Allein mit einem Kind ohne Geld und ohne Dokumente

Allein mit einem Kind, ohne Geld und ohne Dokumente –
die Geschichte von Z
(Aufgezeichnet von Trudi Dinkelmann für die Reihe „Menschen auf der Flucht“ auf der Gemeindeseite von Kriens im Reformierten Kirchenboten, ein Ausschnitt dieser Geschichte
erschien im Kirchenboten vom Februar 2016)
Z kommt aus einem kleinen Dorf in Somalia. Sie ist heute 36 Jahre alt und
hat vier Kinder. Seit bald zehn Jahren lebt sie in Kriens. Mit dem ältesten
Kind begab sich Z 2006 auf die Flucht vor Gewalt und dem bis heute andauernden Bürgerkrieg in Somalia. Bürgerkriege kennen keine Tage ohne gewaltsame Übergriffe auf die Zivilbevölkerung. Speziell Frauen werden Opfer
davon. So auch Z. Sie erzählt:
Ich wuchs in einem kleinen Dorf in Somalia mit zwei Schwestern und zwei Brüdern bei meiner Mutter auf. Es war Bürgerkrieg. Der Vater kämpfte in einer Miliz.
Mein Vater war höchst selten bei unserer Familie. Wir hatten ein paar Tiere, zogen Gemüse und konnten mit dem Verkauf von Wassermelonen etwas Geld verdienen. Sehr gerne wäre ich in die Schule gegangen. Das Einkommen reichte
nicht. Mein Vater schickte etwas Geld, damit meine Brüder die Schule besuchen
konnten. Ein Mädchen müsse nicht in die Schule gehen, es müsse gut zu Tieren
schauen, den Garten bestellen und bald einmal eigene Kinder haben können,
fand meine Mutter. Im Alter von 7 Jahren besorgte ich den ganzen Haushalt unserer Familie. Wenn die Mutter nicht im Hause war, guckte ich heimlich, was meine
Brüder in der Schule gelernt hatten. Ich versuchte selber, mir Schreiben und Lesen beizubringen und habe dies auch ein bisschen gelernt. Wenn ich heute auf
meine Kinder- und Jugendjahre zurückschaue, finde ich, dass ich ein glückliches
Kind war.
Nachdem mein Vater aus der Miliz wieder zu unserer Familie zurückgekehrt war,
eröffnete er ein kleines Restaurant. Ich durfte dort in der Küche und auch beim
Bedienen mithelfen. Mir gefiel die Arbeit. Ich liebte den Kontakt zu meinem Vater
und den Gästen im Restaurant. Mit 17 Jahren wurde ich mit meinem ersten Mann
verheiratet. Er kam aus demselben Dorf wie ich. Er war gut zu mir. Schon bald
kam mein erstes Kind zur Welt. Es starb im Alter von einem Jahr. Im gleichen
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Jahr starb auch mein Ehemann im Krieg. Ich war 19, verzweifelt, erwartete das
zweite Kind.
Oft geschah, dass Soldaten mit Gewehren ins Restaurant stürmten. Dann musste
ich mich ganz schnell wie eine Maus in irgendein Loch verkriechen. Die Soldaten
fielen oft über Mädchen und Frauen her. In den Verstecken litt ich unter grausamen Ängsten. So viele Menschen wurden in den Verstecken entdeckt, überwältigt
und erniedrigt. Viele starben. Eines Tages starb auch einer meiner Brüder im
Kampf.
Als mein zweites Kind, eine Tochter, zur Welt kam, gab es das Restaurant meines
Vaters nicht mehr. Unsere Familie hatte kein Einkommen mehr. Das war eine
schwierige Zeit. In dieser Zeit wurde ich zum zweiten Mal verheiratet. Dieser
Ehemann hatte noch eine zweite Ehefrau. Ich bekam von ihm kein Geld für den
Haushalt. Wenn ich ihn um etwas Geld für das Essen für meine Tochter und mich
bat, schlug er mich und das Kind. Das tat er auch, wenn ich ihm nicht jeden Willen
erfüllte. Für mich war diese Ehe eine grosse Katastrophe. Ich beschloss, diesen
Mann zu verlassen und mit meiner Tochter in die Hauptstadt Mogadischu zu ziehen. Dort hoffte ich, eine Arbeit zu finden und in Sicherheit leben zu können. Eines Tages verliess ich das Dorf mit meiner kleinen Tochter. Im Reisegepäck waren ein paar Kleider für mich und mein Kind. Das Geld, das ich bei mir trug, reichte gerade für die Busfahrt. Auf der langen Fahrt in die Hauptstadt überfielen Männer mit Gewehren den Bus. Sie verlangten, dass alle Passagiere das Geld herausgaben, das sie bei sich trugen. Wer sich weigerte, riskierte rohe Gewalt. Ich
zeigte ihnen meine wenigen Habseligkeiten und meine leeren Taschen. Da entrissen sie mir meine Tochter und verschwanden mit ihr. Sie riefen mir zu, dass ich
das Kind nur gegen Geld wieder haben könne. Geld hatte ich keines. Voller Verzweiflung erbettelte ich beim Buschauffeur etwas Geld. Er fragte mich zuerst, wohin ich gehen wolle und was ich vorhätte. Nachdem ich es ihm gesagt hatte, riet
er mir, wieder in mein Dorf zurückzukehren, Mogadischu sei eine viel zu gefährliche Stadt für eine junge alleinstehende Frau mit Kind. Und eine Arbeit würde ich
dort nicht finden. Der Buschauffeur bezahlte den bewaffneten Männern etwas
Geld. Sie gaben mir meine Tochter zurück. Wir fuhren mit dem nächsten Bus zurück in unser Dorf. Es war für mich schrecklich, wieder zu meinem Mann zurückkehren zu müssen.
