Die Avantgarde und ihre Forderung der Verschränkung von Kunst

Die Avantgarde und ihre Forderung
der Verschränkung von Kunst und Leben
oder auch
Die Realisierung der Kunst
Jennifer Bennett 2012
Ich fange an mit philosophischer Fiktion und der Behauptung, dass künstlerische Tätigkeit den
individuellen und gesellschaftlichen Handlungsspielraum erweitert, bzw. diesen sogar zu setzen
vermag.
Dazu ein kleiner Exkurs zu Überlegungen über Subjektivität und Selbstbewusstsein. Den Gedanken
an das Selbstbewusstsein, welches sich seiner selbst bewusst wird, finde ich bei Hegel, den
Gedanken, des menschlichen Geistes, als die Vollendung der Natur bei Schelling. Von solcher
Vollendung kann Schelling sprechen,- da dieser Geist die Natur erstmalig reflektieren und so
hervorbingen kann und ihr als etwas Benennbarem, erst zur Wirklichkeit verhilft. Dazu muss ich
anmerken, dass sich in mir die folgenden Gedanken durch Lektüre hervor gebracht haben, diese
Lektüre kann in Beispielen Jahre zurück liegen und hat sich mit meinem eigenen Denken verwoben,
so dass ich in einigen Fällen leider auf Literaturhinweise verzichten muss. Die Bücher besitze ich
nicht, sie sind mir in verschiedenen Kontexten zu gekommen, sei dies aus Bibliotheken,
öffentlichen und solchen von Freunden, Bekannten oder in Ferienhäusern, sei dies in Auslagen oder
bei Vorträgen. Manchmal schlägt man ein Buch auf und findet auf den ersten Blick einen oder
mehrere Sätze, welche genügen um sein eigenes Denken sofort anzuregen.
Vorträge überhaupt, welche Ahnungen wecken, die im eigenen Denken aus zu arbeiten sind. Dies
setzt eine Form von Selbstbewusstsein voraus und die Erkenntnis und das Vertrauen auf die eigene
Denkfähigkeit. Dies ist antiwissenschaftlich, es lässt sich nicht beweisen. Mir wird es hier also nicht
darum gehen, Theorien zusammen zu fassen und zu erklären, sondern meine eigenen
Gedankengänge zur Idee der Avantgarde und deren Potential zu Veränderung der bestehenden
Verhältnisse zu formulieren. Dann möchte ich lieber von Fiktion als von Utopie sprechen, da mir
scheint, der Welt des Science Fiction näher gekommen zu sein, als der der Utopie, also hat die
Fiktion vielleicht das grössere Verwirklichungspotential. Der Begriff Utopie bedeutet ja auch der
Nichtort, die Fiktion bedeutet etwas Erdichtetes, Vorstellbares, auch abgeleitet von fingere;
gestalten, formen.
In einem vor Kurzem gehaltenen Vortrag von Markus Steinweg erläuterte er unter dem Titel "Das
Subjekt in der Wüste" das Verschwinden der Subjektivität, verknüpft mit dem Tod Gottes, von
Nietzsche abgeleitet. Er beschrieb uns Heutige als fliegende Architekturen über dem bodenlosen
Grund, der Grund wäre zuvor gewesen, die Subjektivität, gesetzt durch eine Höhere, von allen
anerkannte Ordnung. Diese Ordnung ist zum Einsturz gebracht, durch die in unserer Zeit ziemlich
umfassende Gewissheit des Fehlens einer übergeordneten Instanz. So gibt es also in Steinwegs
Denken nur noch ein Subjekt ohne Subjektivität.
Meine Gedanken dazu sind einfach und nachvollziehbar und betreffen eben diese philosophische
Fiktion des Subjekts in der Zukunft, wenn diese Erkenntnis des Verlusts erstmal verarbeitet ist und
daraus neue Möglichkeiten erkannt werden. Gerade befinden wir uns, zwar erstaunlich, aber wie es
scheint, noch immer in der Trauerphase über diesen Verlust. Es ist kein Übergeordnetes da, das all
unsere Taten sieht und bewertet und also auch nichts, dem wir beweisen dürften, ein "guter"
Mensch zu sein. Wenn wir traurig und allein sind, gibt es nichts von Oben, was uns allein über die
Vorstellung, es wäre da und würde uns ebenfalls wahrnehmen, Trost verspricht. Wir sind allein.
Wird dieses Allein-sein aber als positive Ursache unserer Selbstbestimmung erkannt, können wir
uns selber entscheiden, wie wir unser Selbst bestimmen, welchen Grund wir selber setzen. Das die
Welt erst hervorbringende Selbstbewusstsein wird sich als solches selbst bewusst, erkennt sich als
Setzendes. Ich würde also nicht behaupten, die Subjektivität, als Orientierung gebende Grundlage
eines Ichs, wäre auf Nimmerwiedersehen verschwunden, sondern es besteht so überhaupt erst die
Möglichkeit, sie in vollständiger Freiheit selbst zu schaffen. Ein Subjekt welches sich seinen Grund
selber zu geben vermag, ist also ein schöpferisches und kreatives und wird sich so seines
Handlungsspielraums erst bewusst. Diese Erkenntnis könnte auch Selbsterziehung zur Freiheit
bedeuten, was allerdings weniger einfach ist, als es klingt, denn die subjektive Freiheit ist ein
Paradoxon, welches dann erkannt ist, wenn die selbstauferlegten Regeln, durch die eigene Freiheit
konstant kompromittiert werden müssen. Widersprüchlichkeit ist nun einmal eine Grundlage
menschlichen Daseins; Leben gibt es nur in Verbindung mit demTod, welcher eben nicht erlebt
werden kann.
Man könnte nun aber zu bedenken geben, dass dies zu sofortigem Rückfall in barbarische Zeiten
führte, was als Befürchtung nicht ganz unberechtigt ist, würde dabei aber vergessen, was für eine
Geschichtlichkeit und kulturelle Erziehung hinter uns als Menschheit liegt. Will sagen, es gibt kein
Zurück hinter etwas einmal Erkanntes, auch können diese Einsichten nicht negiert, sondern nur
verändert, respektive erweitert werden. Die Fiktion wären also Subjekte, welche sich ihren Grund
selber setzen und diesen selbstbewusst leben, im Bewusstsein, dass jeder Andere dasselbe tut und
darin unangreifbar ist, denn würde ich den Anderen darin angreifen, wäre gleichzeitig meine eigene
Souveränität der Setzung in Frage gestellt. Der Andere nimmt mir dadurch nichts weg, und ich ihm
auch nicht, der Andere verdient in seiner Souveränität der Setzung seiner Subjektivität meinen
vollständigen Respekt, wie ich seinen. Das ist wichtig, wenn ich mir meiner selbst als Setzendes
bewusst bin, muss ich wissen, dass jeder andere dies genauso ist und so, mit mir verbunden. Er
nimmt mir nichts weg, da seine Setzungen mir Aspekte des Anderen eröffnen können, welche
wiederum meine eigenen Vorstellungen erweitern oder in Abgrenzung an seine, überprüfbar
machen.
Nun kommen wir zum Problem der Avantgarde und damit verknüpften Utopie, welche eben diesem
Anderen sehr wohl auch eine gewisse Berechtigung abspricht, behauptet; die Verhältnisse bessern
zu können, mit dem Wunsch verbunden, zu einem idealen Endpunkt zu gelangen. Es ist allgemein
bekannt, dass Avantgardistische Bewegungen oftmals auch nicht weit weg von totalitären
Vorstellungen sind. Als Paradebeispiel seien hier die Fututristen genannt, wobei unklar bleibt, wer
ihre Ideen in die Richtung von Kriegsverherrlichender Propaganda gewendet hat, aber es lassen sich
überhaupt viele der Ideen von Veränderungswünschen totalitär vereinnahmen, da erst mit dem
Willen zu Veränderung gesagt wird, es ist da etwas, das anders sein soll und auch behauptet wird, es
gäbe so etwas wie ein für alle gültiges Ideal. Die Demokratie könnte ein Versuch sein, dieses
Denken zu überwinden. Partizipatorische Demokratie könnte bedeuten, die Andersheit, die
Verschiedenheit zu verhandeln und zu akzeptieren. In meinen Augen wird das Mehrheitsprinzip in
der Demokratie überbewertet und dabei vergessen, dass es um eine Verhandlung und auch Empathie
für die verschiedenen simultan existierenden Mehrheiten geht. Es sollte vermehrt beachtet werden,
dass diese differenten Mehrheiten nur in sehr offen gehaltenen Strukturen friedlich und konstruktiv
nebeneinander existieren können. Dabei fällt mir de Sade ein, der bemerkte, in einem idealen Staat
sollte es genau nur ein Gesetz geben und zwar dies, dass jeder machen dürfen soll, was seinem je
eigenen Wollen entspricht, wozu auch Mord und Verbrechen gehören. Nun gut. Gehen wir davon zu
Schiller und seiner ästhetischen Erziehung, welche in dieser das Potential der Bildung von einer
tatsächlich verstandenen bzw. über diese Erziehung empfundenen Moral sieht, wären Mord und
Verbrechen sozusagen aus dem Individuum verbannt, da es intuitiv über sein Moralempfinden
davon abgeschreckt wäre. Dazu später mehr, da ich in Schillers ästhetischer Erziehung ein
ausgeprägtes Bewusstsein für das Potential der Realisierung der Kunst sehe. Schiller sagt, im
Kunstwerk würde die Wahrheit gerettet über die Zeiten. In der Kunst, wie wir sie heute
hauptsächlich und auch zu seiner Zeit kennen, geschieht das im Material. Dieses verpackt die
Wahrheit, bringt sie zur Anschauung und ist archivierbar/haltbar. Heute haben wir es aber auch
zunehmend mit vielerlei unhaltbarer, ephemerer Kunst zu tun, welche uns hilflos vor die Probleme
der Archivierbarkeit und Restauration stellt. Hilflos insofern, als das wir, ohne es verhindern zu
können, mit dem Verfall des Materials konfrontiert sind, was wiederum im Widerspruch zu den
Aufgaben des Museums und der Archivierbarkeit steht. Neue Materialien, welche die alten,
haltbaren Medien, wie Ölfarbe oder Marmor ergänzen oder Kunstformen wie Performance, welche
auch von den Avantgarden in die Kunst eingeführt wurden, sind nicht im gleichen Masse über die
Zeit und ihre Transformationsprozesse zu retten. Es ist nun nicht so, dass die Vergänglichkeit nicht
bereits in der Kunst thematisiert worden wäre, vielmehr sind gerade Vanitas Symbole beliebtes
Motiv der klassischen Kunst, trotzdem wird der Vergänglichkeit ihre Abbildung entgegengesetzt,
die als Solche nicht vergänglich sein soll. Das nun Formen in die Kunst eingeführt sind, welche sich
der Vergänglichkeit ebenso preisgeben, ist womöglich ein Hinweis auf ein tiefer gehendes
Verständnis der konstanten Transformation von Material und auch Bedeutung. Dieses neue
Verständnis einer Wahrheit welche über die Zeit gerettet werden könnte, wie Schiller es formuliert,
ist also nicht materiell manifestierbar, da dies ja genau im Widerspruch zu dieser Wahrheit stünde,
wo also Form und Inhalt auseinander drifteten, sondern hat etwas mit Denkprozessen und
Bewusstsein zu tun. Das könnte eine neue Wahrheit für die Kunst sein, welche sie zu formulieren
hat und die Künstler schauen müssen, welche Formen diese Wahrheit über die Zeiten mitnehmen
könnte, wo ich dann wieder zum Subjekt und der von ihm kreierend gesetzten Subjektivität komme,
welches als Träger dieser Wahrheit vorstellbar wäre. Also wieder zur Fiktion einer Kunst, welche
sich im Subjekt formuliert und entäussert, welche nicht das Material beseelt, formt, bedeutsam und
gleichwohl zweckfrei macht, sondern den Menschen und mit ihm die Gesellschaft.
