Predigt über Markus 4, 26

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Rolf Schreiter
Predigt über Markus 4, 26 – 29 am 19. Februar 2017
in der Stadtmissionsgmeinde in Berlin-Wedding
Dieses Gleichnis ist eine wunderbare Geschichte vom Vertrauen. Wir wissen, dass ein
Bauer eine Menge tun kann für seine Ernte. Aber das Entscheidende, das Wunder des Lebens und des Wachstums, das liegt nicht in seiner Hand. Dieses Wunder muss er – und da
hat sich seit Jesus nichts geändert, und daran wird sich auch in aller Zukunft nichts ändern –
dieses Wunder muss er dem Schöpfer überlassen. Der Bauer kann dabei sogar ruhig
schlafen, während die Erde Frucht hervorbringt, und zwar – und das ist, denke ich, der wichtigste Ausdruck in dem Gleichnis – „von selbst“. Im griechischen Urtext steht an dieser Stelle
das Wort „automatisch“. „Von selbst – automatisch – bringt die Erde Frucht.“ Es ist ganz gut,
dass sich der Bauer in der Zwischenzeit mit etwas anderem beschäftigt, dass er also nicht
stundenlang neben seinem Feld steht, um aufzupassen, wie es wächst. Da gibt es nämlich
überhaupt nichts zu sehen. Trotzdem wird er, wenn er alle zwei Wochen an seinem Feld vorbeikommt, durchaus merken, dass etwas geschehen ist. Der Bauer lernt dadurch einen ganz
bestimmten Umgang mit der Zeit. Er lernt, in der Gegenwart zu tun, was nötig und möglich
ist, und die Zukunft Gott zu überlassen.
Liebe Gemeinde, für diesen Umgang mit Zeit sind wir wahrscheinlich alle irgendwie verdorben. Für uns moderne Menschen ist die Zeit viel zu sehr eine mathematische Größe, und wir
behandeln sie genauso wie andere mathematische Größen. Denken wir z.B. an das Sprichwort: Zeit ist Geld. Der Bauer in dem Gleichnis würde uns über so ein Sprichwort auslachen,
und damit hätte er recht. Man kann Geld verdoppeln oder halbieren, gewinnen oder verlieren, als Kredit ausgeben und erst anschließend verdienen, und man weiß, dass 1 Euro ungefähr 1 Dollar und 6 Cent wert ist. Aber Zeit?! Vor jedem von uns liegen mit dem Beginn eines neuen Tages 24 Stunden; am Ende eines Tages werden die vorbei sein. Wenn Zeit Geld
wäre, dann hätten die reichen Leute mehr Zeit als die Armen. Wenn man Zeit wie Geld behandeln könnte, dann würde man die schönen Stunden in die Länge ziehen und die miesen
Stunden verkürzen. Tatsächlich ist es umgekehrt, und nur unser kleiner Tyrann am Handgelenk behauptet: 1 Stunde = 1 Stunde, egal, ob es sich um eine Stunde Langeweile handelt
oder um eine Stunde höchsten Glücks.
Hinterher sieht es übrigens genau anders herum aus: In der Langeweile dehnt sich erst einmal die Zeit und will überhaupt nicht vergehen. Aber im Rückblick ist eine Zeit, in der gar
nichts passiert ist, spurlos verschwunden. Aber wenn die Zeit gefüllt gewesen ist mit Interessantem, mit Beglückendem und mit Aufregendem, dann ist sie zwar wie im Fluge vergangen, aber in der Erinnerung ist sie immer noch da. Unsere Uhr weiß davon aber nichts.
Kann sie auch nicht! Sie ist ja z.B. nie verliebt gewesen. Deshalb muss eigentlich jeder, der
schon einmal verliebt gewesen ist, über seine Zeit mehr wissen als seine Uhr. Trotzdem vertrauen wir unsere Zeiteinteilung immer wieder der Uhr an.
Das Vorbild, das uns Jesus in unserem Gleichnis mit dem Bauern vor Augen stellt, wird daran auch nichts Grundsätzliches ändern. Aber vielleicht kann es uns in dieser oder jener Hinsicht ein bisschen sensibler machen, unsere Zeit noch anders zu erleben und dann auch anzufangen, dass wir uns diese anderen Erlebnisse auch glauben.
