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Management
Gesunde Zitzen –
heute wichtiger denn je
Für Ferkel sind gesunde Zitzen gerade in großen Würfen überlebenswichtig. Wo Verletzungs­
gefahren lauern, haben Juliane Brauner und Prof. Steffen Hoy von der Uni Gießen untersucht.
I
n den zurückliegenden Jahren sind
die Würfe immer größer geworden –
sehr zur Freude der Sauenhalter. Die
Kehrseite der Medaille ist aber, dass
in großen Würfen mit z. B. mehr als
16 Ferkeln die Ferkelverluste in der
Regel steigen und das mittlere Geburtsgewicht sinkt. Bei zu geringen Geburtsgewichten sollte z. B. die Fütterung in
der Trächtigkeit entsprechend angepasst werden.
Viele gute Zitzen:Um möglichst viele
Ferkel aufzuziehen, müssen laktierende
Sauen auf Milchleistung gefüttert werden. Zudem sollten die Tiere möglichst
viele funktionstüchtige Zitzen haben.
In Zukunft sollten die Zuchtfirmen also
das Merkmal Zitzenzahl bereits bei der
Geburt der potenziellen Zuchtferkel
noch stärker berücksichtigen.
Entscheidend ist in diesem Zusammenhang die Eberauswahl. Es gibt zwar
Eber, die 16 Zitzen und mehr vererben.
Allerdings findet man auch immer wieder Jungsauen mit weniger Zitzen. Das
Nachsehen haben dann später vor allem
die kleineren Ferkel des Wurfes.
Darüber hinaus müssen die Zitzen bis
zum Ausscheiden der Sau funktionsfähig bleiben. In der Praxis ist das leider
nicht immer der Fall. Im Rahmen einer
Masterarbeit sollte geklärt werden, wo
die möglichen Ursachen für Zitzenverletzungen liegen. Liegt es unter Umständen an der Fußbodengestaltung im
Abferkelstall? Spielt die Positionierung
des Ferkelschutzkorbes eine Rolle? Entstehen Zitzenverletzungen womöglich
bereits im Wartestall? Welche Rolle
spielt die Klauenlänge? Und welchen
Einfluss hat die Wurfnummer?
Die Untersuchungen fanden in einem
Praxisbetrieb mit Ferkelerzeugung statt,
der im Drei-Wochen-Rhythmus mit
vierwöchiger Säugezeit arbeitet. Insgesamt wurden Daten von 145 Sauen ausgewertet. Der Betrieb verfügt über fünf
Abferkelabteile mit gerader Aufstallung
längs (20 Buchten) bzw. quer zum Stallgang (23 Buchten) und sieben Buchten
mit diagonaler Aufstallung quer zum
Abteilgang.
Die Abferkelbuchten sind mit unterschiedlichen Fußbodenmaterialien ausgestattet. In den meisten Buchten sind
Guss- oder Kunststoffroste bzw. Kombinationen aus beiden verlegt. In einigen Buchten ist die Teilfläche unter der
Sau mit Betonspalten ausgelegt bzw. es
liegt eine Gummimatte unter der Sau.
Sechstes Zitzenpaar gefährdet: D
ie
Auswertungen ergaben, dass die rechte
Gesäugehälfte nicht häufiger verletzt
war als die linke.
Deutliche Unterschiede gab es hingegen zwischen den einzelnen Zitzenpaaren. Während bei weniger als 10 % der
Sauen an den vorderen vier Zitzenpaaren Schäden auftraten, waren es an den
hinteren Zitzenpaaren zum Teil fünf-
Übersicht 1: Hintere Zitzenpaare
sind stärker gefährdet
Häufigkeit der Verletzungen, %
Zitzenpaar links
Zitzenpaar rechts
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Foto: Heil
5
Derart schwere Verletzungen an den Zitzen führen dazu, dass
die Sau ihre Ferkel nicht mehr saugen lässt.
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Zitzenpaar
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9
Zitzenverletzungen treten an den hinteren Zitzenpaaren
deutlich häufiger auf als an den vorderen.
Quelle: Uni Gießen
20
Grafiken: Driemer
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Foto: Heil
Besonders in großen Würfen sind eine hohe Zitzenanzahl und eine gute Zitzenqualität überlebenswichtig für die Ferkel.
mal so viele. Besonders betroffen war
das Zitzenpaar Nummer sechs. Etwa
30 % der ausgewerteten Sauen wiesen in
diesem Bereich Verletzungen auf. Am
siebten und achten Paar waren immerhin noch gut 20 % der Zitzen beschädigt
(siehe Übersicht 1).
Das Ergebnis bestätigt frühere Untersuchungen in drei Schweine-haltenden
hessischen Betrieben. Auch hier gab es
eine Häufung der Verletzungen in der
hinteren Gesäugehälfte.