Programm der meisten Avantgarden war die Verknüpfung von Kunst und Leben. Dabei frage ich
mich, an wessen Leben sie dabei dachten. An ihr eigenes oder an das von den anderen ebenso, denn
seit Duchamp wissen wir, kein Kunstwerk ist fertig ohne Betrachter. Wenn also nun aber der
Betrachter diese Verbindung nur ansieht und selber nicht voll-führt, wie für das Kunstwerk der
Verbindung von Kunst und Leben notwendig, kann er dieses nie ganz fertig stellen, solange er nicht
versteht, dass er kein getrenntes vom Kunstwerk ist. Die Formulierung der Avantgarde kann sich
immer nur in ihr selber erfüllen und nie auf den Betrachter überspringen, bzw. nie tatsächlich
vollendet werden oder wir betrachten die Avantgardekünstler als alleinige wirkliche Betrachter ihrer
Kunst.
Wie kam es aber dazu, dass die Betrachter seit dem Aufkommen dieser Forderung ungefähr
zeitgleich mit dem Beginn der Moderne, davon abgehalten wurden, diese Kunst tatsächlich durch
ihre in Aktivität gewandelte Rezeption zu vollenden? Hat es zu tun mit den alten romantisierten
Künstler und Genie Begriffen und damit, dass sich keiner vorstellen kann, wie das aussieht, wenn
die Künstler sich ihres eigenen Vorrechts von künstlerischem Talent und Könnerschaft bewusst
entziehen, indem sie die Fähigkeit zur Kunst jedem anderen auch zu sprechen? Das kann ich auch,
sagen die Museumsbesucher und sie haben recht, der Unterschied ist nur, sie machen es nicht. Trotz
Duchamp sind die Kunstwerke der Avantgarden also nie durch den Betrachter vollendet worden,
sondern warten immer noch darauf. Auch in den 1970ern oder 1950ern war die Forderung nach der
Verbindung von Kunst und Leben laut und doch wurde sie immer zurück gestuft in den White Cube
und das archivierbare Material. Und das nicht nur von Galeristen und Systemen, deren ganzer
Kreislauf des Existierens auf der Verkäuflichkeit von Kunst basiert, sondern ebenso von den
Künstlern selber. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, Paradebeispiel Guy Debord, haben auch die
Künstler wacker weiter in Material produziert, dieses in Kunstkontexten ausgestellt und entweder
bei sich gelagert oder in den Käuferkreislauf gebracht. Natürlich gibt es bestimmt zahlreiche
Beispiele von Künstlern, welche diesen Weg nicht gewählt haben, welche an der Verbindung von
Kunst und Leben immateriell arbeiten oder gearbeitet haben, nur ist es schwierig, von denen etwas
zu wissen, da sie eben dadurch auch nicht archivierbar und dadurch schwer vermittelbar sind.
Exemplarisch möchte ich auf den Dadaismus eingehen und wie da die Forderung der Kunst als
Lebenspraxis an den bürgerlichen, sich selber nicht als Künstler bezeichnenden Betrachter heran
getragen wurde. Die Textquellen stammen hauptsächlich aus dem Netz und werden von mir der
Einfachheit halber überwiegend nicht genauer angegeben.
Die Gründung des Dadaismus wird allgemein mit der Gründung des Cabaret Voltaire in Zürich
durch Hugo Ball in Verbindung gebracht. Dieser lud 1916 die junge Künstlerschaft Zürichs durch
eine Pressenotiz ein "sich ohne Rücksicht auf eine besondere Kunstrichtung mit Vorschlägen und
Beitragen an den Programmen der von ihm gegründeten "Künstlerkneipe Voltaire" zu beteiligen".
(aus Reinhard Döhl "Dadaismus", http://www.reinhard-doehl.de/dada.htm). Mit der Gründung einer
eigenen Kneipe, wird eine Unabhängigkeit der bestehenden Einrichtungen bewiesen, wie sie bis
heute in der, auf der ganzen Welt verteilten "Off-Raum" Kultur weiter besteht. Ball dachte für sein
Cabaret an Künstler aller Stilrichtungen, der Name Dada entstand angeblich beim zufälligen
Blättern durch ein deutsch-französisches Wörterbuch: Dada, der erste verbale Ausdruck eines
Kleinkindes und französische Bezeichnung für ein Holzpferdchen, sollte einen Neubeginn
ausdrücken, die Einfachheit darstellen und den Anfang aller Kunst symbolisieren. Diese Forderung
nach Neuanfang findet sich auch ca. dreissig Jahre später wieder bei der Neoavantgardistischen
Bewegung der Künstlergruppe "Zero".
Nietzsche war eine wichtige Figur für den Dadaismus, wobei nicht so sehr der Gedanke der
Erhöhung des Menschen im Mittelpunkt stand, vielmehr wurden seine Reflexionen über Vernunft
und Unvernunft thematisiert, der Nihilismus wurde zum Instrument dadaistischer Strömungen und
die Balance zwischen Widersprüchen gesucht. (aus Gesellschaftliche, kommunikative und
ästhetische Faktoren der Kunstrichtung des Dadaismus: Systemtheoretische Betrachtungen,
Christopher Klein, Studienarbeit, 2007)
Obwohl das Cabaret Voltaire nur sechs Monate bestand, breitete sich die dadaistische Idee schnell
international aus, was ein prägnantes Kennzeichen der meisten Avantgardistischen
Kunstströmungen ist, die ideelle Verbindung über Landesgrenzen hinweg. Gleichzeitig verweist es
auf die Situation der dadaistischen Künstler von denen sich einige im Exil befanden. Die Dadaisten,
waren nicht so sehr durch einen Gruppenstil, sondern durch ihre künstlerisch-politische Haltung
und durch das gemeinsame Exil zusammengebracht. Häufig unterschieden sich ihre individuellen
Herangehensweisen sogar sehr stark voneinander, was Herbert Braun in seiner Magisterarbeit mit
der Gegenüberstellung von Hugo Ball und Kurt Schwitterst deutlich macht
(http://woerter.de/hb/texte/ball-schwitters.html). Gegen Ende des Ersten Weltkriegs entstanden in
Frankreich, Deutschland und den Vereinigten Staaten Dada-Galerien, wurden Dada-Zeitschriften
gegründet und Dada-Manifeste geschrieben, es entwickelte sich eine internationale künstlerische
Bewegung, die als Protest gegen die Verheerungen des Weltkriegs, die Institutionalisierung der
Kultur, die Zweckgebundenheit der Kunst und die Perfektion der Technik eine Hinwendung zum
scheinbar Sinnlosen forderte. Zufall und Spontaneität wurden zum Gesetz dieser, gegen bürgerlichkonformistische Kunstideale rebellierenden Künstler. Arp nannte mit Hinweis auf die
Schlächtereien des Weltkrieges das Ziel, die verlogenen und scheinheiligen Werte und Ideale der
bürgerlichen Gesellschaft zu enttarnen und zu zerstören. Dada ist der Ekel vor der albernen
verstandesmässigen Erklärung der Welt, so Arp. Ebenso sagten die Dadaisten den etablierten
Kunstformen den Kampf an. Durch eine ironische Synthese von Primitivem, Banalem und
moderner Technik versuchten sie die Sinnlosigkeit von Logik, Intellekt und bürgerlicher Kultur zu
verdeutlichen. Lärmmusik, Simultanvorträge, Zufallsgedichte, Photomontagen und Collagen aus
Zeitungsausschnitten, Photos und Alltagsgegenständen gehörten zu ihren Ausdrucksmitteln. DADA
ist die schöpferische Aktion in sich selbst. Dada zerstörte die getrennten Ausdrucksweisen der
Künste und führte verschiedene künstlerische Disziplinen zusammen, die z. T. anarchisch
miteinander verbunden wurden: Tanz, Literatur, Musik, Kabarett, Rezitation und verschiedene
Gebiete der Bildenden Kunst wie beispielsweise Bild, Bühnenbild, Grafik, Collage, Fotomontage.
