der schmale Grad

Manfred Ninio-Perschy
Der schmale Grad
Band 1, Nr.1
Der schmale Grad
Ich vermisse dich
Manfred Ninio-Perschy
Zur lieben Erinnerung an meine Großmutter
Elisabeth Janosch – T 2014
Impressum
© 2015 Manfred Ninio-Perschy
Alle rechte liegen alleine beim Autor
Hallo meine liebe Karin,
heute habe ich etwas schreckliches
gesehen. Als ich in der Früh aus meinem
Fenster raus sah, nachdem ich von
einem Ohrenbetäubenden Lärm aus
schreien und einem lauten Knall von
meinem Frühstuck aufgeschreckt
wurde, sah ich wie ein kleines Kind am
Boden lag und der Fahrer sowie die
Mutter und andere Passanten über Sie
gebeugt waren und hektisch Sie
abtasteten und herum taten. Durch den
blick aus meinem Fenster konnte ich
nicht genau erkennen wie schwer Sie
eigentlich verletzt war. Ich wollte
eigentlich nicht hinsehen und doch war
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ich wie erstarrt. Das wird mich heute
noch den ganzen Tag begleiten. Wie
geht es dir? Und was machst Du so
heute? Gib mir Bescheid wann wir uns
wieder treffen können. Vermiss
dich…bis bald.
Nun ist es ein paar Tage vergangen
seitdem ich dir geschrieben habe, leider
habe ich noch keine Antwort von dir
erhalten. Was tut sich und wo bist Du
gerade…vergiss mich nicht…Liebe
Grüße und einen Kuss für dich…
Meine liebe Freundin,
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ich schreibe dir da ich jetzt schon mehr
als eine Woche nichts mehr von dir
gehört habe, es macht mich ein wenig
traurig und ich versteh nicht ganz ob
ich dich beleidigt, enttäuscht oder Du
nur meine Briefe nicht erhalten hast.
Ich hab die Adressen mehrmals
verglichen heute, es ist die, dir wir
ausgetauscht haben bevor du von hier
weggegangen bist. Meiner Meinung
nach sollten die bei dir angekommen
sein und ich verstehe nicht wieso Du
dich nicht mehr meldest. Na ja, ich weiß
du hast viel zu tun seitdem du
Umgezogen bist, ich würde dich auch
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gerne mal demnächst besuchen, wann
hast Du Zeit? Ich vermisse schon ganz
schön unsere Gespräche, die Nähe zu
dir, deine Wärme. AM Telefon bist ja
auch nicht erreichbar! Warte, da läutet
es an der Tür…
„Tobias? Bist du zuhause?“. Die Stimme
die ich an der Tür vernahm kannte ich
sehr gut, es war Karins Mutter. Karins
Mutter?, das gibt’s doch nicht ich
schreib ihr gerade einen Brief, dachte
ich mir und öffnete die Türe. „Hallo
Margot, du da?“ Sagte ich überrascht
aber auch verwundert. Eigentlich freute
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es mich sehr und doch war mir da ein
unwohlbehagen als ich Sie sah. Sie sah
mich mit versteinerter Miene an und
fragte ob Sie rein durfte. Na klar dachte
ich, und zugleich sagte ich es auch. Ich
bat Sie in mein kleines aber feines
Wohnschlafzimmer. Das letzte Mal als
ich Margot sah war als Karin die letzte
Nacht vor ihrer Abreise bei mir schlief.
Schlafen ist gut gesagt wir waren die
ganze Nacht lang wach und führten wie
die Jahre zuvor unsere Gespräche über
Ansicht der Welt die, die Menschen, der
Liebe über uns unseren Gefühlen und
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uns Zwei.
Karins Mutter setze sich genau auf den
Platz wo sonst Karin saß und ich
musste mir das Schmunzeln verbeißen.
Ich habe es mir verbissen und setzte
mich gegenüber von ihr. „Tobias, ich
muss dir etwas über Karin sagen“, Sie
stockte den Atem und schluckte den
Knoten, den Sie im Hals hatte hinunter
und führte Fort, „Karin liegt im Spital,
Ich hab’s dir schon früher sagen wollen
aber es war im Moment zu viel für mich,
der Karin geht es nicht gut, nicht
wirklich, verstehst du?“. Ich war wie
erstarrt und sprachlos. Meine
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Gedanken wurden wirr war und in
meinem Kopf begannen sich
Horrorszenarien abzuspielen. Ich
wusste nicht im Moment was da gerade
abging und doch merkte ich dass es
sehr, sehr Ernst war.
„Karin geht’s nicht gut?“, stammelte ich
und schaute fragend nach der Ursache
Margot an. „Karin hatte vor zwei
Wochen einen Unfall mit dem Moped
und Sie fiel so dumm Moped das Sie
sich den Kopf anhaute.“ Sie machte eine
kurze Pause und sagte dann , „Sie hatte
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den Helm nicht geschlossen und
während des Sturzes rutschte er ihr
noch vor dem Aufprall vom Kopf,
dadurch erlitt Sie eine schwere Kopf
Verletzung. Ich wollte es dir persönlich
sagen und nicht nur Anrufen, es tut mir
Leid Tobias.“ In diesem Moment als ich
das alles erfuhr, wusste ich nicht was
ich jetzt tun sollte mit der Nachricht
über meinen Besten Freund, meinen
Wegbegleiter aus mehr als einem
Jahrzehnt. Mehr noch meiner
wahrscheinlich größten und einzigen
Liebe die ich bis jetzt hatte. Nie dachte
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ich über einen anderen Menschen so
viel nach wie bei ihr. Was bedeutet das
für mich, was nur?
