Leibniz 300Jahretot, immernoch genial 16 ÜblerMieter InHartmanns

Nr. 7 | 28. August 2016
NZZ am Sonntag
Leibniz
300 Jahre tot,
immer noch
genial
16
Übler Mieter
In Hartmanns
Roman nistet
sich Böses ein
9
Russland
Wie steht es
um die grosse
Lesenation?
12
«White Trash»
Wurzeln der
amerikanischen
Unterschicht
26
Bücher
am Sonntag
N Z Z- LI B RO.C H
Die «Löwenbraut»-Saga
geht weiter!
NEU
Paula, Frieda und Milly, die jüngeren Schwestern
von Susanne Meisser, alle geboren im Chur der
1880er-Jahre, haben eine Fülle von Briefen und
anderen Lebenszeugnissen hinterlassen. Anhand
dieser von Hans Peter Treichler eingesehenen
Dokumente, aufbewahrt in einem Horgener
Familienarchiv, lassen sich die Schicksale der
Schwestern über Jahre hinweg verfolgen. Die vier
Frauen wagen den Schritt aus der beengten
Atmosphäre einer vielköpfigen Churer Beamtenfamilie, der zwei von ihnen bis in die Pionierwelt
der kanadischen Wälder führt.
Hans Peter Treichler
Schwesternwelten
Spuren und Schicksale auf zwei Kontinenten
368 Seiten, 50 s/w Abbildungen,
gebunden mit Schutzumschlag
Fr. 48.–* / € 48.–
ISBN 978-3-03810-200-7
Weiterhin lieferbar sind die beiden ersten Bände der Familienchronik:
Hans Peter Treichler
Die Löwenbraut
Familiengeschichte als Zeitspiegel der Belle Epoque
6. Auflage
372 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-03823-491-3
Hans Peter Treichler
Ein Seidenhändler in New York
Das Tagebuch des Emil Streuli
304 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-03823-596-5
«Der Historiker Hans Peter Treichler hat die bestens verbriefte Familiengeschichte des grossbürgerlichen
Horgener Seidenfabrikanten-Clans Streuli-Hüni und der mittelständischen Meissers in Chur über drei
Generationen breit aufgefächert. Er ist ein gefragter Vermittler von Schweizer Geschichte.» Tages-Anzeiger
NZZ Libro, Buchverlag Neue Zürcher Zeitung Postfach, CH-8021 Zürich. Telefon +41 44 258 15 05, Fax +41 44 258 13 99, [email protected].
* Unverbindliche Preisempfehlung. Erhältlich auch in jeder Buchhandlung und im NZZ-Shop, Falkenstr. / Ecke Schillerstr., Zürich
Inhalt
Post aus
nahen und
fernen Zeiten
Gottfried
Wilhelm Leibniz
(Seite 16).
Illustration von
André Carrilho
Früher war nicht alles besser. Aber einiges war schon schön. Handgeschriebene Briefe zum Beispiel. Elektronische Post ist gut und recht und im
Vergleich zur Zustellung per Taube oder Bote unschlagbar effizient – aber
wie sollen künftige Editoren den Buchfreunden dereinst die Masse der
heute dauernd verschickten Nachrichten zugänglich machen? Wie sehr die
lesende Welt von editorischen Efforts profitiert, zeigt die frisch herausgegebene Korrespondenz zwischen Gottfried Benn und Friedrich Wilhelm
Oelze (S. 4) – und dass zwei hochkarätige Philosophen keine Garanten für
einen gescheiten Austausch sind, belegen die Briefe von Hannah Arendt
und Günther Anders (S. 18). In beiden Fällen aber eröffnen einem die Briefe
intime Zugänge zu vergangenen Zeiten und fremden Leben.
Auch Gottfried Wilhelm Leibniz hat rege korrespondiert (rund 15 000 Briefe
lagern in seinem Nachlass), nebenbei aber auch noch eine Rechenmaschine
erfunden, Pläne für ein U-Boot entwickelt und an einer Universalsprache
getüftelt. Auf S. 16 bieten wir Gelegenheit, das Wissen über das Genie aufzufrischen, auf manch anderer Seite aber wenden wir uns ganz der Gegenwart zu: Wir folgen den Strömen der Migranten (S. 22) bis zur Frage nach
ihrer Integration (S. 20), wir blicken auf den Büchermarkt des postsowjetischen Russland (S. 12), und wir lesen bei Lukas Hartmann (S. 9) von einem
Amokläufer – ein Thema, das den Autor seit 1976 beschäftigt. Nein, früher
war nicht alles besser. Wir wünschen anregende Lektüre. Claudia Mäder
Belletristik
Kurzkritiken Sachbuch
4
15 Michael Angele: Der letzte Zeitungsleser
Von Claudia Mäder
Eva Holz, Susanne Perren (Hrsg.): Diese Urner
Von Kathrin Meier-Rust
Randolf Menzel, Matthias Eckoldt: Die Intelligenz
der Bienen
Von Kathrin Meier-Rust
Martin Dahinden: Schweizer Küchengeheimnisse
Von Simone Karpf
Gottfried Benn, Friedrich Wilhelm Oelze:
Briefwechsel 1932–1956
Von Manfred Papst
6 Colm Tóibín: Nora Webster
Von Simone von Büren
7 Jan Jacob Slauerhoff: Das verbotene Reich
Von Martin Zingg
8 Katja Lange-Müller: Drehtür
Von Claudia Mäder
9 Lukas Hartmann: Ein passender Mieter
Von Charles Linsmayer
Alice Neel: Painter of Modern Life
Von Gerhard Mack
10 Alfred Hayes: Alles für ein bisschen Ruhm
Von Angelika Overath
11 Thomas Lang: Immer nach Hause
Von Stefana Sabin
Kurzkritiken Belletristik
11 Stefano Benni: Die Pantherin
Von Gundula Ludwig
Hazel Brugger: Ich bin so hübsch
Von Manfred Papst
Hermann Kinder: Porträt eines jungen Mannes
aus alter Zeit
Von Manfred Papst
Margriet de Moor: Schlaflose Nacht
Von Claudia Mäder
Sachbuch
16 Thomas Sonar: Die Geschichte des
Prioritätsstreits zwischen Leibniz und Newton
Hans Poser: Leibniz’ Philosophie
Eike Christian Hirsch: Der berühmte Herr Leibniz
Von André Behr
18 Hannah Arendt, Günther Anders: «Schreib doch
mal hard facts über Dich». Briefe 1939 bis 1975
Von Manfred Koch
19 Sayed Kashua: Eingeboren
Von Claudia Kühner
Manuel Menrath: Mission Sitting Bull
Von Kathrin Meier-Rust
Essay
12 Harte Zeiten für das «Leseland»
25 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion
beschreibt die Slawistin Sabina Meier Zur,
wie sich Russlands Bücherwelt verändert hat
Agenda
Kolumne
15 Charles Lewinsky
Das Zitat von Heinrich Heine
20 Françoise Giroud: Ich bin eine freie Frau
Von Sandra Leis
Herfried Münkler, Marina Münkler:
Die neuen Deutschen
Von Victor Mauer
21 Oliver Hilmes: Berlin 1936
Von Eckhard Jesse
22 Patrick Kingsley: Die neue Odyssee. Eine
Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise
Von Holger Heimann
Joakim Eskildsen: American Realities
Von Simone Karpf
23 Michael Hermann: Was die Schweiz
zusammenhält
Von Urs Rauber
Uwe Schultz: Giacomo Casanova oder die Kunst
der Verführung
Von Michael Fischer
24 Peter Achten: Abschied von China
Joachim Rudolf, Elisabeth Tester: China
Von Harro von Senger
25 Klara Obermüller: Spurensuche
Von Beatrice von Matt
Gustave Flaubert, Maxime du Camp:
Über Felder und Strände
Von Janika Gelinek
26 Max Schweizer (Hrsg.): Die Schweiz
im Welthandelsdorf
Von Katharina Bracher
Das amerikanische Buch
Nancy Isenberg: White Trash: The 400-Year
Untold History of Class in America
Von Andreas Mink
In seinem neuen Roman fängt Lukas Hartmann (S. 9) die
Verunsicherung der aktuellen Gesellschaft ein.
27 Thomas B. Schumann (Hrsg.): Deutsche Künstler
im Exil 1933–1945
Von Manfred Papst
Bestseller August 2016
Belletristik und Sachbuch
Agenda September 2016
Veranstaltungshinweise
Chefredaktion Felix E.Müller (fem.) Redaktion Claudia Mäder (cmd., Leitung), Simone Karpf (ska.), Kathrin Meier-Rust (kmr.), Manfred Papst (pap.)
Ständige Mitarbeit Urs Bitterli, Hildegard Elisabeth Keller, Manfred Koch, Gunhild Kübler, Sandra Leis, Charles Lewinsky, Andreas Mink, Klara Obermüller, Angelika Overath,
Urs Rauber, Martin Zingg Produktion Eveline Roth, Hanspeter Hösli (Art Director), Susanne Meures (Bildredaktion), Manuela Graf (Layout), Korrektorat St.Galler Tagblatt AG
Verlag NZZ am Sonntag, «Bücher am Sonntag», Postfach, 8021 Zürich, Telefon 0442581111, Fax 0442617070, E-Mail: [email protected]
28. August 2016 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 3
Belletristik
Briefe Die Korrespondenz zwischen Gottfried Benn und dem Kaufmann
Friedrich Wilhelm Oelze liegt erstmals vollständig vor. Sie umspannt die
Jahre von 1932 bis 1956 und ist ein faszinierendes Zeitzeugnis
MitKlarsicht,
Herzlichkeit
undbitterem
Humor
Gottfried Benn – Friedrich Wilhelm Oelze:
Briefwechsel 1932–1956. Hrsg. von Harald
Steinhagen, Stephan Kraft und Holger
Hof. Klett-Cotta/Wallstein, Stuttgart und
Göttingen 2016. 4 Bände, 2234 Seiten,
zahlr. Abb., Fr. 248.90.
Von Manfred Papst
Als in den Jahren 1978 bis 1980 die Briefe
Gottfried Benns an Friedrich Wilhelm
Oelze (1891–1978) erstmals erschienen, in
Benns Hausverlag Limes, herausgegeben
von Harald Steinhagen und Jürgen
Schröder, war sofort klar: Diese Korrespondenz zählt zum Abgründigsten, Faszinierendsten und Überraschendsten,
was die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts zu bieten hat. Diese Bosheit,
diese Illusionslosigkeit! Diese Verbindung von Klarsicht, unverstellter Herzlichkeit und bitterem Humor!
Es handelte sich damals jedoch um
eine Einbahnstrasse: Oelze, studierter
Jurist, Kunstsammler und ein so gebildeter wie publizitätsscheuer Kaufmann,
wollte seine Gegenbriefe nicht gedruckt
sehen. So hat er es testamentarisch verfügt. Gegenüber dem Germanisten Ha4 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 28. August 2016
rald Steinhagen soll er sein Verdikt jedoch kurz vor seinem Tod mündlich widerrufen haben. Wir nehmen es dankbar
zur Kenntnis und sehen keinen Anlass,
das Faktum anzuzweifeln. Der Forschung dient es allemal.
Nun liegt also das gesamte Material,
dessen die Editoren habhaft werden
konnten, vor: 748 Briefe von Benn an
Oelze, 569 von Oelze an Benn. Ergänzt
wurden die Schreiben durch zahlreiche
Manuskripte und Typoskripte, Bücher,
Artikel und Fotos, die Oelze ab 1946 akribisch archivierte. Er schickte dem darbenden Dichter auch Christstollen, Zigaretten, Kaffee und Rum. Diese Realien
haben sich naturgemäss nicht erhalten.
Am Anfang war die Fanpost
In beiden Konvoluten gibt es jedoch
noch andere Lücken. Das kann nicht erstaunen, befinden wir uns in den Jahren
1932 bis 1956 doch in Zeiten von Krise
und Krieg, von Trümmerlandschaften
und schwierigem Wiederaufbau. Zudem
hat Benn in den ersten Jahren der Korrespondenz Oelzes Briefe nicht aufbewahrt
– zunächst aus Nachlässigkeit, dann
wohl aus Angst vor Hausdurchsuchungen. Er hat seinen Briefpartner auch wie-
derholt aufgefordert, möglicherweise
belastende Dokumente zu vernichten.
Zum Glück hat dieser sich offenbar nicht
daran gehalten.
Dass das denkwürdige Gespräch zwischen den beiden überhaupt in Gang
gekommen ist, erscheint im Nachhinein
wie ein Wunder. Denn auf den ersten
Brief Oelzes – man darf ihn getrost als
«Fanpost» bezeichnen – reagierte der
fünf Jahre ältere Benn abweisend: «Mir
eine grosse Freude, wenn Ihnen meine
Aufsätze gefallen haben. Eine mündliche
Unterhaltung würde Sie enttäuschen. Ich
sage nicht mehr, als was in meinen Büchern steht.»
Glücklicherweise hat Oelze sich von
dieser Abfuhr nicht entmutigen lassen.
Er hatte Benn auf dessen Aufsatz
«Goethe und die Naturwissenschaften»
hin geschrieben; er selbst war ein bedeutender Goethe-Kenner und -Sammler.
Das Verhältnis der beiden Geistesgrössen war nie symmetrisch. Benn blieb der
Lehrer, Oelze – seiner umfassenderen
Bildung und seinem elitären Kulturbegriff zum Trotz – der Schüler. Und selbstverständlich blieb man beim «Sie». Bemerkenswert immerhin, dass Benn sich,
darin dem Jüngeren folgend, 1936 auch
vermuten, dass er ideologisch zunächst
ähnlich in die Irre ging wie Benn. Doch
bald schon konnten die Briefpartner mit
der Vulgarität des Nationalsozialismus
nichts mehr anfangen und gingen in die
innere Emigration.
Ihre Beziehung war von Krisen behaftet. Diese traten vor allem in den Jahren
1936 bis 1939 zutage, obwohl Benn in den
Zeiten seiner Isolation, also von 1934 bis
zum Kriegsende, auf Oelze angewiesen
war. Oelze war seinerseits auf Benn
fixiert, er amtete als sein Adlat und Archivar. Das war für den Dichter manchmal anstrengend. Aber er vertraute Oelze
rückhaltlos, auch wenn dieser nicht
verbergen konnte, dass er weder mit
Benns frühen expressionistischen Gedichten noch mit dessen gelassenem Parlando der späten Jahre viel anfangen
konnte. Sein Benn: Das war der formstrenge klassizistische Lyriker der 1920er
bis 1940er Jahre.
DEUTSCHES LITERATURARCHIV, MARBACH
Mehr Ruhm, weniger Briefe
seinen zahlreichen Liebesaffären. Er
zeigt sich als Nihilist, der nach seiner
fatalen kurzen Anbiederung an den Nationalsozialismus und seinen grauenvollen Schriften zu Züchtung und Rasse jegliche Illusionen verloren hat. Oelzes
Briefe aus den frühen 1930er Jahren
haben sich nicht erhalten. Was wir aus
Sekundärquellen wissen, lässt jedoch
Getroffen haben sich
Gottfried Benn (l.)
und Friedrich Wilhelm
Oelze nur selten.
Hier anlässlich des
70. Geburtstags von
Benn.
DEUTSCHES LITERATURARCHIV, MARBACH
personalisiertes blaues Briefpapier beschaffte. Das war schon eine Geste, die
andeutete, dass man sich auf Augenhöhe
begegnete, im Bewusstsein gemeinsamer Einsamkeit.
Getroffen haben Benn und Oelze sich
nur selten. Benn diktierte die Regeln, obwohl er sich dem Klischee gemäss auch
gern klein machte – bescheidener Pfarrerssohn aus der Mark Brandenburg und
Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Berlin mit bescheidener Praxis
trifft betuchten Bremer Patrizier. Persönliche Kontakte, auch Telefonate liess er
nur selten zu. Spontane Besuche verbat
er sich. Die Beziehung blieb im Wesentlichen eine briefliche. Aber was für eine!
In seinen Briefen an Oelze gab Benn sich
ganz. Nun war er ja ohnehin ein passionierter Korrespondent; denken wir nur
an seine Briefe an Elinor Büller, Tilly Wedekind und Ursula Ziebarth. Wenn schöne Frauen im Spiel waren, machte Benn
sich so wortreich wie bereitwillig zum
Affen, drei Ehen hin oder her.
Das Einzigartige an Benns Briefwechsel mit Oelze sind seine Intensität und
Vielfalt. Benn inszeniert sich hier – einmal mehr – als einsamer schweigender
Wolf, gibt gleichzeitig aber Kunde von
Postkarte von Oelze an Benn vom 31. Dezember 1951 – die beiden
Korrespondenten blieben zeitlebens beim «Sie».
