Als PDF öffnen - Konrad-Adenauer

LÄNDERBERICHT
Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.
KOLUMBIEN
DR. HUBERT GEHRING
September 2016
www.kas.de/kolumbien
Ein historischer Tag für
Kolumbien
UNTERZEICHNUNG DES FRIEDENSABKOMMENS MIT DER FARC GUERILLA
Am Montag, dem 26. September 2016,
ner Ablehnung des Abkommens entlädt, o-
wird nach langem Warten in der Hafen-
der ob die Kolumbianer das Abkommen
stadt Cartagena das ersehnte Friedensab-
trotz mancher Skepsis unterstützen werden.
kommen zwischen der kolumbianischen
In einer Meinungsumfrage wenige Tage vor
Regierung und der ältesten Guerilla des
der Unterzeichnung gaben 32% der Befrag-
Landes, der FARC, unterzeichnet. Bereits
ten an, auf jeden Fall an der Abstimmung
im März 2011 begannen erste Annäherun-
teilnehmen zu wollen; 67% wollen demnach
gen zwischen den Parteien und seit Okto-
mit „ja“ und 33% mit „nein“ stimmen. Eine
ber 2012 wurde offiziell über die Inhalte
Ablehnung des Vertrags wäre eine Kata-
des Abkommens verhandelt. Wenn die Un-
strophe für alle Beteiligten und würde im
terzeichnung auch mit etwas Verspätung
Ergebnis wohl noch weitere Jahre von At-
stattfindet – ursprünglich hatte Präsident
tentaten, Bombenanschlägen und Entfüh-
Manuel Santos angekündigt, dass der Ver-
rungen bedeuten. Außerdem könnte das die
trag am 23. März 2016 abgeschlossen
Polarisierung der Gesellschaft noch vertie-
werden würde – wird dieser Tag heute
fen. Aber auch bei einer Bestätigung des
schon als historisch bedeutsam für das
Abkommens muss die Regierung für eine
Land gefeiert. Zu Recht, schließlich dauert
klare Kommunikation mit der Gesellschaft
der bewaffnete Konflikt in Kolumbien nun
sorgen und die ganze Gesellschaft – nicht
schon seit über 50 Jahren an. Unabhängig
nur politisch Interessierte in Bogota – über
von dem, was nach dem Abkommen fol-
die Einzelheiten des Friedensabkommens
gen wird, ist es beeindruckend, dass die
informieren und überzeugen.
kolumbianische Regierung mit der FARC
eine Lösung am Verhandlungstisch finden
Bei einem „ja“ für das Friedensabkommen
konnte.
sollte in Folge auch schnell begonnen werden, die Weichen umzustellen, um so zügig
Der Unterzeichnung des Friedensabkom-
wie möglich mit der praktischen Gestaltung
mens folgt nun zunächst am 2. Oktober eine
eines dauerhaften und nachhaltigen Frie-
Abstimmung über das Abkommen durch die
dens beginnen zu können. Trotz aller Freu-
Kolumbianer selbst. Nachdem lange um den
de sollte nämlich nicht vergessen werden,
richtigen Modus und die Rechtmäßigkeit ei-
dass nun auf Worte auch Taten folgen müs-
ner Volksabstimmung gestritten wurde, hat
sen. In Kolumbien müssen einige dringend
man sich letztendlich darauf geeinigt, dass
benötigte Reformen durchgeführt werden
mindestens 13% der wahlberechtigten Be-
und auf Basis dieser die im Friedensvertrag
völkerung, das sind etwa 4,4 Mio. Menschen
gefundenen Lösungsansätze auch in Realität
an der Abstimmung teilnehmen müssen.
umgesetzt werden. 1 Dies ist nur mit einer
Dies bedeutet, dass der Friedensvertrag zur
Annahme beziehungsweise Ablehnung die
Mehrheit dieser Stimmen benötigt, also
rund 2,2 Mio. Stimmen plus eins. Es wird
sich zeigen, ob die gespaltene Stimmung in
der kolumbianischen Gesellschaft sich in ei-
1
Siehe dazu den Länderbericht „Und was
kommt nach dem Friedensvertrag?“,
http://www.kas.de/kolumbien/de/publicatio
ns/44573/
2
Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.
breiten Unterstützung in der Bevölkerung
fassender Prozess der Versöhnung braucht
möglich.
Zeit, und es liegt an jedem einzelnen Kolumbianer zum Frieden beizutragen.
KOLUMBIEN
DR. HUBERT GEHRING
September 2016
www.kas.de/kolumbien
Die Unterstützung der Bevölkerung ist auch
deswegen von immenser Wichtigkeit, um
Gefragt ist allerdings auch die internationale
ein erneutes Aufflammen des Konflikts zu
Gemeinschaft. Diese sollte eine Unterzeich-
verhindern. Neben den FARC sind auch an-
nung des Abkommens nicht nur als Ende
dere Akteure am bewaffneten Konflikt betei-
des bewaffneten Konflikts, sondern als Be-
ligt, die nicht Teil des Abkommens sind.
ginn eines friedlichen Entwicklungsprozes-
Diese könnten versuchen, ein durch die
ses in Kolumbien verstehen. Kolumbien an
FARC hinterlassenes Machtvakuum zu füllen
dieser Stelle alleine zu lassen, würde in je-
und deren Position im illegalen Drogenhan-
der Hinsicht den neugewonnenen Frieden
del einzunehmen, sollte der Staat zu lange
gefährden. Stattdessen sollte der Prozess
brauchen, um Präsenz in den durch den
aktiv begleitet werden, sei es durch politi-
Konflikt geprägten Regionen zu zeigen.
sche oder finanzielle Hilfe im Rahmen von
gemeinsamen Projekten in den ländlichen
Insgesamt wurden durch den Vertrag fünf
Regionen – dort wo der Konflikt einst be-
strittige, für Kolumbien wichtige Themen
gann und nun hoffentlich beendet wird.
festgelegt: (1) Integrale landwirtschaftliche
Entwicklungspolitik; (2) Eine eventuelle politische Partizipation der ehemaligen FARCKämpfer; (3) Entschädigung der Opfer; (4)
Lösung des Problems des illegalen Drogenhandels und (5) Ende des bewaffneten Konflikts (Rückgabe/Niederlegung der Waffen).
Zu den wichtigsten Inhalten des Abkommens gehören zweifelsohne die bereits im
Dezember 2015 vereinbarte Übergangsjustiz 2, durch die zumindest die schlimmeren
Verbrechen, die begangen wurden, geahndet werden sollen, sowie die dringend benötigte Landreform, und der bilaterale Waffenstillstand, sowie die Aufgabe der Waffen seitens der FARC. Wie effektiv diese Maßnahmen sein werden, bleibt abzuwarten.
Obwohl die Unterzeichnung des Abkommens
ein wichtiger Schritt ist, befindet sich Kolumbien nun erneut auf Neuland. Es bleibt
zu hoffen, dass nach dem Erfolg bei den
Verhandlungen auch in der Umsetzung entsprechende Erfolge erzielt werden können.
Dies ist allerdings nur möglich, wenn sowohl
in der Politik, als auch in Wirtschaft und Zivilgesellschaft alles daran gesetzt wird, den
Frieden in Kolumbien gemeinsam zu gestalten. Die politische Einbindung aller Kolumbianer kann sowohl als Herausforderung als
auch als Chance gesehen werden. Ein um-
2
Details zum System der Übergangsjustiz
erläutert eine Analyse unter:
http://www.kas.de/rspla/de/publications/46
245/