Zur falschen Zeit gelebt

Michael Weber
Zur falschen Zeit gelebt...
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Zur falschen Zeit gelebt...
Januar 1939
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Seit langem waren die Temperaturen unter den Gefrierpunkt
gesunken. Schnee wehte über die Straßen Hamburgs, an deren
Bordsteinen er sich verfing und sie mit einem hellen
Weißstrich überzog. Die gesamte Stadt wirkte als wäre sie
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unter einer Zuckerglasur verewigt.
Der kalte Wind schnitt jedem den er berührte tief in die
Glieder. Zu dieser späten Nachtzeit war kaum ein Mensch im
Freien und wer es war, der beeilte sich so schnell wie
möglich in eine warme Unterkunft zu gelangen.
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Nur einem stummen Beobachter machte das eisige Wetter nichts
aus. Er saß auf dem Dach eines alten Hauses, genauer gesagt
auf der kleinen Mauererhebung, die das Dach begrenzte. Von
dort aus konnte er die Umgebung gut überblicken. Fünfzig
Schritt unter ihm lagen die verschneiten Straßen, welche
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eine ganz besondere Ruhe ausstrahlten.
Schon seit vielen Jahrzehnten saß er auf seiner Mauer und
war mittlerweile nur noch für die Tauben interessant, die
sich auf ihm sowohl aus- als auch niederließen.
Vor langer Zeit wurde er hier her gebracht, um als Gargoyle
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über das Haus zu wachen. Er war in der Gestalt eines großen
Wolfes, der edel und steinern über das Gebäude wachte.
Zuerst hatte er nur diese eine Aufgabe, die aber im Laufe
der Jahre immer weiter in Vergessenheit geriet. Nie war
einer der ihm prophezeiten Geister oder Dämonen gekommen,
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zu deren Abschreckung er hier aufgestellt worden war.
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Die steinernen Augen des Beobachters waren scheinbar auf
einen uralten Baum fixiert, aber trotzdem nahm er alles
wahr. Auch das hinter ihm jemand auf das flache Dach
getreten war, blieb dem stummen Wächter nicht verborgen. Der
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Gargoyle hatte keine sinnlichen Fähigkeiten, dafür aber
übersinnliche. Als könnte er genau sehen, wer dort kam,
erspürte die Wolfsstatue den Besucher.
Ein älterer Mann schritt bis an den erhöhten Rand des
Daches, auf den er sich erst stützte und dann darüber hinweg
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auf die Straße schaute. Scheinbar ohne sich darüber Gedanken
zu machen, dass er herunterfallen könnte, kletterte er auf
die kleine Mauer.
Es bedurfte keiner übernatürlichen Fähigkeiten um seine
Absicht zu erkennen.
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Warum willst du springen, Meister?, brummte eine tiefe
telepathische Stimme in den Kopf des Mannes auf der Mauer.
„Gargoyle? Du wachst noch immer?“, fragte der Mann den
steinernen Beobachter.
Natürlich, du hast es mir befohlen, Meister..., erwiderte
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der Wächter wieder gedanklich. Die telepathische Stimme
brummte tief in dem Kopf des Mannes.
„Wenigstens du bist treu... Schön zu wissen...“, erklärte
der Meister auf der Mauer. Er klang dabei sehr
melancholisch, beinahe schon ironisch.
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Verrätst du mir warum du dich hinab stürzen willst? Du
zerbrichst dort unten auf der Straße..., der Gargoyle war,
auch wenn es ihm nicht zustand, neugierig.
„Du kannst Fragen stellen! Aber gut, wenn ich sterbe, wirst
du von deinen Diensten hier oben befreit... Warum sollst du
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nicht erfahren, warum du mit mir stirbst...“, sagte der Mann
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auf der schmalen Dachumrandung.
Geduldig wartete der Gargoyle ab und wagte es nicht den
Herren zu drängen.
Schließlich war es soweit und der Meister begann seine
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Erklärung: „Das Leben, so wie du es kennst, ist friedlich
und von einer Aufgabe bestimmt... Das meinige ist wohl mit
mehr Aufregung bestückt. Als Magier erlebt und lernt man so
allerhand, doch je mehr man beginnt die Welt der Menschen zu
verstehen, desto einsamer und trauriger wird sie. Das, was
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die Menschen dieses Landes als Freiheit bezeichnen, ist
nichts weiter als Lug und Trug! Und was ich in der Zukunft
erkennen konnte, war nichts weiteres als ein schwarzer
Schatten, der sich über diese Welt legt und sie in Flammen
setzt... Als Kabbalist sieht meine Zukunft unter dem
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Sonnenrad wenig rosig aus...“, erklärte der Mauerkletterer.