In den Briefen an Oelze probiert Benn oft
Formulierungen aus, die er später in seinem Werk verwenden wird. Er spricht so
unverstellt wie nirgends sonst über seine
Poetologie. Und vor allem ist er launig,
lustig, ja bisweilen richtig boshaft. Da ist
zum Beispiel seine Abrechnung mit Goethes «Novelle» im Brief vom 27. Januar
1936: Witziger kann man gegen «Geheimratsbehaglichkeit» und «Abrundungsbedürfnis» nicht vorgehen. Auch seinen
ewigen Kontrahenten Thomas Mann
schont Benn nicht. Als Leser ist er maliziös. Vor allem aber ist hier seine Abkehr
vom «Dritten Reich» so akribisch dokumentiert wie nirgends sonst. Da zieht
Benn seinen Freund Oelze auf jede Gefahr hin ins Vertrauen.
Nach dem Kriegsende kühlt sich die
Beziehung merklich ab. Die Briefe werden seltener in dem Masse, wie Benn bekannt und rehabilitiert wird. Er ist wieder wer. Seine «Statischen Gedichte»,
1948 in Peter Schifferlis Zürcher ArcheVerlag erschienen, begründen seinen
späten Ruhm. 1951 wird er mit dem
Büchner-Preis ausgezeichnet und entsprechend herumgereicht. Nach Jahren
des Publikationsverbots erscheinen in
rascher Folge seine späten Schriften.
Benn sonnt sich im späten Ruhm. Aber
viel Zeit bleibt ihm nicht mehr. Oelze ist
nun nicht mehr sein Alter Ego, sein Vertrauter in der Isolation, sondern einer
von vielen. Wie er ihn auf Distanz hält,
grenzt bisweilen ans Kränkende.
Oelze hat seine Rolle in Bezug auf
Benn stets heruntergespielt. Als Anreger,
Frager, Stichwortgeber hat er sich verstanden. Damit hat er recht und unrecht
zugleich. Natürlich ist Benn im nunmehr
integral publizierten Briefwechsel der
Frechere, Freiere, Witzigere. Aber Oelze
ist auch nicht auf den Mund gefallen. Er
argumentiert beherzt mit dem Berliner
Melancholiker und Querkopf. Und vergessen wir eines nicht: Er ist es, der Gottfried Benn diese Briefe abverlangt hat, so
wie der Zöllner in Brechts Ballade mit
dem Philosophen Lao-Tse verfahren ist.
Deshalb soll auch Oelze bedankt sein –
und zwar sehr herzlich. ●
28. August 2016 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 5
IMAGE SOURCE / GALLERY STOCK
Belletristik
Roman Dem Iren Colm Tóibín ist mit «Nora Webster» ein eindringliches Buch gelungen. Es erzählt davon,
wie eine Frau und Mutter von vier Kindern nach dem Tod ihres Mannes ins Leben zurückfinden will
DerTraueristnichtzuentrinnen
Colm Tóibín: Nora Webster. Aus dem
Englischen von Giovanni und Ditte
Bandini. Hanser, München 2016.
384 Seiten, Fr. 37.90, E-Book 29.–.
Von Simone von Büren
Als der Körper von Jesus Christus in
Colm Tóibíns Roman «Marias Testament» (Hanser 2014) vom Kreuz genommen wird, ist Maria bereits verschwunden. Unfähig, das Leiden ihres Sohnes
länger zu ertragen, hat sie sich von Golgatha weggeschlichen. Die Pietà existiert
hier nur mehr als Vorstellung einer traumatisierten Mutter. Auch Tóibíns neuster Roman «Nora Webster» kreist um eine
Frau und Mutter, die grossem Leiden
entkommen möchte. Nach dem Tod
ihres Mannes, eines beliebten Lehrers im
südirischen Enniscorthy, überlegt sich
Nora, mit ihren vier Kindern aus dem
von
bevormundenden
Kondolenzbesuchern belagerten Haus wegzuziehen, in dem noch Maurices Kleider hängen und die Söhne stottern und das Bett
nässen. Aber dann verkauft sie vorerst
nur das Ferienhaus am Meer, um ihre
spärliche Witwenrente aufzustocken.
Denn sie versteht, dass es eine Illusion ist
zu denken, dass durch eine äussere Veränderung «die Bürde, die jetzt auf ihr lastete, sich verflüchtigen, dass die Vergangenheit wiederhergestellt werden und
zwanglos in eine schmerzfreie Gegenwart einmünden könnte».
Langsames Loslassen
Um Leiden und Trauern ist kein Herumkommen. Das wird schnell klar in Tóibíns
wunderbar stillem Roman, der die ersten
drei Jahre nach Maurices Tod umspannt.
In schlichter, direkter Sprache beschreibt
der 61-jährige Ire darin das Trauern als
etwas Kontinuierliches, Schwieriges und
Unspektakuläres. Anhand einer Folge
konkreter Situationen und nüchtern
festgehaltener Empfindungen zeigt er,
wie es sich mit der Zeit wandelt: Wie
6 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 28. August 2016
Nora anfangs von jeder Erinnerung an
den Verstorbenen bedroht wird und wie
sie doch an nichts anderes denken kann
als an ihren Verlust. Wie sie allmählich
die Gedanken an «die grosse schlaflose
Zeit» von Maurices Sterben zu ertragen
beginnt. Wie kaum merklich das Loslassen kommt, wenn Nora bei einer alten
Exzentrikerin Gesangsstunden nimmt
und der von Maurice belächelten «Grammophon-Gesellschaft» beitritt, in der
Musikliebhaber sich über ihre Lieblingsplatten unterhalten. Und wie irgendwann die Erinnerungen zu einem Ort des
Trostes und der liebevollen Verbindung
mit dem Verlorenen werden.
Es gibt in dieser sensiblen Auseinandersetzung mit Trauer weder Zusammenbruch noch Drama. Mögliche dramatische Elemente – Kindsmissbrauch, eine
IRA-Mitgliedschaft oder ein angedrohter
Protest gegen Diskriminierung an der
Schule – münden stets in eine unspektakuläre Normalität. Gerade in diesem Alltäglichen zeigt sich jedoch die individuelle Versehrtheit, die wiederum verweist auf die kollektive Versehrtheit
einer ganzen Nation durch den Nordirlandkonflikt, der sich im Hintergrund
des Romans anbahnt und von den Websters am Fernsehen verfolgt wird.
Noras älterer Sohn fotografiert diese
Nachrichtenbilder vom Fernsehschirm
ab und belichtet sie doppelt zu verschwommenen
«Andeutungen
von
Feuer und laufenden Gestalten». Damit
hat Tóibín ein starkes Bild geschaffen für
die Erfahrung von Indirektheit und Distanz in Noras Beziehung zur Welt. Etwas
von dieser Distanz stellt er bereits her,
indem er den Roman aus der personalen
Drittpersonen-Perspektive erzählt, die
zwar Einblicke in Noras Erleben gibt,
aber sie immer auch als ein wenig fremd
von aussen betrachtet.
Distanz manifestiert sich weiter in
Noras sozialen Interaktionen, die sie als
eigenartig inszeniert empfindet und zu
denen sie nichts beizutragen hat. Und
am offensichtlichsten wird sie in Noras
Fliehen oder bleiben?
Im Irland der 1960er
Jahre sucht eine
junge Witwe nach
einem Weg, mit ihrem
Verlust umzugehen.
Beziehung zu ihren Kindern. Die alleinstehende Mutter versorgt letztere gewissenhaft, scheint gleichzeitig aber Mühe
zu haben, deren Empfindungen wahrzunehmen oder auf sie einzugehen. Sie
nimmt sich vor, den Kindern nicht zu
viele Fragen zu stellen, und bemisst
«ihren Erfolg bei den Jungs danach, inwieweit es ihr gelang, ihre Gefühle unter
Kontrolle zu halten».
Freiräume verteidigen
Diese mütterliche Nüchternheit wird
verstärkt durch die Tatsache, dass der
Roman in den späten 1960er Jahren
spielt, in denen in Enniscorthy, der katholischen Kleinstadt, in der Tóibín
selbst aufgewachsen ist, vieles verdrängt
und verschwiegen wird, was heute ausgesprochen und therapiert würde. Aber
darüber hinaus mag es kein Zufall sein,
dass der Autor seiner Protagonistin den
Vornamen einer der emanzipiertesten
Frauen und kontroversesten Mütter der
Weltliteratur gegeben hat: der Titelfigur
in Henrik Ibsens Stück «Nora oder Ein
Puppenheim». Denn es wird im Verlauf
der Lektüre klar, dass Nora Webster modernere Ansichten und andere Interessen hat als ihr verstorbener Ehemann,
dass sie vielleicht gar nicht so gerne Mutter ist und dass sie womöglich – wäre sie
freier gewesen – ein ganz anderes Leben
gewählt und ganz andere Talente entwickelt hätte. Abends, wenn sie «endlich
das Zimmer ganz für sich allein» hat,
stellt sie sich jedenfalls gerne vor, wie es
wäre, «die junge Frau auf der Plattenhülle zu sein, genau jetzt sie zu sein, mit
einem Cello neben sich, während jemand
sie fotografierte».
Aber eben, es gibt bei Tóibín kein dramatisches Ausbrechen. Es gibt stattdessen das klarsichtige Bewusstsein, dass
manchmal die grösste Errungenschaft
darin besteht, sich in hartnäckigem Bemühen kleine Freiräume in den äusseren
Zwängen zu erkämpfen und diese gegen
Anfechtungen und Schicksalsschläge
entschieden zu verteidigen. ●
Roman Autor und Schiffsarzt: Der Niederländer Jan Jacob Slauerhoff (1898–1936) ist neu zu entdecken
OdysseerundumsReichderMitte
ckungen und Eroberungen Portugals im
Fernen Osten gefeiert.
Die biografischen Daten zu Camões
sind spärlich, und darum kann sich
Slauerhoff einige erzählerische Lizenzen
nehmen. Camões bewegt sich in «Das
verbotene Reich» als Zerrissener durch
die Welt, mit skeptischer Distanz zu
allem, was ihn umgibt. Er, der aus niederem portugiesischem Adel stammt, überwirft sich mit seinem Vater und verliebt
sich in die schöne Diana – für die sich jedoch auch der Kronprinz interessiert.
Auf Geheiss des Königs muss er Portugal
verlassen, er wird in die ferne Kolonie
Macao geschickt, wo er als Soldat dienen
soll. Nahe am verbotenen Reich.
Diana zuliebe ist er zum Dichter geworden, und wegen seiner Liebe zu ihr
wurde er aus der Heimat verjagt. Das
schärft seinen ohnehin kritischen Blick
auf die Enge der damaligen Gesellschaft.
Im wiederholten Wechsel der Erzählperspektiven lässt Slauerhoff seinen Helden
selber zu Wort kommen oder schildert
ihn von aussen – und zeigt zugleich die
korrupte und brutale portugiesische Kolonialmacht, die sich darum bemüht, am
Rande des Kaiserreichs Handelsstützpunkte zu errichten.
In Macao glaubt Camões einmal in der
Gouverneurstochter Pilar seine Geliebte
Jan Jacob Slauerhoff: Das verbotene Reich.
Aus dem Niederländischen von Albert
Vigoleis Thelen. Weidle, Bonn 2016.
176 Seiten, Fr. 26.90, E-Book 15.90.
Von Martin Zingg
Er galt lange Zeit als «poète maudit» der
niederländischen Literatur und ist inzwischen ein Klassiker: Jan Jacob Slauerhoff
(1898–1936). Schon früh, heisst es, sei er
sehr belesen gewesen, ein Allesverschlinger, und weil er sich mit der Enge
seines Landes nicht anfreunden konnte,
wollte er dieses um jeden Preis verlassen. In jenen Jahren waren die Niederlande eine Kolonialmacht: Slauerhoff
studierte Medizin und wurde Schiffsarzt.
Lange war er unterwegs auf der Java-China-Japan-Linie, später in Südamerika –
und daneben schrieb er, der immer wieder krank war, Romane, Erzählungen,
Gedichte und ein Theaterstück.
Zu seinen bekannten Werken gehört
«Das verbotene Reich», das 1932 erschienen ist. In dessen Mittelpunkt steht der
portugiesische Dichter Luis de Camões,
der von 1524 bis 1580 gelebt und das portugiesische Nationalepos «Die Lusiaden»
geschaffen hat. Darin werden, durchaus
in Anlehnung an die Odyssee, die Entde-
wiederzuerkennen, natürlich ist sie
längst einem Mann versprochen – und
vielleicht ist sie tatsächlich Diana, seine
imaginäre Diana. So wie ein irischer
Bordfunker aus dem 20. Jahrhundert,
wie dieser geschlagen mit einem wechselhaften Leben, für Momente eins wird
mit Camões. In der Hitze der Entbehrungen werden die Konturen des Erzählten
immer wieder unscharf. Slauerhoff inszeniert diese Entgrenzungen auf raffinierte Weise und lässt dabei vieles offen.
Das «verbotene Reich», stellt sich am
Ende heraus, ist nicht nur China, es ist
weit grösser und schliesst so manches
ein, was dem Helden möglicherweise zu
seinem Glück verholfen hätte.
Übersetzt hat diesen Roman einer der
grossen Unbekannten der deutschen Literatur, Albert Vigoleis Thelen (1903–
1989), der mit dem Roman «Die Insel des
zweiten Gesichts» (1953) seinerseits ein
bedeutendes Werk geschaffen hat. Dass
seine Übertragung einige Altersspuren
trägt, kann nur einen kurzen Moment
lang irritieren. Denn die leichte Patina
rückt den ungewöhnlichen Roman in
genau jene Distanz, in welcher Slauerhoff
auch seine Figuren hält – und respektiert
damit die Erzählweise des niederländischen Autors, von dem man sich noch
weitere Übersetzungen wünscht. ●
Foto: © Marco Okhuizen/laif
Foto: © Annaleen Louwes
Foto: © Bernhard van Dierendonck
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Lukas
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Ein passender
Mieter
Roman · Diogenes
368 Seiten, Leinen, sFr 32.–*
* unverb. Preisempfehlung
Sensibel verknüpft der
Autor das Porträt
einer Frau in der Krise
mit der Geschichte
eines Getriebenen. Ein
Roman über die Kräfte, die eine Familie
zusammenhalten und
diejenigen, die sie
auseinandersprengen.
Connie Palmen
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Roman · Diogenes
288 Seiten, Leinen, sFr 30.–*
Connie Palmens
Roman über das
berühmteste
Schriftstellerpaar der
modernen Literatur,
Sylvia Plath und
Ted Hughes – eine
leidenschaftliche,
tragische Beziehung.
Leon de Winter
Geronimo
Der neue großartige
Roman von Leon de
Winter: verblüffend,
rasant – ein literarisches Meisterwerk.
Geronimo bringt die
Grenzen zwischen
Realität und Phantasie ins Wanken!
Roman · Diogenes
448 Seiten, Leinen, sFr 32.–*
Diogenes
28. August 2016 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 7
Belletristik
Roman Ist immer gut, wer Gutes tut? In ihrem Roman «Drehtür» lässt Katja Lange-Müller eine
ausgemusterte Krankenschwester über die Beweggründe ihres Handelns nachdenken
GeschichtenvomhehrenHelfen
Katja Lange-Müller: Drehtür.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016.
216 Seiten, Fr. 27.90, E-Book 18.-.
Von Claudia Mäder
Dass es Kräfte gibt, die das Böse wollen
und das Gute schaffen, weiss jeder, der
seinen Goethe gelesen hat. Wer den
neuen Roman von Katja Lange-Müller
studiert, erfährt, dass es auch umgekehrt
geht und das Gute gern zum Bösen führt.
Ein Mädchen nimmt drei Kätzchen ins
Bett, um sie zu wärmen — und erdrückt
die Tiere im Schlaf. Eine Frau schleppt
einen koreanischen Koch von der Strasse
in ihre Wohnung — und bringt ihn in die
Bredouille, weil er sich unerlaubterweise
vom Gelände seiner Botschaft entfernt
hat. Eine umtriebige Novizin startet eine
Reinigungsaktion für die dritten Zähne
ihrer greisen Mitschwestern — und sorgt
dafür, dass die alten Nonnen wochenlang nur noch «entrindetes Weissbrot mit
Tee» zu sich nehmen können.
Eine Vielzahl solcher scheinbar zusammenhangsloser Episoden bildet den
Kern des Buches. In seinem Zentrum
steht mit Asta Arnold eine Art Alter Ego
der Autorin: Die mehrfach ausgezeichnete Katja Lange-Müller hatte in Berlin
als Krankenschwester gearbeitet, bevor
sie zum Schreiben kam; Asta Arnold hat
über 20 Jahre im Dienst internationaler
Hilfsorganisationen gestanden, bevor
sie, am Münchner Flughafen gestrandet,
ihre Geschichten zu erzählen beginnt.
