Kulturstrategie Vorarlberg

Kulturstrategie
Vorarlberg
S chrit t für S chrit t
z u r K ul t u r s t r a t e g i e
Es ist wirklich erfreulich, dass jetzt knapp
ein Jahr nach Durchführung der groß
angelegten Kulturenquete Vorarlberg ein
Strategiepapier vorliegt. Die vom Kulturbeirat
nominierte Arbeitsgruppe hat sich äußerst
intensiv mit den Inhalten der Enquete und
der Rolle von Kunst und Kultur innerhalb
einer im Wandel begriffenen Gesellschaft
auseinandergesetzt. Die unterschiedlichen
Perspektiven wurden kritisch erörtert
und die brennenden Fragen beim Namen
genannt. In zahlreichen Diskussionsrunden
und Abstimmungsgesprächen fand die
Strategie Schritt für Schritt zu ihrer jetzigen
Form. Bianca Tschaikners wunderbare
Illustrationen begleiten den Text aus künstlerischer Sicht.
Da der Prozess sehr breit und offen angelegt war, kommt es nicht von ungefähr,
dass der „Fachbeirat Kulturelle Vielfalt“
der Österreichischen UNESCO-Kommission
nun angeregt hat, den Vorarlberger
Kulturstrategieprozess als exemplarische
Maßnahme für die Gestaltung partizipativer
Politikprozesse in den österreichischen
Staatenbericht aufzunehmen.
Wir freuen uns darauf, die Kulturlandschaft
Vorarlbergs auch in Zukunft gemeinsam
zu gestalten. Aus unserer Sicht bildet
die Kulturstrategie eine optimale Grundlage für die Weiterentwicklung der Kunst
und Kultur in diesem Land. Wir möchten
der Strategiegruppe, dem Kulturbeirat,
den Kunstkommissionen, den Expertinnen
und Experten sowie allen Kunst- und
Kulturschaffenden, die sich in diesen Prozess
eingebracht haben, ganz herzlich danken.
Markus Wallner
Landeshauptmann Vorarlberg
Christian Bernhard
Landesrat für Kultur,
Vorarlberger Landesregierung
Inhalt
1. Einleitung
Eine Kulturstrategie für Vorarlberg
8
2. B e f und 2.1 Gesellschaft im Wandel
12
2.2 Rollenbilder der Kunst und Kultur
15
2.3 Abriss zur Kulturpolitik nach 1945 19
2.4 Istzustand – Weit auf engem Raum 23
2.5 Kulturförderung
32
2.5.1 Politik und Verwaltung
32
2.5.2 Rechtsgrundlage
37
2.5.3 Kommissions- und Beiratsmodell
40
2.5.4 Arbeitsfelder der Kulturabteilung
43
2.5.5 Beurteilungskriterien
46
2.5.6 Bausteine der Kulturförderung
48
3. H er ausfor derungen 3.1 Kultur als Schnittstellenphänomen
52
3.2 Vielfalt gewährleisten, Zugänge ermöglichen
56
3.3 Balanceakte 59
4 . Handlungsf elder 4.1 Zusammenarbeiten
68
4.2 Impulse setzen
70
4.3 Grenzen überschreiten
74
5 . D er We g zur Str ate gie Die Autorinnen und Autoren. Der Strategieprozess Impressum
78
80
1
Einleitung
1 Eine Kulturstrategie für Vorarlberg
8
9
Eine Kultur strategie für Vorarlberg
Die Kulturage nde n des
Landes Vorarlberg sind auf
die Abte ilunge n Wisse nschaf t und We iterbildung
II b sowie Kultur IIc
mit kl are n Zu stän di gke ite n
nach der Geschäf tse inte ilung des Amtes
der Vorarlberger Landesregier ung aufgete ilt.
Eine konkrete Ü bersicht
ü b e r d i e Zu s t ä n d i g k e i t s bere iche und die in
de n Zuständigke itsbere ich
Inhaltlicher Ausgangspunkt der Kulturstrategie ist das Kulturförderungsgesetz aus dem
Jahr 2009, in dem sich das Land zur Freiheit,
Unabhängigkeit und Vielfalt des kulturellen
Lebens bekennt und sich zur Förderung von
Kultur verpflichtet. Das Gesetz besticht durch
seinen partizipativ angelegten Entstehungsprozess sowie durch seine Kürze und Offenheit.
Ausdrücklich darin formuliert sind Schwerpunktsetzungen im Bereich der Gegenwartskunst, der Erschließung des kulturellen Erbes
und in Bezug auf die Notwendigkeit, günstige
Rahmenbedingungen für die Zugänge zum
kulturellen Geschehen zu schaffen. Mit dem
Kulturförderungsgesetz wurde die rechtliche
Grundlage der Kulturförderung in Vorarlberg und damit die Ausrichtung der Arbeit der
Kulturabteilung aufgegleist.
Der Kulturstrategie vorgelagert war ein zweijähriger Prozess, der im Februar 2015 zur
Durchführung einer Kulturenquete und anschließend zur Publikation der dort gesammelten Beiträge, Rückmeldungen und Statements geführt hat. Parallel dazu wurde von
Seiten des Landes-Rechnungshofes, der sich im
Jahr 2014 eingehend mit dem Regelwerk der
Kulturförderung beschäftigt hat, die Erstellung kulturpolitischer Leitlinien eingefordert.
Im Auftrag der Vorarlberger Landesregierung
und in Abstimmung mit dem Kulturbeirat
des Landes erarbeitete darauf hin ein Projektteam eine Kulturstrategie für Vorarlberg.
der Abte ilung II b
falle nde n Einr ichtunge n
f indet sich im jährl i ch e n Ku l t u r b e r i cht .
Die Kulturstrategie
wurde von der Abte ilung
Kultur erstellt und
bezieht sich daher ausschließlich auf Age nde n
im e ige ne n Zuständigkeitsbereich.
Die Grundlage der Diskussion bildeten für die
vom Beirat nominierten Personen der eigene
Erfahrungsschatz und die Inhalte der Kulturenquete. Es galt, in Rückkopplung zu den
Kunstkommissionen des Landes und in zahlreichen Abstimmungsrunden mit schnittstellenrelevanten Expertinnen und Experten
die dabei artikulierte Kritik und die aufgeworfenen Fragen zu analysieren sowie eine
Bewertung und Gewichtung der vorgebrachten
Meinungen vorzunehmen. Schritt für Schritt
wurde daraus eine Kulturstrategie destilliert.
Im Unterschied zur Enquete, bei der die spartenbezogene Betrachtung im Vordergrund der
Standortbestimmung stand, wurden nun die
Querverbindungen betont, die sich durch alle
Kulturfelder ziehen. Verhandelt wurde der
kulturelle Spartenfächer im Grundverständnis,
dass jede Form der Kultur grundsätzlich von
einer Angebots- und einer Nachfrageseite
zu betrachten ist. Auf der einen Seite stehen
etwa die Künstlerinnen und Künstler, auf
der anderen Seite diejenigen, die Kunst wahrnehmen und konsumieren.
Förderanträgen hinausreichen. In der Außenwirkung geht es um Transparenz für die
Kulturschaffenden. Die Feedbackschleifen,
die im Rahmen der Enquete und im Anschluss
daran erfolgten, gewährleisten die Bodenhaftung der Strategie.
Ein Anliegen war es, die auf der Kulturenquete
spürbare Aufbruchstimmung zu nutzen
und relativ zeitnah zu dieser Veranstaltung
konkrete Ergebnisse zu präsentieren. Ein
Jahr später liegt nun das Strategiepapier vor.
Ganz bewusst ist dieses im Titel mit keinem
Ablaufdatum versehen. Der angedachte Horizont reicht über das Arbeitsprogramm der
Landesregierung (2014 bis 2019) hinaus und
soll als Handlungsmaxime Input für längerfristig relevante Fragen leisten – etwa zur
Diskussion einer allfälligen Bewerbung zur
Kulturhauptstadt Europas. Die in den Herausforderungen und Handlungsfeldern angeschnittenen Fragen, Themen und Maßnahmen
liefern Ansatzpunkte für eine Evaluierung.
Drei Hauptkapitel bestimmen die Gliederung:
Befund, Herausforderungen, Handlungsfelder.
Im Befund wird die gesellschaftliche Dimension
und die Diskussion zum Mehrwert von Kunst
und Kultur aufgerissen sowie die spezifische
Entwicklung und aktuelle Ausgangslage der
Kulturlandschaft dargestellt. Ebenso erörtert
werden die Arbeitspraxis und die Systematik
der Kulturförderung. Im Kapitel der Herausforderungen erfolgt die inhaltliche Gewichtung
der Themen, die im Rahmen der Diskussion als
zentral erkannt wurden. Dort festgeschrieben
ist etwa die Notwendigkeit, Kultur als Schnittstellenphänomen zu begreifen. Anstelle einer
Vorgabe von Richtwerten sind Balanceakte
artikuliert, in denen schwer lösbare Konfliktfelder und damit periodisch wiederkehrende
Forderungen skizziert werden. Eng verknüpft
mit den zentralen Herausforderungen sind
die im dritten Teil abgeleiteten Handlungsfelder, konkret die Bereiche, in denen zukünftig
Schwerpunktsetzungen sinnvoll sind.
Das Strategiepapier richtet sich an die Landesbevölkerung und liefert Antworten für
Personen und Einrichtungen, die sich für die
grundsätzliche Ausrichtung der Kulturförderung des Landes interessieren. Gefolgt
wird zudem einer Grundüberlegung der
Kulturenquete, nämlich die Bereiche der Politik,
Verwaltung und Kulturproduktion zu synchronisieren und die damit verbundenen
Rollenbilder zu aktualisieren. Demzufolge soll
das Konzept das Bild der Kulturförderung
schärfen und als Richtschnur einer kulturpolitischen Orientierung nach innen und
außen wirken. Nach innen gilt dies vor allem
im Hinblick auf periodische Schwerpunktsetzungen, die über das reine Abwickeln von
In dieser Strategie manifestiert sich ein Selbstverständnis, das analog zum Kulturförderungsgesetz vom Prinzip der Offenheit ausgeht.
Sie ist flexibel gedacht, um die Dynamik
der Kultur und die Bandbreite kultureller Ausdrucksmöglichkeiten nicht in ein starres
Korsett zu schnüren. Mitgedacht ist die Notwendigkeit des Wandels, des Experiments
und des Unerwarteten. Ungeachtet der vielschichtig entwickelten Kulturlandschaft
ist es dem Strategieteam ein besonderes Anliegen, keine affirmative Beschreibung des
Istzustandes zu leisten, sondern gerade durch
die Beschäftigung mit den brennenden
Konfliktthemen Problemfelder in ihrer Ambivalenz zu skizzieren.
Von Seiten des Kulturlandesrates Christian
Bernhard wurden die Autorinnen und Autoren
ermutigt, die wirklich kritischen Fragen zu
diskutieren. Gefordert waren klare Bekenntnisse und Schwerpunktsetzungen. Eingeflossen
sind in das Strategiepapier die Beiträge von
der Kulturenquete 2015, der Bericht des LandesRechnungshofes 2014, die Kulturberichte des
Landes Vorarlberg und diverse Kulturkonzepte
von Städten und Ländern. Die Künstlerin
Bianca Tschaikner wurde beauftragt, Illustrationen für die Publikation zu entwerfen,
in denen manche Themen und Schlagwörter
mit künstlerischen Mitteln kommentiert
werden. Das Gestaltungsteam der Agentur
Zeughaus ist für das Layout verantwortlich.
Landeshauptmann Markus Wallner hat in
seinem Eröffnungsstatement zur Kulturenquete nach dem Beitrag von Kunst und
Kultur in jenen Bereichen gefragt, die uns als
Gesellschaft intensiv beschäftigen. Das vorliegende Papier beantwortet diese Frage
in Bezug auf die strategische Ausrichtung der
Landeskulturförderung mit drei Leitthemen,
die hinsichtlich einer weiteren Kulturentwicklung mitzudenken sind: An erster Stelle
steht das Prinzip der Zusammenarbeit und
das damit verbundene Bewusstsein für
Schnittstellen, Koordination und Vernetzung.
Zweitens ist es notwendig, in Form periodischer Schwerpunkte möglichst flexibel
Impulse zu setzen. Dies betrifft etwa
die Jugend, die Freiwilligenarbeit oder die
Museumslandschaft. Wichtig ist drittens
auf Seiten des Landes eine Grundhaltung
der Offenheit, die nachhaltige Akzente
der Grenzüberschreitung möglich macht.
2
Befund
12
2.1 G esellschaf t im Wandel
Für die strategische Entwicklung der Kultur in
Vorarlberg ist es unabdingbar, sich die derzeit
stattfindenden und für die Zukunft abzeichnenden gesellschaftlichen Veränderungen in
einem größeren Kontext vor Augen zu führen.
Die Gesellschaft verändert sich fortlaufend.
Phasen scheinbarer Stabilität und Kontinuität
wechseln im Fluss der Zeit mit Phasen des
Wandels und der Umbrüche. Vorarlberg ist
keine Insel, sondern ökonomisch (Exportwirtschaft, Tourismus), ökologisch (Klimawandel,
Ressourcenverbrauch, Artenvielfalt), sozial und
gesellschaftspolitisch (Zuwanderung aus der
EU und von Drittstaatsangehörigen, Arbeitsplätze, Aus- und Weiterbildung) sowie kulturell
(Identität, Werte) eng verwoben mit der Welt.
Wie etwa anhand der aktuellen Flüchtlingsbewegungen sichtbar wird, hat selbst das, was
weit weg auf einem anderen Kontinent passiert,
ganz konkrete Auswirkungen auf uns und
unser Leben hier. Zahlreiche Indikatoren weisen
darauf hin, dass wir uns in Zeiten eines weltweiten und grundlegenden Umbruchs befinden.
Wa c h s t um s m ot o r s t ot t er t
Der Wachstumsmotor stottert. Das primär auf
Wachstum basierende Wirtschaftsmodell,
das uns in den letzten Jahrzehnten einen nie
gekannten Wohlstand beschert hat, gerät immer
mehr an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit.
Die Wachstumsraten sind weltweit rückläufig
und nur um einen sehr hohen sozialen und
ökologischen Preis (Artensterben, Klimawandel)
aufrechtzuerhalten. Längst ist offensichtlich,
dass der erreichte Wohlstand nicht nachhaltig
ist. Zunehmend stellt sich weltweit die Frage,
ob die Fokussierung auf das Wirtschaftswachstum allein genügt, um die erreichten Standards
langfristig abzusichern.
L e er e öf f ent li c h e K a s s en
Die öffentlichen Kassen leeren sich. Stark steigende Kosten für Soziales, Gesundheit, Bildung,
Pensionen und Sicherheit belasten die Staatshaushalte. Während die öffentlichen Aufgaben
und mit ihnen die Ausgaben ständig wachsen,
stagnieren die staatlichen Einnahmen oder
sind tendenziell rückläufig. Selbst über
Jahrzehnte sparsam haushaltende Länder wie
Vorarlberg müssen deshalb mittelfristig
mit der Gefahr von Budgetdefiziten rechnen
oder zumindest Rücklagen auflösen, um
ausgeglichen wirtschaften zu können. Kurzund mittelfristig wird der Spielraum für
Ermessensausgaben kleiner. Gleichzeitig gibt
es zahlreiche internationale Großkonzerne,
die keine oder nur geringfügig Steuern bezahlen. Die Vermögens- und Einkommensunterschiede wachsen. Soziale Spannungen
und Verteilungskonflikte werden auch aufgrund des fehlenden Wirtschaftswachstums
zunehmen.
Steigende Mobilität und Diver sität
Die Menschen werden mobiler. An einem Ort
geboren zu werden bedeutet nicht mehr,
dass man am selben Ort aufwachsen, arbeiten
und sterben wird. Neben der steigenden
Mobilität der hier geborenen Menschen führen
auch Zuwanderungs- und Flüchtlingsbewegungen zu einer wachsenden gesellschaftlichen
Vielfalt und Diversität. Sich verschlechternde
Lebensbedingungen aufgrund von politischen
Krisenherden, oft aber auch in Kombination
mit Klimawandel, zwingen immer mehr Menschen, ihre Heimat zu verlassen. Die gelungene
Integration zugezogener Menschen, insbesondere wenn diese aus einem anderen Land
mit anderer Herkunftssprache, anderen Traditionen uvm. kommen, ist bereits jetzt eine große
Herausforderung und wird in den kommenden
Jahren zu einer noch größeren werden.
D em o gr af i s c h er Wan d el
Die Gesellschaft wird nicht nur mobiler und
vielfältiger, sondern auch ihre demografische
Zusammensetzung ist im Wandel begriffen.
Die Geburtenüberschüsse werden geringer,
das Durchschnittsalter steigt. Insgesamt wird
die Bevölkerungszahl Vorarlbergs in den
kommenden Jahrzehnten jedoch zuwanderungsbedingt weiter wachsen.
14
2 Befund
2.1 Gesellschaft im Wandel
15
2. 2 Rollenbilder der Kunst und Kultur
A r b ei t s m ar k t im U m b r u c h
Der Arbeitsmarkt befindet sich weltweit im
Umbruch. Die zunehmende Automatisierung
und Digitalisierung, in der Produktion, in
der Verteilung von Gütern und im Dienstleistungssektor, sowie die damit einhergehenden
Produktivitätsgewinne verändern die Arbeitswelt grundlegend. Die Globalisierung lässt
die Welt zusammenwachsen. Unklar ist,
ob im gleichen Ausmaß neue Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen wie Arbeitsplätze
durch diese Entwicklungen verloren gehen.
P o li t ik v er dr o s s enh ei t
Zu konstatieren ist eine allgemeine Politikverdrossenheit. Das Vertrauen der Bevölkerung
in die Leistungsfähigkeit des politischen
Systems schwindet. Politische Parteien und
Gewerkschaften verlieren an Mitgliedern,
und die Wahlbeteiligung sinkt. Gleichzeitig
wird der Ruf nach stärkerer Einbeziehung und
Beteiligung der Bürgerschaft an politischen
Prozessen lauter.
Alle diese Veränderungen werden sich auf die
Kulturarbeit in Vorarlberg auswirken – ob
direkt, was die Künstlerinnen und Künstler, die
Kulturanbietenden und das Publikum betrifft,
oder indirekt, in Bezug auf Rahmenbedingungen und Fördermöglichkeiten. Klar ist, dass sich
das gesamte sozial-politische System im Umbruch befindet. Es stellt sich die grundlegende
Frage, wie es uns gelingen kann, die Lebensqualität langfristig zu sichern. Um dies zu beantworten, bedarf es inhaltlicher Reflexion und
innovativer Ansätze. Alle gesellschaftlichen
Kräfte sind gefordert, zusammenzuarbeiten
und sich diesen Herausforderungen gemeinsam
zu stellen. An diesem Punkt können Kunst
und Kultur ansetzen.
Es ist nicht Aufgabe eines Strategiepapiers,
der umfangreichen wissenschaftlichen Theoriebildung zu Kunst und Kultur weiteren Stoff
hinzuzufügen. Dennoch wird hier grundsätzlich auf die Rollenbilder der Kunst und Kultur
eingegangen, die aus Sicht der Arbeitsgruppe
relevant sind. Obwohl es auf den ersten Blick
einfach sein müsste, diese Rollenbilder darzustellen, ist dem nicht so, weil es die eine Kultur und Kunst nicht gibt. Ablesbar wird dies
an den Deutungsversuchen und Neubestimmungen des Kulturbegriffs durch die Kulturphilosophie und -forschung. Rückblickend
manifestiert sich Kultur in diesen Festschreibungsversuchen als dynamisches Phänomen
und Kulturkritik als Interpretationsleistung.
Das, was jeweils unter Kultur verstanden wird,
fußt auf dem Selbstverständnis der jeweiligen
Zeit, mit den daraus ableitbaren Anschauungen,
Bedeutungsinhalten und Ansprüchen.
Die Freude am Entdecken und die Lust am
Neuen sind oftmals die Triebfedern großer Entwicklungen und Kulturleistungen. Diese dem
Menschen eigene Innovationskraft zielt nicht
unmittelbar auf einen verwertbaren Nutzen ab.
Damit klingt eine Kultur an, die abseits tradierter Modelle zum Unbekannten und Anderen
strebt. In diesem Zusammenhang lohnt ein
Blick auf die Herkunft des Begriffes Kultur.
Ausgehend von der indogermanischen Wurzel
kuel (sich drehen, wenden) geht die Entwicklung im Lateinischen über colere (wohnen,
pflegen) schließlich zu cultura. Verstanden
wurde darunter das Urbarmachen des Bodens.
Auch heute ist diese Bedeutung im Sinne der
Kultivierung einer Landschaft noch gegenwärtig. Lange Zeit wurde daher unter Kultur
all das verstanden, das im Gegensatz zur Natur
vom Menschen selbst gestaltend geschaffen
wurde. Unter diesem typisch europäischen
Ordnungsfilter sind Kulturleistungen umfasst,
die von Umgestaltungen eines gegebenen
Materials ausgehen, wie in der Bildenden Kunst,
in der Technik oder in Form geistiger Errungenschaften im Recht oder in der Wissenschaft.
Da auch die Natur nur mittels Kulturtechniken
mess- und beschreibbar wird, scheint letztlich
im weitesten Sinn alles Kultur zu sein.
Tatsächlich ist es unmöglich, sich der Kultur zu
entziehen, weil sie auf eine oft kaum wahrnehmbare Art und Weise den Alltag bestimmt.
Die Welt um uns ist voller Dinge, die der
Kulturtätigkeit entspringen. Diese Kulturgüter
können nach ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten in ein größeres weltanschauliches,
bedeutungsstiftendes Ganzes eingebunden
sein. Für unser Denken und Handeln sind sie
mit symbolischen, narrativen und ästhetischen
Geltungsansprüchen verbunden. Am besten
nachvollziehbar ist dieses Phänomen in der
Sprache, die als Zeichensystem hilft, die Welt
zu strukturieren, sie zu verstehen oder das
eigene Empfinden zum Ausdruck zu bringen.
Kultur ist ein Orientierungssystem, welches für
eine Gruppe von Menschen gilt und deren
Verhalten bestimmt. Verhandelt werden damit
das Innen, das Außen und die Abgrenzung
einer Gruppe. Mode oder Architektur zum
Beispiel sind kulturelle Bausteine, mit denen
auf diese Weise Identitätsbildung stattfindet.
Bezieht man auch die Ebene der praktischen
Handlungen, der Rituale, der Realität des
Kulturgeschehens und die von der Kunst selbst
generierten Sinn- und Ordnungssysteme mit
ein, zeigt sich die Vielschichtigkeit der Kultur.
Kultur ist kein starres System, sondern
ein dynamisch bewegtes Verhandlungsfeld.
Das Spektrum der mit dem Begriff Kultur
assoziierten Felder umfasst alle möglichen
Tätigkeiten und Aufgabengebiete. Der inflationäre Gebrauch des Wortes unterstreicht
dies. Bezeichnungen wie Unternehmenskultur,
Streitkultur, Bewegungskultur oder Genusskultur sind Beispiele dafür. Wird ein Gegenstand oder eine Tätigkeit mit dem Etikett Kultur
versehen, wird er oder sie gleichzeitig mit
einem besonderen Wert ausgezeichnet und
auf ein anderes Betrachtungsniveau gehoben.
Im Hinblick auf die unterschiedlichen Ver-
2 Befund
2.2 Rollenbilder der Kunst und Kultur
wendungen und die Vielfalt konkurrierender
wissenschaftlicher Definitionen erscheint es
sinnvoll, besser von vielen Kulturbegriffen zu
sprechen. Kultur muss somit als eine Variable
verstanden werden, die von den spezifischen
Parametern und Blickwinkeln der jeweils mit
ihr befassten Fachgebiete abhängig ist. Kultur
ist in diesem Sinne eine mögliche Rahmung
der Welt, die einen bestimmten Ausschnitt mit
Sinn und Bedeutung auflädt. Kulturforschung
erfordert daher die inhaltliche Diskussion zahlreicher Schnittstellenphänomene.
Moderne Kulturen sind komplex und durch
eine Vielzahl von Lebensstilen geprägt. Mehrheits-, Sub- und Alternativkulturen koexistieren. Die Bedeutung einer alleingültigen, von
einer gemeinsamen Religion, Sprache, Tradition
und Geschichte geprägten Leitkultur ist tendenziell rückläufig. Die Auffassung der Kultur
als ein abgeschlossenes System, in dem man
sich als homogene Gruppe von anderen Einflüssen gänzlich abgrenzen kann, ist in Zeiten
der Globalisierung und digitalen Vernetzung
fragwürdig geworden. Wir verreisen, leben
neben- und miteinander und werden voneinander inspiriert.
Im Zusammenhang mit den Zuwanderungsund Flüchtlingsbewegungen geht es darum,
Wege ausfindig zu machen, wie Kunst und
Kultur dazu beitragen können, Menschen und
Völker zusammenzubringen und den Dialog
der Kulturen zu stärken. Die Vorstellung von
Transkulturalität basiert auf dem Faktum
kultureller Vermischung. Sie setzt nicht nur
auf das friedliche Nebeneinander oder den
Austausch in dafür vorgesehenen Räumen.
