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Wohnreportage Bodensee
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Wohnreportage
Rubriktitel
Bodensee
ÜBERFLIEGER
AM SEE
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Wohnrevue 11 2015
So futuristisch das Einfamilienhaus einer jungen Familie auf den ersten Blick
wirkt, so feinfühlig fügt sich der Entwurf von Tec Architecture in das begehrte
Grundstück am Bodensee. Ein mit floralen Mustern ausgestatteter Baukörper
schiebt sich von der Hangkante über einen feingliedrigen Glaspavillon. Leicht
und schwer, weiss und schwarz, transparent und geschlossen, klare und
organische Formen, Intimität und Weitblick – Es sind diese Gegensätze, die
ein faszinierendes Raumgefüge entstehen lassen.
Wohnrevue 11 2015
Redaktion und Text : Roland Merz, Fotos: Peter Allgaier
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E
s darf ruhig etwas mehr sein», sagt Heiko Ostmann
mit einem Schmunzeln im Gesicht, als er über die Gestaltungsrichtlinien von tec Architecture spricht, und
fügt hinzu: «Wir sind nicht Architekten, die in unseren
Entwürfen alles auf ein Minimum reduzieren.» Natürlich
schätzt Ostmann Kollegen wie David Chipperfield, Tadao Ando oder Schweizer Minimalisten wie Diener & Diener. Doch er unterstreicht bescheiden, dass sie diese reduzierte Perfektion der Bauten nicht so brillant hinkriegen.
So hat sich tec Architecture einen anderen, vielleicht überrraschenden Leitspruch auf die Fahne geschrieben: «Es
geht nicht nur um die Funktion einer Form, sondern um
die Begehrlichkeit, die man mit ihr auslöst.» Diese Aussage von Automobildesigner und Unternehmer Sercio Scalietti (1920 –2011) beschreibt ausgezeichnet die Denk- und
Arbeitsweise des Büros, dass einst von Sebastian Knorr gegründet wurde und seinen Hauptsitz in Los Angeles hat.
Die Kreativwerkstatt, die auch in Ermatingen am Bodensee an ihren Projekten und Ideen tüftelt, beschäftigt sich
vor allem mit grossmassstäblichen Bauten wie zum Beispiel mit dem soeben fertig gestellten Luxushotel Kameha
Grand in Zürich, einem Hochhaus in Stuttgart mit dem Namen «Cloud No. 7» oder einer Stadtentwicklung in Hamburg. «Immer gerne entwickeln wir im Team auch Villenprojekte, die wir als Experimentierfeld verstehen», sagt
Ostmann, Geschäftsführer von tec Architecture. «Zusammen mit Bauherren, die offen für Neues sind, können spannende und ungewöhnliche Lösungen entstehen.»
Und so mag es nicht überraschen, dass am Bodensee ein
weiteres Wohnprojekt steht, das mit seiner ungewohnten
Formgebung und Ausgestaltung an diesem einmaligen Ort
neue Akzente setzt. Das Einfamilienhaus einer jungen Familie trägt futuristische Züge und ist gespickt mit überraschenden Detaillösungen, sitzt aber trotzdem geerdet auf
einem steinernen Sockel unmittelbar am Ufer des Untersees. «Gleich nebenan befindet sich ein Landhaus der Stuttgarter Schule. Der Ziegelbau ist schön gealtert und liegt
wundervoll in der Landschaft», beschreibt Heiko Ostmann.
«Mit unserem Entwurf haben wir versucht, mindestens in
den Dimensionen eine vergleichbare Architektursprache
anzuwenden.» Nicht wie viele der Häuser im Quartier, die
beinahe ihre ganze Grundstücksfläche ausnutzen, zweienhalb- bis dreigeschossig überbauen und so die Szenerie
mit ihren Dimensionen beinahe erschlagen, schaffen es das
Einfamilienhaus von tec Architecture sowie sein «älterer»
Nachbar angemessen auf den Ort zu reagieren.
