegeben hat, wird er immer
noch geachtet. Das erklärt, warum so viele Dorfbewohner an
dem Abend gekommen sind, um ihrem Ärger Luft zu machen.
Kong Qing, ein ehemaliger Artilleriesoldat, hockt in der Ecke,
er weint und flucht und hat einen blutverschmierten Verband
um den Kopf. «Verdammte Kommunisten», schimpft er, «mir
meinen Sohn zu nehmen. Damit ist dieser Zweig der Familie
erloschen …» Als die Männer vom Familienplanungstrupp gestern an sein Tor klopften, flohen er und seine mit ihrem dritten
Kind hochschwangere Frau durch den geheimen Tunnel und
versteckten sich im Schilf beim Stausee. Am Abend brachte
sein Vater ihnen zu essen, ohne zu merken, dass die Polizei ihm
auf den Fersen war. Er machte das Quaken einer Ente nach –
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ihr verabredetes Geheimsignal – , und kaum waren Kong Qing
und seine Frau aus dem Schilf herausgetreten, wurden sie von
der Polizei ergriffen. Seine Frau wurde zum Schulhaus gezerrt,
wo zwei Männer von der Familienplanung sie auf einem Holztisch festbanden und ihr zwei Spritzen in den Unterleib gaben.
Der abgetötete Fötus liegt jetzt in einer Plastikwanne vor Kong
Qings Füßen. Er hat die flache Nase seines Vaters und dessen
kleine Augen. Verkrustetes Fruchtwasser klebt noch an seinem
schwarzen Haar.
«Ehemaliger Dorfvorsteher, du musst dich für uns erheben»,
sagt Kong Zhaobo, ein angesehener Angehöriger des Clans, der
in Hexi die Schule besucht hat und jetzt das einzige Motorrad
im Dorf besitzt. «Unsere Sohnespflicht gebietet es uns, Söhne
und Enkelsöhne hervorzubringen. Die männliche Erblinie
muss erhalten bleiben. Wir dürfen der Partei nicht erlauben, sie
zu durchtrennen.»
«Außerdem haben uns die Behörden zugestanden, dass wir
Bauern ein zweites Kind bekommen dürfen, wenn das erste
ein Mädchen ist», sagt ein Mann neben dem Fernseher, der mit
Spitznamen Klumpfuß heißt und seinen Stock in der Hand hält.
«Warum geben sie den Frauen, die erst ein Kind haben, die Spirale? Wenn das so weitergeht, ist es bald ein Dorf, wo die Kinder
keine Brüder oder Schwestern haben, keine Onkel oder Tanten.
Was ist das für eine Zukunft?» Klumpfuß sinnt immer auf Wege,
Geld zu verdienen. Letztes Jahr hat er einen PC gekauft, sich im
Internet kundig gemacht und dann allen mitgeteilt, man könnte ein Vermögen damit verdienen, wenn man eine besondere
Rasse von Wildenten züchtete, die Eier mit goldenem Eigelb
legten. Sein Haus steht an der Stelle, wo Kongzis Großvater den
Ahnentempel für Konfuzius errichtet hatte. Er war in der Kulturrevolution abgerissen worden.
Eine zarte, dürre Frau, deren dritte Tochter Xiang einmal
Schülerin in Kongzis Klasse war, spricht. «Der Familienpla18
nungstrupp war heute bei uns und hat eine Zahlung von zehntausend Yuan für Xiangs illegale Geburt verlangt. Sie ist doch
schon zwölf, liebe Güte! Ich habe gesagt, wir haben kein Geld,
aber sie haben das Haus durchsucht und die zweitausend Yuan
gefunden, die meine älteste Tochter uns geschickt hat, nachdem
sie ein Jahr lang in einer Fabrik in Shenzhen geschuftet hat. Sie
haben das Geld genommen, außerdem unsere Reisvorräte, Töpfe
und Pfannen und sogar unsere Küchenuhr, und sie wollen, dass
wir ihnen den Rest des Geldes Ende nächster Woche geben.»
