Lebenszeichen

"Maria durch die Wüste ging"
Über Weihnachten im Koran
Autorin: Maria Riederer
Lebenszeichen
Redaktion: Theodor Dierkes
26.12.2016
O-Ton Serap Ermiş:
Ich freu mich immer auf Weihnachten, also diese Zeit, das ist wie eine neue Jahreszeit für
mich, die Atmosphäre, die Einstellung der Menschen, wie sie sich verändern, und wenn's
schneit, das ist dann richtig genial, das kann man gar nicht mehr toppen.
Sprecher:
Serap Ermiş, Muslimin, geboren in Lemgo, Westfalen, Kind türkischer Gastarbeiter, Doktorandin in
islamischer Archäologie. Aktiv im interreligiösen Dialog und in religionsübergreifenden
Musikprojekten.
O-Ton Serap Ermiş:
In der Grundschule hab ich auch so Sternsingen und so weiter gemacht - Ich kann mich noch
dran erinnern, dass ich mit Fieber im Bett lag, aber in der Grundschule war 'ne Aufführung für
Weihnachten, und ich bin noch mit diesem Fieber in die Schule gegangen, und hab dann
meine Strophe da für Weihnachten aufgesagt.
O-Ton Hureyre Kam:
Weihnachten kenn ich nur aus der Aula in der Schule. Ich war auch an einem Stück beteiligt
in der Grundschule, ich weiß nicht mehr, was für einen Charakter ich gespielt habe, das war
auf jeden Fall die Geburtsgeschichte von Jesus. Und das vergessen Sie nicht. Das prägt sich
ja ein. Und deswegen ist auch für mich die Jesusgeschichte immer verbunden gewesen
genauso mit diesem Bild. Ich hatte die Krippe im Kopf.
Sprecherin:
Hureyre Kam, Muslim, geboren in Denizli, Türkei. Mit acht Jahren Umzug nach Berlin. Philosoph und
Islamwissenschaftler.
O-Ton Dílruba Kam:
Weihnachtsmarkt steht bei mir sowieso immer an. Wir gehen damit christlichen aber auch mit
muslimischen Freunden immer dahin, das ist für uns ganz normal.
Sprecher:
Dilruba Kam, Muslimin, Masterstudentin in vergleichenden Religionswissenschaften, Kind türkischer
Einwanderer, geboren in Berlin und die jüngere Schwester von Hureyre Kam.
O-Ton Dilruba Kam:
Ich weiß nicht, ob du dich daran erinnerst, wir hatten oben bei uns Nachbarn, die haben uns
immer gefragt, wie es uns geht und haben immer Komplimente gemacht.
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2016
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"Maria durch die Wüste ging"
Über Weihnachten im Koran
Lebenszeichen
26.12.2016
Und es war gang und gäbe, dass wir an unseren Festen denen irgendwas gegeben haben,
und an Weihnachten und Ostern haben die uns was geschenkt.
O-Ton Hureyre Kam:
Ich hatte meine Kumpel, John und Rene, und da sind wir immer Weihnachten hingegangen
und da war immer die ganze Familie, aber ich war auch irgendwie Teil der Familie dann.
Sprecherin:
Als Serap Ermiş, Hureyre und Dilruba Kam Kinder waren, zur Schule gingen und heranwuchsen,
irgendwann in den 1980er und 90er Jahren, war ihnen und ihren Eltern das Wort "Interreligiöser
Dialog" fremd. Stattgefunden hat dieser Dialog trotzdem. Ganz natürlich und nicht nur zur
Weihnachtszeit. Aber winterlichen Glitzer und Weihnachtsbaum – das gab es eben auch in ihren
Elternhäusern.
Sprecher:
Der Inhalt des Weihnachtsfestes war ihnen aus der Schule bekannt. Krippenspiele, Sternsingen,
christlicher Religionsunterricht. All das gehörte auch in die Wintertage der muslimischen Familien in
Westfalen oder Berlin.
