SWR2 Tandem

SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Tandem
Die Narben bleiben
Hilfe für Gewaltopfer
Von Andreas Boueke
Sendung: 15. Dezember 2016, 10.05 Uhr
Redaktion: Karin Hutzler
Regie: Günter Maurer
Produktion: SWR 2016
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede
weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des
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DIE NARBEN BLEIBEN
Sprecherin (liest):
Dpa-Meldung:
Eine Stadt im Ruhrgebiet.
Fenstersturz.
Eine 21-jährige Frau, die am Donnerstag bei einem Sturz aus dem vierten Stock
schwer verletzt wurde, schwebt weiter in Lebensgefahr. Nach einer zehnstündigen
Notoperation ist ihr Zustand stabil, aber kritisch.
Sprecher:
Drei Monate später sitzt die junge Frau im Rollstuhl in der Wohnung ihrer Mutter. Sie
kommt nur selten nach draußen. Manchmal trifft sie Freunde, die fragen, was denn
passiert sei.
1. O-TON Evelyn, 13“:
Ich sag' einfach:
'Ja, jemand hat versucht mich umzubringen.' Da fangen die immer ganz laut an zu
lachen. Und dann sag' ich dann halt: 'Nee, das ist mein Ernst.' Dann vergeht deren
Lachen, ne. (schnieft)
Sprecherin (liest dpa-Meldung):
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft stellten die Ärzte bei der Behandlung neben
schweren Schädelverletzungen und Trümmerbrüchen an den Beinen
Stichverletzungen im Brust- und Bauchbereich fest. Der 22-jährige Lebensgefährte
der jungen Frau steht im Verdacht, ihr diese Stichverletzungen zugefügt zu haben.
MUSIK:
Frédéric Chopin, Nocturne op.9 no.1
2. O-TON Evelyn, 9“:
Wär' ich da noch 'ne Stunde oder zwei sitzen geblieben, dann wäre ich gestorben.
Das hat der Gerichtsmediziner auch gesagt, durch den Verlust des Blutes.
3. O-TON Ilse Haase, 20”:
Die Opfer werden einfach schnell vergessen. Das ist erstmal die Tat. Dann ist es die
große Sensation in der Zeitung. Dann wird vielleicht nochmal darüber geschrieben.
Aber letztendlich, die Situation der Opfer, die wird nicht so wahrgenommen. Weil,
jeder verdrängt auch selber, Opfer werden zu können.
4. O-TON Evelyn, 4“:
Ich heiße Evelyn und bin 21 Jahre alt.
2
5. O-TON Ilse Haase, 14”:
Ich hab die junge Frau wirklich sehr bewundert und fand sie sehr liebenswert. Sie
strahlte und es machte einfach Spaß, ihr zu helfen. Solche Opfer betreut man einfach
gerne, weil man da viel zurückbekommt.
Sprecher:
Ilse Haase war früher in einer Verwaltungsabteilung der Polizei angestellt. Heute
arbeitet sie ehrenamtlich für die Hilfsorganisation Weisser Ring.
6. O-TON Ilse Haase, 10“:
Sie ist schon mit 14 aus ihrem Elternhaus ausgezogen und hat sich wirklich
durchgeboxt. Die ist eigentlich viel zu schnell erwachsen geworden, hat alles alleine
regeln können.
Sprecher:
Als Jugendliche war Evelyn offen und unternehmungslustig. Manchmal haben ältere
Freunde sie mitgenommen auf Spritztouren in verschiedene Städte. So hat sie ihren
Freund kennen gelernt.
7. O-TON Evelyn, 11“:
Da war ich 14, und ja dann bin ich da mitgefahren. Dann haben wir den gesehen
gehabt, und da hab' ich: 'Oh, der sieht voll toll aus.' Und ein Freund von mir ist da
sofort gleich hingelaufen und hat gesagt: 'Ja, die findet dich voll toll.'
Ja und dann hab' ich mich auch nach zwei Wochen bei dem gemeldet. Und ja, da hat
er sich riesig gefreut und da hat er gesagt: 'Ja, kann ich dich besuchen kommen?'