Ich würde gerne sagen, dass ich verstehe, Meister, aber ich
verstehe es nicht..., gab der Gargoyle zu.
„Manchmal ist es besser, nicht zu verstehen... Ich beneide
euch, meine treuen Wächter... Euer Leben ist einfach, eure
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Aufgabe bestimmt... Das meinige ist unstet und scheinbar
ohne Ziel...“, sagte der Meister.
Und doch würde ich zu gerne nur einen Tag richtig unter den
Menschen sein und Gefühle erleben..., träumte der Gargoyle.
„Vielleicht wirst du es... Aber du wirst nicht sehr
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begeistert sein...“, kam es geheimnisvoll von dem Magier
zurück. Sanft tätschelte er seinen Steinwächter, während er
ihm zu lächelte.
Dann sprang er in die Tiefe...
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Kaum war der Magier auf der Straße aufgeschlagen, verwehte
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der Wind schon die Stelle mit frischem Schnee.
Traurig blickte der Gargoyle hinunter zu seinem Meister. Der
Kopf des Steinwesens bewegte sich nach unten, so dass er den
Toten noch einmal sehen konnte, bevor er von der eisigen
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>Zuckerglasur< bedeckt worden war.
Es klang wie das aneinander Reiben von schweren
Steinplatten, als sich die Pfote des Wächters leicht zum
Abgrund hin bewegte.
Jetzt erst bemerkte der Gargoyle, dass er sich bewegen
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konnte. Der Tod seines Meisters hatte ihn scheinbar befreit
und ihm das Leben geschenkt.
Danke, Meister..., brummte der Wächter ins Nichts. Niemand
hörte oder empfing seine Worte.
Schwer schlugen seine Pfoten auf das Dach, als sich der
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Steinwächter von seinem Platz bewegte.
Wie durch ein Wunder konnten die Treppen das schwere
Steinwesen tragen, bis es die Stufen bis ins Erdgeschoss
hinter sich gelassen hatte. Die Glieder des Gargoyles
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empfanden Anstrengung und Erschöpfung, als er sich ausruhte.
Zum ersten Mal fühlte der Wächter, was es bedeutete, sich zu
bewegen. Eine ungewohnte Freiheit überkam ihn und damit das
erste Mal das Gefühl der Freude.
Das Gebäude, in dem er sich befand, war mit vielen okkulten
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Bildern und Symbolen an den Wänden ausgestattet, die selbst
im Treppenhaus angebracht waren. Ohne zu verstehen, was die
Zeichen und Gemälde bedeuteten, blickte der Wolfsschädel sie
an. Fasziniert von der Schönheit, die sie ausstrahlten, ließ
er sich aufhalten.
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Schließlich endete die Treppe vor einer Schwingtür, die ein
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großes Glasfenster enthielt. Dadurch konnte der Gargoyle das
Zimmer dahinter erkennen. Vorsichtig versuchte er mit seiner
Steinpfote die Tür zu öffnen. Den Zugang zum Treppenhaus auf
dem Dach hatte er durch seine Kraft unwillentlich demoliert.
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Dieses Mal wollte vorsichtiger vorgehen.
Mit einem sanften Quietschen öffnete sich die Tür etwas. Der
Gargoyle witterte unwillkürlich in der Luft. Bisher hatte er
noch nicht bemerkt, dass er riechen konnte. Jetzt erfuhr der
Steinwächter das erste Mal einen Geruch: den von verbranntem
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Holz.
Mit einem Stubser seiner Schnauze öffnete er die Tür ganz
und schritt hindurch in den Raum dahinter. Hier roch es noch
mehr nach Brand. Scherben lagen überall herum und
zerplatzten unter der Last des Gargoyles.
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Einst war hier in diesen Räumlichkeiten eine Praxis für
spirituelle Heilung, wie ein Schild an der Wand verriet. Was
auch immer das gewesen sein mochte, jetzt war alles kaputt.
Rauchsäulen stiegen noch immer von den Resten der Möbel auf,
als wäre der Brand erst kürzlich erloschen.
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Auf den zum Teil eingeschlagenen Fenstern waren
Aufschriften, die von Innen spiegelverkehrt erschienen. Ohne
sich zu wundern, dass er sie überhaupt lesen konnte,
entzifferte der Gargoyle: Jude!
