Predigt zum Thema: Freiheit: Das Programm in

Pfarrer Dr. Eberhard Martin Pausch:
Predigt am 27. September 2015 in der St. Nicolai-Gemeinde, Ffm
über 2. Korinther 3, Vers 17
Die Gnade Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen
Geistes sei mit uns allen. AMEN
Thema: Freiheit: Das Programm in Luthers Namen
Bibeltext: „Der Herr ist der Geist. Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“
(2. Korinther 3, 17)
Liebe Gemeinde,
Luder. Luder hieß der Mann. Genauer gesagt. Martin Luder. So nannte und schrieb
er sich bis 1517. Bis zum Jahr des Thesenanschlages, bis zum Beginn der
Reformation. Danach nannte er sich Martin Luther. Klang besser als das Luder, das
ja in der deutschen Sprache nichts Gutes bedeutet. Vor allem aber meinte der
Reformator, in seinem Namen „Luther“ klinge das griechische Wort „eleutheria“
an, auf Deutsch: Freiheit. Martin Luther, der Befreite, der die Freiheit gewonnen hat
und die „Freiheit eines Christenmenschen“ verkündet. Martin Luthers Name enthält
also zugleich sein Programm, nämlich die Freiheit der Christenmenschen. Die
Freiheit war sein großes Thema. Sie ist es auch heute für viele Menschen auf der
Welt, nicht nur für Christen. Sie ist zudem, und das kann kaum überraschen, das
zentrale Thema der Reformationsdekade der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Wenn heute in zwei Jahren die Weltausstellung der Reformation in Wittenberg
beginnt, dann werden sich dort „Tore der Freiheit“ öffnen – so ist es geplant.
Freiheit: das Einzige, was zählt, singt Marius Müller-Westernhagen. Freiheit: die
tiefste Sehnsucht aller Menschen, die in Zwängen eingesperrt leben. In Diktaturen
beispielsweise, unter Hitler, unter Stalin. In abgemilderter Form im SED-Staat,
dessen Mauern erst vor 26 Jahren fielen. Wenn wir uns in unserer Welt heute
umschauen, gibt es immer noch viel zu viele Staaten, in denen Unfreiheit herrscht,
meistens ist sie mit Gewalt verbunden. Als Christen und Christinnen sind wir aber
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immer Verbündete der Freiheit. Auch der politischen Freiheit. Warum? Weil der
Heilige Geist, weil also Gott selbst, ein Geist der Freiheit ist.
Denn wo der Heilige Geist ist, da ist Freiheit. So sagt es der Apostel Paulus in
seinem 2. Korintherbrief. Daher passen Paulus und Luther sehr gut zusammen. Die
Liebe zur Freiheit verbindet sie. Dabei ging es ihnen zu ihrer Zeit zwar auch, aber
nicht in erster Linie um die politische Freiheit.
Sonst hätte Paulus zu
Sklavenaufständen aufgerufen. Hat er aber nicht getan, sondern den entlaufenen
Sklaven Onesimus zu seinem Herrn zurückgeschickt. Diesem Herrn aber hat er ins
Stammbuch geschrieben, seinen Sklaven künftig nicht mehr wie einen Sklaven,
sondern wie einen Bruder zu behandeln. Wäre es Luther vorrangig um die politische
Freiheit gegangen, dann hätte er die Bauern in den Bauernkriegen unterstützt. Hat er
aber ebenfalls nicht getan, sondern die Herren dazu aufgerufen, den Aufstand der
Bauern niederzuschlagen, weil diese auf das Mittel der Gewalt setzten. An diesem
Punkt konnte Luther den Aufständischen nicht folgen. Und ist deshalb von vielen
Seiten kritisiert und beschimpft worden.
Paulus und Luther ging es eben nicht in erster Linie um politische Freiheit, obwohl
auch sie in ihrem Blick lag. Es ging ihnen vielmehr um religiöse Freiheit, also um
die Freiheit der Religion und um Freiheit von den Werken des Gesetzes. Was heißt
das? Zum Beispiel: Niemand darf zu einem bestimmten Glauben gezwungen
werden. Daran hat Luther zeitlebens festgehalten. Andersgläubige darf man nicht mit
Gewalt missionieren wollen, sondern man muss ihnen das Evangelium verkünden
und ihnen dann die Freiheit lassen, sich für oder gegen Christus zu entscheiden.
Kein Zwang im Glauben! Zweitens, und das ist nicht weniger wichtig: Kein religiöser
Leistungsdruck! Es kommt nicht auf die Anzahl deiner guten Werke an, du musst
kein religiöser Musterschüler sein. Menschen dürfen auch einmal Fehler machen und
schuldig werden. Sei einfach ein Mensch, der anderen Menschen mitmenschlich
begegnet, dann ist alles gut. Kein Leistungsdruck in der Religion!