Probleme im Abferkelstall:Um zu
klären, wie viele Verletzungen während
der Säugezeit entstehen, wurden
die Zitzen direkt nach dem Einstallen
und ein zweites Mal unmittelbar
Übersicht 2: Mehr Zitzenschäden
am Ende der Säugezeit
80
70
60
Anteil verletzter Zitzen, %
3 und mehr Läsionen
Am Ende der
Säugezeit betrug
der Anteil verletzter
Zitzen rund 70 %.
Beim Einstallen vier
Wochen zuvor
waren es nur 33 %.
2 Läsionen
1 Läsion
50
40
Quelle: Uni Gießen
30
20
10
0
Einstallung
Ausstallung
vor dem Absetzen der Ferkel bonitiert.
Beim Einstallen wiesen zwei Drittel
der Sauen (66,9 %) völlig intakte Zitzen
auf, bei 27,6 % der Tiere war eine Zitze
und bei 5,5 % waren zwei und mehr Zitzen beschädigt (siehe Übersicht 2). Das
Ergebnis zeigt deutlich, dass die Sauen
selten Zitzenschäden aus dem Warte­
stall mitbringen, sondern die meisten
Verletzungen während der Säugezeit
entstehen.
Am Ende der Säugezeit hatten mehr
als doppelt so viele Sauen Verletzungen
an den Zitzen. Bei 24,1 % der Sauen war
eine Zitze lädiert, bei 22,1 % der Tiere
waren zwei Zitzen verletzt und 23,3 %
der Sauen hatten sogar Schäden an drei
oder mehr Zitzen. Nur knapp ein
Drittel (30,3 %) der Tiere wies ein komplett unbeschädigtes Gesäuge auf. Die
Unterschiede in der Verletzungshäufigkeit zwischen dem Ein- und Ausstallen
in den Abferkelstall waren statistisch
gesichert.
Wurfgröße hat kaum Einfluss:Bei der
Suche nach möglichen Ursachen für
Zitzenverletzungen wurden verschiedene Faktoren ausgewertet. Dazu zählten
die Wurfgröße, die Wurfnummer, die
Klauenlänge, die Buchtenanordnung
und die Fußbodengestaltung.
Ergebnis: Die Wurfgröße hatte kaum
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Schnell gelesen
• Funktionsfähige Zitzen sind
gerade in großen Würfen für
die Ferkel überlebenswichtig.
• Zitzenverletzungen entstehen
meistens im Abferkelstall,
nicht im Wartebereich.
• Wurfnummer und Wurfgröße
haben keinen Einfluss.
• Bei diagonaler Aufstallung
des Ferkelschutzkorbes steigt
die Zahl der Zitzenschäden.
• Es deutet sich an, dass län­
Foto: Heil
gere Klauen zu mehr Zitzen­
verletzungen führen.
• Das Fußbodenmaterial ent­
scheidet maßgeblich über die
Häufigkeit der Probleme.
Wird in der Bucht mit zwei verschiedenen Bodenelementen gearbeitet, muss
sichergestellt sein, dass die Übergänge sauber zueinander passen.
Einfluss auf die Anzahl der Zitzenverletzungen. In kleinen Würfen mit 6 bis
10 abgesetzten Ferkeln war der Anteil
an Sauen mit Zitzenverletzungen insgesamt zwar am geringsten (64 %). Diese
Sauen hatten aber in der Regel gleich
zwei und mehr lädierte Zitzen (siehe
Übersicht 3).
Bei Sauen mit 12 bis 14 abgesetzten
Ferkeln war die Quote von Tieren mit
Zitzenverletzungen insgesamt gesehen
nicht höher als bei Würfen mit 11 abgesetzten Ferkeln. Allerdings lag der
Anteil an Tieren mit zwei, drei oder
mehr Zitzenläsionen etwas höher als in
den kleineren Würfen. Tiere mit nur
einer verletzten Zitze waren hingegen
deutlich seltener zu finden.
Hat die Wurfnummer Einfluss?Bei
Jungsauen vor der Geburt des ersten
Wurfes ist das Gesäuge in der Regel
noch gesund und unverletzt. Knapp
84 % der Tiere besaßen völlig intakte
Zitzen, und keine Jungsau hatte mehr
als eine verletzte Zitze. Bei den Sauen
ab dem zweiten Wurf sah das Bild schon
ganz anders aus. Hier wiesen beim
Einstallen bereits 23 bis 55 % aller Tiere
Verletzungen auf, das Ergebnis war
sogar signifikant abzusichern.
Am Ende der Säugezeit gab es zwi-
Übersicht 3: Mehr schwere
Zitzenschäden in großen Würfen
80
schen Sauen mit unterschiedlichen
Wurfnummern (1. bis 7. Wurf) deutliche Unterschiede im Hinblick auf die
Häufigkeit der Zitzenschäden. Der
Anteil an Zitzenläsionen schwankte
zwischen 60 und 90 %. Die Differenzen
ließen sich aber nicht durch das Alter
der Sauen bzw. die Zahl der Würfe
erklären. So gab es zwar Tiere, die
bereits drei oder sechs Würfe zur Welt
gebracht hatten und die häufigsten
Gesäugeschäden aufwiesen. Dazwischen ließen sich aber auch Sauen finden, die vier, fünf oder sieben Würfe
hatten und signifikant weniger Gesäugeschäden aufwiesen. Insofern hat die
Übersicht 4: Diagonalaufstallung
gefährlicher für Zitzen
Anteil verletzter Zitzen, %
100
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60
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Anteil verletzter Zitzen, %
3 und mehr
Läsionen
2 Läsionen
1 Läsion
60
40
2 Läsionen
1 Läsion
10
0
6 bis 10
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Ferkel/Wurf
12 bis 14
In Würfen mit mehr als zwölf Ferkeln fanden sich
häufiger Zitzen mit drei und mehr Läsionen.
