2015-05-12_PM_WIdO_GKV-Arzneimittelindex_So viele teure neue

Wissenschaftliches
Institut der AOK
Pressemitteilung
Berlin, 12. Mai 2015
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GKV-Arzneimittelindex: So viele teure neue Medikamente
wie nie zuvor
Berlin. Im Jahr 2014 wurden in Deutschland 45 neue Arzneistoffe auf den Markt gebracht, so viele wie nie zuvor. Gleichzeitig gab es noch nie so viele neue Arzneimittel,
die so teuer waren. Darunter befindet sich auch das Arzneimittel Sovaldi mit dem neuen Wirkstoff Sofosbuvir, das zur Behandlung von Hepatitis C eingesetzt wird und zu
Therapiekosten von bis zu 120.000 Euro führen kann. „Allein das Arzneimittel Sovaldi,
das Mitte Februar 2014 in den deutschen Markt eingeführt wurde, hat im vergangenen
Jahr bereits zu Mehrkosten in Höhe von knapp 450 Millionen Euro geführt“, so Helmut
Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK
(WIdO), anlässlich der Veröffentlichung der aktuellen Arzneimittelklassifikation des
GKV-Arzneimittelindexes.
Mit 45 neu eingeführten Wirkstoffen ist 2014 das Niveau der Vorjahre deutlich übertroffen
worden. So wurden 2013 nur 26 neue Arzneimittel eingeführt, im bisherigen Spitzenjahr 2009 waren es 36. Mit 14 Medikamenten befinden sich unter den Neueinführungen ungewöhnlich viele so genannte Orphan Drugs, also Arzneimittel, die für die Behandlung seltener Erkrankungen zugelassen und nur für sehr wenige Patienten nutzbar sind. Gleichzeitig
gab es unter den neuen Arzneimitteln noch nie so viele teure Packungen. Bei den
45 Neueinführungen hatten 8 verordnete Wirkstoffe mindestens eine Packung mit einem
Preis über 10.000 Euro. In den vorangegangenen Jahren waren es jeweils deutlich weniger
(vgl. Abbildung 1).
Der Blick auf das Wirkstoffprofil des Jahres 2014 zeigt, dass mit 20 Wirkstoffklassen bereits
mehr als 75 Prozent des Nettoumsatzes erreicht wurden. Besonders kostenintensiv waren
Arzneimittel zur Behandlung von Krebserkrankungen sowie Wirkstoffe, die das Immunsystem beeinflussen. Diese beiden Bereiche machten im vergangenen Jahr allein 18 Prozent
des Nettoumsatzes aus.
Neben vielen Neueinführungen zur Behandlung von Krebserkrankungen (5) und zur Behandlung von Diabetes (4) fällt vor allem die hohe Anzahl an neuen patentgeschützten Wirkstoffen gegen infektiöse Erkrankungen (7) auf, hierzu zählen die neuen Arzneimittel zur BehandSeite 1 von 5
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lung der Hepatitis C. Nach ersten Schätzungen konnten damit 2014 rund 7.800 Patienten auf
eine neue Hepatitis-C-Therapie umgestellt werden. Durch den sukzessiven Markteintritt dieser neuen Hepatitis-C-Produkte wird erwartet, dass sich die 2014 gestartete Umstellung im
laufenden Jahr noch beschleunigt. Von den geschätzten ca. 100.000 Patienten mit Hepatitis
C werden dann zunehmend mehr mit den neuen Arzneimitteln therapiert .
Die aktuellen Analysen des WIdO basieren auf der überarbeiteten ATC-Klassifikation mit
Tagesdosen für das Jahr 2015. Experten aus Wissenschaft und Praxis können mit der Klassifikation herausfinden, welche der über 68.000 verschiedenen verordneten Arzneimittelpackungen mit welchen der ca. 2.450 unterschiedlichen Wirkstoffen/Wirkstoffkombinationen in
welchen Mengen im Jahr 2014 verbraucht wurden. Insgesamt 651 Millionen Arzneimittelpackungen haben die 70 Millionen Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland 2014 von niedergelassenen Ärzten und Zahnärzten verordnet bekommen. In diesen
Arzneimitteln waren 39,6 Milliarden Tagesdosen enthalten. Jeder Versicherte hat durchschnittlich 563 Tagesdosen verbraucht und somit täglich mehr als 1,5 Arzneimittel eingenommen, so das WIdO.