Transkulturalität ist die Forderung nach einer
Kultur, die sich nicht an den herkömmlichen
Kriterien wie Sprache oder Geschichte orientiert, sondern an den Grundbedürfnissen
und Gemeinsamkeiten aller an einem Ort
lebenden Menschen. Da unser Handeln durch
die Brille jener Kultur gesehen wird, die uns
in unserem Leben vorwiegend geprägt hat,
sind Missverständnisse vorprogrammiert.
Die Vorstellung der Konstruktion von kultureller Einigkeit ist herausfordernd. Wenn
im geschichtlichen Rückblick das Christentum
zwar zur Gleichberechtigung von Menschen
beigetragen hat oder im Zeitalter der Aufklärung die Rationalität gesiegt hat, ist es sicherlich fraglich, wie viel sich hinter den plakativen
Überschriften kultureller Identifikation tatsächlich verbirgt und wie nachhaltig sich diese
auf Individuen übertragen lassen. Es steht fest,
dass sich Kulturen verändern – langsam im
Fundament der sozialisierten Wertvorstellungen
(etwa Rollenbilder) und etwas schneller in
den Oberflächenphänomenen. Die Idee einer
Kulturannäherung bedarf eines langwierigen
Transformationsprozesses. Unter diesen Vorzeichen ist Kultur die Art und Weise, wie wir
miteinander umgehen.
Ein übergreifendes Moment kulturellen Lebens
ist der Bezug zur Tradition. Traditionen
definieren geografische Räume, in denen Unterschiedlichkeit aber auch Ähnlichkeit
konstatiert werden können. Im Vergleich mit
dem Anderen stellt sich die Frage nach Zugehörigkeit und Abgrenzung. Diese Möglichkeit
zur Differenzierung unterstützt die Konstruktion eines kulturellen Selbstbewusstseins.
Zur Sicherung einer Tradition oder kultureller
Fähigkeiten kommen kulturelle Praktiken
wie die Verschriftlichung zum Einsatz.
So werden mit jeder Generation wiederum
Wissen und kulturelle Fähigkeiten angereichert, aktualisiert und physischen wie virtuellen Archiven hinzugefügt. Vor allem in
der Museumslandschaft zeigt sich die Kulturarbeit in ihrer Speicherfunktion. Hier geht
es um Gegenstände, die wir auf heben,
sammeln, bewerten und in Zusammenhängen
ausstellen, um Objekte, auf die wir uns
als aussagekräftige Belege unserer Geschichte
verständigen, aber auch um Erzählformen,
die wir gesellschaftlich verhandeln. Kultur ist
in diesem Zusammenhang Ausdruck und
Erweiterung eines kollektiven Gedächtnisses.
17
18
2 Befund
2 . 2 R o l l e n b i l d e r d e r K u n s t u n d K u l t u r 19
2. 3 Abriss zur Kulturp olitik nach 1945
Für eine Begriffsklärung der Kultur liefert
die manchmal etwas unscharfe Abgrenzung
zur Kunst zusätzliche Irritationsmomente.
Einfach gesagt ist die Kunst ein Kulturprodukt
und damit stets auch selbst Teil der Kultur.
Eine Gesellschaft, die Kunst ermöglicht, fordert
und fördert, ist somit eine Kulturgesellschaft.
Nicht jede kulturelle Leistung ist jedoch automatisch Kunst. Versteht man unter dem Begriff
Kultur die Gesamtheit der geistigen, künstlerischen und wissenschaftlichen Leistungen,
die eine Gesellschaft charakterisieren, so ist
das Feld der Kunst weitaus enger im Kanon
der tradierten Kultursparten verortet. Im Bereich der Bildenden oder Darstellenden Kunst,
der Musik oder im Film sind mit Kunst vorerst
die qualitativen Spitzenleistungen gemeint.
Die Parameter der Qualitätsbeurteilung hängen
jedoch nicht allein vom technischen Können
ab, sondern von einer Reihe an Bewertungskriterien, die im Laufe der Kunsttheorie
und Kunstgeschichte entwickelt wurden und
sich immer wieder verändern.
Als Resultat eines offenen Kreativprozesses ist
die Kunst in ihren Ergebnissen kaum vorhersehbar. Sie bestimmt die Spielregeln selbst und
ist widersprüchlich in ihren Konzepten und
Zielbildern. Heute stehen neben den klassischen
Kunstauffassungen des 19. Jahrhunderts
gleichberechtigt die von der Moderne geprägten
Stilrichtungen und die gänzlich offenen Werkkonzeptionen zeitgenössischer Kunst (Konzeptkunst, Land Art). Kunst trägt den Geist der
Offenheit, der Zweckfreiheit und das Moment
der Irritation in sich. Sie hat die Rolle des
Unbequemen, ist Erneuerungskraft und Sollbruchstelle des guten Geschmacks. Aus diesem
Grund ist sie nur bedingt konsumierbar und
zum Zeitpunkt ihrer Entstehung nur selten
mehrheitsfähig.
Die Kunst ist ein vereinbarter Freiraum einer
Kulturgesellschaft. Es ist der Raum, in dem
Irritation und Chaos möglich sind, in dem sich
Dinge entwickeln können, in dem das Experiment und damit verbunden die Möglichkeit
des Scheiterns erlaubt sind. Auf einer Metaebene fungieren Kunst und Kultur hier
als Seismografen oder Katalysatoren einer
gesellschaftlichen Entwicklung. Ihre Aufgabe
ist es, vielleicht Bilder und Antworten zu
finden für die Herausforderungen unserer Zeit,
oder in passenden Medien Kultur für die Nachwelt zu sichern. Rückblickend lassen sich aus
der Menschheitsgeschichte Kunst und Kultur
als gesellschaftliche Korrektive herauslesen.
Im Rahmen von Kulturprozessen wird dem
Neuen und dem Ungeordneten Struktur gegeben. Manches wird damit erklärbar, manches
bleibt jedoch ein Rätsel. Neben diesem ernsten
aufklärerischen Moment ist der Kunst und
Kultur auch die Freiheit einzugestehen, nur
gute Unterhaltung oder den ästhetischen Wahrnehmungsgenuss zu ermöglichen. In beiden
Fällen erfolgt die Kulturarbeit nicht im luftleeren Raum, sondern in tradierten oder eigens
zu entwickelnden Formaten. Mit Spannung zu
verfolgen ist, wie sich innerhalb einer Gesellschaft, in der zunehmend alles möglich scheint,
auch die Rolle der Kunst ändern wird. Um der
potenziellen Starrheit von Richtlinien entgegenzuwirken, ist an dieser Stelle von Seiten des
Landes in der Förderabwicklung Flexibilität
gefordert.
Die Kulturenquete Ende Februar 2015 hat deutlich gezeigt, wie stark sich die Kulturlandschaft
Vorarlbergs in den letzten Jahrzehnten verändert und entwickelt hat. Nicht nur das kulturelle
Angebot ist beachtlich größer geworden, auch
das kulturpolitische Klima hat sich stark geöffnet. Unbestritten gibt es heute in Vorarlberg
eine über politische Parteigrenzen hinaus geteilte Einschätzung, den Status quo in der Kunst
und Kultur als Ausdruck einer offenen Zivilgesellschaft wertzuschätzen. Das war nicht immer
so. 1971 hatte die Vorarlberger Landesregierung
das Open-Air-Festival Flint II auf der Ruine
Neuburg bei Götzis aus Gründen des Landschaftsschutzes verboten – die Initiatoren des
im Echo von Woodstock angelegten Festivals
mussten es auf der gerade im Bau befindlichen
Autobahn symbolisch zu Grabe tragen. Heute
schaut man auf ein solches Ereignis mit großem
Staunen und Kopfschütteln zurück, ebenso
wie auf das Twistverbot von 1962 oder das Aufführungsverbot für die „Lustige Witwe“ von
Franz Lehár in den 50er-Jahren. Dieses Kapitel
gibt einen kurzen Überblick über das Werden
einer Kulturlandschaft und über die Kulturpolitik in Vorarlberg von 1945 bis in die Gegenwart. Ausgangspunkt der Überlegungen ist
die Annahme, dass die Kultur seismografische
Hinweise auf Wechselwirkungen zwischen
Politik, Wirtschaft und Kultur zulässt. Nachgezeichnet in deren Bedeutung für die Kulturpolitik werden die wesentlichen Entwicklungslinien, Kontinuitäten, gesellschaftspolitischen
Verdrängungs- und Veränderungsprozesse
sowie Zäsuren.
Die Kulturpolitik eines Landes ist eng an dessen „politische Kultur“ gebunden.1 Die beiden
Landeshauptmänner nach 1945, Ulrich Ilg
und Herbert Kessler, hatten die Kulturpolitik
„zur Chefsache erklärt“. Ein ausgeprägtes
katholisches Weltbild und eine restaurative
Grundhaltung lassen sich insbesondere in
der Kulturpolitik unter Arnulf Benzer, der als
1
2
3
leitender Kulturbeamter des Landes bis in die
Mitte der 70er-Jahre das Sagen hatte, nachweisen. Dies ist unter anderem ablesbar an der
Schriftstellerförderung, den Literaturpreisen
und Buchankäufen, an der Zensurpolitik sowie
an den Spielplänen der Vorarlberger Landesbühne und der Bregenzer Festspiele, für die
der damalige LH Ulrich Ilg absolut nichts übrig
hatte – sie seien nur „hinausgeworfenes Geld“.2
Daneben gibt es in der Landesgeschichte
Vorarlbergs Kontinuitäten, die in die Zeit des
Nationalsozialismus reichen und maßgeblich
mit einer Person, dem langjährigen Landesamtsdirektor Elmar Grabherr, verknüpft sind.
Grabherr war eine schillernde und vieldiskutierte Persönlichkeit der Vorarlberger
Zeitgeschichte und viele Jahre lang einer
der mächtigsten Männer des Landes. Sein
Einfluss, unter anderem auf die Zensurpolitik,
war groß. Aus den Aktenbeständen der
Landesregierung geht beispielsweise hervor,
dass jede Abweichung von den Spielplänen –
obwohl die Landesbühne bereits ein Privatunternehmen war – unverzüglich dem Leiter
der Kulturabteilung, Arnulf Benzer, mitzuteilen war. Die Textbücher mussten zur
Einsicht vorgelegt werden und wurden mit
einem Kommentar versehen zurückgesandt.3
In den Jahren bis 1970 hatte sich jedoch vieles
in Ansätzen grundlegend verändert. Die bis
dahin zumeist geschlossene Welt mit all ihren
Abgrenzungs- und Abschottungsversuchen
war nicht mehr länger zu halten. Eine Zäsur ist
oben genannt: Das Open-Air-Festival Flint I.
Die Welt war nach außen und nach innen
durchlässig geworden. Hinzu kommt ein wirtschaftspolitisch-gesellschaftlicher Aspekt,
der die gesamte Entwicklung maßgeblich mit
beeinflusste. Was 1950 mit der Gründung des
Grafikstudios „Vorarlberger Graphik“, einer
Kooperation zwischen Othmar Motter, Hans
Kaiser und Sylvester Lička, begonnen hatte,
Klaus von Beyme, Kulturpolitik und nationale Identität, Opladen/Wiesbaden 1998, S. 9f.
Ulrich Ilg, Meine Lebenserinnerungen, Dornbirn 1985.
Leo Haffner, Ein besessener Vorarlberger. Elmar Grabherr und die Ablehnung der Aufklärung, Hohenems 2009.
2 Befund
2.3 Abriss zur Kulturpolitik nach 1945
unterstützte sukzessive das „Going Abroad“,
das „In-die-Fremde-gehen“ vieler Vorarlberger
Firmen und brachte eine vitale wirtschaftliche
Dynamik ins Land. Die Entwicklungen der
Moderne kamen von außen und von überall –
die Türen des Landes waren in beide Richtungen
geöffnet. Dies verlangte auch nach einer anderen Dimensionierung der Bildung und machte
die Notwendigkeit nach mehr internationaler
Bildung klar. In dieser, sich solcherart differenzierenden industrialisierten Welt konnte man
nicht mehr regieren wie in den 50er- und 60erJahren. Auf der nationalen Ebene spiegeln sich
diese Entwicklungen in der mit der Regierung
Kreisky einsetzenden Politik der Reformen,
u.a. in der Bildungs- und Kulturpolitik. Damit
begann in Österreich ein Diskurs über Kunst,
eine Öffnung hin zur Klärung von Fragen
der Kritik und der Vermittlung der Zeit. Dieser
Diskurs reichte hinein in andere politische
Handlungsfelder, in soziale, ökonomische und
kulturelle, insgesamt in demokratiepolitische.
Natürlich gab es heftige Konflikte zwischen den
unaufhaltsamen Änderungen und den Hüterinnen und Hütern der Moral und der landesgeschichtlichen Ideologie, welche nach 1945 das
gesellschaftliche Leben Vorarlbergs bestimmte.
Wiederum war die Kunst der seismografische
Anzeiger für den Wandel. So bezeichnete etwa
der Germanist Eugen Thurnher, neben Grabherr
und Benzer einer, der die „Landestugenden
von Fleiß, Sparsamkeit und Strebsamkeit“ hochhielt, die Literatur eines Michael Köhlmeier
und die in den „Neuen Texten“ von Walter Fink
publizierten Autorinnen und Autoren als
„Kreaturen, die Subventionen brauchen und
Dreck produzieren“.4 Eine Öffnung der Kulturpolitik erfolgte unter Martin Purtscher, Landeshauptmann von 1987 bis 1997. Dieser übertrug die Kulturagenden an Landesrat Guntram
Lins. Das Auftauchen des als weltanschaulich
liberal geltenden Lins wurde in der Kulturszene Vorarlbergs sehr begrüßt, wobei man
4
5
6
hinzufügen muss, dass es eine allgemeine
Auf bruchsstimmung und einen großen
Nachholbedarf gab, was Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre zur Gründung mehrerer
kulturpolitischer Initiativen geführt hatte.
Die Aktivisten trafen sich in ihren Ideen vielfach mit jenen, die die Flint- und RandspieleÄra oder die Wäldertage (1973 bis 1977) durchlebt hatten und die sich gegen die begriffliche
Aufspaltung in eine „Hoch(subventionierte)Kultur“ und eine „Alternativkultur“ zur Wehr
setzten.5 Es entstanden zahlreiche Kulturinitiativen, wie das Theater am Saumarkt in Feldkirch, der Verein allerArt in Bludenz, und in
Dornbirn formierte sich mit dem Kulturversuch
„Wecken und Animieren“ als Vorläufer des
Spielbodens der Verein Offenes Haus, um nur
einige wenige zu nennen. Sie waren in ihren
Konzepten zum Teil beeinflusst von den über
den Rhein nach Vorarlberg herüber reichenden
Ausläufern der Zürcher Jugendbewegung –
„Züri brännt“6 – und profitierten subventionsmäßig von der Konkurrenzsituation zwischen
Bund und Land.
Dieser Kulturboom in Vorarlberg verlief parallel
zu ökonomischen Entwicklungen. Für stark
exportorientierte Firmen und für den Wirtschaftsstandort Vorarlberg war die Frage des
kulturellen Angebots, als sogenannter weicher
Standortfaktor, wichtig geworden. Kulturlandesrat Lins war einer der Ersten, der die
Zusammenhänge von Wirtschaftsstandort
und Kulturangebot erkannte. In den 80er- und
90er-Jahren hat er einiges in Bewegung gebracht und vorausblickende Schritte gewagt.
Lins hat nicht nur zahlreiche ganzjährig tätige
Kulturinitiativen im Land gefördert und das
Jüdische Museum in Hohenems mitgetragen,
sondern auch das Kunsthaus Bregenz, das
in den darauf folgenden politischen Konstellationen und Konjunkturlagen vermutlich nicht
mehr zu realisieren gewesen wäre. Er unterstützte auch das neue Konzept der Bregenzer
Zit. nach NEUE Vorarlberger Tageszeitung, 12.12.1977, in: Meinrad Pichler, Das Land Vorarlberg 1861 bis 2015, Innsbruck 2015.
Peter Niedermair, Kulturpolitik in Vorarlberg. Anmerkungen zur Kulturbetriebsamkeit, in: Gaismair-Jahrbuch 2005, S. 228.
Markus Sieber et al., Züri brännt. Das Buch zum Film, Zürich 1981.
21
22
2 Befund
2.3 Abriss zur Kulturpolitik nach 1945
23
2.4 Ist zust and – Weit auf engem Raum
M u s e en
Festspiele, die Bregenzer Dramaturgie, mit der
Alfred Wopmann das Ereignis auf der Seebühne
vom Touch des Operettenhaften befreite und
zu einem international rezipierten Erfolg machte. Das noch in Kreiskys Zeiten gültige Oppositionspaar „Hochkultur versus Alternativkultur“
war längst überwunden.
Unter Landesrat Hans-Peter Bischof, der die
Lins’sche Kulturpolitik konsequent fortsetzte,
verzeichneten die Budgetvolumina im Bereich
von Kunst und Kultur in Vorarlberg jährliche
Steigerungsraten. Kulturlandesrat Markus
Wallner reihte sich in dieses Kontinuum ein.
Der „Spirit“ des Landes öffnete sich für alle
Kulturschaffenden sowie Künstlerinnen und
Künstler wohltuend, wenngleich es Konfliktstoff gab, der bis heute virulent ist, etwa in
Bezug auf die ganzjährig agierenden freien
Kulturveranstalter, die sich in der kulturellen
Grundversorgung engagieren und ihre kulturpolitischen Forderungen wiederholt in der
IG Kultur Vorarlberg vertreten. Sie weisen
zurecht auf die nicht immer ausreichende
Unterstützung durch Landessubventionen
hin, obwohl gerade das Land gegenüber dem
mitunter zurückhaltend agierenden Bund
und einzelnen Gemeinden wiederholt in die
Bresche gesprungen ist.
In der politischen Verantwortung von Wallner,
Kaufmann und Sonderegger lagen der Neubau
und die inhaltliche Neuausrichtung des Vorarlberger Landesmuseums.
Eine gute Strategieentwicklung bedarf einer
soliden und ungeschönten Darstellung der
Ausgangslage. Wer das folgende Kapitel liest,
sollte einen Eindruck davon bekommen,
wie die Vorarlberger Kulturlandschaft derzeit
aussieht und von welchen Akteurinnen
und Akteuren sie gestaltet wird. Wer andere
Kulturlandschaften gut kennt, sollte außerdem
in der Lage sein, die vorliegende Darstellung
für einen Vergleich heranzuziehen. Dabei
geht es ausdrücklich nicht um eine quantitative Analyse, sondern um ein Verzeichnis
der einzelnen Sparten und ihrer Aktivitäten.
Zum Zweck der Gliederung der Darstellung
wird das sogenannte LIKUS-System (Länderinitiative Kulturstatistik) angewandt, das
Mitte der 90er-Jahre speziell im Hinblick auf
die Erfordernisse einer vergleichenden Kulturberichterstattung und Kulturstatistik
in einem föderalistischen System entwickelt
wurde.7 Wesentliche Quellen für die folgende
Darstellung sind der Kulturbericht und die
Publikation der Ergebnisse zur Kulturenquete
Vorarlberg 2015. Der vorliegende Text bezieht
sich ausschließlich auf die im Jahr 2015 gegebenen Verhältnisse, greift also nicht auf frühere
Entwicklungen zurück. Aufzählungen von
kulturellen Einrichtungen oder die Nennung
von Akteurinnen und Akteuren erheben nicht
den Anspruch auf Vollständigkeit.
Derzeit amtierender Landesrat für Kultur ist
der Arzt Christian Bernhard, der den Strategieprozess angeregt und aktiv mitgestaltet hat.
Wenn Landeshauptmann Wallner anlässlich
der Eröffnung der unter dem Motto „Vermessung einer Kulturlandschaft“ veranstalteten
Kulturenquete 2015 nach den Beiträgen aus
Kunst und Kultur zu den brennenden Fragen
der heutigen Zeit fragte und aufforderte, diese
Auseinandersetzung sehr kritisch und kreativ,
vernetzt und engagiert zu führen, dann tat
er dies ganz im Sinne jenes neuen Kulturförderungsgesetzes von 2009, das er maßgeblich
mitverantwortete. Der neue Geist, der mit
diesem Gesetz spürbar und zu Papier gebracht
wurde, ruft die Politik, die Verwaltung und
die Kulturschaffenden auf, einen kritischen
Diskurs über die Fragen der Kultur zu führen
und gemeinsam Antworten zu entwickeln.
Wallners Nachfolgerin nach den Landtagswahlen im September 2009 war die vormalige
Dornbirner Kulturstadträtin Andrea Kaufmann,
die mittlerweile Bürgermeisterin in ihrer
Heimatstadt ist. In ihre Amtszeit fallen starke
Akzente im Bereich der Kulturvermittlung.
Ebenso hat sie die Weichen für die Architekturausstellung „Getting Things Done“ gestellt, die
dann von ihrem Nachfolger Harald Sonderegger,
dem jetzigen Landtagspräsidenten, international
auf Reise geschickt wurde.
Hingewiesen sei an dieser Stelle auch auf die
größten wissenschaftlichen Einrichtungen,
die Fachhochschule Vorarlberg, Schloss Hofen,
die Öffentlichen Büchereien und Bibliotheken
sowie Institutionen der Erwachsenenbildung,
die sich ebenfalls als Einrichtungen mit
kulturellem Auftrag verstehen und im Kulturförderungsgesetz verankert sind. Diese
befinden sich, so wie die Archive, das Landeskonservatorium, die Landesbibliothek und
das Felder-Archiv, im Zuständigkeitsbereich
der Abteilung Wissenschaft und Weiterbildung.
Vorarlberg verfügt über 50 Museen, zwei große
und zahlreiche kleinere. Das vorarlberg museum
in Bregenz (früher Vorarlberger Landesmuseum)
versteht sich seit seiner Neueröffnung 2013
als Universalmuseum, jedoch ohne dauerhafte
Präsentation seiner Kunstsammlung und ohne
naturwissenschaftliche Sammlung. Letztere hat
ihren Platz in der inatura in Dornbirn. Hervorzuheben ist, dass das vorarlberg museum in
bestimmten Bereichen eng mit kleineren Lokalund Regionalmuseen kooperiert.
In den Städten sowie in größeren Gemeinden
und in den Tälern gibt es Museen oder permanente lokalgeschichtliche Ausstellungen unterschiedlichen Zuschnitts. In Dornbirn und
Bludenz sind es klassische Museen der Stadtgeschichte, in Bregenz eine stadtgeschichtliche
Dauerausstellung, in Feldkirch ein Burgmuseum
und in Hohenems das Jüdische Museum.
In den Regionen haben manche Einrichtungen
mit einer thematischen Spezialisierung ihrer
Dauer- oder Sonderausstellungen überregionale
Bedeutung gewonnen. Dazu gehören das Frauenmuseum Hittisau, die Montafoner Museen,
das Klostertal Museum und das Egg Museum,
das Lechmuseum, das Angelika Kauffmann
Museum Schwarzenberg oder das Museum
Rhein-Schauen in Lustenau. Daneben oder in
Kooperation mit solchen Museen spielen das
Landesarchiv sowie Stadt- und Gemeindearchive
(Zuständigkeit Abteilung IIb) eine wichtige
Rolle. Sie treten ihrerseits immer wieder mit
thematisch spezialisierten Ausstellungen hervor.
Für die jüngere Entwicklung der Museumslandschaft haben lokale private und kommunale
Initiativen eine besondere Bedeutung. Die
meisten der kleineren Museen haben einen
aktiven Museumsverein als Träger oder
Unterstützer im Hintergrund. Die aus mindestens vier Museen und weiteren Sammlungen
bestehende Vorarlberger Museumswelt in
Frastanz ist ein besonders vielschichtiges
Statistik Austria: http://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/bildung_
und_kultur/kultur/kulturfinanzierung/021557.html [Stand: 5.1.2016].
7
2 Befund
24
2.4 Istzustand – Weit auf engem Raum
Ergebnis einer solchen Initiative und verweist
auf das große Potenzial der Freiwilligenarbeit.