9. O-TON Evelyn, 15“:
(elektr. Geräusch gel. im HG)
Aber der hat schon immer falsche Freunde gehabt und war halt ziemlich kriminell und
is' dann auch irgendwann ins Gefängnis gekommen. Also, Diebstähle waren das,
teilsweise.
10. O-TON Doktor Brinkmann, 14“:
Gewalt gehört in jeglicher Form zum heutigen Alltag. Dann sind wir auf einmal
fassungslos und als Menschen wissen wir überhaupt nicht, wie wir uns da verhalten
sollen. Und Antworten auf diese Fragen zu liefern, ist mein Beruf. (Aber natürlich
interessiert mich das selber.)
Sprecher:
Doktor Jan Brinkmann ist Facharzt für Psychiatrie.
11. O-TON Doktor Brinkmann, 21“:
Also normalerweise beträgt die Wartezeit auf einen Therapieplatz und auch hier bei
mir drei bis sechs Monate. Für Leute, denen akut etwas passiert ist, die in einer akut
schwierigen Situation ist, gibt es da verschiedene Anlaufstellen. Es gibt den Weissen
Ring, der Therapieplätze vermittelt, und ich bin einer der Therapeuten, die bereit
sind, relativ schnell einzuspringen, wenn Not am Mann ist.
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12. O-TON Ilse Haase, 15“:
Der Weisse Ring ist ja die größte Opferhilfeorganisation Deutschlands.
Wichtig ist, dass wenn eine Straftat passiert, dass die Polizei darauf hinweist, dass
es Möglichkeiten gibt, sich helfen zu lassen, und das ist auch gesetzlich verankert.
13. O-TON Evelyn, 24“:
Also es war eigentlich immer schön. Wir haben zusammen gekocht gehabt, wir
haben zusammen alles Mögliche gemacht. Dann hab' ich halt erfahren, dass er halt
ins Gefängnis muss, wieder. Und dann hab' ich ihn gefragt: 'Was ist passiert? Was
hast du gemacht?' 'Das is' schon voll viele Jahre her', hat er gesagt. Und jedes Mal,
wenn wir Kontakt hatten, hat er sich vernünftig benommen.
Sprecher:
Evelyns Jugend war nicht unbeschwert. Ihre Eltern hatten oft finanzielle Probleme.
Der Vater versuchte, mit dem An- und Verkauf geringer Mengen an Gold und
Schmuck die Familie über Wasser zu halten. Das war schwierig. Er war oft frustriert
und ist auch gewalttätig geworden.
14. O-TON Evelyn, 21“:
Und ich hab' mich so sehr mit meinem Papa gestritten gehabt, der hat halt dann auch
zugeschlagen und so. Ja, dann kam ich erstmal, hat die Polizei mich abgeholt. Dann
kam ich halt in diversen Heime und bin von Bielefeld bis an der Grenze von Polen in
verschiedenen Heimen gewesen.
15. O-TON Doktor Brinkmann, 30“:
Warum Frauen in gewalttätigen Beziehungen bleiben, ist leider eine sehr simple
Antwort: Weil sie Gewalt gewohnt sind. Wenn Menschen beispielsweise in ihrer
Ursprungsfamilie schon die Erfahrung gemacht haben, dass sie wenig wert geschätzt
werden, dass sie misshandelt werden, dass sie erniedrigt werden, dann ist das
Gewohnheit und man könnte fast sagen, das is ihre Heimat. Und so ein
Gewohnheitsmuster zu überwinden, fällt uns allein schon aus neurobiologischer Sicht
unheimlich schwer.
Sprecher:
Gleich nach ihrem achtzehnten Geburtstag ist Evelyn mit ihrem Freund
zusammengezogen.