Bereits der Weg zum Grundstück und zum Haus kommt einen feinfühlig aufgebauten Spannungsbogen gleich. Über
eine klassische Auffahrt von knapp 40 m erreicht man einen Vorplatz, an dem die Garage mit vier Autoabstellplätzen angegliedert ist. Noch immer ist der See bewusst ausgeblendet. Eingeschnitten in einem Kubus, in dem die
Schlafzimmer untergebracht sind und der sich vom Niveau der Ankunft über den Hang zieht, entdeckt der Besucher einen Abgang, der golden schimmert. Angezogen
steigt man einige Treppen hinunter und gelangt in einen
grosszügigen Innenhof. Dieser vor neugierigen Einblicken
geschützte Aussenraum spannt sich zwischen der gemau-
erten Hangkante und dem pavillonartigen Erdgeschoss des
Einfamilienhauses auf. Die Rückwand ist vollständig mit
einem Spiegel besetzt – spannende Sichtbezüge und Lichtstimmungen entstehen. Da die Übergänge in den Innenraum schwellenlos konstruiert sind, ist der Blick über den
Hof und durch den Wohnraum auf den See schlicht atemberaubend. Erst das rahmenlose Fenstersystem von Sky-Frame macht diese Weitsicht überhaupt möglich. Um dieses
fliessende Raumgefüge weiter zu betonen, sind sowohl im
Aussen- wie im Innenbereich dieselben Travertin-Platten
verlegt worden. Das Erdgeschoss mit Wohn-, Essbereich
und Küche ist vollkommen offen gestaltet. Eine kreisrunde
Loungelandschaft wurde gar vertieft im Boden verankert,
um den Blick auf die Landschaft nicht zu brechen, auch die
gefaltete Stahltreppe ins Obergeschoss ist so schlicht wie
möglich gehalten. Einzig eine organisch geformte, bewusst
überdimensionierte Stütze, die auf einer Seite die Last der
Schlafbox trägt, engt den Blick etwas ein. Versteckt in dieser Stütze befindet sich eine Gästetoilette.
Steht man am Ufer des See und schaut zurück, erfasst man
nochmals die ganze Szenerie in seiner ganzen Pracht: Fest
verankert steht das Haus auf einem steinernen Sockel. Darüber, leicht und elegant, sitzt der gläserne Wohnpavillon
und als Sahnehäubchen streckt sich zuoberst, beinahe fliegend, der längliche Baukörper mit den Schlafzimmern dem
Wasser entgegen. Gartenraum und Architektur mit seiner
detailreichen Gestaltung bildet eine Einheit.
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Ganz oben: Zwischen Hangkante und Wohnpavillon spannt sich ein vor
neugierigen Blicken geschützter Innenhof auf. Durch das rahmenlose
Schiebefenstersystem von Sky-Frame sind die Übergänge von Aussen- in
den Innenraum nahtlos und der Blick auf den See wird grenzenlos.
Oben: Zur Hangseite ist die mächtige Stützmauer vollständig mit einem
Spiegel besetzt. Egal wo man sitzt und wohin man schaut, die Landschaft
rückt in den Mittelpunkt – ein spielerischer Umgang mit der Unendlichkeit
des Raumes.
Oben: Angekommen auf einem gefassten Vorplatz wird man von einem
goldenen Abgang angezogen. Über ein paar Treppenstufen gelagt man
in einen intimen Innenhof und plötzlich weitet sich der Blick auf den See.
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Rechts: Der offen gestaltete Pavillon mit Küche, Ess- und Wohnbereich
sowie der «fliegende», längliche Baukörper mit den Schlafzimmern sind
wohl proportiniert und fügen sich mit ihren Dimensionen und ihrer Ausgestaltung nathlos in das leicht geneigte Grundstück und seine Umgebung.
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Linke Seite: Eine gefaltete, aufs Wesentliche reduzierte
Stahltreppe führt hinauf zu den Schlafzimmern und zoniert
gleichzeitig den grossen Raum in einen Wohn- bzw. EssKochbereich.
Ganz oben: Die Travertin-Platten sind sowohl auf den Terrassen wie auch im grossen Wohnraum zu entdecken und unterstreichen die fliessenden Übergänge von innen nach aussen
sowie umgekehrt. Im Zentrum der modernen «Stube» präsentiert sich eine kreisrunde Sofalandschaft, die bewusst in
den Boden eingelassen ist, um die Durchsicht nicht zu stören.
Oben: Hinter der weissen, schlichten Schrankfront in der
Küche verbirgt sich ein «geheimer» Zugang zu einem praktischen Vorratsraum.
Rechts: Die floralen Muster der Fassade der Schlafbox zeichnen sich auch im Innenraum an der Decke ab. Essbereich und
Küche gehen hier ebenfalls nahtlos ineinander über.
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tecARCHITECTURE
Lankenbergstrasse 14
8272 Ermatingen
www.tecarchitecture.com
Oben: Beinahe die ganze Last des «fliegenden»
Obergeschosses scheint auf einer überdimensionierten, organisch geformten Stütze zu liegen.
In dieser versteckt sich eine Gästetoilette.
Rechts: Das Bad in der Stütze ist im Gegensatz
zu den restlichen Räumen in schwarz gehalten,
der Bodern erneut in Travertin und an der Decke entdeck man auch hier die floralen Muster
der Aussenhaut der fliegenden Schlafbox.
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