Als ich kurz nach dachte und ich mich
ein wenig gefangen hatte von dieser
Nachricht, habe ich bemerkt das meine
Kehle so trocken war und mein Mund
so pappig war das ich nur stammeln
konnte ob Margot auch ein Glas Wasser
wollte. Sie nickte zustimmend und ich
verschwand in meine kleine Küche. In
mir lodern so viele Fragen und doch
musste ich zuerst Wasser trinken, den
sonst würde ich keinen Ton
rausbringen.
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Meine Hände zitterten leicht und
obwohl ich ein ganzes Glas getrunken
hatte, wollte ich eigentlich gar nicht
weiterfragen. Die Angst noch mehr
schlechtes von Karin zu hören machte
mich immer mehr und mehr traurig.
„Wie geht es ihr jetzt?“, das einzige was
ich Margot fragen konnte als ich ihr das
Wasser reichte und mich wieder auf
meinem Platz hinsetzte. Margot nahm
einen großen Schluck, stellte das Glas
auf den Tisch, so wie Karin es immer
tat, und sagte. „Wir wissen es nicht wie
es weitergeht. Die Ärzte sagen immer
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nur wir müssen abwarten, abwarten,
abwarten“. Margot sah mich an und ich
merkte wie Sie mit den Tränen kämpfte
und ich war auch schon knapp davor.
Es war ein harter innerlicher Kampf ihr
gegenüber zu sitzen und zu wissen dass
es so ist wie ich es bis jetzt halt
verstanden habe. Während dem
erinnerte ich mich das bevor Karins
Mutter kam, ich eigentlich gerade einen
Brief angefangen habe zu schreiben
ohne zu wissen was da eigentlich auf
mich zu kam.
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Eigentlich machen mir Spitäler nichts
aus, den wenn jemand krank wird dann
muss man eben hin um gesund zu
werden oder was immer auch, aber
genau heute war es das es nicht so war
wie ich es mir meistens eingeredet habe.
Ich musste es einsehen dass wenn es
einen selber trifft dann ist es kein
leichter Weg vom Eingang in den 9
Stock wo Sie liegt. Es wird für mich ein
langer Weg und ich sah überall Kranke
und gesunde Menschen und dann die,
die wirklich krank sind. Der Weg zum
Aufzug und die Zeit bis dorthin schien
mir ewig zu dauern und das war gut
weil ich Angst bekam auf das was auf
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mich zukommt, wie ich reagiere und ob
ich weinen werde oder nicht. Der
längste Weg war jedoch vom Aufzug zu
ihrer Station wo Sie lag, denn ich ging
absichtlich Langsam und drehte mich
mehrmals herum um zusehen ob Sie
nicht vielleicht doch schon herum geht.
Das passierte aber nicht und mein
Herzschlag wurde immer größer und
größer je näher ich an ihr Zimmer kam.
Ich wollte Sie sehen und auch wollte ich
es nicht Sie so zu sehen. Mein Gott
dachte ich mir welche Memme war ich
eigentlich. Wir haben ja schon oft über
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das Leben philosophiert und
Nachgedacht. Und in jeder Theorie war
es einfach, stabil und weise oder nur
doch Unwissenheit? Ich war so irritiert
und zugleich wollte ich für mich Stark
sein. Auch für Sie aber auch vor allem
für mich.
Als ich vor der Tür Nummer 8 Stand
und meine Hand die Türklinke nahm.
Atmete ich noch einmal tief durch.
Dann klopfte ich sanft an der Tür und
öffnete Sie. Ich machte das absichtlich
so langsam und behutsam, eigentlich
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um Zeit zu schinden. Wofür wusste ich
nicht und wollte es auch nicht wissen.
„Hallo Karin!“, ich schaute mich um
und sah auf der rechten Seite eine
junge Frau, ich konnte Karin nicht
wirklich erkennen. Es lag eine junge
Frau in diesem großen weißen Bett. Ich
betrachtete die Matratze und das
Gestell des Bettes, es hingen überall
Schläuche und neben ihrem Kopf waren
zwei Apparate die mit ihr verbunden
waren. Der eine ließ einen
gleichmäßigen Ton von sich der andere
führte zu ihrem Hals. Alles war so weiß
und steril. Ich sah in Karins Gesicht, es
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hatte Kratzer und Abschürfungen, ihrer
Schönheit hat es dennoch nicht
geschadet. Was machst Du meine liebe
Karin, dachte ich mir, wieso Du. Waren
meine ersten Gedanken als ich ihr
Zitternd über die Stirn strich. Ich
bewegte meine Finger so vorsichtig über
ihre Stirn, damit ich Sie nicht
aufweckte. Und Sie wachte nicht auf. Es
regte sich nichts, ich beugte mich zu
ihrer linken Wange und Küsste Sie,
aber es rührte sich nichts. Nur die
Wärme ihrer Wange und das
gleichmäßige „Tick,Tick“ des Apparates
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neben ihr der den Herzschlag wiedergab
zeugte noch von einem Leben in ihr. Ich
nahm ihre linke Hand und flüsterte ihr
zu, „Karin, mein Schatz was ist
passiert? Ich hab mir Sorgen gemacht,
so viele Briefe habe ich dir geschrieben
und letztendlich kam keiner zurück von
dir, ich habe dich so vermisst mein
Schatz“. Meine Hand strich ihr Haar
und ich fühlte mich ihr wieder nah und
geborgen. Ihr helles Haar fühlte sich
noch immer so geschmeidig an wie
damals vor knapp einem Monat als ich
ihr das letzte Mal bevor Sie von mir ging
berührte.