Auch das macht Dada vergleichbar mit anderen Avantgarden, wie beispielsweise dem russischen
Konstruktivismus, wo Malevitsch um 1921 forderte: "... Für das Leben arbeiten und nicht für
Paläste und Tempel, nicht für Friedhöfe und Museen! Arbeiten unter allen, für alle und mit allen.
Es gibt nichts Ewiges, es ist alles vergänglich. Bewusstsein, Erfahrung, Ziel, Mathematik, Technik,
Industrie und Konstruktion- das steht hoch über allem. Es lebe die konstruktive Technik, es lebe die
konstruktive Haltung bei jeder Tätigkeit, es lebe der Konstruktivismus!" (Kat.
Rodtschenko/Stepanowa, Duisburg/Baden-Baden, 1982/83, S. 96)
Dada muss ebenso, als radikale Entfesselung der Künste und ihrer Möglichkeiten gesehen werden,
die Gesellschaft zu verändern und eine neue Ordnung zu schaffen. Als der Dadaismus sich zu
festigen begann, riefen die Dadaisten dazu auf, diese Ordnung wieder zu vernichten.
" Mit der konsequenten Weiterführung und Radikalisierung setzte nun die dritte Phase in der
Entwicklung des Dadaismus ein. Dazu war das inzwischen vorhandene und stark ausgeprägte
Selbstverständnis als eigenständiger künstlerischer Gemeinschaft ebenso Voraussetzung wie eine
wenigstens ungefähr gemeinsame Vorstellung dessen, was man nun eigentlich wollte und mit der
eigenen Produktion bezweckte. Es ist bezeichnend, daß die bisher bekannt gewordenen
Tagebuchaufzeichnungen, Briefe und ähnliches eine immer stärkere Tendenz zur kollektiven
Argumentation [= Wir] zeigen, ohne dabei auf gegenseitige Abgrenzung zu verzichten.
Entsprechend charakterisiert auch Huelsenbeck: Die Größe Arps bestand in seiner Beschränkung
auf die Kunst. Was er dachte und wollte, die Gefühle, die ihn bewegten, die Träume, die ihn
schüttelten - alles das hatte bei ihm nur einen Sinn, den der Kunst. Arp war und blieb der Künstler
per se. Infolgedessen wurde er der größte Kunstler im Dadakreise. Gerade weil er weder links noch
rechts sah, wollte er die Kunst ändern, mehr als alles andere, und nur durch die Kunst, so glaubte
er, könne sich auch das menschliche Leben ändern.
Der Affront gegen das Bürgertum und eine ihm als zugehörig verstandene Literatur mußte bald
jegliche Kunstideale negieren, jegliche bisher gültigen ästhetischen Wertmaßstäbe und Spielregeln
der Kunst für ungültig erklären." (aus Reinhard Döhl "Dadaismus", http://www.reinharddoehl.de/dada.htm). Auch das ist ein wichtiges Merkmal, welches den Avantgarden zugesprochen
wird, nämlich der Bruch mit allem Bisherigen, weswegen heute gemeinhin von einer
Unmöglichkeit einer neuerlichen Avantgarde ausgegangen wird, da wir uns im Status des legitimen
Nebeneinander von allen Stilen und Richtungen befinden. Für die Dadaisten damals bedeutete das
"aber auch, daß man - wollte man über die pure Provokation, die überraschende Konfrontation,
das Täuschen der Erwartung, über die Parodie hinaus - neue Wege finden musste, indem man zum
Beispiel vorhandene zeitgenössische Tendenzen, aber auch Techniken auf andere Kunstarten
übertrug, verschärfte, aber auch umfunktionierte. Ball spricht in diesem Zusammenhang von dem
emphatischen Schwung unseres Zirkels, von dessen Teilnehmern einer den andern stets durch
Verschärfung der Forderungen und der Akzente zu überbieten suchte. Die Gespaltenheit der
Interessen wurde in den sich jetzt überall in Europa bildenden dadaistischen Gruppierungen
schnell sichtbar. Jedes dieser neuen "Dada-Zentren" zeigte ein spezifisches Gesicht, das es von den
anderen unterschied. War, um es wenigstens an der Oberfläche zu skizzieren, der Kölner
Dadaismus (1919/1920) - abzulesen etwa an Max Ernsts "Biographischen Notizen
(Wahrheitsgewebe und Lügengewebe)" (1963) - vor allem eine Angelegenheit der bildenden Kunst,
so wurde der Pariser Dadaismus (1919-1922) wesentlich eine Sache der Literaten. Und während
Schwitters in Hannover (seit 1919) aus den künstlerischen Intentionen des Züricher Dadaismus und
den Theorien des "Sturm" eine Art Privatdadaismus entwickelte, dem er - auch um ihn von anderen
dadaistischen Strömungen zu unterscheiden - mit "Merz" bald einen eigenen Namen und unter
diesem Namen seit 1923 eine eigene Zeitschrift gab, praktizierte Huelsenbeck in Berlin (19181920) zusammen mit John Heartfield, Wieland Herzfelde, George Grosz, Raoul Hausmann, Hannah
Höch, Walter Mehring und dem "Oberdada" Baader eine zwischen anarchistischer und
kommunistischer Argumentation pendelnde Spielart, in der, wie die zwölf Veranstaltungen des
"Club Dada", die von Hausmann herausgegebene Zeitschrift "Der Dada" und die am 5. Juni 1920
eröffnete "Internationale Dada-Messe" deutlich machen, die rein künstlerische Betätigung eine nur
sekundäre Rolle spielte." (aus Reinhard Döhl "Dadaismus", http://www.reinharddoehl.de/dada.htm).
Kurt Schwitters, der zum Berliner Dadaismus nicht zugelassen wurde, jedoch zentrale Figur des
Hannover-Dada war, prägte, wie erwähnt, einen eigenen Begriff für seine Kunst, "Merz".
"Merz ist für Schwitters eine Weltanschauung, die im wesentlichen für Toleranz und Freiheit (im
Gegensatz zu Willkür) plädiert. Der Abschnitt über Schwitters' Dichtkunst ist charakteristisch:
Elemente der Dichtkunst sind Buchstaben, Silben, Worte, Sätze. Durch Werten der
Elemente gegeneinander entsteht die Poesie. Der Sinn ist nur wesentlich, wenn er auch
als Faktor gewertet wird. Ich werte Sinn gegen Unsinn. Den Unsinn bevorzuge ich,
aber das ist eine rein persönliche Angelegenheit. Mir tut der Unsinn leid, daß er bislang
so selten künstlerisch geformt wurde, deshalb liebe ich den Unsinn. (DLW 5/77)
In 24 Stunden lernte ganz Holland das Wort dada. Jeder kann es jetzt, jeder weiß eine
Nuance des Wortes, wie er es blöde schreien kann, so blöde wie möglich. Das ist ein
enormer Erfolg. Der sonst so würdig scheinende Kulturmensch erkennt plötzlich, wie
blöde er sein kann, und wie blöde er also im Grunde seiner Seele ist. Das ist ein
enormer Erfolg. (DLW 5/131)
Die bewußte Provokation offenbart sich im Verständnis Schwitters' als aufklärende Tätigkeit über
die enorme Stillosigkeit in unserer Kultur (DLW 5/132), die ihn sogar von Dada als dem sittlichen
Ernst unserer Zeit sprechen läßt283. Hier setzt nun der neue Stil ein – ein Stil, der sich von seinen
dadaistischen Beigaben gelöst hat und das Chaos durch strengste Ordnung zu überwinden sucht.
Der Künstler der Zeit hat ein dadaistisches und ein konstruktivistisches Gesicht284. Er ist Dadaist,
weil er das Kind einer dadaistischen, wirren, unsinnigen Zeit ist, und er ist Dadaist, weil er sich
einer dadaistischen Kunstäußerung bedient, um das Publikum durch extreme Stillosigkeit
anzugreifen, es zu Dadaisten zu machen. Diese bewußte Barbarisierung dient dazu, den Rezipienten
den Unwert der eigenen Kultur nicht nur zu zeigen, sondern auch fühlen zu lassen. Erst nach dieser
kathartischen Behandlung erwacht im Rezipienten die Sehnsucht nach dem neuen Stil, der die
Kunst wieder bei null anfangen läßt, bei den einfachsten Elementen – also z.B. den Grundfarben
gelb, rot, blau, als Kontraste schwarz und weiß, als Formen nur sich in Rechtecke schneidende
vertikale und horizontale Linien" (Herbert Braun, http://woerter.de/hb/texte/ball-schwitters.html).
