SWR2 Tandem

SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Tandem
Wohnraumrevoluzzer
Alltag in einem besetzten Haus
Von Nina Marie Bust-Bartels
Sendung: Freitag, 30. September 2016, 10.05 Uhr
Redaktion: Fabian Elsäßer
Regie: Günter Maurer
Produktion: SWR 2016
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede
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MANUSKRIPT
O-Ton 1 (Heike) Länge 0’38’’:
Hier lege ich jetzt einen Fußboden, also da haben wir letzte Woche schon mit
angefangen und machen jetzt ein bisschen weiter, mal gucken, wie weit ich heute
komme. So dann können bald hier auch eine Küche raus bauen und dann gibt es
dann oben auch eine Küche.
Regie: O-Ton endet mit Atmo (sägen und räumen)
O-Ton 2 (Heike) Länge 0’19’’:
Also ja ich heiße Heike und bin seit 25 Jahren hier in Göttingen. Ich arbeite als
Tischlerin und habe eine erwachsene Tochter, die lebt nicht mehr in Göttingen. Und
ich bin 49 Jahre alt.
O-Ton 3 (Heike) Länge 0’53’’:
So das ist das Parkett das wir geschenkt bekommen habe und ja, das muss ich jetzt
noch auf Maß schneiden und dann hoffen wir, dass das gut aussieht.
Regie: O-Ton endet mit Atmo (sägen und räumen)
Erzähler:
Heike ist eine Frau, die zupacken kann. Sie trägt Jeans und T-Shirt, legere
Arbeitskleidung. Seit einer guten Stunde robbt sie auf den Knien über den
verschlissenen Boden, legt präzise eine Parkettdiehle an die nächste. Und das,
obwohl sie schon einen ganzen Arbeitstag in ihrem regulären Beruf hinter sich hat.
Das Haus, in dem sie heute einen neuen Boden verlegt, gehört ihr nicht. Zusammen
mit einem guten Dutzend anderer hat sie es besetzt. Das heißt, sie sind in das
leerstehende Haus eingestiegen und haben beschlossen: Wir wohnen jetzt hier.
Atmo1 (Heike kramt Bauzeug) Länge: 0’39’’
O-Ton 4 (Heike) Länge 0’44’’:
Es gab natürlich eine Vorbereitung und eine Überlegung, es gab viele Menschen, die
sich dazu getroffen haben und überlegt haben, dass das hier eine Unmöglichkeit ist,
(..) also dieses Haus steht seit sechs Jahren leer und das war in der Zeit, in der
täglich neue und mehr Geflüchtete nach Deutschland kamen und auch hier in
Göttingen die Geflüchteten in große Massenunterkünfte untergebracht waren. Das
geht nicht, also hier ist ein Haus, zwanzig Leute können hier wohnen mindestens und
haben ein eigenes Zimmer, haben ihre Privatsphäre hier. Und das war aus dem
Grund folgerichtig, dann zu beschließen, wir gehen hier rein. Es gab natürlich
Vorbereitungen und es gab natürlich Überlegungen, wie wir das hier gemeinsam
gestalten wollen und ja.
Erzähler:
Es war eine regnerische Nacht im November 2015. Damals flüchteten jeden Tag
tausende Menschen zu Fuß nach Deutschland. Sie wohnten in Zelten und zu
hunderten in großen Hallen. Nicht nur Heike war empört, dass der graue 50er Jahre
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Bau mit der gekachelten Fassade leer stand und zunehmend verfiel. Sie und ihre
Mitstreiter wurden zu Besetzern. Jetzt hängen bemalte Bettlaken aus den Fenstern,
und die Türen stehen offen.
Erzähler:
Einer von den neuen Göttingern, die in dem besetzten Haus wohnen, ist Anas.
O-Ton 5 (Anas) Länge 0’39’’:
Before I was in a Camp close to here, in Friedland. Yeah there was no place in there
and it was so shitty, so it was better solution to move here.
Übersetzer:
Vorher war ich in einem Flüchtlingslager hier in der Nähe, in
Friedland. Aber da war es so überfüllt und die Zustände waren so
schlecht, da war es besser hier her zu ziehen.
