Zum Forschen ins Feld - Scientia Halensis - Martin

2016
2
Zum Forschen ins Feld
Studierende vermessen die Natur
w w w . m a ga z i n . u n i - h a l l e . d e
Auf Spurensuche in Äthiopien
Fluch und Segen des Erdöl-Abbaus
D A S
M A G A Z I N
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M A R T I N - L U T H E R - U N I V E R S I T Ä T
H A L L E - W I T T E N B E R G
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f orsc hen und publ iz ier en sc ient ia hal ensis 2 / 2016
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sc ient ia hal ensis 2 / 2016 editor ial
Liebe Leserinnen,
liebe Leser,
wir alle machen Fehler, aber selten sind sie so außergewöhnlich wie das, was Feldforscher unter
dem Hashtag #fieldworkfail twittern. Sie reichen
vom Geologen, der ein Fossil verschluckt, bis zur
Zoologin, die sich beim Befestigen eines Funksenders versehentlich selbst an einem Krokodil
festklebt. Feldforscher bringen nicht nur große
Datenmengen von ihren Reisen mit, sondern auch
unzählige Geschichten, die selten alltäglich sind.
Auch die Wissenschaftler der Universität Halle,
mit denen die Redaktion für diese Ausgabe des
Unimagazins gesprochen hat, sammeln auf ihren
Feldstudien einzigartige Eindrücke: Zum Beispiel
Dr. Andrea Behrends, die über zwölf Jahre hinweg
immer wieder in den Tschad zurückgekehrt ist, um
zu erforschen, wie sich eines der ärmsten Länder
der Welt durch den Erdöl-Abbau verändert. Als
Ethnologin lebte sie mit der Bevölkerung vor Ort
zusammen, lernte ihre Sprache und sah die Kinder
ihrer Gastfamilien aufwachsen. Durch diese langfristigen Beziehungen lernte sie nicht nur die Fakten
kennen, sondern auch die persönlichen Geschichten der Menschen, deren Leben durch das Erdöl
beeinflusst wurde.
Ganz anders gestaltet sich die Feldforschung von
Naturwissenschaftlern, wie dem Bodenkundler
Prof. Dr. Bruno Glaser: Auf einem abgeschiedenen
Hochplateau in Äthiopien suchen sie nach menschlichen Spuren aus der letzten großen Eiszeit vor
16.000 Jahren. Dazu nutzen sie Feldmessgeräte und
nehmen Bodenproben. Wie bei Feldstudien Daten
gesammelt und analysiert werden, das lernen Studierende auf Exkursionen oder bei Freiland-Praktika, wie den Feldtagen im Naturpark Saale-UnstrutTriasland, die unser Titelfoto zeigt.
Grundsätzlich gilt: Die kontrollierte Umgebung eines
Labors lässt sich im Feld nicht herstellen. Feldforschung ist stets mit Unwägbarkeiten verbunden.
Das ist für Wissenschaftler Herausforderung und
Reiz zugleich, wie Prof. Dr. Georg Breidenstein im
Interview über Feldforschung in den Sozialwissenschaften berichtet. „Die ganze Komplexität des Geschehens, um das es geht, die hat man nur im Feld“,
sagt der Erziehungswissenschaftler.
Komplex ist auch das passende Stichwort für die
neue Rubrik „Kontext“ im Unimagazin: In jeder
Ausgabe wird sich künftig ein Wissenschaftler der
Universität mit einem aktuellen wissenschaftlichen
Thema auseinandersetzen, das auch außerhalb
seines Fachs Diskussionsstoff bietet. Den Anfang
macht Dr. Johannes Stuttmann auf Seite 32. Der
Biologe erklärt die Gen-Schere CRISPR/Cas9 – sie
gilt als eine revolutionäre Methode das Erbgut zu
verändern.
Viel Spaß beim Lesen und Entdecken wünscht
Corinna Bertz, Redakteurin
Corinna Bertz
(Foto: Maike Glöckner)
Aktuelles rund um
die Uni Halle:
www.magazin.uni-halle.de,
www.newsletter.uni-halle.de,
www.uni-halle.de/social-media
Kontakt:
[email protected]
Telefon: +49 345 55-21420
IMPRESSUM
scientia halensis
Magazin der Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg (MLU)
Ausgabe 2/2016, 24. Jahrgang
Auflage 6.000 Exemplare
ISSN 0945-9529
erscheint halbjährlich
im April und Oktober
sowie im Internet:
www.magazin.uni-halle.de
Herausgeber:
Rektor der Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg
Redaktion:
Manuela Bank-Zillmann (mab),
verantwortlich
Corinna Bertz (cb),
Koordinierung
Sarah Huke (sh)
Tom Leonhardt (tol)
Kontakt:
Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg
Stabsstelle des Rektors / Pressestelle
Universitätsplatz 9, 06108 Halle (S.)
Telefon: +49 345 55-21420
E-Mail: [email protected]
Weitere Autoren dieser Ausgabe:
Michael Deutsch (mde)
Cornelia Fuhrmann (cfu)
Ines Godazgar (igo)
Maria-Luise Kunze (mlk)
Magarete Wein (mawe)
Anzeigen / Satz / Gesamtherstellung:
wpunktw
kommunikation + werbung gmbh
Roßplatz 8a, 04103 Leipzig
Telefon: +49 341 226707-0
[email protected]
www.wpunktw.com
Mediadaten:
www.pr.uni-halle.de/mediadaten
Druck:
Löhnert-Druck, 04420 Markranstädt
Grafik-Design:
Sisters of Design, www.sistersofdesign.de
Für scientia halensis liegen Copyright
und alle weiteren Rechte bei der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
(MLU). Weiterverbreitung, auch in Auszügen, für pädagogische, wissenschaftliche oder private Zwecke ist unter Angabe der Quelle gestattet (sofern nicht
anderes an der entsprechenden Stelle
ausdrücklich angegeben). Eine Verwendung im gewerblichen Bereich bedarf
der Genehmigung durch die MLU.
scientia halensis erscheint mit freundlicher Unterstützung der Vereinigung
der Freunde und Förderer der MartinLuther-Universität Halle-Wittenberg
e. V. (VFF).
Titelbild:
Für eine Feldstudie vermessen
Biologie-Studenten Diptam-Pflanzen,
mehr dazu ab Seite 6.
(Foto: Maike Glöckner)
3
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inhalt sv er z eic hnis sc ient ia hal ensis 2 / 2016
Luthers Erbe {14}
Mit einem Weltkongress und wertvollen Leihgaben beteiligt sich die
Universität an den Vorbereitungen
zum Reformationsjubiläum 2017.
Vier Rektoren-Zepter und weitere
Exponate sind für eine Luther-Ausstellung bereits in die USA gereist.
(Foto: Michael Deutsch)
Das Gedächtnis der Stadt {26}
Erstmals erschließen Historiker der
Uni Halle Stadtbücher aus dem Mittelalter systematisch für die Forschung.
Das Langzeitprojekt wird von der
Deutschen Forschungsgemeinschaft
mit vier Millionen Euro gefördert.
(Foto: Maike Glöckner)
Zum Forschen ins Feld {6}
Forscher und Studierende sind nicht nur am Uni-Campus
und im Labor anzutreffen, sondern auch im Feld. Die Methoden der Feldforschung lernen Biologie-Studenten zum
Beispiel im Naturpark Saale-Unstrut-Triasland, wo sie unter
Anleitung von Ökologen Daten über eine Pflanze namens
Diptam sammeln (S. 6). Auch in Afrika sind Wissenschaftler
der Universität unterwegs: Im Tschad hat die Ethnologin Dr.
Andrea Behrends zwölf Jahre lang untersucht, wie sich eines
der ärmsten Länder der Welt durch den Erdöl-Abbau verändert (S. 10). In Äthiopien sucht ein Team, dem auch Prof. Dr.
Bruno Glaser angehört, auf einem abgeschiedenen Hochplateau nach menschlichen Spuren aus der letzten großen Eiszeit
(S. 12). Welche Felder die Sozialwissenschaftler erforschen,
darüber spricht der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Georg
Breidenstein ab Seite 8.
(Foto: Maike Glöckner)
Some stories are also available in English: www.magazin.uni-halle.de/en
sc ient ia hal ensis 2 / 2016 inhalt sv er z eic hnis
inhalt
titelthema
6
Die Natur vermessen
Im Saale-Unstrut-Triasland lernen
Biologie-Studierende im Feld zu
forschen
9 „Es gibt keinen Fahrplan“
Der Pädagoge Georg Breidenstein
im Interview über Feldforschung
in den Sozialwissenschaften
10 Erdöl: Segen und Fluch
Die Ethnologin Andrea Behrends
hat die Auswirkungen der Erdölförderung im Tschad erforscht
12 Eiszeit in Äthiopien: Zuflucht im
Hochgebirge?
Auf einem abgeschiedenen Hochplateau suchen Bodenkundler
nach menschlichen Spuren
varia
14 Luthers Erbe
Mit wertvollen Exponaten und
einem Weltkongress ist die Uni
Halle an den Vorbereitungen
zum Reformationsjubiläum 2017
beteiligt
16 Eine Million Euro für Gleich­
stellung an der Uni Halle
17Meldungen
18 ULB digital
Die neue Direktorin Anke BerghausSprengel über die Zukunft der Universitäts- und Landesbibliothek
studieren,
lehren, leben
20 Die neue Vielfalt
Wie können Hochschulen einer
heterogener werdenden Studierendenschaft gerecht werden?
23 Meldungen
24 Zum Debattieren oder nach Baschkortostan?
Drei Studentische Gruppen vorgestellt
Forschen und
publizieren
26 Das Gedächtnis der Stadt
Historiker erschließen Stadtbücher
dank Millionen-Förderung
29 Biodiversität: DFG fördert iDiv
weiter
30Meldungen
32 Kontext: Die Gen-Schere CRISPR/
Cas9
Der Biologe Johannes Stuttmann
über eine Methode, das Erbugt zu
verändern
34 Neu erschienen
36 Gene zum Klingen bringen
Der Biologe Martin S. Staege kann
mit Genen Musik machen
Die neue Vielfalt {20}
Studierende sind keine homogene
Gruppe. Wie können Hochschulen
der wachsenden Vielfalt gerecht
werden? Darüber sprechen die
Hochschulforscherin Peggy Trautwein und die Mediendidaktikerin
Lavinia Ionica im Interview.
(Foto: Markus Scholz)
Personalia
38 In der Sammlung zu Hause
Porträt über Karla Schneider,
Kustodin der Zoologischen
Sammlung
40 „Genscher half, Türen zu öffnen“
Alt-Rektor Schilling erinnert sich
an den verstorbenen Ehrensenator
Hans-Dietrich Genscher
42 20 Fragen an Kathrin Hirschinger
44Neuberufen
46Meldungen
schlussstück
50 Abgefahren: Das Mondmobil auf
dem Feld
In der Sammlung zu Hause {38}
Seit über 20 Jahren arbeitet Dr.
Karla Schneider mit Tierpräparaten, die bis zu 230 Jahre alt sind.
Die Kustodin der Zoologischen
Sammlung liebt ihren Job, weil er
Hobby und Beruf verbindet.
(Foto: Markus Scholz)
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t it elt hema sc ient ia hal ensis 2 / 2016
t i t el: f e l df or sc h ung
Die Natur vermessen
Grillen zirpen am Waldrand, sonst ist es still im Naturpark Saale-Unstrut-Triasland. Neun Studierende der
Uni Halle arbeiten konzentriert trotz der Mittagshitze. Es ist ihr letzter Tag im Feld, und noch ist vieles zu
tun. Im Mastermodul Freilandökologie lernen die angehenden Biologen in vier Untersuchungsgebieten bei Freyburg, was es heißt, im Feld zu forschen.
An diesem schwül-warmen Sommertag kommen
die Teilnehmer des Mastermoduls Freilandökologie
nochmal richtig ins Schwitzen. Nicole Schindler und
Sam Levin kämpfen sich durch den Wald. Die beiden
Biologie-Studierenden biegen ein paar Äste zur Seite,
um die einzelnen Diptam-Pflanzen besser zählen und
vermessen zu können. Dictamnus albus lautet die
korrekte lateinische Bezeichnung der ein Meter hohen Staude mit den großen rosa Blüten. Von Mitteleuropa bis China ist die Pflanze zu Hause, und überall
steht sie unter Naturschutz – in Deutschland bereits
seit 1936. In einigen Bundesländern gilt das Rautengewächs heute als ausgestorben. Aber im Naturpark
Saale-Unstrut-Triasland sind noch einige Populationen der Art zu finden. „Wir befinden uns in einer
der artenreichsten Regionen Deutschlands mit einer
extrazonalen Vegetation – aufgrund des trockenen
Klimas finden Sie hier Pflanzen, die für Mitteleuro-
pa sonst eher untypisch sind“, sagt Prof. Dr. Isabell
Hensen. Mediterrane Sträucher sind in dieser Gegend, eine Fahrstunde südwestlich von Halle, ebenso zu finden wie osteuropäische Steppenpflanzen.
„Südgeneigte Hänge und kalkreiche Böden stellen
besonders günstige Standortbedingungen dar, die
sich positiv auf die Biodiversität auswirken“, erklärt
die Professorin für Pflanzenökologie. Seit zwölf Jahren kehrt sie gemeinsam mit der wissenschaftlichen
Mitarbeiterin Dr. Monika Partzsch immer wieder zu
denselben Diptam-Populationen zurück. Diese liegen
teils so versteckt, dass sie ohne Ortskenntnis nicht
zu finden wären: An den vier Standorten Ennsberg,
Langer Berg, Nüssenberg und bei Balgstädt führen
die Studierenden in diesem Jahr in kleinen Gruppen
ihre Feldstudien durch. Über Handy halten Hensen
und Partzsch zu allen Kontakt. Nicole Schindler, Sam
Levin und Martin Andrzejak untersuchen die Diptam-
sc ient ia hal ensis 2 / 2016 t it elt hema
Population bei Balgstädt. Sie arbeiten entlang eines
zuvor festgelegten Transekts – einer markierten Linie, an der alle Messpunkte ausgerichtet sind. Ihr Untersuchungsgebiet liegt an einem Hang und verläuft
über mehrere Lebensräume: Die Diptam-Pflanzen
wachsen hier im schattigen Wald, am Waldrand – in
Form eines Saums – und vereinzelt auch auf dem
angrenzenden Trockenrasen. „Wir haben das längste
Transekt und wissen noch nicht, ob wir heute fertig
werden“, sagt der 25-jährige Andrzejak. Alle drei
waren in diesem Jahr bereits für eine Feldwoche in
Portugal gemeinsam mit Prof. Dr. Henrique Pereira,
der 2013 von der Uni Halle und dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv)
Halle-Jena-Leipzig berufen wurde.
Die Studierenden profitieren dem Zentrum, das seit
seiner Gründung durch die drei Universitäten Halle,
Jena und Leipzig und das Helmholtz-Zentrum für
Umweltforschung (UFZ) im Jahr 2012 Biodiversitätsforscher aus aller Welt anzieht. Sie alle untersuchen
die globale Artenvielfalt. „Die Ökologie befasst sich
zurzeit mit drei großen Herausforderungen: dem Klimawandel, der Stickstoffbelastung durch Überdüngung und dem Verlust von Artenvielfalt. Letzteres
ist ein besonders dringendes Problem, von dem alle
Organismen betroffen sind“, sagt Hensen. Feldstudien sind ein wichtiges Instrument, um die komplexen
Beziehungen zwischen den Arten zu erforschen:
„Die Pflanzenarten, die wir untersuchen, wachsen
im Freiland unter ganz anderen Bedingungen als im
Labor oder Gewächshaus. In der Natur interagieren
sie mit Tieren und mit anderen Pflanzen, die ihre
Entwicklung entscheidend beeinflussen können.“ Für
die Studierenden bedeutet das konkret, dass nicht allein der Diptam von Interesse ist: Auch die Bestäuber
der Pflanzen sind zu erfassen, ebenso die restliche
Vegetation im Untersuchungsgebiet.
Die Biologie-Studierenden sollen wissen, was im Berufsleben einmal auf sie zukommt, falls sie sich für
die Forschung im Freiland entscheiden. „Auch wer
nicht in die Wissenschaft geht, wird oft draußen unterwegs sein – egal ob als Gutachter oder Botaniker“,
so die Professorin. Mit Hilfe der Feldwochen können
die Studierenden testen, ob ihnen diese Arbeit liegt.
Denn Freilandökologen dürfen nicht zimperlich sein.
„Wer später einmal in diesem Bereich tätig sein will,
muss zum Beispiel lange Strecken mit Gepäck laufen
können und manchmal auch im Gelände übernachten“, sagt Hensen, die in den südamerikanischen
Anden viele Feldstudien geleitet hat.
Auch die Untersuchungen bei Balgstädt sind arbeitsintensiv: Heute sind die verschiedenen Lebensstadien des Diptams zu zählen, ihr Wasserhaushalt zu
untersuchen und Laubblätter und Blüten für mikroskopische Untersuchungen im Labor zu sammeln.
Vor allem wollen Martin Andrzejak, Nicole Schindler, und Sam Levin heute die Datenerhebung zur
Vegetation am Waldsaum abschließen. Das heißt:
Alle Pflanzenarten auf den drei zuvor abgesteckten
Plots unterschiedlicher Größe sind zu bestimmen
und zu notieren. Mehr als 200 verschiedene Arten
hat die Gruppe auf dem Trockenrasen, am Saum
und im Wald bereits gefunden. Die Bestimmung
von Pflanzen, mit denen die Artenkenntnis vertieft
werden soll, ist ein entscheidender Bestandteil des
Moduls. „Artenkenntnis ist wichtig. Denn was man
nicht kennt, kann man nicht schützen“, sagt Hensen.
Nicole Schindler kennt sich besonders gut mit Kräutern aus, Martin Andrzejak eher mit Gräsern. Doch
bei manchen grünen Blättern beginnen beide zu rät-
Von links: Monika Partzsch
bei der Artenbestimmung mit
den Studierenden; Großaufnahme des iButtons, mit
dem der Temperaturverlauf
gemessen wird; Martin
Andrzejak beim Kalibrieren
des Porometers; Isabell Hensen mit Diptam-Pflanzen.
(Fotos: Maike Glöckner)
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t it elt hema sc ient ia hal ensis 2 / 2016
seln. Helfen können Monika Partzsch und „der Rothmaler“, ein Standardwerk der Pflanzenbestimmung.
Der Botaniker Prof. Dr. Werner Rothmaler hatte
die erste Ausgabe vor 66 Jahren veröffentlicht, als
er noch als Professor an der Uni Halle lehrte. Jetzt
blättert Schindler in dem knapp 1.000 Seiten dicken
Band, während Partzsch das nächste unbestimmte grüne Blatt an die Studierenden weiterreicht.
„Euphorbia cyparissias – Zypressen-Wolfsmilch.
Vor vier bis sechs Wochen hat diese Art bereits
geblüht“, sagt sie schließlich. „Wie sieht die Blüte
aus?“, will Sam Levin wissen. Mit nordamerikanischen und tropischen Pflanzenarten kennt sich der
US-Amerikaner besser aus als mit der Pflanzenwelt
Mitteleuropas. Genau wie seine Kommilitonen ist
auch er lieber draußen unterwegs als im Labor. „Im
Feld ist es viel abwechslungsreicher.“
Und doch kann selbst diese Arbeit eintönig werden.
Etwa, wenn die Messungen mit dem automatischen
Porometer anstehen. Das Gerät, das an ein DiptamBlatt geklemmt wird, misst den Verlust von Wasserdampf durch die Spaltöffnungen an der Blattunterseite. Die Daten geben Aufschluss über den Zustand
der Pflanze und darüber, wie sie auf sich verändernde Umweltbedingungen reagiert. „Wir messen
20 Mal in jedem Lebensraum“, sagt Andrzejak. Vor
den Messungen ist je eine Kalibrierung notwendig,
die Konzentration und eine schnelle Reaktion bei
der Bedienung des Geräts erfordert. Einfacher sind
da die zentimetergroßen iButtons zu handhaben,
die, markiert mit kleinen Fähnchen, auf dem Boden
platziert werden. Die kleinen Mikrochips messen die
Temperatur. Die Daten können anschließend direkt
am Computer ausgelesen werden.
Viele Mess- und Analysemethoden wenden die Studierenden während der Feldwochen zum ersten Mal
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praktisch an. Im Vorbereitungsseminar haben sie sich
mit den Feldmessgeräten und mit neuen Computerprogrammen vertraut gemacht. Denn den Großteil
ihrer Arbeitszeit verbringen sie im Labor und am
Computer, bei der Analyse der Daten. Erst nach Auswertung aller erhobenen Umweltfaktoren, die mit
Hilfe komplexer Statistikprogramme vorgenommen
wird, können Aussagen über die Vegetationsökologie
der Diptam-Populationen getroffen und Forschungshypothesen bestätigt oder verworfen werden.
Die Ergebnisse der studentischen Arbeiten fließen
in die Forschung von Monika Partzsch ein. Nach den
ersten fünf Untersuchungsjahren hat sie 2009 die
erste Studie über den Diptam im unteren Unstruttal in der Fachzeitschrift Tuexenia veröffentlicht.
Ein Großteil der Populationen ist seitdem stabil
geblieben. Zur Freude der halleschen Botaniker.
„Populationen brauchen eine bestimmte Größe.
Bei weniger als etwa 50 Einzelpflanzen funktioniert
der Genfluss irgendwann nicht mehr, und die Population stirbt schließlich aus“, erklärt Isabell Hensen.
Auch einige Diptam-Populationen, die in diesem
Jahr eigentlich erneut untersucht werden sollten,
gelten mittlerweile als zu sensibel, um gestört zu
werden. Unabhängig davon gilt bei der Feldarbeit:
„Wir bewegen uns so achtsam durch das Gelände,
dass von uns auch nicht mehr zerstört wird als durch
das Rotwild, das hier unterwegs ist“, sagt Hensen.