O-Ton Hureyre Kam:
Es hätte ja sein können – "nee, warum soll jetzt mein Sohn da mitspielen, wenn doch da eine
Häresie vertreten wird!" – nein, also das war überhaupt unproblematisch…
O-Ton Serap Ermiş:
Wir haben das alles mitgemacht, aber wir wussten ganz genau, ok, das ist christlich, wir sind
Muslime, aber wir können trotzdem Teil davon sein. Das lag aber auch an meinen Eltern. Weil
sie nicht gesagt haben, "Oh mein Gott neeeein!, christliche Tradition..", usw, die haben
gesagt. Ok, wir leben hier in diesem Land, und dann muss man diese Kultur auch kennen
lernen.
Sprecherin:
Während den muslimischen Kindern die christlichen Bräuche und Geschichten in Fleisch und Blut
übergingen, begegnete ihnen zuhause eine ganz ähnliche Erzählung. Von Maria, ihrer
geheimnisvollen Schwangerschaft und von ihrem wundersamen Kind namens Jesus.
Zitator :
Gedenke in der Schrift der Maria! Als sie sich vor ihren Leuten an einen östlichen Ort zurückzog. Da
nahm sie sich vor ihnen einen Vorhang. Da sandten wir zu ihr unseren Geist und er erschien ihr als
stattlicher Mensch. Sie sagte: „Ich suche Zuflucht vor dir beim Allerbarmenden, falls du gottesfürchtig
bist.“ Er sagte: „Ich bin der Gesandte deines Herrn, um dir einen lauteren Jungen zu schenken.“ Sie
sagte: „Wie soll ich einen Jungen bekommen, wo mich kein Mensch berührt hat und ich keine Hure
gewesen bin?“
- Aus dem Koran, Sure 19
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"Maria durch die Wüste ging"
Über Weihnachten im Koran
Lebenszeichen
26.12.2016
Zitator:
Er sagte: „So ist es. Dein Herr sagt: ‚Das fällt mir leicht. So wollen wir ihn zu einem Zeichen für die
Menschen machen und zu Barmherzigkeit von uns. Es ist beschlossene Sache. ‘“ Da war sie mit ihm
schwanger und zog sich mit ihm an einen fernen Ort zurück.
Sprecher
Der Koran, der - nach muslimischer Auffassung - dem Propheten Mohammed direkt von Gott
offenbart wurde, erzählt die Geburtsgeschichte Jesu in zwei Suren, und zwar jeweils unterschiedlich.
- Diese Suren, 3 und 19, kommen auch in den regelmäßigen Gebeten und Rezitationen der
Muslime vor.
O-Ton Hureyre Kam:
Der Koran ist ja im muslimischen Alltag stets präsent, fünf Mal am Tag, und von daher kenne
ich diese Geschichte natürlich aus dem elterlichen Haushalt.
O-Ton Serap Ermiş:
Ich wusste immer schon, dass Jesus auch natürlich im Koran vorkommt. Und die
Weihnachtsgeschichte wurde … wir haben sie ja nicht als Weihnachtsgeschichte kennen
gelernt, sondern als Geburt Jesu kennen gelernt. Weihnachten und die Geburt Jesu haben
wir nie - wenn es um den Koran ging – nie miteinander verknüpft. Das kam erst später.
O-Ton Dilruba Kam:
In dem Alter, wo ich reflektierter vielleicht gedacht habe und bisschen lesen wollte, da hab ich
aus unserem Viertel in der Bibliothek hab ich mir ein Buch ausgeliehen zu Jesus und
Weihnachten, und dann stand da: Josef ist der Vater von Jesus… Dachte ich mir so: Häää?
Jesus hat doch gar keinen Vater, wo kommt denn jetzt der Josef her? Nee, kenn ich nicht. Im
Islam ist das halt nicht der Fall.
Zitator :
Mit der Geburt Jesu war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie
zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des
Heiligen Geistes. Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in
aller Stille von ihr zu trennen.
- Aus dem Matthäusevangelium
O-Ton Serap Ermiş:
Ich dachte immer so – was ist da los? – Also, als ich klein war, jetzt hat sich das natürlich
geändert – aber ich dachte immer: Josef? Ja, Yusuf gibt's im Koran auch, aber das ist ein
Prophet, was hat der denn mit Jesus zu tun?