16. O-TON Evelyn, 21“:
Und als ich dahin gezogen bin, hat er alle seine Freunde aufgegeben und er hatte
nur noch mich. Er hatte komplett nur noch mich. Seine Familie hat sich nie bei ihm
gemeldet und so gesehen war ich die einzigste Person, die er hatte. Und ich war
auch stolz auf ihn, dass er seine ganzen Freunde losgeworden is'. Also meines
Erachtens waren es sehr gefährliche Leute.
17. O-TON Doktor Brinkmann, 17“:
Ein Großteil der Täter, die auch oft schon verschiedene und mehrere Frauen
misshandelt haben, sind sehr gekonnte Verführer, sind Narzissten, sind Männer,
denen es relativ leicht fällt, eine Frau zu identifizieren, die leichter beeinflussbar ist.
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18. O-TON Evelyn, 30“:
Wir hatten eigentlich einen harmlosen Streit, an den ich mich leider nicht mehr so gut
erinnern kann. Ja, dann wollt ich grad' losgehen, da hat er mich zu sich gezogen, und
mich umgedreht zu sich und hat dann mit dem Messer erstmal zugestochen.
Anschließend habe ich dann halt laut geschrien, und hab' gesagt: 'Was machst du
da? Hör auf damit.' Anschließend habe ich dann gesagt: 'Schatz hör auf.' Dann hat er
aufgehört.
Sprecher:
Evelyn hat lange blonde Haare. Sie schminkt sich gern. Aber wenn sie von dem Tag
der Tat erzählt, füllen sich ihre Augen mit Tränen. Das Make Up verwischt.
19. O-TON Evelyn, 29“:
Ich hatte auch ziemlich große Angst, weil er hat sich das Messer auf'm Sofa neben
ihm gelegt, an der Seite. Dann hat er sich schon Gedanken darüber gemacht, wie
lange er dafür ins Gefängnis müsste. Und ich hab' halt die ganze Zeit nur davon
geredet gehabt, dass er bitte 'nen Krankenwagen rufen soll. Und ich hab' immer
wieder gesagt: 'Ruf' bitte 'nen Krankenwagen. Mach' das doch bitte. Ich kann jetzt
noch nicht sterben. Ich will noch nicht sterben', hab' ich gesagt.
20. O-TON Doktor Brinkmann, 16“:
Ein Täter hat immer die Wahl, ob er eine Tat begeht oder nicht. In dem Sinne hat er
die Schuld. Ein Täter ist verantwortlich für seine Taten und das muss der Täter
akzeptieren. Nur, je gestörter oder rücksichtsloser der Täter ist, umso weniger ist er
bereit, das zu akzeptieren.
21. O-TON Evelyn, 25“:
Ja, und dann hab' ich ihn irgendwann mal gefragt: 'Ja, wie sieht es jetzt aus? Willst
du mich jetzt umbringen oder was ist denn jetzt? Wie stellst Du dir die Situation jetzt
einfach weiter vor? Und da hat er immer wieder gesagt: 'Nee, du musst nicht
sterben.' 'Wie soll's denn weitergehen? Ich verblute.' und hab' halt, ich saß da ja fünf
Stunden insgesamt noch.
22. O-TON Doktor Brinkmann, 13“:
Man hat täglich oder auch mehrfach täglich oder vor allem auch nachts Alpträume im
Sinne von Flashbacks. Man erlebt dieses Ereignis nahezu körperlich wieder. Man hat
das Gefühl, wieder in dieser Situation fest zu stecken.
23. O-TON Evelyn, 29“:
Ich hab den sogar gesagt: 'Komm', gib' mir einen Kuss.' Dann hat er mir wirklich
einen Kuss gegeben. Also so dreist. Dann hab' ich noch gesagt: 'Wir schaffen das
zusammen.' Weil ich wusste halt, wie süchtig der halt nach mir is'. Ich wusste halt,
dass der mich wirklich liebt. Aber das hat er nicht aus Liebe getan. Das hat er
irgendwie aus Verlustängste gemacht, also mich zu verlieren. Weil der hatte selbst
nicht 'ne Familie, die sich um ihn gekümmert hat oder sonstiges, ne.