Allmählich alt geworden, ist Asta von
ihren Kollegen in die deutsche Heimat
wegspediert worden. Einen «Aus-Flug»
hat man ihr geschenkt, befindet die
Protagonistin, die im ganzen Verlauf des
Buches rauchend hinter einer Drehtür
steht, durch die sie gehen müsste, um in
ein neues Leben zu gelangen.
Doch statt an die Zukunft denkt die
Krankenschwester allein an die Vergangenheit, und die Gegenwart ist ihr nur
mehr ein Abklatsch alter Gesichter und
Geschichten. Menschen, die jenseits der
Drehtür vorbeiziehen, erinnern Asta an
Personen, die ihren Lebensweg gekreuzt
haben, und lassen sie, die sich seit einiger Zeit zum Sprechen nicht mehr in der
Lage fühlt, in beredte gedankliche Erzählungen abdriften. Den Auftakt macht der
eingangs erwähnte Koch, an dem die
junge Asta ihren Drang zum Helfen einst
stillte; ihm folgen diverse scharf gezeich-
nete Figuren in manchmal komisch untermalten und immer meisterlich erzählten Binnengeschichten.
So wie der rauchenden Asta beim
Nachdenken die langen deutschen Wörter in ihre Grundbausteine zerfallen und
dadurch neue Bedeutungen annehmen,
so zerspringt auch ihr Leben in einzelne
Episoden, die alle ein grosses Thema sezieren: das hehre Helfen. Warum unterstützt der Mensch seine Artgenossen?
Folgt er einem biologischen Reflex? Oder
seinem Willen zur Macht? Hilft man, um
sich erhaben zu fühlen? Oder um mindestens etwas Sinn zu haben im Leben?
Und wenn es so wäre, stellt die zweifelhafte Gesinnung etwa ein positives Resultat infrage — und umgekehrt?
Astas Erinnerungen umkreisen philosophische Grundfragen, und nicht von
ungefähr steht dem Buch ein NietzscheMotto voran. Schade nur, dass es zuweilen auch die Autorin mit dem Helfen
etwas übertreibt und Asta zwischen den
Geschichten Gedanken ausformulieren
lässt, die sich der Leser gerne selber
machen würde. Der Roman lebt von der
Wucht der Erzählungen, ganz wie Asta,
für die es kein Weiter mehr gibt, als der
Strom der Geschichten versiegt. ●
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Wo wollen Sie im Alter leben? – Selbstbestimmt leben am Bodensee
Peter Lehmann (68) fühlt sich im Augustinum Meersburg frei und zugleich rundum versorgt
das Augustinum Meersburg entschieden und
muss sagen: Das war eine sehr gute Wahl.“
Der 68-Jährige musste in seinem Leben schon
mehrere gesundheitliche Rückschläge erleiden. Noch vor der Pensionierung fasste er
den Entschluss: Ich möchte selbstbestimmt
leben und zugleich die Sicherheit haben, dass
sich jemand um mich kümmert, wenn es
mir eines Tages gesundheitlich dauerhaft
schlechter gehen sollte.
„Ich bin ganz ehrlich: In der Schweiz hätte ich
mir diesen Komfort kaum leisten können“,
erzählt Peter Lehmann, pensionierter Postangestellter aus dem Kanton Bern. Geboren und
aufgewachsen im Kanton Solothurn, hätte er
nicht erwartet, eines Tages in Deutschland
zu wohnen. „Aber ich habe mich bewusst für
Peter Lehmann hat auch die sogenannte
Pflegekosten-Ergänzungsregelung (PER) des
Augustinum überzeugt: Im Falle der Pflege
ist der eigene Beitrag zu den Pflegekosten
auf derzeit maximal 500 Euro im Monat begrenzt – unabhängig davon, in welchem Maß
Pflege benötigt wird. Eine weitere Besonderheit: Wer pflegebedürftig werden sollte, wird
im eigenen Appartement gepflegt und muss
sein gewohntes Umfeld nicht verlassen.
Seit seinem Einzug hat sich für Peter Lehmann
einiges verändert: Egal ob Schwimmen im
hauseigenen Schwimmbad oder Übungen im
Fitnessraum – es vergeht kaum ein Tag ohne
Sport, seit er vor drei Jahren ins Augustinum
gezogen ist. Ein besonderes Highlight ist für
Peter Lehmann die Umgebung, die er oft mit
dem E-Bike erkundet: Vor dem Appartement
erstrecken sich Obstwiesen, daneben führen
Weinberge hinunter zum historischen Kern
Meersburgs – und aus der Ferne grüßt der
Säntis. Der Schweiz blieb Peter Lehmann
natürlich verbunden: Immer wieder besucht
er Freunde oder wird selbst im Augustinum
besucht – weit ist es schließlich nicht ins
Nachbarland.
Hausbesichtigung in unseren 23 Residenzen jeden Mittwoch um 14 Uhr ohne Voranmeldung
Zentrale Interessentenberatung Tel. +49 800 / 22 123 45, www.augustinum.de
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8 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 28. August 2016
Roman Lukas Hartmann beschreibt brillant, wie das Ende der Liebe zum Anfang des Unglücks wird
WennsichzuHausedasBöseeinnistet
Von Charles Linsmayer
Wie kommt ein Virtuose des historischen
Romans dazu, einen ganz im Heute situierten Familienroman zu schreiben, der
wie kaum ein anderes Buch dieser Jahre
die fatale Verunsicherung auf den Punkt
bringt, der Gesellschaft und Individuen
aller Generationen mehr und mehr verfallen? Die Frage kann nur stellen, wer
verkennt, dass Lukas Hartmann als Sozialarbeiter zu schreiben begann, dass
seine Romane im historischen Gewand
stets aktuelle Probleme wie Fremdenhass oder Gewalt thematisierten, dass
die Beurteilung des komplexen Gegenwärtigen noch am ehesten einem zuzutrauen ist, der die gesellschaftliche Befindlichkeit vom Mittelalter bis zur
Wende von 1989 literarisch aufarbeitete
und der schon 1976, im Klappentext des
Erstlings, angab, er arbeite an einem
Roman mit dem Titel «Der Amokläufer».
Aus der Luft gegriffen hat Hartmann
auch diese Geschichte nicht. 1999 trieb
im Oberaargau ein Triebtäter sein Unwesen, überfiel junge Frauen, verletzte und
beraubte sie und konnte erst nach langem verhaftet werden. Hartmann verpflanzt das Geschehen in eine Stadt, die
Zürich (Sozialarchiv) oder Bern (Lauben)
heissen könnte, und in eine Familie, die
nur am Rand in den Fall verwickelt ist,
aber daran fast zugrunde geht.
Margret und Gerhard Sandmaier, er
Professor, sie Hausfrau und Sprachlehrerin für Asylbewerber, verkraften die
Trennung vom einzigen Sohn Sebastian
nur schwer, fallen aber aus allen Wolken,
als sich der an dessen Stelle aufgenommene Mieter, der Velomechaniker Beat
Schär, als der seit Monaten gesuchte
Messerstecher entpuppt. Sebastian, der
Theologiestudent, beobachtet erschrocken, was mit den Eltern passiert, nachdem ihnen «das unmöglich Scheinende,
das Böse so nahe gerückt ist». Margret
meint, dem Täter helfen zu müssen, besucht ihn im Gefängnis, greift ihn in
einem Anfall von Aggressivität tätlich an
und landet in der psychiatrischen Klinik.
Gerhard will sie von einem Albdruck befreien, indem er den Anbau, in dem der
Täter wohnte, abreissen lässt, erreicht
aber gerade damit, dass Margret die Ehe,
deren langsames Absterben Hartmann
auf berührende Weise protokolliert, für
gescheitert erklärt.
Doch nicht nur diese, auch Sebastians
Beziehung geht in die Brüche, und am
Ende finden Mutter und Sohn wie gestrandete Opfer einer Katastrophe in
einer kleinen Wohnung wieder zusammen. «Wie schnell sich doch die Liebe
verwandelt», erkennt Margret, der die
Ehe zum Gefängnis wurde, wo man «den
Notausgang nehmen muss, um sich
selbst zu retten». Sebastian aber, der Karl
Barths «Dogmatik» studiert hat, ist es
nicht gelungen, die Hingabe an die Ge-
liebte mit der Begegnung mit Gott in Einklang zu bringen. Er erkennt, dass «wer
zutiefst einsam ist, verstossen wurde»,
nicht lieben soll, «denn Liebe, wenn sie
vorher nie zu spüren war, ist ein verbotenes Wort, eines, das unerträglichen
Schmerz bedeutet». Barth hinterlässt
ihm zuletzt nicht die Lösung des «Rätsels
Liebe», sondern das «Vernichtende», das
«Nichtige» als «letzte Wirklichkeit gegenüber Gott». Kein Wunder denn, dass Sebastian sich von der Theologie ab- und
der Medizin zuwendet.
«Konnte es danach je wieder so etwas
wie Normalität geben?», fragt Margret,
nachdem sie ungewollt in einen Strudel
hineingerissen wurde, den ein Gewaltverbrecher ausgelöst hat und der ihren
Sohn zur Aussage verleitet: «Das Leben
ist nicht rot, nicht gelb, nicht blau, es
ist ein grosses Durcheinander.» Eine
Quintessenz, die umso nachdenklicher
stimmt, als sie in einem Roman formuliert wird, in dem jede Figur absolut authentisch wirkt, in dem Gespräche von
packender Dramatik geführt werden und
in dem bis zuletzt die souveräne Gestaltungskraft eines Autors spürbar bleibt,
der die These vom Ende der Liebe als Anfang des Unglücks auf eine vollkommen
unaufdringliche Weise in eine spannende Geschichte zu bannen vermag. ●
Epochenbilder Die Porträts der Malerin Alice Neel
#### CREDIT
Lukas Hartmann: Ein passender Mieter.
Diogenes, Zürich 2016. 364 Seiten,
Fr. 33.90, E-Book 27.–.
Dass die drei sich miteinander wohlfühlen, kann man
sich nicht unbedingt vorstellen: Das Mädchen wirkt unsicher. Die Frau schaut herausfordernd, der Mann will in
Ruhe gelassen werden. Verbindend ist nur, dass sie
keine Lust haben, der Malerin Porträt zu sitzen. Und
dass sie schwarze Lackschuhe tragen. Ihnen hat Alice
Neel ihr besonderes Augenmerk gewidmet, die Fussstellungen erzählen ebenso viel über die Familie wie der
Rest des Bildes. Die 1900 geborene und 1984 verstorbene New Yorker Künstlerin hat sich in der Blütezeit der
Abstraktion auf die Darstellung von Menschen konzen-
triert. In ihren Haltungen und Gesichtszügen sah sie
einen Ausdruck der eigenen Zeit. Sie sprach deshalb
auch nicht gerne von Porträts, sondern von «Bildern von
Menschen», welche eine «Epoche in einer Weise widerspiegeln, wie nichts anderes es könnte». John Green war
Kulturkritiker, Jane Wilson Malerin, und ihre Tochter
Julia wurde später die Leiterin der Keith Haring Foundation. In ihrem Familienbildnis von 1970 fängt Neel die
kulturelle Atmosphäre jener Jahre ein. Gerhard Mack
Alice Neel: Painter of Modern Life. Hrsg. v. J. Lewison.
Hatje Cantz, Ostfildern 2016. 240 S., 130 Abb., Fr. 54.90.
28. August 2016 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 9
Belletristik
Roman Endlich liegt der packende, 1958 im Original erschienene Zweitling des US-Autors Alfred Hayes
auf Deutsch vor. In knapper Sprache erzählt er die Geschichte einer unmöglichen Beziehung
Gefangenindereigenen
Mutlosigkeit
Alfred Hayes: Alles für ein bisschen Ruhm.
Deutsch von Matthias Fienbork. Nagel &
Kimche, Zürich und München 2016.
144 Seiten, Fr. 25.90, E-Book 20.–.
Von Angelika Overath
KEYSTONE – FRANCE/GETTY IMAGES
Im deutschsprachigen Raum gehört Alfred Hayes zu den vergessenen Autoren.
1911 als Sohn einer jüdischen Familie in
London-Whitechapel geboren, studierte
er in New York, arbeitete eine Zeitlang als
Reporter und lebte nach dem Zweiten
Weltkrieg in Rom, wo er Drehbücher für
den neorealistischen Film schrieb (so
war er Co-Autor von Vittorio De Sicas
«Fahrraddiebe»). Er hat Gedichte und
Romane verfasst, gestorben ist er 1985 in
Kalifornien. 2015 wagte Nagel & Kimche
mit «In Love» eine Wiederentdeckung
des psychologisch sezierenden Autors.
Nun ist ein zweiter Roman, «Alles für ein
bisschen Ruhm» (Originaltitel: «My Face
for the World to See») erschienen, wieder
in einer wunderbaren Übersetzung von
Matthias Fienbork.
Seelischer Neoprenanzug
Der Text führt in das Film-mondäne Los
Angeles der späten 1950er Jahre. Ein erfolgreicher, von seinem Leben zwischen
New York und Hollywood aber angeödeter Drehbuchautor beobachtet
während einer Party von einer Terrasse
aus, wie eine junge, betrunkene Frau am
Meer einen Selbsttötungsversuch unternimmt. Er kann die Bewusstlose aus dem
Wasser fischen und wiederbeleben. Später kauert sie unter den aufgekratzten
Gästen am Kamin: «‹Wer hat sie eigentlich mitgebracht?› – ‹Benson, richtig? Sie
wird eine Woche lang nach Salz schmecken.›» Dem Retter ist die Sache peinlich,
er findet das Mädchen nicht attraktiv
und leiht sich vom Gastgeber eine frische
Hose aus; seine ist schmutzig vom nassen Sand. Zwei Tage später ruft die junge
Frau ihn an, um sich zu bedanken. Er lädt
sie zum Essen ein. Und ein Spiel beginnt,
dem beide nicht trauen.
Sie ist eine erfolglose 26-jährige Filmschauspielerin, die in Los Angeles in
einer kargen, sauberen Wohnung lebt,
zusammen mit einem aus dem Müll geretteten Kater; er ist ein 36-jähriger bestverdienender Autor, der selbstverständlich, in einem seelischen Neoprenanzug,
durch die Filmschickeria gleitet. Er verachtet das Milieu, in dem er reich wird,
hat aber keine Lust mehr darauf, arm zu
sein. In meist kurzen Kapiteln, Schnappschüssen, werden diese zwei so unterschiedlichen Leben zusammengeführt.
Die Geschichte ist aus der Ich-Perspektive des Mannes erzählt; durch die vielen
raffinierten direkten und indirekten Dialoge aber gewinnt die rätselhafte Figur
10 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 28. August 2016
Das Hollywood der
1950er Jahre bildet
die Kulisse für die
zaghafte Liebe,
die sich zwischen
den Protagonisten
in Hayes’ Roman
entwickelt.
der Frau zunehmend an Kontur. Sie hat
eine Liebe zu einem verheirateten Mann
hinter sich und genug von dieser Spezies
gehetzter heimlicher Liebhaber. Er, seit
15 Jahren in New York verheiratet, sieht
in Hollywood nicht nur die Möglichkeit,
schnell viel Geld zu verdienen, sondern
vor allem die Chance, immer wieder einige Monate allein zu sein. «Allein. Es
war die eine aktive Leidenschaft, die mir
geblieben war, die einzig wirkliche Obsession.» Dieses Alleinsein aromatisiert
er durch beiläufige Ehebrüche.
Fast glücklich
Das Mädchen und der Mächtige verbringen einige scheue Wochen miteinander,
kleine Ausflüge in seinem Auto, Restaurantbesuche, vorsichtiger, halbherziger
Sex. Einmal gehen sie zusammen zum
Stierkampf. Sie muss sich übergeben; ihn
rührt ihre Empfindlichkeit. Zwischen
den beiden ist keine Leidenschaft, aber
eine eigentümliche Nähe wächst. Er beobachtet, wie sie durch ihn offener wird,
heiterer. Und zunehmend findet er sie
schön, ja «unheimlich schön». Sie zeigt
ihm, wie viel Empfindsamkeit zu unterdrücken er schon gewohnt ist. Durch ihr
Ehrlichsein – sie erzählt, dass sie irre
Verfolgungsvisionen gehabt habe, dass
sie eine Therapie mache – und ihr ungeschütztes Fragen beginnt er, über sich
nachzudenken. Oft antwortet er beiläufig oder widerstrebend, aber sie setzt
nach. Zunehmend wird er sich der gemütlichen Verlogenheit und demütigenden Leere seiner so erfolgreichen Exis-
tenz bewusst. «Ein Echo der alten Misere
stieg in mir hoch. Sie hatte es ausgelöst,
sie hatte es wieder angefacht.»
Er hasst sie dafür und sucht doch ihre
Nähe. Denn ihre Jugend, ihre Unbedingtheit öffnet ihm ein Möglichkeitsfenster
und bringt den depressiv Abgeklärten
zum Träumen. «Ich musste nur aufbrechen: eine Frage der Entscheidung. Ich
sah mich wundersamerweise auf einem
Berg in Peru. Bärtig, verändert, ein anderer Mensch.» Doch dieser scheinbar souveräne, ein wenig zynische Held kann
sich zwar alles kaufen, aber keinen Mut.
