Kritik. Dialog. Essay - Bayerischer Rundfunk

Manuskript
Kulturjournal
Kritik. Dialog. Essay
Zusammenstellung und Moderation: Dieter Heß
Redaktion: Kulturkritik und Literatur
Musik: Björk, "Vulnicura" [embassy of music]
Sendedatum: 22. März 2015, 18.05 – 19.30 Uhr
Bayern 2-Hörerservice
Bayerischer Rundfunk, 80300 München
Service-Nr.: 01801/102033 (4 Cent/Min.)
Fax: 089/5900-3862
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© Bayerischer Rundfunk 2014
MUSIK 1 / CD
BJÖRK
Track 1
6.49
DARÜBER AUF ZEICHEN
Die isländische Sängerin und Musikerin Björk ist nun auch schon über 20 Jahre
im Geschäft, aber nie war ihre Kunst so universell wie heute: auch ihr
8.Studioalbum dokumentiert nur einen Teil ihrer globalen, medialen,
künstlerischen Performance, dabei wahrscheinlich den persönlichsten,
intimsten: Rhythmen, Klangflächen, Textpassagen, die von Trennungen,
Herzschmerz und mancherlei Bewältigungsversuchen berichten: „Vulnicura“ hat
Björk ihre neue CD genannt, „Wundheilung“ – und Björk wäre nicht Björk, wenn
sie nicht spielerisch und produktiv mit ihren Verletzungen und Wunden
umginge.
MUSIK HOCH UND STEHEN LASSEN
Björk, die Universalkünstlerin, das Gesamtkunstwerk. Von klein auf inszenierte
diese Frau mit ihrer Kunst auch sich selbst. Nun widmet ihr sogar das New
Yorker Museum of Modern Art eine Retrospektive. Parallel dazu die neue CD
und eine Welttournee. Im Kulturjournal Eindrücke von ihrem New Yorker
Konzert und aus dem berühmten MoMa von Moritz Gaudlitz gleich in dieser
Sendung.
Willkommen zum Kulturjournal!
MUSIK HOCH, DANN DARÜBER
Was hat die Kunst mit der Welt zu tun? Die Gleichzeitigkeit aller Ereignisse,
diese sich permanent fortschreibende „Real time“-History macht es nicht nur
Künstlern schwer, die laufenden Ereignisse zu registrieren, geschweige denn
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zu verarbeiten. Die Informationsschleppnetze des Internets machen uns nolens
volens zu Mitwissern „von allem“. Während Björk konzertiert und umjubelt wird,
fliehen tausende aus Syrien und Libyen und dem Irak, schießen sogenannte
Separatisten im Osten der Ukraine auf ihre Landsleute, überziehen Boko
Haram, IS, tunesische Dschihadisten ganze Landstriche mit Mord und Terror,
spitzt sich die Krise unseres kapitalistischen Systems immer noch ein bisschen
mehr zu.
Was kann, darf, soll in dieser Welt der Unkultur die Kultur, wenn sie denn mehr
sein will als nur Freizeitvergnügen, ästhetische Selbstgenügsamkeit und
intellektuelle Wellness? Eine Frage, die sich auch deutsche Autoren und
Literaten zu allen Zeiten gestellt haben – zur Zeit aber, wenn der Eindruck
nicht täuscht, nicht besonders intensiv diskutieren. Herrscht etwa Ruhe im
Land? Anders als in den 1970er Jahren, als von dem damals neugegründeten
Verband deutscher Schriftsteller, VS, ein regelrechter Politisierungsschub
ausging. 45 Jahre danach versucht die gerade gewählte VS-Bundesvorsitzende
Eva Leipprand einen Neuanfang. Sie ist heute zu Gast im Kulturjournal.
Gottseidank gibt es zur Bewältigung der Gegenwart immer noch und immer
wieder den Blick in die Geschichte. Auf Schloss Elmau haben sich in der
vergangenen Woche einige prominente Historiker eingefunden, um einen
fürchterlichen Verdacht auf seine Plausibilität abzuklopfen: Könnte es sein,
dass all die berühmten, „historischen“ Friedensverträge der letzten 200 Jahre
schon den Keim des Krieges in sich trugen? Und dann natürlich die Frage, was
uns Geschichte lehren kann in diesen Zeiten kriegerischer Handlungen und
Gefahren. Christine Hamel sprach mit vier bedeutenden Historikern über die
Lage der Welt, einst und jetzt.
Seite 3
Wir wissen nicht, ob im neuerbauten gläsernen Wolkenkratzer der
Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main Platz für eine Bibliothek
eingeplant wurde – aber im Zweifel genügt ja heute eine kleinere Festplatte, um
ganze Fachbibliotheken –wie man so sagt –„vorzuhalten“. Elektronisch oder auf
Papier – das neue Buch des Leipziger Philosophen Christoph Türcke müsste
zum Grundbestand gehören: „Mehr! – Philosophie des Geldes“ heißt das 500
Seiten-Werk. Wer „Geld“ verstehen will, so Türckes Ansatz, muss seine
Geschichte genau kennen und die verschlungenen Bedeutungswege in den
Köpfen der Menschen nachzeichnen. Jochen Rack hat sich mit Christoph
Türcke unterhalten – zu hören ist das Gespräch gegen Ende dieser Sendung.