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Ich so:
'Oh nein, wenn der mich gleich wirklich richtig umbringt, dann versteckt der mich
irgendwo, dann findet man mich in ein, zwei Jahren.' Oder solche Gedanken macht
man sich dann auf einmal, ne.
25. O-TON Evelyn, 32“:
Ja, dann wurd' mir halt immer schwarzer vor den Augen. Dann bin ich irgendwie,
irgendwas hab' ich erzählt, auf jeden Fall bin ich Richtung Schlafzimmer gegangen.
Ja und ab da kann ich mich dann nicht mehr erinnern. Auf jeden Fall bin ich aus
diesem Fenster irgendwie rausgekommen. Ob ich selbst gesprungen bin, weiß ich
nicht. Ich wollte springen, weil ich mir gedacht hab', das ist der einzigste Weg, wo er
mir nicht hinterherlaufen kann. Vielleicht findet mich da jemand, vielleicht rettet mich
da jemand, vielleicht ruft jemand 'nen Krankenwagen und ich komm' - das waren
achtzehn Meter.
Sprecher:
Evelyn ist auf dem Dach eines parkenden Autos gelandet. Nur deshalb hat sie
überlebt. Sofort riefen Passanten den Notarzt, so dass nach wenigen Minuten ein
Krankenwagen zur Stelle war.
26. O-TON Evelyn, 21“:
Ja dann bin ich halt da unten gelandet, da gingen auch irgendwie - so wie meine
Rechtsanwältin mir erzählt hat - sieben Notanrufeingängen auf einmal ein. Ich wurd'
dann auch sofort gefunden. Er persönlich hat keinen Krankenwagen gerufen. Und ja,
dann kam ich halt ins Krankenhaus.
Sprecher:
Die Polizei konnte Evelyns Freund festnehmen. Er leistete keinen Widerstand.
27. O-TON Tamara Lüning, 27“:
Ich bin Tamara Lüning, seit über 27 Jahren bei der Polizei tätig, derzeit im
Kriminalkommissariat Prävention und Opferschutz. Ist es Aufgabe eines jeden
Polizeibeamten, Opferschutz zu betreiben, denn die Polizei hat viel mit Opfern zu
tun.
Wenn die Kollegen des Wach- und Wechseldienstes vor Ort zu einem Ereignis einer
Straftat gerufen werden, dann beginnt bereits der Opferschutz.
Sprecher:
Gerade Opfer einer Beziehungstat haben oft mit widersprüchlichen Gefühlen zu
kämpfen.
28. O-TON Evelyn, 18“:
Klar hab' ich noch Gefühle für den. Es ist leider so. Ich würd' niemals zu ihm
zurückkommen oder so, niemals. Aber ich hab' den jahrelang geliebt. Ich war einfach
glücklich mit ihn, ne und -.
6
Sprecher:
Kommissarin Tamara Lüning betont, dass heute alle Polizisten für den Umgang mit
Verbrechensopfern sensibilisiert werden. Auf keinen Fall sollen sie den Eindruck
vermitteln, das Opfer trage Mitschuld an der Tat.
29. O-TON Tamara Lüning, 42“:
Ich bin 1988 bei der Polizei angefangen und war aktiv im Streifendienst so 91, 92. Da
wurde in Fällen von häuslicher Gewalt ganz anders agiert. Es wurde, sag' ich mal,
nicht so ernst genommen oder oft verkannt. Es ist ein Machtdelikt, was sich über
Jahre hinzieht. Häufig erkennt man eine Steigerung im Rahmen der
Gewaltausübung. Und da war es eigentlich so, dass in der Regel, wenn der Mann
betrunken war, er zur Ausnüchterung ins Gewahrsam genommen wurde, der Streit
geschlichtet wurde, und dann die Frau - jetzt aus meiner heutigen Sicht - alleine war.