Oder könnte eine Lebenswende mit ihr
doch gelingen? Die beiden sind fast
glücklich. Ohne dass er es will, entwischt
ihm ein «Ich liebe dich», das ihn erschreckt, verwirrt. Und befreit: «Mir war,
als wäre endlich eine Last von mir gewichen. Als öffneten sich langsam mehrere
Türen, eine nach der anderen.» Und sie
gehen sofort wieder zu. Ein Telegramm
seiner Gattin unterrichtet ihn, dass ihr
Vater gestorben sei. Dieser Schock habe
sie zum Nachdenken gebracht. Sie wolle
ihre Ehe mit ihm retten; sie sei auf dem
Weg zu ihm nach Los Angeles.
In einer hinreissenden letzten Restaurantszene – die beiden Liebenden duellieren sich mit blitzenden Sätzen – wird
klar, wie elend abhängig der Mächtige
von seiner aussichtslos guten Existenz
ist. Und wie einig mit sich die um ihr
Leben kämpfende junge Frau. Ihr Scheitern kennt den Goldgrund der Hoffnung.
Grandios nimmt die Geschichte ihre
schlimmstmögliche Wendung. ●
Roman In seinem neuen Buch
durchleuchtet Thomas Lang die schwierige
erste Ehe von Hermann Hesse
Fern vom Idyll
Kurzkritiken Belletristik
Stefano Benni. Die Pantherin. Aus dem
Italienischen von Mirjam Bitter.
Wagenbach Salto, 2016. 96 S., Fr. 22.90.
Hazel Brugger: Ich bin so hübsch.
Kolumnen. Kein & Aber Pocket, 2016.
176 S., Fr. 13.90, E-Book 11.90.
In seiner Heimat ist der Bologneser Erzähler, Dramatiker und Kolumnist Stefano Benni höchst erfolgreich. Als Satiriker mit schrägem Witz und als profilierter Gegner Berlusconis hat er sich einen
Namen gemacht und zweieinhalb Millionen Bücher verkauft. Im deutschen
Sprachraum ist er indes auch nach fünf
Büchern bei Wagenbach noch ein Geheimtipp. Das könnte sich mit diesem
schönen kleinen Band ändern, der die
beiden Erzählungen «Die Pantherin» und
«Aixi» enthält. Die Titelgeschichte dreht
sich um eine geheimnisvolle Schöne, die
eines Nachts in einem düsteren Billardsaal aufkreuzt – einem Ort, an dem sich
sonst ausschliesslich die männliche
Halbwelt trifft. Doch die Besucherin tritt
gegen jeden einzelnen Spieler an. Ohne
ein Wort zu sagen, reiht sie Sieg an Sieg.
Erst als sie auf den mutmasslich besten
Spieler, einen Engländer namens Jones,
trifft, nimmt sie die Sonnenbrille ab.
Hazel Brugger, 1993 in San Diego geboren
als Tochter einer Deutschen und eines
Schweizers, ist hierzulande wohl die bekannteste literarische Stimme ihrer Generation. Als Slam-Poetin, Kolumnistin
und Moderatorin ist sie längst ein Begriff.
Ihr erstes Buch versammelt eine Auswahl ihrer Beiträge aus dem «Magazin»
des «Tages-Anzeigers» und anderen Publikationen, enthält aber auch bisher ungedruckte Texte. Sie amüsieren, weil sie
frisch, frech und auf einen eigenen Ton
gestimmt sind. Manchmal würde man
sich wünschen, dass die Autorin, die jede
Form von Humor für aggressiv hält, sich
nicht zu sehr auf ihre Rolle als «böseste
Frau der Schweiz» versteift. Aber dass
hier ein Talent am Werk ist, steht fest.
«Wussten Sie, dass mehr als ein Zehntel
der online verkauften Muttermilch mit
Kuhmilch gestreckt ist? Potz Blitz.»
«Was?! Würste krebserregend? Ich glaub,
es hackt.» So legt sie los.
Hermann Kinder: Porträt eines jungen
Mannes aus alter Zeit. Weissbooks, 2016.
208 S., Fr. 26.90, E-Book 17.–.
Margriet de Moor: Schlaflose Nacht.
Deutsch v. Helge von Beuningen. Hanser,
2016. 128 S., Fr. 23.90, E-Book 18.–.
Zwei Jahre nach seiner erschütternden
autobiografischen Erzählung «Der Weg
allen Fleisches» legt der Konstanzer Hermann Kinder ein weiteres überzeugendes Buch vor. In «Porträt eines jungen
Mannes aus alter Zeit» schildert er das
Leben seines Jugendfreundes E., der
gegen Ende des Zweiten Weltkriegs geboren wurde, in der Bundesrepublik der
Nachkriegszeit aufwuchs und eine Karriere als Schauspieler anstrebte, aber an
sich zerbrach und sich 1963 das Leben
nahm. Das bewegende Erinnerungsbuch
ist montiert aus Tagebüchern und anderen Papieren des verstorbenen Freundes
sowie Reflexionen des Autors. Die Textsorten sind typografisch gegeneinander
abgehoben. In ihrer Vielstimmigkeit runden sie sich zu einem kaleidoskopischen
Porträt, das stets in Bewegung zu sein
scheint. Kinder lässt in seinem Buch eine
ganze Epoche auferstehen.
Vierzehn Monate war sie verheiratet, seit
dreizehneinhalb Jahren lebt sie allein.
Das Zahlenverhältnis ist unproportional,
aber was die Ich-Erzählerin erlebt hat,
entzieht sich dem rationalen Zugriff: Ihr
Mann hat sich ohne erkenntlichen Grund
mitten aus dem Leben heraus erschossen. Die holländische Autorin Margriet
de Moor lässt die Zurückgebliebene in
schlaflosen Nächten beim Backen nach
Ruhe suchen; sie beschreibt, wie die
Witwe nach Antworten forscht, die es
nicht gibt, und wie sie Mann um Mann
trifft, um ihren Körper vor dem Verfall zu
bewahren – und irgendwann auch wieder zu lieben? Die jüngste Männerbegegnung, deren Verlauf die Novelle schildert, legt diese Möglichkeit nahe, doch
bleibt alles offen, denn de Moor erzählt
faktisch und umschreibt so wunderbar
sanft jenes «irgendetwas, das zwischen
den simplen Tatsachen verborgen lag».
Thomas Lang: Immer nach Hause.
Berlin Verlag, Berlin 2016. 380 Seiten,
Fr. 28.90, E-Book 20.–.
Von Stefana Sabin
Nachdem er eine Buchhändlerlehre absolviert und auch schon Gedichte und
Erzählungen veröffentlicht hatte, gelang
Hermann Hesse 1904 der literarische
Durchbruch mit dem zivilisationskritischen Bildungsroman «Peter Camenzind». Als erfolgreicher Dichter heiratete
Hesse die Schweizer Fotografin Maria
Bernoulli, genannt Mia, und liess sich
mit ihr in einem abgelegenen badischen
Dörfchen am Bodensee nieder, wo sie
ein einfaches, naturverbundenes Leben
führten. Es war eine Idylle – aber diese
Idylle war trügerisch. Dies suggeriert
Thomas Lang in seinem Hesse-Roman,
in dem er diese erste Ehe als Rahmenhandlung benutzt.
Langs Hesse reist viel – Heilkuren für
seine Magen- und Kopfschmerzen oder
lebensreformerische Experimente oder
Fernreisen –, und wenn er zu Hause ist,
entzieht er sich dem Familienleben. «Er
will bei Mia sein und gleichzeitig nur weg
von allem.» Die Kinder nerven ihn, die
Frau wird ihm zunehmend fremd, die
Ehe zerbricht. «Er spürt, wie die Fäden
schlaff werden, die ihn mit seinem Alltagsleben verbinden», so der Autor, «und
er geniesst das.»
Eigentlich ist dieser Hesse auf einer
inneren Reise zu sich selbst – so jedenfalls porträtiert ihn Lang und gibt seinem
Roman einen Titel, der Novalis zitiert:
«Immer nach Hause». Dieser Titel weist
auf Hesses Sehnsucht nach einem ideellen Zuhause und zugleich auf seine reale
Unruhe hin. «Und ich bleibe ein Wanderer, der immer an den besseren Ort gelangen will und niemals dort ankommt»,
denkt Langs Hesse über sich selbst.
So ist es der Dichter als Selbstsucher,
der im Zentrum des Romans steht. Lang
beschreibt Hesses Befindlichkeit zwischen bürgerlichem Verantwortungsgefühl und reformatorischer Lebensvorstellung und macht dabei die Gratwanderung zwischen Schreibwut und
Schreibhemmung als Reflex
darauf nachvollziehbar.
Der Roman deckt die
Zeitspanne zwischen
1907 und 1918 ab und
stellt dank vieler Vorund
Rückbl end en
(«wir springen einmal
zurück» oder «wir springen noch einmal in der
Zeit») doch einen ganzen
Lebensentwurf vor. Tatsächlich zeichnet Lang ein
Porträt des Dichters, das
den Hesse-Afficionados gefallen und
alle anderen neugierig machen
wird. ●
Gundula Ludwig
Manfred Papst
Manfred Papst
Claudia Mäder
28. August 2016 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 11
Essay
In der Sowjetära stellte Russland den Westen mit seiner Buchproduktion in den Schatten.
Seit dem Systemwechsel vor 25 Jahren hat sich indes auch im Bereich der Literatur
vieles verändert – und wenig zum Guten. Von Sabina Meier Zur
HarteZeitenfür
das«Leseland»
Im Zentrum von Moskau gibt man sich von
Sanktionen und Rubelzerfall unbeeindruckt.
Die Modernisierung schreitet gnadenlos voran.
Auf der einen Seite neue Velowege, Uferpromenaden, hippe Stadtparks und neuerdings lateinische Beschriftung in der Metro. Auf der anderen:
der Abriss von alter Bausubstanz, höllische
Staus und wuchernde Überbauungen. Die Lokale sind voll, die Moskauer feiern und bestellen
grosszügig.LängstistderlesendeMetropassagier
durch den auf dem Smartphone chattenden ersetzt, wie überall auf der Welt.
Stolz nannte sich die Sowjetunion einst das
«Lesende Land» und triumphierte mit schwindelerregend hohen Bücherauflagen, selbstverständlich auch für Gedichtbände. Auch die grossen Romane des 19. Jahrhunderts von Gogol,
Tolstoi und Dostojewskij haben ihre Strahlkraft
bis heute nicht verloren. Aber was ist 25 Jahre
nach dem Untergang der Sowjetunion aus dem
grossen Bücher- und Leseland geworden?
Antwort erhält man von der Literaturkritikerin Galina Jusefowitsch, die sich als «Leuchtturm im Meer der Bücher» sieht. Die zierliche
Frau mit den hellwachen dunklen Augen
schreibt für «Medusa», eine der wenigen unabhängigen russischsprachigen Online-Nachrichtenseiten, die derzeit aus Riga operiert, um dem
Zugriff der russischen Justiz zu entgehen.
Mumifizierte Klassiker
12 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 28. August 2016
Der russische Büchermarkt ist
zehnmal kleiner als jener der
USA, und dies, obwohl
Russland nur um die Hälfte
weniger Einwohner hat.
finden, so etwas wie eine kleinere, bescheidenere «Kammerliteratur».
Als ob diese Statuskrise und die schwierige
Marktsituation nicht genug Herausforderung
wären, bekommt die Buchbranche auch noch
Gegenwind von ganz anderer Seite. Seit der Auflösung der Sowjetunion gibt es eigentlich keine
staatliche Zensur mehr – aber seit ungefähr
15 Jahren wurde eine Reihe von Gesetzen gegen
Extremismus
erlassen.
Inwiefern
diese
«Gummiparagraphen» als Zensur wirken, ist
umstritten, aber sie rufen eine Vielzahl von bizarren Effekten hervor. Potenziell kann jeder
Ladenbesucher zum Denunzianten werden.
Skandale fördern Verkauf
So protestierte ein Kunde eines grossen Moskauer Buchladens, weil er auf einem Buch eine
Swastika sah und dies als faschistische Propaganda betrachtete. Bei dem Buch handelte es
sich aber um den weltberühmten Holocaust-Comic «Maus» von Art Spiegelmann, der 2013 mit
einiger Verspätung in russischer Übersetzung
erschienen war. Trotzdem wurde «Maus» in vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem aufgebrachten Publikum aus allen Läden entfernt.
«Diese Idiotie der Buchläden», sagt Warja
Gornostaewa, die Cheflektorin des renommierten Corpus Verlags, «verhalf dem Buch umso
mehr zu grosser Aufmerksamkeit. Denn andere
Leser setzten sich wiederum für das Buch ein.
Ironischerweise nütze der Skandal dem Verkauf
so gut wie eine gezielte Marketingstrategie.»
Gornostaewa ist überzeugt: «Die Selbstzensur
wirkt stärker als die Gesetzgebung.»
Ihrer Meinung nach müsse man eigentlich im
Moment nur zwei Themen vermeiden: aktu-
▲
Was sie berichtet, ist einleuchtend. Im Vergleich
zum «paradiesischen» Sozialismus, in dem eine
Dostojewski-Ausgabe noch 1986 in einer Auflage
von 900 000 erscheinen konnte und weder
Kneipen noch Konsum, geschweige denn bunte
Zeitschriften die Aufmerksamkeit des Lesers ablenkten, hat das Lesen heute seinen einzigartigen Status eingebüsst. Anders als in Westeuropa
vollzog sich dieser Prozess rasant und abrupt.
Mit dem Ende der Sowjetunion 1991 brachen
sämtliche Strukturen wie das Bibliothekswesen,
die Vertriebswege, die staatlichen Verlage ersatzlos zusammen.
Seit den letzten 15 Jahren befindet sich die
Bücherbranche zwar wieder im Aufbau, aber die
allgemeine Wirtschaftskrise trifft sie empfind-
lich: Fast um 20 Prozent ist die Gesamtauflage
2015 eingebrochen, und an die 40 Buchläden
mussten in Moskau im vorigen Jahr schliessen.
Bücher sind teuer geworden, das hängt u.a. auch
mit den um 40 Prozent gestiegenen Preisen für
Papier zusammen. Auf E-Books satteln die Verlage jedoch nur langsam um, bloss zwei Prozent
der Bücher erscheinen elektronisch. Ein Grund
dafür ist die in Russland im grossen Umfang betriebene Online-Piraterie, gegen die kaum strafrechtlich vorgegangen wird.
Der Abwärtstrend hat auch mit einer gesamthaften Marginalisierung des Buches zu tun. So
ist etwa der in Westeuropa wachsende Trend der
privaten Lesegruppen in Russland nicht zu beobachten. In vielen Millionenstädten wie Krasnodar gibt es keinen einzigen guten Buchladen.
An dieser weit verbreiteten Leseunlust vermag
auch die traditionell sehr umfangreiche Schullektüre nichts zu ändern. Jusefowitsch kritisiert,
dass seit Jahrzehnten immer nur die gleichen
Werke der grossen Autoren gelesen werden.
Diese «Mumifizierung der Klassiker» führe zum
Abbruch der Lesetätigkeit nach der Schule.
Bücher lesen und schreiben bringt derzeit
einfach kein Ansehen: Der russische Büchermarkt ist zehnmal kleiner als jener der USA, und
dies, obwohl Russland mit 146 Millionen nur um
die Hälfte weniger Einwohner hat. Die russische
Literatur ist heute vergleichsweise überschaubar. Es gibt nur vier Literaturpreise, und auf den
Shortlists kreisen immer wieder dieselben
Namen. Unter ihnen sind unbestritten grosse
Schriftsteller – Michail Schischkin, Andrei Makanin, Ljudmilla Ulitzkaja –, aber man solle sich
nicht der Illusion hingeben, dass hinter diesen
ein Heer von unentdeckten Genies stünde, befindet Galina Jusefowitsch.
Die Literaturkritikerin kann diese Situation
vielschichtig erklären. Seit dem 19. Jahrhundert
war die russische Literatur mehr als «nur» Literatur, sie ersetzte faktisch viele andere Diskurse:
Soziologie, Philosophie, Psychologie, Ethik, Politologie, ja sogar Sexualwissenschaft spielten
sich ausschliesslich auf dem literarischen Feld
ab. Diese übermächtige Bedeutung hat sie nun
verloren; sie muss eine prinzipiell neue Rolle
HORACIO VILLALOBOS / CORBIS VIA GETTY IMAGES
Jenseits von Buchmessen (Frankfurt, 2014) haben zeitgenössische russische Autoren neben den Klassikern einen schweren Stand.