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Einige Zeit später - ich erwartete wieder ein Kind - beschloss ich, erneut davonzulaufen. Ich hielt es bei meinem gewalttätigen Ehemann nicht mehr aus. Auch hatte ich Angst vor den ständigen Bedrohungen durch fremde Männer mit Gewehren.
Meine Schwiegermutter riet mir, nach Nairobi auszuwandern. Sie kenne dort eine
Frau, bei der ich wohnen könnte. Ich bat meine Schwiegermutter um etwas Geld
für die Reise und den Aufenthalt in Nairobi. Da sie mich gut mochte und wusste,
wie schlecht es mir erging, verkaufte sie ihr Häuschen, gab mir den Erlös und zog
zu ihrer Tochter.
Meine kleine Tochter und ich reisten mit wenig Gepäck und ohne Dokumente mit
dem Bus auf einer beschwerlichen Reise nach Nairobi. Dort fand ich die Frau, bei
der wir zwei Wochen aber nicht länger wohnen konnten. Ich musste ihr dafür den
grössten Teil des Geldes, das ich bei mir hatte, abgeben. In diesen zwei Wochen
durfte ich die Wohnung nie verlassen. Die Frau fragte mich schon bald, wohin ich
weiterreisen wolle, an die Landesgrenze in ein Flüchtlingscamp oder nach Europa. Europa? Was war Europa? Ich wollte nichts als Sicherheit für meine Tochter
und mich, egal wo. Würde ich diese Sicherheit eher im Flüchtlingscamp oder in
Europa finden? Die Frau riet mir, nach Europa zu reisen, ein Mann würde mich
dorthin begleiten. Dieser tauchte eines Tages in der Wohnung in Nairobi auf, wo
ich versteckt lebte, gab meiner Tochter und mir Reisedokumente und nahm uns
mit zum Flugplatz. Ich hatte nur wenig Gepäck. Im Flugzeug fühlte ich mich seit
langem wieder einmal glücklich, weil ich glaubte, alle Probleme seien für mich und
meine Tochter nun gelöst. Mein Begleiter war freundlich zu mir.
Dann kamen wir in Zürich an. Mein Begleiter fuhr mit mir vom Flughafen Zürich
mit der Bahn in die Stadt Zürich. Im Hauptbahnhof hiess er mich warten, er wolle
für meine Tochter und mich noch etwas einkaufen. Er verschwand mit meinem
Gepäck, den Reisedokumenten und kam nie wieder. Nun sass ich hier in einem
grossen Bahnhof allein mit einem Kind, ohne Geld, ohne Dokumente, in einem
Land, dessen Sprache ich nicht verstand, dessen Leute so ganz anders gekleidet
waren als ich selbst. Mir war übel, das Kind wollte etwas zu essen. Ich hatte
nichts. Ich fühlte mich unbeschreiblich elend. In meiner Not wandte ich mich an
einen afrikanischen Mann, den ich im Bahnhof entdeckt hatte. Wir konnten uns
nicht richtig verständigen, da er eine andere afrikanische Sprache sprach als ich.
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Wohl hatte er meine Situation erkannt. Er sagte etwas von "police" und machte
Zeichen, ob ich mitkommen wolle. "Police" verstand ich. Ich hatte Angst vor der
"police" und Angst vor Gewalt. In diesem grossen belebten Bahnhof allein zu bleiben, wäre für mich schlimmer gewesen, als diesem Unbekannten zu folgen. Er
kaufte mir ein Bahnbillet. Wir fuhren zusammen nach Kreuzlingen. Dort verabschiedete er sich, zeigte mit dem Finger in eine Richtung und sagte "Asyl". Einer
Passantin fiel offenbar auf, wie verstört ich im Bahnhof Kreuzlingen herumstand.
Sie sprach mich an. Ich sagte "Asyl", und sie begleitete mich ins Empfangszentrum in Kreuzlingen.
Drei Wochen verbrachten meine Tochter und ich im Empfangszentrum Kreuzlingen. Es ging mir schlecht. Wegen der Schwangerschaft war mir dauernd übel.