Sprecherin:
Die Figuren und Geschichten aus den jüdischen und christlichen Schriften waren Mohammed
höchstwahrscheinlich bekannt – obwohl er nach gängiger Gelehrtenmeinung weder lesen noch
schreiben konnte.
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"Maria durch die Wüste ging"
Über Weihnachten im Koran
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26.12.2016
O-Ton Hureyre Kam:
Wenn wir die Tradition einfach annehmen, dass er nicht lesen konnte, dann kannte er keine
Texte. Aber - er war ja auch ein Handelsmann. Wenn er auf seinen Reisen Christen und
Juden begegnet ist und... er war ja ein sozialer Mensch, wenn er also mit denen gesprochen
hat, dann hat er schon einiges über die Bibel, etc. schon gehört.
Sprecher:
Der Koran erzählt von Abraham, vom alttestamentlichen Joseph und seinen Brüdern, von Moses und
König David. Er bestätigt die alten Überlieferungen, interpretiert sie aber neu. Das trifft auch für die
Geburt Jesu zu. Das Fehlen des biblischen Stiefvaters, Josef, ist kein Zufall.
O-Ton K.J. Kuschel:
Der wird nicht gebraucht im Koran. Er wird nicht nur nicht gebraucht, sondern wäre
möglicherweise sogar störend. Denn klar ist für den Koran: Dieser Jesus, dieser Gesandte
Gottes, ist nicht durch männliche Potenz gezeugt worden, sondern eben durch Gottes Kraft,
durch Gottes Geist. Insofern muss Josef da auch gar keine Rolle spielen, im Gegenteil –
seine Auslassung ist auch Programm.
Sprecherin:
Karl Josef Kuschel, bis 2013 Professor für Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs an
der Universität Tübingen, hat ein Buch geschrieben über die biblischen und koranischen
Geburtsgeschichten Jesu. Unter dem Titel "Weihnachten und der Koran" vergleicht er die
Überlieferungen aus den Evangelien und späteren, nicht in die Bibel aufgenommenen Schriften mit
denen des Koran. Und stellt immer wieder die Frage, warum es in den Erzählungen um ein und
dasselbe Ereignis so viele Unterschiede gibt - interreligiös aber auch innerhalb der jeweiligen
heiligen Schriften.
Zitator:
Während Josef noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte:
Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das
sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären. Ihm sollst du den Namen Jesus
geben.
- Aus dem Matthäusevangelium
O-Ton K.J. Kuschel:
Seine Verlobte ist schwanger ohne sein Zutun, also braucht es eine Engelerscheinung, um ihn
sozusagen bei der Stange zu halten, denn er wird dann im Neuen Testament als Versorger
gebraucht.
Sprecher:
Bei Lukas, dem zweiten Evangelisten, der die Weihnachtsgeschichte erzählt, entfällt diese Episode.
Josef gehorcht dort dem Befehl des Kaisers Augustus und zieht mit seiner schwangeren Verlobten,
Maria, nach Betlehem. Von seinen Gedanken zur Herkunft ihres Kindes erzählt der Evangelist nichts.
Im Koran fehlt Josef ganz.
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"Maria durch die Wüste ging"
Über Weihnachten im Koran
Lebenszeichen
26.12.2016
O-Ton K.J. Kuschel:
Das ist ja die Pointe der koranischen Weihnachtsgeschichte, es ist Gottes Schöpfermacht
allein, dem dieses Kind die Existenz verdankt. Ein Beleg dafür, dass er, Josef, da störend
wäre, also den Verdacht aufkommen ließe, vielleicht war da doch ein Mann im Spiel, zeigt
sich daran, dass in Sure 19 zweimal auffälliger Weise Maria dementiert, eine Hure gewesen
zu sein. - Wie soll ich einen Jungen bekommen, da mich kein Mensch berührt hat - das ist
noch identisch mit dem Lukas-Evangelium - und dann sagt sie: ... und ich keine Hure
gewesen bin. - Das unterstreicht aber umgekehrt, wenn man es jetzt positiv interpretiert, dass
in den koranischen Geburtsgeschichten - noch deutlicher vielleicht als in den
neutestamentlichen - Gott selbst das Subjekt ist.