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Draußen, hinter dem Fenster blies ein
starker Wind und es Regnete sehr stark.
Ich konnte es spüren wie die Scheibe
des Fensters durch den Druck der Luft
Böe sich dehnte als ob der Wind
versuchte sich durchs Fenster ins
Zimmer zu gelangen. Ich sitze neben
Karin und schaute Sie nur Stumm an,
für mich kam es vor als ob dieser
Zustand in dem ich hier war schon eine
Ewigkeit andauerte. Meine Gedanken
flogen durch die Zeit, während ich in ihr
hübsches Gesicht sah und mich
erinnerte wie schön ihr Lachen war,
welch‘ schöne Momente wir erlebt
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haben und ich dankbar bin dafür Sie zu
kennen. Es waren aber nur ein paar
Stunden vergangen seitdem ich zu ihr
ins Zimmer kam, Sie hat sich in all
dieser Zeit auch kein einziges Mal
bewegt. Wie ich mit der Situation zu
Recht kommen soll, was ich hier
eigentlich tun kann und wie hilflos ich
letztendlich war darüber hat mir nie
einer etwas gelehrt oder gelernt. Mit
dieser Situation habe ich noch nie mit
Karin darüber gesprochen und ich war
bis vor kurzen im Glauben so etwas
würde mir nie passieren, damit brauch
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ich mich deshalb auch nicht
auseinandersetzen und daher ist es mir
auch egal. Und es war mir nicht egal,
ich hatte Angst. Angst meine liebe zu
verlieren. Den Menschen der am
meisten von mir wusste und der fast
jedes Geheimnis und Detail, meine
Vorlieben für etwas und meine kleinen
Nachteile kannte. Karin beschrieb mich
immer mit den Worten, „Du bist süß wie
der Honig der Bienen, und manchmal
Stur wie ein Stier. Selten Flüge wie ein
Vogel und meistens sanft wie die Katze“.
In meinen Gedanken höre ich ihre
Stimme. Es war wie eine Offenbarung
diesen, ihren Klang zu hören und zu
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spüren. Ich schließe meine Augen und
erinnerte mich an ein Ereignis, das
schon ein Jahr oder so zurück lag, als
ich mit ihr im Zoo war und Sie mir zu
jedem Tier was wir gesehen haben eine
kleine Geschichte oder Anekdote oder
nur ein paar Gedanken für mich hatte.“
Karin, oh meine Karin was habe ich
jetzt für Sehnsucht nach dir, werde
bitte bald wieder lebendig und nicht nur
lebend hier ich liebe dich“, ich schrieb
diesen Satz auf einen Zettel und legte
ihn in ihr Nachtkästchen neben unter
ihrer Brille damit wenn Sie aufwacht
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und nach ihrer Brille suchte Sie dann
eine Botschaft von mir vor findet.
Es vergingen die Tage und Nächte wie
im Flug der Wildgänse von einem Ort zu
anderen. Karins Zustand war stabil
sagten die Ärzte und meinten Wohl das
Sie nach wie vor sich nicht rührte und
Sie nach wie vor jeden Tag den gleichen
Ablauf hatten. Morgens die Bettpflege
danach die Flüssigkeit und
Medikamente und flüssige Nahrung.
Danach wurde Sie in eine andere
Position gelegt, eigentlich auch immer
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die gleiche, Morgens immer auf die
linke. Ihren Kopf neigten Sie dann zur
linken Wange. Ich fragte mich ob Sie es
wahrnahm was hier mit ihr gemacht
wurde und ob es ihr schmerzt. Jeden
Tag das gleiche und bevor die Schwester
das Zimmer verließ blickte Sie mich mit
einem gekünstelten aber ehrlichen
Lächeln an und sagte immer das
gleiche, „jetzt las ich euch wieder alleine
bis später und wenn was ist…“. „Ich
weiß“, antwortete ich mit einem Lächeln
zurück, „dann melde ich mich gleich
und drücke die Glocke“. Es war jeden
Tag das gleiche und jeden Tag Mittags
würde Sie dann wieder kommen die
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Schwester und würde Karin dann
wieder das Bett richten, die
Medikamente geben, den Stuhl
entsorgen, den Urinbeutel wechseln und
ihr wieder Flüssigkeit geben und Sie
von der linken auf die Mitte Beeten und
Abends wieder und wieder. Es vergingen
die Tage im gleichen Rhythmus. Ich
kam meistens so um 7 in der Früh und
ging meistens so um 11 am Abend. Ihre
Mutter kam so um 9 und blieb meistens
bis um 5 am Nachmittag. Sie war
einerseits Glücklich dass ich da war
und andererseits traurig das es keine
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Verbesserung ihres Zustandes kam. Ich
konnte kaum noch schlafen in der
Nacht und achtete nur noch spärlich
auf meine Hygiene. Mein Bart wurde
länger und es war mir egal. Karin liebte
es wenn ich frisch Rasiert war Sie strich
mir immer übers Gesicht und liebte den
Duft meines Aftershaves. Doch jetzt
konnte es nicht wichtig sein. Ich
brachte Bücher und Papier und einen
Stift mit. Aus den Bücher habe ich ihr
vorgelesen, und am Papier schrieb ich
meine Gedanken oder ein Lied oder
bekritzelte es mit irgendwelchen
Symbolen, Zeichen oder sonst was.