Corinna Bertz
Kontakt: Prof. Dr. Isabell Hensen
Institut für Biologie
Telefon: +49 345 55-26210
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sc ient ia hal ensis 2 / 2016 t it elt hema
„Es gibt keinen Fahrplan“
Auch Geistes- und Sozialwissenschaftler forschen im Feld. Aber wie? – Das beschreibt Prof. Dr. Georg Breidenstein mit zwei Kollegen im Lehrbuch „Ethnografie – die Praxis der Feldforschung“. Im Interview spricht der
Erziehungswissenschaftler über die Besonderheiten der sozialwissenschaftlichen Feldforschung.
In welches Feld begeben sich Sozialwissenschaftler?
Georg Breidenstein: Für sie kann sehr vieles zum
Forschungsfeld werden, das Feld hängt stark vom
Interesse des Forschers ab. Für Schulpädagogen sind
zum Beispiel das Klassenzimmer oder der Pausenhof
klassische Forschungsfelder. In den Erziehungswissenschaften kann die Jugendhilfe ein Feld sein. Aber
auch Streetball kann zum Forschungsfeld werden.
Heute sind viele Phänomene, für die wir uns interessieren, gar nicht mehr so einfach zu verorten. Wie ist
das Feld zu verstehen, wenn man sich für eine soziale Praxis interessiert, die hauptsächlich im Internet
stattfindet? Darüber wird zurzeit intensiv diskutiert.
Wie ist Ihre Position dazu?
Mir ist klar, dass Feldforschung bei vielen Untersuchungen die digitale Kommunikation mit einbeziehen muss, weil sie auch eine soziale Praxis ist.
Andererseits neige ich dazu, das klassische Verständnis von Feldforschung aufrecht zu erhalten, bei
dem man den Schreibtisch verlässt, sich als Person
auf das Forschungsfeld und dessen Bedingungen
einlässt und dadurch Erfahrungen macht, die forschungsrelevant werden. Die eigene Erfahrung im
Feld wird dann zum Gegenstand der Reflexion.
Welche Erkenntnisse kann man nur vor Ort sammeln?
Bestimmte Dinge kann man nur erfahren, indem
man selbst teilnimmt – zum Beispiel, wie sich die
Perspektive auf das Klassenzimmer verändert, wenn
man selbst den Sitzplatz wechselt. Ich habe für ein
Projekt in der Kindheitsforschung einmal beim Fangen mitgespielt und dabei die eindrucksvolle Erfahrung gemacht, was es bedeutet, nicht gefangen zu
werden. Dann hat man zwar seine Ruhe, ist aber
auch nicht involviert. Man ist für die Fänger offensichtlich auch nicht attraktiv. Das ist ein Ergebnis
teilnehmender Beobachtung.
Wie bringen Sie Studierenden die Methoden der Feldforschung
praktisch bei?
Feldforschung lernt
man nur in der konkreten Durchführung.
Sie ist nicht standardisierbar. Viele Entscheidungen werden erst im
Prozess gefällt. Es gibt keinen Fahrplan. Aber es gibt
offensichtlich einen Bedarf nach Anleitung. Die erste Auflage unseres Lehrbuchs zur Praxis der Feldforschung war schnell vergriffen. In der Praxis lernen
die Studierenden die Methoden der Ethnografie,
indem wir ihnen im Seminar kleine Projekte übertragen, auf dem Markt oder in der Straßenbahn.
Dort üben sie das Beobachten und Protokollieren.
Anschließend sprechen wir darüber, wie man daraus
Forschungsfragen und Theorien entwickeln kann.
Für viele Naturwissenschaftler ist die Feldforschung ein Highlight ihrer Arbeit. Für Sie auch?
Ja, ich genieße das. Ich komme heute leider selbst
nicht mehr oft dazu, weil ich Feldforschung meist
eher anleite. Bei allen Projekten versuche ich aber,
mindestens einige Tage vor Ort zu sein, und da geht
mir jedes Mal das Herz auf. Die ganze Komplexität
des Geschehens, um das es geht, die hat man nur
im Feld. Um ein Gespür dafür zu bekommen, muss
man auch selbst vor Ort sein. Da reichen Protokolle
nicht aus.
Interview: Corinna Bertz
Kontakt: Prof. Dr. Georg Breidenstein
Institut für Schulpädagogik und Grundschuldidaktik
Telefon: +49 345 55-23902
E-Mail: [email protected]
Georg Breidenstein
(Foto: Markus Scholz)
Was macht einen guten
Ethnografen aus? Die
Langfassung des Interviews sowie Angaben zur
Publikation von Georg
Breidenstein gibt es unter:
www.magazin.uni-halle.
de/19998
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t it elt hema sc ient ia hal ensis 2 / 2016
Erdöl: Segen und Fluch
Wenn ein Land über Ölreserven verfügt, birgt das ungeahnten Reichtum – oder? Der Tschad zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Seit 2003 wird in dem Staat in der Mitte Afrikas Öl gefördert. Die Ethnologin Andrea
Behrends hat über zwölf Jahre soziale und kulturelle Veränderungen durch die Erdölförderung vor Ort untersucht.
„Kommen Sie nicht in den Tschad!“ war die erste
Reaktion, die Dr. Andrea Behrends Anfang 2000 zu
ihren Plänen erhielt. Die Ethnologin wollte das Land
und seine Bewohner erforschen. Sie interessierte
sich speziell für die Grenze zum Sudan im Osten des
Landes, eine Krisenregion. Nach zahlreichen weiteren Telefonaten, Behördengängen und den nötigen
Impfungen konnte Behrends dann doch einreisen.
Dass sie das Land in Zentralafrika und seine Bevölkerung bis in die Gegenwart begleiten würden, war
damals wohl noch nicht abzusehen.
2003 hat die Regierung begonnen, Erdöl zu fördern.
Behrends war als Ethnologin von Anfang an dabei.
„Wir wollten beobachten, wie sich eines der ärmsten
Länder der Welt durch den Erdöl-Abbau verändert“,
fasst sie zusammen. Eigentlich lässt sich davon ausgehen, dass sich die Situation im Land durch die Ölförderung verbessert: Wird viel Öl abgebaut, entstehen
dadurch neue Jobs, der Staat verdient am Verkauf
des Erdöls und den Steuern für den Export. Über die
Mehreinnahmen kann die Regierung die Infrastruktur
Tradition und Moderne: Im
Tschad liegen die Ölfirmen
in unmittelbarer Nähe zu
den traditionellen Hütten
der Bevölkerung.
(Foto: Andrea Behrends)
verbessern und zum Beispiel neue Schulen oder Krankenhäuser bauen. Damit die Regierung im Tschad die
nötigen Rahmenbedingungen für die Ölförderung
schaffen konnte, musste sie bei der Weltbank einen
Kredit aufnehmen. Der war an bestimmte Bedingungen geknüpft: „Die Regierung wurde verpflichtet, ihre
Gewinne transparent darzustellen, die Infrastruktur
im Land auszubauen und einen Teil des Geldes in
einem Treuhandfonds für zukünftige Generationen
anzulegen.“ Klingt gut. Eigentlich. Anstelle von Krankenhäusern und Schulen wurden moderne Märkte
und Fußballstadien errichtet. Der Westen habe das
Vorgehen toleriert, weil Präsident Idriss Déby für
relativ stabile Verhältnisse habe sorgen können. Aufstände tschadischer Rebellen konnte er wiederholt
niederschlagen. Das machte das Ölgeschäft stabiler.
Ethnologen arbeiten in der Regel vor allem qualitativ: Sie führen keine großen Befragungen durch, um
ein allgemeines Bild zu erheben: „Wir versuchen,
die Hintergründe und Entwicklungen anhand von
Schlüsselpersonen und -ereignissen zu verstehen.“
sc ient ia hal ensis 2 / 2016 t it elt hema
„Wenn man die Menschen im Tschad fragt, was ihnen
das Erdöl gebracht hat, sagen sie: rien. Rein nichts.“
Dr. Andrea Behrends
Dafür müssen sie längere Zeit vor Ort sein und mit
vielen Menschen sprechen. Feldforschung ist ein
wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit. „Als Ethnologin lebt man direkt mit der Bevölkerung vor Ort
zusammen und lernt auch ihre Sprache.“ Wichtig sei
dafür auch, passende Kleidung zu finden. Sie muss
den lokalen Vorstellungen von angemessener Kleidung entsprechen, praktisch und robust sein, denn
die meisten Gespräche finden nicht auf Stühlen an
einem Tisch statt, sondern auf dem Boden.
Für Ethnologen sind diese persönlichen Gespräche
das Zentrum ihrer Arbeit: Kommen sie in einem neuen Land an, versuchen sie schnell, Kontakte zur Bevölkerung aufzubauen und sich so an weitere Personen vermitteln zu lassen. So war es auch bei Andrea
Behrends, die im Tschad bei mehreren Gastfamilien
lebte. Nach all den Jahren sei sie fast ein richtiges
Familienmitglied geworden: „Einige der Kinder aus
den Familien habe ich aufwachsen sehen. Bei Familienfesten sind auch mir unbekannte Menschen auf
mich zugekommen und haben gesagt: Ach, du bist
also Andrea“, berichtet sie lachend. Durch die engen und langfristigen Beziehungen lernte Behrends
nicht nur die Fakten kennen, sondern auch die persönlichen Geschichten der Menschen, deren Leben
durch das Erdöl beeinflusst wurde.
Behrends berichtet von einem Mitarbeiter einer Ölfirma, der für die Errichtung der Bohrlöcher zuständig ist. Er analysiert die verschiedenen Erdschichten
im Boden und fügt den Bohrmaschinen Chemikalien
zu, damit sie besser arbeiten. Eigentlich müsste die
Firma darauf achten, den Boden nicht zu stark zu
belasten, denn Landwirtschaft spielt im Tschad eine
große Rolle. Doch die Messwerte würden häufig
beschönigt, so Behrends. Die Leidtragenden sind
die Bauern – eine große Bevölkerungsgruppe. Auf
ihrem einst fruchtbaren Ackerland wachsen Pflanzen nur noch schlecht oder gar nicht mehr. Dass die
Ölförderung dafür verantwortlich ist, verstehen sie
mitunter nicht: „Die Menschen merken zwar, dass ihr
Boden schlechter wird, aber die wirklichen Gründe
dafür werden ihnen nicht mitgeteilt“, weiß Behrends.
Das Erdöl habe viel geändert: Die wenigen Menschen, die einen Job in der Erdölbranche gefunden
hatten, stellten ihren Reichtum zur Schau. So habe
Behrends die Geschichte eines Mannes gehört,
der in Bier gebadet habe. „Die Menschen haben
geglaubt, es geht immer weiter so. Dann kam die
große Enttäuschung“, so Behrends. Der sinkende
Ölpreis und die stagnierende Nachfrage der letzten
Jahre machen dem Tschad zu schaffen. Von den Vorsorge-Plänen sei nicht viel übrig geblieben: „Wenn
man die Menschen im Tschad fragt, was ihnen das
Erdöl gebracht hat, sagen sie: rien. Rein nichts.“ Die
Erfahrungen im Tschad decken sich mit denen anderer Länder: Obwohl große Gewinne eingefahren
wurden, ging die breite Bevölkerung leer aus. Mitunter hat sich die Lage sogar verschlechtert. Dieses
paradoxe Phänomen wird in der Forschung als Ressourcenfluch beschrieben. Auch das Wertesystem
habe sich verändert: Zuvor habe privater Besitz
keine große Rolle gespielt. Jetzt ziehe der Reichtum
der Ölarbeiter viel Neid auf sich. Auch die Mitgift für
eine Hochzeit sei im Erdölgebiet wesentlich teurer
geworden, ebenso privater Landbesitz.
Nach mehr als zwölf Jahren, vielen Forschungsreisen, Gesprächen und wissenschaftlichen Publikationen will Behrends die Ölforschung abschließen. Kein
leichter Abschied: „Bei dem Gedanken daran ist mir
aufgefallen: Das kann ich nicht.“ Sie hält noch immer
Kontakt zu ihren Gastfamilien – und hat dort einen
festen Platz. Die Frage, wie man als Forscherin nach
so langer Zeit aus dem Feld wieder herausgeht, wird
sie noch eine Weile beschäftigen. Behrends wird
weiterhin zu globalen Ungleichheiten und deren
Auswirkungen in ländlichen und städtischen Gebieten Afrikas forschen.
Tom ­Leonhardt
Kontakt: Dr. Andrea Behrends
Seminar für Ethnologie
E-Mail: [email protected]
Andrea Behrends
(Foto: Maike Glöckner)
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Eiszeit in Äthiopien:
Zuflucht im Hochgebirge?
Sind die Menschen in Äthiopien während der letzten großen Eiszeit vor 16.000 Jahren in die Berge geflohen?
Das erforscht ein internationales Team aus Bodenkundlern, Archäologen und Biologen im neuen Projekt „The
Mountain Exile Hypothesis“. Dafür reisen hallesche Bodenkundler künftig in das Sanetti-Hochplateau und
untersuchen den Boden mit modernen biogeochemischen Methoden auf Jahrtausende alte Spuren von Menschen.
Für ihre Forschung reisen
die Bodenkundler in die
abgelegenen Bale-Berge.
(Foto: Indrik Myneur /
CC 2.0 BY)
Es ist nicht gerade die menschenfreundlichste Region
auf der Welt: Die Bale-Berge im Süden Äthiopiens
sind ein sehr regenreiches Gebiet mit teilweise stark
schwankenden Temperaturen. Der Landstrich liegt
zwischen 3.700 und 4.100 Metern über dem Meeresspiegel – hier wird die Luft dünn: Der deutlich
geringere Sauerstoffgehalt macht den Menschen
zu schaffen, ihr Stoffwechsel verschlechtert sich. So
ist es wesentlich anstrengender, sich in den Bergen
fortzubewegen, als es im Tal der Fall ist. Deshalb gilt
diese Gegend noch immer als relativ naturbelassen.
Gleichzeitig gibt es in der Region einige einmalige
Tier- und Pflanzenarten. „Wegen der schlechten Lebensbedingungen für den Menschen geht man häufig
davon aus, dass der afro-alpine Raum erst sehr spät
besiedelt wurde“, sagt Bruno Glaser, Professor für
Bodenbiogeochemie an der Uni Halle. Im Rahmen der
Forschergruppe „The Mountain Exile Hypothesis“, die
von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und der Uni Marburg geleitet wird, will Glaser
mit seinem Bayreuther Kollegen Prof. Dr. Wolfgang
Zech im Idealfall das Gegenteil beweisen. Sie arbeiten
im Projekt mit Forschern aus Deutschland, Frankreich
und Großbritannien. Ihre Hypothese: Schon während
der letzten Eiszeit vor 16.000 bis 10.000 Jahren haben sich Menschen auf das Plateau zurückgezogen.
Während einer Kaltzeit ist es in den Bergen eigentlich
kälter. In den letzten 500.000 Jahren zogen sich die
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Menschen in Europa deshalb immer in wärmere Täler
zurück. „In Afrika haben die Warm- und Kaltzeiten
aber nicht so gravierend gewirkt“, erklärt Glaser, der
Äthiopien aus früheren Projekten zur nachhaltigen
Wald- und Bodennutzung gut kennt. So waren die
Bergplateaus nicht vereist, im Tal war es aber zu trocken. Bisher gebe es keine schlüssige Erklärung, wo
sie in dieser Zeit Zuflucht gefunden haben.
Den Boden als Archiv nutzen
Wenn es die Menschensiedlungen in den Bergen
tatsächlich gab, müsste es davon auch Spuren geben
– diese müssten selbst nach tausenden von Jahren
noch zu finden sein: im Boden oder in der Pflanzenwelt. Genau diese Bereiche wollen Glaser und Zech
untersuchen. „Anders als Archäologen, die zum
Beispiel nach Steinartefakten in der Natur suchen,
verwenden wir den Boden als Informationsquelle.“
Schon mit bloßem Auge lasse sich teils erkennen, wo
Menschen gesiedelt haben: „Der Boden ist dunkler,
weil er sehr viel Ruß enthält. Es handelt sich um einen
sehr fruchtbaren Boden.“
Damit die Arbeiten der Bodenkundler erfolgreich
sind, brauchen sie möglichst unbelastete Naturflächen. Das Bodenprofil darf nicht zu sehr durch
deutlich jüngere Einflüsse gestört sein. Hier bieten
sich die relativ menschenunfreundlichen Bale-Berge
an. „Der Boden wurde in den letzten Jahrhunderten
und Jahrtausenden nur oberflächlich verändert, die
Abfolge ist erhalten geblieben.“ Deshalb plant die
Gruppe mehrere Expeditionen, um an verschiedenen
Stellen Bodenproben zu nehmen.
Mit den Proben können die Forscher chemische Analysen durchführen und so ihre Rückschlüsse ziehen:
Menschen scheiden etwa eine bestimmte Menge an
Phosphor pro Tag aus – so lässt sich anhand der Rückstände im Boden berechnen, wie viele Menschen
in einer Gegend lebten. „Damit lassen sich ganze
Flächen kartieren und man kann rekonstruieren, zu
welchem Zeitpunkt wie viele Menschen in einem Gebiet gelebt haben.“ Natürlich kann die Gruppe keine
auf Person und Tag genauen Angaben treffen, für ein
„Gefühl, wie intensiv und groß die Siedlungen waren“,
reichen die Daten aber. Und für einen Zeitraum von
bis zu 16.000 Jahren lassen sich erstaunlich genaue
Angaben machen: „Wir können am Ende zum Beispiel sagen: Diese Fläche war für etwa 500 Jahre von
durchschnittlich 1.000 Menschen besiedelt.“
Auch die Pflanzenwelt weise, so Glaser, viele
Spuren von menschengemachter Veränderung
auf. Es sei auffällig, dass das Heidekraut Erika im
Sanetti-Plateau nur fleckenartig wächst – große,
zusammenhängende Flächen gibt es nicht. Da die
Sträucher empfindlich auf Feuer reagieren – was
die Menschen damals in die Region mitgebracht
hätten, wenn sie dagewesen wären – könnte diese
Besonderheit ein Indiz dafür sein, dass die Gegend
besiedelt wurde und der Mensch die hiesige Pflanzenwelt verändert hat. Es könnte aber genauso gut
sein, dass das Vegetationsmuster eine Folge von
Klimaveränderungen ist.
Untersuchungen im Isotopenlabor
Um zu verstehen, welche Auswirkungen das Klima
auf die Pflanzen hat, müssen die Wissenschaftler
zunächst einmal wissen, welche klimatischen Bedingungen vor über 10.000 Jahren in den Bergen
geherrscht haben. Das zu modellieren ist Aufgabe
des zweiten Projekts, das von Dr. Michael Zech,
einem Mitarbeiter Glasers, geleitet wird. Die Wissenschaftler werden versuchen, einige Wetterkenngrößen über die Jahrtausende nachzuvollziehen:
dazu gehören beispielsweise Temperatur, die Luftfeuchtigkeit und die Niederschlagsmenge. Auch hier
dienen vor allem Sedimentablagerungen im Boden
als Archiv für die Analysen. Diese werden mit Hilfe
eines von Zech und Glaser entwickelten neuartigen
Paläothermometers basierend auf Sauerstoff- und
Wasserstoffisotopen im halleschen Isotopenlabor
untersucht.
Die Ergebnisse fließen in das übergeordnete Projekt
ein, an dem noch weitere Geologen, Archäologen
und Biologen arbeiten. Am Ende soll eine kohärente
Antwort auf die Frage gegeben werden, ob Menschen tatsächlich vor 16.000 Jahren vor Kälte und
Trockenheit in die Berge geflohen sind. „Gelingt uns
das, wäre das eine kleine Sensation“, sagt Glaser. Bis
dahin sind aber noch einige Expeditionen in Äthiopien und Analysen im Labor nötig. Tom Leonhardt
Kontakt: Prof Dr. Bruno Glaser
Bodenbiogeochemie
Telefon: +49 345 55-22532
E-Mail: [email protected]
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Luthers Erbe
„Wer etwas will anfangen, der mag es beizeiten tun.“ So plauzte Martin Luther vor einem halben Jahrtausend
wohl jeden an, der im Umgang mit kostbarer Zeit sündigte. Ganz sicher wäre der Reformator, der am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen gegen den Missbrauch des Ablasshandels an die Tür der Wittenberger Schlosskirche
gehämmert haben soll, heute zufrieden. Zufrieden mit den guten Geistern seiner Alma Mater, die das 500-jährige Reformationsjubiläum mit vorbereiten.
Auf dem Weg nach Übersee:
Dr. Michael Ruprecht und
seine Mitarbeiterin Susann
Fritsche verpacken die
Rektoren-Zepter.
(Foto: Michael Deutsch)
Beim großen Luther-Event 2017 spielt die MartinLuther-Universität, die seit über 80 Jahren den
Namen des Reformators trägt, eine Sonderrolle.
Ein halbes Jahrtausend ist es her, dass Luther als
Theologieprofessor an der alten Wittenberger Universität – Leucorea genannt – lehrte und von hier
aus die weltverändernde Reformation in Bewegung
setzte. Als mit dem Wiener Kongress die Leucorea
schließlich nach Halle verlegt und dort 1817 Teil der
Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg
wurde, trat man quasi das geistige Erbe Luthers an.
Und das verpflichtet. Neben regen Forschungsakti-
vitäten zur Reformationsgeschichte und der damit
einhergehenden Ausrichtung des im August 2017
geplanten Weltkongresses zum Thema „Kulturelle
Wirkungen der Reformation“ beteiligt sich die Uni
Halle auch an der Lutherausstellung „Here I stand“,
die Anfang Oktober in den USA gestartet ist. Das
Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, die Stiftung
Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt und weitere
Partner realisieren gemeinsam mit drei US-amerikanischen Museen drei Ausstellungen zum Leben und
Wirken des Reformators. Die Ausstellungen laufen
im Minneapolis Institute of Art, im Morgan Library
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& Museum in New York sowie in der Pitts Theology
Library der Emory University Atlanta. „Man kann
getrost behaupten, dass kurz vorm Reformationsjubiläum die hiesige Museums- und Gedenkstättenlandschaft ,Luther-leer‘ gefegt ist“, scherzt der
Leiter des halleschen Universitätsarchivs und der
Zentralen Kustodie Dr. Michael Ruprecht. Auch die
Uni Halle und die Universitäts- und Landesbibliothek
Sachsen-Anhalt (ULB) sind mit Leihgaben vertreten.
