Aufsprengen der Kategorien Alice Stašková ist neue Professorin für

URL: http://www.uni-jena.de/Mitteilungen/PM161209_Staskova.pdf
Aufsprengen der Kategorien
Alice Stašková ist neue Professorin für Germanistische
Literaturwissenschaft
Als sie das erste Mal den Bahnhof Jena-Paradies verließ und die Stadt betrat, sei sie gerührt
gewesen, sagt Prof. Dr. Alice Stašková. "Ich habe nahezu unter meinen Füßen gespürt: Hier war
Friedrich Schiller." Der Dichter begleitet die 44-Jährige schon sehr lange und hat sie nun an die
Friedrich-Schiller-Universität Jena geführt. Hier ist sie jetzt zur Professorin für Neuere deutsche
Literatur ernannt worden.
In ihrem Habilitationsprojekt etwa ging sie der Frage nach, warum ausgerechnet Schillers "Über die
ästhetische Erziehung des Menschen" noch heute gelesen wird, obwohl es doch aus dieser Zeit
unzählige Texte zu diesem Thema gibt. Zwar sind sich die Experten einig, dass es daran liegt, wie
das 1795 erschienene Werk geschrieben ist. Doch können sie sich nicht erklären, woher die
Diskrepanz zwischen der zum Teil einfachen Botschaft und dem komplizierten Stil stammt. "Um
das zu beantworten, habe ich versucht zu verstehen, wie Schiller eigentlich gelernt hat zu denken",
erklärt Stašková. Sie ist in Archive gestiegen und hat die Lehrbücher, die Schiller in der Stuttgarter
Karlsschule benutzt hat, genauer unter die Lupe genommen. "Er hatte neun Stunden Logik in der
Woche, in denen er auch gelernt hat, zu argumentieren und Inhalte ansprechend zu vermitteln",
informiert die Jenaer Germanistin. Den großen Aufwand, den Schiller für die ästhetische Erziehung
des Menschen betrieb, kann sie sich nur so erklären: "Er wollte der Kunst in der Zukunft eine
unbestreitbare Funktion in der Gesellschaft sichern."
Eine ebensolche Rolle hat die Literatur in Alice Staškovás Leben eingenommen. Geboren in Prag
hat sie sich früh für die deutsche Literatur entschieden. "Als ich 14 Jahre alt war, hat mir mein
Vater Goethe und Kafka auf den Tisch gelegt und gesagt, das müsse ich kennen", erzählt sie.
"Und ich habe schnell gemerkt, dass man das im Original lesen muss." Sie studierte in Prag,
Leipzig, Heidelberg und Paris Germanistik und Romanistik, lehrte dann u. a. in ihrer Heimatstadt
sowie in Berlin und forschte beispielsweise an der Vanderbilt University im US-amerikanischen
Nashville.
Das lange 18. Jahrhundert
An der Universität Jena wird sie sich nun vor allem dem sogenannten "langen 18. Jahrhundert"
widmen - also der Zeit zwischen dem letzten Drittel des 17. Jahrhunderts und der Biedermeierzeit,
in der auch Schiller seinen Platz hat. Wichtig ist ihr dabei, die Grenzenlosigkeit zu betonen. "In
dieser Epoche, in der die Aufklärung eine zentrale Rolle einnimmt, waren Ländergrenzen geistig
mehr oder weniger aufgehoben und der Gattungsbegriff in der Literatur noch völlig aufgebrochen",
erklärt Stašková. "Man spürt, wie sich die Weichen für die Moderne stellen und die Neuzeit brodelt.
Das schlägt sich in großartigen Texten nieder." Dieses Aufsprengen von Kategorien schätzt sie
sehr in der Literatur, auch wenn die Wissenschaft diese ebenso braucht. Beispielsweise hat sie
kein Problem damit, dass Bob Dylan als Musiker den Nobelpreis erhält, folgen seine Texte doch
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Traditionen der Literatur. Und überhaupt interessiere sich Stašková für die Verbindungen zwischen
Musik und Literatur.
Die Faszination, mit der sie der Literatur begegnet, will sie nun auch ihren Jenaer Studierenden
weitergeben. Die Lehre habe ihr schon immer sehr viel Spaß gemacht, sagt die neue Professorin.
Vor allem drei Dinge will sie vermitteln: die Schönheit der Texte, die bereichernde Beschäftigung
mit etwas Fremdem und die Lust an der Erkenntnis.
Auch abseits der Uni beschäftigt sich Alice Stašková gern mit Literatur. Als Gegenwartsautoren
schätzt sie beispielsweise Herta Müller und Marcel Beyer sehr. Und bei der Frage nach ihrem
Lieblingsbuch verschwimmen die Grenzen zwischen Job und Privatem ebenfalls: Hermann Brochs
"Die Schlafwandler" empfiehlt sie mit Nachdruck. Schließlich gehöre dieses Werk, mit dem sie sich
in ihrer Dissertation beschäftigt hat, im Ausland nahezu zum Kanon deutscher Literatur,
hierzulande sei es aber wenig bekannt.
Kontakt:
Prof. Dr. Alice Stašková
Institut für Germanistische Literaturwissenschaft der Universität Jena
Fürstengraben 18, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 944210
E-Mail: [email protected]
Meldung vom: 09.12.2016 08:50 Uhr
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