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Meine Handlungen waren gegen über
Karin aus schon Routine geworden.
Wenn ich kam Küsste ich Sie auf die
Stirn und dann auf den Mund dann
setzte ich mich zum Fenster und
Frühstückte was ich unterwegs besorgt
hatte, danach las ich ihr eine
Geschichte aus den Büchern vor und
bei jedem zweiten Satz ertappte ich
mich das ich auf sah und achtete ob es
eine Regung von ihr kam, es kam aber
keine und ich las weiter und weiter.
Mittlerweile sind so 10 Tage vergangen
in denen sich nichts rührte keine
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Verbesserung und keine
Verschlechterung, ich mich fragte was
ich noch machen kann, soll. Ich fragte
mich ob dies jetzt ein Leben lang so
andauern wird. Irgendwann muss ich
auch wieder bei mir weitermachen. Ich
muss bald wieder Arbeiten und
eigentlich sollte ich mich auch um
meine Angelegenheiten kümmern wie
die Wohnung, meine Rechnungen. Ich
sollte wiedermal meinen Alltag
erledigen. Nur, war es für mich viel zu
schwer Karin den ganzen Tag hier
alleine zu lassen. Ja klar, Sie hatte ihre
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Mutter, aber ich war ihr Freund, ihr
bester Freund. Keiner unserer oder
ihrer Freunde hat es bis jetzt geschafft
Sie auch nur einmal zu besuchen. Mir
war es nur recht, den ich meinte keiner
kennt Karin so wie ich und das war
mein Privileg mit ihr hier alleine sein zu
dürfen. Karins Mutter merkte es auch
das mich dieser Gedanke im Kopf
herum kreiste. „Tobias, setz dich einmal
her zu mir“, flüsterte Margot die am
kleinen Tisch beim Fenster saß. Ich ging
rüber zu ihr und setzte mich gegenüber
zu ihr. „Tobias, ich möchte dir was
sagen, du kannst nicht deine Zeit
aufopfern um hier bei der Karin zu sein.
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Es sind schon fast zwei Wochen die du
hier verbracht hast und ich danke dir
wirklich sehr du hast mir damit sehr
geholfen, aber es ist Zeit das du jetzt
wieder dein Leben lebst, ich weiß Karin
würde das so wollen weil du sonst den
Anschluss an deinem eigenem Leben
verlierst. Es reicht schon wenn ich hier
bin und sobald sich etwas ändert werde
ich dir bescheid geben. Glaub mir du
bist der erste den ich anrufe sobald sich
etwas ändert. Tobias du bist noch jung
und du solltest der Realität ins Auge
sehen, die Chance dass sich Karin
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wieder erholt sind gleich null und wenn
Sie aufwacht weiß keiner wie es um Sie
bestellt ist. Verstehst Du mich Tobias?“.
Ich wusste Margot hatte recht aber mir
gefiel die Art nicht wie Sie es mir sagte.
Ich wollte eigentlich aufstehen und aus
der Türe rausgehen um Luft zu
schnappen, aber das wäre Respektlos
gegenüber der Mutter von Karin
gewesen. Also blieb ich sitzen und
neigte meinen Kopf zur Tischplatte und
hörte Karins Mutter weiter zu. „Schau
Tobias, vom Anfang an wollte ich
eigentlich das Du Karin besuchst damit,
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vielleicht, durch dich…“, ihre Stimme
Stockte und ich merkte das Sie nahe
den Tränen war. „…wenn Sie deine
Stimme hört oder Du mit ihr Zeit
verbringst Sie dann aus ihrem Tiefschlaf
einfach erwacht. Ich weiß doch wie sehr
Karin dich liebt und hätte Sie nicht das
Stipendium bekommen wäre Sie
niemals von uns in eine andere Stadt
gegangen. Karin liebt dich sehr und
wollte eigentlich nur ihr Studium
beenden damit Sie eines Tages dann
zurück kommt und es sich selbst dann
bewiesen hat was Sie kann. Ich bin mir
da so sicher dass ihr wieder zusammen
gekommen währt. Denn für Karin war
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klar das Du auf Sie wartest egal wie
lang es dauert. Sie hat es mir erzählt
noch am selben Tag als ich Sie zum
Flughafen gebracht habe“. Margot
konnte ihre Tränen jetzt nicht mehr
verbergen. Ich richtete meinen Kopf auf
und merkte das der ganze Zorn in mir
Schwand und ich führte meine Hand
entlang des Tischbrettes um ihre zu
nehmen, zu halten. Sie zog meine Hand
mit ihrer zur Stirn und stütze sich
damit den Kopf und mit leiser,
tränenreicher Stimme führte Sie an. „Es
ist langsam an der Zeit sich von meinem
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lieben Kind zu verabschieden, Tobias“.
