Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie Ergebnisse aus Psychotherapie, Beratung und Psychiatrie Herausgeberinnen und Herausgeber: Albert Lenz, Paderborn; Franz Resch, Heidelberg; Georg Romer, Münster; Maria von Salisch, Lüneburg; Svenja Taubner, Klagenfurt Verantwortliche Herausgeber: Univ.-Prof. Dr. med. Franz Resch, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Zentrum für Psychosoziale Medizin, Universitätsklinikum Heidelberg, Blumenstr. 8, D-69115 Heidelberg Univ.-Prof. Dr. med. Georg Romer, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie, Schmeddingstr. 50, D-48149 Münster Redakteur: Dipl.-Psych. Kay Niebank (verantw. i. S. des niedersächs. Pressegesetzes), Hartwigstr. 2c, D-28209 Bremen, E-Mail: [email protected] Gegründet von A. Dührssen und W. Schwidder Frühere Herausgeber: R. Adam, M. Cierpka, A. Dührssen, E. Jorswieck, G. Klosinski, U. Lehmkuhl, M. Müller-Küppers, W. Schwidder, I. Seiffge-Krenke, F. Specht, A. Streeck-Fischer Manuskripteinsendungen werden an die Redaktion erbeten. Hinweise zur Manuskriptgestaltung bei der Redaktion oder unter www.v-r.de. Eingesandte Manuskripte werden von unabhängigen Gutachtern vor ihrer Annahme beurteilt (referee-Verfahren). Mit der Annahme des Manuskriptes und seiner Veröffentlichung in der Zeitschrift erhält der Verlag das ausschließliche Verlagsrecht für alle Sprachen und Länder. Für die Rücksendung unverlangter Rezensionsexemplare keine Gewähr. Produkthaftung: Autoren und Verlag haben sich um größtmögliche Genauigkeit bemüht. Dennoch kann für Angaben über Dosierungsanweisungen und Applikationsformen keine Gewähr übernommen werden. Bezugsbedingungen: Die Zeitschrift erscheint zehnmal jährlich mit einem Gesamtumfang von ca. 800 Seiten. Der Bezugspreis beträgt jährlich € 84,–/86,40 (A)/sFr 105,–. Inst.-Preis: € 199,–/204,60 (A)/sFr 243,–. Einzelheft € 14,95/15,40 (A)/sFr 20,90. Jeweils zzgl. Versandkosten. Preisänderungen vorbehalten. Die Bezugsdauer verlängert sich um ein Jahr, wenn keine Abbestellung bis zum 1.10. erfolgt. Die in dieser Zeitschrift veröffentlichten Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. Übersetzungen, Nachdruck, Vervielfältigungen, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlags. © 2015, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Theaterstr. 13, D-37073 Göttingen; E-Mail: [email protected], Tel.: 07071/9353-16 (für Bestellungen und Abonnementverwaltung). Verantwortlich für die Anzeigen: Ulrike Vockenberg, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht. ONLINE unter www.v-r.de Druck- und Bindearbeiten: Hubert & Co, Göttingen. Die Zeitschrift wird regelmäßig von den Literaturdatenbanken DIMDI, ETHMED, Psyc-INFO und PSYNDEX und den Referatediensten „Current Contents“ (SSCI), „Psychological Abstracts“ und „Psychologischer Index“ ausgewertet. Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlor- und säurefreiem Papier. ISSN (Printausgabe): 0032-7034, ISSN (online): 2196-8225 ipabo_66.249.76.55 Inhalt Editiorial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 491 Übersichtsarbeiten / Review Articles Sandra Achtergarde, Jörg Müller, Christian Postert, Ida Wessing, Andreas Mayer und Georg Romer Der Zusammenhang von Bindungsmustern und der Entwicklung von Angstsymptomen im Kindes- und Jugendalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 496 Attachment Patterns and their Relation to the Development of Anxiety Symptoms in Childhood and Adolescence Originalarbeiten / Original Articles Peter Zimmermann, Alexandra Iwanski und Fatma Çelik Emotionsregulation und emotionale Verletzungssensitivität bei Jugendlichen mit Angststörungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 527 Emotion Regulation and Emotional Vulnerability in Adolescents with Anxiety Disorders Fallberichte / Case Reports Antje Herbst, Judith Maria Fernholz, Kay Strothe und Sarah Schlund Psychodynamisch-multisystemische Behandlung von Schulphobie mit Trennungsangst im tagesklinischen Setting . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 545 Psychodynamic-multisystemic Therapy of School Phobia due to Separation Anxiety in Day Clinic Kurzbeiträge / Short Reports Annette M. Klein, Tanja Müller-Göttken, Lars O. White, Anja Keitel-Korndörfer und Kai von Klitzing Evaluation der Psychoanalytischen Kurzzeittherapie für Kinder von 4-10 Jahren mit Angststörungen (PaKT): Zusammenfassung der Pilotstudie . . . . . . . . 563 Summary of the Pilot Study Short-term Psychoanalytic Child Therapy (PaCT) of Anxious Children Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 64: 489 – 490 (2015), ISSN: 0032-7034 (print), 2196-8225 (online) © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen 2015 490 Inhalt Autoren und Autorinnen / Authors 572 | Buchbesprechungen / Book Reviews 574 Tagungskalender / Congress Dates 579 | Aus dem Inhalt des nächsten Heftes / Preview of the next Issue 581 Den CME-Fragebogen zu diesem Heft finden Sie auf unserer Website www.v-r.de zum Download auf der Seite der Zeitschrift „Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie“ unter der Rubrik „Mediathek“. Sie können 2 Fortbildungspunkte erhalten. Dafür senden Sie bitte den handschriftlich ausgefüllten Fragebogen zur Auswertung an die dort angegebene Adresse. ipabo_66.249.76.55 EDITORIAL Angststörungen und Bindungsentwicklung Angstsymptome und Angststörungen zählen gemeinsam mit depressiven Störungen und Störungen des Sozialverhaltens zu den häufigsten klinischen Auffälligkeiten und psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter (Ravens-Sieberer et al., 2008). Unbehandelt haben Angststörungen im Kindes- und Jugendalter ein hohes Risiko für die Persistenz einer chronifizierten psychischen Erkrankung in höheren Lebensaltern, wobei neben der spezifischen Persistenz einer Angststörung insbesondere depressive Störungen und Somatisierungsstörungen typisch sind. Insofern kommt einem vertieften entwicklungspsychopathologischen Verständnis der Entstehung und Aufrechterhaltung von Angstsymptomen im Kindes- und Jugendalter eine hohe Bedeutung für die Weiterentwicklung störungsspezifischer Behandlungsmethoden im Entwicklungskontext zu. Im Säuglings- und Kleinkindalter sind Trennungs- und Verlustängste die bedeutsamsten bedrohlichen Ängste. Für deren Regulation und Bewältigung ist die reale Verfügbarkeit einer sensitiven Bindungsperson unabdingbar. Je jünger ein Kind ist, desto weniger kann es bei einer erlebten Trennung von der vertrauten Bindungsperson deren sichere Wiederkehr antizipieren. Demzufolge sind Trennungs- und Verlustängste im frühen Kindesalter nicht differenzierbar, was unter anderem die besondere Vulnerabilität für Trennungstraumata im Alter von 6 bis 36 Monaten begründet (sensible Phase). Emotionale Störungen mit Trennungsangst sind im Vorschul- und Grundschulalter die häufigsten behandlungsbedürftigen Angststörungen (Ihle u. Esser, 2002). Sie gehen im subjektiven Erleben der betroffenen Kinder typischerweise mit einer aus dem frühen Kleinkindalter persistierenden NichtDifferenzierbarkeit von Trennungs- und Verlustangst einher. Bindungstheorie und Bindungsforschung beschäftigen sich seit ihren Anfängen mit der Reaktion von Kindern auf Trennungs- und Verlusterlebnisse und der Bedeutung einer verlässlich emotional verfügbaren Bindungsperson für eine ungestörte psychische Entwicklung in den ersten Lebensjahren (Bowlby, 1975, 1976). Im Titel der Monografie, in der Klaus und Karin Grossmann die Ergebnisse von 40 Jahren Bindungsforschung und sich stetig weiter entwickelnder Bindungstheorie integriert zusammenfassen – „Bindungen: Das Gefüge psychischer Sicherheit“ (Grossmann u. Grossmann, 2012) – verdichtet sich semantisch die Einsicht in die fundamentale Bedeutung von Bindungsbeziehungen für den Erwerb der Fähigkeit, bedrohlich erlebte Ängste regulieren zu können. So gesehen kann man eigentlich kein Modell für die Entstehung von Angststörungen im Kindesalter im Entwicklungskontext ohne ein differenziertes Verständnis der Bedeutung von Bindungsbeziehungen für die Emotionsregulation konzipieren. Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 64: 491 – 495 (2015), ISSN: 0032-7034 (print), 2196-8225 (online) © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen 2015 492 Editorial Oder kurz auf den Punkt gebracht: Angst kann man entwicklungspsychopathologisch ohne Bindung eigentlich nicht verstehen! Diese Einsicht mag trivial klingen – sie ist es mitnichten. So lässt ein Blick in die gängigen deutschsprachigen Lehrbücher der Kinder- und Jugendpsychiatrie in den betreffenden Kapiteln zu Angststörungen die Rezeption der Bindungstheorie und Bindungsforschung bei den referierten ätiologischen und entwicklungspathologischen Modellen und Risikofaktoren nahezu vollends vermissen. Dies steht in deutlichem Gegensatz zum mittlerweile vorliegenden empirischen Forschungsstand, durch den ein Zusammenhang zwischen unsicherer Bindung und einem erhöhten Risiko für die Entstehung einer Angststörung hinreichend belegt ist (Achtergarde et al., 2015). Für die klinische Praxis, insbesondere für die Weiterentwicklung und Verfeinerung unserer störungsspezifischen psychotherapeutischen Behandlungsmethoden, ist das bloße Wissen um empirisch belegte Risikofaktoren nur von bedingtem Nutzen, solange diese nicht für ein differenzierteres Verständnis von ineinander greifenden Entstehungsmechanismen nutzbar gemacht werden können. Hier kann die durch empirische Befunde der Bindungsforschung fundierte aktuelle Bindungstheorie unser Verständnis der multifaktoriellen Entstehung und Aufrechterhaltung von Angststörungen nennenswert bereichern, zu dem selbstverständlich auch empirische Befunde aus Genetik, Temperamentforschung, Lernpsychologie, kognitiver Psychologie, Familiendynamik, Psychoanalyse und Psychotraumatologie Wichtiges beitragen (Domschke u. Deckert, 2007; Helbig u. Petermann, 2008; Kullik u. Petermann, 2012; Schweitzer u. Ochs, 2003; Hopf, 2009; Schneider, 2011). In diesem Sinne lassen sich die Mechanismen, die die Entstehung von Angststörungen im Kontext der Bindungsentwicklung begünstigen oder ihr entgegenwirken, wie folgt entsprechend der vier Bindungsstile (A, B, C, D) differenzieren: Im Kreis der Sicherheit (Powell, Cooper, Hoffman, Marvin, 2015) greifen Bindungserfahrungen und Explorationsverhalten des Kindes in ständiger Wechselwirkung ineinander. Solange sich ein Kind der Verfügbarkeit einer Bindungsperson sicher fühlt (sichere Basis), kann es sich angstfrei seinem Erkundungsdrang widmen – mit allen Konsequenzen für die Entwicklung erfahrungsbasierter emotionaler, kognitiver und sozialer Kompetenzen. Angst und Stress unterbrechen das Explorationsverhalten des Kindes und aktivieren das Bindungssystem mit dem verhaltensbiologisch sinnvollen Ziel, die Nähe einer vertrauten Person zu suchen, um deren ko-regulatorischen Kompetenzen, die unter anderem Sicherheit, Trost, Orientierung und Halt geben, im Sinne eines Hilfs-Ich zu nutzen (sicherer Hafen). Aus stetig wiederkehrenden sensitiven Reaktionen der Bindungsperson in solchen Situationen erwächst eine sichere Bindung (Typ B), die angstfreies Erkundungsverhalten, die Entwicklung selbstregulatorischer und sozialer Kompetenzen ebenso wie die Entwicklung einer internalen Kontrollüberzeugung begünstigt, wovon wiederum erwartet werden kann, dass dies alles der Entstehung pathologischer Angstsymptome protektiv entgegenwirkt. Eine unsicher-vermeidende Bindung (Typ A) bewirkt hingegen gehemmtes Explorationsverhalten und begünstigt in Folge negative soziale Erwartungen, eine erhöhte Verletzungssensitivität und soziale Ängstlichkeit. Insbesondere wird die ipabo_66.249.76.55 Editorial 493 Nähe vertrauter Personen typischerweise nicht als Ressource für die Bewältigung von negativen Gefühlen wie Angst und Trauer genutzt, was wiederum auch bei der eigenen Emotionsregulation allgemein vermeidende Strategien und die Entwicklung einer eher externalen Kontrollüberzeugung begünstigt. Bei einer unsicher-ambivalenten Bindung (Typ C) ist die von der Bindungsperson in emotional belasteten Situationen angebotene Hilfe bzw. Beruhigung nicht hinreichend wirksam, was zum wiederkehrenden Einfordern der Nähe, typischerweise in einer Mischung aus Unmut und situativ unangemessenem anklammerndem Verhalten führt. Dies ist eine für Kind und Bindungsperson gleichermaßen frustrierende Erfahrung, die durch eine missglückende Ko-Regulation negativer Gefühle durch die Bindungsperson charakterisiert ist und im Sinne des internalen Arbeitsmodells eine ruminierende eigene Emotionsregulation begünstigt, bei der der geäußerte Stress typischerweise maximal und appellativ ist, ohne innerlich wirksam zur Ruhe kommen zu können. Bei einer desorganisiert-desorientierten Bindung (Typ D) versagt die Ko-Regulation negativer Gefühle durch die Bindungsperson dahingehend, dass diese durch eigene furchtsame, in sich inkonsistente oder offen feindselige Verhaltensmuster im Kind zusätzliche Gefühle von Bedrohung oder Verunsicherung induziert und die Entwicklung konsistenter Verhaltensstrategien auf Seiten des Kindes für den Umgang mit negativen Emotionen wie Angst und Trauer nachhaltig verhindert – eine Situation, von der man erwarten kann, dass sie unter allen genannten Konstellationen am ehesten die Entstehung einer Angststörung begünstigt (vgl. Moss et al., 2006). Soweit die theoriegeleiteten Annahmen. Die Beiträge des vorliegenden Themenhefts sind in diesem Diskurs zu verstehen und sollen aus empirischer und klinischer Perspektive zur vertiefenden Diskussion anregen. In der aktuellen Übersichtsarbeit von Achtergarde, Müller, Postert, Wessing, Mayer und Romer (2015) wird der aktuelle empirische Forschungsstand zum Zusammenhang von Bindungsmustern und der Entwicklung von Angstsymptomen im Kindes und Jugendalter aus entwicklungspsychologischer Perspektive methodenkritisch diskutiert, was unter anderem ein bislang nicht dargestelltes differenziertes Verständnis dieses Zusammenhanges in Bezug auf verschiedene Bindungstypen und spezifische Angststörungen erlaubt. In der Originalarbeit von Zimmermann, Iwanski und Çelik (2016) wird eine kontrollierte Studie berichtet, in der bei Jugendlichen mit diagnostizierter Angststörung Unterschiede in deren Emotionsregulation, emotionaler Verletzungssensitivität und Verhaltenshemmung im Vergleich zu gesunden Jugendlichen untersucht wurden. Die gefundenen Muster typischer Kognitionen, unter anderem im Sinne negativer sozialer Erwartungen (Verletzungssensitivität), werden bindungstheoretisch diskutiert. Im Fallbericht von Herbst, Fernholz, Strothe und Schlund (2015) wird die multimodale tagesklinische Behandlung einer schweren Schulphobie mit Trennungsangst im Kindesalter berichtet. Neben der Bedeutung der Bindungsvorgeschichte des Kindes für die Symptomgenese wird insbesondere die Bedeutung der Bindungsvorgeschichte der Mutter und deren transgenerationale Transmission auf die internalen Arbeitsmodelle des Kindes deutlich. Für die therapeutischen Veränderungen wird die Notwendigkeit der Umstrukturierung der internalen Arbeitsmodelle der Mutter in einem Prozess 494 Editorial zunehmend verbesserter Fähigkeit ihrer bindungsbezogenen Selbstreflexion (self reflecting function) hervorgehoben, die unter anderem im innovativen Setting der multisystemischen Familientherapie erarbeitet wurde. Das Themenheft wird durch einen Kurzbeitrag aus der aktuellen Psychotherapieforschung zu Angststörungen im Kindesalter ergänzt. Klein, Müller-Göttken, White, Keitel-Korndörfer und von Klitzing (2015) berichten eine beachtenswerte Pilotstudie zur Wirksamkeit Psychoanalytischer Kurzzeittherapie (PaKT) bei Angststörungen im Kindesalter (4-10 Jahre). Bei dieser neu entwickelten manualisierten Therapiemethode wird auf internalisierte Konflikte im interpersonellen Kontext besonders fokussiert, die im symbolischen Spiel durchgearbeitet werden. Auf eine begleitende gezielte Arbeit an der Mentalisierungsfähigkeit der primären Bindungsperson (i. d. R. der Mutter) wird dabei besonders Wert gelegt. Wie kann dieser Diskurs für die Weiterentwicklung unserer psychotherapeutischen Behandlungsmethoden genutzt werden? Für die kognitive Verhaltenstherapie beispielsweise kann ein vertieftes Verständnis der Entstehungsgeschichte von Kognitionen, die aus negativen sozialen Erwartungen resultieren, ebenso wie von vermeidenden bzw. ruminierenden Mustern der Emotionsregulation im Kontext der kindlichen Bindungsentwicklung den individuellen Zugang zum inneren Erleben von Angstpatienten erleichtern. Die Methoden der Schematherapie werden als Erweiterung verhaltenstherapeutischer Verfahren unter anderem aus diesem bindungtheoretischen Diskurs hergeleitet, auch mit dem Ziel, internale Arbeitsmodelle von unsicherer Bindung korrektiv zu beeinflussen (Roediger, 2012). In der psychodynamischen Therapie kann insbesondere eine auf der OPD-KJ 2 beruhende Konflikt- und Strukturdiagnostik unter anderem intrapsychische Nähe-DistanzKonflikte und bindungsbezogene strukturelle Defizite vor dem Hintergrund defizitärer Bindungserfahrungen verstehbar machen (Arbeitskreis OPD-KJ, 2013). Für systemische Behandlungsansätze ist unter anderem die Anwendung des Konzepts internaler Arbeitsmodelle von Angstbewältigung bezogen auf das gesamte Familiensystem sowie dessen transgenerationale Verwurzelung und Übertragung relevant (vgl. Byng-Hall, 1995; Diamond, 2005; Herbst et al., 2015). In diesem Sinne kann ein auf der empirischen Bindungsforschung basierender bindungstheoretischer Diskurs zur Ätiologie und Entwicklungspsychopathologie der Angststörungen im Kindes- und Jugendalter als konzeptuelles Bindeglied zur Weiterentwicklung der störungsspezifischen Behandlungsmethoden in den drei allgemein wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren wesentlich beitragen. Georg Romer Achtergarde, S., Müller, J., Postert, C., Wessing, I., Mayer, A., Romer, G. (2015). Der Zusammenhang von Bindungsmustern und der Entwicklung von Angstsymptomen im Kindes- und Jugendalter. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 64, 496-526. ipabo_66.249.76.55 Editorial 495 Arbeitskreis OPD-KJ (2013). OPD-KJ 2: Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik im Kindes-und Jugendalter: Grundlagen und Manual. Bern: Huber. Bowlby, J. (1975). Bindung – Eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung. München: Kindler. Bowlby, J. (1976). Trennung. Psychische Schäden als Folge der Trennung von Mutter und Kind. München: Kindler. Byng-Hall, J. (1995). Creating a secure family base: Some implications of attachment theory for family therapy. Family process, 34, 45-58. Domschke, K., Deckert, J. (2007). Genetik der Angsterkrankungen. Der Nervenarzt, 78, 825-835. Diamond, G. S. (2005). Attachment-based family therapy for depressed and anxious adolescents. In J. L. Lebow (Hrsg.). Handbook of clinical family therapy (S. 17-41). Hoboken; John Wiley. Grossmann, K., Grossmann, K. E. (2012). Bindungen – Das Gefüge psychischer Sicherheit (5., vollst. überarb. Aufl.). Stuttgart: Klett-Cotta. Helbig, S., Petermann, F. (2008). Entwicklungspsychopathologie Sozialer Angststörungen. Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie, 56, 211-227. Herbst, A., Fernholz, J. M., Strothe, K., Schlund, S. (2015). Psychodynamisch-multisystemische Behandlung von Schulphobie mit Trennungsangst im tagesklinischen Setting. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 64, 545-562. Hopf, H. (2009). Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen: Diagnose, Indikation, Behandlung. Frankfurt a. M.: Brandes & Apsel. Ihle, W., Esser, G. (2002). Epidemiologie psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter: Prävalenz, Verlauf, Komorbidität und Geschlechtsunterschiede. Psychol. Rundschau, 53, 159-169. Klein, A., Müller-Göttken, T., White, L. O., Keitel-Korndörfer, A., K. von Klitzing, K. (2015). Evaluation der Psychoanalytischen Kurzzeittherapie für Kinder von 4-10 Jahren mit Angststörungen (PaKT). Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 64, 563-571. Kullik, A., Petermann, F. (2012). Die Rolle der Emotionsdysregulation für die Genese von Angststörungen im Kindes- und Jugendalter. Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie, 60, 165-175. Moss, E., Smolla, N., Cyr, C., Dubois-Comtois, K., Mazzarello, T., Berthiaume, C. (2006). Attachment and behavior problems in middle childhood as reported by adult and child informants. Development and Psychopathology, 18, 425-444. Ravens-Sieberer, U., Wille, D. P. N., Erhart, M., Bettge, S., Wittchen, H. U., Rothenberger, A., B. Herpertz-Dahlmann, F. Resch, H. Hölling, M. Bullinger, C. Barkmann, M. Schulte-Markwort, M. Döpfner (2008). Prevalence of mental health problems among children and adolescents in Germany: Results of the BELLA study within the National Health Interview and Examination Survey. European child & adolescent psychiatry, 17, 22-33. Roediger, E. (2012). Was ist Schematherapie? Eine Einführung in Grundlagen, Modell und Anwendung. Paderborn: Junfermann Verlag. Powell, B., Cooper, G., Hoffman, K., Marvin, B. (2015). Der Kreis der Sicherheit: Die klinische Nutzung der Bindungstheorie. Lichtenau: Probst. Schneider, S. (Hrsg.) (2011). Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen: Grundlagen und Behandlung. Berlin: Springer. Schweitzer, J., Ochs, M. (2003). Systemische Familientherapie bei schulverweigerndem Verhalten. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 52, 440-455. Zimmermann, P., Iwanski, A., Çelik, F. (2015). Emotionsregulation und emotionale Verletzungssensitivität bei Jugendlichen mit Angststörungen. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 64, 527-544. ÜBERSICHTSARBEITEN Der Zusammenhang von Bindungsmustern und der Entwicklung von Angstsymptomen im Kindes- und Jugendalter Sandra Achtergarde, Jörg Müller, Christian Postert, Ida Wessing, Andreas Mayer und Georg Romer Summary Attachment Patterns and their Relation to the Development of Anxiety Symptoms in Childhood and Adolescence From the perspective of attachment theory, insecure attachment can be seen as a key risk factor for the development of anxiety symptoms and anxiety disorders. This systematic review addresses the current state of empirical research on the relationship between attachment status and anxiety symptoms respective anxiety disorders in childhood and adolescence. 21 current international studies published between 2010 and 2014 were included in this systematic review. These studies were heterogeneous in target populations, methods and study design. The majority of studies supported the assumed correlation between insecure attachment and anxiety symptoms or anxiety disorders. These findings are more evident in studies with school-age children than with preschool children or adolescents. Furthermore, the disorganized-disoriented type of attachment seems to be a particular risk factor for the development of anxiety symptoms and anxiety disorders. Results were discussed in relation to attachment theory and with reference to the results of previous relevant reviews. Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 64/2015, 496-526 Keywords attachment theory – attachment – attachment security – anxiety – anxiety disorders Zusammenfassung Bindungsunsicherheit stellt aus Sicht der Bindungstheorie einen Risikofaktor für die Entstehung von Angstsymptomen und Angststörungen dar. Diese Übersichtsarbeit befasst sich mit dem aktuellen empirischen Forschungsstand zum Zusammenhang zwischen Bindungsmustern und Angstsymptomen bzw. Angststörungen im Kindes- und Jugendalter. Diese Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 64: 496 – 526 (2015), ISSN: 0032-7034 (print), 2196-8225 (online) © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen 2015 ipabo_66.249.76.55 ����������������������������������������������������������� Bindungsmuster und die Entwicklung von Angstsymptomen������ 497 Übersicht umfasst 21 internationale Publikationen, die zwischen 2010 und 2014 veröffentlicht wurden. Die Studien waren sehr heterogen in Bezug auf die jeweils untersuchten Populationen, Studiendesign und Methodik. Die Annahme eines Zusammenhangs zwischen Bindungsmustern und Angstsymptomen bzw. Angststörungen wurde von der Mehrzahl der Studien bestätigt. Die Zusammenhänge zeigten sich allerdings deutlicher und zuverlässiger bei Kindern im Schulalter als bei Vorschulkindern und Jugendlichen. Weiterhin scheinen die verschiedenen Muster der unsicheren Bindung von unterschiedlicher Bedeutung zu sein; so scheint insbesondere der desorganisiert-desorientierte Bindungstyp einen Risikofaktor für die Entstehung von Angstsymptomen und Angststörungen darzustellen. Die Ergebnisse werden im Bezug zur Bindungstheorie und im Hinblick auf die Resultate früherer Übersichtsarbeiten diskutiert. Schlagwörter Bindungstheorie – Bindung – Bindungssicherheit – Angst – Angststörungen 1 Bindung und Angst im Kindes- und Jugendalter Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen; die Prävalenz für Angsterkrankungen insgesamt liegt im Kindesalter bei 10,4 % (Ihle u. Esser, 2002). Neben spezifischen Phobien (z. B. vor Tieren), der sozialen Phobie und Panikstörung/Agoraphobie gehören hierzu insbesondere zwei Störungsgruppen, die nur im Kindesalter diagnostiziert werden: die emotionale Störung mit Trennungsangst und die damit häufig einhergehenden schulbezogenen Angstsyndrome (Schulangst und Schulphobie). Für die Entwicklung von Angststörungen wird neben genetischen Faktoren, Temperamentseigenschaften, ungünstigen Lebensereignissen (z. B. Stress, traumatische Erfahrungen) und familiären Faktoren (z. B. Angsterkrankungen der Eltern; Erziehungsverhalten) insbesondere die Rolle der Bindung zwischen Kind und Eltern diskutiert (Kerns u. Brumariu, 2014), wobei postuliert wird, dass eine unsichere Bindung mit einem höheren Risiko für die Entwicklung von Angstsymptomen und Angststörungen einhergeht (Bowlby, 1973; Cassidy, 1995; Deklyen u. Greenberg, 2008; Jaeggi, 2005). Die theoretischen Grundlagen und empirischen Befunde werden im Folgenden dargestellt, um die Zielsetzung dieser Übersichtsarbeit für neuere empirische Befunde zu verdeutlichen. 1.1 Grundlagen der Bindungstheorie nach Bowlby und Ainsworth Bindungs- und Explorationssystem. Das Konzept der Bindung beschreibt das emotionale Band zwischen einem Kind und dessen bedeutsamsten Bezugspersonen, normalerweise den Eltern (Bowlby, 1969/2006; Zeanah, Berlin, Boris, 2011). 498 S. Achtergarde et al. Kindliches Bindungsverhalten (z. B. Rufen, Nachlaufen oder Anklammern) dient dazu, die Nähe zur Bezugsperson (wieder-)herzustellen und das Kind vor Gefahren zu schützen (Grossmann u. Grossmann, 2012). Neben dem Bindungsverhaltenssystem verfügt das Kind über ein weiteres Verhaltenssystem, das Explorationssystem, welches dem Spiel, der Erkundung der Umgebung und im weitesten Sinne dem Lernen dient. Bei wahrgenommener Bedrohung wird das Explorationssystem deaktiviert und das Bindungssystem aktiviert – das Kind unterbricht sein Spiel und wendet sich seiner Bindungsperson als seinem „sicheren Hafen“ zu. Hierbei werden negative Emotionen des Kindes wie Angst oder Trauer durch die Bindungsperson reguliert und das kindliche Gefühl der Sicherheit wiederhergestellt. Von dieser „sicheren Basis“ aus kann sich das Kind nun wieder dem explorativen Spiel zuwenden (Grossmann u. Grossmann, 2012). Das kindliche Verhalten pendelt also stets zwischen Bindungs- und Explorationsverhalten, wobei dem Bindungsverhalten die Angst als zentrales regulierendes Motivationssystem zugrunde liegt (vgl. Goldberg, Grusec, Jenkins, 1999). Ein Mangel an emotionaler Verfügbarkeit der Bindungsperson in bindungsrelevanten Situationen führt somit zu erhöhter Ängstlichkeit der Kinder (Bowlby 1973). Bindungsmuster. Auf der Grundlage ihrer Studien im Kleinkindalter unterschieden Ainsworth und Kollegen ein sicheres Bindungsmuster (Typ B) und zwei unsichere Bindungsmuster (unsicher-vermeidend, Typ A, und unsicher-ambivalent, Typ C; gelegentlich auch als unsicher-kontrollierend bezeichnet). Sicher gebundene Kinder protestieren in der Ainsworth Fremdensituation bei der Trennung von der Mutter, zeigen bei der Wiedervereinigung Freude über ihre Rückkehr und lassen sich leicht von ihr trösten, um danach bald weiterzuspielen. Unsicher-vermeidende Kinder scheinen sowohl den Weggang der Mutter wie auch ihre Wiederkehr völlig zu ignorieren und beschäftigten sich stattdessen ausschließlich mit Spielen und Erkunden, zeigen in Situationen der Trennung jedoch psychophysiologisch Indikatoren einer deutlich erhöhten Belastung. Bei der Wiederkehr der Mutter nutzen sie diese nicht als Quelle von Trost und Sicherheit. Unsicher-ambivalente Kinder protestieren besonders heftig gegen die Trennung, suchen bei der Rückkehr der Mutter engen Kontakt, der jedoch oft mit Ärger und Wut durchmischt ist, lassen sich nicht gut trösten und benötigen viel Zeit, um sich zu beruhigen und ins Spiel zurückzufinden. Später wurde noch ein weiteres Bindungsmuster beschrieben (Typ D), das im Gegensatz zu den drei anderen, klar strukturierten und organisierten Bindungsmustern als „desorganisiert“ (bzw. desorientiert-desorganisiert) bezeichnet wurde (Main u. Cassidy, 1988). Die betroffenen Kinder zeigten während der Trennung und Wiedervereinigung keine klare Verhaltensstrategie, sondern eine inkonsistente nicht vorhersagbare Mischung verschiedener Anteile oder ungewöhnliche, unangemessene und bizarre Verhaltensweisen wie Erstarren oder Stereotypien. ipabo_66.249.76.55 ����������������������������������������������������������� Bindungsmuster und die Entwicklung von Angstsymptomen������ 499 1.2 Hypothesen zum Zusammenhang zwischen Bindungssicherheit und Angstregulation Die klinische Bedeutung von sicheren und unsicheren Bindungsmustern für die Entwicklung der Fähigkeit zur Angstregulation im Kindesalter wird in den vier folgenden Hypothesen zusammengefasst. Unsicher-vermeidendend Bindungstyp-Hypothese. Unsicher-vermeidende Bindungs muster stellen einen Risikofaktor für die Entwicklung von Angstsymptomen und Angststörungen dar (vgl. Colonnesi et al., 2011), da nur beim Vorhandensein einer sicheren Bindung die kindliche Emotion „Angst“ offen gezeigt werden darf, um die Sicherheit gebende Bindungsperson zu aktivieren (Bowlby, 1973; Cassidy, 1995). Hierdurch kann das Kind im Laufe seiner Entwicklung effektive anstelle von dysfunktionalen Strategien der Selbstregulation von Angst erlernen. Kinder mit einem unsichervermeidenden Bindungsmuster zeigen ihre Angst nicht offen, da sie nicht erwarten, dass dieses Signal durch die Bezugspersonen empathisch beantwortet wird (z. B. Zurückweisung oder Nichtbeachtetwerden durch die Bezugspersonen). Ambivalenz-Hypothese. Carlson und Sroufe (1995, zitiert nach Brumariu u. Kerns, 2010b) machen insbesondere den ambivalent-unsicheren Bindungstyp für die Entwicklung von Angstsymptomen und Angststörungen verantwortlich, da über den übertriebenen Ausdruck von Angst ein Anreiz für das Kind besteht, bei der als unzuverlässig erlebten Bindungsperson eine Reaktion zu provozieren (Bowlby, 1973; Cassidy, 1995). Bei anderen unsicheren Bindungsmustern wird nach dieser Auffassung ängstliches Verhalten dagegen nicht in demselben Maße direkt verstärkt. Desorganisations-Hypothese. Für Kinder mit einem desorganisiert-desorientierten Bindungsmuster besteht nach Moss et al. (2006; Kerns u. Brumariu, 2014) ein spezifisches Risiko für die Entwicklung von Angstsymptomen und Angststörungen darin, dass bei belastenden Emotionen wie Angst diese nicht durch eine konkrete Verhaltensstrategie bewältigt werden können (Bowlby, 1973; Cassidy, 1995), wie es bei Kindern mit sicherer Bindung (Einholen von Unterstützung durch die Bindungsperson), unsicher-vermeidender Bindung (Minimierung oder Verleugnung der Gefühle) oder der unsicher-ambivalenten Bindung (Maximierung und Dramatisierung) der Fall ist. In den vorgenannten Fällen besitzt das Kind zumindest eine konsistente Strategie für sein Verhalten und orientiert sich dabei an den zu erwartenden Reaktionen der Bindungsperson. Im Fall der desorganisierten Bindung fehlt dem Kind dagegen eine solche Orientierung und eine konsistente Verhaltensstrategie, was sich in dysfunktionalen Reaktionen wie Erstarren, Panik oder Aggression ausdrücken kann. Bei einem desorganisiert-desorientierten Bindungsmuster befindet sich das Kind zudem in dem Dilemma, dass die Bindungsperson durch ihr Verhalten beim Kind zusätzlich Stress oder Angst induziert (z. B. durch aggressive oder unvorhersehbare Reaktionen der Bindungsperson). Das Kind reagiert auf dieses unlösbare Dilemma mit dem Zusammenbruch des Bindungsverhaltenssystems, was sich in inkonsistenten Reaktionen wie z. B. Erstarren oder Dissoziation äußert. 500 S. Achtergarde et al. Differenzierungs-Hypothese. Die „Differenzierungs-Hypothese“ bündelt verschiedene Vorstellungen, inwieweit bestimmte Typen aus dem Kreis unsicherer Bindung eine bestimmte spezifische Angststörung entwickeln (Bowlby, 1973; Cassidy, 1995; Manassis, 2001, zitiert nach Brumariu u. Kerns, 2010a,b; Goodman, Stroh, Valdez, 2012). Bei einer unsicher-vermeidenden Bindung macht das Kind beispielsweise regelmäßig die Erfahrung, zurückgewiesen zu werden, was die Entwicklung einer Erwartung begünstigt, dass andere Menschen ihm grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen. Diese kann sich schließlich in sozial vermeidendem Verhalten und der Entwicklung einer Sozialphobie manifestieren. Des Weiteren wird ein Kind mit einer unsicher-vermeidenden Bindung nicht ermutigt, negative Gefühle wie Angst oder Unsicherheit offen zu zeigen, sondern eher zu verleugnen oder zu unterdrücken. Zwänge können hierbei als Verhalten interpretiert werden, mit dem Angst (verdeckt) zum Ausdruck gebracht und in Form von Zwangsverhalten bewältigt wird (Döpfner u. Goletz, 2013). Die Differenzierungs-Hypothese umfasst weiterhin die Annahme, dass unsicher-ambivalente sowie desorientiert-desorganisierte Bindungsmuster speziell die Entwicklung einer Störung mit Trennungsangst (und der damit eng verbundenen Diagnose Schulphobie) begünstigen (z. B. Goodman et al., 2012). Diese Annahme beruht darauf, dass ein Kind in einer unsicher-ambivalenten, aber auch in einer desorientiert-desorganisierten Bindungsbeziehung nicht die Erfahrung macht, dass die Bindungsperson verlässlich seine signalisierten Bedürfnisse beantwortet. Das Kind entwickelt so nicht das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Bindungsperson, das notwendig ist, um auch Zeiträume der Trennung überbrücken zu können. Sein Bindungssystem bleibt ständig und übermäßig aktiviert. Trennungen werden daher als bedrohlich erlebt und können nicht toleriert werden, was sich zum Beispiel im Störungsbild der pathologischen Trennungsangst äußern kann. 2 Der Stand der Forschung 2.1 Bisherige Übersichtsarbeiten Zur Frage nach dem Zusammenhang zwischen Bindungssicherheit und pathologischer Angst bei Kindern wurden in jüngerer Zeit eine Meta-Analyse (Colonnesi et al., 2011) sowie zwei internationale Übersichtsarbeiten (Brumariu u. Kerns, 2010b; Esbjørn, Bender, Reinhold-Dunne, Munck, Ollendick, 2012) publiziert, die im Folgenden mit ihren Besonderheiten zusammenfassend dargestellt werden. In der Meta-Analyse von Colonnesi et al. (2011) wurde der Zusammenhang zwischen Bindungssicherheit und klinischen Angstsymptomen im Kindesalter (von der frühen Kindheit bis ins Jugendalter) untersucht. Insgesamt wurden 46 Studien mit insgesamt N = 8.907 Kindern aus den Jahren 1994 bis 2010 eingeschlossen. Dabei ergab sich ein mäßig starker Zusammenhang von r = .30 zwischen Angstsymptomen und unsicherer Bindung, wobei sich keine Unterschiede zwischen kli- ipabo_66.249.76.55 ����������������������������������������������������������� Bindungsmuster und die Entwicklung von Angstsymptomen������ 501 nischer und nicht-klinischer Symptomatik zeigten und auch keine Unterschiede hinsichtlich verschiedener Angststörungen. Deutlich wurde jedoch, dass das unsicher-ambivalente Bindungsmuster am stärksten mit Angstsymptomen zusammenhing. Die Übersichtsarbeit von Brumariu und Kerns (2010b) untersuchte den Zusammenhang zwischen Bindung und internalisierenden Symptomen, einschließlich Angst und Depression. Es wurden alle Studien aus den Jahren 1984 bis 2008 einbezogen, die ein Bindungsmaß sowie ein Maß für internalisierende Symptome, Angst oder Depression enthielten. In Bezug auf die Studien, die Angstsymptome im Kindesalter untersuchten, fanden sich in sechs von acht Studien signifikante Zusammenhänge in der erwarteten Richtung oder gemischte Ergebnisse; für das Jugendalter war dies in acht von elf Studien der Fall. Die beobachteten Effektstärken lagen nach Cohen im mittleren bis oberen Bereich.1 Die Autoren fanden den Zusammenhang zwischen Bindungsunsicherheit und Angstsymptomen entsprechend partiell unterstützt. Insbesondere zeigte sich ein Zusammenhang zwischen dem unsicher-ambivalenten Bindungstyp und Angstsymptomen, während unsicher-vermeidende Bindungsmuster nicht eindeutig mit Angstsymptomen korrelierten. Zum desorganisiert-desorientierten Bindungstyp gab es nicht ausreichend Studien, um den Zusammenhang mit Angstsymptomen einschätzen zu können. Es ist hervorzuheben, dass sich die Ergebnisse dieser Übersicht auf einer dimensionalen Erfassung einer Angstsymptomatik stützen und demnach nur eingeschränkt Aussagen zum Risiko für das Entstehen des klinischen Vollbildes einer Angststörung zulassen. Die Übersichtsarbeit von Esbjørn et al. (2012) legte den Schwerpunkt auf die Frage, wie Angststörungen bei Kindern entstehen und welchen relativen Einfluss die Bindung dabei hat, verglichen mit der Fähigkeit von Kindern und Jugendlichen zur Emotionsregulation. Auf der Grundlage von 22 Studien wird nach Ansicht der Autoren die Hypothese eines Zusammenhangs zwischen unsicherer Bindung und Angstsymptomen gestützt. Eine unsichere Bindung, speziell die unsicher-ambivalente Bindung, erhöht demnach die Vulnerabilität von Kindern und somit das Risiko für die Entwicklung von Angstsymptomen bzw. Angststörungen. Die beobachteten Effektgrößen waren hierbei jedoch mit kleinen bis sehr großen Effekten sehr heterogen, was nahelegt, dass hier nicht untersuchte Faktoren eine Rolle spielen. Die Aussagekraft dieser Übersichtsarbeit wird eingeschränkt durch die Staffelung der Altersklasse sowie den Einbezug von mütterlicher Bindungsrepräsentation, was nicht mit einem Zusammenhang zwischen kindlichem Bindungsmuster und kindlicher Angstsymptomatik gleichgesetzt werden kann. Besonders hervorzuheben ist, dass in dieser Arbeit explizit zwischen Angstsymptomen bzw. -syndromen und diagnostisch gesicherten Angststörungen unterschieden wurde. 1 Detaillierte Angaben zu den Effektstärken sowie den Einschlusskriterien und Erfassungsmethoden finden sich in Brumariu und Kerns (2010b). 502 S. Achtergarde et al. 2.2 Ziel der vorliegenden Arbeit Im deutschsprachigen Raum ist die Rezeption des empirischen Forschungsstandes in diesem Feld bislang noch unzureichend. Zudem existieren nur wenige deutschsprachige Originalstudien. In den deutschsprachigen Standardlehrbüchern der Kinder- und Jugendpsychiatrie bleibt die Bedeutung von Bindung im Gefüge psychischer Sicherheit (Grossmann u. Grossmann, 2010) im Diskurs zur Ätiologie und Pathogenese von Angststörungen bislang weitgehend unberücksichtigt. Ziel der vorliegenden Arbeit ist eine aktualisierte Darstellung der diesbezüglichen Studienlage seit 2010 und einen Beitrag zur Rezeption des Zusammenhangs von Bindung und Angststörungen im deutschsprachigen Bereich zu leisten. Aufgrund der methodischen Besonderheiten in den Altersbereichen Vorschul- (0-6 Jahre), Grundschul- (7-12 Jahre) und Jugendalter (13-18 Jahre) werden diese getrennt diskutiert, wobei auch zwischen Längs- und Querschnittsstudien sowie zwischen Studien zu dimensional erfasster Angstsymptomatik und zu klinischen Angststörungen (klinische Stichproben) unterschieden wird. Die methodischen Besonderheiten beziehen sich vor allem auf die entwicklungsangepasste Veränderung in der Erfassung von Bindungssicherheit und Bindungsrepräsentanzen sowie Unterschieden in der Erfassung durch Fremdurteile und Selbstauskünften – worauf im Folgenden entsprechend hingewiesen wird. 3 Methodik 3.1 Recherche2 Die Suche erfolgte in den psychologischen Fachdatenbanken psycARTICLES, psycINFO und PSYNDEX mit der Kombination der folgenden Schlagwörter: +attachment +anx*. Der Begriff „attachment anxiety“, zu Deutsch „Bindungsangst“, wurde ausgeschlossen, ebenso die Begriffe „adult attachment“ und „romantic attachment“. Es wurden ausschließlich wissenschaftliche Fachzeitschriften berücksichtigt, und die Population der Teilnehmer wurde auf den Altersbereich der Kindheit und Jugend („adolescence, school age, childhood, preschool age, infancy, neonatal“) beschränkt. Im Anschluss daran erfolgte eine zusätzliche Suche in den Datenbanken Google Scholar und Web of Science mit den Schlagwörtern „attachment“, „child“ and „anxiety“. Um Überschneidungen mit den Suchergebnissen der bereits beschriebenen Reviews (Brumariu u. Kerns, 2010b; Esbjørn et al., 2012) und der Meta-Analyse (Colonnesi et al., 2011) zu vermeiden, wurde der Suchbereich auf den Zeitraum von Januar 2010 bis Juni 2014 eingegrenzt. 2 Die Suchstrategie orientierte sich an den Empfehlungen des Centre for Reviews and Dissemination (2009). ipabo_66.249.76.55 ����������������������������������������������������������� Bindungsmuster und die Entwicklung von Angstsymptomen������ 503 3.2 Auswahl von relevanten Einzelstudien 3.2.1 Einschlusskriterien In die Übersicht aufgenommen wurden Studien, die folgende Kriterien erfüllten: • Die Teilnehmer mussten zum Zeitpunkt der Erfassung der Bindungssicherheit jünger als 18 Jahre sein (die Angstsymptomatik/Angststörung durfte auch später erfasst worden sein). • Die Methodik der Studie musste klar beschrieben sein. • In der Studie musste mindestens ein Bindungsmaß angewendet worden sein, das Auskunft über die Bindungssicherheit geben konnte und/oder die Zugehörigkeit eines Kindes zu einem spezifischen Bindungstyp/Bindungsmuster definierte. • In der Studie musste ein standardisiertes Maß für Angst, Ängstlichkeit oder Angststörungen angewendet worden sein oder die Angstsymptomatik musste durch das klinische Urteil eines Experten eingeschätzt worden sein. Unter Berücksichtigung dieser Kriterien wurden 21 aktuelle Publikationen in die Übersichtsarbeit eingeschlossen. Tabellen 1 bis 3 beschreiben, getrennt für die Altersgruppen Vorschul-, Schul- und Jugendalter, kurz in ihren wesentlichen Merkmalen die entsprechenden Studien, insbesondere Größe und Herkunft der Stichprobe, verwendete Maße und Instrumente sowie die wesentlichen Ergebnisse zum Zusammenhang zwischen Bindungssicherheit und späterer Angstsymptomatik. 4 Bindung und Angst: Aktuelle empirische Befunde 4.1 Bindung und Angstsymptome im Vorschulalter Tabelle 1 (folgende Doppelseite) beschreibt fünf Studien aus den Jahren 2011 bis 2013, welche überwiegend verhaltensorientierte Verfahren zur Einschätzung der Bindungssicherheit verwendeten (Fremde Situation bzw. Fremde Situation für das Vorschulalter; Q-Sort-Verfahren), während die Angstsymptomatik unter anderem mit klinischen Interviews, klinischen Ratingskalen, Elternfragebögen und Verhaltensbeobachtungen erfasst wurde. Die Stichproben wurden in drei von fünf Studien aus der Normalbevölkerung rekrutiert. 4.1.1 Längsschnittstudien Wie aus Tabelle 1 zu ersehen ist, waren die Ergebnisse der Längsschnittstudien mit Kindern im Vorschulalter uneinheitlich. In einer Studie (McLaughlin, Zeanah, Fox, Nelson, 2012) mit Waisenkindern aus Rumänien wurde ein Zusammenhang zwischen Bindungssicherheit und späterer Angstsymptomatik nachgewiesen. Jungen ipabo_66.249.76.55 Hopkins, Lavigne, Gouze, LeBailly, Bryant, 2013 Pass, Arteche, Cooper, Creswell, Murray, 2012 Querschnittstudien Hudson, Dodd, Bovopoulos, 2011 T1: 3;2-4;5 Jahre; T2: 6 Jahre Australien 3;2-4;5 Jahre (M = 4 Jahre, SD = 4 Monate) 4.44 Jahre (47-61 Monate) ADIS-P PAS Doll Play DISC-YC Attachment Q-Sort (Waters, CSI 1987) CMPACS Groß T1: 14 FST14 britannien Monate; T2: 4,5 Jahre PAPA ADIS-P PAS CMPACS Nach Kontrolle des Kind-Temperaments keine sign. Zusammenhänge zwischen Bindungstyp und Angststörungen bzw. Angstsymptomatik. Mäßig hohe, aber sign. Korrelationen zwischen Bindungssicherheit und Angstmaßen (r = -.14 bis r = -.25). Im Strukturgleichungsmodell keine direkten Effekte der Bindungssicherheit auf die Angstsymptomatik. Indirekte Effekte (vermittelt über die kindliche Selbstregulation) waren klein, aber sign. Nach Kontrolle der Angst zu T 1 keine sign. Zusammenhänge (Pfade) zwischen Bindungssicherheit und Angststörungen bzw. Angstsymptomatik zu T 2. Kinder mit sicherer Bindung im Alter von 42 Monaten zeigten im Alter von 54 Monaten geringere Angstsymptome (Mädchen: β������������������������ ������������������������� = -0.40, p < .001; Jungen: β = -0.30, p = .006). Je höher die Bindungssicherheit, desto geringer die Angstsymptome (Mädchen: β = -0.42, p < .001; Jungen: β = -0.36, p < .001). Keine Zusammenhänge zwischen Bindung und Verhalten im Doll PlayVerfahren. Angstmaß Hauptergebnisse Bindungsmaß FST42 Rumänien/ T1: 42 USA Monate; T2: 4,5 Jahre Alter Herkunft N = 202 Kinder aus der Australien Bevölkerung; je 50 % mit gehemmtem Temperament, 50 % ohne; jeweils 50 % Jungen 796 Kinder (davon 391 JunUSA gen, 49,1 %), aus der Normalbevölkerung, ethnisch und sozial gemischter Herkunft N = 62 Kinder von sozial ängstlichen Müttern; KG N = 60 Stichprobe Längsschnittstudien Hudson, Dodd, N = 202 Kinder aus der Lyneham, Bovopou- Bevölkerung; je 50 % mit los, 2011 gehemmtem Temperament (behavior inhibition), 50 % ohne; jeweils 50 % Jungen N = 136 Waisenkinder McLaughlin, Zeanah, Fox, Nelson, 2012 Tabelle 1: Studien zum Zusammenhang zwischen Bindungssicherheit und Angst des Kindes (1-6 Jahre) 504 S. Achtergarde et al. Brumariu u. Kerns, 2013 N = 1.097 Kinder aus der Bevölkerung; 49,4 % Mädchen Stichprobe Längsschnittstudien Murray et al., 93 Kinder mit Lip2010 penspalte/LippenKiefer-Gaumenspalte (58 Jungen); KG N = 77 (48 Jungen) Kerns, Siener, N = 1.364 Kinder Brumariu, (48 % Mädchen) aus 2011 der Bevölkerung Alter Bindungsmaß T1: Strange SituaGroß britannien 18 Monate; tion Procedure T2: 7 Jahre (Ainsworth et al., 1978) mit 18 Monaten USA T1: 54 My Family Monate bis Questionnaire 1. Klasse; (Kerns, Siener, T2: 2.-6. Brumariu, 2011) Klasse USA T1: 15 Strange SituaMonate tion Procedure T2: 5./6. (Ainsworth et Jahrgangs- al., 1978) mit 15 stufe Monaten Herkunft Unsicher gebundene Kinder (aus beiden Gruppen) wiesen häufiger als sicher gebundene Kinder ängstlich-depressive Symptome auf (χ2(1) = 4.43, p = .03). Bindungssicherheit, gemessen in der 5. Klasse, korrelierte schwach, aber sign. negativ mit Angstsymptomen in der 6. Klasse (r = -.10, p < .01). Geringere Bindungssicherheit war mit stärkerem Anstieg der Angst verbunden. Sichere Bindung korrelierte schwach, aber sign. negativ mit Angstsymptomatik (r = .-.07, p < .05). Desorganisiert-desorientierte Bindung korrelierte sign. positiv mit Angst (r = .10; p < .01). 12-ItemAngstskala aus CBCL 4-18 (Achenbach, 1991): Items 31, 32, 34, 45, 50, 71, 89, 112, 9, 29, 30, 66) Hauptergebnisse Teacher Report Form (TRF; Achenbach, 2001) Angstmaß Tabelle 2: Studien zum Zusammenhang zwischen Bindungssicherheit und Angst aus der mittleren Kindheit (7-12 Jahre) Anmerkung: ADIS-P Anxiety Disorders Interview Schedule for DSM-IV, Parent Version; Silverman u. Albano, 1996); Attachment Q-Sort (Waters, 1987). CMPACS Cassidy-Marvin (Macarthur) Preschool Attachment Classification System (Cassidy u. Marvin, 1992). CSI Eltern-Fragebogen (Child Symptom Inventory-Parent Checklist; Gadow u. Sprafkin, 2000). DISC-YC Interview mit den Eltern (Diagnostic Interview Schedule for Children-Parent Scale -Young Child Version; Fisher u. Lucas, 2006). Doll Play Beobachtungsverfahren zur Erfassung von Angst, spez. sozialer Angst (Pass, Arteche, Cooper, Creswell, Murray, 2012). FST14 Fremde Situation (Ainsworth et al., 1978) mit 14 Monaten; Klassifizierung als „sicher“ oder „unsicher“. FST42 Fremde Situation (Ainsworth, Blehar, Waters, Wall, 1978) mit 42 Monaten; Klassifizierung als „sicher“ oder „unsicher“; dazu kontinuierliche Einschätzung der Bindungssicherheit. PAPA Preschool Age Psychiatric Assessment (Egger et al., 2006) mit 54 Monaten. PAS Preschool Anxiety Scale (; Spence et al., 2001). PAS Preschool Anxiety Scale (Spence, Rapee, McDonald, Ingram, 2001). TABC-r Temperament Assessment Battery for Children-Revised (Martin, 1998; Ball, Pelco, Havill, Reed-Victor, 2001) ����������������������������������������������������������� Bindungsmuster und die Entwicklung von Angstsymptomen������ 505 10-12 Jahre Eigenes StoryStem-Verfahren (Brumariu u. Kerns, 2010a; Brumariu et al., 2012) Brumariu, N = 87 Kinder (39 USA Kerns, Seibert, Jungen) aus der Be2012 völkerung und ihre Mütter; ethnisch und sozial gemischte Herkunft Dominic Interactive Questionnaire (Valla, Bergeron, Smolla, 2000) Preschool Attachment Classification System (Cassidy u. Marvin, 1992) mit 3-4 Jahren Kinder, die im Vorschulalter ein unsicher-desorganisiertes Bindungsverhalten gezeigt hatten, wiesen im Alter von 11-12 Jahren eine höhere Angstsymptomatik auf als Kinder mit sicherer oder unsicher-organisierter (d. h. vermeidender oder ambivalenter) Bindung. Hauptergebnisse SCARED; in dieser Studie wurden die Werte der 5 Subskalen verwendet (Panikstörung, Generalisierte Angst, Sozialphobie, Trennungsangst, Schulphobie). SCARED; in dieser Studie wurde der Gesamtwert verwendet. Sichere Bindung korrelierte sign. negativ mit den Skalenwerten mehrerer Angststörungen (Gen. Angst r = -.22, p < .05; Sozialphobie r = -.27, p < .05; Schulphobie r = -.34; p < .01), aber nicht mit Trennungsangst (r = -.02). Unsicher-ambivalente Bindung korrelierte sign. nur mit Trennungs angst (r = .34, p < .01). Unsicher-vermeidende Bindung korrelierte sign. negativ mit Trennungs angst (r = -.27, p < .05), aber nicht mit anderen Angststörungen. Desorganisierte Bindung korrelierte sign. mit Sozialphobie (r = .26, p < .05) und Schulphobie (r = .31, p < .01). Sichere Bindung korrelierte negativ mit AngstGesamtwert (r = −.28, p < .01), desorganisierte Bindung positiv (r = .31, p < .01). Vermeidende Bindung korrelierte nicht mit Angst (r = −.06). Ambivalente Bindung korrelierte nicht mit Angst, wenn Geschlecht und Familienstand kontrolliert wurden. EATQ-R; CBCL Kinder mit desorganisierter Bindung berichteten 4-18; CSI selbst höhere Schüchternheit; den Eltern zufolge zeigten diese Kinder mehr soziale Ängstlichkeit. Angstmaß Bindungsmaß Child Attachment Interview (Target, Fonagy, ShmueliGoetz, 2003) 10-12 Jahre Für diese Studie entwickeltes Story-Stem-Verfahren (Brumariu u. Kerns, 2010a) T1: 3-4 Jahre; T2: 11-12 Jahre Kanada 8-12 Jahre Alter Herkunft Querschnittstudien Borelli, DaN = 97 Kinder (56,6 USA vid, Crowley, % Jungen) aus unMayes, 2010 terer bis mittlerer Mittelschicht USA Brumariu u. N = 87 Kinder (39 Kerns, 2010a Jungen) aus der Bevölkerung und ihre Mütter; ethnisch und sozial gemischte Herkunft Stichprobe Längsschnittstudien Lecompte, N = 68 Kinder Moss, Cyr, (33 Mädchen) Pascuzzo, 2014 Tabelle 2: (Fortsetzung) 506 S. Achtergarde et al. ipabo_66.249.76.55 Deutschland 8-12 Jahre Ein unsicher-vermeidender Bindungsstil reduzierte die Wahrscheinlichkeit von Trennungsangst, während ein unsicher-ambivalenter sowie ein desorientiert-desorganisierter Bindungsstil die Wahrscheinlichkeit von Trennungsangst erhöhten. CBCL Anxiety Problems korrelierte zu r = .62 mit ACC-Skala Insecure und zu r = .70 mit ACCSkala Anxious-distrustful; aber nur N = 5 Kinder zeigten spezifisches Angst-Profil Bindungsrepräsentation (emotionale Verfügbarkeit) korrelierte mit Ängstlichkeit zu r = -.23 bis r = -.26 (sign.). Bindungsverhalten korrelierte mit Ängstlichkeit zu -.16 (Tendenz). Attachment DICA-R Story Completion Task (ASCT; Bretherton, Ridgeway, Cassidy, 1990) CBCL DSMorientierte Skala Anxiety Problems (Achenbach u. Rescorla, 2001) California Child Q-Sort (Block u. Block, 1980; Persönlichkeitsmerkmal Ängstlichkeit) Assessment Checklist for Children (ACC): bindungsbe zogene Skalen II-VI (TarrenSweeney, 2007) Bindungsinterview für die Späte Kindheit (BISK; Zimmermann u. Scheuerer-Englisch, 2000) Anmerkung: EATQ-R Early Adolescent Temperament Questionnaire-Revised (Ellis u. Rothbart, 2001); CSI Child Symptom Inventory-Parent Checklist (Gadow u. Sprafkin, 1998); SCARE Screen ������������������������������������������������������������������������������������������������������������������� for Child Anxiety Related Emotional Disorders (Birmaher et al., 1997); DICA-R Diagnostic ������������������������������ Interview for Children and Adolescents-Revised (Welner, Reich, Herjanic, Jung, Amado, 1987) Zimmermann N = 34 Kinder aus u. Scheuerer- ErziehungsberaEnglisch, 2013 tungsstellen; N = 35 Kinder aus der Psychiatrie; N = 48 Kontrolle N = 236 Kinder (128 Australien 4-11 Jahre Jungen) in Pflegeoder Verwandtenbetreuung 5-10 Jahre Tarren-Sweeney, 2013 USA N = 36 Kinder aus einer kinderpsychiatrischen Station Goodman, Stroh, Valdez, 2012 ����������������������������������������������������������� Bindungsmuster und die Entwicklung von Angstsymptomen������ 507 508 S. Achtergarde et al. und Mädchen, die im Alter von 3,5 Jahren eine sichere Bindung an ihre Adoptiveltern aufwiesen, zeigten im Alter von 54 Monaten weniger Angstsymptome als Kinder mit unsicheren Bindungsmustern (Mädchen: β = -0.40, p < .001; Jungen: β = -0.30, p = .006). Je höher die Bindungssicherheit war, desto geringer waren die Angstsymptome bei den Kindern ausgeprägt (Mädchen: β = -0.42, p < .001; Jungen: β = -0.36, p < .001). Die beiden anderen Längsschnittstudien (Hudson, Dodd, Lyneham, Bovopoulos, 2011; Pass, Arteche, Cooper, Creswell, Murray, 2012) fanden hingegen keine signifikanten Zusammenhänge zwischen Bindungssicherheit und späterer Angstsymptomatik. 4.1.2 Querschnittstudien Auch die Querschnittstudien mit Kindern im Vorschulalter zeigten heterogene Ergebnisse. Die Studie der Arbeitsgruppe von Hopkins (Hopkins, Lavigne, Gouze, LeBailly, Bryant, 2013) wies gemischte Ergebnisse auf. Es fanden sich insgesamt mäßig hohe, aber signifikante Korrelationen zwischen Bindungssicherheit und Angstmaßen (r = -.14 bis r = -.25). Im Strukturgleichungsmodell wurden hingegen keine direkten Effekte der Bindungssicherheit auf die Angstsymptomatik nachgewiesen. Es fanden sich jedoch kleine, aber signifikante indirekte Effekte der Bindungssicherheit (vermittelt über die kindliche Selbstregulation). Die Studie von Hudson und Kollegen (Hudson, Dodd, Bovopoulos, 2011) berücksichtigte bei der Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Bindungssicherheit und Angst das kindliche Temperament als Kontrollvariable. Es zeigte sich, dass nach Kontrolle des Kind-Temperaments keine signifikanten Zusammenhänge zwischen Bindungstyp und Angststörungen bzw. Angstsymptomatik festzustellen waren. 4.1.3 Zusammenfassung: Vorschulalter Die aktuellen Studien mit Kindern im Vorschulalter bestätigen nur teilweise die allgemeine Hypothese eines Zusammenhangs von unsicherer Bindung und der Entstehung von Angstsymptomen (Unsicherheits-Hypothese). Die erwarteten Zusammenhänge wurden nicht in allen Studien gefunden und die Effekte waren, auch wenn die Zusammenhänge signifikant waren, eher klein. In Studien, die weitere Moderator- und Mediatorvariablen wie das Temperament des Kindes oder die kindliche Selbstregulation berücksichtigten, wurden keine direkten Zusammenhänge zwischen Bindungssicherheit und dem Auftreten einer Angstsymptomatik festgestellt. 4.2 Bindungssicherheit und Angst im Schulalter Zehn Studien aus den Jahren 2010 bis 2014 untersuchten den Zusammenhang zwischen Angstsymptomen bzw. Angststörungen und Bindungssicherheit im Schulalter (6-12 Jahre; Tab. 2). Als Bindungsmaße wurden in dieser Altersgrup- ipabo_66.249.76.55 ����������������������������������������������������������� Bindungsmuster und die Entwicklung von Angstsymptomen������ 509 pe teils verhaltensorientierte (Fremde Situationstest), teils repräsentationsorientierte Verfahren verwendet. Bindungsrepräsentanzen der Kinder wurden durch Fragebögen, Bindungsinterviews und eigens für die Studie entwickelte Geschichtenergänzungsverfahren erhoben. Die Angstsymptomatik wurde mit spezifischen Verfahren wie dem Screen for Child Anxiety Related Emotional Disorders (SCARED; Birmaher et al., 1997) oder mit Breitbandverfahren wie dem Eltern- oder Lehrerurteil mit CBCL/TRF erfasst, wobei je nach Studie nur Selbst- oder Fremdeinschätzung berücksichtigt wurden. Die Stichproben wurden überwiegend aus der Normalbevölkerung rekrutiert für vier prospektive Längsschnittstudien und sechs Querschnittstudien. 4.2.1 Längsschnittstudien Alle vier Längsschnittstudien bestätigten den erwarteten Zusammenhang zwischen unsicherer Bindung und der Entstehung von Angstsymptomen im Schulalter (Unsicherheits-Hypothese). In der großen Studie von Kerns, Siener und Brumariu (2011) mit N = 1.364 Kindern zeigte sich, dass die Bindungssicherheit zwar schwach, aber signifikant negativ (r = -.10, p < .01) mit Angstsymptomen korrelierte. Die Analyse von Wachstumskurven (latent growth curve analysis) zeigte zudem, dass eine geringere Bindungssicherheit mit einem stärkeren Anstieg der Angstsymptome über die Zeit verbunden war. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen Murray et al. (2010), obwohl sich diese Längsschnittstudie über ein beträchtlich größeres zeitliches Intervall erstreckte. Die Autoren maßen die Bindungssicherheit von 170 Kindern mit und ohne Lippen-Kiefer-Gaumenspalte im Alter von 18 Monaten und erfassten die kindliche Symptomatik im Alter von sieben Jahren. Im Kleinkindalter unsicher gebundene Kinder (mit und ohne Lippen-Kiefer-Gaumenspalte) wiesen später häufiger ängstlich-depressive Symptome auf (χ2(1) = 4.43, p = .03) als Kinder, die mit 18 Monaten sicher gebunden waren. Ebenfalls über ein größeres zeitliches Intervall erstreckte sich die Studie von Lecompte, Moss, Cyr und Pascuzzo (2014). Die Autoren erfassten bei 68 Kindern im Alter von drei bis vier Jahren die beobachtbaren Bindungsmuster, die einen verlässlicheren Aufschluss über Bindungssituation der Kinder geben können als im späteren Kindesalter in Selbstauskunft erhobene Bindungsstile. Darüber hinaus wurde bei den Kindern im Alter von elf bis zwölf Jahren die Angstsymptomatik mit einem PC-gestützten, kindgerechten Selbstauskunftsverfahren erhoben. Kinder mit einem unsicher-desorganisiertem Bindungsverhalten im Vorschulalter wiesen im Alter von elf bis zwölf Jahren eine höhere Angstsymptomatik auf als Kinder mit sicherer oder unsicher-organisierter (d. h. vermeidender oder ambivalenter) Bindung. Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kamen Brumariu und Kerns (2013) in ihrer Studie mit einer deutlich größeren Stichprobe (N = 1.097). Die Bindungssicherheit der Kinder im Alter von 15 Monaten konnte die Angstsymptomatik in der 6. Klasse schwach, aber signifikant negativ vorhersagen (r = -.07, p < .05). Eine desorganisiert-desori- 510 S. Achtergarde et al. entierte Bindung korrelierte dagegen signifikant schwach positiv mit der späteren Angstsymptomatik (r = .10; p < .01). Die Bindungsmuster „unsicher-ambivalent“ und „unsicher-vermeidend“ korrelierten nicht signifikant mit der Angstsymptomatik. Dieses Muster, das sich sowohl in der methodisch hochwertigen Studie von Lecompte et al. (2014) als auch in der Studie von Brumariu u. Kerns (2013) zeigte, bestätigt die Desorganisations-Hypothese (vgl. Moss et al., 2006), wonach der desorganisierte Bindungstyp einen besonders wichtigen Risikofaktor für das Entstehen einer Angstsymptomatik darstellt. 4.2.2 Querschnittstudien Die aktuellen Querschnittstudien mit Kindern im Schulalter bestätigten trotz großer methodischer Unterschiede übereinstimmend den erwarteten Zusammenhang zwischen unsicherer Bindung und dem Entstehen von Angstsymptomen (Unsicherheits-Hypothese). Alle sechs Studien fanden signifikante Zusammenhänge zwischen den erhobenen Maßen zur Bindungsrepräsentation und den jeweiligen Angstmaßen. Dies gilt auch für die einzige aktuelle Studie aus Deutschland (Zimmermann u. Scheuerer-Englisch, 2013). In dieser Studie erfassten die Autoren bei 117 Kindern zwischen acht und zwölf Jahren die berichtete Bindungsrepräsentation zu Mutter und Vater mithilfe eines Interviews, das unter Einbeziehung der Kohärenz der Narrative die Bindungssituation der Kinder verlässlicher abbildet als der reine Selbstbericht. Zudem wurde die Ängstlichkeit mit einem Q-Sort-Verfahren erfasst. In dieser Studie korrelierte die Bindungsrepräsentation (emotionale Verfügbarkeit als Hinweis auf sichere Bindung) signifikant negativ mit der Ängstlichkeit (r = -.23 bis r = -.26); das Bindungsverhalten korrelierte tendenziell negativ mit der Ängstlichkeit (r = -.16). Diese Ergebnisse sind von besonderem Interesse, da in dieser Studie auch Kinder aus klinischen Substichproben einbezogen wurden (N = 34 Kinder aus Erziehungsberatungsstellen; N = 35 Kinder aus der Psychiatrie). Besonders relevant, auch in theoretischer Hinsicht, erscheinen die Studien von Brumariu, Kerns und Seibert (2012), Brumariu und Kerns (2010a) und Goodman et al. (2012). Brumariu et al. (2012) erfassten bei 87 Kindern im Alter von zehn bis zwölf Jahren die Bindungsqualität mithilfe eines eigens für diese Studie entwickelten Geschichtenergänzungsverfahrens und die Angstsymptomatik mithilfe eines Selbstbeurteilungsfragebogens. Es zeigte sich, dass eine sichere Bindung deutlich negativ mit Angstsymptomen korrelierte (r = -.28, p < .01), während die desorganisierte Bindung positiv mit Angstsymptomen korrelierte (r = .31, p < .01). Eine unsicher-vermeidende Bindung korrelierte dagegen nicht mit Angstsymptomen (r = -.06). Eine unsicherambivalente Bindung korrelierte positiv mit Angstsymptomen, aber dieser Zusammenhang war nicht signifikant, wenn Geschlecht und Familienstand kontrolliert wurden. Die Ergebnisse stützen vor allem die Desorganisations-Hypothese (vgl. Moss et al., 2006), der zufolge die desorganisierte Bindung einen besonderen Risikofaktor für die Entwicklung von Angstsymptomen darstellt. ipabo_66.249.76.55 ����������������������������������������������������������� Bindungsmuster und die Entwicklung von Angstsymptomen������ 511 Brumariu und Kerns (2010a) bezogen sich auf dieselbe Stichprobe und dieselben Verfahren wie Brumariu et al. (2012); in ihrer Studie wurden jedoch zusätzlich noch verschiedene Arten von Angststörungen unterschieden (auf der Grundlage der SCARED-Subskalen Panikstörung, Generalisierte Angst, Sozialphobie, Schulphobie und Trennungsangst, s. Tab. 2). Eine sichere Bindung korrelierte signifikant negativ mit den meisten Angststörungen (Generalisierte Ängstlichkeit r = -.22, p < .05; Sozialphobie r = -.27, p < .05; Schulphobie r = -.34; p < .01), aber nicht mit Trennungsangst (r = -.02). Eine unsicher-ambivalente Bindung dagegen korrelierte signifikant positiv mit Trennungsangst (r = .34, p < .01), aber nicht mit den anderen Angststörungen. Die unsicher-vermeidende Bindung wiederum korrelierte signifikant negativ mit Trennungsangst (r = -.27, p < .05), aber nicht mit den anderen Angststörungen. Die desorganisierte Bindung schließlich korrelierte signifikant mit der Sozialphobie (r = .26, p < .05) und der Schulphobie (r = .31, p < .01). Diese sehr ausgeprägten Muster unterschiedlicher Zusammenhänge unterstützen die Differenzierungs-Hypothese (vgl. Manassis, 2001), wonach nicht allein die Bindungssicherheit, sondern vor allem der jeweilige Typ der unsicheren Bindung (vermeidend, ambivalent oder desorganisiert) bestimmt, ob und wenn ja welche Angstsymptomatik mit einer unsicheren Bindung einhergeht. Der Zusammenhang zwischen spezifischen Bindungsmustern und spezifischen Störungsbildern wurde auch von Goodman et al. (2012) untersucht. Auch in dieser Studie mit 36 Kindern aus einer kinderpsychiatrischen Stichprobe wurde die Bindungsrepräsentation mit einem Geschichtenergänzungsverfahren erhoben, wohingegen Angststörungen bei den Kindern mithilfe eines diagnostischen Interviews erfasst wurden. Es zeigte sich insbesondere, dass Kinder mit einem unsicher-vermeidenden Bindungsmuster eine geringere Wahrscheinlichkeit hatten, eine Störung mit Trennungsangst zu zeigen, während die Wahrscheinlichkeit für speziell diese Störung bei Kindern mit unsicher-ambivalenten und desorientiert-desorganisierten Bindungsmustern erhöht war. Auch diese Ergebnisse bestätigen die Differenzierungs-Hypothese und die Vorhersagen von Manassis (2001). 4.2.3 Zusammenfassung: Schulalter Die aktuellen Studien bestätigen konsistent die Hypothese eines Zusammenhangs von Bindungssicherheit und Angstsymptomen im Schulalter (Unsicherheits-Hypothese). Insbesondere die Längsschnittstudien lieferten Belege für die Existenz der erwarteten Zusammenhänge auch über den Zeitraum von mehreren Jahren. Darüber hinaus fanden sich in mehreren der Studien Belege für die besondere Bedeutung des desorganisierten Bindungstyps (Desorganisations-Hypothese), aber auch deutliche Hinweise auf bestimmte Muster von Zusammenhängen zwischen spezifischem Bindungstypus und spezifischen Angststörungen (Differenzierungs-Hypothese). 512 S. Achtergarde et al. 4.3 Bindungssicherheit und Angst im Jugendalter Zum Zusammenhang zwischen Bindung und Angstsymptomen bzw. Angststörungen bei Jugendlichen wurden sechs Publikationen identifiziert, welche die Bindungsrepräsentanzen der Jugendlichen erfassen (s. Tab. 3, folgende Seite). Die aus der Normalbevölkerung stammenden Stichproben waren sehr unterschiedlich groß (zwischen N = 60 und N = 1.625), wobei drei der sechs Arbeiten aus China stammten und zwei ein prospektives Längsschnittdesign aufwiesen. 4.3.1 Ergebnisse der Längsschnittstudie Zwei Publikationen bezogen sich auf eine große Längsschnittstudie aus Neuseeland (Jakobsen, Horwood, Fergusson, 2012; Raudino, Fergusson, Horwood, 2013) mit über 900 Jugendlichen aus der Bevölkerung. In den Publikationen wurden jeweils unterschiedliche Hypothesen hinsichtlich des Zusammenhanges zwischen Bindung und der Entstehung von Angststörungen gestützt. Bei Jugendlichen im Alter von 15 Jahren korrelierte die sichere Bindungsrepräsentation signifikant negativ mit dem Vorhandensein von Angststörungen im jungen Erwachsenenalter (von 21 bis 30 Jahren; r = -.11, p < .001; Raudino et al., 2013), und entsprechend traten signifikant seltener Angststörungen auf (Jakobsen et al., 2012; Raudino et al., 2012). Zu berücksichtigen ist dabei, dass in dieser Studie als Selbstbericht das Inventory of Parent and Peer Attachment (IPPA) genutzt wurde, sodass zu erwarten ist, dass z. B. unsichervermeidend gebundene Jugendliche ihre Bindungsbeziehungen eher idealisieren. Jakobsen et al. (2012) berücksichtigten zusätzlich die Bedeutung von Angst- und Vermeidungsverhalten im Alter von sieben bis neun Jahren. Sie stellten fest, dass Angst und Vermeidung in der mittleren Kindheit das Risiko einer Angststörung im frühen Erwachsenenalter erhöhte; dieser Effekt wurde jedoch vermindert, wenn im Jugendalter eine sichere Bindungsrepräsentation vorlag. 4.3.2 Ergebnisse der Querschnittstudien Die Ergebnisse der Querschnittstudien waren sehr uneinheitlich. Zwei Studien, eine größere aus China (Zhao et al., 2011) mit 1.625 Jugendlichen und eine kleinere Stichprobe aus Großbritannien (Oskis, Loveday, Hucklebridge, Thorn, Clow, 2011) mit 60 Jugendlichen konnten keine Zusammenhänge zwischen Bindungsqualität und Angstsymptomen nachweisen. Oskis et al. (2011) beobachteten zwar Zusammenhänge zwischen unsicher-ambivalenter Bindung und einer erhöhten Speichelkortisol-Sekretion; dies kann jedoch unseres Erachtens nicht eindeutig als Beleg für eine Angstsymptomatik angesehen werden. Bei der Studie von Zhao et al. (2011) ist zu beachten, dass es sich bei den teilnehmenden Jugendlichen zu einem großen Teil um AIDS-Waisen handelte (N = 755; davon N = 296 Vollwaisen), die teilweise von Pflegepersonen betreut wurden, sodass in diesen Fällen die Bindungsbeziehung zu ipabo_66.249.76.55 Mothander u. Wang, 2014 Peng, Lam, Jin, 2011 Zhao et al., 2011 Attachment Style Interview (ASI; Bifulco, Moran, Ball, Bernazzani, 2002) Trusting Relationship Questionnaire (Mustillo, Dorsey, Farmer, 2005) Inventory of Parent and Peer Attachment (IPPA) Inventory of Parent and Peer Attachment (IPPA) N = 510 Jugendliche (240 Jungen) aus Pekinger Mittelschicht China 12-20 Jahre 13-18 Jahre 6-18 Jahre 9-18 Jahre (M = 14.16, SD ± 2.63) Groß britannien Neuseeland T1: 15-16 Jahre; Inventory of T2: 16-30 Jahre Parent and Peer Attachment (IPPA; Armsden u. GreenT1: 15-16 Jahre; berg, 1987) T2: 21-30 Jahre Neuseeland Bindungsmaß Alter Herkunft N = 755 AIDS- China Waisen; N = 466 Kinder HIV-infizierter Eltern; KG N = 404 N = 1083 High- China school-Schüler (49 % Jungen) Raudino, Fer- N = 924 Jugusson, Horgendliche (449 Jungen) wood, 2013 Querschnittstudien Oskis, LoveN = 60 Mädday, Huckleb- chen (gesund, ridge, Thorn, NormalbevölClow, 2011 kerung) Stichprobe Längsschnittstudien Jakobsen, N = 948 JuHorwood, gendliche Fergusson, 2012 Sichere Bindungsrepräsentation im Jugendalter korrelierte mit geringerem Risiko für die Entwicklung einer Angststörung im jungen Erwachsenenalter und verminderte den Einfluss von Angst/ Rückzugsverhalten in der mittleren Kindheit. Bindungsqualität mit 15 Jahren korrelierte schwach, aber sign. negativ mit Angststörungen im Alter von 21-30 Jahren (r = -.11, p < .001). Hauptergebnisse Anxiety/Withdrawal Scale (CRS2) aus der Child Rating Scale (Hightower, 1987) Social Interaction Anxiety Scale (Mattick u. Clarke, 1998) Social Anxiety Scale for Adolescents (SAS-A; La Greca u. Lopez, 1998) Sicherheit der Bindung zur Mutter hatte sign. Einfluss auf die soziale Ängstlichkeit (β = -.22, p = .018). Sign. Zusammenhang zwischen Sicherheit der Bindung zur Mutter und sozialer Ängstlichkeit (F1,23 = 10.75; p < .003). Kein Zusammenhang zwischen einer vertrauensvollen Beziehung/Bindungsbeziehung zur Pflegeperson und Angstsymptomen. State-Trait Keine Zusammenhänge zwischen Bindungsstil Anxiety Inven- und STAI-Werten, jedoch zwischen ambivatory (Spielberg- lenter Bindung und Cortisoldysregulation. er, 1970) Composite InternationalDiagnostic Interview (CIDI; WHO, 1993) Angstmaß Tabelle 3: Studien zum Zusammenhang zwischen Bindungssicherheit und Angst aus dem Jugendalter (13-18 Jahre) ����������������������������������������������������������� Bindungsmuster und die Entwicklung von Angstsymptomen������ 513 514 S. Achtergarde et al. diesen aktuellen Pflegepersonen erfasst wurde und nicht die Bindung zu den leiblichen Eltern. Allerdings fanden sich in dieser Studie keine Unterschiede zwischen den Jugendlichen mit HIV-positiven Eltern, die noch bei ihren Eltern lebten (N = 466), und den Jugendlichen aus gesunden Kontrollfamilien (N = 404): In keiner dieser Gruppen der AIDS-Waisen fanden sich Zusammenhänge zwischen Bindungs-/ Beziehungsqualität und Ängstlichkeit. Stattdessen wurden jedoch signifikante Zusammenhänge mit verschiedenen anderen Variablen berichtet (z. B. externalisierende Symptome, schulisches Verhalten, Beziehungen zu Gleichaltrigen, Erwartungen für die Zukunft). Zwei weitere große Studien aus China (Peng, Lam, Jin, 2011; Mothander u. Wang, 2014) mit N = 1.083 bzw. N = 510 Jugendlichen stellten dagegen signifikante Zusammenhänge zwischen der Sicherheit in der Bindungsrepräsentation zur Mutter und der Angstsymptomatik der Jugendlichen fest. Bei beiden Studien ist hervorzuheben, dass hierbei speziell das Ausmaß an sozialer Ängstlichkeit erfasst wurde. 4.3.3 Zusammenfassung: Jugendalter Die aktuellen Studien mit Jugendlichen unterstützen teilweise mit schwachen Effektstärken die Hypothese eines negativen Zusammenhangs von Bindungssicherheit und dem Risiko für das Entstehen von Angstsymptomen. Von besonderem Interesse erscheinen die Hinweise auf die langfristige protektive Wirkung einer sicheren Bindung im Jugendalter. Die Befunde dieser Längsschnittstudie sprechen für die Unsicherheits-Hypothese: Dies trifft auch für zwei der großen Studien aus China zu, wenn auch eingeschränkt auf soziale Ängstlichkeit. 5 Diskussion 5.1 Einordnung aktueller Studien in bisherige Übersichtsarbeiten 5.1.1 Befunde zur Unsicherheits-Hypothese In dieser Arbeit wurde der Zusammenhang zwischen Bindungssicherheit und Angstsymptomen/Angststörungen im Kindes- und Jugendalter anhand von 21 aktuellen Originalarbeiten aus dem internationalen Raum untersucht. Trotz einer beachtlichen methodischen Heterogenität der Studien zeichnete sich in der Zusammenschau aller Ergebnisse der Trend ab, dass die allgemeine Hypothese eines Zusammenhangs zwischen Bindungsunsicherheit und Angstsymptomen bzw. Angststörungen bestätigt wurde (Unsicherheits-Hypothese): 16 von 21 Publikationen berichteten von einem solchen Zusammenhang, während in fünf Studien (davon drei aus dem Vorschulalter und zwei aus dem Jugendalter) keine signifikanten Zusammenhänge festgestellt wurden. Damit stimmen die Ergebnisse dieser Arbeit ipabo_66.249.76.55 ����������������������������������������������������������� Bindungsmuster und die Entwicklung von Angstsymptomen������ 515 grundsätzlich mit den Resultaten vorangegangener Übersichtsarbeiten überein und ergänzen und aktualisieren diese (vgl. Brumariu u. Kerns, 2010b; Colonnesi et al., 2011; Esbjørn et al., 2012). 5.1.2 Befunde zur Ambivalenz-Hypothese Die Ambivalenz-Hypothese wurde in den beiden einschlägigen Studien (Brumariu et al., 2012; Brumariu u. Kerns, 2013) nicht bestätigt und steht damit im Gegensatz zur Übersichtsarbeit von Esbjørn et al. (2012). Möglicherweise erschien in den neueren Studien der Einfluss der unsicher-ambivalenten Bindung geringer, weil die desorientiert-desorganisierte Bindung nun häufiger mit einbezogen wurde (Brumariu u. Kerns, 2010b). Es ist anzunehmen, dass Kinder mit desorientiert-desorganisierter Bindung in manchen älteren Studien, in denen diese Kategorie nicht explizit berücksichtigt wurde, stattdessen der Kategorie „unsicher-ambivalent“ zugeordnet wurden. Eine Vermischung der Kategorien „C“ und „D“ in älteren Studien könnte demnach zu einer Überschätzung des Einflusses der unsicher-ambivalenten Bindung geführt haben. Aufgrund der geringen Anzahl der Studien im untersuchten Zeitraum, die speziell die Frage der Ambivalenz-Hypothese untersuchten, und der großen Übereinstimmung in früheren empirischen Befunden (vgl. Esbjørn et al., 2012; Brumariu u. Kerns, 2010b; Colonnesi et al., 2011) sollte jedoch die Bedeutung der unsicher-ambivalenten Bindung für die Entwicklung von Angstsymptomen und Angststörungen gegenwärtig weiterhin als gegeben angenommen und weiter erforscht werden. 5.1.3 Befunde zur Desorganisations-Hypothese Für die Desorganisations-Hypothese fanden sich Belege in vier aktuellen Studien (Brumariu et al., 2012; Brumariu u. Kerns, 2013; Lecompte et al., 2014; Borelli, David, Crowley, Mayes, 2010) und unterstreichen damit die besondere Bedeutung der desorganisiert-desorientierten Bindung als Risikofaktor für die Entwicklung von Angstsymptomen und Angststörungen im Kindes- und Jugendalter (vgl. Moss et al., 2006; Kerns u. Brumariu, 2014). Vier Gründe können hierfür verantwortlich sein. Erstens wird aus bindungstheoretischer Sicht angenommen, dass eine desorganisiert-desorientierte Bindung dann entsteht, wenn die Bindungsperson, die das Kind bei Bedrohung und Angst unterstützen und regulieren sollte, durch ihr eigenes furchtsames, aggressives oder inkonsistentes Verhalten selbst eine zusätzliche Verunsicherung oder gar Bedrohung hervorruft. Zweitens erlernt das Kind keine Strategien der Emotionsregulation über die Bezugsperson, um mit beängstigenden Situationen umzugehen. Drittens kann eine eigenständige elterliche Psychopathologie den Hintergrund des unangemessenen Verhaltens der Bindungsperson bilden, welcher wiederum einen eigenständigen Risikofaktor für die Entwicklung einer Psychopathologie (z. B. für eine Angststörung) beim Kind darstellt, sei es durch genetische Einflüsse (Hettema, Neale, Kendler, 2001) oder interaktionale Mechanismen 516 S. Achtergarde et al. der familiären Transmission (Bögels u. Brechman-Toussaint, 2006). Viertens sind weitere mit einer desorientiert-desorganisierten Bindung assoziierte Faktoren möglicherweise auch für die Ausbildung einer Angsterkrankung mitverantwortlich (Davis, Saeed, Antonacci, 2008) wie Entwicklungsstörungen, eine Intelligenzminderung (z. B. Naber et al., 2007) oder ein niedriger sozioökonomischer Status der Familie (vgl. Bernier u. Meins, 2008). 5.1.4 Befunde zur Differenzierungs-Hypothese In beiden einschlägigen Studien (Brumariu u. Kerns, 2010a; Goodman et al., 2012) konnte die zur Differenzierungs-Hypothese (siehe oben) gehörige Annahme gestützt werden, dass eine unsicher-ambivalente Bindung die Wahrscheinlichkeit speziell von Trennungsangst erhöhte. In beiden Studien wurde auch gezeigt, dass eine unsichervermeidende Bindung die Wahrscheinlichkeit einer Trennungsangst signifikant reduzierte. Aus bindungstheoretischer Sicht lässt sich dies damit erklären, dass die betroffenen Kinder Strategien entwickelt haben, sich bei emotionaler Belastung auf sich selbst zu verlassen und bei Trennungen von der Bindungsperson keine emotionale Erregung zu zeigen. Dies bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass diese Kinder bei einer Trennung von ihrer Bindungsperson keinen Stress empfinden. Manche Studien, die neurophysiologische und endokrinologische Variablen berücksichtigten (z. B. Speichelkortisol), stellten Stressreaktionen bei unsicher-vermeidend gebundenen Kindern in Trennungssituationen fest (z. B. Schieche u. Spangler, 1994); dieser Befund wurde jedoch nicht immer repliziert (Spangler u. Schieche, 1998). Ein Zusammenhang der vermeidenden Bindung mit Sozialphobie oder Zwängen wurde in keiner Studie berichtet, und zwei Studien fanden gar keine Zusammenhänge zwischen der unsicher-vermeidenden Bindung und Angstsymptomen (Brumariu u. Kerns, 2013; Brumariu et al., 2012). Zu ähnlichen Ergebnissen waren auch schon manche ältere Studien gekommen (z. B. Brumariu u. Kerns, 2008). Insgesamt erscheint die Bedeutung der unsicher-vermeidenden Bindung für die Entwicklung von Angstsymptomen bzw. Angststörungen noch unklar (vgl. Brumariu u. Kerns, 2010b). Zu berücksichtigen ist hierbei, dass bestehende Bindungsmuster von Kindern oder Jugendlichen den Problembericht über die eigene Angstsymptomatik wesentlich beeinflussen können hinsichtlich einer Minimierung (dismissing) der Symptome bei unsicher-vermeidend gebundenen Kindern bzw. einer Maximierung (preoccupied) bei unsicher-ambivalent gebundenen Kindern (Berger et al., 2005). Während sich diese Zusammenhänge im einfachen Selbstbericht nicht vermeiden lassen, erlauben Interviewansätze über die Einschätzung der Kohärenz der Aussagen eine Bemessung möglicher impliziter Beeinträchtigungen der Kinder, die diese nicht explizit berichten. Die desorientiert-desorganisierte Bindung erhöhte entsprechend den Vorhersagen der Differenzierungs-Hypothese (siehe oben) in der Studie von Goodman et al. (2012) die Wahrscheinlichkeit einer Trennungsangst und korrelierte in der Studie von Brumariu und Kerns (2010a) vor allem mit der infolge von Trennungsangst entste- ipabo_66.249.76.55 ����������������������������������������������������������� Bindungsmuster und die Entwicklung von Angstsymptomen������ 517 hender Schulphobie, aber auch mit Sozialphobie. Die beobachtete Korrelation zwischen desorganisierter Bindung und Sozialphobie kann bindungstheoretisch erklärt werden, wenn man annimmt, dass diese Kinder vielfach ungünstige Erfahrungen mit ihren Bindungspersonen gemacht haben (z. B. von ihren Eltern geängstigt, bedroht oder misshandelt wurden; vgl. Sachsse, 2003). Diese Erfahrungen können generalisieren, so dass die betroffenen Kinder allgemein ungünstige Erwartungen an das Verhalten fremder Personen entwickeln bzw. diese als bedrohlich empfinden, was sich in einer Sozialphobie ausdrücken kann. Hinzu kommt im Sinne der DesorganisationsHypothese, dass die desorientiert-desorganisierte Bindung mit einer allgemein reduzierten Fähigkeit zur Angstregulation einher geht, da den Kindern eine adaptive und konsistente Verhaltensstrategie fehlt, um mit potenziell ängstigenden Situationen umzugehen. Einschränkend ist zu den Studien von Goodman et al. (2012) sowie von Brumariu und Kerns (2010a) zu bemerken, dass es sich in beiden Fällen um Studien mit eher kleineren Fallzahlen handelt (mit N = 36 und N = 87); beide bezogen sich auf das Kindesalter, und in beiden Studien wurde die Bindungsqualität mit einem Geschichtenergänzungsverfahren erfasst. Die Studien liefern interessante Hinweise zur Unterstützung der Differenzierungs-Hypothese, doch um ihre Gültigkeit weiter zu überprüfen, wäre eine Durchführung vergleichbarer Studien an größeren Stichproben aus verschiedenen Altersgruppen, möglichst mit unterschiedlichen Verfahren zur Erfassung der Bindungsqualität, notwendig. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die meisten der in dieser Übersichtsarbeit betrachteten Studien die allgemeine Hypothese eines Zusammenhangs zwischen Bindungsunsicherheit und Angstsymptomen bzw. Angststörungen unterstützen (Unsicherheits-Hypothese). Außerdem erbrachten die Studien deutliche Belege für den Zusammenhang insbesondere zwischen desorganisierter Bindung und Angstsymptomen (Desorganisations-Hypothese) und lieferten auch einige Hinweise zur Unterstützung der Differenzierungs-Hypothese, wobei eine empirische Überprüfung der Ambivalenz-Hypothese auf der Grundlage der verfügbaren Studien noch nicht hinreichend erfolgen konnte. 5.2 Charakteristika der Studien Alter der Kinder/Jugendlichen. Wie dargestellt wurde, schwanken die Zusammenhänge zwischen Bindungssicherheit und Angst über das Vorschulalter, Schulalter und Jugendalter erheblich, wobei signifikante Zusammenhänge in allen zehn Studien für das Schulalter beobachtet wurden – im Vorschulalter und im Jugendalter war dies jeweils nur in vier von sechs Studien der Fall in hoher Übereinstimmung mit Esbjørn et al. (2012) und partiell zu Brumariu und Kerns (2010b). Der grundsätzlich schwächere Zusammenhang zwischen der Bindungssicherheit und dem Risiko für eine Angstsymptomatik im Jugendalter mag sich über Faktoren wie die Vielfalt korrektiver Erfahrungen in der damit einhergehenden Sozialisation im Peer-System erklären (vgl. La Greca u. Lopez, 1998; Tillfors, Persson, Willen, Burk, 2012), aus der 518 S. Achtergarde et al. resultiert, dass die Bedeutung und der Erklärungswert von Bindung und Beziehung zu den Eltern in dieser Altersstufe möglicherweise abnimmt. Erfassung von Bindung und Angstsymptomen. Die Unterschiede zwischen den Altersgruppen werden auch von Änderungen in den Erfassungsmethoden begleitet (O’Connor u. Byrne, 2007). Diese mögen die berichteten Zusammenhänge moderieren, wobei sowohl von Unterschätzungen des Zusammenhangs von Bindung und Angstsymptomen – im Falle von ungenauen oder veränderlichen Informationen (insbesondere im Kleinkindalter) – als auch von Überschätzungen – im Falle gleicher Informanten für unterschiedliche Konstrukte – auszugehen ist. Darüber hinaus können in Selbstberichten von Kindern und Jugendlichen eine Minimierung einer möglichen Angstsymptomatik bei unsicher-vermeidender Bindung bzw. Maximierung bei unsicher-ambivalenter Bindung nicht ausgeschlossen werden und entsprechende Zusammenhänge verschleiern bzw. größer erscheinen lassen, als sie es tatsächlich sind (Berger et al., 2005). Interviewansätze erlauben hier über die Einschätzung der Kohärenz der Aussagen eine Bemessung möglicher impliziter Beeinträchtigungen der Kinder, auch wenn diese nicht explizit berichtet werden. Entsprechend schwierig gestalten sich direkte Vergleiche der Effekte über verschiedene Studien hinweg und entsprechend wichtig sind Studien zur Konsistenz von Bindungsmustern über verschiedene Altersstufen (König, Gloger-Tippelt, Zweyer, 2007), die Kombination von Selbstauskunftsverfahren mit Methoden, die Bindungsverhalten beobachten oder in Interviews die Kohärenz bindungsrelevanter Aussagen bemessen, sowie Modelle zur statistischen Kontrolle von Drittvariablen (vgl. Hudson et al., 2011; Hudson, Dodd, Bovopoulos, 2011; Hopkins et al., 2013) oder sogenannter Method-Faktoren (Lindell u. Whitney, 2001). Insgesamt erscheinen die Befunde robust gegenüber der großen Variabilität der verwendeten Ansätze und Verfahren: in acht von zehn Studien wurden die erwarteten Zusammenhänge auf Verhaltensebene nachgewiesen, sowie in neun von elf Studien bei der Erfassung mittels Bindungsrepräsentation. Für die Erfassung einer Angstsymptomatik gelten ähnlich gelagerte Überlegungen (vgl. Mian, Godoy, Briggs-Gowan, Carter, 2012). 5.3 Moderatorvariablen Neben den Studiencharakteristika können auch weitere Moderatorvariablen den Zusammenhang zwischen Bindung und einer Angstsymptomatik bzw. Angststörung beeinflussen, die aufgrund der begrenzten Studienzahl nicht besprochen wurden. Hierzu gehört die sich entwickelnde Fähigkeit zur Emotionsregulation (z. B. Esbjørn et al., 2012), das Geschlecht (des Kindes bzw. des Elternteils; Diener, Isabella, Behunin, 2008), das kindliche Temperament (Planalp u. Braungart-Rieker, 2013), die Psychopathologie der Eltern (Laulik, Chou, Browne, Allam, 2013), die Qualität der Beziehung der Eltern untereinander (Bögels u. Brechman-Toussaint, 2006), das elterliche Erziehungsverhalten (Pereira, Barros, Mendonca, Muris, 2014), aber auch sozio-ökonomische Faktoren (Vine et al., 2012) sowie der kulturelle Hintergrund (Agishtein u. Brumbaugh, 2013; Keller, 2007; Otto u. Keller, 2014; Rothbaum, Weisz, Pott, Miyake, Morelli, 2000). ipabo_66.249.76.55 ����������������������������������������������������������� Bindungsmuster und die Entwicklung von Angstsymptomen������ 519 5.4 Einschränkungen der vorliegenden Übersicht Die Grenzen der Aussagen dieser Übersichtsarbeit ergeben sich zunächst aus der Zielsetzung, da die Konzentration überwiegend auf den empirischen Zusammenhang zwischen Bindung und einer Angstsymptomatik bzw. Angststörung fokussiert. Die vermuteten vermittelnden Prozesse sind vielfältig und bildeten nicht den Schwerpunkt der Literatursuche und Auswertung. Weitere Einschränkungen ergeben sich aus der gewählte Methodik der Literaturrecherche, welche jedoch die Möglichkeit bieten, hierauf aufbauende ergänzende oder aktualisierte Zusammenfassungen zu erstellen. Limitationen der einbezogenen und diskutierten Studien bleiben auch für diese Zusammenfassung weitestgehend bestehen – wenngleich mit der Berücksichtigung von moderierenden Studiencharakteristika Beschränkungen der einzelnen Studien partiell aufgehoben werden konnten. Schließlich fehlen zusammenfassende quantitative Aussagen, da die vorgestellten Studien nicht in allen Fällen die entsprechende Information enthielten. 6 Fazit für die Praxis Als wichtigstes Ergebnis der vorliegenden Arbeit kann festgehalten werden, dass die Mehrzahl der aktuellen empirischen Studien die Annahme eines Zusammenhangs zwischen einer unsicheren Bindung im Kindesalter und der Entwicklung von Angstsymptomen bzw. Angststörungen im Kindes- und Jugendalter unterstützt, wobei insbesondere die desorganisiert-desorientierte Bindung als bedeutsamer Risikofaktor erscheint. Diese Ergebnisse erscheinen unabhängig davon, mit welchen Instrumenten oder Verfahren die Bindungssicherheit bzw. die Angstsymptomatik erfasst wurden und welches Design der Studie zugrunde lag. Allerdings waren die Zusammenhänge trotzdem in vielen Studien nur schwach bis mittelstark ausgeprägt. Bindungsunsicherheit erscheint als Risikofaktor für die Entwicklung einer Angstsymptomatik bzw. Angststörung im Kindesalter, wenngleich weitere Risikofaktoren und Belastungen hinzutreten müssen, damit sich die Symptome manifestieren und verfestigen. Bindungserfahrungen bilden hierbei als „Gefüge psychischer Sicherheit“ (Grossmann u. Grossmann, 2012) ein möglicherweise essentielles psychisches Fundament für die Entwicklung der Fähigkeit zu einer adaptiven Angstregulation, indem sie das Suchen und Nutzen der Nähe einer vertrauten Person als effektive angstmindernde Strategie fest im Verhaltensrepertoire verankert. Bindungsmuster dienen im späteren Lebensverlauf als mentales Arbeitsmodell der Regulation insbesondere negativer Emotionen, indem Kinder auf der Basis wiederholt erfahrener Interaktionsmuster mit ihren Bindungspersonen Erwartungen über zukünftige Interaktionen zu Bezugspersonen ausbilden (Bretherton u. Munholland, 2008). Innere Arbeitsmodelle prägen also die Gestaltung sozialer und emotionaler Regulationsprozesse, inwieweit und in welcher Form in Beziehungen Nähe und Sicherheit gesucht und Emotionen reguliert werden. Menschen mit sicherer 520 S. Achtergarde et al. Bindung zeigen hier später eine adaptivere emotionale Regulation und – im Gegensatz zu Menschen mit Bindungsstörungen – eine deutlich höhere Ich-Flexibilität (EgoResiliency), sind also anpassungsfähiger und stressresistenter, ohne dabei ihre Ziele aus dem Blick zu verlieren (Zimmermann u. Scheuerer-Englisch, 2013; Zimmermann u. Iwanski, 2014). Während Menschen mit unsicher-vermeidender Bindungsrepräsentation in therapeutischen Gesprächen eine vorhandene emotionale Belastung eher minimieren, intensivieren Menschen mit unsicher-ambivalenter Bindungsrepräsentation diese eher (Berger et al., 2005). Bei Bindungsdesorganisation und erlebter Angst ist die Cortisolreaktion als Indikator für dysfunktonale Emotionsregulationsstrategien besonders ausgeprägt (Spangler u. Zimmermann, 2014). Die Kenntnis dieser Bindungsdynamiken kann für die psychotherapeutische Arbeit mit Angstpatienten nutzbar gemacht werden. Korrektive Bindungserfahrungen können als ein wichtiges Element bei der multimodalen Behandlung von Angststörungen betrachtet werden. Aktuelle empirische Studien haben gezeigt, dass sich durch entsprechende Interventionen (z. B. gezielte Elterntrainings) das Interaktionsverhalten der Eltern verbessert, die Eltern-Kind-Bindung gestärkt und die psychische Gesundheit der Kinder nachhaltig gefördert wird (Scott, 2012). Literatur Achenbach, T. M. (1991). Manual for the Child Behavior Checklist/4–18 and profile. Burlington, VT: University of Vermont, Department of Psychiatry. Achenbach, T. (2001). Child Behavior Checklist for Ages 6–18. Burlington, VT: University of Vermont. Achenbach, T., Rescorla, L. (2001). Manual for ASEBA school-age forms and profiles. University of Vermont, Research Center for Children, Youth, & Families, Burlington. Agishtein, P., Brumbaugh, C. (2013). Cultural variation in adult attachment: The impact of ethnicity, collectivism, and country of origin. Journal of Social, Evolutionary, and Cultural Psychology, 7, 384-405. Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E., Wall, S. (1978). Patterns of attachment. A psychological study of the strange situation. Hillsdale, NJ: Erlbaum. Armsden, G. C., Greenberg, M. T. (1987). The inventory of parent and peer attachment: Individual differences and their relationship to psychological well-being in adolescence. Journal of Youth and Adolescence, 16, 427-454. Ball, C. T., Pelco, L. E., Havill, V., Reed-Victor, E. (2001). Confirmatory factor analysis of the Temperament Assessment Battery for Children-Revised: Parent Form. Journal of Psychoeducational Assessment, 19, 365-379. Berger, L. E., Jodl, K. M., Allen, J. P., McElhaney, K. B., Kuperminc, G. P. (2005). When adolescents disagree with others about their symptoms: Differences in attachment organization as an explanation of discrepancies between adolescent, parent, and peer reports of behavior problems. Development and Psychopathology,17, 509-528. ipabo_66.249.76.55 ����������������������������������������������������������� Bindungsmuster und die Entwicklung von Angstsymptomen������ 521 Bernier, A., Meins, E. (2008). A threshold approach to understanding the origins of attachment disorganization. Developmental Psychology, 44, 969-982. Bifulco, A., Moran, P. M., Ball, C., Bernazzani, O. (2002). Adult attachment style, I: Its relationship to clinical depression. Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology, 37, 50-59. Birmaher, B., Khetarpal, S., Brent, D., Cully, M., Balach, L., Kaufman, J., Neer, S. M. (1997). The screen for child anxiety related emotional disorders (SCARED): Scale construction and psychometric characteristics. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 36, 545-553. Block, J. H., Block, J. (1980). The role of ego-control and ego-resiliency in the organization of behavior. In W. A. Collins (Hrsg.), Development of cognition, affect, and social relations: The Minnesota symposia on child psychology. Hillsdale, NJ: Erlbaum. Bögels, S. M., Brechman-Toussaint, M. L. (2006). Family issues in child anxiety: Attachment, family functioning, parental rearing and beliefs. Clinical Psychology Review, 26, 834-856. Borelli, J. L., David, D. H., Crowley, M. J., Mayes, L. C. (2010). Links between disorganized attachment classification and clinical symptoms in school-aged children. Journal of Child and Family Studies, 19, 243-256. Bowlby, J. (1969/2006). Bindung. München: E. Reinhardt (Orig. [1969]: Attachment and loss. Bd. 1: Attachment (1. Aufl.). London: Hogarth Press. Bowlby, J. (1973). Separation: Anxiety & Anger. Attachment and Loss, Bd. 2. London: Hogarth Press. Bretherton, I., Munholland, K. A. (2008). Internal working models in attachment relationships: Elaborating a central construct in attachment theory. In J. Cassidy, P. Shaver (Hrsg.), Handbook of Attachment: Theory, research and clinical application (S. 102-127). New York: Guilford Press. Bretherton, I., Ridgeway, D., Cassidy, J. (1990). Assessing internal working models of the attachment relationship: An attachment story completion task for 3-year-olds. In M. T. Greenberg, D. Cicchetti, E. M. Cummings (Hrsg.), Attachment in the preschool years: Theory, research, and intervention (S. 273-308). Chicago: University of Chicago Press. Brumariu, L. E., Kerns, K. A. (2008). Mother-child attachment and social anxiety symptoms in middle childhood. Journal of Applied Developmental Psychology, 29, 393-402. Brumariu, L. E., Kerns, K. A. (2010a). Mother-child attachment patterns and different types of anxiety symptoms: Is there specificity of relations? Child Psychiatry and Human Development, 41, 663-674. Brumariu, L. E., Kerns, K. A. (2010b). Parent-child attachment and internalizing symptoms in childhood and adolescence: A review of empirical findings and future directions. Development and Psychopathology, 22, 177-203. Brumariu, L. E., Kerns, K. A. (2013). Pathways to anxiety: Contributions of attachment history, temperament, peer competence, and ability to manage intense emotions. Child Psychiatry and Human Development, 44, 504-515. Brumariu, L. E., Kerns, K. A., Seibert, A. C. (2012). Mother-child attachment, emotion regulation, and anxiety symptoms in middle childhood. Personal Relationships, 19, 569-585. Carlson, E. A., Sroufe, L. A. (1995). Contribution of attachment theory to developmental psychopathology. In D. Cicchetti, D. J. Cohen (Hrsg.), Developmental Psychopathology: 1. Band, Theory and methods (S. 581-616). Oxford: Wiley. Cassidy, J. (1995). Attachment and generalized anxiety disorder. In D. Chichetti, S. Toth (Hrsg.), Rochester Symposium on Developmental Psychopathology: Band 6. Emotion, cognition, and representation (S. 343-370). Rochester, NY: University of Rochester Press. 522 S. Achtergarde et al. Cassidy, J., Marvin, R. S. (with the MacArthur Working Group on Attachment) (1992). Attachment organization in three- and four-year-olds: Procedures and coding manual (unveröffentlichtes Manuskript). Charlottesville, VA: University of Virginia. Colonnesi, C., Draijer, E. M., Stams, G. J. J.M., Van der Bruggen, C. O., Bögels, S. M., Noom, M. J. (2011). The relation between insecure attachment and child anxiety: A meta-analytic review. Journal of Clinical Child & Adolescent Psychology, 40, 630-645. Davis, E., Saeed, S. A., Antonacci, D. J. (2008). Anxiety disorders in persons with developmental disabilities: Empirically informed diagnosis and treatment: Reviews literature on anxiety disorders in DD population with practical take-home messages for the clinician. Psychiatric Quarterly, 79, 249-263. DeKlyen, M., Greenberg, M. T. (2008). Attachment and psychopathology in childhood. In J. Cassidy, P. R. Shaver, J. Cassidy, P. R. Shaver (Hrsg.) , Handbook of attachment: Theory, research, and clinical applications (2. Aufl.) (S. 637-665). New York, NY, US: Guilford Press. Diener, M. L., Isabella, R. A., Behunin, M. G. (2008). Attachment to mothers and fathers during middle childhood: Associations with child gender, grade, and competence. Social Development, 17, 84-101. Döpfner, M., Goletz, H. (2013). Zwangsstörungen. In F. Petermann (Hrsg.), Lehrbuch der Klinischen Kinderpsychologie (7., überarb. u. erw. Aufl.; S. 423-437). Göttingen: Hogrefe. Egger, H. L., Erkanli, A., Keeler, G., Potts, E., Walter, B. K., Angold, A. (2006). Test-retest reliability of the Preschool Age Psychiatric Assessment (PAPA). Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 45, 538-549. Ellis, L. K., Rothbart, M. K. (2001). Revision of the early adolescent temperament questionnaire. Poster presented at the 2001 Biennial Meeting of the Society for Research in Child Development, Minneapolis, Minnesota. Esbjørn, B. H., Bender, P. K., Reinholdt-Dunne, M. L., Munck, L. A., Ollendick, T. H. (2012). The development of anxiety disorders: considering the contributions of attachment and emotion regulation. Clinical Child and Family Psychology Reviews, 15, 129-143. Fisher, P., Lucas, C. (2006). Diagnostic interview schedule for children (DISC-IV)-young child. New York: Columbia University. Gadow, K. D., Sprafkin, J. (1998). Child symptom inventories manual. Stony Brook, NY: Checkmate Plus. Gadow, K. D., Sprafkin, J. (2000). Early childhood inventory-4 screening manual. Stony Brook, NY: Checkmate Plus. Goodman, G., Stroh, M., Valdez, A. (2012). Do attachment representations predict depression and anxiety in psychiatrically hospitalized prepubertal children? Bulletin of the Menninger Clinic, 76, 260-289. Goldberg, S., Grusec, J. E., Jenkins, J. M. (1999). Confidence in protection: arguments for a narrow definition of attachment. Journal of Family Psychology, 13, 475-483. Grossmann, K., Grossmann, K. E. (2012). Bindungen – Das Gefüge psychischer Sicherheit (5., vollst. überarb. Aufl.). Stuttgart: Klett-Cotta. Hettema, J. M., Neale, M. C., Kendler, K. S. (2001). A review and meta-analysis of the genetic epidemiology of anxiety disorders. American Journal of Psychiatry, 158, 1568-1578. Hightower, A. D. (1987). The child rating scale: The development of a socioemotional selfrating scale for elementary school children. School Psychology Review, 16, 239-255. ipabo_66.249.76.55 ����������������������������������������������������������� Bindungsmuster und die Entwicklung von Angstsymptomen������ 523 Hopkins, J., Lavigne, J. V., Gouze, K. R., LeBailly, S. A., Bryant, F. B. (2013). Multi-domain models of risk factors for depression and anxiety symptoms in preschoolers: Evidence for common and specific factors. Journal of Abnormal Child Psychology, 41, 705-722. Hudson, J. L., Dodd, H. F., Bovopoulos, N. (2011). Temperament, family environment and anxiety in preschool children. Journal of Abnormal Child Psychology, 39, 939-951. Hudson, J. L., Dodd, H. F., Lyneham, H. J., Bovopoulous, N. (2011). Temperament and family environment in the development of anxiety disorder: Two-year follow-up. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 50, 1255-1264. Ihle, W., Esser, G. (2002). Epidemiologie psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter: Prävalenz, Verlauf, Komorbidität und Geschlechtsunterschiede. Psychologische Rundschau, 53, 159-169. Jaeggi, E. (2005). Angst: die tiefenpsychologische Betrachtungsweise. PiD, 6, 370-375. Jakobsen, I. S., Horwood, L. J., Fergusson, D. M. (2012). Childhood anxiety/withdrawal, adolescent parent-child attachment and later risk of depression and anxiety disorder. Journal of Child and Family Studies, 21, 303-310. Keller, H. (2007). Cultures of infancy. Mahwah, NJ: Erlbaum. Kerns, K. A., Brumariu, L. E. (2014). Is insecure parent-child attachment a risk factor for the development of anxiety in childhood or adolescence? Child Development Perspectives, 8, 12-17. Kerns, K. A., Siener, S., Brumariu, L. E. (2011). Mother-child relationships, family context, and child characteristics as predictors of anxiety symptoms in middle childhood. Development and Psychopathology, 23, 593-604. König, L., Gloger-Tippelt, G., Zweyer, K. (2007). Bindungsverhalten zu Mutter und Vater und Bindungsrepräsentation bei Kindern im Alter von fünf und sieben Jahren. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 56, 445-462. La Greca, A. M., Lopez, N. (1998). Social anxiety among adolescents: Linkages with peer relations and friendships. Journal of Abnormal Child Psychology, 26, 83-94. Laulik, S., Chou, S., Browne, K. D., Allam, J. (2013). The link between personality disorder and parenting behaviors: A systematic review. Aggression and Violent Behavior, 18, 644-655. Lecompte, V., Moss, E., Cyr, C., Pascuzzo, K. (2014). Preschool attachment, self-esteem and the development of preadolescent anxiety and depressive symptoms. Attachment & Human Development, 16, 242-260. Lindell, M. K., Whitney, D. J. (2001). Accounting for common method variance in crosssectional research designs. Journal of Applied Psychology, 86, 114-121. Main, M., Cassidy, J. (1988). Categories of response to reunion with the parent at age 6: Predictable from infant attachment classifications and stable over a 1-month period. DevelopmentalPsychology, 24, 415-426. Manassis, K. (2001). Child-parent relations: Attachment and anxiety disorders. In W. K. Silverman, P. D. A. Treffers (Hrsg.), Anxiety disorders in children and adolescents: Research, assessment, and intervention (S. 255-272). Cambridge: Cambridge University Press. Martin, R. P. (1998). The Temperament Assessment Battery for Children-Revised: Prepublication draft. Mattick, R. P., Clarke, J. C. (1998). Development and validation of measures of social phobia scrutiny fear and social interaction anxiety. Behavior Research and Therapy, 36, 455-470. McLaughlin, K. A., Zeanah, C. H., Fox, N. A., Nelson, C. A. (2012). Attachment security as a mechanism linking foster care placement to improved mental health outcomes in previously institutionalized children. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 53, 46-55. 524 S. Achtergarde et al. Mian, N. D., Godoy, L., Briggs-Gowan, M. J., Carter, A. S. (2012). Patterns of anxiety symptoms in toddlers and preschool-age children: Evidence of early differentiation. Journal of Anxiety Disorders, 26, 102-110. Moss, E., Smolla, N., Cyr, C., Dubois-Comtois, K., Mazzarello, T., Berthiaume, C. (2006). Attachment and behavior problems in middle childhood as reported by adult and child informants. Development and Psychopathology, 18, 425-444. Mothander, P. R., Wang, M. (2014). Parental rearing, attachment, and social anxiety in Chinese adolescents. Youth & Society, 46, 155-175. Murray, L., Arteche, A., Bingley, C., Hentges, F., Bishop, D. V. M., Dalton, L., Goodacre, T., Hill, J., Cleft Lip and Palate Study Team (2010). The effect of cleft lip on socio-emotional functioning in school-aged children. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 51, 94-103. Mustillo, S. A., Dorsey, S., Farmer, E. M. Z. (2005). Quality of relationships between youth and community service providers: Reliability and validity of the trusting relationship questionnaire. Journal of Child and Family Studies, 14, 577-590. Naber, F. B. A., Swinkels, S. H. N., Buitelaar, J. K., Bakermans-Kranenburg, M. J., van IJzendoorn, M. H., Dietz, C., van Daalen, E., van Engeland, H. (2007). Attachment in toddlers with autism and other developmental disorders. Journal of Autism and Developmental Disorders, 37, 1123-1138. O’Connor, T. G., Byrne, J. G. (2007). Attachment measures for research and practice. Child and Adolescent Mental Health, 12, 187-192. Oskis, A., Loveday, C., Hucklebridge, F., Thorn, L., Clow, A. (2011). Anxious attachment style and salivary cortisol dysregulation in healthy female children and adolescents. The Journal of Child Psychology and Psychiatry, 52, 111-118. Otto, H., Keller, H. (Hrsg.) (2014). Different faces of attachment. Cultural variations on a universal human need. Cambridge University Press. Pass, L., Arteche, A., Cooper, P., Creswell, C., Murray, L. (2012). Doll Play narratives about starting school in children of socially anxious mothers, and their relation to subsequent child schoolbased anxiety. Journal of Abnormal Child Psychology. Published online 16 May 2012. Peng, Z. W., Lam, L. T., Jin, J. (2011). Factors associated with social interaction anxiety among Chinese adolescents. East Asian Archives of Psychiatry, 21, 135-141. Pereira, A. I., Barros, L., Mendonca, D., Muris, P. (2014). The relationships among parental anxiety, parenting, and children’s anxiety: the mediating effects of children’s cognitive vulnerabilities. Journal of Child and Family Studies, 23, 399-409. Planalp, E. M., Braungart-Rieker, J. M. (2013). Temperamental precursors of infant attachment with mothers and fathers. Infant Behavior & Development, 36, 796-808. Raudino, A., Fergusson, D. M., Horwood, L. J. (2013). The quality of parent/child relationships in adolescence is associated with poor adult psychosocial adjustment. Journal of Adolescence, 36, 331-340. Rothbaum, F., Weisz, J., Pott, M., Miyake, K., Morelli, G. (2000). Attachment and culture: Security in the United States and Japan. American Psychologist, 55, 1093-1104. Sachsse, U. (2003). Man kann bei der Wahl seiner Eltern nicht vorsichtig genug sein – Zur biopsychosozialen Entwicklung der Bewältigungssysteme für Distress beim Homo sapiens. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 52, 578-594. Schieche, M., Spangler, G. (1994). Biobehavioral organization in one-year-olds: Quality of mother-infant attachment and immunological and adrenocortical regulation. Psychologische Beiträge, 36, 30-35. ipabo_66.249.76.55 ����������������������������������������������������������� Bindungsmuster und die Entwicklung von Angstsymptomen������ 525 Scott, S. (2012). Parenting quality and children‘s mental health: biological mechanisms and psychological interventions. Current Opinion in Psychiatry, 25, 301-306. Silverman, W. K., Albano, A. M. (1996). The anxiety disorders interview schedule for children for DSM-IV: Child and parent versions. San Antonia: Psychological Corporation. Spangler, G., Schieche, M. (1998). Emotional and adrenocortical responses of infants to the strange situation: The differential function of emotional expression. International Journal of Behavioral Development, 22, 681-706. Spangler, G., Zimmermann, P. (2014). Emotional and adrenocortical regulation in early adolescence: Prediction by attachment security and disorganization in infancy. International Journal of Behavioral Development, 38, 142-154. Spence, S. H., Rapee, R., McDonald, C., Ingram, M. (2001). The structure of anxiety symptoms among preschoolers. Behavior Research and Therapy, 39, 1293-1316. Spielberger, C. D. (1970). Manual for the State-Trait Anxiety Inventory (Self-Evaluation Questionnaire). Palo Alto, CA: Consulting Psychologists Press. Target, M., Fonagy, F., Shmueli-Goetz, Y. (2003). Attachment representation in school-age children: The development of the child attachment interview (CAI). Journal of Child Psychotherapy, 29, 171-186. Tarren-Sweeney, M. (2007). The assessment checklist for children – ACC: a behavioral rating scale for children in foster, kinship and residential care. Children and Youth Services Review, 29, 672-691. Tarren-Sweeney, M. (2013). An investigation of complex attachment- and trauma-related symptomatology among children in foster and kinship care. Child Psychiatry and Human Development, 44, 727-741. Tillfors, M., Persson, S., Willen, M., Burk, W. J. (2012). Prospective links between social anxiety and adolescent peer relations. Journal of Adolescence, 35, 1255-1263. Valla, J. P., Bergeron, L., Smolla, N. (2000). The Dominic-R: A pictorial interview for 6- to 11-year-old children. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 39, 85-93. Vine, M., Vander Stoep, A., Bell, J., Rhew, I. C., Gudmundsen, G., McCauley, E. (2012). Associations between household and neighborhood income and anxiety symptoms in young adolescents. Depression and Anxiety, 29, 824-832. Waters, E. (1987). Attachment Q-set (version 3.0). Stony Brook, NY: State University of New York at Stony Brook. Welner, Z., Reich, W., Herjanic, G., Jung, K. G., Amado, H. (1987). Reliability, validity, and parent-child agreement studies of the Diagnostic Interview for Children and Adolescents (DICA). Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 26, 649-653. World Health Organization (1993). Composite International Diagnostic Interview (CIDI). Geneva, Switzerland: World Health Organization. Zeanah, C. H., Berlin. L. J., Boris, N. W. (2011). Practitioner Review: Clinical applications of attachment theory and research for infants and young children. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 52, 819-833. Zhao, J., Li, X., Barnett, D., Lin, X., Fang, X., Zhao, G., Naar-King, S., Stanton, B. (2011). Parental loss, trusting relationship with current caregivers, and psychosocial adjustment among children affected by AIDS in China. Psychology, Health & Medicine, 16, 437-449. Zimmermann, P., Iwanski, A. (2014). Bindung und Autonomie im Jugendalter (S. 12-35). In K. H. Brisch (Hrsg.), Bindung und Jugend. Stuttgart: Klett-Cotta. 526 S. Achtergarde et al. Zimmermann, P., Scheuerer-Englisch, H. (2000). BISK-Bindungsinterview für die späte Kindheit. Manual. Unveröffentlichtes Manuskript, Universität Regensburg/Universität Wuppertal. Zimmermann, P., Scheuerer-Englisch, H. (2013). Unterschiede in Bindung und Persönlichkeit bei Kindern in Erziehungsberatung, in Kinder- und Jugendpsychiatrie und in Kontrollfamilien. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 62, 5-29. Korrespondenzanschrift: Dr. Jörg M. Müller, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie, Universitätsklinikum Münster, Schmeddingstraße 50, 48149 Münster; E-Mail: [email protected] Sandra Achtergarde, Jörg Müller, Christian Postert, Ida Wessing, Andreas Mayer und Georg Romer, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie, Universitätsklinikum Münster; Christian Postert, Department für Angewandte Gesundheitswissenschaften, Hochschule für Gesundheit, Bochum ipabo_66.249.76.55 ORIGINALARBEITEN Emotionsregulation und emotionale Verletzungssensitivität bei Jugendlichen mit Angststörungen Peter Zimmermann, Alexandra Iwanski und Fatma Çelik* Summary Emotion Regulation and Emotional Vulnerability in Adolescents with Anxiety Disorders From an attachment perspective, insecure attachment patterns in both infancy and adolescence are risk factors for the development of anxiety disorders in adolescence. Dysfunctional emotion regulation and biased social information processing are possible mediating processes. This study examines differences in emotion regulation, emotional vulnerability, and behaviour inhibition in adolescents with clinical diagnosis of anxiety disorder and healthy controls. Adolescents with anxiety disorder reported more maladaptive emotion regulation depending on the specific emotion and a higher incidence of reporting hurt feelings in social interactions. In contrast, behaviour inhibition did not explain additional variance. The results suggest that adolescents with anxiety disorders show a bias in the interpretation of social interactions as frequently emotionally hurting, and the use of dysfunctional emotion regulation strategies that minimize the possibility for effective social emotion regulation by close others or therapists. The results are interpreted within attachment framework. Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 64/2015, 527-544 Keywords emotion regulation – emotional vulnerability – anxiety disorders – attachment – adolescence – behaviour inhibition Zusammenfassung Aus bindungstheoretischer Perspektive ist unsichere Bindung in der Kindheit und im Jugendalter ein Risikofaktor für die Entwicklung und Aufrechterhaltung einer Angststörung. Hierbei können dysfunktionale Emotionsregulationsstrategien und eine negative, stereotype, soziale * Unser Dank gilt Dipl.-Psych. Alexandra Held, Dr. Elisabeth Fremmer-Bombik und Dr. Simon Meier sowie den teilnehmenden Jugendlichen für ihre Unterstützung. Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 64: 527 – 544 (2015), ISSN: 0032-7034 (print), 2196-8225 (online) © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen 2015 528 P. Zimmermann et al. Informationsverarbeitung als mediierende Prozesse zwischen Bindung und Psychopathologie betrachtet werden. Die vorliegende Studie untersucht auf dieser theoretischen Basis Unterschiede in Emotionsregulation, emotionaler Verletzungssensitivität und Verhaltenshemmung bei Jugendlichen mit diagnostizierter Angststörung im Vergleich zu Jugendlichen einer gesunden Kontrollstichprobe. Jugendliche mit Angststörung wiesen mehr maladaptive Emotionsregulationsstrategien auf, die je nach Emotion variierten und berichteten mehr Situationen zu erleben, in denen sie sich emotional verletzt fühlten ohne jedoch solche Situationen anders zu bewerten als die Jugendlichen der Kontrollgruppe. Verhaltenshemmung erklärte keine zusätzliche Varianz. Die Ergebnisse legen nahe, dass Jugendliche mit Angststörungen einen Bias in der Interpretation sozialer Interaktionen als häufig emotional verletzend haben und Emotionsregulationsstrategien nutzen, die nicht effektiv sind und eine soziale Regulation durch andere nahestehende Personen einschränken oder verhindern. Dies wird bindungstheoretisch diskutiert. Schlagwörter Emotionsregulation – Verletzungssensitivität – Angststörung – Bindung – Jugendalter – Verhaltenshemmung 1 Die Entwicklung von Angststörungen Angststörungen gehören zu den häufigsten Störungen des Kindes- und Jugendalters mit einer Lebenszeitprävalenz von 15-20 %, sodass Erkenntnisse über Entwicklungsprozesse, die ursächlich oder aufrechterhaltend für dieses Störungsbild sind, eine große Relevanz für Interventionen haben (Beesdo, Knappe, Pine, 2009). Allerdings liegt eine große Heterogenität des Störungsbildes und der Entwicklungsverläufe vor (Nelemans et al., 2014), sodass verschiedene Risikoprozesse und ihr Zusammenspiel im Laufe der Entwicklung im Sinne von Multifinalität und Multikausalität betrachtet werden müssen (Cicchetti, 2013). Neben den klassischen Risikofaktoren wie niedriger Bildungsstatus und geringes Einkommen, die eher oft störungsunspezifisch sind, werden biologische Faktoren, wie z. B. die kurze Variante des Serotonintransporterpolymorphismuses (5-HTTLPR) oder biologisch beeinflusste Faktoren wie z. B. Verhaltenshemmung (Hirshfeld-Becker et al., 2007), aber auch soziale Einflussfaktoren wie Erziehung und Bindung untersucht (vgl. Beesdo et al., 2009). Ausgehend von Grays biopsychologischer Persönlichkeitstheorie (Gray u. McNaughton, 2000) unterscheiden sich Menschen in der Ausprägung des neurologisch basierten Verhaltenshemmungssystems (Behavior Inhibition System; BIS) und des Verhaltensaktivierungssystems (Behavior-Activation/Activation System; BAS). Das BISSystem reagiert auf Bestrafung, das Ausbleiben von Belohnung und bei unbekannten, neuen, uneindeutigen, angstauslösenden Umweltreizen. Verhaltenshemmung äußert sich in einem Anstieg der physiologischen Aktivierung sowie einer erhöhten Vigilanz. Das BAS-System wird als appetitives System bei Belohnung und Nichtbestrafung aktiviert und reguliert Annäherungsverhalten. Studien zeigen, dass in der mittleren Kind- ipabo_66.249.76.55 ���������������������������������������������������������������������������������� Emotionsregulation und emotionale Verletzungssensitivität bei Angststörungen������ 529 heit (9-13 Jahre) hohe Verhaltenshemmung (BIS) mit mehr sozialen Ängsten und mehr emotionalen Problemen zusammenhängt (Kingsbury, Coplan, Weeks, Rose-Krasnor, 2013). Ähnliche Ergebnisse zeigen sich auch im Vergleich von klinisch diagnostizierten Stichproben mit gesunden Kontrollgruppen im Alter von acht bis 18 Jahren (Vervoort, Wolters, Hogendoorn, de Haan, Boer, Prins, 2010). Allerdings erklären biologische Prozesse nur für manche Jugendliche die Entstehung einer Angststörung und sind als Risikofaktor oft nicht störungsspezifisch. So zeigen Überblicksarbeiten zum Zusammenhang zwischen dem 5-HTTLPR und Psychopathologie, dass die kurze Allel-Variante eher mit Aggression als mit Ängstlichkeit einhergeht, obwohl frühe Studien eher Ängstlichkeit damit assoziierten (Carver u. Miller, 2006). Außerdem zeigt sich, dass genetische Unterschiede durch soziale Einflussfaktoren wie Bindungssicherheit im konkreten Verhalten moderiert werden können (Zimmermann, Mohr, Spangler, 2009). Studien zum Einfluss sozialer Faktoren auf die Entwicklung oder die Aufrechterhaltung von Ängstlichkeit oder Angststörungen machen deutlich, dass auch hier transaktionale, bi-direktionale Entwicklungspfade betrachtet werden sollten. In einer Meta-Analyse zu Erziehungseffekten auf die Angstentwicklung konnte gezeigt werden, dass vor allem elterliche Kontrolle und elterliche Zurückweisung bzw. der Mangel an elterlicher Wärme Unterschiede in der Ängstlichkeit von Kindern erklären (McLeod, Wood, Weisz, 2007). Vergleichbar werden auch überbehütendes Erziehungsverhalten von Müttern (Bögels, van Oosten, Muris, Smulders, 2001) und Vätern (Pereira, Barros, Mendonça, Muris, 2014) als Einflussfaktor auf die Angstentwicklung belegt. Allerdings wirken auch bereits aufgebaute, habituelle Persönlichkeitsstrukturen des Kindes oder Jugendlichen auf die soziale Umwelt und evozieren spezifische Reaktionen dieser. 2 Bindung und Angststörungen Das Bindungskonzept integriert das transaktionale Entwicklungsmodell, indem es davon ausgeht, dass Kinder in Abhängigkeit von ihrer Disposition, der Feinfühligkeit ihrer Bezugspersonen und kritischen Lebensereignissen eine bestimmte Verhaltensorganisation aufbauen (Bowlby, 2011; Sroufe u. Waters, 1977). Die Feinfühligkeit beschreibt dabei die dynamische Anpassung der Fürsorge und Ermutigung an den akuten Zustand oder das Temperament des Kindes mit dem Ziel seiner Regulation und Beruhigung. Dies zielt auf den Kern des Bindungskonzepts, da das Bindungsverhaltenssystem in Situationen ausgelöst wird, die intensive negative Emotionen hervorrufen wie Angst oder Trauer, welche die Regulationsfähigkeit des Kindes oder Jugendlichen herausfordern oder überfordern (Zimmermann u. Scheuerer-Englisch, 2013). Eine sichere Bindung äußert sich in effektiver sozialer Emotionsregulation des Kindes oder Jugendlichen durch Körperkontakt oder Kommunikation mit der Bezugsperson. Eine unsicher-vermeidende Bindung ist der Versuch einer individuellen Emotionsregulation des Kindes oder Jugendlichen ohne die Bezugsperson, die jedoch nicht effektiv ist. Eine unsicher-ambivalente Bindung entspricht einer ineffektiven, sozialen 530 P. Zimmermann et al. Emotionsregulation, bei der Körperkontakt oder Kommunikation nicht beruhigend wirken (vgl. Zimmermann u. Scheuerer-Englisch, 2013). Somit sind die beiden unsicheren organisierten Bindungsmuster entweder durch Vermeidung einer sozialen Regulation und Rückzug bei Angst oder Trauer oder durch die Unwirksamkeit angebotener Hilfe oder Beruhigung als Risikofaktoren für die Entwicklung von Angststörungen zu betrachten. Empirisch zeigt sich hierfür einige Evidenz. So ist eine unsicherambivalente Bindung an die Mutter in der frühen Kindheit mit einer erhöhten Rate an Angststörungen im späten Jugendalter assoziiert, auch bei Kontrolle des kindlichen Temperaments und der Ängstlichkeit der Mutter (Warren, Huston, Egeland, Sroufe 1997). Auch wenn Bindungsmuster in der frühen Kindheit und im Jugendalter nicht notwendigerweise übereinstimmen (Zimmermann et al., 2000), ergeben sich auch zu Bindungsmustern im Jugendalter signifikante Zusammenhänge zwischen unsicherer Bindung und Ängstlichkeit (Kobak u. Sceery, 1988; Zimmermann, Gliwitzky, BeckerStoll, 1996; Zimmermann u. Scheuerer-Englisch, 2013). Frühkindliche Bindungsdesorganisation ist längsschnittlich auch im Jugendalter noch mit erhöhter Cortisolausschüttung in Angstsituationen assoziiert (Spangler u. Zimmermann, 2014). Es zeigen sich aber auch Zusammenhänge zu Angststörungen, wie die Überblicksarbeiten von Brumariu und Kerns (2010) und Colonnesi und Kollegen (2011) darlegen. Insgesamt ergab sich eine mittlere Effektstärke von r = .30 und deutlichere Zusammenhänge zu unsicher-ambivalenter Bindung. Die Bindungstheorie erklärt den Zusammenhang zwischen unsicherer Bindung und der Entwicklung von Störungen über den Aufbau internaler Arbeitsmodelle, welche die soziale Informationsverarbeitung und die Emotionsregulation negativer Emotionen mit steuern, wenn sie aktiviert werden (Zimmermann u. Scheuerer-Englisch, 2013). Die soziale Informationsverarbeitung bei unsicherer Bindung ist charakterisiert durch selektive Wahrnehmung und einen Bias bei der Interpretation sozialer Situationen (Dykas u. Cassidy, 2011), sodass man eher Zurückweisung oder Autonomieeinschränkung erwartet (Zimmermann, 1999). Die Emotionsregulation bei unsicherer Bindung geht mit der Vermeidung von Situationen, Ausdruckskontrolle und wenig Suche nach sozialer Unterstützung einher. Man kann also vermuten, dass wenig effiziente, maladaptive Emotionsregulationsstrategien wie Vermeidung und Ruminieren und die häufige Bewertung sozialer Interaktionen als zurückweisend oder emotional verletzend mediierende Prozesse zwischen Bindungsmustern und Angststörungen sein können. Solche Prozesse beschreiben auch Esbjørn, Bender, Reinholdt-Dunne, Munck und Ollendick (2012) als mögliche Einflussfaktoren auf die Entwicklung von Angststörungen. 3 Emotionsregulation und Angststörungen Die Rolle von Emotionsregulation als erklärendem Faktor für die Entstehung oder Aufrechterhaltung psychischer Störungen und speziell auch von Angststörungen ist noch nicht vollständig erforscht. Emotionsregulation umfasst alle Prozesse die an der ziel- ipabo_66.249.76.55 ���������������������������������������������������������������������������������� Emotionsregulation und emotionale Verletzungssensitivität bei Angststörungen������ 531 gerichteten Veränderung von emotionalen Reaktionen beteiligt sind (Zimmermann u. Iwanski, 2013) und die zur Überwachung, Bewertung und Steuerung emotionaler Reaktionen mit dem Ziel der kurz- oder langfristigen Anpassung des Individuums beitragen (Gross u. Thompson, 2007). Intensität, Qualität, Ausdruck, Dauer, zeitlicher Verlauf und Latenz bis zum Abklingen der Emotion können über Emotionsregulationsprozesse gesteuert und verändert werden (Zimmermann u. Thompson, 2014). Aldao, Nolen-Hoeksema und Schweizer (2010) konnten in einer Meta-Analyse deutliche Zusammenhänge zwischen einzelnen Emotionsregulationsstrategien und verschiedenen psychopathologischen Erkrankungen im Jugend- und Erwachsenenalter nachweisen. Die Nutzung von Vermeidung oder dysfunktionaler Rumination zeigt einen Zusammenhang mittlerer Effektstärke mit Ängstlichkeit aber auch Depressivität. Akzeptanz der Situation oder Problemlösen zeigten negative Zusammenhänge ebenfalls mittlerer Effektstärke mit Ängstlichkeit und auch Depressivität. Es gibt empirische Hinweise darauf, dass Angststörungen in der Kindheit mit maladaptiven Emotionsregulationsstrategien zusammenhängen (Hannesdottir, Doxie, Bell, Ollendick, Wolfe, 2010). Ängstliche Kinder und Jugendliche weisen eine geringere Emotionsregulationsfähigkeit und ein geringeres Emotionswissen auf und berichten gleichzeitig Emotionen intensiver zu erleben als nicht-ängstliche Kinder und Jugendliche (Hannesdottir u. Ollendick, 2007; Southam-Gerow u. Kendall, 2000; Suveg u. Zeman, 2004). Darüber hinaus vermeiden sie häufiger Situationen, die intensive negative Emotionen auslösen könnten, suchen aber gleichzeitig mehr soziale Unterstützung zur Regulation ihrer Emotionen als die Kinder und Jugendlichen einer unauffälligen Kontrollgruppe (Carthy, Horesh, Apter, Gross, 2010). In einer weiteren Studie zeigten Carthy, Horesh, Apter, Edge und Gross (2010), dass Jugendliche im Alter von 10-17 Jahren mit diagnostizierter Angststörung Probleme damit haben, im Laborsetting nach Instruktion auf Aufforderung hin kognitive Neubewertung als Emotionsregulationsstrategie wirksam umzusetzen. Nur wenn sie diese Strategie ohnehin anwenden, sind sie ebenso effektiv wie Kinder und Jugendliche ohne Angststörung. Im Selbstbericht über die alltägliche Nutzung von kognitiver Umbewertung zeigte sich jedoch, dass Kinder und Jugendliche mit Angststörung diese Strategie im Alltag seltener nutzen als die gesunde Kontrollgruppe. Suveg und Zeman (2004) konnten darüber hinaus zeigen, dass ängstliche Kinder im Selbstbericht Probleme damit haben, Trauer und Ärger zu regulieren und sich wenig selbstwirksam dabei erleben. Dies deutet darauf hin, dass die Regulationsdefizite nicht nur auf die Emotion Angst bezogen sind. Dies zeigt sich in ähnlicher Weise in der Studie von Lange und Tröster (2014) zur Nutzung adaptiver und maladaptiver Strategien zur Regulation von Angst, Trauer und Ärger bei Kindern und Jugendlichen mit einer sozialen Angststörung, sozial-ängstlichen Kindern und Jugendlichen ohne diagnostizierte Angststörung und einer Kontrollgruppe im Alter von zehn bis 16 Jahren. Es zeigte sich, dass Kinder mit diagnostizierter Angststörung weniger adaptive Strategien nutzten als die Kontrollgruppe, jedoch nicht Kinder mit Anzeichen sozialer Angst, aber ohne Diagnose. Auch hier waren die Unterschiede nur für die Regulation von Trauer und Ärger signifikant, nicht aber für die Regulation 532 P. Zimmermann et al. von Angst, der störungstypischen Emotion. Hinsichtlich der Nutzung maladaptiver Regulationsstrategien deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Kinder und Jugendliche mit diagnostizierter Angststörung häufiger maladaptive Strategien zur Regulation von Angst, Ärger und Trauer nutzen als Kinder und Jugendliche der Kontrollgruppe. Sozial-ängstliche Kinder ohne Diagnose nutzten maladaptive Strategien nur in der Regulation von Ärger häufiger als Kinder der Kontrollgruppe. Es zeigen sich demnach deutliche emotionsspezifische Unterschiede in der Emotionsregulation von Kindern und Jugendlichen mit Angststörung und gesunden Kindern und Jugendlichen. 4 Soziale Informationsverarbeitung bei Angststörungen: Die Rolle emotionaler Verletzungssensitivität In der sozialen Informationsverarbeitung zeigte sich bei Kindern mit Angststörungen ein Interpretationsbias mehrdeutiger Situationen (Pereira et al., 2014; Britton, Lissek, Grillon, Norcross, Pine, 2011). Bindungstheoretisch wird angenommen, dass Kinder mit Angststörungen aufgrund vergleichbarer familiärer Erfahrungen in sozialen Situationen häufiger Zurückweisung erwarten oder aber viele Situationen emotional als Ablehnung der eigenen Person erleben und somit häufiger emotional verletzt sind. Emotionale Verletzung ist eine soziale Emotion ähnlich wie Scham oder Eifersucht (Hareli u. Hess, 2012) und tritt bei Persönlichkeits- oder Beziehungsabwertung auf, wie z. B. durch sozialen Ausschluss. Emotionale Verletzung wird je nach Attribution der Situation und der Absichten des Täters sowie der Beziehung zu diesem von Ärger, Trauer oder Angst begleitet (Leary u. Springer, 2001; Vangelisti, 2009). Es wird angenommen, dass die emotionale Verletzungsempfindung dann entsteht, wenn eine Person Trauer über einen emotionalen Schaden erlebt, welcher ihr zugefügt wurde, sowie Angst vor erneuter Verletzung empfindet. Der diese emotionale Verletzung manchmal begleitende Ärger wird in diesem Ansatz eher als Maskierung der eigenen Verletzbarkeit interpretiert (Vangelisti, 2009). Unterschiede in der habituellen Neigung sich verletzt zu fühlen werden als ein Persönlichkeitskonstrukt verstanden, welches die emotionsspezifische Disposition erfasst, häufig emotional verletzende Situationen zu erleben und darauf intensiv mit dem Gefühl emotionaler Verletzung zu reagieren (Zimmermann u. Çelik, 2015). Im Jugendalter sagt die Erwartung, von anderen zurückgewiesen zu werden, soziale Ängstlichkeit und sozialen Rückzug sogar vier Monate später voraus (London, Downey, Bonica, Paltin, 2007). Eine erhöhte Tendenz auf soziale Exklusion ängstlich zu reagieren, sagt nach einer experimentellen Induktion einer solchen Erfahrung mehr soziale Ängstlichkeit noch zwei Monate später vorher (Levinson, Langer, Rodebough, 2013). Bedeutsam für den Bereich psychischer Störungen erscheint neben den tatsächlichen Erfahrungen vor allem das mögliche Vorliegen eines Bewertungsbias zu sein, der zu einer subjektiven erhöhten Häufigkeit des Erlebens von emotionaler Verletzung beiträgt. ipabo_66.249.76.55 ���������������������������������������������������������������������������������� Emotionsregulation und emotionale Verletzungssensitivität bei Angststörungen������ 533 Ausgehend von der bisherigen empirischen Befundlage kann man also erwarten, dass bei Jugendlichen mit Angststörungen maladaptive Emotionsregulationsstrategien und ein Bias in der Bewertung sozialer Interaktionen, der zur häufigen Bewertung als zurückweisend und emotional verletzend führt, vorliegen. Bindungstheoretisch betrachtet, sind beide Prozessebenen, also die Regulation negativer Emotionen und die soziale Informationsverarbeitung durch internale Arbeitsmodelle von Bindung beeinflusst. Deshalb soll in dieser Studie geprüft werden, ob dysfunktionale Emotionsregulation und dysfunktionale soziale Informationsverarbeitung bei Angststörungen im Jugendalter gehäuft auftreten. In der vorliegenden Studie wurde konkret erwartet, dass 1. Jugendliche mit Angststörungen negative Emotionen häufiger maladaptiv regulieren als eine gesunde Kontrollgruppe und vor allem typischerweise Vermeidung und Ausdruckskontrolle verbunden mit Ruminieren zeigen, wobei emotionsspezifsch eine unterschiedliche Nutzung der Regulationsstrategien zu erwarten sind; 2. Jugendliche mit Angststörungen Situationen, in denen sie Kritik oder sozialem Ausschluss ausgesetzt sind, zwar ebenso emotional verletzend erleben wie Jugendliche ohne Angststörung, aber berichten, häufiger emotional verletzende Situationen zu erleben; 3. Jugendliche mit Angststörung sich nicht in Verhaltenshemmung (BIS) und Verhaltensaktivierung (BAS) von einer gesunden Kontrollgruppe unterscheiden, wenn man emotionale Verletzungssensitivität kontrolliert. 5 Methode 5.1 Stichprobe und Datenerhebung Die Stichprobe bestand aus 50 Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 17 Jahren (davon 58 % weiblich) mit einem Durchschnittsalter von 15,1 Jahren. 26 Jugendliche (davon 50 % weiblich) kamen aus klinisch nicht auffälligen Familien und 24 Jugendliche (davon 66 % weiblich) befanden sich in vollstationärer Behandlung in Kinder- und Jugendpsychiatrien. Ein Chi-Quadrat-Test ergab keinen signifikanten Unterschied in der Geschlechtsverteilung der beiden Gruppen. Ein signifikanter Altersunterschied der Gruppen lag ebenfalls nicht vor. Die Patienten wurden auf Grundlage einer diagnostizierten Angststörung (spezifische Phobien, Sozialphobien, Zwangsstörungen und posttraumatischer Belastungsstörung) der Kliniken rekrutiert und nach Zustimmung der Eltern und Jugendlichen selbst in die Untersuchung einbezogen. Komorbide Störungen oder medikamentöse Behandlungen waren kein Ausschlusskriterium für die Teilnahme an der Studie. Die Kontrollgruppe wurde an Regelschulen rekrutiert. Bei keinem der Jugendlichen der Kontrollgruppe war zum Zeitpunkt der Datenerhebung eine psychische Vorerkrankung bekannt. Die Teilnahme an der Studie war freiwillig. Die Jugendlichen füllten zur Erhebung von Emotionsregulation, emotionaler Verletzungssensitivität und Verhaltenshemmung 534 P. Zimmermann et al. und -aktivierung Fragebögen aus. Bindung wurde mit dem Bindungsinterview für die Späte Kindheit (BISK; vgl. Zimmermann u. Scheuerer-Englisch, 2013) erhoben, jedoch nicht mehr in diesen Bericht mit aufgenommen. 5.2 Messinstrumente Emotionsregulation. Emotionsregulation wurde mithilfe des Negative Emotion Regulation Inventories (NERI; Zimmermann, Scharf, Iwanski, 2008) erfasst. Der NERI ist ein Selbstberichtfragebogen zur Erfassung emotionaler Erfahrungen und Emotionsregulation in spezifischen emotionsauslösenden Situationen. Es werden pro Emotion (Trauer, Ärger und Angst) zwei Situationen vorgegeben (z. B. ein Versprechen wird gebrochen für Ärger) für die die Probanden angeben sollen, ob die Situation bereits einmal erlebt wurde, welche Emotionen sie gefühlt haben und welche Regulationsstrategien in einer solchen Situation typisch für sie sind. Zunächst soll die Intensität der erlebten Emotion auf einer 7-stufigen Likert-Skala eingeschätzt werden (1 = überhaupt nicht bis 7 = sehr stark). Die Mittelwerte für die drei Emotionen, also Angst in Angstsituationen, Trauer in Trauersituationen und Ärger in Ärgersituationen werden in Analysen kontrolliert, da sich zeigte, dass die Emotionsintensität mit der Nutzung der Strategien einhergeht (Zimmermann u. Iwanski, 2014). Der NERI erfasst neben der Emotionsintensität auch die Nutzung sieben verschiedener Regulationsstrategien: Adaptive Emotionsregulation (6 Items, z. B. „Ich beruhige mich zunächst selbst und überlege mir was zu tun ist“; α = .93), Suche nach sozialer Unterstützung (4 Items, z. B. „Ich suche Unterstützung und Trost“; α = .91), Passivität (5 Items, z. B. „Ich denke, ich muss damit leben“; α = .88), Vermeidung (4 Items, z. B. „Ich ziehe mich zurück (gehe weg, bleibe alleine)“; α = .78), Ausdruckskontrolle (3 Items, z. B. „Ich zeige nicht, wie ich mich fühle“; α = .87), dysfunktionale Rumination (5 Items, z. B. „Gedanken wie “Warum passiert mir das wieder” oder “Was wird wieder von mir erwartet” beschäftigen mich und beanspruchen einen großen Teil meiner Energie“; α = .91) und Dysregulation (4 Items, z. B. „Ich drücke meine negativen Gefühle direkt aus und gebe anderen die Schuld, dass ich in der Situation bin“; α = .90). Für alle 31 Items müssen die Probanden auf einer 7-stufigen Likert-Skala bewerten, wie typisch diese Verhaltensweisen für sie in der jeweiligen spezifischen Situation sind (1 = sehr untypisch bis 7 = sehr typisch). Die resultierenden sieben Regulationsstrategien werden generell (über alle drei Emotionen hinweg) und emotionsspezifisch für Trauer, Ärger und Angst berechnet, so dass Aussagen über die generelle Emotionsregulation aber auch die Trauer-, Ärger- und Angstregulation gemacht werden können. Die Validität und Reliabilität des NERIs wurde bereits in mehreren Studien geprüft (Zimmermann u. Iwanski, 2014; Scharf u. Zimmermann, 2009). Emotionale Verletzungssensitivität. Emotionale Verletzungssensitivität wurde mit dem „Emotionale Verletzungssensitivitätsfragebogen“ (EVF; Çelik u. Zimmermann, 2009) in der Selbstauskunft der Jugendlichen erfasst. Erhoben werden für 33 potenziell emotional verletzende Situationen, a) die Verletzbarkeit, das heißt die Intensität des ipabo_66.249.76.55 ���������������������������������������������������������������������������������� Emotionsregulation und emotionale Verletzungssensitivität bei Angststörungen������ 535 Gefühls der Verletzung als emotionale Reaktivität (z. B. „Es verletzt mich, wenn andere Menschen keine Zeit mit mir verbringen wollen“) auf einer 7-stufigen Likert-Skala mit einem Range von 1 (gar nicht) bis 7 (sehr stark) und b) die Verletzlichkeit, das heißt die subjektiv eingeschätzte Häufigkeit, mit der diese Situationen erlebt werden auf einer 6-stufigen Likert-Skala mit einem Antwortformat von 0 (nie) bis 5 (jeden Tag). Schließlich werden c) die Personen, die die Verletzung auslösen (Eltern, Partner, Freunde, Geschwister, Vorgesetzte etc.), sowie d) der absolute Range an tatsächlich emotional verletzenden Situationen erhoben. In die vorliegende Analyse wurden die ersten beiden Skalen mit einbezogen. Die interne Konsistenz liegt in dieser Studie für die beiden Skalen bei Cronbach’s α > .90. Die Test-Retest-Stabilität der Subskalen lag in Vorstudien je nach Altersgruppe zwischen r = .63 und r = .70. Die beiden Dimensionen waren in Vorstudien orthogonal und sind auch in dieser Studie nicht signifikant miteinander assoziiert (r = .08, n. s.). Behavior Inhibition System/Behavior Approach System. Die Skalen für das Behavior Approach System (BAS) und Behavior Inhibition System (BIS) für Kinder und Jugendliche wurden mittels des Fragebogens von Colder und O’Connor (2004) in der deutschen Fassung (Zimmermann, 2008) erhoben. Zum Verhaltensaktivierungssystem zählen hierbei die Skalen Belohnungsabhängigkeit („Wenn ich bekomme, was ich möchte, bin ich ganz begeistert und voller Energie“), sozialer Antrieb („Ich liebe den Wettbewerb und tue alles, um zu gewinnen.“) sowie sensation seeking („Es fällt mir oft schwer Dinge zu beenden, die mir Spaß machen.“). Die drei Skalen Belohnungsabhängigkeit, sozialer Antrieb und sensation seeking wurden zusammengefasst zur Skala Verhaltensaktivierung (BAS). Die Verhaltenshemmung (BIS) wird über die Skala Bestrafungssensitivität erfasst („Ich frage lieber nach, ob ich etwas haben kann, wenn ich nicht sicher bin, ob ich es bekomme.“). Die internen Konsistenzen für die Skalen lagen in der Stichprobe bei Cronbach’s α = .82 und α = .85. Die beiden Dimensionen sind in dieser Stichprobe signifikant negativ miteinander assoziiert (r = -.27, p = .049). 6 Ergebnisse 6.1 Unterschiede in der Nutzung von Emotionsregulationsstrategien Um Gruppenunterschiede in der Nutzung der sieben Emotionsregulationsstrategien in Angstsituationen zu prüfen, wurden ANOVAs berechnet, bei denen jeweils die Intensität der erlebten Angst in den Angstsituationen, Alter und Geschlecht als Kovariaten kontrolliert wurden, da diese mit der Nutzung der Emotionsregulationsstrategien korrelieren, das Geschlecht zwischen den Gruppen nicht exakt gleich verteilt ist und das Geschlecht die Nutzung von Strategien beeinflusst. Diese Vorgehensweise wurde für alle weiteren Analysen ebenfalls angewandt. 536 P. Zimmermann et al. 6 + 5,5 5 Mittelwert 4,5 + 4 + * 3,5 3 Angststörungsgruppe Kontrollgruppe 2,5 2 1,5 Ad ap tiv i tä Un t te S rs oz tü ia tz le un g Pa ss ivi tä Ve t rm Au e id sd un ru ck g sk Dy ont r sfu ol l Ru nkti e m on in al a Dy ti e s r on eg ul a ti on 1 Abbildung 1: Nutzung der Emotionsregulationsstrategien in Angstsituationen getrennt für die Angststörungs- und nicht-klinische Kontrollgruppe (Mittelwert und SE; * p < .05; + p < .10). Jugendliche mit einer Angststörung gaben an, dass sie in angstauslösenden Situationen signifikant weniger soziale Unterstützung suchen (F(1,45) = 6.25; p = .016, eta2 = .12), sowie tendenziell weniger adaptive Emotionsregulation (F(1,45) = 3.76; p = .056, eta2 = .077), mehr Vermeidung (F(1,45) = 3.70; p = .061, eta2 = .076) und mehr Ausdruckskontrolle (F(1,45) = 3.23; p = .079, eta2 = .066) aufweisen als Jugendliche der nicht-klinischen Kontrollgruppe (vgl. Abb. 1). Für die Nutzung der anderen Emotionsregulationsstrategien ergab sich kein statistisch bedeutsamer Unterschied in Abhängigkeit der Gruppenzugehörigkeit. Die Effektstärken lagen bei eta2 = .057 für Passivität, eta2 = .043 für dysfunktionales Ruminieren und eta2 = .017 für Dysregulation. * 5,5 5 Mittelwert 4,5 ** * ** 4 3,5 3 Angststörungsgruppe Kontrollgruppe 2,5 2 1,5 Ad ap tiv i tä Un t te S rs oz tü ia tz le un g Pa ss ivi tä Ve t rm Au ei sd du ru ng ck sk Dy ont ro sfu ll Ru nkti e m on in al Dy ati e s r on eg ul a ti on 1 Abbildung 2: Nutzung der Emotionsregulationsstrategien in Trauersituationen getrennt für die Angststörungs- und nicht-klinische Kontrollgruppe (Mittelwert und SE; ** p < .01; * p < .05). ipabo_66.249.76.55 ���������������������������������������������������������������������������������� Emotionsregulation und emotionale Verletzungssensitivität bei Angststörungen������ 537 Gruppenunterschiede in der Nutzung der sieben Emotionsregulationsstrategien in Trauersituationen wurden mittels ANOVAs ermittelt, bei denen die Intensität der erlebten Trauer in den Trauersituationen, sowie Alter und Geschlecht als Kovariaten kontrolliert wurden. Jugendliche mit Angststörungen nutzten signifikant weniger adaptive Emotionsregulation (F(1,45) = 10.76; p = .002, eta2 = .193), weniger Suche nach sozialer Unterstützung (F(1,45) = 6.83; p = .012, eta2 = .132) und verwenden dafür signifikant mehr Vermeidung (F(1,45) = 7.4; p = .009, eta2 = .142) und mehr Ausdruckskontrolle (F(1,45) = 4.32; p = .043, eta2 = .087) in Trauersituationen als Jugendliche der nicht-klinischen Kontrollgruppe (vgl. Abb. 2). Die Gruppenunterschiede bei Passivität (eta2 = .018), dysfunktionalem Ruminieren (eta2 = .058) und Dysregulation (eta2 = .003) in Trauersituationen waren nicht signifikant. 5 Mittelwert 4,5 * + + * 4 3,5 3 2,5 Angststörungsgruppe Kontrollgruppe 2 1,5 Ad ap tiv i tä Un t te S rs oz tü ia tz le un g Pa ss ivi tä Ve t rm Au ei sd du ru ng ck sk Dy ont ro sfu ll Ru nkti e m on in al Dy ati e s r on eg ul a ti on 1 Abbildung 3: Nutzung der Emotionsregulationsstrategien in Ärgersituationen getrennt für die Angststörungs- und nicht-klinische Kontrollgruppe (Mittelwert und SE; * p < .05; + p < .10). Um Gruppenunterschiede in der Nutzung der sieben Emotionsregulationsstrategien in Ärgersituationen zu prüfen, wurden ANOVAs berechnet und die Intensität des erlebten Ärgers in den Ärgersituationen sowie Alter und Geschlecht als Kovariaten kontrolliert. Jugendliche mit Angststörungen zeigten bei Ärger signifikant häufiger dysfunktionale Rumination (F(1,45) = 6.36; p = .015, eta2 = .124) und weniger adaptive Emotionsregulation (F(1,45) = 5.70; p = .021, eta2 = .112), sowie tendenziell mehr Ausdruckskontrolle (F(1,45) = 3.45; p = .070, eta2 = .071) und weniger Suche nach sozialer Unterstützung (F(1,45) = 3.68; p = .061, eta2 = .076) als Jugendliche der nicht-klinischen Kontrollgruppe (vgl. Abb. 3). Es zeigten sich keine statistisch bedeutsamen Effekte der Gruppenzugehörigkeit auf die Nutzung von Passivität (eta2 = .001), Vermeidung (eta2 = .038) und Dysregulation (eta2 = .017) in Ärgersituationen. Die Analysen zur Emotionsregulation blieben auch bei Kontrolle für das Ausmaß an Verhaltenshemmung (BIS) als basale Temperamentsdimension erhalten. Jugendliche 538 P. Zimmermann et al. mit Angststörungen suchen in Angstsituationen, Trauersituationen und Ärgersituationen signifikant weniger soziale Unterstützung, zeigen signifikant mehr Vermeidung in Angst- und Trauersituationen und verfügen in Trauersituationen über weniger adaptive Strategien. 6.2 Gruppenunterschiede in den Dimensionen für emotionale Verletzungssensitivität Um zu prüfen, ob die Angststörungsgruppe eine höhere Intensität in der emotionalen Reaktion auf potenziell verletzende Situationen (Verletzbarkeit) oder das häufigere Erleben solcher Situationen (Verletzlichkeit) berichtet, wurden Varianzanalysen mit Kontrolle von Alter und Geschlecht durchgeführt (s. Tab. 1). Es ergab sich kein signifikanter Unterschied für das Ausmaß an Verletzbarkeit zwischen Jugendlichen mit diagnostizierter Angststörung und Jugendlichen der Kontrollgruppe, jedoch gaben Jugendliche in der Angststörungsgruppe signifikant häufiger an, verletzende Situationen zu erleben, als Jugendliche in der Kontrollgruppe (F(1,49) = 5.88, p = .019, eta2 = .135). Tabelle 1: Mittelwerte und Standardabweichungen der Verletzbarkeit und Verletzlichkeit für die Angst störungsgruppe und die Kontrollgruppe Emotionale Verletzungssensitivität Verletzbarkeit Verletzlichkeit N M (SD) M (SD) Angststörungsgruppe 24 4.50 (1.11) 1.98 (0.89) Kontrollgruppe 26 4.43 (0.89) 1.34 (0.75) N = Stichprobengröße, M = Mittelwert, SD = Standardabweichung 6.3 Gruppenunterschiede in Verhaltensaktivierung (BAS) und Verhaltenshemmung (BIS) Neben der emotionalen Verletzungssensitivität sollte geprüft werden, ob Verhaltenshemmung (BIS) und Verhaltensaktivierung (BAS) als biologisch basierte Persönlichkeitsmerkmale zusätzlich Unterschiede zwischen den Störungsgruppen erklären können. Allerdings zeigten die korrelativen Zusammenhänge, dass emotionale Verletzbarkeit (also Intensität) signifikant positiv mit der BIS-Komponente einherging (r(50) = .39, p = .005) und emotionale Verletzlichkeit (also Häufigkeit) signifikant positiv mit der BISKomponente (r(50) = .47, p = .001) und signifikant negativ mit der BAS-Komponente (r(50) = -.38, p = .007) einherging. Somit sind die beiden Konzepte nicht unabhängig. Um nun zu prüfen, ob sich Unterschiede in den Ausprägungen der beiden Dimensionen des BIS/BAS-Fragebogens zwischen den beiden Gruppen zusätzlich zur Verletzungssensitivität ergaben, wurden Varianzanalysen mit Kontrolle von Alter, Ge- ipabo_66.249.76.55 ���������������������������������������������������������������������������������� Emotionsregulation und emotionale Verletzungssensitivität bei Angststörungen������ 539 schlecht und emotionaler Verletzungssensitivität durchgeführt. Es ergaben sich keine signifikanten Gruppenunterschiede in Verhaltenshemmung (BIS) (F(1,49) = 2.1, n. s., eta2 = .090) zwischen Jugendlichen mit einer diagnostizierten Angststörung (M = 3.27; SD = .84) und der unauffälligen Kontrollgruppe (M = 2.75; SD = .80). Bei der Skala Verhaltensaktivierung (BAS) hatte die klinische Gruppe (M = 2.41; SD = .60) eine tendenziell (F(1,49) = 3.0, p = .09, eta2 = .11) niedrigere Ausprägung als die gesunde Kontrollgruppe (M = 2.86; SD = .56). 7 Diskussion Ziel der Studie war zu prüfen, ob die Regulation negativer Emotionen und die generalisierte Interpretation sozialer Interaktionen als emotional verletzend, Jugendliche mit Angststörungen von Jugendlichen einer gesunden Kontrollgruppe unterscheiden. Hintergrund dieser Fragestellungen, sich die Prozesse der Emotionsregulation und der sozialen Informationsverarbeitung genauer zu betrachten, sind die bindungstheoretischen Annahmen, dass internale Arbeitsmodelle von sich selbst und anderen bei Jugendlichen mit unsicherer Bindung durch zwei Aspekte gekennzeichnet sind: Zum einen durch die Anwendung eher maladadaptiver Emotionsregulationsstrategien, wie Vermeidung und Ausdruckskontrolle. Zum anderen durch die Neigung, soziale Interaktionen häufiger so zu interpretieren, dass sie nicht akzeptiert werden oder ihnen die Autonomie und Kompetenz, also die Fähigkeit etwas allein und richtig machen zu können, abgesprochen wird. Da dysfunktionale Emotionsregulation wie auch eine voreingenommene Bewertung der eigenen Umwelt mit klinischer Symptomatik einhergehen (Aldao et al., 2010), sind beide Prozesse zur Erklärung der Störungsgenese oder für Therapie- und Beratungsansätze relevant. Die Ergebnisse zur Emotionsregulation machen zunächst deutlich, dass es emotionsspezifische Unterschiede in der Regulation negativer Emotionen gibt. Hierin stimmen die Ergebnisse mit denen von Lange und Tröster (2014) überein. Interessanterweise sind die Unterschiede in der Emotionsregulation von Angst, der Emotion, die mit dem Störungsbild am nächsten assoziiert ist, am geringsten. Jugendliche mit einer Angststörung suchen weniger soziale Unterstützung bei Eltern und Freunden und tendieren dazu, so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre und die Situation zu vermeiden, wenn sie Angst haben. Bei Trauer hingegen sind sie deutlich vermeidender und wenig adaptiv, versuchen also kaum, die eigene Stimmung zu ändern und nach Lösungen der Situation zu suchen. Soziale Unterstützung wird ebenfalls wenig gesucht. Bei Ärger ruminieren Jugendliche mit Angststörungen stark darüber, was ihnen zugestoßen ist, und suchen nicht adaptiv nach Lösungen. Sie neigen außerdem dazu, Ärger zu unterdrücken, und suchen eher keine soziale Unterstützung. Insgesamt betrachtet ziehen sich Jugendliche mit Angststörung bei Angst sozial zurück, unterdrücken den gerichteten Ausdruck von Angst oder überspielen die emotionale Relevanz der Situation. Obgleich unregulierbare Angst ihr Hauptsymptom ist, ist für sie der Weg der sozialen Regulation, wie Beruhigung oder Ermutigung 540 P. Zimmermann et al. durch Bezugspersonen oder Betreuer, sehr untypisch. Gleichzeitig wird über Ausdruckskontrolle auch anderen potenziell helfenden Personen nicht signalisiert, dass sie Angst haben und Hilfe notwendig wäre. Sowohl die aktive Suche nach sozialer Unterstützung als auch die Nutzung potenzieller Helfer ist somit eingeschränkt. Bei Angst verhalten sich diese Jugendlichen also so, dass sie dem unsicher-vermeidenden Bindungsmuster entsprechen. Bei Trauer hingegen findet man bei Jugendlichen mit Angststörungen typischer ein „aus dem Feld gehen“, der belastenden Situation am liebsten entfliehen wollen und wenig Fähigkeit darüber nachzudenken, wie man die eigene Situation ändern kann. Bei Ärger wiederum sind Jugendliche mit Angststörungen deutlicher negativ grüblerisch, also ruminierend, und können die Situation nicht ändern oder versuchen dies nicht. Diese Hilflosigkeit der Jugendlichen ist bei Ärger vergleichbar der passiven Hilflosigkeit von unsicher-ambivalent gebundenen Kindern. Für die Therapie oder Beratung bedeutet dies, dass man die emotionale Qualität der Situation, in der sich ein Jugendlicher mit Angststörungen befindet, berücksichtigen sollte, um dessen typische Emotionsregulationsmuster mit einzubeziehen und emotionsspezifisch zu behandeln. Die Ergebnisse zur Verletzungssensitivität machen deutlich, dass Jugendliche mit Angststörungen keine merklich erhöhte Sensibilität oder Empfindlichkeit für soziale Kritik oder Abwertung haben im Vergleich zu Jugendlichen einer gesunden Kontrollgruppe. Alle Jugendlichen erleben also eine vergleichbare Intensität emotionaler Verletzung bei Abwertungen der eigenen Person oder sozialem Ausschluss. Es ist somit nicht die Reaktivität für solche Situationen oder eine zu niedrige Schwelle für soziale Bewertungen, die sehr schnell erreicht oder überschritten ist, sondern die erhöhte erlebte und erinnerte Häufigkeit, in solche Situationen zu geraten oder als verletzend zu interpretieren, die Jugendliche mit Angststörungen kennzeichnet. Dies würde dafür sprechen, dass Jugendliche mit Angststörungen keine effektiven Strategien haben, solche Bewertungssituationen zu verhindern oder zu bewältigen. Die Relevanz von Verletzungssensitivität wird dadurch bestätigt, dass Verhaltenshemmung keine zusätzliche Varianz erklärt und somit dieses Temperamentsmerkmal in der Reaktivität auf Bestrafung zumindest in dieser Stichprobe die Gruppe der Jugendlichen mit Angststörungen nicht spezifisch oder zusätzlich kennzeichnet. Es sind somit eher soziale Bewertungsprozesse als das Temperament das Jugendliche mit Angststörungen von nicht auffälligen Gleichaltrigen unterscheidet. Dies deutet einen möglichen Weg für Therapie oder Prävention an. Die Studie hat in ihrer jetzigen Form einige Einschränkungen, die man vor einer Generalisierung berücksichtigen muss. Die Stichprobe ist relativ klein, um einerseits die Ergebnisse verallgemeinern zu können und andererseits aber auch genügend Power zu haben, um alle theoretisch ableitbaren Unterschiede aufzudecken. Sie kann somit als eine Pilotuntersuchung betrachtet werden. Die Erhebung erfolgte nicht stets zu Beginn des stationären Aufenthalts und die Therapiedauer wurde nicht kontrolliert, sodass erste Therapieeffekte möglicherweise bestehende Gruppenunterschiede ohne Behandlung verringert haben könnten. Die berichteten Ergebnisse sind nur auf den Selbstbericht der Jugendlichen bezogen. Allerdings erfolgte die Diagnose von klinischen Angststörungen unabhängig und klinisch fundiert. Außerdem stimmen ipabo_66.249.76.55 ���������������������������������������������������������������������������������� Emotionsregulation und emotionale Verletzungssensitivität bei Angststörungen������ 541 Selbst- und Fremdberichte, z. B. durch Eltern, bei Symptomen oder Verhaltensweisen selten überein (Vierhaus u. Lohaus, 2008). Beide Aspekte sollten in zukünftigen Studien genauer berücksichtigt werden. Selbstverständlich gibt es weitere Risiko- und Schutzfaktoren, die in dieser Studie nicht berücksichtigt werden konnten, ebenso wie eine Differenzierung der verschiedenen Formen der Angststörung. Der Einbezug der erhobenen Bindungsmuster im BISK konnte aufgrund der noch unvollständigen Auswertung nicht mehr in diesen Bericht mit einbezogen werden. Deskriptiv liegt ein Überwiegen an unsicheren Bindungsmustern bei der klinischen Gruppe vor. Trotz dieser Einschränkungen, lässt sich festhalten, dass Jugendliche mit Angststörungen emotionsspezifische Unterschiede in Emotionsregulationsstrategien, die es erschweren, sie für therapeutische Interventionen im Sinne sozialer Regulation zu erreichen, da sie – emotionsspezifisch unterschiedlich – die Notwendigkeit von Regulation nicht kommunizieren, eher vermeiden oder den Ausdruck unterdrücken und nicht von sich aus in ihrer sozialen Umwelt danach suchen. Dies sind Prozesse, die mit unsicherer Bindung assoziiert sind und Anamnese sowie therapeutische Interventionen beeinflussen können. Fazit für die Praxis Jugendlichen mit Angststörungen haben vor allem Probleme damit, Trauer und Ärger effektiv zu regulieren, Emotionen, die man bei der Hauptdiagnose Angststörung möglicherweise eher außer Acht lässt. Da diese Jugendlichen sich in sozialen Kontexten oft verletzt fühlen und gleichzeitig Rückzug und Ausdruckskontrolle ohne Lösungsmöglichkeiten zeigen, werden sie leicht „übersehen“. Sie brauchen emotionsspezifische Interventionsansätze, kein allgemeines Training. Der Vertrauensaufbau in der therapeutischen Beziehung scheint zentral, um nicht nur oberflächliche Compliance zu erhalten, sondern sie kompetent in der Regulation von negativen Gefühlen zu machen. Literatur Aldao, A., Nolen-Hoeksema, S., Schweizer, S. (2010). Emotion-regulation strategies across psychopathology: A meta-analytic review. Clinical Psychology Review, 30, 217-237. Beesdo, K., Knappe, S., Pine, D. S. (2009). Anxiety and anxiety disorder in children and adolescents: Developmental issues and implications for DSM-V. Psychiatric Clinics of North America, 32, 483-524. Bögels, S. M., van Oosten, A., Muris, P., Smulders, D. (2001). Familial correlates of social anxiety in children and adolescents. Behaviour Research and Therapy, 39, 273-287. Bowlby, J. (2011). Bindung: Historische Wurzeln, theoretische Konzepte und klinische Relevanz In G. Spangler, P. Zimmermann (Hrsg.), Die Bindungstheorie. Grundlagen, Forschung und Anwendung. (S. 17-26). Stuttgart: Klett-Cotta. 542 P. Zimmermann et al. Britton, J. C., Lissek, S., Grillon, C., Norcross, M. A., Pine, D. S. (2011). Development of anxiety: The role of threat appraisal and fear learning. Depression and Anxiety, 28, 5-17. Brumariu, L. E., Kerns, K. A. (2010). Parent-child attachment and internalizing symptoms in childhood and adolescence: A review of empirical findings and future directions. Development and Psychopathology, 22, 177-203. Carthy, T., Horesh, N., Apter, A., Edge, M. D., Gross, J. J. (2010). Emotional reactivity and cognitive regulation in anxious children. Behaviour Research and Therapy, 48, 384-393. Carthy, T., Horesh, N., Apter, A., Gross, J. J. (2010). Patterns of emotional reactivity and regulation in children with anxiety disorders. Journal of Psychopathology and Behavioral Assessment, 32, 23-36. Carver, C. S., Miller, C. J. (2006). Relations of serotonin function to personality: Current views and a key methodological issue. Psychiatry Research, 144, 1-15. Çelik, F., Zimmermann, P. (2009). Der Emotionale Verletzungssensitivitätsfragebogen (EVF). Unveröffentlichtes Manuskript. Bergische Universität Wuppertal. Cicchetti, D. (2013). Integrating developmental risk factors: Perspectives from developmental psychopathology. In C. Nelson (Hrsg.), Threats to optimal development: Integrating biological, psychological, and social risk factors: The Minnesota Symposia on Child Psychology, (Vol. 27, S. 285-326). Psychology Press. Colder, C. R., O’Connor, R. M, (2004). Gray’s reinforcement sensitivity model and child psychopathology: Laboratory and questionnaire assessment of the BAS and BIS. Journal of Abnormal Child Psychology, 32, 435-451. Colonnesi, C., Draijer, E. M., Jan, J. M., Stams, G., Van der Bruggen, C. O., Bögels, S. M., Noom, M. J. (2011). The relation between insecure attachment and child anxiety: A metaanalytic review. Journal of Clinical Child & Adolescent Psychology, 40, 630-645. Dykas, M. J., Cassidy, J. (2011). Attachment and the processing of social information across the life span: Theory and evidence. Psychological Bulletin, 137, 19-46. Esbjørn, B. H., Bender, P. K., Reinholdt-Dunne, M. L., Munck, L. A., Ollendick, T. H. (2012). The development of anxiety disorders: Considering the contributions of attachment and emotion regulation. Clinical Child and Family Psychology Review, 15, 129-143. Gray, J. A., McNaughton, N. (2000). The Neuropsychology of anxiety: an enquiry into the functions of the septo-hippocampal system (2. Aufl.), Oxford: Oxford University Press. Gross, J., Thompson, R. (2007). Emotion regulation: Conceptual foundations. In J. Gross (Hrsg.), Handbook of emotion regulation (S. 3-24). New York, NY, US: Guilford Press. Hannesdottir, D. K., Doxie, J., Bell, M. A., Ollendick, T. H., Wolfe, C. D. (2010). A longitudinal study of emotion regulation and anxiety in middle childhood: Associations with frontal EEG asymmetry in early childhood. Developmental Psychobiology, 52, 197-204. Hannesdottir, D. K., Ollendick, T. H. (2007). The role of emotion regulation in the treatment of child anxiety disorders. Clinical Child and Family Psychology Review, 10, 275-293. Hareli, S., Hess, U. (2012). The social signal value of emotions. Cognition & Emotion, 26, 385-389. Hirshfeld-Becker, D. R., Biederman, J., Henin, A., Davis, S., Harrington, K., Rosenbaum, J. F. (2007). Behavioral inhibition in preschool children at risk is a specific predictor of middle childhood social anxiety: A five-year follow-up. Journal of Developmental and Behavioral Pediatrics, 28, 225-233. Kingsbury, A., Coplan, R. J., Weeks, M., Rose-Krasnor, L. (2013). Covering all the BAS‘s: A closer look at the links between BIS, BAS, and socio-emotional functioning in childhood. Personality and Individual Differences, 55, 521-526. ipabo_66.249.76.55 ���������������������������������������������������������������������������������� Emotionsregulation und emotionale Verletzungssensitivität bei Angststörungen������ 543 Kobak, R. R., Sceery, A. (1988). Attachment in late adolescence: Working models, affect regulation, and representations of self and others. Child Development, 59, 135-146. Lange, S., Tröster, H. (2014). Strategien der Emotionsregulation bei sozial ängstlichen Kindern und Jugendlichen. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 43, 35-42. Leary, M. R., Springer, C. A. (2001). Hurt feelings: The neglected emotion. In R. M. Kowalski (Hrsg.), Behaving badly: Aversive behaviors in interpersonal relationships (S. 151-175). Washington, DC: American Psychological Association. Levinson, C. A. Langer, J. K., Rodebaugh, T. L. (2013). Reactivity to exclusion prospectively predicts social anxiety symptoms in young adults. Behavior Therapy, 44, 470-478. London, B., Downey, G., Bonica, C., Paltin, I. (2007). Social causes and consequences of rejection sensitivity. Journal of Research on Adolescence, 17, 481-506. McLeod, B. D., Wood, J. J., Weisz, J. R. (2007). Examining the association between parenting and childhood anxiety: A meta-analysis. Clinical Psychology Review, 27, 155-172. Nelemans, S. A., Hale, W. W., Branje, S. J., Raaijmakers, Q. A., Frijns, T., van Lier, P. A., Meeus, W. H. (2014). Heterogeneity in development of adolescent anxiety disorder symptoms in an 8-year longitudinal community study. Development and Psychopathology, 26, 181-202. Pereira, A. I., Barros, L., Mendonça, D., Muris, P. (2014). The relationship among parental anxiety, parenting, and children’s anxiety: The mediating effects of children’s cognitive vulnerabilities. Journal of Child and Family Studies, 23, 399-409. Scharf, M., Zimmermann, P. (2009). Emotional regulation among young people in Germany and Israel: The role of cultural and personality characteristics. Final Research Report. University of Haifa/University of Wuppertal. Southam-Gerow, M. A., Kendall, P. C. (2002). Emotion regulation and understanding: Implications for child psychopathology and therapy. Clinical Psychology Review, 22, 189222. Spangler, G., Zimmermann, P. (2014). Emotional and adrenocortical regulation in early adolescence: Prediction by attachment security and disorganization in infancy. International Journal of Behavioral Development, 38, 142-154. Sroufe, L. A., Waters, E. (1977). Attachment as an organizational construct. Child Development, 48, 1184-1199. Suveg, C., Zeman, J. (2004). Emotion regulation in children with anxiety disorders. Journal of Clinical Child and Adolescent Psychology, 33, 750-759. Vangelisti, A. L. (2009). Hurt feelings: Distinguishing features, functions, and overview. In A. L. Vangelisti (Hrsg.), Feeling hurt in close relationships (S. 3-11). New York, NY: Cambridge University Press. Vierhaus, M., Lohaus, A. (2008). Children and parents as informants of emotional and behavioural problems predicting female and male adolescent risk behaviour: A longitudinal cross-informant study. Journal of Youth and Adolescence, 37, 211-224. Vervoort, L., Wolters, L. H., Hogendoorn, S. M., De Haan, E., Boer, F., Prins, P. J. (2010). Sensitivity of Gray’s behavioral inhibition system in clinically anxious and non-anxious children and adolescents. Personality and Individual Differences, 48, 629-633. Warren, S. L., Huston, L., Egeland, B., Sroufe, L. (1997). Child and adolescent anxiety disorders and early attachment. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 36, 637-644. Zimmermann, P. (1999). Structure and functioning of internal working models of attachment and their role during emotion regulation. Attachment and Human Development, 1, 291-307. 544 P. Zimmermann et al. Zimmermann, P. (2008). Der BIS/BAS Fragebogen für Kinder (Deutsche Übersetzung). Unveröffentlichtes Manuskript, Bergische Universität Wuppertal. Zimmermann, P., Becker-Stoll, F. Grossmann, K., Grossmann, K. E., Scheuerer-Englisch, H., Wartner, U. (2000). Längsschnittliche Bindungsentwicklung von der frühen Kindheit bis zum Jugendalter. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 47, 99-117. Zimmermann, P., Çelik, F. (2015). Heilt die Zeit alle Wunden? Der Einfluss von Bindung und emotionaler Verletzungssensitivität auf das emotionale Erleben von Trennungen bei jungen Erwachsenen. Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 35 (3). Zimmermann, P., Gliwitzky, J., Becker-Stoll, F. (1996). Bindung und Freundschaftsbeziehungen im Jugendalter. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 43, 141-154. Zimmermann, P., Iwanski, A. (2013). Entwicklung der Emotionsregulation in Kindheit und Jugend. In T. In-Albon (Hrsg.), Emotionsregulation und psychische Störungen im Kindesund Jugendalter: Grundlagen, Forschung und Behandlungsansätze (S. 27-45). Stuttgart: Kohlhammer. Zimmermann, P., Iwanski, A. (2014). Emotion regulation from early adolescence to emerging adulthood and middle adulthood: Age differences, gender differences, and emotion-specific developmental variations. International Journal of Behavioral Development, 38, 182-194. Zimmermann, P., Mohr, C., Spangler, G. (2009). Genetic and attachment influences on adolescents’ regulation of autonomy and aggressiveness. Journal of Child Psychology and Child Psychiatry, 50, 1339-1347. Zimmermann, P., Scharf, M., Iwanski, A. (2008). Negative Emotion Regulation Inventory (NERI). Unpublished test manual, University of Wuppertal/University of Haifa. Zimmermann, P., Scheuerer-Englisch, H. (2013). Unterschiede in Bindung und Persönlichkeit bei Kindern in Erziehungsberatung, in Kinder- und Jugendpsychiatrie und in Kontrollfamilien. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 62, 5-29. Zimmermann, P., Thompson, R. (2014). New directions in developmental emotion regulation research across the life span: Introduction to the special section. International Journal of Behavioral Development, 38, 139-141. Korrespondenzanschrift: Prof. Dr. Peter Zimmermann, Lehrstuhl Entwicklungspsychologie, Bergische Universität Wuppertal, FB G, 42119 Wuppertal; E-Mail: [email protected] Peter Zimmermann, Alexandra Iwanski und Fatma Çelik, Bergische Universität Wuppertal ipabo_66.249.76.55 FALLBERICHTE Psychodynamisch-multisystemische Behandlung von Schulphobie mit Trennungsangst im tagesklinischen Setting Antje Herbst, Judith Maria Fernholz, Kay Strothe und Sarah Schlund Summary Psychodynamic-multisystemic Therapy of School Phobia due to Separation Anxiety in Day Clinic Psychodynamic understanding and systemic approach in the multi-family treatment of a day care clinic are illustrated following the case report of a seven-year old girl with school phobia due to separation anxiety. The treatment modalities of the day clinic at the University Medical Center Muenster are described focussing on the multi-systemic approach. Using psychodynamic and systemic hypotheses the process of treatment is developed. Specific interventions, differentiated into reorganizations of inner and outer world issues, are traced to psychodynamic and systemic hypotheses. In conclusion it is argued that the integration of psychodynamic and multisystemic therapy methods in day clinic parent-child treatment provide a promising treatment approach. Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 64/2015, 545-562 Keywords multisystemic therapy – parent counselling in child psychiatry – separation anxiety – anxiety disorders – psychodynamic therapy Zusammenfassung Dargestellt werden psychodynamisch-systemisches Verstehen und therapeutisches Vorgehen in der tagesklinischen Multifamilien-Behandlung an der Universitätsklinik Münster anhand der Fallgeschichte einer siebenjährigen Patientin mit Schulabsentismus bei ausgeprägter Trennungsangst. Beschrieben werden die Behandlungsmodalitäten mit Fokus auf dem multifamilientherapeutischen Kontext. Daran anschließend wird die in die therapeutische Reorganisation von Innenwelt- und Außenweltthemen differenzierte Behandlung der Patientin entlang der psychodynamisch-systemischen Arbeitshypothesen nachvollzogen. Schlussfolgernd stellt sich dar, dass die Integration psychodynamischer und multisystemischer Therapiemethoden in der tagesklinischen Eltern-Kind-Behandlung einen erfolgversprechenden Ansatz bildet. Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 64: 545 – 562 (2015), ISSN: 0032-7034 (print), 2196-8225 (online) © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen 2015 546 A. Herbst et al. Schlagwörter Multifamilientherapie – Elternarbeit in der Kinderpsychiatrie – Trennungsangst – Angststörungen – Psychodynamische Therapie 1 Behandlungsmodalitäten Die Tagesklinik Roxel für Kinder, Jugendliche und Familien an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie des Universitätsklinikums Münster umfasst zwölf Behandlungsplätze aufgeteilt in eine Kinder- und eine Jugendlichengruppe. In ambulante Vorgespräche nach Zuweisung durch niedergelassene Vorbehandler werden gegebenenfalls auch Mitglieder der erweiterten Familie, Lehrer, Mitarbeiter der Jugendhilfe oder andere in den Behandlungsauftrag involvierte Personen einbezogen. Das multiprofessionelle Team setzt sich aus dem Pflege- und Erziehungsdienst (PED) und Therapeuten/innen mit unterschiedlichen Professionen und Arbeitsschwerpunkten (Ärzte, Psychologen, Kunst- Körper- und Musiktherapeutin) zusammen. Zur Vertrauensbildung in der Zusammenarbeit zwischen Familien und Behandlungsteam ist Zuverlässigkeit, Kontinuität und Transparenz von großer Bedeutung. Der Therapieansatz ist durch eine systemische Grundhaltung geprägt, die die Krankheit in den Kontext des Lebensumfeldes des definierten Patienten setzt. Die Behandlungsdauer ist in der Regel auf circa drei Monate angelegt. Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie des Universitätsklinikums Münster gehört gemeinsam mit der kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik Viersen und der kinder- und jugendpsychiatrischen Universitätsklinik Dresden zu den ersten Kliniken in Deutschland, die beginnend in den 90er Jahren die aus den USA stammende Multifamilientherapie (Laqueur, 1972) umfassend in ihre Behandlungskonzepte integrierte (Scholz, 2010). In dieser Tradition wurde auch die Tagesklinik Roxel im Jahr 2010 eröffnet, in Anlehnung an das Konzept der Familientagesklinik der TU-Dresden (Schemmel, 2006; Asen u. Scholz, 2009). Das multifamilientherapeutische Setting der Tagesklinik bildet Rahmen und Kontext der Gesamtbehandlung. Gleichzeitig wird der Behandlungsprozess aller Patienten durch den individualtherapeutischen psychodynamischen Zugang in der Einzeltherapie und durch auf die einzelne Familie bezogene Eltern- und Familiengespräche begleitet. Die komplementäre therapeutische Begleitung von realer Außenwelt und psychischer Innenwelt der Patienten hat sich zunehmend bewährt. Bei unseren Patienten und ihren Eltern entsteht häufig nicht nur die „wohlwollende Neugierde wie andere Familien mit der Erkrankung ihrer Kinder umgehen“ (Scholz, 2010), sondern auch der Wunsch nach einer vertieften Auseinandersetzung mit eigenen inneren Erlebenswelten. Inter- und intraindividuelle Prozesse werden so miteinander in Verbindung gebracht. ipabo_66.249.76.55 ��������������������������������������������������� Behandlung von Schulphobie mit Trennungsangst������ 547 1.1 Umsetzung der Multifamilientherapie Im Kinderbereich der Tagesklinik Roxel werden die Patienten an drei bis vier Tagen in der Woche ab der Mittagszeit von mindestens einem Elternteil begleitet. Alle Familien essen gemeinsam mit ihren Kindern, gestalten den weiteren Tagesablauf mit und verlassen die Klinik gemeinsam um 16:00 Uhr. Vormittags werden die Patienten in der Klinik beschult und nehmen Einzel- und Gruppentherapieangebote ohne Einbeziehung der Eltern wahr. Mit dem Eintreffen der Eltern findet eine ritualisierte Übergabe mit allen Eltern und Familienbetreuern statt, um deutlich zu machen, dass die Verantwortung für die pädagogische Betreuung der Kinder für den Rest des Tages bei den Eltern liegt. Der Nachmittag ist dann in verschiedenen Therapieeinheiten fest vorstrukturiert, Bausteine sind Eltern-Kind-Interaktionstherapie, getrennte Kinder- und Elterngruppen, eine Rollenspielgruppe, Kunst-, Musik-, und Bewegungstherapie im Einzel- und Interaktionssetting. Aus dem PED steht jeder Familie eine Fachkraft als Familienbetreuer zur Verfügung, die die Familie während des gesamten Aufenthaltes begleitet. Der Multi-Familien-Gruppe (zweimal wöchentlich 60 Minuten) kommt die Aufgabe zu, einen Raum zu bilden, in dem sich die realen Lebenssituationen der Familien abbilden. In therapeutischer Begleitung können hier wertfrei Beobachtungen ausgetauscht werden, Wahrnehmungen verglichen, Bewertungen mit den Familien formuliert und Veränderungswünsche benannt werden (5-Schritte-Modell nach Asen u. Scholz, 2009). Wenn Gruppenmitglieder den Betroffenen ihre eigenen Reflexionen und Befindlichkeiten zur Verfügung stellen, kann es zu Perspektivenwechseln kommen und damit Veränderungen der Weg bereitet werden. Im Rahmen der Gruppe können im Rollenspiel Veränderungen in Haltung und Handlung im Sinne von Probehandeln stattfinden. Geschieht dies in wertschätzender Atmosphäre und respektvollem Umgang miteinander, kann im Sinne gruppentherapeutischer Wirkfaktoren die Gruppe heilende Kräfte freisetzen (Yalom, 2007). Für das In-Gang-Setzen familientherapeutischer Prozesse hat sich besonders bewährt, viel mit den Familien zu spielen. Das gemeinsame Spielen mobilisiert unmittelbar einen angstfreien Umgang mit Emotionalität und gibt uns die Gelegenheit, auf eine offene und explorationsfreudige Atmosphäre zwischen Eltern und Kindern hinzuwirken. Damit ergeben sich in der Eltern-KindInteraktion einfacher Optionen der veränderten Perspektivübernahme. 1.2 Elterliche Präsenz in der Tagesklinik Roxel Im milieutherapeutischen Rahmen der Tagesklinik kommt das Konzept der elterlichen Präsenz zur Anwendung. Der Begriff „Elterliche Präsenz“ wurde von Haim Omer geprägt (s. z. B. Omer u. von Schlippe, 2011; Omer, 2013) und beinhaltet unter anderem eine positive elterliche Autorität mit den Hauptfaktoren von Responsivität und Lenkung im elterlichen Verhalten. Haim Omer griff für dieses Konstrukt das Modell des 548 A. Herbst et al. autoritativen Erziehungsstils von Baumrind (1981) auf und verband es mit bindungstheoretischen Annahmen (Bowlby, 1988). Verwendung findet unter anderem auch die Metapher des „sicheren Hafens“ (Ainsworth, 1991). Haim Omer griff diese Metapher erneut auf, indem er der elterlichen Präsenz den Begriff der elterlichen „Ankerfunktion“ hinzufügte. Die Ankerfunktion erfüllt sich in der haltgebenden Struktur für das Kind, hat darüber hinaus als eine wichtige zweite Ebene die „Selbstverankerung“ der Eltern zum Thema. An dieser Stelle schließt sich im Behandlungsmodus unserer Tagesklinik der Kreis zur psychodynamisch ausgerichteten Elternarbeit, die von der Annahme geleitet wird, dass nur über einen empathischen Zugang zu der Innenwelt der primären Bezugspersonen eines Kindes dessen entwicklungsrelevante Außenwelt vollständig erfasst werden kann. Das Erkunden der mentalen Repräsentanzen von Bindungserfahrungen im Sinne der „inneren Arbeitsmodelle“ der Eltern nach Bowlby (Bowlby, 1988) erzeugt im Kontext des psychodynamischen Gesamtverständnisses einen haltgebenden und affektiv stützenden therapeutischen Rahmen, den die Eltern nutzen können, um das Erleben von Bindungssicherheit auf Seiten des Kindes zu stärken. „Verankerung“ gelingt somit in der biografischen Elternarbeit aus einem vertieften Verständnis um eigene verinnerlichte Bindungssicherheit, sowie aus der Reflexion von lebensgeschichtlich bedingten Erlebens- und Verhaltensmustern heraus (s. a. Lebowitz u. Omer, 2013). Parallel wird das Selbstwertgefühl der Eltern in der Elternrolle durch die Familienbetreuer in der täglichen Eltern-Kind-Interaktionstherapie sehr gezielt gestützt. Zum Einsatz kommt dabei regelmäßig positives Video-Feedback (s. a. Lehmkuhl u. Seeger, 1993). 2 Fallbericht Marie1 2.1 Aufnahmekontext Die Aufnahme der siebenjährigen Marie erfolgte nach Indikationsstellung und kurzem ambulantem Behandlungsversuch durch die Institutsambulanz im Hause. Die Aufnahmediagnosen nach ICD-10, MAS (Multiaxiales Klassifikationsschema) lauteten: Achse I: Emotionale Störung des Kindesalters mit Trennungsangst (F93.0) Schlafstörung (F51.9) Achse II: keine umschriebene Entwicklungsstörung Achse III: durchschnittliches Intelligenzniveau (HAWIK-Testung 2014) Achse IV: geringe Schallleitungs-Schwerhörigkeit, mit Hörgerät versorgt Achse V: Psychosoziale Umstände ohne signifikante Verzerrung 1 Name geändert. Eine informierte Zustimmung der Familienmitglieder zur Publikation der anonymisierten Fallgeschichte liegt vor. ipabo_66.249.76.55 ��������������������������������������������������� Behandlung von Schulphobie mit Trennungsangst������ 549 Achse VI: deutliche Beeinträchtigung des psychosozialen Funktionsniveaus in den Bereichen Schule, Familie, Gleichaltrigenbeziehungen Berichtete Symptomatik bei Aufnahme. Es wird eine lange Vorgeschichte von Trennungsängstlichkeit beginnend im zweiten Lebensjahr berichtet. Ein Umzug der Familie im fünften Lebensjahr mit Kindergartenwechsel und Geburt der jüngeren Schwester im gleichen Jahr verstärkten diffuse Ängste Maries vor Kindesentführungen, Naturkatastrophen, Unfällen, Einbrechern und Krankheiten. Der Schulbesuch sei seit der Einschulung schwierig gewesen. Dabei bewältige Marie die schulischen Leistungsanforderungen leicht und gern. Seit dem Beginn der Sommerferien nach Abschluss der ersten Klasse sei die Symptomatik der Trennungsangst eskaliert. Marie habe sich kaum noch mit Freundinnen verabredet, habe nicht mehr bei den Großeltern übernachten wollen, und verlangt, im Bett der Eltern zu schlafen. Sie habe Schwierigkeiten beim Ein- und Durchschlafen sowie Alpträume entwickelt. Der Schulbesuch sei nach den Ferien immer schwieriger geworden, bis Marie nach den Herbstferien durch die Eltern gar nicht mehr zum Schulbesuch habe bewegt werden können. Sie schreie und weine heftig und lang anhaltend, zeige Attacken von Angst, schlage wild um sich und klage immer wieder über Bauch- und Kopfschmerzen. 2.2 Szenischer Ersteindruck im prästationären Kontakt Zum prästationären Erstkontakt erschien eine ratlos und deutlich erschöpft wirkende Mutter (Frau E.) in Begleitung der körperlich zart und mit langen blonden Haaren sehr mädchenhaft wirkenden siebenjährigen Marie, deren Gesichtsausdruck mit aufeinandergepressten Lippen bemüht finster wirkte und die ein Plüschpferd unter den Arm geklemmt hielt. Blickkontaktaufnahme und Händedruck zur Begrüßung der Therapeutin gestalteten sich mit Marie problemlos, der Nachfrage nach dem Namen des Plüschpferdes wurde dagegen eine deutliche Abfuhr erteilt – Marie erklärte, die Therapeutin brauche nicht zu glauben, sie sei ein Kleinkind, das Stofftieren Namen geben würde. Die Kindsmutter zeigte sich unangenehm berührt über die abweisende Art ihrer Tochter und begann deren Verhalten wortreich zu erklären, um dann rasch überleitend die Symptomatik des schulvermeidenden Verhaltens zu schildern. Sofort wurde sie durch Marie harsch zurückgewiesen, dass sie „davon“ nicht erzählen dürfe. Als die Mutter, sich bei Marie entschuldigend und in Diskussionen verstrickend, sich weiterhin der Therapeutin gegenüber verständlich machen wollte, begann Marie plötzlich sehr laut „la la la“ und „Nein nein nein“ zu lautieren und machte ihre Mutter darauf aufmerksam, dass sie von nun an alles, was die Mutter sagen würde, übertönen werde, bis sie nach Hause gehen dürfe und setzte diese Ankündigung sofort wirksam um. Auf eine ablenkende Sequenz, die die Therapeutin ins Gespräch einbrachte, konnte Marie sich angemessen einlassen, berichtete von Freunden und Hobbys, als aber die Mutter korrigierend ins Gespräch eingriff, da Marie aus ihrer Perspektive „flunkerte“, knüpfte Marie nicht nur an ihr übertönendes Lautmalen an, sondern un- 550 A. Herbst et al. terstrich ihre Forderung nach Abbruch des Gespräches durch heftiges Rütteln und Schieben am Stuhl der Mutter. Ein Begrenzungsversuch der Kindsmutter führte zu einem für die Therapeutin überraschend ausgeprägtem Gewaltausbruch von Marie. Sie trat ihrer Mutter heftig mit ihren Stiefeln gegen die Beine und boxte diese rücksichtslos mit ihren Fäusten. Die Kindsmutter schien wenig überrascht, stieß ein paar Schmerzenslaute aus und blickte hilfesuchend zur Therapeutin („Sehen Sie sich das an!“). Die fortwährenden Tritte und Boxschläge ungeschickt abwehrend, fragte sie die Therapeutin über die erneut auch lärmende Marie hinweg um Rat für die Situation. Auf die Rückfrage, was die Kindsmutter denn üblicherweise in solchen Situationen unternehme, berichtete sie, sie schicke die Tochter dann aus dem Zimmer. Die Kindsmutter wurde von der Therapeutin ermuntert, sich entsprechend einer gewohnten häuslichen Situation zu verhalten. Als die Kindsmutter sich von ihrem Stuhl erhob und begann, die lärmende und kickende Marie in Richtung Zimmertür zu schieben, hielt diese zunächst dagegen, um sich dann, als die Mutter begann mehr Körpereinsatz zu zeigen, unter dem Aufschrei „Du tust mir weh!“ auf den Boden fallen zu lassen. Von dort, auf dem Rücken liegend, beschimpfte sie die Kindsmutter aufs Heftigste mit extremen Schimpfworten und setzte dabei ein machtvolles Lächeln auf. Die Kindsmutter, der zwischenzeitlich Tränen der Beschämung und Hilflosigkeit in den Augen standen, versuchte noch kurz und kraftlos, Marie an einem Arm in Richtung Tür zu ziehen und sackte dann zurück auf ihren Stuhl. Als sie anhob zu sprechen, sprang Marie lautierend wieder auf und begann das „Spiel“ von vorne. Durch den hilfesuchenden Blick der Kindsmutter animiert, entschied die Therapeutin sich zu einer deutlichen verbalen Begrenzung Maries, welche die Situation blitzartig auflöste. Marie blickte die Therapeutin entgeistert und verletzt an, setzte sich auf ihren Stuhl zurück. Zum Erstaunen der Therapeutin blickte die Kindsmutter nicht erwartungsgemäß erleichtert, sondern eher erschrocken und fast ängstlich zur Therapeutin. Die Situation erfassend, wechselte Marie ihren Sitzplatz auf den Schoß der Mutter, wo sie sich embryoartig zusammenrollte. Die Kindsmutter entspannte sich sofort, umfing Marie mit den Armen und streichelte sie beruhigend. Im Anschluss verliefen Symptombericht und Auftragsklärung durch die Kindsmutter ungestört. Marie „maulte“ gelegentlich vor sich hin, wollte keinen Gesprächsbeitrag mehr beisteuern, erschien aber konzentriert dem Gespräch zu folgen. Zum Gesprächsende konnte sie sich angemessen und versöhnlich verabschieden, eine verbale Zustimmung zu der mit der Kindsmutter vereinbarten zeitnahen tagesklinischen Aufnahme gab sie dabei nicht ab. 2.3 Familienanamnese Marie lebt mit beiden Eltern, der jüngeren Schwester Luise und dem zweijährigen Bruder Henri in einer Kleinstadt. Der Vater arbeitet als Angestellter in einer verantwortungsvollen Position. Die Mutter ist von Beruf Sozialpädagogin und arbeitete in diesem Beruf bis zu Maries Geburt. Henri wurde als Pflegekind in die Familie aufgenommen. Die Großeltern väterlicherseits leben im selben Haus und unterstüt- ipabo_66.249.76.55 ��������������������������������������������������� Behandlung von Schulphobie mit Trennungsangst������ 551 zen die Familie sehr. Die Kinder können sich frei zwischen den Haushalten bewegen. Die Mutter berichtet aus ihrer Herkunftsfamilie von einer konflikthaften und belasteten Elternbeziehung. Ihr eigener Vater sei cholerisch und unberechenbar gewesen; die eigene Mutter wird als psychisch hoch belastet und zeitweise suizidgefährdet beschrieben. Maries Mutter schilderte sich selber als ein ernstes Kind, dass schon früh Verantwortung für die Geschwister übernommen habe. Im Zusammenhang mit den häuslichen Konflikten werden von ihr Gefühle von Hilflosigkeit, Ohnmacht und Scham beschrieben. Sich selbst beschreibt sie als selbstunsicher, zu dick und ängstlich. In ihrem Beruf als Sozialpädagogin erlebe sie sich kompetent und selbstwirksam, könne Leitungsverantwortung tragen. Maries Vater sei als Kleinkind an Krebs erkrankt und erfolgreich behandelt worden, wovon er selbst jedoch erst als junger Erwachsener durch Zufall erfahren habe. Er beschreibt sich selbst aus der Erinnerung heraus als fröhlichen, sportlichen Jungen. Maries Urgroßmutter väterlicherseits sei kriegstraumatisiert gewesen. Die Großmutter väterlicherseits erinnere sich daran, dass die Urgroßmutter immer wieder plötzlich verschwunden sei und sie selber als Kind voller Angst nach ihrer Mutter im Wald gesucht hätte. 2.4 Kindliche Entwicklung und Symptomgenese Marie ist das erste Kind der Eltern. Die Kindsmutter sei nach erst kurz bestehender und von beiden Partnern noch als unsicher empfundener Beziehung ungeplant schwanger geworden. Die Schwangerschaft sei im ersten Trimenon von starker Übelkeit der Mutter belastet gewesen, die zur Krankenhausbehandlung geführt habe und sich im zweiten Trimenon gebessert habe. Frau E. habe darauf bestanden, dass Herr E., der eine vorangegangene langjährige Partnerschaft im Vorfeld beendet hatte, zunächst wie geplant in eine WG einzöge. Die Eltern hätten jedoch viel Zeit miteinander verbracht und sich auf das Kind gefreut. Im 6. Schwangerschaftsmonat habe Frau E. einen kleineren Autounfall erlitten, den sie als bedrohlich und von großen Ängsten um das ungeborene Kind begleitet erlebt habe. Nach zweitägiger Krankenhausbehandlung sei der weitere Schwangerschaftsverlauf ungestört gewesen. Die Geburt sei am Termin erfolgt, jedoch protrahiert verlaufen und bei der wegen Geburtsstillstand durchgeführten Sectio habe Frau E. Todesängste erlebt. Marie sei gesund geboren, habe „ab der Geburt nur geschrieen“. Durch das massive Schreien in den ersten Lebensmonaten habe die Mutter sich stark verunsichert und wenig kompetent erlebt. Herr E. habe Marie durch Nuckelnlassen an seinem Finger beruhigen können. Die Meilensteine der frühkindlichen Entwicklung seien zeitgerecht erreicht worden. Marie habe aber in ihrer sozialen Entwicklung bereits im Kleinkindalter eine erhöhte Angstbereitschaft gezeigt, habe sich sozial auffallend skeptisch verhalten. Bei neuen sozialen Kontakten habe sie längere Anlaufphasen benötigt. Der zunächst durch gelingende Trennung von der Mutter positiv beurteilte Kindergartenbesuch habe sich nach einem umzugsbedingten Wechsel des Kindergartens in den Augen der Kindsmutter zu einer ihr Kind bedrohenden Situ- 552 A. Herbst et al. ation entwickelt. Marie schien sich übereng an eine Erzieherin zu binden, die eine angemessene Rollenabgrenzung nicht eingehalten habe. Als die Kindsmutter einmal den Austausch eines Kusses zwischen ihrer Tochter und der Erzieherin beobachtet habe, habe sie bei der Kindergartenleitung die Entlassung der Mitarbeiterin erwirkt. Nach einer vorübergehenden Exazerbation der trennungsängstlichen Symptomatik mit diffusen und um sich greifenden Ängsten, erschien Marie im letzten Kindergartenjahr entspannter, konnte anklammerndes Verhalten zur Mutter schrittweise aufgeben. Die Symptomatik der Trennungsangst setzte erneut im Übergang vom Kindergarten in die Grundschule ein. Parallel entwickelte Marie im häuslichen Rahmen massive Trotz- und Wutanfälle aus geringen Anlässen. Die Wut zeigte sich größtenteils gegen die Kindsmutter gerichtet. 2.5 Arbeitshypothesen zu Beginn der Behandlung Das von Marie dargebotene widersprüchliche Bild zwischen panischer Angst auf der einen Seite sowie Macht und Überheblichkeit auf der anderen Seite schien auf fixiert erscheinenden dyadischen Beziehungskonflikten mit der Mutter zu beruhen. Ein Prozess der Triangulierung zwischen Marie und beiden Eltern war offensichtlich nur unzureichend in Gang gekommen. Vorläufer eines intrapsychischen Konflikts „Unterwerfung versus Kontrolle“ (Arbeitskreis OPD-KJ, 2013) schienen sich in interpersonellen Spannungen mit der Kindsmutter abzubilden. Die Schule zu besuchen, schien für Marie auch zu bedeuten, die Kontrolle über die häusliche Situation abzugeben, in der auch zwei jüngere Geschwister die eigene Stellung bedrohen könnten. Maries Mutter schien Wut und Ärger ihrer Tochter als Bedrohung für die Mutter-Kind-Beziehung und ihres professionellen Selbst zu erleben. Zudem schienen in der Mutter durch Maries Ausagieren von Angst und Wut eigene traumatische Beziehungserfahrungen und damit verbundene Gefühle von überwältigender Ohnmacht und Haltlosigkeit reaktualisiert zu werden, die sie als Kind mit einem cholerischen Vater und einer psychisch instabilen Mutter gemacht hatte. Maries Mutter schien sich durch ihre Tochter vorgeführt und entwertet zu fühlen. Sie schien mit heftigen Wutgefühlen zu reagieren, die wiederum Scham auslösten und in ihrem Erleben „nicht sein durften“. In einer Logik des zugespitzten „entweder – oder“ schienen innige Momente von Zweisamkeit und konflikthafte Auseinandersetzungen nicht integriert werden zu können. Die Mutter fühlte sich „im Kampf “ mit der Tochter. Sie schien die Unterstützung des Vaters nicht gut annehmen zu können, da sie sich sonst in ihrer Kompetenz abgewertet fühlte. Die Unsicherheit und Zurückhaltung des Vaters schien in Konfliktsituationen wie ein „Brandbeschleuniger“ für Maries expansives Suchen nach stabilen Grenzen zu wirken. Transgenerationale Verflechtungen und aufgeweichte Generationengrenzen schienen dabei sehr an der Destabilisierung der elterlichen Funktionen beteiligt zu sein. ipabo_66.249.76.55 ��������������������������������������������������� Behandlung von Schulphobie mit Trennungsangst������ 553 3 Interventionen Abgeleitet von den genannten Hypothesen definierten wir folgende Behandlungsziele: • die Öffnung der Mutter-Kind-Dyade in Richtung Triangulierung zu unterstützen, • die Rolle des Vaters als haltgebendes und triangulierendes Objekt zu stärken, • die Eltern in ihrer erzieherischen Kompetenz und ihrer elterlichen Präsenz zu stärken, um haltgebende Grenzsetzungen zu etablieren, • entgegengerichtete Affekte von Angst, Wut und Ärger der Patientin in die Kommunikation und Bearbeitung zu bringen, • Selbstwirksamkeit und Anerkennung der Patientin in der Gleichaltrigengruppe zu stärken, • die Autonomie aller Familienmitglieder zu fördern, dependente und überinvolviert-verstrickte Beziehungsmuster zu identifizieren und einer bewussten Reflexion durch die Eltern zugänglich zu machen, • die mütterlichen Ängste in eine separate therapeutische Aufarbeitung zu bringen, • transgenerationale Mechanismen mit der Familie herauszuarbeiten und einer bewussten Reflexion durch die Eltern zugänglich zu machen. 3.1 Innenweltbegleitung 3.1.1 Einzeltherapie Mit Marie wurde in wöchentlichen einstündigen Sitzungen eine spieltherapeutisch angelegte Einzeltherapie durchgeführt. In diesem Kontext zeigte sie sich bereits in der ersten Stunde als neugieriges und interessiertes Mädchen, das sich unbefangen und ausgelassen auf ein Spiel mit dem Sceno-Material einlassen konnte. Sie spielte ohne viel Ermunterung Szenen aus dem Familienleben nach, die sie lebhaft kommentierte. Dieser erste Eindruck in der Einzeltherapie zeichnete ein völlig anderes Bild als das durch die bisherigen Eindrücke und Berichte vorab entstandene. Marie erschien schwingungsfähig und fröhlich, sogar fast übermütig und humorvoll grenztestend. In sehr offener und authentischer Weise erzählte sie vom Alltagsleben der Familie und antwortete bereitwillig auf Fragen, schien den Kontakt mit der Therapeutin intensiv auszukosten. Maries Kompetenzen in der Kontaktgestaltung, Verbalisierung und Freude am eigenen Handeln wurden als deutliche Ressourcen identifiziert. Die therapeutischen Interventionen in der Spieltherapie waren darauf ausgerichtet, verschiedene emotionale Qualitäten im Erleben Maries zu explorieren, vor allem auch Gefühle von Wut, Traurigkeit und Angst. Hierzu standen verschiedene Materialien zur Verfügung, von denen Marie meist das Spiel mit Spielfiguren oder Stofftieren wählte. Hier zeigte sich eine sehr unscharfe Trennung und „Aufweichung“ vor allem der „negativen“ Gefühle, die im gemeinsamen Spiel näher erforscht und von Marie zunehmend differenzierter benannt werden konnten. So stellte sich zum Beispiel heraus, dass zuvor als Angst benanntes Erleben bei näherer 554 A. Herbst et al. Betrachtung eher Qualitäten von Wut, Enttäuschung und Scham aufwies. In der durchgeführten projektiven Diagnostik „Verzauberte Familie“ reproduzierte sich das Muster von unzureichend etablierten Beziehungs- bzw. Generationengrenzen: Marie zeichnete alle Familienmitglieder als Pferde; sich selbst wie die Mutter als „Stute“, den Vater als Hengst und die Geschwister als Fohlen. In der Gegenübertragung war oft Wut spürbar, aber auch Traurigkeit. Diese Eindrücke konnten Marie zur Verfügung gestellt werden und erwiesen sich als hilfreich in der emotionsfokussierten Arbeit. 3.1.2 Therapeutische Elternarbeit Während der Behandlung erfolgten wöchentliche Elterngespräche mit einem Elternteil (überwiegend der anwesenden Mutter), sowie alle zwei bis drei Wochen familientherapeutische Sitzungen, zum Teil in erweiterter Runde mit den Großeltern väterlicherseits. Es wurde deutlich, dass Frau E. sich versagend zu erleben schien und das Aufsuchen der Tagesklinik als persönliches Scheitern ihrer elterlichen Fähigkeiten wahrnahm. Frau E. hatte von sich das Bild, als ausgebildete und erfahrene Sozialpädagogin auch als Mutter perfekt funktionieren zu müssen, und erlebte die Konflikte in der Beziehung mit Marie als extrem frustrierend. Durch eine wertschätzende Haltung und ressourcenorientierte Interventionen gelang es, eine vertrauensvolle Beziehung herzustellen, in der sich diese schwierigen Gefühle thematisieren ließen. Im Verlauf der Behandlung konnte als weiteres bedeutsames Moment die eigene Bindungsunsicherheit sowie die Traumatisierung der Mutter durch Gewalterfahrungen und existenzielle Angst in ihrer eigenen Herkunftsfamilie herausgearbeitet werden. Frau E. konnte erkennen, dass in ihrer eigenen Kindheit grundlegende Bedürfnisse nach hinreichender Sicherheit bei ihr nicht erfüllt worden waren und diese eigenen Erfahrungen in der Beziehung zur ihrer Tochter reaktiviert wurden: Hierbei projizierte sie eigene unverarbeitete Angst- und Ohnmachtsgefühle aus ihrer eigenen Kindheit auf Marie und übertrug zudem ängstigende Anteile des übermächtigen tyrannischen Vaters ihrer eigenen Kindheit auf sie. Im Sinne einer projektiven Identifikation nahm Marie unbewusst beide Rollenzuschreibungen in sich auf und brachte sie in Szene. Das reflexive Verständnis, dass ihre Ohnmachtsgefühle im Zusammenhang mit Maries expansivem Verhalten einen Bezug zu eigenen Biografie haben, entlastete Frau E. deutlich. Im Umgang mit Marie konnte Frau E. ihre Sorge vor einer Traumatisierung Maries durch elterliche Grenzsetzung als zu ihr gehöriges Schema identifizieren und sie wurde ermutigt, ihre erzieherische Kompetenz angstfreier umzusetzen. In gemeinsamen Sitzungen mit beiden Eltern konnten diese Erklärungsmodelle besprochen werden und so Vertrauen und gegenseitiges Verständnis fortentwickelt werden. Eine Empfehlung einer eigenen Psychotherapie für Frau E. wurde von dieser angenommen. In der elterlichen Beziehung fand sich eine Imbalance der Rollen, so zeigte sich Herr E. in seiner Vaterrolle eher als im Erziehungsalltag weithin passiv bleibender „Versorger,“ der seiner Frau als Sozialpä- ipabo_66.249.76.55 ��������������������������������������������������� Behandlung von Schulphobie mit Trennungsangst������ 555 dagogin die größeren erzieherischen Kompetenzen zuschrieb und wenig Vertrauen in seine eigenen intuitiven elterlichen Fähigkeiten zu haben schien. Mit den Eltern konnte erarbeitet werden, die Tagesklinik für sich als Experimentierfeld einer balancierteren Rollenaufteilung zu nutzen. Frau E. gelang es, Kontrolle abzugeben und ihrem Mann mehr Raum in der Erziehung zu überlassen. Herr E. erlebte sich zunehmend selbstwirksam im Vertrauen auf seine intuitiven Fähigkeiten als Vater. Insbesondere positive Rückmeldungen von anderen Eltern aus der Elterngruppe in der MFT zu Herrn E.’s väterlichen Kompetenzen verarbeitete Frau E. zunächst als Vorwurf gegen sich als Mutter. Die hierdurch ausgelösten Konflikte auf Elternebene konnten identifiziert und bearbeitet werden. In einer zentralen Therapiesitzung mit den im selben Haus lebenden Großeltern väterlicherseits konnten bislang unausgesprochene Sorgen und Ängste auf allen Generationenebenen thematisiert werden. So gelang es dem Kindsvater, seine Eltern nach seiner eigenen Erkrankung als Kind zu fragen und sich mit eigenen bis dahin als diffus wahrgenommenen Ängsten zu konfrontieren und eine Beruhigung zu erfahren. Die im Haus wohnende Großmutter berichtete von einer Reaktivierung eigener kindlicher Ängste durch die Schreie Maries und die dadurch bedingte eigene Belastung sowie den Impuls, der Familie in Konfliktsituationen zur Seite zu stehen und für Entlastung zu sorgen. Diese „Einmischung“ der Großmutter wurde von Maries Eltern als Verunsicherung auf Elternebene identifiziert. Erstmals mitgeteilt wurden von der Großmutter auch bis dahin unausgesprochene Ängste, die Ehe der Eltern könne der hohen Belastung nicht standhalten. Durch die Enttabuisierung und Auflösung der Sprachlosigkeit konnte ein Veränderungsprozess initiiert werden, und die bis dahin unverstandenen und diffusen Ängste aus der transgenerationalen Vergangenheit verloren zunehmend ihre dynamische Wirksamkeit. 3.1.3 Symbolisierungsarbeit in der Kunsttherapie Über den spielerischen und explorativen Kontakt mit verschiedenen Materialien in der Kunsttherapie konnte Marie gut Zugang zu eigenen Gefühlen finden. Beim Reiben, Schäumen, Drücken von Filz-Wolle hellte ihre Stimmung sichtlich auf. Im Kontakt mit diesen Materialien gab Marie ihre finstere Mimik und die gebundene, schlaffe Körperhaltung mehr und mehr auf. Zusätzliches Gewicht bekam dieses Selbstgewahrwerden in den Stunden gemeinsam mit anderen Kindern. Das gemeinsame Tun im Gruppensetting und die geteilte Freude am Tun verstärkten die positiven Affekte. Marie zeigte sich in ihren sozialen Kontakten zunehmend sicherer. Sie erweiterte beobachtbar das Spektrum ihrer Fähigkeiten. Je sicherer sie sich erlebte, desto mehr erlaubte sie sich, mit Grenzen zu spielen. Wasser floss über Tische, überraschend kraftvoll wurde der Filz geworfen, Schaum flog. Der ganze Körper zeigte sich in dynamischen und fließenden Bewegungen. Die Gruppe der Kinder nahm mit Freude und Anerkennung Anteil an Maries Erleben, was zu einer weiteren Stärkung ihres Selbst beitrug. Auf dieser Basis konnte sich Marie neuen Aufgaben 556 A. Herbst et al. stellen und modellierte mit Ton. Dabei zeigte sie sich in der der Art ihrer Gestaltungen unreif und kleinkindhaft. Sie war jedoch gut in der Lage, ihre Wünsche nach Abgrenzung und eigenem Raum zu symbolisieren. Im Verlauf gelang ihr auch die Externalisierung ihrer Ängste in Gestalt eines Koboldes. Aus dieser emotionalen Distanz heraus experimentierte sie mit verschiedenen Größen dieser Figur und konnte als passende Relation feststellen: „[der Kobold ist] heute kleiner als ich“. Genüsslich fand sie auch Ausdruck für aggressive und regressive Anteile, in dem das Wesen z. B. Geschenke in Form von „Kötteln“ brachte. Die deutliche Freude, mit der sie diesen Prozess durchlebte, bildete ihr Erleben von mehr Stärke und Kompetenz ab. In gemeinsamen kunsttherapeutischen Interaktionsstunden mit der Mutter konnte Marie diese Entwicklung nicht parallel nachvollziehen. Immer wieder mussten aus der Interaktion entstandene Affekte besänftigt werden. Hier zeigten sich wiederholt Wünsche der Mutter nach Kontrolle auch des inneren Erlebens der Tochter, nach Einfluss auf die Symbolwelt ihres Kindes („Warum immer Pferde, nimm doch mal ...! Nimm nicht den Löwen, nimm doch die Ente!“). Dies konnte bearbeitet werden. Maries Wünsche nach mehr Autonomie ohne Verlust der Sicherheit in der Bindung an die Mutter wurden deutlich. Mutter und Tochter lernten Kontrolle abzugeben und einander zunehmend Raum für autonomes Handeln zu lassen. 3.2 Außenweltbegleitung 3.2.1 MFT-Gruppe In der MFT- Gruppe zeigten sich beide Elternteile, die Marie abwechselnd begleiteten, in sehr unterschiedlichen Beziehungen zu ihrer Tochter. Frau E. blieb, ihrem Selbstbild als professionelle Sozialpädagogin entsprechend, zunächst auf innerer Distanz zu den anderen Eltern. Sie erlebte es als deutlich schambesetzt, sich als Mutter einer sich verweigernden, „ungehorsamen“ Tochter vor der Gruppe zu zeigen. Maries Symptome von Verweigerung, Ängstlichkeit und auch aggressiver Symptomatik standen aber unweigerlich im Raum. Frau E. zeigte sich in ihrem Verhalten zunächst oft hoch ambivalent. Sie pendelte zwischen einer überfürsorglichen und schützenden Haltung und der Abwertung ihres Kindes in Momenten, in denen sie ihre eigenen Affekte, wie z. B. Wut und Scham nicht mehr beherrschen konnte. In Korrespondenz dazu war Marie lange nicht in der Lage, sich innerhalb der Gruppe in Anwesenheit der Mutter kompetenter zu erleben. Das Bindungsverhalten zeigte sich unsicher-ambivalent. Die Mutter schien Marie durch ihre wiederholten „hastigen beschützenden Reaktionen“ (Omer u. Lebowitz, 2012) an der sozialen Exploration und damit an der Entwicklung neuer Kompetenzen zu hindern. Angestoßen durch die Elterngespräche und sich entwickelnden Beziehungen zu den anderen Eltern, gelang es Frau E. eine zunehmend nachsichtige Haltung sich selbst gegenüber zu entwickeln, den Anteil ihres mütterlichen Fürsorgeverhaltens wertzuschätzen und sich trotzdem zunehmend stärker mit ihren erzieherischen Anforderungen an Ma- ipabo_66.249.76.55 ��������������������������������������������������� Behandlung von Schulphobie mit Trennungsangst������ 557 rie zu positionieren. Der „öffentliche Raum“ der Gruppensituation mit Eltern und Kindern konnte so zunehmend für einen Realitätsabgleich zu altersangemessenen Entwicklungsaufgaben genutzt werden. Herr E. mutete und traute seiner Tochter in den Gruppensitzungen mit den anderen Familien mehr zu und unterstützte sie so, sich zu zeigen. In Anwesenheit des Vaters zeigte sich Marie schnell sicherer. Sie war dann besser in der Lage, vorhandene Ressourcen zu nutzen. Der Vater konnte in der MFT-Gruppe die elterliche Ankerfunktion offensichtlich besser wahrnehmen. Durch entsprechende Rückmeldungen aus der Gruppe und gestützt durch VideoFeedback veränderte sich die Rolle des Vaters auch innerhalb der Familie. Er erlebte sich zunehmend wirksam und in seiner Rolle selbstbewusster. In gestärkter Elternbeziehung konnte er in Allianz mit der Kindsmutter haltgebende Grenzsetzungen innerhalb der Familie zunehmend effektiv unterstützen. 3.2.2 Begleitung der Trennungssituationen In den ersten zwei Wochen der tagesklinischen Behandlung wurde die morgendliche Situation zu Hause und die Hinfahrt zur Tagesklinik von den Eltern als sehr schwierig beschrieben. Marie verweigerte sich, schrie und zeigte sich aggressiv den Eltern gegenüber. Zu Behandlungsbeginn war im Beisein Maries die Vereinbarung getroffen worden, dass Eskalationen zu Hause per Telefon in die Tagesklinik berichtet werden und im Bedarfsfall die Möglichkeit der aufsuchenden häuslichen Unterstützung durch Mitarbeiter gegeben sei. Während das telefonische Coaching zum Einsatz kam, musste die häusliche Unterstützung im Krisenfall nicht zum Einsatz kommen. Die schwierigen morgendlichen Situationen wurden mit dem Eintreffen Maries in der Tagesklinik zeitnah nachbesprochen. In den ersten zwei Wochen wurde Marie nach enger Absprache und Autorisierung durch die Eltern von der Familienbetreuerin in der morgendlichen Verabschiedungssituation in der Tagesklinik festgehalten. Die Trennungssituation wurde hierbei möglichst kurz gehalten. Über von Marie mitgebrachte Kuscheltiere konnte schnell wieder ein positiver Kontakt entstehen. Zu beobachten war, dass Marie sich trotz teils heftigster Gefühlsausbrüche mit wütendem Weinen jeweils nach der Trennung von der Mutter zügig beruhigte und dann angepasst und ohne weitere Auffälligkeiten den Vormittag gestalten konnte. Hierzu erhielt die Kindsmutter detaillierte Rückmeldungen. Im weiteren Verlauf konnte das Winken am Fenster als Ritual eingeführt werden. In der dritten Woche schaffte es Marie, sich ohne Festhalten von der Mutter zu verabschieden. Die täglich neu dosiert angepassten „Zumutungen“ (Festhalten, etc.), die in der Haltung des Zutrauens vermittelt und verkörpert wurden, stärkten die Ich-Funktionen der Patientin in stetigen Schritten. Die Trennungsproblematik zeigte sich über mehrere Wochen erneut am Nachmittag, wenn Marie zu regelmäßig stattfindenden externen Sportgruppe der Kinder mitfahren sollte. Anders als am Morgen waren zu dieser Zeit auch alle anderen Eltern anwesend, was die Situation für die Kindesmutter anfänglich erschwerte. Frau E. konnte schrittweise darin bestärkt werden, Marie auch 558 A. Herbst et al. in der Verweigerungshaltung und lautem Agieren entgegenzustehen und standhaft zu bleiben. Nach der Thematisierung der „peinlichen Situation“ (dass Frau E. vor den anderen Eltern handeln muss) im geschützten Rahmen, schien Frau E. mehr Mut und Kraft zu haben, was sich positiv auf Marie übertrug. 3.2.3 Eltern-Kind-Interaktion In der Interaktionstherapie mit Familie E. entstanden Eindrücke darüber, wie das Familiensystem interagierte, nach welchen Mustern es sich verhielt, wie die Beziehung zwischen Eltern und Kind stattfand und wie Eskalationen und Versöhnungen aussahen. Die Interaktionseinheiten mit jeweils einem Elternteil von Marie fanden zweimal wöchentlich statt. Die Eltern-Kind Interaktions-Sitzungen wurden von der zuständigen Familienbetreuerin geplant und begleitet. In der Interaktionszeit mit Familie E. ging es darum, die Eltern in ihrem Handeln mit Marie zu begleiten und sie zu coachen, ihre Position als Eltern zu stärken und alternative Handlungsmöglichkeiten zu erproben. Dabei war es der Anspruch der Familienbetreuerin, keine Lösungen vorzugeben, sondern die Eltern in der Entwicklung von eigenen Lösungen zu unterstützen. Es wurde deutlich, dass in Korrespondenz mit Maries intrapsychischem Konflikt als innerfamiliäres Konfliktthema ebenfalls „Unterwerfung versus Kontrolle“ (Arbeitskreis OPDKJ, 2013) im Vordergrund stand, unter dem Marie in ihrer Autonomieentwicklung behindert wurde. Besonders zwischen Marie und ihrer Mutter entstand wiederkehrend ein Kampf um Sieg und Niederlage im „Entweder-oder-Modus“. Ziel der Elterngespräche war, der Mutter einen Weg zu zeigen, wie sie aus diesem Kampf aussteigen konnte. Über gemeinsame Aktivitäten, Ansprechen von gefühlten „Tabuthemen“ und das Herstellen von angemessenen situativen Realitätsbezügen konnte zunehmend ein für die Mutter stimmiger Mittelweg zwischen der notwendigen Klarheit von Grenzen und einer liebevoll-wohlwollenden Haltung Marie gegenüber entstehen sowie eine Einschätzung entwickelt werden, was Marie aushalten kann und was ihr „zugemutet und zugetraut“ werden kann. 3.2.4 Schulbesuch In der Klinikschule zeigte sich Marie nach anfänglicher kurzer Gewöhnungsphase angepasst und konnte nach ihren altersentsprechenden Fähigkeiten und Fertigkeiten am Unterricht teilnehmen. Im letzten Drittel der Behandlung wurde die Reintegration in Maries Heimatschule von der Familienbetreuerin begleitet. Da der Austausch zwischen der Klassenlehrerin und den Kindseltern im Vorfeld der Aufnahme bei unterschiedlichen Sichtweisen auf die Symptomatik von Marie nur noch erschwert möglich gewesen war, war eine vermittelnde Rolle der Familienbegleiterin zunächst sehr hilfreich. Aufgelöst werden konnte auch die Frage der Notwendigkeit einer Schulwegbegleitung. Frau E. entschied sich, ihrer Tochter den Schulweg unbegleitet zuzutrauen, das „Ankommen“ in der Schule nicht mehr zu begleiten. ipabo_66.249.76.55 ��������������������������������������������������� Behandlung von Schulphobie mit Trennungsangst������ 559 Beginnend mit einem Hausbesuch der Familienbegleiterin am frühen Morgen und gemeinsamen „Antrittsbesuch“ in der Schule sowie Vereinbarung der Möglichkeit der telefonischen oder präsenten Unterstützung durch die Familienbegleiterin gelang der Übergang in die Heimatschule problemlos. 4 Behandlungsende 4.1 Behandlungsergebnis Marie konnte nach zwölfwöchiger Behandlungszeit und vollständig wiedererlangtem regelmäßigen Besuch ihrer Heimatschule stabilisiert entlassen werden. Zum Ende der Behandlung bestanden zwar die Machtkämpfe der Eltern mit Marie in ihrer Ausprägung noch weiterhin fort, die Bewertung und Bewältigung auf Elternebene hatte sich jedoch entscheidend gewandelt. Die Eltern konnten sich beide in notwendigen Grenzsetzungen Marie gegenüber als Halt und Sicherheit gebende Eltern erleben, die Beziehungen zeigten sich entspannter. In einem abschließenden Gespräch mit der Familie äußerte diese Zufriedenheit mit dem Behandlungsverlauf und dem Behandlungsergebnis. 4.2 Katamnese Sechs Monate nach der Entlassung aus der teilstationären Behandlung wird der Schulbesuch von Marie nach wie vor erfolgreich bewältigt, die Kindsmutter berichtet, dass sie weiterhin wiederkehrende Machtkämpfe mit ihrer Tochter auszufechten habe, hierfür aber die in der tagesklinischen Behandlung erworbenen Bewältigungsmuster weiterhin gut nutzen könne und berichtet von einer insgesamt positiv wahrgenommenen Entwicklung. 5 Diskussion und Ausblick Die dem Schulabsentismus bei Schulphobie zugrundeliegende Problematik einer unbewältigten Trennungsangst und die mit ihr einhergehende Psychodynamik und Familiendynamik ist in der Literatur seit Jahrzehnten von vielen Seiten beleuchtet worden (Sperling, 1961; Oelsner, 2003). Von verschiedenen Autoren wurden auch Typisierungen von Familienmustern vorgenommen (Schweitzer u. Ochs, 2003; Knollmann, Reissner, Kiessling, Hebebrand, 2013; Knollmann, Al-Mouhtasseb, Hebebrand, 2009; Lehmkuhl, Doll, Blanz, 1988; Overmeyer, Blanz, Schmidt, Rose, 1995). Bei ausgeprägter Schulphobie ist die ambulante Behandlung oft nicht ausreichend bzw. obsolet. Die multimodale Behandlung im tagesklinischen Setting ist bei Verläufen mit länger andauerndem Fernbleiben von der Schule nicht zuletzt wegen 560 A. Herbst et al. der täglichen Aktualisierung der Trennungssituation und der damit einhergehenden Chance, diese Aktualisierung mit allen damit verbundenen emotionalen Begleitreaktionen von Eltern und Kind therapeutisch aufzugreifen, besonders geeignet. Insbesondere die reflektierende Betrachtung transgenerationaler Mechanismen der Transmission unbewältigter Angstthemen in den Familiensystemen in Verbindung mit einem intensiven Peergroup-Effekt unter Patienteneltern im multisystemischen Setting und der ebenso intensiven Arbeit an der Eltern-Kind-Interaktion im Hier und Jetzt trägt zur Nachhaltigkeit der Behandlungseffekte dieses ebenso verstehenden wie übenden Behandlungsansatzes bei. Um den Überblick über den Behandlungsprozess zu behalten, wenn komplexe interpersonale und intrapsychische Veränderungen parallel therapeutisch „angestoßen“ werden, sind gut organisierte Teamstrukturen sowie ein hohes multiprofessionelles Reflexionsniveau auf solider konzeptueller Basis nötig. Als „lohnendes Ergebnis“ dieses auf mehreren Ebenen intensiv herausfordernden Therapieansatzes sehen wir auf Seiten unserer Patienten, neben den generell positiven Rückmeldungen unserer Patientenfamilien, eine erfreuliche Nachhaltigkeit und anhaltend hohe Entwicklungsdynamik begonnener Prozesse in der poststationären Nachsorge. Nicht zu vernachlässigen ist zudem das auf Seiten des Behandlungsteams auf allen Ebenen zu verzeichnende hohe Selbstwirksamkeitserleben und eine hohe Arbeitszufriedenheit. Fazit für die Praxis • Die Integration von psychodynamischen und systemischen Therapieansätzen zeigt im tagesklinischen Setting synergistische Effekte. • Die familienorientierte Behandlung in einem tagesklinischen Setting ist bei Trennungsängsten im Kindesalter wegen der täglichen Aktualisierung der Trennungssituation besonders gut geeignet. • Die psychodynamisch-verstehend ausgerichtete Elternarbeit trägt zur Nachhaltigkeit von Therapieeffekten bei. • Der Ansatz der Multifamilientherapie (MFT) integriert die Wirkfaktoren von Gruppentherapien in die tagesklinische Behandlung und bildet einen therapeutischen Raum, in dem sich reale Lebenssituationen der Familien abbilden und in den Therapieprozess einfließen können. ipabo_66.249.76.55 ��������������������������������������������������� Behandlung von Schulphobie mit Trennungsangst������ 561 Literatur Ainsworth, M. D. S. (1991). Attachment and other affectional bonds across the life cycle. In C. M. Parkes, J. Stevenson-Hinde, P. Marris (Hrsg.), Attachment across the life cycle (S. 33-51). New York: Routledge. Arbeitskreis OPD-KJ (2013). OPD-KJ 2: Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik im Kindes- und Jugendalter – Grundlagen und Manual. Bern: Huber. Asen, E., Scholz, M. (2009). Praxis der Multifamilientherapie. Heidelberg: Carl-Auer. Baumrind, D. (1981). Current patterns of parental authority. Developmental Psychology Monographs, 4. Bowlby, J. (1988). A secure base: Clinical applications of attachment theory. London: Routledge. Knollmann, M., Al-Mouhtasseb, K., Hebebrand, J. (2009). Schulverweigerung und psychische Störungen: Merkmale von schulverweigernden Kindern und Jugendlichen und ihren Familien einer kinder- und jugendpsychiatrischen „Schulverweigererambulanz“. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 58, 434-449. Knollmann, M., Reissner, V., Kiessling, S., Hebebrand, J. (2013). Differentielle Klassifikation schulvermeidenden Verhaltens. Zeitschrift für Kinder- u. Jugendpsychiatrie u. Psychotherapie, 41, 335-345. Laqueur, H. P. (1972). Mechanisms of change in multiple family therapy. In C. J. Sager, H. Kaplan (Hrsg.), Progress in Group and Family Therapy, 400-415. New York: Bruner/Mazel Lebowitz, E. R., Omer, H. (2013). Treating childhood and adolescent anxiety: A guide for caregivers. Hoboken, NJ.: John Wiley. Lehmkuhl, G., Doll, U., Blanz, B. (1988). Schulphobisches Verhalten. Sozialpädagogik, 10, 569-575. Lehmkuhl, G., Seeger, G. (1993). Videoanwendung bei Verhaltensauffälligkeiten im Kindesund Jugendalter – Was bewirkt Focused Videofeedback? In J. Ronge, B. Kügelgen (Hrsg.), Perspektiven des Videos in der klinischen Psychiatrie und Psychotherapie (S. 109-126). Berlin: Springer. Oelsner, W. (2003). Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie bei Schulverweigerung. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 52, 425-439. Omer, H. (2013). Die elterliche Ankerfunktion als Mittler zwischen Autorität, Autonomie und Bindung. In M. Grabbe, J. Borke, C. Tsirigotis (Hrsg.), Autorität, Autonomie und Bindung: Die Ankerfunktion bei elterlicher und professioneller Präsenz (S. 17-40). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Omer, H., Lebowitz, E. (2012). Ängstliche Kinder unterstützen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Omer, H., von Schlippe, A. (2011). Die Ankerfunktion: Elterliche Autorität und Bindung. In H. Schindler, W. Loth, J. von Schlippe (Hrsg.), Systemische Horizonte (S. 119-130). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Overmeyer, S., Blanz, B., Schmidt, M. H., Rose, F. (1995). Schulverweigerung – Eine katamnestische Untersuchung zu dem diagnostischen Konzept von „Schulphobie“ und „Schulangst“. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 23, 35-43. Schemmel, H. (2006). Kinderpsychiatrie mit Familie. Multifamilientherapie in der Familientagesklinik des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden. Verhaltenstherapie & psychosoziale Praxis, 38, 121-124. 562 A. Herbst et al. Schweitzer, J., Ochs, M. (2003). Systemische Familientherapie bei schulverweigerndem Verhalten. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 52, 440-455. Scholz, M. (2010). Multifamilientherapie bei psychisch kranken Kindern und Jugendlichen. Psychotherapie im Dialog, 11, 219-121. Sperling, M. (1961). Analytic first aid in school phobias. The Psychoanalytic quarterly, 30, 504-510. Yalom, I. (2007). Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie. Stuttgart: Klett-Cotta. Korrespondenzanschrift: Dr. med. Antje Herbst, Universitätsklinikum Münster, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik, Schmeddingstraße 50, 48129 Münster; E-Mail: [email protected] Antje Herbst, Judith Maria Fernholz und Kay Susanne Strothe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik der Universitätsklinik Münster; Sarah Schlund, Hamburg ipabo_66.249.76.55 KURZBEITRÄGE Evaluation der Psychoanalytischen Kurzzeittherapie für Kinder von 4-10 Jahren mit Angststörungen (PaKT): Zusammenfassung der Pilotstudie1 Annette M. Klein*, Tanja Müller-Göttken*, Lars O. White, Anja Keitel-Korndörfer und Kai von Klitzing Summary Summary of the Pilot Study Short-term Psychoanalytic Child Therapy (PaCT) of Anxious Children We provide a summary of a recently published study on Psychoanalytic Child Therapy (PaCT; Göttken, White, Klein, von Klitzing, 2014) for young children with emotional and affective symptoms. Consisting of approximately 20 psychotherapy sessions, therapists treat families in parent-child, child-alone, parent-alone settings, aiming to uncover and work through a relational theme underlying the symptoms. Thirty families were entered into a wait-list controlled study in an outpatient setting (n = 18 treatment group; n = 12 waitlist) with the aim of assessing the effectiveness of PaCT (Göttken u. von Klitzing, 2014) for 4- to 10-year-olds with anxiety disorders. After treatment, over half of the children of the treatment group no longer met criteria for anxiety disorder while no children of the control group remitted during the wait-list interval. In addition, parent, child and teacher reports showed significant symptom reduction. The pattern of results lend preliminary support to psychodynamic intervention as an effective tool for treating childhood anxiety and affective disorders and call for future randomized controlled trials to provide additional evidence for these promising effects. Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 64/2015, 563-571 Keywords psychodynamic child psychotherapy – clinical outcome study – anxiety disorders – internalizing symptoms – preschool and early school age 1 Diese Studie wurde von der Heidehof Stiftung GmbH gefördert. Die Autoren danken allen teilnehmenden Eltern und Kindern. * Geteilte Erstautorenschaft Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 64: 563 – 571 (2015), ISSN: 0032-7034 (print), 2196-8225 (online) © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen 2015 564 A. M. Klein et al. Zusammenfassung In diesem Beitrag wird die kürzlich publizierte Evaluationsstudie einer psychoanalytischen Kurzzeittherapie für Kinder mit Angststörungen in einem ambulanten Setting zusammenfassend dargestellt (Orginalartikel: Göttken et al., 2014). Dreißig Kinder (12 Mädchen) mit diagnostizierter Angststörung und ihre Familien erhielten circa 20 Sitzungen der manualisierten psychoanalytischen Kurzzeittherapie (PaKT; Göttken u. von Klitzing, 2015). Ein Teil dieser Familien wurde dabei erst nach einer Wartezeit behandelt (n = 12 Wartekontrollgruppe), alle anderen Familien (n = 18) direkt nach Einschluss in die Studie. Diagnosen und internalisierende Symptome sowie Gesamtproblemwert in der Elterneinschätzung wurden zu Prä-, Post- und Follow-Up-Zeitpunkten bzw. vor und nach der Wartezeit erhoben. Zusätzlich waren Erzieher/ Lehrer- und Kindeinschätzung zu Prä-, Post- und Follow-Up-Zeitpunkten verfügbar. Zum einen wurden nun Vergleiche der Veränderungen beider Gruppen vorgenommen und zum anderen Vergleiche zwischen allen drei Messzeitpunkten für die gesamte Stichprobe. Von den 27 Kindern, deren Daten zum Post-Zeitpunkt zur Verfügung standen, wiesen über die Hälfte nach der Therapie keine Angststörung mehr auf, wohingegen es bei der Wartekontrollgruppe keine Remission gab. Die von den Eltern berichteten internalisierenden Symptome sowie der Gesamtproblemwert verringerten sich signifikant und stärker als in der Wartekontrollgruppe. Auch die Berichte der Erzieher/Lehrer und Kinder wiesen auf eine signifikante Symptomreduktion hin. Die Abnahme der Angstsymptome und -störungen blieb auch sechs Monate nach Abschluss der Therapie (Follow-Up) erhalten. Die vielversprechenden Befunde dieser ersten Pilotstudie weisen darauf hin, dass PaKT ein effektives Behandlungskonzept für Kinder mit internalisierenden Symptomen und Störungen darstellt, das in zukünftigen randomisierten Kontrollgruppenstudien einer weiteren Überprüfung unterzogen werden sollte. Schlagwörter Psychoanalytische Kurzzeittherapie für Kinder – Evaluationsstudie – Angststörungen – Internalisierende Symptome – Vorschulalter – frühes Schulalter 1 Theoretischer Hintergrund Angststörungen stellen die häufigste psychische Störung im Kindesalter dar (Cart wright-Hatton, McNicol, Doubleday, 2006) und können mit einer starken Beeinträchtigung des Kindes, der Eltern und Lehrer einhergehen. Bleiben Angststörungen unbehandelt, können diese oft über einen langen Zeitraum weiterbestehen oder Vorläufer anderer psychischer Störungen wie z. B. Depression sein (Kovacs u. Devlin, 1998). Effektive psychotherapeutische Interventionen, die die Angstsymptome mindern, können demzufolge auch die weitere Entwicklung des Kindes nachhaltig verbessern. Bisher gibt es nur wenige Studien, die Psychotherapie für Angststörungen im Kindesalter evaluiert haben, insbesondere solche, die psychodynamische Therapieansätze untersuchen. Dagegen gibt es mehre kontrollierte Evaluationsstudien, in denen die ipabo_66.249.76.55 Psychoanalytische Kurzzeittherapie ����������������������������������������������������������� für Kinder mit Angststörungen (PaKT)������ 565 Wirksamkeit von kognitiv-behavioralen Therapieansätzen beforscht wurde (für einen Überblick zu Wirksamkeitsstudien siehe White, Göttken, Graneist, Klein, 2014). In diesem Beitrag soll die Evaluation der Pilotstudie „Psychoanalytische Kurzzeittherapie für Kinder von 4 bis 10 Jahren mit Angststörungen (PaKT)“ zusammenfassend dargestellt werden. Eine ausführliche Darstellung ist bereits auf Englisch publiziert worden (Göttken et al., 2014). Darüber hinaus wurde die mütterliche Mentalisierungsfähigkeit als möglicher Einflussfaktor auf den Therapieerfolg untersucht (Müller-Göttken, White, von Klitzing, Klein, 2014). Das Ziel der Evaluationsstudie bestand darin, die Wirksamkeit von PaKT bei der Behandlung von Angststörungen sowohl in Hinblick auf kategoriale als auch dimensionale Maße zu überprüfen und mit möglichen Veränderungen während der Wartezeit zu vergleichen. 2 Methode 2.1 Ablauf der Datenerhebung und Stichprobe Die teilnehmenden Kinder im Alter von vier bis zehn Jahren wurden an die kinderund jugendpsychiatrische Ambulanz der Universitätsklinik aufgrund von emotionalen Symptomen wie Ängstlichkeit, Sorgen, Traurigkeit oder starker Schüchternheit überwiesen. Die Eltern erhielten ausführliche mündliche und schriftliche Aufklärung über das Therapieangebot und die Begleitforschung und erteilten ihre Zustimmung zur Teilnahme an der Studie. Die Studie wurde durch die Ethikkommission der Universität Leipzig, Medizinische Fakultät geprüft und erhielt ein positives Votum. Die ausführliche Datenerhebung fand vor der Therapie (Prä), nach der Therapie (Post) sowie sechs Monate nach Abschluss der Therapie (Follow-Up) statt. Das Einschlusskriterium zur Teilnahme an der Studie stellte die Diagnose einer Angststörung nach DSM-IV dar, das von N = 30 Kindern erfüllt wurde. Wenn ein Therapeut verfügbar war, begann die Therapie für die Familie direkt nach Einschluss in die Studie (n = 18). Wenn ein Kind nicht sofort behandelt werden konnte, weil kein Therapeut verfügbar war, wurde es der Warteliste zugeordnet (n = 12) und erhielt nach der Wartezeit (durchschnittlich 16,4 Wochen) sowie einer weiteren Datenerhebung die Behandlung. In diesen Fällen stellte die erste Datenerhebung den Wert vor der Wartezeit und die zweite Datenerhebung den Wert vor der Therapie (Prä) dar. Die Therapie dauerte im Schnitt 22 Sitzungen (über durchschnittlich 41 Wochen). Die Stichprobe bestand aus 12 Mädchen und 18 Jungen. Das Durchschnittsalter der Kinder bei Therapiebeginn betrug 7,07 Jahre (Altersrange = 4,33-9,33). Die Drop-out-Rate zwischen Prä und Post lag bei zehn Prozent (n = 3), zwei weitere Familien beteiligten sich nicht an der Follow-Up-Untersuchung. Damit lagen die PräPost-Daten für n = 27 und die Prä-Follow-Up-Daten für n = 25 Familien vor. 566 A. M. Klein et al. 2.2 Psychoanalytische Kurzzeitherapie (PaKT) Die Psychoanalytische Kurzzeittherapie (PaKT) für Kinder von vier bis zehn Jahren umfasst fokaltherapeutische (Klüwer, 2005) sowie mentalisierungsbasierte Aspekte (Verheugt-Pleiter, Zevalkink, Schmeets, 2008). Sie findet im Rahmen von 20 bis 25 wöchentlichen psychotherapeutischen Sitzungen in wechselnden Settings – TherapeutEltern-Kind, Kind allein, Eltern allein – statt. Hierbei wird auf der Ebene interpersoneller Beziehungen und internaler Repräsentationen ein zentrales Konfliktthema, das den Symptomen des Kindes und möglichen familiären Dysfunktionen zugrunde liegt, identifiziert und modifiziert. In den individuellen Sitzungen mit dem Kind hilft der Therapeut dem Kind, das zentrale Konfliktthema im freien Spiel durchzuarbeiten. In den fünf bis sechs Elternsitzungen (jede 4. Sitzung) spricht der Therapeut die möglichen und teils unbewussten Bedeutungen der kindlichen Symptome an. PaKT ist als Manual in englischer Sprache veröffentlicht worden (Göttken u. von Klitzing, 2014) und kürzlich auch auf Deutsch erschienen (Göttken u. von Klitzing, 2015). Ausführliche Beschreibungen des Konzepts finden sich zudem in Göttken und von Klitzing (2011a, b). Acht Psychologen und Kinderpsychiater, die sich überwiegend noch in der tiefenpsychologisch orientierten Psychotherapieausbildung befanden, führten die Therapien durch und wurden regelmäßig supervidiert. Die fortlaufende Adhärenzkontrolle ergab eine gute Umsetzung des Manuals. 2.3 Instrumente Wir verwendeten zum einen den kategorialen Ansatz unter Einsatz eines strukturierten klinischen Interviews (Befragung der Eltern mittels des Preschool Age Psychiatric Assessment, PAPA; Egger, Ascher, Angold, 2004) und zum anderen den dimensionalen Ansatz unter Nutzung international verbreiteter und gut validierter Fragebögen (Strengths and Difficulties Questionnaire, SDQ; Goodman, 1997; Child Behavior Checklist, CBCL; Achenbach, 1991; Achenbach u. Rescorla, 2003). Weiterhin wurden gemäß des Multi-Informanten-Ansatzes Eltern, Erzieher/Lehrer sowie die Kinder selbst befragt, letztere mittels des Berkeley Puppet Interview (BPI; Measelle, Ablow, Cowan, Cowan, 1998). Tabelle 1 stellt eine Übersicht über die dimensionalen Instrumente und erfassten Skalen dar. 3 Ergebnisse 3.1 Veränderungen der Diagnosen Prä-Post Nach der Behandlung mit PaKT wiesen n = 18 Kinder (66,67 % von 27, die die Therapie beendeten) keine Diagnose einer Angststörung mehr auf, was eine signifikante ipabo_66.249.76.55 Psychoanalytische Kurzzeittherapie ����������������������������������������������������������� für Kinder mit Angststörungen (PaKT)������ 567 Verbesserung darstellt. Während nach der Wartezeit alle 12 Kinder (100 %) die Diagnose der Angststörung weiterhin erfüllten, wiesen 12 der direkt behandelten Kinder (75 %) keine Diagnose einer Angststörung mehr auf, sodass sich die beiden Gruppen signifikant hinsichtlich der Veränderung unterscheiden. 3.2 Veränderungen der Symptomatik Prä-Post Pro Elterneinschätzung der verschiedenen Symptombereiche wurden univariate Varianzanalysen mit dem Zeitpunkt (Prä, Post) als Innersubjektfaktor und der Gruppenzugehörigkeit (Behandlungsgruppe vs. Wartekontrollgruppe) als Zwischengruppenfaktor durchgeführt. Auf der Skala des SDQ Emotionale Symptome zeigte sich hierbei eine signifikante Veränderung über die Zeit sowie ein signifikanter Interaktionseffekt von Gruppenzugehörigkeit x Zeitpunkt, wobei die Behandlungsgruppe eine signifikant größere Symptomreduktion aufwies als die Wartekontrollgruppe. Die gleichen Ergebnismuster zeigten sich für den SDQ Gesamtproblemwert, CBCL Internalisierende Probleme, CBCL Sozialer Rückzug sowie den CBCL Gesamtproblemwert. Bei der CBCL-Skala Angst/Depression konnte eine signifikante Veränderung über die Zeit gefunden werden, während der Interaktionseffekt nur marginal signifikant war. Bei der CBCL-Skala Externalisierende Probleme zeigte sich ein signifikanter Interaktionseffekt, während der Zeiteffekt nicht signifikant war. Für die SDQ-Skala Verhaltensprobleme konnte dagegen keine Veränderung nachgewiesen werden. Unter Einbezug sämtlicher Teilnehmer gerechnet (Univariate Varianzanalysen mit Messwiederholung Prä-Post) bestätigte sich das Bild: Von Prä zu Post verringerten sich die Symptome, gemessen mit den verschiedenen Skalen signifikant, außer bei SDQ Verhaltensprobleme. Für eine Übersicht zu den signifikanten Veränderungen siehe Tabelle 1. Die Einschätzungen der Erzieher bzw. Lehrer mittels des SDQ lagen nur für die Präund Postmessung, nicht jedoch für die Erhebung vor der Wartezeit vor, sodass hier keine Gruppenvergleiche vorgenommen werden konnten. Stattdessen wurden für alle Teilnehmer Veränderungen der Symptome während der Therapiezeit untersucht. Univariate Varianzanalysen mit Messwiederholung ergaben dabei signifikante Verringerungen der Symptomatik hinsichtlich emotionaler Symptome, Verhaltensprobleme sowie des Gesamtproblemwerts. Entsprechende Berechnungen für die Kindeinschätzung im BPI (Prä-Post) ergaben, dass sich die internalisierenden Symptome nach der Therapie signifikant verringert hatten, während die selbstberichteten externalisierenden Symptome nur tendenziell abgenommen hatten. 3.3 Veränderungen der Diagnosen Prä-Follow-Up Zum Follow-Up-Termin sechs Monate nach Abschluss der Behandlung mit PaKT wiesen n = 22 Kinder (88 % von 25, die an der Follow-Up-Erhebung teilnahmen) keine Diagnose einer Angststörung mehr auf, was eine signifikante Verbesserung darstellt. 568 A. M. Klein et al. Tabelle 1: Verwendete Instrumente, Informanten und signifikante Veränderungen (p < .05) über die Zeit (Gesamtstichprobe) Instrumente Informanten Verwendete Skalen Strengths and DiffiEltern culties Questionnaire, SDQ (Goodman, 1997) Erzieher/ Lehrer Child Behavior Checklist, CBCL (Achenbach, 1991) Eltern Berkeley Puppet Interview, BPI (Measelle et al.,1998) Kind Emotionale Symptome Verhaltensprobleme Gesamtproblemwert Emotionale Symptome Verhaltensprobleme Gesamtproblemwert Internalisierende Probleme Sozialer Rückzug Angst/Depression Externalisierende Probleme Gesamtproblemwert Internalisierende Probleme Externalisierende Probleme Veränderung Prä-Post sign. sign. sign. sign. sign. sign. sign. sign. sign. sign. sign. - Veränderung Prä-Follow-up sign. sign. sign. sign. sign. sign. sign. sign. sign. sign. - 3.4 Veränderungen der Symptomatik Prä-Follow-Up In die Analysen der Prä-Follow-Up-Effekte flossen die Einschätzungen der Eltern, Erzieher/Lehrer und Kinder jeweils für die Gesamtstichprobe ein. Da die Kinder der Wartekontrollgruppe nach der Wartezeit von circa vier Monaten auch die Behandlung erhalten hatten, war ein Vergleich der verschiedenen Gruppen für den Followup-Zeitpunkt nicht möglich. Die ANOVAs mit Messwiederholung (Prä, Follow-Up) der Elterneinschätzungen ergaben signifikante Behandlungseffekte für alle untersuchten Skalen. Bei den Einschätzungen der Erzieher bzw. Lehrer erwiesen sich die Verringerungen der emotionalen Symptome sowie des Gesamtproblemwerts als signifikant. Dagegen unterschieden sich die vom Kind beim Follow-Up-Zeitpunkt berichteten internalisierenden und externalisierenden Probleme nicht mehr signifikant von der Einschätzung vor der Therapie. 3.6 Intent-to-Treat-Analysen Sämtliche Analysen wurden auch als Intent-to-Treat-Analysen – das heißt, nicht vorhandene Daten einzelner Patienten (z. B. wegen Dropout) werden durch PräWerte ersetzt, was einer sehr konservativen Schätzung entspricht – durchgeführt. Bei den Einschätzungen der Eltern blieben die Veränderungen über die Zeit signifikant, die Interaktionseffekte (Gruppenzugehörigkeit x Zeitpunkt) erwiesen sich aber teilweise nur als marginal signifikant. ipabo_66.249.76.55 4 Psychoanalytische Kurzzeittherapie ����������������������������������������������������������� für Kinder mit Angststörungen (PaKT)������ 569 Diskussion In Übereinstimmung mit unseren Erwartungen fanden wir signifikante Abnahmen der von den Eltern berichteten Symptome und mit dem klinischen Interview erhobenen Diagnosen nach der Behandlung mit PaKT auch im Vergleich zu einer Wartekontrollgruppe. Diese Effekte blieben beim Follow-Up sechs Monate nach Abschluss der Therapie erhalten. Zudem zeigten sich signifikante Symptomreduktionen in Erzieher/Lehrer- sowie Kindeinschätzungen. Die Teilnehmer, welche in der Ambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie Behandlung suchten, wiesen Angststörungen mit einem hohen Ausmaß an komorbiden depressiven und externalisierenden Symptomen auf – es handelt sich also um eine klinisch auffällige Gruppe, die besonders schwer zu behandeln ist (Rapee et al., 2013). Unseren Ergebnissen zufolge kann PaKT zudem bereits bei Kindern im Vorschulalter sehr gut angewendet werden. Die Rate des vollständigen Rückgangs der Angststörungsdiagnose nach PaKT (66,67 % der Kinder) war hoch und vergleichbar mit den Raten, die in Studien zur Kognitiv-Behavioralen Therapie genannt werden (z. B. Hirshfeld-Becker et al., 2010). Die von den Eltern, Erziehern/Lehrern und Kindern berichteten Symptomreduktionen wiesen moderate bis große Effektstärken auf. Weiterhin gingen mit der Therapie nicht nur Verringerungen von internalisierenden, sondern auch von externalisierenden Symptomen einher, was bisherige Befunde, die ebenfalls eine breite Wirkung psychodynamischer Behandlungen dokumentieren konnten (z. B. Abbass, Rabung, Leichsenring, Refseth, Midgley, 2013; Muratori, Picchi, Bruni, Patarnello, Romagnoli, 2003), repliziert. Wie die Einschätzungen der Eltern und Erzieher/Lehrer zum FollowUp-Zeitpunkt zeigten, handelt es sich zudem um nachhaltige Verbesserungen. Unsere Studie wurde innerhalb eines klinischen Settings, der psychiatrischen Institutsambulanz, durchgeführt. Als Limitation ist aufzuführen, dass die Gruppenzuweisung zur direkten Behandlung versus Wartekontrollgruppe nicht randomisiert erfolgte, sondern sich in Abhängigkeit von der Verfügbarkeit eines Therapeuten ergab. Die Tatsache, dass sich die Familien beider Gruppen nicht hinsichtlich sozidemografischer Variablen oder dem Ansprechen auf die Behandlung mit PaKT unterschied, spricht für eine unbeeinflusste Zuweisung. Darüber hinaus nahm die Behandlungsdauer im Vergleich zur Wartezeit weitaus mehr Zeit in Anspruch, was spontane Verbesserungen während der Behandlungszeit wahrscheinlicher macht. Allerdings war die Dauer der Wartezeit vergleichbar mit bzw. länger als bei anderen Therapiestudien und eine weitere Verlängerung wäre aus ethischen Gründen problematisch gewesen. Auch die Stichprobengröße ist als Limitation aufzuführen, da so nur mittlere bis große Effekte statistisch nachgewiesen werden konnten. 570 A. M. Klein et al. Fazit für die Praxis • Die hier zusammengefasste Pilotstudie weist darauf hin, dass PaKT als eine psychoanalytische Kurzzeittherapie eine vielversprechende Behandlung für Vorschul- und junge Schulkinder mit Angststörungen darstellt. Darüber hinaus wurden durch die Behandlung auch komorbide depressive und externalisierende Symptome erfolgreich reduziert. PaKT ist manualisiert und ermöglicht nach einem Training und unter Supervision auch noch weniger erfahrenen Therapeuten die Behandlung von Kindern mit Angststörungen. Als nächsten Schritt sollte die Wirksamkeit von PaKT in einem Randomisierten KontrollstudienDesign und gegebenenfalls mit größerer Stichprobe untersucht werden. Literatur Abbass, A. A., Rabung, S., Leichsenring, F., Refseth, J. S., Midgley, N. (2013). Psychodynamic Psychotherapy for Children and Adolescents: A Meta-Analysis of Short-Term Psychodynamic Models. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 52, 863-875. Achenbach, T. M. (1991). Manual for the Child Behavior Checklist/4-18 and 1991 profile. Burlington: University of Vermont Department of Psychiatry. Achenbach, T., Rescorla, L. (2003). Manual for the ASEBA adult forms & profiles. Burlington, VT: University of Vermont, Research Center for Children, Youth, & Families. Cartwright-Hatton, S., McNicol, K., Doubleday, E. (2006). Anxiety in a neglected population: prevalence of anxiety disorders in pre-adolescent children. Clinical Psychology Review, 26, 817-833. Egger, H. L., Ascher, B. H., Angold, A. (2004). The Preschool Age Psychiatric Assessment (PAPA). Durham, NC: Center for Developmental Epidemiology, Department of Psychiatry and Behavioral Sciences, Duke University Medical Center. Göttken, T., von Klitzing, K. (2011a). Psychoanalytische Kurzzeittherapie für Kinder von 4 bis 10 Jahren – Behandlung emotionaler Symptome und affektiver Störungen. Psychotherapeut, 56, 417-426. Göttken, T., von Klitzing, K. (2011b). „Ich hasse den Kindergarten, weil da bin ich nicht alleine!“ Psychoanalytische Kurzzeittherapie für Kinder mit emotionalen Symptomen und affektiven Störungen (PaKT). Kinderanalyse, 19, 189-214. Göttken, T., von Klitzing, K. (2014). Manual for Short-term Psychoanalytic Child Therapy (PaCT). London: Karnac. Göttken, T., von Klitzing, K. (2015). Psychoanalytische Kurzzeittherapie mit Kindern (PAKT). Ein Behandlungsmanual. Stuttgart: Klett-Cotta. Göttken, T., White, L. O., Klein, A. M., von Klitzing, K. (2014). Short-term psychoanalytic child therapy for anxious children: A pilot study. Psychotherapy, 51, 148-158. Goodman, R. (1997). The Strengths and Difficulties Questionnaire: A research note. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 38, 581-586. ipabo_66.249.76.55 Psychoanalytische Kurzzeittherapie ����������������������������������������������������������� für Kinder mit Angststörungen (PaKT)������ 571 Hirshfeld-Becker, D. R., Masek, B., Henin, A., Blakely, L. R., Pollock-Wurman, R. A., McQuade, J., DePetrillo, L., Briesch, J., Ollendick, T. H., Rosenbaum, J. F., Biederman, J. (2010). Cognitive behavioral therapy for 4- to 7-year-old children with anxiety disorders: A randomized clinical trial. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 78, 498–510. Klüwer, R. (2005). Erweiterte Studien zur Fokaltherapie. Gießen: Psychosozial-Verlag. Kovacs, M., Devlin, B. (1998). Internalizing disorders in childhood. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 39, 47-63. Measelle, J. R., Ablow, J. C., Cowan, P. A., Cowan, C. P. (1998). Assessing young children’s views of their academic, social and emotional lives: An evaluation of the self-perception scales of the Berkeley Puppet Interview. Child Development, 69, 1556-1576. Müller-Göttken, T., White, L. O., von Klitzing, K. Klein, A. M. (2014). Reflexive Kompetenz der Mütter als Prädiktor des Therapieerfolgs mit Psychoanalytischer Kurzzeittherapie im Alter von 4-10 Jahren. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 63, 796-814. Muratori, F., Picchi, L., Bruni, G., Patarnello, M., Romagnoli, G. (2003). A two-year FollowUp of psychodynamic psychotherapy for internalizing disorders in children. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 42, 331-339. Rapee, R. M., Lyneham, H. J., Hudson, J. L., Kangas, M., Wuthrich, V. M., Schniering, C. A. (2013). Effect of comorbidity on treatment of anxious children and adolescents: Results from a large, combined sample. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 52, 47-56. Verheugt-Pleiter, A. J. E., Zevalkink, J., Schmeets, M. G. J. (2008). Mentalizing in child therapy. Guidelines for clinical practitioners. London: Karnac. White, L. O., Göttken, T., Graneist, A., Klein, A. M. (2014). Wirksamkeit von Psychotherapie im Kindesalter. Wirksamkeitsstudien zur Behandlung von Angststörungen in der frühen und mittleren Kindheit. Kinderanalyse, 22, 312-357. Korrespondenzanschrift: Annette M. Klein, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters, Universität Leipzig, Liebigstraße 20a, 04103 Leipzig; E-Mail: [email protected] Annette M. Klein, Tanja Müller-Göttken, Lars O. White, Anja Keitel-Korndörfer und Kai von Klitzing, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters, Universität Leipzig AUTOREN UND AUTORINNEN Sandra Achtergarde, Dr. phil., Dipl.-Psych., wissenschaftliche Mitarbeiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik, Universitätsklinikum Münster; davor wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation der Universität Bremen. Fatma Çelik, Dr., Dipl. Psych., wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Entwicklungspsychologie der Bergischen Universität Wuppertal, Forschungsschwerpunkte: Bindungsforschung, Entwicklung emotionaler Verletzungssensitivität, emotionale Entwicklung. Judith Maria Fernholz, Assistenzärtin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Klinik für Kinderund Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik der Universitätsklinik Münster, Systemische Familientherapeutin i. A. Antje Herbst, Dr. med., Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Hypnotherapeutin, Oberärztliche Leitung der Tagsklinik Roxel der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik der Universitätsklinik Münster. Alexandra Iwanski, Dr., Dipl. Psych., wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Entwicklungspsychologie der Bergischen Universität Wuppertal, Forschungsschwerpunkte: Bindungsforschung, emotionale Entwicklung, Entwicklung unter Risikobedingungen. Anja Keitel-Korndörfer, M. A. Kommunikations- und Medienwissenschaft, Dipl.-Psych., wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters, Universität Leipzig. In Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin. Annette M. Klein, Dr. phil., Dipl.-Psych., wissenschaftliche Mitarbeiterin und Forschungskoordinatorin an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters, Universität Leipzig. Andreas Mayer, Dr. phil., Dipl.-Psych., wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Münster. Jörg Michael Müller, Dr. phil., Dipl.-Psych., Forschungskoordinator der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik, Universitätsklinikum Münster, davor wissenschaftlicher Assistent an den Universität Tübingen, und wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Bremen und Heidelberg. Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 64: 572 – 573 (2015), ISSN: 0032-7034 (print), 2196-8225 (online) © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen 2015 ipabo_66.249.76.55 Autoren und Autorinnen 573 Tanja Müller-Göttken, Dipl.-Psych., Psychologische Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin (DPV/ IPA) und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters, Universität Leipzig. Christian Postert, Dr. med. Dr. phil., wissenschaftlicher Mitarbeiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik, Universitätsklinikum Münster und Professor mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Hochschule für Gesundheit in Bochum. Georg Romer, Prof. Dr. med., Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie am Universitätsklinikum Münster. Sarah Schlund, M. A. Sozialpädagogin, systemischer Elterncoach (IF Weinheim), Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin i. A. Kay Susanne Strothe, grad. Kunsttherapeutin, Dipl.-Sozialpädagogin, Mitarbeiterin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik der Universitätsklinik Münster. Kai von Klitzing, Prof. Dr. med., Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Psychoanalytiker (IPA), Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters, Universität Leipzig. Ida Wessing, Dr. rer. nat., Dipl.-Psych., wissenschaftliche Mitarbeiterin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik, Universitätsklinikum Münster. Lars O. White, M.Sc., B.Sc., Verbundprojektkoordinator AMIS, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters, Universität Leipzig. Peter Zimmermann, Prof. Dr., Dipl. Psych., Universitätsprofessor und Lehrstuhlinhaber des Lehrstuhls Entwicklungspsychologie der Bergischen Universität Wuppertal, Forschungsschwerpunkte: Bindungsforschung, soziale und emotionale Entwicklung, Entwicklung unter Risikobedingungen. BUCHBESPRECHUNGEN Fooken, I., Heuft, G. (Hrsg.) (2014). Das späte Echo von Kriegskindheiten. Die Folgen des Zweiten Weltkriegs in Lebensverläufen und Zeitgeschichte. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 308 Seiten, 29,99 €. Das vorliegende Buch ist ein Ergebnis des 2. Internationalen Kongresses zum Thema „Kindheiten im Zweiten Weltkrieg in Europa“, keine 1:1-Widergabe, weil dort unterschiedliche Medien eingesetzt worden waren, aber es enthält die Vielfalt der dort vorgestellten und diskutierten Themen. Genau das macht die Stärke dieses Buches aus, dass das Thema, das erst in den letzten Jahren in den Fokus gerückt ist, von so vielen verschiedenen Seiten beleuchtet wird. Der erste Teil beschäftigt sich mit dem Einfluss der abwesenden Väter auf die Entwicklung der Kinder. Eine umfangreiche Befragung vaterloser Töchter ergab, dass in der Regel das Leitbild einer intakten Familie aufrechterhalten wurde, die Sehnsucht nach Halt blieb, aber auch eine Erkenntnis der erarbeiteten eigenen Stärke. In einer Langzeituntersuchung zeigte sich, dass ein Vaterverlust ein wichtiger, aber nicht der einzige Faktor ist für später auftretende psychische Beschwerden. Im 2. Teil geht es um die literarische Aufarbeitung von Kriegs- und Verlusterfahrungen. Krieg ist nicht ästhetisch, aber es gibt ästhetische Formen, ihn zu beschreiben. In der Kinder- und Jugendliteratur werden Verluste, Flucht, Vertreibung, Hunger, Shoa aufgegriffen. Der 3. Teil beschäftigt sich damit, inwieweit Kriegskindheitserfahrungen ein Thema in gesellschaftlichen Institutionen sind. Sehr spannend ist das Kapitel über Geschichtsunterricht. Schüler sollen die Subjektivität von Quellen erkennen und damit zu Urteilsfähigkeit erzogen werden. Einrichtungen wie Erzählcafés und Fotoausstellungen sind mögliche Angebote für ehemalige Kriegskinder. Manche engagieren sich friedenspolitisch, um sich nicht als Opfer fühlen zu müssen und dem Druck der Herkunftsfamilie etwas entgegensetzen zu können. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Eltern der Kriegskinder selbst solche des Ersten Weltkriegs waren. Die vierte Einheit befasst sich mit zeithistorischen Besonderheiten durch die Kriegsfolgen. Gerade in Pflegesituationen lassen sich transgenerationale Traumatisierungen erkennen. Alte Menschen leiden unter Autonomieverlust. Werden sie von polnischen Pflegekräften versorgt, kann allein deren Sprache traumatische Erfahrungen triggern, umgekehrt haben oft die Vorfahren von Pflegekräften selber Traumata durch die Deutschen erfahren. Hier hilft zur Entlastung Supervision und Besinnung auf eine gemeinsame Basis. Das Erleben von Kindern im Krieg wurde oft nicht ernst genommen, sie sollten Garanten für eine glückliche Zukunft sein. Teil 5 hat Kriegsprägungen und Transgenerationalität zum Thema. Studien über Autorität und Familien zeigten, dass ein autoritäres Erziehungsklima und die sozioöPrax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 64: 574 – 578 (2015), ISSN: 0032-7034 (print), 2196-8225 (online) © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen 2015 ipabo_66.249.76.55 Buchbesprechungen 575 konomische Lage Einfluss auf die politische Einstellung im Erwachsenenalter haben. Heute erfolgt die Erziehung stark durch Massenmedien, Schule und Sportgruppen. Durch Rechtsextremismus besteht eine Permanenz von Gewalt in der Gesellschaft. Bombenangriffe und Ähnliches führen dazu, dass Kinder überflutet werden von Todesangst, im Krieg entstehen auch Trennungstraumata. Die Nachkommen übernehmen oft das Haltgeben für die Eltern. Dies zeigte sich besonders auch in Forschungen über den Feuersturm in Hamburg 1943. Die 6. Einheit befasst sich mit den verdeckten Spuren des Krieges in der Versorgung und Pflege im Alter. Eine Krankenhausseelsorgerin stellt fest, dass Kriegskinder, die Schweres erfahren haben, oft tiefe Gefühle vermeiden und somit Lebendigkeit und engere Beziehungen. In der Geriatrie müssen die Vergangenheitserfahrungen der Patienten einbezogen werden. Es gibt häufig im Alter eine Traumareaktivierung. Von daher ist eine Sensibilisierung des Fachpersonals nötig. Der letzte Teil beschäftigt sich mit spezifischen Symptomen und deren Behandlung, die durch Kriegsbelastungen entstanden sind. Das Buch ist für alle geeignet, die mit älteren Menschen zu tun haben, um bestimmte Verhaltensweisen besser zu verstehen und sie einordnen zu können. Es trägt auch zu einem bessern Selbstverständnis als Kinder oder Enkel von Kriegskindern bei. Charlotte von Bülow-Faerber, Ilsede Ghuman, J. K., Ghuman, H. S. (Hrsg.) (2014). ADHD in preschool children. Assessment and treatment. New York: Oxford University Press, 228 Seiten, 29,99 £. An Fachbüchern zu ADHS bei Schulkindern besteht kein Mangel. Dagegen sucht man nach wissenschaftlich fundierten Informationen zum Vorschulbereich weitgehend vergeblich. Folglich verdient der vorliegende Herausgeberband Beachtung. In zehn lesenswerten Beiträgen werden verschiedene klinische Aspekte der Hyperaktivitäts-/Aufmerksamkeitsstörung bei Kindern im Alter von drei bis fünf Jahren beleuchtet. Da Forschungsergebnisse zu dieser Altersgruppe zum Teil noch spärlich sind, nehmen die Autoren immer wieder Bezug auf Befunde, die an älteren Kindern gewonnen wurden, doch behalten sie durchweg die eigentlich gemeinte Altersgruppe im Auge. Der Leser erhält dadurch einen Überblick über den Stand der Forschung und bekommt Informationen zu einigen wichtigen fachlichen Fragen, die sich bei Diagnostik und Behandlung stellen. Die vier Beiträge, die der Diagnostik gewidmet sind, geben eine Reihe nützlicher Hinweise zur Exploration einschließlich Komorbidität und Differentialdiagnostik. In seiner Gesamtheit wird hier aber ein diagnostischer Standard gesetzt, von dem die klinisch-diagnostische Praxis vermutlich nicht nur hierzulande noch weit entfernt ist. In Ermangelung empirisch bewährter Testinstrumente nehmen dabei die Angaben der Bezugspersonen einen prominenten Platz ein. Dass in dem Band als Referenz noch 576 Buchbesprechungen DSM-IV-TR und nicht DSM-5 gewählt wurde, tut der Relevanz der gelieferten Informationen aber keinen Abbruch. ADHS wird überwiegend als kategoriale Störung aufgefasst und die in der Praxis oft problematische Frage einer Abgrenzung zwischen altersgemäß „normaler“ Unruhe und Impulsivität einerseits und einer behandlungsbedürftigen Störung andererseits spielt in diesem Band eine eher untergeordnete Rolle. Die sechs Kapitel zur Behandlung können als durchaus gelungene Zusammenstellung aufgefasst werden. Zwei Beiträge sind Elterntrainingsprogrammen gewidmet, welche die Eltern-Kind-Interaktion in den Mittelpunkt stellen: Parent-Management-Training (PMT), das unter anderem auch unter dem Namen Triple-P in Deutschland bekannt ist, und Incredible Years. Beide Programme wurden für Störungen des Sozialverhaltens entwickelt, haben sich aber auch bei Kindern mit ADHS bewährt und eignen sich für den Vorschulbereich: Die Beschreibung ist anschaulich, Befunde zur Programmevaluation werden referiert. Der wichtigen – und kontroversen – Frage der medikamentösen Behandlung sind zwei Kapitel gewidmet, deren eines den Stand der Forschung widergibt (Fazit: Anwendung bei Vorschulkindern ist bei genauerer Überwachung in Kombination mit psychosozialen Interventionen wissenschaftlich vertretbar). Das andere Kapitel widmet sich der klinischen Praxis und behandelt in erster Linie psychopharmakologische Fragestellungen, die sich bei den verfügbaren Wirkstoffen ergeben. Ein weiteres Kapitel behandelt ergänzende und alternative Methoden, die von Ernährungsumstellung über Nahrungsergänzungsmittel bis zu Biofeedback, Akupunktur und Gedächtnistraining reichen. Auf der Grundlage der vorhandenen Befunde werden Empfehlungen bezüglich Indikation ausgesprochen. Das abschließende Kapitel behandelt Einschlafstörungen bei Vorschulkindern mit ADHS und warnt davor, die in der Erziehungsberatung üblichen Tipps hier unkritisch einzusetzen. Auch wenn nicht alle Problemstellungen im Zusammenhang mit ADHS bei Vorschulkindern zufriedenstellend bearbeitet wurden, handelt es sich um ein sorgfältig ausgearbeitetes Buch, das auf dem deutschsprachigen Markt seinesgleichen sucht und das zur Lektüre wärmstens empfohlen werden kann. Dieter Irblich, Auel Sarimski, K. (2013). Soziale Risiken im frühen Kindesalter. Göttingen: Hogrefe, 172 Seiten, 24,95 €. Kinder, die unter besonderen psychosozialen Belastungen aufwachsen, sind erhöhten Risiken hinsichtlich ihrer Entwicklung und ihrer psychischen Gesundheit ausgesetzt. Zu verschiedenen Risikogruppen, z. B. Kindern psychisch kranker Eltern, sind in den letzten Jahren Monographien erschienen, die den Forschungsstand abgebildet und Ansätze zur Unterstützung der betroffenen Kinder bzw. deren Familien publik gemacht haben. Der vorliegende Band bündelt nun das vorhandene empirische Wissen zu verschiedenen Problembereichen unter besonderer Berücksichtigung der ipabo_66.249.76.55 Buchbesprechungen 577 frühen Kindheit, arbeitet die wesentlichen Wirkfaktoren von Interventionen heraus und versucht eine kritische Bewertung der vorhandenen Hilfesysteme. Neben Kindern in Armutslagen werden Kinder psychisch kranker, insbesondere depressiver Mütter sowie Kinder alkoholabhängiger und drogenabhängiger Eltern thematisiert. Die Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Beziehung und die kindliche Entwicklung stehen dabei im Mittelpunkt. Es folgen empirische Ergebnisse zu Präventions- und Interventionsprogrammen sowohl in den USA, wo breit angelegte Evaluationsstudien wichtige Erkenntnisse zu Wirkfaktoren und Entwicklungsverläufen liefern, als auch zum ungleich bescheideneren Forschungsstand im deutschen Sprachraum. Aus den referierten Informationen arbeitet der Autor die Schlüsselelemente heraus, auf die es seiner Meinung nach ankommt, um den betroffenen Kindern wirkungsvoll und nachhaltig zu helfen. Er betont, dass Interventionen, die auf die Mutter-Kind-Beziehung zielen, bei den genannten Problemgruppen größere und nachhaltigere Effekte haben als solche, die psychosoziale Hilfestellung zu geben oder kompensatorisch die betroffenen Kinder zu fördern suchen. Voraussetzung ist allerdings, dass es gelingt, ein tragfähiges Arbeitsbündnis zu den zum Teil emotional instabilen und in ihrer Beziehungsfähigkeit beeinträchtigten Eltern zu finden. Als besonders wirkungsvoll für diesen Personenkreis werden Methoden herausgestellt, die die Mentalisierungsfähigkeit der Mütter sowohl in Bezug auf das Selbsterleben als auch die Vergegenwärtigung kindlicher Bedürfnisse fördern. Erst auf dieser Grundlage sollte dann die Veränderung des Erziehungsverhaltens z. B. mithilfe von Videofeedback zum Einsatz kommen. In den referierten Studien häufen sich die Hinweise darauf, dass ein hoher Qualifizierungsstandard der Berater ein wesentlicher Faktor für eine wirkungsvolle Arbeit mit hoch belasteten Familien ist. Abschließend beleuchtet Sarimski die in Deutschland vorhandenen Hilfesysteme, in deren Zuständigkeit die hier besprochenen Risikofamilien fallen. Neben der medizinischen Gesundheitsversorgung einschließlich Sozialpädiatrischen Zentren, Erziehungsberatungsstellen, Frühförderstellen usw. sind dies nun auch die Modellprojekte der Frühen Hilfen, zu deren Aufbau die Kommunen Bundesmittel abrufen können. In einer vergleichenden Betrachtung werden Stärken und Schwächen der verschiedenen Angebote herausgestellt und es wird zumindest thesenhaft angedeutet, dass sich die programmatisch geforderte Vernetzung der frühen Hilfen bisher nicht im erwünschten Maße abzeichnet, sondern dass sich insbesondere für Kinder mit Entwicklungsstörungen, die im Kontext der genannten psychosozialen Risiken vermehrt auftreten, Kompetenzüberschneidungen ergeben, die für die Betroffenen kaum vorteilhaft sein können. Sarimski weist hier auf ein wichtiges Problemfeld hin, dem derzeit bei der Implementierung der Frühen Hilfen vielerorts nicht genügend Beachtung geschenkt wird. Es handelt es sich hier um ein informatives, übersichtlich gestaltetes und letztlich auch programmatisch wichtiges Buch, das einer breiten Leserschaft empfohlen werden kann, nicht nur im Bereich der beratenden Berufe, sondern auch in den Institutionen, die mit regionaler Sozialplanung befasst sind. Dieter Irblich, Auel 578 Buchbesprechungen Die folgenden Neuerscheinungen können zur Besprechung bei der Redaktion angefordert werden: –– Ahnert, L. (2015). Wieviel Mutter braucht ein Kind? Bindung – Bildung – Betreuung: öffentlich und privat. Heidelberg: Springer, 344 Seiten, 14,99 €. –– Fabian, E. (2015). Die Haben-Seite der Psyche. Psychodynamische Arbeit mit Ressourcen. Stuttgart: Schattauer, 182 Seiten, 29.99 €. –– Hauke, G., Dall’Occhio, M. (2015). Emotionale Aktivierungstherapie (EAT). Embodimenttechniken im Emotionalen Feld. Stuttgart: Schattauer, 168 Seiten, 29,99 €. –– Richter, D., Brähler, E., Ernst, J. (Hrsg.) (2015). Diagnostische Verfahren für Beratung und Therapie von Paaren und Familien. Göttingen: Hogrefe, 314 Seiten, 59,95 €. –– Schmidt-Traub, S. (2015). Kinder liebevoll und konsequent erziehen. Ein Ratgeber für Eltern und Erzieher. Göttingen: Hogrefe, 167 Seiten, 17,95 €. –– Schubert, C. (2015). Psychoneuroimmunologie und Psychotherapie. Stuttgart: Schattauer, 492 Seiten (2., überarb. Aufl.), 89,99 €. ipabo_66.249.76.55 TAGUNGSKALENDER 24.-26.9.2015 in Magdeburg: 15. wissenschaftliche Jahrestagung der DGSF. simply emotional – simply systemic. Wie Gefühle Systeme bewegen Auskunft: ISFT Magdeburg, Hegelstr. 18, 39104 Magdeburg; Tel.: 0391-50968999, E-Mail: [email protected], Internet: www.dgsf-tagung-2015.de 24.-26.9.2015 in Hannover: Wissenschaftliche Jahrestagung der BKE. Zeit Bindung Auskunft: Internet: www.bke.de 1./2.10.2015 in Freiburg: Fachtagung: Bilanz und Perspektiven der Resilienzforschung Auskunft: E-Mail: [email protected] 2.-4.10.2015 in Würzburg: 25. Jahrestagung der DGGN Auskunft: Prof. Dr. H. Collmann, Neurochirurgische Universitätsklinik, Josef-Schneider-Str. 11, 97080 Würzburg; E-Mail: [email protected] 15.-17.10.2015 in Alpbach, Tirol, Österreich: Kongress Essstörungen 2015, 23. Internationale Wissenschaftliche Tagung Auskunft: Netzwerk Essstörungen, Templstraße 22, 6020 Innsbruck, Österreich; Tel. +43-512-576026, Fax +43-512-58 36 54, E-Mail: [email protected], Internet: www.netzwerk-essstoerungen.at 23.-24.10.2015 in Wien/Österreich: 16. Jahrestagung der Österreichischen Adipositas Gesellschaft. Adipositas 2015, Vision & Wirklichkeit Auskunft: Österreichische Adipositas Gesellschaft, Währingerstraße 76/13, A-1090 Wien; Tel.: +43-650-7703378, Fax: +43-1-2645229, E-Mail: [email protected] 6./7.11.2015. in Bochum: 23. Wissenschaftliches Symposium für Psychotherapie: Bindung und Bindungsforschung Auskunft: Frau S. Ratzke, Tel.: 0234-5077-3442, E-Mail: [email protected], Internet: www.lwl-klinik-bochum.de Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 64: 579 – 581 (2015), ISSN: 0032-7034 (print), 2196-8225 (online) © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen 2015 580 Tagungskalender 13.-14.11.2015 in Essen 6. Deutsches Kinderhospizforum: Lebensfreude, Lebensbrüche, Lebensfülle – Wege entstehen beim Gehen Auskunft: Silke Schneider, Tel.: 02761-94129-33, Fax: 02761-94129-60, E-Mail: [email protected], Internet: www.kinderhospizforum.de 14.11.2015 in Frankfurt a. M.: 16. Fachtagung des Frankfurter Arbeitskreis für Psychoanalytische Pädagogik e. V.: Unheimlich verlockend – Zum pädagogischen Umgang mit Sexualität Auskunft: FAPP – Frankfurter Arbeitskreis für Psychoanalytische Pädagogik e. V., Myliusstr. 20, 60323 Frankfurt a. M.; Internet: www.fapp-frankfurt.d 24./25.11.2015 in Essen: Workshop: Akute Trauma-Nachsorge und Arbeit mit traumatisierten Familien Auskunft: ifs, Bochumer Str. 50, 45276 Essen; Tel.: 0201-8486560, E-Mail: [email protected], Internet: www.ifs-essen.de 28.11.2015 in München: Interdisziplinäres Symposium: Familienentwicklung und Stärkung der elterlichen Kompetenz Auskuft: Internationale Akademie für Entwicklungs-Rehabilitation und Theodor-HellbrüggeStiftung, Heiglhofstr. 63/II, 81377 München; Fax: 089-7193610, E-Mail: [email protected], Internet: www.theodor-hellbruegge-stiftung.de 30.11.2015 in Essen Beginn der Seminarreihe Marte Meo Grundkurs (Practitioner) Auskunft: ifs, Bochumer Str. 50, 45276 Essen; Tel.: 0201-8486560, E-Mail: [email protected], Internet: www.ifs-essen.de 07.12.2015 in Essen Beginn der Seminarreihe Systemisch Kompakt – für Jugendhilfekontexte Auskunft: ifs, Bochumer Str. 50, 45276 Essen; Tel.: 0201-8486560, E-Mail: [email protected], Internet: www.ifs-essen.de 21.01.2016 in Essen Beginn der Seminarreihe Systemische Traumapädagogik Auskunft: ifs, Bochumer Str. 50, 45276 Essen; Tel.: 0201-8486560, E-Mail: [email protected], Internet: www.ifs-essen.de 12.02.2016 in Essen Beginn der Seminarreihe Hypno-Systemisches Arbeiten in Beratung und Therapie Auskunft: ifs, Bochumer Str. 50, 45276 Essen; Tel.: 0201-8486560, E-Mail: [email protected], Internet: www.ifs-essen.de ipabo_66.249.76.55 Tagungskalender 581 24.-28.2.2016 in Berlin: 29. Kongress für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung. The Dark Side of the Moon. Krisen, Traumata ... - verlorene Sicherheit zurückgewinnen Auskunft: DGVT, Postfach 1343, 72003 Tübingen; Tel.: 070-71943494, Fax: 070-71943435, E-Mail: [email protected], Internet: www.dgvt.de 4./5.3.2016 in München: Münchner Symposion Frühförderung 2016: Kultur pur! Bedeutung kultureller Aspekte für das System Interdisziplinäre Frühförderung Auskunft: Arbeitsstelle Frühförderung Bayern, Pädagogische Abteilung, Frau Agnes Winzker, Seidlstraße 18 a, 80335 München; Fax: 089-545898-29, E-Mail an: [email protected] 11./12.3.2016 in Wien/Österreich: 8. Wiener Fortbildungstagung: Essstörungen und assoziierte Krankheitsbilder Auskunft: Internet: www.ess-stoerung.eu/index-Dateien/Page13064.htm Aus dem Inhalt des nächsten Heftes L. Werpup-Stüwe und F. Petermann: Visuelle Wahrnehmungsleistungen bei Kindern mit motorischen Entwicklungsstörungen – S. Loos et al.: Posttraumatische Belastungsstörung bei Kindern und Jugendlichen – M. Birkhölzer: Assessments of Identity Development in Adolescence (AIDA) Konstruktiver Stressabbau Egle (Hrsg.) Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung Differenziert werden Krankheitsbilder sowie die wissenschaftlich fundierten Möglichkeiten der Therapie, Prävention und Begutachtung schwer traumatisierter Patienten sowie der Täter selbst dargestellt. 4., erw. u. vollst. aktual. Aufl. 2015. Ca. 992 Seiten, 52 Abb., 56 Tab., geb. Ca. € 99,99 (D) / € 102,80 (A) ISBN 978-3-7945-2921-6 Eltern bitten Lehrer und Berater an den Runden Tisch 2015. 163 Seiten, mit 11 Abb., kartoniert € 14,99 D ISBN 978-3-525-40222-1 eBook: € 11,99 D ISBN 978-3-647-40222-2 Hoffmann, Roshdi (Hrsg.) Irrtum und Preisänderungen vorbehalten. Abb.: © www.fofotila.de Helmut Bonney / Juliane Bonney Schulversagen? Erkennung, Therapie und Prävention der Folgen früher Stresserfahrungen Amok und andere Formen schwerer Gewalt Risikoanalyse – Bedrohungsmanagement – Präventionskonzepte Ein wichtiges Arbeitsbuch und Nachschlagewerk für alle im Bereich Bedrohungsmanagement und Gewaltprävention Tätigen. Anliegen des systemisch arbeitenden Autorenpaars ist es, bei Schulproblemen Lösungen zu finden durch ein kooperatives Zusammenwirken von Familien, Pädagogen und Beratern – ohne Vorwürfe oder Schuldzuweisungen. 2015. Ca. 304 Seiten, 15 Abb., 9 Tab., geb. € 59,99 (D) / € 61,70 (A) | ISBN 978-3-7945-2881-3 www.schattauer.de Verlagsgruppe Vandenhoeck & Ruprecht ipabo_66.249.76.55 www.v-r.de Marcus Hasselhorn · Jan-Henning Ehm · Hanna Wagner Wolfgang Schneider · Hermann Schöler Zusatzförderung von Risikokindern Handreichung für pädagogische Fachkräfte im Übergang vom Elementar- zum Primarbereich Markus Hasselhorn Jan-Henning Ehm · Hanna Wagner Wolfgang Schneider Hermann Schöler Zusatzförderung von Risikokindern Handreichung für pädagogische Fachkräfte im Übergang vom Elementar- zum Primarbereich Auch als E-Book Sabine Ahrens-Eipper Katrin Nelius Geschichte von Til Tiger Das Kinderbuch D Ki d b h zum „Trainingsprogramm für sozial unsichere Kinder“ Sabine Ahrens-Eipper Katrin Nelius Die Geschichte von Til Tiger Das Kinderbuch zum „Trainingsprogramm für sozial unsere Kinder“ Auch als (H (Hrsg.) Arnold Lohaus · Michael Glüer (Hrsg.) Entwicklungsförderung im Kindesalter Grundlagen, Diagnostik und Intervention ervention 2015, 85 Seiten, € 19,95 / CHF 28,50 ISBN 978-3-8017-2573-0 Trotz vielfältiger erfolgreicher Anstrengungen zur Qualitätssteigerung des pädagogischen Alltags in Kindertagesstätten ist der Anteil der Kinder mit frühen schulischen Anpassungs- und Lernproblemen in den vergangenen Jahrzehnten erheblich angestiegen. Um dem entgegenzuwirken, wurde in Baden-Württemberg in den letzten Jahren ein Konzept zur gezielten zusätzlichen Förderung von Kindern mit schulrelevanten Entwicklungsauffälligkeiten entwickelt und erprobt. Die AArnold Lohaus · Michael Glüer 2015, 98 Seiten, Kleinformat, € 9,95 / CHF 14,90 ISBN 978-3-8017-2696-6 E-Book Die Tigergeschichte unterstützt sozial unsichere Kinder zwischen vier und zehn Jahren auf fantasievolle und altersgerechte Weise dabei, mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln. Das Kinderbuch kann auch als Ergänzung zum Buch »Mutig werden mit Til Tiger. Ein Trainingsprogramm für sozial unsichere Kinder« (ISBN 978-3-80172247-0) verwendet werden, um die im Training erzielten Effekte langanhaltend zu unterstützen. Die liebebvollen Illustrationen regen die Fantasie der Kinder an und animieren zum Ausmalen. Auch als E-Book E Entwicklungsförderung im fö KKindesalter G Grundlagen, Diagnostik und Interventionen In 2014, 326 Seiten, 20 € 32,95 / CHF 44,90 ISBN IS 978-3-8017-2543-3 Das Buch führt zunächst allgemein in die Grundlagen der Entwicklungsförderung ein. Im zweiten Teil wird auf spezifische Funktionsbereiche der kindlichen Entwicklung eingegangen, wie Motorik, Sprache, intellektuelle, soziale und emotionale Fähigkeiten. Neben diesen allgemeinen Bereichen werden akademische Kompetenzen (mathematische Kompetenzen, Lese- und Rechtschreibkompetenz), Hochbegabung, musikalische und Medienkompetenzen diskutiert. Gerhard W. Lauth · Matthias Grünke Joachim C. Brunstein (Hrsg.) Interventionen bei Lernstörungen Förderung, Training und Therapie in der Praxis Ge Gerhard W. Lauth Ma Matthias Grünke Joa Joachim C. Brunstein (Hrsg.) In Interventionen bei Lernstörungen be För Förderung, Training und Therapie in der Praxis Th 2., überarbeitete und erweiterte Auflage Auch als 2., überarb. u. erw. Auflage 2014, 589 Seiten, € 49,95 / CHF 66,90 58 ISBN 978-3-8017-2486-3 ISB E-Book Der vorliegende Band präsentiert in seiner überarbeiteten und erweiterten Neuauflage zahlreiche effektive Möglichkeiten der Lernförderung. Führende Expertinnen und Experten stellen Interventionen mit einer empirischen gut belegten Wirksamkeit dar, sodass sie im (Förder-)Unterricht, in Trainings und in Therapien leicht umgesetzt werden können. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG Merkelstraße 3 · 37085 Göttingen · Tel.: (0551) 99950-0 · Fax: -111 E-Mail: [email protected] · Internet: www.hogrefe.de Anne Alvarez Isabelle Meier Das denkende Herz Großeltern – Große Eltern Drei Ebenen psychoanalytischer Therapie mit gestörten Kindern Archetypische und klinische Perspektiven der GroßelternEnkelkind-Beziehung »Minutiös diagnostiziert Alvarez den psychischen Zustand ihrer Patienten, unterscheidet beispielsweise sehr genau, ob ein Kind auf psychopathische Weise von Gewalt fasziniert ist oder einfach voller Gewalt ist, die es nicht verarbeiten kann (...). Anne Alvarez hat wirklich etwas zu sagen.« (Herbert Kley, Psyche) 304 S., geb. Großoktav, € 34,90 ISBN 978-3-95558-066-7 Meier zeigt an klinischen Beispielen, auf welche Weise sich Großeltern-EnkelkindBeziehungen sowohl positiv als auch negativ auf die kindliche Psyche auswirken und wie sich dies auch in Psychotherapien und Psychoanalysen niederschlägt. 184 S., Pb. Großoktav, € 19,90 ISBN 978-3-95558-115-2 Manfred Endres Catharina Salamander (Hrsg.) Jutta Kahl-Popp Das Gefühl, Gestalt anzunehmen Latenz: Entwicklung und Behandlung Zur Subjektivität in der Psychotherapieausbildung Kahl-Popp wertet Interaktionssequenzen von klinischen und supervisorischen Dialogen aus. Desgleichen werden Träume der angehenden Psychotherapeuten analysiert. Sie zeigt somit auf, welche Faktoren in den psychotherapeutischen Ausbildungen das Lernen hin zu klinischer Könnerschaft anregen oder beeinträchtigen. 208 S., Pb. Großoktav, € 24,90 ISBN 978-3-95558-117-6 Jahrbuch der Kinderund JugendlichenPsychoanalyse, Bd. 3 Das Latenz-Kind wagt normalerweise den Sprung aus der Familie und beginnt in der Schule zu lernen. Doch in der Latenz offenbaren sich dann Probleme und Konflikte aus vorangegangenen Entwicklungsschritten, die nun psychotherapeutisch bearbeitet werden müssen. 284 S., geb. Großoktav, € 29,90 ISBN 978-3-95558-071-1 Bitte fordern Sie auch unseren kostenlosen Psychoanalysekatalog an: [email protected] • www.brandes-apsel-verlag.de Gerne senden wir Ihnen auch unseren kostenlosen Newsletter zu: [email protected] ipabo_66.249.76.55 Ängste abbauen – Stärken fördern Kinder- und Jugendlichentherapie bei Carl-Auer Neu 230 Seiten, Kt, 2015 € (D) 24,95/€ (A) 25,70 ISBN 978-3-8497-0069-0 324 Seiten, Kt, 2015 € (D) 34,–/€ (A) 35,– ISBN 978-3-8497-0091-1 120 Seiten, Kt, 2013 € (D) 13,95/€ (A) 14,40 ISBN 978-3-8497-0004-1 128 Seiten, Kt, 2. Aufl. 2009 € (D) 13,95/€ (A) 14,40 ISBN 978-3-89670-465-8 109 Seiten, Kt, 2015 € (D) 9,95/€ (A) 10,30 ISBN 978-3-8497-0082-9 118 Seiten, Kt, 2015 € (D) 9,95/€ (A) 10,30 ISBN 978-3-8497-0026-3 Carl-Auer Verlag • www.carl-auer. de Auf www.carl-auer.de bestellt, deutschlandweit portofrei geliefert! ipabo_66.249.76.55 Tabus sichern Identität – Tabubrüche ermöglichen Entwicklung Hartmut Kraft Die Lust am Tabubruch 2015. 244 Seiten, mit 15 Abb., kartoniert € 19,99 D ISBN 978-3-525-49154-6 eBook: € 15,99 D ISBN 978-3-647-49154-7 Tabus sichern Identität – Tabubrüche ermöglichen Entwicklung. So ist es immer wieder interessant zu fragen, warum wir uns dem einen Tabu unterwerfen, ein anderes aber brechen – oder ein neues errichten. Tabus haben Konjunktur. Bestimmte Tabubrüche führen zum Ausschluss aus der Bezugsgruppe. So ist ein Politiker, der in Deutschland das Antisemitismus-Tabu bricht, schnell am Ende seiner Karriere. Doch besteht immer auch eine Lust am Tabubruch, das Bedürfnis, überholte und verkrustete Denk- und Handlungsmuster abzustreifen. Von der sexuellen Revolution bis zu den Auseinandersetzungen um die Homosexuellenehe zieht sich ein roter Faden des gesellschaftlichen Wandels. Auf diesem Weg mussten zahlreiche Tabus in Frage gestellt, gebrochen und neue Normen und Gesetze aufgestellt werden. Der Psychoanalytiker Hartmut Kraft untersucht das Tabuphänomen in all seinen spannenden Facetten. Verlagsgruppe Vandenhoeck & Ruprecht www.v-r.de www.klett-cotta.de / fachbuch Tanja Göttken, Kai von Klitzing Psychoanalytische Kurzzeittherapie mit Kindern (PaKT) Ein Behandlungsmanual 287 Seiten, gebunden € 37,95 (D). ISBN 978-3-608-94882-0 Tanja Göttken / Kai von Klitzing Psychoanalytische Kurzzeittherapie mit Kindern (PaKT) NEU Ein Behandlungsmanual Das erste psychoanalytische Manual für Kinderpsychiatrie und -psychologie »Dieses Buch ist gleichermaßen für weniger und mehr erfahrene Psychotherapeuten geeignet. Ersteren dient es als eine gute Einführung in die Diagnostik und Therapie der psychoanalytischen Kindertherapie, letzteren kann es als Anregung dienen, das eigene theoretische und therapeutische Wissen zu erweitern. Es integriert erfolgreich Altes und Neues in dem SInne, dass nicht nur neuere psychoanalytische Konzepte aufgenommen werden, sondern auch, indem die Autoren keine Scheu haben, sich der wissenschaftlichen Prüfbarkeit ihres Vorgehens zu stellen. … In ihrem außergewöhnlich gut strukturierten Buch bringen uns die beiden Autoren die Vorteile dieses Ansatzes für das Gebiet der Kindertherapie nahe. … Ein inhaltsreiches Buch, das hoffentlich ein Lehrbuch wird.« Daniel Barth, Kinderanalyse Blättern Sie online in unseren Büchern und bestellen Sie bequem und versandkostenfrei unter: www.klett-cotta.de/fachbuch ipabo_66.249.76.55 Leitfaden für die systemische Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und ihrem sozialen Umfeld Reinert Hanswille (Hg.) Handbuch systemische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie Mit einem Vorwort von Jochen Schweitzer. 2015. 590 Seiten, mit einigen Abb. und digitalem Zusatzmaterial, gebunden € 49,99 D ISBN 978-3-525-40195-8 eBook: € 39,99 D ISBN 978-3-647-40195-9 Die systemische Therapie stellt durch die enge Einbeziehung der Familie, ihre Haltungen wie Wertschätzung, Ressourcen-, Kontext- und Lösungsorientierung sowie ihre verbale und nonverbale Methodenvielfalt den idealen Zugang für die psychotherapeutische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen dar, die auffällige Verhaltensweisen zeigen. Dieses Handbuch aus der Feder renommierter Therapeuten bietet einen Überblick über: • • • • • • • grundlegende Werkzeuge und Settings in der systemischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, spezifische Herausforderungen der therapeutischen Arbeit mit verschiedenen Altersstufen, unterschiedliche Familien- und Lebensformen und ihre Bedeutung für den Therapieprozess, systemische Diagnostikverfahren und das Störungsverständnis, Arbeiten mit Symptomen und Auffälligkeiten, systemisch-familientherapeutische Techniken und Verfahren aus benachbarten Therapierichtungen, Versorgungskontexte. Das dazugehörige Online-Material enthält Arbeitsblätter zu kreativen Techniken und Methoden sowie Diagnostikmaterial. Verlagsgruppe Vandenhoeck & Ruprecht www.v-r.de
© Copyright 2024 ExpyDoc