Dietrich H a r t h
Gedächtnis und Erinnerung
Alle L e b e w e s e n sind um des Ü b e r l e b e n s willen auf eine biologische Merkfähig
keit angewiesen, die es ihnen ermöglicht, Wahrnehmungsreize zu „speichern", sie
in irgendeiner Form zu v e r a r b e i t e n und je nach Bedarf spontan zu wiederholen
oder „ a b z u r u f e n " . Von dieser genetisch v e r a n k e r t e n Merkfähigkeit unterscheidet
sich das, was unsere Sprache mit den Worten „ E r i n n e r u n g und Gedächtnis" und
was a n d e r e europäische Sprachen mit Vokabeln b e n e n n e n , die von dem lateini
schen Wort memoria abgeleitet sind, das seinerseits von griechisch mneme ab
stammt. In allen Fällen verweisen die W ö r t e r auf innere, sei es spontane, sei es
willentliche D e n k und Vorstellungstätigkeiten, die sich allerdings im Unterschied
zu a n d e r e n kognitiven bzw. imaginativen A k t e n auf zeitlich f r ü h e r e Wahrneh
m u n g e n oder G e d a n k e n beziehen und das M o m e n t der Wiederholbarkeit (iteratio) einschließen. „Schon unsere Sprache gibt dem Gedächtnis", notiert Hegel in
der „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften", „die h o h e Stellung der
u n m i t t e l b a r e n Verwandtschaft mit dem G e d a n k e n " (§ 464).
In der europäischen Ideengeschichte ist das E r i n n e r u n g s v e r m ö g e n sehr früh
als anthropologisches Apriori, nämlich als eine Bedingung der praktischen wie
theoretischen E r f a h r u n g verstanden worden und zählt insofern auf allen Stufen
der Tradition zu den allgemein a n e r k a n n t e n Voraussetzungen des leiblichgeisti
gen Retentionsvermögens. Im Dialog „ M e n o n " (80a82a) läßt Piaton durch Sokrates den Beweis f ü h r e n , alles E r k e n n e n sei W i e d e r e r i n n e r n (anämnesis). D e r
Piatonschüler Aristoteles diskutiert in der kleinen Schrift „De m e m o r i a et remi
niscentia" ausführlich Funktion und Leistung des E r i n n e r u n g s v e r m ö g e n s im Ver
hältnis zur W a h r n e h m u n g und zum D e n k e n . Seine vermögenspsychologisch grun
dierten Ü b e r l e g u n g e n geben f ü r J a h r h u n d e r t e den Ton in der einschlägigen Theo
riebildung an. Ihre Quintessenz gerinnt zu folgenden Aussagen:
„ G e d ä c h t n i s " (memoria) und „ E r i n n e r n " (reminiscentia) verhalten sich zuein
ander wie das langsamere (animalische) zum schnelleren (intelligenten) Be
halten (449b), anders gesagt: wie das passive A f f i z i e r t w e r d e n der Sinne zu den
aktiven B e w e g u n g e n des D e n k v e r m ö g e n s (453a).
W a h r n e h m u n g bezieht sich auf Gegenwärtiges, Voraussicht auf Zukünftiges,
G e d ä c h t n i s auf das Vergangene; allein das Gedächtnis stimmt mit dem
Zeitsinn überein (449b, 451a).
Voraussetzung für das E r i n n e r n ist der Eindruck, den eine f r ü h e r e „Wahrneh
m u n g " oder „ M e i n u n g " als „ A f f e k t i o n " oder „Habitus" im Subjekt hinterlas
sen hat; eine Spur, die sich in die Seele einzeichnet wie das Bild ins Wachs
„beim Siegeln mit d e m R i n g e " (450a).
Das f r ü h e r W a h r g e n o m m e n e sowohl wie das f r ü h e r G e d a c h t e werden eidetisch
erinnert, will sagen: O b j e k t der E r i n n e r u n g sind Vorstellungsbilder (phantäsmata), nicht der Reiz, die Sache oder das vorige G e d a c h t e selbst (450a). „Hier
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aus sieht man, welchem Teil oder Vermögen der Seele das Gedächtnis ange
hört, demselben nämlich wie die Phantasie" (450a).