Hintergrund
Seit 1981 analysiert das WIdO mit dem GKV-Arzneimittelindex den deutschen Arzneimittelmarkt. Ziel ist eine verbesserte Anwendungs- und Markttransparenz. Denn erst die eindeutige Zuordnung von Arzneimitteln mithilfe der ATC-Systematik und die Messung der verordneten Arzneimittelmenge mit definierten Tagesdosen (defined daily doses, DDD) ermöglichen
eine tiefergehende und reproduzierbare Analyse der Verordnungsdaten. Hierfür stellt die
aktuelle Klassifikation Kategorien für mehr als 7.000 Wirkstoffe und Wirkstoffgruppen sowie
die jeweils zugehörigen Tagesdosen (DDD) als Maßeinheit zur Messung des Verbrauches
bereit.
Die Arzneimittelklassifikation des GKV-Arzneimittelindex basiert auf dem international geltenden anatomisch-therapeutisch-chemischen (ATC) System der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und wurde speziell an die Situation des deutschen Arzneimittelmarktes angepasst und erweitert. „Seit nunmehr 13 Jahren wird die Systematik einschließlich der vollständigen Methodik der ATC-Klassifikation und DDD-Festlegung jährlich veröffentlicht und hat
sich in der Fachwelt als methodischer „Goldstandard“ bei der Durchführung von Arzneimittelanalysen und in der Arzneimittelverbrauchsforschung etabliert“, so der stellvertretende
WIdO-Geschäftsführer Schröder.
Zu den Nutzern zählen beispielsweise die GKV-Arzneimittelschnellinformation (GAmSI), die
Ärzten Informationen über ihr Verordnungsverhalten zur Verfügung stellt. Seit 2009 dient die
Klassifikation auch der Identifikation erkrankter Versicherter im Rahmen des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleiches. Bei der frühen Nutzenbewertung von Arzneimitteln nach
Paragraf 35a Fünftes Sozialgesetzbuch (SGB V/AMNOG) beruhen die Berechnungen der
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Therapiekosten ebenfalls auf der ATC/DDD-Klassifikation. Darüber hinaus werden die Klassifikationen von zahlreichen Universitäten für Projekte in der Versorgungsforschung genutzt.
Die nun publizierte Klassifikation des GKV-Arzneimittelindex wird – wie bereits seit neun Jahren – unter Einbindung von Krankenkassen, Ärzten, Apothekern und Pharmaindustrie im
Rahmen der Arbeitsgruppe ATC/DDD des Kuratoriums für Fragen der Klassifikation im Gesundheitswesen vom Bundesministerium für Gesundheit zum 1. Januar 2016 amtlich erklärt.
Die ATC-Systematik des GKV-Arzneimittelindex berücksichtigt sowohl die aktuelle internationale Systematik als auch nationale Anpassungen für Deutschland und bildet damit den gegenwärtigen Arzneimittelmarkt in Deutschland umfassend ab. Die vollständige Publikation
des ATC-Index mit DDD-Angaben einschließlich der Methodik der ATC/DDD-Klassifikation
ist ab sofort auf der Website des WIdO kostenfrei als Download abrufbar.
Mehr Infos im Internet: http://wido.de/arz_atcddd-klassifi.html
Uwe Fricke, Judith Günther, Anette Zawinell, Rana Zeidan
Anatomisch-therapeutisch-chemische Klassifikation mit Tagesdosen
für den deutschen Arzneimittelmarkt
Methodik der ATC-Klassifikation und DDD-Festlegung.
