Das Pressefreiheit -Ranking von Reporter ohne Grenzen spiegelt

Legende zur Grafik
siehe Seite 4
K
asschlimmste Land der Welt in
Bezug auf Pressefreiheit ist Eritrea. "Wir untersuchen inzwischen
180 Länder, und seit Beginn unserer Erhebungen liegt Eritrea auf
dem letzten Platz unseres Rankings", sagt Rubina
Möhring, Präsidentin von Reporter ohne Grenzen (ROG) Österreich und langjährige Vizepräsidentin von Reporters sans frontieres international. "Eritrea ist ein Gefängnis in sich. Niemand
kommt hinaus, niemand kommt hinein, schon
gar nicht Journalisten. Es ist eine Diktatur und
noch undurchlässiger als Nordkorea. Eritrea ist
ein unheimlicher Staat." Die wenigen Informationen stammen von Flüchtlingen.
Im ROG-Ranking folgen von hinten Nord---korea, Turkmenistan, Syrien, China, Vietnam, der Sudan, der Iran und Somalia. Hier
zeigt sich, dass Diktaturen, beziehungsweise
gelenkte Demokratien, als Staatsform und Einschränkungen der Pressefreiheit in der Regel Hand
in Hand gehen. So liegt zum Beispiel Russland
nur auf Rang 152. "Die Bevölkerung wird dort fast
ausschließlich durch das Fernsehen informiert, und
das ist fest in regierungsfreundlicher Hand. Und
kritische Zeitungen wie die, owaja Gaseta' haben
einen so miserablen Verteiler, dass sie entweder gar nicht oder bestenfalls gebündelt einmal in der Woche ankommen."
Die Ukraine, nun schon seit Februar 2014 im
kriegerischen Konflikt mit Russland, ist auch nicht
D
viel besser. So wurden erst kürzlich Sanktionen
durch die Regierung gegen drei BBC-Mitarbeiter
nach heftigen Protesten aus Großbritannien wieder aufgehoben. Und derzeit findet ein medialer
Kampf mit Russland statt. Um dem gegenseitigen
Propaganda-Journalismus entgegenzuwirken, hat
Möhring ein OSZE-Projekt ins Leben gerufen,
das junge russische und ukrainische Journalisten in
Wien, also auf neutralem Boden, zusammenbringt.
Auch im Kaukasus kann aus Sicht von Reporter
ohne Grenzen von Pressefreiheit nach mitteleuropäischen Maßstäben keine Rede sein. "In Weißrussland etwa ist heuer unser ,Press Freedom Award'
ausgeschrieben, und es ist schwierig, Kandidaten
dafur zu finden, weil die Angst groß ist. Sehr viele
Journalisten sind ausgewandert und berichten jetzt
aus den Nachbarstaaten über ihre Heimat, weil sie
in Weißrussland selbst womöglich im Gefängnis
landen würden", sagt Möhring. Weiter südlich und
östlich ist es ähnlich. In Asien sind selbst in Südko-
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WIEN ER JOURNAL
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VEREINIGTE
STAATEN VON
AMERIKA
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Das Pressefreiheit -Ranking
von Reporter ohne Grenzen
spiegelt auch die politische
Lage von 180 Ländern
wider. Finnland führt, gefolgt
von weiteren europäischen
Industrienationen und
Ozeanien, während die
schlimmsten Diktaturen
und ärmsten Länder hinten
liegen. Es gibt aber da wie
dort auch überraschende
Ausreißer.
Text: Mathias Ziegler
2.10.2015
GROSSBRITANNIEN
PAPUA·NEUGUtNEA
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MADAGASKAR
AUSTRALIEN
REPORTER OHNE GRENZEN:
0""'",
Weltkarte der Pressefreiheit
Gute Lage
Zufriedenstellende Lage
Erkennbare Probleme
11
Schwierige Lage
11
Sehr ernste Lage
Finnland
rea und Japan Probleme erkennbar. "Und
Indien zum Beispiel liegt nur auf Platz
136, weil hier regional sehr viel Einfluss
auf die Medien ausgeübt wird. Der Konflikt mit Pakistan, Frauenpolitik, Vergewaltigungen, diese Themen wurden und
werden möglichst abgewürgt." Und auch
in Arabien ist man ebenso wie im Iran
nicht gerade zimperlich im Umgang mit
unliebsamen Journalisten.
In Süd- und Mittelamerika wiederum
regieren nach wie vor die Drogenkartelle.