Sprecherin:
In den christlichen Gesellschaften des Westens hat das Bild der Heiligen Familie – Maria, Josef und
das Kind – aus Weihnachten ein Familienfest gemacht. Ein Idyll, das oft vergessen lässt, unter welch
widrigen politischen und gesellschaftlichen Umständen Jesus, den Evangelien nach, zur Welt
gekommen ist. Das freundliche Licht im Stall, der wärmende Atem der Tiere, all das prägt die
Ikonographie des christlichen Weihnachtsfestes. Der Koran liefert eine wesentlich knappere – doch
nicht weniger poetische – Erzählung.
Zitator:
Die Wehen drängten sie zum Stamm der Palme. Sie sagte: „Wäre ich doch vorher gestorben und
ganz vergessen worden!“ Da rief er ihr von unten zu: „Sei nicht traurig! Dein Herr hat unter dir
fließendes Wasser geschaffen. Schüttle den Stamm der Palme zu dir hin, dann lässt sie frische, reife
Datteln auf dich fallen. So iss, trink und freu dich!"
O-Ton K.J. Kuschel:
Maria ist so fruchtbar wie die Quelle am Stamm einer Palme. ABER - Maria hat Angst, Maria
hat Todesangst sogar. Dieses Motiv kennt man nicht im Neuen Testament.
Sprecher:
Die Lehre aus den Geburtsgeschichten Jesu in der Bibel und im Koran lautet "Vor Gott ist nichts
unmöglich." Oder – wie der Koran sagt: "Für Gott ist es ein Leichtes". In beiden Überlieferungen wird
Maria ohne Zutun eines Mannes schwanger. Aber auch ihre Cousine Elisabeth, die als unfruchtbar
galt, bekommt in hohem Alter noch einen Sohn – Johannes den Täufer. Und Maria selbst hat im
Koran und in außerbiblischen, christlichen Schriften ebenfalls eine von Wundern begleitete Kindheit
und Jugend. Menschliche Grenzen werden von Gott überwunden, Jesus wird - allein aus Gottes
Schöpfermacht - ins Leben gerufen. In Sure 3 des Korans, die ebenfalls von der Geburt Jesu erzählt,
heißt es:
Zitator:
Mit Jesus ist es bei Gott wie mit Adam: Er erschuf ihn aus Staub. Dann sagte er zu ihm: „Sei!“ - und
da ist er.
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"Maria durch die Wüste ging"
Über Weihnachten im Koran
Lebenszeichen
26.12.2016
Sprecherin:
So kann es auch nicht verwundern, dass Maria, die laut Koran nach der Verkündigung ein
Schweigen gelobt hat, das Wort an ihren neugeborenen Sohn weitergibt, als sie von Familie und
Gesellschaft zur Rede gestellt wird:
Zitator:
Da kam sie mit ihm auf den Armen zu ihrem Volk. Sie sagten: „Maria, du hast eine unerhörte Sache
begangen. Schwester Aarons, dein Vater war kein schlechter Mann und deine Mutter keine Hure.“
Da zeigte sie auf ihn. Sie sagten: „Wie können wir mit einem sprechen, der noch ein Kind in der
Wiege ist?“ Er sagte: „Ich bin Gottes Diener.
Sprecher:
"Er sagte…" – so beginnt in Sure 19 die Aussage des Kindes über sich selbst. Also die Aussage des
Korans über Jesus. In der Bibel kündigt der Engel Maria und den Hirten den "Sohn des Höchsten"
an, den "Retter, den Messias, den Herrn" – im Koran spricht der Säugling Jesus selbst.
Zitator:
Er sagte: „Ich bin Gottes Diener. Er hat mir die Schrift gegeben und mich zum Propheten gemacht,
lässt mich gesegnet sein, wo immer ich bin. Er hat mir das Gebet und die Abgabe anbefohlen,
solange ich lebe, und ehrerbietig gegen meine Mutter zu sein. Er hat mich nicht zum unseligen
Gewalttäter gemacht. Friede über mich am Tag, da ich geboren wurde, am Tag, da ich sterbe, und
am Tag, da ich zum Leben erweckt werde.“ Das ist Jesus, der Sohn Marias. Das Wort der Wahrheit,
an dem sie zweifeln!