„Vom Thema steht die 1502 vom Kurfürst Friedrich
III. gegründete Wittenberger Universität Leucorea
im Mittelpunkt. Sie war das Zentrum, ja die Wiege
der Reformation“, betont der Historiker. Zwei besonders wertvolle Exponate steuert die ULB bei: Der
erste Matrikelband der Wittenberger Universität, in
dem im Jahr 1508 auch ein gewisser „fr. Martinus
Luder des Mansfeldt“ eingetragen wurde, sowie ein
1518 gedrucktes Pappheftchen mit Luthers Erläuterungen seiner 95 Thesen.
Auch die kostbarsten, stets sicher verwahrten Stücke der Universität verlassen Halle. Mit dabei sind
die Gründungsurkunde Kaiser Maximilians für die
Uni Wittenberg von 1502, die päpstliche Bestätigung der Gründung aus dem Jahr 1507 sowie das
Siegeltypar des ersten Rektors von 1514 zum Siegeln
von Urkunden. Zur wertvollen Fracht gesellen sich
zudem die vier ältesten Rektoren-Zepter aus den
Jahren 1502 und 1509. Ihr Wert: unschätzbar. „Wir
haben lange beraten, ob wir wirklich die Originale
hergeben. Es gibt schließlich auch Duplikate“, sagt
Ruprecht. Doch man war sich einig, dass der Charme
einer solchen Ausstellung von echten Leihgaben
lebt. „Mit nichts anderem rechnen auch die Amerikaner, die Luther verehren.“ Dennoch gehe man
ein hohes Risiko ein. Eigens für den Transport hat
der Präparator Michael Stache vom Zentralmagazin Naturwissenschaftlicher Sammlungen deshalb
Spezialkisten angefertigt. Durch einen 3-D-Scan der
Zepter konnten die inwendigen Dämmmaterialien
passgenau ausgefräst werden. „Das ist die sicherste
Transportverpackung, die es für die Zepter je gab“,
sagt Ruprecht.
Doch warum gibt es an der Martin-Luther-Universität eigentlich so wenig Handfestes von Luther?
Das kann Prof. Dr. Ernst-Joachim Waschke, der Rektoratsbeauftragte fürs Reformationsjubiläum und
Vorstandsvorsitzender der Stiftung Leucorea in Wittenberg, beantworten. „Natürlich war die Leucorea
Luthers Universität. Hier war er von 1513 bis 1546“,
sagt der 67-Jährige. Dass andere Standorte mehr Exponate besitzen, hänge mit dem Schmalkaldischen
Krieg von 1546 zusammen. Durch diesen ging das
Ernestinische Wittenberg an das Fürstengeschlecht
der Albertiner verloren. „Wichtige Lutherschriften
finden sich deshalb heute in Jena, Coburg, Dresden
und Weimar“, sagt Waschke, der zurzeit gemeinsam mit dem Theologen PD Dr. Christian Senkel
den Weltkongress zum Thema „Kulturelle Wirkungen der Reformation“ vorbereitet. Die öffentliche
Tagung, die vom 7. bis 11. August 2017 läuft, wird
im Verbund der drei Unis Halle, Jena und Leipzig
ausgerichtet. Rund 250 Gäste aus zehn Ländern
werden erwartet.
Bereits 2006 wurde auf Initiative von Rektor Prof. Dr.
Udo Sträter die Reformationsgeschichtliche Sozietät
gegründet. 18 Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Disziplinen suchen im Diskurs nach Antworten. Dank Landesförderung konnte die Uni auch fünf
Stipendien für Forschungsarbeiten zur KongressThematik vergeben. Der Kongress und die Sozietät
sind Eckpfeiler, um die Stiftung Leucorea weltweit
als ein Zentrum für reformationshistorische Forschungen zu etablieren. Für Ernst-Joachim Waschke
ist Luther untrennbar mit Wittenberg verbunden.
Er appelliert an Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, diesen historischen Bonus besser auszuspielen.
„Wittenberg ist die Wiege der Reformation.“ Das
Bekenntnis hierfür müsse noch deutlicher ausfallen.
Was hätte wohl Luther dazu gesagt? Vielleicht: „Nur
wer sich entscheidet, existiert.“ Michael Deutsch
200 Jahre Uni Halle-Wittenberg
Das Jahr 2017 steht auch im Zeichen eines weiteren Jubiläums, denn am 21. Juni 2017 jährt sich
die Vereinigung der beiden Universitäten Halle und Wittenberg zum 200. Mal. Anlass genug für
die Universität zu feiern und im Juni gleich eine ganze Festwoche vom 18. bis 25. Juni zu gestalten. Das Programm gibt es in Kürze unter www.uni-halle.de/200.
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Eine Million Euro für Gleichstellung
Viel Geld für mehr Chancengleichheit: Im Juli hat
die Martin-Luther-Universität für das Projekt „Frauen in die Wissenschaft“ mehr als eine Million Euro
erhalten. Die Mittel wurden im Rahmen des Landesprogrammes „Chancengleichheit für Männer
und Frauen in Wissenschaft und Forschung“ vom
Europäischen Sozialfonds der EU und dem Land
Sachsen-Anhalt vergeben. „Mit diesen Mitteln
fördern wir jetzt über einen Zeitraum von sieben
Jahren Maßnahmen, die die Teilhabe von Frauen
auf allen Ebenen der Hochschule langfristig erhöhen
sollen“, sagt der Prorektor für Struktur und strategische Entwicklung Prof. Dr. Wolfgang Auhagen,
der für Gleichstellungsthemen an der Universität
verantwortlich ist.
„Geplant sind vier Module“, sagt Helga Lohse, Referentin für Gleichstellung im Prorektorat. Sie hat
die Projektskizze gemeinsam mit dem Gleichstellungsbüro der Universität entwickelt. Die Module
umfassen Maßnahmen der Personalentwicklung,
aber auch Vorhaben im Bereich der Frauen- und
Geschlechterforschung und der Öffentlichkeitsarbeit.
So wird die stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte Verena Stange in einem Projekt das Thema
Chancengleichheit im Studium wissenschaftlich
bearbeiten. Stange will geschlechtsspezifische Ungleichheiten und Benachteiligungen im Studium
an der Uni Halle analysieren und dabei Fächer mit
niedrigem Frauenanteil in den Blick nehmen. „Aus
den Forschungsergebnissen lassen sich dann Handlungsempfehlungen ableiten, wie die Studierendengewinnung und das Studium gender- und diversitätsgerechter gestaltet werden können“, so Lohse.
Ziel sei es, die Anzahl der Absolventinnen in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern zu
erhöhen und die Studentinnen stärker zum Einstieg
in eine wissenschaftliche Laufbahn zu motivieren.
Ein anderes Modul soll dazu beitragen, den Anteil der
Professorinnen gezielt zu erhöhen: „An zwei Fakultäten können wir – vorausgesetzt, die ausgeschriebene
Juniorprofessur mit Tenure Track wird mit einer Frau
besetzt – die Professur dank der Fördermittel mit
einer zusätzlichen halben Mitarbeiter-Stelle ausstatten. Damit wird für die Fakultäten ein zusätzlicher
Anreiz geschaffen, die Besetzung der Professur mit
einer Frau intensiv zu prüfen“, sagt Lohse.
Das dritte Modul nimmt die Postdoktorandinnen
in den Blick. „Sie befinden sich an einem entscheidenden Punkt ihrer Karriere und genau an dieser
Stelle verlassen sehr viele Frauen die Universität“,
sagt Lohse. „Um sie zu gewinnen und zu halten,
sind Weiterbildungsangebote durch externe Coaches für Postdoktorandinnen sowie für neuberufene Professorinnen geplant.“ Auch die öffentliche
Wahrnehmung von Frauen in der Wissenschaft
soll gestärkt werden. „Durch Publikationen und
Veranstaltungen wollen wir die Leistungen von
Frauen in der Wissenschaft sichtbarer machen“,
so Lohse.
Corinna Bertz
MENTORING-PROGRAMM FÜR WISSENSCHAFTLERINNEN
Seit Oktober gibt es an der Uni Halle ein neues Mentoring-Programm für Nachwuchswissenschaftlerinnen aller Fachdisziplinen. In drei Programm- und zwei Ergänzungsmodulen können Frauen
künftig zwischen maßgeschneiderten Angeboten wählen, die von individuellen Beratungen durch
Mentoren bis zu Netzwerktreffen und Strategie-Workshops zu Karriereperspektiven in der Wissenschaft reichen. „Damit wird das Mentoring für unsere hochqualifizierten Forscherinnen zu
einer festen Größe an der Universität“, sagt Prof. Dr. Wolfgang Auhagen, Prorektor für Struktur
und strategische Entwicklung. Das Programm wird aus Mitteln des Professorinnen-Programms II
des Bundes bis 2019 finanziert. In das neue Programmkonzept flossen die Erfahrungen aus den
Mentoring-Programmen „Im Tandem zum Erfolg“ und des Programms im Universitätsbund HalleJena-Leipzig ein. Bewerbungen für die einzelnen Module können ab sofort bis zum 31. Januar 2017
eingereicht werden. Informationen zu allen Angeboten unter www.mentoring-MLU.de.
cb
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Strukturveränderungen an der Universität
Mit Beginn des Wintersemesters 2016/17 hat
die Universität Strukturänderungen umgesetzt:
Gegründet wurde innerhalb der Philosophischen
Fakultät II das Institut für Musik, Medien- und
Sprechwissenschaften. Damit sollen Kooperationen
zwischen den drei Fächern gestärkt werden und
Synergieeffekte, etwa über die Einrichtung sogenannter Brückenprofessuren, zum Tragen kommen.
Der Akademische Senat hatte in seiner Sitzung im
Juli zugestimmt, das Institut für Medien, Kommunikation und Sport zu schließen, ein eigenständiges
Institut für Sportwissenschaft zu schaffen und aus
dem Institut für Slawistik und Sprechwissenschaft
die Sprechwissenschaft herauszulösen. „Wir müs-
sen die verfügbaren Ressourcen für Forschung
und Lehre an der Universität sinnvoll einsetzen
und ein attraktives Angebot für Studierende und
Wissenschaftler schaffen“, sagte Rektor Prof. Dr.
Udo Sträter.
Zugleich wurde auch das Zentrum für Ingenieurwissenschaften zum 30. September endgültig geschlossen. Das Zentrum hatte bis dahin – gemäß Beschluss
der Landesregierung von 2004 zur Schließung der
Ingenieursausbildung in Halle – zwölf Jahre lang die
Ausbildung und Qualifizierung der Ingenieure zu
Ende geführt. Forschungsprojekte sowie Promotionsvorhaben werden von einer neuen interdisziplinären Einrichtung weitergeführt.
mab
Frauenstudium in Halle: Broschüre neu aufgelegt
Die Broschüre „Rückblickend – Nach Vorn. Frauenstudium in Halle – damals und heute“ von Maike
Lechler ist jetzt wieder im Gleichstellungsbüro der
Universität erhältlich. Nachdem die erste Auflage
des 2015 erschienenen Hefts schnell vergriffen
war, wurden 1.000 Exemplare nachgedruckt. In der
64-Seiten starken Broschüre zeichnet die Autorin
die Geschichte des Frauenstudiums an der Uni Halle
nach. In zahlreichen Archiven und in persönlichen
Gesprächen mit Historikern und Nachfahren hatte
Lechler dazu Informationen über zehn Vorreiterinnen
recherchiert und zusammengetragen. Die Publikation wurde von der Landeskoordinierungsstelle der
Frauen- und Geschlechterforschung, dem Studierendenrat, dem Prorektorat für Forschung und Wissenschaftlichen Nachwuchs und dem Gleichstellungsbüro unterstützt. Interessierte können ein Exemplar
der Broschüre auch per Post erhalten, eine Bestellung ist per E-Mail an [email protected]
möglich.
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Universität trägt weiter das Gütesiegel „Familiengerechte Hochschule“
Die Universität Halle hat zum dritten Mal in Folge
das Zertifikat „audit familiengerechte hochschule“
erhalten. Prof. Dr. Wolfgang Auhagen, Prorektor
für Struktur und strategische Entwicklung, nahm
Ende Juni das Gütesiegel in Berlin aus den Händen
von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig
entgegen. Das Zertifikat würdigt die erfolgreiche
strategische Ausrichtung der Universität hinsichtlich
familiengerechter Arbeits- und Studienbedingungen.
2009 wurde das Zertifikat erstmals an die Uni Halle
verliehen, die erste Re-Auditierung erfolgte 2012. Im
Zuge des Verfahrens wurden seit 2009 viele Angebote zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder von
Familie und Studium zusammengeführt sowie zahlrei-
che neue etabliert. Insgesamt wurden mehr als 140
kleine und große Maßnahmen erfolgreich umgesetzt.
Dazu zählen auch Angebote wie die „Weinberg Kids“,
eine Einrichtung speziell zur Kurz- und Randzeitenbetreuung von Kindern. „Das Thema Familie ist seitdem
deutlich in den Fokus gerückt“, sagt Andrea Ritschel,
Leiterin des Familienbüros der Hochschule, die das
Verfahren gemeinsam mit den Familienbeauftragten
in den Fakultäten und mit Unterstützung des Rektorats koordiniert. „Aber diese Erfolge können die
Sichtbarkeit innerhalb der Uni weiter erhöhen. In den
neuen Zielvereinbarungen ist daher festgehalten, die
interne Kommunikation zu stärken und die Sensibilisierung für das Themenfeld voranzutreiben.“ mab
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ULB digital
Hort der Bücher? Raum stiller Lektüre? Ort des Wissensgewinns per Exzerpt? Für Anke Berghaus-Sprengel, seit
einem halben Jahr Direktorin der Universitäts- und Landesbibliothek (ULB), ist eine Bibliothek heute bereits viel
mehr. Sie führt ein Traditionshaus, das sich ständig erneuert hat, sich aber weiter wandeln muss.
Die gebürtige Norddeutsche beantwortet Fragen
freundlich und direkt. Ohne Schnörkel. Journalisten
schätzen das. Auch für sie nimmt Anke BerghausSprengel sich immer wieder Zeit, obwohl sie keine
hat. Drei Stunden Drehzeit für 2:37 Minuten Sendezeit im MDR? Das muss gehen. Kommunikation ist
ihr wichtig. Nach außen, aber auch in der täglichen
Arbeit im eigenen Haus: „Die Kollegen hier müssen
ihre Sichtweisen einbringen können, sie kennen ja
auch die Probleme viel länger als ich.“
Seit 1. April ist Anke Berghaus-Sprengel Direktorin
der ULB. Bereits ihre Vorgänger Dr. Heiner Schnelling (1996-2013), Dr. Dorothea Sommer (kommissarisch bis 2015) und Dr. Karl-Ernst Wehnert (kommissarisch 2015/2016) standen vor Herausforderungen.
Zum Beispiel die Zusammenführung aller AußenMagazinbestände in ein einziges Magazin in Halle-
Anke Berghaus-Sprengel
in der neuen Bibliothek am
Steintor-Campus
(Foto: Markus Scholz)
Neustadt, der Bau der neuen Steintor-CampusBibliothek und damit die Zusammenführung von 17
Zweigbibliotheken an einen Ort. „Ich kann auf sehr
vieles aufbauen. Meine Vorgänger haben sich intensiv um die Standortkonzentration gekümmert, aber
auch enorme Drittmittel zur Digitalisierung unserer
Altbestände eingeworben. Das ist beeindruckend“,
sagt Berghaus-Sprengel.
Aber: Sie will und wird eigene Schwerpunkte setzen: „Zuallererst ist dringend die IT-Infrastruktur
zu modernisieren, die Lernorte sollten folgen. Die
forschungsnahen Dienstleistungen von Open-Access-Publikationsangeboten über Forschungsdatenmanagement bis zur Langzeitarchivierung müssen
wir ausbauen. Personalentwicklung ist ebenfalls
notwendig. Da wartet überall viel Arbeit.“ An der
Berliner Humboldt-Universität hat Berghaus-Spren-
sc ient ia hal ensis 2 / 20 16 var ia
gel mehrere Großprojekte geleitet, zuletzt war sie
Projektleiterin bei der Einführung eines Cloud-basierten Bibliotheksmanagementsystems. Sie ist die
Fachfrau, die die ULB in Halle in diesem Bereich in
die Zukunft führen soll. „Die Bibliotheken befinden
sich alle in einer Umbruchsituation. Sie haben nach
wie vor ihre klassischen Aufgaben, aber weil der gesamte Bereich der Digitalisierung dazu kommt, verändern sich auch die Berufsbilder grundlegend.“ Das
hat auch etwas mit den Bibliotheksnutzern zu tun:
„Die heutige Generation der Studierenden arbeitet
anders als noch vor zehn Jahren, auch die Suchprozesse sind andere. Und es gibt den Anspruch, sich
am Bildschirm die Texte als PDF anzeigen zu lassen,
anstatt im Regal zu suchen“, sagt sie. Was dem Nutzer da hilft, sind sogenannte Discovery-Systeme, die
online den Zugang zum Wissen der Welt schaffen
und nicht zu Tausenden von Einzel-Katalogen. Ein
solches System braucht auch die ULB. „Im Moment
arbeiten wir daran, eine Verbundlösung zu finden,
also gemeinsam mit Partnern ein solches System
anzuschaffen und zu betreiben. Im ersten Quartal
2017 könnte darüber entschieden werden und der
Start einer Beta-Version danach zeitnah folgen.“
Was man noch für Discovery-Systeme braucht?
„Den Bibliotheksmitarbeiter als Metadaten-Manager“, sagt Berghaus-Sprengel. Denn letztlich brauche es nicht allein Schlagworte im Katalog, sondern
auch durchsuchbare Abstracts und Volltexte. Und
dort, wo die Metadaten schon da sind, „müssen
diese abrufbar werden.“ Auch die Lesebereiche in
den Zweigbibliotheken stellt sie sich für die Zukunft
anders vor, als sie heute sind. „Wir brauchen Lernräume, keine reinen Lesesäle. Wir brauchen eine
Lernatmosphäre und müssen auch gemeinsames
Arbeiten ermöglichen.“ Plätze zum stillen Lesen soll
es weiterhin geben, aber eben auch Gruppenräume
zum gemeinsamen Arbeiten. Abgesehen davon:
Selbstbedienungssysteme sollen möglichst in allen
Zweigbibliotheken zum Einsatz kommen.
Für Anke Berghaus-Sprengel stehen immer die Nutzer im Zentrum ihrer Überlegungen. Nutzer sind
aber nicht nur Studierende. „Wir müssen uns auch
weiter in Richtung Wissenschaft öffnen“, sagt sie.
Das heißt nicht nur, dass die Möglichkeit zur OpenAccess-Publikation jetzt technisch neu aufgesetzt
wird. Eine große Herausforderung für die ULB ist
das Forschungsdatenmanagement. Das bedeutet:
Die einer wissenschaftlichen Publikation zugrundeliegenden Daten sollen in Zukunft direkt über die
Publikation abrufbar werden. „Das ist auch gefordert
und wir sind gefordert. Denn im Sinne einer guten
wissenschaftlichen Praxis sollen Daten so auch für
alle überprüfbar werden.“
Dafür jedoch muss die ULB zukünftig über die Daten
verfügen, sie aufbewahren und digital direkt zugänglich machen. Das ist nicht einfach und betrifft
alle wissenschaftlichen Arbeiten ab der Promotion.
Manche Daten – zum Beispiel in der Medizin Patientendaten – müssen aber auch geschützt werden
können. „Das bedeutet also auch ein komplexes
Rechtemanagement einzuführen.“ Hier gibt es bereits Gespräche mit dem IT-Servicezentrum der Uni,
wie man dies schon bald umsetzen und die Daten
lange aufbewahren könne. Letztlich – wie die Bücher
auch – für die Ewigkeit.­Manuela ­Bank-Zillmann
Kontakt: Anke Berghaus-Sprengel
Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt
Telefon: +49 345 55-22000
E-Mail: [email protected]
Zur Person
Anke Berghaus-Sprengel wurde 1962 auf Norderney geboren, ist gelernte Buchbinderin und
studierte Geschichte, Philosophie und Deutsche Literaturwissenschaft in Hannover. Nach ihrem
Referendariat arbeitete sie in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, dort zuletzt als Leiterin der
EDV-Abteilung. Fast zehn Jahre lang war Anke Berghaus-Sprengel im Anschluss an der Bibliothek
der Humboldt-Universität Berlin tätig. Als Direktorin leitete sie die Abteilung Zweigbibliotheken
und Controlling, verantwortete Großprojekte zur Automatisierung und Einführung neuer Bibliothekssysteme.
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studi er en, l ehr en, l eben sc ient ia hal ensis 2 / 2016
studier e n, l e h r e n , l e be n
Die neue Vielfalt
Studierende sind keine homogene Gruppe. Was das für die Lehre bedeutet, hat die Soziologin Peggy Trautwein
vom Institut für Hochschulforschung untersucht. Ihre Studie ist auch für das landesweite Projekt „Heterogenität als Qualitätsherausforderung für Studium und Lehre“ relevant, in dem Lavinia Ionica von der Uni Halle
mitarbeitet. Ines Godazgar sprach für das Unimagazin mit beiden darüber, wie Hochschulen der wachsenden
Vielfalt gerecht werden können.
Viele Studierende wünschen
in den ersten Semestern mehr
Orientierungshilfen.
(Foto: Markus Scholz)
Frau Trautwein, wie verschieden sind denn die
Studierenden von heute? Und warum ist das so?