In Mexiko zum Beispiel wird die Medienszene durch und durch von Kartellen
beherrscht und eingeschüchtert. Und wer
glaubt, dass Frauen an der Staatsspitze da
einen großen Unterschied machen, wird
in Brasilien und Argentinien eines Besseren belehrt. Uruguay und Belize bilden
in dieser Region positive Ausnahmen.
2.10.2015
Problematisch ist auch die Situation im
EU-Beitrittswerberland Türkei, wo viele
Journalisten nach dem Anti-Terror-Gesetz verurteilt wurden und eine Untersuchungshaft bis zu fünf Jahre dauert.
"Zeitungen, die auch nur annähernd regierungskritisch sind, werden bedroht und
Opfer von Übergriffen." Möhring hat
Hochachtung vor allen Kollegen, die in
diesen Ländern aktiv sind.
Die USA liegen im Banking
hinter Ghana und dem Niger
Interessanterweise findet sich auch einer
der stärksten Industriestaaten erst auf Platz
49: Die USA liegen hinter Staaten wie
Ghana, Botswana, dem Niger oder Kap
Verde. Gerade Afrika kann man nicht so
einfach über einen Kamm scheren, betont
Möhring: "Hier muss man weltpolitisch
aufpassen, dass diese besser gefestigten
Länder entsprechend unterstützt werden
und die Ausbeutungspolitik nicht dermaßen überhandnimmt, dass es zu einer Verelendung kommt. Denn dann droht eine
innenpolitische Radikalisierung, was auch
wieder die Pressefreiheit gefährdet." Eine
solche Entwicklung fiele letztlich auch
wieder auf Europa zurück, wenn irgendwann die nächste große Flüchtlingswelle
aus diesen Ländern käme. Durchwegs
positiv werden Australien, Ozeanien und
die meisten karibischen Inseln bewertet.
Und an der Spitze des ROG-Rankings
steht erwarmngsgemäß der europäische
Vorzeigestaat Finnland.
Europa und ein paar wenige Länder im
Rest der Welt als die Guten und viele,
viele andere als die Bösen - ist es >
WIENER JOURNAL
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>
wirklich so simpel? Nein, natürlich nicht, sagt
Möhring. Denn auch in Europa ist manches zu
kritisieren. "Wir wissen selbst, dass solche Rankings immer problematisch sind." Dass zum Beispiel Österreich auf Platz 7 liegt und Deutschland auf Platz 12, hängt auch mit dem Verhältnis
zu anderen Staaten zusammen. "Und nachdem
Deutschland zehnmal so groß ist, liegt es nahe,
dass es dort auch mehr Verstöße gegen die Pressefreiheit gibt als in Österreich. Wir haben auch zu
Beginn dieser Rankings lange darüber diskutiert,
inwieweit man die Weltregionen überhaup miteinander vergleichen kann. Denn es ist natürlich
ein Unterschied, ob in Eritrea Morde an Journalisten und rigorose Zensur zum Alltag gehören
oder in Österreich ein großes Unternehmen in
einer bestimmten Zeitung nicht mehr inseriert,
Einschränkungen der Pressefreiheit: stellen freilich alle diese Fälle dar.
Und es gibt auch gravierendere Verstöße innerhalb der EU. In Ungarn etwa ist die ituation der
Medien höchst problematisch, meint: die ROGPräsidentin. "Die öffentlich-rechtlichen ~ Iedien - Radio, Fernsehen und die nationale Nachrichtenagentur - sind jetzt in einer Hand Diese
gleichgeschaltete öffentliche Information ist nicht
im Sinne der Medienvielfult. Private Radiostationen, die für kritische Diskussionsrunden bekannt waren, haben große Schwierigkeiten bei der Lizenzverlängerung bekommen
und irgendwann nur noch Musik gespielr.. Dabei
ist das ein Nachbarland von Österreich. _-atürlich ist Demokratie schwierig, sagt i löhring, das
wissen wir in Österreich und Deutschland selbst
gut genug". Mitunter dauere es sehr lange, bis ie
in den Köpfen angelangt sei - und in manchen
komme sie nie an.