MUSIK
Das ist fast schon eine Kunst für sich, wie sich die immer jung erscheinende,
„elfenhafte“, „feenähnliche“ Isländerin Björk in den Jahrzehnten ihrer Karriere
immer wieder neu erfunden hat. Obwohl: Neu? Nein, Björk war immer Björk
geblieben, wandlungsfähig, aber als solche erkennbar, eine außergewöhnlich
neugierige, risikofreudige Avantgardistin, die ihre Kunst aus Musik, Video und
Performance nun schon seit über 20 Jahren in vielerlei Rollen vorantreibt: als
Schwanendame, als „Cyber-Geisha“, wie es in der ZEIT stand, als verliebter
Roboter. „Vulnicura“ steht über ihrem jüngsten Projekt, einer CD-Produktion mit
angehängter Welttournee – also: Bühnenperformance. Auf dem Cover: Björk in
einer kaktusartigen Kostümierung, der Oberkörper längs aufgeschlitzt, eine
riesige offene Wunde. Und wo „Vulnicura“ draufsteht, also: Heilung, müssen
Wunden, Schmerzen, Verletzungen eine Rolle spielen oder gespielt haben.
Dazu die große Björk-Retrospektive im weltbedeutenden New Yorker Museum
of modern Art, das sich damit vielleicht ein bißchen spät für die Welt des 90er
Jahre Pop interessiert hat.
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Moritz Gaudlitz war in New York, im Museum, im Konzert, in Björks Welt.
ZUSPIELUNG / GAUDLITZ BJÖRK
Moritz Gaudlitz mit Impressionen von Björks New Yorker Auftritten.
MUSIK 2 / TRACK 3
3.00
Musik aus Björks neuem Album „Vulnicura“: „History of Touches“. Mehr
Informationen und viele Bilder aus dem MoMA finden Sie auf Bayern2.de.
Ich begrüße jetzt im Studio des Kulturjournals Eva Leipprand, Schriftstellerin,
Übersetzerin, Autorin aus Augsburg, und seit kurzem Bundesvorsitzende des
Verbands deutscher Schriftsteller, kurz VS. Herzlich willkommen!
ZUSPIELUNG / GESPRÄCH LEIPPRAND
Und hier ist wieder Musik von Björk – angesiedelt irgendwo zwischen Pop,
Jazz, Elektro, Avantgarde. „Lionsong“. Großes Streichensemble.
MUSIK 3 / TRACK 2
6.08
Das war ja beinahe ein Gipfeltreffen bedeutender Historiker letzte Woche auf
Schloss Elmau in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen. Knapp drei Monate
vor dem G7 Gipfel an gleicher Stelle tauschten sich Koriphäen wie Brendan
Simms, Ulrich Herbert, Herfried Münkler und Jörg Friedrich aus über eine so
naheliegende wie prekäre These: Könnte es sein, dass berühmte, „historische“
Friedensverträge wie der „Friede von Frankfurt“ 1871 oder der Versailler
Vertrag von 1919 bis hin zum Potsdamer Abkommen 1945 zwar so etwas wie
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„Frieden“ festschrieben, im Rückblick aber schon den Keim des Krieges in sich
bargen?
Eine Frage, die sich vor dem Hintergrund unablässig betriebener,
unverzichtbarer Friedensbemühungen angesichts der unzähligen Konfliktherde
und Kampfplätze dieser Welt ganz dringlich stellt. Unsere Reporterin Christine
Hamel erhoffte sich von den Historikern Auskünfte, Bewertungen, Ausblicke in
einer krisengeschüttelten, mit Gewalt und Terror angereicherten Welt.
ZUSPIELUNG / HAMEL
Christine Hamel besuchte ein Symposium im oberbayerischen Schloss
Elmau.mit den Historikern Ulrich Herbert, Herfried Münkler, Jörg Friedrich und
Michael Wolffsohn.
MUSIK 4 / TRACK 7
8.08
„Atom Dance“. Musik von Björk. „Vulnicura“ heißt ihre neue CD.
Es steckt schon eine gewisse Symbolik in dem Umstand, dass die neue
Zentrale der Europäischen Zentralbank ausgerechnet auf deutschem Boden, in
Deutschlands Finanzmetropole Frankfurt errichtet wurde – in vier Jahren
Bauzeit, im vergangenen November bezogen, und vergangene Woche mit den
bekannten Begleiterscheinungen und skandalösen Gewaltausbrüchen
eingeweiht. Es geht hier wie immer ums Geld, um Geld in seinen abstraktesten
Ausprägungen. In der EZB und vor der EZB – immer arbeiten sich EUWährungshüter einerseits und Kapitalismuskritiker andererseits nicht am Geld
an sich ab, sondern am Umgang mit dem Zahlungsmittel, seiner Symbolik,
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seiner Verteilung zwischen Arm und Reich, an seiner Strahlkraft, seinem
Vernichtungspotential.
Ein fürwahr philosophisches Themenfeld, dem sich der Leipziger Philosoph
Christoph Türcke in seinem jüngsten Buch erschöpfend gewidmet hat. „Mehr!“
ist der Titel des 500-Seiten-Werks, und schlicht „Philosophie des Geldes“ sein
Untertitel.
Jochen Rack im Gespräch mit Christoph Türcke.
ZUSPIELUNG / RACK TÜRCKE
Christoph Türckes Buch „Mehr! Philosophie des Geldes“ ist bei C.H. Beck
erschienen – Jochen Rack sprach mit dem Autor.
MUSIK 5 / TRACK 8
6.09
DARÜBER
Am Ende dieses Kulturjournals nimmt uns Björk noch einmal mit in ihren ganz
eigenen musikalischen Heilungsprozess. „Mouth Mantra“.
Im Namen aller Beteiligten wünscht Dieter Heß einen angenehmen
Sonntagabend. Bis zum nächsten Mal!