Der Betrachter wurde also im Dadaismus hauptsächlich provoziert, manchmal beschimpft und
durch diese Provokation auf sich selber zurück geworfen. Rein rezeptionsästhetische Momente,
rückten im Dadaismus verstärkt in den Fokus der Kunstproduktion. Der Betrachter konnte nicht
mehr auf gängige Kunstschemata zurück greifen, über die Beobachtung des Betrachters und die
Spiegelung dieser Beobachtung, wurde der Betrachter gezwungen sich selbst und seine Reaktion zu
beobachten. Im Laufe der Zeit ist jedoch passiert, was die Dadaisten wahrscheinlich selber am
wenigsten wollten, ihre Werke hängen im Museum und zählen zum Etablierten. Ihre Rezeption
erfolgt, im Kontext des an der musealen Kunstrezeption geschulten Blicks. In den zwanziger Jahren
kam es zunehmend zu Streitigkeiten zwischen verschiedenen Dada Protagonisten, eine gemeinsame
Gangart konnte immer weniger gefunden werden und führte schliesslich zur Auflösung von Dada
bzw. seiner Zersplitterung in verschieden andere Kunstrichtungen. Ich würde allerdings behaupten,
dass die Ideen von Dada, wie beispielsweise die Produktion von Unsinn, nach wie vor lebendig sind
und sich verschiedene Dada-Ausdrucksformen in vielen, vor allem medialen Bereichen
wiederfinden lassen. Auch der Aspekt, dass der Dadaist ein Künstler ist, bei dem das Produkt als
solches nebensächlich ist- er ist ein Geistesreisender, der immer neue Erfahrungen macht- ist aus
heutiger Perspektive interessant und führt mich zu Boris Groys. Dieser spricht von der Einsamkeit
des Projekts. Künstler müssen sich während der Phase der Herstellung von Kunst zurück-ziehen,
abgrenzen vom Leben der Anderen. Zusätzlich müssen sie vor der Umsetzung, diese Umsetzung als
Projektbeschrieb vorab formulieren und den Verlauf in Form einer Resultatvorhersage beschreiben.
Groys beschreibt, wie der Künstler im Projekt, die Zukunft vorher sagt und verweist auf Sartre,
welcher einst sagte, jede Person lebe aus der Perspektive seiner individuellen Zukunft heraus,
welche notwendigerweise vor dem Blick der Anderen verborgen sei. Die eigentliche ontologische
Kondition menschlicher Existenz sei der Status des im Projekt seins. Dazu nochmal genauer Groys
selber:
Warum ich an diesem Punkt so genau auf Groys eingehe, ist die Frage, ob die oben beschriebene
Forderung der Verbindung von Kunst und Leben womöglich bereits geschehen ist, ohne überhaupt
von der immer noch am Kunstwerk und dem geniös bildenden Künstler orientierten Kunstwelt
bemerkt worden zu sein. Als von Groys formulierte Bestrebung der Biopolitischen Technologie, die
Lebensdauer selbst zu gestalten, das Leben als Event in der Zeit zu organisieren und eigentlich
simultan zu reflektieren. Ein weiteres Paradebeispiel ist Facebook, wo an einem modifizierbaren
Realzeitarchiv gebaut wird, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen fallen; auf einen
Blick erfassbar werden. Weiter möchte ich an diesem Punkt nicht auf ihn eingehen, sondern seine
Gedanken des Lebens im Projekt, um die Vorstellung des zweckfreien Lebens, analog zum
zweckfreien Kunstwerk, ergänzen und seine eher negative Formulierung, einer von aussen
auferlegten Technologie, der sich das Individuum über den Medienkonsum fast
gezwungenermassen unterwirft, hin zu einem positiven Bild wenden, zurück zur Fiktion der selbst
gesetzten Subjektivität.
Dazu möchte ich einen Abstecher zu Lucius Burkhardt machen. Dieser hat die
Spaziergangswissenschaft erfunden und einige Texte über Design verfasst. Beim Lesen seiner Texte
fühlte ich mich oft in meine Kindheit versetzt, kein Wunder, hat er doch hauptsächlich in der Zeit
meiner Kindheit geschrieben. Er beschreibt sehr ausführlich wie die Bewohner von der Welt, sagen
wir einfachheitshalber der westlichen Welt, an deren Mitgestaltung verhindert werden, indem viele
Bereiche des Lebens den Spezialisten zugesprochen werden. So wird man oft gezwungen, für die
Reparatur nicht mehr funktionierender Kleinigkeiten im Haushalt jemanden zu konsultieren, der das
in Ordnung bringt. Burkhardt glaubte zu seiner Zeit scheinbar sehr an das Bedürfnis des
Individuums mit-zu-gestalten. Ich aber las seine Texte genau in der Zeit, als ich bei meiner Mutter
in der Schweiz zu Besuch war. Meine Mutter wohnt in einer Kleinstadt etwas ausserhalb in einer
Strasse mit Häusern, welche in den 1920ern gebaut wurden. Jedes Haus hat zwei oder drei
Stockwerke und einen kleinen Garten, welcher ums ganze Haus führt. Das Nachbarhaus war lange
Zeit von einem älteren Ehepaar bewohnt gewesen, diese waren nun in eine Wohnung gezogen, ins
Haus eingezogen war eine junge Familie. Der Garten, der früher neben einer Wiese, Blumenbeete
und Gemüsegarten enthielt, war auf eine Ebene aufgestockt worden, mit grossen Steinen bestückt
und das Kernstück war nun ein Rasen. Gemüse und Blumen waren verschwunden. Der Garten sah
konstruiert und in einem Guss gemacht aus. Ich erinnerte mich, wie ich als Kind, vielleicht sechs
Jahre alt, mit meiner Grossmutter im selben Garten, der nun meiner Mutter gehört, ein kleines Beet
für Erdbeeren angelegt hatte. Die Grossmutter hatte lange Bordsteine besorgt, und wir gruben eine
Rille in die Erde, um die Steine darin zu versenken. Dann pflanzten wir Erdbeeren an, und ich war
noch Jahre später, wenn ich daran vorbei ging, von einer wundersamen Begeisterung diesem Beet
gegenüber ergriffen, weil ich dessen Entstehung nicht nur erlebt, sondern erwirkt hatte. Ich erinnere
mich genau an dieses plötzliche Begreifen, dass fast alles, was mich umgab von irgend jemandem
einmal gemacht worden war. Der neue Garten der Nachbarn zeigte wenigstens mir von der anderen
Seite des Zauns keine Spur von individueller Aktion, sondern die pragmatische Planung für
beschäftigte Eltern, deren Kinder im Garten spielen können sollen. Dieser neue Garten verlangt
nicht nach Pflege, sondern nach Instandhaltung. Als ich das sah und gleichzeitig Burkhardt las, war
ich der Überzeugung, dass der von ihm attestierte Wille des Individuums mit-zu-gestalten zum
Erliegen gebracht sei. Das ist natürlich furchtbar generalisierend und daher unhaltbar, es gibt aber
Aufschluss über Zeiten und ihre Utopien. Ich nehme jetzt mal an, Burkhardts Utopie um 1980
herum, wäre gewesen, eine Umgebung, die zeigt, wer sie bewohnt, die eigentümliche
Abweichungen und Verschiedenheiten aufweist, eine Umgebung, die nicht starr an eine Funktion
gebunden, eher offen für das Wechselspiel der Zeit und den in ihr entstehenden Bedürfnissen wäre.
Dann könnte ich annehmen, die Utopie oder vielmehr Dystopie meiner Zeit, wäre, keine mehr zu
haben, der Abgesang auf alle Utopie, was bei genauerer Betrachtung eben auch wieder utopisch ist.
Auch apokalyptische Phantasien sind utopisch, da sie ein mögliches Ende herauf-beschwören, was
gleichzeitig als Erlösung empfunden wird.
Ich werde nun nochmal genauer auf den Begriff Avantgarde und verschiedene Vertreter eingehen.
Wie allgemein bekannt, stammt der Begriff aus dem militärischen Bereich, wie überhaupt sehr
vieles, was als Neuerung eingeführt wurde, ursprünglich fürs Militär entwickelt wurde, jüngstes und
tiefgreifendes Beispiel ist das Internet. Es scheint also, dass Neuerungen an Kämpfe gebunden sind,
sie sind Setzungen und Setzungen beinhalten auch eine aggressive Geste. Avantgarde heisst also vor
der Garde, bezeichnet die, welche als Erste in den Kampf ziehen, dem Feind als Erste begegnen und
Kämpfen hat mit Erobern zu tun. Da muss es aber auch einen Gegner geben, der das zu erobernde
Gebiet für sich beansprucht, im Fall der Avantgarde ist der zu Bekämpfende das bürgerliche Subjekt
mit seiner Definitionsmacht, die Bourgeoisie, die die Gesetze macht. Das ist auch heute noch oder
vielmehr wieder verstärkt der Fall, durch den eklatanten Einfluss der Wirtschaft auf die Politik, oder
die Bevorzugung wirtschaftlicher Interessen,- in Hamburg gibt es eine Bürouberschuss, jedoch
einen Wohnungsmangel und mir ist nicht einsichtig, warum es richtig sein soll, dass Leute, die ein
menschliches Grundrecht beanspruchen, wieder anderen Leuten zu einem erheblichen finanziellen
Gewinn verhelfen sollen,- und somit ist es auch nicht verwunderlich, dass die für alle verbindlichen
Gesetze gewisse Lebensvorstellungen und -bedingungen stützen, aber gewisse andere Vorstellungen
verbieten. Ein einfaches Beispiel ist die Krankenkasse, eine solche haben zu müssen, ist gesetzlich
verankert, auch wenn sich ein Individuum dagegen entscheiden würde, weil es beispielsweise
misstrauisch ist, gegen den von der Kasse gestützten Gesundheitsapparat, ist jeder gezwungen
seinen Beitrag zu leisten. Es wird eine Form der Behandlung bevorzugt bezahlt - ebenso ist es ein
offenes Geheimnis, das Vorstandsmitglieder oder Aufsichtsräte von Pharmaunternehmen, häufig
ebenso gewissen Versicherungsunternehmen vorstehen - andere Behandlungsformen werden jedoch
ausgeschlossen bzw. nicht anerkannt, so dass diese entweder durch zusätzliche
Versicherungsbeiträge abgedeckt- oder selbst bezahlt werden müssen. Die Gesetze werden so
formuliert, dass sie positiv ausgelegt sind und den Anschein von Gerechtigkeit haben. Die
Gesetzesbücher werden ständig erweitert und verbessert und ausdifferenziert, was aber nicht zu
weniger, sondern natürlich zu mehr Gesetzesverstössen führt.