Und jetzt kribbelt es uns in den Fingern – jetzt möchten wir, wenn uns das alles manchmal
viel zu lang dauert, auch einmal Zeit vorwegnehmen, sozusagen mit unserer Zeit auf Kredit
leben. Der moderne Mensch, dem doch sonst so ungeheuer viel gelingt, der mag schon mitunter ungehalten werden darüber, dass sich die Zeit allen Manipulationen entzieht. Der wirklich bewusste Umgang mit der Zeit müsste uns zu einer Art von Demut gegenüber dem
Schöpfer führen, denn Gott wird uns alles, was wir brauchen, zu seiner Zeit zukommen lassen. Aber wer von uns ist bereit, solche Demut zu lernen? Statt dessen unterliegen wir einem fast pausenlosen inneren Zwang, danach zu suchen, wie viel Zeit wir sparen können.
Sparen – wieder so ein Ausdruck aus der Geldwirtschaft! Zeit kann man nur ausfüllen oder
verstreichen lassen. Was würde es für den Bauern bedeuten, wenn er sich die Zeit zwischen
Zeit und Ernte sparen wollte? Es geht einfach nicht. Er kann nur versuchen, die Zeit sinnvoll
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auszufüllen.
Der Umgang mit solchen Zwischenzeiten ist unter uns Menschen sehr verschieden. Da gibt
es z.B. Leute, die die Zeit einfach verschlafen. Das ist wahrscheinlich die schlechteste Methode. Bei dem Bauern in unserem Gleichnis sehen wir, wie er in einem vernünftigen Rhythmus von Schlafen und Wachen lebt. Er weiß, dass er das Wachstum nicht beschleunigen
kann. Und wenn er es versuchte, das wäre so, als wenn die Eltern eines neugeborenen Kindes denken würden: Ach wenn es doch erst in die Schule käme!
Ich habe einmal bei einer Einschulung den Schulleiter sagen hören: Heute beginnt für die
Erstklässler der Ernst des Lebens. Und ich habe gedacht: Diese Erstklässler sind alle schon
6 Jahre alt. Und in diesen 6 Jahren haben sie schon so viel gelernt – viel mehr, als sie je in
der Schule und in ihrem ganzen weiteren Leben noch lernen können – und das völlig ohne
Druck, ohne Ungeduld, einfach im Ablauf der von Gott geschenkten Zeit – wie es in dem
Gleichnis heißt: automatisch – von selbst.
Der Bauer in unserem Gleichnis weiß das. Er weiß aber auch, selbst wenn er die Ernte nicht
beschleunigen kann, dass er doch so manches abwehren kann, was das Wachstum hemmt.
Er hat dann immer noch viel Zeit frei, um andere Arbeit zu tun für sich und seine Mitmenschen. Sollte er jedoch die ganze Zeit verschlafen haben, dann wird er bei der Ernte finden, dass Gott zwar das Seine getan hat, dass aber vieles von dem, was Gott getan hat,
durch die Schuld des Bauern verkommen ist. Ja, so heißt es in dem Gleichnis: „Er schläft
und steht auf“, und beides ist wichtig.
Die Versuchung, Zeit zu verschlafen, kann dazu führen, dass wir einen Lebensabschnitt oder
gar unser ganzes Leben nutzlos und spurlos vertan haben.
Sie kennen doch das Märchen vom Dornröschen. Alles in dem Märchen kann stimmen –
dass eine böse Fee ein kleines Kind verflucht, dass sich ein junges Mädchen in den Finger
sticht und ohnmächtig umfällt und dass es aufgeweckt wird, wenn der Märchenprinz kommt
und es wachküßt. Aber eines kann nicht stimmen: Dass ein junges Mädchen 100 Jahre lang
schläft und dann immer noch 16 Jahre alt ist. Sie wird dann längst gestorben sein, und wenn
sie das Unglück hätte, noch zu leben, wäre sie eine uralte und verbitterte Frau, die überhaupt nicht mehr in ihre Zeit passen würde. Wenn wir also auf ein bestimmtes Ereignis warten, auf dessen Eintreffen wir keinen Einfluss haben, zum Verschlafen ist die Zeit auf jeden
Fall viel zu schade!