MUSIK HOCH UND STEHEN LASSEN
-stopp-
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Gebrochene Herzen
Annäherungen an das Gesamtkunstwerk Björk
Von Moritz Gaudlitz
Musik: Atom Dance oder Stadt/Wind 00:00 – 00:26
Es ist besonders kalt an diesem Wochenende in New York. Nur vier Straßen
voneinander entfernt warten die Menschen bei isländischen Temperaturen vor
der Carnegie Hall und dem Museum of Modern Art. Sie wollen, ebenso wie Ich,
einem gebrochenen Herzen folgen. Dem Herz der elfengleichen
Ausnahmekünstlerin Björk, die wie ein Nordlicht erscheint und verschwindet.
Vor vier Jahren war sie zuletzt auf der Bildfläche der Medien. Jetzt ist die
Isländerin plötzlich wieder überall. In den Feuilletons, in Plattenläden, im Netz,
auf der Bühne und - im Museum.
Ihr neues Album erscheint unerwartet - und mit ihm eine neue musikalische
Welt, die niemand von Björk erwartet hätte: „Vulnicura“ ist ein sehr persönliches
Herzschmerzalbum geworden, das die Trennung von Björks langjährigem
Partner Matthew Barney dokumentiert. Doch welcher Situation ist die
erfolgreiche Frau, die Mutter, der Familienmensch nun ausgesetzt? Die Kunstund Musikwelt ist neugierig und auch ich will erfahren, wie sich Islands
bekannteste Musikerin nun neu erfindet. Früher waren es Alben über das
Universum, die Erde, die Natur oder das menschliche Wesen, die sie aufnahm.
Jetzt geht es um die Liebe. Ihre persönliche, gescheiterte Liebe.
Musik: All is Full of Love
1999 war ihre Welt noch voller Liebe. Björk veröffentlichte ihren Song „All Is Full
of Love“. Der Videokünstler Chris Cunningham produzierte das umstrittene
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Musikvideo dazu. In einem sterilen, technischen Raum, werden zwei Roboter
von Maschinenarmen gebaut. Einer der zwei Roboter hat Björks Gesicht. Den
Höhepunkt des Videos bildet ein sehr emotionaler, sexuell aufgeladener Kuss
der beiden Maschinen. Es war auch der Beginn von Björks und Matthew
Barneys Beziehung.
Musik: All is Full of Love
14 Jahre lang war Björk mit dem amerikanischen Performancekünstler liiert. In
New York lebend, waren sie ein bekanntes internationales Künstlerpaar. Wie
Marina Abramovic und Frank Uwe Laysiepen oder Gilbert & George. Jedoch
schienen Barney und Björk immer unnahbarer und sonderbarer als andere
Künstler zu sein, schon allein deshalb, weil ihre Kunst auf viele hermetischer,
abweisender, geheimnisvoller wirkte. Dass Matthew Barneys Kunst umstritten
und grenzwertig ist, weiß spätestens der, der die Möglichkeit hatte, sich sein
Lebenswerk, den Cremaster Cycle anzusehen - ein über 12 Stunden langer
Experimentalkunstfilm. Während der gemeinsamen Zeit veränderte auch Björk
ihren Musikstil ein wenig. Ihre Alben der Nullerjahre, wie Medulla oder Volta,
klangen aggressiver und elektronischer als die früheren. Einige Musikkritiker
machten Matthew Barney für diese Veränderungen verantwortlich.
Musik: History of Touches 00:00 – 00:30 danach unterlegen
Vor knapp zwei Jahren trennten sich die beiden. Auch jetzt ist es noch
Matthew Barney, der indirekt für die Texte und die Musik ihres neuesten
Albums Vulnicura verantwortlich ist, denn es handelt von dieser langjährigen
Beziehung und ihrem Ende. Zwei Monate vor der eigentlichen Veröffentlichung
wurde „Vulnicura“ illegal im Netz verbreitet. Björk entschied sich für einen
klugen Schachzug und stellte das Album einen Tag danach exklusiv digital zum
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Kauf online. Nun gibt es die neun Songs über ihr gebrochenes Herz auch als
CD und Vinyl. Begonnen hat Björk mit dem Songwriting neun Monate vor der
Trennung, wie es im CD-Booklet heißt. Diese Notizen zeigen: das Album
spiegelt in drei Teilen die Zeit vor, während und nach der Trennung.
Musik: History of Touches 01:45 – 02:00 freistehen und dann Fade out
History of Touches heißt der Song, in dem Björk die zerbrochene Beziehung
und letzte Berührungen schildert. Geschrieben drei Monate vor der Trennung.
Die Texte auf dem Album sind einfach gefasst, fast wie in simplen Popballaden.
Doch dadurch werden sie ehrlich und persönlich. Ihre Stimme ist noch immer so
sonderbar und klar wie vor 20 Jahren, sogar etwas kräftiger. Das macht die
Songs so melancholisch und intensiv und die Person Björk so überraschend
zerbrechlich. War sie doch sonst die Musikerin, die von dieser gewissen Magie,
dieser starken, elfenhaften Aura umgeben war, von der selbst die
routiniertesten Journalisten und Talkmaster angezogen wurden und schließlich
aufhörten, ihr unnötige Fragen zu stellen.