Ich konnte diesen letzten Satz nicht
glauben den Sie mir da sagte,
Verabschieden nein das geht nicht
dafür bin ich nicht bereit und außerdem
Sie lebt ja noch. Nein keine Chance
dachte ich mir jetzt erst recht werde ich
alles Mögliche tun damit Sie wieder wie
früher wird. „Margot,..“, sagte ich und
versuchte selbstbewusst und
beruhigend zu klingen. „Margot, die
Karin lebt ja und ich spüre es das sie
ganz nah bei uns ist und ich weiß das
Sie bald aufwachen wird und das, was
du sagst ist o.k. und ich gebe dir ja
auch recht zum Teil aber nein Karin
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aufgeben und mein Leben einfach so
weiterleben und zwei, drei Mal die
Woche vorbei kommen und sehn wie es
ihr geht, nein das geht nicht. Das kann
ich nicht dafür liebe ich deine Tochter
viel zu sehr, als das ich Sie nicht mehr
als meinen Lebensmittelpunkt sehe.
Nein, Margot das kannst du von mir
nicht verlangen. Echt Sorry, aber das
geht nicht“. „Du verstehst mich nicht,
Tobias. Du willst es nicht wahrhaben,
denn es tut verdammt weh, aber was
ich dir sagen muss ist das Karin sterben
wird. Und keiner von uns kann es
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ändern. Mein kleines Mädchen wird
bald sterben“. Margot drückte jetzt
meine Hand so stark das ich das Blut in
meinen Fingerkuppen wahr nahm und
es schmerzte, aber der Schmerz nichts
gegenüber dem Schmerz war als ich die
Worte sterben hörte die sich wie ein
Nagel in mein Herz bohrten. Sie darf
nicht sterben das ist noch zu früh für
Sie und mich. Es kann nicht sein das
mit allen Medizinischen Mitteln es keine
Lösung für Sie gibt. Kein erwachen
mehr, keine Kinder und keine Zukunft
wie ich es mir einmal mit ihr so
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gewünscht habe. Karin, soll nicht mehr
sein und was mach ich dann. Was nur.
Ich hörte die Glocken der Kapelle die
schräg gegenüber hinter dem Fenster
von Karin war und ich sah hinaus und
starrte dem treiben des Windes zu wie
der die des Baumes von sich blies als ob
es ein Zeichen war für mich, obwohl ich
wusste das es der natürliche Vorgang es
Herbstes war der um die Jahreszeit
seinen natürlichen Lauf nahm. Es war
Zeit für mich sich Gedanken zu
machen um Abschied zu nehmen. Und
es tat verdammt weh.
In den folgenden Tagen kam ich jeden
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Tag nur für drei bis vier Stunden am
Tag. Es war für mich schmerzlich das
ich so kurz vorbei kam, jedes Mal fühlte
ich mich wie ein Verräter wenn ich
wieder ging. Jedoch hatte Karins Mutter
recht es änderte sich nichts und es war
als würde Dornröschen ewig schlafen.
Mit den hinter Gedanken, dass Sie
irgendwann sterben würde wollte ich
mich noch nicht so Recht abfinden. Und
ich hatte ja einiges zu erledigen. Mein
Urlaub war vorbei und es machte mir
überhaupt keine Freude mehr zu
arbeiten. Jeden Tag quälte ich mich ins
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Büro und erledigte die Sachbearbeitung
von Unfällen, Schäden und anderen
Versicherungsrelevanten
Geschehnissen. Meine Arbeit wuchs mir
über den Kopf, denn meine Gedanken
waren bei Karin und meine Angst etwas
zu versäumen und vor allem zu
verlieren, wurden Tag für Tag stärker.
Egal wie sehr ich mich ablenkte es
wurde nichts besser. Zuhause füllte
sich die leere, mein Hunger war schon
lang weggeblieben und das einzige was
mir halbwegs Freude machte und zu
gleich sehr traurig, die Vorstellung von
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Karin als Sie noch hier in meinen
Räumen präsent war. Oft sah ich Sie
herum wandern und manchmal, wenn
ich knapp vorm Einschlafen war, war es
als ob Karin sich zu mir legte und Sie
sich an meinem Arm schmiegte und mit
mir gemeinsam einschlief. Der Gedanke
am nächsten Morgen war der erste ob
ich mein Telefon nicht hörte und noch
im halben schlaf schaute ich auf mein
Handy, es war kein einziger versäumter
Anruf am Display. Das war dann ein
guter Tag sagte ich mir denn ich wusste
Karin lebt ja noch und ein kleiner
Hoffnungsschimmer sagte mir vielleicht
geht’s ihr ja heute besser und sieht
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mich wenn ich dann komme. Ich zog
mich an und nahm meine Tasche, wie
immer, sperrte die Tür hinter mir zu
und ging, wie immer, meinen Weg zu
ihr.