Es gibt ein spontanes und ein suchendes E r i n n e r n . D a s letztere läßt sich durch
technische Verfahren schulen, die in der Topik, d. h. in der rhetorischdialekti
schen Heuristik (inventio), entwickelt worden sind: z. B. die methodische Su
che nach den „Orten/Plätzen" (töpoi/loci), deren sequentielle Folgen „feste
(mnemotechnische) O r d n u n g e n " bilden. Beispiele sind mathematische und al
phabetische Reihen, aber auch Schlußfolgerungen im Sinne logisch struktu
rierter Satzreihen.
Das aristotelische Konzept warf P r o b l e m e auf, die in der Folgezeit immer wieder
Gegenstand erinnerungsträchtiger Reflexionen geworden sind. Die in Punkt 5 an
gesprochene mögliche Disziplinierung des E r i n n e r u n g s v e r m ö g e n s hat zumindest
zwei Seiten. Z u m einen zeigt sie Verwandtschaft mit der Form rationaler Urteils
bildung, zum andern erinnert sie an die in der sophistischen R h e t o r i k ausführli
cher b e h a n d e l t e n technischen G r u n d l a g e n jener ars memorativa ( = M n e m o n i k ) ,
die, vermittelt über römische, spätantike, mittelalterliche und humanistische
Schriftkundige, in das neuzeitliche Wissenschafts und Bildungssystem eingewan
dert sind (Yates 1990; Bolzoni 1991; C o l e m a n 1992). D a s Christentum verstand
sich nach dem A b e n d m a h l s w o r t „Tut dies zu m e i n e m Gedächtnis!" (Paulus,
1. Kor. 11, 24) als Erinnerungsgemeinschaft, und die alte M e t a p h o r i k des Ein
schreibens hat sich, gestärkt durch die normative M n e m o n i k der religiösen Buch
kultur, als geschichtsmächtiges I n t e r p r e t a m e n t durchgesetzt. Die m a ß g e b e n d e n
technischen Regeln für das Training sowohl der memoria als auch der korrelativ
mit ihr v e r b u n d e n e n inventio, die beide in den Dienst s c h r i f t b e w a h r e n d e r und
auslegender Tätigkeiten traten, stammten aus Ciceros „ D e inventione" und aus
der Rhetorik des sogenannten Auetor ad H e r e n m i u m . „La m e m o r i a " , schrieb
1613 der Spanier Juan de A r a n d a , „es un escribano que vive d e n t r o del h o m b r e "
(Rossi 1991, S. 35). Dieses Sinnbild kennzeichnet eine für die Neuzeit charakteri
stische Verschiebung von der passiven zur aktiven F u n k t i o n des Gedächtnisses.
Es löst den Topos vom Siegelringabdruck im Wachsblock ab, der seit Piaton
(Theaetet, 191cd) und Aristoteles in Umlauf war, um eine angeblich unvermittel
te Einwirkung der sinnlichen Perzeption auf den seelischen R e z e p t o r zu um
schreiben.
Die starke Gewichtung des r e p r o d u k t i v e n Gedächtnisses in der rhetorisch
f u n d i e r t e n M n e m o n i k hat jenen T h e o r e t i k e r n keine R u h e gelassen, die mit der
Suche nach dem Schöpferischen dem nachspürten, was im cartesianischen Sinne
dem Einschreiben bis dahin ungedachter, eben n e u e r Zeichen auf der absicht
lich gelöschten Gedächtnistafel {tabula rasa) entsprach. Das Imitationsprinzip in
der künstlerischen und literarischen Ausbildung hielt sich bekanntlich weitge
hend an die mnemotechnischen Regeln der Iteration. Aristoteles hatte zwar zwi
schen dem niederen (langsamen) und dem h ö h e r e n (schnelleren) Gedächtnis
bzw. E r i n n e r u n g s v e r m ö g e n unterschieden und die Einbildungskraft an der Er
zeugung r e p r o d u z i e r b a r e r Vorstellungsbilder beteiligt; die den normativen A n
spruch des mimetischen Gedächtnisses um eines N e u e n willen ü b e r w i n d e n d e
schöpferische Spontaneität lag aber a u ß e r h a l b seines Gesichtskreises. D a m i t war
ein christlicher, von der Schöpfungstheologie geprägter Aristoteliker wie der ehe
malige R h e t o r i k l e h r e r Augustinus nicht zufrieden. E r stieß z. B. bei seiner Selbst
befragung im 10. Buch der „Confessiones" auf das irritierende Prinzip, daß selbst
das Vergessen im Gedächtnis behalten werde (memoria retinetur oblivio). Dieses
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E r i n n e r n des Nicht-Erinnerns wird ihm zum Ausgangspunkt f ü r eine Selbstverge
wisserung, die mit Hilfe der r e p r o d u k t i v e n E r i n n e r u n g SelbstVergessenheit aus
schließt, aber zugleich an die G r e n z e n der Ichtransparenz und damit auf das
stößt, woran j e d e endliche W a h r n e h m u n g und E r k e n n t n i s scheitert. Diese Grenze
zu überschreiten, ist nach Augustinus gerade nicht mehr Sache der Erinnerung,
sondern allein des Willens (voluntas), der die Seele davon abbringt, allein in sich
selbst zu „lesen". Die A n n ä h e r u n g an das absolute Prinzip der Schöpfung, an
Gott, folgt d e m n a c h einem Weg, der das Gedächtnis durchquert, um es hinter sich
zu lassen (De Trinitate XI).