Sprecherin:
An dieser letzten Aussage – Marias Sohn, Wort der Wahrheit, an dem sie zweifeln – beginnt für die
Koranexegeten eine größere als nur die textvergleichende Arbeit. Denn diese Aussage leitet den
Satz ein, der das Potential hat, Christen und Muslime gegeneinander aufzustellen.
Zitator:
Es kommt Gott nicht zu, dass er sich ein Kind nimmt.
O-Ton K.J. Kuschel:
Da ist die klare Abgrenzung. Auch wenn man sagt, das ist ja nicht die christliche Lehre, Gott
nimmt sich ja nicht ein Kind. Sondern er schickt seinen Sohn, das ist was anderes. Nur
offenbar setzt der Koran ein solches Verständnis von Gotteskindschaft voraus. Dagegen
polemisiert der Koran.
Sprecher:
Muslime glauben: Jesus ist geschaffen, und nicht gezeugt. Christen bekennen in ihrem
Glaubensbekenntnis: Jesus ist gezeugt, nicht geschaffen. Dagegen wehrt sich der Koran und lehnt
das Bild einer Art "Heiligen Familie" aus der Mutter Maria, Gottvater und dem Kind Jesus ab. Unter
den Bewohnern Mekkas gab es zur Zeit des Propheten Mohammed viele Heiden, die an mehrere
Götter glaubten. Auch die Christen mit ihrer Aussage des dreifaltigen Gottes standen in seinen
Augen im Verdacht der Vielgötterei.
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2016
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"Maria durch die Wüste ging"
Über Weihnachten im Koran
Lebenszeichen
26.12.2016
O-Ton Hureyre Kam:
Da gibt es auch die Kritik an den polytheistischen Mekkanern, und die hauptsächliche Kritik,
die sich dann im Christentum befindet, ist: Sag nicht "Dritter von Dreien". Eigentlich ist es nur
eine Abkehr vom Drei-Personen Kult. Gott ist eins. Ein Christ hätte, glaub ich, entschieden
was dagegen, wenn ich sagen würde: Du bist ein Polytheist, weil du glaubst an drei Götter.
Sprecher:
Der Begriff des Gottessohnes kann von Muslimen dennoch nicht angenommen werden. Zu stark ist
ihr theozentrischer Blick, in der Jesus mit seiner Person auf die Größe Gottes verweist – aber nicht
als dessen Sohn.
O-Ton K.J. Kuschel:
Also es wird nicht gedeutet im Sinne einer Christologie, das bleibt der fundamentale
Unterschied, sondern wird gedeutet im Sinne eines Zeichens Gottes - aber ist das weniger
wert?? Viele Christen haben ja nach wie vor das Klischee - ja, Jesus im Koran, nur ein
Mensch, nur ein Prophet, usw - nein! Er ist Isa, die Formulierung, die immer wieder im Koran
vorkommt ist, Isa Ibn Maryam und Rasul Allah - Ibn Maryam - der Sohn Marias. aber der
Gesandte Gottes. Und es gibt nur vier Gesandte im Koran. Wir müssen wegkommen von
diesen Wertungen - wir haben Jahrhundertelang Bibel-Koranstudien mit Wertungsurteilen im
Hintergrund geführt. Auch das ist ein Ziel des Dialogs: Wechselseitig verstehen, dass der
andere anders ist. Und das auch respektieren lernen.
Sprecherin:
Zündstoff bieten die Geburtsüberlieferungen der Bibel und des Korans allemal genug. Aber sie
enthalten auch viel Material für einen kreativen Dialog.
Sprecherin:
Für Christen ist Weihnachten auch ein musikalisches Fest, und auch auf dieser Ebene kann ein
Austausch gelingen. So wurde Hureyre Kam im Jahr 2015 angefragt, das Libretto zum muslimischen
Teil eines interreligiösen Weihnachtsoratoriums zu verfassen. Der Komponist Betin Günes
komponierte die Musik zum muslimischen Teil des Oratoriums, der dem bekannten Bach-Oratorium
gegenübersteht. Für den Texter war diese Arbeit eine Herausforderung.
