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Karfunkels Rache
Ein Leben voller Sehnsucht, Leidenschaft
...und Mutti.
Ein Fortsetzungsroman über die Dinge des Lebens.
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Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Finanzkrise, Abwrackprämien, Amokläufe, der Teuro.
Und mittendrin Maximilian Karfunkel.
In einer süddeutschen Großstadt, deren Name Programm ist.
In Alpstadt kann das Leben nur ein Traum sein.
Unter Kastanien mit einer Maß Bier - was für ein Leben!
Wenn Udo Heyden, der Oberbürgermeister,
nur nicht diese Vorliebe für Straßenbahnschienen hätte.
Aber das ist nicht das eigentliche Problem für einen 30jährigen,
der das Leben erst noch lernen muß.
Dies ist die Geschichte von mutigen Menschen, die
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Menschen, die vorhatten, die Welt zu verbessern, sie wenigstens irgendwie zu verändern,
von ihr zu profitieren oder sie einfach auszurauben.
Kleine und große Narren, Weltverbesserer und Weltverschlechterer, Vollidioten und Volljuristen.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder gelebten Personen
wären rein zufällig unbeabsichtigt und einfach schrecklich.
Aber das kann ja auch Zufall sein nach § 5 Abs. 4 ZuFallG.
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Prolog
Maximilian Karfunkel kochte vor Wut.
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Wenn sie ihn sehen würde, wie er leidet, dann würde sie sich vielleicht grämen. Dann könnte er
endlich einmal triumphieren. Aber sie war hart wie immer. Er würde hier bis zum Einschlafen
alleine bleiben. Mutti kam grundsätzlich nicht mehr ins Zimmer, nachdem sie ihm seinen heißen
Kakao gebracht hatte.
Und so litt Karfunkel einfach nur leise vor sich hin. Richtig fest wollte er heute wieder einmal
leiden. Warum war sie auch so böse!
Alle anderen konnten ja auch noch bleiben. Und so spät war es auch nicht. Aber nein, seine
Mutter musste ja wieder einmal auf der Party auftauchen und ihn zum Spott der anderen zum
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Der Kakao dampfte nur noch leicht aus der Tasse, und so wusste er, dass er ihn endlich
langsam trinken konnte. Wohlig fühlte er, wie der vertraute Getränk über seine Kehle in den
Magen hinunterlief, was ihn augenblicklich wie gewohnt müde machte. Er saß in seinem
Einteiler-Frotteeschlafanzug mit Füßlingen in seinem Bett und betrachtete nachdenklich die
Nachttischlampe, seinen Schlafbegleiter, seit er denken konnte. Auf der Vorderseite des
Schirms befand sich Donald Duck, auf der Rückseite Goofy. Er drehte den Schirm auf Goofy.
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Eindruck, Goofy hätte ihm zugezwinkert.
So döste er vor sich hin. Doch dann erinnerte er sich plötzlich an die Vorstandssitzung, die für
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jedoch augenblicklich in einen tiefen Schlaf, wo die üblichen Nachtmahre und Gespenster schon
auf ihn warteten.
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Die Sitzung
Die Luft war klar und roch nach frischem Grün. Die Straßen waren belebt von so vielen Leuten
wie schon lange nicht mehr, und alle trugen farbenprächtige Kleider. Nach einem so langen und
harten Winter tat die Sonne wohl, und jeder versuchte, ein paar Sonnenstrahlen aufzusaugen.
Einige wenige saßen sogar schon tapfer in den Biergärten und lächelten selig vor Ihren
Bierkrügen. Doch so richtig warm war es natürlich noch nicht, und die Tapferen wußten, daß
ihre eiskalten Füße und Frostbeulen ein hoher Preis für die bewundernden Blicke waren. Das
gleiche galt für die Cabriofahrer, die erstmals seit Monaten ihre Verdecke geöffnet hatten und
den kalten Wind um ihre blaugefrorenen Gesichter tanzen ließen.
Kurz und gut, die Menschen dieser Stadt freuten sich über das Ende der Eiszeit, das bereits den
dritten Tag anhielt und dadurch zu unterstreichen schien, daß der Winter endgültig vorüber sein
sollte. Es war Montag, und der Wetterbericht sprach von weiter ansteigenden Temperaturen in
den nächsten Tagen. Einzig der Verkehr, der sich jetzt über die Stadtautobahn und die
Zubringerstraßen quälte, zeugte von einer ewigen Beständigkeit, die keine Jahreszeiten kannte.
Wie immer löste sich der Stau schließlich am Autobahndreieck Alpstadt-Karfunkel auf.
Mit ihren 1863 Angestellten war die Karfunkel & Cie KG einer der Hauptsteuerzahler der Stadt,
gleichzeitig Renommierfabrik wie Angriffspunkt vieler Gemüter. Gegenwärtig stand die Fabrik
wieder einmal im Fokus der Presse.
Maximilian Karfunkel III schlurfte mürrisch über den Fabrikhof und murmelte vor sich hin: "Ich
krieg's schon noch raus. Eines Tages krieg ich es schon noch raus." Zwischen den beiden
großen Lagerhallen hatten sich einige Arbeiter versammelt, die Zigaretten rauchten oder ihr
mitgebrachtes Frühstück verzehrten. Karfunkel schüttelte verständnislos den Kopf und fragte
sich, warum zum Teufel er vor kurzem eine neue Kantine einrichten ließ, wenn ohnehin keiner
drinnen saß. Die Arbeiter grinsten zu ihm herüber, und einige grüßten ihn sogar. "Grüß Gott,
Herr Direktor, schöner Tag, was?". "Hi, Max", rief einer, den er noch nie gesehen hatte, der aber
den typischen hellblauen Firmenoverall trug mit dem Emblem einer schemenhaften Frau
inmitten einer Orange. So schön dieser Herbsttag auch war, Karfunkel wußte, daß er nichts
Gutes bringen würde. Die Gesellschafterversammlung war für zehn Uhr anberaumt, bei der er
Rede und Antwort zu stehen hatte. Es war nur Übles zu erwarten.
Karfunkel war ein stattlicher Mann. Einsneunundachtzig groß, 105 Kilo schwer, Tendenz
steigend. Er ähnelte stark seinem Vater, ganz besonders seinem Großvater, dem
Firmengründer. Portraits beider Männer, mit dicken Zigarren in der Hand, hingen in allen Fabrikhallen und Büros, aber irgendwie schien ihm deren Format noch zu fehlen, der Rest war
hinter dichten, geheimnisvollen Schwaden verborgen. Vielleicht lag es aber daran, daß
eigentlich nur die Umrisse seiner Ahnen auf diesen Porträts zu erkennen waren. Beide pflegten
mit dicken Havannas ihre Umgebung beständig einzunebeln. "Junge, dir fehlt Format", hörte der
kleine Max seinen Vater immer sagen, und auch seine Mutter wiederholte so beständig wie
vorwurfsvoll diesen Satz: "Wenn Du nur das Format Deines Vaters hättest!".
Daher durfte er sich zu Vaters Zeiten in der Fabrik nur in nebensächliche Dinge einarbeiten und
wurde von den Firmeninterna weitgehend ferngehalten. Als sein Vater vor fünf Jahren urplötzlich
verschwand, wußte er daher immer noch nicht vollständig, was die Fabrik produzierte. Offiziell
präsentierte sich die Karfunkel & Cie KG als einer der größten Hersteller von Haushalts- und
Drogerieartikeln des Landes, aber irgendwie mußte da noch mehr sein, das wußte er gewiß.
Seine eigene Mutter schwieg beharrlich und wiederholte, sie sei nur eine schwache,
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zu fragen, weil er Angst hatte, sich eine Blöße zu geben.
Karfunkel schüttelte heftig seinen Kopf, um sich von seinen schweren Gedanken zu befreien.
"Ich muß mich jetzt konzentrieren, sonst wird das nie was", murmelte er vor sich hin. Mein Gott,
wie sehr wünschte er sich jetzt eine heiße Tasse Kakao.
Der Junior hatte ehrgeizige Ziele. Er wollte die Firma wieder in die schwarzen Zahlen bringen, er
wollte das Ansehen der größten Fabrik in dieser Stadt wieder auf Vordermann bringen, und er
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wollte herausfinden, weshalb die Firma Verluste schrieb. Meistens hatte er den Eindruck, daß
alle anderen Bescheid wußten und nur ihn in Unwissenheit hängen ließen. Er hatte sich
geschworen, es jetzt mit List und Überrumpelung zu versuchen. Das erste Opfer - vor der
Sitzung um zehn - sollte der Kranführer Karl werden, dessen Nachnamen er nicht kannte. Einen
Kran hatte er auf dem Betriebsgelände auch noch nie gesehen. Er hatte das seltsame Gefühl,
daß Karl mehr wußte als er schien. Er war seit sechs Jahren in der Firma beschäftigt,
permanent auf dem Gelände unterwegs und hatte immer einen Knopf im Ohr, mit einem
Spiralkabel, das unter dem Kragen des Overalls verschwand. Was wußte Karl?
Überhaupt sah das Betriebsgelände sehr merkwürdig aus. Einige einstöckige.
heruntergekommene Fabrikhallen standen abseits der modernen Fabrikhallen aus Edelstahl
und Glas auf dem großen Areal eher verloren und wie zufällig herum, und in der Mitte des
Geländes ragten drei altertümliche, gemauerte mächtige Schornsteine aus ebenso vielen
Schuppen. Es war ein Kontrast zwischen den schweren, dumpfen Jahren der Industrialisierung
und der lichten Eleganz der Moderne. Gleich hinter den modernen Fabrikhallen erhob sich eine
steile Felswand , auf deren Spitze eine alte viktorianisch anmutende Villa mit vielen Erkern und
Türmchen thronte: das Anwesen der Karfunkels. Direkt über dem Firmengelände, aber nur über
eine weitläufige Serpentinenstraße im Hinterland erreichbar.
Einer der Schornsteine rauchte wie gewöhnlich leicht vor sich hin. Er sorgte für die Heizung der
gesamten Firmengebäude. Die beiden anderen waren vor Jahren stillgelegt worden und dienten
scheinbar nur noch der Dekoration. Doch aus einem von ihnen sollen jüngst Blubbergeräusche
gekommen und Seifenblasen entwichen sein. Sagten zumindest die Gerüchte. Einer der
Schuppen besaß eine schwere Stahltür, die immer verschlossen war. Der Junior, wenn man ihn
wirklich so nennen kann, schließlich war Karfunkel schon fast 30, hatte noch nie diese Tür sich
öffnen oder schließen gesehen. Er besaß keinen passenden Schlüssel dazu, obwohl ihm sein
Vater an die zweihundert verschiedene hinterlassen hatte. Das war auch das Thema der
Gesellschafterversammlung. Er, ausgerechnet er, sollte eine plausible Erklärung für das
Blubbern für die Presse abzugeben, nachdem eine Bürgerinitiative in den letzten Monaten einen
besorgniserregenden Einfluß gewonnen hatte. Im Umkreis von 50 Kilometern waren immer
wieder Blasen heruntergegangen und hatten Autos, Passanten und sogar manche Tiere im Zoo
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lautete jüngst die Schlagzeile in einer der Lokalzeitungen. Unzählige Prozesse waren in
Vorbereitung, die Hundertschaften von Juristen beschäftigten und in den Reichtum trieben.
Doch was sollte der Junior sagen. Daß er keinen blassen Schimmer hatte, was seine Firma
produzierte und woraus die Blasen waren? Er hätte sich unglaubwürdig, bestenfalls lächerlich
gemacht. Andererseits gab es keine gesicherten Beweise, daß die Blasen aus dieser Firma
kamen. Aber das Problem war dadurch für ihn als haftenden Geschäftsführer auch nicht gelöst.
Während er so vor sich hingrübelte, erschrak er plötzlich. Der Kranführer stand unvermittelt vor
ihm. "Ach, übrigens, Karl, wo ist eigentlich der Kran?", fragte ihn der Junior mit einer spontanen
Direktheit und perfekt gespielten Unbefangenheit, die ihn selbst überraschte. Doch mit der
gleichen Schnelligkeit antwortete Karl gelangweilt: "Naja, der ist halt bei der Inspektion". Diese
Antwort hatte Karfunkel eigentlich erwartet: Immer war der Kran zur Überprüfung oder Reparatur
in irgendeiner obskuren Werkstatt. Oder auf Montage.
"Und in welcher Werkstatt ist der jetzt?", fragte Karfunkel gequält und hätte sich im selben
Moment am liebsten selbst für diese Frage geohrfeigt, denn er kannte die Antwort. "Naja, halt
dort, wo er immer ist", grinste Karl, "Sie haben ja den Auftrag unterschrieben. Sie selbst haben
doch in Ihrem letzten Memo befohlen, daß alles über Ihren Schreibtisch gehen sollte". Karfunkel
hatte Karls Antwort im Geiste simultan mitgesprochen und ärgerte sich über seine Dummheit.
Einmal, vor einigen Monaten, hatte er widersprochen und nur ein Achselzucken als Antwort mit
der lapidaren Feststellung geerntet, er sei ja der Chef und müsse über solche Vorgänge
Bescheid wissen. Karfunkel war verzweifelt. Er hatte auch deshalb auf den Kran gesetzt, weil
man vielleicht von oben an den obskuren Schornstein kam. Aber auch diesmal war alles
vergebens. Doch Karfunkel wußte, daß Karl eine Schlüsselfigur in diesem Rätsel sein würde.
Und er fragte sich, warum Karl immer einen offensichtlich kleinen Lautsprecher im Ohr trug, der
mit einem schwarzen Spiralkabel verbunden war, das unter dem Kragen des Overalls
verschwand.
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Hilflosigkeit und sein erneutes Versagen ab.
Vor der Sitzung wollte sich der Junior noch mit seinem Stellvertreter und Justitiar, Xaver
Bernhard Liebig, zusammensetzen, um eine Strategie auszuarbeiten. Liebig war der einzige
Vertraute Karfunkels.
Während Karfunkel auf das Verwaltungsgebäude zusteuerte, wurde ihm unversehens übel. Eine
solche Aufregung wie die bevorstehende, gepaart mit dem Frühstück, das er jeden Morgen auf
Geheiß seiner Mutter zu sich nehmen mußte, führten bei ihm immer zu Übelkeit. Heute gab es
wieder diese lauwarmen Weißwürste, die er so haßte, Spiegeleier im süßen Blätterteigmantel
sowie die überbackene Banane mit Sirup. Besonders die überreifen Bananen hatten es seiner
Mutter angetan, die in diesen Früchten die gesamte Heilkraft der Natur konzentriert sah. Vor
allem wenn es um Nervenkraft ging, die ihr Sohn ganz offenbar benötigte. "An Apple a day
keeps the doctor away? Unfug", rief sie stets. "Bananen bannen Banzillen", hielt sie dagegen.
Proteste duldete sie nie, und Karfunkel ertappte sich in letzter Zeit immer mehr dabei, daß er ihr
den Tod, oder zumindest ein spurloses Verschwinden wünschte. Der Gedanke an das Frühstück machte alles nur noch schlimmer. Schnell hastete Karfunkel um das Gebäude herum.
Verborgen durch die jahrzehntealten Hecken, übergab sich Karfunkel heftig und fühlte sich
augenblicklich besser. Noch dreimal tief durchatmen, und er hatte es überstanden. Schließlich
passierte ihm dies mittlerweile fast täglich, so daß es quasi zur Routine geworden ist.
Als er sich das Ergebnis näher betrachtete und unverdaute Teile von Lebensmitteln sah, die er
unmöglich gegessen haben konnte, folgerte er, daß jemand wohl kurz zuvor ein ähnliches
Problem hatte. Karfunkel lächelte zufrieden und murmelte: "Wenigstens ist Liebig schon da."
Gerade wollte sich Karfunkel wieder aus dem Gebüsch herausschleichen, als er seine
Sekretärin sah, die sich mit ihrem forschen Gang auf den Haupteingang zubewegte, aber
plötzlich innehielt. Sie drehte sich halb um und steuerte das Gebüsch an, in dem sich Karfunkel
befand. Sie ging jedoch zu seiner Erleichterung nur einen kleinen Schritt hinein, drehte sich
dann um und überblickte halb verborgen die nähere Umgebung. Sie drehte schließlich Karfunkel
ihren Rücken zu und beugte sich langsam etwas vor. Schließlich zog sie ihren Rock hoch und
nestelte an ihrer Unterwäsche, die ihr offensichtlich unerwünscht verrutscht war. Karfunkel
wurde es immer heißer. Was seine Sekretärin unter ihrem dünnen Sommerkleid trug, war eher
als Nichts zu bezeichnen. Zarte weiße Spitze, die locker um ihre Taille hing, sich aber
offensichtlich immer wieder verfing. Karfunkel hatte ähnliche verstohlene Bewegungen bei
seiner Sekretärin bemerkt und erkannte jetzt endlich den Grund. Der Anblick ihres festen, wenn
auch eher fülligen Hinterteils brachte Karfunkel augenblicklich fast um den Verstand, da er sich
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Karfunkel kannte sich aus. Jahr für Jahr ließ er sich sämtliche Warenhauskataloge des Landes
schicken und bestellte jedes Mal gerade immer ein bißchen, damit er als Kunde geführt wurde
und die neuesten Ausgaben automatisch kostenlos per Post erhielt, sobald sie herauskamen.
Frühjahr/Sommer und Herbst/Winter. Eigentlich hatte er es immer nur auf die Seiten mit der
Damenunterwäsche abgesehen. Und so studierte Karfunkel heimlich die Frauen und war immer
up-to-date, was die Mode anbetraf. Vor allem untenrum. Manchmal verliebte er sich auch in die
eine oder andere der Damen. Den Frühjahr/Sommer-Katalog vom vorletzten Jahr hatte er sich
aufbewahrt, denn da hatte er ein Model entdeckt, das seiner Sekretärin, Lisa Motte, zum
Verwechseln ähnlich war. Braune Augen, dunkles langes Haar, schlanke Taille, lange, lange
Beine und ein nicht allzu große Brüste. Am liebsten hatte er sie in diesem verrucht roten Body
mit hohem Beinausschnitt, im Schritt geknöpft, für nur 68 Mark 50, 100% Elasthan. Den, wie
auch manche andere Teile seiner Begierde, hatte er sich nach langen Überlegungen bestellt
und an seine Firmenadresse schicken lassen. So wurde das Abbild des Models - und mit ihr
seine Sekretärin - seine Begleiterin in den einsamen Stunden, wenn ihn seine Mutter schon früh
am Abend ins Bett schickte, damit er den nächsten Tag im Büro wieder meistern konnte. Vor
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ihm der Katalog und neben, manchmal auch unter ihm die Dessous, die er anschließend wieder
in seinem Versteck vor seiner Mutter verbarg.
Eines Tages würde er verschwinden, sagte er sich immer wieder. Oder seine Mutter. Irgend
etwas müßte zumindest verschwinden. Und mit diesem Nachtgebet fiel er meistens in den
Schlaf, wenn er nicht gerade zu stark an Lisa Motte dachte und noch Stunden erregt war.
Fräulein Motte zog nun ordentlich wieder ihr Kleid glatt und betrachtete sich sorgfältig. Noch
einmal griff sie nach hinten, zupfte ihre Dessous in Form und stutzte. Sie zog die Luft ein, verzog
das Gesicht und murmelte: "Mein Gott, ist das ein Gestank!" Schnell rannte sie hinaus und
schüttelte sich dabei.
Karfunkel hastete jetzt ebenfalls verstohlen aus seinem Versteck und schritt zum
Verwaltungsgebäude, wo ihn der Wachdienst untertänigst begrüßte. "Grüß Gott, Herr
Generaldirektor. Hatten Sie eine gute Nacht? Ihre Frau Mutter hat schon angerufen". Diese
Kontrollanrufe haßte der Junior am meisten. Kaum verspätete er sich mal fünf Minuten, wußte
es bereits seine Mutter, die daraufhin oftmals wochenlang zur Strafe nicht mit ihm redete.
Gelegentlich allerdings wartete er bewußt diese Minuten in seinem Auto, um Frieden vor seiner
Mutter zu haben.
Sein Frühstück bekam er jedoch trotzdem immer. Wortlos zwar, aber hundertprozentig sicher.
Hastig eilte Karfunkel die Treppe zum Verwaltungsgebäude hinauf –und rutschte vor Hektik
aus. Er kam ins Stolpern und fiel über die fünf Stufen hin. Verdattert besah sich Karfunkel von
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In dem Moment sah er Hägar Meister.
Hägar Meister war Redakteur beim Alpstadt-Kurier, der Boulevardzeitung der Stadt. Er war
berüchtigt für seinen harten Investigationsjournalismus und seine unbarmherzige Art im
Umgang mir seinen Opfern. Das Blitzlicht zuckte noch ein paar Mal, und Meister wußte, daß er
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Karfunkel stöhnte vor Schmerzen, drehte sich aber schnell um und hastete ins Gebäude, direkt
auf den Lift zu. Glücklicherweise war die Tür offen. Er drückte den Knopf zum fünften Stock und
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schlimmen Blähungen nachgegeben haben. Und wie! Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Seine
Verärgerung und sein Ekel schlug im in Horror, als sich die Lifttür im dritten Stock öffnete und er
Lisa Motte sah. Lächelnd stieg sie ein.
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Ihrem Büro, sagte sie, noch ein wenig pikiert. Aber kein Anflug von Zorn. Karfunkel war
erleichtert.
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Kinderbrille in einem schlechtsitzendem, zerknittertem Anzug. Groß, und doch unscheinbar.
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Jemand, den man nie in einer Menge herausfinden würde. Ein Mensch, an den man sich nie
erinnert.
Karfunkel und Liebig kannten sich schon aus der Schulzeit. Sie waren eigentlich zusammen
aufgewachsen. Liebig war Sohn eines Jusristen und verfügte daher über eher mäßige
Geistesgaben. Seine Mutter hatte einst Kunstgeschichte studiert und war frustriert, den
Abschluß nicht geschafft zu haben. In der mündlichen Prüfung hatte sie, gefragt nach den
Besonderheiten von Renoir, beleidigt geantwortet: "Also mit Autos, da kenne ich mich nicht so
gut aus." Das war das Ende Ihrer ohnehin zweifelhaften Kunstkarriere. Als dann auch noch ihr
Sohn zur Welt kam, war sie total verzweifelt und verfiel in Melancholie. Sie verließ die Wohnung
kaum noch und saß den ganzen Tag vor dem Fernseher, wenn sie nicht gerade Fitnesskurse
abhielt, um Sinn in ihr Leben zu bringen. So verbrachte Liebig seine Schulzeit, die für ihn immer
eine große Bedrückung darstellte, immer in Verzweiflung und Angst. Er zeichnete sich durch die
Beständigkeit aus, bestenfalls mittelmäßige Leistungen zu erbringen. Tatsächlich mußte er aber
nur zwei Klassen wiederholen. Doch selbst in der Wiederholung erreichte er nur bescheidene
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Hinzu kam, daß Liebig von seinen Klassen- und Schulkameraden gehänselt wurde. Liebig war
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Das Gelächter war grandios. Und Liebigs Gesicht glühte.
Diese Geschichte wurde immer und immer wieder an den Lehrerstammtischen und privaten
Festen erzählt und garantierte stets einen sicheren Lacher.
Letztlich schaffte Liebig sein Abitur dank tatkräftiger Unterstützung durch seinen Vater auf
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wurde, stand dank ständiger eklatanter Fehlurteile fast wöchentlich in den Schlagzeilen der
hiesigen Presse. Da niemand wußte, ob er einmal selbst vor Gericht landen würde und ihn als
Richter bekäme, stieß er in der Regel auf wenig Widerstand.
Alle Kinder der Stadt kannten diesen Reim:
Eins, zwei drei, da kommt die Polizei
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Triffst besser den Senator nicht
Verknackt Dich sonst mit Haut und Haar
Zu Zuchthaus ganze 1000 Jahr.
Das Studium der Rechtswissenschaften absolvierte der junge Liebig ebenso chaotisch wie
erfolglos unter der Obhut, Fürsprache und dem Repetitorium der ehemaligen Absolventen der
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gauf Anraten und Befehl seines Vaters sofort bei
Studienbeginn beigetreten war. Dadurch konnte er nicht durchfallen, obgleich er –nach interner
Rechnung - das schlechteste Ergebnis seit Beginn der Aufzeichnungen der Universität Alpstadt
erreichte. Die Prüfungskommission war sich nach langer Diskussion einig, daß es nicht
auszuschließen sei, daß Mitglieder aus ihren Reihen - als Kläger oder Beklagte oder Zeugen eines Tages vor dem Amtsgericht Alpstadt 1 erscheinen müßten. Immerhin riet man ihm, diesen
Beruf möglichst niemals auszuüben. "Aber den Doktor mach ich noch!", verkündete Liebig zum
Schrecken der Professoren. Einer ließ sich umgehend emeritieren. Ein weiterer bekam ein
überstürzt beantragtes Freisemester zugesprochen, der dritte Professor bekam eine rätselhafte
Krankheit, der vierte bekam Liebig, schlohweiße Haare und fortan einen schlechten Ruf in
seiner Zunft.
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Liebigs Doktorarbeit vertiefte das Thema: "Putative Notwehr und übergesetzlicher Notstand.
Zwei unverzichtbare Ingredienzien für Juristen, Beamte und Politiker." Die Arbeit beschrieb in
der unverständlichen Diktion der Juristen auf 95 Seiten, was man auf eine einfache Aussage
reduzieren kann: "Ausgewählte Personen bekommen einen Freibrief für Alles, wenn und
weil die, die das erlauben die gleichen sind, die hinterher darüber urteilen." Leider bekam ein
Zeitungsredakteur diese Dissertation zugespielt und konnte den Inhalt seinen Lesern auf diese
Weise übersetzen. Der Sturm der Empörung war groß, flachte aber nach wenigen Tagen ab,
als der Redakteur vors Alpstadter Amtsgericht kam und wegen Volksverhetzung für 1000 Jahre
hinter Gittern verschwand. Die Dissertation wurde vom Geheimdienst in allen Bibliotheken
konfisziert und als geheim klassifiziert.
Aber Liebig hieß jetzt Dr. Liebig.