Die N e u b e w e r t u n g der schöpferischen Potenz in allen (mechanischen, sprach
lichen, ästhetischen) K ü n s t e n nach d e m Siegeszug der N e u e n Wissenschaften
unter der Flagge Bacons, aber auch Vicos schien nur im Zerschneiden des ari
stotelischen O r g a n o n möglich: Petrus R a m u s t r e n n t e die Phantasie, Montaigne
den Intellekt, D i d e r o t die Vernunft vom Gedächtnisvermögen (Rossi 1991,
S. 49 ff.; D i d e r o t , E l e m e n t s de physiologie, Kap. X X X I I ) . Was das Erinnerungs
v e r m ö g e n , der „innere Schreiber" Arandas, in „Zeichen", „Bildern", „Inschrif
t e n " festhält, das ist in der sensualistischen Perspektive John Lockes die not
wendige Voraussetzung f ü r alles D e n k e n , Urteilen und E r k e n n e n gerade auch im
Sinne neuer Einsichten und E n t d e c k u n g e n . O h n e Gedächtnis (memory) wäre das
B e w u ß t s e i n leer, hätte die Reflexion, die Locke mit d e m E r i n n e r n (remembrance)
gleichsetzt, keine G e g e n s t ä n d e . Auch wenn die Vorstellungsbilder (ideas) dem
Gedächtnis in „verblassenden F a r b e n " eingeschrieben sind, der Geist hat die
Macht, sie aktiv e r i n n e r n d wieder ins Bewußtsein zu rufen. G e n a u auf dieser re
t e n t i o n a l r e p r o d u k t i v e n Fähigkeit b e r u h t aber, was Locke an Beispielen aus der
M a t h e m a t i k und N e w t o n s Physik belegt, die Möglichkeit, eine „vergangene Er
k e n n t n i s " wiederzubeleben, um sie zur G r u n d l a g e n e u e r Erkenntnisse werden zu
lassen ( A n Essay Concerning H u m a n U n d e r s t a n d i n g II, 10.5; IV, 1.9).
D e r Fortschritt positiven Wissens wird bald durch systematisches Vergessen er
kauft, da j e d e wissenschaftliche Revolution mit der dogmatischen Setzung eines
N e u a n f a n g s das v o r h e r g e h e n d e Wissen entwertet. In Literatur und Künsten, die
mit d e m Fortschritt nicht v e r r e c h e n b a r sind, ä u ß e r t e sich die im N a m e n der Neu
heit vollzogene A b w e n d u n g von der Autorität des traditionellen Gedächtnis und
Imitationsprinzips in der Figur des Genies, von dem Lessing, stellvertretend für
viele Zeitgenossen, b e h a u p t e t e , es v e r d a n k e seinen R e i c h t u m nicht dem „erwor
b e n e n Vorrat seines Gedächtnisses, sondern ... seinem eigenen G e f ü h l " ( H a m b u r
gische D r a m a t u r g i e , 34. Stück). Gedächtnis steht hier f ü r die Autorität des Tra
dierten. Wie diesem die Macht zu n e h m e n sei, w u r d e in der „Psychologia empiri
ca" Christian Wolffs mit Hinweis auf die produktive Freiheit der E r f i n d u n g s k r a f t
(facultas fingendi) b e a n t w o r t e t , die das G e g e b e n e (die ü b e r k o m m e n e n Muster)
d e k o m p o n i e r t , um durch spontanes U m s c h r e i b e n bzw. kombinatorisches U m
s truktu r i e r e n etwas Neues zu schaffen (§ 149).
