Zeitschrift "Sächsische Heimatblätter", Ausgabe 4/2014

Technik und Gesellschaft – die heutige TU als Chemnitzer Ort des Wissens
Sächsische Heimatblätter 4|14
Technik und Gesellschaft –
die heutige TU
als Chemnitzer Ort des Wissens
Sebastian Liebold
Nicht immer war die aus der Königlichen
Gewerbschule hervorgegangene Technische
Universität den Bürgern ihrer Stadt so präsent
wie heute. Beide, das frühere »sächsische Man­
chester« wie die Hochschule, umgarnen sich,
wo sie können: Die Stadt will den Lernenden
und Lehrenden eine eigene Straßenbahn bauen
– die künftige Linie 3, um die Universitätsteile
in der Straße der Nationen besser mit dem
Campus an der Reichenhainer Straße zu ver­
binden. Die Universität zieht mit ihren For­
schungseinrichtungen Köpfe von Rang an,
stellt fertigungsreife Lösungen für die Industrie
her und gibt mit öffentlichen Vorlesungen und
Diskussionsreihen Anstöße für gesellschaftli­
che Fragen der Zeit. So bringt sie Technik und
Gesellschaft zusammen.
Was kann eine Universität für die Stadt leisten?
Welche Rahmenbedingungen vermag die Stadt
dafür zu bieten? Gewöhnlich schmückt sich
eine Stadt mit ihren Bildungseinrichtungen –
zu Recht, weil diese Potential für alle Bereiche
der Gesellschaft entfalten: Sie bringen Ingeni­
eure mit innovativen Ideen hervor, wie sich das
Gewicht von Automobilen reduzieren oder
durch Nanotechnologie der Anlagenbau ver­
bessern lässt. Im Idealfall bilden sie Lehrer und
Eduard-Theodor-BöttcherBau am Schillerplatz,
das bekrönte Hauptgebäude der TU.
Foto: privat
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Verwaltungsbeamte aus, die zum Wohl der
Stadt und ihrer Kinder wirken. Eine Stadt
müht sich um eine solide Infrastruktur für die
Bildungseinrichtung, indes die Sorge für die
Ausstattung der höheren Schulen seit dem Vor­
satzwort »Königlich« bzw. »Staats-« beim
Ministerium des Landes liegt, in diesem Fall an
der Elbe. Über die Zeit war die Stadt in unter­
schiedlichem Maße an Antworten auf drän­
gende gesellschaftliche Fragen interessiert, etwa
an Studien über die Durchlässigkeit des Bil­
dungssystems für Kinder aus sozial benachtei­
ligten Familien (hierin waren die beiden Dikta­
turen besonders schlecht) oder an Ideen, wie
das Zusammenleben mit Migranten aus­
kömmlich gestaltbar ist. Der Beitrag will Fra­
gen wie diese am Beispiel der höheren Lehran­
stalten, deren Namen beständigem Wandel
ausgesetzt war, in Geschichte und Gegenwart
nachzeichnen. Ihn leitet die zerbrechliche
Erkenntnis: Wissen ist, kritisch erworben, einer
der Schlüssel nicht nur zu ökonomischem
Erfolg, sondern auch zum »guten Leben« in
der Stadt.
Die höchste Bildungseinrichtung der Stadt hat
sich zu allen Zeiten mit ihrer Geschichte
befasst. Festschriften und andere Rückblicke
erschienen 1911, 1936, 1961, 1963 (zum zehn­
jährigen Bestehen der TH ging dieser Band den
Anfängen nach), 1978 (vornehmlich zu den
Jahren 1963–1975), 1981, 1986 zur Erhebung
in den Stand einer Technischen Universität,
2003 u.a. mit Blicken auf die Wechselwirkung
zwischen Hochschule und Stadt sowie – mit
viel Nachhall – 2011 in Form eines Kaleido­
skops, ferner öfters Beiträge zu den Biographi­
en ihrer wichtigsten Köpfe und Häupter – etwa
1983 und 1986.1 Statt vieler möchte ich eine
Schrift über Carl Julius von Bach nennen.2
Zahllose Publikationen über die Stadt Chem­
nitz erwähnen die Hochschule – stets mit einer
besonderen Würdigung der an ihr wirkenden
Techniker und ihrer Erfindungen. Solange der
Textilmaschinenbau in Chemnitz stark war,
brauchte an Heinrich Mauersbergers Patent
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Technik und Gesellschaft – die heutige TU als Chemnitzer Ort des Wissens
der MALIMO-Wirktechnik kaum museal erin­
nert werden; dies übernimmt nun – als Taktge­
ber einer säkularen Arbeitsliturgie – die dumpfe
Glocke im Turm der ehem. Fabrik von Schu­
bert & Salzer. Viele Studenten hören sie auf
dem täglichen Weg zum Campus.