„Guten Morgen, meine liebe Karin, wie
geht’s dir heute so? Ich hab wiedermal
von uns geträumt das wir gemeinsam
eine schöne große Wohnung hätten und
du und ich, unsere Wünsche sich alle
erfühlten“. Ich küsste dabei ihre Stirn
und den Mund wie ich es sonst in den
letzten Wochen getan habe. Meine Hand
streichelte ihre und ich sah dabei auf
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Sie um zu achten ob Sie meine Liebe
spürte. Es tut mir innerlich sehr weh
nicht zu wissen ob Sie leidet, ob Sie
mich hört, ob Sie wohl weiß das ich bei
ihr bin in ihrer Nähe. Ich habe das
Gefühl manchmal von ihr weg zu
kommen, nicht zu Wissen was ich tun
kann, meine Zeit verläuft sich und ich
weiß nur das ich zwischen den Welten
stehe und keine verlassen kann, nicht
die Reale und nicht die wünschende, die
mir die Hoffnung schenkt das alles gut
wird.
„Ich muss jetzt gehen mein Schatz, die
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Pflicht ruft“. Ein Kuss auf die Stirn, und
einer auf den Mund. Ein letzter Blick
auf Sie, die mir so viel bedeutet. „Bis am
Abend“. Und ich schloss die Tür hinter
mir. Was kann der Tag noch bringen
und was wollte ich eigentlich alles noch
erreichen. Meine Gedanken spielen
verrückt. Wo waren meine Ziele bevor
das alles hier passierte und gibt es eine
Möglichkeit den Traum den ich hatte
noch zu vollziehen. Ist es überhaupt in
der Situation noch wichtig. Ich bin
gelähmt und merke dass hier einfach
für mich alles zu viel wird und es
anscheinend keinen Schritt vorwärts
noch rückwärtsgeht. Ich muss stark
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sein, für mich, für Karin, für die
Menschen um uns und den Augenblick
der Wahrheit, egal welcher Wahrheit für
die eine oder andere, wenn Sie kommt
und uns trifft.
„Tobias, Tobias!“, mein Name hallte
durch den schmalen Gang meiner Büro
Anlage. Die Stimme war von Claudia
unserer Empfangsdame. Ich konnte
durch ihr hektisches Rufen
herausfühlen das es etwas Wichtiges
war. „Tobias, du hast einen Anruf“,
Claudia stand bei meiner Tür und
stoppte ihren zügigen Weg zu mir, in
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dem Sie ihren Schwung am Türrahmen
mit einer Hand fest hielte. „Wer ist es“,
fragte ich Sie. Claudia wusste über
meine Situation Bescheid. Sie ist eine
der wenigen die mein Momentanes
Problem kannten. Claudia kannte auch
Karin, früher hatte mich Karin immer
wiedermal Abgeholt oder wir hatten die
Mittagszeit mit einander verbracht. „Es
ist die Mutter von Karin, auf der zweiten
Leitung!“, antwortete mir Claudia mit
stockender Stimme. „Danke, Dir!“. Ich
nahm den Hörer ab und ich drückte die
zwei. In mir brodelte es und ich merkte
wie mir der Atem stockte, so dass ich
nur schwach, Margot Hallo, stammelte
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und dann kurz mich vom Hörer weg
drehte um mich zu räuspern. „Margot,
gibt’s was Neues?“, versuchte ich mit
weniger aufgeregter Stimme Sie zu
fragen. „Tobias, es geht um Karin…Ich
bin im Spital…es geht ihr sehr
schlecht…kannst Du bitte kommen“,
ich merkte in ihrer Stimme die mit
Tränen und heißem Hals belegt war das
dies sehr ernst war. „Natürlich komme
ich, ich bin gleich bei Euch, bis gleich,
ich leg jetzt auf“. Mein Atem stockte,
mein Herz raste und ich wusste nicht
was ich jetzt als erstes machen sollte.
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„Nimm dein Handy, hier ist deine Jacke
und lauf Tobias“, Claudia die, die ganze
Zeit an der Tür stand kam zu mir und
streckte mir meine Jacke entgegen. Ich
konnte mich nicht einmal bedanken
nur, ein letzter Blick in ihre Augen als
Danke konnte ich ihr geben. „Lauf zu
ihr Tobias, ich erledige die Sachen
schon hier“. Ich ging durch unseren
schmalen Gang und als ich bei der Tür
draußen war rannte ich so schnell ich
konnte. Mit dem Wagen hätte ich gut
eine halbe Stunde durch den starken
Mittagsverkehr gebraucht. Ich rannte
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und rannte so schnell mich meine Beine
trugen. Zeit war relativ und ich wollte
nur noch zu Karin. Ich weiß es nicht
mehr wie viele Menschen,
Verkehrsregeln oder Autos ich
missachtete, das war das letzte an was
ich jetzt dachte. Egal ob ich nachher
mein Herz vor lauter Belastung zu
zerspringen mochte, Karin, Hauptsache
ist ich bin bei dir. Meine Gedanken
haben alle Szenarien während ich lief
durchgespielt. Alle Möglichkeiten habe
ich in Betracht gezogen, jedes Detail
war vor mir und alles fühlte sich so real
an. Es gab die Version die mir sagte ich
komme zu spät, oder jene wie ich bei
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der Tür rein stürme und Sie ist erwacht
und ich umarme und Küsse Sie. Egal es
gab so viele und ich musste mich jetzt
der Realität stellen. Welche auch immer
es tat so weh und ich merkte wie
Seitenstechen bekam. Als ich dann von
weitem schon das Spital sah merkte ich
wie mir meine Kraft schon langsam
sagt, es ist dein Limit gleich erreicht.