Obwohl vom Geistesniveau alle ähnlich, war Liebig doch noch eine Spur juristischer als seine
Kommilitonen und Professoren. Liebig hatte ohnehin keine Chance, etwas anderes im Leben zu
erreichen: die Liebig'sche Juristendynastie mußte ohne Rücksicht auf Verluste fortgeführt
werden.
Die ersten sicheren Nachweise dieses Clans fand man bei einem Rechtsgelehrten namens
Immanuel Libigensis, der sich 1618 beim Abschluß der erfolgreichen Friedensgespräche der
Katholischen Liga mit der Protestantischen Union kurz vor der Unterzeichnung des
Kooperationsvertrages aufs Podest schwang und mit glühenden Worten die Vertreter aufrief, auf
solch eine laue Einigung zu verzichten." Laßt uns die Sache vor Gericht vertreten und zu einem
klaren Ende bringen". Die Einigung ließ bei der Auslastung der Gerichte freilich leider noch 30
Jahre auf sich warten.
Ob bei den Völkerwanderungen, der Inquisition, den Türkenkriegen oder den Verhandlungen mit
Indianern: stets findet sich in den Annalen und Dokumenten eine juristische Rechtfertigung
eines Lübüg, Libecke oder Lee-Bick (nachdem ein Seitenarm dieser Dynastie im 18.
Jahrhundert nach Amerika ausgewandert war). 1870 erzielte beispielsweise ein gewisser Otto
Liebick eine überraschende Wirkung, als er in Bad Ems für seinen Arbeitgeber eine Depesche
nach juristischen Gesichtspunkten umformulierte.
Im Juni 1914 erklärte der Privatdetektiv und Rechtsanwalt Sergej Libitsch seinem Mandanten in
Sarajewo, er habe seinen Verdacht erhärten können. "Wissen Sie, es tut mir leid, aber ihre Frau
betrügt Sie tatsächlich. Sobald ich seine Identität kenne, werden wir gegen Ihren Nebenbuhler
vorgehen. Momentan weiß ich nur, daß sie ihn 'Franz Ferdinand' nennt."
Über die Rolle von Xaver Bernhard Liebigs Großvater Adolf Liebig findet sich
merkwürdigerweise überhaupt nichts. Jedoch ist es verbrieft, daß 1945 eine neue Seitenlinie in
Südamerika entstand.
Einige Historiker sind sich sicher, schon früher Zeichen dieser Rechtsdynastie entdeckt zu
haben. So behauptet der Kirchenhistoriker Carlo von Aquinto, ein Advokat namens Ishmael
Libicki habe vor mehr als 2000 Jahren einen Mann wegen unerlaubter Heilversuche abgemahnt
und später wegen Weinpantschens auf einer Hochzeit vor Gericht gestellt. Sein Plädoyer war so
schlüssig und überzeugend vorgetragen, daß der Mann verurteilt wurde.
Darüber hinaus setzt sich in kirchlichen wie esoterischen Kreisen immer mehr die Überzeugung
durch (und man ist überzeugt, dafür tatsächlich Beweise gefunden zu haben), die Schlange im
Paradies habe Adam und Eva mit dem Hinweis ermuntert: "Nun haut mal tüchtig rein, aber
beeilt euch. Eventuelle Probleme kriegen wir schon hin. Notfalls verklagen wir Gott." Den Satz
'Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand' verkniff sich die Schlange aus der
Gattung Serpens Libigensi justitiae diesmal bewußt. Diese Worte fanden erst vor wenigen
Jahrzehnten offiziellen Einzug in das Rechnungwesen der Juristen, da dieser Satz seither
standardmäßig als Trostformel unter dem Rechnungsbetrag erscheint.
So übernahm Liebig die schwere Aufgabe, das Wirken der Liebig-Dynastie fortzusetzen.
Und er gab sich alle Mühe.
Nachdem ihn nach dem Studium keiner haben wollte, war er eines Tages bei seinem
Schulkameraden Karfunkel zu Besuch. Als Liebig laut vor sich hin jammerte, kam Karfunkels
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Mutter plötzlich eine Idee, die sie sofort in die Tat umsetzte. Liebig sollte in die Karfunkel GmbH
einsteigen.
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minimale Einlage hatte ihn zum Gesellschafter gemacht, und der Karfunkel-Clan konnte jetzt
über jemanden verfügen, den man vorschicken konnte, wenn es um unangenehme Dinge ging.
So machte sich die Familie die Hände nie schmutzig und hatte sich den Ruf einer
philanthropischen Familie erhalten. Die Drecksarbeit mußte immer Liebig machen und Karfunkel
junior hatte einen Spielkameraden vor Ort.
Als Maximilian Karfunkel jedoch die Leitung übernehmen mußte, ging es mit der Firma durch
Liebigs unerfahrene Mitarbeit und Karfunkels Unkenntnis der Dinge steil bergab.
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schon was? Ich brauche dann jedenfalls deine Unterstützung.
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eingekauften Menge decken. Allein das Zeug, das nach draußen geraten ist, ist mehr, als das
Labor bisher offiziell gelagert hat. Und das alles ist nur ein Bruchteil dessen, was hier sein
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wahrscheinlich über unsere Schornsteine. Das geht wahrscheinlich wirklich auf unser Konto,
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"Au weia", stöhnte Karfunkel.
Beide Männer eilten in den 7. Stock. Natürlich kamen sie zu spät. Karfunkels Mutter war schon
da und tippte wütend mit einem Bleistift auf den Glas-Konferenztisch. Seine Tante Henriette
schaute wie immer abwesend aus dem Fenster, sein Onkel Chlodwig pfiff leise eine
undefinierbare Melodie vor sich hin, und die beiden zwei Banker, die die Kreditlinien der Firma
gewährten und sich stets durch komplette Ignoranz in betriebswirtschaftlichen Angelegenheiten
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auszeichneten, diskutierten im Flüsterton die Lage der Banken in der heutigen Zeit. "Ich glaube,
ich werde 12 Milliarden beantragen...", hörte Karfunkel noch, als er den Raum betrat. Dann
verstummte jegliches Gespräch.
Eiskalte Stille.
Der runde Glastisch war nur ein Teil der Nüchternheit des Konferenzraums, die generelle
spartanischen Ausstattung verblüffte. Einfache, unbequeme schwarze Plastikstühle um den
Tisch, zwei schlichte Sideboards, die Bilder des Firmengründers und seines Sohnes als
Reproduktionen in einfachen Wechselrahmen. Ein grauer Teppichboden. Die einzigen
Dekorationsstücke waren die akkurat in der Mitte des Tisches aufgestellten Gläser um die
kleinen Wasser- und Saftfläschchen mit Drehverschluß und ein großer Teller voller verlockend
schöner Kekse.
Jeder in diesem Raum kannte die Regeln: Trinke nicht und iß nichts. Denn die Getränke und
Kekse dienten tatsächlich als Dekoration. Karfunkels Mutter war sich einig, daß überall gespart
werden müsse. Vor Jahren hatte ein Gast die unausgesprochenen Regeln durchbrochen, als er
gleich nach Eintreffen forsch nach einem Wasser griff, die Flasche öffnete und auf einen Sitz
austrank. "Aaahhh", sagte er noch glücklich, "ich hatte vielleicht einen Durst!" Doch dann
endeten die Verhandlungen mit diesem Geschäftspartner abrupt und kläglich. Während der
Vorstellung seiner Produktideen blickte Karfunkels Mutter demonstrativ aus dem Fenster. Am
Ende seiner Produktvorstellung wandte er sich unsicher lächelnd an das anwesende Gremium
mit den Worten: "Nun, was halten Sie von meiner Idee?". Sofort erwiderte Karfunkels Mutter
mit harter Stimme: "Da sehen wir keinen Handlungsbedarf, mein Herr. Danke für Ihr Kommen."
Als er gegangen war, ergänzte sie: "Der hätte auch vorher etwas trinken können. Wir sind doch
keine Imbißstube!".
Enttäuscht über die seltsame Abfuhr, verhandelte der arme Mann später mit einem
Konkurrenten der Karfunkel GmbH, die mit den darauf entwickelten Produkten zum weltweiten
Marktführer avancierte.
Karfunkels Mutter ließ die Flasche mit Leitungswasser wieder auffüllen. Die eigene Werkstatt
war zwei Tage damit beschäftigt, den Drehverschluß wieder so zusammenzulöten, daß er wie
unversehrt aussah.
Schlimmer erging es dem Bürgermeister, der sich im letzten Jahr zu Gesprächen mit der
Geschäftsleitung eingeladen hatte. Udo Heyden, gerade zum dritten Mal mit überwältigender
Mehrheit wiedergewählt, war bekannt dafür, daß er jede Gelegenheit nutzte, kostenlos essen
und trinken zu können - überhaupt immer zu Allem eingeladen zu werden. Keine Veranstaltung
ohne Heyden und einem anschließenden Bericht mit Foto in der Presse. Wenn nichts Besseres
zur Verfügung stand, erschien er sogar zu Veranstaltungen der konkurrierenden Parteien. Jeden
Tag mindestens einmal mit Foto in den Zeitungen vertreten zu sein, war sein Ziel, das er so gut
wie immer erreichte. In seiner Höchstform schaffte er eines Abends zehn Veranstaltungen mit
zehn Berichten. Aber allmählich wurde er älter.
Da saß er also im Konferenzraum der Karfunkel GmbH, hielt eine äußerst launige und wie
immer nichtssagende Rede über die Wichtigkeit von Unternehmen der Stadt. Währenddessen
stierte er wie gebannt auf einen leckeren Schokokeks, den er sich plötzlich blitzschnell in den
Mund schob, wie er es auf Empfängen gelernt hatte, wo stets nur Schnelligkeit am Buffet siegt.
Und dann biß er zu.
KRACK
Vermutlich war es nicht wirklich so laut, wie es schien, aber jeder hörte es. Es klang wie das
Kalben eines Gletschers. Heyden wurde blaß, alle Anwesenden auch.
Der Bürgermeister brach die Verhandlungen sofort wortlos und scheinbar freundlich nickend ab
und begab sich umgehend in die Obhut seines Zahnarztes, der freudig die Chance ergriff, über
die aufgeblähten Behandlungskosten die Weihnachtsgeschenke für alle seine Lieben auf diese
Weise finanzieren zu können. Es genügte einzig der Satz: "Herr Oberbürgermeister, wollen wir
einen normalen Zahnersatz einfügen, oder darf es etwas Ansehnliches sein? Bisher haben sie
ja immer sehr anziehend gelächelt."
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Das Verhältnis der Stadt zu seinem Steuerzahler war von diesem Tag an sehr angespannt.
Niemand in der Stadt konnte sich erklären, weshalb Heyden plötzlich einen Plan zur Entfernung
der Karfunkel GmbH aus der Stadt schmiedete.
Zum Glück blieb der Keks heil, so daß Karfunkels Mutter keinen Verlust erlitt und ihn wieder
unter die anderen mischen konnte.
Heute schien die Atmosphäre auch nicht wesentlich freundlicher zu sein als damals. Finstere
Gesichter um den Konferenztisch.
Karfunkel stellte sich vor die Gesellschafter und begann.
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Unsicher, aber mit gewohnt wiegendem Gang ging sie an allen Teilnehmern vorbei und setzte
sich in gebührendem Abstand an das Ende des Konferenztisches. Vorher griff sie noch hinter
sich, zog verlegen ein wenig herum und strich ihren Rock glatt. Da saß sie nun, in der rechten
Hand den Bleistift, in der linken einen Schreibblock und blickte Karfunkel erwartungsvoll an.
"Wieso Protokoll? Das haben wir doch noch nie gebraucht", wandte sich Karfunkel an seine
Mutter. Diese entgegnete giftig: "Jetzt, wo wir verarmen, ist das vielleicht notwendig, um den
Übeltäter noch rechtzeitig zu entlarven. Wenn du nur das Format deines Vaters hättest! Fangen
Sie an!".
"Also noch einmal: Guten Morgen, meine Damen und Herren, liebe Mutti", nuschelte er vor sich
hin.
"FRAU Karfunkel, bitte. Alle anderen Titel gehören hier nicht her, HERR Karfunkel!" unterbrach
ihn seine Mutter. "Wir sind hier nicht zuhause, sondern in einer ernsthaften Besprechung. Hier
gibt es auch keinen Kakao zum Schlafengehen."
"...gibt es auch keinen Kakao zum Schlafengehen", wiederholte Lisa Motte, als sie die Worte ins
Protokoll schrieb. Die Banker sahen sich grinsend an und glucksten vor sich hin.
Karfunkel wurde rot. So hatte er seine Mutter noch nie erlebt. Und dann auch noch die
Demütigung vor Fräulein Motte! Seine Mordgelüste stiegen. Aber er konnte sich mühevoll
beherrschen.
"Ja, dann fangen wir einmal an. Wir sind hier zu einer Sondersitzung auf Antrag von Mutti, äh..
Frau Karfunkel und den den Banken zusammengekommen. Ich begrüße hier die Herren von
unseren Banken, Herrn Hab von der Alpstadter Hippobank und Herrn Gier von der Alpstadter
Stadtsparbank. Einziger Tagesordnungpunkt sind die Angriffe aus der Presse mit den Fragen: 1.
wo kommt das klebrige Zeug her und 2. ist die Karfunkel GmbH insolvent?"
Stille.
Noch mehr Stille.
Unerträgliche Stille.
"Und was will uns die Geschäftsleitung dazu sagen?" murmelte seine Mutter in gefährlich
leisem Ton.
"Mei, was soll ich sagen?"
"Die Wahrheit, vielleicht?", zischte seine Mutter.
"Jaaaa," zögerte Karfunkel, "also ich glaube, das Zeug kommt wirklich von uns. Und es ist
wirklich so: unser Umsatz geht zurück, die Margen noch stärker."
"Warum?"
"Weiß ich nicht".
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"Warum nicht?"
"Weiß nicht".
"Also jetzt raus damit!" rief seine Mutter erregt, "sonst gehst Du heute wieder ohne Nachtisch
ins Bett!"
Mit einem plötzlichen Gefühl der Sinn-und Ausweglosigkeit und Tränen in den Augen (wegen
des Nachtischs) platzte es aus Karfunkel heraus: "Also, ist doch eh wurscht. Also... also...also,
es ist so, daß wir mit Kautschuk experimentieren, uns aber bedeutende Mengen abhanden
gekommen sind. Und wir sind auch nicht mehr wettbewerbsfähig. Irgendwas stimmt nicht, aber
ich weiß noch nicht, was."
"Glauben Sie", Herr Karfunkel, "daß wir uns das so einfach mit ansehen werden?", rief einer der
Banker erregt unter beifälligem Nicken des anderen. Das ist unser Geld, das Sie hier
verplempern. Wir verlangen einen Businessplan und Aufklärung. Binnen zwei Wochen. Sonst
ziehen wir uns aus dieser Firma zurück. Heute hat keiner mehr etwas zu verschenken. Ich hoffe,
wir haben uns verstanden, Herr Karfunkel." Damit stand Guido Hab von der Alpstadter
Hippobank auf.
"Genau", rief Rainer Gier, der sich sofort ebenfalls erregt mit rotem Kopf erhob, "aber unsere
Bank wartet nicht so lange wie die Kollegen, Wir erwarten Ihre Stellungnahme bereits in
vierzehn Tagen! Wir sehen uns dann zur gleichen Zeit hier wieder. Und wir erwarten astreine
Zahlen und einen Plan!" Damit verließen die Banker grußlos den Raum.
"So, das hast Du jetzt davon", rief Karfunkels Mutter, "und jetzt habe ich einen Herzanfall wegen
Dir". Sie schaute zielgerichtet nach hinten und taxierte den Abstand zum Stuhl der hinter ihr
stand. Dann ließ sie sich stöhnend behutsam auf ihn fallen. Sie schloß ihre Augen fast
vollständig, aber doch nicht ganz, um die Reaktionen beobachten zu können.
Erschrocken hastete Karfunkel zu ihr und hielt sie fest. Sie stieß ihn jedoch sofort weg und
brüllte: "Und wage nicht, mich anzufassen, Du nichtsnutziger Bengel, während ich hier sterbe!
Unser ganzes Geld verjubeln für Weiber und schöne Autos. Und was weiß ich was! Und dann
willst Du auch noch an mein Erbe!"
Karfunkel war perplex und unfähig, sich zu rühren. Alle anderen im Raum schauten betreten
beiseite.
In diesem Moment flog die Tür auf, und ein braungebrannter Mann mittleren Alters trat
energisch in den Raum. "Gruezi mitanand", rief er laut.
Ein bißchen zu laut.
"Acker-Scheffelmann ist der Name", rief er in die Runde. "Wer viel ackert, der auch scheffelt,
hehehe, das ist mein Motto, gell? Ich bin der neue Vorstand von der Witwen-WaisenRentenkassen- und Unterstützungsbank."
Alle starrten ihn fassungslos an. Sogar Tante Henriette zeigte unerwartet Regung, indem sie
den tiefgebräunten Mann ungeniert anglotzte.
"Wie Sie vielleicht der Presse entnommen haben, haben wir letzte Woche nach monatelangen
Geheimverhandlungen in Nizza die Leipziger Bank übernommen. Naja, die hatten einfach zu
viele faule Kredite laufen. Die haben wir zwar auch, aber wir gehen entschieden diskreter damit
um. Apropos: Deswegen bin ich natürlich hier. Leider sind ja meine Kollegen, die ich im Foyer
noch getroffen haben, schon gegangen. Die schienen mir ein bißchen nervös wegen ihrer
Kröten. Damit haben WIR natürlich keine Probleme. Vielleicht übernehmen wir in Kürze die
Kollegen ja auch noch, gell, hehehe. Ich sage nur: je mehr Übernahme, desto mehr Milliarden.
Das wirkt sich natürlich auch auf die Erfolgsbeteiligung aus, gell? Man muß ja schon von was
leben können, oder? Hehehe. Ich habe mit den Kollegen Hab und Gier schon alles geregelt. Die
sind einverstanden mit einer Fristverlängerung.
Sie brauchen ja wahrscheinlich mehr Zeit, gell, Herr Karfunkel, so wie ich Ihre marode Firma
sehe? Sowas geht ja nicht von heute auf gestern, hehehe, gell? Wir können uns auch
momentan, mal ganz ehrlich, mit Ihren lächerlichen 2,8 Milliönchen Miesen nicht aufhalten,
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wenn Milliarden warten. Das erledigen wir hinterher. Und über die Klinge können wir Sie auch
später noch springen lassen.
Wissen Sie, Herr Karfunkel, schicken Sie doch einfach Ihre ernstgemeinten Analysen und
Sanierungsvorschläge bis Anfang nächsten Jahres an meine Urlaubsadresse. Ist dieses
wunderschöne Schneewittchen etwa Ihre Sekretärin?" Er schaute auf Lisa Motte, die sichtlich
errötete.
"Ja, natürlich", presste Karfunkel verärgert heraus. "Das ist Frau Motte".
"Dann, liebste Frau Motte, notieren Sie mal meine Adresse: "Johann Acker-Scheffelmann,
Krösusgasse 11 in 9490 Vaduz." Und leise fügte er hinzu: "Falls Sie mal etwas Aufregendes
erleben wollen, rufen Sie mich mal abends an: 0190.760 760 760. Die Kosten von 1 EURO 19
pro Minute erstatte ich Ihnen später in bar. Beim Frühstück."
"Gruezi Miteinand und Adieu!"
Acker-Scheffelmann eilte mit festen Schritten zur Tür und verließ den Raum mit den Worten
"Hab zu tun! Angie wartet".
Zurück blieb eine sprachlose Versammlung.
Nach einem erwartungsvollen Blick von Lisa Motte nahm sich Karfunkel ein Herz und begann zu
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Karfunkel ging um den Tisch auf Sie zu, um sie zu beschwichtigen. In dem Moment starrte sie
auf seine Hose, die bislang durch den Tisch verborgen war. Karfunkel merkte sofort, was sie
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haben. Da will ja keiner was mit dir zu tun haben. Mein Gott, ich wollte dir schon vorschlagen,
daß du mit der Tochter von Herrn Gier anbandelst. Die ist zwar nicht besonders schön, aber
diese Verbindung könnte wenigstens die Firma retten. Ich möchte meine Anteile schließlich
nicht verheizen. Aber in dem Aufzug kannst du nicht einmal bei der landen. Mein Gott, wenn das
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über Ihre eigene tägliche Kleiderordnung möchte ich besser keinen Kommentar abgeben. Ihre
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sind offenbar pleite. Aber wir sprechen uns noch, Frau Schwester und Herr Neffe“
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verließen das Sitzungszimmer ohne jeglichen weiteren Gruß.
"Eure lächerlichen zehntausend Euro Einlage wolltet Ihr ja nie verkaufen", rief Karfunkels Mutter
ihnen hinterher. "Selbst Schuld, Familienpack. Eine Bande von Idioten, die beiden."
"Familienbande?" fragte Karfunkel.
"Halt die Klappe, du debiler mißratener Bengel, der mich in Armut und Schande bringt -..."
Plötzlich stockte sie und wurde kreidebleich. Sie griff sich ans Herz und rang mit dem Atem.
Karfunkel bedauerte, schon wieder Anlaß für Sorgen seiner Mutter gegeben zu haben.
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Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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doch nicht. Und habe ich nicht immer ihre Drohung mit Herzanfällen zu leicht genommen? Mein
Gott, dann bin ich jetzt Waise.Undkannmachen,wasi
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Erleichterung erfüllte seinen Körper, und gleichzeitig fühlte er sich schuldig am Tod der Mutter.
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Er stürmte auf sie zu, doch sie hielt ihn mit einer Hand auf Abstand. Mit der anderen griff sie
wieder an ihr Herz. Ihr Gesicht war bleich und ihre Augen weit aufgerissen.
Wie oft hatte Karfunkel diesen Moment schon in Gedanken durchgespielt. Immer und immer
wieder, in allen Varianten: Autounfall, Brand, unerklärliches Verschwinden, Raubmord,
Verhaftung und Verurteilung durch das Amtsgericht, Absturz in den Bergen, Herzanfall - der Tod
seiner Mutter hatte stets etwas Beängstigendes und Befreiendes zugleich. Wie sehr hatte er auf
diesen Moment gewartet. Und da sie immer behauptete, sie würde eines Tages wegen ihm eine
tödlichen Herzattacke erleiden, wollte er ihr gerne diese Vorhersage erfüllen.
In seinen Gedanken bereiste er bereits die Welt, kaufte sich die schönsten Anzüge und Autos,
ließ sich von jungen Mädchen verführen und leistete sich sogar einen zweiten Kakao am Abend.
Und doch war er jetzt höchst beunruhigt.
Die Geister rufen ist das eine. Doch wehe, wenn sie vor dir stehen!
Der Körper seiner Mutter zitterte unaufhörlich, ihre ohnehin hageren Wangen schienen noch
mehr eingefallen, ihre weit aufgerissenen Augen starrten weiter in die Richtung des 60er Jahre
Resopal-Besprechungstisches.
"Fräulein Motte, schnell, rufen Sie einen Krankenwagen", rief Karfunkel.
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"Die Kokosmakrone?", fragte Karfunkel.
"Ja , die Kokosnußmakrone oder vor mir aus auch die Kokosmakrone ohne Nuß, Herr Lehrer
und Sohn. Kann mir einer sagen, wer die geklaut hat? Na ja, wie sagt schon das alte
Sprichwort? Hast du Banker im Haus, wirst arm wie ne Kirchenmaus."
Das alte Feuer der Zwietracht und des Mißtrauens kehrte in Karfunkels Mutter zurück. Ihr
Gesicht erhielt den gewohnten Teint der Streitsucht zurück, und sie lief zu ihrer gewohnten
Form auf. "Nicht nur mein eigener Sohn raubt mich aus, jetzt sogar die, vor denen man immer
Respekt hatte.
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dem Verbleib meiner Kokosnußmakrone fragen. Apropos Verbleib: Wenn noch Zeit verbleibt,
dann bitte ich doch um eine umgehende Sanierung der Firma meines heißgeliebten Mannes.
Ihres Vaters, wie Sie vielleicht wissen, mein Herr Sohn! Und heute Abend gibt es kalte Küche,
da wir uns ja wohl nichts Warmes mehr leisten können. Vor
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Auch sie verließ nun grußlos den Raum.
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mit seiner rechten Hand zur offenen Tür, sie ging vor, er trabte hinterher.
Im Büro setzte sich Lisa Motte an ihren Arbeitsplatz. Karfunkel ging in sein Zimmer und warf die
Tür hinter sich zu. Mutlos und genervt ließ er sich auf seinen Sessel fallen und grub seinen Kopf
in seine Hände. Langsam sank sein Kopf auf die Schreibtischplatte. Und er schlief ein –ganz
ohne Kakao.
Seite 15
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
www.karfunkels-rache.de
Nach geraumer Zeit öffnete er seine Augen. Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, und
der Raum lag halb im Dunkeln. Und dennoch sah er die Abweichung sofort.
Selbst bei den Lichtverhältnissen konnte er erkennen, daß seine Schublade nicht richtig
geschlossen war. Und sie war eigentlich nicht nur immer geschlossen, sondern verschlossen!
Dies war Karfunkels Schatztruhe. Dort konnte er alle Geheimnisse aufbewahren, die vor den
regelmäßigen Schnüffelaktionen seiner Mutter in der Wohnung verborgen werden mußten. Den
Schlüssel, so glaubte er, hatte nur er. Und an Fräulein Motte traute sich seine Mutter selten
vorbei.
Er öffnete langsam die Schublade und kontrollierte den Inhalt. Alles noch da!
Sogar ein bißchen mehr.
Ganz oben über seinen Schätzen lag völlig ungeniert ein liederlich abgerissenes DIN A4-Blatt
mit lediglich zwei Sätzen, geschrieben in einer ihm sehr bekannt
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Er hörte, wie Lisa Motte ging und die Tür leise hinter sich schloß.
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Karfunkel schüttelte seinen Kopf.
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er hier hinein gekommen sein? Sein Vater wurde seinerzeit schließlich nicht zum Spaß für tot
erklärt. Und eine Schrift kann jeder nachahmen, oder?
Und so würde er sicher nicht über seine Frau schreiben. Mutti hat ja immer so kräftig
geschildert, wie unzertrennlich und harmonisch die beiden waren.
So viele Probleme auf einmal.