Musik: Stonemilker nur Streicher ab 05:55 unterlegen
Mit eigenen Streicher-Kompositionen für ein 15-köpfiges Ensemble, bestehend
aus Geigen, Viola und Celli, begann Björk die Arbeit an Vulnicura. Die
Thematik des Albums war ihr zu persönlich, um mehrere Produzenten für das
Album zu beauftragen, die die Songs dann nach Björks Vorarbeit und
Vorstellungen arrangieren und interpretierten und produzierten. So hatte sie es
bei ihren letzten Alben gemacht. Vulnicura entstand nur mit dem 25-jährigen,
venezolanischen Produzenten Alejandro Ghersi, der unter seinem Pseudonym
Arca schon andere zeitgenössische Musiker wie Kanye West oder FKA Twigs
produziert hat. Arca kannte ihr gesamtes Werk besser als sie selbst, sagte sie
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in einem Interview mit dem amerikanischen Musikmagazin Pitchfork. Und er hat
Björks Songs musikalisch in die Techno- und Hip Hop- Zeit überführt. Schnelle
Beats und düstere Synthesizer Elemente in der Kombination mit dem schweren
Streicherensemble machen die Musik auf Vulnicura sehr traurig, düster und
mysteriös, aber zugleich hoffnungsvoll und motivierend. Es ist wohl das Album
Björks, das der herkömmlichen Popmusik am weitesten entfernt ist.
Musik: Mouth Mantra ab 3:50 oder Quicksand
Björk ist ein Gesamtkunstwerk. Seit Jahrzehnten spaltet sie die Musik- und
Kunstwelt in zwei Lager. Es gibt diejenigen, die ihre Musik, ihr
avantgardistisches Auftreten und ihre aufwendig produzierten, oft verstörenden
Videos lieben. Dann gibt es die, die mit der Person, den Kompositionen, ja ihrer
seltsamen Stimme nichts anfangen können, ihre Elfenhaftigkeit und ihr
rollendes R für reine Attitüde halten. In einer Sache sind sich aber dennoch alle
einig: Sie lässt sich nur als Inszenierung eines umfassenden Konzepts
begreifen. Und so ist die New Yorker Mid-Career-Retrospektive der Musikerin,
der Künstlerin, nur ein Teil der aktuellen Performance von Björk.
Atmo: MoMA Ausstellung App Intro
Das MoMA in New York. Mit iPod um den Hals und Kopfhörern auf, beginnt die
kurze Reise durch die Geschichte Björks. In einer für die Ausstellung
aufgebauten Raum-in-Raum Konstruktion im dritten Stocks des MoMA führt der
Audioguide durch die Stationen von Björks Diskographie. Eine fremde
Frauenstimme erzählt eine esoterisch-märchenhafte Geschichte über die
Sängerin und ihr Leben. Jeder Raum ist einem Album Björks zugeordnet und
man kann wie in einem Wachsfigurenkabinett, einem altertümlichen Museum,
Kleider, Masken und Requisiten aus ihren Videos sehen, die von
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verschiedenen Künstlern gestaltet wurden, mit denen Björk bisher
zusammengearbeitet hat. Etwa die Modedesigner Alexander McQueen oder
Bernhard Wilhelm. Den Höhepunkt bildet eine sanft beleuchtete Vitrine, in der
die beiden Roboter aus dem Video zu „All Is Full Of Love“ installiert sind. Auch
wenn man sich 40 Minuten lang auf das Märchen konzentriert und den
Anweisungen des Computers folgt, verlässt man die kurze Tour etwas
unbefriedigt. Das Märchen gibt keinen Mehrwert und im letzten Raum, der dem
2011 erschienen Album „Biophilia“ gewidmet ist, steht allein eine weitere
Björkfigur beschmückt mit einem Kleid aus einem Musikvideo. Biophilia war ein
intermediales Gesamtkonzept samt Film und einer revolutionären App, die Björk
extra für das Album entwickeln lies. Das MoMA hat die App vor kurzem für
seine Sammlung erworben, leider aber nicht mit in die Ausstellung integriert.
Neben ein paar von Björk mitentwickelten Musikinstrumenten, die man in der
lauten Eingangshalle des MoMA abgestellt hat, birgt die Ausstellung noch eine
Audio-Video-Installation, eine Auftragsarbeit des Museums. In einem von oben
bis unten mit Stoff ausgebauten Kinosaal läuft auf zwei gegenüberliegenden
Breitbildleinwänden das Video zum trennungsverarbeitenden Song „Black
Lake“. Björk läuft darin barfuß durch eine karge, isländische Lavalandschaft und
klopft sich dabei verzweifelt auf ihre Brust. Das ist nicht schön anzusehen und
gibt der Arbeit etwas sehr Tragisches. Tragisch peinlich und auch unnötig.
Denn einen Kinosaal weiter werden sämtliche Musikvideos von Björk
neuaufbereitet und in Dolby Digital gezeigt. Dort kann man sich sehr gründlich
und 4 Stunden lang auf einer großen, sofaähnlichen Anlage mit Arbeiten von
Spike Jonze, Michel Gondry oder Chris Cunningham berieseln lassen und in die
Diskographie Björks eintauchen.
Atmo: Black Lake Installation/ Ladies & Gentlemen the exit is on the right....
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Klaus Biesenbach, Chefkurator der Ausstellung und selbsternannter Björk-Fan,
bekam bereits vor dem Eröffnungswochenende viele schlechte Kritiken. Der
amerikanische Kunstkritiker Jerry Saltz forderte gar, dass Biesenbach seinen
Kuratorenposten am MoMA aufgibt und sich nur noch um das in Queens
gelegene, experimenteller orientierte MoMA PS1 kümmert, an dem Biesenbach
Direktor ist. Björk wäre vielleicht dort auch besser aufgehoben, denn im New
Yorker Museum of Modern Art eine provisorische Ausstellung aus reiner
Bewunderung für die Musikerin zu machen, scheint der falsche Ansatz für ein
Museum dieser Bedeutung zu sein.
Atmo: Applaus Carnegie Hall.