28. August 2016 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 13
Essay
▲
elle Putin-kritische Bücher und Forschungen
zu Faschismus und Hitler. Diese riefen ebenfalls
hysterische Reaktionen hervor, wie das «Maus»Beispiel zeige. Jedoch habe der Corpus Verlag
soeben problemlos eine seriöse Stalin-Biografie
sowie die monumentale Gulag-Studie der angesehenen polnisch-amerikanischen Historikerin
Anne Appelbaum herausgegeben.
Rigoros reguliert werden demgegenüber Kinderbücher, seit 2010 das Gesetz «Zum Schutz der
Kinder vor Informationen, die schädlich für ihre
Gesundheit und Entwicklung sind» erlassen
wurde. 2013 wurde dieses Gesetz ergänzt durch
den Zusatz, dass Kinder auch vor «Informationen zu nicht traditionellen sexuellen Beziehungen», sprich Homosexualität, geschützt werden
müssen. Im Klartext werden Themen wie Gewalt, Drogen, Tod, Sexualität und Suizid stark
zensiert und streng nach Alter kategorisiert. Das
Gesetz kommt selektiv und unvorhersehbar
zum Einsatz. Den Verlagen drohen aufgebrachte
Eltern, Shitstorms, Möchtegern-Politiker und
Bürokraten, die sich zu Experten aufplustern.
Faktisch wurden auf Initiative von empörten Eltern lediglich ein paar Aufklärungsbücher aus
den Buchläden verbannt. Aber das widersprüchliche Gesetz habe eine wichtige Wirkung in der
russischen Gesellschaft, die schon seit Sowjetzeiten gelernt habe, sehr sensibel auf solche
Top-down-Signale zu reagieren, meint Mascha
Gessen, eine russisch-amerikanische Journalistin und Putin-Kritikerin.
Die deutsche Literaturagentin Maria Schliesser, die mit Lizenzen für Kinderbücher handelt,
bestätigt, dass das Interesse an schwierigen Themen schwinde, man wolle lieber mit Märchenwelten unterhalten werden. Nur wenige kleine
engagierte Verlage greifen Themen wie Krankheit und Tod auf. Der Kinderbuchverlag Samokat
(deutsch: Trottinett) spielt mit den strikten Altersvorgaben, indem er einen Doppelumschlag
erfunden hat. Der äussere Umschlag markiert
z.B. den Roman «Tschick» von Wolfgang Herrndorf als «Buch nicht für Kinder», der innere
spricht gezielt Jugendliche an. Diese Camouflage-Bücher machen Eltern zu Komplizen der
Verlage, denn verschworene Gemeinschaften
funktionieren in Russland sehr gut. Je grösser
Verschworene Gemeinschaften funktionieren in Russland
gut. Je grösser der Druck des
Systems, umso enger rücken
Andersdenkende zusammen.
THE LIFE PICTURE COLLECTION / GETTY IMAGES
Beim bärtigen Bücherbär
Tempi passati: Einst stand man in Russland Schlange für Bücher (Moskau, 1941).
der Druck des Systems, umso enger rücken die
Andersdenkenden zusammen.
Eine solche Gemeinschaft der Eingeweihten
ist der Moskauer Buchladen Falanster, benannt
nach «Phalanstère», den kommunalen Wohngemeinschaften des Frühsozialisten Charles Fouriers (1772–1837). Die Bücher in dieser Bücherhöhle stapeln sich auf den Tischen und quellen
aus den Regalen. Kein Schild führt zu dem Laden
im zweiten Stock eines der letzten unsanierten
Gebäude in einer Seitengasse im Zentrum Moskaus. Diese Bastion der Bücher existiert nun bereits seit 14 Jahren und trotzt Zensur und
Marktdiktatur. Obwohl der Buchladen als Kooperative konzipiert ist, in der alle Mitarbeiter
gleichgestellt sind, gilt der politisch linksengagierte Boris Kuprijanow als Kopf des Kultbuchladens. Der umtriebige bärtige Bücherbär
ist eine oppositionelle Gallionsfigur des Moskauer Kulturlebens.
«Es ist tückisch», sagt er in einem Interview
mit Mascha Gessen, «weil es schwierig ist, Zensur von persönlichen Vorlieben zu trennen. Wir
refusieren z.B. dumme, schlechte und rechtsextremistische Bücher. Das ist nicht Zensur, sondern persönlicher Geschmack. Aber wenn jemand ein Buch verweigert, weil er fürchtet,
damit Probleme zu bekommen, dann ist das zumindest Zensur-Bereitschaft.»
Genau das ist der Fall mit dem Buch «Dialoge»
von 2015, in dem der berühmteste politische Aktivist Alexei Nawalny sich mit Adam Michnik,
der Ikone der polnischen antikommunistischen
Dissidentenbewegung, unterhält. Alle Buchläden boykottierten das politisch riskante Buch,
angeblich aus wirtschaftlichen Gründen. In der
12-Millionen-Metropole Moskau kann man es
ausschliesslich im Falanster erwerben.
Zensur hat viele Gesichter. So wurden die Bücher der letztjährigen Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch in den grossen Läden nur verschämt in der hintersten Ecke aufgestellt, gilt sie
doch in Russland als kritische Stimme. Auch
Druckereien können ein Buchprojekt zu Fall
bringen, wenn sie sich weigern, ein Manuskript
zu drucken, das sie um ihre Drucklizenz bringen
könnte. Manchmal kommt auf einen anonymen
Anruf hin die Polizei zur Inspektion vorbei und
konfisziert ein Buch, z. B. über den Koran. Noch
hat niemand gewagt, Kuprijanow anzuklagen,
allerdings wurde sein Geschäft 2005 in Brand
gesetzt. Später erfuhr er, dass die Brandstifter
der Kreml-nahen Jugendorganisation «Junges
Russland» nahestanden.
Goldenes Zeitalter in Sicht?
Keine rosigen Zeiten für die Literatur in Russland also. Und was ist mit den Sachbüchern?
Wenn man in Russland von Büchern spricht,
meint man immer die Belletristik, Sachbücher
sind die Mauerblümchen. Bis anhin konnte man
mit ihnen in Russland weder Geld noch Ansehen
erwerben, geschweige denn, dass es dafür irgendwelche Stipendien oder Vorschüsse gibt.
Mittlerweile gibt es aber die ersten spezialisierten Verlage und Autoren für die Non-Fiction,
wie sie auf Russisch genannt wird. Galina Jusefowitsch gewinnt dem etwas Positives ab: «Ich bin
überzeugt, dass uns das ‹Goldene Zeitalter› der
Sachbücher noch bevorsteht.» l
Sabina Meier Zur ist Slawistin und lebte von
2006 bis 2014 in Moskau.
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14 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 28. August 2016
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Betriebsleiterin buchplanet.ch
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Kolumne
Charles LewinskysZitatenlese
LUKAS MAEDER
Wenn Köchinnen zusammenkommen, sprechen
sie von ihrer Herrschaft,
und wenn deutsche
Schriftsteller zusammenkommen, sprechen sie
von ihren Verlegern.
Der Autor Charles
Lewinsky arbeitet in
den verschiedensten
Sparten. Sein neuster
Roman «Andersen»
ist im Verlag Nagel &
Kimche erschienen.
Kurzkritiken Sachbuch
Michael Angele: Der letzte Zeitungsleser.
Galiani, 2016. 160 Seiten, Fr. 23.90,
E-Book 15.–.
Eva Holz, Susanne Perren (Hg.): Diese Urner.
16 Porträts vom Gotthard. Limmat, 2016.
231 Seiten, Fr. 37.90.
Ein Sonntagmorgen ohne Zeitung? Unvorstellbar. Zumindest für Michael Angele, der sich den Lesestoff nach dem
Joggen zusammen mit Croissants beim
Bäcker zu besorgen pflegt. Zeitungen,
das beschreibt der stellvertretende Chefredaktor des «Freitag» in seinem Essay,
sind mehr als reine Informationsträger.
Mit ihnen sind Rituale verbunden, und in
ihnen steckt das Potenzial für grosse Gefühle: Im besten Fall regt einen ein Blatt
nicht nur an, sondern auch auf, häufig
folgt auf die Freude über eine reich bestückte Ausgabe das schlechte Gewissen
gegenüber all den ungelesenen Texten,
manchmal wird die Lust zur Last und das
dicke Bündel zur Bürde, aber immer ist
einem seine Zeitung «Zugang zur Welt»
und «Heimat» zugleich. All das wird verschwinden, daran lässt Angele keinen
Zweifel. Der Verlust ist gross, aber immerhin ist diese feine Ode ein kleiner Gewinn für Freunde schöner Lektüren.
Bald werden wir das Kirchlein von Wassen nicht einmal mehr von weitem
sehen. Umso besser zu erfahren, dass es
Menschen gibt, die gerne, ja sogar mit
Verve im Transitkanton leben: nicht nur
seit Generationen verwurzelte, wie etwa
der junge Steinbildhauer Gedeon Regli in
Hospental, die Schauspielerin und Käserin Madlen Arnold oder das Urner Urgestein Franz Steinegger. Sondern auch
«Lachonigi», wie man in Uri die Zugezogenen nennt: die beiden schwulen Gastronomen etwa, die in Gurtnellen ein
Sternerestaurant eröffnet haben. Oder
die in Zürich aufgewachsene Kristin T.
Schnider, der man den karibischen Vater
deutlich ansieht und die sich heute als
Gemeindepräsidentin von Wassen persönlich um die acht Flüchtlinge im Dorf
kümmert. Sie alle werden uns von Innerschweizer Autorinnen und Autoren und
mit Fotos von Franca Pedrazzetti aufs
Lebendigste vorgestellt.
Randolf Menzel, Matthias Eckoldt: Die
Intelligenz der Bienen. Knaus, 2016.
366 S., Fr. 36.90, E-Book 23.90.
Martin Dahinden: Schweizer Küchengeheimnisse. Nagel & Kimche, 2016.
176 Seiten, Fr. 31.90.
Das Gehirn einer Biene ist kaum grösser
als ein Sandkorn. Doch der Grad der
Vernetzung dieses Miniaturgehirns übertrifft den eines Computers bei weitem.
Die Bienen bilden für Randolf Menzel
ebenso den End- und Höhepunkt einer
Intelligenzentwicklung im Tierreich
(nämlich bei Spinnen, Krebsen und Insekten), wie es der Mensch bei den Säugetieren tut. Der Neurowissenschafter
erforscht das Bienengehirn seit 50 Jahren. Jene Lernfähigkeit, die er für das
Mass für Intelligenz hält, hat er auf stupende Weise auch im Bienenhirn entdeckt! Wie Menzel (mit Hilfe des Autors
Matthias Eckoldt) die Geschichte seiner
eigenen Karriere und Forschung – inklusive eigene Fehler! – mit der Geschichte
der Bienenforschung von Aristoteles bis
heute verknüpft, ist nicht nur äusserst
lehrreich. Es ist, trotz wissenschaftlicher
Komplexität, auch wunderbar zu lesen.
Wer geniesst an warmen Sommertagen
nicht gern ein Vanille- oder Früchteeis im
Cornet? Nur die wenigsten aber wissen
wohl, dass der Erfinder der überzeugenden Kombination von Speiseeis und
Waffelcornet ein Schweizer ist. Mitte des
19. Jahrhunderts kam der nach London
ausgewanderte Tessiner mit dem klingenden Namen Carlo Gatti auf diese Idee,
die bis heute Gross und Klein beglückt.
Solche und ähnliche «Schweizer Küchengeheimnisse» versammelt Martin Dahinden, Schweizer Botschafter in den USA,
in diesem Buch. Neben den unterhaltsamen Geschichten zu den Speisen finden
sich immer auch die Rezepte zum Nachkochen, die z.T. bis in die Frühe Neuzeit
zurückreichen, etwa bei der «Kappeler
Milchsuppe». Natürlich dürfen auch
Anekdoten und Fakten zu den Klassikern
nicht fehlen wie zum Birchermüesli oder
zum Maggi-Bouillonwürfel.
Heinrich Heine
«…also meiner, weisst du, meiner will
immer wieder dasselbe gekocht haben.
Bloss weil es bei den Gästen einmal gut
angekommen ist. Verlangt immer das
exakt gleiche Rezept von mir. Und dann
wundert er sich, wenn es mir beim Kochen langweilig wird.»
«Ja, das kenne ich auch. Und wenn
den Kunden der dritte Aufguss dann
nicht schmeckt, machen sie einem Vorwürfe und sagen: ‹Man darf den Leuten
eben nicht jedes Mal dasselbe servieren.›»
«Sie wissen einfach nicht, was sie
wollen.»
«Doch: möglichst viel Umsatz.»
«Das ist ja das Schlimme: Zahlen können sie lesen, aber von wahrer Kochkunst haben sie keine Ahnung.»
«Sonst würden sie sich ja selber an
den Herd stellen. Aber ein Eunuch weiss
eben auch nur theoretisch, wie man
Kinder zeugt.»
«Höhöhö.»
«Lacht nicht so laut, um Himmels
willen! Wenn sie uns hören, schmeissen
sie uns raus. Und wenn man schon endlich einmal eine Herrschaft gefunden
hat…»
«Ach was, sie brauchen uns mehr als
wir sie. Was wollen sie den Leuten denn
servieren, ohne uns? Bei den unverlangt
eingesandten Kostproben ist doch nie
etwas Essbares dabei.»
«Wenn sie wenigstens dankbar dafür
wären, dass wir in ihrer Küche stehen!
Aber wenn ein Gericht einmal so gut ankommt, dass man es kaum schafft, all
die bestellten Portionen rechtzeitig auszuliefern, dann glauben sie doch tatsächlich, sie seien selber an dem Erfolg
schuld.»
«Klar. Die Leute gehen ja auch wegen
dem Klavierstimmer ins Konzert.»
«Wegen des Klavierstimmers.»
«Jetzt fang nicht auch noch an wie
meine Herrschaft!»
«Meiner meint doch tatsächlich,
meine letzte Kreation sei nur deshalb so
erfolgreich geworden, weil er so viel
Werbung dafür gemacht habe!»
«Sie überschätzen sich total. Meinen
alles besser zu wissen als wir Kochkünstler.»
«Ich habe eine tolle Methode, damit
mir meiner nicht reinredet: Ich schlage
für eine neue Kreation immer einen völlig unmöglichen Namen vor. Dann ist er
ein paar Wochen lang so damit beschäftigt, mir den auszureden, dass er gar
nicht mehr dazu kommt, sich bei den
Zutaten einzumischen.»
«Aber wisst ihr, wer noch
viel lästiger ist als alle
Herrschaften zusammen?»
Alle, im Chor: «Die
Gastrokritiker!»
Claudia Mäder
Kathrin Meier-Rust
Kathrin Meier-Rust
Simone Karpf
28. August 2016 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 15
Sachbuch
Wissenschaft Vor 300 Jahren starb mit Gottfried Wilhelm Leibniz ein Universalgenie von schwer fassbarer
Schaffenskraft. Dass diverse seiner mathematischen und philosophischen Entdeckungen unser Denken
bis heute prägen, zeigen drei Neuerscheinungen
Der Mann, der alles wi
Thomas Sonar: Die Geschichte des Prioritätsstreits zwischen Leibniz und Newton.
Geschichte – Kulturen – Menschen. Mit
einem Nachwort von E. Knobloch.
Springer Spektrum, Berlin, Heidelberg
2016. 596 S., Fr. 55.–, E-Book 40.90.
Hans Poser: Leibniz’ Philosophie. Über die
Einheit von Metaphysik und Wissenschaft. Felix Meiner, Hamburg 2016.
528 Seiten, Fr. 42.90, E-Book 30.–.
Eike Christian Hirsch: Der berühmte Herr
Leibniz. Eine Biografie. C.H. Beck,
München 2016. 659 Seiten, Fr. 42.90.
Von André Behr
Für einen festen Platz in der Geschichte
der Menschheit reicht in der Regel bereits eine einzige tragende Erkenntnis.
Gottfried Wilhelm Leibniz, dessen Todestag sich am 14. November zum 300.
Mal jährt, hat in seinen 70 Lebensjahren
als unermüdlicher Denker und Schreiber
fast zu allen Wissensgebieten seiner Zeit
Fundamentales beigetragen, inklusive
Theologie und Technik. Allein sein im
Leibniz-Archiv in Hannover aufbewahrter Hauptnachlass umfasst etwa 100 000
doppelseitig und meist eng beschriftete
Blätter, von denen bis heute erst die
Hälfte veröffentlicht vorliegt.
Weltweit bekannt ist Leibniz heute vor
allem für seine Beiträge zur mathematischen Analysis, die Monadenlehre sowie
der Idee von der prästabilierten Harmonie, die er in seinem Buch «Essais de
Theodicée» darlegte. Darüber hinaus
leistete Leibniz jedoch noch sehr viel
mehr, obwohl er als brillant promovierter Jurist zuerst in Diensten des Mainzer
Kurfürsten stand und ab 1676 am Hannoverschen Hof hauptamtlich mit der Historiografie des Welfengeschlechts beauftragt war, oft in diplomatischer Mission
herumreiste und auch die Bibliothek zu
betreuen hatte.
