Lord of the Dance – Jesus als Tänzer

ESG-Gottesdienst am 28.1.16
Lord of the Dance – Jesus als Tänzer
Lied: HuT 281 Lord of the Dance
Psalm HuT 613
Stille
Jetzt beginnt wieder die Passionszeit. Viele in der Kirche sagen,
Karfreitag und Ostern seien die wichtigsten christlichen Feiertage, wichtiger noch als Weihnachten. Die meisten Menschen
sehen das offenbar anders. An Weihnachten kommen sie zahlreich in die Kirchen, an Karfreitag und Ostern sind es nur wenig
mehr als an den übrigen Sonntagen.
Wenn ich in den Gottesdiensten die Lieder aus dem Gesangbuch
singen soll, in denen die Passion Jesu angesprochen wird, dann
fällt mir das manchmal sehr schwer. Ich singe dann auch nicht
mehr mit.
Ich gebe ein paar Beispiele:
EG 342: „Drum schickt Gott seinen Sohn herein, der selber
Mensch ist worden; das ganz Gesetz hat er erfüllt, damit seins
Vaters Zorn gestillt, der über uns ging alle.“ (Speratus, 1523) –
Die Vorstellung ist: Jesus erfüllt stellvertretend das Gesetz, weil
anders der „Zorn Gottes“ nicht zu stillen ist. Das Gesetz zu erfüllen, ist für Menschen unmöglich. Das kann nur der Sohn Gottes.
Jesus „bezahlt“, was wir schuldig geblieben sind.
EG 75: „Wäre nicht gekommen Christus in die Welt und hätt angenommen unser arm Gestalt und für unsere Sünde gestorben
williglich, so hätten wir müssen verdammt sein ewiglich.“ Die
Vorstellung ist: wir sind ewig verdammt. Nur Jesu Tod versöhnt.
Er ist dazu in die Welt gekommen, um zu sterben für unsere
Sünden.
Aus dem bekannten Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“, von Paul Gerhardt, EG 85: „Nun, was du, Herr, erduldet,
ist alles meine Last; ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast. Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat.
Gib mir o mein Erbarmer, den Anblick deiner Gnad.“
In diesen Liedern begegnen den Menschen, die den Gottesdienst mitfeiern, Vorstellungen und Bilder, bei denen die meisten erst einmal schlucken müssen, wenn sie nicht überhaupt
ganz fern bleiben vom Gottesdienst:
- Gottes Zorn
- Schuld
- Ewige Verdammnis
- Der Tod Jesu als Erlösung davon
Während wir die Weihnachtslieder in aller Regel ganz gerne mitsingen, geht es uns mit den Liedern für die Passionszeit nicht so.
Offenbar bewegen sich diese Lieder in einer Sprache und Vorstellungswelt, die uns heute nicht mehr zugänglich ist. Ich habe
mich gefragt, welche Lieder stehen eigentlich in unserem ESGGesangbuch zu diesem Thema?
Und da habe ich einen ganz klaren Favoriten, ein Lied, von dem
ich mir wünschte, es wäre so bekannt und es würde so oft gesungen wie „O du fröhliche“ oder „Wie soll ich dich empfangen“
oder „Ich steh an deiner Krippen hier.“
HuT 281 Lord oft he Dance:
I danced in the morning when the world was begun,
And I danced in the moon and the stars and the sun,
And I came down from heaven and I danced on the earth:
At Bethlehem I had my birth.
Refrain: Dance, then, wherever you may be,
I am the Lord of the dance, said he,
And I'll lead you all, wherever you may be,
And I'll lead you all in the dance, said he.
I danced for the scribe and the Pharisee,
But they would not dance and they wouldn't follow me;
I danced for the fishermen, for James and John;
They came with me and the dance went on:
Refrain
I danced on the Sabbath and I cured the lame:
The holy people said it was a shame.
They whipped and they stripped and they hung me on high,
And they left me there on a cross to die:
Refrain
I danced on a Friday when the sky turned black;
It's hard to dance with the devil on your back.
They buried my body and they thought I'd gone;
But I am the dance, and I still go on:
Refrain
They cut me down and I leapt up high;
I am the life that'll never, never die.
I'll live in you if you'll live in me:
I am the Lord of the dance, said he.
Refrain
Dieses Lied erzählt die Geschichte Jesu und zwar mit einem ungewohnten und leichtfüßigen Leitmotiv, nämlich des Tanzes.
Das klingt so gar nicht nach schwerer Passion. Aber der Tanz
schließt eben auch die Passion ein.
In der Bibel wird nicht so oft getanzt, aber wenn, dann ist es immer interessant.
Ein Beispiel ist Mirjam. Nach der Befreiung von der Sklaverei in
Ägypten nahm sie eine Pauke in die Hand „und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen.“ (2. Mose 25,20)
Tanzen hat also irgendwie mit Freude zu tun.
Es gibt aber auch die Tanzverweigerer, das sind Leute, denen
man es nie recht machen kann. Man kann ihnen aufspielen,
aber sie wollen nicht tanzen, sagt Jesus im Matthäusevangelium
(Mt 11,17)
Tanzen hat auch etwas Verführerisches. Bekannt ist der „Tanz
um das goldene Kalb“. Als Mose solange fortblieb, verlangte das
Volk nach einem Ersatzgott, der sie führen sollte.
Der Autor des Liedes ist Sydney Carter. Er schrieb das Lied 1961
und er sagt, dass ihn drei Inspirationen geleitet haben.
Einmal Jesus selbst, den das Lied besingt.
Zum anderen aber auch eine Statue des tanzenden Hindu-Gottes Shiva.