Das war für ihn zu viel. Er dachte zurück an den bisherigen Tag und begann zu verzweifeln. Wie
konnten sie ihm das alles antun? Die gemeinen Banker, sein Freund Liebig, der blöde Reporter
und vor allem Mutti, die ihn vor Frau Motte so bloßgestellt hat. Was war denn heute los?
Zum allem Überfluß klopfte es an der Tür. Wer konnte das zu dieser Zeit sein?
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Die Tür öffnete sich zaghaft, und Erwin Zerberus, der alte Pförtner und Nachtwächter schlurfte
vor seinen Schreibtisch. Karfunkel knipste seine Schreibtischlampe an und hüllte die
Umgebung in einen grünen Schimmer. Selbst das Gesicht seines Angestellten erschien ihm
grün.
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Karfunkel begann zu schwitzen. Die Kamera würde Liebig zeigen, Fräulein Motte –und vor
allem ihn, wie er sie heimlich beobachtet.
Das mußte er verhindern. Aber wie?
Seite 16
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
www.karfunkels-rache.de
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hastete er über den Flur in Liebigs Büro. Schließlich verfügte er über den Generalschlüssel und
konnte überall aus- und eingehen. Er wußte, wo Liebig seine juristischen Videokassetten
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Perplex und entnervt wandte sich Karfunkel wieder der Tür zu. Klar, merkte er. Ich habe ja auch
den Hausschlüssel genommen. Nach dieser Erkenntnis war es ein Leichtes aufzuschließen und
den Raum zu betreten. Er sah sich um. Überall Essensreste, schmutziges Geschirr, dreckige
Handtücher, vergilbte und zerfledderte Ausgaben des Alpstadt Kuriers. Ein heilloses
Durcheinander. Noch schlimmer im Hinterzimmer: das Sofa abgewetzt, der Wasserhahn tropfte,
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erleichtet. Schnell hatte er die Kassette ausgewechselt. Ihm fiel ein Stein vom Himmel.
Blitzschnell verließ er das Häuschen, sperrte es ab, und gerade kam Zerberus um die Ecke.
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bekam. Er setzte sich in seinen AMW 363 tii und fuhr nach Hause. Unterwegs ließ er den Tag
Revue passieren, doch das meiste hatte er schon wieder verdaut. Allein die Tagesnachrichten
beunruhigten ihn weiter. Die Probleme der Karfunkel-Unternehmensgruppe inmitten des
Finanzchaos und täglicher Insolvenzen. Und dann die schlimmste Nachricht überhaupt, die ihn
heute erreicht hatte: die Insolvenz des Versandhändlers Quellermann. Die sollen ja noch nicht
einmal mehr das Geld zum Drucken ihres Kataloges haben. Verzweiflung ergriff ihn. Das
konnten die Staatsmänner und -frauen doch nicht zulassen! Rettet Quellermann! Das müßte
man doch eine Bürgerinitiative gründen. Rettet Quellermann! Da muß man doch was tun! Total
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Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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aufgelöst kam er zuhause an. In seinem Kopf riefen tausend Stimmen: RETTET
QUELLERMANN!
Er öffnete die Haustür, schlich sich in sein Zimmer im ersten Stock, warf sich aufs Bett und
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In dieser Nacht kümmerten sich seine Nachtmahre besonders intensiv um Karfunkel.
Er wanderte im dunklen Nebel ziellos umher und folgte seinem Gefühl und den
Käuzchenschreien. Und plötzlich stand er ganz allein am Grab seiner Mutter. Bei diesem Anblick
vergoß er einige Tränen, dann mehr Tränen und schließlich Hektoliter von Tränen. So viel
Wasser floß aus seinen Augen, daß er innerhalb kürzester Zeit fast vollkommen ausdörrte. Als
er sich fragte, ob er jetzt sterben würde, öffnete sich plötzlich gewaltsam die Erde, aus der zwei
knöcherne Hände heraus stießen und sich um seine Fußgelenke klammerten. Er wollte
wegrennen, doch so sehr er sich auch mühte, kam er nicht vom Fleck. Es blitzte und donnerte,
und seine Tränen mutierten zu einem schlimmen Starkregen. Pitschnass versuchte er, sich aus
der Umklammerung zu reißen. Doch vergebens.
Da schoß ein greller Blitz direkt in den marmornen Grabstein und spaltete ihn in der Mitte
zwischen Kar und funkel. Aus dem Innern tauchte der Kopf seiner Mutter auf, hager und bleich,
die tief liegenden Augen nach unten gewandt. Langsam bewegten sich die Augen auf ihn
herauf, ihr Mund öffnete sich leicht und mit tiefer, monotoner Stimme klagte sie ihn an.
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Klitschnass und zitternd wachte Karfunkel auf. Er sah sich im Zimmer um und war glücklich,
dies alles nur geträumt zu haben. Beruhigt drehte er sich im Bett um und schlief sofort wieder
ein.
Allerdings nur, um an der gleichen Stelle weiterzumachen. Seine Mutter hatte sich modrig auf
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Mit diesen Worten verschwand seine Mutter wieder nach unten, und die Erde schloß sich.hinter
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ihm. Erschrocken blickte er sich um und sah Frau Motte mit Ihrem Stenoblock, nur in ihrer
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Da stand er nun inmitten einer fürchterlichen Nacht auf dem Friedhof und hielt seinen
heißgeliebten Katalog in Händen. Behutsam schützte er ihn vor den letzten Regentropfen.
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Er suchte sich einen geschützten Platz, um einen ersten Blick hineinzuwerfen. Er ließ sich
schließlich auf weichen Moos nieder, und der Mond erhellte den Katalog in seinen Händen. Vor
Aufregung zitternd öffnete er ihn.
Bestürzt blickte er auf die Seiten, blätterte weiter und weiter und weiter. Blankes Entsetzen
übermannte ihn. Er ging zurück auf die ersten Seiten, begann zu lesen, ging auf die letzten und
überflog das Ende.
Das war das Ende.
Seite 18
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
www.karfunkels-rache.de
Ihm war schlagartig klar, daß es sich bei den 700 Seiten in seinen Händen um den Kreditvertrag
zur Finanzierung des Katalogdrucks handelte. Erstellt von ebenso vielen Volljuristen, die auch
den Tatbestand der Seitennummerierung noch juristisch klären mußten. Und schließlich hatte
die Druckerei auch noch die Dokumente verwechselt und das juristische Traktat an Millionen
von Quellermann-Kundengesandt
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Den Rest der Nacht träumte er von Hunderten von Mädels auf der Suche nach der
Herbst/Winter-Mode und umherirrenden Juristen auf der Suche nach einer juristisch korrekten
Definition von Herbst/Winter-Mode, die sie in Ansätzen nach 1200 Seiten auch fanden.
Aber auch Karfunkel fand keine wirkliche Ruhe mehr. Selbst im Traum murmelte er nur noch
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Seite 19
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
www.karfunkels-rache.de
Die Redaktion
Der Osten von Alpstadt glühte. Das neue Gebäude des Alpstadt-Verlages war kürzlich bezogen
worden, und das gläserne Hochhaus strahlte dank einer Vielzahl von Energiesparleuchten,
Leuchtreklamen und den roten Laternen des lange vorher hier schon angesiedelten
Rotlichtbezirks. Die Journalisten der hier beheimateten Zeitungen und Zeitschriften haßten
diesen Ort. Weitab vom Schuß im Niemandsland. Früher konnte man in der Stadtmitte schnell
mal aus der Redaktion in ein kleines Cafe fliehen, heute gab es nur noch die Werkskantine und
die drei Würstchenbuden der Umgebung.
Eine Fahrt in die Stadtmitte mit den öffentlichen Verkehrsmitteln dauerte ewig und war
erschreckend langweilig. Mit dem Auto stand man stets im Stau.
Dennoch vibrierte dieser Ort vor Energie, da hier alle Informationen dieser Erde
zusammenzulaufen schienen. Zumindest fühlten sich die Journalisten als Zentrum der Welt.
Hägar Meister wußte: DAS IST MEIN TAG. Alles lief wie am Schnürchen. Dabei stand er seit
Monaten sehr unter Beschuß seines Chefredakteurs, der seine genialen Fähigkeiten einfach
immer ignorierte, seit Meister vor 20 Jahren als Volontär und dann als Hilfsredakteur in die
Lokalredaktion des Alpstadt Kuriers eingetreten war. Hägars Ziel war die Übernahme des
Feuilleton-Ressorts als Chef. Er fühlte sich dazu berufen. Vor allem, weil er dieses Wort
schreiben und oft auch aussprechen konnte. Darüber hinaus wußte er, daß Kultur nichts
Meßbares war, so daß man damit auch nicht auffiel, wenn man in seinen Beurteilungen total
daneben lag. "Alles wunderbar wischiwaschi für so einen genialen Typen wie mich", dachte sich
Meister.
Meisters Ruf in der Redaktion war nicht umstritten. Alle waren sich einig, daß er ein
Gelegenheitstrinker sei, da er jede Gelegenheit zum Trinken ergriff. Sein Spitzname war daher
schnell klar - einfach eine Verballhornung seines Namens mittels eines beliebten alkoholischen
Getränkes. Und auch sonst war Meister aufgrund seiner Selbstherrlichkeit, seines Sarkasmus
und seiner schlechten Manieren bei Jedermann unbeliebt.
Seine Vorliebe für jede Art von Alkohol hemmte allerdings manchmal seine Aktivitäten, da er zu
manchen Terminen gar nicht oder vollkommen besoffen erschien. So manches Kartenspiel und
so manche Halbe hatten oft mehr Gewicht als beispielsweise ein Gastspiel von Nana Metrobka
in der Stadthalle. Aber irgendwie schaffte er es, diese gefährlichen Klippen wie ein Jurist zu
umschiffen: das sprichwörtliche Glück der Rechtschaffenen und der Besoffenen. Auf diese
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nie das Wasser reichen. Bald bin ich Chef, und dann kann ich auf allen Vernissagen
Champagner bis zum Abwinken saufen. Adieu, ihr Gerichtsverhandlungen über euch Spießer,
ihr Kaninchenzüchter oder ihr Scheiß-Fabrikanten wie der Karfunkel. Obwohl... das war heute
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Abend kann ich als Chef des Feuilleton zum ersten Mal meinen eigenen Ledersessel einpupsen.
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Jahren auf die Pirsch gelegt und sich mühevoll Schritt für Schritt zu diesem Ressort
vorangekämpft.
Schließlich hatte er schon eine größere Beachtung durch seine Freitagskolumne Ein Tag wie du
und ich in der Wochenendbeilage erlangt, in der er als Running Gag seine launigen
Weltbetrachtungen mit seinem alten Rowenta-Toaster diskutiert. Diese absurde Idee wurde
eines Nachts nach fünf Gin Tonic und einem Streit mit mit seiner Freundin geboren. Sie hatte
gerade laut schreiend die Tür zugeknallt und seine Wohnung verlassen. Als Mann der Tat stellte
sich Meister sofort der Notwendigkeit, ein weiteres Getränk mixen zu müssen.
[zur Kolumne von Hägar Meister siehe Meister-Kolumne. (Anmerkung des Herausgebers)]
Meister trank alles aus demselben Becher, einem ehemaligen Senfglas. Wasser (selten), Wein,
seinen geliebten eisgekühlten Mariacron, Sekt, Bier, Tee und Weißbier . Alles. Er hatte die
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Angewohnheit, die Zitronenscheiben seiner Gin Tonics im Glas zu belassen und jeweils frische
dazuzugeben, was dazu führte, daß immer weniger Tonic hineinpaßte. Er griff zum
frischgefüllten Glas mi
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einschalten und das Glas schon mal danebenhalten. Doch die zwölf Scheiben hatten sich
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mit einer Gabel und steckte sie schon einmal rein. Die nächsten Minuten erzeugten eine
unbeschreiblich innige Verbindung zwischen ihm und seinem alten Rowenta, die den Rest
seines Lebens anhielt.
Die Zwiesprache mit seinem Toaster gefiel den Lesern, die seinen eloquenten Stil und seine
witzigen Pointen immer mehr zu schätzen lernten. Sie wußten schließlich nicht, daß er den
größten Teil seiner tiefschürfenden Lebensweisheiten aus unaufgefordert eingesandten
Manuskripten stahl, die jeden Tag das Faxgerät der Redaktion zum Überquellen brachten.
Diese Gedanken mußten meist nur umformuliert und auf Meisters Niveau gesenkt werden –und
schon war wieder eine Freitagsausgabe gesichert.
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hatte noch nie in seinem Leben so genau ins Schwarze getroffen. Die laue Luft hatte ihn
inspiriert, er spürte den frischen Saft in seinem Körper. Er war einfach ein Siegertyp.
Mit diesen Gedanken hastete er erwartungsvoll die Stufen des Redaktionsgebäudes hinauf, riß
die Tür zur Lokalredaktion auf und genoß die süßen Worte der Sekretärin, als sie sich zum ihm
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Häger hatte sich auf diesen Augenblick schon so lange gefreut. Er fühlte, wie sein ganzes Leben
an ihm vorbeizog. Seine Demütigungen, Niederlagen und Verluste, sogar seine kleinen Erfolge.
Das Bewußtsein, endlich am Ziel angekommen zu sein, obwohl er in letzter Zeit den nur auf ihn
gerichteten Zynismus des Chefs vom Dienst ertragen mußte, ließ ihn fast hyperventilieren. Sollte
er jetzt wirklich die Belohnung für all sein Bemühen erhalten?
Starr stand er da wie paralysiert.
Schließlich rief die Redaktionssekretärin schnippisch "Willst Du hier noch eine Woche warten
und herumstehen, Hägar? Der Chef und Ihre Leser warten doch!"
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Hägar schüttelte seinen Kopf, als müsse er ihn frei bekommen. "Ja `ntschuldigung, schon gut"
murmelte er und ging raschen Schrittes auf das Büro des Chefs zu. Er klopfte nur kurz an,
dann drückte er genußvoll die Tür zum Büro auf, wenngleich ihn das Fehlen des Faxgerätes
doch sehr irritierte.
Jens Kartenbier schaute auf, lächelte ihm entgegen und lud ihn mit einer Handbewegung zum
Sitzen ein. " Herr Meister! Kommen Sie rein, mein Guter. Sie machen ja wirklich Ihrem Namen
alle Ehre". Der Chefredakteur duzte alle, bis auf ihn. "Schön, daß Sie für mich Zeit haben, wo
Sie doch so eifrig bei allen Sachen sind. Sie haben sich ja auch um die Stelle des
Feuilletonchefs beworben, wie ich erfahren habe. Seit Ihrer gestrigen Rezension ist die
Entscheidung wohl endgültig gefallen."
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der Stadt, umringt von schönen Damen, die begierig seine künstlerische Meinung und mehr von
ihm suchten.
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Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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"Nun, ich habe mir hier Ihr jüngstes Highlight herausgesucht. Aufgrund der Fülle Ihrer ohnehin
immer besonders herausragenden Arbeiten fiel mir die Wahl natürlich schwer." Soll ich vorlesen,
oder wollen Sie?
Ach, wissen Sie, Meister, das möchte ich doch wirklich vom Künstler selbst hören. Lesungen
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Er überreichte Meister eine Seite aus dem heutigen Feuilleton und verbeugte sich dabei
ehrfürchtig vor ihm.
Mit zitternden Händen nahm Meister die Zeitung in die Hand, überflog den Text und grinste
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Er blickte auf Kartenbier, der ihm lächelnd vermittelte, den Wortwitz verstanden zu haben.
Beschwingt fuhr Meister fort:
Gestern mußten wir in unserer frisch renovierten Kulturarena am Gassensteig erneut eine
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doch nicht, den Funken der Begeisterung zu entfachen. Und, ehrlich gesagt, wir vermochten
noch nicht einmal diesen in Ansätzen zu spüren. Vor allem Lydia von Boysen-Behry enttäuschte
schwer. Die Dilettantin überzeugte als Chansonette Chouchou mit ihrer dünnen Stimme, die
umgekehrt proportional zu ihrem Leibesumfang stand, überhaupt nicht. Ganz offenbar war sie
zusätzlich zu Ihrer Unfähigkeit, die richtigen Töne zu treffen, derer wir letztes Jahr schon Zeuge
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Galans Fréderick Chapeau, vermochte mit seinem Tenor-Stimmchen niemanden zu
beeindrucken. Und damit sind die Höhepunkte der gestrigen Aufführung bereits hinlänglich
beschrieben und deutlich übertrieben. Über die Nebenrollen zu schreiben, wäre zuviel der Ehre.
Das Bühnenbild entsprach dem Niveau der Darbietung.
Und so trällerte sich die chancenlose Chose mit der schlaffen Chansonette Chouchou in
Morpheus' Schoß. Schade bloß um die Statisten, die ihre Zeit woanders gewinnbringender
hätten verschwenden können. Und schade um die schöne Zeit, die wir hier absitzen mußten.
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Meister ließ den letzten Satz noch einen Moment wirken und schaute dann theatralisch langsam
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Hägar Meister wurde sehr still. Er schaute verlegen nach unten.
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persönlich hatte sich über Ihr Machwerk beschwert. Naja, schließlich ist er auch mit den
Boysen-Behrys verwandt. Gerade dann darf man aber so etwas einfach nicht schreiben. Das
müßten Sie als –zumindest langjähriger - Journalist doch wissen.
Aber gestern, gestern war wirklich der Höhepunkt Ihres literarischen Schaffens. Der Verriß eines
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während sich die gesamte Redaktion außen um die Tür drängte, um Kartenbiers Ausbruch
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wir das mal: Ich gebe Ihnen die Aufgabe, einen Beitrag zum Pro und Kontra der geplanten
Steuererhöhung zu schreiben. Und was tut Meister? Na? Richtig! Er geht in seine
Lieblingskneipe, um für sie ungeniert Schleichwerbung zu betreiben, natürlich nicht
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Restaurantbesitzern wirklich auf den Leim gegangen? Besonders Ihrem Maitre S. Carbot, zu
dem Sie ja wohl ein inniges Verhältnis pflegen. Ich zitiere:
S. Carbot zeigt uns stolz eine alte Speisenkarte von 1999. „
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wegen Verteuerung... Oder unser « Fruit du sud sur un peu de fromage du levre » ? Damals
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Sie ging ich noch in Piet van Cees' Gourmettempel 'Sauciere'. Der Chef persönlich hat mich
hinreichend aufgeklärt. Damals 7,90 für ein Viertel Grüner Holländer, und auch heute noch, nach
so langer Zeit, 7,90 für 1 cl exakt desselben Weines. Sogar ein noch besserer Jahrgang, wie er
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Spitzenmetronomen unserer Stadt für die Aufklärung und können unseren Lesern hiermit
endgültig beweisen, daß der angeblich teure Euro doch nur eine gefühlte Verteuerung ist.
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Hornochse. Und ein Wirt ist in der Regel kein Metronom, sondern Gastronom. Keine
Verteuerung? Früher hatte ich selbst eine gefüllte Geldbörse, jetzt ist sie nur noch gefühlt,
besonders nach einem Abend bei Ihren Spitzenmetronomen, Herr Meister. Wohl nicht wirklich
erstaunlich, wenn man statt 19 MARK 90 für ein Jägerschnitzel jetzt satte - Hallo, ich rede mit
Ihnen Herr Meister! - 18 EURO 80 berappen muß .Und 12 Mark 50 für Leberkäs' Hawaii war
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Wissen Sie, ich würde Sie wahnsinnig gerne feuern, aber so billig kommen Sie mir nicht davon,
mein Guter. So leicht ruiniert man mir nicht die Zeitung und haut dann ab. Ich mache Sie jetzt
ganz klein, noch kleiner als Sie eh schon sind. Und den Rest kann ja dann Frau Kock erledigen,
ganz besonders, wenn Sie die Bilder vom Grünen Eck mit Ihnen und Frau Flotti auf ihren
Redaktionstisch bekommt. Oder wußten Sie nicht, daß die neue Aushilfe der Kneipe eine
Undercover-Redakteurin der Frauenpower ist? Ganz schön naiv und unwissend, unser Herr
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Meister wurde blaß. Woher wußte Kartenbier von seiner Liäson mit Emma Kock, der
Herausgeberin der radikal-feministischen Zeitschrift Frauenpower. Naja, Liäson war ein bißchen
zu viel gesagt. Emma benutzte ihn eher für manche Dinge. Wenigstens gehörte Sex meist nicht
dazu. Aber das ganze roch nach Ärger und Prügel.
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Erstens: sie gehen der Karfunkelsache nach. Konkurs? Umweltverschmutzung? Mobbing?
Heyden will ihn loswerden, und ich möchte wissen weshalb. Der Karfunkelsohn hat sich heute
eh schon über Sie beschwert. Der Idiot paßt zu Ihnen. Zweitens haben wir Informationen über
terroristische Aktivitäten in unserer Stadt erhalten, von rechts, von links, keine Ahnung. Ich will
Fakten, Fakten, Fakten, Mann. Drittens: Sekten in Alpstadt. Nur zur Verdeutlichung: Sekten,
nicht Sekt, Prosecco oder Champagner. Verstanden? Ich weiß zwar nicht, warum ich
ausgerechnet Sie damit beauftrage, aber offenbar sind Sie jemand, der das ganze Unheil der
Welt anzieht. Dann können Sie auch darüber berichten.
Und nun recherchieren Sie mal. Aber keine Vernissagen, Theater, Kinopremieren mit
Sektempfängen mehr. VOR ALLEM ABER: OHNE PANNEN! Und ohne jegliches Spesenkonto,
das Sie sonst eh immer alleine leersaufen. Und ich möchte über alles informiert werden,
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Meister stand erleichtert auf, glücklich, noch einmal glimpflich davongekommen zu sein. Mit dem
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Hastig rannte jeder zu seinem Schreibtisch. Nur Hägar Meister verließ die Redaktion und begab
sich als Spezialagent mit Sonderaufgaben direkt ins Grüne Eck.
Seite 24
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Trautes Heim
X.B.Liebig war sauer. Wutentbrannt stieg er in sein Auto, das er wie jeden Morgen äußerst
akkurat auf seinem reservierten Firmenparkplatz abgestellt hatte, der seinem Wunsch
entsprechend mit Dr. Liebig, Volljurist gekennzeichnet war. Nach einigen vergeblichen
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ausgerechnet bei den Scheiß Karfunkels landen? Bei einer Pleitefirma, die von einem Idioten
und seiner blöden Mutter geführt wird! Es gibt so viele Mistfirmen auf der Welt. Warum bin
ausgerechnet ich hier gestrandet? Und dann muß ich mich auch noch von der Nebelkrähe so
blöd anreden lassen! Das habe ich doch nicht nötig!Werbi
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Voller Wut raste Liebig mit seinem alten 93er Nopol Kastrat 1,2 LS vom Firmengelände rechts
auf die Zubringerstraße, geriet dadurch ins Schleudern und prallte fast auf eine schwarze, lange
Limousine mit getönten Scheiben, die ihm schon seit Monaten auf der anderen Straßenseite
auffiel. Erleichtert, daß nichts passiert war, gab er Vollgas. Bald darauf hatte er schon die
Höchstgeschwindigkeit erreicht und raste mit fast einhundert Stundenkilometern auf die
Autobahneinfahrt zu. Die übliche Vollbremsung, dann zweihundert Meter später das Einlenken
auf die Einfahrt, beschleunigen und dann auf die Autobahn, wo ihn sogleich die ersten Lkws
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war zwar hart, aber toll. So ne Bundeswehr ist ja auch nichts für Weicheier. Der hat mir sogar
damals seinen eigenen Wagen verkauft. Hat sich tagelang geziert, aber dann habe ich immer
mehr geboten, bis er sich breitschlagen ließ.
'So ein Nopol ist das Glamour-Car der Schönen und Reichen. Der hier hat sogar Zarah Leander
gehört', hat Sven immer wieder betont. So ein Fahrzeug konnte man ja nicht auslassen, auch
wenn sich meine Kumpels lustig gemacht hatten, Leander wäre beim Bau des Autos angeblich
schon längst tot gewesen. So ein Blödsinn, alles Neid. Naja, komisch war es schon, daß im
Fahrzeugbrief als Erstbesitzer eine Lara Zander ausgewiesen war. Wahrscheinlich der echte
Name der Künstlerin. Die acht folgenden Besitzer hießen jedenfalls gänzlich anders. Und so ein
Auto mit nur 12.000 Kilometern war schon seine 10 Riesen wert. Und sah teilweise noch ganz
neu aus. Besonders der Tacho. Bei einer Mark pro Kilometer hat Sven schließlich
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schon einiges an Reparaturen reinstecken müssen, aber die 14 Riesen haben sich über die
Jahre verteilt. Und bald gibt es die Firma auch nicht mehr, dann werden die Preise für so einen
Nopol in die Höhe schnellen. Da kann sich Irene noch so aufregen über die vermeintlich alte
Karre. Die wird schon sehen!
Liebig machte das Radio an. Der rechte Lautsprecher krachte. Routinemäßig schlug Liebig mit
der Handkante auf den rechten Teil des Armaturenbretts. Der Lautsprecher funktionierte wieder.
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schon lange nicht mehr gebaut. Der muß einfach im Preis steigen.
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bissigen Kommentar der Branche, das hätte wohl viel früher geschehen müssen. Andere
meinten, Nopol sollte lieber bessere Autos statt schlechtere Werbesprüche produzieren. Aber
die Werbeabteilung blieb hart.
Liebig gefiel der aktuelle Slogan, und er fühlte förmlich die Gnade, mit hundert Sachen über die
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Zeiger der Temperaturanzeige in den roten Bereich schnellen und ging vom Gas.
Seite 25
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Das war das Zeichen, daß er die nächste Abfahrt auf den Äußeren Ring nehmen muß, nach 2
Kilometern an der Alpstädter Gleichheit links abbiegen, rechts in die Prinzenstraße und dann
Parkplatz suchen.
50 Minuten später hatte er einen Parkplatz für sein Auto gefunden, sich mit dem Taxi in die
Prinzenstraße zurückchauffieren lassen und stand vor seiner Wohnungstür. Er schnaufte einmal
tief durch und stellte sich schon einmal auf seine Lebensgefährtin ein. Entschlossen steckte der
den Schlüssel ins Schlüsselloch, drehte tapfer um und öffnete die Tür.
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anders. Wahrscheinlich hast du das alles wieder absichtlich gemacht. Du bist wie Dein Vater.