Trautwein: Generell lässt sich sagen: Die Heterogenität an den Hochschulen nimmt zu. Die Studierenden kommen nicht mehr nur mit dem klassischen
Abitur zum Studium. Neben denjenigen, die über
den zweiten Bildungsweg an die Hochschule gelangen, steht seit einigen Jahren Interessierten auch
der dritte Bildungsweg offen: Sie können über die
berufliche Qualifikation und eine Feststellprüfung
ein fachgebundenes Studium aufnehmen. Diese
Studierenden sind dann meist älter und haben häufig schon Familie. Dadurch steigt die Zahl derer, die
früher eher nicht studiert hätten. Erfreulicherweise
nimmt auch die Zahl internationaler Studierender in
Sachsen-Anhalt von Jahr zu Jahr zu. Sie machen die
Uni ebenfalls heterogener und brauchen spezielle
Angebote und Hilfen.
sc ient ia hal ensis 2 / 2016 studier en, l ehr en, l eben
Ist diese Entwicklung ein Spezifikum SachsenAnhalts?
Trautwein: Nein, das ist in der gesamten Bundesrepublik zu beobachten. In Sachsen-Anhalt tritt die
Entwicklung jedoch besonders deutlich zu Tage.
Dafür gibt es mehrere Gründe: Das Land ist am
stärksten vom demografischen Wandel betroffen.
Damit wird es schwieriger, Fachkräfte zu generieren und auch im Land zu halten. Weil das so ist,
sind natürlich auch die Hochschulen gefordert. Sie
müssen versuchen, auch Leute anzusprechen und
für das Studium zu gewinnen, die früher vielleicht
nicht studiert hätten.
Warum?
Trautwein: Das ist nicht nur politisch so gewollt,
auch die Hochschulen haben ein ureigenes Interesse daran. Sie können nur überleben, wenn sie
Nachwuchs finden, den sie erfolgreich ausbilden,
davon hängt auch ein Teil ihrer Finanzierung ab. Insofern gilt es auch, die Studierenden erfolgreich an
der Hochschule zu halten und zu einem Abschluss
zu führen. An dieser Stelle sollte ein weiteres Spezifikum der Hochschulen in unserem Bundesland
nicht unerwähnt bleiben: die hohe Quote an Studienabbrechern. Die Studienerfolgsquote im Land
beträgt 67 Prozent und liegt damit sechs Prozentpunkte unter dem Bundesdurchschnitt. Vor allem
in den MINT-Fächern, also Mathematik, Informatik,
Naturwissenschaften und Technik, macht sich das
negativ bemerkbar. Dieser Entwicklung muss etwas
entgegengesetzt werden. Die Hochschulen haben
auch eine Pflicht, Türen zu öffnen und Bildungschancen zu erhöhen.
Das Institut für Hochschulforschung hat eine Studie
angefertigt, um die Heterogenität an SachsenAnhalts Hochschulen zu erfassen. Wie muss man
sich das vorstellen?
Trautwein: Wir haben im Querschnitt erhoben, wie
heterogen die Situation an den Hochschulen im Land
ist und was sie brauchen, um darauf optimal reagieren
zu können. Die Ergebnisse waren dazu gedacht, das
seit 2012 bestehende Verbundprojekt „Heterogenität
als Qualitätsherausforderung für Studium und Lehre“
mit Informationen zu unterstützen. 2013 haben wir
deshalb alle Uni-Studierenden und einen Großteil
derer an den Fachhochschulen des Landes befragt,
welche Hilfen sie sich im Studium wünschen. Insgesamt haben wir knapp 6.000 Fragebögen ausgewertet.
Was haben sich die Studierenden gewünscht?
Trautwein: Die meisten Befragten gaben an, mehr
Orientierung zu benötigen. Diese Aussagen decken
sich übrigens mit Gesprächen, die wir mit Mitarbeitern der Studienberatungsstellen geführt haben.
Sie berichteten, dass gerade Erstsemester mit dem
hohen Grad an Selbstverantwortung, der bei Studienbeginn auf sie einstürmt, Probleme haben.
Frau Ionica, was tut denn die MLU aus Ihrer Sicht,
damit sich die Studierenden besser zurechtfinden?
Ionica: Es gibt bereits jetzt viele Maßnahmen, die
dazu beitragen. Das Hochschulmarketing steht dafür
als gutes Beispiel. Es gibt die Kampagne „Ich will wissen“, in deren Rahmen schon vor dem Studienbeginn
viel Orientierung und Hilfe angeboten wird. Dass
diese Instrumente greifen, zeigt sich dadurch, dass
die Studieninteressierten inzwischen viel konkreter
nachfragen als noch vor ein paar Jahren. Aber auch
andere Institutionen bieten Hilfe und Orientierung
an: Das Career Center, das zum Beispiel Angebote für
Studierende mit Zweifeln am Studium bereithält. Das
Familienbüro, das Entlastung und konkrete Hilfen für
Studenten mit Kindern anbietet. All das gibt Struktur.
Wie begegnen Sie im Rahmen des Projekts „Heterogenität als Qualitätsherausforderung für Studium
und Lehre“ (HET-LSA) der studentischen Vielfalt?
Ionica: Bei HET-LSA arbeiten alle Hochschulen des
Landes gemeinsam daran, die Qualität der Lehre für
eine heterogener werdende Zielgruppe zu verbessern. Alle Hochschulen profitieren dabei auch von
den Projekten der anderen Standorte. Am LLZ – dem
Zentrum für multimediales Lehren und Lernen der
Uni Halle – liegt unser Fokus auf der Gestaltung einer
guten Lehre mit Hilfe moderner Medien. Im Rahmen
des Verbundprojekts haben wir deshalb auch eine Arbeitsgruppe zum E-Learning gegründet, die den Aufbau eines landesweiten E-Learning-Netzwerks zum
Ziel hat. Die digitalen Medien sind für uns besonders
interessant, denn mit ihnen kann man das Lernen und
auch das Lehren sehr individuell und zeit- und ortsunabhängig gestalten. Wir bieten eine Ergänzung der
bisherigen Möglichkeiten. Um diese Medien optimal
nutzen zu können, werden im LLZ Dozenten geschult
und beraten. Denn einfach nur Technik hinzustellen,
reicht nicht aus. Der gesamte Prozess vom traditionellen hin zum multimedialen Lehren und Lernen muss
begleitet werden. Wird das gut gemacht, wird die Lehre bereichert. Sie wird auch heterogenitätssensibler.
Das Projekt HET-LSA
wird seit 2012 im Rahmen des Qualitätspakts
Lehre von Bund und
Ländern gefördert. Die
zweite Förderphase läuft
von 2017 bis 2020.
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studi er en, l ehr en, l eben sc ient ia hal ensis 2 / 2016
Können Sie ein Beispiel aus Ihrem Bereich nennen?
Ionica: Das LLZ bietet seit einigen Jahren die Möglichkeit, Vorlesungen aufzuzeichnen. Bis Jahresende
sollen 25 Hörsäle mit entsprechender Technik ausgestattet werden. Die Dozenten und Dozentinnen
können sich dann während ihrer Vorlesung aufnehmen lassen. Im Anschluss wird die Datei von uns
bearbeitet und auf einer Lernplattform online zur
Verfügung gestellt.
„Gute Lehre und gelungenes Lernen“ stehen am
Tag der Lehre am Montag, 24. Oktober 2016, an
der Uni Halle im Mittelpunkt. Das Programm
und alle Informationen
gibt es unter: http://
tagderlehre­.uni-halle.de.
Für wen ist das interessant?
Ionica: Dafür gibt es viele unterschiedliche Nutzer:
Zum Beispiel studentische Eltern, deren Kinder
krank sind und die deshalb nicht an einer Vorlesung
teilnehmen können. Aber auch internationale Studierende sind dankbare Abnehmer. Vor allem dann,
wenn sie der Vorlesung aufgrund der Sprachbarriere nicht so schnell folgen konnten. Zudem ist diese
Möglichkeit auch in Prüfungsphasen hilfreich, um
sich damit optimal vorzubereiten. Oder wenn sich
zwei Lehrveranstaltungen zeitlich überschneiden.
Dieses Angebot wird zunehmend genutzt.
Müssen die Dozierenden befürchten, dass keiner
mehr zu ihren Vorlesungen kommt?
Ionica: Das ist ein weit verbreitetes Vorurteil. Dafür
gibt es jedoch keine Belege. Es bleiben den Vorlesungen nicht mehr Studierende fern als bisher. Und
noch etwas ist zu beobachten: Das Angebot steigert letztlich die Qualität der Lehre. Wir haben die
Dozenten befragt, wie sie sich auf eine Vorlesung
vorbereiten, die aufgezeichnet wird. Einige haben
gesagt, dass die Vorbereitung intensiver ausfällt
und sie sich mehr Gedanken machen über Inhalte,
Materialien und Vortragsstil. Das ist doch eine positive Entwicklung.
Abgesehen von den multimedialen Angeboten –
wie können Lehrende der wachsenden Vielfalt der
Studierenden noch gerecht werden?
Trautwein: Neben den erwähnten Orientierungssemestern bieten Hochschulen oft bereits vor Studienbeginn Auffrischungskurse an, beispielsweise Mathebrückenkurse. Daneben gibt es häufig Tutorien
oder Mentorenprogramme, bei denen fortgeschrittene Studierende den Studienanfängern gezielt
unter die Arme greifen. Nicht zuletzt setzen Hochschulen immer stärker auf bessere Vereinbarkeiten
von Studium und Familie – beispielsweise durch
die Unterstützung von Familienbüros sowie durch
verlängerte Öffnungszeiten der Uni-Einrichtungen.
Interview: Ines Godazgar
Die Diplom-Soziologin Peggy Trautwein ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Hochschulforschung, einem An-Institut der Uni
Halle in Wittenberg. In einer deskriptiven Studie hat sie 2015 den Stand
der Heterogenität Studierender an den Hochschulen in Sachsen-Anhalt
ermittelt. (Foto: privat)
Publikation:
Peggy Trautwein: Heterogenität als Qualitätsherausforderung für Studium und
Lehre. 2015, 116 S.,
ISSN 1436‐3550
KONTAKT
Institut für Hochschulforschung
Telefon: +49 3491 466138
E-Mail: [email protected]
Die Mediendidaktikerin Lavinia Ionica ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für multimediales Lehren und Lernen der Uni Halle.
Seit September 2012 arbeitet sie im Verbundprojekt „Heterogenität als
Qualitätsherausforderung“ und ist Co-Moderatorin der Arbeitsgruppe
E-Learning. (Foto: Anke Tornow)
KONTAKT
Zentrum für multimediale Lehren und Lernen
Telefon: +49 345 55-28672
E-Mail: [email protected]
sc ient ia hal ensis 2 / 2016 studier en, l ehr en, l eben
Spitzenplatzierungen für Erziehungswissenschaften und Chemie
Im Ranking des CHE Centrums für Hochschulentwicklung 2016 hat die Uni Halle in den Fächern
Erziehungswissenschaften und Chemie Bestwerte
erreicht. Die halleschen Erziehungswissenschaften
sind in den Kategorien Studiensituation insgesamt,
Abschlüsse in angemessener Zeit und Veröffentlichungen pro Professor in der Spitzengruppe vertreten. Auch das Fach Chemie punktet mit sehr guten
Werten in den Kategorien Studiensituation insgesamt, Vermittlung von fachlichen Kompetenzen und
Abschlüsse in angemessener Zeit. In beiden Fächern
sind die Studierenden mit der Studiensituation insgesamt sehr zufrieden.
„Das Ranking zeigt, dass wir in der Lehre mit der
Verbindung von grundlegendem und spezialisiertem Wissen richtig liegen“, sagt Prof. Dr. Torsten
Fritzlar, Dekan der Philosophischen Fakultät III. Die
Studierenden werden zu Beginn des Studiums in
begleitenden Tutorien intensiv betreut. „Uns gelingt
es außerdem, aktuelle Forschungsprojekte und -ergebnisse ganz wesentlich in die Lehre einzubringen“,
so Fritzlar. Es werden sehr viele Seminare und Workshops zu aktuellen Forschungsprojekten angeboten
und Studierende können über Abschlussarbeiten
direkt an Forschungsvorhaben teilhaben. Die Lehre
genießt einen hohen Stellenwert in der Fakultät:
„Jährlich findet der Tag der Lehre statt, zu dem sich
Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter und
Studierende in allen Studiengängen über aktuelle
Entwicklungen und Verbesserungsmöglichkeiten
austauschen.“
Das CHE-Hochschulranking ist das umfassendste
Ranking im deutschsprachigen Raum. Mehr als 300
Universitäten und Fachhochschulen beteiligen sich.
Jedes Jahr wird ein Drittel der Fächer neu bewertet.
Neben Fakten zu Studium, Lehre und Ausstattung
umfasst das Ranking Urteile der Studierenden über
die Studienbedingungen an der Hochschule. sh/tol
„Gutes Sehen ist nicht nur eine meiner
Forschungsinteressen, sondern hat für
mich auch viel mit Erlebnisqualität
zu tun: Es erleichtert die Arbeit am PC,
das Bücherlesen, letztlich auch
das Lesen von Gesichtern.“
Prof. Dr. Jutta Schnitzer-Ungefug
Generalsekretärin der Deutschen Akademie
der Naturforscher Leopoldina –
Nationale Akademie der Wissenschaften
TROTHE OPTIK.
FÜR ANSICHTSVOLLE.
trothe.de
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studi er en, l ehr en, l eben sc ient ia hal ensis 2 / 2016
Zum Debattieren oder nach Baschkortostan?
Das Studentenleben hat mehr zu bieten als Vorlesungen und Seminare – zum Beispiel die folgenden drei Gruppen und Initiativen für Studierende der Uni Halle. Mehr über diese und andere Gruppen ausführlicher im
Onlinemagazin: http://bit.ly/studgruppen.
Freunde Baschkortostans e. V.
Über 3.000 Kilometer liegen zwischen der russischen Republik Baschkortostan und Halle.
Dennoch gibt es in der Saalestadt seit fast 20 Jahren die Freunde Baschkortostans. 1997
wurde der gemeinnützige Verein gegründet. Ein Großteil der Vereinsmitglieder studiert
an der Uni Halle. Bereits seit den 1960er Jahren bestehen nicht nur zwischen Halle und
der Republik-Hauptstadt Ufa partnerschaftliche Beziehungen, sondern auch zwischen
den Universitäten der beiden Städte. Das größte Projekt des gemeinnützigen Vereins ist
der jährliche Jugendaustausch, der es je 15 russischen und 15 deutschen Jugendlichen
und Studenten ermöglicht, das jeweils andere Land besser kennenzulernen. Das Projekt wird von der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch unterstützt. Daneben
organisieren die Freunde Baschkortostans eine Vielzahl anderer Veranstaltungen: Beim
deutsch-russischen Kulturabend veranstaltet der Verein Konzerte, Poetry-Slams oder
Improvisationstheater, bevor im Anschluss eine sogenannte Russendisko mit landestypischer Popmusik stattfindet. Aller zwei Wochen treffen sich die Veriensmitglieder zum
baschkirischen Stammtisch, um die nächsten Vorhaben zu planen. Auch die Patenschaft
für den baschkirischen Spielplatz auf der Peißnitzinsel gehört zu den Projekten. Zur Vereinswebsite: www.freundebaschkortostans.de.
Text und Foto: mlk
Erasmus Student Network Halle
Damit internationale Studierende an der
Uni Halle schnell Anschluss finden, kümmert sich die Hochschulgruppe Erasmus
Student Network (ESN) Halle um die
Neuankömmlinge. Das ESN möchte alle,
die zum Erasmus-Studium nach Halle
kommen, nicht nur so gut wie möglich in
der Saalestadt integrieren, sie sollen auch
Land und Leute besser kennenlernen. Neben Tages- und Wochenendausflügen in
die Region veranstaltet die Gruppe auch
Quiz- und Länderabende. Unterstützt
wird die Hochschulgruppe unter anderem vom International Office. Zur ESNWebsite: www.halle.esn-germany.de
Text: mlk, Foto: ESN Halle
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Klartext e. V.
Sollen deutsche Soldaten in den Krieg ziehen? Sollten Wähler für Donald Trump als USPräsidenten stimmen? Über diese und weitere aktuelle politische Themen streiten die
Mitglieder des Debattierclubs Klartext. Der Verein bietet Studierenden die Möglichkeit,
ihre rhetorischen Fähigkeiten mit Hilfe von Debattenabenden zu verbessern. Klartext
e. V. wurde von Jurastudenten gegründet und besteht seit 2005 an der Uni Halle. Der
Verein trifft sich wöchentlich im Juridicum. Interessierte aus allen Fakultäten sind
willkommen. Gerade die Vielfalt an möglichem Debattenstoff und, dass aus fast allen
Themen eine spannende Diskussion entstehen kann, reizen Deniz Lü. Seit drei Jahren
ist der 24-jährige Jurastudent Präsident des Debattierclubs. Bei jeder Debatte gehe
es darum, das Publikum mit fundierten Argumenten zu überzeugen. „Beim Debattieren wird nicht die eigene Meinung vertreten, sondern die, die zugelost wird“, so Lü.
Für die simulierten Debatten nehmen die Studierenden die Rollen von Abgeordneten
eines Parlaments ein. Auf der einen Seite steht die Regierung, die einen Vorschlag
einreicht und auf der anderen Seite eine Opposition, die dagegenhält. 15 Minuten
haben die Debattierer Zeit, sich auf den jeweiligen Sachverhalt vorzubereiten. Danach
folgen im Wechsel Für- und Widerrede. Zusätzlich gibt es Juroren, die die Debatte leiten und Feedback geben. Bewertet wird anschließend nach den Kriterien Auftreten,
Sprachkraft, Kontaktfähigkeit, Sachverstand und Urteilskraft. Zur Website des Clubs:
www.klartexthalle.jimdo.com
Text und Foto: mlk
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var ia sc ient ia hal ensis 2 / 2016
f orsc hen und publ i z i e r e n
Das Gedächtnis
der Stadt
Wie organisierten die Menschen einer mittelalterlichen Stadt ihr Zusammenleben? Wie regierte der Rat? Wie
wurden Umweltsünden bestraft? Das und vieles mehr steht in den Gesetzen, Protokollen oder Briefen der
Stadtverwaltungen. Bereits seit dem 13. Jahrhundert wurden diese in Stadtbüchern niedergeschrieben. Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) kann ein Team um die Historiker Prof. Dr. Andreas
Ranft und Dr. Christian Speer diese Bücher nun erstmals für die Forschung erschließen.
Prof. Dr. Andreas Ranft
und Dr. Christian Speer
arbeiten an dem Projekt, das
Stadtbücher systematisch für
die Forschung erschließen
soll. (Foto: Maike Glöckner)
Es waren wohl Salzsieder, die beim Zahlen der Steuern säumig waren. Im städtischen Kämmereibuch,
das im Stadtarchiv Halle überliefert ist, findet sich
jedenfalls für das Jahr 1517 die Verordnung des Amtshauptmannes Hans von Peck, die besagt, dass diejenigen, die innerhalb von 14 Tagen nach dem 25. Januar
ihre Steuern dem Rat noch nicht gezahlt haben, aus
der Talstadt verwiesen werden. Ordnung muss sein.
Ein lebendigerer Einblick in das Leben einer mittelalterlichen Stadt lässt sich schwerlich finden, denn
Stadtbücher sind im Mittelalter und in der Frühen
Neuzeit das Rückgrat der kommunalen Verwaltung.
sc ient ia hal ensis 2 / 2016 f orsc hen und publ iz ier en
In einem Stadtbuch, lateinisch liber civitatis, sind alle
administrativen und rechtsrelevanten Angelegenheiten einer Stadt verzeichnet. Die Kodizes gehören daher zu den wichtigsten Quellen für Historiker: Listen
von Ratsmitgliedern, Privilegien, Ordnungen, Rechtssprüche oder Rechnungen, aber auch Steuersünden
und vieles mehr wurden dort verzeichnet.
„Mit Hilfe von Stadtbüchern lassen sich Phänomene wie Herrschaft und Verwaltung hervorragend
erforschen“, sagt Prof. Dr. Andreas Ranft, Historiker an der Universität Halle. Aber nicht nur die gesamte Verwaltungsgeschichte einer Stadt lässt sich
nachvollziehen, Kultur- und Kunsthistoriker sowie
Germanisten können ihre Quellen in kommunale
Kontexte – Löhne, Preise, Stadtratsentscheidungen,
Chronikalisches – einordnen, die bislang wenig bis
kaum beachtet wurden. Denn tatsächlich: Stadtbücher sind bisher wenig erforscht, da sie breit
gestreut überliefert, zum Teil nicht zugänglich und
daher bisher in Gänze kaum zu überblicken sind. Mit
ihrer Arbeitsgruppe wollen Andreas Ranft und sein
Projektkoordinator Dr. Christian Speer nun helfen,
diesen historischen Schatz zu heben. Dafür muss das
Team Grundlagenarbeit leisten. Die ist auch der DFG
so wichtig, dass sie aus ihrem Langfristprogramm
über zwölf Jahre hinweg insgesamt vier Millionen
Euro zur Verfügung stellt. Das passiert nicht oft.
Onlineverzeichnis Jahrhunderte alter Quellen
Im Februar dieses Jahres fiel der Startschuss für das
Großprojekt, in dem alle überlieferten Stadtbücher
überregional erfasst und systematisch aufbereitet
werden, um sie der Forschung zur Verfügung zu
stellen. „Hauptziel ist, eine komplette Datenbank
aufzubauen, mit deren Hilfe sich Stadtbücher aus
ganz Deutschland und sogar darüber hinaus ausfindig machen lassen“, erläutert Ranft. Dabei bauen die
Forscher auf einem Pilotprojekt auf, in dem ein bereits vorhandenes – in den 1980er Jahren in der DDR
zusammengetragenes – Stadtbuchverzeichnis überarbeitet, in die Datenbank übertragen und kommentiert wurde. Die Datenbank ist bereits unter www.
stadtbuecher.de direkt nutzbar. Ein erstes Angebot,
das abgerufen wird: „Wir verzeichnen steigende Zugriffszahlen aus aller Welt“, sagt Ranft.