Wieder Björk, wieder New York, anderer Ort: Einen Tag vor der Eröffnung der
Ausstellung gab Björk Mittags um 12:00 in der Carnegie Hall auf der 57. Straße
ihren Auftakt für die kommende Vulnicura-Tour, die sie nach einigen Konzerten
in der amerikanischen Metropole auch in Europa präsentieren wird.
Vor ausverkauftem Haus tritt sie im weißen Elfenkleid und mit einem
strahlenförmigen Kopfschmuck wie auf dem Albumcover auf. Hinter ihr auf der
großen Bühne ein 15 köpfiges Streicherensemble der New Yorker
Avantgardegruppe Alarm Will Sound, an Computer und Synthesizern der CoProduzent des Albums Arca, und an Schlagzeug und Percussions der
österreichische Multi-Perkussionist Manu Delago.
Musik: zum unterlegen Carnegie Hall Live Ausschnitt
In ihrer knapp zweistündigen Show tritt sie so selbstbewusst, stark und motiviert
auf wie man es nie erwartet hätte, anders als die Begräbnisstimmung des
Albums. Björks Performance nimmt den Songs jegliche Hoffnungslosigkeit und
Verzweiflung Mit einer unglaublichen Präsenz tänzelt sie auf der Bühne, ihre
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Stimme getragen von Stolz und Sicherheit. Und auch beim traurigsten Song
„Black Lake“ singt sie Ihre Verzweiflung einfach laut in die große Konzerthalle.
Die feinen Streichermelodien des Ensembles, die düsteren Klangflächen von
Arca und die äußerst komplexen Rhythmen des Schlagzeugers formen sich mit
Björks Stimme zu einem bewegenden Erlebnis - packender als auf ihrem
Studio- Album.
Auf dem Album zerbricht ihr Herz. Im Konzert sieht und hört man mehr. Hier
steht eine starke, ständig der Kritik ausgesetzte Frau auf der Bühne, die einem
gerade aus dem Bett gefallenen Publikum beweist, dass sie noch immer so gut
ist wie vor 20 Jahren.
Musik: Carnegie Hall Live Wanderlust oder Stonemilker
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Einigkeit der Einzelgänger?
Was kann und was will der Verband Deutscher Schriftsteller?
Ein Gespräch mit der neuen VS-Vorsitzenden Eva Leipprand
Von Dieter Heß
(Gespräch liegt nicht schriftlich vor)
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(Möglichst) nie wieder Krieg!
Wie wirksam waren und sind Friedensverträge?
Von Christine Hamel
Autorin:
Die Frage ist ja doch die: Wie kann man einer Welt gerecht werden, die vor
unseren Augen zerfällt? Deren alte Ordnung regelrecht kollabiert? Die große
Überraschung seit dem Ende des Kalten Krieges besteht darin, dass sich der
Glaube an eine one world als gründlicher Irrtum entpuppt hat. Die Überzeugung
nämlich, dass die Welt nach dem Fall der Mauer zu einem großen Rund
zusammenwächst, in dem von New Delhi bis Patagonien marktkonforme
Demokratien für das Wohl ihrer Bürger sorgen - in aller politischer und
gesellschaftlicher Offenheit. Es sollte anders kommen. Der Kollaps der
Sowjetunion und die darauffolgende „Schocktherapie“ schufen nur neue
Oligarchen und Kleptokratien. Auch in Asien blieb die Angleichung der
Lebensverhältnisse aus. Der Anschluss an den Weltmarkt vertiefte vielmehr
noch alle Ungleichheit. Es mag insgesamt mehr Wohlstand geben, aber das
Leben verwandelte sich in einen „sozialen Dschungel“. Indien etwa trägt alle
Züge einer Chaosmoderne mit schreienden Kontrasten. In den postkolonialen
Staaten Afrikas und des Nahen Ostens treten neuerdings Stämme, Clans und
Sekten als wichtigste politische Akteure auf, während Südamerika im
Drogenkrieg versinkt und China eine besonders brutale Form des despotischen
Merkantilismus perfektioniert. Eine mehr als beunruhigende Weltunordnung, die
keineswegs den Eindruck erweckt, Vorstufe einer gerechteren Stabilität von
Morgen zu sein, sondern eher knallharte Zukunft. Normalität der post-westernworld, die von wirtschaftlichem Profitstreben ohne soziale Rücksicht in immer
neue Konflikte getrieben wird. Es fehlt ein soziales Fundament, sagt der
Freiburger Historiker Ulrich Herbert.
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Zsp.: (Ulrich Herbert)
Wir haben spezifische, erkennbare, definierbare und sich verändernde
Probleme. Wenn man sie jetzt überträgt ins Ökonomische, dann haben wir das
Grundproblem einer ungerechten Weltordnung, die immer wieder neue
wirtschaftliche und soziale Disparitäten mit sich bringt. Was nicht bedeutet,
dass, wenn man die sozialen Probleme abstellen würde, es überhaupt keine
Kriege mehr gäbe, aber es gäbe sehr viel weniger Anlass dazu, solche Kriege
zu führen. Und solange das nicht geschieht, wird es immer wieder Gruppen
geben und Bevölkerungsteile, die sich von einem Krieg mehr versprechen als
von einem Frieden.