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Quelle: Uni Gießen
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Quelle: Uni Gießen
3 und mehr
Läsionen
30
20
0
Beginn
Ende
Säugezeit
Säugezeit
gerade Aufstallung
Beginn
Ende
Säugezeit
Säugezeit
diagonale Aufstallung
Klares Ergebnis: Bei der Diagonalaufstallung nimmt
die Gefahr von Zitzenverletzungen eindeutig zu.
Wurfnummer zumindest bei Sauen ab
dem zweiten Wurf keinen Einfluss auf
die Häufigkeit von Zitzenschäden.
Längere Klauen problematisch:Eine
Die Qualität des
Stallfußbodens ist
ganz entscheidend für die
Zitzengesundheit.
Besonders wichtig
sind gratfrei
gearbeitete
Schlitzkanten.
Foto: Heil
Erklärung für das gehäufte Auftreten
von Verletzungen an den hinteren Zitzen könnten zu lange Hinterbeinklauen
sein. Die Verletzungen können beim
Hinlegen, Aufstehen oder beim Positionswechsel entstehen, weil sich die
Sauen selbst auf die Zitzen treten. Daher
wurden die Klauen vermessen.
Und tatsächlich wiesen Sauen mit
drei oder mehr verletzten Zitzen eine
signifikant längere Klauenvorderwand
auf als Vergleichstiere mit nur einer verletzten Zitze. Sauen ohne Zitzenverletzungen hatten die kürzesten Klauen.
Allerdings betrug die Differenz im Mittel nur etwa 4 mm. Zwischen linker und
rechter Hinterbeinklaue gab es nur sehr
geringe Unterschiede.
Jungsauen besaßen mit 4,4 cm das
kürzeste Klauenmaß. Mit zunehmender
Wurfnummer bis zum dritten Wurf
wurden die Klauen länger. Die Altsauen
mit vier bis sechs Würfen hatten dann
aber wieder kürzere Klauen, sodass auch
hierbei die Wurfnummer als systematischer Einflussfaktor für Zitzenverletzungen ausgeschlossen werden konnte.
Es scheint so, als ob die Länge der
Klauenvorderwand einen Einfluss auf
die Zitzenverletzungen hat. Bewiesen
ist das jedoch noch nicht. Zurzeit finden dazu weitere Untersuchungen statt.
Treten bei Diagonalaufstallung öfter
Zitzenverletzungen auf als bei gerader
Ausrichtung des Ferkelschutzkorbes?
Auch diese Frage wurde untersucht.
In der Tat waren in den sieben Abferkelbuchten mit Diagonalaufstallung bei
95 % der Sauen am Ende der Säugezeit
eine oder mehr Zitzen beschädigt. Zwei
Drittel aller Sauen wiesen sogar zwei,
drei oder mehr verletzte Zitzen auf
(siehe Übersicht 4). Dieser Anteil war
sogar signifikant höher als bei gerader
Anordnung des Ferkelschutzkorbes.
Diagonalaufstallung schlechter:We-
niger als die Hälfte der Sauen (43 %) hatten bei gerader Anordnung des Ferkelschutzkorbes zwei und mehr verletzte
Zitzen am Ende der Säugezeit. Das
Resultat bestätigt die Ergebnisse aus der
Sächsischen Landesanstalt für Landwirtschaft. Auch hier wies die Diagonalaufstallung die höchsten Verletzungsraten auf.
In Buchten mit verschiedenen Boden-
materialien traten signifikante Unterschiede in der Gesäugegesundheit auf.
Die meisten Zitzenverletzungen wurden in Abferkelbuchten beobachtet, die
komplett mit Kunststoffböden ausgerüstet waren (nahezu 90 %). Bei der
Kombination
Kunststoff/Gussrost
waren 72 % der Zitzen betroffen, bei der
Variante „Gummi unter der Sau“ und
Gussrost im hinteren Bereich lag der
Anteil bei ca. 70 %.
Die Varianten Beton/Gussrost und
Kunststoff/Gummi schnitten deutlich
besser ab, allerdings war die Zahl untersuchter Sauen geringer und nicht unbedingt repräsentativ. Am besten schnitt
die Variante Gussrost im gesamten Aufenthaltsbereich der Sauen im Ferkelschutzkorb ab. Hier gab es deutlich
weniger verletzte Zitzen als bei den
Kunststoffböden.
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