«Und weißt du, wohin das ganze Geld fließt?», sagt Klumpfuß
und reibt den Griff seines Stocks. «In die Mäuler der korrupten
Bürokraten in Hexi. Habt ihr mal die neue Bezirksparteizentrale gesehen, die sie sich gebaut haben? Riesig! So imposant wie
das Tor vor dem Platz des Himmlischen Friedens. Und wenn
sie unser Geld aufgebraucht haben, kommen sie und bringen
unsere Kinder um. Also, diesmal können wir uns das nicht gefallen lassen. Wir müssen uns wehren.»
«Nein, das wäre Irrsinn», sagt Kongzis Vater, drückt seine
Zigarette aus und streicht sein weißes Haar zurück. «Die Straße
ist gesperrt, und die Polizei überwacht den Stausee. Wir sitzen
in der Falle. Wenn wir uns wehren, zermalmen sie uns.»
«Die Leiter des Trupps haben eine Liste mit den Namen der
einhundert Frauen im Dorf, die im gebärfähigen Alter sind»,
sagt Kong Wen, die Vorsitzende des Familienplanungsteams
im Dorf. «Wir mussten ihnen die Liste letzte Woche schicken.
Vierzig von ihnen bekommen eine Spirale eingesetzt, und
die anderen sechzig, die ein Kind oder mehr haben, werden
sterilisiert.» Kong Wen hat drei Jahre in einer Textilfabrik in
Guangzhou gearbeitet, wo sie Reißverschlüsse in Hosen nähte. Fast jede Frau im Dorf trägt jetzt eine Lee-Jeans, die Kong
Wen mitgebracht hat. Als sie erfuhr, dass diese Maßnahmen
bevorstanden, gab sie ihrer schwangeren Schwester ein Empfehlungsschreiben mit einem offiziellen Stempel und riet ihr,
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nach Peking zu fliehen. Die Folge davon ist, dass sie während
der Durchführung der Maßnahme einen kleinen Posten als Archivarin bekommen hat, und am Ende wird sie wahrscheinlich
entlassen.
Yuanyuan kommt ins Haus. Sie riecht nach modrigem Kohl
und ist im achten Monat schwanger. Weil ihr Haus keine Grube
hat, benutzt sie den Gemüseschuppen ihrer Nachbarin als Versteck. Sie quetscht sich neben Meili aufs Bett und verkündet:
«Gerade habe ich eine Frau gesehen, die auf einem Baum sitzt.
Sie hat den Verstand verloren und weigert sich, wieder runterzusteigen. Sie sagt, ihr Baby sei da oben in den Ästen.» Yuan­
yuan ist mit Kong Wen nach Guangzhou gegangen, wo sie eine
Stelle in einer Applecomputer-Fabrik gefunden hat, und nach
der Geburt ihres Kindes will sie dorthin zurückkehren. Jetzt
sieht sie zu Kong Wen hinüber und sagt: «Als du zurückgekommen bist, hast du dich bei den Kadern eingeschmeichelt, weil
du gehofft hast, sie würden dich zur Dorfvorsteherin machen.
Und? Bist du jetzt etwa glücklich, dass du ihnen dabei hilfst,
unsere Babys umzubringen? Wir sind Nuwa-Frauen, wir sind
Abkömmlinge der Göttin Nuwa, die das chinesische Volk aus
der gelben Erde dieser Ebene geschaffen hat. Und jetzt will die
Regierung verhindern, dass wir Kinder bekommen! Wollen sie
die chinesische Rasse ausrotten?» Yuan­yuan ist die einzige Frau
im Dorf, die ein Paar kniehohe Lederstiefel besitzt. Eines Tages
möchte Meili auch solche Stiefel haben.