Und Deine Mutter. Du bist wie alle Männer. Nur tierische Triebe, aber Zuneigung kennt ihr nicht.
Schau, daß du mir ein Essen herbringst. Wie ist mir egal, aber ganz schnell. Sonst fliegst du
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Liebig dachte nach. Das wäre eigentlich DIE Chance. Wenn du diese Chance jetzt nicht
ergreifst, dann gehörst du der Katz. Liebig handelte schnell.
Fluchtartig verließ er die Wohnung, hastete die Treppen herunter, riß die Haustür auf und blieb
erst einmal auf dem Bürgersteig stehen. Er hörte, wie die Haustür schwer zufiel und atmete tief
durch. Befreit.
Als er den Regen bemerkte, war er schon pitschnaß. Und dann dachte er an Irene.
Hastig rannte er die Straße hinunter, st
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Seite 26
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Sie stellte ihm einen von jenen üblichen Plaumenschnäpsen hin, auf die er immer
Magenschmerzen bekam. Er fixierte das Getränk lange, dann stürzte er es mit Todesverachtung
hinunter. Da kam sie bereits aus der Küche und brachte einen wohlgefüllten Karton.
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Als er seine Wohnung betrat, war der Karton durchgeweicht. Kurz, bevor er ihn auf der
Arbeitsplatte in der Küche abstellen konnte, gab der Boden nach, und alles purzelte nach unten.
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und sammelte hastig viele große Pakete zusammen, die sich alle um ein paar Füße versammelt
hatten.
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lassen? Na dann Guten Appetit. Das möchte i
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Der Tag war für Liebig schon schlimm. Der Abend sollte also noch eine Steigerung in petto
haben. Um nicht zuzugeben, daß er schon wieder versagt hatte, würgte sich Liebig Stück für
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schwer gelang. Nach der siebten Rolle und einer halben Flasche Soja-Sauce stieg er auf
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sich zu behalten, und er ärgerte sich, daß ihm das nicht früher eingefallen war.
Den Rest des Abends verbrachte er, nachdem er abgeräumt und die Küche geputzt hatte, leise
würgend und mit Magenschmerzen vor dem Fernseher und schüttete einen Ouzo nach dem
andern runter.
Als er sich schließlich im Schlafzimmer um Irene kümmern wollte, die aus jeder Pore
glutamatverstärkte Knoblauch-Dünste auspustete, mußte er sich sehr motivieren, nicht sofort zu
sterben.
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und du solltest jetzt Schluß machen, sonst kommst du morgen wieder nicht aus dem Bett. Hast
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Liebig hastete auf die Toilette, trennte sich von der Hälfte seines Essens und schlief darauf auch
sofort neben seiner Irene sein. Er träumte einen wilden Traum von Karfunkels Mutter, die ihm,
Seite 27
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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von Irene angefeuert, eine Frühlingsrolle nach der anderen in den Mund schob, bis er von einer
Jury aus 13 Bankiers zum fettesten Juristen des Erdkreises gekürt wurde. Der erste Preis war
eine Art riesiger goldener Oscar. Als er die schwere Figur in die Hände gedrückt bekam,
bedankte er sich zunächst in juristischer Sprachart, so daß binnen kurzer Zeit fast der ganze
Festsaal eingeschlafen war. Dann betrachtete er das goldene Ding, das sich als riesige
Frühlingsrolle in Form eines Oscar herausstellte, der in seinen Händen eine Pekingente hielt.
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Am nächsten Morgen war Liebig froh, nicht mehr schlafen zu müssen.
Seite 28
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Große Politik
Am nächsten Tag war der Plenarsaal des Alpstädter Stadtrats so voll wie selten. Nach der
Vereidigung von letzter Woche war dies die erste Versammlung nach den Wahlen. Heute sollten
unter Ausschluß der Öffentlichkeit und natürlich der Presse vertrauliche Themen besprochen
werden. Ein langer Tisch an der Stirnseite unter einem riesigen Gemälde bot Platz für die 30
höchsten Würdeträger der Stadt, in deren Mitte natürlich der Oberbürgermeister, daneben eine
Vielzahl von Unterbürgermeistern, der Stadtkämmerer, Referenten und sonstige mehr oder
weniger nutzvolle Bedienstete. Dem OB vis-a-vis eine Rednerbank, dahinter fünf kleinere
Reihen von Tischen. An den Seiten des neugotischen Saales boten jeweils drei weitere
Sitzreihen Platz für die weniger bedeutsamen Stadträte, von den Platzhirschen gerne
Stimmfleisch genannt.
Ausgelassen wie nie balgten sich die altgedienten Stadträte im Scherz auf den Bänken,
während die Neulinge betont wichtig, stolz, nervös und würdevoll in Ihren Akten oder Nasen
herumfummelten.
Der einzige Vertreter der Blauen Liste, der Wirt des Grünen Ecks, schüttelte seinen Kopf über
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Gummiring an den kahlen Kopf von Ed. Hummel, ebenfalls Neuling und einziger Vertreter der
Liste Dick gegen Doof, deren Parteiprogramm darin bestand, das physikalische Gesetz von der
Erhaltung der Masse erst lokal, dann auch im Bundestag verabschieden zu wollen. Mit den
Slogans Wir sind doch nicht Doof, Wir wollen eine gewichtige Rolle spielen und Hummelchen
wählen gelang es Ihnen, genügend Stimmen zu erhalten, um Hummel in den Stadtrat zu
katapultieren. Für ihn wurde eine Doppelbank eingerichtet.
Hummel dreht sich um, sah den Übeltäter hämisch grinsen und kreischte mit hoher,
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meist Der blaue Wirt genannt wurde. Günther Ecksteins Wählerschaft rekrutierte sich im
wesentlichen aus seinen unzähligen Gästen, denen er reihenweise die Briefwahlunterlagen zu
vorgeschrittener Stunde ausfüllte und Hundertschaften von jungen Hartz-V-Empfängern, die den
ganzen Tag mit ihren Hartz-V-Frauen und Hartz-V-Hunden die Alpstädter Gleichheit bevölkerten
und dort zur Freude der Anwohner und Cafébesucher für viel Gaudi sorgten. Morgens ging
Eckstein regelmäßig vorbei und brachte ihnen in Flaschen abgefüllte Cocktails aus
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Verschluß, hob die Flasche hoch, prostete seiner näheren Umgebung mit den Worten
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In seinem Revers trug Eckstein einen schwarzen Anstecker. Wenn man genau hinschaute, was
aber keiner tat, konnte man ein winziges Objektiv sehen mit seinem seitlich angebrachten MiniMikrofon.
Keine hundert Meter weiter saß ein Mann hinten in seinem Lieferwagen und verfolgte das
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Seite 29
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Udo Heyden bereitete sich auf seinen zweiten großen Auftritt dieser neuen Saison vor. Nach der
Vereidigung des neuen Stadtrates vor einer Woche, bei der er wie ein König über allen thronte
und sich lobpreisen ließ, wollte er heute wieder einmal Zeichen setzen.
Doch er begann, seinen Job zu hassen. Noch vor zwei Wochen hatte er am Strand von Lesbos
gelegen und ein Leben ohne Glamour, Glanz und Gloria geführt. Das war zwar zur Abwechslung
mal ganz angenehm, auf Dauer aber lästig. Vor allem mußte er dort für alle seine Mahrzeiten
und Getränke selbst zahlen. Und kein einziger Fotograf kümmerte sich um ihn. Manchmal setzte
sich sein persönlicher Referent in das Reisebüro seines Schwagers. Wenn dann jemand die
Insel buchte, bestach er diejenigen mitunter mit jeweils 50 Euro, damit sie seinen Chef
unauffällig aufsuchen, überrascht reagieren und um Autogramme bitten sollten. Das
schmeichelte Heyden immer.
Mangelnde Aufmerksamkeit war auch der Grund für seine heutige schlechte Laune. Im
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Müller von der Christlich Sozialen Liga war gestern 14 Mal in den Lokalzeitungen abgebildet und
ich nur 12 Mal. Kein Wunder, daß ich mit nur 86 Prozent der Stimmen zum OB gewählt wurde,
wenn mir meine eigenen Leute in den Rücken fallen. Nehmen Sie sich jetzt mal zusammen,
sonst kann ich Sie nicht zum Chef der Stadtwerke machen, wie wir es damals vereinbart
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Heyden hatte –wie alle seine Vorgänger - die Gewohnheit, alle engen Mitarbeiter nach vier
Jahren, in denen er sie vermeintlich verschlissen hatte, auszutauschen, um ihnen einen
gutdotierten, lukrativen und ruhigen Job zukommen zu lassen, natürlich ohne Rücksicht auf
Kenntnisse und Fähigkeiten. Diese wiederum taten das Gleiche in ihren Führungspositionen und
besetzten ihrerseits die unteren Ränge mit ihren Günstlingen, Verwandten und Mätressen. Ob
Stadtwerke, Messe, Stadtsparbank, Kläranlage, Müllverwertung... –es fand sich immer ein
angenehmer Führungsposten. Einige von ihnen hatten anschließend kraft Ihres Amtes an
Bedeutung gewonnen, so daß sie leicht in die Ministerien aufrücken und ihren Nachfolgern Platz
machen konnten.
Erst kürzlich rückte die Büroleiterin Heydens auf den Posten der Geschäftsführerin der
städtischen Immobilienfirma. Wie immer ging ein Protestschrei durch die Medien, der aber von
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Schlüsselpositionen und die führenden Managerebenen von Günstlingen besetzt wurden, später
die einfacheren Positionen, und zum Schluß schaffte es noch der Bürobursche der Stadtwerke
Alpstadt Nord, seinen Schwager in die Poststelle einzuschleusen. Der konnte zwar kein deutsch,
was aber zu keinerlei Konsequenzen führte, da er gleichzeitig auch Analphabet war und damit
auch keinen direkten Schaden anrichteten konnte.
Heute wollte Heyden zum großenSchl
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ständigen Zither sehn Sie ja mei
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Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Heyden wollte sich schon den neuen Hermelin-Mantel umlegen, überlegte es sich dann aber
anders und warf sich nur die schwere Amtskette mit dem Stadtschlüssel um. Er ließ sich die Tür
öffnen und strebte über den Flur zum Plenarsaal. Schon von weitem hörte er das Gegröle der
Repräsentanten.
Heyden ließ auch hier seinen Adjutanten vor, um nicht selbst die Klinke in die Hand nehmen zu
müssen, und betrat mit energischen Schritten den Saal. Wie auf Kommando verstummten die
Volksvertreter auf einen Schlag. OB Heyden steuerte auf kürzestem Weg seinen Platz an und
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Walter Wittman, der zweite Bürgermeister strahlte ihn an. Heyden nickte, ohne eine Miene zu
verziehen, knapp zurück. Er mochte den Vertreter der Grünen Allianz nicht, eigentlich keinen
dieser Partei, konnte ohne sie jedoch nicht regieren. Eigentlich konnte er überhaupt niemanden
ausstehen. Seit der Erneuerung der Koalition sprach die Presse jedoch nur nochv
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Und so ließ er immer innerlich einen Countdown ablaufen, wenn er seine Koalitionspartner sah.
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bedächtig - wie bei allen seinen launigen und zornigen Reden - ins Publikum.
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Seite 31
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
www.karfunkels-rache.de
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sie von unten nicht mehr gesehen werden konnten.
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Alle schauten auf die Seite, von der das Geräusch kam. Eine kleine Schnapsflasche landete im
halbvollen Papierkorb. Eckstein war aufgestanden, um besser zielen zu können, doch plötzlich
schlug der Alkohol zu. Unvermittelt plumpste er auf den Tisch, auf dem er bäuchlings sofort
einschlief und der Versammlung einen schnarchenden Grundton verlieh. Hin und wieder
bewegte er sich, und das waren die einzigen Momente, in denen der Mann im Lieferwagen noch
Wortfetzen vernehmen konnte.
Großes erregtes Murmeln im Plenum. Hummels Fistelstimme drang durch den allgemeinen
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A-ber wir müs-sen die Sich-er-hei-ts-ex-per-ten schü-tzen, not-falls mit Ge-walt und un-se-rem,
äh, ich mei-ne mit dem Le-ben un-ser-er Bür-ger. Diese Bür-ger ha-ben ein- An-recht da-rauf,
nichts zu er-fah-ren. Wir bil-den jetzt Ar-beits-krei-se, die Vor-schlä-ge er-ar-bei-ten wer-den.
“
Heyden ließ anschließend sämtliche Stadträte unter Androhung der Todesstrafe zum
Stillschweigen vereidigen, während zwei Männer in Schwarz von oben unauffällig die
Vereidigung filmten. Die Stadträte wurden anschließend in die Arbeitsgruppen aufgeteilt. Bis
zum Spätsommer sollten diese Teams beschlußfähige Aktionen ausarbeiten.
Im Anschluß wurde ein persönlicher Antrag Heydens mit den üblichen obligatorischen NeinStimmen der Opposition zum Anschein einer funktionierenden Demokratie verabschiedet.
Zwischen dem Korkeimerplatz und St. Helenenam solle zukünftig eine Straßenbahn fahren.
Dazu müsse allerdings der breite Grünstreifen zwischen den Fahrspuren der Wagnerstraße
weichen. Als Grund nannte Heyden Bürgerbeschwerden und Warnungen der Stadtreinigung
über das Laub im Herbst. Bei feuchter Witterung würden sich die Fahrbahnen in Rutschbahnen
verwandeln, und die Stadt könnte in Regreß genommen werden. Das wäre eine Bombengefahr.
Eine Oberleitung würde dagegen so gut wie gar nicht schmutzen, bescheinigte auch Heydens
Freund Alois Kruppstamm, Besitzer der Vereinigten Schienenwerke. Anfänglich zerstritten,
waren sich nach einer zweiwöchigen Klausurtagung, zu der Kruppstamm nach Nizza eingeladen
hatte, sämtliche Justitiare der Stadt einig über diese schwelende Rechtsgefahr, das
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forderten die Justitiare vieler Städte und Gemeinden des Landes, sie hätten auch gerne eine
Aufklärungsbedarf in diesem Punkt, die ihnen jedoch stets verweigert wurde. Die Bürgermeister
fuhren stets alleine.
Um den Widerstand der Grünen Fraktion über die Rodung gleich im Vorfeld abzuschmettern,
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Teichrohrsänger, balzende Auerhähne, Marder, Luchse, Schlangen und Spinnen, quakende
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Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
www.karfunkels-rache.de
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Stadträte, die eben auf die drohende Invasion der Mücken hinwiesen, wurden beschwichtigt, das
sei nicht so schlimm. Mit der Zeit würden sich die scheuen Mücken schon an die Bevölkerung
gewöhnen.
Der Christlich Sozialen Liga hatte Heyden schon im Vorfeld das Gelände im Geheimen als
elitären 18-Loch-Golfplatz versprochen, der Rechtsradikalern Union als Trimm-dichErtüchtigungsgebiet mit Schießstand, der Blauen Liste als Platz für einen Imbißstand, der
Frauenliga als Nordic-Walking-Parcours, der Bibelfront als Umfeld für einen Tempel, den
Gelben und den Radikalreformern als staatsfreien Wirtschaftraum. Und den Islamisten als
Baugrund für die längst fällige, immer wieder verschobene Moschee.
Heydens Erfolg lag daran, daß er, wie die Staatschefin, jedem das Gefühl gab, ihn ernst zu
nehmen, selbst wenn er der größte Depp war und das schwachsinnigste Anliegen hatte. Er
versprach stets, sich um deren Anliegen zu kümmern, auch wenn er es nie tat. Und wenn er auf
ein leeres Versprechen festgenagelt wurde, hatte er die rhetorische Fähigkeit, es so
hinzudrehen, daß sein Gegner sich anschließend verlegen entschuldigte. Sein neuer Referent
war blaß geworden, als er die vielen Versprechungen hörte undhat
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andere Golfbäl
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Bombengefahr...andere Lebensformen...Invasi
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klar? Wer prinzipiell dafür ist, soll seine Hand heben. Dann erörtern wir das Thema das nächste
Mal
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Jeder war so verblüfft, daß er die Hand hob, sogar Eckstein, der langsam wieder zu sich kam.
Aber jeder malte sich die Geschichte anders aus. Denn die Karfunkel Werke lagen auf dem
schönsten Areal der Stadt. Jetzt wußten alle Bescheid, daß man Fäden ziehen mußte.
Aufgeregt vergaß selbst Hummel, seinen Antrag wegen Körperverletzung neu zu stellen.
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schlug die Tür zu. Noch geraume Zeit stand er da und ließ die Sonnenstrahlen behaglich auf
sich wirken. Dann drehte er sich um und sah, wie sein Wagen am Haken eines
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grinste der Kassierer der Verwahrungsstelle, "woanders kostet's die Hälfte". "Und das ohne
Spesenkonto", stöhnte Meister, der jetzt wieder einmal pleite war. Zu allem Übel mußte er jetzt
noch quer durch die Stadt zur Pressekonferenz in den Karfunkel-Werken.
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sich an seinen Schreibtisch und dachte über die Segnungen der Monarchie nach. Er hatte
schließlich schon alle Voraussetzungen erfüllt. Seine Popularität war grenzenlos, seit er die
Grundvoraussetzungen erfüllt hatte. Von Beruf Volljurist und Komiker, öffneten sich für ihn alle
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Tore, als er in eine alte Alpstädter Dynastie einheiratete., nicht zuletzt, um Gerüchte über seine
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mit diesen Beziehungen im Steilflug nach oben, da er schnell gelernt hatte, wie man mit Worten
umgehen muß, um Menschen einzufangen. Bloß nie jemandem öffentlich wehtun. Um sich nicht
zu versprechen, gewöhnte er sich die langsame Sprachweise an und perfektionierte so sein
Politikerdasein mit seinem Talent zum Schönreden, Lächeln und konsequentem Ignorieren bei
der Umsetzung, wenn ihm etwas gegen den Strich ging.
Und er vegaß niemals! Besonders nicht, wenn es um seine Zähne ging.
So vergrößerte Heyden seine Popularität Stück um Stück. Er betrieb den Neubau eines
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enließ: Brot und Spiele wollte er
seinem Alpstadt geben, und er fühlte sich wie Nero. Seine Feinde wollte er dort den Löwen
vorwerfen. Beim Umbau seines Alpstadt plante er hochmoderne Wolkenkratzer im
Altstadtbereich, vergrößerte kontinuierlich das Straßenbahnnetz, das seine Vorgänger entfernt
hatten, und scheute als überzeugter Radler den Ausbau des Straßennetzes.
Aber seine Feinde lauerten schon. Sie zwangen ihn Mal um Mal, Tunnel graben zu lassen, um
tägliche Autostaus zu beheben, und die schon im Bau befindlichen Hochhäuser zu kappen.
Heyden wurde dadurch immer gereizter. Um seine Gegner zu überlisten oder bloßzustellen,
mußte er zu immer ausgefalleneren Methoden greifen. Sein bisheriges Meisterstück bestand
darin, daß er sich bei einem Bauvorhaben, zu dem er wieder einmal per Bürgerbegehren
gezwungen wurde, nachts in das Baureferat schlich und auf den Plänen eine Zufahrt
wegradierte. Die zugehörigen Unterlagen überließ er genußvoll dem Papierschredder. Der
Stadtverwaltung, die selten etwas doppelt kontrollierte, meistens gar nichts, fiel der Fehler nicht
auf. Auch die Planer und ausführenden Firmen wunderten sich nur, wagten aber nicht
nachzufragen. Nur die Arbeiter diskutierten jahrelang den Blödsinn und freuten sich auf die
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Bei der Eröffnung des Tunnels am letzten Wochenende ließ sich Heyden von der Presse und
den per Freibier angelockten Bürgern zunächst feiern.
Aber am heutigen Tag der offiziellen Inbetriebnahme war das Chaos perfekt. Der Großteil der
Fahrzeuge konnte nicht in den Tunnel einfahren, weil die Zufahrt fehlte. Der Stau war noch
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Quatsch ist. A-ber wenn die Op-po-si-tion und das Volk das Cha-os will, dann hat sie es jetzt bekom-men.
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wöchentlichen Ansprache an sein Volk auf Radio Klarabbella aus. Im Anschluß fühlte er sich
wieder wohler.
Seite 34
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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putzte seine Zähne mit der hellblauen Blend-a-Bub-Zahnpasta, stieg unter die Dusche und
schrubbte sich seine Nachtmahre vom Körper. Dann fühlte er sich besser. Schnell zog er sich
seine frische Feinripp-Unt
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war ihm ein Greuel, seit er einmal mit schlimm zugeknoteter Krawatte von Hägar Meister
erwischt worden war. Das Foto in der Klatschspalte war abscheulich, nicht zuletzt, weil Meister
dem ohnehin schrägen Bild noch einen letzten Retusche-Schliff ver
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der zugehörige Kommentar.
Karfunkel atmete dreimal tief durch, wie er es in der Therapie gelernt hatte und öffnete dann
erhobenen Hauptes, mutig und zitternd die Zimmertür. Die Luft war rein. Seine Mutter war sicher
schon aus dem Haus. Er ging dennoch leise die Treppe hinunter und betrat das Eßzimmer, wo
sich zu seinem Bedauern doch seine Mutter am Tisch befand, von ihrer Zeitung verdeckt.
Karfunkel setzte sich an seinen gewohnten Platz und betrachtete seinen Teller, auf dem sich
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Glücklich, heute einmal nicht mit Bananen & Co. drangsaliert zu werden, kaute Karfunkel auf
seiner Semmel herum. Nur der grüne Belag irritierte ihn.
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wie? Woher kommen jetzt gerade plötzlich die vielen Anrufe wegen des Grundstücks? Und
davon wissen wir also nichts? Komisch, komisch! Zu guter Letzt das Bild von dir im Alpstadt
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"Auch noch abstreiten, du
mißratener Bengel", schrie
seine Mutter mit hochrotem
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Die schwere silberne
Butterschale streifte
Karfunkel an der Schläfe.
Nach dem weichgekochten Ei
auf seiner Backe, der großen
Kaffeekanne am Arm und der
schweren SteingutBrotschale an der Stirn
flüchtete Karfunkel leicht
blutend aus dem Haus stieg
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20 Minuten später fuhr er in den Fabrikhof. Ungewöhnlich viele Fahrzeuge standen auf dem
Firmenparkplatz. "Oh Gott, jetzt schon! Die Pressekonferenz ist doch erst in einer Stunde",
wunderte sich Karfunkel.
Auch sein eigener Parkplatz war zugeparkt - von einem weißen Kombi mit der Aufschrift
Alpstadt Kurier. "Und der Depp ist auch schon da", stöhnte Karfunkel.
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Da er ganz in Gedanken noch bei seinem Lieblingsjournalisten war, zuckte Karfunkel bei diesem
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hinaus auf die Straße, vorbei an einer langen schwarzen, penibel sauberen Limousine mit
getönten Scheiben, die genau gegenüber auf der anderen Straßenseite stand. Er verschwand in
einem angrenzenden verwilderten Grundstück, auf dem ein riesiges gelbes Schild prangte.
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maundhatte so ehrgeizige Pläne. Kurz vor der
überraschenden Pleite hatte der Juniorchef zur professionellen Prüfung ihrer Expansionspläne
sogar noch einen der bekanntesten Unternehmensberater des Landes engagiert! Komisch, die
Wege des Herrn sind halt einfach uner
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Karfunkel riß sich von seinen Gedanken los, fuhr mit dem Aufzug in sein Büro und wunderte
sich, daß bislang noch nichts Schlimmes passiert war. Um die Zeit sah er sich meist bereits mit
mehreren Katastrophen konfrontiert. Er öffnete die Tür des Vorzimmers und da stand sie:
Die schönste Frau auf dieser Welt
Lisa Motte sah noch verführerischer aus als sonst. Heute hatte sie die Haare hochgesteckt und
ihren makellosen Hals freigelegt. Unter ihrer sehr dünnen weißen Bluse schimmerte ein
spitzenverzierter BH hervor. Ein sehr, sehr kurzer schwarzer Rock ließ ihre schlanken Beine
noch länger erscheinen. Er glaubte, den Ansatz von Strapsen hervorblitzen zu sehen. Und in
den High Heels, die sie heute zum ersten Male in all diesen Jahren trug, sah sie nur noch
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Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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überwältigend und umwerfend aus. Karfunkel stand da und konnte kein Wort herausbringen. Er
sah sie einfach mit offenem Mund an.
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Besonders zwischen Herbst/Winter 2006 und Frühjahr/Sommer 2008, als ihre QuellermannDoppel
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Karfunkel erstarrte und kam sich zwei, drei Ewigkeiten lang mächtig blöd vor. Fast hätte er sich
zum Gespött der ganzen Firma gemacht, denn das Geständnis hätte sie sicher weitererzählt.
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kurz bei Ihnen bin. Und jetzt nehmen Sie mich auch noch auf den Arm. Sie sind doch so ein
ziemlich attraktiver Mann, Herr Direktor. Warum verlieben Sie sich nicht mal zur Abwechslung in
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in sein Büro und schloß die Tür energisch hinter sich.
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Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Von seinem Büro aus hatte Karfunkel Zugang zu einem privaten Bad mit Toilette, in dem er sich
gelegentlich frisch machte, wenn er sich verschwitzt fühlte. Jetzt ging er sofort hinein und besah
sich seine Wunden. Er wusch das Blut von seinem Gesicht und klebte Kinderpflaster mit
Disneyfiguren auf die Wunden.„
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Karfunkel griff in die Tasche, holte ein Taschentuch heraus und wischte die Eierreste, die er
übersehen hatte, ab. Dann verließen beide wütend und beleidigt den Raum, Liebig im
Gleichschritt schräg hinter Karfunkel. Sie hörten noch einige Korridore weiter das helle Lachen
von Lisa Motte.
So betraten sie den überfüllten Konferenzsaal. Durch die vorgehaltenen Unterlagen übersah
Karfunkel jedoch einen Pfeiler, den er eigentlich seit seiner Kindheit hätte kennen müssen, stieg
dagegen und ließ in dem Moment vor Schmerz die Unterlagen fallen. Er bückte sich nach
rechts, und Liebig kam zum Vorschein. Ein Blitzlichtgewitter begann. Wie immer hatte der
Alpstadt Kurier in der Abendausgabe das beste Titelfoto. Hägar Meister spendierte die
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Pflasterproduktion für den seriösen Herrn und die Gleitcreme für alle Fälle. Bravo KarfunkelTeam!Wi
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Doch noch standen Karfunkel und Liebig vor der Meute. Nachdem schon nach 10 Sekunden ihr
ohnehin schwacher Kriegsplan zunichte war, beschloß Karfunkel, in die Offensive zu gehen.