Auch die Stadtbücher Halles sind in der Datenbank
zu finden. Im Stadtarchiv der Saalestadt sind immerhin 424 Exemplare aus verschiedenen Jahrhun-
derten überliefert. Ein besonders altes ist ein in
Leder gebundenes Kämmereibuch, dessen erster
Eintrag aus dem Jahr 1451 stammt. Notizen über
Kometenerscheinungen am Himmel finden sich
darin ebenso wie solche über die Gebühren für den
Totengräber und zur Entsorgung von Abfällen: So ist
ein Eintrag aus dem Jahr 1462 mit den Worten überschrieben: „Den pful und unflot sal man nicht uff
die gassen schoten“ – Unrat ist nicht auf der Straße
zu entsorgen. „Durch solche Einträge erhalten wir
schlaglichtartig sehr anschauliche Bilder aus dem
Leben jener Zeit“, sagt Ranft.
Der Stadtschreiber als zentrale Person
Häufig sind es kleinere Kommunen, in denen die
Historiker selbst unterwegs sind, um die Bestände zu
sichten. Nicht immer finden sie Dokumente, die ideal
gelagert werden. So entdeckte Stadtbuchexperte
Christian Speer in einer mitteldeutschen Kleinstadt
historische Quellen, unter denen sich auch das Fragment eines Stadtbuchs befand. Sie lagerten jahrzehntelang im Rathausturm unterhalb der Schießscharten,
verpackt zwar in Kartons, aber unter ungünstigen Bedingungen: Kälte, Staub und Luftfeuchtigkeit hatten
diesen Quellen bereits zugesetzt.
Von Nord- nach Süddeutschland wollen sich die Historiker in den nächsten Jahren vorarbeiten. So nehmen
sich zwei Doktoranden in einem ersten, auf drei Jahre
angelegten Teilprojekt die norddeutschen Bundesländer vor sowie Pommern und Schlesien – denn auch
weite Teile des zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert deutschsprachigen Raums östlich von Oder und
Neiße fließen in die Arbeit ein. „Ziel ist es auch, verschiedene Stadtbuchlandschaften zu erfassen, denn
es gibt verschiedene Traditionen von Stadtbüchern
und durchaus signifikante Unterschiede in der Praxis
der städtischen Verwaltung“, erklärt Ranft.
Diese Unterschiede spiegeln sich auch in der Person
des Stadtschreibers wider. Als oberster Verwaltungsbeamter der Kommune spielte er eine zentrale Rolle.
Er war sehr gut ausgebildet, wurde von den Ratsherren gewählt und blieb in aller Regel sehr lange im
Amt. „Das war ein einträglicher Posten, der hohes
Ansehen mit sich brachte und auch Einfluss“, sagt
Ranft und ergänzt: „Bei ihm liefen alle Fäden zusammen, rasch verfügte er damit über ein Herrschaftswissen, auf das ein jeder städtische Rat angewiesen
war.“ Welche Rolle genau ein Stadtschreiber im
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Geflecht der mittelalterlichen Kommune spielte und
was für Männer dieses Amt ausübten – auch das soll
im Lauf des Projekts untersucht werden. Eine Doktorandin Ranfts arbeitet bereits an diesem Thema.
Überhaupt sollen analytische Studien – Masterarbeiten, Promotionen oder Habilitationen – zu Fragen
der Genese, Praxis, Ausdifferenzierung, zu Wandel
und Struktur kommunaler Verwaltung im Mittelalter
und in der Frühen Neuzeit betrieben werden. Diese
gehören, neben dem weiteren Ausbau der Datenbank, zum wichtigsten Anliegen des Projekts.
Doch zurück zu den kleinen Orten. Im Gegensatz zu
Großstädten schlummerten dort Stadtbücher oft
wenig beachtet und lange unberührt in den Archiven. Gerade das macht sie für die Forschung interessant. Denn sie liegen in vielen Fällen lückenlos
vor und dokumentieren damit eine „eingefrorene
Situation“, wie Ranft bemerkt. Die Orte lagen oft
schon im Mittelalter etwas abseits und auch später
strategisch nicht sehr günstig. „Sie befanden sich
fernab großer Handelsstraßen und Verkehrswege.
Positiver Nebeneffekt dieses eigentlichen Nachteils:
Sie sind oft von größeren Kriegen verschont geblieben“, ergänzt Christian Speer. Und das hat einen
entscheidenden Einfluss auf die Anzahl und Art der
Überlieferungen: Denn wo kein Krieg tobt, gibt es
auch weniger Feuer. So konnte Christian Speer etwa
Neben Stadtbüchern, wie das
Hallische Kämmereibuch 1451
– 1541 (im Hintergrund),
finden die Historiker auch
Aushänge, wie die „Gesatzte
belonunge der widder kauff
briue Anno etc. Decimo“ – die
„Verordnung über die Höhe der
Zinsen bei Krediten“ aus dem
Jahr 1510, die wahrscheinlich
am oder im Rathaus öffentlich
sichtbar angeschlagen war.
(Foto: Maike Glöckner)
in Görlitz, das von Krieg oft verschont blieb, auf einen Fundus von rund 6.000 Stadtbüchern zugreifen.
Zum Vergleich: „In manchen Städten sind nur zwei
oder drei Stadtbücher erhalten geblieben.“
Gerade die Archive großer Städte haben oft ihre alten Stadtbücher in regelmäßigen Abständen
selbst vernichtet. „Makulieren“ nannte man diesen
Vorgang. Dabei wurden etwa im 19. Jahrhundert
Papierkodizes als Altpapier verkauft oder die Pergamentseiten alter Stadtbücher zu Leim verkocht – aus
heutiger Sicht ein Frevel, der nicht mehr wiedergutzumachen ist. Umso wichtiger ist es, die bisher
ungenutzten Quellen zugänglich zu machen. „Die
mittelalterliche Stadt ist der Nukleus für die heutige
Kommune und ihre Strukturen. Sie zu verstehen,
heißt auch, sich darüber bewusst zu werden, was für
eine Errungenschaft eine funktionierende Selbstverwaltung für das Gemeinwesen ist, die vor allem auf
dem Engagement und der Einsatzbereitschaft ihrer
Bürger beruht“, sagt Ranft.
Ines Godazgar
Kontakt: Prof. Dr. Andreas Ranft
Institut für Geschichte
Telefon: +49 345 55-24295
E-Mail: [email protected]
sc ient ia hal ensis 2 / 2016 f orsc hen und publ iz ier en
Biodiversität: DFG fördert iDiv weiter
Am iDiv erforschen
Wissenschaftler aus aller Welt
die globale Artenvielfalt.
(Foto: Stefan Bernhardt)
Zweite Runde für das Deutsche Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-JenaLeipzig: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft
(DFG) fördert das Zentrum für weitere vier Jahre
und erhöht die Fördersumme sogar um rund ein
Drittel auf 36,5 Millionen Euro. „Auf eine moderate
Erhöhung hatten wir gehofft. Aber wir hatten nicht
damit gerechnet, dass unsere neuen Vorschläge auf
so große Resonanz stoßen“, sagt Prof. Dr. Helge­
Bruelheide, Geobotaniker an der Uni Halle. Er
hat die Gründung des Zentrums 2012 maßgeblich
vorbereitet und ist seitdem einer der Co-Direktoren von iDiv. Die Uni Halle betreibt das Zentrum
gemeinsam mit der Friedrich-Schiller-Universität
Jena und der Uni Leipzig – sowie in Kooperation
mit dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung
(UFZ) und sieben weiteren Max-Planck- und LeibnizInstituten.
Die iDiv-Wissenschaftler erforschen das Feld der
globalen Artenvielfalt im Kleinen wie im Großen:
Dazu zählen Laborversuche im Reagenzglas, Feldexperimente weltweit oder auch die Analyse
von Satellitendaten. So haben die Forscher in der
ersten Phase etwa zwei separate Datenbanken
entwickelt. In „sPlot“ ist der Pflanzenbestand
von 1,1 Millionen Untersuchungsflächen aus der
ganzen Welt notiert. Die „TRY“-Datenbank enthält
Eigenschaften von über 100.000 Pflanzenarten.
„Mit den zusätzlichen Mitteln können wir die Datenbanken miteinander verknüpfen und globale
Karten dazu erstellen, welche Vegetationstypen
besonders produktiv sind, aber auch solche, die
zeigen, wie diese auf Klimaänderungen oder bio-
logische Invasionen reagieren“, erläutert Bruelheide. Seit seiner Gründung ist iDiv zu einem weltweit
führenden Forschungszentrum gewachsen. Mehr
als 700 wissenschaftliche Arbeiten haben seine
Mitglieder bereits publiziert – über 50 davon in
renommierten Journalen wie „Science“, „Nature“
oder „PNAS“. Viele dieser Publikationen sind im
Rahmen der Arbeit des Synthesezentrums „sDiv“
entstanden. Darin arbeiten iDiv-Wissenschaftler
mit Kollegen weltweit an aktuellen Themen der
Biodiversitätsforschung und veranstalten regelmäßig Arbeitstreffen und Workshops in Mitteldeutschland.
Die DFG-Gutachter lobten auch die internationale
Sichtbarkeit des Zentrums: Knapp 60 Prozent der
etwa 950 sDiv-Teilnehmer kamen aus dem Ausland. In der Graduiertenschule „yDiv“ (Young Biodiversity Research Training Group) finden sich viele
internationale Promovierende und fünf der acht
am iDiv neu geschaffenen Professuren sind international besetzt. In der zweiten Phase wollen die
Forscher auch stärker am Themenbereich „Biodiversität und Gesellschaft“ arbeiten. Damit solle, so
Bruelheide, das Thema stärker in die Gesellschaft
getragen werden und dort zu einem Umdenken im
Handeln führen. Tom Leonhardt
Kontakt: Prof. Dr. Helge Bruelheide
Institut für Biologie
Telefon: +49 345 55-26222
E-Mail: [email protected]
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„Nature“: Forscher entkräften Pflanzenökologie-Lehrsätze
Publikation:
Addition of multiple limiting
resources reduces grassland
diversity. W. Stanley Harpole
et al. Nature 2016, DOI:
10.1038/nature19324
Zwei etablierte Lehrsätze der Pflanzenökologie
haben in Bezug zur Artenvielfalt offenbar nur
begrenzte Gültigkeit. Zu diesem Ergebnis kommt
eine internationale Studie, an der auch Forscher
aus Halle und Leipzig beteiligt waren und die im
renommierten Fachjournal „Nature“ veröffentlicht
wurde.
Der erste Lehrsatz geht davon aus, dass der
knappste Nährstoff einer Wiese die Pflanzenvielfalt bestimmt: Die Pflanzen, die die begrenzte
Menge des Nährstoffs am effizientesten nutzen
können, haben einen Vorteil gegenüber den anderen Pflanzen. Langfristig nimmt die Artenvielfalt
also ab. Harpole und seine Kollegen fanden auf ihren Versuchsflächen jedoch bis zu 30 verschiedene
Arten innerhalb eines Quadratmeters.
Der zweite Lehrsatz beschreibt den Zusammenhang zwischen Dünger, Schatten und Artenvielfalt:
Das Pflanzenwachstum auf einer Wiese nimmt
nach einer Düngung zu. Dadurch gelangt weniger
Licht in die unteren Pflanzenschichten und folglich
verschwinden die Arten, die die stärkere Beschattung nicht tolerieren können. Die Experimente
der Forscher zeigten aber: Auf einem Drittel der
45 Untersuchungsflächen steigerte sich das Pflanzenwachstum durch die Düngung nicht. Folglich
gab es auch keine stärkere Beschattung. Nach drei
bis acht Jahren nahm die Artenvielfalt auf diesen
Flächen dennoch ab.
Die beiden Lehrsätze, so die Kritik der Forscher,
zielen auf eindimensionale Wechselbeziehungen
zwischen Einflussfaktoren und Pflanzenwachstum
ab. Diese seien aber nicht geeignet, um reale Systeme hinreichend zu beschreiben. Sie plädieren
daher für einen komplexeren Ansatz: „Wir müssen
multidimensional denken, wenn wir die Auswirkungen des globalen Wandels verstehen und vorhersagen wollen, da diese ebenfalls multidimensional
sind. Es ist die Vielfalt der Ressourcen, die die Vielfalt der Arten an einem Standort bestimmt“, sagt
Prof. Dr. Stanley Harpole, Erst-Autor der Studie,
abschließend.
tol
Biologen punkten mit Bienen-Studien
Publikationen:
Theodorou P. et al. 2016
Pollination services enhanced with urbanization
despite increasing pollinator
parasitism. Proc. R. Soc. B
20160561. DOI: 10.1098/
rspb.2016.0561
D. P. McMahon et al. 2016
Elevated virulence of an
emerging viral genotype as
a driver of honeybee loss.
Proceedings of the Royal
Society of London - Biological
Sciences 20160811, DOI:
10.1098/rspb.2016.0811
Bienen, so die halleschen Biologen in einer Studie, finden
in Städten bessere Lebensbedingungen.
(Foto: Maike Glöckner)
Die Wissenschaftler um den Biologen Prof. Dr. Robert Paxton haben gleich zwei viel beachtete Studien im internationalen Fachjournal „Proceedings
of the Royal Society of London B“ veröffentlicht.
In einer Publikation konnte eine Forschergruppe
der Universität und des Deutschen Zentrums für
integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) HalleJena-Leipzig zeigen, dass Hummeln in städtischen
Gebieten häufiger Pflanzen bestäuben als in eher
ländlichen Regionen. Und das, obwohl sie in der
Stadt vermehrt von Parasiten befallen werden, die
ihre Lebensdauer verkürzen können. Städte bieten
demnach trotzdem bessere Lebensbedingungen
für die Insekten als moderne landwirtschaftlich
genutzte Gebiete.
In einer zweiten Studie wiesen die Forscher nach,
dass eine genetische Variante des Flügeldeformationsvirus gefährlicher für Honigbienen ist als der
ursprüngliche Virenstamm. Die Variation tötet die
Bienen schneller und sei, so die Forscher, womöglich schon in weiten Teilen Europas verbreitet. Das
Flügeldeformationsvirus kann bei Bienen unter anderem zu verkrüppelten Flügeln führen. Wenn die
Varroa-Milbe – die als größter Bienenschädling gilt
– das Virus überträgt, kann die Infektion auf ganze
Bienenvölker übergehen.
tol
sc ient ia hal ensis 2 / 2016 f orsc hen und publ iz ier en
Aufklärungsforscher Hans Adler kommt nach Halle
Die Alexander von
H u m b o l d t- S t i f t u n g
ehrt den Germanisten
Prof. Dr. Hans Adler
von der University of
Wisconsin – Madison
mit dem HumboldtForschungspreis und
würdigt damit sein bisheriges wissenschaftliches Schaffen. Der Preis ist mit 60.000 Euro
dotiert. Hans Adler, der zu den profiliertesten
Aufklärungsforschern weltweit zählt, nutzt das
Preisgeld für mehrere Forschungsaufenthalte an
der Uni Halle. Gemeinsam mit seiner Gastgeberin,
Humboldt-Professorin Elisabeth Décultot, wird Adler die Edition der Werke des Philosophen Johann
Georg Sulzer vorantreiben, der als einer der wichtigsten Akteure der deutschsprachigen Aufklärung
gilt. Seit 2013 arbeiten beide zusammen an der
Edition der gesammelten Schriften des Schweizers
– einem Desiderat der Aufklärungsforschung. Der
erste Band erschien bereits 2014, in rascher Folge
werden weitere neun Bände folgen.
mab
Hans Adler (Foto: privat)
Projekt soll Koordination freiwilliger Helfer verbessern
Bei Hochwasser ist das Engagement freiwilliger Helfer wichtig und gefragt. Deren Selbstorganisation
über sozialen Medien stößt aber schnell an Grenzen. Werden tausende Freiwillige spontan aktiv,
führt das oft dazu, dass diese an überfüllten Orten
ankommen, während an anderen Stellen helfende
Hände fehlen. Das stellt auch die Behörden vor
Herausforderungen. Hier setzt das an Uni Halle koordinierte Projekt „KUBAS“, kurz für „Koordination
ungebundener vor-Ort-Helfer zur Abwendung von
Schadenslagen“, an: Mit drei Verbundpartnern soll
ein System entwickelt werden, das zwischen dem
Bedarf der Behörden und den Helfern zielgerichtet
vermittelt. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 1,8
Millionen Euro. Die entstehende Plattform soll Teil
der bereits bestehenden IT-Strukturen der Katastrophenschützer werden und für die freiwilligen Helfer
über ihre gewohnten Kommunikationskanäle, also
Soziale Netzwerke oder Apps, funktionieren. mab
Uni nimmt Hochleistungsrechner in Betrieb
Geballte Rechenkraft für riesengroße Datenmengen: Das IT-Servicezentrum (ITZ) der Universität
hat den neuen Hochleistungsrechner „Janus“ in Betrieb genommen. Das neue Rechencluster verfügt
über 48 Terabyte Arbeitsspeicher und kann auf bis
zu 6.560 Prozessorkerne zugreifen. Das entspricht
einer Leistung von 270 Computern. Mit dem Gerät können zum Beispiel Physiker, Chemiker oder
Informatiker extrem komplexe und datenintensive
Berechnungen durchführen. Das neue System hat
eine theoretische Rechenleistung von 260 Billionen
Gleitkommaoperationen pro Sekunde (TFLOPS)
und eine Festplattenkapazität von einem Petabyte,
also einer Million Gigabyte. Die Gesamtkosten für
die Neuanschaffung betragen 2,25 Millionen Euro.
Mit Hilfe des Hochleistungsrechners „Janus“ können
Wissenschaftler komplizierte
Berechnungen durchführen.
(Foto: Markus Scholz)
Jeweils die Hälfte der Mittel stammt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Land
Sachsen-Anhalt.
tol
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KONTEXT
Die Gen-Schere CRISPR/Cas9
Die Gen-Schere „CRISPR/Cas9“ gilt als revolutionäre Entdeckung für die Biowissenschaften. Noch nie war es so
einfach, das Erbgut von Pflanzen, Tieren oder Menschen zu verändern. Dr. Johannes Stuttmann vom Institut für
Biologie ordnet die Technik sowie ihre Vor- und Nachteile ein.
Das Erbgut, die DNA,
lässt sich mit Gen-Scheren
gezielt verändern.
(Foto: Colourbox.com)
Bei der biotechnologischen Anwendung besteht ein
CRISPR/Cas9-System aus wenigen Komponenten. Da
ist zum einen das Protein Cas9, das stets vorhanden
sein muss. Dieses fungiert als Schere, welche DNA
an einer bestimmten Stelle schneidet. Hinzu kommt
als variable Komponente die Guide-RNA, welche das
Cas9-Protein an eine bestimmte Stelle im Genom
dirigiert, um dort zu schneiden. Die Guide-RNA kann
ich verändern und damit Cas9 auf neue Zielsequenzen umprogrammieren. Dabei folgt die Ansteuerung
von Zielsequenzen den gleichen Regeln, welche
auch in der doppelsträngigen DNA Anwendung
finden: Diese besteht aus den Bausteinen A, G, C
und T, wobei sich in einem Doppelstrang stets A-T
bzw. G-C gegenüberliegen und kontaktieren. Um ein
bestimmtes Gen anzusteuern, muss man nur die Sequenz kennen. Je nach verwendetem System lassen
sich Gene aber nicht nur kaputtschneiden, sondern
auch aktivieren oder deaktivieren, ohne dabei eine
tatsächliche Veränderung am Erbgut vorzunehmen.
sc ient ia hal ensis 2 / 2016 f orsc hen und publ iz ier en
Wurde in der DNA ein Schnitt gesetzt, so kommt es in
der Zelle anschließend zur Reparatur. Dafür existieren
zwei konkurrierende Mechanismen: Im einfachsten
Falle werden die freien Enden wieder zusammengeklebt. Dabei passieren meist kleine Fehler, wodurch ein
Gen zerstört werden kann. Alternativ kann eine Matrize, also ein DNA-Fragment mit gleicher oder ähnlicher
Sequenz, zur Reparatur herangezogen werden. Diesen
Mechanismus kann man sich zu Nutze machen, um
„neues“ Erbgut an einer bestimmten Stelle einzufügen,
oder ein defektes Gen zu korrigieren.
Die Herstellung einer mit CRISPR/Cas gezielt veränderten Pflanze ist prinzipiell relativ einfach. Zunächst
muss ich das angepasste CRISPR/Cas-System in die
Pflanze bringen. Zu diesem Zweck kann man das Agrobacterium einsetzen, welches von Natur aus Teile
seines Erbmaterials in Pflanzenzellen übertragen
kann. An Stelle dieses Erbmaterials setzt man nun
das CRISPR/Cas-System. Bei Pflanzen sind alle Zellen
totipotent, das heißt theoretisch kann jede einzelne
Zelle wieder einen kompletten Organismus bilden.
Tatsächlich schneide ich also von meiner Pflanze ein
paar Blatt- oder Sprossstückchen ab, behandle diese
mit meinen Bakterien und versuche dann, aus den
Stückchen wieder komplette Pflanzen mit Spross und
Wurzel zu züchten. Die CRISPR-Komponenten werden
dann von der Pflanzenzelle selbst hergestellt und so
kann es zur Modifikation der Zielsequenz im Erbgut
der Pflanze kommen. Unter diesen Pflanzen suche
ich dann nach Individuen, in welchen die gewünschte
Veränderung stattgefunden hat.
