Winterkinderzauber - Natascha Jansen PHOTOGRAPHY

Winterkinderzauber
von Thomas Böhner ([email protected])
Oberwil (BL), Dezember 2016
Ich sass am Boden meiner neuen Wohnung. Vor mir stapelten sich Kartonschachtel auf Kartonschachtel und ich ärgerte mich, dass ich nicht schon vor dem Umzug ausgemistet hatte, so wie ich
mich auch das letzte Mal geärgert hatte, dass ich nicht vorher ausgemistet hatte. Lustlos kramte
ich in einer Kiste, als ein kleines Schwarzweissfoto meine Aufmerksamkeit weckte. Ein Bauernhaus
in einer Schneelandschaft. Auf der Rückseite stand mit Bleistift geschrieben „Weihnachten 1971“.
1971, was für eine andere Welt das war. Im Osten tobte der Vietnamkrieg, Erich Honecker war an
die Macht gekommen, Greenpeace eben erst gegründet und die Jurassier kämpften militant für
einen eigenen Kanton.
Ich schaute wieder auf das vergilbte Foto und sogleich öffnete sich Bild auf Bild in meinem Kopf.
Weihnachtsbaum, Fuchsspuren, eine Katze, rote Plastikbobschlitten, gefrorene Seelein, Tannenwälder und vor allem viel, viel Schnee. Ich erinnerte mich wieder an den Geruch der Brennesseln
im Sommer, wie es im Flur immer leicht feucht roch und spürte die trockene Winterkälte in meinem
Körper, die mich dort so oft umgab. Ein wohliges Gefühl durchströmte mich. Ach wunderbare Kindheit, dachte ich mir.
In Gedanken versuchte ich möglichst viel von dieser lange vergangenen Zeit wieder aufleben zu
lassen; sie schien mir so unverdorben und unschuldig und schön und naiv und wohl behütet. Oder
klammerte ich da etwas aus? Und schon sass ich auf dem Rücksitz unseres Autos mit meinen beiden Geschwistern. Es war kurz vor Weihnachten und wir waren auf dem Weg in die Freiberge, wo
unsere Familie ein umgebautes Bauernhaus besass. Als wir uns Delémont näherten, konnten wir
dann endlich unser traditionelles Spiel anfangen. Es hiess: Wer sieht am meisten Jurawappen? Wir
verdrehten unsere Köpfe in alle Richtungen, still und möglichst unauffällig, um nicht der Konkurrenz einen Hinweis zu geben. Dass niemand mogelte war Ehrensache. Schuppen, Häuser, Mauern
und gar Felswände mussten abgesucht werden. Manchmal war das Zeichen auch auf die Strasse
gepinselt worden. Oft stand unter dem Wappen JURA LIBRE. Was das bedeutete war uns egal, unsere Welt war dafür noch zu klein. Dann begann bei Glovelier der Aufstieg ins Märchenland. Dunkle
Tannenwälder wurden durchquert und wir freuten uns, als schon bald der erste Schnee am Boden
schimmerte. Schnell hatten wir die Anhöhe erreicht und eine langgezogene weisse Schneelandschaft begrüsste uns und liess unsere Herzen schneller schlagen, weil wir wussten, dass es jetzt
nicht mehr weit war. Endlich die Abzweigung, die Fahrt auf dem schneebedeckten Strässlein mit
den orangen Pfosten beiderseits, die vor lauter Schnee nur noch knapp ihren Kopf herausstreckten. Dann die Freude, aus dem Auto zu steigen und durch den hohen Pulverschnee zum Haus zu
stapfen. In der Eingangshalle stand bereits der wuchtige Weihnachtsbaum, unendlich hoch, noch
ungeschmückt. Schnell wurden ein paar Schnitten verzehrt, dann gings für uns Kinder, in dicke
Winterkleider verpackt, nach draussen. Die Bobschlitten wurden in Empfang genommen und erste
Bahnen in der neben dem Haus liegenden steil abfallenden Doline in den Schnee gepresst. Je
öfter die Bahn befahren wurde, desto verdichteter wurde sie und entsprechend schneller. Um die
Spannung aufrecht zu halten, mussten dann in anstrengender Handarbeit noch Schanzen gebaut
werden. Wir waren voll bei der Sache und die Welt hätte untergehen können, wir hättens nicht bemerkt. Es gab nur noch uns, den Schnee und die Schlitten. Die Stürze waren oftmals spektakulär
und wir sahen danach aus wie Schneemänner. Man schüttelte sich und stieg erneut die Steigung
hoch. Irgendwann liessen die ersten Handschuhe durch und die Lippen meines Bruders wurden
bläulich. Doch die Spielfreude war grösser, wir hörten erst auf, als es dunkel wurde und uns unsere
Eltern zum Essen riefen. Das Haus hatte dicke Mauern und kleine Fenster. Draussen war es eisig
kalt und dunkel, drinnen warm und hell. Diese Gegensätze verstärkten noch meine Geborgenheit,
die ich im Haus fühlte. Drinnen war ich sicher.
Jeden Abend vor dem zu Bett gehen schaute ich aus dem Fenster in die vom Schnee aufgehellte Dunkelheit, bestaunte die vielen Sterne und sah in den dunklen Tannenwald. Weil ich am Tag
Fuchsspuren ums Haus gesehen hatte, machte ich mir Sorgen um die Katze und hoffte, dass sie
schlau genug war, sich nicht fressen zu lassen. Und die Vorstellung, dass nachts Füchse ums Haus
strichen fand ich gruselig.
Dann kam der letzte Tag im Jahr. Sylvester. Ich war so aufgeregt, dass am nächsten Tag ein neues
Jahr beginnen würde. Wir spielten an jenem Abend verschiedene Gesellschaftsspiele. Das Leiterlispiel, Malefiz oder Elfer raus und ich fieberte Mitternacht entgegen. Allerdings war ich dann
irgendwann so müde, dass ich fast einschlief am Tisch. Nach langem Zureden liess ich mich dann
überzeugen, etwas schlafen zu gehen, nicht ohne vorher meinen Eltern das Versprechen abgenommen zu haben, dass sie mich kurz vor zwölf wecken sollten. Schliesslich wollte ich das neue Jahr
auf keinen Fall verpassen. Als ich aufwachte, war es schon hell. Meine Enttäuschung war riesig.
Wie konnte es sein, dass ich den Jahreswechsel verpasst hatte. In Tränen aufgelöst rannte ich zu
meinen Eltern und verlangte eine Erklärung. Sie meinten, ich hätte so tief geschlafen, dass sie mich
nicht hätten wecken können. Ich glaubte ihnen kein Wort und schmollte noch tagelang. Wenn ich
mal Kinder habe, schwor ich mir, dann werde ich nie so gemein sein und alle meine Versprechen
halten.
Wenn ich jetzt so nachdenke, ob ich dies eingehalten habe, dann stelle ich fest, dass das eine oder
andere Versprechen zum Versprecher wurde.
Ich nahm das Foto wieder in meine Hände und klebte es sorgfältig an den Küchenschrank und freue
mich seither jedesmal, wenn ich daran vorbeigehe.
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