Die Dorfbewohner, die keinen Platz im Haus finden konnten,
stecken die Köpfe durch das geöffnete Fenster. «Auch Hunde
haben das Recht zu bellen, bevor sie geschlachtet werden!», ruft
einer von ihnen. «Kongzi, warum nimmst du die Sache nicht in
die Hand und sprichst für uns?»
«Ja, Kongzi!», sagt Kong Zhaobo zustimmend und fährt mit
der Hand über den Stehkragen seines schwarzen Pullovers. «Du
kannst gut reden und bist belesen, außerdem warst du immer
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schon rebellisch.» Als Kongzi neun Jahre alt war, zeigte sich
sein aufsässiges Wesen zum ersten Mal. Damals sangen alle
Kinder in der Schule: «Lin Biao und Konfuzius sind Halunken»,
und Kongzi änderte die Wörter ab und sang: «Konfuzius ist ein
Edelmann und ein Weiser», worauf man ihn zur örtlichen Polizeistation brachte. Dank der Beziehungen seines Vaters wurde
er am nächsten Tag wieder freigelassen, unter der Bedingung,
dass er einhundert Mal das Lied mit dem richtigen Text sang.
Kongzi heißt eigentlich Kong Lingming, aber nachdem er sich
so mutig für seinen Vorahnen eingesetzt hatte, nannten alle
ihn Kongzi, was der gebräuchlichere Name von Konfuzius ist.
Manchmal nennen sie ihn auch Kong Lao-er, was Kong der
Zweite Sohn bedeutet und der abwertende Spitzname ist, den
man Konfuzius in der Kulturrevolution gegeben hatte, oder sie
sagen einfach Lao-er, was auch «Schwanz» bedeutet. Im Laufe
der Zeit vertiefte sich sein Interesse an seinem Vorfahren, und
er wurde eine Autorität auf dem Gebiet von Konfuzius’ Leben
und Werk.
«Du hast Sunzis Kunst des Krieges studiert», sagt mit mürrischer Miene Kong Dufa. Sie ist Parteimitglied und mit dem
Dorfschatzmeister verheiratet. «Such dir einfach eine der sechsunddreißig Strategien aus und mach einen Plan.»
Kongzi hebt abwehrend die Hände hoch. «Nein, nein, ich bin
zwar Lehrer, aber ich habe keine formale Ausbildung. Ich bin
ein Mann vom Land, ein einfacher Bauer, der ein paar Bücher
gelesen hat, ich kann keine Ideen entwickeln …»
Meili, die unbedingt verhindern will, dass Kongzi sich an einem politischen Protest beteiligt, wirft ihm einen bedeutungsvollen Blick zu. Er bemerkt es nicht. Um seine Aufmerksamkeit
zu erregen, beugt sie sich vor und kneift Nannan, die auf dem
Schoß von Kongzis Mutter sitzt.
«Aua!», schreit Nannan. «Eine Maus hat mich gebissen,
Großmutter.»
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«Psst, Liebes», sagt Kongzis Mutter und reibt Nannans Arm.
«Hier, nimm ein Malzbonbon.»
«Nein, will Schokolade.» Nannan mag es nicht, wenn die
Malzbonbons an ihren Zähnen kleben. Die Tradition verlangt,
dass die Dorfbewohner dem Küchengott beim Frühlingsfest
Malzbonbons anbieten, damit er, wenn er dem Herrscher des
Himmels begegnet, den Mund nicht aufbekommt und keine
unvorteilhaften Worte sprechen kann.
«Ich habe gehört, dass Bauern nach Hexi geströmt sind, um
gegen die Maßnahmen zu protestieren», sagt Li Peisong. «Sie
haben das Familienplanungsbüro gestürmt und die Computer
und Wasserspender zertrümmert. Wir sollten heute Abend
heimlich das Dorf verlassen und uns ihnen anschließen.»
Während der Kulturrevolution war Li Peisong Leiter des Revolutionskomitees des Dorfes und wurde 1966 in die Provinz
Shandong geschickt, um den Roten Garden zu helfen, den
Tempel des Konfuzius in seinem Geburtsort Qufu zu zerstören.