Zur Nutzung der CRISPR-Technologie in der Medizin
müssen natürlich ganz andere Wege begangen werden. Doch häufen sich vielversprechende Berichte: Zahlreiche Krankheiten lassen sich mit CRISPR
vielleicht besser therapieren oder gar heilen. Die
Duchenne-Muskeldystrophie ist zum Beispiel eine
unheilbare und final tödiche Muskelkrankheit. In
Versuchen mit Mäusen hat man die Tiere mit einem
CRISPR-Konstrukt behandelt. Dadurch hat man den
Defekt in einem gewissen Anteil der Zellen korrigieren können. Das hat schon ausgereicht, dass
die Mäuse wesentlich länger lebten. Vergleichbare
Ansätze bei Menschen werden aktuell durch Zulassungsbehörden geprüft und mit großer Hoffnung
von Betroffenen erwartet.
Durch CRISPR können aber auch sogenannte „offtarget“ Effekte auftreten. Das sind weitere, unerwünschte Veränderungen des Erbguts in Bereichen,
welche der eigentlichen Zielsequenz sehr ähnlich
sind. Wenn wir in der Grundlagenforschung einen
Organismus modifizieren, ist das weitestgehend
egal. Wir überprüfen das Genom der veränderten
Pflanzen nicht vollständig. Würde tatsächlich ein
Produkt beispielsweise zur Nutzung in der Landwirtschaft hergestellt, was aktuell ohnehin verboten
bleibt, müsste dieses natürlich weitere Prüfungen
durchlaufen. Unterm Strich können jedoch zusätzliche, unbeabsichtigte Veränderungen nie vollständig
ausgeschlossen werden.
Andererseits: Was passiert bei der klassischen
Züchtung? Durch Kreuzungen werden tausende
von Genen aus verschiedenen Genomen gemischt.
Die Konsequenzen kann man unmöglich voraussagen. Wenn man an einer bestimmten Stelle eine
gezielte Modifikation vornimmt und es dabei mit
geringer Wahrscheinlichkeit zu ein, zwei weiteren
Modifikationen kommt – dann ist das meiner Meinung nach wesentlich kontrollierter und auch kontrollierbarer als jegliche Kreuzung, aber das ist eine
Glaubensfrage.
Protokoll: Tom Leonhardt
Dr. Johannes Stuttmann ist seit August 2012 Forschungsgruppenleiter
in der Abteilung für Pflanzengenetik bei Prof. Dr. Ulla Bonas. In seiner
Arbeit beschäftigt er sich unter anderem mit der Herstellung genetisch
veränderter Pflanzen. (Foto: Ralph Stuttmann)
KONTAKT
Dr. Johannes Stuttmann
Institut für Biologie / Genetik
Telefon: +49 345 55-26345
E-Mail: [email protected]
In der Rubrik „KONTEXT“ setzen sich Wissenschaftler der MartinLuther-Universität mit
einem aktuellen Thema
aus ihrem Fach auseinander, erklären die Hintergründe und ordnen es in
einen größeren Zusammenhang ein.
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f orsc hen und publ iz ier en sc ient ia hal ensis 2 / 2016
neu erschienen
Historiker entzaubern die Helden der Aufklärung
Demokratie, Menschenrechte, Toleranz – die Ursprünge unserer heutigen Werte und Normen
sind in der Aufklärung zu suchen, heißt es meist.
Aber waren die großen Denker des 18. Jahrhunderts ihrer Zeit tatsächlich so weit voraus? Waren
sie frei von den damals weitverbreiteten Auffassungen, die wir heute als rassistisch, sexistischen
oder kolonialistische empfinden? – Das waren sie
nicht, sagen Prof. Dr. Andreas Pečar und Dr. Damien Tricoire in ihrem Buch „Falsche Freunde“. Mit
ihrer Streitschrift wenden sich der Professor für
die Geschichte der historischen Neuzeit und sein
wissenschaftlicher Mitarbeiter gegen einen aktuellen Trend in der Aufklärungsforschung: Die alten
Schriften werden heute stets mit den Maßstäben
der Moderne gemessen; dabei seien eine urteilsfreie Distanz und die wissenschaftliche Einordnung
beck kompakt
Die kleinen Erfolgsratgeber
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06108 Halle
in den historischen Kontext unbedingt erforderlich. Ganz gleich, wie vertraut uns viele Begriffe
und Konzepte von Aufklärern sein mögen – genauer betrachtet sind sie uns heute fremd, schreiben
Pečar und Tricoire. In sechs Kapiteln analysieren
sie die Texte berühmter Denker wie Voltaire, Hume
und Kant und die darin enthaltenen Vorstellungen
von Toleranz, Rassen, Sklaverei oder dem Frauenbild. Dabei entzaubern sie den ein oder anderen
„Propheten der Moderne“ und liefern dem Leser
zugleich einen aufschlussreichen Blick in eine Zeit,
über die noch längst nicht alles gesagt ist.
cb
Andreas Pečar, Damien Tricoire: Falsche Freunde.
War die Aufklärung wirklich die Geburtsstunde der
Moderne? Frankfurt / M. 2015, 231 S., 24,90 Euro,
ISBN: 978-3-5935-0474-2
sc ient ia hal ensis 2 / 2016 f orsc hen und publ iz ier en
Vom konstruktiven Potenzial der Fremdheit
Das Fremde und das Eigene – ewiger Widerspruch
oder wunderbare Chance für eine globale Symbiose
mit Zukunft? Eine Tagung zum Forschungsschwerpunkt „Gesellschaft und Kultur in Bewegung“ an der
Uni Halle ging im Sommer 2013 dieser Frage nach;
nun erschien der Tagungsband. Elf Wissenschaftler,
sechs von ihnen in Halle lehrend und forschend,
analysierten diverse Aspekte des Phänomens der
Fremdheit – relevant für Soziologen, Philosophen, Pädagogen, Ökonomen, Juristen, Kommunikations- und
Kulturwissenschaftler, Journalisten sowie für jeden
von uns – und legten ihre Erkenntnisse dar.
Globalisierung versus Nationalstaatlichkeit in Theorie
und Praxis, im psychosozialen, ethischen und kulturellen Kontext, das provoziert Fragen, löst diffuse oder
konkrete Ängste aus, erfordert genaue Erkundung der
Gefahren potenziell destruktiver Elemente und der
optimalen Nutzung konstruktiver Impulse, die jeder
Form von Fremdheit und Befremdung innewohnen.
Im Fokus der Forschungen stehen die Auswirkungen, auch aktueller Flüchtlingsströme weltweit, auf
Bildung und Erziehung sowie im juristischen Diskurs,
ihre Widerspiegelung in Literatur und Kunst, in Literatur- und Kulturtheorie, ebenso die Bedeutung
des Reisens, einst und jetzt. Wie kann Erfahrung mit
dem Fremden produktiv werden, im Idealfall für alle
Beteiligten? Das gilt es zu lernen! Das Resultat wäre
wohl gelingende Integration – ohne die Globalisierung nicht erfolgreich sein wird. Sehr detaillierte
Literaturverzeichnisse am Ende jedes Beitrags halten
eine Fülle von Leseempfehlungen für alle einschlägig
interessierten Leser bereit.
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Ralph Buchenhorst (Hg.): Von Fremdheit lernen. Zum
produktiven Umgang mit Erfahrungen des Fremden im
Kontext der Globalisierung (Reihe Global Studies) Bielefeld 2015, 306 S., 34,99 Euro, ISBN 978-3-8376-2656-8
(auch als E-Book erhältlich: ISBN 978-3-8394-2656-2)
WEITERHIN SIND ERSCHIENEN:
• Martina Dömling, Peer Pasternack: Studieren und bleiben. Berufseinstieg internationaler HochschulabsolventInnen in Deutschland. Wittenberg 2015, 98 S., 10 Euro, ISBN: 978‐3‐937573‐49‐6
• Uta Eichler, Arne Moritz (Hg.): Ethik kompetenzorientiert unterrichten II. Eine Konzeption für
die Klassen 9/10 mit kopierbarem Unterrichtsmaterial. Göttingen 2016, 159 S., 35 Euro, ISBN:
978-3-52578-003-9
• Robert Fajen: Amüsement und Risiko. Dimensionen des Spiels in der spanischen und italienischen Aufklärung. Halle 2015, 104 S., 10 Euro, ISBN: 978-3-95462-576-5
• Günter Mühlpfordt, Erich Donnert (Hg.): Baltische Geschichte: Esten, Letten und Litauer unter
fremden Mächten. Von der Frühzeit bis zu Beginn der nationalen Befreiungsbewegung. Halle
2016, 320 S., 29,95 Euro, ISBN: 978-3-95462-688-5
• Andreas Pečar, Holger Zaunstöck, Thomas Müller-Bahlke (Hg.): Wie pietistisch kann Adel sein?
Hallescher Pietismus und Reichsadel im 18. Jahrhundert. In: Quellen und Forschungen zur Geschichte Sachsen-Anhalts, Bd. 10. Halle 2016, 176 S., 25 Euro, ISBN: 978-3-95462-703-5
• Florian Steger, Maximilian Schwochow: Traumatisierung durch politisierte Medizin. Geschlossene Venerologische Stationen in der DDR. Berlin 2016, 255 S., 29,95 Euro, ISBN: 978-3-95466240-1
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f orsc hen und publ iz ier en sc ient ia hal ensis 2 / 2016
Gene zum Klingen bringen
Der hallesche Biologe Martin S. Staege kann mit Genen Musik machen. Das erinnert dann zwar vom Klang her
teilweise eher an Avantgarde-Musik, aber es geht hierbei weniger um Fragen der Ästhetik, als darum, Unterschiede
zwischen verschiedenen biologischen Objekten hörbar zu machen.
Publikation:
Staege, M. S. A short
treatise concerning a musical
approach for the
interpretation of gene
expression data. Sci. Rep.
5, 15281; doi: 10.1038/
srep15281 (2015).
Die Musikstücke sind kurz, häufig nicht mal eine Minute lang. Die Melodien sind eher frei, tiefe und hohe
Töne wechseln sich mitunter rasant ab – harmonisch
klingen sie häufig nicht, die Stücke von Martin S. Staege, die er mit Hilfe von Gendaten erstellt hat. „Mich
erinnert das ein wenig an Musik des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts“, sagt die Musikwissenschaftlerin Dr. Christine Klein, die in Halle Musiktheorie und
Gehörbildung lehrt. Beim ersten Hören weiß sie noch
nicht, wie die Lieder entstanden sind. Sie hätten aber
eine gewisse Ähnlichkeit mit serieller oder avantgardistischer Musik. Nach einem Blick in die Notenblätter fällt sie ihr erstes Urteil: „Gar nicht so schlecht.“
Als sie erfährt, dass die Noten aus biomedizinischen
Daten gewonnen wurden, lacht sie kurz und sagt:
„Das ist eine schöne Idee, Wissenschaft und Kunst
so miteinander zu verbinden!“
Die Stücke, die Klein gehört hat, stammen aus einer
Arbeit von Martin S. Staege, die im Journal „Scientific Reports“ des renommierten Nature-Verlags
erschienen ist. „Man kann die Stärke der Expression
von Genen in Tonhöhe und Tonlänge umsetzen, um
Melodien zu erzeugen“, sagt der vor kurzem zum
außerplanmäßigen Professor an der Medizinischen
Fakultät Halle ernannte Biologe.
Staege leitet das Forschungslabor der Universitätsklinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin und
forscht vor allem im Bereich der Genexpressionsanalyse von Tumorerkrankungen bei Kindern und deren
Immuntherapie. Er untersucht also, wie genetische
Informationen in Zellen umgesetzt werden. Seit
2001 führt er hier auch sogenannte MicroarrayUntersuchungen durch, mit denen aus kleinen Probenmengen in kurzer Zeit Analysen zur Erfassung der
Genexpression möglich sind. Inzwischen verfüge man
über umfangreiche Datensätze zu den unterschiedlichen Tumortypen. Und deren Genexpression ergibt,
übersetzt in Musik, unterschiedliche Melodien.
„Ich beschäftige mich auch außerhalb des Labors mit
Musik, spiele unter anderem Klavier und Spinett“,
erklärt der Wissenschaftler seine Affinität zu dem
Thema. Der ungewöhnliche akustische Ansatz zur
Analyse von Genexpressionsdaten könne dazu dienen, die Tumorforschung um einen neuen Aspekt zu
bereichern. Die generierten Melodien lassen sich als
Noten darstellen und aus dem jeweiligen Notenbild
lässt sich die Stärke der Genexpression ablesen. „Neben der akustischen gibt es also auch eine neue optische Darstellungsmethode“, sagt er. Die Melodien
lassen sich dadurch auch auf Instrumenten spielen.
Da die Melodien allerdings oft relativ abstrakt sind,
ist eine elektronische Erzeugung naheliegend.
Normalerweise müsse man sich die zugrunde liegenden Daten wie Zahlenkolonnen vorstellen, aus
denen dann die Gene rausgefiltert werden, die
einen interessieren, sagt Staege. Die Idee sei dann
gewesen, die Informationen akustisch darzustellen.
Eine hohe Genexpression könne zum Beispiel durch
einen hohen oder einen langen Ton dargestellt werden. „Mir erschien es zunächst am sinnvollsten, die
Stärke der Expression in der Frequenz eines Tones
zu kodieren“, sagt er. Der Bereich der Frequenzen
sei dabei üblicherweise so gewählt, dass er der Klaviertastatur entspricht.
„Am Anfang habe ich die notwendigen Berechnungen in Excel entwickelt und programmiert“, erzählt
Staege. Als hilfreich erwies sich der Kontakt zum
halleschen Bioinformatiker Konstantin Kruse, der
Ratschläge zur Umwandlung der erzeugten Tonfrequenztabellen in abspielbare Musikdateien am
Computer beisteuern konnte. „Zum Schluss wurde
der Algorithmus aufgrund von Gutachterwünschen
in der Programmiersprache R geschrieben“, so der
Forscher weiter. Das R-Script wurde als Anhang zu
der Arbeit in „Scientific Reports“ veröffentlicht und
kann leicht verändert werden.
sc ient ia hal ensis 2 / 2016 f orsc hen und publ iz ier en
Das Programm, so Staege, benötige die Angaben,
welcher der tiefste Ton sein soll, in wie viele Tonstufen die Oktave geteilt werden soll und wie viele Tonstufen es insgesamt geben soll. Dadurch werde der
höchste Ton definiert. Zusätzlich müsse man zudem
festlegen, wie viele Töne das Programm erzeugen
soll. Das Programm suche sich dann die Gene, bei
denen die Variabilität am höchsten sei. „Diese Gene
können dann zum Beispiel auf verschiedene Tumortypen hinweisen“, sagt der Biologe. Die Hoffnung,
dass man Unterschiede, die nicht zu sehen sind,
zumindest hören könnte, hat sich allerdings noch
nicht konkret bestätigt. Insgesamt seien noch viele
Aspekte dieser Methode unerforscht.
Das Problem war am Ende nicht, die Töne aus den
Datensätzen zu erzeugen, sondern diese Tonbeispiele dann auch in einer publizierbaren Form zu
speichern. Mittlerweile sind die Melodien als MP3Dateien in der „Petrucci Music Library“ eingestellt,
einer Musik-Bibliothek, in der man sie sich auch
anhören kann. Die ist aber weniger für Biologen
und ihre ungewöhnlichen Ideen angelegt, sondern
für eher „konventionelle“ Musik. Doch auch das ist
kein Problem, denn dementsprechend ist Staege
dort nicht als Biologe registriert, sondern eben
als Komponist. Die Grenze von Wissenschaft und
Kunst ist hier in gewisser Weise unscharf. Martin
S. Staege glaubt zudem, dass die bisher verwirk-
lichte Variante des „Gene Expression Music Algorithm“ nicht die letzte sein wird. Mehrstimmigkeit
biete hier beispielsweise interessante zusätzliche
Möglichkeiten. „Es können darüber hinaus auch
bekannte Melodien als Modell verwendet werden
und die Eigenschaften einer Probe dementsprechend als eine Abweichung von der Referenz-Melodie dargestellt werden. Die Analyse funktioniert
damit überraschend gut, wie die Arbeit in Scientific
Reports zeigt“, sagt er.
Als bloße Spielerei würde auch Christine Klein die
Musikstücke nicht bewerten: „Bei zeitgenössischer
Musik geht es meiner Meinung nach um das kreative Umgehen mit den Tönen, die Idee steht im
Vordergrund.“ Und diese sei im Fall der Genmusik sehr plausibel. Die Forscherin geht sogar noch
einen Schritt weiter: „Wenn man die Stücke noch
etwas bearbeiten und zum Beispiel um eine Mehrstimmigkeit ergänzen würde, dann könnte ich mir
sogar ein Konzert mit diesen Liedern vorstellen!“
Cornelia­ Fuhrmann
Kontakt: apl. Prof. Dr. Martin S. Staege
Universitätsklinik und Poliklinik für Pädiatrie I
Telefon: +49 345 55-72388
E-Mail: [email protected]
Martin S. Staege zeigt am
Laptop, wie eine Melodie
aussehen kann, wenn Genexpressionsdaten in Musik
umgesetzt werden.
(Foto: Fotostelle UKH)
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personal ia sc ient ia hal ensis 2 / 2016
pers on al i a
In der Sammlung zu Hause
Schildkröten, Bisons und Rüsselkäfer: Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Dr. Karla Schneider mit Tierpräparaten,
die bis zu 230 Jahre alt sind. Die Kustodin der Zoologischen Sammlung liebt ihren Job, weil er Hobby und
Beruf verbindet.
Kustodin Karla Schneider in
der Zoologischen Sammlung
am Domplatz.
(Foto: Markus Scholz)
Ein weißer Kittel hängt an der Tür zum Büro von Karla
Schneider im denkmalgeschützten Magazingebäude
am Domplatz 4. Die Kustodin der Zoologischen Sammlung nennt ihr Büro liebevoll Rumpelkammer, obwohl
alles seinen Platz hat. Bestimmungsbücher stehen
ordentlich aufgereiht in einer alten, großen Vitrine,
daneben Regale mit Ordnern und Schachteln. Aus
ihrem Computer ist Vogelzwitschern zu hören, das
gedämpfte Licht und die Sonnenstrahlen, die durch
die Jalousien blitzten, vermitteln fast das Gefühl eines Arbeitsplatzes im Wald. Um Tiere und manchmal
Pflanzen geht es auch in Karla Schneiders Beruf. Seit
mehr als 20 Jahren betreut die Biologin zuerst die
Entomologische Sammlung – also die der Insekten –
und seit 2011 die gesamte Zoologische Sammlung der
Universität. Fischtrockenexponate oder SüßwasserSchnecken: Fast zweieinhalb Millionen Präparate mit
einer bis zu 230-jährigen Geschichte beherbergt die
Sammlung. Als Kustodin kümmert sich Schneider um
den Bestand, ordnet und erweitert ihn. Wissenschaftler aus aller Welt besuchen die Schau- und Lehrsammlungen ebenso wie Schüler aus Halle.
sc ient ia hal ensis 2 / 2016 personal ia
Karla Schneider liebt ihren Job. „Ich hatte großes
Glück, als ich 1994 gefragt wurde, ob ich die Entomologische Sammlung der Uni leiten wolle. Da
musste ich gar nicht lange überlegen. Das war die
einmalige Chance, Hobby und Beruf zusammenzubringen.“ Und eine neue Aufgabe. Nach ihrem
Biologiestudium in Halle arbeitete Schneider zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der
Pädagogischen Hochschule, war in der Lehre tätig
und sollte das Fachgebiet der Geschichte der Biologie übernehmen. „Die Arbeit als Kustodin war mir
aber nicht völlig fremd. Ich habe schon immer Tiere
bestimmt, nur der Rahmen wurde größer. Und das
hat Spaß gemacht, es ist jeden Tag etwas Neues
dazugekommen“, erzählt sie. So viel Enthusiasmus
hat aber auch Nachteile: „Weil man immer kein Ende
findet. Deshalb habe ich auch noch keinen Computer zu Hause.“ Viel lieber nutzt Karla Schneider ihre
Freizeit zum Basteln, Lesen, Wandern und Reisen gemeinsam mit ihrem Mann oder mit Freunden. „Mein
Lieblingskontinent ist Afrika. Schon zu DDR-Zeiten
wollte ich die Serengeti und andere Savannen sehen, den Regenwald und den Kilimandscharo. Nach
der Wende war das meine erste Reise, die Erfüllung
eines großen Traumes.“
Auch ihr Garten in Lettin birgt jede Menge Beobachtungsmaterial. „Ich mag keine akkuraten Gärten,
bei mir darf erstmal alles vor sich hin wachsen. Die
Menschen beschweren sich, dass es kaum noch
Schmetterlinge und Insekten gibt, aber wo sollen sie
auch herkommen, wenn keine Blüten mehr vorhanden sind?“ Deshalb hat Karla Schneider auch einen
breiten Streifen Brennnesseln hinter der Garage.
„Die benötigen viele Schmetterlinge als Futterpflanze für ihre Raupen.“
Schon in ihrer Kindheit im Erzgebirge in Oberwiesenthal hat Schneider viel Zeit in der Natur verbracht
und alles genau beobachtet. „Als ich klein war, hatte
mein Opa einen Garten, in dem habe ich diverse
Experimente durchgeführt – zum Beispiel Blumenzwiebeln zerschnitten und wieder neu zusammengesetzt“, sagt sie und lacht. Eine neue Sorte ist daraus
nicht entstanden, vielmehr die Faszination für Pflanzen und Tiere. Besonders für Rüsselkäfer, denn über
die hat sie ihre Dissertation geschrieben.