Warum schickt eine Stadt ihre Kinder auf
höhere Schulen? Den Gründungsimpuls für
die Gewerbschule gab die Wirtschaft: Sachsen
hatte mehrere gewerbliche Schulen – eine
höhere gab es nur in Dresden, wie Regierungs­
vertreter Carl Ludwig Kohlschütter in seiner
Eröffnungsrede am 2. Mai 1836 fast entschul­
digend mitteilte.3 Keine solche Schule befand
sich in Chemnitz. Die stark und schnell wach­
sende Industrie suchte gut ausgebildete Tech­
niker. Mit der Gründung der Gewerbschule
verband sich daher ein praktischer Zweck: Die
Schüler sollten durch Geometrie, Experimen­
talphyik, Chemie, technisches Zeichen (neben
anderen Fächern) in die Lage versetzt werden,
in den Betrieben qualifizierte Arbeit zu leisten,
besonders im aufstrebenden Maschinenbau.
»Die Darbietung der technischen Wissenschaf­
ten sollte allerdings nur so weit reichen, wie es
zum normalen Gewerbebetrieb notwendig
wäre.«4 Technische Innovationen waren daher
eher aus dem Sachverstand des Nachwuchses
denn von der Ausbildung her zu erwarten.
Hand in Hand ging die vom Rat der Stadt
beförderte Gründung mit Stipendien des Indu­
strievereins – ein Zeichen dafür, dass in Chem­
nitz bürgerschaftliches Engagement eine alte
Tradition besitzt, wie sich am späteren vereins­
mäßigen Aufbau der Kunstsammlungen und
vieler weiterer Institutionen von öffentlichem
Interesse zeigen lässt.
Im Herzen der Stadt kam die neue Einrich­
tung – behelfsmäßig – mit ihren anfänglich 14
Schülern (Einschreibungen per 1. Mai 1836, im
Jahresverlauf gesellten sich weitere 15 dazu)
unter: Für die Räume des alten Lyzeums im
Jakobikirchhof übernahm die Stadt die Kosten
für Heizung und Beleuchtung. Das Ministeri­
um in Dresden berief fünf Jahre später – als
Zeichen für den Status einer Art Fachschule –
zwei Chemnitzer Lehrer, Julius Adolf Stöck­
hardt und Julius Ambrosius Hülße5, zu Profes­
soren, nachdem im Vorjahr der Mathematiker
Christian Moritz Rühlmann, ein Gründungs­
mitglied der Schule, nach Bleibeverhandlungen
der Gewerbschule Hannover den Vorzug gege­
ben und Chemnitz verlassen hatte. Heute sind
es Hochschulen in Amerika, die Chemnitzer
Dozenten abwerben.
Da die Stadt für das künstliche Licht zuständig
blieb, war die Beleuchtungsfrage über Jahr­
zehnte eine heikle Sache: Das neue Schul­
gebäude von 1848 an der Dresdner Straße
bekam – nach Einrichtung der städtischen
Gasanstalt – 1854 Gasbeleuchtung. Ausgerech­
net im Zeichensaal blieb es aber zunächst bei
der Ölbeleuchtung, ein unruhiges Licht, das
den Schülern beim Technischen Zeichnen viel
Ungemach bereitete. Derweil kämpfte die
Schule darum, die beim Gründungsakt versag­
ten höheren Studien vor allem für technische
Berufe anbieten zu können. 1855 war ein
­Meilenstein für Chemnitz zu verzeichnen: Mit
der Sparte Baugewerke und Werkmeister bil­
dete die 1862 in »Königliche Höhere Gewerb­
schule« umbenannte Lehranstalt nun die für
viele Betriebe wichtigen Mühlenbauer, Röh­
renmeister sowie Werkmeister für den Maschi­
nenbau, Spinnereien und Webereien aus.6
Rasch stiegen die Immatrikulationszahlen. Ein
repräsentativer Neubau entstand nach Plänen
des gebürtigen Chemnitzer Architekten Emil
Alwin Gottschaldt. In dem 1877 bezogenen
heutigen Eduard-Theodor-Böttcher-Bau am
Schillerplatz, seit 1878 Hauptsitz der von nun
an »Technischen Staatslehranstalten« genann­
ten Höheren Schule, wurde 1884 bis 1899 eine
elektrische Beleuchtung installiert – besseres
Licht ging einher mit sauberer Luft und weni­
ger Hitze in den Sälen als bei Öl- und Gaslicht.