In revolutionärem Eifer änderte er seinen Namen zu Miekong,
was «Vernichte Konfuzius» bedeutet. Aber dann, 1974, als die
Kampagne gegen Lin Biao und die Kritik an Konfuzius in vollem Gange war, vollzog sich in ihm ein Sinneswandel. Nicht nur
weigerte er sich, Konfuzius bei öffentlichen Versammlungen
zu denunzieren, er nahm auch wieder seinen alten Namen Li
Peisong an und heiratete eine Frau aus dem Kong-Clan. Inzwischen haben sie zwei Söhne. Der zweite, Kleines Dickerchen, ist
zwei Jahre alt, aber noch haben sie die Strafe für seine illegale
Geburt nicht abbezahlt.
«Was ist ein Wasserspender?», fragt Narbengesicht, ein Mann,
dessen Stirn von einer im Kindesalter erlittenen Verbrennung
entstellt ist. Er ist bettelarm und kann für die Schulbildung seiner drei Töchter nur bezahlen, wenn er Bohnen verkauft, die
mit Sand versetzt sind.
«Du weißt schon – die großen Plastikkanister, die in den Bü22
ros der Kader stehen, mit Mineralwasser, das angeblich Hunderte von Krankheiten heilen kann. Es kostet ein Mao pro Becher!» Der untersetzte Mann, Kong Guo, war letztes Jahr nach
Wuhan gegangen, um dort auf dem Bau zu arbeiten, wurde aber
festgenommen, weil er die nötige befristete städtische Aufenthaltsgenehmigung nicht hatte, bekam eine Strafe von zweitausend Yuan und wurde von der Polizei ins Dorf zurückgebracht.
«Sie vertrinken also einfach unser Geld», sagt der sanftmütige Mann, der jeden Morgen mit dem Fahrrad durchs Dorf
fährt und Eier einsammelt, um sie auf dem Markt zu verkaufen.
Seine Hände liegen zu Fäusten geballt auf dem Metalltisch.
Ein ungepflegt wirkender Bauer, der Wang Wu heißt, steht
auf, er kann seinen Zorn nicht länger bezähmen. «Sie verlangen zwanzigtausend Yuan für die illegale Geburt meiner beiden
Töchter. Ich habe ihnen gesagt, ich hätte nicht einmal genug
Geld, um Saatgut zu kaufen. Da haben sie ein Metallkabel um
den Mittelbalken von meinem Haus gelegt und das andere
Ende an ihrem Trecker festgemacht. Und als der Trecker losfuhr, zog er das Dach von meinem Haus weg. Was denken die
sich denn? Diese Mistkerle! Wo sollen wir jetzt wohnen?»
Plötzlich ist lautes Poltern und Lärmen zu hören, die Tore
werden aufgestoßen, und Bezirkspolizisten schwärmen in den
Hof, gefolgt von Mitgliedern des Familienplanungstrupps. Die
Frauen im Haus verziehen sich schnell in die Küche, die Männer eilen nach draußen. Bevor Wang Wu eine wütende Rede
halten kann, wird er zu Boden geworfen. Kongzis Vater stellt
sich auf einen Bambusstuhl und ruft: «Nicht kämpfen! Keine
Gewalt!»
Kong Qing drückt die Plastikschüssel mit seinem abgetriebenen Sohn an sich und brüllt: «Faschisten, Schlächter! Ich
werde mich rächen! Ein Leben für ein Leben!»
Der Alte Huan, Direktor der Familienplanungskommission
in Hexi, tritt hinter einem Polizisten hervor. «Ich warne dich,
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Li Peisong», sagt er und sticht mit dem Zeigefinger aggressiv
in die Luft. «Wenn du heute Abend nicht die restlichen neuntausend Yuan für die Geburt vom Kleinen Dickerchen bezahlst,
konfiszieren wir deinen Herd, die Töpfe und den Wok und reißen dein Haus ein!»