30. O-TON Evelyn, 16“:
Ich weiß nicht, ob er aus Angst reagiert hat, mich zu verlieren. So gesehen, also
weswegen er gehandelt hat, weiß keiner, weil er nich' redet. Der redet ja komplett
nicht, er sagt nichts dazu. [Ja]
31. O-TON Tamara Lüning, 20“:
Auf Grund von Forschungen hat man erkannt, dass die Frauen im Rahmen der
häuslichen Gewalt sehr gefährdet sind, weil das häufig in Tötungsdelikten endet.
Also auf der Straße sind wir Frauen eigentlich sicher, im dunklen Park sind wir sicher,
in unseren eigenen vier Wänden oftmals nicht.
Sprecher:
Häusliche Gewalt kann zu schweren Traumata führen. Wenn ein Mensch im
vermeintlich sicheren Zuhause verletzt wurde, ist oft sein Selbstbild erschüttert.
Angst und Fassungslosigkeit sind die Folgen. In manchen Fällen bedarf es
psychiatrischer Hilfe, um einen Ausweg zu finden, erklärt Doktor Jan Brinkmann.
32. O-TON Doktor Brinkmann, 18“:
Ein Beispiel, wo man dann auch spezielles Handwerkszeug braucht, is' das
Krankheitsbild der posttraumatischen Belastungsstörung. Das heißt, dass ich
Hochstress, wenn man sich als Mensch in seiner Gesundheit erheblich beeinträchtigt
oder bedroht fühlt, man Todesangst hat.
33. O-TON Evelyn, 18“:
Und als ich das erste Mal nach Hause kam und irgendein Messer gesehen hab'
allgemein, ne, da war bei mir also im Kopf vorbei. Ich konnte das nicht wirklich also
sehen. Da war ich auch letztens mal bei einer Freundin, da hat sie da auch so'n
Messerblock stehen. Den hab' ich genommen und den in den Backofen gepackt.
34. O-TON Doktor Brinkmann, 19“:
Die Aufgabe des Therapeuten ist es dann, dem Gehirn dabei zu helfen, dieses
Erlebnis zu verarbeiten, das heißt, dass man dann nochmal versucht, verschiedene
Bestandteile dieses Ereignisses, das von dem Gehirn so nicht verarbeitet werden
konnte, strukturiert aufzugreifen und dann gehen die Symptome auch weg.
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Sprecher:
Monate nach der Straftat kommt es zu einer weiteren Stresssituation, der sich viele
Verbrechensopfer aussetzen müssen: das Gerichtsverfahren.
35. O-TON Evelyn, 17“:
Mir isses halt total wichtig, dass er im Gerichtssaal halt die Wahrheit sagt, was ich
nicht glaube. Das steht jetzt noch bevor. Ich muss noch so gesehen mit ihm
zusammen in einem Gerichtssaal sitzen, was mir persönlich halt auch Angst macht.
36. O-TON Ilse Haase, 29“:
Also ich glaube, vielen Opfer geht es überhaupt nicht um Rache. Denen geht es um
Wertschätzung. Dass das Ganze öffentlich wird, das ist, glaube ich, das Elementare
daran, dass es zu der Verhandlung gekommen ist. Und die Höhe der Strafe, die
spielt für die wenigsten Opfer überhaupt eine Rolle. Dass der Täter Reue zeigt. Ich
glaube, das wäre das Wichtigste. Dass er sich entschuldigt, dass die Opfer nochmal
das letzte Wort haben, und den Täter nochmal fragen können, warum er das getan
hat. Das ist für viele eigentlich das Wichtigste.
37. O-TON Evelyn, 12“:
Und der Richter, wenn es im Gericht irgendwie um sein Urteil geht, es ist egal, wie
viele Jahre der bekommt. Das, was er mir angetan hat, wird mein ganzes Leben lang
mich verfolgen.
38. O-TON Richter Zimmermann, 12“:
Gerade natürlich in Sexual- und Gewaltverfahren sind Zeugen, die Verletzte einer
Straftat gewesen sein sollen, oft traurig oder wütend oder verzweifelt.
Sprecher:
Doktor Georg Zimmermann war fünfzehn Jahre lang Vorsitzender Richter an einer
großen Strafkammer, die für Delikte der Schwerkriminalität zuständig ist.