ATC-Index mit DDD-Angaben.
Stand April 2015
Berlin 2015
Pressekontakt:
Wissenschaftliches Institut der AOK
Tel.: 030/34646-2131
E-Mail: [email protected]
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2014: So viele und so teure neue Arzneimittel wie nie zuvor.
Abbildung 1: Anzahl der neu eingeführten Wirkstoffe in den Jahren 2005-2014 und
Anzahl der Arzneimittel mit mindestens einer verordneten Packung zum Preis von
mehr als 10.000 Euro (nach Apothekenverkaufspreis)
50
45
40
8
1
35
1
0
30
3
25
0
0
2
2
1
20
15
10
5
0
2005
2006
2007
2008
2009
Anzahl < 10T €
2010
2011
2012
2013
2014
Anzahl > 10T €
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Mehr als 75 % des Nettoumsatzes werden mit nur
20 Wirkstoffgruppen umgesetzt
Tabelle 1: Nettoumsatz der 20 verordnungsstärksten Wirkstoffgruppen 2014 mit dem jeweils
häufigstem verordneten Präparat
Nettoumsatz
in Mio. Euro
2014
Anzahl neuer
patentgeschützter
Wirkstoffe 2014
ATC
Wirkstoffgruppe
(häufigstes verordnetes Präparat)
L04
Immunsuppressiva (Prograf)
Erkrankungen des Immunsystems und Transplantaten
3.152,3
2
A10
Antidiabetika (Metformin Lich)
Diabetes
2.085,3
4
C09
Mittel mit Wirkung auf das ReninAngiotensin-System (Rami Lich)
Herz-Kreislauf-Erkrankungen
1.615,8
0
R03
Mittel bei obstruktiven Atemwegserkrankungen (SalbuHEXAL)
Atemwegserkrankungen
1.614,4
3
N02
Analgetika (Novaminsulfon
Lichtenstein)
Schmerzen und Entzündungen
1.558,3
0
J05
Antivirale Mittel zur systemischen
Anwendung (Aciclostad)
Infektiösen Erkrankungen
1.533,9
5
B01
Antithrombotische Mittel
(ASS 100 - 1 A Pharma)
Herz-Kreislauf-Erkrankungen
1.404,3
1
L03
Immunstimulanzien (Rebif)
Erkrankungen des
Immunsystems
1.238,7
2
L01
Antineoplastische Mittel (Syrea)
Krebserkrankungen
1.227,9
5
N06
Psychoanaleptika (Citalopram dura)
Psychischen Erkrankungen
1.056,8
0
N05
Psycholeptika (Tavor)
Psychischen Erkrankungen
930,8
1
N03
Antiepileptika (Lyrica)
Epilepsie
800,5
0
A02
Mittel bei Säure bedingten
Erkrankungen (Pantoprazol-Actavis)
Magen-Darm-Erkrankungen
751,0
1
J01
Antibiotika zur systemischen
Anwendung (Amoxi- 1 A Pharma)
Infektiösen Erkrankungen
699,3
2
L02
Endokrine Therapie (Tamoxifen AL)
Krebserkrankungen
668,5
0
M01
Antiphlogistika und Antirheumatika
(Ibuflam/-Lysin)
Schmerzen und Entzündungen
667,4
0
S01
Ophthalmika (Floxal)
Erkrankungen der Augen
656,6
0
C07
Beta-Adrenozeptor-Antagonisten
(MetoHEXAL/-succ HEXAL)
Herz-Kreislauf-Erkrankungen
594,3
0
C10
Mittel, die den Lipidstoffwechsel
beeinflussen
(Simvastatin/Simva Aristo)
Herz-Kreislauf-Erkrankungen
533,4
1
N04
Antiparkinsonmittel
(Levodopa Benserazid-neurax)
Morbus Parkinson
513,8
0
Zur Anwendung bei ...
Summe
23.303,1
27
Anteil an Gesamt in %
75
60
Gesamt
31.009,5
45
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