Autorin:
Wir sind von Aufruhr, Krisen und Kriegen umzingelt, Konflikte sind die neue
Normalität und schlagen Millionen Menschen in die Flucht. Die EUGrenzbehörde Frontex, die immer wieder auch als brutale
Abschottungsorganisation kritisiert wird, rechnet in diesem Jahr mit einer neuen
Rekordzahl von Flüchtlingen, vor allem aus Libyen, wo wegen wachsender
Gewalt und Chaos schätzungsweise eine Millionen Menschen das Land
verlassen wollen. Auch im zerfallenden Syrien und im instabilen Irak sind keine
Verhältnisse in Sicht, die Menschen ein menschenwürdiges Leben erlauben
würden. Inmitten der Ärmsten der Armen erlebt zudem die Religion ein
militantes Revival. Islamische Extremisten beanspruchen für sich, einen Krieg
gegen den Westen und die globalisierte Moderne mitsamt ihren Werten zu
führen. Die Abkehr von den Verheißungen des Westens und seiner Metropolen
ist geradezu atemberaubend. Das Problem der Radikalisierung, sagt Ulrich
Herbert, ist dabei auch unser Problem.
Zsp.: (Ulrich Herbert)
Was wir derzeit erleben weltweit ist ja die Auseinandersetzung zwischen dem
globalen Süden und dem globalen Norden. Das heißt, im Grunde will der
globale Norden seine wirtschaftliche Situation abfedern. Nach aller Erfahrung
Seite 17
der letzten 100 Jahre wird das nicht funktionieren. Die Rückgängigmachung
von Migrationsprozessen hat bisher nur mit massiver staatlicher Gewalt
funktioniert und auch nur für eine begrenzte Zeit. Das heißt, ob wir das nun
wollen oder nicht oder hübsch finden, wir werden uns darauf einstellen müssen.
Und hinzu kommt noch etwas Neues, Islamismus, und der hat mit der Migration
insofern was zu tun, als wir den Islamismus nur verstehen können, wenn wir ihn
als eine weitere Variante sozusagen der antimetropolitanen Bewegung des
globalen Südens verstehen. Im Grunde kann man die Arabellion vor ein paar
Jahren als Symbol dafür nehmen, dass eine neue, jetzt aber religiös motivierte
Variante aufgekommen ist, die sehr erfolgreich ist, deswegen, weil sie dem
Westen seine kulturelle Vorherrschaft auch abspricht. Die verbindet sich nun
mit den Migrationsprozessen und zeigt ja nun auf verschiedene Weise, dass die
Vorherrschaft des Nordens in Gefahr gerät.
Autorin:
Die Welt ist aus den Angeln gehoben. Der nächste große Bürgerkrieg bahnt
sich schon in Nigeria an, wo sich die Terrortruppe Boko Haram - der Name
bedeutet so viel wie „westliche Bildung ist Sünde“ - gerade dem IS unterstellt
hat – obwohl zwischen dem Norden Nigerias und der Hauptstadt des
sogenannten Islamischen Staates Rakka in Syrien 5000 Kilometer liegen. Die
Methoden allerdings ähneln sich bis ins Detail. Entführungen, äußerste
Brutalität und Gewalt, Erpressungen, Drogen- und Waffenschmuggel. Der
Politologe Herfried Münkler, der Theorie der Politik an der Berliner Humboldt
Universität lehrt und ein gefragter Berater von Politikern ist, macht auch in
Regionen, mit denen wir unmittelbar gar nichts zu tun haben, eine neue
Verantwortung der Europäer aus. In einer Welt, in der alles mit allem
zusammenhängt, gibt es für Europa keine Nischenerlaubnis mehr. Zumal die
amerikanische Hypermacht nur noch ein mächtiger Stern unter anderen ist. Im
Kern bedeutet die Obama-Doktrin ja doch: Führungsrolle ja, aber Alleingänge
nur noch im Einzelfall.
Seite 18
Zsp.: (Herfried Münkler)
Ich glaube schon, dass man aus der Geschichte jetzt vielleicht nicht eins zu
eins lernen kann, in dem sich irgendein vergangenes Ereignis anguckt und
glaubt, man kann es dann auf die Gegenwart übertragen. Aber es gibt schon
komplexere Analogien. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts ist die
Hegemonialmacht des 19. Jahrhunderts, nämlich das British Empire im
relativen Niedergang. Das ist eine ausgesprochen gefährliche Situation, weil ein
Gerangel um die Frage entsteht, wer wird an die Stelle treten und wer wird mit
dabei sein. Und das Spannende ist eigentlich, dass sich die USA zurzeit in
einer ähnlichen Situation befinden. Die Übermacht der USA ist nicht mehr so
eindeutig, wie sie die ganze Zeit gewesen ist. Das führt dazu, dass die USA
sich nicht mehr zutrauen, Ordnungsprojektionen im globalen Zusammenhang
durchzusetzen, sondern den atlantischen und den mittelmeerischen Raum
relativ niedrigstufig behandeln und dafür sich auf den pazifischen Raum
verlagern. Das heißt nun, relativ viele Aufgaben, von denen die Europäer sagen
konnten, ach, da gehen wir gar nicht rein, das machen die Amis, die werden
nun auf uns zukommen.
Autorin:
Der in Israel geborene Historiker Michael Wolfssohn bietet angesichts dieser
neuen Aufgabenstellung gleich eine Art Patentrezept an, das man auf den
Nenner bringen könnte: Learning from Europe. In Zeiten, in denen immer mehr
Europäer Brüsseler Politik als Demütigung verstehen und deutsche Gemüter
sich an griechischen Stinkefinger überhitzen, mag diese Lektion überraschend
sein. Aber Wolfssohn erinnert an den Grundgedanken des europäischen
Einigungswerks.