O-Ton Hureyre Kam:
Der Koran ist ja nicht so wie Bibel, es hat ja keine Dramaturgie, es erzählt nicht eine
Geschichte von A bis Z sondern es ist elliptisch, wenn Sie eine Geschichte zusammen haben
wollen, müssen Sie den ganzen Koran durchforsten, wo das überall vorkommt… Wie kann
ich das in einen Erzählfluss bringen, ohne diese ganzen theologischen Probleme?
Zitator:
Alleine geh ich schwanger
keine Hand, um mich zu halten
Keine Seele, die mich hört
Allein geh ich schwanger.
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2016
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"Maria durch die Wüste ging"
Über Weihnachten im Koran
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26.12.2016
Sprecher:
In den Texten von Hureyre Kam wechseln sich Teile der koranischen Erzählung mit Reflexionen in
Form von Arien und Chorälen ab – angelehnt an das klassische Vorbild. Vorbilder im Islam hatte er
nicht, obwohl auch dort in Gesängen z.B. der Geburt des Propheten Mohammed gedacht wird.
O-Ton Hureyre Kam:
Die heißen dann Mevlid, das ist eher ein langes Rezitieren, wo jeder mitmacht.
O-Ton Serap Ermiş:
Mevlid Kandil, was sich in der osmanischen Zeit entwickelt hat, um der Geburt Mohammeds
zu gedenken – da findet man sich in der Moschee zusammen, der Imam trägt Koranverse
vor, und es gibt immer wieder die gleichen Lieder, die man halt singt, wie er geboren worden
ist, welche Schmerzen seine Mama hat, und dass die Engel runtergekommen sind und ihr
bei der Geburt geholfen haben…
Sprecherin:
Anders als die Geburt Jesu wird die Geburt Mohammeds im Koran überhaupt nicht erwähnt.
Geschichten über sein Leben entnehmen Muslime den so genannten Hadithen, Büchern über die
Taten und Aussprüche ihres Propheten, und aus biographischen Erzählungen.
O-Ton K.J. Kuschel:
Es ist interessant, dass es ungefähr 300 Jahre gebraucht hat, ähnlich wie im Christentum,
damit sich dann in der muslimischen Tradition ein eigenes Fest zur Feier der Geburt
Mohammeds durchgesetzt hat.
Sprecher:
Auch die Erinnerung an die Geburt Jesu hat über die Jahrhunderte zahllose Legenden und
Geschichten hervorgebracht. Und Lieder, in denen die Überlieferung immer und immer neu variiert
wird.
Sprecherin:
Angeregt von interreligiösen Chorprojekten aus Frankfurt und Stuttgart gab es im Advent 2015 eine
christlich-muslimische Liederwerkstatt zum Thema Weihnachten, angeleitet von Serap Ermiş und der
christlichen Kantorin Bettina Strübel.
O-Ton Bettina Strübel:
Da war die Idee, dass die Weihnachtsgeschichte, wie sie im Koran erzählt wird, also die
Geschichte der Geburt Jesu, dass wir die zusammenbringen mit einem Lied, und ich dachte
dann, dass "Maria durch ein Dornwald ging" sich dafür gut eignen würde, denn im Lied wird ja
sozusagen auch die Geschichte erzählt, schon auch eine gedeutete Geschichte, darüber
haben wir dann in der Liederwerkstatt auch gesprochen, dass da die ganze
Passionsgeschichte z.B. schon anklingt…
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2016
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"Maria durch die Wüste ging"
Über Weihnachten im Koran
Lebenszeichen
26.12.2016
Sprecher:
Auf die Melodie des christlichen Weihnachtsliedes entstand innerhalb der Liederwerkstatt eine
neues, koranisches Lied, in dem Maria nicht durch den Dornwald, sondern – wie der Koran berichtet
– durch die Wüste geht.
