H. Siegrist ua (Hrsg.): Property in East Central Europe - H-Net

Hannes Siegrist, Dietmar Müller. Property in East Central Europe: Notions, Institutions and Practices of Landownership
in the Twentieth Century. New York: Berghahn Books, 2015. IX, 331 S. ISBN 978-1-78238-462-5.
Reviewed by Bianca Hoenig
Published on H-Soz-u-Kult (October, 2016)
H. Siegrist u.a. (Hrsg.): Property in East Central Europe
Die landwirtschaftliche Prägung der Gesellschaften
im östlichen Europa ist ein klassisches Thema der Geschichtswissenschaften, das aber derzeit nicht besonders
intensiv bearbeitet wird. Der vorliegende Sammelband ist
den Rechtsordnungen in Bezug auf landwirtschaftliches
Grundeigentum im 20. Jahrhundert gewidmet, die er an
konkreten Fällen und in einer vergleichenden Perspektive für Ostmittel- und Südosteuropa erforscht. Dem Band
kommt damit das Verdienst zu, diesen Aspekt, der angesichts der ausgeprägt ländlichen Struktur der osteuropäischen Gesellschaften zentrale Bedeutung besitzt, erneut
auf die Agenda zu setzen. Hinterfragt werden soll das
Narrativ vom rückständigen Osteuropa, das vom Fortschrittspfad abgewichen, inzwischen aber auf den modernen westeuropäischen Weg zurückgekehrt sei (S. 3–
6). Tatsächlich zeigen die Beiträge wichtige Kontinuitäten über politische Zäsuren hinweg auf und befassen
sich ausführlich mit den Aneignungsstrategien rechtlicher Vorgaben durch die Landbevölkerung. Es werden
aber auch die Leerstellen des verwendeten Eigentumskonzepts deutlich sichtbar.
Herrschaftsumbrüchen und territorialen Neuformierungen ab, die sich im 20. Jahrhundert im östlichen Europa
abspielten und die stets mit einem Wandel der ländlichen
Eigentumsordnung einhergingen. Die Texte des Bandes
beschäftigen sich mit Polen, Rumänien und dem (ehemaligen) Jugoslawien. Mit dem vergleichenden Blick auf
diese drei Fälle machen die versammelten Texte vor allem die Parallelen und Übereinstimmungen in den großen Entwicklungslinien transparent, es treten aber im
Detail auch signifikante Unterschiede hervor.
Eigentum wird hier vor allem als rechtliche Institution gedacht. Das hat den Vorteil, dass diachron und
synchron gut vergleichbare Themen gesetzt sind, etwa Verfassungsbestimmungen, Grundbuchordnung oder
Vererbungsstrategien. Die Herausgeber wählen ein sozialwissenschaftliches Instrumentarium, indem sie drei
Idealtypen von Rechtskultur unterscheiden, den liberalindividualistischen, den ethno-nationalen und den sozialistischen. Als Ausgangspunkt dient ihnen der liberale Eigentumsbegriff, der Eigentum als umfassende Zugriffsund Nutzungsrechte einer Person auf eine Sache definiert und den Schutz des Privateigentums postuliert.
Die beiden anderen vorgestellten Eigentumstypen stehen für die Einschränkung des Privateigentums zugunsten des kollektiven Anspruchs eines ethnisch homogen
oder aber marxistisch-klassenkämpferisch verstandenen
Volkes“ (S. 8–10). Mehrere Tabellen zeigen den Zusam”
menhang zwischen den vielfachen Systemwechseln im
20. Jahrhundert, dem jeweils dominierenden Eigentumsbegriff und dessen Auswirkung auf die landwirtschaftlichen Strukturen.
Mit seiner Themenstellung knüpft der Band an frühere Arbeiten der beiden Herausgeber an, die sich Eigentum und Propertisierung“ in modernen Gesellschaf”
ten in einem weiteren Spektrum widmen. Die Fokussierung auf landwirtschaftliches Grundeigentum steht im
Zusammenhang mit einem an der Universität Leipzig angesiedelten Forschungsprojekt. Im Mittelpunkt des Bandes steht die Frage nach spezifischen Eigentumskonzepten und -praktiken in Ostmittel- und Südosteuropa (S. 2).