Der Steinwächter kannte das Wort. Er war durch ein
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kabbalistisches Ritual als Golem entstanden, einem Wesen aus
der jüdischen Mystik. Sein Meister hatte sich mit dieser
Form von Magie befasst und mit ihrer Hilfe viele Menschen
von Krankheiten geheilt.
Neben der Schrift war ein Hexagramm in gelber Farbe
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geschmiert. Es wurde von dem wenigen Licht, das von den
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Straßenlaternen herein schien, durchleuchtet.
Davidstern?, freute sich der Gargoyle, der das Schutzsymbol
sofort erkannte. Leider verstand er nicht die schreckliche
Bedeutung, die in dieser Zeit auf ihm lastete: Es war die
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Brandmarkung der Nationalsozialisten, die sie den jüdischen
Religionsangehörigen aufzwangen und sie so mit ihrem eigenen
Symbol erniedrigten...
Der Gargoyle jedoch wusste nichts von den Geschehnissen...
Noch nicht...
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Voller Freude über seine neue Freiheit verließ der
Steinwächter das Haus. Als er sich davor bei der Leiche des
Magiers niederließ, betrachtete er das Haus. Es war schon
alt, aber die Zerstörungen an den Wänden waren nicht von der
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Alterung hervorgerufen worden, sondern durch Gewalt. Doch
solche Gefühle waren dem Gargoyle unbekannt. Aber als er
sanft mit seiner Pfote den Schnee von der Leiche wischte,
spürte er doch etwas tief in sich.
Meister..., sandte das steinerne Wesen telepathisch aus,
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aber niemand schien da zu sein, um die Nachricht zu
empfangen. Das einzige menschliche Wesen, das er jemals
kennen lernen durfte, lag jetzt leblos neben ihm. Auf der
Brust des verdrehten Körpers war ein Handteller großer
Davidstern aufgestickt. Das Schutzsymbol hatte den Fall
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nicht bremsen können. Sanft wie ein Hund, der neben seinem
toten Herrchen ausharrte, stubste er ihn an, als hätte er
ihn so wieder zum Leben erwecken können. Es war Trauer, die
sich in ihm ausbreitete...
Im nächsten Augenblick ertönte ein Mark erschütternder
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Schrei. Eine Frau hatte die Leiche des Magiers und den
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daneben kauernden Wächter entdeckt. Selbst wenn er nicht aus
Stein gewesen wäre, hätte seine Größe und der Wolfskörper
jedem, der sich durch das Schneegestöber wagte, einen
gehörigen Schrecken eingejagt.
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Trotz der späten und einsamen Nacht, waren schnell Schritte
hörbar, die sich näherten. Was dort ankam, schien eine böse
Ausstrahlung zu haben, beinahe diabolisch...
Der Gargoyle beschloss sich schnellst möglich zurück zu
ziehen. Neben Trauer war jetzt die Angst das nächste Gefühl,
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das er kennen lernte...
Auf einer Metallschiene fand sich der Wolfswächter
schließlich wieder. Er trottete den Weg immer weiter bis zu
einem großen Licht, dass aus einer Kuppelhalle zu kommen
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schien. Nicht weit davon entfernt war ein großes Metallding
auf Rädern, das Rauch aus einem Rohr aus pustete. Die ganze
Gegend war von den Schneeverwehungen und dem Rauch
verhangen. Langsam näherte sich der Gargoyle dem
fremdartigen Objekt.
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Menschen saßen stumm darin, von ihnen ging ein Gefühl der
Verzweiflung aus. Der Steinwolf konnte sie nicht sehen, aber
er spürte sie. Und er spürte auch, was sie verband: Das
Symbol des Davidsterns...
„Schafft dieses Pack schleunigst weg von hier!“, hörte der
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Gargoyle jemanden sagen. In seiner Nähe stand ein Mann in
einem schwarzen Mantel. Auf seinem Kopf prangte eine Mütze,
die ihn erhaben erscheinen ließ.