Das fremde Essen schmeckte mir nicht. Ich habe in dieser Zeit fast nichts gegessen. Ich fühlte mich krank. Für Kontakte zu anderen Menschen im Empfangszentrum hatte ich keine Kraft. Sobald die Arbeiten, die wir im Zentrum machen mussten, verrichtet waren, zog ich mich zurück und betete. Die Tage waren lang und
eintönig. Zweimal musste ich zu einem Interview gehen und meine Geschichte
erzählen. Das schmerzte sehr. Sie gaben mir dann den F-Ausweis.
Eines Tages hiess es, meine kleine Tochter und ich müssten nach Luzern reisen
und dort das Amt für Migration aufsuchen. Niemand begleitete uns dorthin. In Luzern musste ich mich einmal mehr durchfragen, wie man vom Bahnhof zum Amt
für Migration gelangt. Drei Stunden war ich mit dem Kind in Luzern herumgeirrt,
bis ich dieses Amt für Migration endlich fand. Dort wurden meine Tochter und ich
registriert. Wir erhielten die Adresse eines Asylzentrums, eine Busfahrkarte und
wurden aufgefordert, uns in das angegebene Asylzentrum zu begeben. Mit Hilfe
eines arabisch sprechenden Mannes, den ich an der Busstation zufällig getroffen
habe, habe ich das Asylzentrum gefunden.
In diesem Asylzentrum war es besser als in Kreuzlingen. Ich hatte ein eigenes
Zimmer für mich und meine Tochter. Ich durfte alleine duschen, selber kochen. Es
gab keine Polizei in der Nähe. Ich fühlte mich sicher. Das alles war für mich angenehm. Aber ich litt unter unsäglichem Heimweh, vermisste meine Eltern, meine
Geschwister. Ich konnte keinen Kontakt zu ihnen aufnehmen. Zu dieser Zeit hatte
ich ausser meiner kleinen Tochter keinen Menschen, mit dem ich hätte reden
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können. Die meisten Leute im Haus waren aus Ländern, deren Sprache ich nicht
verstehen und sprechen konnte. Einmal mehr war ich verzweifelt. Auch hier waren mir die Tage unerträglich lang, und die Angst vor der Zukunft erdrückte mich.
Nach ein paar weiteren Wochen bezog ich mit meinem Kind eine Wohnung in einer Gemeinde auf dem Land im Kanton Luzern. Ich fühlte mich auch dort sehr
einsam, hatte Angst vor der Zukunft. Einmal wagte ich als Muslimin, in die Dorfkirche zu gehen. Ich hoffte, dort irgendeinen Menschen zu treffen, mit dem ich
hätte sprechen können. Mit meinen afrikanischen Kleidern - ich hatte keine anderen - fiel ich auf. Tatsächlich sprach mich der Pfarrer an. Ich habe nicht verstanden, was er zu mir sagte, aber er schien ein freundlicher Mensch zu sein. Ein
paar Tage später besuchten mich zwei Frauen aus dem Ort, wo ich jetzt wohnte.
Auch sie waren sehr nett zu mir. Es tat mir gut, dass sich jemand um mich kümmerte. Verständigen konnten wir uns nur mit Gesten. Ein bisschen glücklich war
ich dann, als ich eine andere somalische Frau mit Kindern kennenlernte, die in
einer Nachbargemeinde wohnte. Endlich hatte ich einen Menschen gefunden, mit
dem ich mich vertrauensvoll unterhalten konnte. Weil diese Frau eines Tages mit
ihren Kindern nach Kriens wegzog, wollte ich auch nach Kriens ziehen. Die Caritas hat mir diesen Wunsch erfüllt. Seither wohne ich in Kriens in einer kleinen
Wohnung mit meinen inzwischen vier Kindern. Meine älteste Tochter ist eine sehr
gute Schülerin im letzten Schuljahr der Sek. A. Sie möchte anschliessend das
Gymnasium besuchen und dann ein Studium machen. Das macht mich sehr
glücklich. Ich selber durfte in Kriens über längere Zeit Deutschkurse besuchen.
Zum ersten Mal in meinem Leben durfte ich das tun, wovon ich immer geträumt
habe: die Schule besuchen. Was für ein grosses Glück für mich! Ich habe schnell
Lesen und Schreiben gelernt. Heute kann ich mich gut auf Deutsch unterhalten.
Ich habe auch einen Putzkurs gemacht und dann ab und zu ein wenig arbeiten
können. Jetzt geht es mir viel besser. Ich bin 36, mein Leben ist erträglicher geworden. Jetzt träume ich davon, dass alle meine Kinder in der Schule gut lernen
und in der Folge eine gute Ausbildung machen können. Für mich selber würde ein
Traum in Erfüllung gehen, wenn ich einmal eine Arbeit finden würde, die Familie
selber ernähren und dann vielleicht einmal in die Ferien verreisen könnte.
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