39. O-TON Richter Zimmermann, 31“:
Aber der Umgang damit ist keine Geheimsache, die jetzt nur einem Richter
anvertraut wäre.
Man geht damit natürlich genauso um wie mit jedem anderen Menschen, der einem
traurig, wütend oder verzweifelt begegnet und versucht, in einer angemessenen
Form darauf einzugehen und deutlich zu machen, dass es trotzdem oder gerade
wegen der Emotionalität hier darum geht, Tatsachen, einen Sachverhalt
herauszufinden und geschildert zu bekommen und zu hören, wie sich eine Sache,
eine Tat, ein Fall abgespielt hat, bei dem ja keiner von den Richtern am Tisch dabei
gewesen ist.
40. O-TON Evelyn, 27“:
Ich wünsch' dem ja noch nicht einmal, dass er da zwanzig Jahre drinne' sitze. Das
wünsch' ich dem noch nicht mal. Nein, mir ist es halt viel wichtiger, dass er das
durchmacht, was ich durchmachen muss.
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Ich kämpfe jeden Tag damit, dass ich mir was zu essen kochen muss im Rollstuhl,
dass ich nachts schlafen kann, weil ich momentan totale Albträume hab, und alles.
Ich kämpfe dagegen, dass ich noch ins Krankenhaus muss, ich hab' Schmerzen.
41. O-TON Richter Zimmermann, 12“:
Der Anspruch muss natürlich sein, immer nüchtern zu sein und ein Stück
zurückzutreten und zu versuchen, einen neutralen Blick zu bekommen. Aber dass da
in der Robe immer ein Mensch steckt, das is' natürlich so.
42. O-TON Evelyn, 15“:
Ich würde lieber paar Jahre im Gefängnis sitzen als jetzt dieses Leid und diese
Schmerzen, was ich meiner Mutter antue, was ich meiner ganzen Familie antue zu
haben. Also da würd' ich lieber ins Gefängnis gehen. Ich seh' da nicht wirklich so die
Gerechtigkeit.
43. O-TON Tamara Lüning, 16“:
In 'nem Fall, wo die Frau im Rollstuhl sitzt, es ist total schwer. Aber man muss ja
mental innerlich auch 'nen Weg finden, um auch weiter zu leben. Das ist schwierig,
Und Gerechtigkeit, was ist für die einzelne Frau oder das Opfer dann gerecht?
44. O-TON Richter Zimmermann, 26“:
Also wenn das auf die Frage abzielt, ob es in dem Verfahren auch um Genugtuung
für den Verletzten geht, dann glaube ich: 'Ja, das is' ein Ziel des Verfahrens.' Aber
sicherlich nicht das einzige und man mag weidlich darüber streiten, ob es ein
zentrales Ziel oder ob nicht zentraleres Ziel, der Eindruck des Verfahrens auf die
Allgemeinheit, auf die Breite von einem funktionierenden Strafsystem viel wichtiger
ist als der auf den Einzelnen.
Sprecher:
Richter Zimmermann ist froh, dass er heute in einem Justizapparat arbeitet, in dem
sich die meisten Beteiligten darum bemühen, sensibel mit Menschen umzugehen, die
durch Gewalttaten verletzt wurden.
45. O-TON Richter Zimmermann, 23“:
Man muss aber auch natürlich zugeben, dass die Älteren von uns die Situation noch
kennen, wo Zeugen, bei denen davon auszugehen ist, dass sie Opfer einer schwer
traumatisierenden Straftat geworden sind, mit einer - doch mit einem gewissen Maß
an Gedankenlosigkeit auf dunklen Fluren stundenlang vor dem Saal sitzen gelassen
worden sind, aufgerufen und in einer sehr nüchternen und kühlen Form wieder
entlassen worden sind, und das Gefühl hatten: 'Hier geht es in gar keiner Weise um
mich.'