So entwarf Leibniz beispielsweise
meisterhaft die erste Rechenmaschine,
die mit allen vier Grundrechenarten klarkommt, erkannte die Vorzüge eines
Dualsystems, entwickelte die Dezimalklassifikation, erfand die Endloskette zur
Förderung von Erz im Bergbau, ein Gerät
zur Messung der Windgeschwindigkeit
und entwarf Pläne für ein Unterseeboot.
16 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 28. August 2016
Zudem widmete er sich den Sprachwissenschaften, verfasste eine Naturgeschichte der Erde, wurde im Jahr 1700
zum ersten Präsidenten der von ihm angeregten Berliner Akademie der Wissenschaften und plädierte auch andernorts
für die Errichtung solcher Zentren. Bis
hin zu den Jesuitenmissionaren in China
war er bestens vernetzt, wovon die etwa
15 000 erhaltenen Briefe in mehreren
Sprachen zeugen.
Die Vielseitigkeit und Produktivität
des 1646 in Leipzig geborenen Leibniz ist
kaum nachvollziehbar. Bereits als Zwölfjähriger hatte sich der hochbegabte Sohn
eines Professors der Moralphilosophie
visionär daran gemacht, eine «Art Alphabet der menschlichen Gedanken» aus
Grundbegriffen und Grundaussagen
allen Denkens zu entwickeln, wie er
schrieb. Zeitlebens setzte er konsequent
auf die Vernunft und arbeitete an einer
Universalsprache, mit der alles Wissen
abgebildet werden kann. Es war die
Suche nach einem umfassenden Zeichensystem, der sogenannten «Characteristica universalis».
Das berühmteste dieser Zeichen dürfte wohl das Integralzeichen sein, ein elegant geschwungenes «S», das auf die
Technik der Summation unendlich kleiner Teilstrecken und -flächen anspielt.
Man trifft weltweit in allen Schulen darauf, wenn die Formeln der sogenannten
«Differential- und Integralrechnung» auf
dem Programm stehen, in denen übrigens auch das kleine «d» der Differentiale
von Leibniz stammt. Hinter beiden Symbolen steckt die tiefe Einsicht, wie man
Steigungen von Kurven und Flächen
unter einer Kurve berechnet, was wesentlich die Entfaltung der modernen
Mathematik anschob.
Leibniz vs. Newton
Die mathematischen Arbeiten von Leibniz beleuchtet das Buch des an der TU
Braunschweig lehrenden Professors
Thomas Sonar, eine der drei Neuerscheinungen im Jubiläumsjahr 2016, die sich
bestens ergänzen, wenn man sich ein
umfassendes Bild des Universalgelehrten machen will. Der 58-jährige Spezialist für numerische Gasdynamik hatte
sich bereits 2011 mit dem Standardwerk
«3000 Jahre Analysis» als Mathematik-
Gottfried Wilhelm Leibniz (rechts) war bestens vernetzt, der
AKG-IMAGES
ssen wollte
Holzstich (1713) zeigt ihn im Gespräch mit Prinz Eugen von Savoyen.
historiker profiliert, nun fokussiert er auf
den legendären Prioritätsstreit zwischen
Leibniz und dem vier Jahre älteren Isaac
Newton (1642–1726). Im Zentrum steht
die Frage, welcher der beiden Gelehrten
die oben erwähnte Infinitesimalrechnung erfunden hat.
Wie viele Kontinentaleuropäer sah
auch Thomas Sonar zu Beginn seiner Untersuchungen in Newton den üblen Zeitgenossen, zumal dessen Charakter bekanntlich zumindest fragwürdige Facetten aufgewiesen hatte. In Wahrheit hatte
der Engländer mit seiner «Fluxionsrechnung» zwar zehn Jahre vor Leibniz einen
Infinitesimalkalkül gefunden, diesen
aber nie veröffentlicht. Leibniz wiederum hatte davon keine Kenntnis und verfolgte ohnehin einen anderen Ansatz.
Der Streit wurde von Mitarbeitern der
beiden befeuert, Leibniz und Newton
selbst blieben in ihren wenigen Briefen
jeweils voller Höflichkeiten und gegenseitiger Anerkennung.
Als Folge der aufgebauschten Querelen verloren die Engländer in diesem
Zweig der Forschung für lange den
Anschluss, während der Formalismus
von Leibniz vor allem dank der kongenialen Ausarbeitung durch die Brüder
Jakob und Johann Bernoulli und dann
Leonhard Euler bald die Welt eroberte.
Wie Newton hielt allerdings auch Leibniz
manche seiner kühnsten Ideen zurück,
weil er die Zeit dafür nicht für reif
empfand. Bei der Transkription eines
Manuskripts stiess der Wissenschaftshistoriker Eberhard Knobloch 1993 auf
entsprechende Bemerkungen in einem
Text, in dem Leibniz bereits einen logisch widerspruchsfreien Weg aufgezeigte hatte, mit dem «unendlich Kleinen» umzugehen – 200 Jahre bevor andere darauf kamen.
Der Prioritätsstreit gibt dem Buch von
Thomas Sonar den Titel, darüber hinaus
erfährt man jedoch auch sehr viel über
die Geschichte des 17. und 18. Jahrhunderts und zu den Lebensumständen aller
Protagonisten. Zudem kommt Sonars
didaktisches Geschick zum Tragen. Was
an Formeln auftaucht, wird erklärt,
sodass jeder mit Mittelschulbildung den
Ausführungen mit Genuss folgen kann.
Wer freilich eine umfassende Darstellung von Leibniz’ Denken wünscht, soll-
te ergänzend zum Werk «Leibniz’ Philosophie» von Hans Poser greifen.
Dass man bei der Aufarbeitung von
Leibniz’ Nachlass in den philosophischen Teilen wie Eberhard Knobloch
noch auf gänzlich Überraschendes stösst,
scheint Hans Poser eher unwahrscheinlich. Jetzt gehe es bei der Sichtung um
die Feinheiten, sagt der 79-jährige deutsche Mathematiker und emeritierte Philosophieprofessor der TU Berlin, um
Streichungen und Präzisierungen, die
wichtige Aufschlüsse über seinen Denkprozess geben können. Das 19. Jahrhundert habe Gottfried Wilhelm Leibniz klar
als Idealisten gesehen, heute sei man da
viel vorsichtiger.
Emotional verschlossen
Leibniz’ Leistung ist es laut Hans Poser
gewesen, eine einheitliche Beantwortung der damals offenen Fragen zu geben
und sich etwa damit auseinanderzusetzen, was das Ich ist und wie es zur körperlichen Seite passt. Darüber hinaus
suchte er innovativ nach einer Erweiterung der Logik, damit formale Strukturen behandelbarer werden. Leibniz war
der erste deutsche Philosoph der Neuzeit, der Weltgeltung erlangte und dessen Gedankengut für mehr als ein halbes
Jahrhundert die deutsche Aufklärung
bestimmte. Wie man sein gesamtes Werk
modern lesen kann, zeigen Posers Aufsätze der letzten Jahrzehnte, die bestechend klar sind und nun erstmals gesammelt vorliegen.
Wie jeder Mensch war selbstverständlich auch ein Leibniz nicht perfekt. Der
deutsche Journalist und Schriftsteller
Eike Christian Hirsch scheut sich als
Biograf («Der berühmte Herr Leibniz»)
nicht, gewisse Mängel zu benennen.
Emotional verschlossen, agierte Leibniz
beispielsweise in praktischen Dingen
ungeschickt und nervte manche mit seinem Drang, sich überall einzumischen,
selbst wenn es ihm an Urteilsvermögen
fehlte. Am Ende der langen Recherche
gesteht Hirsch jedoch gerne, dass ihm
dieser berühmte Mann lieb geworden ist.
Genauso geht es einem auch als Leser
von Hirschs fachlich verlässlicher und
sehr gut geschriebener Biografie, die
zum Leibniz-Jubiläum aktualisiert und
neu aufgelegt worden ist. ●
28. August 2016 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 17
Sachbuch
Philosophie Hannah Arendt und Günther Anders waren kurz verheiratet und haben lange
korrespondiert. Ihr jetzt veröffentlichter Briefwechsel bezeugt vor allem eine traurige Entfremdung
EndeeinerDenkgemeinschaft
kümmern», und sei wohl in Sicherheit.
Kurz vor seinem Selbstmord an der spanischen Grenze hat Benjamin Hannah
Arendt noch sein Manuskript «Thesen
über den Begriff der Geschichte» übergeben. Sie rettete es mit ihrer kleinen Familie 1941 nach Amerika.
Arendt und Anders machten unterschiedliche Karrieren in den USA. Nach
mühsamen Anfängen begann sie bald,
auf Englisch zu publizieren und wurde
1951 mit ihrem Buch «The Origins of Totalitarianism» zu einer weltweit bewunderten Vordenkerin der politischen
Theorie. Er hingegen litt an dem Land
und der Sprache, schlug sich durch mit
Gelegenheitsjobs und kehrte 1950 enttäuscht von der Neuen Welt nach Europa
zurück. In Wien eine eher kümmerliche
freie Schriftstellerexistenz fristend,
wurde indessen auch er als Kritiker der
modernen Zivilisation mit ihrer unbeherrschbar gewordenen Technik so berühmt, dass er ihr amüsiert schreiben
konnte, es sei doch unglaublich, «wie wir
mit Philosophieren headlines machen».
Darauf ging sie nicht ein. Arendts Briefe
an Heinrich Blücher zeigen, dass sie den
«lieben Günther» für ruhmsüchtig, ja
grössenwahnsinnig hielt.
Hannah Arendt – Günther Anders: «Schreib
doch mal hard facts über Dich». Briefe 1939
bis 1975. Texte und Dokumente. Hrsg. v.
Kerstin Putz. C.H. Beck, München 2016.
254 Seiten, Fr. 42.90.
Von Manfred Koch
Vernunftehen halten meist nicht lange,
selbst wenn zwei Philosophen sie miteinander eingehen. Im Juni 1929 heirateten Hannah Arendt und Günther Stern
(der sich bald darauf Günther Anders
nannte, fast ein Anagramm von
«Arendt»). Die beiden hatten sich vier
Jahre zuvor in den Marburger Seminaren
ihres gemeinsamen Lehrers Martin Heidegger kennengelernt. Heidegger war
damals Arendts Geliebter gewesen, eine
geheimgehaltene, auf Dauer unmögliche
Beziehung, aus der Arendt durch einen
Wechsel des Studienorts förmlich flüchtete. Die räumliche Distanz konnte ihre
emotionale Bindung an Heidegger freilich nicht schwächen. Sie liebte ihn weiter, im klaren Bewusstsein, ihm fernbleiben zu müssen. Die Ehe mit Günther
Anders versprach in dieser Situation eine
Stabilisierung ihrer zerrissenen Gefühlswelt. Der Ex-Kommilitone sollte ihr «Heimat» gewähren, Leidenschaft war nicht
im Spiel. «Ich habe geheiratet, irgendwie
ganz gleich wen, ohne zu lieben», bekannte sie später.
Gegenseitiges Beschweigen
Nur etwas mehr als ein Jahr waren sie
nach Anders’ Erinnerung ein richtiges
Paar. Aber sie wohnten und arbeiteten
bis 1933 zusammen, zuletzt in Berlin, wo
sie beide unter dem Eindruck der heraufziehenden NS-Diktatur zu politisch engagierten Zeitgenossen wurden. Als
Juden mussten sie Deutschland kurz
nach dem Reichstagsbrand im Februar
1933 verlassen. In Paris teilten sie noch
einmal eine Unterkunft, gingen nun aber
zunehmend getrennte Wege. Arendt
lernte 1936 ihren künftigen zweiten Ehemann Heinrich Blücher kennen, Anders
emigrierte noch im selben Jahr weiter in
die USA.
Die jetzt veröffentlichte Korrespondenz der beiden setzt ein mit Briefen, die
Arendt nach dem Ausbruch des Zweiten
Weltkriegs, bedroht durch die anrückenden deutschen Truppen, an Anders nach
Kalifornien schrieb (die Antwortbriefe
sind, wie überhaupt ein erheblicher Teil
der Korrespondenz, verlorengegangen).
Auf der abenteuerlichen Flucht durch
Südfrankreich hilft ihr der Ex-Ehemann,
wie er nur kann: Er überweist Geld und
beschafft vor allem die für die Einreise in
die USA erforderlichen Bürgschaftspapiere für sie, ihre Mutter und Blücher.
Arendt bedankt sich und schildert in
dem ihr eigenen lakonischen Ton Furcht
und Elend des Exilantendaseins:
«Die einzige Frage, die sich stellt, ist, wie
18 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 28. August 2016
COURTESY OF THE HANNAH ARENDT PRIVATE ARCHIVE
Zweierlei Exilkarrieren
Ehepaar ohne Leidenschaft fürs Gegenüber: Hannah Arendt (1944) und
Günther Anders (mit Hund in Kalifornien).
man überlebt.» Jammern gilt nicht, lieber hält sie mit trockenem Humor die
glücklichen Paradoxien der Mängelwirtschaft fest: In dem Dorf, in dem sie
gerade gelandet ist, gibt es noch Obst
und Gemüse, weil das Benzin für die
Transportfahrten zu den städtischen
Märkten ausgegangen ist. Man hat reichlich Fleisch zu essen, weil das Vieh
wegen fehlenden Futters geschlachtet
werden muss.
Mehr als um sich selbst ist sie besorgt
um die Freunde, die ebenfalls über Spanien zum Ausreisehafen Lissabon fliehen wollen. Man zuckt zusammen, wenn
man in einem der Briefe über Walter Benjamin, einen Grosscousin von Anders,
liest, er habe «Leute, die sich um ihn
Die Freundlichkeit der wenigen Briefe
aus den Jahren 1955–1975 (Arendts Todesjahr) ist Fassade. Sie hatten sich
nichts mehr zu sagen, vermieden es deshalb auch, auf das Werk des anderen einzugehen. Ein beiläufiges Lob seines Essays über die Atombombe ist fast schon
alles, was Arendt sich als Kommentar zu
seiner Philosophie abringt (wenige Jahre
später schreibt sie ihrem Mann, Günther
Anders schwimme «selig im Atomtod»).
In der Gegenrichtung das gleiche Bild: Zu
ihren grossen Büchern äussert er sich
überhaupt nicht, gelegentlich stichelt er
nur gegen ihren Mentor Karl Jaspers.
Ansonsten geht es um das Arrangement
von Treffen während Arendts Europabesuchen (die überwiegend nicht zustande kommen), um Krankheiten («Fingerarthritis») und – die gemeinsame
Aversion gegen Theodor Adorno, den
«Glatzgreis mit Knopfaugen».
So ist dieser Briefband in erster Linie
ein Dokument zur Geschichte des Exils,
gerade auch seiner Nachwirkungen in
den verletzten Seelen der Überlebenden.
Arendt und Anders waren in den ersten
Jahren ihrer Ehe immerhin eine gute
Arbeitsgemeinschaft (wie drei im Anhang abgedruckte Texte aus der gemeinsamen Werkstatt – darunter eine Interpretation von Rilkes «Duineser Elegien»
– belegen). Wer weiss, ob nicht eine «normale» Trennung bei aufrechterhaltener
Freundschaft zu einem schriftlichen Gedankenaustausch geführt hätte, den wir
heute zu den Glanzstücken der politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts
zählen würden? ●
Kolumnen Mit hintergründigem Witz berichtet Sayed Kashua vom palästinensischen Alltag in Israel
Anpassung reicht nicht, um dazuzugehören
Sayed Kashua: Eingeboren.
Mein israelisch-palästinensisches Leben.
Berlin Verlag, Berlin 2016. 350 Seiten,
Fr. 31.90, E-Book 21.–.
Von Claudia Kühner
Über Jahre hat der heute 41-jährige palästinensisch-israelische Autor Sayed
Kashua die Leser der linksliberalen Zeitung «Haaretz» mit Kolumnen über seinen Alltag erheitert. Das Besondere war,
dass er sie auf Hebräisch schrieb, schreiben konnte – als einziger unter den arabischsprachigen Autoren.
Denn als 14-Jähriger war Kashua als
erster arabischer Junge in eine «jüdische» Schule für Hochbegabte gekommen und studierte später in Jerusalem.
Nur sein arabischer Akzent ist geblieben.
Mehrere von Kashuas Romanen sind
bereits auf Deutsch erhältlich, hiesige
Kinos haben den Film «Mein Herz tanzt»
gezeigt, der von seinen Erfahrungen in
jener Schule erzählte. Seine Sitcom «Arabische Arbeit» wurde in Israel zum TVRenner. Nun ist auf Deutsch auch eine
Auswahl von Kashuas Kolumnen erschienen, die er zwischen 2006 und 2014
geschrieben hat.