Die Gesetze und deren Einhaltung, sind an die Übereinkünfte innerhalb eines Staates gebunden. Für
Hegel ist "die Geschichte, in der sich der Geist entwickelt und in der er zu sich selber kommt, und
der Staat, der den sich in der Zeit entfaltende Geist in eine bestimmte, nämlich in die Ordnung des
Geistes integriert, sind die beiden Grunddimensionen der Wirklichkeit des Geistes. Für Hegel ist
die Geschichte des Menschen eine Folge von Manifestationen, in denen der Mensch sein Streben
nach Freiheit und Vernunft demonstriert. Die Freiheit und die Vernunft des Menschen betrachtet er
als vollbracht, wenn der Mensch sich im vollen Verstande als Selbstbewusstsein, wenn er sich als
Wissen von sich selbst realisiert. Die Wirklichkeit, in der sich der Mensch als ein freies und
vernunftbestimmtes Subjekt realisiert, ist nach Hegel die bürgerliche Gesellschaft; ihre Struktur
bildet so der moderne Staat." (Hartwig Zander "Hegels Kunstphilosophie", Wuppertal, Ratingen,
Kastellaun, A. Henn Verlag 1970, S. 58) Das heisst, Hegels Philosophie steht im Widerspruch zur
Avantgarde, bzw. Hegel denkt keine Entwicklung nach dem bürgerlichen Subjekt. Trotzdem ist
seine Theorie in Anbetracht der Avantgarden für mich brauchbar, vor allem angesichts des Begriffs
"Aufheben", der in Hegels Denken eine wichtige Rolle spielt und auch in den Formulierungen der
Avantgarde zu finden ist. Das Bestreben der Avantgarden der bildenden Kunst war die Aufhebung
der Kunst in Lebenspraxis. Nun dazu nochmal H. Zander über Hegel:
Natürlich ist klar, dass ich Hegels Theorie hier meinen Bedürfnissen anpasse, ihn verwende in dem
Sinne, wie ich es gerne verstehen möchte, um ihn als Grundlage meiner Formulierung der
Realisierung der Kunst verwenden zu können. Der Begriff Aufheben enthält in Hegels Denken drei
Bedeutungen, nämlich 1. im Sinne von beseitigen, 2. im Sinne von bewahren und 3. im Sinne von
hinaufheben. Hegel erklärt das dialektische Prinzip nicht nur zu einem Ordnungsprinzip des
Denkens, sondern zu dem des ganzen Seins. Wenn ich dies nun mit der Aufhebung der Kunst in
Lebenspraxis vergleiche, könnte dies folgendermassen aussehen. 1. die Kunst des bürgerlichen
Geschmacks muss beseitigt werden. Dies haben die Avantgarden mit ganzer Kraft betrieben, indem
sie, wie etwa die russischen Konstruktivisten, die gegenständliche Malerei aufgehoben haben und
Frechheiten wie Monochrome Quadrate oder Bewegungsprinzipien durch Form und Farbe malten,
oder die Dadaisten, welche in wilden Collagen Elemente aus ihren Bedeutungszusammenhängen
lösten und Unsinn vor Sinn stellten. 2. die Kunst als solche muss bewahrt werden, die Avantgarden
haben weiterhin am Begriff Kunst festgehalten, Dinge aus- und hergestellt und sich Künstler
genannt. 3. im Sinne von hinaufheben, die Kunst sollte elementarer Bestandteil des Lebens sein und
das Leben als solches nicht nur reflektieren, sondern ebenfalls bestimmen. Dazu ein Ausschnitt aus
einem Dada Manifest von 1918 von R. Huelsenbeck
Ausrufe, die sich ganz dezidiert auf eine Verwirklichung im Leben richten, finden sich vielerlei in
Manifesten, so auch bei W.W. Majakowski, ein Dichter des russischen Futurismus, die Überschrift
"Tagesbefehl an die Kunstarmee". Auch haben sich die Avantgarden nicht mit Ausstellungen
begnügt, sondern haben Plakate und Zeitschriften zur Verbreitung ihrer Ideen hergestellt und haben
es aus heutiger Sicht tatsächlich geschafft, unsere Wahrnehmung zu verändern. Ihre Formensprache
wurde jedoch auch von der Populärkultur vereinnahmt. Man könnte also im Prinzip sagen, die
Utopien der Avantgarden sind bei der Masse angelangt, haben sich erfüllt und sind nicht, wie oft
attestiert, gescheitert. Aber durch die Vereinnahmung des bloss ästhetischen Ausdrucks, aber nicht
von dessen Inhalten, ist ein wesentlicher Aspekt unter den Tisch gefallen, nämlich die tatsächliche
Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Diese befinden sich nach wie vor im Zustand des
Herren und Sklaven, auch wenn das durch vielerlei Ablenkung, Gesetze und
Demokratiebehauptungen gerne vertuscht wird. Den Avantgarden ging es um eine
Selbstbestimmung des Subjekts unter den Bedingungen der Freiheit, welche sie durch die
Instrumentalisierung des Individuums in der kapitalistischen Gesellschaft gefährdet sahen.
In Peter Bürgers Buch "Theorie der Avantgarde" findet sich ein Hinweis auf die Bevorzugung des
Ästhetischen vor den Inhalt, welche er auch von Hegel ableitet. Und damit auch ein Entkräften der
Avantgarde zugunsten einer Vereinnahmung ihrer Formensprache in die Tradition der bürgerlichen
Kultur. In der Kultur des Bürgertums ist die Kunst der Ort der Fiktion von humanen Werten, und
deren Realisierung wird von der tatsächlichen Wirklichkeit abgespalten. Es ist der Ort der
Entlastung von der Wirklichkeit, indem sie innerhalb der Kunst reflektiert wird und darin auch das
Bild einer besseren Ordnung enthalten ist.
Hegels ästhetische Theorie beinhaltet drei Entwicklungsstufen der Kunst. Die Symbolische, die
Klassische und die Romantische. Danach entwirft er das Bild der Auflösung der Kunst oder ihrer
Aufhebung in der Philosophie, so zumindest eine gängige Interpretation seiner Aussagen. Hegel
entwirft aber auch ein Szenario nach der Romantischen Kunst, welche er in seiner Epoche erkannte
und zwar die des ästhetischen Scheins und sagt damit eigentlich eine Entwicklung voraus, die erst
nach dem "Scheitern" der Avantgarde tatsächliche künstlerische Praxis wurde, nämlich "..das
legitime Nebeneinander von Stilen und Formen, von denen keine mehr den Anspruch erheben kann,
als die avancierteste zu gelten..." (P. Bürger "Theorie der Avantgarde", Frankfurt am Main,
Suhrkamp Verlag 1974, S. 130) . Eine Kunstpraxis welche "...die subjektive Geschicklichkeit und
Anwendung der Kunstmittel zum objektiven Gegenstande der Kunstwerke herauf hebt." (ebd.)
Hegels Satz vom Ende der Kunst ist umstritten, und es gibt zahlreiche Denkweisen, damit
umzugehen. Ich möchte hier versuchen, sein Denken um meine Gedanken der Realisierung der
Kunst zu erweitern und ziehe dafür einen Paradeavantgarde Künstler, nämlich Duchamp hinzu.
Seine Kunst, welche vor allem dann viel später erlaubte, einen tatsächlichen Bruch in der
Kunstentwicklung auszumachen, bringt eine wichtige Sache zum Vorschein, nämlich die
Verschiebung der visuellen Kontemplation eines materiellen Werkes, hin zur gedanklichen
Entwicklung und Nachvollziehung des Kunstwerks; das Ready made wirkt im Denken und nicht
primär als Objekt. Das ist klar, wird aber meiner Ansicht nach zu wenig berücksichtigt, was das für
die Wirkung von Kunstwerken, deren Rezeption und hervor-bringung tatsächlich ausmacht, und
welch emanzipatorische Bedeutung das für den Betrachter hat. Wenn er nämlich in der Lage ist, ein
Kunstwerk im Denken zu vollenden, bedeutet das auch eine Vorbereitung darauf, dass der
Betrachter durch seine Wahrnehmung Kunstwerke hervor bringen könnte. Der Betrachter wird
konsequent weiter gedacht, zum Künstler. Das Pissoir zeigt sich nicht als ästhetischer Gegenstand,
sondern als Verweisendes auf die Bedingungen der Möglichkeit von Kunst und stellt diese
gleichzeitig in Frage. Gegenwärtig scheint mir eher ein Zurück-fallen hinter das Ready made
erkennbar zu werden, als ein Weiter-schreiten. Dies setzt meinerseits aber voraus, dass ich davon
ausgehe, dass sich die Kunst in Richtung Aufhebung der Kunst in Lebenspraxis entwickelt. Ich
gebe zu, ich sehe die Kunst als Kraft, welche sich als Modus das gesamte Leben aneignen will,
welche sich realisieren will und nicht in der abgespaltenen, abgetöteten Welt des Museums und im
bloss materiellen Werk verharren will. Ich verfolge so also nach wie vor einen Avantgarde
Gedanken, der sich durch die Wiederholung lebendig hält und diese notwendige und nicht nur von
mir betriebene Wiederholung straft auch das Ende der Avantgarde Lügen. Das der Avantgarde zugeschriebene Bestreben, die Kunst als Institution aufzulösen, was mit deren Kritik anfängt, gibt es
immer, nur ist es mal mehr und mal weniger präsent in der Aufmerksamkeit des Kunstbetriebs.