Heute arbeitet sie als Spezialistin für diese Käfergruppe an der Bestandssituation, an der Roten Liste
sowie an Arten- und Biotopschutzprogrammen in
Sachsen-Anhalt. „Seit 2012 beschäftige ich mich
auch intensiv mit Wölfen und das Schöne daran
ist: Es ist ein weiteres sehr interessantes Arbeitsgebiet.“ Aber als Expertin will sie nicht bezeichnet
werden. „Ich kann nicht Spezialistin für alle Tiere
sein. Ich bin Biologin und Zoologin, die sich auf
einige Käferfamilien, Schnecken, Muscheln und ja,
auch ein wenig auf Säugetiere spezialisiert hat.“
Ihr Wissen ist nicht nur in Radio- oder Fernsehbeiträgen gefragt. „Ich bekomme auch viele Anfragen
aus der Bevölkerung – bis zu einhundert E-Mails im
Jahr mit Fotos und der Frage, was das für ein Tier
sei. Meist kann ich sie schnell beantworten, weil es
heimische Tiere sind.“
„Ich kann nicht Spezialistin
für alle Tiere sein.“
Dr. Kar l a Sc hneider
In Bestimmungsübungen und Präparationskursen
schult sie außerdem angehende Lehrer und Biologen. Schneider ist es sehr wichtig, dass sie die heimische Tierwelt kennen und bestimmen können. Auch
Schulklassen können am Domplatz 4 Tierpräparate
bestaunen. „Meist behandeln die Klassen gerade ein
bestimmtes Thema in der Schule und ich suche die
passenden Präparate heraus.“ Fast genauso lange
wie Karla Schneider als Kustodin arbeitet, ist sie als
Gleichstellungsbeauftragte tätig. Ab 1995 in der
Fakultät, später als Stellvertreterin der Gleichstellungsbeauftragten der Universität.
In drei Jahren geht Schneider in Rente und sie freut
sich darauf. „Wir haben die Möglichkeit als Gastwissenschaftler in der Sammlung zu arbeiten und ich
weiß schon jetzt, dass ich wieder hier sein werde.
Und endlich all das machen kann, wozu ich noch
nicht gekommen bin. Bestimmte Präparate müssen
noch sortiert und in eine Datenbank aufgenommen
werden.“ Ihren weißen Kittel wird sie also noch
lange nicht an den Nagel hängen. Nur um einen
Ausstellungschrank wird sie auch in Zukunft einen
Bogen machen: Um den mit den Spinnentieren. Die
mag sie nämlich nicht.
Sarah Huke
Kontakt: Dr. Karla Schneider
Zentralmagazin Naturwissenschaftlicher
Sammlungen
Telefon: +49 345 55-26444
E-Mail: [email protected]
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personal ia sc ient ia hal ensis 2 / 2016
„Genscher half, Türen zu öffnen“
Bis zu seinem Tod Ende März 2016 war Hans-Dietrich Genscher der Universität Halle eng verbunden. Im Jahr
1946 hatte der wohl bekannteste Hallenser und Bundesaußenminister a. D. hier sein Jura-Studium begonnen. Insbesondere nach 1990 setzte er sich aktiv für seine Alma Mater ein. Im Interview erinnert sich Prof. Dr. Günther
Schilling, von 1990 bis 1993 erster Rektor der Uni Halle nach der politischen Wende, an einen außergewöhnlichen
Politiker und sein Wirken für die Hochschule.
Für sein Engagement für die
Universität Halle verlieh
Rektor Günther Schilling
(rechts im Bild) Hans-Dietrich
Genscher 1992 die Ehrensenatorwürde. (Foto: Uni Halle)
Erinnern Sie sich noch daran, wie Ihr erster Kontakt
zu Hans-Dietrich Genscher zustande kam?
Günther Schilling: Wenn man so will, war dabei
auch der Zufall im Spiel. Genscher sollte im Mai
1991 die Ehrendoktorwürde der staatlichen University of South Carolina in Columbia, der Hauptstadt
des US-Bundesstaats South Carolina, erhalten. Von
amerikanischer Seite hatte man ihm signalisiert, er
könne sich bei seiner Reise anlässlich der Verleihung
von einer deutschen Delegation begleiten lassen.
Im Wesentlichen war er es, der auf die Idee kam,
einen Theologen und mich als Rektor seiner Alma
Mater mit dorthin zu nehmen. Die Einladung hat
mich natürlich sehr gefreut. Sie war der Auftakt für
viele weitere und enge Kontakte.
Welche Erinnerungen haben Sie an diese erste
Begegnung?
Bevor wir nach Columbia geflogen sind, verbrachten wir noch einige Tage in New York und Washington. Genscher war von Anfang an sehr offen. Obwohl er ja nur drei Jahre älter war als ich, habe ich
ihn durch seine Ausstrahlung eher als väterlichen
Freund empfunden. Beeindruckt hat mich, wie er
Gespräche führte: Er war immer locker, trotzdem
war alles, was er sagte, gut durchdacht. Er war stets
um Ausgleich bemüht und nie auf direkte Konfrontation aus. Das war seine absolute Stärke. Und oft
endete ein Gespräch mit einer kleinen Anekdote
oder einem Wortwitz.
Können Sie Beispiele für Genschers Wirken an der
Universität Halle nennen?
Die Tatsache, dass er der Stadt Halle und der MartinLuther-Universität stets zugetan war, äußerte sich
sehr konkret. Er kanalisierte materielle Hilfen, die
sc ient ia hal ensis 2 / 2016 personal ia
sonst zwar auch irgendwo in den Osten geflossen
wären, aber eben nicht unbedingt nach Halle. Ein
Beispiel dafür war die großzügige Schenkung einer
US-amerikanischen Kasernenbibliothek aus dem
schwäbischen Göppingen. Im März 1992 erhielten
wir von dort 16.000 Bände unterschiedlicher wissenschaftlicher Fachgebiete für unsere Universitätsund Landesbibliothek. Er hatte mit dem ihm eigenen
diplomatischen Geschick dafür gesorgt, dass die
Universität Halle als neue Besitzerin für diesen Bestand in Frage kam.
Wie konnte Genscher auf der politischen Bühne
helfen?
Die Erneuerung der Universität war das große Thema jener Zeit. Es galt, neue Strukturen sachlicher
und personeller Art aufzubauen, die Demokratisierung voranzutreiben, die Freiheit des wissenschaftlichen Denkens zu garantieren und die Internationalisierung der Universität voranzutreiben. Wir
hatten damals über 70 Studiengänge, deren Inhalte
überprüft und angepasst werden mussten. Dabei
galt es per Gesetz, alle Einrichtungen und Studiengänge abzuwickeln, die zu DDR-Zeiten die Ideologie des Marxismus-Leninismus verbreitet hatten.
Genscher hat diesen Prozess durch Gespräche
begleitet. Er war ein guter Zuhörer. Und es gelang
ihm, sich in sein Gegenüber hineinzudenken. Er war
einfach Diplomat durch und durch.
Aber er fand ja offenbar auch klare Worte, wie ein
Beispiel aus Ihrer Zeit als Rektor zeigt.
Ja, das stimmt. Ich erinnere mich an das Jahr 1991.
Damals stand eine neue Spar-Runde an der Universität Halle an. Das für uns zuständige Landesministerium für Kultur und Wissenschaft in Magdeburg hatte einige Tage zuvor bekanntgegeben,
dass wir innerhalb weniger Monate weitere 1.000
Stellen abbauen sollten. Zu dieser Zeit – im Juni
1991 – wurde Genscher gerade die Urkunde als
Ehrenbürger der Stadt Halle verliehen. Als Rektor
war ich auch zur Festveranstaltung eingeladen und
saß mit Genscher an einem Tisch. Ich erzählte ihm
von den Nachrichten aus Magdeburg und sagte,
dass ich mich auf harte Verhandlungen einstellen
würde und auch, dass die verlangte Stellenkürzung mit großen Risiken für den Fortbestand der
Uni verbunden sei. Kurz nach unserem Gespräch
entschuldigte sich Genscher und wechselte an den
Nachbartisch, wo Gerd Gies, der damalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, saß. Die beiden
waren dann längere Zeit in ein Gespräch vertieft.
Ich weiß bis heute nicht, worüber sie gesprochen
haben. Aber ich glaube, es war kein Zufall, dass am
nächsten Tag ein Fernschreiben aus Magdeburg bei
uns im Rektorat ankam, in dem man die beabsichtigte Stellenkürzung zurücknahm.
Wusste man Genschers Hilfe an der Universität zu
schätzen? Wie hat man sich bedankt?
Ich denke, es war allen Akteuren jener Zeit klar,
was Genscher für uns getan hat. Nicht zuletzt deshalb ist ihm 1992 die Ehrensenatorwürde verliehen
worden. Eine Auszeichnung, die bisher nur wenige
Persönlichkeiten erhalten haben, so etwa Halles
ehemaliger Bürgermeister Richard Robert Rive, der
Bankier Heinrich Lehmann oder auch die Schwedin
Elsa Brändström. Und Genscher hat sich damals sehr
darüber gefreut. Er fand auch die Talare gut, die
wir zu besonderen Anlässen wieder trugen. Vor der
Verleihung kam er deshalb sogar zu einer Anprobe
des für ihn bestimmten Talars an die Universität. Sie
fand im Dienstzimmer des Rektors statt.
Interview: Ines Godazgar
UNIVERSITÄT GEDENKT IHRES EHRENSENATORS
Hans-Dietrich Genscher starb am 31. März im Alter von 89 Jahren. In der April-Sitzung des
Akademischen Senats gedachten die Senatsmitglieder Genschers mit einer Schweigeminute.
Rektor Prof. Dr. Udo Sträter würdigte die großen Verdienste des Verstorbenen: „Hans-Dietrich
Genscher war ein unermüdlicher Fürsprecher Halles, er setzte sich auch für die kulturellen und
wissenschaftlichen Belange seiner Heimatstadt ein. Genscher war unserer Universität seit seinem
Studium der Rechtswissenschaft verbunden. Auch dank seines großen Engagements wurden die
Franckeschen Stiftungen, die die Universität als Campus nutzt, saniert und mit neuem Leben
gefüllt. Wir gedenken seiner mit Respekt und Dankbarkeit.“
mab
Zur Langfassung des Inter-­­
views: http://bit.ly/hdg-uni
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personal ia sc ient ia hal ensis 2 / 2016
Dr. Kathrin Hirschinger
An dieser Stelle wird’s persönlich … Den Fragebogen des Unimagazins beantwortet diesmal Dr. Kathrin
Hirschinger. Im Mai wurde die Musikpädagogin zum dritten Mal zur Gleichstellungsbeauftragten der Universität
Halle gewählt. Seit acht Jahren ist sie neben ihrer Arbeit am Institut für Musik auch im Gleichstellungbüro tätig.
1 | Warum leben Sie in Halle und nicht anderswo?
Ich bin gebürtige Hallenserin, habe hier studiert und
beruflich Fuß gefasst. Mein Mann ist ebenfalls durch
seine Tätigkeit an Halle gebunden, sodass es für mich
nie einen Grund gab, Halle den Rücken zu kehren.
Aus der Vita
geboren 1966 in Halle
1983 bis 1987 Studium
am Institut für Lehrerbildung Halle (Musik,
Deutsch, Mathe)
1987 bis 1991 DiplomFernstudium Musikpädagogik Gitarre an der
Hochschule für Musik und
Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig
Seit 1993 wissenschaftliche Mitarbeiterin an
der Uni Halle in den
Bereichen Erziehungswissenschaften/Musik
1998 Promotion an der
Hochschule für Musik
Franz Liszt in Weimar
2008 bis 2010 stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte der Uni Halle
Seit 2010 Gleichstellungsbeauftragte der Universität
2 | Wenn nicht Musikpädagogin, was wären Sie
dann geworden?
Tierärztin oder Bauzeichnerin waren Berufswünsche während meiner Schulzeit. Wahrscheinlicher
ist jedoch, dass ich nach dem abgeschlossenen
Studium Grundschullehrerin geworden wäre.
3 | Was war an Ihrer Studienzeit am besten?
Rückblickend war die Verlässlichkeit und Organisiertheit einer Seminargruppe nicht die schlechteste Studienform. Andererseits gab es so natürlich
weniger Möglichkeiten, sich auszuprobieren und
über den Tellerrand hinauszuschauen.
4 | Welchen Rat fürs Überleben würden Sie den
Studierenden heute geben?
Nutzen Sie die Möglichkeiten, auch andere
Fachdisziplinen kennenzulernen! Haben Sie den
Mut, den Studiengang zu wechseln, wenn er doch
nicht Ihren Vorstellungen entspricht! Sammeln
Sie Erfahrungen im Ausland und bei Praktika! Und
genießen Sie trotz allem Stress die Studienzeit!
5 | Wenn Sie Rektorin einer Universität wären,
was würden Sie als erstes tun?
Als Rektorin würde ich mich dafür einsetzen, dass
für alle Beschäftigten die passenden Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit sie ihre Arbeit den
Anforderungen entsprechend bewältigen können. Es
wäre mir wichtig, allen Angehörigen der Uni deutlich zu machen, dass es nur gemeinsam gelingen
kann, die Universität voran zu bringen, und zwar
unabhängig von Status, Geschlecht, Alter und so
weiter … Und dann würde ich noch meine E-MailAdresse in [email protected] ändern lassen.
5 | Was ist für Sie die erste Aufgabe der Wissenschaft?
Auch mehr als 200 Jahre nach Goethes „Faust“
sehe ich die Suche nach dem, „was die Welt im
Innersten zusammenhält“ als vorrangige Aufgabe
der Wissenschaft. Wichtig ist dabei jedoch, dass
das Streben nach wissenschaftlichen Erkenntnissen der Menschheit nutzt und nicht schadet.
7 | Was haben Intelligenz und Menschlichkeit
miteinander zu tun?
Beides sind positive Eigenschaften, dennoch sind
sie nicht voneinander abhängig und treten oft genug auch einzeln auf. So kann einerseits Intelligenz
ohne Menschlichkeit sehr gefährlich werden. Aber
zum Glück setzt andererseits menschliches Verhalten nicht zwangsläufig einen hohen IQ voraus.
8 | Worüber ärgern Sie sich am meisten?
Über Ignoranz und Machtspiele. Außerdem
ärgere ich mich maßlos über immer wieder zu
beobachtende Unsensibilitäten im Umgang der
Geschlechter miteinander.
9 | Was bringt Sie zum Lachen?
Ich kann über humorvolle Bücher und lustige
Filme genauso lachen wie über Satire, Komik und
die Kuriositäten des Alltags.
sc ient ia hal ensis 2 / 2016 personal ia
10 | Was schätzen Sie an Ihren Freunden?
Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Humor und die Tatsache, dass sie dafür Verständnis haben, wenn
auch mal längere Zeit Funkstille herrscht.
11 | Wo sehen Sie Ihre Stärken?
Kollegialität, Offenheit, Empathie … aber andere
können das besser beurteilen als ich selbst.
12 | Was erwarten Sie von der Zukunft?
Ich habe die Hoffnung, dass irgendwann das
Amt der Gleichstellungsbeauftragten nicht mehr
notwendig sein wird, weil Frauen und Männer
in allen Lebens- und Arbeitsbereichen gleichgestellt sind.
13 | Woran glauben Sie?
Dass ich das (Punkt 12) noch erleben werde.
14 | Welchen bedeutenden Menschen unserer
Zeit hätten Sie gern als Gesprächspartner?
Spontan fällt mir niemand ein. Wichtiger sind für
mich die Menschen im privaten und beruflichen
Umfeld, mit denen ich mich unterhalten, aber
auch streiten oder diskutieren kann.
15 | Wer war oder ist für Sie der wichtigste
Mensch in Ihrem Leben?
An erster Stelle stehen natürlich meine beiden
Kinder, auch wenn sie der Kindheit schon entwachsen sind. Darüber hinaus sind mir mein
Mann und meine Eltern sehr wichtig.
16 | Welchen Ort der Welt möchten Sie unbedingt
kennen lernen?
Die Orte, die vor dem Mauerfall auf meiner
Wunschliste standen, habe ich inzwischen besucht.
Island ist noch ein reizvolles Ziel.
17 | Womit verbringen Sie Ihre Freizeit am liebsten?
Mit der Familie natürlich, gelegentlich auch mit
Freunden. Ich gehe gern in Konzerte und in die
Oper und höre zu Hause vor allem klassische Musik. Aber auch ein gutes Buch und Fahrradfahren
gehören zur Freizeit dazu.
18 | Was wären Ihre drei Bücher für die Insel?
„Gustav Mahler. Erinnerungen“ von Alma MahlerWerfel und „Unorthodox“ von Deborah Feldman.
Beide stehen schon – noch ungelesen – im Bücherschrank. Zur entspannten Unterhaltung nehme ich
dann noch auf Empfehlung einer Freundin das Buch
„Bella Germania“ von Daniel Speck mit.
19 | Wenn Sie einen Wunsch frei hätten …?
… wüsste ich wahrscheinlich nicht, wofür ich mich
entscheiden sollte. Um die aktuellen Herausforderungen an der Universität zu meistern, würde
ich mir jedoch eine sachgerechte und lösungsorientierte Auseinandersetzung wünschen, der alle
Beteiligten erst einmal offen gegenüberstehen.
20 | Ihr Motto?
Behandle andere so, wie Du selbst gern behandelt
werden möchtest!
Zwischen ihren beiden
Arbeitsplätzen pendelt
Kathrin Hirschinger am
liebsten mit dem Fahrrad.
(Foto: Markus Scholz)
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personal ia sc ient ia hal ensis 2 / 2016
neu beruf en
Biopharmazeutin erforscht Möglichkeiten der Nanomedizin
Prof. Dr. Lea Ann Dailey
Institut für Pharmazie
Telefon: +49 345 55-25001
E-Mail: lea.dailey@
pharmazie.uni-halle.de
(Foto: Maike Glöckner)
Wie können Nanopartikel dabei helfen, Tumoren
rechtzeitig zu erkennen, zu identifizieren und zu
bekämpfen? Das erforscht Prof. Dr. Lea Ann Dailey,
die zum 1. April 2016 als Professorin für Biopharmazie an die Naturwissenschaftliche Fakultät I berufen worden ist. Es ist nicht der erste Aufenthalt
der US-Amerikanerin in Deutschland: Die gebürtige Kalifornierin hatte zunächst Pharmazie an der
Philipps-Universität in Marburg studiert, bevor sie
dort 2003 auch promoviert wurde. Die 41-Jährige
erforscht, wie Nanopartikel in der Medizin eingesetzt werden können, um bessere Diagnosen und
Therapien zu ermöglichen. Beispielsweise werden
aus neuen Polymeren Nanopartikel entwickelt,
die in bildgebenden Diagnoseverfahren eingesetzt
werden können, um Tumoren frühzeitig und präzise zu erkennen, zu identifizieren und zu bekämpfen. Noch ist ungeklärt, wie verträglich die neuen
Polymere für den Menschen sind. Diese Frage steht
im Mittelpunkt von Daileys Forschung. Damit sie
die zugrundeliegenden komplexen Wechselwirkungen zwischen Mensch, Medizin und Technik
untersuchen kann, muss sich die Biopharmazeutin
in vielen Disziplinen sehr gut auskennen: in der
physikalischen Chemie, der Verfahrenstechnik
und der Toxikologie ebenso wie in der Pharmazie
und der Medizin. Vor ihrem Wechsel nach Halle
war sie zuletzt elf Jahre als Lecturer am Institute
of Pharmaceutical Science des King’s College in
London tätig und wurde dort 2011 für ihre Lehrtätigkeit als „Most Innovative Teacher“ geehrt.
Für einen Wechsel an die Uni Halle sprachen fachliche sowie persönliche Gründe: „Ich kannte bereits
viele Kollegen in der Fakultät und wusste, dass
meine Forschung sehr gut zu den Schwerpunkten
an der Uni passen würde. Außerdem wollte ich
schon seit einigen Jahren sehr gerne zurück nach
Deutschland ziehen. Für mich ist es eine Art Heimkehr und für meinen Mann, der aus Großbritannien
stammt, ist es ein neues Abenteuer.“
mlk
Neue Wege der Gesundheitsinformation
Prof. Dr. Anke Steckelberg
Institut für Gesundheitsund Pflegewissenschaft
Telefon: +49 345 55-74106
E-Mail: anke.steckelberg@
medizin.uni-halle.de
(Foto: Michael Deutsch)
Die Kommunikation zwischen medizinischem Personal und Patient muss stimmen – vor allem, wenn
es um Diagnose und Therapie geht. Haben Ärzte
früher oft allein über die Behandlung entschieden, sollen Patienten künftig immer mehr in den
Entscheidungsprozess einbezogen werden. Dabei können sie zudem von anderen Angehörigen
der Gesundheitsfachberufe unterstützt werden.
Dieses Modell, das so genannte Shared Decision
Making, setzt voraus, dass auch die erforderlichen Informationen vorgehalten werden. Dazu
forscht Prof. Dr. Anke Steckelberg, die seit dem 1.
Mai die Professur für Gesundheits- und Pflegewissenschaft an der Medizinischen Fakultät innehat.
Die gebürtige Niedersächsin hat bis 1994 als
Krankenschwerster gearbeitet, bevor sie an
der Universität Hamburg Lehramt für Berufliche Schulen mit der Fächerkombination Gesundheitswissenschaften und Sozialwissenschaften
studierte. Dort wurde sie auch 2005 mit ei-
ner Arbeit über evidenzbasierte Patienten- und
Verbraucherinformation promoviert. Danach arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin
an den Universitäten in Bremen und Hamburg.
Evidenzbasierte Gesundheitsinformation und kritische Gesundheitsbildung sind die Forschungsschwerpunkte der 54-Jährigen. Beide haben die
Förderung des selbstbestimmten Handelns der
Patienten in gesundheitsrelevanten Fragen zum
Ziel. Steckelberg möchte den Patienten befähigen,
an Entscheidungen teilzuhaben und will zu diesem
Zweck an der Uni Halle auch ein Referenzzentrum
errichten, welches Patienten in medizinische Entscheidungen gleichberechtigt einbezieht. Für Halle
entschied sich die Wissenschaftlerin ganz bewusst:
„Die Gesundheits- und Pflegewissenschaften sind
hier seit langem etabliert und gewürdigt.“ Privat
trifft man Steckelberg oft in der Natur: Sie mag
Radtouren und Wanderungen und interessiert sich
für Kultur und Reisen.
mlk
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Wie wirken Steroidhormone im Menschen?