Manchmal überkommt mich der Verdacht, dass sich unsere Kirche in so einer Art Dornröschenschlaf befindet. Wir haben in diesem neuen Jahrhundert unglaublich viele Pläne
gemacht, wie wir die Kirche für die Zukunft rüsten. In unserem Gleichnis wäre das die Ernte
– aber das Gleichnis sagt auch: Die Ernte kommt „von selbst“. Aber was macht der Bauer in
der Zwischenzeit: Er schläft und steht auf. Das würde ich mir von unserer Kirche wünschen,
dass sie in der Zeit bis zur Ernte öfter einmal aufsteht – anstatt in einem Dornröschenschlaf
von der Ernte nur zu träumen.
Eine andere Art von Umgang mit der Zeit zwischen Saat und Ernte liegt darin, dass Menschen immer wieder im Geist die Ernte vorwegnehmen. Es ist gar nichts dagegen einzuwenden, dass wir etwa jetzt schon unseren nächsten Urlaub organisieren. Aber damit kann es
dann auch genug sein. Wenn wir zu viel Erwartungen in den nächsten Urlaub hängen und
der Urlaub dann tatsächlich da ist, dann ist er uns auch schon verdorben; dann muss er uns
für so viel Warten und so viel Enttäuschung entschädigen, und das kann ein Urlaub gar nicht
leisten.
Wie wir es auch betrachten: Die Zeit zwischen Saat und Ernte bleibt ein eigenes Geschenk
Gottes an uns mit einem eigenen Wert. Wir können in dieser Zeit unglaublich viel erleben.
Wir können Schönes erleben, aber auch da, wo die Zeit schwer ist, wird sie sinnvoll sein.
Nur dann, wenn unser einziges Interesse auf der Saat und dann erst wieder auf der Ernte
liegt, werden wir die Zeit dazwischen verloren haben.
Ja, es kennzeichnet die uns von Gott anvertraute Zeit, dass das meiste davon irgendwie
„dazwischen“ liegt.Um die Höhepunkte brauchen wir uns keine Gedanken zu machen. Sie
kommen von Gott – automatisch – von selbst. Aber in der Zwischenzeit schenkt Gott uns mit
jedem Tag 24 Stunden. Jedes neue Heute ist nicht nur Gottes Zeit, sondern auch unsere
Zeit. Im Buch Prediger ist es einmal so ausgedrückt: Gott hat die Ewigkeit den Menschen ins
Herz gelegt (3,11) – mit einer Einschränkung: Das gilt immer nur in der Gegenwart.
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Wenn wir es vorziehen, nur von Höhepunkt zu Höhepunkt zu leben, dann reduziert sich unser bewusstes Leben auf ganz wenige Ereignisse. Gott hat uns in unserem Leben eine ganz
andere Aufgabe gestellt: in der Gegenwart, in jedem neuen Heute die Höhepunkte immer
wieder nach seinem Willen sinnvoll zu verbinden. Das können wir nur, wenn wir ganz bewusst „dazwischen“ leben und dieses „Dazwischen“ akzeptieren. Wir sind geschaffen als
Wesen zwischen Gott und Natur, um in der Natur Gott zu vertreten. Wir sind in diese Welt
gesetzt zwischen Geburt und Tod, um in dieser Zeit diese Welt dem Reich Gottes ein winziges Stück ähnlicher zu machen. Gott hat uns gesetzt zwischen auseinanderstrebende Menschen und Menschengruppen und Interessen, um ein Auseinanderbrechen zu verhindern.
Und Gott hat sich selbst dazwischen gestellt, indem er Mensch wurde. Solange die Welt besteht, werden wir ihm nie deutlicher begegnen als dazwischen – also zwischen den Höhepunkten.
Wenn wir Gott immer wieder – längst vor der Vollendung seines Reiches – in der Zeit dazwischen – in unserer Welt begegnen als einem, der mit ihr mitdenkt, mitfühlt, mitarbeitet, mitleidet, dann gibt es für uns keinen besseren Ort und keine bessere Zeit als dieses Dazwischen, wo er immer wieder zu finden ist und wo er uns begleitet und segnet – auch heute –
gerade heute! Amen.