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haben können. Wir verarbeiten gar nicht so viel Gummi, wie da angeblich äh
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Buckel. Kann aber auch von woanders herkommen. Manchmal versammeln sich zum Beispiel
unsere Arbeiter zur Mittagspause an einem der Schornsteine und hören Musik. Dieses Techno
oder so. Könnte doch sein, daß die Schlote wie Lautsprecher wirken. Die Musik hört sich
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Alle schauten Karfunkel mit großen Augen an und wunderten sich über seine plötzliche
Phantasie. Sonst war er immer so spröde und quietschdumm, fanden sie. Und seine Ähs waren
plötzlich weg.
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nuschelte die Frage gedankenlos ins Plenum, die allerdings wie eine Bombe einschlug.
Allgemeines Raunen erfüllt den Saal, und Trauerarm merkte in seinem Restsuff von der letzten
Nacht mit einem Kollegen im Grünen Ecke, daß er jetzt wohl vertrauliche Informationen
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weitererzählt hatte. Er versuchte,di
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nicht, oder? Und können sich doch eine schöne Penthouse-Wohnung an der Gleichheit kaufen
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entlassen! Wird Zeit, daß Karfunkel endlich verstaatlicht wird. Unser OB ist zum Glück schon
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regt mich auf! Aber noch mal zu meiner Frage: man hört so komische Gerüchte, daß Sie
verkaufen und daß auf Ihrem Grundstück eine Firma Straßenbahnschienen produzieren wolle.
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Jetzt trat Liebig in seinem fettigen Anzug hervor. In dem Moment fiel ein Stück Frühlingsrolle,
das sich noch versteckt hatte, plumpsend auf den Boden. Liebig trat drauf, und ein Schwall
Sojakeime, Weißkohl und Möhren schoß unter allgemeinem Gelächter auf Hägar Meisters
Notizblock.
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Alles wurde still. Angespannte Stille sprengte den Raum.
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Man spürte sofort das Nachlassen dieser unerträglichen Spannung, bis Liebig vortrat und laut
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Die Journalisten hörten Ihnen jedoch nicht mehr zu und verließen den Raum. Man hörte sie
noch auf dem Parkplatz schimpfen.
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Seite zurück, wo ihm gestern ein junges Mädel errötend ihre Handynummer aufgeschrieben
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Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Doch das Fett hatte ganze Arbeit geleistet. Es war nichts mehr zu erkennen. Meister zitterte.
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Und er fing damit an, daß er seinen Wagen wütend zurücksetzte und dabei einen AMW, der
schräg hinter ihm parkte, seitlich schrammt
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Karfunkel ging wütend im Stechschritt in sein Büro. Liebig hastete ihm hinterher und verstand
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Ärgerliches hörte. Was war mit ihm geschehen? Er verstand die Welt tatsächlich nicht mehr, da
er jeder Veränderung mißtrauisch gegenüberstand. Das hatten ihm sein Vater und alle
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Diese Schule hatte Liebig von Kindesbeinen an geprägt. Die Erbsünde wurde bei den HardcoreJuristen zur Erbschuld. Wenn etwas passierte hatten prinzipiell die anderen Schuld daran. Und
Juristen sind prinzipiell frei von jeder Schuld.
Nur blöd, daß Irene der Meinung war, er wäre an allem Schuld. Wenn ihr ein Mißgeschick
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Liebig so sehr, daß er jetzt mittlerweile alle zwei Tage seinen Psychiater, den Martin (seinen
Guru, wie Irene ihn zu nennen pflegte), aufsuchte, der sich über diese Lebensaufgabe freute.
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Sicherheit hinterlegte.
Sie eilten, ohne links oder rechts zu schauen, hintereinander in Karfunkels Büro. Sie wußten zu
dem Zeitpunkt noch nicht, daß inzwischen die Angestellten durch die tobenden Journalisten auf
sie aufmerksam wurden und später die Spitznamen Pflastermann & Fleckenteufel erhalten
würden. Karfunkel riß die Tür auf, stach durch und knallte sie hinter sich zu. Liebig rechnete
nicht damit. Er hatte sich gerade nach der neuen Aushilfe umgedreht, als er die Tür an seinen
Kopf bekam. Benommen öffnete der die Tür und folgte Karfunkel, wobei er die Tränen nur mit
Mühe unterdrückte. Er spürte schon ein Horn wachsen und fühlte sich wie zuhause.
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Seite 41
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
www.karfunkels-rache.de
meinst du? Mein AMW ist vollgetankt. Einfach weg ohne Rücksicht auf Verluste. Mit unseren
Kreditkarten ist dasdochkei
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Karfunkel ihn an und wurde immer roter im Gesicht. Seine Halsschlagader schwoll an, und
Liebig fürchtete, sie würde gleich platzen.
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Abgesehen davon ist sie einfach zickig und zänkisch. Sie zankt und keift, sobald wir allein sind.
Das macht mich fertig. Mein Blutdruck schießt mit ihr in ungeahnte Höhen. Was sie betreibt, fällt
unter die Rubrik Aktive Sterbehilfe.
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Seite 42
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Weggehen machen Sie sich bitte keine Sorgen. Mein Verlobter rief mich vorhin an. Die Hochzeit
muß noch verschoben werden aus irgendeinem wichtigem Grund. Ach ja, und alle Banker riefen
vorhin an. Sie sollten sich Zeit lassen. Sie hätten jetzt alle Hände zu tun, Milliarden zu
beantragen und ihre Scheinschrottkredite auszulagern. Herr Acker-Scheffelmann hat mir auch
ein Jobangebot gemacht. Als Mätresse, oder so ähnlich. Das muß so was wie eine persönliche
Sekretärin sein. Aber ich habe abgelehnt. Ich habe ihm gesagt, ich habe ja Sie. Das hat er dann
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Karfunkel lächelte und fühlte sich wieder wohler. Er unterschrieb drei Briefe und lächelte seine
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Als sie gegangen war, öffnete Karfunkel mit zittrigen Fingern seine oberste Büroschublade. Das
hatte er sich bis zuletzt aufgespart. Tatsächlich lag da wieder ein Blatt Papier, auf dem er die
vermeintliche Schrift seines Vaters entziffern konnte. Nur zwei Worte standen da:
Du Depp!
Fassungslos ließ Karfunkel das Blatt wieder in die Schublade gleiten. Wer spielte da mit ihm?
Mutti? Xavi? Starr wie ein Zombie verließ Karfunkel sein Büro, sperrte ab und ging auf den
Parkplatz. Tränen schossen ihm in die Augen, als er seinen seitlich zerbeulten AMW 363 tii sah.
Der Zettel an seiner Windschutzscheibe versöhnte ihn ein wenig. Zum Glück gab es doch noch
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Seite 43
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Karfunkel ging nach oben und blickte noch lange in den Sonnenuntergang.
Auf seinem Nachttisch wartete schon eine Tasse mit heißem Kakao.
Aber er fühlte sich nur noch verlassen.
Selbst seine Gespenster hatten heute Nacht keine Zeit für ihn.
Seite 44
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Der Sommer war kurz
Die Zeitungsberichte am nächsten Tag waren angesichts der Aufregung und Empörung der
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Wesentlich heftiger diskutiert wurde die scheinbar abgewendete Pleite von Quellermann und
den führenden Banken des Landes. Hier hatte jeder ein Patentrezept parat.
Lediglich Kristjiane von den Laien, Tochter des Ministers für Kultus und Kultur und 19jährige
Abiturientin am Heinrich-Lübke-Gymnasium, bewies in einem feurigen Artikel in der
Schülerzeitung echtes soziales Engagement. Laien wollte Germanistik studieren, hatte aber
bereits einen Halbtags-Redakteursvertrag mit dem regierungstreuen Schwarzen Abend, der
Hauspostille der Christlich Sozialen Liga, in der Tasche. Aber eigentlich wollte sie ja Moderatorin
bei einem unter jungen Leuten beliebten Fernsehsender werden, wo ihre Subintelligenz noch
weniger auffallen würde. Dieser Artikel wurde, wie bislang alle ihre literarischen Ergüsse in Blau
machen, von niemandem gelesen. [mal abgesehen vielleicht von Ihnen jetzt!]
Da warn wir gestern bei Karfunkel zu ner voll geilen Pressekonfe. Da gabs aber keine Kekse
oder so. Da kam aber voll krass raus, das die in Kina produziern wolln. Da klagt unser
Oberbürge dauernd über fehlende Steuern und da wolln die jetzt die fette Knete aus der
Gewerbesteu andern überlassen :-(. Da solln die doch Karfunkel besser nich innen annern
Landkreis gehen lassen, wo auch immer die Ortschaft Kina iss. Sonst sind die da alle ohne
Knete, die wo bei denen heute noch arbeiten. Das find ich persönlich gemein und blöd.
Besonders weil wir dann in Alpstadt eine Absinkung des Lebensstandarts hamm wern, wie jeda
weiß...
Karfunkel hatte aber weiterhin keinerlei Absicht, seine Produktion zu verlagern und ärgerte sich
über diese Gerüchte. Da ihn seine Mutter, seine Verwandten, die Banken und Bürgerinitiativen
jedoch nicht weiter bedrängten, verfiel er in seinen alten Trott. Er kriegte morgens seine
Bananen verpaßt und wurde abends mit Nudeln, Hackbraten und Pommes Frites gemästet.
Sein AMW wurde repariert, das Strafverfahren gegen Unbekannt eingestellt. Die Zahl der Anrufe
wegen des Verkaufs seiner Grundstücke sank täglich, und jetzt schien es niemanden mehr zu
interessieren..
Doch im Hintergrund wurden schon Pläne geschmiedet, Koalitionen und Seilschaften gegründet,
Taktiken diskutiert, verworfen und optimiert.
Währenddessen kümmerten sich die Banken mit nie gekannter Energie darum, möglichst viele
Milliarden vom Staat zu erhalten, um das frische Spielgeld hemmungslos erneut verzocken zu
können.
Ohne wirkliche Widerreden gab der Staat den Banken das Geld, das er ja ebenfalls nicht besaß,
um kein Störfeuer während des vor sich hinköchelnden Wahlkampfes zu erhalten. Das faktische
Ergebnis war ohnehin wie üblich intern ausgehandelt worden. Und so gab sich diesmal keiner
der Politiker mit sicherem Listenplatz mehr Mühe, Wahlalternativen aufzuzeigen.
Da so ein Volk aber durchaus zu seltsamen Anwandlungen fähig war, was die Politiker einhellig
verabscheuten, wollten sie das Ergebnis nicht gefährden. Manchmal testeten die Politiker, wie
weit sie in ihrer Verachtung der Steuerzahler gehen konnten. Beispielsweise, als ein
Unterstaatssekretär den absurden Vorschlag einreichte, ein staatliches
Unterstützungsprogramm für Bedürftige nach einem verurteilten Straftäter zu benennen, der der
Meinung gewesen war, nur ausgewählte Personen sollten das Recht haben, sich auf Kosten
anderer zu bereichern. Erstaunlicherweise fand keine Reaktion statt, was dazu führte, daß die
staatlichen Organe immer stärker provozierten. Daß Gegenwehr weiterhin ausblieb, führte zu
Seite 45
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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einer in der Geschichte dieses Landes einmaligen kollektiven Lustlosigkeit der Politiker zu noch
mehr Späßen, so daß sie reihenweise die Couchen der Psychologen blockierten. Aber jetzt
wollte man doch Skandale vermeiden, weil man sich der Solidarität von radikalen Gruppen nicht
sicher war.
Prompt tauchten in Alpstadt die ersten erwarteten
unerwünschten Plakate auf. Die Regierungspartei und
die Opposition schäumten vor Wut, wie jemand so dreist
sein könne, dem Volk etwas zu versprechen, was man
definitiv nicht halten könne. Dies sei schließlich den
etablierten Parteien vorbehalten.
Staatskrise!
Man beriet, wie man das Problem aus der Welt schaffen
könne. Die Plakate hatten schon zu viel Aufregung
gesorgt, Talkshows trugen das Thema weiter ins Land.
Ein simples Abhängen und Einstampfen der Plakate
kam also nicht mehr in Frage.
Auch Karfunkel sah jetzt die Lösung all seiner Probleme
in Griffnähe. Er beschloß, diese Partei zu wählen und
freute sich schon auf den Batzen Geld auf seinem
Konto. Vor allem würde er sich als erstes den AMW 934
tiiX6 mit Turbo und obenliegendem Handschuhfach
zulegen. Mit Liebig diskutierte er tagelang die Frage, wie
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Schlange an und kriegt dann alles in einen juristisch zertifizierten Koffer, den man selbst
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wieder auf meinen Kastrat montieren lassen. Die Löcher im Bodenblech würde ich von dem
Geld auch zuschweißen lassen, selbst wenn das Pinkeln während der Fahrt dann schwieriger
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Doch die Hoffnungen waren verfrüht. Auf höchster
Ebene wurde das Problem im Sinne des Staates
tatsächlich gelöst. Alle Parteien waren landauf landab
begeistert, gleichzeitig aber auch enttäuscht, nicht
selbst auf diesen genialen Dreh gekommen zu sein.
Jetzt wäre sogar das Problem der Staatsverschuldung
gelöst. Überall in der Stadt wurden sofort die neuen
Wahlplakate gekleistert.
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Da diese Partei jedoch wider Erwarten nicht die
absolute Mehrheit erhielt, blieb alles beim alten.
Der einzige Lichtblick für Karfunkel war die Lieferung
des neuen Quellermann-Katalogs im Hochsommer, mit
dem er sich ausgiebig auseinandersetzte.
Dagegen waren die Aussichten für Liebig eher trübe.
Der Autobauer Nopol war wieder einmal gerettet worden, so daß sich die erhoffte
Seite 46
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
www.karfunkels-rache.de
Preissteigerung bei Oldies nicht einstellen konnte. Zur Freude von Irene krachte der Kastrat
eines Tages mitten auf der Alpstädter Gleichheit endgültig auseinander.
Zähneknirschend ließ Liebig seine Karosse zum nächsten Händler schleppen und beantragte
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Kastrat nicht mehr um ein AutoMOBIL, sondern jetzt eine Immobilie, zweitens war dieses Gerät
schon bei seiner Konstruktion eine Schrottmobilie. Und drittens ist genau jetzt, während wir
reden, der letzte Antrag von meinem Kollegen da hinten ausgefüllt und eingereicht worden. Und
wie Sie vielleicht bemerkt haben, sind Sie hier nicht bei Nopol, sondern bei Ekutt, dem Hersteller
billiger Raketenautos.
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mal vor Jahren fünf von diesen Schrottfahrzeugen, die ich in Zahlung nehmen mußte, auf
einmal einem Bundeswehrler verkaufen können. Die letzten Kisten waren das. Aber der hat sie
für teures Geld an Vollidioten gleich weiterverscherbelt. Butonski oder so hieß der Typ. Den
hätte der Chef sofort eingestellt, so klasse hat der die Leute belabern können. So und jetzt
nochmal zu Ihren Schrotthaufen. Selbst wenn Sie den Papst-Golf, den Merkel-Trabbi oder das
Fahrrad von Inge Meysel hätten, nützt Ihnen das nichts. Der Prämientopf ist leer. Empty, Nada,
Wech. Also müssen wir das jetzt anders machen. Für Ihren Kastrat sage ich, na ja, ich denke so
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mein Verkaufsleiter vielleicht dafür rausschmeißt. Das gilt natürlich nur beim gleichzeitigen Kauf
eines Neu- oder Gebrauchtwagens aus unserem Hause. Dann machen wir es gleich mal fest,
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Natürlich akzeptierte Liebig den Vertrag, ohne ein Exemplar ausgehändigt zu bekommen, und
kaufte das ihm wärmstens empfohlene Gebrauchtfahrzeug, einen 5 Jahre alten Ekutt TT, einen
spritsaufenden Roadster mit wenig Laufleistung und besonders harten Stoßdämpfern, den der
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kommentierte der Verkäufer. Mit diesem Fahrzeug hatte der Vorbesitzer die Tankstellen seiner
Umgebung reich gemacht und sich selbst arm. Jetzt würden die Tankstellenpächter in Liebigs
Nähe und später viele Werkstätten ihre Freude haben. Doch zunächst sollte das tiefliegende
Sportfahrzeug, in das selbst gesunde Menschen ohne Bandscheibenvorfälle kaum einsteigen
konnten, in der Werkstatt noch gewissenhaft durchgesehen werden, damit es die 12 Monate
Händlergarantie einigermaßen überstehen könnte.
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Seite 47
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
www.karfunkels-rache.de
Rücken, nachdem Liebig vom Geldautomaten zurückgekommen war und dem Verkäufer das
Geld überreicht hatte.
10 Minuten später war der Wagen schon vom Hof und auf dem Weg zur
Wiederaufbereitungswerkstatt. Eine Woche später gefährdete der Kastrat wieder den
Straßenverkehr. Ein frischer Rekrut freute sich diebisch über das Schnäppchen, das er durch
seinen Vorgesetzten machen konnte. Hatte der Wagen doch vorher Indira Ghandi gehört.
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Und so blieb Liebig weiterhin unglücklich in seiner Beziehung –und Karfunkel unglücklich in
seiner Einsamkeit.
Eines Nachts, als sich Karfunkels Nachtmahre wieder einmal total verausgabt hatten, erschien
ihm eine wunderschöne Frau, die ihn in ihren Arm nahm und sich an ihn anschmiegte. Karfunkel
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und herum, und sie wirbelten über seinen Teppich, auf dem sich Straßen, Kreuzungen und
Häuser zu einer wunderbar urbanen Architektur fügten. Sie drehten sich im Kreise, tanzten von
der Schloßallee hinüber in die Seestraße, immer und immer wieder. Er verfing sich manchmal in
ihrem grünlich seidenen Kleid und einem duftend leichten Schal. Und er beobachtete sie genau,
konnte manchmal ihre Dessous herausblitzen sehen und wunderte sich, daß er sie nicht
einordnen konnte. Beschwingt und verliebt drehten sie sich schneller und schneller, und er trat
ihr sogar immer weniger auf die Füße. Bis ihm schließlich schlecht wurde.
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aus der Ferne zu, und er hatte den Eindruck, daß sie in einem Sternenhaufen verschwand.
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Dann hatten sich seine Nachtmahre wieder in Formation aufgestellt und begonnen, ihn wieder
mit der vollen Ladung uralter Ängste zu piesacken. Doch diesmal trafen sie ihn nicht so sicher
Seite 48
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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wie sonst. Er schien ein Schutzschild zu besitzen, was sie tief frustrierte. Immer wieder prallten
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enMale schlief Karfunkel tief, ruhig und
zufrieden bis zum Morgengrauen.Auch die Angriffe gegen die Karfunkel-Werke hatten bald nach
der ersten Empörung wieder nachgelassen. Schließlich waren die Bürger des Landes immer
mehr damit beschäftigt, Abwrackprämienanträge einzureichen, Milliarden einzufordern,
persönliche Solvenz oder Insolvenz zu beantragen und als
Kassenpatient stundenlang in Wartezimmern von Ärzten, die lieber
lukrativeren Beschäftigungen nachgingen, zu verbringen, um dann
3 Minuten und eine Standardspritze später wieder
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Darüber hinaus hatten gleich drei Terrororganisationen in
Bekennerschreiben die Verantwortung für die Gummiattacken
übernommen: Die weltweite Organisation DestroyGarlic, Chapter
Alpstadt verlangte ein Verbot von Knoblauch in, auf, zwischen und
unter Gerichten aller Art. Sollte die Forderung nicht erfüllt werden,
würden sie alle Knoblauchpflanzen sowie alle Gerichte, die
Knoblauch enthielten, luftdicht in Gummi einschließen.
Die Armee zum 32.Januar orientierte sich radikal am Vorbild der Umstellung auf Sommerzeit.
Sie verlangte unter Androhung, sämtliche Uhren der Welt in Gummi einzugießen, eine Reform
des Gregorianischen Kalenders unter Verdoppelung aller Feiertage und Verkürzung der
Tageszeit auf 8,75 Stunden. Dadurch würden die Menschen viel älter - dies beweise die
Richtigkeit ihrer Forderung. Zudem seien die Wintermonate wegen der Kälte generell
abzuschaffen.
Der dritte Bekennerbrief war kaum leserlich und wurde im Alpbräuhaus unter einer Serviette
gefunden. Zahlreiche Experten bezweifelten jedoch die Echtheit und besonders die
Ernsthaftigkeit des Bekennerschreibens der Volksarmee Volle Maß. Darin war von "Scheiß
Gummiadler hier" und "Maß-Losigkeit" die Rede. Mehr war nicht zu entziffern.
Die Analysen der Geheimdienste brachten aber bislang keine Ergebnisse.
Den Sommer über hatten die Karfunkel-Werke dadurch ungestört Zeit, sich neu auszurichten,
was sie natürlich nicht taten.
Dann kam der unerwartet schnell der Herbst. Vereinzelte Schneeflocken führten zu
kilometerlangen Autoschlangen vor den Reifendiensten. Auch Liebig überlegte sich, ob er
vielleicht doch besser gleich Schneeketten aufziehen sollte, nahm jedoch Abstand davon, weil
die vom alten Auto nicht paßten. Auch die alten Winterreifen schienen nicht so recht zu passen.
Der Preis von neuen haute ihn einfach um. So beschloß er, das Thema schlichtweg zu
verdrängen.
Es war wieder Montagmorgen und der Moderator von Radio Alpstadt tröstete seine Hörer mit
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Eine schlechte Nachricht löste seit dem Morgen die nächste ab, und die trügerische Ruhe des
Sommers hatte damit ein jähes und endgültiges Ende gefunden. Das Kreisverwaltungsreferat
meldete sich an, um Bodenproben zu entnehmen, weil man giftige Substanzen im Erdreich
vermutete. Zudem wollte man die ursprüngliche Nutzungserlaubnis überprüfen. Wie üblich,
wurde der Vorsitzende des Bezirksausschusses Alpstadt Nordost, Friedrich Polinski-Poderer,
von Freund und Feind gleichermaßen Popo genannt, manchmal schlimmer, vorgeschickt.
Polinski-Poderer liebte seinen Job. Als Ingenieur unfähig und erfolglos zugleich, lief er in der
Sicherheit des öffentlichen Dienstes zur vollen Form auf. Keine offizielle Veranstaltung im
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Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Nordosten ohne ihn. Wenn er gerade keine Einladung hatte, nahm ihn seine Frau, die
ehemalige Architektin Brigitte Poderer-Polinski, Vorsitzende des Bezirksausschusses Alpstadt
Mitte, auf ihre mit. Und umgekehrt. Die Macht, die er repräsentierte und oft willkürlich ausnutzte,
machte ihn glücklich. Wobei es ihm hauptsächlich um das kostenlose Essen und Trinken und
um die Furcht der niederen Bürger vor ihm und seinen Entscheidungen ging. Der Rest war ihm
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zusammen. Einer seiner engsten Partygenossen war ein bekannter Journalist des Alpstadt
Kuriers, mit dem er so manche Flasche köpfte, solange sie kostenlos war. Nun war PolinskiPodererer noch nie bei den Karfunkel-Werken und freute sich schon auf die Bewirtung.
Wahrscheinlich, so malte er es sich aus. bekäme er auch kistenweise Drogerieartikel mit. Die
Weihnachtsgeschenke seiner Frau schienen somit gesichert.
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sonst wird der Karfunkel-Kredit in eine Bad Bank transferiert. Zur Überprüfung schicken sie Ihre
Unternehmensberater ins Haus, die Herren Mick Innsie und Ernst Jang.
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denen, daß wir unsere Verbindlichkeiten in eine Bad Karfunkel KG ausgel
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schicke Ihnen meinen Berater, den Herrn Landberger vorbei. Der soll sich mal bei Ihnen
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Der Anfang war gemacht.
Seite 51
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
www.karfunkels-rache.de
Das Unternehmen
Vorsichtig wie jeden Tag zog Karfunkel seine Schreibtischschublade auf und fand dort –nichts.
Erleichtert lehnte er sich zurück, wie jeden Tag, nach den beiden Nachrichten vor Monaten, die
ihn sehr beunruhigt hatten.
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Waren diese Wälzer doch sein einziger wirklich Kontakt zur Außenwelt. Besonders zur
weiblichen. Das Internet war für ihn ein noch unbekannteres Wesen.
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Karfunkel war verzweifelt. Und in dieser Verzweiflung füllte sich sein Büro mit den
Abteilungsleitern. Karfunkel war überrascht, wie viele Abteilungen er hatte. Sein Büro sah in
kurzer Zeit aus wie ein Buswartehäuschen bei Regen zur Rush-Hour . Lisa Motte schüttelte den
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Das saß. 35 Augenpaare durchbohrten Lisa Motte. Aber Keiner wagte eine Erwiderung. Jetzt
wußte er, weshalb seine Sekretärin so unbeliebt war, wie er aus den Bemerkungen seines
Personals immer wieder heraushören konnte. Andere wiederum schienen sie zu lieben.
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wenigstens zu begrüßen. Ich kenne ihn. Der fängt sonst an zu spinnen und macht Ihnen das
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wackelnden Hüften das Büro. Und da waren sie wieder, die Dolche, die ihr nachfolgen.
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Karfunkel lehnte sich zurück. Zum Glück war jetzt die Hauptmesse gerade erst vorbei, also
mußten die Orders des Kosmetik-Fachhandels für das nächste Jahr geschrieben sein. Die
jährlich im Herbst stattfindende LPM, Lipide, Proteine and More, war die wichtigste Fachmesse,
um die neuesten Produkte der Drogeriebranche den Einkäufern vorzustellen. Das trieb den
Umsatz immer gewaltig nach oben, hatten ihm seine Leute immer versichert. Auch sein Vater
hatte immer auf die LPM hingearbeitet. In den kommenden schwierigen Verhandlungen mit den
Banken war das ein gutes Polster. Karfunkel hatte ein gutes Gefühl. Er rief seine Sekretärin zu
sich herein.
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nicht mehr hin, seit sie immer mehr von Horden einkaufswütiger 14jähriger
Pseudoeinkäuferinnen mit selbstgedruckten Visitenkarten von den Ständen weggedrängt
wurden. Alle mit künstlich blonder Mähne, in knallengen Jeans, mit meterlangen künstlichen
Fingernägeln, Stiefel bis zum Monster-Po und direkt darüber das Arschgeweih. Das sieht
wirklich schlimm aus, besonders als geballte Masse aus dem ländlichen Umland. Und Einkäufer
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Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Karfunkel betrat das Besprechungszimmer, in dem Liebig und Polinski-Poderer schweigend am
Tisch saßen. Liebig stand noch zu sehr unter dem Einfluß der Morgennachrichten und war
dadurch unfähig, sich mit dem Vertreter der Stadt zu unterhalten. Small Talk war ohnehin nicht
seine Stärke, dazu war er zu sehr Jurist. Würde Nopol jetzt doch den Bach runtergehen?, fragte
er sich. Dann hätte er sich zu früh von seinem Wagen getrennt. Vielleicht hätte er sogar noch
Geld für seinen wunderschönen Kastrat bekommen? Er konnte sein Unglück einfach nicht
fassen. Und Polinski-Poderer war für ihn Symbol der Staatsmacht, die dies verbockt hatte. Er
haßte ihn.
Polinski-Poderer, ein etwas nach vorne gebeugter schmächtiger Mann mit Hakennase, kleinen
grauen Augen und langen, knochigen Fingern wunderte sich, daß man noch nicht beim Essen
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Schweigend gingen die drei Männer in die halbleere Kantine, wo ihnen das Aroma von Ketchup,
Curry und ranzigem Fett entgegenschlug. Zuerst Karfunkel, dann Polinski-Poderer, als
Schlußlicht ein frustrierter Voljurist. Doch der Vertreter der Stadt wurde nicht bedient. Er wollte
schon auf einen Tisch zusteuern und seine Bestellung aufgeben, als er merkte, daß die anderen
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und ließ eine gelbliche Flüssigkeit in sein Glas laufen, ebenso Liebig, der sich inzwischen um
eine Position nach vorne gearbeitet hatte, zum Schluß, total angewidert, Polinski-Poderer.
Alle drei nahmen die Currywurst. Von den Alternativen 'Rindsroulade Karfunkel'
(zusammengerollter Leberkäse) und 'Weekend-Sinti-Goulasch' (ein Potpourri der Gerichte der
letzten Woche mit reichlich Paprika verfeinert) nahmen sie spontan Abstand. Karfunkel hielt
seinen Firmenausweis über den Transponder, ebenso Liebig. Polinski-Poderer stutzte, als die
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Polinski-Poderer hatte so etwas noch nie erlebt. Geld? Von IHM? Perplex kramte er in seinen
Taschen, fand etwas, das nach Geld aussah und legte ein paar Münzen hin.
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Mit hochrotem Kopf und unter allgemeinem Johlen der übrigen Kantinenbesucher hielt PolinskiPoderer ihr den Inhalt seiner Hosentasche hin.
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Polinski-Poderer betrieb den Sport, nach verlorenen oder vergessenen Münzen in Telefonzellen
und Parkautomaten zu suchen. Oft ließen auch Gäste in den Cafés der Stadt Geld neben der
Tasse liegen, das er sich schnell schnappte, bevor der Ober kam. So sammelte sich mit der Zeit
ein großer Schatz in seinen Hosentaschen an. Seine Hosen beulten mit der Zeit aus und hingen
immer tief nach unten, was die Kids von Alpstadt bei seinem Anblick mit Anerkennung
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Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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2-Euro-Münzen nahm und ihm 20 Cent
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Polinski-Poderer ging grimmig zum Tisch, an dem Liebig und Karfunkel saßen. Beide wischten
sich gerade den Mund ab, warfen ihre Servietten auf die verschmierten Teller und riefen unisono
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Wie gebannt beobachtete er, wie sich eine Blase in seiner Sauce aufbaute und mit einem
dumpfen Blubb entlud und in sich zusammenfiel. Er fragte sich, was dort unten wohl lebte.
Appetit hatte er keinen mehr.
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Plastiktüte wieder. Polinski-Poderer bat um zwei weitere Tüten. Karfunkel ging zurück und
wedelte mit den Zusatztüten. Er nahm den Teller, kippte alles in eine der Tüten, verschloß sie
mit einem Knoten und überreichte Polinski-Poderer das Kunstwerk sowie die leeren Tüten. Der
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Mit wirren Augen und voller Wut irrte Polinski-Poderer über das Firmengelände, bis er geeignete
Objekte fand. Unter einem Ekutt TT fand er einen Tropfen Öl, der langsam zwischen den
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Erdreich ist kein Kavaliersdelikt. Unerlaubter Betrieb einer Gaststätte ist so gut sicher, die
Lebensmittelkontrolleure schicke ich denen noch nach. Auf alle Fälle jetzt schnell auf die
Toilette. Ich brauche noch jede Menge Keime. Und dann hänge ich denen noch § 36 e der
Brandschutzverordnung an. Das zieht immer. Die Bude schließe ich denen. Heyden wird
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Mißmutig, mit hochgezogenen Schultern, den Kopf gesenkt, verließ Polinski-Poderer mit drei
prallgefüllten Plastiktüten das Firmengelände und stellte sich an die Bushaltestelle. Er hatte sich
zwar von Jahren ein Auto gekauft, aber schließlich durfte er ja kostenlos die öffentlichen
Verkehrsmittel benutzen. Besonders wenn es nur drei Kilometer Luftlinie bis zum Büro waren.
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so wegkriegen, dann bauen wir eine Straßenbahnlinie hierher. Wundert mich, daß die noch so
ganz ohne Oberleitung leben dürfen. Genau! Genial! Baustelle vor den Firmentoren. Da hätte
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Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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ich ja gleich draufkommen können. Das wird die fertigmachen. Und gleichzeitig monatelange
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schon auf das Gesicht seines Chefs, wenn er in eineinhalb Stunden in seinem Büro sein würde.
So kam es dann auch. Heyden war höchst erfreut über den Bericht seines Helfers und wies
gleich das Baureferat an, Planungsarbeiten zum Bau einer äußerst wichtigen Tramlinie zu
beginnen. Die Autobahnausfahrt wurde schon mal prophylaktisch gesperrt. Das städtische
Labor analysierte sofort die Bodenproben und hatte zwei Tage Zeit, einen objetiven und
vernichtenden Bericht anzufertigen.
Auch das Kreisverwaltungsreferat befaßte sich umgehend mit der Frage, ob Karfunkel so ganz
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und Getränke in halböffentlichen Räumen mit dem Ziel, diese hergestellten oder vertriebenen
Lebensmittel oder Getränke an ein abhängiges Publikum unter Einbeziehung monetärer
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Dann erging noch eine Aktennotiz an das Finanzamt Alpstadt V mit der Bitte um Prüfung der
Frage, ob die Differenz aus den Preisrabatten für Mitarbeiter als Geldwerter Vorteil zu
versteuern sei. Diese komplizierte juristische Frage beabsichtigte der zuständige Referent am
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monatlichen Veranstaltung des Verbandes der Steuerberater im Alpstädter Hof, der immer sehr
gut besucht war, weil es hier kostenlos die besten Speisen und Getränke gab, während man im
Nebensaal Referate besuchen konnte (leider gab es jedoch stets weder Referenten noch
Interessenten). Natürlich sprach der Mitarbeiter des Finanzamtes an diesem Abend doch nicht
mit seinen Kollegen, da er strikt Beruf und Vergnügen trennen wollte, um nicht in einen
Interessenskonflikt zu geraten. Das Thema erledigte sich mit dem Rundschreiben seines
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Karfunkel und Liebig standen noch lange am Kantinenausgang, bis Karfunkel schließlich das
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Also wissense, mein Schwager, hat das Zeug am nächsten Tag wieder abjebaut, weil er das
alles zur Überwachung seiner Frau im Haushalt einsetzen wollte. Das war blöd. Ich hab das
natierlich sofort meiner Schwester erzählt. Und jetzt habe ich keen Schwager mehr. Nur noch
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Kammera muß jemand abjenommen haben, denk ich. Also jedenfalls waren da Damen drauf.
Nackte Damen. In Richterroben. In offenen Richterroben. Im Wind. Und dann noch die
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bekannt vorkam. Na ja, zum Schluß waren die alle über und unter ihm. Schreckliche Jeschichte.
Der arme Mann. Ich habe mir das Janze schon oft anjesehen. Ich meine, ich schaue eijentlich
nur, ob man im Hinterjrund nicht doch was über Aktivitäten auf unserem scheenen Jelände
sieht. Muß ich noch öfter tun. Ich habe da immer so ein Jefühl. Also so ein Jefühl, als ob da
noch was kommt. Ich berichte Ihnen, wenn ich was entdecke. Ist doch in Ordnung, Chef, jell?
Man ist halt immer im Dienst. Manchmal nehme ich mir das Ding nach Hause mit. Aber kene
Sorje. Das schreibe ich nicht als Überstundenauf
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Damit drehte dich der Pförtner um und hastete eilig den Gang entlang. "Muß zur Praktikantin",
rief er zurück.
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Er öffnete seine Tür und blickte auf 10 Frauen. Alle mit künstlich blonder Mähne, in knallengen
Jeans, mit meterlangen künstlichen Fingernägeln, Stiefel bis zum Monster-Po und direkt
darüber das Arschgeweih. Karfunkel erstarrte.
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Seite 57
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Durchführung, Bewirtung, Begrüßung, Auftragswesen, Reinigung, Design, Aufbauüberwachung,
Abbauüberwachung. Und ich für Persönliche Betreuung.
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exorbitant steigen. Aber nochmal zurück zu den früheren Damen. Wie wurden die denn
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angebrüllt, sie werde hier gemobbt und er sei ein Idiot. Da konnte er ihr null Problemo wegen
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Hausverbot erteilt. So konnte sie sich von niemandem mehr verabschieden und herumhetzen.
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Karfunkel, der innerlich immer angespannter wurde. Er merkte plötzlich, daß so viele Dinge an
ihm vorbeigegangen waren. Er mochte die drei Frauen, besonders die Weißmann-Bröckelmann.
So hatte er sich seine Mutter immer gewünscht.
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Besuchern den Spaß verdorben. Aber so biestig war sie ja schon immer. Identifiziert haben sie
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Seite 58
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Ihrer Mutter gesprochen. Und die wollte das aus Kostengr
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zurückblickte, entdeckte er mit Grausen, daß der Kaugummi verschwunden war.
Verstohlen scannte Karfunkel die Griffnähe der Abteilungsleiterin, konnte aber den Kaugummi
nicht entdecken.
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schaute die Mädels an und konnte keine entdecken, die irgendwelche Ordner oder Papiere bei
sich hätte. Die Mädels schauten sich entgeistert an, dann ihn, dann zuckten sie mit den Achseln,
bis eine sprach.
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Die Damen sahen sich wieder sprachlos an.
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Die Sprecherin der Abteilungsleiterinnen baute sich vor Karfunkel auf, verschränkte ihre Arme
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Was sollen wir denn sonst noch machen. Sie machen mir Spaß. Bloß weil Sie
der Chef sind, brauchen Sie uns gewiß nicht knechten. Das hat auch der Günther gesagt. Da
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Seite 59
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Die Messekosten schätze ich auf fünfzehntausend, plus Werbung und Gehälter. Wahrscheinlich
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Die zehn Teamleiterinnen drehten sich gleichzeitig um und tippelten schnatternd in ihre Büros.
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Und alle träumten sie die folgenden Tage von ihrem vermeintlichen neuen Glück.
Karfunkel war froh, endlich allein zu sein. Er ging zu seiner Sitzgruppe aus Kunstleder, die ihm
seine Mutter vor zehn Jahren ausgesucht hatte, und ließ sich in einen der Sessel fallen. Das tat
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sehr, sehr leid. Er kuschelte sich so gut es ging in den harten Sessel von HIMIWE (HinfahrenMitnehmen-Wegschmeißen), begrub sein Gesicht in seinen Händen und versuchte, zur Ruhe zu
kommen.
Er hörte ein Geräusch und wollte sich schnell an der Tischplatte wieder hochziehen. Da spürte
er von der Unterseite etwas Weiches an seiner rechten Hand. Etwas Klebrig-Weiches. Und er
wußte, was es war. Sofort verspürte er auch das vertrauteBr
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Herpes. Er versuchte zunächst, mit einem Taschentuch die Reste des Kaugummis
abzuwischen, dann nahm er seine Salbe und schmierte sich seine Lippe ein. Ganz
gedankenversunken verfluchte er die Mädels von vorhin und schmiedete Rachepläne, so daß er
alles andere um sich herum vergaß.
Und so fuhr er zusammen, als er eine feste Stimme hinter sich hörte:
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Karfunkel drehte sich um und sah seine Sekretärin in der Tür stehen.
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Seite 60
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Lisa Motte sah ihn mitleidig an. Sehr lange sah sie ihm in die Augen. Dann sagte sie leise:
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nddenHochzeitstermin, ist selten mal da. Das ändert sich alles, sagt
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den dicken Bauch von Otto Otto, dem Betriebsratsvorsitzenden.
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niemand hat jemals darüber gelacht. Nur seine Eltern hatten sich tagelang vor Lachen gebogen,
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Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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produzieren, wird ja alles billiger. Und da bleibt ja auch mehr übrig. Und das könnten Sie ja an
uns auszahlen. Wenigstens zum Teil. Den Rest können Sie ja selbst behal
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Dann wurde es still.
Karfunkel sammelte schnell seine Unterlagen zusammen, um sie über Nacht wie üblich in die
obere Schreibtischschublade zu geben. Einmal hatte er es vergessen und mußte am nächsten
Tag feststellen, daß die Putzfrau offensichtlich über alle herumliegenden Gegenstände nass
rüberwischt. Seitdem war er sehr gewissenhaft.
Da war es wieder. Er traute seinen Augen nicht. Heute morgen war noch alles in Ordnung und
jetzt? Mit zitternden Fingern nahm er das Blatt aus der Schublade und faltete es auseinander.
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Entsetzt schmiß Karfunkel alle Unterlagen in die Schublade, steckte das Blatt in seine
Hosentasche und rannte aus dem Büro. Am Parkplatz stieg er in seinen AMW und brauste
verwirrt nach Hause. Alle möglichen Gedanken schossen durch seinen Kopf. Konnte das sein?
Lebte Vati noch? Wie war das damals? Vati hatte seinerzeit abends die Wohnung verlassen, um
sich Zigarren zu holen. Seltsamerweise war der Humidor randvoll. Karfunkel junior war an dem
Abend oben in seinem Zimmer und hatte Cassetten mit dem Kopfhörer gehört. Nach dem
Essen mußte er immer in sein Zimmer gehen und manchmal Kopfhörer aufsetzen. Mutti hatte
immer beteuert, daß sonst nichts vorgefallen sei. Aber sie hatte ausgesagt, daß sie mit ihrem
Mann an diesem Abend wie üblich auf der Wohnzimmercouch gekuschelt hatte, als er plötzlich
aufstand und die Wohnung verließ. Ohne Schuhe und Mantel. Sein Wagen stand ebenfalls
unberührt in der Garage. Als man nach einem Jahr eine vermoderte Leiche im Park fand, die in
Statur Karfunkel senior ähnelte, erklärte man seinen Vater für tot. Und jetzt diese Nachrichten.
Seite 62
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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An einer roten Ampel zog er den verknüllten Zettel heraus und stierte nochmals drauf. Eindeutig
Vatis Handschrift! Beim Weglegen schaute Karfunkel auf das Armaturenbrett und erschrak noch
mehr.
Eine gelbe Lampe! Das sollte nichts Gutes bedeuten. Wie ein Pilot checkte Karfunkel die
Instrumente.Und dann sah er auf dem Kilometerstand die Bescherung und hoffte, es sei noch
nichts geschehen. Hatte er doch beim Studium der Betriebsanleitung gelesen, daß so ein
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Er schaute hektisch umher und sah in einer Seitenstraße, nach innen versetzt, eine kleine,
notdürftig beleuchtete Tankstelle. Er gab Vollgas, bog scharf rechts in die Straße ab, hörte ein
quietschendes Geräusch und wunderte sich über einen Radler, der laut schimpfend am Boden
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Seite 63
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www.karfunkels-rache.de
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Normalerweise sorgte der Fuhrparkmanager dafür, daß alle Firmenfahrzeuge getankt und
gewartet wurden. Doch der war seit vier Wochen in Urlaub, und Karfunkel wußte nicht, wann er
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Super Plus? Karfunkel war verwirrt. Also nahm er das teuerste. Diesel kam sowieso nicht in
Frage. Er hatte ja schließlich einen AMW und kein landwirtschaftliches Nutzfahrzeug!
Nach ein paar Minuten hatte er begriffen, wie man den Tankdeckel öffnet, und schon gluckerte
der wertvolle Saft in einen hungrigen Tank. Sorgfältig schloß er anschließend den Deckel wieder
und kontrollierte ihn mindestens zehn Mal. Schließlich wollte er ja nicht explodieren. Karfunkel
hatte mächtig Angst vor brennbaren Gegenständen, ob flüssig oder gasförmig. Dann
kontrollierte er mehrfach, ob er seinen Wagen wirklich verschlossen hatte und ging schließlich in
den kleinen Verkaufsraum mit Imbissecke, in dem ihn der unrasierte Tankwart im speckigen
karierten Flanellhemd bereits erwartete.
Karfunkel öffnete die Tür, betrat den Raum und schloß die
Tür hinter sich. Es war düster, und hier roch es nach
altem Maschinenöl, ranzigem Fett und Kurzschluß.
Karfunkel kannte Tankstellen nur aus amerikanischen
Filmen. Die waren total anders. Da tummelten sich
meistens junge Männer und leichtbekleidete Damen und
scherzten miteinander, besonders in der Waschstraße.
Selbst die gab es hier nicht. Oder junge Männer stürmten
mit Pudelmützen und Pumpguns in einen grell-hellen
Verkaufsraum und schossen alles zu Klump, bis sie selbst
dran waren, weil der picklige Tankwart der bessere
Psychopath war. Verdattert über diesen unerwarteten
Anblick hier blieb Karfunkel zunächst stehen und sah sich
um. Die Regalböden waren dunkel, fast alle Waren mit
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Glastopf. Der Senf im braunen Steinguttopf war von tiefen
Rissen durchzogen. Eine große Glasschale, auf deren
Boden sich Kümmel, Mohn, tote Fliegen, Brotkrümel,
Wollmäuse und Schimmel ein Stelldichein gaben,
beherbergte sieben mehr oder weniger stark verformte
Sternsemmeln. Karfunkel nahm schnell Abstand vom
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Er versucht, an den Tresen zu gehen. Doch er bleib stehen. Wie angewurzelt? Nein, wirklich
angewurzelt. Er verstand nicht, was los war. Er versuchte es erneut. Fehlanzeige. Und nochmal.
Jetzt wäre er fast hingefallen. Aber jetzt. Mit Gewalt versuchte er es erneut und kam endlich frei.
Aber irgendwas war dennoch geschehen. Er hinkte plötzlich. Er lief die drei Schritte auf den
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Das Gesicht des Tankwarts erhellte sich. Das war sein Glückstag! Normalerweise tankten die
Leute bei ihm gerade mal ein paar Liter Diesel, um zu einer Tankstelle mit normalen Preisen zu
kommen, denn er lag immer mindestens 5 Cent pro Liter höher als seine Kollegen. Und in
Wirklichkeit hatte er nur zwei Tanks, Diesel und Benzin. In den Dieseltank füllte er gelegentlich
Heizöl, um seine Gewinnmarge zu erhöhen. Rentabler war allerdings das Benzin. Da hatte er für
alle Sorten nur einen Tank, in dem sich Normalbenzin befand. Wenn die Super Plus-Pumpe
arbeitete, hatte er mindestens 25 Cent pro Liter mehr Gewinn in der Tasche als seine ehrlich
arbeitenden Kollegen. Da selten jemand zu ihm zurückkehrte, flog er nie auf. Und dann tankt
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Der Tankwart grinste von einem Ohr zum anderen. Karfunkels Antwort verriet ihm, daß er einen
absoluten Laien vor sich hatte und das bedeutete für ihn freie Fahrt. Im Laufe des Gesprächs
zog er alle Register und fuhr zu einer neuen Höchstleistung auf.
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kaputt macht. Dann können die nach Ende der Garantiezeit Ersatzmotoren verkaufen. Bis zum
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Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Während Karfunkel sich an seinem Wagen zu schaffen machte, rieb sich der Tankwart die
Hände. Sie viel Gewinn hatte er selten an einem Tag gemacht. Ihm war auch lieber, wenn die
Kunden das Öl selber einfüllten. Vor Gericht behauptete er stets, das Öl wäre nicht für Autos
bestimmt gewesen. Das nahmen ihm die Richter bislang immer ab. Dem Augenschein nach sei
das Öl ja auch nicht in einer Ölflasche gewesen. Dadurch gab es auch keine zugesicherten
Eigenschaften, argumentierten die Richter und wiesen die Klagen ab. Bis auf einmal, wo es für
ihn richtig teuer wurde. Aber wer konnte schon ahnen, daß Juristen Auto fahren können, oder?
Deshalb fragte er seitdem immer nach. Sicher ist sicher.
Das war letztes Jahr. Erst bei Beginn der Verhandlung hatte sich herausgestellt, daß der Kläger
Jurist war und sein Vater der Vorsitzende Richter. Schon beim ersten Anhören redete der Kläger
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Dir das schon mal gesagt? Da plädieren wir besser auf 'Fahrlässig Schuldig' und zahlen freiwillig
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“Solief es dann auch. Der Richter wollte ihn
ursprünglich auf Wunsch seines Sohnes zusätzlich zum Tode verurteilen, wandelte die Strafe
aber um in Fünfzig Euro für die Juristen-Witwen-Kasse, nachdem der Tankwart der Frau des
Richters per Handy aus dem Gerichtssaal einen großen Strauß Blumen zukommen ließ.
Das Problem lag an der Viskosität und Lagerung des verwendeten Öls, denn es besaß
sämtliche Viskositätsstufen und war von vielen Autos schon eingefahren. Statt das Altöl beim
Ölwechsel kostenpflichtig zu entsorgen, hatte der Tankwart eines Tages aus rein ökologischen
Gründen beschlossen, es einer weiteren Nutzung zuzuführen. Er filterte das abgelassene Öl
durch einen Malitto-Kaffeefilter und lagerte es anschließend in einem großen Faß. So konnten
sich die Metallspäne mehr oder weniger gut mit der Zeit unten absetzen und konnten entsorgt
werden. Außer, er hatte, besonders zur Urlaubszeit, Hochkonjunktur. Dann wurde auch der Satz
hergenommen, gelegentlich mit preiswertem Salatöl gestreckt. Manchmal erreichten die so
ausgestatteten Fahrzeuge sogar den Urlaubsort. Nur wenige kamen aus eigener Kraft wieder
zurück.
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Beschriftungen! Er durchsuchte alles nach Hinweisen, aber da waren mehrere
Einfüllmöglichkeiten. Ratlos blickte er umher. Dann bemerkte er, daß ihn der Tankwart von
innen interessiert musterte. Nur jetzt keinen Fehler machen! Und bestimmt nicht die Schmach
auf sich nehmen, fragen zu müssen.
Dann fand er eine plausible Öffnung, deren Deckel sich leicht öffnen ließ. Er goß den Inhalt der
Loner-Flasche hinein. Dann schaute er sich um und fand einen aufgespannten Plastiksack, über
dem 'Lehre Ölflaschen' stand und warf seine Literflasche hinein. Er stieg in seinen Wagen und
machte sich auf seinem Merkzettel die Notiz 'Heute Vier Viertel Öl nachgef
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seinen AMW und vermerkte zufrieden, daß die gelbe Lampe erloschen war. Auch die Tankuhr
stand auf 'Voll'. Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen! Karfunkel fuhr zufrieden nach Hause,
wo ihn seine Mutter zornig erwartete.
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das können. Hat Vati auch immer gemeint. Und jetzt setz di
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Die lauwarmen Weißwürste schmeckten entsetzlich. Einfach widerlich...wie verdorben...wie
immer. In letzter Zeit wollte er ohnehin nicht mehr so viel essen, schon allein, weil er immer an
seinen Traum zurückdenken mußte. Diese schöne Frau, die ihm eine noch dazu eine echte
Erinnerung zurückgelassen hatte. Er war immer noch verwirrt. Wer war wohl die Dame? Und
warum war sie so schroff zu ihm gewesen? Er erinnerte sich, daß er ihr zugerufen hatte, daß
ihm seine Gewichtszunahme leid täte. Und ihre letzten Worte waren:
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Er mußte Gewicht verlieren, sonst sah er sie wohl nie wieder. Aus der Schule kannte er noch
den Kernsatz von der Erhaltung der Masse. Wer würde wohl für ihn jetzt fett werden? Aber dazu
mußte er jetzt Taktiken einsetzen. Er schickte stets seine Mutter aus diversen Gründen nach
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Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
www.karfunkels-rache.de
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irgendwo, holte es später wieder ab und entsorgte es im Mülleimer seines Büros. Doch seine
Mutter wurde allmählich mißtrauisch. Eines Tages entdeckte sie drei Weißwürste am Boden
des Vogelkäfigs. Sie merkte auch, daß er nicht viel, aber stetig abnahm und verdoppelte daher
ihre Anstrengungen, ihn auf einem konstanten Schwergewicht zu halten. So wurde es für
Karfunkel allein mengenmäßig immer schwieriger, Teile seines Essens kurzfristig verschwinden
zu lassen. Sie legte fortan doppelt auf und entfernte alle naheliegenden Gegenstände, in denen
Essen temporär zwischengelagert werden konnte. Alle Dinge, die bisher fehlten, befanden sich
nun auf dem Tisch, doch fielen Karfunkel immer wieder neue Zutaten ein. Mal war es Koriander,
den er unbedingt auf seinem Gurkensalat verlangte, mal Chili oder Pottasche. Der Tisch war
stets voll von Gegenständen, und langsam ging ihm die Fantasie aus.
Dann kam er auf eine geniale Idee. Als seine Mutter einmal außer Haus war, hob er den
Gummibaum aus seinem Topf und entfernte einige Teile der Wurzeln und Erde aus der Mitte
der Unterseite. Dann setzte er eine Plastikschale in die entstandene Höhle und besaß jetzt
einen stets verfügbaren Hohlraum unter der Pflanze. Doch manchmal gab es verräterische
Erdspuren auf dem Teppich vom Herausholen und Wiedereinführen des Wurzelballens. Später
vervollkommnete er daher sein Versteck, indem er einen Plastiktunnel nach unten in die Höhle
baute mit einem abnehmbaren Deckel, der auf der Oberseite mit einem Erdimitat getarnt war.
Wenn Mutter in die Zeitung sah, konnte er schon mal schnell ein zusammengerolltes Omelett,
eine Wurst oder einen Knödel schnell mal verschwinden lassen.
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Karfunkel antwortete auf solche Provokationen überhaupt nicht mehr. Er hatte ein Leben lang
vergeblich um die Liebe seiner Mutter gebuhlt und war immer frustriert worden. Stattdessen warf
sie ihm stets das Scheitern ihres Lebens vor.
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können. Ein Leben als Eleonore Karfunkel, M.A.! Aber du mußtest ja kommen und meinen
Körper und meinen Geist ruinieren. Alles verpfuscht. Und dann kam auch noch so ein
lebensuntüchtiges, unbegabtes Wesen heraus, das immer meine Aufmerksamkeit haben wollte!
Wir konnten uns nie erklären, von wem du das hattest. Da muß ein schwarzes Schaf aus einer
unserer Stammeslinien wieder aufgetaucht sein. Igitt. Ein echtes Muttersöhnchen bis heute.
Hätte ich doch nur eine Tochter gehabt! Oder noch besser gar kein Kind! Dann wäre ich
glücklich geworden. Vati und ich war
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Wie oft hatte Karfunkel diese Vorwürfe gehört und sich Zeit seines Lebens schuldig gefühlt. Er
wollte es ihr doch immer nur recht machen, was ihm aber nie gelang. Er blieb der Versager, der
allein durch seine Anwesenheit anderen alles zerstört.
Als einzige Tochter des erfolg- und fast mittellosen Immobilienmaklers Peter Furunkel und der
an der Volkshochschule ausgebildeten Astrologin und selbsternannten Schamanin Edith
Burnaut wollte Karfunkels Mutter von Kindesbeinen an diesem Elend entfliehen. Sie strengte
sich in der Schule mehr als alle anderen an und schaffte mit Hängen und Würgen sogar das
Abitur. Da ihr jeder, der sie kannte, jegliche Begabung für Alles absprach und der Berufsberater
ihr verzweifelt die Vorteile einer Ehe anzupreisen versuchte, mußte sie sich selbst nach einem
Studienfach umsehen. Für sie war Studium gleichbedeutend mit Ansehen und Reichtum. Vor
allem arm wollte sie nicht mehr sein. Doch was studieren? Sie quälte sich durch ein altes
Studienverzeichnis, das sie für eine Mark am Flohmarkt erstand, eine Investition für's Leben.
Ingenieurswissenschaften, Juristerei, Biologie, Amerikanistik, Anglistik, Chemie,
Religionswissenschaften, Theater, Politik, Wirtschaft? Nein, das war nichts für sie. Dann stieß
sie auf die Kunstgeschichte. JAWOLL! Sie hatte schon als Kind leidlich gemalt, und manchmal
glaubten ihre Eltern sogar, etwas auf ihren Bildern erkannt zu haben.
Und so quälte sich Eleonore durch ihre Studienzeit und versuchte verzweifelt (und erfolglos),
Kunst von Unfug zu unterscheiden. Als Nebenfächer hatte sie sich Germanistik (weil sie bereits
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deutsch konnte) und Anglistik ausgesucht (weil sie gerne mal englisch sprechen wollte). Und sie
gewann ihren Kampf auch fast. Sie legte nach für sie und ihre Professoren quälenden vierzehn
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gerade noch ausreichend' bewertet wurde. In den Nebenfächern wurde sie ebenfalls genervt
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Schon hochschwanger, wie sie später immer ihrem Sohn vorjammerte (in Wirklichkeit erst viele
Monate später) und deswegen sehr indisponiert, ging sie in die mündliche Prüfung, die für sie
nach zehn Minuten schon beendet war. Ihr Professor wollte es ihr und sich leicht machen und
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lag ein gewisses Potential. Jedem fällt da zumindest etwas über füllige Frauenkörper ein; das
könnte in eine Diskussion über den Wandel des Schönheitsideals führen und beim Thema
'Abnehmen' enden. Genug Stoff für den Rest der Dreiviertelstunde.
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Wollt's ihr mich total verarschen? Glaubt ihr etwa, ich falle rein? Aber ich kenne Rubens
Baricchello sehr wohl! Aber habe ich euch nicht schon gesagt, daß ich mich für euren Schmarrn
nicht interessiere? Formel 1 könnt ihr euch abschmieren, ihr Machos. Wir sind hier bei der
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Und sie hatten wirklich eine bessere Frage. Unisono fragten sie die Kandidatin, ob sie nicht am
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psychotherapeutische Behandlung, die in Fachbüchern später als Eleonore-Syndrom-Therapie
einging.
Eleonore Furunkel klagte sich erfolglos durch mehrere Instanzen. Bei der letzten Verhandlung
wartete sie im kalten Flur des Gerichtsgebäudes auf den Beginn ihrer Verhandlung.
Sie setzte sich auf die bürokratisch-unbequeme Holzbank neben einen stattlichen Mann, der
nervös an einer riesigen Zigarre paffte und damit gigantische Smogwolken erzeugte. Sie sahen
einander von Zeit zu Zeit lächelnd an und blickten dann wieder verlegen nach unten. Dann hörte
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Sie trafen sich im Café und schmiedeten Zukunftspläne. Karfunkel senior war bester Laune, weil
er seinen Prozeß gegen einen Konkurrenten, der ihm seinen Erfolg neidete, gewonnen hatte.
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Eleonore sah das ein. Außerdem war sie Zeit ihres Lebens Ziel des Spottes aufgrund ihres
Namens gewesen. Sie war letztlich doch froh, ihren Namen abgeben zu dürfen, der sie so sehr
gequält hatte. Und so beschäftigte sich das neugefundene Pärchen umgehend intensiv mit dem
Problem, ein kleines Karfunkelchen zu produzieren, was ihnen nach einigen Monaten heftigster
Bemühungen und Anstrengungen auch gelang. Aber ihren akademischen Würden trauerte sie
dennoch ein Leben lang nach. Und so verschob sie die Realität einfach um ein paar Monate –
und der Schuldige war, im wahrsten Sinne des Wortes, geboren.
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Karfunkel würgte allein schon beim Gedanken, noch eine Weißwurst essen zu müssen. Zwei
hatte er schon verschwinden lassen.
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draußen. Er spürte den Luftzug, als eine Weißwurst knapp an seinem linken Ohr vorbeiflog, und
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Hätte er ihn gegessen, wäre er qualvoll aufgrund des fortwährenden Aufwärmens und
Einfrierens und des kleinen putzigen Knollenblätterpilzes, der sich zwischen den Schwammerln
versteckt hielt, jammervoll verendet. So erfuhr niemand davon.
Bis auf die fette Angorakatze, die Karfunkels Mutter stets mit den Essensresten ihres Sohnes
fütterte (manchmal auch umgekehrt). Schneewittchen stürzte sich gleich auf das Pilzomelette
und ging binnen einer Stunde in die ewigen Katzenjagdgründe ein, da sie schon ihre sechs
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vergangenen Leben den kulinarischen Genüssen geopfert hatte. Damit waren auch Karfunkels
Allergieschübe mit einem Mal beendet. Keine Hautausschläge mehr Aber das sollte er erst viel
später begreifen.
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wiederholte er wie in Trance. Tausendmal, immer und immer wieder, bis er plötzlich ganz ruhig
wurde.
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nach seinem Kakao. Doch der war nicht da. Zum ersten Male in seinem Leben! Er spürte eine
große Einsamkeit und eine grenzenlose Sehnsucht nach Zweisamkeit. Wer sollte ihm dann
seinen Kakao machen, wenn er auszog? Nachdem er hier offensichtlich für immer
vernachlässigt wurde, konnte er auch ausziehen. Oder? Mittlerweile gab es ja auch schließlich
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Er griff unter sein Bett und holte den grünen Seidenschal hervor, den er in einer Plastiktüte
aufbewahrte. Er hatte erfolgreich verhindert, daß Mutti dieses Beweisstück seiner Unmoral und
Verruchtheit vernichtet oder gar wäscht. In der Tüte bewahrte der Schal seinen Geruch. Er holte
ihn vorsichtig heraus und hielt ihn an seine Nase. Und sofort war die Erinnerung an die Nacht
aller Nächte wieder präsent. Wie sie sich bewegte, wie sie sich anfühlte, ihr Lachen, ihre Augen,
in denen er sich verlor. Sie hatte manchmal so traurig ausgesehen –und dann wieder so
fröhlich und selbstsicher. Aber wie konnte es sein, daß er einen Gegenstand aus einem Traum
besaß? Das war doch unlogisch. Aber er verstand die Welt ohnehin nicht mehr. Eigentlich hatte
er sie nie verstanden, nie seine Rolle darin. Welch herrlicher Geruch. Ein Parfüm, das ihn sofort
betörte, ein überirdischer Geruch. Ihm wurde schwindlig. Ein Glücksgefühl durchflutete seinen
Körper
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Freude und Wärme. Wann würde sie ihn wieder besuchen? Und dann dachte er an seine
Sekretärin. Bald würde sie ihn verlassen. Wo sie doch so tüchtig war, so reizend, so schön. Er
hatte sie ja auch schon in Dessous gesehen. Dadurch schoß im das Video durch den Kopf, das
er aus dem Digitalrecorder des Pförtners stibitzt hatte. Wo war das eigentlich?
Karfunkel mußte alles vor seiner Mutter verstecken. Das war sein Problem. Seine Verstecke
waren oft so perfekt, daß er die Gegenstände selbst nicht mehr fand. Er sprang aus seinem Bett
und drehte sich in der Mitte seines Zimmers um seine eigene Achse. Wo hatte er das Video
verschwinden lassen? Unterm Bett? Nee. In der Kommode? Nee. Kleiderschrank? Könnte sein.
Er durchwühlte Fach für Fach und fand viele längst vergessene Dinge. Bloß nicht das Video. Wo
versteckt man am besten einen Baum? Natürlich im Wald! Das mußte es sein! Er stand vor
seiner Videocassettenwand und begann, Cassette für Cassette herauszunehmen, aufzumachen
und den Inhalt zu kontrollieren. Als er bei der letzten angelangt war, dachte er sich noch:
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enkönnen.Docher
irrte sich. Er war total verblüfft, als sich auch hier die zugehörige Cassette befand.
Nach zwei Stunden gab er auf. Es war schon 23 Uhr, als er beschloß, eine Nacht darüber zu
schlafen. Und dann entdeckte er das Erstaunliche. Alle Cassetten befanden sich in ihren Hüllen,
aber der Recorder zeigte ein eingelegtes Band ein. Dann erinnerte er sich an dieses todsichere
Versteck. Damals hatte er sich diebisch über seinen Einfall gefreut. Mutti würde alles
durchsehen. Sie hatte nur vor einem Respekt: elektrische Geräte. Seine letzte Zuflucht waren
dann solche Geräte. Seine Mutter dachte, er sei ein HiFi-Freak. Doch hatte Karfunkel viele
Geräte doppelt und dreifach angeschafft, in einen Turm gefügt, mit Kabeln scheinbar
verbunden. Es sah beeindruckend aus. Die Hälfte war jedoch ausgeschlachtet, und nur die
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Aussteuerungsanzeigen funktionierten. Verstecke mit Mäuskino, sozusagen. Aber dieser
Videorecorder war echt, und darin steckte die gemopste Cassette. Er schaltete ihn ein.
Karfunkel legte sich aufs Bett, schaltete alle Lichter aus und wartete. Zunächst passierte jedoch
gar nichts. Karfunkel wartete und wartete. Dann ging's los. Er hörte zunächst nur schreckliche
Geräusche. Klack klack klack.... Immer lauter. KLACK KLACK KLACK... Das bedrohliche
Geräusch nahm mit jedem Klack zu. Karfunkel zitterte vor Angst. Was war das? Was konnte so
schrecklich klingen? KLACK KLACK KLACK... Und dann tauchten die ersten Gestalten aus
dem Dunkel auf. Karfunkel erkannte sein Firmentor, und dahinter kamen die unheimlichen
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sie waren es. Eine ganze Armee. Und nicht genug: die Horde schwoll immer mehr an.
Es war offensichtlich Norwalk-Night in Alpstadt. Tausende von übergewichtigen Damen in
Caprihosen watschelten wie Mohrrüben mit Nordic Walking-Stöcken auf einer Tour durch die
Stadt. Aber auch die korpulenten Herren mit beigefarbenen Hosen, beigefarbenen Jacken,
beigefarbenen Hemden und braunen, durchbrochenen Riemchensandalen, aus denen
beigefarbene gestopfte Socken blitzten. Alle Straßen abgeriegelt, dahinter wütend hupende
Autofahrer, die die nächsten Stunden hilflos verharren mußten, bis die Horde komplett durch
war. Denn die meisten Teilnehmer kamen nur sehr langsam voran und waren zum Teil bereits
das zweite Mal überrundet worden. Klack klack klack Klack klack klack... Und mittendrin
erblickte er plötzlich OB Heyden, der jovial in der Menge badete, die Stöcke immer zum Gruß
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Jahre vorher hatte er die wöchentliche Blade Night ins Leben gerufen, sich selbst Rollschuhe
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seine Referenten hielt er ein paar Straßenzüge durch. Bis ihm ein mutiger Mitarbeiter zu sagen
traute, er möge auf seine Wortwahl achten, schrie er dabei immer wieder laut
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Das war der Alltag von Alpstadt: Montag die Blader, Dienstag die Radler, Mittwoch die Nordic
Walker, Donnerstag die Lesben und Schwulen (Heyden hatte auch hier einmal aus Versehen
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ürdiverse Mutmaßungen gab, die er fortan
permanent dementieren mußte), Freitag die Jogger, Samstag die Marathon-Läufer und Sonntag
die Skifahrer. Grund für einen Stau gab es somit immer, denn die genauen Routen wurden stets
geheimgehalten.
Und dann entdeckte er Lisa Motte mitten im Getümmel. Er war überrascht, wie unvorteilhaft sie
in solch einer Hose aussah und wie ungeschickt sie mit den Stöcken umging. Ein Mann neben
ihr schrie auf und krümmte sich, als sie aus Unachtsamkeit ein Stockende in seine
empfindlichste Stelle rammte. Überhaupt hinterließ sie eine Spur der Verwüstung. Karfunkel
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wieder - unschuldig lächelnd - eine Wade perforiert, gleich darauf ihren Nachbarn zu Fall
gebracht, der dabei drei weitere Mitläufer umriß. Und dann stand sie plötzlich neben Heyden,
der zu ihr rübersah und lächelte. Sie blieben beide stehen, umarmten, küssten sich. Unerwartet
deutlich konnte er ihr Gespräch belauschen, als ob ein Richtmikrophon auf sie zeigte.
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Heyden zog aus seiner Tasche einen goldenen Ring, dessen riesiger Diamant die Landschaft in
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Seite 73
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Mit einer diabolischen Fratze drehte sich Heyden zu ihm um und begann, laut zu lachen. Und
plötzlich hatte Karfunkel den Eindruck, der Leibhaftige stünde da. Ein Fuß mutierte zum
Pferdehuf, die Walking-Stöcke bekamen lange Spitzen, und er rang um Luft, als ein
bestialischer Schwefelgestank entwich. Waren das seine Haare, oder türmten sich tatsächlich
zwei Hörner aus Heydens Stirn?
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In diesem Moment kamen drei Männer ins Bild, die Hände in den Halteschlaufen von
Geldsäcken, die sie wie Nordic Walking-Stöcke nach vorne und hinten schoben. Einer hatte
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Frau im grünen Kleid lief mitten zwischen den Karottenfrauen auf der Straße. Sie drehte sich
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Karfunkel bekam einen Stich ins Herz. Oh Gott, die meint ja wieder mich!
Wie aus dem Nichts donnerte urplötzlich eine Straßenbahn mitten durch die Menge und ließ ein
lauten Klingeln ertönen. Doch die Warnung kam zu spät. Die meisten Walker lagen schon
zermalmt auf dem Boden.
Mit Freude, Entsetzen, Angst, Verwirrung und Herzklopfen wachte Karfunkel auf. Sein Wecker
klingelte und klingelte. Oh, zum Glück war das nur ein Traum! Er schaltete den Alarm aus.
Dann kann ich ja in die Arbeit gehen. Nur noch einmal den Schal berühren.
So sehr er auch suchte, der Schal war weg.
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Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Fluchtversuche
Karfunkel duschte lange und heiß. Doch so sehr er auch schrubbte –es gelang ihm nicht, seine
Zweifel und Fragen herunterzuwaschen. Und er mußte sich immer wieder selbst sagen, daß ihn
Lisa Motte nicht wirklich hintergangen hatte. Schließlich war alles nur ein Traum, oder? Selbst
unter der Dusche konnte er noch den infernalischen Schwefelgestank von Heyden riechen. Pfui
Spinne!. Was ihn am meisten irritierte, war die Erkenntnis, daß er seinen geliebten, parfümierten
Schal verloren hatte. War Mutti im Zimmer gewesen? Hatte sie vielleicht das wirkliche Video
gesehen? Hatte sie ihn gesehen, wie er hinter Lisa Motte im Gebüsch stand und ihr auf den Po
sah? Das konnte ja gleich heiter werden! Den Krach beim Frühstück würde er nicht ertragen.
Karfunkel zog sich warm an und ging hinunter. Seine Mutter beachtete ihn nicht. Eine kalte
Haferschleimsuppe mit dunkelpürierten Bananen stand auf seinem Platz und wartete, gegessen
und geübelt zu werden.
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Er setzte sich hin, nahm den Löffel und rührte um.
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Dann bemerkte er zwei alte Koffer, die neben seinem Stuhl standen.
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gewöhnen, Vollwaise zu sein. Mußt halt lernen, dir selbst einen Kakao zu machen. Oder such dir
ne Tussi, die du quälen kannst. Wenn dein Vater nur noch leben würde. Also such dir gefälligst
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in den Flur, zog sich seinen Lodenmantel über und verließ mit Tränen in den Augen das Haus.
Karfunkel hatte sich noch nie eine Wohnung suchen müssen. Er wußte gar nicht, wie so etwas
geht. Also fuhr er diesmal nicht schnurstracks in die Firma, sondern Richtung Stadtmitte, um
sich Anregungen zu holen. Er wunderte sich über den vielen Verkehr –und dann stand er auch
schon. Nichts rührte sich mehr. Er stand und stand und stand. Für Nordic Walking Night war es
eigentlich zu früh, obwohl er ein verräterisches Klack-Klack-Klack hörte. Doch dies wurde von
normalen Hausfrauen auf dem Weg zum Einkaufen erzeugt, riesige Rucksäcke umgebunden,
auf den Seiten griffbereit je eine Literflasche Mineralwasser oder Energydrink, um nicht einer
spontanen, heimtückischen Austrocknungsattacke im Supermarkt zum Opfer zu fallen. Und in
den freien Händen die Designer-Walkingstöcke von Zartier, Bucci oder Pogner. Klack-KlackKlack.
Jetzt fiel Karfunkel das Straßenschild am Stadtrand ein, das eine geänderte Verkehrsführung
ankündigte, dem er aber keine Beachtung geschenkt hatte. Viel mehr hatte er sinniert, ob dies
wohl die neue Rechtschreibung sei.
Schließlich schaltete Karfunkel Radio Alpstadt ein. Die Moderatoren diskutierten wie üblich das
Problem, daß man heute wieder einmal in die Arbeit müsse, aber daß das Wochenende
glücklicherweise in Kürze vor der Tür stehe.
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Anschließend bejammerten die Kinder
Stammheims minutenlang, was Karfunkel als
Ewigkeit empfand, alles, was ihnen
bejammernswert schien: das Mädel, das sie
verlassen hatte (wohl, weil sie das Jammern
nicht mehr ertrug), die alten Zeiten, das
Wetter... Sie hatten immer einen Grund.
Karfunkel wollte nicht wegschalten, weil er auf
die Alpstädter Verkehrshinweise wartete.
Endlich die Nachrichten. Der Sprecher
berichtete über neue Milliardenlöcher, die
überhaupt nicht beunruhigend waren, wie der
Chef des Vereinigten Banken-Kartells Johann
Acker-Scheffelmann stolz verkündete (Oh
Gott, der wollte ja die Tage vorbeikommen!).
Dann folgte ein Bericht über die gesunkenen
Arbeitslosenzahlen dank Veränderung der
Statistik, gefolgt von einem Kurzbeitrag über
die nur gefühlte Verteuerung. Das Übliche wie
immer neu aufgebrüht. Dann hörte man noch
einmal Acker-Scheffelmann der sich seltsam
lispelnd aufregte, daß die Regierungschefin
eine gestohlene Steuersünderkartei kaufen
wolle. Acker-Scheffelmann argumentierte,
daß sich der Rechtsstaat aus solchen Angelegenheiten heraushalten müsse! Wo kämen wir
denn hin, wenn Freiheiten überwacht würden. Gerade den Bankiers müsse die Freiheit der
Geldwanderung eingeräumt werden. Nach dem Wetterbericht über sintflutartiges Schneechaos,
Regenchaos, Starkschnee und kilometerhohe Regenwehen, gefolgt von Starksonne und
Orkanwind, sendete Radio Alpstadt einen Bericht über die bevorstehende Sicherheitskonferenz
im Alpstädter Hof. Obwohl die hohen Staatsbeamten erst in zehn Tagen erwartet wurden, waren
die Sicherheitsmaßnahmen für die Sicherheitskonferenz in vollem Umfang angelaufen.
Die Verkehrsnachrichten meldeten stehenden Verkehr in ganz Alpstadt.
Auf Heydens Befehl hatten die Stadträte ihre ausgefeilten Vorschläge eingereicht. Alle wurden
sie verwirklicht. Als erstes wurden die Kanaldeckel, die eigentlich noch vom Papstbesuch
versiegelt waren, erneut zugeschweißt. Eigentlich wurde alles zugeschweißt, was aus
eisenähnlichem Material war. Die Türen vom Stadtpark und den Friedhöfen (die Feuerwehr
mußte anschließend alle, die sich noch innen befunden hatten, mit Kränen herausholen), Gullys,
Kanaldeckel, Notausgangsschächte, ja, selbst die Kirchenglocken. Leider hatte ein Trupp
übereifriger Stadtarbeiter begonnen, Trambahnweichen zuzuschweißen, was zu erheblichen
Problemen führte. So fuhr beispielsweise die Tram 23 an diesem Tage fünf Stunden lang immer
rund um den Karolingerplatz, bis die Einsatzzentrale den Befehl zum Anhalten gab. Die
Fahrgäste hatten sich bereits restlos übergeben und torkelten anschließend noch geraume Zeit
im Kreis herum. Nur ein Beamter in der Straßenbahn hatte das Chaos verschlafen.
Die Stadt wurde für den Autoverkehr weitgehend abgeriegelt, nur die Busse und Straßenbahnen
durften fahren. Denn von Selbstmordattentaten mit Bussen und Straßenbahnen hatte noch nie
jemand gehört. Da heute jedes Auto in Alpstadt stand, kamen auch diese beiden Verkehrmittel
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ließ man vorerst die Autos wieder fahren und hob die Umgehungen vorerst wieder auf.
Langsam rollte der Verkehr wieder an. In der Nähe des Alpstädter Hofes fielen Karfunkel viele
Männer in schwarzen Anzügen auf, die alles beobachteten und Spiralkabel an den Ohren
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Karfunkel machte sich jetzt auf direktem Weg in die Firma. Genug Zeit vertan. Scheiß
Sicherheit. Und er machte sich so seine Gedanken. Um wessen Sicherheit geht es eigentlich bei
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den Konferenzen. Um die Sicherheit von uns Bürgern? Um das Staatsgebiet? Oder nur um die
Sicherheit der Deppen da oben? Daß WIR denen nichts tun? Er entschied sich für Letzteres und
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schließlich nicht, daß aus einer dunklen Limousine gegenüber ein Richtmikrofon auf ihn zeigte.
Die Kamera blieb ihm ebenso verborgen.
Ärgerlich bahnte er sich einen Weg zu seinem Parkplatz. Er hatte noch nie so viele
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auch im Stau. Die Trambahnen fahren ja nicht alle auf einen eigenen Weg. Seit Heyden den
Plan verfolgt, die U-Bahnen durch Trambahnen zu ersetzen, tauchen halt auch ein paar
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nicht zur Seite gehen wollten. Ihre Identität blieb ihm nicht verborgen. Knallenge Jeans und
hüfthohe Stiefel: das konnten nur seine Abteilungsleiterinnen Verkauf sein! Die gleichen blonden
Mähnen war nicht zu übersehen. Wir auf Befehl bückten sie sich gleichzeitig und boten ihm
einen Blick auf 14 Arschgeweihe. Ihm wurde übel wie sonst nur nach 2 Paar Weißwürsten im
Schlafrock. Dann entdeckte er die pinkfarbenen Spiralkabel an den rechten Ohren. War das
möglich?
Er parkte den Wagen, rannte nach oben und riß die Tür zu seinem Büro auf. Lisa Motte blickte
auf. Für einen Moment haßte Karfunkel ihren Anblick, dann fiel ihm ein, daß es nur ein böser
Traum war. Sie lächelte ihn an und stand auf. Er musterte sie in ihrem aprikotfarbenen Kostüm,
natürlich passende Schuhe, das obligatorische Seidentuch absolut harmonisch (wie viele
Tücher mag sie haben?), ihr reizendes Lächeln –und das aprikotfarbene Spiralkabel am
rechten Ohr.
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der Ecke bemerkt hatte. Er stierte Günther Müller an, seinen Personalleiter im hellblauen Anzug
mit braunen Schuhen, rot-blau gestreiften Tennissocken und grünem Spiralkabel im Ohr. Die
Yogi-Bär-Krawatte gab Karfunkel den Rest.
Lisa Motte errötete und schaute ver
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bemerken. Mein Verlobter sagt nie so etwas. Ach ja, der Herr Müller wollte sie unbedingt
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Karfunkel spürte eine gewaltige Verärgerung hochsteigen. Er hatte den Müller eigentlich noch
nie gemocht. Jetzt begann er, ihn widerlich zu finden. „
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meiner Agentur übergeben, oder? Da könnten Sie diese Informationen schon übermorgen
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Fassungs- und sprachlos saß Müller mit offenem Mund da und schüttelte langsam seinen Kopf.
In diesem Moment betrat Lisa Motte den Raum und legte, Karfunkel anlächelnd, drei
Listenpakte auf den Besprechungstisch.
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Karfunkel blätterte inzwischen scheinbar geistesabwesend durch die Listen.
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Praktikantin! Das mache ich doch wohl besser alleine. Wobei die Sache mit den Praktikantinnen
ja wohl auch ganz interessant sein kann. Aber ich rauche ja keine Zigarren. Schade!
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Seite 78
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Der gefährliche Unterton hätte eigentlich unüberhörbar gewesen sein müssen. Doch
offensichtlich nicht für Alle.
Im Hinausgehen nuschelte der frustrierte Personalleiter, der den Feinheiten des Lebens fremd
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daß er voll an den Türrahmen krachte. Benommen stand er für einen Moment da, torkelte dann
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Sie schloß die Tür hinter sich. Gerade, als er sich über die Listen hermachen wollte, bemerkte
er die leicht geöffnete Schreibtischschublade. Schon wieder eine Nachricht? Mit einem Ruck riß
er sie auf und fand zuoberst ein wieder schlampig abgerissenes DIN A4-Bl
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Seite 79
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Dann nahm er die Zeitung in die Hand und blätterte sie durch, bis er auf den Immobilienteil
stieß. Er las sich die Vermietungsangebote aufmerksam durch und blieb bei einer hängen.
Interessant geschnittene 4-ZimmerWohnung, großzügige 54 qm, Nähe
Alpstädter Gleichheit Nord, verkehrsgünstig, Gge., EBK renbed. geg,
Ablöse, interessierte Nachbarschaft.
Nur EUR 640 zzgl. NK., 3MM Kaution
+ 5 MM Prov.
Immobilien Nassauer 91076815
Sofort griff Karfunkel zum Hörer und wählte die angegebene Nummer. Immer belegt. Doch nach
dem 30. Versuch kam er durch.
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Arbeitsnachweis, Gehaltszettel der letzten 5 Monate, Impfzeugnis - alles mitbringen. Am besten
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nicht zu überhören. Außer von Liebig, der nicht bemerkte, wovon sie sprach. Sie ging schnell in
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Für einen Moment dachte Karfunkel daran zu gestehen. Aber das war wohl zu peinlich. Sollte er
seinem Kumpel sagen, daß sich der Pförtner jetzt weiterbildet? Er entschied sich dagegen. Die
juristische Orgie sollte wohl dem Delinquenten in Zukunft nicht mehr zur Verfügung stehen.
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Seite 81
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doch eh wurscht. Entweder du kommst mit deiner Meinung durch oder nicht. Paragraphen hin
oder her. Die Mädels studieren Theologie. Ich denke, die haben dadurch einen besseren Draht
nach oben. Außerdem nehm' ich die imnmer zu den Verhandlungen mit. Die schauen echt geil
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als angegeben, angeblich Haarausfall beim Shampoo, angeblich schlimme Pickel durch unsere
neue Hautcreme, reihenweise geplatzte Kondome wegen angeblicher Produktmängel,
Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor, der angeblich in Wirklichkeit bei Null lag. Das war
echt lustig. Der Zuschauerraum voller knallroter Leute. Unsere Einlegesohlen produzieren
angeblich Schweißfüße. Unsere Backformen geben angeblich Plastikweichmacher an den
Kuchen ab. Und unsere superscharfen Gemüsereiben brechen angeblich während der Arbeit
auseinander. War lustig, im Zuschauerraum lauter Leute mit verbundenen Händen zu sehen. Da
hat sich selbst der Richter köstlich amüsiert und Strichlisten für jeden verbundenen Finger
gemacht. Kam auf 96, ich auf 111. Naja, ich hab' die Leute mit den normalen Pflastern
mitgezählt. Und dann hinterher noch der Prozeß um die angeblich bakterienverseuchten Binden
und Pflaster von uns. Worüber sich die Leute auch immer aufregen! Das bißchen Wundbrand –
und die fangen sofort an zu zetern. Das Rechtswesen wäre viel schöner, wenn es die Menschen
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Recht! Freispruch, Basta, Amen. Nur die Presse schlachtet so etwas aus. Aber da sind wir auch
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klinisch getestet, und die Ergebnisse waren niederschmetternd! Aber Ergebnisse veröffentlichen
wir natürlich nicht. Wären wir auch schön blöd! In der heutigen Krise können wir es uns doch gar
nicht erlauben, teuer zu produzieren. Da müssen wir Auge mal Pi die Zutaten zusammenschütten. Du willst ja nicht nach China gehen. Der Herr Direktor will ja teure Leute bezahlen. Nur der
Jurist, der alles wieder ausbügeln muß, wird mit ein paar Euros abgespeist. Funki, ich sag's dir
heute zum letzten Mal: wenn ich nicht bald ein paar Tausender mehr im Monat bekomme, mach
ich mich mit meiner Mädeltruppe selbständig und fungiere als Anwalt für die Gegenseite. Die
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Den ganzen Tag bereitete sich Karfunkel vor. Er las alle Berichte der letzten Jahre, ließ sich von
seiner Sekretärin alle Umsatzzahlen, Zeitungsartikel und die wichtigsten internen Memos seiner
Abteilungsleiter geben. Er machte sich eifrig Notizen und schüttelte immer wieder den Kopf. Als
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Jetzt fiel Karfunkel erst auf, daß er seit Jahren von seiner Mutter mit Produkten des Discounters
Lidaldi versorgt wurde. Er dachte immer, daß es sich hier um umverpackte Karfunkel-Ware
handelte. So geizig sie war, hätte sie ja die eigenen Produkte kostenlos mitnehmen können.
Jetzt fiel es ihm wie Schuppen von den Haaren. Ihm wurde schwindlig. Wie konnte er sich so
einlullen lassen? Die Welle in seinem Kopf wurde immer größer. Wie eine Trantüte hatte er es
zugelassen, daß offenbar keiner mehr selbst arbeiten wollte und sich jeder selbst an seiner
Firma bereicherte. Es war alles schlimmer als er dachte. Aber morgen würde er Gewißheit
haben, obwohl er heute schon Schreckliches erfahren hatte.
Ihm war aufgefallen, daß sich die Namen der Abteilungsleiter wiederholten. Bei Müller war das
noch nicht so verwunderlich. Aber beispielsweise Kiekendorff? Fünf Mal? Auch als Doppelname
wie Kiekendorff-Lubowski, wobei Lubowski in einer benachbarten Abteilung ebenfalls wieder
vermehrt auftauchte. Diese explosionsartige Ausbreitung von Familiennamen fand kurz nach
der Einstellung der jeweiligen Leiter statt. Altgediente Mitarbeiter verschwanden kurzfristig, aber
zahlenmäßig nicht im gleichen Verhältnis. Bei weitem nicht! Und so ähnelte die Karfunkel & Cie
KG heute mehr einer aufgeplusterten Amsel bei 10 Grad unter Null. Die Mitarbeiterzahl stieg
proportional zum Sinken der Umsatzzahlen. Für jedes Prozent an verlorenem Umsatz wurde ein
Mitarbeiter gefeuert und zwei neue kamen. Neue Hierarchieebenen wurden eingezogen. Als
Karfunkel feststellte, daß die Poststelle jetzt einen Abteilungsleiter besaß, drei Projektleiter
(Paket/Brief/Drucksache) und jeweils zwei Hauptsachbearbeiter, die wiederum jeweils 3
Praktikantinnen beschäftigten (oder zumindest um sich hatten), röchelte er nach Luft. Die ganze
Arbeit würde früher von drei tüchtigen Mitarbeitern bewältigt, die sich heute nicht mehr in den
Listen fanden. Bei den ausländischen Namen sah es nicht anders aus.
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Was tun die denn alle noch? Selbst die Poststelle bediente sich externer Dienstleister,
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Karfunkel war verblüfft. Gesellschaft für Telefonstatistik? Der für tot erklärte Vater stellt Personal
ein? Fast kein Personal aus alten Zeiten mehr da? Stattdessen nur noch Praktikanten-Betreuer?
Telefonstatistik? Blubbern aus Schornsteinen? Gummitiere im Zoo? Was war hier los?
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oft. Manchmal denke ich, daß das Fluchtversuche sind. Ich glaube, der hat Angst vor der
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Interview-Marathon. Ich glaube, das Marketing wird die härteste Nuß. Ich sage nur Bobby Nero.
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am Abend. Terjung zappelt unruhig vor seinen Gesprächspartnern in einer Art Pseudo-Talkshow
und erklärt uns, daß alles so wahnsinnig toll, super und positiv ist. Allerdings ist sein Lächeln
mittlerweile so eingebrannt, daß selbst die Fernsehmaske die Falten nicht mehr zuspachteln
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Prunkgebäude benutzen darf, doziert er Mit Motivation zum Erfolg auch zum Schnäppchenpreis.
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Seite 84
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Lisa Motte ging in ihr Büro, packte ihre Sachen zusammen und öffnete die Tür. Beim
Hinausgehen drehte sie sichnochei
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es total verkocht war, ins Bett. Ihr Verlobter hatte leider offenbar wichtigere Angelegenheiten.
Karfunkel fuhr heim und aß ein verkochtes Drei-Gänge-Menü vor den Augen seiner
schweigenden Mutter: Omelette mit Speckragout, Schweinshaxe Hawaii mit viel Hawaii aus der
Dose, 6 Stück sehr streng schmeckende Nürnberger auf Kraut. Und zur Krönung noch seine
warme Banane im Teigmantel.
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Karfunkel ging auf sein Zimmer und wollte sich als erstes auf der Toilette übergeben. Von der
Fülle des Essens geschwächt, schaffte er es aber nur bis zum Bett, in das er sich fallen ließ. Im
Traum verfolgte ihn eine kleine, glatzköpfige, schrumplige Gestalt, die ihn immer wieder mit
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Südsee wieder, halbnackte weibliche Schönheiten mit wehenden Haaren um sich, Gold und
Schmuck über den ganzen Strand verteilt. Und er nahm sich einen tropischen Drink, der aber
seltsamerweise nicht kalt, sondern heiß und scharf war.
Als er morgens aufwachte, quälte ihn immer noch sein Sodbrennen.
Seite 85
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
www.karfunkels-rache.de
Analysen
Nach einem kurzen, aber heftigen Frühstück hatte Karfunkels Magen den Säuregrad vom
Vorabend wieder erreicht. Karfunkel quälte sich auf seinen Autositz und achtete darauf,
möglichst gerade zu sitzen. Auf der ganzen Fahrt in seine Firma sehnte er sich bereits nach
seinem Gebüsch auf dem Firmengelände. Oh Gott, das Video. Das muß ich mir heute abend
unbedingt reinziehen. Und Liebig muß ich sein Video wieder besorgen. Karfunkel war so in
Gedanken vertieft, daß er dem vorausfahrenden Kombi, der abrupt bremste, fast aufgefahren
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Wassabi-Fahrer! Kombi! Und dann noch hellblau-metallic! Spießer! Kannst du nicht fahren?
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Da ging die Tür auf, und der Fahrer stieg aus. Scheiße, jetzt hab ich's übertrieben. Karfunkel
verriegelte die Türen, schaute scheinbar nach unten, beobachtete den Mann jedoch aus den
Augenwinkeln. Der große blonde Mann kam näher und klopfte schließlich ans Fenster.
Karfunkel öffnete das Fenster für einen kleinen Spalt.
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Karfunkel begann, seine Wutattacke zu bereuen. Aber er hatte auch Angst, daß er ihm etwas
antun könnte.
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zu überfahren. Wollen Sie sich nicht schnell in mein Auto setzen und das für mich erledigen? Ich
setz' mich auch derweil in ihr Auto und hupe. Darf ich mich vorstellen? Schnauber mein Name,
Firma SchnauBau. Wir machen alles. Wenn Sie mal was brauchen? Mauerfutter vielleicht?
Kabel mit allen Querschnitten en gros und en detail? Der ganze Schotter! Aber leider keine
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Der Mann schaute ihm in die Augen, grinste, schüttelte seinen Kopf, drehte sich um und ging zu
seinem Wagen. Die Oma hatte inzwischen die Straßenmitte erreicht, und der Mann fuhr an ihr
vorbei. Immer noch knallrot im Gesicht gab auch Karfunkel Gas. Doch leider hatte er seine
Automatik auf Rückwärtsgang stehen. Er bremste. 2 Millimeter von der Stoßstange des
Fahrzeugs hinter ihm entfernt, kam er zum Stehen. Oh Gott, das fast auch noch! Er schaute in
den Rückspiegel und sah eine schwarze Limousine, in dem vier schwarzgekleidete Männer mit
Sonnenbrillen saßen, Spiralkabel in den Ohren, die gleichzeitig die Köpfe schüttelten. Karfunkel
gab Gas und fuhr die letzten Kilometer viel zu schnell in die Firma. Kurz vor seinem Tor blitzte
ein rotes Licht auf. Karfunkel bog ein, die schwarze Limousine hinter ihm parkte auf der
gegenüberliegenden Seite.
Karfunkel war heute sehr früh dran. Das ist die Gelegenheit. Xavi kommt frühestens in einer
Stunde! Karfunkel schlich sich in Liebigs Büro und stöberte durch die Cassettensammlung:
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Seite 86
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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war beeindruckt. Der ist ja eigentlich verdammt fleißig. Wie intensiv der sich fortbildet! Vielleicht
zahle ich einem so hochkarätigen Mann wirklich zu wenig! Karfunkel entschied sich für
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Hauptgebäude nach dem Rechten sehen? Ich glaube, da ist jemand im Hauptarchiv. Könnten
Sie das mal bitte überprüfen? Der muß doch hier vorbeigekommen sein, oder? Ich warte hier
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Mürrisch trabte der Pförtner nach draußen und Karfunkel schlich ins Pförtnerhäuschen. Sobald
Zerberus außer Sichtweite war, sprang Karfunkel in den Nebenraum, drückte die Auswurftaste
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Mehr sagte der Pförtner nicht, weil beide so irritiert waren vom Aufheulen eines Motors und
einem sich aggressiv nähernden Fahrgeräusches. Sie schauten beide nach rechts und blickten
entsetzt in die starren Augen des Fahrers eines Kleinlieferwagens mit allerlei Antennen am
Dach.
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Seite 87
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Auf dem Weg dahin erzählte Karfunkel den größten Blödsinn seines Lebens und zeigte dabei
immer nach oben, damit Liebig nicht die Spuren entdecken konnte. Liebig schloß auf und
Karfunkel rannte hastig hinein –mit den Füßen bewußt herumtrampelnd. Puh, geschafft! „
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Karfunkel hinterließ einen verdatterten Liebig, der heute früher gekommen war, um ein letztes
Mal nach seiner Cassette zu suchen. Er öffnete alle Etuis. Das war sie! Hab ich sie doch immer
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Karfunkel freute sich auf den Tag. AUFRÄUMEN! Er war voller Tatendrang. Und er freute sich
auch auf Lisa Motte. Die Eifersucht brannte zwar in ihm, aber sie waren wenigstens ein Team.
Das erste Mal in seinem Leben konnte er sich auf jemanden verlassen! Mit Xavi war das was
anderes. Sie waren zwar permanent zusammen, aber wirklich verlassen konnte er sich auf ihn
nie. Wenn sie auf Mitschüler trafen, die sie verhauen wollten, war Xavi sofort weg. Wenn sie in
der Schule etwas angestellt hatten und von der Lehrerin zur Rede gestellt wurden, zeigte Xavi
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Freudig riß Karfunkel die Tür zu seinem Vorzimmer auf undr
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sehen. Ihre mangelnde Wasch- und Deodorant-Neigung ließ sich nicht überriechen. Angewidert
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hing etwas, und Karfunkel hoffte, es möge nur ein Piercing-Stein sein.„
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-Müller hat mich hierher versetzt. War früher in der Disposition.
Wollte aber auch mal ein schönes Leben. Der Müller hat gesagt, daß die Tante fristlos
gekündigt hat. Wollte Hochzeitsreise nach Brasilien machen. Kommt nich mehr. Soll ich jetzt die
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denn je. Seine einige Stütze hatte ihn so schmählich verlassen. Ohne etwas zu sagen. Gemein!
Seite 88
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
www.karfunkels-rache.de
Wahrscheinlich war das doch kein Traum neulich. Wahrscheinlich sitzt sie gerade in einer
brasilianischen Finca und tanzt mit Heyden Bolero. Karfunkels Kopf schwirrte. Er war so
enttäuscht.
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Wortlos ging Karfunkel in sein Büro und machte entschlossen seine Schreibtischschublade auf.
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Carl Kemist lächelte gequält. Er haßte seinen Beruf, ganz besonders, wenn er ihn auch noch
verteidigen mußte. Seine Eltern hatten auf Anraten von Freunden ihren Sohn genötigt, seinem
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nach der fünften Runde Weinbrand mit Cola zum Running Gag des Abends - und für Carl fortan
blutiger Ernst. Das war auch das Einzige, woran sich die Partyteilnehmer erinnern konnten, als
sie am nächsten Tag beim Aufwachen in die Abendsonne blinzelten. Und so war auch seine
Laufbahn bereits mit 2 Jahren programmiert.
Für Carl Kemist war die Anstellung in den Karfunkel-Werken ein Glücksfall. Lange Zeit war er
der Assistent des alten Entwicklungsleiters und wurde ohnehin nicht an die Produktion gelassen
–geschweige denn in die Entwicklungslabors. Als sein Chef widerwillig mit 75 Jahren in Pension
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Jahre nichts. Kemist hütete sich davor, die Rezepturen zu ändern. Die Karfunkelcreme wurde
unverändert seit 70 Jahren zusammengerührt. Doch dann stieg der Druck auf Kemist.
Konkurrenzprodukte überschwemmten den Markt, aggressive Werbung sorgte für deren Erfolg.
Zudem starb die Generation der Karfunkelcreme-Nutzer allmählich aus, bis auf einen alten
Schauspieler, der noch mit 107 Jahren im Karfunkel-Werbespot mit wackelndem Gebiß in die
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Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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haben mir meine Eltern eine große Tube Furunkelcreme zur Konfirmation geschenkt. Jetzt sehe
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Die neue Generation wollte einfach etwas anderes. Die Konkurrenzfirmen verkauften
Begehrlichkeiten wie Moschusochsen-Deo, Stierhodenseife und -shampoo an die Jungen,
Parfüms mit Lockstoffen aus dem Aaronstab an die Mädels. Erstaunlicherweise ging die
Kopulationsrate zunächst dramatisch zurück. Glücklicherweise setzte die gnadenvolle
menschliche Funktion der Gewöhnung an Gerüche ein: die mutmaßlichen Aphrodisiaka wurden
olfaktorisch nicht mehr wahrgenommen, und das eine oder andere Baby wurde zur Freude der
Kanzlerin doch wieder geboren, um 20 Jahre später die Arbeitslosenstatistik zu erhöhen.
So blieb Kemist nichts anderes übrig, als doch Experimente mit allerlei Materialien anzustellen.
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stoppen, als Fotos von verstümmelten Fingern als Folge von geborstenem Plastik auftauchten.
Er hatte leider die Ursprungsformeln weggeschmissen. Zum Glück wollte die graublauen Relikte
aus besseren Zeiten ohnehin kaum noch jemand haben. Daher hatte Liebig auch nicht allzu viel
zu tun. In der Regel stritt er die bekannten Qualitätsprobleme ab und berief sich auf mangelnde
Sorgfalt und grob fahrlässige Fehlbedienung.
Als der Innovationsdruck zunahm, wurde Kemist experimentierfreudiger. Doch seine
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wenngleich abgehalfterter dunkelhäutiger Schlagersänger aus besseren Zeiten von der
Werbeabteilung eigens wieder aus der Versenkung geholt wurde. Mit dem jahrzehntegleichen
Jacketkronenlachen und weit aufgerissenen Augen tauchte Nero im Werbespot plötzlich
zwischen bleichen Menschen auf und schmetterte mit sonorer Stimme:
Nur der Bräuner von Karfunkel
macht dich sicher richtig dunkel.
An diesem Text hatten die Werbestrategen der Karfunkel-Werke 9 1/2 Wochen gearbeitet, ihn
zur Überprüfung an die renommierte Werbefirma Altfahn-Glanz geschickt und nach drei
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zurückerhalten –gedruckt auf absolut stylischem Papier. Der Lichtschutzfaktor 25 entpuppte
sich leider schnell als Fehler von Kemist. Er hatte die Formel falsch verstanden, und so wurden
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Doch zum Ruhm der Karfunkel-Werke trugen solche Schlagzeilen in der Presse nicht gerade
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auch mal. Dann kann man den aufgeblähten Teil wenigstens schon mal wegschneiden. Hat
mich drei Wochen gekostet, das ganze zu entfernen. Man will ja nicht so gerne mit einem
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beschloß, sicherheitshalber bis auf Weiteres in seinem Büro zu verharren.
Dann gaben sich die Abteilungsleiter die Klinke in die Hand. Der Pressechef berichtete von der
Agentur, an die er seine Arbeit delegierte. Daher könne er eigentlich wenig berichten. Der
Verwaltungschef stöhnte ihm sein Leid vor: die externe Buchhaltung sei so unzuverlässig, und
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Logistik verwies an die Subunternehmer, deren Subunternehmer manchmal unzuverlässige
Subunternehmer beschäftigten. Damit müsse man wohl leben. Karfunkel rauchte der Kopf.
Die Vertriebschefin ließ sich entschuldigen. Sie war tags zuvor mit ihrem Team zu einem 5t
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Dann kam das Marketing in Person. Ein Mann späteren Alters, permanent schwitzend mit
hochrotem Kopf in der Kleidung von ausgeflippten Teenagern. Aber stets in schwarz. Da es
diese Kleidungsstücke bei H&H nicht in Bauchgrößen gab, sah der Chef des Marketing stets
aus wie eine vergammelte Blutwurst. Die Haare alle streng nach hinten, am Nacken lang und
künstlich gelockt sowie tiefschwarz eingefettet.
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vierwöchigen Marathon mit der neuen ATWO-Methode gefunden. Sie wissen schon:
Assoziative Tiefschlaf Wahrnehmungs Offenbarung. Da muß man schlafen und wird
Seite 92
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
www.karfunkels-rache.de
geweckt und nach dem Namen gefragt. Das erste Wort, das rauskommt, wird notiert. Haben wir
am Stück auf Mallorca gemacht. Im 5-Sterne-Ritz. Hatten die große Suite und haben da eng auf
eng geschlafen. Bis auf den Trainer, denke ich.. Safespray, Kidsout, Spermshack und KidsOut
waren die heißesten Verfolger. Aber Poppsafe fx war genial, gell? Das spricht Sie auch an, gell?
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warmer Ohren, wenn ich den mal treffe. Niemand kriegt was von uns. Weder Meister noch
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mußt du vorher Poppsafe shoppen.
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Dir auch keine Krankheit blüht
kannst auch unbeschwerter poppen
tut er doch noch Kinder stoppen!
Und dann aus dem Off eine vertrauenswürdige Frauenstimme
Ja, Poppsafe fx -der Sprühschutz mit Platzschutz!
Und zum Schluß der absolute Hammer. Dann sieht man Bobby Nero, der in der Totale
zwinkernd in die Kamera spricht:
Seite 93
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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schon mal hier sind: wieso haben wir plötzlich ein anderes Logo? War doch früher ein
funkelnder Karfunkelstein, oder? .Plötzlich sehe ich auf unseren LKW-Planen nur noch Orangen
mit schemenhaften Frauenkörpern drin. Das Briefpapier, die Leuchtreklame und was weiß ich
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Seite 94
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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so weich! Und das ist die Botschaft. Ein schöner Frauenkörper. Und kennen Sie Orangen? Wie
süß und frisch die doch riechen und schmecken. Deshalb unsere Kampagne, die wir gestern
gestartet haben. Ab heute in allen Medien und überall. Der Slogan:
Die neue Karfunkelcreme. Für eine schöne Orangenhaut!
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Als sein Marketing-Leiter gegangen war, griff Karfunkel, am ganzen Körper zitternd, zum
Telefon.
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kann ich Kündigungen für die ganzen alten Schnepfen aus dem Drucker schicken. Endlich
machen wir jetzt mal Nägel mit Knöpfen. Ich habe hier Bewerberinnen in der Warteschlange, die
ich unterbringen muß. Keine Sorge, die Jobs sind sofort wieder doppelt und dreifach besetzt,
Chef. Alles attraktive junge Damen. Und die zeigen sich sehr dankbar
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hingeredet, bis ich OK gesagt habe. Herr Direktor, irgendwann muß jeder mal ein Opfer bringen.
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Müllers Kopf glühte. Müller rang nach Luft, setzte mehrfach an zu sprechen, brach immer wieder
ab, schüttelte den Kopf, der inzwischen die Farbe einer überreifen Erdbeere angenommen
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Seite 95
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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Die nächsten Tage verbrachte Karfunkel im Archiv oder nahm sich bergeweise Akten mit und
schloß sich in seinem Büro ein. Es gab keine Termine, und unangemeldete Besucher mußten
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Abends fuhr Karfunkel leise nach Hause, ließ seinen Wagen vor dem Tor stehen und schlich
sich ins Haus. Unterwegs hatte er an seiner neuen Lieblingstankstelle angehalten und
Verpflegung für den Abend eingekauft. Zwei Kakaoflaschen, deren Schraubverschluß nicht ganz
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trendigen Semmeln und die Spezialkuvee Kakao nicht viel aus. Und er sank jeweils in einen
tiefen, traumlosen Schlaf, in dem ihn sogar seine Nachtmahre nicht erreichen konnten.
Dann war endlich Freitag.
Seite 96
Karfunkels_Rache.doc ©2009/2010 Ralf Wagner
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