Prof. Dr. Claudia Großmann erforscht, wie Steroidhormone und ihre Rezeptoren die molekularen
und zellulären Prozesse im menschlichen Körper
beeinflussen und was das für Erkrankungen des
Herzens, der Nieren oder Gefäße bedeutet. Zum
1. Juni wurde die Medizinerin und Biologin zur
Professorin für Physiologie an die Medizinische
Fakultät berufen. Sie stärkt dort im Forschungsschwerpunkt „Molekulare Medizin der Signaltransduktion“ den Bereich der Herz-Kreislaufforschung.
Vor ihrer Berufung hatte Großmann bereits seit
2010 als Juniorprofessorin am Julius-BernsteinInstitut für Physiologie der Universität eine Nachwuchsforschergruppe geleitet und in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Michael Gekle das Forschungslabor mit aufgebaut. Mit eigenen Projekten ist die
42-Jährige unter anderem an den beiden von der
Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten
Graduiertenkollegs 1591 und 2155 „PromoAge“
beteiligt. Der besondere Reiz ihres Fachgebiets
liegt für sie in der Verknüpfung von naturwissenschaftlich orientierter Forschung mit klinisch relevanten Fragestellungen: „Aus dem Wissen, wie der
gesunde Körper funktioniert, kann man sich die
Veränderungen bei Erkrankungen und ihre Therapiemöglichkeiten herleiten“, erläutert die Professorin, die Studierende für die theoretische Medizin
mit aktiver und moderner Lehre begeistern will.
Die gebürtige Berlinerin studierte zunächst Humanmedizin an der Freien Universität Berlin und
arbeitete anschließend als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Charité Berlin, wo sie 2002 promoviert wurde. Mit einem Stipendium des Interdisziplinären Zentrums für Klinische Forschung
studierte sie an der Universität Würzburg und
wurde dort anschließend im Fachbereich der Biologie promoviert. 2007 kam sie zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin an das Julius-BernsteinInstitut. Seit 2014 besitzt sie die Anerkennung zur
Fachphysiologin.
cb
Prof. Dr. Claudia Großmann
Julius-Bernstein-Institut für
Physiologie
Telefon: +49 345 55-7440
E-Mail: claudia.grossmann
@medizin.uni-halle.de
(Foto: Maike Glöckner)
Entwicklung und Zukunft der Erwachsenenbildung
Das Lernen hört mit dem Ende der Schulzeit oder
des Studiums nicht auf. Auch im Erwachsenenalter
ist der Erwerb von Fähigkeiten und Wissen mittlerweile eine Selbstverständlichkeit, nicht nur im
Beruf, sondern auch weit darüber hinaus. Wie Situationen des Lernens im Erwachsenalter entstehen,
wie sie sich entwickeln und wie sie gestaltet werden
können, erforscht Prof. Dr. Jörg Dinkelaker. Seit 1.
August hat er die Professur für Erwachsenenbildung
und berufliche Weiterbildung inne. In seiner Forschung arbeitet er zum Beispiel mit Videoaufzeichnungen, um das Geschehen in Weiterbildungsveranstaltungen zu analysieren.
„Halle ist für die deutschsprachige Erziehungswissenschaft sehr bedeutend. Die Forschungs- und
Arbeitsbedingungen hier sind in dieser Weise einzigartig“, lobt Dinkelaker seinen neuen Arbeitsort. An
der Uni will er Studien zur Struktur und zum Wandel
des Lernens Erwachsener durchführen. Über die
Erkenntnisse aus seiner Forschung will er sich nicht
nur in Seminaren mit Studierenden austauschen,
sondern auch mit Praxispartnern im Feld der Erwachsenen- und Weiterbildung.
Der gebürtige Stuttgarter studierte Soziologie, Erziehungs-, Politik- und Musikwissenschaft in Tübingen, Freiburg/Breisgau und zuletzt in Frankfurt am
Main. Hier wurde er 2007 mit einer Arbeit zum Lernen Erwachsener in hybriden Lernräumen promoviert. In diesen Lernräumen vermischt sich das Lernen mit anderen Formen des Umgangs mit Wissen,
zum Beispiel der Anwendung oder dem Aushandeln
von Wissen. 2015 habilitierte sich Dinkelaker ebenfalls in Frankfurt zu Verläufen des Teilnehmens an
Bildungsangeboten. Der 41-Jährige war zuletzt als
Vertretungsprofessor an der Friedrich-AlexanderUniversität Erlangen-Nürnberg und davor an der
Pädagogischen Hochschule Freiburg/Breisgau tätig.
In seiner Freizeit macht der Vater dreier Kinder gern
Musik und engagiert sich in der Jugendbildungsarbeit.
tol
Prof. Dr. Jörg Dinkelaker
Institut für Pädagogik
Telefon: +49 345 55-23812
E-Mail: joerg.dinkelaker@
paedagogik.uni-halle.de
(Foto: Maike Glöckner)
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personal ia sc ient ia hal ensis 2 / 2016
Von links: der Präsident der
Humboldt-Stiftung Helmut
Schwarz, Staatssekretärin
Cornelia Quennet-Thielen,
Tiffany Knight, Rektor Udo
Sträter und der Geschäftsführer des UFZ Leipzig Georg
Teutsch bei der Preisverleihung
(Foto: Humboldt-Stiftung /
David Ausserhofer)
Preise und Ehrungen
Für ihre hervorragende Dissertation zu selbstheilenden Polymeren hat Dr. Diana Döhler, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Chemie,
im Juli den mit 5.000 Euro dotierten SKWP-Forschungspreis der Uni Halle erhalten. Das Preisgeld
stiftet die SKW Stickstoffwerke Piesteritz GmbH.
Für seine Promotion zum rechtlichen und ethischen
Status künstlich hergestellter Stammzellen hat der
Jurist Dr. Timo Faltus im Juli den Dissertationspreis
2015 des Juristischen Bereichs erhalten. Der Preis
ist mit 5.000 Euro dotiert und wird jährlich für eine
herausragende Arbeit im Bereich der Rechtswissenschaften vom Freundeskreis der Juristischen
Fakultät vergeben.
Ministerpräsident Reiner
Haseloff überreichte Gesine
Foljanty-Jost das Verdienstkreuz am Bande. (Foto:
Staatskanzlei / Victoria
Kühne)
Für ihr großes Engagement um die Internationalisierung hat die Japanologin Prof. Dr. Gesine Foljanty-Jost im August das Verdienstkreuz am Bande
der Bundesrepublik Deutschland erhalten. Damit
werde insbesondere ihr Einsatz für die Internationalisierung des Hochschulstandorts Sachsen-Anhalt gewürdigt, den sie in Japan bekannt gemacht
habe, heißt es in der Begründung. Foljanty-Jost hat
das von ihr 1992 an der Universität Halle gegründete Fach Japanologie zu einem zentralen Standort
deutscher Japanforschung ausgebaut und unter
anderem Partnerschaften mit sechs japanischen
Spitzenuniversitäten initiiert.
Die Studentin der Agrarwissenschaften Lena ­Kathe
ist im Juni für ihre Bachelorarbeit zum Thema „Schwarzfäule an Möhre“ mit dem zweiten
Wilhelm-Rimpau-Preis der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft geehrt worden. Die Auszeichnung ist mit 1.500 Euro dotiert und wird für
innovative und praxisnahe Arbeiten im Bereich
Pflanzenproduktion vergeben.
Im Mai ist die US-Biologin Prof. Dr. Tiffany Knight mit
der Alexander von Humboldt-Professur, Deutschlands höchstdotiertem internationalen Forschungspreis, ausgezeichnet worden. Den Preis nahm die
Wissenschaftlerin in Berlin von Cornelia QuennetThielen, Staatssekretärin im Bundesministerium
für Bildung und Forschung, und Helmut Schwarz,
Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung,
entgegen. Die Uni Halle und das Helmholtz-Zentrum
für Umweltforschung – UFZ hatten Knight gemeinsam für den mit fünf Millionen Euro dotierten Preis
der Alexander von Humboldt-Stiftung nominiert.
Im Februar war sie zur Professorin für „Räumliche
Interaktionsökologie“ berufen worden.
Für die beste Dissertation im Bereich Lebens- und
Naturwissenschaften hat Dr. Stephanie Krüger
im Juli den mit 1.000 Euro dotierten DorotheaErxleben-Preis der Uni Halle erhalten. Die Biologin
wurde mit einer Arbeit über das Reproduktionsverhalten von Pflanzensaft saugenden Insekten
promoviert. Im Bereich Sozial- und Geisteswissenschaften wurde der Soziologe Dr. Oliver Winkler für
seine heraus­ragende Dissertation über die Öffnung
von Bildungswegen mit dem Erxleben-Preis ausgezeichnet.
Für seine sehr gute Dissertation über Investitionsrisiken am Finanzmarkt ist der Wirtschaftswissenschaftler Dr. Christian Lau im Juni mit dem mit
1.500 Euro dotierten Kantorowitsch-Forschungspreis des Instituts für Unternehmensforschung
und Unternehmensführung an der Uni Halle ausgezeichnet worden. Die Betriebswirtschaftlerin
Uta Preil erhielt den mit 750 Euro dotierten
Kantorowitsch-Forschungspreis für ihre Masterarbeit zur Besteuerung von Einkünften, die durch
Ausschüttungen ausländischer Familienstiftungen
und Zwischengesellschaften erzielt worden sind.
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Für seine Forschungsarbeiten zu Biometallen hat
der Mikrobiologe Prof. Dr. Dietrich H. Nies im Juli
den Igor Stojiljkovic Award for Outstanding Research 2016 erhalten. Die International Biometals
Society vergibt die Ehrung seit 2006 jedes zweite
Jahr im Rahmen eines Symposiums.
Der Physiker Prof. Dr. Torsten Rahne und der Mediziner Dr. Ingmar Seiwerth sind im Mai mit den ersten
Plätzen des Broicher-Preises geehrt worden. Die mit
je 1.000 Euro dotierten Preise werden für die beiden
besten wissenschaftlichen Poster-Präsentationen auf
der Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft
für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie verliehen. Rahne erhielt den Preis in der Kategorie „Experimentelle Forschung“, Seiwerth wurde in
der Kategorie „Klinische Forschung“ ausgezeichnet.
Das English Department der US-amerikanischen
Harvard University hat Prof. Dr. Erik Redling, Leiter
des Mühlenberg-Zentrums für Amerikastudien, im
April zum „Visiting Scholar“ für das akademische
Jahr 2016/17 ernannt. An der Harvard University
widmet sich der Professor für Amerikanische Literaturwissenschaft einem neuen Forschungsprojekt,
das eine kulturhistorische Entwicklung sprachlicher
Experimente im Rahmen der amerikanischen Dialektliteratur nachzeichnen will.
Für ihre großen Verdienste um die französische Kultur hat die französische Regierung die Romanistin
Prof. Dr. Dorothee Röseberg zum „Officier dans
l‘Ordre des Palmes Académiques“ ernannt. Im Mai
überreichte ihr der französische Kulturrat Emmanuel Suard an der Uni Halle die Ordensinsignien.
Die Professorin für Romanische Landes- und Kulturwissenschaften erhielt damit eine der höchsten
Auszeichnungen Frankreichs.
Der Physiologe Prof. Dr. Oliver Thews hat im Juli
den mit 10.000 Euro dotierten Lehrpreis der Medizinischen Fakultät erhalten. Der Preisträger wird
von den Studierenden der Fakultät vorgeschlagen
und gewählt. Sie würdigten insbesondere die Qualität von Thews‘ Lehrveranstaltungen sowie sein
umfassendes Engagement für studentische Belange.
Der Student Marc-Andreas Vitinius hat für seine außerordentlichen Studienleistungen im Wirtschaftswissenschaftlichen Bereich und für sein gesell-
schaftliches Engagement im April ein Stipendium der
Investitionsbank Sachsen-Anhalt erhalten. Er wird
für zwei Semester mit monatlich 300 Euro gefördert.
Der Germanist PD Dr. Jörn Weinert ist im Juli für seine
Habilitationsschrift über die Sprache Eikes von Repgow mit dem Christian-Wolff-Preis 2016 ausgezeichnet worden. Den Preis in Höhe von 1.500 Euro vergibt
die Universität jedes Jahr für die beste Habilitation.
Für ihre Masterarbeit über die Ernährung von Sauen ist Viktoria Welker, Studentin der Agrarwissenschaften, von der H. Wilhelm Schaumann Stiftung
im April mit dem Preis für eine der besten Studienleistungen 2015 ausgezeichnet worden. Der Preis ist
mit 500 Euro dotiert.
Ämter und Mitgliedschaften
Prof. Dr. Gesine Foljanty-Jost ist im Juni durch das
Auswärtige Amt für eine weitere Amtszeit zum Mitglied des Stiftungsrates des Japanisch-Deutschen
Zentrums Berlin ernannt worden. Das Zentrum fördert die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan.
Prof. Dr. Daniel Fulda, Direktor des Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der Europäischen
Aufklärung, und Prof. Dr. Heike Kielstein, Direktorin
des Instituts für Anatomie und Zellbiologie, sind im
April als ordentliche Mitglieder in die Sächsische
Akademie der Wissenschaften zu Leipzig aufgenommen worden.
Der Dekan der Medizinischen Fakultät Prof. Dr. Michael Gekle ist im April erneut in das Fachkollegium
Medizin der Deutschen Forschungsgemeinschaft
gewählt worden. Gekle gehört bereits seit 2012 dem
Fach Physiologie innerhalb des Fachkollegiums Medizin an. Zudem wurde er im Juni in das Präsidium
des Medizinischen Fakultätentages gewählt.
Die Koordinatorin des Gründerservice der Universität Dr. Susanne Hübner ist im März zur Sprecherin
der Denkfabrik Gründerhochschulen, einer unabhängigen, hochschulübergreifenden Initiative im
Bereich Transfer und Gründung, gewählt worden.
Sie vertritt gemeinsam mit ihren beiden Amtskollegen über 30 deutsche Hochschulen.
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Der Jurist Prof. Dr. Heiner Lück wurde im Mai als
korrespondierendes Mitglied in die Nationale Akademie für historisch-juristische Wissenschaften von
Andalusien zu Córdoba aufgenommen.
Als erste Pflegewissenschaftlerin ist Prof. Dr. Gabriele Meyer, Leiterin des Instituts für Gesundheitsund Pflegewissenschaft, im April für vier Jahre in
den Deutschen Ethikrat berufen worden. Die Mitglieder werden von der Bundesregierung und dem
Bundestag vorgeschlagen und vom Bundestagspräsidenten ernannt.
Der Ökologe Prof. Dr. Josef Settele ist im August vom
Weltbiodiversitätsrat (IPBES) als einer von drei CoChairs berufen worden, die die Erstellung des Global
Assessment zu Biodiversität und Ökosystemleistungen leiten werden. Settele ist stellvertretender Leiter
des Departments Biozönoseforschung am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und lehrt
als außerplanmäßiger Professor an der Uni Halle.
Der Physiologe Prof. Dr. Oliver Thews ist im Juli
zum neuen Präsidenten der International Society
on Oxygen Transport to Tissue gewählt worden.
Die Fachgesellschaft beschäftigt sich mit Aspekten
des Sauerstofftransports im Organismus und seiner
klinischen Relevanz.
Der Professor für internationale Beziehungen und
europäische Politik Prof. Dr. Johannes Varwick ist
im April zum Vizepräsidenten der Gesellschaft für
Sicherheitspolitik gewählt worden. Die Gesellschaft
ist mit rund 7.000 Mitgliedern der größte sicherheitspolitische Fachverband Deutschlands.
Prof. Dr. Rebecca Waldecker, Direktorin des Instituts für Mathematik, ist auf der Jahresversammlung des Deutschen Hochschulverbands im April in
dessen Präsidium gewählt worden. Der Verband ist
die Vertretung der Lehrenden an Hochschulen in
Deutschland.
Rufe
Die Biochemikerin J.-Prof. Dr. Carla Schmidt ist
neue Nachwuchsgruppenleiterin am Zentrum für
Innovationskompetenz HALOmem. Sie wurde im Juli
als Juniorprofessorin für „Biophysikalische Charak-
terisierung von medizinisch relevanten Membranproteinen“ an die Universität Halle berufen.
Zum 1. April ist Prof. Dr. Torsten Schubert zum Professor für Allgemeine Psychologie an der Uni Halle
ernannt worden. Seit Juni ist er zudem Geschäftsführender Direktor des Zentrums für multimediales
Lehren und Lernen.
Prof. Dr. Florian Steger, bis Ende Juni Direktor des
Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin, hat
zum 1. Juli einen Ruf an die Universität Ulm erhalten
und angenommen. In Ulm leitet er das Institut für
Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin.
Ruhestand
Ende März traten in den Ruhestand: Prof. Dr. Bodo
Dittmar (Naturwissenschaftliche Fakultät II), Prof.
Dr. Henning Dralle (Medizinische Fakultät), Prof.
Dr. Thomas Hauschild (Philosophische Fakultät I),
Prof. Dr. Heinz-Hermann Krüger (Philosophische
Fakultät III), Prof. Dr. Christoph Lempp (Naturwissenschaftliche Fakultät III), Prof. Dr. Josef Lukas
(Philosophische Fakultät I), Prof. Dr. Jan-Wilhelm
Prüß (Naturwissenschaftliche Fakultät II), Prof. Dr.
Christa Schlenker-Schulte (Philosophische Fakultät III), Prof. Dr. Edeltraut Werner (Philosophische
Fakultät II), Prof. Dr. Hans-Ulrich Zabel (Juristische
und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät).
Ende September traten in den Ruhestand: Prof. Dr.
Wilfried Grecksch (Naturwissenschaftliche Fakultät II), Prof. Dr. Johannes Haerting (Medizinische
Fakultät), Prof. Dr. Stefan Leder (Philosophische
Fakultät I), Prof. Dr. Pia Schmid (Philosophische Fakultät III), Prof. Dr. Gretel Schwörer-Kohl (Philosophische Fakultät II), Prof. Dr. Rolf Peter Spielmann
(Medizinische Fakultät), Prof. Dr. Joachim Ulrich
(Zentrum für Ingenieurwissenschaften)
Verstorben
Am 7. April verstarb Prof. Dr. Joachim Prasse, emeritierter Professor für Ökologie und Bodenzoologie.
Von 1979 bis 1992 war er als ordentlicher Professor
für Ökologie und Bodenzoologie an der damaligen
Landwirtschaftlichen Fakultät tätig.
Erfasst sind in dieser
Rubrik aktuelle Personalia, die der Redaktion
in der Zeit bis Mitte
September 2016 mitgeteilt
wurden. Haben Sie auch
Personalmeldungen für
die kommende Ausgabe
des Unimagazins? Dann
schreiben Sie an:
[email protected].
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sc hlussstüc k sc ient ia hal ensis 2 / 2016
Auf dem UniversitätsCampus Halle ist allerlei
Erstaunliches, Spannendes
und Seltsames zu finden.
Die letzte Seite des Magazins ist den Mythen und
Schätzen, Kuriositäten
und Unikaten der Universität Halle gewidmet.
(Foto: Olaf Christen)
Abgefahren:
Das Mondmobil auf dem Fel d
Der Petersberg zeichnet sich einige Kilometer entfernt gut gegen das Blaugrau des Himmels ab. Die
Felder in Merbitz sind saftig grün. Es ist Sommer.
Genau genommen die Zeit, in der die Gerstenfelder
wie weiche, grüne Teppiche wirken. Mittendrin hat
es sich ein Border Collie gemütlich gemacht. Und
dann kommt es: das Mondmobil. Die grüne Konstruktion auf vier Rädern wirkt sehr komplex. Mit Anglerhut und blauen Lärmschutzkopfhörern bewaffnet
sitzt eine Mitarbeiterin der Agrarwissenschaften
neben einem Bildschirm zu ihrer Linken und hält mit
der rechten Hand konzentriert einen Joystick. Hinter
ihr ragt der orange farbene Kran-Arm des AgRovers
in die Luft und über das Feld.
Das Herzstück des geländegängigen Forschungslabors sind die Kameras. Drei Stück, versteckt hinter
schwarzen Decken. Die offenbar Computerspielerfahrene Mitarbeiterin steuert die Kameras mit Hilfe des Joysticks geschickt über die Gerstenpflanzen.
Dabei registriert Kamera Nummer eins die Größe,
Form und Farbe der Blätter. Eine zweite Kamera
misst die Entfernung zu den Pflanzen und kann damit Aufschluss über die Höhe und das Wachstum der
Gerstenpflanzen geben. Das wichtigste und neueste
Messinstrument ist jedoch die Hyperspektralkamera.
Infrarotstrahlen schießen aus ihr auf die Gerstenblätter und werden unvermittelt reflektiert – je nach
Blattinhaltsstoff mehr oder weniger, schneller oder
langsamer. In bisher nicht erreichter räumlicher, zeitlicher und mengenmäßiger Auflösung können damit
das Wachstum und die Nährstoffanreicherung in den
Pflanzen mit Eisen, Zink oder Stickstoff dargestellt
werden – ohne sie zu beschädigen.
Aber es werden nicht irgendwelche Gerstenpflanzen untersucht. Vielmehr hat Prof. Dr. Klaus Pillen
für das Forschungsprojekt „Barley Diversity“ die
Kulturpflanze mit der Wildgerste gekreuzt. 3.000
solcher Pflanzen wurden in diesem Sommer von Pillen, seinem Team und den Kameras des Mondmobils
durchleuchtet. Die Forscher wollen herausfinden,
ob der Einsatz dieser Messmethode und die Kreuzung der Gerste mit der Wildgerste eine Auswirkung
auf die Leistungsfähigkeit der Pflanzenzüchtung und
auf die landwirtschaftliche Produktion haben.
Die Erntezeit ist jetzt vorbei, das Mondmobil macht
Pause. Im Labor geht es nun dem Korn an die Schale. Dort sammelt die Hyperspektralkamera auch im
Winter fleißig Daten, bis im April der AgRover in
voller Ausstattung wieder seine Runden in Merbitz
dreht.
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