Die durch die aufgeklärte Traditionskritik unterstützte A b k o p p e l u n g der (mo
d e r n e n ) G e g e n w a r t von der Vergangenheit hat die Frage nach der Emanzipation
des Bewußtseins von der n o r m a t i v e n Macht des Gedächtnisses verschärft. Wolffs
„Psychologia empirica" (§§ 144, 204) hielt an der Macht der Ars mnemonica fest,
w ä h r e n d er gleichzeitig die facultas legendi als eine vom Gedächtnis relativ unab
hängige Form kreativen U m g a n g s mit den von der Einbildungskraft erzeugten
Bildern (phantasmata) beschrieb. Kant verwarf in der „ A n t h r o p o l o g i e " (l.Teil,
§ 34) die ars mnemonica unter Hinweis auf die b e w u ß t e Willkür des Gedächtnis
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Vermögens bei der R e p r o d u k t i o n f r ü h e r e r Vorstellungsbilder. Hegel verspottete
das „ G e r e d e vom A u f b e w a h r e n der b e s o n d e r e n Vorstellungen in b e s o n d e r e n Fi
bern und Plätzen'1 (Enzyklopädie § 453). E r interpretierte die „ E r i n n e r u n g " als
ein InBeziehungSetzen zwischen den im „nächtlichen Schacht" der Innerlich
keit a u f b e w a h r t e n Bildern und jener Anschauung, durch die das d e n k e n d e Ich
verallgemeinernd von dem Besitz ergreift, was ihm äußerlich ist. E r faßt das Ge
dächtnis, im Unterschied zur E r i n n e r u n g , als „ Ü b e r g a n g in die Tätigkeit des Ge
dankens, der keine B e d e u t u n g m e h r hat", der bildlos und d a h e r o h n e Inhalt ist
(§ 464). In der Bestimmung der Leitbegriffe „ E r i n n e r u n g und G e d ä c h t n i s " als
formelle, von j e d e m bestimmten Inhalt freie Bedingungen der Geschichtsre//e;d
on wehrt sich Hegels Philosophie gegen j e d e n von der Tradition a u s g e h e n d e n in
haltlichen Autoritätsanspruch, o h n e die zur Geschichte g e w o r d e n e Tradition je
n e m P a r a d o x o n aktiven Vergessens auszuliefern, das Nietzsches Angriff auf die hi
storische Bildung in der „Zweiten U n z e i t g e m ä ß e n B e t r a c h t u n g " , „Vom Nutzen
und Nachteil der Historie f ü r das L e b e n " , propagiert hat.
Es ist bemerkenswert, daß Hegels Gedächtnistheorie durch die B e f u n d e der
wissenschaftlichen Neurophysiologie gestützt wird. W ä h r e n d die empirische Psy
chologie noch am Modell des Informationsspeichers festhält (Baddeley 1986),
konzentriert sich die H i r n f o r s c h u n g auf die formellen Struktureigenschaften der
R e t e n t i o n und R e p r o d u k t i o n . D a sich das Gedächtnis im menschlichen G e h i r n
nicht lokalisieren läßt, sucht sie die Erinnerungsleistung aus d e m Z u s a m m e n s p i e l
aller b e k a n n t e n H i r n f u n k t i o n e n zu erklären (Rosenfield 1988). Die A n n a h m e ei
nes solchen Zusammenspiels widerspricht der Isolierung eines einzigen, genau
b e s t i m m b a r e n Gedächtnisfeldes. Was wir „ G e d ä c h t n i s " oder „ E r i n n e r u n g " nen
nen, ist daher weder von der körperlich vermittelten R a u m noch von der sprach
lich vermittelten Z e i t w a h r n e h m u n g noch von der begrifflichen Kategorienbil
dung (Verallgemeinerung) zu trennen. Wie das Ich seine Identität im Fluß der Er
f a h r u n g e n und in der I n t e r a k t i o n mit a n d e r e n ständig reorganisiert, ebenso ver
ändert sich die „dynamische S t r u k t u r " des Gedächtnisses bei j e d e m Wahrneh
mungsreiz stets aufs n e u e (Rosenfield 1992, S. 14 ff.). Bewußtsein und E r i n n e r u n g
bilden in dieser Perspektive eine flexible Einheit. D e r A k t des E r i n n e r n s gilt ihr
worauf die Semantik von „Gedächtnis", „ G e d e n k e n " und „Innerlichmachen"
hinweist als Form einer zugleich rezeptiven und kreativen Retentions und
Kombinationsleistung kognitiver sowie imaginativer O p e r a t i o n e n . Die entspre
chenden Kombinationszüge beziehen sich zwar auf kontextualisierte Wahrneh
mungen, doch „speichern" wir gerade nicht irgendwelche „Wahrnehmungsbilder'1,
sondern e r k e n n e n , im Vollzug des in wechselnden Kontexten proteisch sich wan
delnden Erinnerns, die Kategorien wieder, die w ä h r e n d zeitlich f r ü h e r e r E r f a h
rungen ausgebildet worden sind: „ O u r recognition of paintings or of people is the
recognition of a category, not of a specific item. People are never exactly what
they were m o m e n t s before, and objects are never seen in exactly the same way"
(Rosenfield 1988, S. 159).
Bleibt die Frage, ob diese B e o b a c h t u n g e n , die der traditionellen, von der Be
ziehung zwischen G e f ä ß (Speicher) und Inhalt ( I n f o r m a t i o n ) ausgehenden Theo
rie eine offene SchemaStruktur des persönlichen Gedächtnisses vorziehen, auch
für das Geltung besitzen, was Begriffe wie „kollektives", „historisches" oder
„kulturelles Gedächtnis" umschreiben. Zunächst ist festzuhalten, daß die Entste
hung der Geschichte als Gedächtniswissenschaft im Sinne von methodisch kon
trollierten Archivierungs, Konservierungs und Aneignungstechniken mit der
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Evolution j e n e r modernen, komplexen Gesellschaften zusammenfällt, die anders
als patrimonial strukturierte G e m e i n s c h a f t e n ein reflektiertes Verhältnis zum
Vergangenen besitzen. Es mag sein, daß sich das kulturelle, zunächst auf Mytho
gramme, Riten und orale Traditionen, in den Hochkulturen dann auf Schrift und
schließlich auf a n d e r e technische bzw. elektronische Informationsspeicher ge
stützte Gedächtnis kollektiver Lebenswelten als eine stets komplexer w e r d e n d e
„Exteriorisierung" des Kortex interpretieren läßt ( L e r o i G o u r h a n 1988, S. 321 f.).
Mit d e m Reflexivwerden der E r i n n e r u n g im Hegeischen Sinne ist diese in Analo
gie zur W e r k z e u g e r f i n d u n g konstruierte H y p o t h e s e nicht zu vereinbaren. Indes
sen gibt die Philosophie in der Vermittlung von Vernunft und Geschichte zu
verstehen, d a ß mit dem G a n g der Geschichte auch das historische Gedächtnis in
die Zuständigkeit aktiven Handelns, hier des wissenschaftlich konstruierenden
Denkens, fällt.
Das vergangene G e s c h e h e n kann nur historische E r i n n e r u n g werden, schreibt
D r o y s e n Mitte des 19. Jahrhunderts, wenn es „aus seiner Äußerlichkeit in den
wissenden Geist und in dessen Kombinationen verlegt ist" (Droysen 1977, S. 8).
Die historische E r i n n e r u n g ist also nicht gegeben. Was vom Vergangenen da ist,
bedarf, da es in Bruchstücken vor Augen liegt, des methodischen Verstehens (der
I n t e r p r e t a t i o n ) , um E r i n n e r u n g , nämlich sinnhafte „Totalität" zu werden. Wie
Hegel geht es auch D r o y s e n um die Freiheit vom Ü b e r k o m m e n e n , und ähnlich
wie der Philosoph begreift er die historische E r i n n e r u n g als eine Gestalt der Re
flexion: „Erst mit der Reflexion, in der wir es (das ü b e r k o m m e n e , unfreie Wissen)
als vermitteltes e r k e n n e n , trennen wir es von uns selbst; die e r k a n n t e Tatsache
der Vermittlung ist die E r i n n e r u n g ; und diese E r i n n e r u n g trennen wir von uns
selbst ... Erst damit beginnen wir, frei in uns selbst zu sein und mit dem, was un
mittelbar unser Inhalt war, schalten zu k ö n n e n " (Droysen 1977, S. 107). Das histo
rische Gedächtnis ist d e m n a c h kein naturwüchsiges M n e m o t o p , in dem alles sinn
voll geordnet und a b r u f b a r beieinander liegt. Es entsteht erst dann als ein „Ge
d a n k e n b i l d " und wird f ü r die G e g e n w a r t zur begriffenen, also geistig „lebendigen
E r i n n e r u n g " , wenn es j e n e r methodischen R e c h e r c h e u n t e r w o r f e n worden ist, de
ren wissenschaftliche G r u n d l a g e n D r o y s e n s „Historik" Schritt für Schritt entfal
tet. Weder ist das historische „ F a k t u m " noch ist die „Totalität" der Geschichte ge
geben. Beides ist abhängig von einer konstruktiven Arbeit, die in zweifacher
Bahn verläuft: in der Bahn der theoriegeleiteten Forschung und in der Nieder
schrift der historischen Darstellung.
Tradition erscheint unter den Bedingungen wissenschaftlicher Geschichtskon
struktion nicht m e h r als M o m e n t einer u n g e b r o c h e n e n , auf D a u e r gestellten
Kontinuität, sondern als eine Leitidee, unter deren F ü h r u n g die Bruchstellen,
über die hinweg Sinn „ g e t r a g e n " werden soll (tradere in der U r s p r u n g s b e d e u t u n g
von transdare), ins grelle Licht rücken. D e n n die Bruchstellen sind, wie die inne
ren Widersprüche in einem Text, die Orte, an denen die Fragen aufgestellt sind,
die der I n t e r p r e t zu b e a n t w o r t e n sucht. Droysens Begriff der „Totalität", der auf
den Sinn der Geschichte zielt, ist d a h e r so abzuwandeln, daß auch die v e r p a ß t e n
G e l e g e n h e i t e n als erinnernswerte Möglichkeiten unter ihn fallen. Die fragmenta
rische Synthese des historischen Gedächtnisses entsteht, mit den Worten Paul Ri
coeurs, aus der dialektischen Bewegung zwischen „Sedimentierung" (continuite)
und „ I n n o v a t i o n " (dis continuite) (Ricoeur 1985, S. 395 ff.). Die E r i n n e r u n g spielt
in diesem Prozeß das A m t des Vermittlers. Tradition, so auf A b s t a n d gebracht,
steht dann vielleicht als ein neuartiges theatrum memoriae, nämlich als ein R e p e r
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toire von Geschichten zur Verfügung, über dessen Auswahl sich eine soziale
G r u p p e verständigen kann, um dem narrativen K e r n ihrer politischen und kultu
rellen Identität das zuzurechnen, was sie f ü r gut hält.
In komplexen Gesellschaften hat das historische Gedächtnis seine normative
Geltung eingebüßt. Es deckt sich nicht m e h r mit d e m Gedächtnis des Kollektivs.
Der Soziologe Maurice Halbwachs hat diesen B r u c h in den 20er Jahren regi
striert und die identitätsbildende K r a f t des kollektiven Gedächtnisses als „Tradi
tion" von der Geschichte, die „an d e m Punkt beginnt, an d e m die Tradition auf
hört", unterschieden (Halbwachs 1985, S. 66). Ihm war durchaus bewußt, daß die
z u n e h m e n d e soziale D i f f e r e n z i e r u n g auf das kollektive Gedächtnis einen p e r m a
nenten Anpassungsdruck ausübt, und er hat sich nicht gescheut, die vom Kollek
tiv diesem unterstellte Beständigkeit als Illusion zu bezeichnen (Halbwachs 1985,
S. 76, S. 163). Wenn aber das kollektive Gedächtnis eine imaginäre Struktur be
sitzt, die sich, d e m D r u c k beschleunigter gesellschaftlicher und kultureller Diffe
renzierungen nicht Stand haltend, in i m m e r k ü r z e r e n A b s t ä n d e n d e k o m p o n i e r t
und unter a n d e r e n Vorzeichen wieder a u f b a u t , dann sind umso m e h r die Wissen
schaften der historischen Gedächtniskonstruktion (unter Einschluß der Allge
mein, der Kultur und Alltagsgeschichte) gefordert, das r e t t e n d zu b e w a h r e n , was
im Rausch des Wandels verloren zu gehen droht.
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