Werde langsamer, aber ich wollte nicht
und rannte die Straße zum Spital
hinauf. Ich spürte wie mein Blut in mir
zu kochen anfing und mein Gehirn
schmerzte, ich hechelte und stoppte die
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letzten Meter abrupt. Drei, viermal holte
ich tief und langsam Luft, es schmerzte
in der Lunge. Dann öffnete ich die Türe
und ging an der Rezeption vorbei
Richtung Lift. Da ich auf den Lift
wartete hatte ich Zeit noch kurz
durchzuatmen und zog aus meiner
Jacke ein Taschentuch und wischte mir
den Schweiß von der Stirn und meinem
Gesicht. Dann zog ich meine Jacke an
und verstaute das nassgetränkte
Taschentuch in meiner Seitentasche.
Der Aufzug kam und ich wurde immer
ungeduldiger. Als die Leute
ausgestiegen sind bin ich rein und
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drückte die 9, dann kam mir die Fahrt
ewig vor. Mittlerweile hat sich mein
Atem reguliert und der Druck in
meinem Kopf wurde auch immer
leichter. Meine Ader stand nicht mehr
so hervor an meiner Stirnseite. Da ging
ich den langen Gang entlang und die
Menschen sahen mich an, als ob es
jeder schon wusste was gesehen ist
außer mir. In dem Moment als ich die
Tür öffnen wollte kam Margot heraus,
als ob ihr jemand sagte er kommt.
„Tobias, gut das du da bist. Es sieht
sehr schlecht aus“. Margot und ich
vielen uns in die Arme und hielten uns
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fest. Ich wusste ich musste Sie jetzt
Trösten obwohl ich zur Karin wollte. Mir
standen die Tränen in den Augen.
„Margot, ich muss zu ihr“, mein
Verlangen wurde unbeschreiblich stark.
„Komm, verabschiede dich von meinem
Baby“. Ich öffnete die Türe und mit
einem Arm um Margot gingen wir durch
die Tür und ich schloss Sie hinter mir
wieder. Karin lag da und ich merkte
eigentlich keinen Unterschied. Es
schien mir wie immer, ich weiß nicht
was ich mir erwartet hatte und ich
wusste nicht, auf den ersten Blick, was
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anders war als sonst. Als ich Margot
dann auf den Sessel platzierte und ich
auf Karin zukam, fiel mir auf das ein
mir bekanntes Geräusch nicht so
gleichmäßig seine Töne von sich gaben.
Ich strich ihr übers Haar und Küsste
Sie auf die Stirn und auf den Mund.
Dann flüsterte ich ihr ins Ohr, „was
machst du Karin, das kannst du doch
nicht machen, meine liebe, was machen
wir nur ohne dich. Ich bin so schnell ich
konnte gekommen. Ich bin gerannt
mein Schatz so schnell war ich noch nie
unterwegs. Was machst Du nur…“. Ich
merkte das mir meine Tränen von den
Wangen rannten und ihr auf die
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Schulter und ins Gesicht. Margot kam
auf die andere Seite vom Bett und nahm
ihre andere Hand und flüsterte Karin
Liebkosungen zu und das einzige was
ich verstand war, „geh mein Kind, jetzt
musst du nicht mehr leiden“. Ich sah
auf den Herzapparat und konnte
mitverfolgen wie der Herzschlag und der
Puls immer schwächer und niedriger
wurden. „Karin, ich möchte dir noch so
viel sagen, es tut mir leid dass ich in
den letzten Tagen nur ein paar Stunden
da war. Ich weiß nicht was ich ohne
dich hier machen soll, Du fehlst mir,
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ich liebe Dich, ich liebe Dich so sehr.
Bitte verzeih mir, du bist immer in
meinem Herz, warte auf mich meine
liebe Karin, warte auf mich am anderen
Ende, ich werde dich immer Sehen mit
meinen Geschlossenen Augen, ich liebe
Dich“. Dann konnte ich nur noch
weinen und weinte mit meinem Gesicht
an ihre Schulter. Ich weinte so bitterlich
das ich alles um mich vergaß und auch
nicht merkte als der Apparat einen
langgezogenen Ton von sich gab. Ich
spürte dann eine Hand an meiner
linken Schulter die sanft auf und ab
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strich, „Es ist ok, Tobias Karin ist Tod.
Sie ist jetzt von uns gegangen, komm
lass Sie gehen, Tobias…“. Margot löste
meine Hand von Karin und hielt Sie
fest. Dann lächelte Margot mich an und
meinte, „Es ist schon gut, Sie weiß es
dass Du Sie liebst und du es auch
immer tun wirst. Nun muss Sie nicht
mehr Leiden, Karin hat es jetzt besser“.