Kong Guo schiebt sich nach vorn und sagt empört: «Macht
doch! Wenn ihr unsere Häuser zerstört, ziehen wir einfach bei
euch mit ein.»
Die Polizisten nähern sich der Haustür und rufen: «Yuan­
yuan wurde gesehen, wie sie das Grundstück betrat. Wir müssen das Haus durchsuchen.»
«Wenn ihr reinkommt, schlage ich euch tot!», brüllt Kongzi
und schwingt das Spaltmesser über dem Kopf. Der Lehrer, der
jeden Morgen im grauen Nylonanzug mit einer schwarzen Aktenmappe zur Schule geht, ist nicht wiederzuerkennen. Doch
ist dies nicht das erste Mal, dass er sich zu einem Protest hinreißen lässt. 1989 ist er nach Peking gereist, um sich mit dem
Mann zu treffen, den er immer noch Lehrer Zhou nennt und
der während der Kulturrevolution als junger Mann aus der
Stadt nach Kong geschickt wurde und Kongzi in der Dorfschule
unterrichtete. Die beiden, Kongzi und Lehrer Zhou, waren zusammen mit den protestierenden Studenten durch die Straßen
Pekings marschiert, hatten Schriftbanner geschwenkt und in
Sprechchören Demokratie und Freiheit gefordert. Das öffentliche Bezirkssicherheitsbüro hat immer noch eine Akte mit detaillierten Angaben zu den subversiven Aktivitäten, an denen
sich Kongzi in dem Monat in der Hauptstadt beteiligt hat.
Im Hof, der nur teilweise asphaltiert ist, steigt die Erregung
unter den Menschen. Die Dorfbewohner bedrängen und schubsen sich gegenseitig und stoßen gegen den jungen Dattelbaum,
der von Bambusstöcken gestützt wird. Kinder und bellende
Hunde klettern auf den Haufen zerbrochener Backsteine in der
Ecke des Hofs, um dem Gemenge zu entkommen.
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Der Bezirksparteisekretär Qian, der Ranghöchste des
Trupps, tritt aus der Menge; er hat einen gedungenen Schlägertyp bei sich und ruft: «Kongzi, als Parteimitglied bist du zur
Unterstützung des Trupps bei der Durchführung seiner Aufgaben verpflichtet. Wenn du dich nicht einordnest, fliegst du
ins Gefängnis.»
«Wagen Sie es nicht, meinen Sohn zu bedrohen, Herr Qian»,
sagt Kongzis Vater mit ruhiger Autorität; er wirft seinen Zigarettenstummel auf den Boden und tritt ihn mit der Ferse aus.
«Verschwinden Sie vom Hof.»
Kongzi stellt sich neben seinen Vater. «Ja, das hier ist mein
Haus!», sagt er. «Das Zuhause einer Kong-Familie, hier treffen
die Kongs ihre Entscheidungen. Ich habe kein Verbrechen begangen. Verschwinden Sie also, und nehmen Sie Ihre miesen
Handlanger mit.»
«Willst du es drauf ankommen lassen?», sagt der kahl geschorene Mann, der zwei Tage zuvor Fang festgenommen hat.
«Wir begraben dich bei lebendigem Leibe.» Er gibt dem gedungenen Schlägertyp ein Zeichen, dass er Kongzi verprügeln soll.
Aber bevor der zuschlagen kann, hebt Kong Qing, der hinter
ihm steht, die Schüssel über den Kopf, brüllt, so laut er kann:
«Verdammte Bande!», und schmettert sie dem Mann auf den
Kopf. Im Handumdrehen packen die Dorfbewohner Backsteine und Schaufeln und greifen die Männer und Polizisten
an. Die Kinder, die auf der Grundstücksmauer sitzen, bewerfen
Parteisekretär Qian mit Steinen. In der Küche hockt Kongzis
Mutter mit den anderen Frauen und hält Nannan fest im Arm,
während Meili auf der Bettkante sitzt, die gefaltete Steppdecke
vor den Körper gedrückt und die Augen fest zugekniffen.