Dazu kommt eine Vielzahl privater Sammlungen, die zum Teil für Besucherinnen und
Besucher museal auf bereitet sind, etwa das
Puppenmuseum Blons, das Radiomuseum
Lustenau, Stoffels Säge-Mühle in Hohenems
oder das Museum für Druckgrafik in Rankweil.
schiedlichen Formen von baukulturellen Denkmälern wie Burgen oder Industriebauten haben
sich eigene, zum Teil schon lange bestehende
Initiativen gebildet, die sich um die Erhaltung
und zunehmend auch um die museale Aufbereitung kümmern. Ein Beispiel ist der Vorarlberger Landesmuseumsverein, der in Kooperation mit dem Bundesdenkmalamt und dem
Land die „Burgenaktion“ organisiert. WichtigsFast alle Museen haben sich in den letzten
ter Partner für Erhaltungen und neue UnterJahren im Hinblick auf die Erfassung und Beschutzstellungen ist das Bundesdenkmalamt.
handlung ihrer Bestände sowie in Bezug auf
Dies ist für die Förderabwicklung der Kulturabdie museumspädagogische Arbeit, zum Teil
teilung ebenso relevant wie für die Eigenmit erheblicher Unterstützung des Landes,
tümerinnen und Eigentümer. In Abstimmung
professionalisiert. Angesichts der Fülle privater mit dem Bundesdenkmalamt wird seit Jahren
Sammlungen sowie neuer Sammlungsgebiete
auch in den Erhalt nicht denkmalgeschützter
stellt sich die Frage ausreichender Depoträume. baulicher Kulturgüter investiert. Dies belegt
Zu den neuen Entwicklungen gehören die
etwa das Sonderförderprogramm „Kulturlandvirtuelle Musealität, welche durch die digitale
schaftsfonds Montafon“. Die Attraktivierung
Erfassung verschiedener privater und öffentdes baukulturellen Erbes ist eine Kulturverlicher Bestände permanent anwächst, sowie
mittlungsaufgabe. Für regelmäßige öffentliche
die regionale Vernetzung bestehender Museen
Aufmerksamkeit sorgt etwa der bundesweite
und Sammlungen. Ein großes industriege„Tag des Denkmals“, an welchem auch in
schichtliches Museum ist ein Desiderat, für
Vorarlberg der Zugang zu vielen privaten
welches derzeit konzeptuelle Vorbereitungen
Objekten ermöglicht wird.
geleistet werden.8
H eim at- un d B r au c ht um s pf l e g e
B auk ul t ur ell e s E r b e
In der Heimat- und Brauchtumspflege ist der
Das baukulturelle Erbe Vorarlbergs entspringt
einem Zeitraum vom Neolithikum bis zur Gegenwart. Der Bogen spannt sich von der Archäologie bis zur zeitgenössischen Architektur.
Entsprechend vielfältig sind die Herausforderungen zu seiner Sicherung, Erhaltung und
Präsentation. Neben Einzelobjekten baulicher
und baukünstlerischer Art umfasst dieses Erbe
auch ganze städtische und dörfliche Wohn- und
Industrieensembles sowie Kulturlandschaften.
Konkrete Beispiele sind Alpgebäude und Maisäße, Industrie- und Verkehrsinfrastrukturbauten wie die Arlberg- und die Wälderbahn oder
Flussverbauungen zur Wasser- und Energiegewinnung. Rund ein Drittel der Denkmäler ist in
kirchlichem Besitz. Weitere sind im Besitz von
Land, Kommunen und Privaten. Für die unter-
Landestrachtenverband mit rund 60 Mitgliedsvereinen für Tanz-, Musik- und Trachtenbrauchtum der größte Fördernehmer. Dazu kommen
Einrichtungen wie das Volksliedwerk und
das Heimatwerk. Fasnatzünfte, der Verein der
Vorarlberger in Wien und die Schützenvereine
komplettieren das Bild. Einen eigenen Bereich
stellen die zum Teil ebenfalls geförderten Kulturvereine der zugewanderten Bevölkerungsgruppen dar. Hier handelt es sich sowohl um die
Traditionsvereine der zugewanderten Menschen
aus anderen österreichischen Bundesländern
und aus Südtirol als auch um Traditionspflegevereine der neueren Zugewanderten aus der
Türkei, aus Ex-Jugoslawien, Osteuropa und
außereuropäischen Ländern. Ein langjähriges,
von einem eigenen Verein getragenes Projekt
Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Industriegeschichte, sofern diese nicht im Rahmen der Einrichtung
eines neuen Museums erfolgt, fällt in den Zuständigkeitsbereich der Abteilung Wissenschaft und Weiterbildung.
8
25
zur gemeinsamen Präsentation aller Zuwanderergruppen in Vorarlberg war die seit 1992
periodisch in Bregenz stattfindende Veranstaltung „Unser aller Ländle“. Eine Herausforderung
für die zukünftige Arbeit und die Förderung
von öffentlicher Hand besteht in der Frage,
wie sich angesichts der langen Präsenz einzelner Zuwanderergruppen eine Trennung in
„einheimische“ und „fremde“ Traditionsvereine
überhaupt argumentieren lässt.
L i t er at ur
Vorarlberg hat als kleines Bundesland eine
erhebliche Zahl von Autorinnen und Autoren
hervorgebracht. Einige haben überregionale
Bedeutung im deutschen Sprachraum erlangt.
Diese Entwicklung hat sicherlich auch mit
der Literaturförderung des Landes zu tun sowie mit den in Vorarlberg etablierten Kleinverlagen und medialen Präsentationsformaten.
Der Autorenverband Literatur Vorarlberg bietet
den Schriftstellerinnen und Schriftstellern
die Möglichkeit öffentlicher Auftritte und
agiert als Interessenvertretung für literarische
Anliegen. Der Verein hat sich in den letzten
Jahren schwerpunktmäßig junger Literaturschaffender angenommen und neue Initiativen
in der Ausbildung (Schreibworkshops) ebenso
wie in der Vermittlung (Lesungen, Literaturblogs, Theateraufführungen) geschaffen. Damit
ist es gelungen, auch ein jüngeres Publikum
zu gewinnen. Für die Ausweitung und Stärkung
der Literaturszene, sowie im Sinne einer
besseren Vernetzung und Koordination aller
literaturproduzierenden und -vermittelnden
Einrichtungen, wurde im Herbst 2015 mit
der Initiative Netzwerk Literatur eine Halbtagsstelle bei Literatur Vorarlberg eingerichtet.
Seit vielen Jahren hat auch die Vorarlberger
Mundartszene eigene Auftritts- und Veröffentlichungsmöglichkeiten. Hier überschneiden
sich Musik und Literatur. Ein wesentlicher Produzent und Veranstalter ist das Landesstudio
Vorarlberg des Österreichischen Rundfunks.
Eine weitere Rolle spielen private Veranstaltungsinitiativen wie der rheintalweit grenzüberschreitende mundartMai sowie Kleinverlage und Tonstudios mit ihren Editionen.
Zu den Präsentationsorten für Literatur gehören neben den öffentlichen Bibliotheken
viele Vorarlberger Kulturveranstalter und zunehmend auch Museen und Gemeindearchive.
Das Land Vorarlberg, Hohenems und Hard
sowie das Theater am Saumarkt in Feldkirch
loben periodisch Literaturpreise aus. Die
Vorarlberger Landesbibliothek (in der Zuständigkeit der Abteilung Wissenschaft und
Weiterbildung) ist mit dem angeschlossenen
Franz-Michael-Felder-Archiv der zentrale
Ort der Dokumentation bisherigen literarischen Schaffens in Vorarlberg und ein Forum
der Präsentation aktuellen Schreibens.
L an d e s k un d e
Die Landeskunde gehört zu den kulturellen
Aktivitäten mit der längsten Tradition – dies
in Gestalt des Landesmuseumsvereins, der
seit 1857 wirkt. Neben diesem Geschichtsverein mit seinen spezialisierten Ausschüssen
existieren weitere landesübergreifende Einrichtungen wie die Rheticus-Gesellschaft
oder die J.-A.-Malin-Gesellschaft sowie zahlreiche regionale und lokale Geschichts- und
Kulturvereine. In Ergänzung zu den Buch- und
Internetveröffentlichungen dieser Vereine gibt
es stadt- und regionalgeschichtliche Reihen
und Zeitschriften etwa in Bludenz, in Dornbirn
oder im Montafon als auch regelmäßig erscheinende historische Beilagen zu Gemeindeblättern. Wichtige Dokumente lokaler Landeskunde sind die von etlichen Gemeinden herausgegebenen Heimatbücher. Lokalgeschichtliche
Dauer- oder Sonderausstellungen, wie im
Gemeindeamt Koblach zur lokalen Ur- und Frühgeschichte oder in der Mittelweiherburg in
Hard zur Entwicklung des örtlichen Textildruckwesens, vermitteln ebenso landeskundliche
Inhalte. Nicht zu vergessen sind die inzwischen
im Internet aufrufbaren Informationen
2 Befund
26
2.4 Istzustand – Weit auf engem Raum
27
D ar s t ell en d e K un s t
T h e at er, Tan z , P er f o r m an c e
zur Geschichte des Landes und einzelner Orte.
Die zehnmal im Jahr erscheinende Zeitschrift
„Kultur“ ist das zentrale Medium in der Veröffentlichung aktueller Kulturthemen. Im
Februar 2016 erschien bereits die 300. Ausgabe.
Behandelt werden das regionale Theater-,
Musik- und Ausstellungsgeschehen sowie
gesellschaftspolitische Fragestellungen. Im
Online-Portal der „Kultur“ finden sich aktuelle Rezensionen, ein umfassender Veranstaltungskalender und das vollständige Archiv.
In der Dokumentation und Vermittlung der Landeskunde haben neue Formate und Medien Platz
gegriffen: Dazu zählen die meist von Archiven
und Kulturinitiativen veranstalteten lokalen
Zeitgeschichts- und Erinnerungs-Workshops,
Erzählcafés, Zeitzeugenabende und Aktionen
zur Dokumentation der Ortsgeschichte mittels
Fotografien, Briefen und dergleichen. Ein
Handlungsfeld ist die angemessene Erfassung
der Geschichte der älteren und neueren Zuwanderungsgruppen. Eine erste professionelle
Initiative auf diesem Gebiet ist das in Hohenems
beheimatete Vielfaltenarchiv. Eine Herausforderung für die Zukunft ist die Sicherung von
Ressourcen für Institutionen wie Gemeindearchive und lokale Kultur- und Geschichtsvereine
zur professionellen Dokumentation, Präsentation
und Vermittlung. Ergänzend angeführt seien
die vielfältigen Aufgaben, die von der Abteilung
Wissenschaft und Weiterbildung wahrgenommen werden. Dies umfasst das Landesarchiv als
zentrale Stelle des Landesgedächtnisses, die Förderung von Zeitschriften und Publikationen,
etwa zu den Vorarlberger Mundarten, die Erstellung der Vorarlberg Chronik und vieles mehr.
M u s ik
Das gut ausgebaute Musikschulwesen in Vorarlberg und das Landeskonservatorium (beides in
der Zuständigkeit der Abteilung IIb) garantieren
eine musikalische Ausbildung auf hohem Niveau.9
9
Darüber hinaus verfügt Vorarlberg über eine
qualitative Vielfalt von Musikszenen, Konzertreihen und Programmen. Neben den praktisch
in jedem Ort bestehenden Blasmusikvereinen
und Chören gibt es zahlreiche Volksmusikgruppen, Rock- und Popbands sowie Klassikund Jazzensembles.
Eine Sonderstellung hat sicherlich das Symphonieorchester Vorarlberg, das mittlerweile auf
eine 30-jährige Erfolgsgeschichte zurückblicken
kann. Daneben finden sich weitere Orchester
auf hochprofessionellem Niveau, wie etwa
Concerto Stella Matutina, Arpeggione oder das
Jazzorchester Vorarlberg. Eine weitere Facette
des reichen Kulturangebots sind die Opern-,
Operetten- und Musicalproduktionen, wie sie
das Musiktheater Vorarlberg oder die Unterhaltungsgruppe Ludesch präsentieren. Profis und
Amateure arbeiten hier erfolgreich zusammen.
Während die lokalen Chöre und die Blasmusikvereine durch Verbände vertreten sind, ist die
Rock- und Jazzszene weitgehend individuell
organisiert. Besonders prägend für diese Szenen
sind Lehrende und Studierende an den örtlichen
Musikschulen (Zuständigkeit Abteilung IIb),
insbesondere auch an den Jazzseminaren in
Dornbirn und Lustenau. Neue Akzente in der
Musik setzen die Bludenzer Tage zeitgemäßer
Musik, die vom Verein allerArt kuratiert
werden, und das ensemble plus. Zudem hat
sich in den letzten Jahren eine junge Jazzszene
etabliert, die international Erfolge feiert.
Im Umfeld der Vorarlberger Jugendzentren ist
eine Art „Underground“ in Form einer eigenen
Musik- und Tanzkultur entstanden, in der auch
Angehörige der zweiten Migrantengeneration
ihren Platz finden. Es ist gerade diese Szene, die
sich lokal zunehmend entgrenzt, indem sie ihre
Produktionen über YouTube und andere soziale
Medien einem größeren Publikum präsentiert.
Das Vorarlberger Landeskonservatorium (VLK, in der Zuständigkeit der Abteilung IIb) ist das Kompetenzzentrum
für die höhere Musikausbildung in Vorarlberg. Das Landeskonservatorium ist nicht nur Ausbildungsstätte auf hohem Niveau, sondern bietet auch für andere Einrichtungen eine Plattform für Aus- und Weiterbildung. Dazu bringt sich
das VLK intensiv in das regionale Kulturleben ein und ist zentraler Ansprechpartner für die Musikvermittlung.
Vgl. Zielbild Vorarlberger Landeskonservatorium GmbH, Juli 2013.
Die renommierteste Theaterinstitution ist zweifellos das Vorarlberger Landestheater. Der Spielplan deckt ein breites Spektrum ab. Im Programm geboten werden sowohl die Klassiker,
das Zeitgenössische, Musik- und Jugendtheater
als auch Inszenierungen an Außenspielstätten.
Die zweite stationäre Bühne mit laufendem
Betrieb ist das private Off-Theater Kosmos in
Bregenz. Neben österreichischen Erstaufführungen und Produktionen junger Autorinnen
und Autoren wird mit dem Kosmodrom eine
Plattform für junge Vorarlberger Theaterschaffende bereitgestellt. Darüber hinaus besteht
eine lebendige freie Szene von professionellen
Theatern, die über kein Haus verfügen. Dazu
zählen u.a. das aktionstheater ensemble, das
projekttheater, das walktanztheater, Theater
Wagabunt, dieheroldfliri.at und viele andere
mehr. Homunculus in Hohenems bietet seit 25
Jahren Puppentheater vom Feinsten. Das Kinderund Jugendtheater ist breit entwickelt. Beispiele
dafür sind das Theater der Figur mit seinem
Festival Luaga & Losna, Theater im Ohrensessel
und andere Anbieter mit Vermittlungskompetenz.
Der interkulturelle Verein MOTIF stellt durch
seine jährlichen Produktionen ein Forum für
kulturübergreifendes Theaterschaffen bereit,
das ein buntes Publikum anzieht.
Die zahlreichen Vorarlberger Amateurtheatergruppen sind unter dem Dach des Landesverbandes für Amateurtheater versammelt. Stückwahl und Aufführungsintervalle sind höchst
unterschiedlich. Herausragende Beispiele für
jahrzehntelange Theatertradition, anspruchsvolle Stücke und hohes Niveau sind der Theaterverein Bizau und die Spielgemeinde Schlins.
Etablierte Formate im Genre Tanz sind die
Tanzfestivals Bregenzer Frühling sowie tanz ist
in Dornbirn. Einen großen Stellenwert hat
der seit 2007 bestehende Interessenverband
netzwerkTanz, der sich grenzüberschreitend um
die Anliegen der Tänzerinnen und Tänzer bemüht. 2016 wurden in Dornbirn eigene Räume
bezogen, die für Trainings und künstlerische
Prozesse genutzt werden können. Gruppen wie
Tanzufer, bewegungsmelder und spodium
zeigen deutlich, dass sich der Tanz längst als
eigene Sparte herausgebildet hat. Zahlreiche
Tanzgruppen, etwa für Jazzdance oder Tango,
stehen für eine lebendige Szene. Mit der Tanzabteilung der Musikschule Dornbirn (Zuständigkeit Abteilung IIb) und anderen privaten Anbietern ist eine qualitative Weiterentwicklung
des Tanzes gesichert. Im Umfeld der Jugendzentren hat sich zudem eine eigene Hip-Hop-,
Breakdance- oder Capoeira-Szene entwickelt.
G r o ß v er an s t al t er, F e s t i v al s
Das dominierende Ereignis der Vorarlberger
Festivalszene sind natürlich die Bregenzer
Festspiele, die schwerpunktmäßig dem Musiktheater zuzurechnen sind. Dazu kommen in
den Begleitprogrammen Theater und Konzerte.
Ebenfalls von internationaler Bedeutung,
mit einem Fokus auf klassische Musik, ist die
in Hohenems und Schwarzenberg stattfindende
Schubertiade. In allen Regionen Vorarlbergs
finden sich Festivals, die in der Regel ein spartenübergreifendes Programm anbieten. Beispielhaft angeführt sind der biennal organisierte Walserherbst im Großen Walsertal, septimo
im Montafon, die poolbar und die noch jungen
Montforter Zwischentöne in Feldkirch oder
Caravan in Lustenau und Bregenz. Diese
Festivals werden überwiegend von privaten
Vereinen und Initiativen getragen. Städte
und Gemeinden setzen zusätzliche kulturelle
Schwerpunkte mit eigenen Veranstaltungen.
B il d en d e K un s t
Das Kunsthaus Bregenz ist die dominierende
Einrichtung für die zeitgenössische Bildende
Kunst. Für das lokale Kunstschaffen ist es
zwar weniger bedeutend, da es kaum Vorarlberger Künstlerinnen oder Künstler präsentiert. Gleichzeitig trägt das Kunsthaus mit
seiner Architektur und dem Programm
enorm zum internationalen Ruf Vorarlbergs
als „cultural hub“ bei. Außenprojekte, wie
die spektakuläre Landschaftsinstallation
28
2 Befund
2.4 Istzustand – Weit auf engem Raum
„Horizon Field“ von Antony Gormley (2010 bis
2012), verdeutlichen die Strahlkraft dieser
Institution. Ebenso hat sich das neu ausgerichtete vorarlberg museum als Ausstellungs- und
Vermittlungsplattform für Gegenwartskunst
etabliert.
und Stipendien, die das Land vergibt. Durch
die verpflichtende Widmung von einem Prozent
der Errichtungskosten öffentlicher Bauten für
baubezogene Kunstwerke findet mittels Wettbewerben oder Direktaufträgen eine zusätzliche
öffentliche Kunstförderung statt.
Vorarlbergs Künstlerinnen und Künstler haben
ihren Platz vorrangig in den Sammelausstellungen und Personalen der Berufsvereinigung
der bildenden Künstlerinnen und Künstler in
Bregenz sowie bei KunstVorarlberg in Feldkirch,
einem eigenen Zusammenschluss von Kunstschaffenden. Mit dem Magazin4 in Bregenz,
dem Kunstraum Dornbirn, der Johanniterkirche
und dem Palais Liechtenstein in Feldkirch,
der Galerie des Vereins allerArt in Bludenz sowie dem Kunstforum Montafon in Schruns gibt
es weitere weitgehend öffentlich finanzierte
Ausstellungsorte für internationale und regionale Kunst. Das Rohnerhaus in Lauterach und
der Otten Kunstraum in Hohenems beherbergen
jeweils eigene spezialisierte Privatsammlungen,
stehen aber auch immer wieder für Sonderausstellungen zur Verfügung. Der Kulturbericht
2014 führt 16 private Kunstgalerien auf. Darüber hinaus gibt es private Sammlungen und
kommunal programmierte Ausstellungsorte.
Die Art Bodensee in Dornbirn bietet als jährliche
Kunstmesse eine Auftrittsmöglichkeit für Galerien aus Vorarlberg und den Nachbarländern.
Für die geschichts-, kultur- und sozialwissenschaftliche Forschung (Zuständigkeit Abteilung
IIb) ist das künstlerische Medium Fotografie
besonders interessant. Derzeit wird das von der
Vorarlberger Landesbibliothek angekaufte
fotografische Gesamtwerk von Nikolaus Walter
katalogisiert. Durch die Fotosammlung dieser
öffentlichen Einrichtung werden auch andere
Genres fotografischen Schaffens, vor allem
Presse- und Ansichtskartenfotografie, in den
Korpus bewahrenswerter Kulturdokumente
aufgenommen. Eine beispielgebende Rolle in
der Setzung von Standards für systematische
Erfassung, Katalogisierung und Konservierung
von Fotografien hat das Stadtarchiv Dornbirn
inne. Eine Herausforderung für Archive und
Museen ist es, angesichts der digitalen Bilderschwemme Sammelkriterien für Fotografie
als künstlerisches und sozialdokumentarisches
Medium festzulegen.
Das Land Vorarlberg hat durch seine langjährige, seit den 70er-Jahren von der Kunstkommission begleitete Ankaufspolitik einen Querschnitt durch das Vorarlberger Kunstschaffen
nach dem Zweiten Weltkrieg angelegt. Die Bestände finden sich größtenteils im Depot des
vorarlberg museums. Künstlerinnen und Künstler werden durch Ankäufe und Projektbeiträge
gefördert. Eine offene Frage ist, wie diese Ankäufe und die daraus resultierende Sammlung
historischer und zeitgenössischer Vorarlberger
Kunst besser sichtbar gemacht werden können.
Überlegungen zu einem Schaudepot sind in
diesem Zusammenhang eine mögliche Variante.
Ein weiteres Förderinstrument sind die Preise
F ilm , K in o , V i d e o
In der Vorarlberger Film- und Kinoszene kann
erst einmal grob nach Produzenten und Veranstaltern unterschieden werden. Zu letzteren
gehören das renommierte Nenzinger Kurzfilmfestival Alpinale und die Kluser kurzFilmnacht
in Klaus. Ebenso Veranstalter sind die Kinos
und – oftmals in Kooperation mit ihnen –
die privaten Filmclubs, welche gemeinsam ein
vielfältiges und qualitätsvolles Filmangebot
gewährleisten. Insgesamt ist die Sparte Film
ein wachsender Bereich kultureller Produktion.
Ausdruck davon ist das Filmwerk Vorarlberg,
das sich als Qualitätsgemeinschaft von Filmund Musikschaffenden versteht. Lebendige
Impulse kommen vom Nachwuchs, der nicht
zuletzt durch den Intermedia-Studiengang der
Fachhochschule Vorarlberg generiert wird.
30
2 Befund
2.4 Istzustand – Weit auf engem Raum
31
A r c hi t ek t ur
Von Seiten des Landes wurde gemeinsam
mit Vertretern der Wirtschaft, des Tourismus
und der Kultur die Vorarlberger Filmförderung
erweitert. Eingerichtet wurde eine separate
Förderschiene, mit der speziell Filme unterstützt werden, die Vorarlberg als Kultur-,
Wirtschafts- oder Tourismusstandort thematisieren.
K ul t ur ini t i at i v en , Z ent r en
Fast alle größeren Vorarlberger Orte verfügen
über Kulturinitiativen und Kulturzentren.
Diese in einigen Fällen über viele Jahre gewachsenen Einrichtungen sehen sich als
regionale Kulturvermittler, die niederschwellig
einen Raum für die Rezeption von und die
Partizipation an Kunst und Kultur anbieten.
So arbeiten sie intensiv mit engagierten Kunstund Kulturschaffenden zusammen und ziehen
oft auch Interessierte von weiter her an. Aus
der Fülle herausgegriffen sind hier beispielhaft
die Kammgarn Kulturwerkstatt in Hard, das
Kulturforum Bregenzerwald, der Kulturverein
Bahnhof in Andelsbuch, der Spielboden in
Dornbirn, das Theater am Saumarkt und die
poolbar in Feldkirch, die Artenne in Nenzing,
die Propstei St. Gerold sowie die Vereine
kult pur in Nüziders und allerArt in Bludenz.
Zu diesen Vereinen kommen noch zahlreiche
Einzelpersonen als Kulturveranstalter hinzu,
etwa das Gasthaus Krone und die Holzwerkstatt Markus Faißt in Hittisau. Im Segment
der Kulturinitiativen und -zentren finden sich
zudem spartenübergreifende Gruppen, die kaum
schlüssig im Korsett einer LIKUS-Kategorisierung fassbar sind. Das betrifft die Schnittstellen
zur Jugendkulturarbeit, zum Sport (Artistik)
und zu kommerziellen Anbieterinnen und Anbietern, aber auch die interkulturellen Vereinsaktivitäten und neuen Experimentierfelder.
Als Interessenvertretung dieser Kulturinitiativen
besteht die IG Kultur Vorarlberg, ein eigenständiger und unabhängiger Verein, der stark
mit der IG Kultur Österreich und den IGs in
anderen Bundesländern kooperiert. Sie bietet
Beratungs- und Serviceleistungen für Kulturschaffende, unter anderem in Sozialversicherungs- und Urheberrechtsfragen, und publiziert
Untersuchungen zu den Bedingungen des Kulturschaffens in Vorarlberg. Die Kulturvereine
sind in der Regel auf ein hohes Engagement
unbezahlter Freiwilliger angewiesen, selbst
dann, wenn sie über eine professionelle Kernstruktur verfügen. Als Veranstalter sind sie
in Vorarlberg unverzichtbar. Ihre Stärken liegen
in der Unterstützung kultureller Initiativen vor
Ort, im Anbieten von Ressourcen (Proberäume,
Produktionsstätten, etc.) und in der Zusammenarbeit mit anderen lokalen Einrichtungen.
Kulturinitiativen sichern landesweit die kulturelle Vielfalt und die Beteiligung kulturell
interessierter Menschen. Gleichzeitig leisten
sie einen wichtigen Beitrag zu lebenswerten
Verhältnissen in der Region, weil sie Vorarlberg insgesamt ein kulturelles Angebot bescheren, das es quantitativ und qualitativ mit
einer mittleren Großstadt aufnehmen kann.
Die kleinen Kulturveranstalter sehen sich zumindest förderungspolitisch mitunter im Schatten der großen, landeseigenen Institutionen.