O-Ton Bettina Strübel:
Wir haben dann eine erste oder sogar zwei Strophen in der Werkstatt selber schon mal
versucht zu formulieren, und wir haben immer weiter daran gearbeitet, und herausgekommen
sind eben sechs Strophen, womit auch Serap Ermiş einverstanden war und gesagt hat – ja
genau, das entspricht auch der Geburtserzählung im Koran.
O-Ton Serap Ermiş:
Es war nicht so, dass wir da hingegangen sind und gesagt haben, ok, jetzt muss irgendein
Lied entstehen, sondern es war echt ein natürlicher Vorgang.
Zitator:
Maria durch die Wüste ging
Irhamna ya Rabb – (Erbarme dich, oh Herr)
Allein war sie und ohne Mann
als plötzlich die Geburt begann
Jesus und Maria
O-Ton Serap Ermiş:
Warum produziert man solche Lieder? Damit ein Kind, wie ich eins war, etwas zum Mitsingen
hat und sich damit auch identifizieren kann und sagen kann: Diese Geschichte haben wir
auch. Ok, ich hab auch in der Kirche mitgesungen, aber es war trotzdem nicht mein Lied.
Aber wenn ich jetzt z.B. so ein Lied hätte, würde ich sagen: Ah, cool, schaut mal da, hier ist
eine Geschichte über Jesus Geburt, Maria, und es stammt aus dem Koran, und ich kann mit
euch mitsingen. Und ich glaub, das brauchen die Kinder auch, dass man denen zeigt, so,
auch wenn wir Christen sind, ihr könnt doch mitsingen.
Sprecher:
Die uralte, in großen Teilen gemeinsame Überlieferung von einer Mutter und ihrem Kind kann eine
Brücke sein für den Austausch zwischen Religionen. Eine Erzählung des Mohammed-Biographen
Ibn Isháq verdeutlicht die gelungene Verständigung über religiöse Grenzen hinweg – gerade in
Zeiten von Flucht und Verfolgung.
Sprecherin:
Mohammed musste seine kleine Urgemeinde vor den Übergriffen der andersgläubigen Mekkaner
schützen und schickte sie ins christliche Abessinien, das heute Äthiopien heißt.
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26.12.2016
Zitator:
Als der Prophet all das Unglück sah, das seine Gefährten traf, und erkannte, dass er sie nicht davor
schützen konnte, riet er ihnen, nach Abessinien wegzuziehen. „Denn dort“, so sprach er, „herrscht
ein König, bei dem niemandem Unrecht geschieht. Es ist ein freundliches Land. Bleibt dort, bis Gott
eure Not zum Besseren wendet!“
O-Ton K.J. Kuschel:
Dass der Prophet eine Delegation aus seiner Urgemeinde nach Äthiopien schickt zu einem
christlichen Herrscher, lässt ja darauf schließen, dass die Situation unhaltbar war, die
mussten ja wirklich um ihr Leben fürchten. Also suchte er einen Exilort, offenbar in der
Hoffnung, dass da ein christlicher König ihnen Asyl gewährt.
Sprecher:
Der abessinische Negus nimmt die Flüchtlinge freundlich auf, obwohl eine extra angereiste
mekkanische Delegation ihn gegen die Muslime aufhetzen will. Um einen Einblick in die Religion der
Asylanten zu erhalten, bittet der Negus sie um eine Probe aus ihren Schriften.
Zitator:
„Hast du etwas von der Offenbarung dabei, die euer Prophet euch brachte?“ fragte der Negus. "Ja.“
„Lies es mir vor!“ Da zitierten sie einen Abschnitt aus der Sure „Maria“, und, wahrlich, der Negus
weinte, bis sein Bart feucht war. Und auch seine Bischöfe weinten, bis Tränen ihre Heiligen Schriften
benetzten. Dann wandte sich der Negus an die beiden Abgesandten der Mekkaner und sprach:
"Diese Offenbarung und die Offenbarung Jesu kommen aus derselben Nische. Geht! Ich werde sie
euch nicht ausliefern.“ – Und an die Muslime gewandt: „Ihr seid sicher in meinem Land. Nicht für
einen Berg aus Gold würde ich einem von euch.
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