Mit Witz und Ironie erzählt er darin
von kleinen Missverständnissen, Eheproblemen, Kinder-Sorgen oder missratenen Ausflügen – Situationen, wie sie
jeder kennt. Vordergründig alles im grünen Bereich, keine Bomben, kein Terror,
nicht mal Politik, allenfalls einmal feiner
Spott auch über kleine linke Heucheleien. Kein «Haaretz»-Leser musste sich
schlecht fühlen, weil er sich bei der Lektüre amüsierte. Und so wurde Kashua ein
höchst erfolgreicher Schriftsteller, vor
allem bei den jüdischen Lesern – wäh-
rend ihn die Palästinenser als Anpasser
verachteten.
Doch heute liest man diese Kolumnen
anders. Inzwischen lebt Kashua nicht
mehr in Israel, sondern in den USA.
Schaut man genauer hin, erkennt man
den Grund dafür in jedem Text.
Ob Kashua kein Hotelzimmer oder
keinen Handwerker bekommt, weil er
einen Akzent hat, ob seine Tochter in der
Schule lernt, dass nur jüdische Kinder
«Wurzeln» im Land haben – täglich erinnern ihn die kleinen Demütigungen
daran, dass er und seine Familie bei aller
Anpassung nie dazugehören werden.
Kashua hat schliesslich realisiert, dass
dieser Tatsache mit Humor nicht beizukommen ist.
Er ging 2014, als die Gewalt eskalierte.
Mit sich nahm er die bittere Erkenntnis,
dass er vergebens dagegen angeschrieben hat – auf Hebräisch. ●
Geschichte Wie ein Mönch aus Einsiedeln die Sioux-Indianer zum Katholizismus bekehrte
Der Bulle im Schafstall Jesu Christi
Manuel Menrath: Mission Sitting Bull.
Die Geschichte der katholischen Sioux.
Ferdinand Schöningh, Paderborn 2016.
372 Seiten, Fr. 52.–.
Von Kathrin Meier-Rust
Wenn die heute in den USA lebenden
rund 60000 Lakota- oder Sioux-Indianer
zum grossen Teil katholisch sind, geht
dies auch auf einen Pater aus dem Kloster Einsiedeln zurück. Martin Marty,
1834 in Schwyz geboren, studierte in Einsiedeln und wurde dort Mönch.
1860 schickte ihn sein Abt nach Amerika, um einem Tochterkloster in Indiana
aufzuhelfen. Nach getaner Aufbauarbeit
verliess Marty dieses jedoch unvermutet
für die «Heidenmission». «Mit Gottes
Hülfe» wollte er nun «die wildeste und
verrufenste Nation des nördlichen
Amerika in den Schafstall Jesu Christi
einführen». Gemeint waren die Sioux,
und Marty wurde berühmt als «Apostel
der Sioux».
Die 20-jährige Missionstätigkeit Martys
von 1876 bis zu seinem Tod 1896 steht im
Mittelpunkt einer vorzüglichen Untersuchung des Luzerner Historikers
Manuel Menrath. Es war exakt die Zeitspanne zwischen dem grossen Sieg der
Indianer bei Little Big Horn und ihrer endgültigen Niederlage bei Wounded Knee,
eine Zeit der blutigen Verfolgung, in der
Chief Sitting Bull praktisch chancenlos
um das Überleben seiner Kultur kämpfte.
Denn – und das ist die eigentliche Geschichte, um die es hier geht – die Indianer sollten nun zwar nicht mehr ausgerottet werden, sondern in Reservaten überleben. Doch ihre Bräuche, ihre Sprache
und Lebensweise sollten dies nicht.
Diesem Ethnozid, wie der Historiker
es unverblümt nennt, widmete sich Pater
Martin aus tiefster Überzeugung –
schliesslich ging es um die Rettung von
Seelen. Wie sich völliges Unverständnis
für die Urbevölkerung mit dem aus Europa mitgebrachten katholischen Kulturkampf mischte, wie eng Missionierung
mit Kolonisierung verknüpft war, wie
gründlich sich Missionare und Missionierte fast durchwegs missverstanden –
dies alles erklärt dieses kluge Buch mit
gebotener wissenschaftlicher Akribie (es
handelt sich um eine Dissertation), aber
immer ausgezeichnet lesbar.
Die 30 Seiten zu Martys Obsession, gerade den grossen Häuptling Sitting Bull
persönlich zu bekehren, bilden dabei
einen Höhepunkt. Obwohl der Missionar
oft verkündete, das Ereignis stehe knapp
bevor, gelang es in Wahrheit nie. Schon
deshalb nicht, weil Sitting Bull zwei
Frauen hatte und durchaus nicht einsah,
warum in aller Welt er eine davon verstossen sollte, wie es dieser Schwarzrock
von ihm verlangte… ●
»Nie hat es eine Zeit gegeben, die so grosse
Möglichkeiten und zugleich so grosse
Gefahren bereithielt.« Klaus Schwab
Ob selbstfahrende Autos, 3-D-Drucker, Künstliche Intelligenz:
Die Vierte Industrielle Revolution hat bereits begonnen.
Klaus Schwab, Gründer des Weltwirtschaftsforums, zeigt in
seinem weltweiten Bestseller, welche politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Herausforderungen diese
Revolution mit sich bringt.
Weitere Informationen und Leseproben
unter www.pantheon-verlag.de
240 Seiten mit Abb.
Paperback
CHF 20,50 (empf. VK)
Auch als E-Book
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28. August 2016 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 19
Sachbuch
Autobiografie Françoise Giroud (1916–2003), Ikone des
französischen Journalismus, schreibt von bewegten Zeiten
Siewargleichzeitig
FrauundMann
Françoise Giroud: Ich bin eine freie Frau.
Aus dem Französischen von Patricia
Klobusiczky. Zsolnay, Wien 2016.
239 Seiten, Fr. 28.90, E-Book 23.–.
Von Sandra Leis
Ihr beruflicher Werdegang liest sich wie
eine Tellerwäscherkarriere: Mit 14 macht
Françoise Giroud eine Ausbildung für
Stenografie und Maschinenschreiben.
Bei der Stellensuche gibt sie sich als
18-Jährige aus und heuert bei einem
Buchhändler als Schreibkraft an. Später
wechselt sie ins Filmgeschäft und arbeitet als Skriptgirl. 1946 schliesslich, da ist
sie 30 Jahre alt, gelingt ihr der Sprung in
den Journalismus: Giroud wird Chefredaktorin der Frauenzeitschrift «Elle» –
obwohl sie nach eigenen Angaben von
Journalismus keine Ahnung hat. Doch
kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs
fangen alle Zeitungen bei null an und suchen nach Schreibtalenten und Führungspersönlichkeiten.
Eine noch grössere Überraschung erlebt Françoise Giroud sieben Jahre später: Der französische Starintellektuelle
Jean-Jacques Servan-Schreiber fragt, ob
sie zusammen mit ihm das Nachrichtenmagazin «L’Express» gründen wolle. Mit
Ausnahme von Frauenzeitschriften hat
es damals keine Zeitung gegeben, der
eine Frau vorstand. Mehr noch: Es gab
bei «Le Monde» oder «Le Figaro» überhaupt keine Redaktorinnen.
Jean-Jacques Servan-Schreiber und
Françoise Giroud arbeiten Tag und Nacht
für den «Express»; bald sind die beiden
auch privat ein Paar. Für sie ist er der
Mann ihres Lebens. Er aber tauscht sie
nach sieben Jahren gegen eine Jüngere
aus und enthebt sie ihrer redaktionellen
Aufgaben. Man schreibt das Jahr 1960,
sie ist knapp 44 Jahre alt, steht vor einem
Scherbenhaufen und will sich das Leben
nehmen. Der minutiös vorbereitete
Suizid misslingt, sie liegt im Koma und
wird schliesslich von ihrem Arzt dazu
aufgefordert, sich alles von der Seele zu
schreiben.
Entstanden ist ein autobiografisches
Dokument, das weder Klagelied noch
Abrechnung ist, sondern eine luzide Bestandsaufnahme. Ihr Verhältnis zu JeanJacques Servan-Schreiber beschreibt sie
so: «Ein einzigartiges Zusammenspiel
von Ereignissen, Charaktereigenschaften, Träumen, Vorlieben und Zielen hatte
Zu einer Zeit, da es noch kaum weiblichen Redaktorinnen gab, wirkte
Françoise Giroud als Mitgründerin von «L’Express» (Paris, 1953).
uns vereint und verschweisst und uns
gelegentlich Zugang zu den höchsten
Sphären der Liebe gewährt.» An anderer
Stelle schreibt sie schonungslos über ihr,
wie sie es nennt, Doppelleben, denn sie
lebt gleichzeitig als Frau und als Mann:
«Ich konnte als Frau leben, mich also
nach seinem Zeitplan richten, seinem Lebensstil unterwerfen, an seine Launen
gewöhnen (…) und bei alledem glücklich
sein, weil ich gleichzeitig als Mann lebte.
Ich war finanziell unabhängig (…), hatte
eine leitende, keine dienende Funktion.»
Empfehlen allerdings mag sie ein solches
Doppelleben niemandem.
Veröffentlicht hat Françoise Giroud
ihre Autobiografie nie. Der Text sei
Migration Herfried und Marina Münkler zeigen Lösungsansätze für die Integration von Flüchtlingen auf
Mehr Ratio, weniger Emotionalität
Herfried Münkler, Marina Münkler: Die
neuen Deutschen. Ein Land vor seiner
Zukunft. Rowohlt, Berlin 2016.
336 Seiten, Fr. 28.90, E-Book 18.–.
Von Victor Mauer
Von Staatsversagen sprach ein Mitglied
der deutschen Bundesregierung, als im
letzten Herbst täglich Zehntausende auf
der Balkanroute nach Deutschland
strömten, die Grenzen nicht gesichert,
Recht und Gesetz nicht durchgesetzt und
Asylanträge nicht bearbeitet wurden.
Deutschland feierte seine Willkommenskultur, eine Form der gesellschaftlichen
Selbstüberredung, und schämte sich seiner brennenden Flüchtlingsheime. Während daheim die Angst zum politisch einträglichen Geschäft für eine totgesagte
Partei in einer gespaltenen Gesellschaft
wurde, hatte Deutschland als moralisierende Grossmacht in einer zerrissenen
Europäischen Union wieder Weltmachtstatus. Über allem thronte die Glaubensformel «Wir schaffen das».
20 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 28. August 2016
«Die neuen Deutschen» ist nicht das
Buch zum Katastrophenfilm der Krise.
Vielmehr setzt es da an, wo der Flüchtlingsstrom endet und die eigentliche
Herausforderung beginnt: nach dem Ankommen und der Aufnahme, also bei der
Integration. Der Titel ist geschickt gewählt, weist er doch darauf hin, dass
erfolgreiche Integration nicht nur die
Neuankommenden, sondern auch die
Alteingesessenen und damit die Identität einer ganzen Gesellschaft verändert.
Die Integrationsbereitschaft der einen
bedarf der Akzeptanz der anderen.
Neben der staatlichen und der wirtschaftlichen ist die zivilgesellschaftliche
Ebene von entscheidender Bedeutung
für das Gelingen von Integration.
Analytische Rationalität statt aufgeregte Emotionalität versprechen Herfried und Marina Münkler, der Professor
für Politische Theorie an der HumboldtUniversität zu Berlin und die Professorin
für Literaturwissenschaft an der TU
Dresden. Herausgekommen ist ein abgewogenes Plädoyer für Weltoffenheit und
gegenseitige Ent-Fremdung, das die Her-
ausforderungen benennt und nach einigem Anlauf, bei dem man bisweilen den
roten Faden sucht, Lösungsvorschläge
unterbreitet.
Unterteilt ist der glänzend geschriebene Band in fünf Kapitel. Wie so häufig
bei Münkler finden sich auf einer Seite
mehr Ideen als bei den meisten Autoren
in einem ganzen Buch. Kultur- und
ideengeschichtliche Überlegungen zu
menschlichen Wanderungsbewegungen
seit den frühen Hochkulturen, zu Philosophien des Nomadismus und der Sesshaftigkeit, zur Begegnung mit dem
Fremden, zum Leben im Exil und zu Narrativen der Gastfreundschaft schlagen
Brücken zu den aktuellen Debatten über
den Begriff der Nation, über kulturelles
Selbstverständnis, die unterschiedlichen
Facetten von Parallelgesellschaften und
die Angst vor «Überfremdung».
Nicht jeder wird in den vorgestellten
«Identitätsmerkmalen des Deutschseins» den propagierten «Solidaritätsgenerator Nation» erkennen können,
lässt sich doch problemlos ein halbes
Dutzend weiterer Staaten unter dem
Geschichte 1936 organisierte NS-Deutschland die Olympischen
Sommerspiele. Oliver Hilmes blickt hinter die Kulissen des Sportfests
GeblendeteWeltöffentlichkeit
ULLSTEIN
Oliver Hilmes: Berlin 1936.
Sechzehn Tage im August. Siedler,
München 2016. 303 Seiten, Fr. 28.90,
E-Book 18.90.
«wild» und «rasend», ungeeignet für ein
Publikum. Trotzdem hat sie ihn nicht
vernichtet. Eine enge Freundin hat ihn
im Nachlass gefunden und – im Einverständnis mit der Tochter – vor drei Jahren bei Gallimard publiziert. Die autobiografischen Aufzeichnungen aus dem
Jahr 1960 sind zweierlei: Zum einen analysieren sie die herrschenden Geschlechterverhältnisse sowie die Entwicklung
der französischen Medien und der Politik
in einem journalistisch pointierten Stil.
Zum anderen beschreibt die Autorin mit
geradezu poetischen Qualitäten ihre frühen Jahre und die Menschen, die ihr nahestehen. Allem voran ist dieser Text
auch eine Hommage an ihre Mutter, mit
der sie bis zu deren Tod zusammengelebt
hat und die sich um die beiden Kinder
von Françoise Giroud gekümmert hat.
Die Tonlagen sind heterogen und
fügen sich doch zu einem stimmigen
Ganzen, das die analytische und die
emotionale Seite der Autorin zum Leuchten bringt. Und zeigt: Diese Autobiografie ist getragen von Stil, Eleganz und
Humor. Sie dokumentiert, wie Françoise
Giroud in der Mitte ihres Lebens am Ende
der Kräfte ist und schliesslich wieder
aufsteht. ●
Dach der genannten Kriterien (vom Bekenntnis zum Grundgesetz bis zur Bereitschaft zu Selbstsorge und Leistungswillen) versammeln.
Ganz praktisch wird es im letzten Kapitel, in dem überzeugende Imperative
einer erfolgsorientierten Integrationspolitik herausgearbeitet werden: von der
Aufmerksamkeit für die Frauen der
Flüchtlinge und Migranten über die Bedeutung von Schulen als Räume der Integration bis zur Warnung vor einer überzogenen Regulation des Arbeitsmarktes.
Spätestens hier wird aber auch deutlich,
vor welch enormen Herausforderungen
Staat, Wirtschaft und Gesellschaft stehen. Gerade deshalb hätte dem Buch
eine Diskussion über das Warum der
grenzenlosen Aufnahme gutgetan – und
zwar jenseits des humanitären Imperativs aus der Sprechstunde bei Anne Will,
jenseits der als Rebellion des Provinziellen gegen das Urbane diskreditierten genuinen Sorgen bis weit in die Mitte der
deutschen Gesellschaft und jenseits des
Versuchs, Merkels planloses Agieren als
strategisches Projekt zu verkaufen. ●
Von Eckhard Jesse
Vor 8 Tagen gingen die 31. Olympischen
Spiele der Neuzeit in Rio de Janeiro zu
Ende, vor 80 Jahren die 11. in Berlin. Oliver Hilmes, Zeithistoriker und als Biograf
von Alma Mahler-Werfel, Cosima Wagner
wie von Ludwig II. Bestsellerautor, fängt
die Atmosphäre dieser bis dahin grössten
und teuersten Spiele vom 1. bis 16. August 1936 anschaulich ein. Jedes Kapitel
ist einem Tag gewidmet. Und jedes beginnt mit dem aktuellen Bericht des
Reichswetterdiensts für Berlin. Von wolkenlos-sonnenüberfluteten Spielen kann
keine Rede sein. Dieser Eindruck mag
im Nachhinein durch den suggestiven
Olympiafilm Leni Riefenstahls entstanden sein.
Gewiss, das eine oder andere sportliche Ereignis kommt zur Sprache, der
vierfache Triumph Jesse Owens etwa,
der Stabverlust der hoch favorisierten
deutschen
4-mal-100-Meter-Frauenmannschaft. Doch sind die Spiele nur
Staffage für Hilmes’ Blick hinter die Kulissen. Der Autor flicht Tagesmeldungen
der Staatspolizeistelle Berlin ein sowie
Anweisungen der Reichspressekonferenz, oft mit Belehrungen darüber, rassische Gesichtspunkte zu vermeiden. Und
immer wieder finden sich Auszüge aus
den Tagebüchern von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, die ein
etwas anderes Licht auf manche Vorgänge werfen. «Wir Deutsche erringen eine
Goldmedaille, die Amerikaner drei,
davon zwei durch Neger. Das ist eine
Schande. Die weisse Menschheit müsste
sich schämen.»