46. O-TON Ilse Haase, 19“:
Vor vierzig Jahren, da war es tatsächlich so, dass Opfer nur Zeugen waren im
Gerichtsverhandlung. Das hat sich natürlich geändert. Inzwischen hat das Opfer
Rechte. Es kann einen Anwalt nehmen, es kann als Nebenkläger auftreten, und es
kann auch die gesamte Verhandlung über dabei sein. Es kann Beweisanträge
stellen.
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47. O-TON Evelyn, 28“:
(weint) Ich kämpf' halt auch mit den ganzen Narben, sind so viele Narben an meinem
ganzen Körper. Und auch so dieses Gefühl, dass du wieder gehen kannst, das
kommt einfach nicht. Jeder versucht, dir Hoffnung zu machen, und zu sagen: 'Ja du
wirst wieder gehen können.' Aber ob es wirklich so sein wird, das kann mir keiner
versprechen.
Sprecher:
Evelyn lebt heute ein anderes Leben, eingeschränkt durch ihre körperliche
Behinderung und geprägt von Misstrauen. Das Verbrechen hat ihre Jugend jäh
beendet. Die fröhliche Offenheit, die früher so charakteristisch für sie war, hat sie
verloren.
48. O-TON Evelyn, 37“:
Ich darf jetzt einen Fuß momentan belasten. Aber, das bringt mir auch nicht viel, weil
oben war ja noch mein Becken gebrochen. Also kann ich nicht mal wirklich auf
Krücken gehen. Mein einer Fuß ist zertrümmert, den darf ich nicht belasten. Ich muss
jetzt wieder ins Krankenhaus, weil er meinen Darm getroffen hat und ich 'nen
künstlichen Darmausgang bekommen hab'. Ich hab' diverse Ängste vor Spritzen, und
keine Ahnung was. Dadurch, dass ich diese Stiche bekommen hab', alles was
irgendwie piksen könnte oder weh tun könnte, da fängst bei mir an, total, ich schreie
schon rum, wenn ich irgendwas sehe, was spitz ist oder sonstiges.
49. O-TON Ilse Haase, 13“:
Ich denke, als Staat und als Gesellschaft sind wir es den Opfern schuldig, dass sie
schnell entschädigt werden und dass man großzügig ist bei Therapien.
50. O-TON Doktor Brinkmann, 18“:
Wenn jemand von sich das Bild hat: 'Ich bin ein Opfer.' Dann erlebt er auch, dass er
an einem gewissen Punkt seine Grenzen nicht schützen konnte, oder dass er
vielleicht sogar schlimmstenfalls aufgegeben hat. Je mehr das in der
Gesamtpersönlichkeit verankert ist, umso schwieriger ist die Behandlung, umso
schwieriger ist der Ausweg aus diesem Verhaltensmuster.
51. O-TON Evelyn, 12“:
Also, ich denk nicht, dass ich 'nen Verbrechensopfer bin oder so, oder ich nehm' das
Wort Opfer auch nicht richtig in den Mund, oder sag': 'Ich bin das Opfer eines
Gewaltverbrechens.' Nein.
52. O-TON, Mika 16“: (diesen O-Ton nicht streichen)
Das ist so'n bisschen ein geflügeltes Wort unter den Jugendlichen „Ey, du Opfer“ Das
bedeutet, dass die Mädchen und Frauen im Grunde selber schuld, dass ihnen was
passiert ist oder dass sie gemobbt werden, dass sie Übergriff erleben. Also dieses
Wort Opfer suggeriert: 'Ah ich bin selber schuld.'
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53. O-TON Doktor Brinkmann, 7“:
Wenn eine Frau oder auch ein Mann eine Gewalttat erlebt hat, ist das, was am
meisten verletzt ist, in der Regel das Vertrauen.