I came after five days or something. I have friends here in Göttingen and they told me
about the project and they told me about the project, because it was like kind of
popular. A lot of people here in the city know about it. And I came here and I saw the
project for the first time and then I started to come more and I moved in, I asked for
moving in and it worked.
Übersetzer:
Ich bin so nach fünf Tagen dazu gekommen. Ich habe Freunde hier in Göttingen und
die haben mir von dem besetzten Haus erzählt. Das ist sehr bekannt in Göttingen
und da bin ich einfach mal vorbei gegangen. Weil es mir gefallen hat, bin ich immer
öfter gekommen - und irgendwann bin ich eingezogen.
Erzähler:
Anas sitzt auf dem Sofa in seinem Zimmer im dritten Stock. Neben ihm sitzt Sophie.
Die beiden haben sich hier im besetzten Haus kennengelernt und teilen sich das
Zimmer.
O-Ton 6 (Anas und Sophie) Länge: 0’42’’:
Anas: Here Sophie has 160 cm, something like this, tall, beautiful face, long blond
hair and yeah..blue eyes.
Übersetzer:
Sophie hier ist etwa 1,60 groß, hat ein sehr schönes Gesicht, lange blonde Haare
und blaue Augen.
Sophie:
Anas, der neben mir sitzt, hat braune Augen und ist ungefähr 1,80 groß und er hat
dunkle Haare und trägt heute grüne Shorts und ein grünes T-Shirt.
O-Ton 7 (Anas) Länge 0’38’’:
The room, okay, there is two beautiful blue couchs and bed, it’s like a matress on the
floor, but I like it. And some pictures and Stickers on the walls. And we have plants,
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what’s this thing - mint? - no the other one. - Grünlilie? - Yeah Grünlilie, it’s growing
good. Yeah maybe the window looks a bit as a office window, but we changed the
lights and with all the things in the room it’s completely fit for living.
Übersetzer:
Anas: Das Zimmer, ja wir haben zwei schöne blaue Couchen und ein Bett. Eigentlich
ist es eine Matratze auf dem Boden, aber ich mag das. Und ein paar Bilder an den
Wänden… Und ja, Pflanzen haben wir auch. Was ist das nochmal?
Sophie: Mint?
Anas: Nein, die andere.
Sophie: - Grünlilie? Anas: Yeah Grünlilie. Die wächst echt gut. Und ja das Fenster erinnert noch daran,
dass das hier mal ein Büro war, aber wir haben die Neonleuchten ausgetauscht und
mit all den Möbeln ist das Zimmer jetzt sehr wohnlich.
Erzähler:
Insgesamt 16 Leute wohnen in dem besetzten Bürogebäude. Die meisten haben ein
eigenes Zimmer, nur wer möchte, teilt sich eines. Aber viele Räume sind
Durchgangszimmer. Viel Privatsphäre gibt es also nicht.
O-Ton 8 (Anas) Länge 0’21’’:
Yeah, we are living together like so friends, we always see each other, we always sit
together in each others room, so it’s like you know who is in the room and you know if
you should knock or not, so it’s more like family, yeah.
Übersetzer:
Wir wohnen hier alle sehr eng zusammen, wie Freunde. Wir sehen uns sehr viel und
sitzen oft zusammen. Dann weißt du auch, wer da ist und wann man besser
anklopfen sollte, bevor man durch ein Zimmer geht. Das Zusammenwohnen ist mehr
wie bei einer Familie.
O-Ton 9 (Sophie) Länge 1’11’’:
Also ich glaube schon, dass es auf eine Art zusammen schweißt, weil wir ja auch
viele Aktionen zusammen machen, also überhaupt das Haus aufrechterhalten, ist ja,
also die ganzen Aktionen die hier passieren, das ist ja viel Arbeit, die wir hier
zusammen machen. Und eben auch zusammen dafür uns einsetzen, dass das so
erhalten bleiben kann. Aber gleichzeitig wohnen hier glaube ich unterschiedlichere
Leute zusammen, als in normalen Wohngemeinschaften, dadurch gibts auch mehr
Konfliktpotential, also in einer Wohngemeinschaft kann kann man sich vielleicht
über’s Abwaschen streiten, oder Lärm, aber so viel gibt es dann auch nicht über das
man sich streiten kann. Aber wenn man etwas zusammen erreichen will, bringt das
einen mehr zusammen, aber ja man lernt sich irgendwie auch besser kennen,
anders. Und dann, oft läuft es dann schon anders als in einer Wohngemeinschaft,
dass man nicht so sehr nach Sympathie entscheidet, wer einzieht, sondern auch
andere Gründe, wie wenn jemand halt gerade dingend was braucht und dann passt
es halt manchmal und manchmal nicht so gut.
Atmo 2 (Szene Wasser läuft) Länge: 0’30’’
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Erzähler:
Sophie, Anas und die anderen Besetzerinnen und Besetzer stecken viel Zeit in den
Ausbau des Hauses und in die sozialen Beziehungen untereinander. Sie besorgen
Lebensmittel, kochen gemeinsam und geben Deutsch-Unterricht für die, die ihn
brauchen. Oder sie organisieren Protestaktionen zum Erhalt des Hauses oder zu
aktuellen Flüchtlingsthemen. Oft sitzen sie auch einfach nur gemeinsam in der Küche
und genießen den Ort, den sie sich hier geschaffen haben. Wenn man einen VollzeitJob hat, ist das schwieriger. Tischlerin Heike wohnt zum Beispiel nicht hier.
O-Ton 10 (Heike und Sophie) Länge: 0’42’’:
Heike: Nee, ich wohne eigentlich ganz schön und ich habe nicht überlegt. Ich habe ja
die erste Zeit auch hier übernachtet, natürlich klar, weil das dann frisch besetzt war,
nein, aber ich habe nicht überlegt hier einzuziehen. Sophie: Naja, bei einem
besetzten Haus weiß man ja nun mal nicht, wie lange man da wohnen kann und das
bringt natürlich wenn man einzieht so eine Unsicherheit mit sich und ja jüngere Leute
ziehen vielleicht auch schneller um, deswegen wohnen hier auch mehr jüngere
Leute. Aber ein paar Leute, die hier wohnen, sind auch so zwischen dreißig und
vierzig, genau.
Erzähler:
In den 1970er und 80er Jahren gab es in jeder größeren Stadt besetzte Häuser.
Unter anderem in Freiburg, Heidelberg, Stuttgart, Pforzheim und Karlsruhe. Die Band
Ton Steine Scherben besang damals die Räumung eines besetzten Hauses in
Berlin.
Die Hausbesetzer damals waren eine eigene Subkultur, eine politische Bewegung.
Heute gibt es deutschlandweit nur noch wenige besetzte Häuser.
O-Ton 11 (Heike) Länge 0’29’’:
Ich hatte schon eine Zeit lang den Eindruck, dass hier die politische Arbeit früher
intensiver war. Klar es gab riesengroße Demo, riesengroße Hausbesitzerszene,
Hausbesetzerinnen-Szene, das ist alles ein bisschen zurückgefahren, so. Ist nicht
mehr so wie es früher gewesen ist, finde ich. Wobei jetzt, wo ich hier in diesem Haus
bin und erlebe, wie viele Menschen jetzt hier politisch sind, dann kann ich mir auch
vorstellen, dass ich vielleicht auch ein falsches Bild davon hatte in der
Zwischenzeit…. ( weil jetzt ist ja schon wieder viel los hier.)
Erzähler:
In den letzten Jahren wurden vielerorts leerstehende Häuser besetzt. In Göttingen
zum Beispiel 2013, als Studierende ein altes Wohnheim besetzten, um auf ihre
Probleme bei der Wohnungssuche aufmerksam zu machen. Aber wie in den meisten
Fällen, kam nach einigen Tagen die Polizei und räumte die Besetzerinnen und
Besetzer aus dem Haus. Warum funktioniert die Besetzung von Anas, Sophie, Heike
und den anderen?
In neun der sechzehn Zimmer wohnen Flüchtlinge. Und mit ihnen bekommt die
Besetzung etwas, dass die früheren Besetzungen in Göttingen nie erreichten: Die
Unterstützung der Bevölkerung.
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O-Ton 12 (Heike und Sophie)Länge: 0’58’’:
Heike: Von der Matratze bis zum Teppichboden, genau Fußböden sind uns
gespendet worden, ganz viel Geld ist gespendet worden, Lampen, Glühbirnen, alles
Mögliche eigentlich. Alles was man braucht zum Wohnen und zum Leben ist hierher
gebracht worden. Das waren tausende die uns hier unterstützen (..).
Sophie: Ja auch auf ganz unterschiedliche Arten: Sachspenden gibt es viele immer
wieder, dann gibt es Leute, die mal zu einem Fest vorbei kommen, die mit
demonstrieren. Dann gibt es eben Leute, die sich in den verschiedenen Gruppen
engagieren, wie zum Beispiel Deutschkurse geben oder die Cafégruppe, die
Fluchthilfegruppe, das sind auch… tja, wie viele Leute? … In den den Gruppen,
wenn man Deutschkurse und so dazurechnet, über Hundert, denke ich, weil die
Fluchthilfeleute sind auch echt viele.
Erzähler:
Wie überall in Deutschland engagieren sich auch in Göttingen viele Bürgerinnen und
Bürger für Geflüchtete. Und im neu besetzten Haus ist Platz. Platz für Deutschkurse
und Asylberatung, für Austausch und Gemeinsamkeit. Das besetzte Haus ist ein
Anlaufpunkt für alle: Senioren, Studenten, Berufstätige, gemäßigte oder politisch
radikaler denkende Menschen. Während die Hausbesetzer-Szene in den 1980er
Jahre eine in sich geschlossene Subkultur war, spricht diese Besetzung große Teile
der Göttinger Bevölkerung an. Fast schon so etwas wie eine bürgerliche Revolution.
Die Hürden, sich zu beteiligen sind geringer, als damals. Deutsch zu unterrichten,
das fühlt sich schließlich nicht illegal an.
O-Ton 13 (Sophie) Länge:
0’23’’ (beginnt mit Atmo)
Genau hier im Treppenhaus sind verschiedene Pläne, was so in der Woche passiert,
welche Gruppen sich treffen, wer wann im Haus ist. Damit ja Informationen eben
transparent sind und ausgetauscht werden können, weil ja nicht immer alle Leute
zum Plenum kommen.
Atmo 3 (Treppenhaus:
Schritte) Länge: 1’07’’
Erzähler:
Aber auch wenn viele Menschen in dem besetzten Haus ein und ausgehen, bleibt
das ganze immer noch illegal. Das Gebäude steht auf einem Filet-Grundstück mitten
in der Altstadt. Da stellt sich die Frage: Was sagt eigentlich der Eigentümer zu den
neuen Bewohnern?
O-Ton 14 (Heike) Länge 0’34’’:
Der Eigentümer, ja das ist die VTG, die haben dann auch relativ schnell reagiert, also
VTG ist ja die Vermögensverwaltungsgesellschaft, die Treuhandgesellschaft vom
DGB, also eine Tochter vom DGB und die haben recht schnell reagiert. Der
Veichtinger von der VTG, der hatte uns dann angerufen, gleich am ersten Tag und er
wollte uns sagen, dass wir hier nichts verändern dürfen baulich und er hat auch
deutlich gemacht, dass er erstmal nicht plant, da eine Anzeige zu stellen.
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O-Ton 15 (Sophie) Länge 0’18’’:
Es könnte natürlich Konsequenzen haben, hier zu wohnen, was illegal ist, aber ich
glaube, in dem Projekt, gerade dass so viele Leute involviert sind, das macht die
Sache für alle einzelnen sicherer.
O-Ton 16 (Heike) Länge 0’27’’’:
Ja natürlich ist das illegal, was wir hier machen, aber A, wenn es eine Strafe geben
sollte am Ende, dann wäre das für mich auch in Ordnung, das würde ich in Kauf
nehmen. Aber eigentlich muss es kriminalisiert werden, dass so ein Haus so lange
leer steht und auf der moralischen Ebene sind wir auf jeden Fall auf der legalen
Seite.
O-Ton 17 (Sophie) Länge 0’25’’:
Ja das betrifft besonders Geflüchtete, aber ja auch andere Menschen, die
Schwierigkeiten haben, eine Wohnung zu finden, vor allem eine Wohnung in der
Innenstadt, weil der Wohnungsmarkt angespannt sind und alle Leute, die weniger
privilegiert sind, einfach extreme Schwierigkeiten haben. Dafür ist halt dieses Haus
auch ein Protest.
O-Ton 18 ( Heike) Länge: 0’40’’:
Naja in diesem Fall konnte der DGB aber auch eigentlich nicht anders handeln, weil
wenn man sich die Statements anschaut, die der DGB auch bezüglich der
Geflüchteten ja präsentiert und in den Medien verbreitet, kann er jetzt hier dieses
Haus nicht räumen, behaupte ich, also so einfach zumindest nicht. Klar, dieses Haus
hat auch noch ne Geschichte, es steht auf dem Platz der ehemaligen Synagoge,
damals hat die jüdische Gemeinde dem DGB als halt auch vom Nazi-Regime
betroffene Gruppe dieses Grundstück übermacht und aus dem Grund gibt es da
natürlich auch eine historische Verantwortung, so.
Atmo 4 (Rundgang, Schritte) Länge: 0’41’’
Erzähler:
Wenn der DGB, der Deutsche Gewerkschaftsbund, nun veranlassen würde,
Schutzsuchende mit Polizeigewalt aus seinem Haus tragen zu lassen, käme das
nicht gar nicht gut an, meint Heike.
O-Ton 19 (Heike) Länge 0’29’’:
(beginnt mit Atmo) Also das hier sind die Fluchthilferäume. Hier haben wir zum
Beispiel ein Zimmer, das muss einmal das Chefbüro gewesen sein, ganz hübscher
Einbauschrank hier noch, sowieso diese ganzen Einbauschränke sind echt super
praktisch hier, also die sind gut eingebaut, gute Arbeit, gute tischlerische Arbeit, kann
ich auch sagen.
Erzähler:
Fluchthilferäume, das sind die Schlafräume im ersten Stock. Hier stehen mehrere
Betten nebeneinander. Sie sind frisch bezogen, im Regal liegen Handtücher.
Göttingen ist ein ICE -Knotenpunkt. Auf ihrem Weg durch Deutschland stranden viele
Flüchtlinge nachts in Göttingen. Jeden Abend gehen deswegen Leute aus dem
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besetzten Haus zum Bahnhof und bringen die Menschen hier her. Vor einem Jahr
waren jeden Abend alle Betten belegt, jetzt sehen nur zwei bewohnt aus. Auf ihnen
liegen Kleidungsstücke und Kinderspielzeug.
O-Ton 20 (Heike) Länge 0’51’’:
Klar, auf Grund der geschlossenen Grenzen ist der Bereich nicht mehr so groß. Die
Menschen hocken in der Türkei und in Griechenland fest und das ist natürlich auch
ein großer Mist.
Aber es sind mittlerweile über 500 Leute, die hier übernachtet haben, das heißt 500
Mal auch hier die Betten frisch beziehen und die Betten waschen und alles. Und das
(..) ist ganz ganz, also richtig toll auch, dass wir zum Beispiel auch Menschen haben,
die im Haus eigentlich nicht viel machen oder gar nichts machen, die einfach nur hier
herkommen und die Wäsche abholen und die Wäsche waschen und wieder zurück
bringen. Ohne solche Unterstützung wäre das hier auch gar nicht möglich zum
Beispiel. Das ist eine riesengroße Hilfe, die irgendwie leider ja auch garnicht sichtbar
ist, aber es ist halt dringend nötig und wir freuen uns über solche Sachen.
Erzähler:
Die Arbeit für Flüchtlinge und der Kontakt zu ihnen verändert die Leute, die sich hier
einbringen. Es lässt das eigene Leben plötzlich unglaublich komfortabel und
privilegiert aussehen. Sophie spürt eine Ohnmacht, die sie vorher nicht kannte.
O-Ton 21 (Sophie) Länge: 01’02’’:
Ja also es sind Sachen, die mir vielleicht vorher auch schon theoretisch bewusst
waren, aber die durch den persönlichen Kontakt natürlich nochmal viel stärker
werden. Also es ist so, dass ich mit jemandem eng befreundet bin, der sich in einem
Landkreis aufhalten muss, wo sich Katze und Maus gute Nacht sagen. Und da würde
ich nicht wohnen wollen und mein Freund, der eben auch jung ist, will das auch nicht.
Und dadurch, dass halt diese Nähe da ist, wird halt nochmal deutlicher, wie unlogisch
das ist und wie ungerecht, das auch einfach ist. Weil dass es generell viel
Ungerechtigkeit gibt in der Welt, ist natürlich klar, aber es wird eben viel deutlicher,
wenn man den direkten Kontakt hat. Und sieht, dass eigentlich auf menschlicher
Ebene die Unterschiede nicht so groß sind, aber die Möglichkeiten ganz andere.
Atmo 5 (Asylberatung) Länge: 2’54’’
O-Ton 22 (Mérat) Länge 0’26’’:
Ja mein Name ist Mérat und bin ich 59 Jahre alt. Ja die Frage, wie oft ich hier
herkommen, ich sage so, wenn neben die Lohnarbeit, wenn es die freie Zeit lässt
und so komme ich gern auch hier, Plenum teilnehmen. Wenn etwas Dringlichkeit ist,
notwendig ist, bin ich auf jeden Fall hier dann.
Erzähler:
Mérat sitzt auf einem Stuhl in der Sofa-Ecke des großen Versammlungssaales, ihm
gegenüber auf der Couch ein Ehepaar aus Kroatien. Die Frau kramt in einem Stapel
Behördenbriefe, ihr Mann hat die Hände im Schoß gefaltet, er starrt apathisch
geradeaus. Auf Mérats Stirn hat sich eine Sorgenfalte gebildet, während er sich auf
Englisch mit der Frau unterhält, blicken seine wachen Augen immer wieder zu ihrem
Mann herüber.
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O-Ton 23 (Mérat) Länge 0’18’’:
Das ist sehr schwierig, ich war selber auch Flüchtling im 80er Jahre, das weiß ich.
Wegen politische Repression im Iran habe ich dort verlassen - damals islamische
Republik, heute ist auch - dort habe ich in 87 verlassen, hier her gekommen.
Erzähler:
Jetzt hilft Mérat Menschen, die im Dschungel der Asylbürokratie verloren gehen.
Jeden Tag kommen Geflüchtete zur Asylberatung in das Besetzte Haus.
O-Ton 24 (Mérat) Länge 0’21’’:
(Das hat viele Gründe,) wenn die jetzt Flüchtlinge, die Sprache noch nicht
beherrscht, der ist Machtlos gegen diese ganze Behörde. Die reden nicht mit
Flüchtlingen, die geben Papier, das ist eine Sanktion, wurdest du abgeschoben, an
diesem Datum musst du zu hause sein, deine Koffer und so, basta.
Erzähler:
Für das Ehepaar aus Kroatien sieht es erst einmal gut aus. Aus gesundheitlichen
Gründen dürfen sie vorerst bleiben. Aufmerksam studiert Mérat den Brief, den die
Frau schließlich aus dem Stapel zieht.
Neben den dreien wartet Ahmet. Er hält ein Stück Papier in den Händen. »Gutschein
für Lebensmittel und Hygieneartikel steht darauf. Daneben der Stempel der Stadt
Göttingen.
Atmo 6 (Alnatura) Länge:
1’04’’
Erzähler:
Lebensmittelgutscheine werden von einigen Kommunen in Deutschland statt an
Flüchtlinge ausgegeben.
Im Alnatura um die Ecke stößt der Gutschein auf ratlose Blicke. Vorgesetzte werden
gefragt, Kolleginnen herbeigerufen. Die Schlange wird länger, die Blicke
unfreundlicher.
O-Ton 25 (Kassiererin) Länge: 0’11’’:
Ich hab mich informiert beim Filialleiter und wir nehmen diese Gutscheine leider
garnicht entgegen. Wir haben die Anweisung von der Zentrale, dass wir diese
Gutscheine garnicht entgegen nehmen. So allgemein Sozialgutscheine können wir
nicht einlösen.