Schließlich und vor allem aber: Man kann sich den Himmel nicht kaufen, weder mit
Geld für Ablassbriefe noch mit guten Werken. Nur eines rettet uns und macht uns
frei: der Glaube. Der Glaube ist es, der uns den Himmel aufschließt. Also unser
Vertrauen zu Gott. Vielleicht ist das heute, in der Gegenwart, in einer von Misstrauen
und Skepsis beherrschten Zeit, unsere schwierigste Aufgabe: einfach auf Gott
vertrauen. Ihm unser Herz schenken. Ihm unser Leben anvertrauen. Das war aber
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auch früher schon nicht ganz einfach. Denn die eigene Vernunft und Kraft führen uns
nicht zum Glauben, das wusste schon Luther. Deshalb sagt er in der Auslegung des
Glaubensbekenntnisses im Kleinen Katechismus: „Ich glaube, dass ich nicht aus
eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm
kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen,
mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten …“. Woher
nehme ich also den Glauben? Antwort: Ich kann ihn mir gar nicht nehmen, sondern
er wird mir geschenkt. Aber ich muss offen für ihn sein, mich nicht verschließen.
Wenn ich für ihn offen bin, dann kann der Heilige Geist mein Herz füllen. Der Heilige
Geist ist aber weder ein Mensch noch als ein als ein bloßer Gedanke, also ein
abstraktes Prinzip. Sondern der Geist ist Gott selbst in Person. Was heißt das? Wer
oder was ist dieser Geist? In der Bibel finde ich dazu mindestens fünf Aussagen:
Erste Aussage: Gott ist Geist, kein Gespenst. Er ist so real wie unser eigener Geist,
wie unser Bewusstsein, das wir zwar nicht sehen können, das aber unser Leben
lenkt. So ist auch Gott: keine Fiktion, keine Ausgeburt der Phantasie, sondern eine
Wirklichkeit, die unser Leben lenkt, auch wenn sie nicht gesehen, gehört oder
gemessen werden kann. Geist also, kein Gespenst.
Zweite Aussage: Gott ist Geist, kein Fleisch, also nicht vergänglich. Gott ist ewig,
unsterblich, ohne Anfang und Ende. Und deshalb kann er auch uns ewiges Leben
schenken. Das ist wichtig. Und es tröstet so sehr, wenn wir einen geliebten
Menschen verloren haben. Dann wissen wir: Die Verstorbenen sind ja geborgen bei
Gott. Und er lebt, er ist Geist, kein Fleisch.
Drittens: Gott ist Geist, kein Gesetzgeber und kein Gesetzbuch. Er fordert nichts von
uns, er will keine religiösen Leistungen sehen. Er sagt nicht: Du sollst! Du musst!
Das darfst du nicht! Du Versager! Er richtet keine Zäune und Grenzen und Mauern
auf, die uns einengen sollen. Sondern er schenkt uns etwas. Er schenkt uns
Glauben, Hoffnung und Liebe. Er ist einfach freigiebig und auf beglückende Weise
da. Geist ist er und kein Gesetz.
Viertens: Gott ist Geist, nicht Buchstabe, kein Buchstabenfetischist. Der Geist ist
mehr als die Heilige Schrift, er geht in die Bibel ein, aber er geht nicht in ihr auf.
Deshalb ist ein Glaube, der immer die wortwörtliche Auslegung der Bibel vorzieht und
der an ihren Buchstaben klebt, ein problematischer Glaube. Die Schrift ist in-spiriert,
das heißt, in ihr weht der Geist unseres Herrn. Aber der Geist versteinert nicht zu
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unbeweglichen Buchstaben. Da gibt es einen wichtigen Unterschied zu christlichen,
jüdischen oder muslimischen Fundamentalisten: Für sie sind die Bibel bzw. der
Koran Gottes Wort, in ein Buch gegossen, in starren Schriftzeichen eingemauert. Für
uns dagegen ist Jesus Christus Gottes Wort, die Bibel aber ist das Zeugnis von
diesem Jesus Christus, und der Geist hilft uns, die Bibel zu verstehen. Geist ist unser
Gott, also mehr als Buchstaben.
Fünfte Aussage: Aus alledem folgt mit Paulus und Luther: Gott ist Geist, also
Freiheit. „Der Herr ist der Geist. Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“
(2. Korinther 3, 17) Deshalb schrieb Luther seine Schrift „Von der Freiheit eines
Christenmenschen“. Deshalb erschienen im vergangenen Jahr die Schrift der
Evangelischen Kirche in Deutschland mit dem Titel „Rechtfertigung und Freiheit“.