Ein äußeres Zeichen für den Siegeszug u.a. der
Elektrotechnik, bald ein gefragter Ausbildungs­
zweig.
Chemnitz blieb – allem Aufschwung zum Trotz
– als Bildungsort über Jahre der Anschluss an
die höheren Bildungseinrichtungen Sachsens
und des Reiches verwehrt. 1884 erhielten die
Abgänger erstmals Zeugnisse, die ihnen ein
weiteres Studium an der Technischen Hoch­
schule in Dresden erlaubten, wo sie Diplom
und Doktortitel erlangen konnten (1902 folgte
die Zulassung der Absolventen zum Studium
an allen deutschen Technischen Hochschulen).
Mit der Einwohnerzahl der Industriestadt und
den Beschäftigtenzahlen in den Betrieben stie­
gen die Immatrikulationen: Ende 1889 waren
erstmals mehr als 1000 Schüler eingeschrieben.
Nicht nur das Bürgerliche Gesetzbuch schuf
Einheitlichkeit, nicht nur die Patentauslegestelle
in Chemnitz schützte Erfindungen – von 1909
an hießen die Abgänger, wie reichsweit üblich,
nicht mehr »Maschinentechniker«, sondern
Ingenieure.
Unter diesen – vergleichsweise – guten Grund­
bedingungen brachte die Chemnitzer Lehran­
stalt einen nicht unbedeutenden Beitrag zur
naturwissenschaftlichen Elite hervor. Ein
Manko blieb: Der Nachwuchs der städtischen
Elite war nicht in Chemnitz ausgebildet (vor
allem Juristen, die in der Verwaltung die
Geschicke der Stadt bestimmten). Erkennbar
ist dies an den Oberbürgermeistern der Stadt,
Historischer Überblick –
siehe Internetseiten
der TU Chemnitz:
https://www.tu-chemnitz.de/tu/
geschichte/index.php
1
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Autorenkollektiv unter
Leitung von Heinz Stütz­
ner: Zur Geschichte der
Technischen Hochschule
Karl-Marx-Stadt, KarlMarx-Stadt 1981 (Wissen­
schaftliche Schriftenreihe
der TH 1981, Heft 6).
Gustav Anton Zeuner und
Carl Julius von Bach wur­
den in der Wissenschaftli­
chen Schriftenreihe der
TH 1979, Heft 12, Cle­
mens Winkler und Adolf
Ferdinand Weinhold in
der Ausgabe 1983, Heft 9,
gewürdigt. Ferner erschien
1986: Die Direktoren der
Chemnitzer technischen
Bildungseinrichtung
(Wissenschaftliche Schrif­
tenreihe der TH 1986,
Heft 4).
Friedrich Naumann
(Hrsg.): Carl Julius von
Bach (1847–1931).
Pionier, Gestalter, For­
scher, Lehrer, Visionär,
Stuttgart 1998.
Stephan Luther (Hrsg.):
Von der Kgl. Gewerb­
schule zur Technischen
Universität. Die Ent­
wicklung der höheren
technischen Bildung in
Chemnitz 1836–2003,
Chemnitz 2003, S. 24.
Ebd., S. 22.
Zur Person vgl. Hans
Münch: Julius Ambrosius
Hülße. Direktor und
erster Lehrer der Königli­
chen Gewerbschule zu
Chemnitz, in: Mitteilun­
gen des Chemnitzer
Geschichtsvereins 63
(1994), S. 69-76.
Vgl. Freunde der TU
Chemnitz (Hrsg.):
175. Das etwas andere
Jubiläumsbuch, Chemnitz
2011, S. 11.