Kongzi hastet ins Haus und hilft Yuanyuan in das Versteck,
packt dann einen Spaten, rennt wieder raus und schlägt dem
Alten Huan damit auf die Schulter. Wang Wu, staubig und niedergerungen, holt mit einem Rechen aus, schlägt einem Polizis25
ten auf die Brust und ruft: «Sollen auch eure Häuser in Schutt
und Asche liegen.» Der kahlgeschorene Mann aus dem Trupp
packt Wang Wu und verdreht ihm den Arm hinter dem Rücken,
wird dann aber von einer Schaufel in den Rippen getroffen. In
plötzlich aufflackerndem Mut stürzt sich Xiangs dürre Mutter
auf einen Polizisten und beißt ihm in die Schulter. Der gedrungene Kong Guo nimmt einen Mann in den Schwitzkasten, ringt
ihn zu Boden und ruft: «Verdammt sei deine Mutter, du gemeiner Verbrecher.» Als den Eindringlingen bewusst wird, dass
sie in der Minderheit und unterlegen sind, fliehen sie in Panik.
Kong Zhaobo und Li Peisong entdecken den Alten Huan, der
wimmernd in einer Ecke sitzt, und befördern ihn ebenfalls auf
die Gasse hinaus.
«Verriegle das Tor, Meili!», sagt Kongzis Mutter, als alle fort
sind. Endlich macht Meili die Augen auf, nimmt ihre Taschenlampe und geht nach draußen. Die rot-goldenen Spruchbänder
vom Frühlingsfest, die sie auf beiden Seiten der Tür aufgehängt
hatte, sind zerrissen. Der junge Dattelbaum ist umgestoßen
worden, und Kong Qings abgetriebener Sohn liegt zertrampelt
auf dem Boden. Als in der Ferne ein Gewehrschuss knallt, verriegelt sie schnell das Tor, rammt einen Spaten dagegen und
läuft wieder ins Haus.
Draußen in der Gasse strömen aufgebrachte Dorfbewohner
mit Hacken und Spaten aus ihren Häusern und marschieren
auf die Schule zu, allen voran Kongzi und seine Schüler, die
mit Steinen und Stöcken bewaffnet sind. Als sie die Mauer um
die Schule erreichen, dreschen die Polizisten, die davor Wache
stehen, mit ihren Schlagstöcken auf sie ein.
«Lauf, Lehrer Kongzi», rufen die Kinder. Die Menschen
stieben auseinander. Kleines Dickerchen versucht mit seinem
Vater Li Peisong Schritt zu halten und hängt sich an dessen Jackenzipfel, aber er wird von den Fliehenden zu Boden gestoßen
und reißt seinen Vater mit sich. Aus einer von Norden ein26
mündenden Gasse nähert sich eine weitere Gruppe wütender
Dorfbewohner, über den Köpfen tragen sie die Leiche der alten
Schneiderin und rufen: «Jeder Mord muss gerächt werden!»,
und: «Gebt uns unser Eigentum zurück.» Hell erzürnt beim
Anblick der Toten, machen Kongzi und seine Schüler kehrt
und greifen die Polizisten am Tor an. Ein paar Jungen schieben
ein Bündel Stroh unter ein Polizeiauto und werfen brennende
Streichhölzer hinterher, derweil verscheucht Klumpfuß mit
seinem Stock einen Polizeihund. Die Frauen, die in der Schulküche eingesperrt waren, kämpfen sich den Weg zum Pausenhof frei, bewerfen die Männer vom Familienplanungsbüro mit
Stühlen und holen sich die Beutel mit Reis und Dünger wieder,
die in ihren Häusern beschlagnahmt worden waren. Der Polizist feuert noch einen Schuss ab, und die Frauen lassen die Säcke fallen und weichen zurück. Draußen in der Gasse umhüllt
schwarzer Rauch das Polizeiauto, das im nächsten Moment mit
einem ohrenbetäubenden Knall in einem Feuerball explodiert.