Politische Einflus nahnie
und PR-Journalismus
Und wie frei ist nun die Presse in Österreich tatsächlich? Kann ein Medium überhaupt unabbangig
sein? Dazu stellt Astrid Zimmermann, Genera1sekretärin des Presseclub Concordia, fest "Die Vorstellung von Pressefreiheit, wie sie die ConcordiaGründerväter hatten, war die, dass es keine Zensur
mehr gibt. Die gibt es in Österreich offiziell heute
nicht mehr. Aber man findet sehr wohl Ansätze
von implizierter Zensur. Einerseits gibt es sozusagen Scheren im Kopf und andererseits mehr oder
weniger deutliche Anweisungen, bestimmte Anzeigenkunden nicht zu verschrecken und die Berichterstattung danach zu richten. Das heißt, im Moment ist die Abhängigkeit so gut wie aller
heimischen Medien - selbst des öffentlichrechtlichen Rundfunks - von Inseratenkunden dermaßen groß, dass diese einen starken
Einfluss haben. Das bedroht die Unabhängigkeit
derzeit am meisten." Die zweite Abhängigkeit
sieht Zimmermann auf politischer Ebene. Hier
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WIENER JOURNAL
nimmt sie eine Veränderung wahr: "Früher hätte sich jeder Politiker gehütet, offen
zu intervenieren.
Heute rufen nicht nur die Pressesprecher
an und wollen Interviews umschreiben
lassen oder sogar zurückziehen, sondern
auch die Politiker selbst finden überhaupt
nichts dabei, das offen auszusprechen. Da
gibt es dann Aussagen von Ministern wie:
,\Vozu sollen wir die Presse fördern? Ihr
schreibt ja eh nur gegen uns.' Das heißt
im Klartext: ,Würdet ihr wohlwollend berichterstatten, würden wir euch mehr Geld
geben.' Und es passiert durchaus, dass ein
Minister einen Chefredakteur anweist,
eine andere Person mit der Berichterstattung zu betrauen, dass bestimmten Journalisten Interviews verweigert werden,
dass sogar offen darüber gesprochen wird:
,Der Bundeskanzler geht nicht zu Arrnin
Wolf in die ZiB2, weil er sich von dem
nicht vorfuhren lässt.' Und auch die Wirtschaft gibt ja zum Teil offen zu, dass sie
Inserate storniert, wenn ihr die Berichterstattung nicht passt." Die ConcordiaGeneralsekretärin spricht aber auch von
Chefredakteuren mit Rückgrat, die dem
widerstehen, "nicht alle, aber doch viele".
ROG- Präsidentin Möhring hat selbst erlebt, wie die Politik Medien mundtot machen wollte. "In den Wendejahren unter
Schwarz-Blau hat Jörg Haider unzählige
Medienprozesse gefuhrt. Die hat er zwar
alle verloren, aber so ein Prozess dauert,
bindet Ressourcen, kostet Geld. Da haben
sich viele Journalisten zweimal überlegt,
was sie schreiben." Sie selbst hat im September 2001, ein Jahr nach der Wende,
eine Bilanz mit dem Titel "Österreich
allein zuhause" herausgegeben. "Damals
haben die tollsten Leute kostenlos und
in Windeseile Beiträge geschrieben, aber
es hat sich kein einziger österreichischer
Verlag getraut, das Buch zu drucken."
Letztlich wurde die journalistische Abrechnung mit Österreichs schwarz-blauer
Regierung in Frankfurt am Main verlegt.
Als problematisch bezeichnet Alexander
Warzilek, Geschäftsfuhrer des Österreichischen Presserats, auch den Umgang mit
dem Amtsgeheimnis. "Die Verwaltung in
Österreich ist zu intransparent. Da wird
oft u.nter Berufung auf das Amtsgeheimnis abgeblockt, und statt dass man etwas
offiziell herausgibt, werden Informationen
unter der Hand bestimmten Redaktionen
oder Journalisten zugespielt. Da bräuchte
es stringentere Regeln." Er würde sich für
Österreich einen Informationsfreiheitsbeauftragten wie in Deutschland wünschen.
Außerdem findet es Warzilek höchst be-
2 10.2015
•.
sein, weil es zu einem Glaubwürdigkeitsverlust kommt. Kurzfristig haben die Medien vielleicht einen Vorteil, wenn sie auf
solche Deals eingehen. Aber das Publikum glaubt ihnen dann irgendwann nicht
mehr." Dass viele Kommunikationswissenschafter gar nicht mehr zu Nachrichtenmedien gehen, sondern gleich in die
PR-Branche, wundert die ROG-Präsidentin Möhring nicht: ,,Als meine Generation angefangen hat, war völlig klar, dass
wir alle einen Job bekommen würden.
Heute sieht das anders aus."
Die Prangerwirkung
des Presserats
"Eritrea ist ein unheimlicher Staat", sagt Rubina Möhring, Präsidentin von
Reporter ohne Grenzen Österreich, über das Schlusslicht im Ranking.