Diese Frage leiten die Herausgeber von den vielfachen
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Produktiv ist die interdisziplinäre Zusammensetzung
des Bandes, der neben historisch ausgerichteten Texten auch juristische und anthropologische Perspektiven
berücksichtigt. Dem entsprechen die in der Einleitung
angesprochenen Untersuchungsfelder Rechtsnormen, wirklichkeit und -kulturen. Die ersten beiden Studien
von Jacek Kochanowicz und Bogdan Murgescu betrachten landwirtschaftliches Eigentum in Polen bzw. Rumänien im Lauf des 20. Jahrhunderts aus einer wirtschaftshistorischen Perspektive. Sie beschreiben die Versuche
verschiedener Regierungen, die kleinräumig organisierte und wenig produktive Landwirtschaft zu reformieren,
und weisen auf die häufig schädlichen Auswirkungen
dieser Visionen auf die Menschen und den Ertrag hin.
und auch im Postsozialismus Bestand hätten. Solche Perspektiven und die auch von anderen Autor/innen angesprochenen individuellen Aneignungsstrategien und Bewertungen durch die betroffene Landbevölkerung machen deutlich, wie vielfältig Eigentum“ an landwirt”
schaftlichen Flächen in Vorstellungen und Praktiken erscheint.
Dieser historischen Vielfalt wird der interpretatorische Rahmen leider nur bedingt gerecht. Das zeigt sich
meines Erachtens unter zwei Gesichtspunkten, die ich
abschließend darlegen möchte. Die thematische Ausrichtung des Bandes ist auf die rechtliche Regulierung von
Eigentum festgelegt. Im Vordergrund steht damit das
Haben oder Nichthaben von Ackerland, wohinter beispielsweise Verpachtung oder Fragen der Nutzung zurücktreten. Ebenso geraten nicht kodifizierte oder lokal diverse Arrangements wie Nießbrauchrechte oder
Allmendebewirtschaftung in den toten Winkel. Zudem
ist meistens Land gleich Land. Nur punktuell spielt die
unterschiedliche Bodenqualität eine Rolle, wohingegen
die naturräumlichen Bedingungen, Landschaftsimagination und unterschiedliche Anbautraditionen fast gänzlich unberücksichtigt bleiben. Eine Ausnahme davon bildet Jacek Nowaks Beitrag, der über den ideellen Eigentumsanspruch der Lemken auf ihr früheres Siedlungsgebiet in den Karpaten schreibt. Indem die Wechselbeziehung von Mensch und Boden ansonsten weitgehend
ausgeklammert bleibt, gehen spannende Facetten verloren: Ist der Eigentumstitel oder die Bewirtschaftung
(oder beides) identitätsstiftend für die Bauern? Wie wird
die landwirtschaftliche Nutzung gegenüber konkurrierenden Nutzungskonzepten (z.B. Viehwirtschaft, Infrastrukturbau, Naturschutz) verhandelt? Greift die staatliche Regulierung des Eigentums überall gleich, in der
fruchtbaren Ebene ebenso wie in extensiv bewirtschafteten Bergregionen? Was passiert, wenn mit fortschreitender Urbanisierung Ackerland in Bauland umgezont
wird? Solche Fragen hätten möglicherweise auf Umbrüche im Herrschaftsgefüge hingedeutet, die sich abseits
der großen Systemwechsel abspielten.
Die nächste Sektion versammelt fünf Studien unterschiedlichen Zuschnitts über Eigentum zwischen Recht
”
und Politik“. Herbert Küpper bietet eine vergleichende Rechtsgeschichte des Eigentumsbegriffs in Ostmittelund Südosteuropa, die sich gut als Einstieg in die Thematik des Bandes eignet. Darin weist er auf grundlegende
Definitionen des Eigentumsrechts hin und erläutert Besonderheiten in der Rechtsetzung der untersuchten Länder. Zwei vergleichende Aufsätze zur Militärkolonisation
in Polen nach den beiden Weltkriegen (Christhardt Henschel) und zur politischen Steuerung von landwirtschaftlichem Eigentum in den drei untersuchten Ländern von
1918 bis 1948 (Dietmar Müller) arbeiten wichtige Kontinuitäten über die Zäsuren der Jahrhundertmitte heraus. So argumentiert Müller gegen das Narrativ der liberalen Zwischenkriegszeit und des krassen Bruchs im
Eigentumsbegriff nach 1945 für die grundsätzliche Ähnlichkeit zwischen den Bodenreformen der 1920er- und
der 1940er-Jahre. Ähnlich weist Henschel auf zahlreiche
strukturelle Gemeinsamkeiten in dem staatlichen Projekt
hin, ehemalige Soldaten nach den Weltkriegen als Kolonisten in staatlich prekären Gebieten einzusetzen.