Instinktiv spürte der Gargoyle, dass man den Zuginsassen
Unheil antun wollte... Er musste handeln, schließlich war er
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ein Wächter, der dafür geschaffen worden war, Menschen zu
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helfen. Mit schweren Schritten wuchtete sich der Wolfskörper
eine kleine Mauer hinauf, von wo aus der Uniformierte ihn
auch sofort sah. Zuerst verwundert über den Anblick des
vermeintlichen Tieres, reagierte er doch recht entschlossen:
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„Was will dieser Hund hier? Erschießt ihn!“
Ehe sich das Steinwesen bewusst wurde was geschah, zischten
ihm kleine Metallkugeln um die Ohren, gefolgt von einem
lauten Rattern aus feuerspeienden Stäben. Verängstigt lief
der Wolf ein Stück in den Rauch, wo er sich verpustete.
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Doch nur einen Augenblick später hörte er das Knallen erneut
und diesmal verspürte er einen gewaltigen Schmerz. Ein paar
der Metallkugeln hatten sich in seinen Leib gebohrt.
Steinsplitter spritzten von ihm ab. Neben der Verwirrung und
dem Schmerz trat nun ein weiteres Gefühl auf: Hass!
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Unbändiger Hass...
Obwohl ihm befohlen war Menschen zu verschonen, kamen ihm
die Männer mit den Feuerstäben nicht mehr menschlich vor...
Sie wirkten teuflisch, wie sie in ihrem Eifer eine Kugel
nach der Anderen auf den Gargoyle schossen.
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Wenige Sätze genügten um den vordersten der Angreifer zu
erreichen. Trotz der Schmerzen, die der Gargoyle verspürte,
schaffte er es, dem entsetzt drein blickenden Uniformierten
mit seiner Pfote den Kopf abzuschlagen...
Zwei weitere verloren ihr Leben auf diese Weise, dann jedoch
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musste der Gargoyle fliehen. Seine Wunden waren zu stark
geworden.
Hilflos musste das Wächterwesen mit ansehen, wie sich das
Metallungetüm Rauch spuckend in Bewegung setzte. Schon bald
war es in der Ferne verschwunden. Dem Gargoyle blieb nichts
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als seine Hilflosigkeit.
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Verwirrt, ängstlich und mit dem Wunsch in dem steinernen
Herzen das alles nie erlebt zu haben, machte er sich auf den
Weg dorthin, wo er her kam.
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Zerschunden und mit bröckelnden Wunden erreichte der
Gargoyle wieder das Haus, vor dem der tote Magier noch immer
lag. Um ihn herum waren viele Fußspuren im nieder
getrampelten Schnee zu erkennen, aber niemand schien sich
ernsthaft um ihn gekümmert zu haben.
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Warum hast du mir das angetan, Meister? Die Menschen sind so
grausam..., rief der Gargoyle in seinen Gedanken heraus.
Du wolltest erfahren, wie es ist zu leben... Vielleicht
verstehst du jetzt, warum ich gegangen bin... Magie ist in
dieser Welt nicht weiter von Belang... Ebenso wenig wie
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Wesen deiner Art... Du hast erlebt, wie man uns behandelt
und niemand kann es verhindern..., erschallte eine Stimme
aus dem Nichts.
Meister?, fragte der Steinwolf verwundert, als er sich
umschaute.
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Es ist nur noch ein Teil meines Geistes hier... Der Teil,
der an dir haftet und dich am Leben hält..., erklärte die
hallende Stimme im Kopf des Gargoyles.
Du hast mir nicht gesagt, was mich erwarten würde... Jetzt
verstehe ich dich, Meister..., gab der Wächter zu. Alles was
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er erlebt hatte, war von Trauer überschattet.
Vielleicht wäre es in einer anderen Zeit besser gewesen...
Jetzt kehre zurück auf das Dach, damit ich diese Welt
endlich verlassen kann..., sagte die Stimme des Magiers.
Diesmal klang sie wie aus weiter Ferne zu dem steinernen
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Wolf.
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Der Steinwächter bezweifelte, dass er die Menschen einer
anderen Zeit erleben wollte.
Langsam ging er wieder in das Haus, das einst seinem Meister
gehört hatte und schleppte sich die Treppen hinauf bis zum
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Dach.
Einem inneren Ruf folgend sprang der Gargoyle auf seinen
Platz, den er schon zuvor so lange besetzt hatte.
Kaum war er dort angekommen, spürte er, wie sich seine
Glieder immer schwerer bewegen ließen. Das Leben wich aus
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dem Steinwächter und hinterließ ihn als einen stummen
Zeugen, der zeitlos über die Stadt Hamburg wachte, bis der
schwarze Schatten vor dem sein Meister geflohen war, auch
ihn von seinem Körper befreite...
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Ende
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