54. O-TON Evelyn, 36“:
Weil ich dann viel zu viel Angst hätte, wenn ich zum Beispiel dann irgendwann 'nen
neuen Freund haben würde, irgendwann. Dass der dann sagt, wenn der irgendwann
irgendwie auf mich sauer ist, oder so und so gesehn dann: 'Ja jetzt bring' ich das zu
Ende, was der andere…' So denkt man dann halt. Selbst wenn ein Mann so lieb zu
mir is'. Der war ja auch total in mich vernarrt und hat mich total geliebt. Und wenn so
'ne Person halt nochmal also so gesehen in mein Leben tretet und genauso lieb ist,
muss ich ja trotzdem Angst haben. Also ständige Angst, die begleitet jetzt.
55. O-TON Doktor Brinkmann, 16“:
Deswegen sagt ich ja bereits, dass es ganz wichtig, wie sich die ersten
Kontaktpersonen eines Opfers nach der Tat ihm gegenüber verhalten. Dies trägt
erheblich dazu bei, dass es dem Opfer danach besser geht und es wird auch
ermutigt sein, sich im Zweifelsfalle an einen Therapeuten zu wenden und auch
diesem zu vertrauen.
56. O-TON Ilse Haase, 12“:
Also ich sehe wirklich mit jedem Opfer, dass ich als kleine Ilse Haase immer ganz
viel erreichen kann. Und das ist wirklich ein schönes Gefühl, erstmal, dass mir die
Menschen vertrauen.
57. O-TON Evelyn, 32“:
Also, das is' ja das Wahnsinnige: Auf einmal hilft dir jemand. Muss erstmal auch mit
der Situation klarkommen. Du musst auch denken: 'Ja, wie jetzt? So.' Irgendwie
kommt jemand auf dich zu und hilft dir, hilft dir mit der Anwältin, dass man irgendwie
vorankommt. Versucht dir irgendwie mit Papieren zu helfen, die du noch nie gesehen
hast, und auf einmal kommt so viel und du weißt auch nicht weiter. Finanziell haben
die auch geholfen, so gesehen.
58. O-TON Ilse Haase, 10“:
Ich nehme meine Lotsenfunktion wahr, und sage ihnen Beratungsstellen, an die sie
sich wenden können. Ich kann anbieten, mit ihnen spazieren zu gehen, oder dass wir
in Kontakt bleiben, dass sie nicht alleine sind.
59. O-TON Evelyn, 13“:
Das find' ich in Deutschland echt, also, da muss man echt den Daumen mal hoch
machen, was die Menschen gar nicht sehen. Ich kannte das davor auch nicht, bin ich
auch ehrlich, ich kannte auch davor nicht, dass es solche Möglichkeiten gibt.
60. O-TON Doktor Brinkmann, 39“:
Wenn Menschen in irgendeine Beziehung kommen, die ihnen etwas anderes
anbietet, eine vertraute, beschützte Beziehung, das muss jetzt erstmal gar nicht ein
Therapeut sein, sondern eine Freundin, Kollegen oder ein anderer Teil der Familie.
Manchmal sind es die Großeltern, die irgendwas mitbekommen, oder Lehrer, dann
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machen sie eine völlig neue Erfahrung, die nicht zu dem passt, was sie bisher erlebt
haben. Und so kann man seinen Eingang in das gesundheitliche Versorgungssystem
finden, was einem wirklich gut helfen kann, aus dieser Situation raus zu kommen.
Wenn die Menschen sich das trauen, wenn sie sich nicht zu sehr mit dieser
Opferidentität identifizieren, dann haben sie auch eine gute Möglichkeit, da nach und
nach herauszukommen.
61. O-TON Evelyn, 29“:
Dass Dir so geholfen wird. Also, ich dachte nach dem Krankenhaus, ich muss hier so
gesehen vergammeln, und es kommt keiner. Nein, aber es fängt dann an:
Physiotherapie, dann kommt 'ne Wundpflege, dann Spritzen, kommt jeden Abend
eine Frau die spritzt mich. Dann kommt meine Nachbarin, die ist einfach super. Die
hat sogar schon einen Schlüssel erhalten, die kommt jedes Mal vorbei, um zu sehen,
ob es mir gut geht. Ich bin so froh, dass es solche Hilfen überhaupt gibt.
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