Foto: Moritz Ziegler
denklieh, dass der Staat und insbesondere
die Geheimdienste auch bei Journalisten
Daten sammeln.
Ein weiteres zunehmendes Problem ist
laut Zimmermann der sogenannte PRJournalismus:
Unternehmensinforrnationen, die in journalistischem Kleid daherkommen und nicht in werbetextlichem.
Das Fatale dabei ist, dass der Durchschnittsleser überhaupt keine Chance hat,
die PR als solche zu erkennen. Zimmermann nennt als Beispiel sehr affirmative
und werbliche Interviews, vor allem in
Gratisblättern, die in derselben Ausgabe
2.10.2015
erscheinen wie Inserate desselben Unternehmens. "Es steht aber nicht Werbung
drauf, sondern Zeitung." In den vergangenen Jahren haben sich allein am Wiener
Institut für Publizistik 16 Diplomarbeiten
mit solchen Einflussnahmen und Abhängigkeiten in verschiedenen journalistischen Bereichen befasst, berichtet Zimmermann. Auch der Presserat, der sich
als Selbstkontrollorgan der heimischen
Medienbranche sieht, ist immer wieder
damit befasst, berichtet Geschäftsfuhrer
Warzilek. "Diese Vermengung mit PR
wird langfristig der Tod des Journalismus
Neben dem PR-Journalismus beschäftigen den Presserat vor allem Beschwerden
bezüglich Persönlichkeitsschutz,
Diskriminierung von Randgruppen sowie
korrekte und gewissenhafte Recherche
und Wiedergabe von Nachrichten. Meist
wenden sich Leser, Betroffene, Vereine
oder Institutionen an den Presserat, der
den Hinweisen dann nachgeht. Im vergangenen Jahr wurden 238 Fälle untersucht und dabei 37 medienethische Verstöße festgestellt. Elf Fälle konnten in
Ombudsverfahren einvernehmlich gelöst
werden. Der Presserat umfasst drei Senate
mit jeweils elf Personen, die aus Journalisten von fast allen heimischen Medien
gebildet werden, den Vorsitz hat allerdings jeweils ein Jurist (auch die "Wiener Zeitung" stellt zwei Senatsmitglieder
- "Österreich" und "Heute" hingegen
haben niemanden entsandt, ein "Krone"Redakteur wurde von der Gewerkschaft
nominiert). Daneben gibt es derzeit zwei
Ombudspersonen sowie vierzehn Vertreter im Trägerverein, in dem die sechs
wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände zu finden sind. Alle Mitglieder
des' Presserats sind ehrenamtlich aktiv,
über die Presseförderung wird er mit jährlich 150.000 Euro unterstützt.
Die Urteile des Presserates haben in
erster Linie Prangerwirkung, erläutert
Warzilek. "Als privater Verein können
wir keine Sanktionen verhängen. Wir
grenzen uns auch bewusst von staatlichen
Institutionen ab, weil es dort um Medienrecht geht und bei uns um die weiter
reichende Medienethik. Wir zeigen auch
niemanden selbst an. Aber es schmerzt
natürlich schon, wenn man von unseren
Senaten - also von Leuten aus der eigenen Branche - öffentlich kritisiert wird.
Dass wir durchaus ernstgenommen werden, zeigt zum Beispiel, dass uns die >
WIEN ER JOURNAL
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Legende zur Grafik
siehe Seite 4
>
Tageszeitung ,Österreich' schon zweimal geklagt hat und damit gescheitert ist." Auch dass
der "Krone"- Kolumnist Michael Jeanee, der schon
ein halbes Dutzend Mal verurteilt wurde, mit dem
Presserat immer wieder Kleinkriege fuhrt, findet
Warzilek nicht schlimm. Im Gegenteil: "Wir halten auch polemische Kritik aus. Wir versuchen
selbst möglichst sachlich zu argumentieren. Mit
,Österreich', ,Heute' und der ,Krone' haben wir
auch schon einvernehmliche Lösungen gefunden.
Wir hätten sie auch gern in den Senaten. .Heute'
hat aber zuletzt abgelehnt."
Den Presserat in der jetzigen Form gibt es erst seit
2010. Es war eine Wiedergründung, nachdem der
1961 gegründete alte Presserat 2002 geschlossen
worden war - und zwar nachdem die "Krone"
laut Warzilek zuerst vor Gericht gegen den Presserat verloren und danach Druck auf die Träger
der Institution ausgeübt hatte. Der neue Presserat ist jetzt auch noch professioneller aufgezogen.