Da diese ebenfalls einen Auftrag zur kulturellen Grundversorgung der Bevölkerung
haben, ist ein Konfliktpotenzial zwischen
Anstellungsverhältnissen und ehrenamtlicher
Struktur gegeben. Die kommenden Herausforderungen werden nicht nur in einer tragfähigen Gestaltung dieses Verhältnisses
bestehen, sondern auch in einem gelingenden
Generationswechsel der Trägerinnen und
Träger der genannten Kulturinitiativen. Sie
sind oft aus der alternativkulturellen Dynamik
der 70er- und 80er-Jahre hervorgegangen
und müssten nun für Nachwuchs sorgen.
Inzwischen verfügt Vorarlberg seit Jahrzehnten
über eine hohe internationale Reputation als
Architekturland. Moderne Architektur ist zu
einem Aushängeschild geworden. Ein Beispiel
dafür ist der preisgekrönte, von Bernardo
Bader erbaute Islamische Friedhof in Altach.
Die Krumbacher Bus-Wartehäuschen
(BUS:STOP Krumbach), die von renommierten
Architektinnen und Architekten aus aller Welt
realisiert wurden, unterstreichen, dass sich
architektonische Highlights nicht nur auf die
urbanen Räume, sondern auf ganz Vorarlberg
erstrecken. Peripherie ist auf diese Weise
kein Nachteil, sondern Überraschungskapital
und Markenzeichen.
beiden Messen ArtDesign Feldkirch und
Unikat B in Bludenz sind Plattformen für den
Auftritt der Designszene. Für den Bereich
Mediendesign gibt es einen eigenen Studiengang an der Fachhochschule Vorarlberg
(Zuständigkeit Abteilung IIb), welcher gerade
auch im Hinblick auf den gesellschaftlich
wichtigen Diskurs über Medien, Mediennutzung und Digitalisierung von Relevanz ist.
Int er n at i o n al er K ul t ur au s t au s c h
Zur Darstellung des kulturellen Schaffens eines
Landes gehören auch die öffentlich finanzierten
Möglichkeiten eines internationalen Kulturaustausches. In Vorarlberg sind das etwa die
Stipendien für Artist-in-Residence-Projekte
Für das internationale Ansehen der zeitgenössiim Ausland. Vorarlberg finanziert auf diese
schen Architektur hat das Vorarlberger ArchiWeise Aufenthalte in Paliano bei Rom sowie
tektur Institut (vai), eine von Architekten selbst
Austauschprojekte mit Bilbao (Spanien)
ins Leben gerufene Initiative, eine entscheidenund Nida (Litauen). Darüber hinaus werden
de Rolle gespielt. Das Kunsthaus Bregenz hat
zahlreiche Auslandsprojekte von Kulturschafdiese Wirkung durch seine Architektur, Ausstelfenden mit Förderbeiträgen unterstützt oder
lungen und zahlreiche Architekturpublikationen, als Impulsprojekte abgewickelt. Die Arbeit in
in denen auch Vorarlberg prominent aufscheint,
der Internationalen Bodensee Konferenz (IBK)
verstärkt. Das Architekturarchiv des vorarlberg
ist ein Beispiel für grenzüberschreitende Kulmuseums befindet sich derzeit im Aufbau.
turkooperationen. Zu erwähnen sind außerDas Land Vorarlberg hat durch die gezielte Fördem die von St. Gallen initiierte Ausstellung
derung von mobilen Architektur- und Design„Heimspiel“ oder aktuell der Künstleraustausch
ausstellungen immer wieder zur Schaffung des
mit Liechtenstein. Für den Austausch und die
internationalen Rufs der Architektur beigetragen. Vernetzung von Kulturschaffenden in der
Bodenseeregion ist auch die Einbindung von
H an dwer k , K r e at i v wir t s c h af t
Expertinnen und Experten aus NachbarlänMit der Architektur untrennbar verbunden sind
dern in den Kunstkommissionen ein sinnDesignleistungen der Innenarchitektur und Gevolles Instrument. Ein wichtiger Aspekt der
brauchsgüter wie Möbelstücke, Lichtkörper oder Internationalisierung sind des Weiteren KunstKüchen. Ohne die zumeist von Architektinnen
und Kulturschaffende, die außerhalb Vorarlund Architekten ausgehenden Impulse wäre
bergs leben, doch mit ihren Arbeiten in
beispielsweise der Werkraum Bregenzerwald in
Vorarlberg und auf die Region wirken. Dazu
Andelsbuch als Vorzeigeprojekt des Vorarlberger
zählen etwa die bildenden Künstler Ruth
Handwerks nicht denkbar. Neben den DesignSchnell und Wolfgang Flatz, der Designer
leistungen des Handwerks gibt es auch jene
Stefan Sagmeister oder der Komponist
der Vorarlberger Kreativwirtschaft in Bereichen
Georg Friedrich Haas. Die Ausformung einer
wie Grafik- und Mediendesign oder Modedynamischen Kulturlandschaft lebt von
und Produktdesign. Sie finden heute ihren Platz
den Wechselwirkungen zwischen dem Innen
in den regelmäßigen Präsentationen des
und Außen.
designforum Vorarlberg in Dornbirn. Auch die
32
2. 5 Kultur f örderung
2. 5 .1 Politik und Ver waltung
A r b ei t s p r o gr amm
Teilhabe verstärken
Vielfalt absicher n
At traktivität
des Kulturstandor ts
erhalten
Nachvollziehbare
Kulturf örder ung
Neuausr ichtung
vorarlberg museum
Konsolidier ung
Landestheater
Inter nationaler
Austausch
Das Arbeitsprogramm der Regierung von
2014 bis 2019 ist mit dem Ziel „Vorarlberg gemeinsam gestalten“ betitelt. In dem der Kultur
gewidmeten Kapitel formuliert die Landesregierung folgende Grundsätze und Schwerpunktziele: Die Landesregierung bekennt
sich zur Freiheit, Unabhängigkeit und Vielfalt
des kulturellen Lebens in unserem Land, mit
dem Ziel einer möglichst breiten Teilhabe aller
Bevölkerungsschichten. Vorarlberg konnte
sich in den letzten Jahren als attraktiver Kulturstandort im Bodenseeraum etablieren. Der gute
Ruf der heimischen Kulturlandschaft stützt
sich dabei sowohl auf renommierte Institutionen als auch auf viele Vereine und Verbände.
Den kulturellen Reichtum in Vorarlberg zu
erhalten, zu fördern und zu unterstützen, ist das
Hauptziel der Vorarlberger Landesregierung.
Kulturelles
Gedächtnis
Kulturförderung ist eine wesentliche Investition
in die Gesellschaft, welche zur Vielfalt der
kulturellen und künstlerischen Ausdrucksformen beiträgt. Neben der Erschließung des
kulturellen Erbes gilt das besondere Augenmerk der Landesregierung der Förderung der
zeitgenössischen Kunst. Daher ist neben der
heimischen Kunst- und Kulturproduktion im
Sinne einer weltoffenen und selbstkritischen
Gesellschaft auch der internationale Austausch
zu forcieren.
Industr iegeschichte
•
Filmf örder ung
Kultur und
Tour ismus
Freifahr t f ür
Kultur
Statistische Daten
Teilhabe verstärken: Am kulturellen Leben
aktiv oder passiv teilzuhaben ist ein Grundbedürfnis. Es ist deshalb ein erklärtes Ziel
der Landesregierung, einem größeren Anteil
der Bevölkerung öffentlich finanzierte oder
mitfinanzierte Kulturangebote näher zu bringen. Dazu bedarf es verstärkter Impulse in
der Kulturvermittlung und einer intensiven
Zusammenarbeit von Kultur- und Bildungseinrichtungen. Attraktive und innovative
Konzepte sollen die Teilnahme und Teilhabe
der Vorarlberger Bevölkerung am kulturellen
Geschehen im ganzen Land erhöhen.
• Vielfalt absichern: Um die kulturelle Vielfalt
abzusichern, agiert die Landesregierung als
verlässliche Partnerin auch der privaten Kultureinrichtungen (Vereine, Verbände), die als
wichtige Akteure in den Regionen des Landes
Kulturangebote als öffentliches Gut bereitstellen.
Vorarlberg als attraktiven Kulturstandort im
Bodenseeraum erhalten: Es gilt, international
anerkannte und etablierte Einrichtungen
wie die Bregenzer Festspiele, das Kunsthaus
Bregenz, das vorarlberg museum, das Landestheater, das Jüdische Museum Hohenems oder
auch die inatura in Dornbirn weiterhin in
ihren Aktivitäten bestmöglich zu fördern und
zu unterstützen, ebenso wie die regionalen
Kulturträger, die traditionellen Kulturverbände
(z.B. Blasmusikverband, Chorverband, Trachtenverband, Landesverband für Amateurtheater) und zahlreiche Projekte und Initiativen im ländlichen Raum. Damit soll sichergestellt werden, dass Kultur auch in Zukunft
überall im Land spürbar und erlebbar ist.
•
Nachvollziehbare Kulturförderung: Die
Effizienz und Transparenz der Förderungen
werden durch zeitgemäße Richtlinien, die
jährliche Veröffentlichung im Kulturbericht,
ein fortlaufendes Monitoring sowie durch die
bewährten Instrumente der Qualitätssicherung
in den verschiedenen Kunstkommissionen
gewährleistet und ständig weiterentwickelt.
Dies wird über angemessene Landesbeiträge
zum Betrieb u.a. auch in Form von mehrjährigen Fördervereinbarungen erreicht.
Es wird sichergestellt, dass diese Instrumente
auch für Nachwuchskünstlerinnen und
Nachwuchskünstler gelten. Die Basis dafür
bildet das Kulturförderungsgesetz.
•
34
2 Befund
2.5 Kulturförderung
2 . 5 . 1 Po l i t i k u n d Ve r w a l t u n g
Neuausrichtung vorarlberg museum: Die
inhaltliche Neuausrichtung setzt auf eine verstärkte Vernetzung mit anderen Museen und
Einrichtungen im Land, grenzüberschreitend
auf die Intensivierung der Kooperation mit
anderen Institutionen und auf den vermehrten
Einsatz zeitgemäßer, attraktiver Formate zu
Fragen der „Vorarlberger Identität“.
•
Landestheater: Die in den vergangenen Jahren
begonnene, dynamische Entwicklung mit
Schauspiel, Kinder- und Jugendtheater sowie
Musiktheater wird konsequent weitergeführt.
•
Internationaler Austausch: Die bereits bewährten Formate zum Künstleraustausch,
die Nutzung von Auslandsateliers zur künstlerischen Weiterentwicklung heimischer Kulturschaffender oder die Möglichkeiten, Kunstwerke im Ausland zu präsentieren, werden
fortgeführt und weiterentwickelt. Architektur
aus Vorarlberg ist Gegenstand der Wanderausstellung „Getting Things Done“, die seit 2015
in den weltweit insgesamt 30 Österreichischen
Kulturforen gezeigt wird. Die internationalen
Austauschaktivitäten werden mit Hilfe von
Residencies verstärkt und für alle Sparten geöffnet.
•
Förderrichtlinien Film: Für die Förderung
des Genres Film wurde ein neues Modell
entwickelt, welches neben dem künstlerischen
Aspekt besonders regional-wirtschaftliche und
standort-touristische Effekte berücksichtigt.
•
Kultur und Tourismus: Die Zusammenarbeit
von Tourismus und Kultureinrichtungen wird
unterstützt, indem die öffentlichen Räume,
welche die Kultur für Einheimische und Gäste
bereitstellt, auch über die Instrumente der
Tourismusorganisationen kommuniziert werden.
In Zusammenarbeit mit Vorarlberg Tourismus
werden fortlaufend „Points of Interest“
im Kulturbereich erfasst und für interaktive
Karten genutzt.
•
Freifahrt für Kultur: Das Angebot Eintrittskarte = Fahrkarte soll ausgebaut werden. Insbesondere für Kindergärten und Schulen sollen
entsprechende Angebote entwickelt werden.
•
Kulturelles Gedächtnis: Fortgesetzt werden
soll die Auseinandersetzung mit den Geschichtsbildern und dem Geschichtsbewusstsein, die Vorarlbergs kulturelles Gedächtnis
ausmachen. Ziel sollte dabei sein, auf Basis der
ersten Schritte einer zeitgemäßen Diskussion
mit tradierten Manifestationen der Gedenkund Erinnerungskultur (Mahn- und Denkmäler),
den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.
Dies umfasst strategische Schwerpunktsetzungen in Bezug auf Archivarbeit und die
wissenschaftliche Beschäftigung etwa mit den
Formen des neuen und alten Antisemitismus.
•
Industriegeschichte: In der Archivarbeit und
der wissenschaftlichen Aufarbeitung der
Landesgeschichte (Zuständigkeit Abteilung IIb)
soll ein Schwerpunkt auf bestimmte Aspekte
der Industriegeschichte Vorarlbergs, wie
z.B. die Textil- oder Elektrizi­t ätswirtschaft,
gesetzt werden. Diesbezüglich für die Kulturabteilung relevant sind Sondierungen zu
einem Industriemuseum.
•
Statistische Daten beschaffen: Über die
kulturellen Aktivitäten der Bevölkerung
werden grundlegende Daten beschafft.
•
L ei s t un g s v er ein b ar un g
Alle Organisationseinheiten der Landesverwaltung wenden zur Planung und Steuerung das
New Public Management-System „V aufkurs“
an. Dadurch ist für alle Verantwortungstragenden nachvollziehbar, was mit welchen Mitteln
zur Erzielung welcher Wirkungen zu tun ist
und getan wurde. Kernidee der Verwaltungsentwicklung ist dabei das Modell der Leistungsvereinbarung.
Für die Abwicklung der Kulturförderung und
für die Umsetzung von Schwerpunktthemen
der Kulturarbeit wird zwischen Politik und
Verwaltung eine Leistungsvereinbarung
unterzeichnet. Diese hat den Charakter einer
Zieldefinition für das jeweilige Haushaltsjahr
und dient als Instrument zur wirkungsorientierten Steuerung. Formelle Gültigkeit erlangt
die Leistungsvereinbarung durch die Unterschriften des ressortzuständigen Regierungsmitglieds als Auftraggeberin oder Auftraggeber und der Führungskraft der Kulturabteilung
als Auftragnehmerin oder Auftragnehmer.
Mit der Unterzeichnung bestätigen beide
Seiten, dass der vom Landtag genehmigte
Voranschlag, soweit die Organisationseinheit als Bewirtschafterin zuständig ist,
und der Beschäftigungsrahmenplan eingehalten werden. Die Leistungsvereinbarung
wird jährlich nach Abstimmung zwischen
Politik und Verwaltung für das folgende
Haushaltsjahr abgeschlossen. Bei Eintreten
unvorhergesehener, bedeutsamer Ereignisse
kann die Leistungsvereinbarung beiderseits
angepasst werden. Neben jährlichen Maßnahmen und Zielen umfasst die Leistungsvereinbarung die Schwerpunkte aus dem
aktuellen Arbeitsprogramm der Landesregierung. Zur Halbjahres- und Jahresbilanz
ist ein Ampelbericht vorzulegen. Spezielle
Berichtszeiträume können individuell vereinbart werden. Zielabweichungen werden
im Ampelbericht begründet und Korrekturmaßnahmen vorgeschlagen.
37
2. 5 . 2 Rechtsgrundlage
Es lohnt sich, Vorarlbergs KulturförderungsgeAuf unserem Kontinent wurde mit dem am
setz nicht als singuläres Phänomen zu begreifen, 1. November 1993 in Kraft getretenen Vertrag
sondern als eine in größeren Zusammenhängen
über die Europäische Union erstmals eine
verortete Rechtsgrundlage.10
Rechtsgrundlage für das kulturpolitische Engagement der EU geschaffen. Im „Kulturartikel“,
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
§167 des Vertrags von Lissabon (2009), ver(UN-Menschenrechtscharta von 1948) befasst
pflichtet sich die EU zur Wahrung der kulturelsich im Artikel 27 mit der Kultur als Menschen- len Vielfalt Europas sowie zur Unterstützung
recht. Zwei Punkte sind dort festgehalten:
von Aktivitäten der Mitgliedstaaten zum Schutz
„Jeder Mensch hat das Recht, am kulturellen
des gemeinsamen Kulturerbes und zur FörLeben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich
derung des zeitgenössischen künstlerischen
der Künste zu erfreuen und am wissenschaftliSchaffens.13 Unter Beachtung des Subsidiarichen Fortschritt und dessen Wohltaten teilzu- tätsprinzips beschränkt sich die Rolle der EU
haben. Jeder Mensch hat das Recht auf Schutz
allerdings auf die Förderung der Zusammenarder moralischen und materiellen Interessen, die
beit zwischen den Kulturakteuren der Mitgliedsich aus jeder wissenschaftlichen, literarischen
staaten und die Ergänzung ihrer Initiativen.
oder künstlerischen Produktion ergeben, deren
Letztlich bleibt damit die Kulturkompetenz
Urheber er ist.“11
uneingeschränkt bei den Mitgliedstaaten. Mit
der Charta der Grundrechte der Europäischen
Dem Menschen als sozialem, kulturellem Wesen Union wurden die Grund- und Menschenrechte
wird damit also der Zugang zur Kultur und
kodifiziert. Darin erkennt die Union etwa
der Rechtsschutz der Urheberschaft zugesagt.
folgende für den Kunst- und Kreativsektor releAuf der Internetplattform Humanrights.ch wird
vante Grundsätze an: Freiheit der Meinungsdiese Freiheit des Kulturlebens noch präzisiert
äußerung und Informationsfreiheit (Artikel 11),
und interpretiert: „Das Recht auf Teilnahme
die Freiheit von Kunst und Wissenschaft (Aram kulturellen Leben erschöpft sich nicht im
tikel 13), die Nichtdiskriminierung (Artikel 21)
Besuch von Veranstaltungen und Museen,
und die Vielfalt der Kulturen, Religionen und
sondern ist in einem weiteren Sinn zu verstehen. Sprachen (Artikel 22).14
Dazu zählt auch das Recht, seine eigene Kultur
überhaupt zu leben. Zu den kulturellen Rechten
In Österreich schreibt die Verfassung dem Staat
zählt auch der Zugang zum kulturellen Erbe
keine direkte Verpflichtung zur Pflege oder
anderer.“12 Diese Rechte sind schwer einklagbar,
Förderung von Kunst und Kultur vor. Neben
sollten aber Richtschnur für staatliches Handeln einer Reihe von Sondergesetzen zur Kultur,
und internationale Beziehungen sein.
etwa zum Urheberrecht, zu Museen, zur Denk-
Die hier dargestellten Rechtsgrundlagen beziehen sich nur auf den Zuständigkeitsbereich der Kulturabteilung.
Die Bereiche Wissenschaft inklusive Studienförderungen und Stipendien, Erwachsenenbildung, das Musikschulwesen und Öffentliche Bibliotheken sind durch eigene Rechtsgrundlagen, Strategiedokumente
und Leitlinien der Abteilung Wissenschaft und Weiterbildung geregelt. Für die Agenden im Zuständigkeitsbereich der Abteilung sind darüber hinaus zwei eigene Beiräte eingerichtet – der Wissenschaftsbeirat
und der Weiterbildungsbeirat, die sich mit Fragen der strategischen Weiterentwicklung befassen.
11
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Resolution 217 A (III) vom 10.12.1948: http://www.humanrights.ch/
de/internationale-menschenrechte/aemr/text/artikel-27-aemr-freiheit-kulturlebens [Stand: 10.2.2016].
12
Ebd.
13
Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (Konsolidierte Fassung): http://europa.eu/pol/pdf/
consolidated-treaties_de.pdf [Stand: 10.2.2016].
14
Amtsblatt der Europäischen Union, 2000/C, 364/1, 18.12.2000: http://www.europarl.europa.eu/charter/
pdf/text_de.pdf [Stand: 10.2.2016].
10
Mit der U N ESCO verf üge n
die Vere inte n Natione n
über e ine e ige ne Kulturorganisation. Als Mitgliedstaat hat Öster re ich 2006
das „U N ESCO-Ü bere inkomme n über de n Schutz
und die Förder ung der
Vielfalt kultureller Ausdr uck sfor me n“ ratif izier t.
Fo r m u l i e r t w e r d e n
dar in unter anderem das
Ziel, „die Voraussetzunge n
daf ür zu schaf fe n, dass
Kulture n sich e ntfalte n
und f re i in e iner f ür alle
Se ite n bere icher nde n
We ise interagiere n könne n“
sowie der G r undsatz,
„die besondere Natur von
kulturelle n Aktivitäte n,
G üter n und Die nstle istunge n als Träger von
Id e n t i t ä t , We r t e n u n d
Si n n a n z u e r k e n n e n“.
Vgl. ht tp://www.unesco.at/
kultur/kultur vielfalt.htm
2 Befund
38
2.5 Kulturförderung
2.5.2 Rechtsgrundlage
malpflege oder zum Film, hat sich die Republik
mit dem Kunstförderungsgesetz 1988 jedoch
mit einem eigenen Förderungsgesetz selbst zur
Kunstförderung verpflichtet. In der heute gültigen Gesetzesversion (2016) sind die Aufgaben
der Kunstförderung wie folgt festgeschrieben:
„Im Bewusstsein der wertvollen Leistungen,
die die Kunst erbringt und in Anerkennung
ihres Beitrages zur Verbesserung der Lebensqualität hat der Bund die Aufgabe, das künstlerische Schaffen in Österreich und seine
Vermittlung zu fördern. Für diesen Zweck sind
im jeweiligen Bundesfinanzgesetz die entsprechenden Mittel vorzusehen. Weiters ist die
Verbesserung der Rahmenbedingungen für die
finanzielle und organisatorische Förderung
des künstlerischen Schaffens durch Private und
der sozialen Lage für Künstler anzustreben.
Die Förderung hat insbesondere die zeitgenössische Kunst, ihre geistigen Wandlungen und
ihre Vielfalt im Geiste von Freiheit und Toleranz
zu berücksichtigen. Sie hat danach zu trachten,
die Kunst allen Bevölkerungskreisen zugänglich zu machen und die materiellen Voraussetzungen für die Entwicklung des künstlerischen
Lebens in Österreich zu verbessern.“15
Ebenso erläutert wird dort der Gegenstand
der Förderung: „Insbesondere zu fördern
sind das künstlerische Schaffen der Literatur,
der darstellenden Kunst, der Musik, der bildenden Künste, der Fotografie, des Films und
der Videokunst sowie neuer experimenteller
oder die Grenzen der genannten Kunstsparten
überschreitender Kunstformen.“ Weiter genannt
sind dort die „Veröffentlichung, Präsentation
und Dokumentation von Werken“, die „Erhaltung von Werkstücken und Dokumenten“
und „Einrichtungen, die diesen Zielen dienen“.
Eingeschränkt wird diese Förderung auf Kulturleistungen, die von überregionalem Interesse,
beispielgebender Wirkung oder innovatorischem
Charakter sind.16
In Vorarlberg regelt das Gesetz über die Förderung der Kultur die grundsätzliche Ausrichtung und die Ausgestaltung der kulturellen
Förderpraxis.17 Entstanden ist es in Folge der
Landtagsenquete 2005 als Resultat eines breit
geführten Diskussionsprozesses mit Kulturschaffenden und Fachexpertinnen und Fachexperten. Mit diesem knappen und sehr offen
gehaltenen Gesetz wurde die Gesetzesgrundlage von 1974 aktualisiert und dem heutigen
Kulturverständnis angepasst.
In den Allgemeinen Bestimmungen wird darin
der Kulturauftrag des Landes definiert. Das
Land bekennt sich zur Freiheit, Unabhängigkeit
und Vielfalt des kulturellen Lebens. Es verpflichtet sich, das kulturelle Leben, welches in
Vorarlberg stattfindet oder sonst einen Bezug
zum Land hat, zu fördern. Das kulturelle
Leben erstreckt sich auf Kunst, Wissenschaft,
Bildung und Pflege des kulturellen Erbes.
Es wird getragen von den Kulturschaffenden
und von Personen, die in den genannten
Bereichen vermitteln. Die Gemeinden fördern
das kulturelle Leben im örtlichen Bereich.
Dabei handelt es sich um eine Aufgabe ihres
eigenen Wirkungsbereichs.
Im Anschluss sind die konkreten Ziele ausgeführt: Ziel der Förderung ist die Schaffung
günstiger Rahmenbedingungen für das
kulturelle Leben. Dabei ist auf die Vielfalt
des kulturellen Lebens in seinen regionalen
und überregionalen Zusammenhängen Bedacht
zu nehmen. Inhaltliche Schwerpunkte sind
Gegenwartskunst, Wissenschaft und Weiterbildung sowie Erschließung des kulturellen Erbes.
Günstige Rahmenbedingungen sind insbesondere auch für die Teilhabe am kulturellen
Geschehen sowie für die öffentliche Auseinandersetzung mit Kunst und Wissenschaft
anzustreben.
Bundesgesetz vom 25. Feber 1988 über die Förderung der Kunst aus Bundesmitteln (Kunstförderungsgesetz):
https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe? Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=10009667 [Stand: 10.2.2016].
16
Ebd.
17
Gesetz über die Förderung der Kultur (Kulturförderungsgesetz), LGBl. Nr. 38/2009: https://www.vorarlberg.at/
pdf/kulturfoerderungsgesetz20.pdf [Stand: 10.2.2016].