Natürlich unterscheiden sich historische Avantgarde und Neoavantgarde, vor allem was die
provokative Kraft ihrer Aussagen angeht, dennoch sehe ich in der konstanten Wiederholung des
avantgardistischen Willens eine Notwendigkeit und auch eine Art Realisierung des Plans, ohne dem
Irrglauben an eine mögliche ideale Gesellschaft aufzusitzen. Ich denke das ist vor allem heute eine
wesentlicher Unterschied, da die Fragmentarisierung durchs Internet so deutlich für alle sichtbar zu
Tage tritt, sind gewisse Irrtümer zum Stillstand gebracht. Einer dieser Irrtümer wäre gleiches Recht
für alle. Dies führt über kurz oder lang zur Möglichkeit der Fragmentarisierung von
Lebensentwürfen und Lebensgestaltung, die sich nicht mehr unter die bürgerliche Gesellschaft
unterordnen lassen und im weitesten Sinne auch nicht unter den von Hegel proklamierten Staat als
der Vernunft Struktur gebendes Gebilde. Die Aussage, es könne keine Avantgarde mehr geben, ist
eigentlich ein bürgerlicher Wunsch, den sich das Bürgertum durch die einfache Vereinnahmung der
formalen Erscheinung der avantgardistischen Kunstwerke stets von Neuem realisiert. Es ist der
Wunsch, die bürgerliche Ordnung möge endlich eine Totale sein, welche der Beunruhigung durch
sie in Frage stellende, andere Kräfte, nicht mehr länger ausgesetzt wäre. Es ist die Ordnung einer
Ängstlichkeit vor dem Anderen, sie kann nur bestehen, indem andere Ordnungen ausgeschlossen,
oder korrumpiert und eingefügt werden. Die Vorsteher der zeitgenössischen Museen sind Bürger,
welche bereits in der Gegenwart bestimmen, was ins Archiv gehört und was nicht, was der
Betrachtung und Beschäftigung wert ist und was nicht. Parallel dazu die zeitgenössischen Künstler,
welche nichts lieber wollen, als schon zu Lebzeiten Werke ins Museum zu bringen und sie so
untätig und ungefährlich zu machen. Was im Museum, also in der Sammlung landet, ist in sich
geschlossen und der Veränderbarkeit entzogen. Es wird praktiziert, was eigentlich als Irrtum
entlarvt ist, dass es nämlich etwas gäbe, was unveränderbar wäre- Sol LeWitts einmal gemachte
Aussage, der Künstler müsse jederzeit das Recht haben, seine Kunstwerke zu verändern oder zu
zerstören, wird bisher meines Wissens nicht berücksichtigt- es ist der Versuch, die Historie dingfest
zu machen, wobei verschiedene Perspektiven nur bedingt berücksichtigt werden.
Nun sind wir derzeit sogar an dem Punkt der Kunstentwicklung, indem sich die Utopie der Aufgabe
der Kunst in Lebenspraxis insofern realisiert, als der Künstler und sein Arbeitsgebiet zum
bürgerlichen Feld erklärt werden. Ich spreche hier von der Akademischen Kunst, deren primäres
Ziel es ist, verkäufliche, den Künstler zum Bürger machende zu sein. Auch ist im finanzstarken
Kunstbetrieb derzeit weniger von Idealen oder humanen Werten zu sehen, sondern es findet ein
Ausleben hochgradig ausdifferenzierter Dekadenz statt, welche in der narzisstischen
Selbstbespiegelung zelebriert wird. Nicht ohne Grund sind die Oberflächen so vieler
zeitgenössischer Kunstwerke und auch zeitgenössischer Architektur spiegelnd. Wo ein Spiegel ist,
wird alles, was nicht unter seinen Schein fällt unsichtbar.
Nochmal zurück zur Situation, in der die historische Avantgarde auf den Plan tritt. Was man dabei
ebenso nicht vergessen darf, ist das Selektive in der Geschichte, diese wird von den Massgebenden
Kräften bestimmt. Es kann also durchaus sein, dass es bereits vor den bekannt gewordenen
Avantgarden, Künstler gab, welche im selben Sinne arbeiteten, diese sind aber durch die Raster der
selektiven Historie gefallen und uns daher unbekannt.
Anfang des 20. Jahrhunderts war die Kunst bestimmt als der von der Wirklichkeit abgespaltene
Raum, Museen waren spätestens seit der französischen Revolution der Ort wo sich die gesamte
Bevölkerung dem Kunstgenuss hingeben konnte, die Kunst war, wie Peter Bürger beschreibt, eine
Institution geworden, Gott war soeben von Nietzsche tot gemacht, das christliche Dogma, dass es
eine wahre Welt gebe und klar definiert Gutes und Schlechtes brach nach mehr als hundert Jahren
denkerischer Vernunft Geschichte vollends zusammen. Das Bürgertum heute hält jedoch vor allem
politisch noch immer daran fest, was sich beispielsweise im Kampf gegen den Terror zeigt oder in
dem hilflos penetranten Versuch, so etwas wie das Copyright aufrecht zu erhalten.
Nun stellt sich die Frage, wer war das Bürgertum damals, wer ist es Heute. Ich werde diese Frage
nur anschneiden können, da sie mir, wo sie sich nun in meinem Denken so einfach formuliert
gestellt hat, gleichzeitig unglaublich umfangreich erscheint.
Ich kann mich gut erinnern, als ich Anfang 20 notierte, "also sind meine Grosseltern Kleinbürger."
Das zu erkennen war für mich damals sehr eigenartig, da ich mit einem finanziell schwachen Vater
ausgestattet, mich selber nicht zum Bürgertum zählen konnte. Nicht weil wir nicht innerhalb des
städtischen, gesellschaftlichen Rahmens gelebt hätten, aber dieser Rahmen schien mir durch unsere
relative Armut stets brüchig und bedroht. Als kleines Mädchen wurde mir von der Tochter der
Vermieter gesagt "sei froh, dass ihr überhaupt hier wohnen dürft." Diese mir implizite Gewissheit,
der jederzeit möglichen Abtretung eines Anspruchs "dazu zu gehören", ein Dach über dem Kopf zu
haben, hatte es mir bis dahin verunmöglicht mich zum Bürgertum zugehörig zu fühlen, obschon ich
sogar zwei Pässe habe. Sieht man den Ursprung des Bürgertums im 16. Jahrhundert innerhalb der
Stadtmauern, könnte dies bzw. müsste sich dies heute innerhalb der Landesgrenzen befinden. Und
fast genau so heisst es auch:
"Eine erste moderne Definition zu den rechtlichen Bestimmungen des Bürgerstandes stammt aus
dem Jahre 1794 und findet sich im Allgemeinen Landrecht für die Preußischen Staaten (ALR):
§ 1. Der Bürgerstand begreift alle Einwohner des Staats unter sich, welche, ihrer Geburt nach,
weder zum Adel, noch zum Bauernstande gerechnet werden können, und auch nachher keinem
dieser Stände einverleibt sind."(WIKIPEDIA)
Ich würde die Erstarkung quasi Bewusstwerdung des Bürgertums mit den Bauernkriegen, also um
1524, in Verbindung bringen, da damals versuchte wurde, in Abgrenzung an die Privilegien des
Adels, so etwas wie allgemeine Menschenrechte zu formulieren, historisch wird es später manifest,
in der Zeit seiner Ausbildung um Achtzehn Hundert herum, also in Verbindung mit der
französischen Revolution. Die Bauernkriege beschränkten sich auf die Schweiz, Deutschland,
Österreich und Ungarn, die Trubel der Revolution und vor allem deren Nachwirkungen trugen sich
weiter. Und im eigentlichen Sinne gibt es das Bürgertum auch schon im antiken Griechenland,
übersetzt mit dem Volk, dem durchaus nicht alle zugehörten.
Das Bürgertum hat sich bis heute so ausdifferenziert, dass es sich unter dem Begriff eigentlich gar
nicht mehr fassen lässt, heute würde man wahrscheinlich eher von der demokratischen
Gemeinschaft, die sich durch Repräsentanten durchsetzt, sprechen. Wer die Personen sind, diese
Delegierten der Gemeinschaft, lässt sich dann auch wieder auf das Bürgertum zurück-führen. Mit
der Einführung des Grossbürgers, der über erheblich mehr Wohlstand verfügt und somit für seine
Bürgerschaft mehr zahlt- heute prägt sich das aus in Form von Steuern- wird eine Person
geschaffen, die über leicht verbesserte Zugangsbedingungen verfügt als der Kleinbürger, es wird
eine Spaltung ins Bürgertum eingeführt, vergleichbar mit der Bestimmung einer Bourgeoisie.