An den Flammen entzünden die Jungen Fackeln und werfen
sie über die Mauer in den Pausenhof. «Der Mann da ist von
der Familienplanungskommission!», ruft jemand. «Ihm nach!
Bringt ihn um! …»
Der Kindsgeist sieht abermals den Abend im Februar vor neun
Jahren, als das Dorf Kong zu einem Schlachtfeld wurde. Mutter ist
herausgekommen, um nach Vater Ausschau zu halten. Sie hat eine
weiße Daunenjacke an. Der Nordwind zerzaust ihr Haar. Als ein Gewehrschuss ertönt, sinkt sie auf die Knie und rollt sich, zitternd vor
Angst und Kälte, zu einem kleinen Ball zusammen … Ein hochrangiger Polizist in Uniform schaltet ein Megaphon an und ruft: «Leute im
Dorf! Wenn das explodierende Bevölkerungswachstum in China nicht
eingedämmt wird, leidet die ganze Gesellschaft. Unsere Nation wird
keine nachhaltige ökonomische Entwicklung zustande bringen und
den ihr zustehenden Platz in der Welt nicht einnehmen können. Deng
Xiaoping hat uns befohlen, wirkungsvolle Maßnahmen zur Senkung
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der Geburtenrate zu ergreifen. Ein Gegner der Familienplanungspolitik ist ein Gegner des Staates. Er ist ein Klassenfeind. Die Masse darf
sich nicht von einer kleinen Bande von Unruhestiftern manipulieren
lassen. Getreide und Möbel, die wir beschlagnahmt haben, sind jetzt
Staatseigentum. Vergreift euch nicht daran …» Flammende Fackeln
fliegen in den Pausenhof und setzen Türen, Aluminiumfensterrahmen
und Holzbalken, die aus den zerstörten Häusern entfernt wurden, in
Brand. Etwas weiter entfernt steigen unter einer Robinie Flammen
aus Haufen beschlagnahmter Schränke, Bücherregale, Kühlschränke,
Emailleschüsseln und präparierter Schweine. Einzelne Enten und
Hühner suchen in dunklen Ecken Zuflucht vor dem Lärm, während
die Familienplanungsbeamten hin und her rennen und panisch versuchen, die Feuer zu löschen. Draußen in der Gasse gehen erzürnte
Bewohner mit Rechen und Spaten gegen eine Parole vor, die in Weiß
auf der Grundstücksmauer aufgemalt ist und lautet: DURCHTRENNT
DIE EILEITER DER ARMUT, SETZT DIE SPIRALE DES REICHTUMS EIN.
Eine Lücke entsteht und wird immer größer, bis die Mauer einstürzt.
In Todesangst flüchten die Familienplanungsbeamten mittels einer
Leiter über die hintere Grundstücksmauer.
Mutter steht am Tor und sieht zu, wie die Dorfbewohner in den
Pausenhof strömen, die Haufen durchwühlen und ihre Spaten, Schüsseln und Stühle herausziehen. Eine dürre, zerbrechliche Frau wandert,
eine Küchenuhr an die Brust gedrückt, durch die Menge und ruft:
«Xiang, Xiang, wo bist du?» Zwei Jungen mit Militärmützen treiben
eine Schar Enten über die Steinhaufen der eingefallenen Mauer in die
dunkle Gasse hinaus. Mutter kann Vater nicht finden und eilt nach
Hause. Sie hält die Taschenlampe an sich gepresst und läuft durch
die baumlosen, vom orangeroten Glühen der Feuer erleuchteten Gassen. In einer Ecke, wo der Nordwind sich fängt, liegt ein Haufen alter
Schnee und darauf Hundekot und die roten Hüllen der Knallfrösche,
die beim Frühlingsfest abgebrannt wurden.