15
39
Im zweiten Abschnitt werden der Gegenstand
der Förderung, das Verfahren sowie das
Prinzip des Kulturbeirates und der Kunstkommissionen beschrieben: Nach Maßgabe der
im Voranschlag vorgesehenen Mittel fördert
das Land insbesondere kulturelle Einrichtungen und Verbände, Projekte und Programme
von Kulturveranstaltern, Leistungen von
Personen, die künstlerisch oder wissenschaftlich arbeiten. Weiters fördert das Land das
kulturelle Leben, indem es selbst kulturelle
Einrichtungen betreibt oder sich an solchen
beteiligt. Eine mehrjährige Förderung ist
möglich, soweit dies für strukturelle Maßnahmen zur Erreichung der Ziele notwendig ist.
Ebenso gesetzlich geregelt wurde, unter Bedachtnahme auf notwendige Sonderregelungen
von Sparten, die Erstellung von Förderrichtlinien. In Anpassung an das Gesetz wurden
2011 daher von der Landesregierung drei
Richtlinien beschlossen: zur Förderung von
künstlerischen Leistungen (Kunstförderrichtlinie), zur Förderung von Maßnahmen zur
Pflege des kulturellen Erbes (Kulturelles Erbe)
sowie zur Förderung von Kunst im öffentlichen Raum (Kunst und Bau). Diese enthalten
grundsätzliche Angaben zu Gegenstand, Art
und Ausmaß der Förderung sowie zum Verfahren und verpflichten die Kulturabteilung, die
Erreichung und Wirksamkeit der festgelegten
Förderungsziele periodisch zu evaluieren.
Im Sinne der Transparenz der Kulturförderung
sieht das Gesetz vor, dass die Landesregierung
dem Landtag alljährlich einen Kulturbericht
vorzulegen hat. Alle Maßnahmen der Kulturförderung sind darin für die einzelnen Bereiche
und in ihrer Gesamtheit darzustellen. Individualförderungen sind für Frauen und Männer
getrennt auszuweisen.
2 Befund
40
2.5 Kulturförderung
2.5.3 Kommissions- und Beiratsmodell
2. 5 . 3 Kommissions- und Beiratsmodell Das Modell der Kunstkommissionen und des
Kulturbeirats sowie deren Arbeitsweise sind
im Kulturförderungsgesetz verankert. Die
Kommissionen haben die Aufgabe, die Landesregierung in spartenspezifischen Fragen
der Kulturförderung zu beraten und einmal
jährlich in einer öffentlichen Veranstaltung
über ihre Arbeitspraxis zu informieren.
Diese Tätigkeit kann sich auf konkrete Empfehlungen bei Förderansuchen oder auf Aussagen
zu Entwicklungen und Förderprinzipien innerhalb einer Kategorie beziehen. Der Kulturbeirat ist eingerichtet, um der Landesregierung
in grundsätzlichen oder sonst bedeutsamen,
fächerübergreifenden Fragen zur Kulturförderung Auskunft zu geben. Ihm gehören
das für die Angelegenheiten der Kultur zuständige Mitglied der Landesregierung an, ein
von der Landesregierung bestelltes Mitglied
aus der Kulturabteilung zur Berichterstattung,
je ein von den im Landtag vertretenen politischen Parteien bestelltes fachlich befähigtes
Mitglied, ein Mitglied aus jeder Kunstkommission sowie auf Dauer der Landtagsperiode
bestellte Expertinnen und Experten.
Mit der Festlegung auf ein Kommissionsmodell
wurde die Qualitätssicherung der Kulturförderung auf ein breites Fundament gestellt.
Im Unterschied zu Alternativmodellen, in
denen mitunter Einzelpersonen alleine Wertungen vorzunehmen haben oder eine Kommission für alle Sparten zuständig ist, liegt
der Vorteil des Vorarlberger Ansatzes in der
zielgenauen Diskussion eines Feldes kultureller
Aktivität. Im Sinne einer tatsächlich gelebten
Partizipationskultur wirken im Beirat und
in den Kommissionen an die 50 Kulturakteure
mit, die mit ihrem Erfahrungsschatz die
Rahmenbedingungen der Kulturentwicklung
konturieren. Der Think-Tank im Hintergrund
erleichtert die Arbeit der Kulturabteilung
und wirkt einer automatisierten Förderabwicklung entgegen. Ein positiver Effekt
der kommissionellen Arbeit liegt zudem in
der kontinuierlichen Bewertung der Szene,
die einer quartalsmäßigen Evaluierung gleichkommt. Durch das Rotationsprinzip, welches
eine maximale Kommissionszeit von zwei
Perioden zu jeweils drei Jahren vorsieht, bleibt
dieses Instrument der Qualitätssicherung
offen für neue Sichtweisen und flexibel für
allfällige Kurskorrekturen.
Kunstkommissionen sind für die Bereiche der
Bildenden und Angewandten Kunst, für die
Literatur, die Musik, den Film, die Darstellende
Kunst (Theater, Tanz, Performance) und das
Aufgabengebiet Kunst und Bau eingerichtet.
2014 wurde zudem die Kommission Kulturelles
Erbe und Landeskunde bestellt. Soweit es
die Landesregierung für notwendig erachtet,
in Einzelfragen der Kulturförderung oder
bereichsübergreifend beraten zu werden, kann
sie durch Verordnung eine weitere Kommission
nominieren. Gesetzlich vorgesehen sind ein
von der Landesregierung bestelltes Mitglied
aus der Kulturabteilung als Vorsitz und je vier
bis sieben von der Landesregierung bestellte
Mitglieder aus dem jeweiligen Bereich. Anzustreben ist eine ausgewogene Besetzung mit
Frauen und Männern. Bei Bedarf sind zu
einer Sitzung Sachverständige oder Auskunftspersonen beizuziehen.
Blickt man etwa im Bereich der Musik auf
die Vielfalt der dort etablierten Stilrichtungen,
verdeutlicht sich die Notwendigkeit, schon
bei der Besetzung einer Kommission ein möglichst breites Erfahrungsspektrum zu garantieren. Nur so kann die Qualitätsdiskussion
ernsthaft stattfinden. Wichtig sind einerseits
die Kenntnis der Szene und andererseits
für den Perspektivwechsel ebenso der Außenblick, der etwa durch Expertinnen und
Experten aus dem Bodenseeraum oder international erfahrenen Kunst- und Kulturschaffenden eingebracht werden kann. Bestellt
werden neue Kommissionsmitglieder von
Seiten der Landesregierung auf Empfehlung
der Kommissionen, der Kulturabteilung
oder auf Basis externer Vorschläge.
In einer Kommissionssitzung wird jeder
einzelne Antrag von den Fachexpertinnen
und Fachexperten ausführlich diskutiert.
Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung ist
ein Beschluss, der einfache Stimmenmehrheit erfordert und zugleich einer Förderempfehlung entspricht. Stimmberechtigt sind
alle Mitglieder der jeweiligen Kommission
sowie die oder der Vorsitzende. Im Sinne der
Gleichstellung aller Antragstellenden hat
ein Kommissionsmitglied im Falle von Befangenheit vor der Diskussion des Förderfalles
in der Sitzung den Raum zu verlassen.
Aufgabe der oder des Vorsitzenden ist, alle
für die Entscheidungsfindung relevanten
Daten und Fakten ausreichend zur Sprache
kommen zu lassen. Von jeder Sitzung der
Kunstkommissionen sowie von jedem diskutierten Geschäftsfall existiert ein abteilungsinternes Protokoll, welches der oder dem
politisch Verantwortlichen zur Kenntnis
gebracht wird. Im jährlich veröffentlichten
Kulturbericht sind alle Kommissionsmitglieder genannt und alle Maßnahmen der
Kulturförderung dargestellt.
41
43
2. 5 .4 Arbeitsfelder der Kulturabteilung
Der Landes-Rechnungshof Vorarlberg hat
im Jahr 2014 die Kulturabteilung und deren
Abwicklung der Kulturförderung geprüft.
Die Textpassagen zu den Arbeitsfeldern folgen
inhaltlich in weiten Teilen den Analysen
aus dem Prüfbericht.18
satorisch vorbereitet und abgewickelt werden.
Das Kommissionsmodell ist ein flexibles Werkzeug einer partizipativ angelegten Qualitätssteuerung.
Die Aufgaben der Kulturabteilung umfassen ein
breites Leistungsspektrum. Als Bindeglied
zwischen Politik, Verwaltung und Kulturschaffenden ist die Abteilung einem dynamischen
Kräftefeld verschiedener Akteure ausgesetzt.
Sie ist Anlauf- und Koordinationsstelle für Kulturträger des Landes. Wesentliche Leistungen
sind Kulturförderung, Begleitung und Durchführung von Impulsprojekten sowie Steuerung
von Kultureinrichtungen mit Landesbeteiligung. Sie bietet zudem Information und Beratung in Bezug auf Unterstützungen im Bereich
Kunst und Kultur. Die Aufgaben der Kulturabteilung sind vier strategischen Arbeitsfeldern
zugeordnet, die wiederum Querschnittsaufgaben abbilden. Diese sind „Kultur finanzieren“,
„Qualität sichern“, „Service“ und „Kultur ermöglichen“. Finanzierung und Qualitätssicherung stellen dabei die Kernaufgaben dar.
Im strategischen Arbeitsfeld „Kultur ermöglichen“ werden aktiv Impulsprojekte und inhaltliche Schwerpunkte umgesetzt.
Ebenso wichtig für das Selbstverständnis der
Kulturabteilung ist die bewusste Serviceorientierung. Unter „Service“ fallen vor allem
die Auskunft, Beratung und Prozessbegleitung
der Antragstellenden. Anfragen betreffen
häufig die erforderlichen Voraussetzungen
und Unterlagen für ein Förderungsansuchen.
Besonders beratungsintensiv sind neue Projekte. In ihrer Funktion als Servicestelle bringt
die Kulturabteilung auch Schnittstellenpartner
und Kulturträger zusammen. Sie organisiert
beispielsweise Kulturvernetzungstreffen mit
ausgewählten Gemeindeverwaltungen und
Kulturtreffs. Letztere dienen überwiegend als
Plattform zwischen Politik, Fachabteilung
sowie Kulturakteuren und werden auch zum
Informationsaustausch genutzt. Eine externe
Serviceleistung bietet die Musikdokumentationsstelle, die für Musikerinnen und
Musiker, Komponistinnen und Komponisten
und Musikinteressierte eingerichtet wurde.
Sie erfasst Veranstaltungen sowie Aufführungsdaten von Werken und archiviert
Tonträger, Partituren und Notenmaterial.
In der Qualitätssicherung ist die Kontrolle der
widmungsgemäßen Verwendung der Fördermittel eine wichtige Aufgabe. Dazu zählen die
Prüfung von Abrechnungen, die Durchsicht von
Berichten und Belegen sowie stichprobenartige
Vorortkontrollen. Diese finden auch durch den
Besuch von geförderten Kulturveranstaltungen
statt. Neben der Qualitätskontrolle bietet dies
eine Grundlage für die inhaltliche Bewertung
und ist eine Wertschätzung der Kulturarbeit.
Von besonderer Bedeutung in punkto Qualitätsbeurteilung ist die Arbeit der Kunstkommissionen, welche von der Kulturabteilung organi-
In der Öffentlichkeitsarbeit ist die Redaktion
des jährlich erscheinenden Kulturberichts eine
wesentliche Aufgabe. Er wird gemeinsam mit
der Abteilung Wissenschaft und Weiterbildung
publiziert. Der Kulturbericht dient nicht nur
der Transparenz über die Vergabe der Fördermittel, sondern ist auch ein wichtiges Instrument zur Kommunikation der Förderungspolitik. Im Jahr 2015 wurde der Kulturbericht um
ausgewählte Schwerpunkte ergänzt und gestalterisch deutlich aufgewertet. Auch zukünftig
soll er Rückschlüsse auf konkrete Förderungsziele und Fördermaßnahmen erlauben.
Prüfbericht. Förderungen der Abteilung Kultur (IIc), Landes-Rechnungshof Vorarlberg, Dezember 2014:
http://www.lrh-v.at/report/foerderungen-der-abteilung-kultur-iic [Stand: 10.2.2016].
18
44
2 Befund
2.5 Kulturförderung
2.5.4 Arbeitsfelder der Kulturabteilung
Im strategischen Arbeitsfeld „Kultur ermöglichen“ setzt die Kulturabteilung periodische
Impulse in der Kulturszene. Von großer Bedeutung sind die regionale und überregionale Vernetzung sowie die Zusammenarbeit mit anderen
Abteilungen des Landes. Im überregionalen
Kontext ist die Abteilung Kultur beispielsweise
in der Internationalen Bodensee Konferenz
(IBK) vertreten. Auch die Organisation und Begleitung der Austauschprogramme sind diesem
Arbeitsfeld zugeordnet.
Konkrete Beispiele von Impulsprojekten liefern
die Filmförderung, die in Kooperation mit
der Abteilung Allgemeine Wirtschaftsangelegenheiten und Vorarlberg Tourismus
abgewickelt wird, oder Wanderausstellungen
zur Vorarlberger Architektur.
Schwerpunktmäßig forciert wird ebenso der
Bereich der Kulturvermittlung, etwa durch
die Initiative „double check“. Diese fördert
Partnerschaften zwischen Bildungs- und Kultureinrichtungen. Aus einem Impulsprojekt
entstand die „Museumsdokumentation“.
Sie dient der digitalen Erfassung musealer
Bestände. Eine externe Expertin unterstützt
vor allem kleine und mittlere Museen bei
der Ausarbeitung eines Sammlungskonzeptes
zur Sicherung der Kulturgüter.
46
2. 5 . 5 Beur teilungskriterien
Die Grundlage für die Beurteilung von Projekten ist der eingereichte Förderantrag, der
eine Beschreibung, eine Kostenaufstellung und
beigelegte Arbeitsproben umfasst. Quer durch
alle Sparten ziehen sich als vorrangige Kriterien
einer Befürwortung von Anträgen ein nachweisbarer Vorarlberg-Bezug und die zu erwartende Qualität. Das heißt, einerseits müssen
die oder der Antragstellende oder das eingereichte Vorhaben einen persönlichen oder
inhaltlichen Zusammenhang mit Vorarlberg
haben. Andererseits ist die Qualität der Einreichung hinsichtlich der künstlerischen Ausdruckskraft und der Eigenständigkeit des
beantragten Projekts ebenso relevant. Anhaltspunkte in der Diskussion sind dabei die inhaltliche, gestalterische oder technisch handwerkliche Form, die spezifische Art der Programmierung oder die beteiligten Personen,
die eine anspruchsvolle Abwicklung erwarten
lassen. Die Umsetzung künstlerischer Eigenproduktionen – statt des Zukaufs externer
Kulturprogramme – wird positiv bewertet.
Ein wesentlicher Punkt für die Einschätzung
von Förderanträgen ist die Beschäftigung
mit der bis dato über einen längeren Zeitraum
erbrachten Kulturarbeit einer oder eines Antragstellenden. Dies umfasst auch die geschichtliche Dimension. Herangezogen werden für
die Beurteilung in der Kulturabteilung oder in
den Kunstkommissionen die Biografien der
Einreichenden und anderer involvierter Personen. Referenzwerte zum Vergleich liefern in
diesem Zusammenhang die Eckpunkte der
Ausbildung, etwaige Auslandsaktivitäten, erlangte Stipendien, Preise oder bis dahin durchgeführte Projekte. Analog dazu ist bei Vereinen
oder Institutionen die Historie der einreichenden Trägerschaft bedeutsam. Gerade unter
dem Blickwinkel der Nachwuchsförderung ist
der Ausbildungsgrad bzw. der künstlerische
Entwicklungsstand der Antragstellenden für
die Beurteilung von Bedeutung. Davon abgeleitet werden Argumente für die Vergabe von
Startförderungen an junge Kulturschaffende.
Analysiert werden in den zuständigen Gremien
neben der Kontinuität und dem Innovationscharakter einer Kulturproduktion auch die
bisherige Präsenz und Bedeutung von Antragstellenden für die Kulturszene. Für die Sparte
Musik wären hier etwa CD-Produktionen,
für die Bildende und Angewandte Kunst konkret
Ausstellungen in namhaften Galerien, Ankäufe
für Sammlungen oder Publikationen Indikatoren und Gradmesser. Für die Auseinandersetzung im Bereich der Literatur sind dies öffentliche Lesungen und Publikationen, in der Sparte
Film ausgestrahlte Produktionen, Regiearbeiten
oder Drehbücher, und in der Darstellenden
Kunst aufgeführte Stücke und Rezensionen.
Bei Neuanträgen wird Augenmerk darauf
gelegt, inwieweit das eingereichte Projekt als
spezifischer Baustein der Kulturlandschaft
die im Kulturförderungsgesetz festgeschriebene Prämisse der kulturellen Vielfalt einlöst.
Berücksichtigt werden ebenso Aspekte der
geschlechtergerechten Mittelvergabe. Da im
Sinne der Allgemeinen Förderrichtlinien
des Landes ein Einsatz der Landesmittel nach
den Grundsätzen der Sparsamkeit, Wirtschaftlichkeit und Zweckmäßigkeit gewährleistet
sein muss, gilt es von Seiten der Abteilung und
den Kunstkommissionen zusätzlich die Plausibilität einer Kostenaufstellung zu erörtern.
48
2. 5 .6 Bausteine der Kultur f örderung
19
Um eine Vergleichbarkeit bei den Kulturausgaben in den österreichischen Bundesländern und
international zu erreichen, wurde mit LIKUS
(Länderinitiative Kulturstatistik) ein eigenes
System zur Ermittlung der Kulturdaten geschaffen. Diese Kulturausgabenstatistik bedient
sich eines Schemas, das Mitte der 90er-Jahre
speziell im Hinblick auf die Erfordernisse
der Kulturberichterstattung in einem föderalistischen System entwickelt wurde. Im Zentrum des Ansatzes steht ein spartenbezogenes
Raster, das kulturpolitisch relevante Felder
auf nachvollziehbare Weise abgrenzt und
dadurch die Vergleichbarkeit von Ausgabenpositionen aller Ebenen der öffentlichen Verwaltung unter dem Titel Kulturfinanzierung
ermöglicht – unabhängig von den besonderen
Praktiken der Kulturförderung oder Unterschieden in legistischen und administrativen
Normierungen. Der zugrunde liegende breite
Kulturbegriff geht konform mit international
gebräuchlichen Konzepten wie dem UNESCO
Framework for Cultural Statistics oder den
von Eurostat und Europarat vertretenen Schemata. Es gilt jedoch, auch eine andere Ebene
der Betrachtung zu berücksichtigen. Dieser
Blickwinkel geht der Frage nach, in welchen
Organisationsformen Kulturarbeit geleistet wird,
welche spezifischen Bedürfnisse diese unterschiedlichen Strukturen mit sich bringen und
wie im Rahmen der Kulturförderung bestmöglich darauf eingegangen werden kann.
Das Land fördert nicht nur aufgrund von Anträgen, es betreibt auch selbst kulturelle
Einrichtungen. Unter dem Dach der Vorarlberger
Kulturhäuser Betriebsgesellschaft (KUGES)
wird mit dem Kunsthaus Bregenz, dem
Vorarlberger Landestheater und dem vorarlberg
museum ein Basisangebot im Bereich der
Bildenden und Darstellenden Kunst sowie der
Volks- und Landeskunde durch die öffentliche Hand sichergestellt. Neben ihren Kernaufgaben koordinieren und vernetzen diese
Institutionen Akteure in ihren jeweiligen Sparten. Sie setzen Impulse und dienen als Partnerinnen und Partner für Kulturschaffende
und -initiativen im ganzen Land. Die Strahlkraft aller drei Häuser reicht in die Bodenseeregion und darüber hinaus. Anzumerken ist,
dass diese Institutionen zwar in Bregenz situiert
sind, aber durch ihre zahlreichen Kooperationen in alle Talschaften des Landes hineinwirken.
Das Strategiepapier der KUGES definiert die
Ausrichtung und Entwicklung ihrer Einrichtungen: „Bei der Gestaltung der Kunst- und Kulturprogramme legen die Kulturhäuser besonderen
Wert auf aktuelle gesellschaftliche Themen,
auf die Orientierung an internationalen Prozessen neben der regionalen Bindung und auf
Vernetzung.“19 Die KUGES unterliegt der
Kontrolle eines Aufsichtsrates. Ein Beteiligungsunternehmen des Landes ist die inatura in
Dornbirn. Mit der Stadt Dornbirn verfügt sie
über einen weiteren öffentlichen Gesellschafter.
Alle Beiträge zur Ausstattung der kulturellen
Grundversorger, der Verbände, Vereine, Gruppen
und einzelner kulturell tätiger Personen sind
Ausdruck eines Bekenntnisses des Landes zu
den vielschichtigen Ausformungen von Kunst
und Kultur. Mit Ausnahme der landeseigenen
und landesnahen Einrichtungen werden sämtliche Anträge der jeweils zuständigen Kommission vorgelegt. Die Qualitätssicherung der
landeseigenen und landesnahen Einrichtungen
erfolgt in den entsprechenden Gremien unter
Mitwirkung der Kulturabteilung und anderer
Kulturexpertinnen und Kulturexperten.
Das Land Vorarlberg hat sich bestimmten, überregional bedeutsamen Kultureinrichtungen
gegenüber in Form von Vereinbarungen verpflichtet, maßgeblich und dauerhaft zu deren
Finanzierung beizutragen. Für das Jüdische
Museum hat das Land in Kooperation mit der
Stadt Hohenems eine Fördervereinbarung
getroffen. Eine besondere Regelung gibt es bei
den Bregenzer Festspielen. Für sie werden die
Förderbeiträge von Bund, Land und Stadt nach
dem vereinbarten Schlüssel von 40 Prozent
Bund, 35 Prozent Land und 25 Prozent Stadt
Bregenz geleistet. Aufgrund seiner Relevanz
Strategie 2020 für die Vorarlberger Kulturhäuser Betriebsgesellschaft mbH, Mai 2014.
für Vorarlberg wird das Symphonieorchester
Vorarlberg ebenso als landesnahe Kultureinrichtung verstanden.
In Vorarlberg gibt es eine Vielzahl von Verbänden und von Vereinen mit verbandsähnlichem
Charakter. Alle diese Organisationen wirken
in die Breite und in die Tiefe. Sie übernehmen
als Anlauf- und Beratungsstelle für einzelne
Kulturschaffende und kleinere Vereine eine
wichtige Verteilungsfunktion und bieten in
vielen Fällen neben ideeller Hilfe auch finanzielle Unterstützung an. Auch in diesem
Segment setzt das Land auf wiederkehrende
Jahresförderungen. Zu ihnen gehören etwa
der Vorarlberger Blasmusikverband oder der
Vorarlberger Landestrachtenverband mit jeweils
mehreren Tausend aktiven Mitgliedern. Dazu
zählen ebenso der Chorverband, in dem 117
Chöre organisiert sind, die IG Kultur als Interessenvertretung von Kulturinitiativen, Literatur
Vorarlberg, netzwerkTanz mit 86 Mitgliedern
oder auch der Landesverband für Amateurtheater, der derzeit mehr als 70 Theatergruppen
betreut. Das Land fördert darüber hinaus die
Projekte und Programme zahlreicher Kulturveranstalter. Deren Arbeit deckt alle Sparten
kultureller Produktion ab und umfasst
Formate ganz unterschiedlichen Zuschnitts.
Die Bandbreite reicht von Museen, Festivals,
Konzerten, Ausstellungsplattformen, Filmclubs, Kulturinitiativen und -foren bis hin zu
landeskundlichen Aktivitäten.
Das kulturelle Bild des Landes prägen auch einzelne Kunst- und Kulturschaffende. Dies sind
die Künstlerinnen und Künstler, die Autorinnen
und Autoren, die Tänzerinnen und Tänzer,
die Schauspielerinnen und Schauspieler und
viele andere Protagonistinnen und Protagonisten
der Kultur. Neben der Förderung individueller
Vorhaben bildet sich die gezielte Unterstützung
von Einzelpersonen auch durch die Vergabe
von Stipendien, Preisen und Ehren- und Fördergaben ab. In der täglichen Arbeit der Kulturabteilung nehmen Einzelförderungen einen
durchaus beachtlichen Raum ein. 2015 waren
es alleine in der Sparte Bildende und Angewandte Kunst weit über 100 Anträge, die von
der zuständigen Kommission bearbeitet wurden.
3
Herausforderungen
3 Herausforderungen
52
3.1 Kultur als Schnittstellenphänomen
53
3.1 Kultur als S chnit tstellenphänomen
Kunst und Kultur sind keine in sich geschlossenen Systeme. Ständigen Veränderungen
unterworfen, müssen sie immer wieder
neu ausverhandelt werden. Im Strategieprozess wurde festgehalten, dass Kultur als
Schnittstellenphänomen zu begreifen ist.