Und deshalb werden wir in zwei Jahren als evangelische Kirche in Wittenberg und in
ganz Deutschland das fünfhundertjährige Jubiläum der Reformation feiern. Und auch
in Wittenberg wird die Freiheit ganz oben stehen. „Über den Wolken“, so heißt es in
einem Lied von Reinhard May, „… über den Wolken muss die Freiheit wohl
grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen, und
dann, würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein“.
Pfingsten heißt: Wir schweben ganz hoch oben, über den Wolken dieser Welt –
obwohl wir mit unseren Füßen immer noch ganz auf der Erde stehen. Freiheit: das
Einzige, was zählt.
Aber: Die Freiheit, die Gott der Heilige Geist uns geschenkt hat, ist keine
Beliebigkeit und Willkür. Auch das können wir von Luther lernen. Freiheit heißt
nicht, dass ich machen kann, was ich will und dass ich mich auf Kosten anderer
ausleben darf. So ist es nicht, sondern unsere Freiheit ist gebunden an die Liebe, zu
der wir verpflichtet sind. Wer andere Menschen liebt, wer seine Nächsten liebt, der
engt sie nicht ein und nimmt ihnen nichts weg. Schon gar nicht quält und tötet er sie
wie in Diktaturen und Terrorstaaten. Ich denke mit Entsetzen an die fanatischen
Terrormilizen unserer Tage – wie schrecklich, dass so etwas passiert, und auch noch
mit der Berufung auf Religion. Nein, ich glaube: Wer andere liebt, der will, dass
auch sie leben und lieben können, dass sie in Freiheit leben dürfen so wie er
selbst. Wer seine Freiheit aus dem Glauben hat, der lebt also verantwortlich. In
Martin Luthers Worten gesagt: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und
niemandem untertan. Ein Christenmensch ist [ich ergänze: aber auch] ein
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dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Luther erklärt die beiden
scheinbar so widersprüchlichen Sätze so: In Christus lebt der Christ durch den
Glauben, das macht ihn frei, daher schwebt er gleichsam über den Wolken und ist er
niemandem untertan. In seinem Nächsten lebt der Christ durch die Liebe, das bindet
ihn, insofern steht er mit beiden Füßen auf dem Boden der Tatsachen. Und daher ist
er jedermann untertan. Beides stimmt somit, allerdings in unterschiedlichen
Hinsichten. Christen sind frei und sind gebunden zugleich: frei durch den Glauben,
gebunden durch die Liebe. Wo Freiheit und Bindung zusammenkommen, da ist
niemals Zwang. Aber immer Verantwortung. Christenmenschen sind verantwortlich
für das, was sie tun und sagen, und die christliche Kirche ist eine
verantwortliche, keine verantwortungslose Kirche. Weil sie die Welt mit den
Augen der Liebe sieht und das Beste für alle Geschöpfe will.
Deswegen sind uns – zum Beispiel – die Flüchtlinge nicht egal, die in großer Zahl
aus Afrika über das Mittelmeer zu uns kommen und die zu Tausenden in diesem
Meer ertrinken. Wir müssen gewiss nicht ihre Sprache sprechen, um sie in ihrer Not
zu verstehen. Wenn Menschen an Leib und Leben bedroht sind, Hunger und Durst
erleiden und in Gefahr sind, umzukommen, dann sind wir gefordert. Dann müssen
wir liebevoll und verantwortlich handeln – biblisch gesagt: barmherzige Samariter
sein an denen, die uns auf unserem Weg durch das Leben begegnen. Viele
christliche Gemeinden sehen das so und handeln entsprechend. Das ist
verantwortliches Handeln einer verantwortlichen Kirche.
Die Freiheit der Christenmenschen, vom Heiligen Geist geschenkt: Sie steckt schon
in Luthers Namen: Luder, Luther, Eleutheria. Sein Name ist Programm. Durch ihn
lernen wir: Wenn Gott selbst uns freispricht, dann ist Freiheit da. Wenn er uns
begegnet, öffnen sich „Tore der Freiheit“, die in die Zukunft führen. Wann und wo
kann das passieren? Eigentlich jederzeit und überall. In diesem Jahr 2015, im
Reformationsjahr 2017, in jedem Jahr. Hier in Frankfurt, im Zentrum von Berlin und in
der kleinen Stadt Wittenberg. An vielen Orten in unserem Land und in der ganzen
Welt. Wo Gott uns nahekommt, da ist er Geist, und wo der Geist weht, da ist Freiheit.
Wenn er uns freispricht, dann ist Freiheit da.
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Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre
unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
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