Mit den Olympischen Spielen, einem
so bisher nie dagewesenen Medienereignis (es gibt öffentliche Fernsehstuben in
Berlin, Potsdam und Leipzig), blendet
das «Dritte Reich» die Weltöffentlichkeit.
Der Schweizer Jazzmusiker Teddy Stauffer begeistert im «Delphi-Palast» in- und
ausländische Gäste: «Goody Goody ist
der Soundtrack dieses Sommers.» Bars,
Strassencafés und Tanzpaläste platzen
aus allen Nähten. Die Kästen mit dem
Aushang des antisemitischen Hetzblattes «Der Stürmer» werden vorübergehend abmontiert. Das im Sommer 1936
unweit von Berlin errichtete Konzentrationslager Sachsenhausen nimmt so gut
wie niemand wahr.
Dem Autor gelingt es, die «Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen» einzufangen: Verführung wie Gewalt. Manchmal
tut er des Guten zu viel, fehlt die Verbindung zu den Spielen. So ist von der jüdischen Schriftstellerin Mascha Kaléko die
Rede, die ihre postlagernden Liebesbriefe täglich abholt und sich von ihrem Ehemann innerlich mehr und mehr löst. «Die
Olympischen Spiele ...? Ach, die sind ihr
Olympiaplakate statt
«Stürmer»-Aushänge:
Im Sommer 1936 zeigt
sich Berlin von seiner
Sonnenseite.
völlig gleichgültig. Mascha Kaléko hat
andere Sorgen.»
Hilmes’ Suche in Archiven, Biografie,
Chronologien und Dokumentationen hat
zahlreiche Trouvaillen zutage gefördert.
Nennenswert sind etwa die Erlebnisse
des sportbegeisterten amerikanischen
Schriftstellers Thomas Wolfe, der auf
Einladung des Rowohlt Verlags in Berlin
gastiert – seine Eindrücke durchziehen
das Buch wie ein roter Faden. Wolfes anfängliche Begeisterung weicht grosser
Skepsis, als er von Mildred Harnack, der
1943 durch die Guillotine Hingerichteten, ihm unbekannte Informationen erhält, zu Konzentrationslagern etwa. Wolfes autobiografisch gefärbter Roman
über seine Berlin-Zeit, «Es führt kein Weg
zurück», durfte während des Kriegs in
deutscher Übersetzung nur in der
Schweiz erscheinen.
Die «Sechzehn Tage im August» sind
einerseits bei allem Klatsch und Tratsch
ein informatives Sachbuch, andererseits
ein erzählerisches Werk von hohem
Rang. Der Autor versteht es, das Berliner
Panorama aus verschiedenen – nicht nur
prominenten – Blickwinkeln eindrucksvoll zu beleuchten, wobei ausschmückende fiktive Elemente verzichtbar gewesen wären. Wer ein Sportbuch erwartet, kommt nicht auf seine Kosten; auf
seine Kosten kommt, wer wissen will,
wie der inszenierte Berliner Sommer
1936 die Zeitgenossen bewegt hat. ●
28. August 2016 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 21
Sachbuch
Reportage Als Migrationskorrespondent des britischen «Guardian» hat Patrick Kingsley über ein Jahr
hinweg 17 Länder bereist. Seine Eindrücke verwebt er nun zu einem eindringlichen Buch
WoschondieSchaufensterpuppen
Schwimmwestentragen
Patrick Kingsley: Die neue Odyssee.
Eine Geschichte der europäischen
Flüchtlingskrise. Aus dem Englischen
von Hans Freundl und Werner Roller.
C.H. Beck, München 2016. 332 Seiten,
Fr. 35.90, E-Book 20.–.
Von Holger Heimann
Der Zug von Millionen gepeinigter
Flüchtlinge nach Europa ist zur Chiffre
unserer Zeit geworden. Viele Berichterstatter waren in den Krisenregionen unterwegs. Aber kaum jemand dürfte genauer recherchiert und kenntnisreicher
über die Not der Flüchtlinge, die Skrupellosigkeit der Schlepper und das Ver-
sagen der Politik geschrieben haben als
der junge, gerade einmal 26-jährige britische Journalist Patrick Kingsley. Sein
Buch, für das er seit Anfang 2015 drei
Kontinente und 17 Länder bereist hat, erzählt von den einzelnen Menschen im
Strom der Migranten und hat doch das
Ganze im Blick.
Der einfühlsame Reporter ist für die
britische Zeitung «The Guardian» als
sogenannter Migrationskorrespondent
schon an der Seite der Flüchtlinge, als in
Europa noch kaum jemand das Ausmass
der Tragödie erkennt. In Libyen trifft
Kingsley Schleuser, die zu reichen Männern geworden sind. Auf Facebook werben sie ganz ungeniert für die Überfahrt
nach Italien «mit einer grossen, schnel-
USA Die Realität hinter dem amerikanischen Traum
Der amerikanische Wahlkampf ist in vollem Gange. Mit
viel Pathos, durchorchestrierten Veranstaltungen und
perfekt inszenierten Reden werben Hillary Clinton und
Donald Trump derzeit um Wähler. Es gibt aber auch
Amerikaner, an denen dieser Wahlzirkus wohl vorbeiziehen wird – einige von ihnen hat der dänische Fotograf Joakim Eskildsen in seinem Band «American
Realities» festgehalten. Rund 50 Millionen Menschen
leben in den USA unter der Armutsgrenze. Weit weg
vom Mythos des «American Dream» kämpfen sie ums
Überleben. Eskildsen besuchte verschiedene Regionen
22 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 28. August 2016
der USA und zeigt uns ein anderes Gesicht dieses Landes. Etwa jenes des dreijährigen Eli Stockstill aus
Plaquemines Parish (Louisiana), der viel Zeit auf dem
Shrimp-Boot seiner Grosseltern verbringt. Die beiden
Fischer verloren nach der durch die BP verursachten Ölkatastrophe im Jahr 2010 ihr Haus. Seither leben sie in
der kleinen Kabine ihres Fischerbootes. Diese und andere eindrückliche Schicksale erzählt der Band mit rund
50 Farbfotos und erklärenden Texten. Simone Karpf
Joakim Eskildsen: American Realities. Steidl, Göttingen
2016. 120 Seiten, Fr. 47.90.
len Touristenyacht – auch für Familien
empfohlen». Von schmucken Schiffen
kann aber keine Rede sein. Kingsley erlebt mit, wie es gelingt, eines der seeuntüchtigen, von der Mannschaft verlassenen und völlig überfüllten Boote zu
orten und die Passagiere zu retten. Er
trifft in einem Aufnahmelager auf Sizilien einen der wenigen Überlebenden,
der knapp dem schlimmsten Schiffsunglück mit 900 Toten entkam. Und er
lernt, dass das vom Bürgerkrieg zerrüttete Libyen ein Land zwischen zwei Meeren ist – und dass das Wüstenmeer der
Sahara unter den Migranten noch mehr
Tote fordert als das Mittelmeer: Manche
verirren sich und verdursten, andere
werden von Banden entführt, ausgeraubt und umgebracht.
In Izmir, der türkischen Schlepperhauptstadt, decken sich die Flüchtlinge
mit dem Nötigsten ein. Viele Schaufensterpuppen tragen hier daher längst keine
Anzüge oder Kleider mehr, sondern
leuchtend orange Schwimmwesten. Auf
dem Balkan huschen verängstigte Menschen nachts durch unwegsames Gelände und halten angespannt Ausschau
nach Lücken in den Sicherungssystemen
an den Ländergrenzen. Kingsley ist überall als aufmerksamer Beobachter dabei.
Aber nicht allein das ist frappierend, sondern vor allem auch, wie es ihm gelingt,
die vielen unterschiedlichen, packenden
und berührenden Geschichten zu einer
grossen Erzählung, tatsächlich einer
Odyssee unserer Zeit, zu verweben.
Ein Einzelschicksal wird dabei besonders hervorgehoben und im Buch immer
wieder aufgegriffen. Der Reporter begleitet den 40jährigen syrischen Familienvater Haschem, den Assads Polizei ohne
Grund ins Gefängnis warf, bei seiner
Flucht bis nach Schweden. Immer ist er
niedergedrückt von der Sorge zu scheitern – auch noch kurz vor dem Ziel.
Mal tarnt sich der übernervöse Mann
deshalb in einem französischen Zug als
Leser von «Le Monde», ein andermal –
auf dem Weg durch Deutschland – hält er
sich die «Süddeutsche Zeitung» vors Gesicht, um so als vermeintlich ganz gewöhnlicher, ortskundiger Reisender
nicht aufzufallen.
Diese eindringliche Reportage macht
die Verzweiflung der Menschen spürbar,
die ihre alte Heimat verlassen, weil sie
dort keinerlei Perspektive sehen, oft
sogar um ihr Leben fürchten müssen.
Ihre Not, so lehrt Kingsleys Buch, ist stärker als unsere Abschottung. Sie werden
deshalb weiterhin aufbrechen und Wege
finden – an eilig errichteten Zäunen und
Absperrungen vorbei – auf der Suche
nach einem besseren Leben. Wir können
die Flüchtlinge nicht aufhalten, sondern
uns nur bemühen, ihre Ankunft besser
zu organisieren, resümiert Patrick Kingsley. Sein Buch ist ein leidenschaftlicher
Aufruf dazu. ●
Gesellschaft Der Politgeograf Michael Hermann erklärt, was die Kohäsion der Schweiz ausmacht
Michael Hermann: Was die Schweiz
zusammenhält. Texte zu Politik und
Gesellschaft eines polarisierten Landes.
Zytglogge, Basel 2016. 211 S., Fr. 31.90.
Von Urs Rauber
Der Politgeograf Michael Hermann
(*1971) hatte einst Furore gemacht mit
unkonventionellen Karten zur Schweizer
Politlandschaft. Für Kantonshauptorte
und ihre Agglomerationen wurden mentale Topografien in Form farbiger Blasen
gezeichnet, die in einem links/rechtsund liberal/konservativ-Koordinatensystem verortet waren. Verknüpft mit Sachabstimmungen und politischen Themenfeldern illustrierten diese bunten Wolken
den weltanschaulichen Teppich der verschiedenen Regionen.
Manches Grundlagenmaterial dieses
Gesellenstücks, das sich «Atlas der politischen Landschaften» (2003) nannte, ist
auch in Hermanns neues Buch eingeflossen. Heute leitet der Sozialwissenschafter die von ihm mitgegründete Forschungsstelle Sotomo, die u.a. Wahl- und
Abstimmungsumfragen durchführt sowie das jährliche Nationalratsrating der
NZZ erstellt. Ähnlich wie Claude Longchamp beherrscht Hermann die Klaviatur des unabhängigen Politkommentators, der zu jedem aktuellen Ereignis
eine pointierte Kurzeinschätzung abzugeben vermag. Gleiches gilt für seine Kolumne im «Tagesanzeiger».
Michael Hermann nähert sich seiner
Fragestellung (Was hält die Schweiz zusammen?) aus vier Perspektiven in vier
Essays: Worin besteht die Schweizer
Identität, «diese eigentümliche Nationalität»? Was macht das «Gewebe der
Schweiz» aus, das den inneren Kitt bildet? Wie verhält es sich mit dem Stadt-
Land-Gegensatz? Und: Ist die Schweiz
ein polarisiertes Land?
Gleich zu Beginn schreibt der Autor,
dass es nicht einen einzelnen Faktor als
Bindemittel gebe, sondern eine Vielzahl.
Identitätsbildende Faktoren wie die
Bedeutung der Berge, die Neutralität,
der Mix von Weltoffenheit und Geborgenheit, das Milizprinzip, Fleiss und Anpassungsfähigkeit der Arbeitskräfte, der
Wohlstand usw. sind häufig analysiert
und diskutiert worden. Auch Hermanns
Ausflüge in die Schweizer Geschichte
wie etwa die reizvolle Gegenüberstellung von Marcel Pilet-Golaz’ «BlutSchweiss-Tränen-Rede» (1940) und General Guisans sorgfältig inszenierter Rütlirapport fördern kaum Neues, höchstens Vergessenes zu Tage: nämlich dass
Anpassung und Widerstand in den beiden Persönlichkeiten weniger einseitig
verteilt waren, als man es in der
Geschichtsschreibung der 1960er bis
1990er Jahre noch holzschnittartig gesehen hatte.
Originell ist dagegen Hermanns These,
dass das «Gewebe der Schweiz» gerade
durch die Fülle sich überlagernder
Gegensätze gewachsen sei. Sprachlichkonfessionelle Antagonismen etwa werden konterkariert durch demografische
Faktoren (Abwanderungs- und Zuwanderungsgebiete) oder Siedlungsstrukturen (Stadt, Dorf, Agglomeration). Anders
als zum Beispiel in Belgien schaukeln
sich Sprachprobleme in der Schweiz
nicht hoch, sondern kreuzen sich mit
weiteren Konfliktlinien. So wurde Mehrsprachigkeit nicht zum Problem, sondern zu einer tragenden Säule nationaler
Identität – selbst bei jenen, die kaum
die Sprache eines anderen Landes
teils sprechen.
Ein anderes Beispiel ist der helvetische Finanzausgleich, wo Geber- und
SAMUEL TRUEMPY / KEYSTONE
Gegensätzeziehensichan
Laut Hermann wird die Demokratie in der Schweiz zuweilen als grosse
«Gruppentherapie» praktiziert. (Glarner Landsgemeinde, 1. Mai 2016).
Nehmerkantone einen Gegensatz bilden,
der quer zum Stadt-Land- oder zum Röstigraben verläuft: Progressive Kantone
wie Genf, Waadt, Basel-Stadt und Zürich
ziehen am gleichen Strick wie die nationalkonservativen Stände Schwyz und
Nidwalden.
Hübsch ist Hermanns Bonmot, dass
die Schweizer Demokratie von Parteien
und Bewegungen manchmal als «überdimensionierte Gruppentherapie» praktiziert werde: das Einreichen und die
Diskussion um Volksinitiativen diene der
«Tiefenergründung der Volksseele». Dies
bringe eine urdemokratische Fähigkeit
zum Ausdruck: viele Anforderungen zu
einem pragmatischen Kompromiss zu
bündeln. Eine der vielen klugen Interpretationen dieses kleinen SchweizBreviers. ●
Biografie In Giacomo Casanovas schillerndem Leben spiegeln sich die Verhältnisse des Ancien Régime
Der Verführer, der auch Bibliothekar war
Uwe Schultz: Giacomo Casanova oder die
Kunst der Verführung. C.H. Beck,
München 2016 (erscheint am 29. August).
320 Seiten, Fr. 23.90, E-Book 15.–.
Von Michael Fischer
«Es gibt in Venedig keinen schlimmeren
Wüstling als mich», gestand Giacomo Casanova freimütig. Als Frauenheld ist er
bis heute ein Mythos. Uwe Schultz, ein
ausgewiesener Kenner des Barockzeitalters, der auch Biografien zu Ludwig XIV.,
Richelieu, Madame de Pompadour, Ludwig XVI. und Robespierre geschrieben
hat, erzählt die pralle Lebensgeschichte
des venezianischen Libertins, der zugleich Jurist, Kleriker, Offizier, Geigenspieler, Mönch, Glücksspieler, Spion, Unternehmer und Schriftsteller war.
Casanova führte ein unstetes Wanderleben, er reiste quer durch Europa und
verkehrte mit vielen grossen Persönlichkeiten seiner Zeit wie dem Preussenkönig Friedrich dem Grossen, der Zarin Katharina II., Papst Benedikt XIV., Voltaire
oder Benjamin Franklin. Der soziale Aufstieg in den Adel blieb ihm jedoch zeitlebens verwehrt, und auch sein zweites
grosses Lebensziel, mit einer herausragenden Leistung – in welcher Kunst auch
immer – berühmt zu werden, sollte er
nicht erreichen.
Zu weitreichender Bekanntheit gelangte er zu Lebzeiten einzig durch seine
abenteuerliche Flucht aus dem Gefängnis der venezianischen Staatsinquisition
unter den Bleikammern des Dogenpalastes. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er auf Einladung des Grafen
Waldstein als Bibliothekar auf dem böh-
mischen Schloss Dux. Die Abenteuer mit
den Frauen lagen nun weit hinter ihm,
und als einziges Gegenmittel gegen die
Einsamkeit fand er das Niederschreiben
seiner Lebenserinnerungen. Giacomo
Casanovas Memoiren bilden ein monumentales Fresko des Lebens im Zeitalter
vor der Französischen Revolution, der
Zeit des ausgehenden Ancien Régime. