g.o.a.l. – ERSTE SCHRITTE ZUR ENTWICKLUNG EINER

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PROJEKTE
g.o.a.l. – ERSTE SCHRITTE ZUR ENTWICKLUNG EINER GESUNDEN ORGANISATION
Timo Marks
Anna Peck
Institut für angewandte Arbeitswissenschaft, ifaa
Die Abkürzung g.o.a.l. steht für „Gesunde Organisation – Strategien zur Förderung der Leistungsfähigkeit von
Beschäftigten. Dieses vom ifaa und weiteren Kooperationspartnern in fünf M+E- sowie Chemieunternehmen
durchgeführte Projekt sollte Erfahrungen darüber sammeln, wie sich ein Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) etablieren lässt. BGM kann Unternehmen dazu
verhelfen, zu einer gesunden Organisation zu werden. Dieser Artikel informiert darüber, welche Schritte und
Ressourcen hierfür erforderlich sind und welchen Nutzen Unternehmen davon haben.
Was sind gesunde Organisationen?
Laut National Health Institute for Occupational Safety
and Health sind es Unternehmen, „deren Kultur, Klima und
Prozesse Bedingungen schaffen, die die Gesundheit und
Sicherheit der Mitarbeiter ebenso fördern wie ihre Effizienz“. Es gibt viele Gründe für ein Unternehmen, sich zu
einer gesunden Organisation zu entwickeln.
Kernprozesse definieren den Wert eines Unternehmens. Firmen muss deshalb im Interesse ihrer langfristigen Wettbewerbsfähigkeit daran gelegen sein,
sie aufrechtzuerhalten. Das gelingt nur mit nachhaltig
leistungsfähigen und gesunden Mitarbeitern. Aus diesem Grund beschäftigen sich viele Unternehmen freiwillig und auch über den gesetzlichen Arbeitsschutz
hinaus mit der Gesundheit ihrer Belegschaften. Ihr Ziel
ist es, zu einer gesunden Organisation zu werden und
es zu bleiben. Sie arbeiten dabei mit der betrieblichen
Gesundheitsförderung (BGF) oder dem Betrieblichen
Gesundheitsmanagement (BGM). Dieser Artikel legt
den Fokus auf das BGM. Gesunde Organisationen sind
eine wichtige Voraussetzung für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und des gesamten
Industriestandortes Deutschland.
Was kann Betriebliches
Gesundheitsmanagement leisten?
Betriebliches Gesundheitsmanagement ist eine freiwillige Leistung der Arbeitgeber. Deshalb sollte BGM
die Eigenverantwortung der Mitarbeiter für die eigene Gesundheit fördern und stärken. Unterneh-
men können Mitarbeiter dabei unterstützen, an ihrer
Leistungsfähigkeit zu arbeiten, indem sie BGF-Maßnahmen, wie beispielsweise Betriebssport oder medizinische Vorsorgeuntersuchungen, anbieten. Beim
BGM gilt es, die Ursachen zu verstehen und im Sinne
eines Management-Prozesses geeignete Maßnahmen
abzuleiten. Wenn BGM nachhaltig systematisch in
die bestehende Prozesse und andere Arbeitsbereiche
(siehe Abbildung 1) integriert wird, kann es sowohl
dem Arbeitgeber als auch den Beschäftigten auf vielfältige Weise nutzen.
Was ist Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM)?
Darunter versteht man das planvolle Steuern eines Prozesses zur Erarbeitung sowie zur Umsetzung und Evaluation
von Maßnahmen zur Gesundheitsprävention und -förderung in einem Unternehmen. Teilprozesse sind dabei die
strategische und operative Planung, die Organisation, die
Steuerung der Umsetzung, die Kontrolle der Ergebnisse
sowie die Fortentwicklung von BGM (Wienemann, 2002).
Arbeitgeber können langfristig von leistungsfähigeren
und motivierten Mitarbeitern profitieren. Das steigert
nachweislich die Wettbewerbsfähigkeit. Ein Betriebliches Gesundheitsmanagement kann auch dazu beitragen, die Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen
zu steigern und die Arbeitgeberattraktivität zu erhöhen.