Ich drückte noch eine kurze Zeit Margot
um uns gegenseitig Trost zu spenden.
Danach blickte ich auf Karins leblosen
Körper der von den Schwestern
bearbeitet wurde damit Sie die
Saugnäpfe herunter bekamen, die
Schläuche von ihr entfernten und Sie
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gerade Beeten. Ich ging noch einmal auf
Karin zu Küsste Sie auf die Stirn, dann
auf den Mund und strich ihr übers
Haar. Dieses Mal sagte ich nicht mehr
bis Morgen meine Liebe, sondern
Lebwohl liebste Karin du warst mir der
treueste Mensch und Gefährte den ich
kennen lernen durfte, jetzt bist du bei
deinem Vater, danke für alles und
deiner Liebe.
Eine Woche später Beerdigten wir Karin
neben ihren Vater der schon vor Jahren
starb. Ihre Familie hielt eine Rede nach
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der anderen. Ich durfte neben Margot
sitzen und der Zeremonie bei wohnen,
ganz vorne. In diesen Tagen war es
nicht einfach für mich gewesen. An den
ersten drei Tagen konnte ich überhaupt
nicht schlafen. Dann überkam‘ mich die
Müdigkeit und der Hunger. Das war
mein erster Schlaf nach einem kleinen
Essen. Ich konnte auch plötzlich ihren
Duft in meiner Wohnung wahrnehmen.
Obwohl es jetzt gut zwei Monate her ist
das Karin von mir weggezogen ist. Der
Schmerz des Verlustes ist genau so groß
wie am Tag ihres Todes. Jedoch ist der
Schmerz des verlieren nicht mehr
gegeben. Denn Karin hat gewonnen und
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ist jetzt sicher Glücklich dort wo Sie ist.
Da bin ich mir sicher. Kein Leiden und
schon gar nicht ohne Option wie bei ihr.
Nach der Verabschiedung stellten wir
uns alle in eine Reihe und einer
nachdem anderen schüttete ein
schäufelchen Erde auf ihren Sarg. Ich
Grub noch unter der Schaufel einen
Zettel, einen Brief den ich erst Gestern
fertig schrieb. Danach Umarmte ich
Margot und gab ihr einen Kuss auf die
Wange. „Ich, melde mich bei dir, alles
liebe… bist dann Margot bis dann,….“.
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Meine liebe Freundin,
ich schreibe dir da ich jetzt schon mehr
als eine Woche nichts mehr von dir
gehört habe, es macht mich ein wenig
traurig und ich versteh nicht ganz ob
ich dich beleidigt, enttäuscht oder Du
nur meine Briefe nicht erhalten hast.
Ich hab die Adressen mehrmals
verglichen heute, es ist die, dir wir
ausgetauscht haben bevor du von hier
weggegangen bist. Meiner Meinung
nach sollten die bei dir angekommen
sein und ich verstehe nicht wieso Du
dich nicht mehr meldest. Na ja, ich weiß
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du hast viel zu tun seitdem du
Umgezogen bist, ich würde dich auch
gerne mal demnächst besuchen, wann
hast Du Zeit? Ich vermisse schon ganz
schön unsere Gespräche, die Nähe zu
dir, deine Wärme. Am Telefon bist ja
auch nicht erreichbar! Warte, da läutet
es an der Tür…Jetzt ist es klar warum
du dich nicht mehr melden konntest.
Liebe Karin, gerade eben habe ich
diesen Brief geschrieben und ich konnte
ihn nicht einfach so wegschmeißen also
verwende ich ihn um dir das noch zu
schreiben. Es waren für mich die letzten
Wochen, wie für dich schmerzhaft,
anstrengend und zu tiefst traurig für
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mich. Trotzdem konnte ich jeden Tag
bei dir sein. Durfte dein Haar streicheln,
dir einen Kuss auf die Wange geben und
dir Geschichten vorlesen. Während ich
dir das schreibe höre ich unsere Musik
und ich schau zum Fenster und sehe
wie auch die Spuren des Unfalls den ich
dir im ersten Brief schrieb nicht mehr
vorhanden sind. Es schneit draußen,
Schade das Du den Schnee nicht siehst.
Oder tust du es doch ich weiß es nicht,
vielleicht hast du den auch für mich
gerade runter geschickt. Ich bin so froh
dass ich einige Erinnerungen an dich
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hier habe. Zum Beispiel schreibe ich mit
der Feder die du mir zu meinem letzten
Geburtstag geschenkt hast. Dein Schal
hängt noch immer am Kleiderständer
und dort wird er auch sicherlich noch
eine Weile bleiben. Liebe Karin die
Wunden werden eine Zeit brauchen bis
sie verheilen. Jedoch will ich das? Im
Moment nicht, denn dann fühle ich dich
nah bei mir. Egal was mir das Leben
jetzt noch bringt. Der schmale Grat
zwischen Leben und Tod, Tod und
weiterleben den haben wir jetzt besiegt.
Du wirst immer ein Teil davon sein. Ich
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liebe dich und vermisse dich sehr…
PS: Diesen Brief werde ich dir
persönlich zustellen!
Dein dich immer liebender Tobias…
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