Dazu nochmal Wikipedia:
"Es ist umstritten, ob es sich bei dem Großbürgerrecht im eigentlichen Sinn um eine von der sog.
kleinen oder normalen Bürgerschaft rechtlich verschiedene Bürgerstellung handelt oder lediglich
um eine Handelskonzession. Denn jeder, der in den Städten Handel großen Umfangs betreiben
wollte, bedurfte dazu des großen Bürgerrechts.[2] Anders lagen die Dinge in Hamburg. „In
Hamburg wurde sehr genau zwischen dem großen und dem kleinen Bürgerrecht unterschieden, und
nur wer dank seiner ökonomischen Verhältnisse imstande war, das große Bürgerrecht zu erwerben,
verfügte über die uneingeschränkte Handels- und Gewerbefreiheit, durfte in den Senat, die
Bürgerschaft und andere Ämter gewählt werden – und das waren nur wenige. Die vermögenden
Großkaufleute gaben in den Hansestädten den Ton an.“[3] „Sie sicherten aus eigener
Verfügungsgewalt die Macht ihres Standes und ihrer Klasse, grenzten sich in Rang und Habitus
gegen die kleinen Kaufleute, die ‚Krämer‘ ab und betrachteten sich mit einigem Recht als
Herrscher ihrer Stadt.“[4]
• [3]↑ Matthias Wegner: Hanseaten, Berlin 1999, S. 34
• [4] ↑ Wegner, S. 35"
Heute wollen wir den Anschein erwecken, dass solche kapitalbedingten Bevorzugungen keine
Praxis mehr sind. Es wird suggeriert, jeder habe die gleiche Startbedingung durch die für alle
zugängliche Bildung. Das ist in meinen Augen, Augenwischerei. Ich habe vor kurzem einen jungen
Mann kennen gelernt, der der standfesten Überzeugung war, es sollte wieder eine Monarchie geben,
dann sei wenigstens bekannt, wem man Vorkommnisse zu verdanken habe. Die Augenwischerei
einer vorgegaukelten Demokratie, welche komisch aber offenbar mit Gleichheit übersetzt wird, ist
längst jedem Gross-, Klein- oder gar nicht Bürger klar. Aber das Bürgertum heisst es weiter, ist
ausschlaggebend für die politische Stabilität eines Staates oder einer Staatsgemeinschaft. Im
Moment ist diese Stabilität wichtig für ein durch die Länder geschaffenes System und das dreht sich
um symbolische Werte.
Ich wiederhole, zum Zeitpunkt der historische Avantgarde befand sich die Kunst in einem
Autonomiestatus, dazu nochmal P. Bürger bzw. Habermas, den er zitiert (aus J. Habermas
"Bewusstmachende oder rettende Kritik - Die Aktualität Walter Benjamnis" in "Zur Aktualität
Walter Benjamins" Hrsg. v.S. Unseld (Suhrkamp Taschenbuch, 150). Frankfurt 1972, S. 190):
Nun mutet es etwas wunderlich an, dass sich die Avantgarde anschickt, die Kunst wieder in den
Dienst des Lebens stellen zu wollen, also in einen Gebrauchszusammenhang. Wie sah diese
Forderung aus und an wen richtete sie sich? Wie weiter oben bereits im Rahmen der Aufhebung
beschrieben, ging es darum, die Kunst aus der Isolierung der Wirkungslosigkeit heraus in die
Erzeugungskraft zu holen. Sie fängt an, indem sie Selbstkritik übt und erst einmal das Kunstwerk
vom Körper, vom Genie des Künstlers trennt. Dies geschieht wie bereits erwähnt bei den Dadaisten
mittels der Collage, am eindringlichsten dann bei Duchamp.
Gleichzeitig verbündeten sie sich mit dem "Arbeiter" gegen den Bürger. Im italienischen
Futurismus wurde die Zerstörung der Museen, Akademien und Bibliotheken gefordert und die
Künstler des Dadaismus erfanden neue Gedichtformen, die auf Lauten basierten. Auch die Sprache
ist letztlich eine Institution und gerade an ihr lässt sich ablesen wie teilweise schmerzlich wandelbar
Institutionen bleiben müssen, wenn sie sich erhalten wollen. Dazu ist die Wikipedia Definition
aufschlussreich:
Als Institution (lat. institutio, „Einrichtung, Erziehung, Anleitung“) wird ein mit
Handlungsrechten, Handlungspflichten oder normativer Geltung ausgestattetes Regelsystem
bezeichnet, das soziales Verhalten und Handeln von Individuen, Gruppen und Gemeinschaften in
einer Weise konditioniert, dass es für andere Interaktionsteilnehmer vorhersehbar oder zumindest
erwartbar ist.
Im weiteren Sinne werden unter Institutionen auch feste Einrichtungen verstanden, wie Behörden,
Gerichte oder Organisationen.
Das nun also die Vorhersehbarkeit in der Kunst kritisierbar ist, würde ich auch heute noch
unterstreichen, auch daran liesse sich ablesen, dass die avantgardistische Forderung nach wie vor
wach ist oder die Frage stellen, ob die Kunst noch immer Institution ist. Diese Frage ist jedoch
schwierig zu beantworten. Im Moment kann wahrscheinlich gar nicht mehr von "der Kunst"
gesprochen werden. Das wird spätestens da deutlich, wo Dieter Bohlen bei "Deutschland sucht den
Superstar" die Kandidaten als Künstler anspricht. Ich denke nicht, dass ein junges, aufstrebendes,
dem medialen Startum verpflichtetes "Gesangstalent" wörtlich direkt mit Michelangelo verglichen
werden kann, genau das wird aber heute im Alltag mit dem Begriff Kunst getan. Kunst ist zu einen
Becken geworden, indem alles schwimmt was nicht direkt brauch- oder anwendbar ist, manchmal
hört man eine ironische Bemerkung wie, "ich weiss nicht was das ist, dann ist es wahrscheinlich
Kunst." Auch so könnte man also sagen, die Verbindung von Kunst und Leben hat sich realisiert,
jeder kann ein Künstler sein und alles Kunst, was im Auge des Betrachters liegt. Das dem so ist,
liegt nicht zuletzt an den Avantgarden und es wäre die Frage aufzuwerfen, in wie fern dieser
Umstand den von mir behaupteten Wandel vom gesetzten/vorgegebenen Subjektiven, zum sich
selber setztenden Subjektiven begünstigt. Was dies für eine Art Freiheit oder auch Überforderung
für das Individuum bedeutet, lässt sich vielleicht anhand des Internet, oder besser des sogenannten
web 02 veranschaulichen. Das Netz wie wir es heute kennen, ist ein Medium, was weniger eine
hierarchische Struktur hat, sondern es bildet sich durch die daran Beteiligten. Das ist seit dem
existieren interaktiver Plattformen wie Facebook oder Myspace offensichtlich, war es aber
eigentlich vorher schon, durch die Möglichkeit, dass sich jeder, der sich etwas Platz auf einem
Server leisten konnte, die von ihm gewünschten Inhalte im Netz verfügbar machen kann. Der
"User" kann nun natürlich auf die Suchergebnisse von Google, das sich im Westen als
Marktbeherrscher der Suchmaschinen behauptet, vertrauen und sich einfach jeweils nur die ersten
zehn Ergebnisse anschauen, anders liegt der Fall beispielsweise bei einer Musik Plattform namens
Soundcloud. Auf Soundcloud können Musiker jeder Couleur, ihre Musik hochladen und für andere
verfügbar machen. Die Seite wurde ursprünglich für einen vereinfachten Austausch von Musik
entwickelt. Nun ist es auch da so, das Soundcloud, Seiten von Musikern vorschlägt, aber viel eher
suchen sich, die so miteinander verlinkten, anhand der "Follower" die Musik, die sie interessieren
könnte. Jeder, der auf Soundcloud eine Seite hat, hat die Möglichkeit, andere zu "followen" oder
"gefollowt" zu werden. Anhand eines Fotos und des Namens sind diese jeweils am Seitenrand
aufgelistet. Durch die schier endlose Anzahl von Seiteninhabern- es wird von drei Millionen
gesprochen- könnte man meinen, es würde jedem schnell vergehen bei der Suche, da ausser Foto
und Name erstmal keine Angaben vorhanden sind und es auch keine Hitparade oder sonst eine
regulierende Anzeige von wichtig oder unwichtig gibt. Aber so wird jeder, der auf Soundcloud
Musik sucht, sozusagen zum Musikredakteur und kann seine Auswahl für die anderen zugänglich
machen. Dies ist generell verstärkt so im Internet, beispielsweise durch die Tatsache, dass sich
Seiten wie Facebook unaufhaltsam übers ganze Netz ausbreiten, in Form von like Buttons, die die
Facebook Nutzer betätigen können. Wenn ich davon nun zu Duchamps Ready made gehe, der mit
dem Ready made die blosse Selektion des Künstlers von etwas als Kunst in den Vordergrund stellt,
und davon zu Beuys, der behauptet "Jeder ist ein Künstler", dann könnte man auf die online
Tätigkeiten der vielen Nutzer und gleichzeitig Kreierer, auch einen anderen Blick werfen. Ich will
damit nicht sagen, dass es reicht, eine Seite als Beobachter anzuklicken um bereits künstlerisch tätig
zu sein und natürlich kann man das auch mit den drei alten Faktoren zur Bestimmung von Kunst
nicht so darstellen, nämlich Bildhaftigkeit, ästhetische Erfahrung und Zustimmungsfähigkeit,
welche gerade durch den Faktor der Zustimmungsfähigkeit an die Institution Kunst gebunden sind
und damit das Bestreben der Avantgarde negieren, diese Institution zu sprengen- die Avantgarde
selber, wurde sogar in diese Institution eingeführt-, doch zeigt sich vielleicht genau in dieser
redaktionellen Mitbestimmungslust, dass dieser Wille des Menschen als Künstler lebendig ist. Die
Betrachter haben von den Künstlern gelernt- wie das auch B. Groys in seinem Buch "Going public"
deutlich macht- wie künstlerische Praxis funktioniert, durch Beobachtung, Schulung der
Wahrnehmung und die Eigenermächtigung, daraus eine Handlung abzuleiten. Man kann Robert
Filliou heranziehen, mit seiner Arbeit "gut gemacht, schlecht gemacht, nicht gemacht", oder
Duchamp, der einmal die Kunst mit Gefühlen verglich, indem er sagte, schlechte Gefühle seien, nur
weil sie schlecht sind, ja nicht keine Gefühle, was auch auf die Kunst übertragbar sei. So könnte
auch meine Behauptung von weiter Oben in Frage gestellt werden, es hätte nicht funktioniert, dass
die Betrachter die Forderung der Avantgarde- die Verbindung von Kunst und Lebenspraxis- erfüllt
hätten. Vielmehr ist es vielleicht wie bereits erwähnt, unbemerkt vonstatten gegangen und das auch,
weil es unter den Künstlern zu allen Zeiten Avantgarde Künstler gibt, welche diese Forderung wach
halten. Künstler, die das Bestehende erweitern, und hierarchische Grenzen aufweichen wollen. Die
Geschichte der Kunst könnte so betrachtet werden, dass darin ein ständiges Wiederaufkommen des
Avantgardistischen Willens beinhaltet ist und die Avantgarde stets wirksam ist. So wären dann auch
die Neoavantgarden, wie beispielsweise Fluxus oder Konzeptkunst, als solche Wiederholung mit
der grösst möglichen Differenz zu sehen.