Technik und Gesellschaft – die heutige TU als Chemnitzer Ort des Wissens
Sächsische Heimatblätter 4|14
an den Behördenleitern, den Gerichtsbeamten
und Pfarrern, nicht zuletzt an den Baumeistern
der Stadt – gebürtige Chemnitzer erhielten die
entsprechende Bildung in Dresden, Leipzig,
Jena (oder weiter entfernt). Immerhin wurden
in der Stadt Lehrer ausgebildet. Die Bibliothek
der Staatslehranstalten war damals eine reine
Fachbücherei, die der Ausbildung und For­
schung diente – lesefreudige Bürger nutzten
indes die Stadtbibliothek mit ihrem schnell
wachsenden Bestand.7
1914 gründeten die Lehranstalten eine Abtei­
lung für Textilingenieure; die – seit 1900 als
»Gewerbeakademie« firmierende – Schule war
im ganzen Reich Vorreiter als Ausbildungsort
für Konstrukteure von Textilmaschinen – der
im 19. und 20. Jahrhundert wohl erfolgreichste
Chemnitzer Industriezweig, der zehntausende
Arbeitsplätze bot. 1916 nahm die Akademie
erstmals Frauen auf – die drei jungen Chemi­
kerinnen kamen aus dem Umland. Der Krieg
mit seinen Sorgen und Nöten erreichte Chem­
nitz: Während der Jahre 1915 bis 1919 hörten
338 Kriegsbeschädigte unentgeltliche Vorle­
sungen – u.a. in den Bereichen Maschinenbau,
Elektrotechnik und Färberei. Durch Abgabe
von Laborausrüstung an die Kriegsindustrie
und Versuche der Materialprüfanstalt hatte die
Schule ihren Anteil am Fortgang des Ersten
Weltkriegs.
Nach dem Krieg und der Heimkehr vieler Sol­
daten erhöhte sich die Schülerzahl schlagartig
auf 1800. Zu beengten Raumverhältnissen kam
(wie überall) die Kohleknappheit – in den
Wintermonaten konnten einige Unterrichts­
räume nicht oder nur eingeschränkt genutzt
werden. Die Weihnachtsferien 1919/1920 ver­
längerte die Schulleitung um vier Wochen. Die
politische Situation blieb unruhig – in den Zir­
keln der Lehranstalten fand die Demokratie
nicht ungeteilt Zuspruch. Einer der Attentäter
von Außenminister Walther Rathenau im Jahr
1922, Hermann Fischer, war 1919 bis 1922
Schüler der Gewerbeakademie, aktiv in einer
deutschnationalen Studentengruppe, später
Mitglied der rechtsextremistischen Organisati­
on Consul. Die von 1929 an »Staatliche Akade­
mie für Technik« genannte Schule wies – wie
viele anderen Lehrstanstalten – etwa von 1930
an Studenten mit NS-Affiliation auf.8
Nach Gründung einer Fliegergruppe 1928
wurde 1935 die Ausbildung in Flugwesen und
Flugzeugbau aufgenommen – der Zweig, Mit­
telpunkt der 100-Jahr-Feier im Sommer 1936,
hatte bald eine eigene Lehrwerkstatt, 1938
sogar eine Flugzeughalle mit zugehörigen
Unterrichts- und Wohnräumen am Flugplatz
an der Stollberger Straße. Der Zweig wurde
1945 von der sowjetischen Ortskommandantur
Chemnitz 1945,
im Hintergrund die
Akademie.
Foto: Universitätsarchiv
428
– von 1946 an untergebracht im Südflügel der
Lehranstalt – aufgelöst. Nach Ruhen des Lehr­
betriebes im Sommer 1945, bedingt u.a. durch
Zerstörung von Fenstern und Türen durch
Einschlag einer Luftmine am 14. Februar 1945,
wurde die Lehranstalt am 3. Dezember 1945
wieder eröffnet. Ein Augenzeugenbericht, hier
erstmals zitiert, wirft nicht nur einen Blick auf
die Akademie, sondern auch auf die Rolle der
Frauen in der Nachkriegszeit und beim Aufbau
nach 1945.
»Der Krieg ist zu Ende. Die große Frage:
Was nun? Die »Akade« hatte nur den Teil
»Flugzeugbau« an der Georgstraße einge­
büßt. Sonst gab’s nur: ein leeres Haus,
kaputte Fenster, täglich mehr Menschen,
die, gleich unten links, im »Nachtwache­
raum a.D.« mal guckten und »oben« bei
Herrn Ulbricht wissen wollten, ob oder
wann es nun endlich wieder los geht? Auch
Professor Bangert tauchte auf und meinte,
das wichtigste sei, die Fenster dicht zu
machen. So kamen nach und nach »alte
Semester«, inzwischen Väter; einer hatte
ein Grammophon, einer (Max Kraft) konn­
te Spanisch »geben«, und die »Weibsen«
brachen Glas aus den Rahmen und brach­
ten den Schutt weg. Aber auch die »willi­
gen« Studenten mussten erstmal bremsen,
da Typhus, TBC und Verwundungen behin­
derten. Vor allem die kleinen Dinge – wie
Lebensmittel – bremsten fürs Erste. Geld
war keins zur Verfügung, aber: billig war
warmes Mensaessen, Molkenquark gab’s
1 Pf. pro Nase, und viel Freundschaft, d. h.
helfen, dem, der es brauchte. Ein Paar pas­
sende Schuhe oder ein frisches Hutband.
Professor Bangert hatte Geburtstag! Und als
Dank für gute Wünsche pro Nase eine Fl.
Bier! Geplant wurde schon ein Ball, damit
viele – im Chemnitzer Hof – erfahren soll­
ten: Die Akade will anfangen!«9
Sächsische Heimatblätter 4|14
Technik und Gesellschaft – die heutige TU als Chemnitzer Ort des Wissens
Hehre Ziele setzten sich die Wissenschaften
nach Kriegsende. Die Chronik der Lehranstalt
berichtet passenderweise: Am 2. Mai 1947 fing
die erste Frau als Dozentin an und unterrichte­
te Volkswirtschaftslehre – die 1911 in Chem­
nitz geborene Ingeborg Rothe verließ bald dar­
auf die DDR und habilitierte sich 1954 in
Münster. So spiegelt nicht zuletzt die Lehrer­
schaft den Verlust an gutem Personal aufgrund
ideologischer Gängelung – von akademischer
Freiheit war nichts zu spüren; die Gründung
einer Hochschulparteileitung sicherte Linien­
treue weithin. Wieder einmal änderte sich der
Name: Von 1947 an hieß die Schule »Techni­
sche Lehranstalt Chemnitz«. »Gesellschaftswis­
senschaftliche« Kurse, die russische Sprache,
Sportunterricht (wie bereits in der NS-Zeit)
und Berufspraktika wurden zum studentischen
Pflichtprogramm erklärt. Neben Fachwissen
traten sozialistische Regeln; dies führte zu einer
Flucht vieler systemkritischer Studenten in die
Naturwissenschaften – Anschluss an interna­
tionale Forschung fanden meist Parteimitglie­
der, schon der Reisen wegen.
Mit Gründung der Hochschule für Maschinen­
bau 1953 (zu den Fakultäten für Maschinenbau
und Elektrotechnik kam 1955–1962 eine Arbei­
ter-und-Bauern-Fakultät, die 1500 Schülern die
Hochschulreife bescheinigte) begann die Ver­
einigung der verschiedenen höheren Schulen
unter einem Dach. Von 1958 an berichteten die
»Mitteilungen« den Interessierten in Stadt und
Land über die Arbeit der Hochschule (heute:
TU Spektrum). 1959 bis 1992 erschien zudem
die »Wissenschaftliche Zeitschrift der Hoch­
schule für Maschinenbau Karl-Marx-Stadt«. Für
alle sichtbar dehnte sich die Hochschule aus:
Am 31. März 1960 wurden die ersten Lehr- und
Hallengebäude in der Reichenhainer Straße ein­
geweiht – hier entstand nach und nach der
Campus der Hochschule, mit Bussen erreichbar.
1963 wurde die militärische Ausbildung Pflicht­
fach.10 Vom gleichen Jahr an wurden Lehrer für
Maschinenbau und Elektrotechnik im neuen
Bereich »Ingenieur-Pädagogik« ausgebildet.