Eine verbesserte Gesundheit bringt den Beschäftigten
eine bessere Lebensqualität. Sie kann auch zu erhöhter
Motivation und Zufriedenheit beitragen. Wer im Arbeitsleben leistungsfähig ist, wird dies auch beim Renteneintritt sein. Tabelle 1 fasst die Vorteile für Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen.
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ifaa
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Das Projekt g.o.a.l.
Unternehmensführung Best Practices für ein erfolgreiches
BGM stammen mehrheitlich von
medienbekannten Konzernen. Es
fehlt an entsprechendem Erfahrungswissen in KMU. Deshalb för dern der Europäische Sozialfonds
Individuelle und die „Initiative weiter bilden“
Fehlzeiten-­‐
Gesundheits-­‐
Gesundheits-­‐
des Bundesministeriums für Armanagement management kompetenz beit und Sozialordnung seit 2012
das Qualifizierungsprojekt „g.o.a.l.
– Gesunde Organisation. Strategi en zur Förderung der LeistungsfäGesundheits-­‐
Personal-­‐
higkeit von Beschäftigten“. Dieses
management angebote vom Institut für angewandte Ar beitswissenschaft durchgeführte
Projekt sollte ein BGM-Konzept
für KMU entwickeln und erproben.
g.o.a.l. begleitete über einen Zeitraum von 2,5 Jahren hinweg fünf
Abb. 1: Handlungsfelder im Betrieblichen Gesundheitsmanagement
KMU aus der Metall- und Elektroindustrie und der
Chemiebranche bei der Konzeption und ImplementieTrotz der Vorteile ist Betriebliches Gesundheitsmanagerung von organisationsindividuellen Gesundheitsmament sicherlich nicht für alle Unternehmensgrößen
nagementsystemen. Aktive Kooperationspartner sind
gleichermaßen geeignet, sondern eher für große (> 250
die Hochschule Fresenius – Fachbereich Wirtschaft
Beschäftigte) und auch mittlere Unternehmen (zwiund Medien GmbH, NORDMETALL Verband der Meschen 50 und 249 Beschäftigten, Definition laut HGB
tall- und Elektro-Industrie e. V., Nordostchemie, das
§§ 267 und 267a). Für Kleinstunternehmen und kleine
Bildungswerk der Wirtschaft GmbH und das BildungsUnternehmen ist es wichtig, nicht in Aktionismus zu
werk Nordostchemie e.V.
verfallen, sondern zunächst die gesetzlichen Arbeitsschutzanforderungen zu erfüllen. Darauf aufbauend
können gegebenenfalls strukturiert (auf Ursachen baDas Projekt gliederte sich in vier Phasen
sierend) Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsför(siehe Abbildung 2):
derung als Ergänzung angeboten werden.
1. Sensibilisierungsphase: In dieser ersten Phase des
Projekts wurden das Managementteam, Führungskräfte
Tabelle 1: Vorteile von BGM auf einen Blick (Quelle: Bundesministerium für Gesundheit, 2013)
und der Betriebsrat für Betriebliches Gesundheitsmanagement sensibilisiert
Vorteile für Arbeitgeber
Vorteile für Arbeitnehmer
(Aspekte wie RollenverDie Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter
Der Gesundheitszustand bessert sich.
ständnis, eigene Verantwird gesichert.
Gesundheitliche Risiken sinken.
wortung und Ablauf des
Projekts), um so eine
Durch weniger Krankheits- und Produk- Arztbesuche können reduziert werden.
Grundlage für die Projekttionsausfälle können Kosten gesenkt
arbeit zu schaffen.
werden.
Arbeits-­‐ schutz Arbeits-­‐
gestaltung Das Image (Arbeitgeberattraktivität) des
Unternehmens wird aufgewertet.
Gesundheitliche Rahmenbedingungen im
Unternehmen werden verbessert.
Produktivität und Qualität steigen.
Belastungen werden reduziert.
Die Wettbewerbsfähigkeit steigt.
Die Lebensqualität bessert sich.
Die Identifikation mit dem Unternehmen
steigt, und dadurch auch die Motivation
der Mitarbeiter.
Die eigene Leistungsfähigkeit bleibt
erhalten oder kann sogar verbessert
werden.
Die Arbeitszufriedenheit erhöht sich, und
das Betriebsklima verbessert sich.