Es mutet eigenartig an, das zu lesen, da gerade Lucio Fontana uns allen sehr gut materiell bekannt
ist, in vielen Museen finden sich seine zerstörten Leinwände, also wieder ein materielles Werk,
welches aber eigentlich über sich selber hinausweist.
Dass sich die Rezeption von Kunst, vielmehr zu einem geistigen Akt, als zur Kontemplation der
materiellen Erscheinung hin entwickelt hat, habe ich schon anhand von Duchamps Ready made
veranschaulicht. Auch später, in den Werken der Konzeptkunst, wird dies häufig sehr deutlich
gemacht. Nun möchte ich überlegen, ob die Forderung der Avantgarde vielleicht umkehrbar wäre,
also nicht das Aufgehen der Kunst in Lebenspraxis, sondern das Aufgehen der Lebenspraxis in
Kunst.
Schiller hat in seiner Schrift "Über die ästhetischen Erziehung des Menschen" bereits 1794 den
Gedanken dargelegt, das vollständigste aller Kunstwerke, wäre der Bau einer politischen Freyheit
(Friedrich Schiller "Über die ästhetischen Erziehung des Menschen", P. Reclam jun., Stuttgart 2000,
S.9). In seinen Briefen versucht er darzulegen, wie über die ästhetische Erziehung, das
Empfindungsvermögen und der Verstand, gleichsam geschult und gebildet werden, wie das freie
Spiel der Kunst, welches den "Stoff- und den Formtrieb" gleichermassen anspricht, beide ausbildet,
ohne den Einen auf Kosten des Anderen zu bevorzugen. Er spricht eine Balance an und sieht die
Kunst als Mittel, zur Veredelung des Charakters. Erst wenn dieser edle Charakter ausgebildet ist,
wird der Staat, wie von ihm herbei geschwärmt, ästhetisch, dynamisch und frei sein "-auch das
dienende Werkzeug ein freyer Bürger, der mit dem edelsten gleiche Rechte hat..."(ebd. S.123). Und
in seinen Schlussworten ist auch die Forderung enthalten, welche sich gut mit meinen
Ausführungen zum fiktiven Subjekt welches sich seinen Grund selber setzt, in Verbindung bringen
lässt, die fremde Freiheit sich genauso ausbilden zu lassen, wie die Eigene.
Schiller kritisierte bereits zu seiner Zeit die Arbeitsteilung und sah in ihr die Gefahr, das Ganze und
die Teile, in ein nicht ausgleichbares Ungleichgewicht zu bringen. Diese Gefahr wollte er durch die
ästhetische Erziehung bannen und letztlich sprach er vom Künstler Ordnungsübergreifend, brachte
den politischen-, wie den pädagogischen- oder mechanischen Künstler ins Visier. "Freyheit zu
geben durch Freyheit, ist das Grundgesetz dieses Reiches" (ebd. S. 120), und es scheint fast, als
hätte er den oben beschriebenen Zirkeln- die eher nicht zu den einfachen Bürgern zählten- damit
manipulativ schmeicheln wollen, indem er unterstellt, sie könnten bereits soweit sein, ihre eigene
Freiheit nicht durch die Einschränkung der Freiheit anderer zu erhalten.
Es ist nicht möglich im Rahmen diese Texts näher darauf ein zu gehen, ob dies geschehen ist.
Aktuelle politische Ereignisse aber, lassen auf jeden Fall nicht darauf schliessen, wir wären dem
von Schiller beschriebenen grössten Kunstwerk wahrer politischer Freiheit näher geraten. Gerade
die Selbstermächtigung westlicher Mächte zur Justiz über andere, lässt eher das Gegenteil
vermuten. Und wenn der Staat das Gebilde sein sollte, was der Vernunft Struktur gibt, zweifle ich
derzeit am Verständnis dieser Vernunft. Die gegenwärtige Situation macht einmal mehr deutlich,
wie wichtig künstlerische Avantgarden sind, sich in die Aktualität der Ereignisse einzumischen, zur
Wahrheitsbildung beizutragen. Wie es allerdings stets war, wurden diese Avantgarden zu ihrer
eigenen Zeit nicht von vielen, sondern nur von Wenigen gesehen und in ihrer Bedeutung erkannt.
Wo sich diese heute finden lässt, kann ich nicht sagen, ich gehe aber davon aus, dass sie abseits des
Kunstbetriebs, bzw. in dessen prekären Nischen zu finden sein müssten. Der Betrieb ist Institution
und integriert seine Gegner erst dann, wenn von ihren Ansprüchen keine Gefahr mehr ausgeht.
Oder, die uns heute näher gebrachten sogenannten Avantgarden, auch die, die ich beschrieben habe,
sind gar keine wirklichen, weil sie sich so mühelos in die Institution einfügen lassen.
Die Fiktion, des Subjekts was sich seinen Grund selber bildet, was bildend auf seine Lebensrealität
einwirkt, indem es eigene Grundsätze und Verbindlichkeiten für sich hervor bringt und mit anderen
austauscht, kann sich nur da realisieren, wo Hierarchien abgebaut sind. Im Kunstbetrieb ist das
nicht der Fall, sondern wird sogar gerade durch die Produktion von "Künstlerstars" und hoch
dotierten Kunstwerken noch gestärkt. Aber die Einsicht vieler, dass dies Umstände kreiert sind, um
eben genau Hierarchien zu erhalten, führt möglicherweise dazu, dass ein neues Selbstbewusstsein
erwacht, welches sich von solchen Hierarchien nicht klein halten lassen will. Die künstlerische
Avantgarde von Heute, müsste sich also vor allem der Angst annehmen, die in jedem kleinen
Staatsmitglied geschürt wird, es könnte etwas verlieren, wenn es sich nicht an vorgegebene
Ordnungen anpasst, wenn es versucht neue Ordnungen zu bilden. Dies ist nicht der Fall, es kann
jedoch etwas gewinnen und das ist die Souveränität über sein Selbst. Das Internet ist einer der Orte,
wo diese Souveränität spielerisch geübt werden kann, solange man sich nicht dem Zwang zur
"Authentizität" preis gibt.
Ich habe viel ausgelassen, was meine Überlegungen zur Avantgarde und der Realisierung der Kunst,
noch hätte bereichern können. Generell würde mich der Einfluss der Musik auf die bildende Kunst
interessieren und die Vermischung der Gattungen überhaupt. Auch das war ein Kennzeichen der
meisten Avantgarden und lässt sich auch heute bei vielen Künstlern beobachten, wie beispielsweise
bei Miranda July. Gerade Frauen sind wahrscheinlich dazu prädestiniert, die Grenzen aufweichen zu
wollen, da sie noch stärker als Männer mit Grenzen konfrontiert sind. Auch das ist ein Punkt den
man in Bezug auf die Avantgarde näher beleuchten könnte, inwiefern und wann die Avantgarde auf
den Plan trat oder treten wird, welche die Institution der Geschlechter aufbrach/-bricht, und ob diese
dann genau wie künstlerische Avantgarden im Verlauf der Historie, wieder in die Institution
eingeführt werden, bzw. ob solche Brüche die Institution verändern.
Wie die Kunst den Handlungsspielraum setzt, habe ich insofern aufzuzeigen versucht, als das die
Künstler selber, die Entwicklung der Kunst bestimmen. Der Künstler sollte mit dem Aufkommen
der Idee der Autonomie der Kunst von jeglicher Auftragslage befreit sein. Für Schiller war die
Autonomie der Kunst grundlegend, er sah die Reflexion als das erste liberale Verhältnis zur Welt.
Die Aufhebung der Kunst in Lebenspraxis, bedeutet nun nicht, dieses liberale Verhältnis
aufzugeben, sondern, das eigene Leben selbst, in ein freies Verhältnis zur Welt zu bringen. Das
eigene Leben hat das Potential, sich selber hervor zu bringen und steht nicht im Dienst eines Gottes,
einer Macht von Aussen oder sonst einer auferlegten Bestimmung. Diese Einsicht, sofern es sich
denn wirklich um eine Einsicht handelt, bedeutet, sich seinen Handlungsspielraum selbst zu setzen,
und so auch für sich selbst zu bestimmen, welche Wichtigkeit scheinbare Zwänge, wie Geld oder
Anerkennung für das eigene Leben haben, sie macht das Individuum zu einem freien Subjekt im
Verhältnis zur Welt.
Auch meine Fiktion habe ich noch zu wenig ausgeführt und mir wurde gesagt, meine Fiktion des
Menschen, der sich seinen Grund selber gibt und den Anderen dadurch nicht bedrohe, sei utopisch,
was heute und immer schon das gleiche heisst, wie; nicht in dieser Welt realisierbar. Ich bestehe
jedoch auf dem fiktiven Potential, der Möglichkeit der Friedfertigkeit gegenüber Unterschieden und
werde daran weiter arbeiten.