Kulturarbeit im weitesten Sinne beschäftigt
sich mit Themen und Herausforderungen,
die unser Miteinander ausmachen und unsere
Lebenswelt betreffen. Daher kann Kultur
nicht getrennt von gesamtgesellschaftlichen
Fragestellungen und Agenden anderer politischer Felder gedacht werden. Es ist sowohl
für die gewachsenen Strukturen in Politik und
Verwaltung (Ressortverteilung) als auch
für das kulturelle Feld weniger eine Herausforderung als eine Notwendigkeit, Kultur als
transdisziplinäres Phänomen zu denken. Denn
Kunst und Kultur ereignen sich genau dort:
in den Zwischenbereichen, an den Berührungspunkten benachbarter Systeme. Es gilt,
Paradigmen neu zu denken, konkrete Schnittstellen zu definieren, diese kritisch zu diskutieren und im Sinne einer produktiven Zusammenarbeit künftig aktiver zu bearbeiten.
In Gesprächen mit externen und verwaltungsinternen Expertinnen und Experten wurde
unter anderem den Fragen nachgegangen, wie
die Schnittstellen zur Kultur jeweils definiert
werden, wo in diesem Zusammenhang die
konkreten Herausforderungen liegen und
welche Gemeinsamkeiten es gibt. Dabei hat
sich gezeigt, dass die Dialogbereitschaft und
der Mut zum Experiment trotz teils unterschiedlicher Zugänge und Haltungen
vorhanden sind. Die Peripherien der Kulturarbeit auszuloten und die Querbeziehungen
aktiv zu bedienen, birgt große Chancen, weil
sich dadurch neue Handlungsräume und
Potenziale für alle Beteiligten eröffnen.
Darauf hinzuweisen ist, dass abteilungsübergreifende Kooperationen bereits jetzt im
Alltag der Förderverwaltung des Amtes der
Vorarlberger Landesregierung eine große
Rolle spielen. Projekte, Publikationen oder
sonstige Vorhaben werden über Abteilungsgrenzen hinweg abgestimmt und ebenso
gemeinsam gefördert.
Eine ganzheitliche Betrachtung von Kultur
schließt die uns umgebende Natur, unseren
Lebensraum und die von uns geprägte Kulturlandschaft mit ein. Einen Boden zu kultivieren
bedeutet, ihn zu erschließen und zu bearbeiten.
Im Ortsbild- und Fassadenschutz, der zu
den Kulturagenden zählt, kooperiert die Kulturabteilung des Landes erfolgreich mit dem
Bundesdenkmalamt. Weniger offensichtlich
ist, dass auch die Landschaft als Gesamtbild
kulturell determiniert ist und kulturelle
Dimensionen daher auch in der Raumplanung
mitgedacht werden müssen. In innovative
Konzepte der Regionalentwicklung fließen aus
diesem Grund häufig kulturelle und künstlerische Aspekte ein. Dies geschieht zum Beispiel
im Rahmen der LEADER-Projekte. LEADER
(Liasion entre Actions de Développement
de l‘Economie Rurale) ist ein Förderprogramm
der Europäischen Union, mit dem seit 1991
modellhaft innovative Konzepte im ländlichen
Raum gefördert werden.
Künstlerische und kulturelle Aktivitäten, die
sich bewusst im ländlichen Raum verorten,
können einen bedeutenden Beitrag zur Sensibilisierung für die einzigartige Natur und
die Kulturdenkmäler unserer Heimat leisten.
Antony Gormleys Werk „Horizon Field“ (2010
bis 2012) war eine Landschaftsinstallation
aus 100 Eisenfiguren im alpinen Hochgebirge.
Sie führte das Publikum an die entlegensten
Orte Vorarlbergs und beförderte eine bewusstere
Wahrnehmung des eigenen Lebensraums mit
seiner spezifischen Topografie, Flora und Fauna.
Das Projekt illustriert, wie mithilfe von Kunst
auch auf Themen des Umweltschutzes, die
Erhaltung bedrohter Arten und eine ökologisch
nachhaltige Lebensweise aufmerksam gemacht
werden kann. Umgekehrt können auch Kunst
und Kultur von Konzepten aus diesen Feldern
profitieren. Beispiele dafür wären der Schutz
der Diversität, Naturverträglichkeitsprüfungen,
Samenbanken zum Erhalt seltener Pflanzenarten
oder auch das von der EU bei geschützten Naturräumen eingeforderte „Verschlechterungsverbot“.
In Analogie zu den zentralen Aufgaben und
Zielen der Kulturpolitik lassen sich daraus Ideen
für die Zukunft ableiten.
Überraschende Parallelen zwischen den vermeintlich konträren Feldern der Kultur und des
Sports gibt es im Verständnis über die Herausforderungen und die Praxis des Förderwesens.
Grundsätzlich sehen sich beide Abteilungen
zu einem Balanceakt verpflichtet, der auf der
einen Seite eine Vielfalt von Programmen und
Aktivitäten gewährleistet und auf der anderen
Seite Spitzenleistungen möglich macht. Die
Bausteine der Förderung bilden dabei sowohl
bei der Kultur als auch beim Sport ein Pyramidenmodell. Von einer breiten Streuung an der
Basis reicht das Spektrum über halbprofessionelle
und professionelle Initiativen und Verbände
bis zu herausragenden Einzelleistungen und
Leuchttürmen. In beiden Verwaltungseinheiten
bedeutet die Förderung breitenwirksamer Formate nicht automatisch, alles zu fördern, sondern
folgt einem strategischen Entwicklungsfokus.
Üblicherweise werden daher Anschubfinanzierungen gewährt und in einzelnen Disziplinen
zeitlich begrenzte Förderimpulse gesetzt.
So hat es sich im Spitzensport etwa als sinnvoll
erwiesen, anstelle der Grundförderung einer
Nischensportart eher Wettbewerbe zu fördern.
Im Bereich der Kultur entspricht diesem Ansatz
die Vergabe von Stipendien und spartenspezifischen Preisen. In Bezug auf die Evaluierung
von Zielvorgaben ist der Sport im Vorteil, weil
sich dort Qualität leichter in Zahlen messen
lässt. Nicht unerwähnt bleiben sollten aufgrund
ihrer Verwandtschaft zu Ausdrucksformen der
Darstellenden Kunst auch der Tanzsport und die
Artistik. Hinsichtlich der Möglichkeit, Knowhow auszutauschen sind hier gemeinsame Wege
denkbar.
Ein Segment, auf das im Rahmen der Kulturenquete wiederholt hingewiesen wurde, ist
die Förderung der Jugend. Dieses Thema steht
stellvertretend für eine Reihe von Kulturphänomenen, die sich nicht unmittelbar in der Struktur der Voranschlagstellen des Kulturbudgets
abbilden und deren primäre Zuständigkeit auch
woanders liegt. Bei den Landesförderungen aus
dem Ressort Jugend und Familie fällt jedoch auf,
dass ein überwiegender Prozentsatz der dortigen
Förderleistungen dem Großbegriff Kultur zuzurechnen ist. Das ist erfreulich und zeigt, dass
die diesbezügliche Zusammenarbeit sehr sinnvoll
ist und weiter vertieft werden kann. Hier wie
dort stellt sich die Frage, wie Neues und Innovatives neben dem Bestehenden Platz finden kann.
Das sich derze it im Auf bau
bef indliche Anerke nnungssystem zur gezielte n
Förder ung des f re iwillige n
Engageme nts von Juge ndliche n, e ine Kooperation des
Büros f ür Zukunf tsf rage n un d
des Ju ge n d- un d
Familie nreferats des Landes
mit dem Juge ndinformationsze ntr um aha und
360 – Vorarlberger Juge ndkarte, ist in Bezug auf
die Schnit tstelle zur Kultur
e in w i cht i g e s P r o j ek t .
Juge ndliche n wird im Zuge
dieser Initiative nach
Versteht man Kunst und Kultur als Spiegel und
Seismografen gesellschaftlicher Zustände, als
Inkubatoren und Verarbeitungsmechanismen
einer Gesellschaft, können sie in Bezug auf eine
im Wandel befindliche Gesellschaft wertvolle
Ansätze liefern. Eine stärkere Bedeutung von
künstlerischen und kulturellen Aktivitäten
wäre etwa hinsichtlich gelebter Interkulturalität,
bei der Steigerung der Lebensqualität für alle
Bevölkerungsgruppen oder der Gleichstellung
der Geschlechter vorstellbar. Da manche Themen gemeinsam angegangen werden müssen,
ist in diesen Punkten ressortübergreifende
Koordination und Zusammenarbeit gefragt.
Es ist ein grundsätzliches Anliegen der Kulturpolitik, Familien, Kinder und Jugendliche
auf vielfältige Weise mit Kunst und Kultur in
Berührung zu bringen sowie entsprechende
Kulturvermittlungsprogramme zu fördern.
Die Kulturabteilung selbst hat unterschiedliche
Akzente gesetzt und Formate ins Leben gerufen,
um Zugänge zu erleichtern. Ein aktuelles
Beispiel ist die aus einem Impulsprojekt der
IG Kultur hervorgegangene, 2015 im Probelauf
durchgeführte Schulaktion „Freie Fahrt zur
Kultur“, bei der alle Schülerinnen und Schüler
Vorarlbergs gratis mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu Kultureinrichtungen fahren können.
dem Mot to „do good things,
get good things“ die
Mögli chke it g eg ebe n ,
f ür ihre f re iwillige Tätigke it
be i Projekte n, in Vere in sf unkt ione n , be i ge me innützige n Aktione n
etc. Punkte zu sammeln
und diese in Belohnunge n
bzw. Anerke nnunge n
( sinnvolle Produkte,
besondere Erfahr unge n)
e inzutausche n.
54
3 Herausforderungen
3.1 Kultur als Schnittstellenphänomen
Weitere Belege gelebter Schnittstellenarbeit sind
„Reiseziel Museum“, ein mittlerweile länderübergreifendes Sommerangebot zur Attraktivierung der Museumslandschaft für ein junges
Publikum, oder die Kulturangebote auf dem
VOBS-Bildungsserver. Aus diesen Initiativen
wird erkennbar, dass die Bereiche Schule
und Bildung, auch wenn sie nicht in den Zuständigkeitsbereich der Kulturabteilung fallen,
doch wichtige Partner einer nachhaltigen
Kulturentwicklung sind. Der Input der Kulturszene bietet auch in Fragen der Bildungsentwicklung Potenziale. So fordert etwa der
Vorarlberger Kulturservice (VKS) den Kunstund Kulturbegriff in der Schule zu erweitern
und Kompetenzen wie Wahrnehmung, Reflexions- und Kritikfähigkeit fächerübergreifend
im Sinne eines modularen Unterrichts einfließen zu lassen. Gerade das Konzept der Ganztagsschule bietet dafür Möglichkeiten. Dies
setzt voraus, dass Kulturpädagogik und
-vermittlung bereits im Vorfeld in der Aus- und
Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern
eingebunden sind. Die Kulturabteilung des
Landes versteht sich hier als Brückenbauerin.
Die enge Verzahnung der Felder Kultur und
Wirtschaft zeigt sich deutlich an den Beispielen
Architektur und Handwerk. Diese zwei Sparten
stellen für die kulturelle Außenwirkung
Vorarlbergs einen unschätzbaren Wert dar.
Sie sind Kulturphänomene und im gleichen
Maße zentrale Wirtschaftsfaktoren. Darüber
hinaus überschneidet sich Kulturarbeit in
vielen Fällen mit wirtschaftlichen Belangen.
Dies belegt der inflationäre Gebrauch des
Begriffs der Kreativwirtschaft, zu welcher
etwa Design, Grafik und Typografie gehören.
Initiativen zur Ausstellung und Positionierung
des Designs, wie designforum Vorarlberg,
ArtDesign oder Unikat B sind ebenfalls Plattformen der Verschränkung von Kultur und
Wirtschaft. Hinsichtlich der von Seiten der
Wirtschaft geforderten Innovationskraft
leistet Kultur Pionierarbeit. Vor allen anderen
beschäftigt sie sich mit den Fragestellungen
unserer Zeit, erprobt neue Medien und alternative Ökonomien. Kunst und Kultur fördern
die Lebendigkeit einer Region. Sie schaffen
einen fruchtbaren Nährboden für Kreativität
und Innovation. So tragen sie unmittelbar
zum wirtschaftlichen Erfolg Vorarlbergs bei.
Kultur gewinnt als eigener Berufszweig sowie
als Standortfaktor zunehmend an Bedeutung.
Die Potenziale und positiven Effekte einer guten
Zusammenarbeit von Kultur und Wirtschaft
liegen auf der Hand. Dennoch ist festzuhalten,
dass etwa das Thema Kultursponsoring in
Vorarlberg unterdurchschnittlich entwickelt ist.
Es gilt, sowohl die Vertreterinnen und Vertreter
der Wirtschaft stärker für die Impulse aus der
Kultur als auch die Kulturszene für die Aufgleisung nachhaltiger Kooperationen zu sensibilisieren. Die Kulturabteilung vertritt gegenüber
dem Bund das Anliegen der Kulturschaffenden,
hier zusätzliche Anreize zu schaffen.
Vom Attraktivitätsfaktor Kultur, der Vorarlberg
in der Fülle seiner Angebote von anderen
Alpenregionen unterscheidet, profitiert auch
der Tourismus. Am Sonderfall der Filmförderung verdeutlichen sich die Kreuzungspunkte
der Interessen von Tourismus, Wirtschaft
und Kultur. Es geht darum, sowohl künstlerisch
ambitionierte Nischenprojekte zu ermöglichen
als auch die kommerziellen Interessen der
lokalen Filmwirtschaft sowie die Herstellung
und Positionierung eines markenkonformen
Vorarlberg-Bildes zu unterstützen. Gerade
am Beispiel einer großen Filmproduktion zeigt
sich die Komplexität ineinandergreifender
oder unterschiedlicher Interessenslagen.
Schnittstellenarbeit bedeutet, ähnliche Herausforderungen und sich überschneidende Themen
herauszufiltern, Kooperationen einzugehen,
gemeinsam Projekte abzuwickeln und zu
fördern. Manchmal heißt das aber auch, Zuständigkeiten klären, Grenzen ziehen oder sich
positionieren. Eine grundsätzliche Bereitschaft,
sich miteinander an einen Tisch zu setzen,
ist im Hinblick auf die skizzierten Herausforderungen jedenfalls unumgänglich.
56
3. 2 V ielfalt gewährleisten,
Zugänge ermöglichen
Die im Gesetzestext verankerten Zielbilder lesen
sich wie zwei Seiten einer Medaille. Auf der
einen Seite stehen die Produktion der Kultur und
der Ruf nach einer Kulturförderung, die Vielfalt zu gewährleisten hat. Auf der anderen Seite
findet sich die Ebene der Rezeption und damit
die Notwendigkeit, Zugänge zu Kunst und
Kultur zu ermöglichen. Das zeigt sich in gleicher
Weise beim Publikum. Die Vielfalt persönlicher
Zugänge, Geschichten, kultureller Hintergründe
und Interessen bereichert die Ausformung
des kulturellen Geschehens. Für die Kultureinrichtungen und Kulturschaffenden geht es im
Umkehrschluss darum, Themen der Kultur
nicht innerhalb geschlossener Kreise zu zirkulieren, sondern der vielschichtigen Zusammensetzung des Publikums auch in spezifischen
Formaten zu entsprechen.
kulturferne Bevölkerungsgruppen an die
Kultur heranzuführen. Kulturvermittlung
besitzt einen bedeutenden öffentlichen
Stellenwert und ist in Vorarlberg eine vielseitig gelebte, kreative und über die meisten
Kulturbereiche gestreute Praxis. Für die
Gesellschaft hat sie einen Bildungs-, Integrations- und Entwicklungswert. Auf Basis
dieser Studie reserviert die Kulturpolitik
seither finanzielle Mittel, um Strategien der
Vermittlungsarbeit weiterentwickeln zu
können. Diese Notwendigkeit ist auch im
Arbeitsprogramm der Landesregierung
verankert. Folgende aus der Erhebung übernommene Kernthesen leiten die Kulturabteilung in den diesbezüglichen Schwerpunktinitiativen: Kulturvermittlung spricht alle
Bevölkerungsschichten an. Sie bietet vielseitige
Möglichkeiten, um die Teilhabe an Kunst
und Kultur im Wandel der Generationen und
für verschiedene gesellschaftliche Gruppen
zu fördern. Kulturvermittlung trägt zur
Aufrechterhaltung und Entwicklung einer
Gesellschaft mit hoher Lebensqualität bei.
Sie vernetzt Kulturschaffende, Kulturpolitik
und Bevölkerung und fungiert als Bindeglied zwischen den Systemebenen.
Das Land Vorarlberg beauftragte im Jahr 2011
die Fachhochschule Vorarlberg, Forschungsbereich Sozial- und Wirtschaftswissenschaften,
eine Studie über kulturvermittelnde Aktivitäten
durchzuführen.20 Ziel der Studie war es, die
bislang nicht systematisch erfassten, vielseitigen
Aktivitäten der Kulturvermittlung im Rahmen
einer Vollerhebung regionaler Kulturorganisationen zu erkunden. Aus Sicht der befragten
Einrichtungen vermitteln Kunst und Kultur
Das Land hat eigene Vermittlungsplattformen
bedeutende gesellschaftliche Werte. Kultur
wie etwa den „Museumstag“ ins Leben gerusammelt generationsübergreifend Wissen und
fen. Im Schulbereich hat die Kulturabteilung
inspiriert zu Neuem. Dies spiegelt sich in der
mit dem Vorarlberger Kulturservice (VKS)
Gesellschaft und im eigenen Arbeitsbereich
einen starken Kooperationspartner. Unterstützt
wider. Kunst- und Kulturvermittlung bringen
werden zudem zahlreiche Schwerpunktprojekaber auch gesellschaftskritische Aspekte
te einzelner Veranstalterinnen und Veranstalzum Ausdruck und tragen damit zu einer
ter, wie die Theaterarbeit mit jungen Menschen
offenen und toleranten Gesellschaft bei, in
von Brigitte Walk oder die Lehrlingsprojekte
welcher Bildung über die Anhäufung von
von Bruno Winkler. Eine Fülle von Aktivitäten
Wissen hinausgeht. Unter Kulturvermittlung
soll gerade den niederschwelligen Zugang
verstanden werden alle Aktionen kulturzur Kultur ermöglichen und Barrieren abbauen.
schaffender Personen oder Organisationen,
Dazu gehört etwa die Unterstützung der Aktion
die der Bevölkerung auf pädagogische, spieler„Hunger auf Kunst und Kultur“. Ein Beispiel
ische oder kommunikative Weise Kultur naheeines erfolgreichen Inklusionsprojektes ist die
bringen. Derartige Initiativen fördern das
Arbeit von ARTquer in Frastanz.
Miteinander und zielen darauf ab, junge oder
Kulturvermittlung. Eine Studie zur Bedeutung und zum Umfang kulturvermittelnder Initiativen in Vorarlberg,
FH Vorarlberg, Forschungsbereich Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Dornbirn 2012.
20
Ein weiterer Baustein, um das Verständdie Lebenswelten der Jugend erfahren.
nis für Kunst und Kultur auf Seiten der
Derzeit gibt es 21 laufende Projekte.
Schulen und der Kultureinrichtungen
Bestens etabliert ist die Vermittlungsgemeinsam voranzutreiben, ist die
arbeit in den Landesinstitutionen.
Pilotaktion „Freie Fahrt zur Kultur“.
So werden etwa in der Jahresbilanz
Ab dem Schuljahr 2015/16 haben alle
des vorarlberg museums für das Jahr
Schulklassen in Vorarlberg Zugang
2014 bei einer Gesamtbesucherzahl
zu Freifahrttickets innerhalb des Gebie- von 57.000 in der Vermittlung
tes des Vorarlberger Verkehrsverbundes. 557 Führungen, 245 Workshops und
Pro Schuljahr und Schulklasse werden
201 Veranstaltungen angeführt.
zwei An- und Rückreisen zu KulturDie inatura in Dornbirn berichtet im
stätten mit Bus und Bahn kostenlos zur
gleichen Jahr von ebenso bemerkensVerfügung gestellt. 290 Schulen mit
werten 974 Gruppenführungen.
insgesamt 2.666 Klassen sind für die
Freifahrt zu 170 Kulturinstitutionen
Die Vielfalt gilt als wichtiger Parameter
berechtigt. Ein anderes aktuelles Beispiel eines zukunftsfähigen kulturellen
gelungener Vermittlungsinitiativen des
Lebens. Blickt man auf das bestehende
Landes ist „double check“. Im Rahmen
Kulturangebot Vorarlbergs, wird die
dieses Programms arbeiten je eine
Fülle offensichtlich: 300 bis 400 konBildungs- und eine Kultureinrichtung
krete Kulturereignisse bilden sich
in Form einer langfristigen und nachpro Monat im Kalender der Zeitschrift
haltigen Partnerschaft zusammen.
„Kultur“ ab. Dies könnte Anlass sein,
Kinder und Jugendliche erhalten durch
sich in Selbstgenügsamkeit zurückzusolche Kooperationen Einblicke in die
lehnen, ist es jedoch nicht, und erst
künstlerische Produktion. Kultureinrecht nicht unter den Vorzeichen
richtungen wiederum können mehr über einer kritischen Bestandsaufnahme
3 Herausforderungen
58
3.2 Vielfalt gewährleisten, Zugänge ermöglichen
59
3. 3 Balanc eak te
im Hinblick auf ausreichende Diversität. Der
Wunsch nach kultureller Vielfalt bringt automatisch die Frage nach den Herausforderungen
einer interkulturell geprägten Gesellschaft
mit sich.21 Angesichts der aktuellen Flüchtlingssituation sind Konzepte der Kultur gefragt.
Auch auf der Kulturenquete 2015 wurden die
Notwendigkeit gelebter Interkulturalität und
die Stärkung derselben betont. Wiederum sind
beide Seiten der Medaille zu betrachten: die
Möglichkeiten zur Teilhabe für ein bestimmtes
Publikum und die Vielfalt des Angebots.
Festgehalten wurde dezidiert die Wichtigkeit
von Angeboten von, mit und für Menschen
mit Migrationsgeschichte. Mit diesen wird
das Bewusstsein für die Kultur der Herkunftsländer geschärft und die Identifikation
mit der Kultur vor Ort ermöglicht. Infolge der
Enquete wurde der „Museumstag 2015“
unter das Thema „Interkulturalität“ gestellt.
Diskutiert wurden dabei Vorarlberg als Zuwanderungsland und die durch Arbeitskräftemangel bedingten Zuwanderungsbewegungen.
Ebenso dargestellt wurde das bereits entwickelte, bunte Spektrum an Impulsen im
Bereich der Vermittlung. Ein schönes Beispiel
dafür ist das Vielfaltenarchiv in Hohenems.
Die Vermittlungsbestrebungen werden dort
nicht als Integrationsarbeit verstanden,
sondern als Prozess, um einen selbstverständlichen Teil der Vorarlberger Kulturrealität
sichtbar zu machen. Einen ebenso wertvollen
Beitrag zum Kulturgeschehen der Region
leistet der Kulturverein MOTIF, der nicht
nur für ein türkischstämmiges Publikum
Veranstaltungen durchführt und produziert.
21
Der identitätsstiftende Nutzen von Kulturarbeit kann nicht hoch genug bewertet werden.
Unerlässlich für den Erfolg ist, anstelle
des Wir und Ihr das Gemeinschaftliche als
Maxime einzufordern. Die Offenheit, die
Neugier und der Austausch auf Augenhöhe
sind die wichtigsten Zutaten gelungener
Transkulturalität. Niederschwellige Angebote
und die mannigfaltigen Möglichkeiten der
Kunst können dabei mitwirken, eine pluralistische Zivilgesellschaft zu stabilisieren.
Die Kulturabteilung kooperiert in diesem Bereich mit der Koordinationsstelle für Integrationsangelegenheiten.
Anhaltspunkte zum Thema bietet das Integrationsleitbild mit den darin formulierten Leitzielen
„Grundrechte und Grundwerte sichern – Vielfalt leben“, „Herausforderungen annehmen – Potenziale entfalten“,
„Teilhabe fördern und fordern – Zusammenhalt stärken“: https://www.vorarlberg.at/pdf/gemeinsamzukunftgestalten.pdf [Stand: 7.3.2016].
Die Ergebnisse und offenen Fragen der Kulturenquete lassen erkennen, dass quer durch
alle Sparten und Felder der Kulturförderung
Balanceakte zu bewerkstelligen sind. Eine
dynamische Kulturlandschaft für die gesamte
Bevölkerung zu schaffen, zu pflegen und
weiterzuentwickeln, erfordert eine besondere
Sensibilität im Umgang mit Ambivalenzen:
Die Radikalität des Freien steht im Konflikt mit
der Strukturiertheit des Institutionellen, das
Neue sucht seinen Platz neben dem Etablierten,
das Bewährte trifft auf das Innovative, die
Flexibilität kleiner Einheiten versucht sich gegenüber den großen Kulturtankern zu behaupten. Im Ringen um ein Gleichgewicht unterschiedlicher Stoßrichtungen und Konzepte geht
es nicht um ein Entweder-oder, sondern vielmehr um ein ausbalanciertes Sowohl-als-auch.
Für die Erfüllung des gesetzlichen Auftrags
braucht es eine Kultur des Abwägens und eine
Diskursfähigkeit, wie sie in den Kunstkommissionen praktiziert werden. Um günstige Rahmenbedingungen für Kunst und Kultur herzustellen, ist es vorteilhaft, diese Spannungsverhältnisse nicht als Mangel aufzufassen, sondern
als Indizien für ein lebendiges Kulturgeschehen.