"Ein Grund fur den neuen Presserat war auch eine
EU-Richtlinie, laut der die Finanzmarktaufsicht
für die Beaufsichtigung der Finanzjournalisten
zuständig sein sollte, wenn es keine eigene Kontrolle gäbe - das wurde durch den Presserat verhindert." Concordia-Geschäftsfuhrerin Zimmermann, die auch Präsidentin des Trägervereins des
Presserats ist, betont dessen wichtige Funktion in
der heutigen Medienbranche, vor allem weil die
Medienrichter heute sehr unterschiedlich urteilen,
"das verstärkt die Unsicherheit". Hier versucht der
Presserat Leitlinien vorzugeben.
sich als Boulevardmedium an ethische
Grundsätze zu halten. Das funktioniert
schon. Ob man es will, ist halt eine andere Frage. Und wenn man sich die
Verurteilungen ansieht, sieht man eh,
wo es mehr Probleme gibt." Er will die
Boulevardzeitungen und die Gratisblätter nicht generell verteufeln, "weil
es gewisse Gruppen in der Gesellschaft
gibt, die die Medienbranche ohne sie gar
nicht erreichen würde".
Bezüglich der Trennung zwischen Boulevard- und Qyalitätsmedien gibt es
auch einige merkwürdige Phänomene.
Zum Beispiel stellte der Salzburger
Kommunikationswissenschafter Rudolf
Renger fest, dass die sogenannten Qyalitätsmedien in der Berichterstattung
über große Katastrophen oft boulevardesker - im Sinne von weniger sachlich,
informativ, faktenorientiert - agieren
als die Boulevardmedien. "Bei großen
Ereignissen gibt es also offenbar dort
Die Meit;lungsvielfalt ist
auch in Osterreich bedroht
Die besten Leitlinien nutzen aber wenig, wenn
sie von den Medien nicht beherzigt werden. Im
kleinen österreichischen Markt kommt noch
hinzu, dass so gut wie jeder jeden kennt und damit auch die Netzwerke der Einflussnahme sehr
engmaschig sind, meint Zimmermann: "Das bedroht letztlich nicht nur die journalistische Unabhängigkeit, sondern auch die Meinungsvielfalt.
Denn die ganze Idee unserer Medienlandschaft
beruht ja darauf, dass wir als Medienkonsumenten eine Auswahl bekommen und uns selbst
eine Meinung bilden. Und leider wird die
Auswahl heute immer kleiner. Zum Beispiel werden in Österreich laut einer Studie von Josef Seethaler von der Akademie
der Wissenschaften fur einen Wirtschafts artikel
im Durchschnitt nicht viel mehr als eine Person
befragt. Wie viele Positionen nehme ich da also
noch wahr? Und auch in anderen Bereichen werden immer dieselben Leute zitiert."
Besonders starke Einflussnahmen sieht sie in den
sogenannten Boulevardmedien. "Da gab es sogar
schon Chefredakteursverträge, die das dezidiert
beinhaltet haben." Warzilek betont dazu aber
auch: "Es ist nicht die Quadratur des Kreises,
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WIENER JOURNAL
"Auf lange Sicht schaden sich Medien
mit PR-Journalismus selbst", warnt
Alexander Warzilek, Geschäftsführer
des Österreichischen Presserats.
Foto: Moritz Ziegler
2.10.2015
---------\
"Man findet auch in Österreich
sehr wohl Ansätze von implizierter
Zensur", stellt Astrid Zimmermann,
Generalsekretärin des Presseclubs
Concordia, fest. Foto: Moritz Ziegler
kein fundiertes Wissen und keine Erfahrung, wie man damit umgehen soll",
stellt Zimmermann fest. Vor allem im
Umgang mit den Persönlichkeitsrechten
machen aus ihrer Sicht die Qualitatsmedien und auch der öffentlich-rechtliche
Rundfunk die gleichen Fehler wie der
oft kritisierte Boulevard. Wobei es in
der Zwischenzeit klare Gerichtsurteile
gibt, wonach die Verantwortung für die
Berichterstattung in der Redaktion liegt.
Da gelten auch keine Ausreden wie die
Schnelllebigkeit der heutigen Zeit, in
der Entscheidungen unter dem Konkurrenzdruck von Online- Medien und sozialen Netzwerken noch rascher gefällt
werden müssen.
Apropos Internet: Die Online- Berichterstattung tut das ihre dazu, dass Verletzungen der Persönlichkeitsrechte massiv
zugenommen haben. "Man darf nicht
vergessen, dass heute alles im Internet
sichtbar bleibt", sagt Zimmermann.
"Früher musste man händisch in einem
Zeitungs archiv graben. Heute geben Sie
auf Google einen Namen ein, und selbst
wenn Sie hundertmal vor Gericht Recht
bekommen haben, dass diese Berichterstattung falsch ist, sie scheint wieder auf.
Dieser Verantwortung und Sorgfaltspflicht sind sich die Medien aber immer
weniger bewusst, auch weil die Bereitschaft der Menschen, ihre privaten Dinge in Social Media zu veröffentlichen,
zugenommen hat. Aber vor allem bei
Menschen, die sich nicht dagegen weh-
2.10.2015
ren können, die keine Prominenten sind,
ist die Verletzung der Privatsphäre das
Schlimmste, was ein Medium anrichten
kann."
Das Internet spielt auch beim Presserat
eine immer größere Rolle. "Wir hatten
schon Fälle, in denen es darum gegangen ist, wie sich Medien auf Facebook
und Twitter verhalten haben", berichtet
Warzilek. Und der Ausgangspunkt der
meisten Fälle, die dem Presserat gemeldet werden, sind Artikel im Internet.
"Viele sind auch in der Printausgabe erschienen, aber Online-Texte sind natürlich niederschwelliger und leichter weiterzuleiten, da braucht man nur einen
Link in ein E-Mail zu kopieren."
Die guten und die bösen
Seiten im Internet
Generell ist das Internet ein zweischneidiges Schwert in der Medienlandschaft.
Denn einerseits hat sich dadurch schon
die Meinungsvielfalt erhöht - andererseits muss man aber auch schon fast
wieder von einem Wildwuchs sprechen,
in dem die Medienkonsumenten sich
zurechtfinden müssen. Denn welchen
Websites sie vertrauen können und welchen nicht, ist oft nicht so leicht festzustellen. "Selbst Wikipedia irrt sich
manchmal", warnt Zimmermann.
Was die kritischen Länder betrifft, so
ist das Internet wiederum ein Segen.
"Ohne Blogger und Online-Journa-
listen wüssten wir viel weniger über
Staaten wie Eritrea", sagt Möhring.
Freilich muss einem auch hier als Beobachter stets bewusst sein, dass oft ein
Gegencheck nicht möglich ist. Man
darf also nicht jede Information aus
dem Internet ohne zu hinterfragen für
bare Münze nehmen. Denn natürlich
versuchen die Regimes die Medien zu
manipulieren und arbeiten auch mit
pseudokritischer Propaganda. Aber zumindest Stimmungsbilder lassen sich
online gut ablesen.
Und für die Printmedien ist das Internet natürlich eine enorme Herausforderung, weiß Möhring. "Man sieht
aber auch, dass jene Printmedien, die
sehr früh auf diesen Online-Zug aufgesprungen sind, damit sehr vieles
ausgleichen können." Sie selbst hat
absolut kein Problem mit Bezahlseiten.
Im Gegenteil: "Klar, auch ich genieße
es, wenn ich alles am Vorabend gratis
im Internet lesen kann und mir nicht
mehr am nächsten Morgen die Printausgabe kaufen muss. Aber warum soll
man nicht für gut recherchierte Inhalte
etwas bezahlen? Da sind Menschen
dahinter, die davon leben müssen. Den
Konsumenten sollte bewusst sein, dass
auch das seinen Preis hat." Und es ist
ihr sympathischer als Websites, die
sich durch Werbung finanzieren - und
dadurch womöglich erst recht in wirtschaftliche Abhängigkeiten geraten.
Was sich aber ändern wird müssen,
ist der medienethische und -rechtliehe Umgang mit dem Internet, meint
Zimmermann. Besonders fatal findet sie, "dass offenbar bei vielen die
Meinung vorherrscht, für das Internet würden keine Gesetze gelten, was
natürlich nicht stimmt". Sie weist auf
die enorme Zunahme der Persönlichkeitsrechtsverletzungen, der schlecht
recherchierten
Geschichten
und
Falschmeldungen, der Hasspostings
hin. "Und es wird ein schmerzlicher
Lernprozess werden, dass wir auch Regeln fürs Internet brauchen. Und zwar
stärkere als die, die den Menschen jetzt
schon nicht bekannt sind."
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