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2. Realisierungsphase: In
der zweiten Phase, die einen Großteil des Projekts
ausmacht, wurden in den
Unternehmen sogenannte
„Multiplikatoren-Teams“
zu verschiedenen Themenfeldern des Betrieblichen Gesundheitsmanagements qualifiziert.
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Im Anschluss an die Qualifizierungsmaßnahmen wurden
in den Unternehmen durch die Multiplikatoren Umsetzungsprojekte initiiert. Auf diese Weise wird das Wissen
der Multiplikatoren in den Unternehmen verbreitet.
duellen Erfahrungen diskutieren und voneinander lernen zu
können, finden regelmäßig branchenübergreifende Erfahrungsaustäusche statt, um entstandenes Wissen in andere
Unternehmen zu transferieren.
3. Stabilisierungsphase: In der Stabilisierungsphase spielt das
Monitoring des Konzeptes eine zentrale Rolle: Hier geht es
um die Umsetzung der BGF-Maßnahmen, die Aktionen, den
Fortschritt der arbeitsorganisatorischen Veränderungen etc.
Diese Phase ist sehr wichtig, sie wird aber erfahrungsgemäß
von Unternehmen nicht selten vernachlässigt. Die Ergebnisse des Monitorings dienen dazu, gegebenenfalls Konzeptanpassungen vorzunehmen. Um die unternehmensindivi-
4. Die gesunde Organisation: Ziel von g.o.al. war es von
Anfang an, einen Rahmen zu schaffen, der als langfristige Basis zur Entwicklung einer gesunden Organisation
dient. Hierzu zählen das Betriebliche Gesundheitsmanagement und die Omnipräsenz von Gesundheitsthemen. Gesunde Organisationen integrieren BGM in bestehende Prozesse und Strukturen. So gelingt es ihnen,
BGM im organisatorischen Tagesgeschäft kontinuierlich
weiterzuentwickeln und zu verbessern. Diese vierte Phase beinhaltet
für die Unternehmen dauerhafte
und konsequente Organisationsentwicklungs-Arbeit. Dies verdeutlicht
den Nachhaltigkeitscharakter des
Projektes g.o.a.l.
Gesunde
Organisation
Sensibilisierungsphase
Bewusstseinswandel
Realisierungsphase
Qualifizierung und
Implementierung
Stabilisierungsphase
Vernetzung der
Einzelmaßnahmen
Die gesunde
Organisation
Kontinuierliche
Entwicklung
des BGM
Reifegrad
Abb. 2: Vier Phasen des Projekts g.o.a.l.
Jahr
2014
Jahr
2013
Jahr
2012
Mgt.
FŸ hrung
Das Schulungskonzept ist an den
vierstufigen Projektaufbau angelehnt. In der Sensibilisierungsphase
fand ein Gesundheits-Visions-Workshop statt, an dem die drei oberen
Ebenen der Unternehmenspyramide
(s. Abbildung 3), Management, Führungskräfte und Betriebsrat, teilnahmen. Ziel dieses Workshops war es,
gemeinsam auf Basis einer zuvor
erstellten Analyse zum Ausgangszustand des Unternehmens eine Gesundheitsvision zu entwickeln. Diese
Vision sollte die Ziele umfassen, die
mit der Entwicklung zu einer gesunden Organisation verbunden sind.
Auf Basis der Vision wurde im nächsten Schritt ein passender Schulungsplan zusammengestellt.
In der Realisierungsphase wurden die
Multiplikatoren und andere Unternehmensvertreter zu verschiedenen
Themen geschult. Themen waren hier
beispielsweise Demografie-Management,
Lebenssituationsspezifische
Arbeitszeitmodelle, Betriebliches Eingliederungsmanagement, Psychische
Belastung und Gesundheitsmarketing. Im Nachgang zu den Schulungen wurden Kennzahlen mit Blick auf
die Gesundheitsvision formuliert, um
Betriebsrat
Multiplikatoren
Mitarbeiter
© ifaa – Projektvorstellung g.o.a.l. – Düsseldorf – 2013 Abb. 3: Schulungskonzept
Das Schulungskonzept
4 BETRIEBSPR A XIS & ARBEITSFORSCHUNG 220 | 2014
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so bei der Umsetzung von Teilprojekten zu den verschiedenen Themen Veränderungen messen zu können.
Die bei den Workshops erarbeitete Gesundheitsvision
soll für Führungskräfte und Mitarbeiter auch über das
Projekt hinaus als Orientierung dafür dienen, wohin die
Reise gehen soll. Denn es hat sich gezeigt, dass für die
Entwicklung einer gesunden Organisation viel Zeit benötigt wird, da sich alte Gewohnheiten und Verhaltensmuster nicht von heute auf morgen ändern.
Umsetzung durch die Multiplikatoren
Ziel des Projektes: Die teilnehmenden Unternehmen
sollen sich langfristig ohne externe Unterstützung zu
einer gesunden Organisation entwickeln. Hierzu wurden
die Multiplikatoren über 1,5 Jahre qualifiziert. Zukünftig
werden sie ihr Wissen an die Mitarbeiter im Unternehmen weitergeben. Wichtigste Erfolgsvoraussetzung dabei: Die Multiplikatoren brauchen die Akzeptanz und die
Unterstützung der Geschäftsleitung und der direkten
Vorgesetzten. Fehlt die nötige Rückendeckung, so ist es
schwierig oder sogar unmöglich für die Multiplikatoren,
den Veränderungsprozess in Richtung einer gesunden
Organisation anzustoßen und zu realisieren.
Multiplikatoren sollten sorgfältig nach Eignung ausgesucht werden. Sie sollten
• durchInteresseanGesundheitsthemenmotiviertsein,
• durch ihre gute Integration und Sozialkompetenz
eine Vorbildfunktion im Unternehmen haben,
• Interessedaranhaben,Wissenzuvermittelnund
• bereitsein,eineLotsenfunktionzuübernehmen.
Im Multiplikatoren-Team sollten Beschäftigte und Führungskräfte aus unterschiedlichen Unternehmensbereichen – beispielsweise aus Betriebsrat, Produktion und
Verwaltung – zusammenarbeiten.
Multiplikatoren müssen wissen, welche Ziele die Geschäftsführung mit der Einführung eines Betrieblichen
Gesundheitsmanagements verfolgt und wie sie die Rolle und Befugnisse der Multiplikatoren definiert.
Die Erfahrung hat gezeigt, dass Multiplikatoren Rahmenbedingungen wie das Budget, die erforderlichen zeitlichen
Ressourcen und die gewünschte Frequenz der Berichte
an die Geschäftsleitung kennen sollten. Vor allem ist dabei zu beachten, dass die Multiplikatoren ihre Aufgaben
zusätzlich zum Tagesgeschäft erledigen müssen. Um das
langfristige Ziel einer gesunden Organisation nicht aus
den Augen zu verlieren, sollte sich das Unternehmen regelmäßig Meilensteine setzen und Erfolge im Rahmen
von BGM feiern. Dies motiviert auch die Multiplikatoren.
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Fazit nach knapp zwei Jahren Laufzeit des Projektes
g.o.a.l.: Es war aufwändig und zeitintensiv, Rahmenbedingungen für die gesunde Organisation zu definieren.
Insbesondere mussten die Unternehmensführungen
regelmäßig wieder für BGM sensibilisiert und an den
Zusammenhang von Gesundheit und Wettbewerbsfähigkeit erinnert werden. Dies ist aber eine notwendige
Voraussetzung für die Initiierung der Entwicklung zu
einer gesunden Organisation.
Literatur
Bundesministerium für Gesundheit (Hrsg.):
Betriebliche Gesundheitsförderung – Vorteile, 2013,
verfügbar unter http://www.bmg.bund.de/praevention/betriebliche-gesundheitsfoerderung/vorteile.html
National Institute of Occupational Safety and
Health – NIOSH, in Loewe, G. S., Building healthy
organizations takes more than simply putting in a
wellness program. Toronto: Canadian HR Reporter,
2003, verfügbar unter:
http://www.grahamlowe.ca/documents/83/Building
%20hlthy%20orgs%202003-09-08%20CHRR.pdf
Wienemann, E.:
Betriebliches Gesundheitsmanagement. Referat zum
1. Kongress für betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz „Gesünder arbeiten in Niedersachsen“,
Braunschweig 2002, verfügbar unter:
http://www.wa.uni-hannover.de/wa/konzepte/
WA_BGMKonzept.pdf
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