Schließlich widmen sich fünf Beiträge dem Umgang
der Landbevölkerung mit rechtlichen Vorgaben und politischen Eingriffen in die Eigentumsordnung. Sie sind
anthropologisch ausgerichtet und fokussieren auf einzelne Dörfer oder Regionen. Der Schwerpunkt dieses Abschnitts liegt auf den postsozialistischen Wandlungen
durch die Einführung der Marktwirtschaft und Restitutionen. Wie in den vorangehenden Abschnitten bieten
diejenigen Texte die interessantesten Erkenntnisse, deren Ergebnisse sich nicht an den herkömmlichen Zäsuren
und Narrativen orientieren. Srđan Milošević betont, dass
strukturelle Probleme der serbischen Gesellschaft wie etwa geringes Vertrauen in Institutionen und patriarchalische Strukturen zahlreiche Systemwechsel überdauert
Die angesprochenen Punkte können vielleicht Ansatzpunkte für zukünftige Studien zum ländlichen Eigentum bilden. Ein Sammelband kann ja niemals alle
Perspektivierungen berücksichtigen. Irritierend bleibt
allerdings die häufige Rede von der Modernisierung“
”
eines vom westeuropäischen Modell“ des liberal”
individualistischen Eigentumsbegriffs abweichenden
Osteuropa. In der Tat zeichnen zahlreiche Beiträge mehr
oder weniger explizit den Weg ruraler, traditional organisierter Gesellschaften hin zu einer (mehr oder weniger
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gelungenen) Modernisierung, die sie nicht als Quellen-,
sondern als analytischen Begriff verwenden. Bei Kochanowicz und Kurt Scharr steht sie schon im Titel, Cornel Micu geht es um die Gründe für das Fehlschlagen
der Modernisierung“ des vormodernen“ rumänischen
”
”
Dorfes von oben (S. 223f.), Murgescu erblickt die Gründe
für die geringe Produktivität der rumänischen Landwirtschaft in den im ganzen 20. Jahrhundert zu schwachen
Marktkräften und der Abwesenheit moderner Eigen”
tumsrechte“ (S. 58), Küpper bescheinigt Ostmitteleuropa
die Rückkehr zur westeuropäischen Rechtstradition nach
1989 (S. 92f.).
xistische Eigentumsmodelle bestimmten ideologischen
Zielen dienten, die gegen die Gleichberechtigung aller
Staatsbürger/innen gerichtet waren. Darüber sollte aber
nicht verloren gehen, dass auch der liberale Eigentumsbegriff einer kollektiven Vorstellung entspringt und Ausdruck einer bestimmten Ideologie ist.
Gerade derzeit, da der Neoliberalismus ohne erkennbares Gegenmodell bleibt, ist es eine lohnende Aufgabe für die Geschichtswissenschaft, Eigentumskonzepte
nicht als gegeben hinzunehmen, sondern in ihrer historischen Vielfalt zu beschreiben. Hier ruft der Band Widerspruch hervor, aber er zeigt auch, wie vielfältig ländliche
Dieser Bezug auf eine nicht näher spezifizierte Mo- Eigentumsordnungen waren, wie sehr mit ihnen Politik
”
dernisierung“ birgt die Gefahr, einen Idealtypus zu set- gemacht wurde und wie kreativ die betroffene Landbezen, demzufolge alternative Eigentumskonzepte als Ab- völkerung mit den häufig wechselnden rechtlichen Vorweichungen vom normalen“ Zustand konstruiert wer- gaben umging. Er bietet damit vielfältige Anregungen,
”
den. Eine solche Bevorzugung des liberalen Eigentums- an denen sich kommende Arbeiten zum wichtigen Bebegriffs kann letztlich dasjenige Narrativ stabilisieren, reich des landwirtschaftlichen Grundeigentums abarbeidas die Herausgeber zurecht auf den Prüfstand stellen. ten können.
Es steht außer Frage, dass ethno-nationale und marIf there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at:
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Citation: Bianca Hoenig. Review of Siegrist, Hannes; Müller, Dietmar, Property in East Central Europe: Notions, Institutions and Practices of Landownership in the Twentieth Century. H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews. October, 2016.
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