Drittens haben ihn die Shaker inspiriert, das ist eine Quäker-Gemeinschaft, die in ihren Gottesdiensten ekstatisch tanzen. Ähnlich wie die tanzenden Derwische im muslimischen Sufismus.
Sydney Carter sagte über sein Lied: "I did not think the churches
would like it at all. I thought many people would find it pretty
far flown (ziemlich abgehoben), probably heretical and anyway
dubiously Christian. But in fact people did sing it and, unknown
to me, it touched a chord. (Saite). Anyway, it's the sort of Christianity I believe in.”
Das Lied hat keinen Eingang gefunden in unser Gesangbuch, nur
in das Nischen-Gesangbuch der ESG, immerhin. Da der Tanz in
christlichen Kreisen eher als Problem und als verführerisches
Treiben verstanden wurde, war klar, dass man Jesus nicht als
Tänzer besingen konnte und wollte. Noch dazu, wenn der tanzende Gott Shiva zu diesem Lied inspiriert hat.
Wie passen nun Tanz und Passion zusammen? Beides hat mit
Leidenschaft zu tun. Und zwar mit der Leidenschaft für und am
Leben, nicht mit der Leiden schaffenden Gewalt.
Der passionierte Tänzer Jesus lädt in diesem Lied alle zum Tanz,
aber nicht alle wollten sich darauf einlassen. Es beginnt mit der
Schöpfung. Die Kreaturen tanzen selbstverständlich mit. Erde,
Mond, Sterne und Sonne tanzen ihr Spiel. Von diesem Tanz der
Elemente, der Planeten und Sterne hat auch Jesus das Tanzen
gelernt. Er kommt auf die Erde, zu Bethlehem geboren, und nun
soll der Tanz des ganzen Universums auch hier beginnen.
Refrain: Tanzt drum, fragt nicht, wohin, woher. Ich bin der Meister des Tanzes, sagt er, und ich führ euch alle, wo immer ihr herkommt, und ich führ euch zum Tanz sagt er.
So ein weites, zum ganzen Universum hin geöffnetes Verständnis von Jesus, gibt es auch in der biblischen Überlieferung. Das
ist der kosmische Christus, der in allen Dingen lebt.
In der zweiten Strophe tanzt Jesus dann für die Religionsgelehrten, aber die sind Tanzverweigerer. Die nehmen die Religion lieber ernst. Schnell kehrt sich der tanzende Jesus von ihnen ab.
Die einfachen Leute aber, die Fischer von Kapernaum, die lassen
sich auf den Tanz ein.
Auch am Sabbat hört dieser Jesus nicht auf, zu tanzen und zur
Liebe einzuladen. Das heilige Volk aber findet das skandalös.
Noch nie wurde am Sabbat getanzt, da widmet man sich heiligeren Beschäftigungen. Diese Haltung führt dann zur Passion.
Warum musste Jesus leiden und sterben? fragen wir. Die Antwort dieses Liedes lautet, weil die Menschen nicht tanzen wollen. Sie lassen sich nicht auf das Spiel des Lebens ein. Ans Kreuz
also mit diesem lebensfrohen Tänzer!
Sogar den Karfreitag versteht das Lied noch als einen Tanz. Nun
ist es ein Totentanz mit dem Teufel im Nacken. Im Grab soll
dann endlich Schluss sein mit dem Tanzen, dachte man.
Doch der Tanz geht weiter. Schon bei der Kreuzabnahme springt
der tanzende Jesus davon, denn er ist ja das Leben selbst und er
lebt in mir und in dir, so wie ich in ihm lebe. So erleben es dann
die christlichen Mystiker, die späteren Tänzer, die sich vom tanzenden Jesus inspirieren ließen, während die christliche Religion
insgesamt einen wenig humorvollen und eher tanzbefreiten
Weg gegangen ist.
Ich würde mir wünschen, dass dieses Lied an Karfreitag in den
Kirchen gesungen wird. Vielleicht würden dann mehr Menschen
sich einladen lassen und die ernsten Karfreitagsgesichter würden sich ein bisschen aufhellen. Aber das wird wohl eher nicht
geschehen. Egal, der Tanz geht weiter und er geht seine eigenen
Schritte und Wege. Lassen wir uns einladen und eigentlich
müssten wir jetzt auch tanzen, aber ich weiß nicht so recht…
Amen.
HuT 281
Gebet:
Du bist der göttliche Tänzer, der tanzende Gott, das tanzende
Universum, das tanzende Leben. Alles ist dein Spiel. Du lädst uns
ein, mit dir zu tanzen.
Du tanzt die Liebe, du tanzt den Tod. Du tanzt am Sabbat und in
der Kirche und an allen Orten.
Du tanzt, wenn alle finster dreinschauen und sich keine Miene
bewegt.
Du tanzt mit Shiva und allen Göttern.
Du tanzt mit dem ganzen Universum.
Die Sterne sind deine Tanzpartner.
Wir alle könnten es auch sein.
Schenke uns den heiligen Tanzgeist, den leichten Schritt, das gelassene Wesen, den Mut, überall zu tanzen, wo noch nicht getanzt wird, mit einem beweglichen Geist, einem nur leichten
Glaubensgepäck und ohne drückende Seelenlasten.
Vaterunser
HuT 281 nochmals singen, mit Bewegung durch den Raum gehen, die Bewegung entstehen lassen, die gerade kommen
möchte.
Segen: Es segne und behüte uns der dreieinige Tänzer, der als
Vater, Sohn und heiliger Geist durch die Schöpfung tanzt und
auch uns dazu einlädt. Amen.