Zsp.: (Michael Wolfssohn)
Die ursprüngliche Idee des vereinten Europa war ja die, Deutschland und
Frankreich sollten sich nicht mehr ineinander verbeißen, und daher mussten sie
Seite 19
verzahnt werden. Wir werden also nicht erreichen, dass alle Menschen sich
wahnsinnig umarmen werden, aber dass man Konflikte durch Verluste von
Vorteilen vermeiden kann. Das ist wirklich der welthistorische Durchbruch des
europäischen Einigungswerks, der eine Dynamik entfaltet hat, die ursprünglich
so gar nicht vorgesehen war. Und deswegen sollte man überlegen, dieses
Modell auch auf außereuropäische Regionen oder die europäischen Regionen
zu erweitern. Nicht unbedingt im Rahmen einer EU, aber im Sinne dieser
Verzahnung, und die Verzahnung kann erstens bundestaatlich sein und
zweitens staatenbündisch.
Autorin:
Nach dem Fall der Mauer dominierte die Hoffnung der
Globalisierungswortführer, dass sich die Welt so sehr ökonomisch ineinander
verstrickt, dass sie die Kriegslogik „Dein Verlust ist mein Gewinn“ ad absurdum
führt. Heute dehnen sich Staaten wie China oder die USA mit Hilfe
diplomatischer und kommerzieller Netzwerke aus, und wenn sich Peking für
kleinere militärische Aktionen im Pazifik entscheidet, wird noch immer penibel
darauf geachtet, dass keine Provokationsschwelle überschritten wird. Xiang
Qian Kann – ist eine Losung, die noch in jeder chinesischen Stadt hängt. Sie
bedeutete ursprünglich „Voran“! Mitte der 90er Jahre hat man ein Zeichen
ausgetauscht. Jetzt bedeutet sie „Zum Gelde hin!“ Putins Russland indes
betreibt noch klassische Machtpolitik, die auf Territorialgewinn und Dominanz
zielt. Herfried Münkler spricht von einer Logik des 18. und 19. Jahrhunderts und
warnt eindrücklich davor, ihr mit Waffen zu antworten.
Zsp.: (Herfried Münkler)
Wir haben die ganze Zeit darauf gesetzt zu sagen, militärische Macht spielt
eigentlich keine Rolle mehr, alles macht ökonomische Macht. Jetzt stellen wir
fest, ökonomische Macht ist wunderbar, aber sie wirkt in anderen
Zeitabständen. Also man kann schon den Russen einige Sanktionen ansetzen,
aber wenn da so Heinis kommen und sagen, wir sollten der Ukraine Waffen
Seite 20
liefern, dann übersehen sie, dass die Russen, wenn sie wollten, innerhalb von
zwei Tagen am Dnepr stünden. Also das, was die Russen in der Krim und in
der Ostukraine gemacht haben, das ist sozusagen old-fashioned-war. Das
beeindruckt uns noch mal, weil es entsprechende Bilder generiert. Ob das so
auf Dauer funktioniert oder ob die Russen nicht in eine ganz furchtbare
Situation kommen, weil sie mit den Chinesen Geschäfte machen müssen und
sie von denen für ihre Bodenschätze sehr viel weniger Geld bekommen als von
den Europäern, das alles muss man erst einmal sehen. Da soll man sich nicht
fünf Zentimeter vor den Spiegel stellen und glauben, man würde die Welt
beobachten, wenn man nur ins eigene Gesicht guckt.
Autorin:
Ganz anders die Argumentationslinie des Berliner Publizisten Jörg Friedrich, zu
dessen Arbeitsschwerpunkten die Zeit des Nationalsozialismus und der Zweite
Weltkrieg gehören. Friedrich, der sich vor allem mit einem Buch zu den Opfern
alliierter Bombenangriffe einen Namen gemacht hat, gilt als Querdenker. In
den1990er Jahren gehörte er beispielsweise zu den Kritikern der berühmten
Wehrmachtsausstellung über die Verbrechen von Hitlers Armee. Hans-Ulrich
Wehler, der Doyen der deutschen Gesellschaftsgeschichte, bescheinigte
Friedrich einmal eine „bedenkenlose Neigung zur Emotionalisierung“. Sie klingt
auch in Friedrichs Plädoyer für eine militärische Antwort auf Putins Aggression
durch.
Zsp.: (Jörg Friedrich)
Wenn der potentielle Aggressor von vornherein die Zusicherung hat, das geht
aus der Geschichte hervor, er sitzt am längeren Hebel, man kann gegen ihn
nichts machen, dann geht er ja so weit wie der Horizont. Er geht vor und der
Horizont wandert mit ihm. Wenn man sich anschaut, was hier in den letzten
400, 500 Jahren gelaufen ist, dann haben wir doch einen Zyklus von Frieden
und Krieg, und wenn man es skeptisch oder depressiv betrachten will, dann
sind doch die Friedensphasen eigentlich Abklingräume zur Vorbereitung auf
Seite 21
den nächsten Krieg. Die Geschichte ist keine Lehrbuch für irgendetwas, aus
dem man Gebrauchsanweisungen nehmen kann, was in Zukunft funktionieren
wird und was nicht. Wenn wir vor zwei Jahren diskutiert hätten, was sind denn
die Aufgaben der Gegenwart, dann hätten wir einen arabischen Frühling gehabt
und hätten wir gesagt, na ja, wie kann man in Russland ein bisschen mehr
Demokratie einführen, damit hier also die Menschenrechte besser gewahrt sind.
Dass dort mit der Annexion eines großen Gebietes und eines Angriffs auf einen
anderen Staat mit verkappten Truppen und mit schweren Waffen, dass dort
Bevölkerungen zu mobilisieren und zu fanatisieren sind, hätten wir doch vor
zwei Jahren überhaupt auch nicht im Entferntesten geahnt. Die totale
Friedfertigkeit als Prämie für den Aggressor garantiert keinen Frieden.