Am 9. Oktober 1963 wurde die Bildungsein­
richtung »Technische Hochschule« – mit etwa
2000 eingeschriebenen Studenten. Ein enge
Verzahnung mit den Schulen der Stadt (in dem
Fall die Erweiterten Oberschulen) erreichten
die Spezialklassen für Mathematik, Physik und
Technik. Schüler lernten nach dem minutiösen
Sonderplan erstmals im Herbst 1964. Die
begabten Schüler wurden an der Hochschule
unterwiesen, konnten deren Infrastruktur nut­
zen und mussten vor Studienbeginn keinen
Wehrdienst leisten (der akademische Frühun­
terricht endete indes ganz regulär mit dem
Abitur). Die Lehrerausbildung wurde 1965
durch die Eingliederung des Pädagogischen
Instituts Karl-Marx-Stadt an die Hochschule
verlagert; aus der regional verwurzelten Lehre
für die Lehrer ergab sich eine spürbare Bin­
dung – zugleich hieß es für die Didaktik, ver­
ständlich zu sein.11
Nach der Dritten Hochschulreform erfolgte
eine straffere Ausrichtung gemäß sowjetischer
Strukturen (damit wird erkennbar, wie sich
sozialistische Strukturprinzipien nach und
nach in mehr Bereichen des gesellschaftlichen
Lebens verankerten): Sektionen ersetzten die
Fakultäten, eine eigene Fakultät für Gesell­
schaftswissenschaften gab dem MarxismusLeninismus mehr Gewicht. 1969 erfolgte die
Eingliederung der Ingenieurschulen für
Maschinenbau und Textiltechnik sowie für
Werkstofftechnik und Materialprüfung. 1970
wurde ein Weiterbildungszentrum für elektro­
nische Bauelemente eröffnet – es bildet die
Grundlage für den stärker mit Elektronik aus­
gerüsteten Maschinenbau der folgenden Jahre;
1974 bekam die Sektion Automatisierungsund Informationstechnik sowie sie Sektion
Physik und elektronische Bauelemente mit
dem Adolf-Ferdinand-Weinhold-Bau ein riesi­
ges Gebäude, das 1250 Lehrenden und Studie­
renden Platz bot – es wurde 2014 nach
­fünfjähriger Sanierung wieder eingeweiht. Damit wurde der Campus in der Reichenhainer
Straße – verstärkt 1971 durch die Eröffnung
Panorama, in der Mitte ist
der 2014 wieder eingeweihte
Adolf-Ferdinand-WeinholdBau zu sehen.
Foto: TU Chemnitz
7
Inzwischen können sich
die Chemnitzer als Leser
der Universitätsbibliothek
einschreiben.
8 Stephan Luther: Die Staat­
liche Akademie für Tech­
nik in der NS-Zeit, in:
Mitteilungen des Chem­
nitzer Geschichtsvereins
71 (2001), S. 49-64.
9 Gertraude Arzig: Tage­
buch 1945 (unveröffent­
licht), Abschrift beim Ver­
fasser.
10 Wehruntaugliche wurden
in der »Gesellschaft für
Sport und Technik« aus­
gebildet, Studentinnen
erhalten eine Luftschutz­
einweisung, vgl. Freunde
der TU Chemnitz
(Anm. 6), S. 21.
11 1992 wurde zusätzlich die
Pädagogische Hochschule
Zwickau eingegliedert.
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Technik und Gesellschaft – die heutige TU als Chemnitzer Ort des Wissens
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der dortigen Mensa – nach und nach zum grö­
ßeren Areal im Vergleich zum Gebäudekom­
plex in der Straße der Nationen. 1981 kam u.a.
an der Wartburgstraße eine Sporthalle hinzu.
Ins Licht der städtischen und regionalen
Öffentlichkeit rückte die Hochschule durch die
Beförderung zur Technischen Universität am
14. November 1986 (ein Festakt in der Stadt­
halle vereinte Stadtobere und Universitätsange­
hörige), die nun 17 Sektionen und 7000 Stu­
denten aufwies. Mit Stand Oktober 1989 waren
80 Universitätsangehörige Inoffizielle Mitar­
beiter der Staatssicherheit.12 Ende 1989 wurde
die Hochschulparteileitung aufgelöst.
Wer meint, Spitzenforschung für die Wirt­
schaft sei etwas Neues und Engführung im
Kapitalismus, der sei an die Eigenwerbung der
TU von 1988 erinnert: »Neben der weiteren
Vervollkommnung der Ausbildung und Erzie­
hung begann sich ab 1976 eine neue höhere
Stufe der Zusammenarbeit zwischen Wissen­
schaft und Produktion in Form der Hoch­
schul-Industrie-Komplexe, besonders auf den
Gebieten der Werkzeugmaschinen, der Leicht­
industrie, der Elektrotechnik/Elektronik und
des Verarbeitungsmaschinenbaus herauszubil­
den. Dabei wurde von der Form der Vertrags­
forschung auf einzelnen Gebieten zu einer
komplexen Zusammenarbeit der Forschungs­
kooperation, in der schnellen Überleitung wis­
senschaftlicher Ergebnisse, beim gemeinsamen
Aufbau und der gemeinsamen Nutzung von
Studenten lesen zwischen den
Vorlesungen in der »Orangerie« und treffen sich vor der
2001 renovierten Mensa in
der Reichenhainer Straße.
Fotos: TU Chemnitz
Johannes Hillig untersucht
im Bundesexzellenzcluster
MERGE die Fließeigenschaften von Kunststoffcompounds mit elektrisch leit­
fähigen Partikeln – oft
eingesetzt in elektronischen
Mikrosystemen.
Foto: TU Chemnitz
430
Aus- und Weiterbildungszentren, beim geziel­
ten Austausch von Wissenschaftsinformatio­
nen und von wiss.-techn. Kadern, übergegan­
gen.«13 Ein bisschen Politik musste sein!
Die TU versucht seit der Wiedervereinigung,
Technik und Gesellschaft besonders eng zu
verbinden. So begann im Herbst 1993 die Stu­
dienmöglichkeit nach dem »Chemnitzer
Modell«, dem Magister-Doppelstudium eines
technischen und eines geisteswissenschaftli­
chen Faches. 1993 nahmen die Wirtschaftswis­
senschaften die Arbeit auf, 1994 die Fächer der
Philosophischen Fakultät. 1998 wurde das
neue Hörsaalgebäude an der Reichenhainer
Straße eingeweiht, vielen Chemnitzern der
Farbe wegen inzwischen als »Orangerie«
bekannt. 1999 endete die Immatrikulation in
Lehramtsstudiengänge – ein Verlust für die
gesamte Region Südwestsachsen; sie startete
erneut im Jahr 2013. 2000 begann die Sanierung
der Wohnheime und der Mensa. Der Tiefpunkt
der Studentenzahl von 1995 (etwa 5000) ist
nach 2000 längst durch regen Zuspruch wett­
gemacht (2003 erstmals über 10000, in­zwischen 11000). Die Studiengänge wurden
inzwischen auf den Abschluss Bachelor und
Master umgestellt – die regionale Industrie
muss sich an die zwei Arten von Absolventen
gewöhnen. Seit 2006 kann sich die TU als
»familienfreundlich« bezeichnen (einen Kin­
dergarten gibt es bereits seit 1971), seit Amts­
antritt von Rektor Arnold van Zyl fördert sie
»diversity«, also Rücksicht auf individuelle
Unterschiede aller Universitätsangehörigen.
Mit immer vielfältigeren Angeboten lockt die
Universität Besucher aus Stadt und Land in
ihre Hörsäle: zum »Dies academicus«, zum Tag
der offenen Tür – insbesondere für Schüler,
zum Seniorenkolleg, zur Weihnachtsvorlesung
(bei den Physikern und Chemikern nicht ohne
Puffen und Krachen). Nur ein kleiner Aus­
schnitt der heutigen Spitzenforschung, die
etwa an den Fraunhofer-Instituten für Werk­
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Technik und Gesellschaft – die heutige TU als Chemnitzer Ort des Wissens
zeugmaschinen und Umformtechnik bzw. für
Elektronische Nanosysteme stattfindet, zeigt
sich den Besuchern von außen. Wer weiß, wie
sich Erkenntnisse der Festkörperphysik in
Leichtbau-Strukturen niederschlagen? Wie die
für die Automobilregion Südwestsachsen wich­
tige Getriebetechnik vorangetrieben wird, die
Systeme der Mikroelektronik zu »smart
systems« werden? Oder die Fabrikplanung den
Trend von der automatisierten zur digitalen
Produktion ebenso aufnimmt wie die Poly­
graphische Technik den zur gedruckten Poly­
merelektronik? Kennen sie das Projekt
­»Grenzraum«, dessen Augenmerk auf dem
Überwinden von gesellschaftlichen Wahrneh­
mungsproblemen liegt und die Kooperation
mit tschechischen und polnischen Universitä­
ten vorantreibt?
Weil Absolventen in der Region günstige Start­
bedingungen finden, nicht zuletzt bei der
Übernahme einer eigenen Firma (hier findet
ein wahrer Generationswechsel statt), hat der
»Gründercampus« und das Netzwerk »Saxeed«
beim Kontaktherstellen zu Firmen alle Hände
voll zu tun. Die Philosophische Fakultät
nimmt die Stadt selbst in den Blick: mit Vor­
trägen und Diskussionen u.a. zur Friedlichen
Revolution 1989/1990, mit Fotoserien, öffentli­
chen Seminaren, die etwa Beziehungen
Deutschlands zum Ausland beleuchten und
namhafte Referenten nach Chemnitz bringen,
aber auch mit Lesungen in der Stadt – jüngst
etwa über die Lebensverhältnisse während des
Ersten Weltkriegs. Ein Monitum: Wichtige
Köpfe der Universitätsgeschichte spielen –
namentlich im Fach Geschichte – derzeit kaum
eine Rolle, zumal eine Schnittstelle zur For­
schung von Technik und Gesellschaft, die Pro­
fessur für Technikgeschichte, 2005 wegfiel.
Auf die Stadt wirkt nicht nur das Wissen: Jeder
Angehörige der Universität prägt das Gesicht
von Chemnitz, ein Mathematiker im Sinfonie­
konzert ebenso wie indische und chinesische
Studenten in den Restaurants und auf dem
Markt. Studenten der TU Chemnitz haben in
der Gegenwart beständig Patenschaften für
Migranten übernommen, sie befördern das
einvernehmliche Zusammenleben und die
schnelle Integration der Fremden. Mit vielfälti­
gen Initiativen sind Studenten bereits auf dem
Brühl aktiv, während die Stadt nach einem
tragfähigen Konzept fahndet. Die Frage nach
der Nutzung aller sanierten Häuser am frühe­
ren Vorzeige-Boulevard bleibt bislang vage,
auch wenn mit dem Umzug der studentenstar­
ken Wirtschaftswissenschaftlichen und der
Philosophischen Fakultät in die Straße der
Nationen (ein Kunstgriff, um die neue Zentral­
bibliothek mit Leben zu füllen) studentische
Im 2011 errichteten Projekthaus »METEOR« der Professur Arbeitswissenschaft (Universitätsteil Erfenschlager
Straße) werden Auswirkungen des Wandels von MEnsch,
TEchnik und ORganisation
auf die Arbeitsorganisation
untersucht. Foto: TU Chemnitz
Quirligkeit in die Innenstadt einkehren dürfte.
Bei den Planungen für die Aufwertung des
Universitätsteils an der Straße der Nationen
hat weder der Architekt, Albert Speer, noch das
Stadtplanungsamt die Eigenschaft des Campus
an der Reichenhainer Straße als lebendiges
Stadtquartier berücksichtigt. Es wird an Quali­
tät verlieren, wenn die Gegend am Schillerplatz
»akademischer« wird. Immerhin wird der vom
Busbahnhof befreite Schillerplatz als Grünan­
lage den Gedanken des denkenden Spazierens
befördern. So kommt die Universität nach Jah­
ren vorstädtischen Treibens zurück in die City.
Was wird die Universität wohl für das Stadtju­
biläum 2018 beitragen?
Die TU wird ihre Veranstaltungsreihen für die
Bürger ausweiten, so wie sie in diesem Jahr
nicht nur historische Vorlesungen (u.a. zum
Ersten Weltkrieg) anbot, sondern in diesem
Herbst auch einer Bürgerversammlung Heimat
gab, die das Verkehrskonzept der Stadt zum
Gegenstand hatte (die eingangs erwähnte Linie
3 in Richtung Thalheim). Bereits vor der Fer­
tigstellung der neuen Räume in der »Aktien­
spinnerei« werden Leser verstärkt zur Nutzung
der Universitätsbibliothek eingeladen, die
ebenfalls jedes Semester öffentliche Vorträge
anbietet. Der Autor ist sich gewiss, dass über­
greifende Fragen des heutigen Lebens – wie
effiziente Ressourcennutzung und Nachhaltig­
keit als Strategie14 – durch die Fakultäten mit
relevanten Ideen beantwortet werden, seien es
sparsame Motoren oder der Vorschlag moder­
ner ordnungspolitischer Prinzipien. Die TU
macht so als Ort des Wissens auf sich aufmerk­
sam, der Technik und Gesellschaft ganz prak­
tisch zusammenbringt.
Der Autor mit einem Werk
des Militärs Helmuth von
Moltke über die alte Türkei,
das er im Wintersemester
2012/2013 in der öffentlichen
Ringvorlesung »Mein Buch«
vorgestellt hat.
12 Freunde der TU Chemnitz
(Anm. 6), S. 23.
13 Dieter Bock: Von der
Königlichen Gewerb­
schule zur Technischen
Universität, in: KarlMarx-Städter Almanach
1988, Heft 7, S. 29–32,
hier S. 32.
14 Vgl. Ilja Kogan und
Sebastian Liebold: Säch­
sische Humanisten als
Ideengeber nachhaltiger
Ressourcennutzung.
Georgius Agricola und
Hans Carl von Carlowitz,
in: Carlowitz-Gesellschaft
(Hrsg.): Carlowitz weiter­
denken. Menschen gestal­
ten Nachhaltigkeit, Mün­
chen 2014, S. 133–142.
Autor
Dr. Sebastian Liebold
TU Chemnitz
Institut für Politikwissenschaft · 09107 Chemnitz
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