Ziel der Förderinstrumente des Landes ist ein
umfassendes kulturelles Angebot. Es gilt,
gleichzeitig breit gestreut die Grundversorgung
und herausragende Leistungen mit überregionaler Strahlkraft zu ermöglichen. Von der
Basis bis zur Spitze der Förderpyramide ist
dabei nicht nur die Publikumsreichweite eines
Projektes entscheidend. In Bezug auf eine Förderpraxis, die sich den Landeseinrichtungen
ebenso wie Nischenaktivitäten und der Kulturarbeit kleiner Initiativen verpflichtet sieht,
ist das vorrangige Kriterium einer positiven
Beurteilung die Qualität.
In den Open Spaces der Kulturenquete 2015
wurde das sogenannte Gießkannenprinzip
mehrfach genannt. Darunter verstanden wird
in der Kulturförderung häufig die gleichmäßige
Verteilung von Fördermitteln in der Fläche –
geografisch, gesellschaftlich und spartenbezogen. In den öffentlichen Debatten ist das
Prinzip manchmal negativ besetzt, da es
unterschiedliche Auffassungen darüber gibt,
ob damit tatsächlich Vielfalt im bestmöglichen
Sinne entsteht. Oder wird eher ein Überangebot genährt, das wiederum den Konkurrenzdruck steigert und zu Lasten der Qualität geht?
Interpretiert man das Prinzip der Gießkanne
als ein Gleichviel von Fördergeldern, bedeutet
dies bei stagnierenden Budgets letztlich ein
Gleichwenig.
Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang,
die Metapher der Gießkanne wörtlich zu nehmen. Tipps aus der Gartenfibel für eine erfolgreiche Bewässerung sind etwa: gleichmäßig
feuchthalten, kräftig angießen, Staunässe
vermeiden, den Boden benetzen, nicht in der
Mittagshitze gießen. Auch die Fachbegriffe
aus der Düngung bieten Assoziationsmöglichkeiten: Es gibt Langzeitdünger, Zugaben beim
Gießwasser, Spezialdünger für bestimmte
Sorten, Kopfdüngung während des Wachstums,
aber auch die Gefahr von Nährstoffmangel
oder Überdüngung. Der Einsatz der Gießkanne
kann variabel sein. Er kann flächig erfolgen
oder mit speziellen Brauseköpfen, kann empfindlichen Pflanzen eine exklusive Einzelbewässerung gönnen oder jungen Keimlingen
viel Wasser zukommen lassen, damit sie ausreichend Wurzeln bilden. Um das gewünschte
Wachstum zu garantieren, bedarf es einer Sensibilität für die gerade richtige Wassermenge.
Ungeachtet der kulturellen Grundversorgung,
die durch die Kulturförderung aller Sparten gewährleistet ist, braucht es für die Entwicklung,
den Erhalt und Ausbau von Spitzenleistungen
mit überregionaler Strahlkraft eigene Fördermechanismen. Investitionen in diesem Bereich sind
langfristig zu sehen. In vielen Fällen ist dafür
eine Internationalisierung unerlässlich. Impulse
von innen nach außen und umgekehrt können
fruchtbare Maßnahmen sein, um Neugier zu
wecken sowie Qualität und Diversität zu steigern.
3 Herausforderungen
3.3 Balanceakte
Gemessen an der Größe des Landes und seiner
Bevölkerungszahl haben die guten Rahmenbedingungen der Kulturförderung tatsächlich
zu einer Fülle des Angebots in Vorarlberg
geführt. Eindrücklich belegt wird dies durch die
statistische Auflistung des Veranstaltungskalenders in der Zeitschrift „Kultur“, die von
der Strategiegruppe seit September 2015 geführt
wird. Das Angebot verdichtet sich im Rheintal.
In ländlicheren Regionen ist es naturgemäß
weniger entwickelt, und es ist dort auch schwieriger, ein größeres Publikum zu erreichen.
Entwicklungsfähig ist diesbezüglich sicherlich
das Mobilitätsverhalten der Vorarlberger
Bevölkerung. Auf Seite der Besucherinnen
und Besucher ist die Reichhaltigkeit des kulturellen Lebens ein Vorteil oder vielleicht ein
Luxusproblem, weil es die Qual der Wahl
mit sich bringt. In Analogie zu der Palette an
Joghurts in den Kühlregalen eines großen
Supermarktes stellt sich die Frage, welches
Spektrum an Wahlmöglichkeiten sinnvoll ist.
Allein den Status quo zu wahren, wird in den
meisten Disziplinen kultureller Produktion
bereits als Stagnation empfunden. Der unbedingte Wille zum Wachstum ist deutlich
spürbar. Letztlich entstehen jedoch mit jedem
zusätzlichen Kulturangebot auch Mehrkosten.
In weiterer Folge kommt es zu einem Mehr
an Veranstaltungen, an Personaleinsatz und
einem Mehrbedarf an räumlichen Ressourcen.
Um unter dem Wettbewerbsdruck ähnlicher
Anbieter zu bestehen und sichtbar zu bleiben,
sind im Ringen um das Publikum zusätzliche
Mittel, Kräfte und Werbemaßnahmen erforderlich. Die Zuwachsraten des Kulturbudgets folgen
dieser Entwicklung nicht. Manchmal wird
sogar – vermeintlich zur Defizitkompensation –
mit weniger Mitteln noch mehr produziert.
Damit erhöht sich der Output, jedoch nicht unbedingt die Qualität. Gerade auch im Hinblick
auf die eingangs skizzierten gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen ist bei der Weiterentwicklung des kulturellen Angebots eine umfassende Betrachtung unter sozialen, ökologischen
und ökonomischen Gesichtspunkten vonnöten.
Ein Vergleich der Kulturbudgets der letzten
Jahre zeigt, dass in vielen Fällen gewachsene
Fördersummen fortgeschrieben werden.
Angesichts von steigenden Ausgaben und
Teuerungsraten entspricht diese Praxis
eigentlich einer schleichenden Reduktion
des Förderbeitrages. Dem entgegengesteuert
wird durch eine periodische Bewertung
der Kulturprogramme und Aktivitäten sowie
mit einer allfälligen, daraus resultierenden
Anpassung der Förderhöhe. Die von Seiten der
IG Kultur geforderte automatische Indexierung
von Förderbeiträgen wird als ungeeignetes
Mittel der Kulturförderung erachtet, da sie einerseits einem Förderautomatismus entspräche
und andererseits den Spielraum für Impulsprojekte des Landes einengen würde – erst recht
angesichts der aktuellen Budgetprognosen.
Es ist durchaus angebracht, das bestehende
Angebot kritisch zu hinterfragen – und dies
nicht nur in Bezug auf die Kulturszene, sondern
auch im Hinblick auf das Rollenverständnis
von Kunst und Kultur innerhalb einer Multioptionsgesellschaft. Gerade die Kunst mit ihren
Konzepten und sinnstiftenden Angeboten kann
dabei als Alternativmodell zu einer Eventisierung punkten. Ein Mehr an Kultur für Vorarlberg bedeutet in keinem Fall, dass es mehr
Ausstellungen oder Veranstaltungen bräuchte.
Im Gegenteil könnte eine allfällige Reduktion
und Konzentration der Fülle im Einklang
mit einer besseren regionalen Koordinationsund Abstimmungsarbeit dazu führen, dass
bestimmte Kulturereignisse besser wahrgenommen werden und mehr Publikum finden.
Den demokratischen Grundprinzipien folgend,
ist hier die Balance gefragt zwischen der Fülle,
die nicht zu viel des Gleichen bedeuten darf,
und der erforderlichen Vielfalt des Angebots.
Der Balanceakt hat einen lebendigen Wettbewerb zu fördern, Ungleichgewichte zu erkennen
und Ungerechtigkeiten zu verhindern. Von Seiten des Landes braucht es die Sensibilität für
neue Initiativen, den Mut, Erfolgsmodelle aktiv
zu begleiten und manche Dinge auch zu beenden.
Dafür sind flexible Fördermodelle gefragt.
61
62
3 Herausforderungen
3.3 Balanceakte
Es ist sicherlich eine Aufgabe der kommenden
Jahre, die gewachsenen Förderstrukturen
und allfällige Automatismen immer wieder
kritisch zu überdenken. Dem Wachstum steht
die Reduktion gegenüber, die sich etwa im
Jahr 2011 durch die Anwendung der Kreditbindung ergeben hat. Eine andere Möglichkeit
für die Kulturabteilung ist die Setzung periodisch begrenzter Akzente. Festzuhalten ist,
dass aufgrund der Wertschätzung für das
künstlerische Schaffen – auch in Bezug auf
tradierte Formate – tatsächlich selten Kürzungen ausgesprochen werden. Umso schwerer haben es im Gegenzug bei gleichbleibenden
Budgets die Erstansuchenden. Indem sie ihre
Ansprüche geltend machen, wird das Etablierte
hinterfragt und herausgefordert, sich argumentativ zu positionieren.
Bei und nach der Kulturenquete 2015 wurde
kritisch angemerkt, dass das Durchschnittsalter
der Teilnehmenden sehr hoch war. Man konstatierte die Notwendigkeit eines Generationenübergangs. Um Kunst und Kultur als Gradmesser
für den Zustand der Gesellschaft, als Erneuerungskraft des gesellschaftlichen Miteinanders
lebendig zu halten, braucht es das junge Kulturschaffen, den Nachwuchs in möglicherweise
erst noch zu entdeckenden Formaten. Voraussetzung dafür ist ein solidarisch gestalteter
Generationenvertrag. Das qualitätsvolle
Kultur- und Kunstschaffen junger Menschen
ist vorausschauend und explizit zu fördern.
Experimentierfelder sind zu erschließen,
Entwicklungen zu begleiten und interessante
jugendliche Impulse zu verstärken, um sie für
die Gesellschaft fruchtbar zu machen. Dies kann
vielleicht in Form zeitlich begrenzter, unbürokratischer Startförderungen oder durch Stipendien erfolgen. Ebenso gilt es, jüngere Bevölkerungsgruppen durch aktive Vermittlungsarbeit
als Publikum zu gewinnen.
Balance zu halten zwischen der Förderung eines
bewährten hochwertigen Kulturangebots und
dem Wunsch nach Innovation ist eine komplexe
63
wieder Verwirrung. Die Bezeichnung ist nur im
deutschsprachigen Raum zu finden. In den
70er-Jahren meinte sie zunächst ausschließlich
das alternative Theater im Vergleich zu den großen Bühnen etablierter bürgerlicher Hochkultur.
Inhaltlich verstand man darunter engagierte,
kritische Kunst verbunden mit sozialem und politischem Antrieb. Beabsichtigt waren demokratische Modelle, die sich von den unbeweglichen,
hierarchischen Institutionen unterschieden.
Die Vision war „Kultur für alle“.22 Im weiteren
Sinne fällt heute jede Einrichtung darunter,
die nicht aufgrund eines öffentlichen Auftrags
der Gemeinde, der Stadt, des Landes oder des
Bundes agiert. Im engeren Sinne versteht man
unter freier Szene ein professionelles Kunstund Kulturschaffen von Personen oder Gruppen,
das vorwiegend auf freiberuflicher Ebene
organisiert ist. Dieser Auslegung nach gehört
das kulturelle Engagement im Amateurbereich
nicht dazu. Aufgrund der Definitionsunschärfe
sollte der Begriff nicht überstrapaziert werden,
sondern schlicht als Etikett dienen, das als
Bezeichnung für die gesamte professionelle
Off-Szene aller Sparten Gültigkeit besitzt.
Aufgabe, weil die Erneuerung für sich nicht
kalkulierbar ist. Spannend wird es gerade
in Bereichen, in denen die konkrete Entwicklung
noch nicht absehbar ist, dort, wo etwas wächst,
was die Gesellschaft nötig hat, das vielleicht
vorhanden, aber noch nicht sichtbar ist.
Auch ein jüngeres Kunst- und Kulturschaffen
kann allerdings sehr konventionell sein.
Deshalb ist hier nicht nur das Junge im engeren
Sinne, sondern die Kraft der Innovation an
sich angesprochen. In einer restriktiven Gesellschaft entsteht die Gegenkultur von selbst.
Heute gehören jedoch die ehemals Widerständigen zu den Etablierten. Interessant ist daher,
wachsam den Prozess zu begleiten, wie sich
innerhalb einer pluralistischen Multioptionsgesellschaft eine Gegenkultur als Korrektiv
überhaupt ausbilden kann. Dafür gibt es kein
Steuerungsinstrument, sondern nur den Auftrag, gegebenenfalls nach neuen Lösungen zu
suchen und dafür Freiräume und Leerstellen
bereitzuhalten, die auch ein Scheitern erlauben.
Für wiederkehrende Diskussionen sorgt das Verhältnis der für landeseigene Institutionen und
die freie Szene aufgewendeten Fördermittel.
Aktueller Anlass hierfür war die in den letzten
Jahren überdurchschnittliche Aufwertung
der in der KUGES organisierten Einrichtungen,
die durch den Neubau des vorarlberg museums
und die Weiterentwicklung des Dreispartenmodells des Landestheaters erfolgte. Das Land
bekennt sich ausdrücklich zu seinen eigenen
Kultureinrichtungen, die überregional Strahlkraft besitzen. Ebenso wie die Bregenzer Festspiele sprechen sie ein internationales Publikum
an und erfüllen repräsentative Funktionen. Gleichermaßen gibt es das Bewusstsein dafür, dass
das Wachstum der landeseigenen Einrichtungen
in Relation zur Szene der Freien gesehen werden
muss. Die Qualität und Dichte des alternativen
Angebots, das Große im Kleinen, ist zu wahren.
Da der Begriff der freien Szene ebenso wie jener
der Kultur in sehr unterschiedlicher Weise verstanden und beansprucht wird, stiftet er immer
In Österreich und auch in Vorarlberg steht die
kulturelle Freiwilligenarbeit in Bezug auf Personenanzahl und geleistete Stunden innerhalb
aller ehrenamtlicher Tätigkeiten hinter dem
Sportbereich an zweiter Stelle.23 Laut IG Kultur
wird österreichweit fast die Hälfte der Arbeit
im Kunst- und Kulturbereich unbezahlt geleistet.
Die Unterstützung von Verbänden und Vereinen,
in denen kreatives Schaffen im Amateurbereich
organisiert wird, ist ein fester Baustein der
Kulturförderung. Die großen Kulturträger
im Freiwilligenbereich finden sich in der Sparte
Musik, mit den Verbänden des Chor- und
Blasmusikwesens, im Bereich der Heimat- und
Brauchtumspflege und beim Amateurtheater,
das ebenso in einer Verbandsstruktur organisiert
ist. Auch in der Museumsarbeit und in Kulturinitiativen leisten die Freiwilligen einen wertvollen gesellschaftlichen Beitrag. Hervorzuheben ist allerdings, dass derzeit einige Museen
in Vorarlberg (z.B. in Schwarzenberg und
Hittisau) einen anderen Weg suchen und vermehrt in Anstellungsverhältnisse investieren.
Freiwilliges Engagement im Kulturbereich
geschieht in der Regel im organisierten Rahmen
und zählt daher zur sogenannten „formellen
Freiwilligenarbeit“. Andere Kategorien dieser
Sparte sind etwa die Katastrophenhilfe oder die
Politik. In der Altersgruppe der 50- bis 70-jährigen ist der Anteil jener, die sich ehrenamtlich
engagieren, am höchsten. Das gilt auch für
den Kunst- und Kulturbereich. Österreichweit
lebt der überwiegende Teil der ehrenamtlich
Tätigen in Städten, aber auch in ländlichen
Gebieten ist diese Form des Engagements sehr
weit verbreitet, man denke nur an die Musikvereine, Volkstanzgruppen und Geselligkeitsvereine. Auffallend ist eine hohe Bildungsquote,
und im Unterschied zu anderen Freiwilligenbereichen sind in der Kultur Frauen und
Männer zu gleichen Teilen vertreten.24
Das Verhältnis zwischen der bezahlten und
der unbezahlten Arbeit im Kulturbereich
ist ein langjähriges Diskussionsthema. Aus
Sicht der IG Kultur steht dem positiven Aspekt
des Engagements und der Mitgestaltung
des Lebensumfelds oft eine unfreiwillig
unbezahlte professionelle Arbeit gegenüber:
Bei 118 untersuchten Kulturinitiativen sind
nur vier Prozent der Mitarbeitenden vollzeitbeschäftigt.25
Der ehemalige Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann hat mit diesem Begriff die Kulturpolitik in den
70er-Jahren neu geprägt: Hilmar Hoffmann, Kultur für alle. Perspektiven und Modelle, Frankfurt am Main 1979.
23
Freiwilliges Engagement in Österreich. Bundesweite Bevölkerungsbefragung 2012. Institut für empirische
Sozialforschung, Wien 2013: https://www.sozialministerium.at/site/Service_Medien/Infomaterial/Downloads/
Erhebung_zum_Freiwilligen_Engagement_in_Oesterreich [Stand: 10.2.2016].
24
Ebd.
25
IG Kultur Basisdatenerhebung österreichische Kulturinitiativen 2012:
http://igkultur.at/medien/publikationen/pilotprojekt-basisdatenerhebung-2012 [Stand: 10.2.2016].
22
64
3 Herausforderungen
3.3 Balanceakte
Es ist durchaus nachvollziehbar, dass aufgrund
des Engagements der Wunsch nach Anstellung
und nach Gewährung ausreichender Mittel
für Anstellungsverhältnisse besteht. Die Begrifflichkeit des „erzwungenen“ bzw. „bezahlten“
Ehrenamts ist jedoch paradox. Die Verantwortung für das Programm obliegt letztlich der
oder dem Freiwilligen selbst und kann nicht
delegiert werden.
Konsens ist, dass die ehrenamtliche Tätigkeit
als elementarer Bestandteil einer lebendigen
Kulturszene gesehen werden muss und entsprechende Wertschätzung verdient. Das Ehrenamt stellt an sich einen gesellschaftlichen Wert
dar und erhöht zugleich den persönlichen
Anteil am kulturellen Leben. Vor dem Hintergrund des sich vollziehenden gesellschaftlichen Wandels bietet eine auf Partizipation und
alternative Tauschwerte ausgerichtete Arbeitsform zudem interessante Ansätze für zukünftige ökonomische Modelle.
Das Land bekennt sich zur freien Szene.
Die prekären Verhältnisse im freiberuflichen
Kulturbereich sind bekannt, die Forderungen
nach fairer Bezahlung werden hier, ebenso
wie in allen anderen Arbeitsbereichen, als
relevant erachtet. Wichtig für die Beurteilung
von Förderanträgen ist eine gesamtheitliche
Betrachtung eines Projektes. Das schließt
die Berücksichtigung der Qualifikationen und
der Art des Engagements der handelnden
Akteure mit ein. Herausforderung wird sein,
die Rahmenbedingungen und die Dynamik
des ehrenamtlichen Engagements zu erhalten.
Ausständig ist dazu eine österreichweite
statistische Erfassung aller kultureller Aktivitäten der Bevölkerung.
4
Handlungsfelder
4 Handlungsfelder
68
4.1 Zusammenarbeiten
4 .1 Zusammenarbeiten
Das Miteinander stärken. Kunst und Kultur
können einen Beitrag dazu leisten, die anstehenden gesellschaftspolitischen Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen. Sie
bedingen eine Auseinandersetzung mit dem
Istzustand unserer Gesellschaft und tragen
damit zur Stärkung der Identität, zum Abbau
von Vorurteilen, zur Erneuerung von gesellschaftlichen Mustern und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer Zeit der Fragmentierung bei. Angedacht werden müssen Angebote der Kunst und Kultur als Beitrag zu
einem Miteinander – von kulturellen Kontexten,
Erfahrungshorizonten und Generationen.
•
Sicherzustellen ist, dass Kultur auch in
Zukunft überall im Land spürbar und erlebbar
ist. Die Vielfalt ist ein Indikator für die Lebendigkeit einer Kulturregion. Um die bestehende
Vielfalt abzusichern, agiert das Land Vorarlberg
als verlässlicher Partner von Kultureinrichtungen, die als wichtige Akteure in den Regionen
des Landes Kulturangebote als öffentliches
Gut bereitstellen. Die Attraktivität des Kulturstandorts im Bodenseeraum ist weiterhin
zu erhalten. Dies kann durch die bestmögliche
Unterstützung der international anerkannten
und etablierten landeseigenen Einrichtungen
ebenso erfolgen wie durch die Förderung
der landesnahen Einrichtungen wie Bregenzer
Festspiele, Jüdisches Museum in Hohenems
oder inatura in Dornbirn. Die regionalen
Kulturträger und traditionellen Kulturverbände, wie Blasmusik-, Chor-, Trachten- und
Amateurtheaterverband sowie zahlreiche
Projekte, Initiativen und Vereine im ländlichen
Raum sind ebenso zu unterstützen. Auf Basis
der Kulturenquete wird hier eingefordert,
ein spezielles Augenmerk auf die Vielfalt des
Kulturangebots von, mit und für Migrantinnen
und Migranten sowie auf die aktive Vermittlungsarbeit zu richten, vor allem auch, um
jüngere Bevölkerungsgruppen als Publikum zu
gewinnen.
•
Schnittstellenarbeit bedeutet, ähnliche
Herausforderungen und sich überschneidende
Themen herausfiltern, Kooperationen eingehen,
gemeinsam Projekte umsetzen und fördern.
Manchmal heißt Schnittstellenarbeit aber auch,
Zuständigkeiten klären, Grenzen ziehen oder
sich klar zu anderen Feldern positionieren.
Eine grundsätzliche Bereitschaft, sich miteinander an einen Tisch zu setzen und sich auszutauschen, ist im Hinblick auf die anstehenden
Fragen jedenfalls unumgänglich. In Analogie
zu der in Vorarlberg verfolgten gesundheitspolitischen Strategie von „Health in All Policies“
(Gesundheit in allen Politikfeldern), kann
auch die Kultur eine ressortübergreifende Rolle
einnehmen, um insgesamt zu einer höheren
Lebensqualität für alle Bevölkerungsgruppen
beizutragen. In folgenden Themenbereichen
ist eine koordinierte bzw. partnerschaftliche
Auseinandersetzung und Vorgehensweise
von Landesabteilungen und Interessensgruppierungen besonders sinnvoll: Wirtschaft (Filmförderung), Tourismus (Plattform Kultur und
Tourismus), Schule („Freie Fahrt zur Kultur“),
Bildung (Ganztagsschulen), Jugend und Familie
(Vermittlungsangebote), Wissenschaft (Gedenkkultur), Integration (Vielfalt und Zugänge),
Raum- und Regionalentwicklung (Großprojekte),
Verkehr (Kultur-Mobilität). Da sowohl Bund,
Land, Städte und Gemeinden Kultur fördern, ist
eine konstruktive Zusammenarbeit der verschiedenen Gebietskörperschaften ebenso relevant wie die landesinterne Abstimmungsarbeit.
•
Zugänge schaffen, Teilhabe verstärken. Es ist
ein erklärtes Ziel der Landesregierung, einem
größeren Anteil der Bevölkerung öffentlich
finanzierte oder mitfinanzierte Kulturangebote
näher zu bringen. Dazu bedarf es verstärkter
Impulse in der Kulturvermittlung und einer
intensiven Zusammenarbeit von Kultur- und
Bildungseinrichtungen. Attraktive und innovative Konzepte wie „Check! Kultur“, „Reiseziel
Museum“ oder „Tag des Denkmals“ sollen die
Teilnahme und Teilhabe der Vorarlberger Bevölkerung am kulturellen Geschehen im ganzen
Land erhöhen. Auf Basis der Erfahrungen
der Pilotphase der „Freien Fahrt zur Kultur“
sollen weitere Angebote entwickelt werden.
•
Vielfalt erhalte n
Verbandsstr ukture n
e valuiere n
Kulturangebote von,
mit und f ür Me nsche n
mit Migrationsgeschichte etabliere n
Niederschwellige
Angebote f örder n
Schulprojekte umsetze n
Gee ignete Kooperations-
Sowohl innerhalb als auch außerhalb der
Landesverwaltung ist die Koordinations- und
Vernetzungsarbeit ein zentrales Anliegen.
Dies umfasst Überlegungen zu gemeinsamen
oder zumindest abgestimmten Kulturkalendern
von Regionen, die Entwicklung einer Strategie zum Marketing (Ticketing) nicht kommerziell buchbarer Kulturangebote, das Ausschöpfen der teilweise noch wenig genutzten
touristischen Potenziale der Museen sowie
die Durchführung von Vernetzungstreffen
und Schwerpunktveranstaltungen wie dem
„Museumstag“ oder Diskursformaten zu kulturrelevanten Themen (z.B. Sozialversicherung,
Anstellungsverhältnisse).
•
modelle erarbe ite n
Ver mit tlungsangebote
ausbaue n
Professionalisier ung
unterstütze n
Fre ie Fahr t zur
Kultur e valuiere n
Koordiniere n
und ver netze n
69
4 Handlungsfelder
70
4.2 Impulse setzen
71
4 . 2 Impulse set zen
Fre iräume in
der Budgeterstellung
vorsehe n
Flex ible Fördermodelle e ntwickeln
Automatisme n
ver me ide n
Ze itlich begre nzte
Ak ze nte setze n
Ü berangebote
hinterf rage n
Kunstkommissione n
u n d Ku l t u r b e i r a t a l s
St e u e r u n g s gre mie n
nutze n
Per iodisch
e valuiere n
Kultur des
Bee nde ns ler ne n
Transpare nz
Flexible Kulturbudgets, flexible Fördermodelle.
Abzusehen ist, dass die budgetären Spielräume
in den nächsten Jahren tendenziell enger werden.
Daher gilt es für die Kulturpolitik des Landes,
erfolgreiche Gegenstrategien zu entwickeln,
damit Kunst und Kultur ihre gesellschaftliche
Funktion aufrechterhalten können. Es wird
in diesem Zusammenhang als sinnvoll erachtet,
im Rahmen der Budgeterstellung Freiräume
vorzusehen und die Modelle flexibler Förderabwicklung auszuweiten. Durch die angewandte
Praxis einer Teilhabe- und Mitsprachekultur,
die durch die Kunstkommissionen gewährleistet wird, kann punktgenau vierteljährlich
die Notwendigkeit von Akzentsetzungen
oder Kurskorrekturen diskutiert werden. Mit
Hilfe der Kommissionen und des Kulturbeirats finden eine periodische Evaluierung und
damit eine kritische Überprüfung gewachsener
Förderautomatismen statt. Nach außen sind
die jeweiligen Schwerpunktsetzungen der Kulturförderung transparent und nachvollziehbar
zu kommunizieren. Sichergestellt werden
soll dies durch die jährlichen Veröffentlichungen
im Kulturbericht, den Sprechtag der Kunstkommissionen und die Zurverfügungstellung
von Informationen auf der Homepage des
Landes.
•
sicherstelle n
Die gezielte Setzung von Sparten- oder
Themenschwerpunkten kann die Entwicklung
einer spezifischen Kulturszene fördern. Die
Akzente können sich ganz allgemein auf den
Stellenwert und die Themen der Kunst und
Kultur beziehen, aber auch viel konkreter auf
Touring-Töpfe für Musik- oder Theaterproduktionen und auf andere Entwicklungsimpulse
innerhalb einer künstlerischen Disziplin. Die
verstärkte Unterstützung von künstlerischen
Eigenproduktionen ist ein diesbezüglicher
Ansatz. Für die Förderung der Kategorie Film
wurde etwa im Jahr 2014 ein Fördermodell
entwickelt, das neben den künstlerischen
Aspekten besonders auch regional-wirtschaftliche und standort-touristische Effekte
berücksichtigt. Die konkreten Auswirkungen
•
Schwer punkt
Interkulturalität
setze n
Tour ing-Töpfe
e inr ichte n
Filmf örder ung
e valuiere n
Gege nwar tskunst
gezielt f örder n
Kulturelle
Spitze nle istunge n
gezielt f örder n
und Ergebnisse dieser Schwerpunktsetzung
sind in den nächsten Jahren gemeinsam
mit den Vertreterinnen und Vertretern
der Interessen- und Qualitätsgemeinschaft
Filmwerk Vorarlberg zu evaluieren und
in der Kunstkommission, als Gremium der
Qualitätssicherung, zu diskutieren.
Zusätzlich zur kulturellen Grundversorgung
braucht es für die Entwicklung, den Erhalt
und Ausbau von Spitzenleistungen mit überregionaler Strahlkraft eigene Fördermechanismen. Dies gilt im Besonderen für die Gegenwartskunst, die im Kulturförderungsgesetz als
Schwerpunktthema definiert ist. Investitionen
in diesem Bereich sind langfristig zu sehen.
In vielen Fällen ist dafür eine Internationalisierung unerlässlich.
•
In der Vorarlberger Kulturhäuser GmbH
(KUGES) sind das vorarlberg museum, das
Vorarlberger Landestheater und das Kunsthaus
Bregenz organisatorisch zusammengefasst.
Erklärtes gemeinsames Ziel ist es, hochwertige
Kulturproduktion zu ermöglichen. Gegründet
wurde die KUGES 1997 mit der Zielsetzung,
die landeseigenen Kultureinrichtungen aus der
Hoheitsverwaltung in eine privatwirtschaftliche Gesellschaftsstruktur auszulagern.
Die gemeinnützige Gesellschaft hat den Auftrag, die Leiter der einzelnen landeseigenen
Kulturhäuser im operativen Management
zu entlasten und zu begleiten. Die Kulturhäuser
haben 2014 einen separaten Strategieprozess
durchlaufen, der zu einem eigenen Strategiepapier geführt hat („Strategie 2020“). Der
kulturpolitische Anspruch der Kulturhäuser
ist die volkskundliche, kunst- und kulturhistorische Sammlung, Forschung, Ausstellung
und Vermittlung im vorarlberg museum, das
zeitgenössische Programmtheater (Sprech- und
Musiktheater) im Vorarlberger Landestheater
und die Präsentation internationaler zeitgenössischer Kunst im Kunsthaus Bregenz. Mit der
Arbeit der KUGES wird ein wesentlicher Beitrag zur vielfältigen Kulturlandschaft geleistet.
•
Die Kulturhäuser fördern den offenen Diskurs,
betreiben Vermittlungsarbeit, orientieren sich
an internationalen Prozessen und leisten regionale Vernetzungsarbeit. Die künstlerische Qualität steht dabei im Zentrum der Überlegungen.
Eine aktuell dringliche Herausforderung stellt
im vorarlberg museum die Umsetzung eines
Sammlungsdepots dar. Im Landestheater ist
die in den vergangenen Jahren erfolgte Entwicklung zum Dreispartenhaus aus Schauspiel,
Kinder- und Jugendtheater sowie Musiktheater
zu konsolidieren. Hauptaugenmerk im Kunsthaus liegt auf der Konzeption und Umsetzung
des „Ausstellungs- und Studienzentrums
Peter Zumthor“.
Die Freiwilligenarbeit leistet einen wertvollen Beitrag, Kultur in ihrer Vielfalt möglich
zu machen. Sie verdient entsprechende Wertschätzung. Vor dem Hintergrund des sich vollziehenden gesellschaftlichen Wandels bietet
eine auf Partizipation und alternative Tauschwerte ausgerichtete Arbeitsform interessante
Ansätze für zukünftige ökonomische Modelle.
Naturgemäß wird das Verhältnis der Fördermittel, die für landeseigene Institutionen und
für die nicht-institutionalisierte Szene aufgewendet werden, auch zukünftig für Diskussionen sorgen. Das Land bekennt sich ausdrücklich in gleichem Maße zu den landeseigenen,
landesnahen und freien Kultureinrichtungen.
Es besteht das Bewusstsein, dass das Wachstum des einen Segments stets in Relation zum
anderen Segment gesehen werden muss. Die
Qualität und Dichte des alternativen Angebots,
das Große im Kleinen, ist zu wahren. Zudem
erscheint es notwendig, Akzente für ein gutes
Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen
zu setzen sowie grundlegende Daten über
die ehrenamtlichen Kulturaktivitäten der Bevölkerung zu erheben. Herausforderung ist,
die Rahmenbedingungen und die Dynamik des
ehrenamtlichen Engagements zu erhalten.
•
Jugend und Erneuerung. Es braucht das junge
Kulturschaffen, damit Kultur ihre Erneuerungskraft entfalten kann. Eine Voraussetzung
dafür ist die Einsicht in die Notwendigkeit
eines solidarisch gestalteten Generationenvertrages. Es ist wichtig, das qualitätsvolle
Kultur- und Kunstschaffen junger Menschen
vorausschauend und explizit zu fördern.
Experimentierfelder sind zu erschließen,
Entwicklungen zu begleiten und interessante
jugendliche Impulse zu verstärken, um sie
für die Gesellschaft fruchtbar zu machen.
Ausgelotet werden müssen die Möglichkeiten,
inwieweit jungen Kunst- und Kulturschaffenden eine Zukunftsperspektive gegeben
werden kann, inwieweit entsprechende Arbeitsund Präsentationsflächen vorhanden sind,
inwieweit der Nachwuchs auch in den Entscheidungsprozessen ausreichend berücksichtigt wird und wie eine adäquate Förderung
der jungen Szene aussehen kann. Denkbar
sind zeitlich begrenzte, unbürokratische Startförderungen oder Stipendien. Ebenso relevant
ist es, die Spielwiesen zur Verfügung zu
stellen, auf denen junge Menschen ihre Kulturmodelle entwickeln können. Kunst und Kultur
erlauben den Freiraum zur Reflexion. Damit
werden Innovation und Erneuerung möglich.
Die Innovation ist jedoch schwer kalkulier- und
erst recht nicht steuerbar. Der Auftrag lautet
hier, gegebenenfalls nach neuen Lösungen
zu suchen und dafür Freiräume bereitzuhalten,
die auch ein Scheitern erlauben.
KUGES als regionale n
In Bezug auf die Weiterentwicklung der
Museumslandschaft sind die Vielfalt des
Bestehenden und die Wachstumspotenziale
der einzelnen Einrichtungen kritisch zu
diskutieren. Hinsichtlich eines Museums zur
Industriegeschichte Vorarlbergs wird es
als sinnvoll erachtet, vorerst die Rahmenbedingungen zu prüfen, unter denen ein solches
Industriemuseum innerhalb von bestehenden Institutionen agieren kann, die ebenfalls die Industriegeschichte Vorarlbergs
thematisieren. Grundlegend notwendig ist
Nachwuchs in
•
•
Netzwe rkpar t ne r ve ranke r n
Konze pt e ines Sammlun gsde pots um setze n
L an destheate r al s D re ispar te nhau s kon soli die re n
For m f ür ZumthorArchiv f in de n
Zum Ehre n amt beke nne n
Ve rhält ni sm äßi gke it
zw i sche n f re ie r Sze ne
un d In st it ut ione n wahre n
G ute Koope rat ione n
von Haupt- un d Ehre namtliche n unte r st ütze n
Statistische Date n
zur f re ie n Sze ne erhebe n
Juge nd-Förder projekte
stärke n
Exper ime ntierfelder
erschließe n
Innovative For mate
unterstütze n
Entsche idungsprozesse
involviere n
Unbürokratische
Star tf örder unge n und
Stipe ndie n anbiete n
Wachstumspote nziale
auslote n
72
4 Handlungsfelder
Industr iemuse um
dafür die Abklärung mit den Vertreterinnen
und Vertretern der Wirtschaft. Sicherlich
können in einem solchen Museum die unterschiedlichen Aspekte der Vorarlberger
Industriegeschichte, wie etwa die Textiloder Elektrizitätswirtschaft in größeren
Zusammenhängen und im Gegenwartsbezug
beleuchtet werden.
pr üfe n
Schwer punktprojekte
zur Gede nk- und
Er inner ungskultur
durchf ühre n
4.2 Impulse setzen
Digitalisier ung
unterstütze n
Fortgesetzt werden soll die Auseinandersetzung mit den Geschichtsbildern und dem
Geschichtsbewusstsein, die Vorarlbergs kulturelles Gedächtnis ausmachen. Ziel sollte
dabei sein, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen und die zeitgemäße Diskussion
über tradierte Manifestationen der Gedenkund Erinnerungskultur (Mahn- und Denkmäler) in Abstimmung mit der Abteilung
Wissenschaft und Weiterbildung fortzuführen.
Dies umfasst strategische Schwerpunktsetzungen in Bezug auf Archivarbeit und die
wissenschaftliche Beschäftigung etwa mit
den alten und neuen Formen des Rassismus
und Antisemitismus.
Neue Medien. Ein weiteres Handlungsfeld
ist die fortschreitende Digitalisierung, durch
die sich die Kulturproduktion in gleichem
Maße transformiert wie sich die Methoden
der Kulturvermittlung verändern. Beim
Projekt „Museumsdokumentation“ ermöglicht
die Digitalisierung die Sichtbarmachung
von Sammlungen, im Rahmen der Kulturrouten von Vorarlberg Tourismus dient
sie der breiteren Kommunikation kultureller
Inhalte und Destinationen. Da sich die
Veränderungen, die neue Medien mit sich
bringen, nicht in den klassischen Kategorien
der Kulturförderung abbilden, ist diesem
Bereich künftig stärkere Aufmerksamkeit
zu widmen.
•
4 Handlungsfelder
74
4.3 Grenzen überschreiten
4 . 3 Grenzen über schreiten
Austausch f örder n
Inter nationale
Bode nsee Konfere nz
nutze n
Stipe ndie n und
Austauschprogramme
er we iter n
Länder übergre ife nde
Projekte anrege n
Förder topf f ür
Inter nationalisier ung
e inr ichte n
Plat tfor m Kultur
und Tour ismus
we itere ntwickeln
Kultur route n erstelle n
Nachhaltige G roßprojekte diskutiere n
Austausch. Es ist wichtig, Vorarlbergs Kultur
nicht als isoliertes Phänomen aufzufassen,
sondern sie im Zusammenhang mit anderen
Bundesländern Österreichs, mit den umliegenden Ländern der Bodenseeregion, mit der
Europäischen Union und darüber hinaus zu
denken. Ein reger grenzüberschreitender
Austausch wird etwa im Rahmen der Internationalen Bodensee Konferenz (IBK) mit Deutschland, Schweiz und Liechtenstein praktiziert.
Besonders spürbar wird diese Vernetzungsebene bei der Vergabe von Förderpreisen oder
der Durchführung von Künstlerbegegnungen
und Foren. Das Land Vorarlberg hat daneben
mit Spanien (Bilbao) und Litauen (Nida)
eigene Austauschformate entwickelt. Bestens
etabliert hat sich etwa das Bilbao-Stipendium,
das 2016 bereits zehnjähriges Jubiläum feiert.
Ein aktuelles Beispiel für den Künstleraustausch
in der Bodenseeregion ist die Kooperation
der Künstlervereinigungen Liechtensteins und
Vorarlbergs (2015/16).
•
Es gibt bereits gute Initiativen für die bewusste Internationalisierung heimischer
Kunst- und Kulturproduktion. Das prominenteste Beispiel ist derzeit etwa die Architekturausstellung „Getting Things Done“. Weitere
Akzente einer Internationalisierung sind
die Präsentation von Vorarlberger Künstlerinnen
und Künstlern im Kulturforum Berlin (2014),
die Mitarbeit an der vom Kanton St. Gallen
initiierten Ausstellung „Heimspiel“ (2015/16),
das Paliano-Stipendium in Italien oder auch
der alle zwei Jahre vergebene „Internationale
Kunstpreis des Landes Vorarlberg“. Ebenso
Bausteine der Auslandsorientierung sind die
projektbezogene Förderung von Aufführungsund Ausstellungsaktivitäten sowie die
Beiträge zur Nutzung von Auslandsateliers
und Residencies. Insgesamt geht es bei diesen
Formaten darum, heimische Kulturschaffende
dabei zu unterstützen, sich im Ausland weiterentwickeln oder präsentieren zu können.
•
Ziel ist es, die internationalen Austauschaktivitäten für alle Sparten zu öffnen, manche
Bereiche der Kulturproduktion mit periodischen
Schwerpunktsetzungen gezielt zu intensivieren
und das Spektrum der Austauschformate zu
erweitern.
•
Eine engere Zusammenarbeit der Kulturabteilung mit der Vorarlberg Tourismus GmbH,
als Ansprechpartner für die Markenpositionierung Vorarlbergs, ist in mehrerlei Hinsicht
notwendig. Nach innen stellen sich hier
etwa die Fragen, wie die Angebote der Kultur
auch über die Instrumente der Tourismusorganisationen kommuniziert werden können
oder wie die konkreten Inhalte der TourismusApp oder der interaktiven Karten aussehen
sollen. Nach außen stellt sich die Frage, welches
Bild Vorarlbergs von Seiten der Werbeplattformen propagiert wird. Interessant ist dies
vor allem in Bezug auf Ausstellungen, Projekte
und Großevents, welche sich gezielt an ein
auswärtiges Publikum richten. Essenziell
ist hier die gegenseitige Rückversicherung und
Abstimmung von Interessenslagen.
•
Grundsätzlich befürwortet wird aus Sicht der
Strategiegruppe die Durchführung von größeren Veranstaltungsformaten, die einer breiteren
Kommunikation und der Entwicklung von
Vorarlberger Kultur dienen. Gerade unter
den Vorzeichen stagnierender Budgets sollten
dabei jedoch die langfristigen Folgeeffekte
für die Kulturschaffenden im Land berücksichtigt werden. Ihre Arbeit ist das eigentliche
Kapital der Kulturlandschaft und generiert
überhaupt erst die Inhalte für Kulturvermittlung nach innen und außen. Mitzudenken sind
daher immer auch die Produktionsbedingungen
von Kunst und Kultur. Die Voraussetzungen,
unter denen solche Kulturereignisse tatsächlich
die Kulturlandschaft Vorarlbergs bereichern,
können der vorliegenden Strategie entnommen
werden. Im Sinne der darin formulierten Maxime der Zusammenarbeit, ist es unerlässlich, ein
Großprojekt etwa auch aus raumplanerischer,
wirtschaftlicher oder gesellschaftspolitischer
Sicht zu betrachten. Für die Diskussion
der Rahmenbedingungen können zudem die
Kernaussagen der „Tourismusstrategie 2020“
als Orientierungshilfe herangezogen werden.26
Das Land konzentriert sich dort auf seine
Stärken „Gastfreundschaft, Regionalität und
Nachhaltigkeit“. Im Sinne der Kultur kann
die Gastfreundschaft als Aufforderung gesehen
werden, das menschliche Maß und die kleinteilige Vielfalt der Strukturen nicht aus
den Augen zu verlieren. Das Kriterium der
Regionalität wird interpretiert als Anregung,
für ein derartiges Vorhaben den gesamten
Kulturraum Vorarlbergs zu berücksichtigen.
Nachhaltig positive Effekte für die Bevölkerung im Land können nur gewährleistet
werden, wenn das gewachsene Kulturangebot
ebenso einbezogen wird wie notwendige
Freiräume für neue Akzente vorgesehen
werden. Ein Diskursforum für diesbezügliche
Abstimmungsleistungen bietet die bereits
erfolgreich etablierte Plattform Kultur und
Tourismus. Eine allfällige Durchführung
von Großprojekten ist unter den genannten
Gesichtspunkten zu diskutieren.
•
Bregenz, März 2016
Tourismusstrategie 2020. Der gemeinsame Weg in die
touristische Zukunft auf Vorarlberger Art, Bregenz 2012.
26
75
5
D er Weg
zur Strategie
78
79
Die Autorinnen
und Autoren
Der Strategieprozess
Das Verfassen des vorliegenden Strategiepapiers war ein kollektives Unterfangen, das in
der Verantwortung folgender Personen lag:
Seit Juni 2015 haben sich die Mitglieder der
Strategiegruppe mindestens einmal pro
Monat in der Villa Wacker getroffen, um auf
Basis der im Rahmen der Kulturenquete
verhandelten Inhalte und der im Anschluss
daran geführten Debatten gemeinsam
eine Kulturstrategie für Vorarlberg zu entwerfen und zu schreiben.
Susanne Fink
Abteilung IIc – Kultur
Eva Häfele
Freischaffende Sozialwissenschaftlerin, Kunstkommission Kulturelles Erbe und Landeskunde
Manfred Hellrigl
Büro für Zukunftsfragen
Barbara Herold
Freie Regisseurin, Kulturbeirat (bis 2015),
Kunstkommission Darstellende Kunst (bis 2015)
Thomas Hirtenfelder
Freischaffender Kunst- und
Kulturwissenschaftler
Barbara Neyer
Abteilung IIc – Kultur
Peter Niedermair
Herausgeber Zeitschrift „Kultur“, Kulturbeirat
Winfried Nußbaummüller
Vorstand Abteilung IIc – Kultur
Darüber hinaus sind Gespräche und Diskussionsrunden mit dem Landesrat für
Kultur, den Mitgliedern des Kulturbeirats
und der Kunstkommissionen sowie weiteren
Expertinnen und Experten aus der Verwaltung und dem Kultursektor in den Strategieprozess eingeflossen. Am gegenseitigen
Gedankenaustausch beteiligt waren:
Juliane Alton
Kunstkommission Darstellende Kunst
(bis 2015)
Herwig Bauer
Kulturbeirat, Kunstkommission Musik
Sabine Benzer
Vorarlberger Kulturservice
Alexandra Berlinger
Kunstkommission Bildende und
Angewandte Kunst (bis 2015)
Christian Bernhard
Landesrat für Kultur
Margret Bickel
Vorarlberger Kulturservice
Ulrike Bitschnau
Kulturbeirat
Karin Bleiweiss
Kunstkommission Film (bis 2015)
Marie-Rose Cerha
Kunstkommission Literatur (bis 2015)
Markus Dejaco
Kulturbeirat
Gabriela Dür
Vorstand Abteilung IIb – Wissenschaft
und Weiterbildung
Herbert Erhart
Abteilung IVe – Natur- und Umweltschutz
Evelyn Fink-Mennel
Kunstkommission Musik (bis 2015)
Marbod Fritsch
Kunstkommission Bildende und
Angewandte Kunst (bis 2015)
Nina Fritsch
Kunstkommission Darstellende Kunst
Karin Gasteiner
Wirtschaftskammer Vorarlberg (bis 2015)
Karin Giesinger
Abteilung IIa – Schule
Markus Götsch
Kulturbeirat, Kunstkommission Film
Barbara Grabherr-Schneider
Bundesdenkmalamt Bregenz
Martin Gruber
Kunstkommission
Darstellende Kunst (bis 2015)
Arnulf Häfele
Kulturbeirat
Johannes Hämmerle
Kunstkommission Musik
Wolfgang Häusle
Verkehrsverbund Vorarlberg
Brigitte Herrmann
Kulturbeirat
Christian Hillbrand
Geschäftsführer
Verkehrsverbund Vorarlberg
Thomas Ilg
Kunstkommission Film
Brigitte Jagg
Kunstkommission Darstellende Kunst
Robert Kahr
Kunstkommission
Darstellende Kunst
Barbara Keiler
Kulturbeirat
Verena Konrad
Vorarlberger Architektur Institut (vai)
Harald Kraft
Vorstand Abteilung IVb – Gesundheit
Frauke Kühn
Kulturbeirat,
Kunstkommission Literatur
Christoph Kutzer
Büro für Zukunftsfragen
Teddy Maier
Obmann Filmwerk Vorarlberg
Norbert Mayer
Kunstkommission Literatur
Anna Mika
Kunstkommission Musik
Harald Moosbrugger
Vorstand Abteilung VIa – Wirtschaft
Barbara Motter
Kulturbeirat, Kunstkommission
Kulturelles Erbe und Landeskunde
Thomas Müller
Leiter Jugend- und Familienreferat
Manuela Mylonas
Kulturbeirat (bis 2015)
Martin Nagel
Kunstkommission Film
Carmen Nardelli
Leiterin Koordinationsstelle
für Integrationsangelegenheiten
Markus Pferscher
Kunstkommission Musik
Meinrad Pichler
Kunstkommission Kulturelles Erbe
und Landeskunde
Herta Pümpel
Kulturbeirat (bis 2015),
Kunstkommission Bildende
und Angewandte Kunst (bis 2015)
Andrea Redolfi
Kunstkommission Bildende
und Angewandte Kunst (bis 2015)
Andreas Rudigier
Kunstkommission Kulturelles Erbe
und Landeskunde
Jürgen Schacherl
Kunstkommission Literatur
Harry Scheffknecht
Kunstkommission Musik (bis 2015)
Mathias Scheyer
Kulturbeirat
Ulrike Schmidle
Kulturbeirat
Lorenz Schmidt
Abteilung VIIa – Raumplanung
und Baurecht
Veronika Schubert
Kunstkommission Film (bis 2015)
Christian Schützinger
Geschäftsführer Vorarlberg Tourismus
Irene Selhofer
Kunstkommission Literatur
Ulrike Shepherd
Kunstkommission Bildende
und Angewandte Kunst
Daniel Steinhofer
Kulturbeirat
Maria-Rose Steurer-Lang
Kunstkommission Kulturelles Erbe
und Landeskunde
Ira Stüttler
Abteilung IIb – Wissenschaft
und Weiterbildung
Juri Troy
Kunstkommission Bildende
und Angewandte Kunst (bis 2015)
Bernhard Tschofen
Kunstkommission Kulturelles
Erbe und Landeskunde
Walter Vögel
Leiter Agrarbezirksbehörde
Bregenz
Leo Walser
Kulturbeirat
Barbara Winkler
Kunstkommission Literatur
Michael Zangerl
Leiter Sportreferat
Impressum
H er au s g e b er
Amt der Vorarlberger Landesregierung
Abteilung Kultur (IIc)
Villa Wacker, Römerstraße 24
6900 Bregenz
[email protected]
www.vorarlberg.at/kultur
Ko n z ep t , Inhalt un d R e d ak t i o n
Abteilung Kultur
Winfried Nußbaummüller
L ek t o r at
Thomas Hirtenfelder
Illu s t r at i o n
Bianca Tschaikner
www.biancatschaikner.com
G e s t alt un g
Zeughaus
www.zeughaus.com
Druck
Druckerei Thurnher
www.dth.at
E r s c h einun g s t er min
April 2016
A u f la g e
800 Stück