Autorin:
Mit Waffengewalt Aggression einschränken, gar Frieden schaffen? Michael
Wolfssohn hat da berechtigte Zweifel.
Zsp.: (Michael Wolffsohn)
So gesehen müsste der Staat Israel auch rein militärisch sicherer denn je sein,
aber er hat jedes Mal militärisch gesiegt und politisch jedes Mal verloren. Und
den nächsten Krieg programmiert. Ich glaube, dass wir ohne eine Stabilisierung
der jeweiligen Staaten auch keinen zwischenstaatlichen Friedens- oder
Nichtkriegsstatus erreichen können.
Autorin:
Zweifellos stellt Putins offen verdeckter Krieg in der Ostukraine und die
völkerrechtswidrige Annexion der Krim Europa vor immense Probleme und
Herausforderungen. Putin hat nicht nur das amerikanische Monopol auf
Völkerrechtsbruch unterwandert, wie man es zynisch sehen könnte, sondern
auch die europäische Friedensphase beendet. Seine Panzer überrollen den
Traum einer gemeinsamen europäischen Wertegemeinschaft, in der imperiale
Akte keinen Platz mehr haben. Dennoch fordert etwa Herfried Münkler
Gelassenheit und rationalem Kalkül.
Seite 22
Zsp.: (Herfried Münkler)
Wenn man sich jetzt durch den Druck, den der Putin organisiert, ganz aus der
Fassung bringen lässt, dann passiert einen das, was immer über die Generäle
gesagt hat, nämlich die planen die Kriege der Zukunft im Modell der
Vergangenheit und führen deswegen die vorletzten Kriege noch einmal. Wir
wissen ja gar nicht, in welcher Weise in der russischen Politik Motive
zusammen spielen. Wenn wir das analysieren können, wir sagen Putin 1 ist
gewissermaßen der Exekutor von Alexander Dugin, also einem Neuentwurf des
eurasischen Reiches, das irgendwo in den Grenzen des Zarischen Reiches
oder in den Grenzen der Sowjetunion neu geschaltet wird. Putin 2 ist derjenige,
der an für sich prinzipiell defensiv ist und der sagt, ich habe begriffen, dass
keine Nato-Mitglied werden kann, der territorial ungeklärte Fragen hat. Und das
hat 2006 in Georgien funktioniert, da habe ich ungeklärte territoriale Fragen
geschaffen, ergo konnte Georgien nicht Mitglied der Nato werden. Und das
mache ich jetzt in der Ukraine auch. Dann haben wir eine eher strategischedefensive Grundkonzeption. Putin 3, das ist derjenige, der mitbekommen hat,
dass wenn er einen kleinen Krieg führt, der erfolgreich ist, dann steigen seine
Zustimmungswerte innerhalb der russischen Bevölkerung, ohne dass er
besondere ökonomische Erfolge vorzuweisen hat, die er nun mal nicht
vorzuweisen hat. So, und eine kluge Politik hat nun herauszufinden, welches
Modell von Putin ist für uns das attraktivste. Und das heißt, wir müssen
versuchen, ihn so zu beeinflussen, dass er in seinem Verhalten so organisiert,
als wäre er das, was er im Modell angenommen ist. Ist völlig klar, für die
deutsche Politik, für die europäische Politik ist Putin 2 die attraktivste Lösung.
Autorin:
Ob wir uns einen Putin nach unserem Bilde schaffen können, bleibt wohl
fraglich. Denn Europa steuert diesen Konflikt ja nicht allein. Die Strategie der
USA verbleibt weitgehend im Dunkeln, wir wissen kaum, woraufhin sie abzielt.
Seite 23
Zsp.: (Ulrich Herbert)
Und das macht die Sache so gefährlich. Das heißt, ein Ausprobieren dieser
Situation, ein Abtesten der russischen Reaktion, was denn da kommt, wenn
man möglicherweise in der Ukraine so vorgeht, wie man vorgegangen ist,
gehört zu den Elementen, die wir von Europa nicht nur nicht steuern können,
sondern auch gewissermaßen noch nicht einmal kennen. Insofern bin ich
skeptisch, was so eine bellizistische Struktur dieses Konflikts angeht. Ich finde
eigentlich die kleinteilige, vorsichte zurückhaltende, fast ein bisschen
verschämte Aktion der deutschen Seite ganz vortrefflich. Und zwar deswegen,
weil sie Friedfertigkeit geradezu physisch vor sich herträgt, in Form unserer
Bundeskanzlerin, und auf der anderen Seite aber wirtschaftliche Drohungen
auch ausspricht und den Gesprächsfaden nicht abbrechen lässt, sich nicht von
den Amerikanern beeinflussen lässt. Nach den Erfahrungen mit der Geschichte
des 20. Jahrhunderts sind das eigentlich die Strategien, weil sie den anderen
nicht provozieren, weil sie den anderen nicht herausfordern, weil sie einen auch
leicht unterschätzen lassen, das ist immer gut, das sind die Strategien, die zum
Erfolg geführt haben.
Autorin:
Bescheidene Ziele und realistische Erwartungen - darin wird sich Politik üben
müssen. Gleichzeit muss sie hybride Mittel und Wege finden, um auf die
Herausforderungen der neuen hybriden Kriege zu antworten. Eine
deprimierende Bilanz, bei der die Ahnung mitspielt, wir hätten es besser
machen können. Oder optimistisch formuliert: Wir müssen es in Zukunft besser
machen.
Seite 24
Mehr oder weniger
Christoph Türcke über die Philosophie des Geldes
Von Jochen Rack
(Gespräch liegt nicht schriftlich vor)
Seite 25