Atmo 7 (Supermarkt) Länge: 0’33’’
O-Ton 26 (Mérat) Länge 0’48’’:
Gutscheine nehmen wir, wir kaufen das, damit diese Menschen ein bisschen
entlastet werden, weil die immer nicht die Sprache können. Dort steht vor die Kasse,
wenn die eine Kassiererin kleine Frage gestellt hat oder er falsch gekauft hat, zum
Beispiel Süßwaren oder Zigaretten oder welche Sachen, die nicht gehören zum
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Gutschein, dann muss er auf die Frage antworten, wenn jemand nicht weiß, wie kann
auch, er steht in die Mittelpunkt in die Kasse, wo die 50 Leute stehen, wo da lange
Schlange. Alle schauen dich an als Flüchtling. Auch teilweise mit rassistische
Vorurteile und so. Diese Bild wird gemacht, von einem Staat mit ihren Politik mit
Gutscheinen.
Erzähler:
Merat sorgt dafür, dass Menschen wie Ahmet diesen Blicken entgehen können: im
besetzten Haus können die Geflüchteten die Sozialgutscheine vom Amt in Bargeld
umtauschen. Die deutschen Bewohner lösen die Gutscheine dann für ihre eigenen
Einkäufe ein.
Atmo 8 (Stimmengewirr draußen) Länge: 1’26’’
Erzähler:
Die Besetzerinnen und Besetzer setzen sich dafür ein, dass die Stadt Göttingen die
Gutscheine abschafft - und dafür, dass die Flüchtlinge zentral untergebracht werden.
Dafür haben sie eine Petiton gestartet.
Draußen vor dem Haus steht eine Traube von Menschen. Viele die vorbei kommen,
bleiben neugierig stehen, suchen das Gespräch.
Regie:
Atmo bei 0’55’’ kurz frei stehen lassen
»Das ist eine Petiton…«
Erzähler:
Die Hausbesetzer bringen Bewegung in die Göttinger Lokalpolitik. Stadt und
Studierendenwerk kündigten im Mai an, neue Wohnungen bauen zu wollen - zuerst
für Geflüchtete, anschließend könnten diese dann von Studierenden bewohnt
werden.
Die Besetzerinnen und Besetzer sind zu politischen Akteuren geworden - weil sich so
viele Menschen in dem Haus engagieren und weil es so einfach ist, vorbei zu
schauen und Fragen zu stellen.
O-Ton 27 (Sophie und Heike) Länge: 1’13’’:
Sophie: Und ich glaube auch, dass bei dem, wie offen ein Projekt ist, auch immer mit
den Leuten steht und fällt, wie offen die sind. Also ich bin ja auch dazu gekommen,
als hier schon sehr viel stand und wenn man wo reinkommt, muss man ja erstmal
dann überlegen, wo man sich einbringen kann und dass ich mich hier wohlgefühlt
habe, lag einfach tatsächlich an der persönlichen Offenheit der Menschen.
Heike: Ja, wobei ich glaube manchmal schrecken wir die Leute auch ab, die neu
dazu kommen. Wenn sie in einem Plenum ankommen, wo dann halt nochmal wieder
diskutiert wird ohne Ende und sie da sitzen und sich unsere Diskussionskultur
anschauen, (..) eigentlich mittlerweile schätze ich die sehr, weil wir wirklich eine
strenge Redner-/Rednerinnenliste haben, was manchmal auf Außenstehende
wirklich wahrscheinlich ein bisschen komisch wirkt, denn es wird nicht frei diskutiert,
sondern es ist sehr diszipliniert eigentlich meistens und das zieht sich dann aber
auch sehr in die Länge. Wenn wir dann auch das Ganze nochmal ins Englische
übersetzen, dann ja dauert das alles. Und dann müssen die Leute sehr viel Geduld
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mitbringen, die dann dazu kommen. Manchmal wirkt es auch ein bisschen komisch,
wenn dann abgewunken wird bei Zustimmung.
Atmo 9 (Plenum) Länge:
1’13’’
Erzähler:
Plenum, so heißen die wöchentlichen Treffen im großen Saal des Hauses. Gut
fünfzig Menschen sind heute gekommen. Sie sitzen auf Stühlen und Tischen oder
auf dem Boden.
Das Plenum ist das Entscheidungsorgan der Besetzung. Hier wird die Renovierung
des Hauses organisiert, Protestaktionen geplant und Regeln für das Zusammenleben
diskutiert. Der klassische WG-Putzplan gehört auch dazu. Basisdemokratie nennen
die Leute im Plenum das. Weil jeder mitreden darf und eine Entscheidung nur
getroffen wird, wenn alle dafür sind. Mit so vielen Leuten zu diskutieren, ist aber gar
nicht so einfach. Deswegen gibt es Handzeichen, mit denen man ausdrücken kann,
was man von einem Vorschlag hält.
O-Ton 28 (Heike) Länge 0’22’’:
Es soll das Ganze vereinfachen abkürzen, also alle Leute, die mit etwas
einverstanden sind, winken dann mit der Hand, so wie die Queen das macht,
ungefähr so ja, dann kann man sich dann ein bisschen vorstellen, also Hand hoch
und winken und dann winken dann halt zwanzig Leute gleichzeitig zu irgendeinem
Thema und das wirkt natürlich etwas komisch erstmal für Außenstehende, klar.
O-Ton 29 (Sophie und Heike) Länge: 0’33’’:
Heike: Man kann sich deutlich gleichzeitig mitteilen, ob man ein Thema positiv
bewertet oder nicht. Ich denke, es verkürzt die ganze Geschichte und es macht es
auch nochmal sichtbarer, ne also so.
Sophie: Dann müssen nicht zehn Leute sagen, ich stimm dem zu. Das zieht die
Sache ja unnötig in die Länge.
Heike: Menschen können währenddessen weiter sprechen und werden nicht
unterbrochen, während des Sprechens.
Sophie: Und es ist sprachübergreifend.
Atmo 10 (Saal, am Ende mit Musik) Länge: 3’51’’
Erzähler:
Der große Saal, in dem das Plenum stattfindet, hat eine lange politische
Vergangenheit. Einige von den älteren Göttingern, die heute hier diskutieren, waren
auch früher schon hier. Auch Heike erinnert sich noch an die Zeiten, als der
Deutsche Gewerkschaftsbund das Haus noch nutzte.
O-Ton 30 (Heike) Länge 0’46’’:
Hier hat der DGB damals schon immer große Bündnistreffen zum Beispiel gehabt,
wenn es darum ging die Naziaufmärsche, die hier in Göttingen ja auch ein paar Mal
angemeldet waren, gegen die große Demonstrationen auf die Beine zu stellen,
andere politische Veranstaltungen haben hier auch stattgefunden. Hier hinten sieht
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man nochmal diese alten Bilden, die haben wir hier auch stehen gelassen, vom DGB,
die haben auch Tradition, das sind solche Arbeiterkampfbilder in schwarzweiß. Die ja
hier glaube ich, drei Meter hoch sind schätzungsweise und eineinhalb Meter breit, die
haben wir hier stehen gelassen, weil also diejenigen, die schon länger in Göttingen
sind und schon länger politische Arbeit gemacht haben, denen sind diese Bilder ja
auf eine Art auch heilig.
Regie: Atmo kurz frei (evtl. auch mit Musik)
O-Ton 31 (Heike) Länge 0’25’’:
Wir wollen diesen Ort auch als politischen Raum nochmal hier nutzen, also weiter
hier auch Veranstaltungen machen, dieser wunderbare DGB-Saal dort unten hat ja
auch eine politische Tradition hier in Göttingen, die wissen wir sehr zu schätzen und
das ist auch etwas, was wir hier gehört haben, dass viele Gewerkschaftsmitglieder
dann Sorge hatten, gerade um diesen wunderbaren schönen Saal, also wir haben
ihn wieder aufgemacht für alle.
Erzähler:
Ob der Saal und das ganze Haus auch weiterhin offen bleiben, hängt jetzt davon ab,
ob sich der DGB als Eigentümer, die Stadt Göttingen und die Besetzerinnen und
Besetzer auf eine langfristige Lösung einigen können. Seit einigen Monaten werden
darüber Gespräche geführt. Die laufen sehr gut, sagt Heike, aber eine Einigung gibt
es noch nicht.
O-Ton 32 (Heike) Länge 0’12’’:
Wir wollen gerne einen symbolischen Preis bezahlen für das Haus und da müssten
wir halt hart und gut verhandeln mit dem DGB. Die können das ja auch gut, wir
können das auch gut.
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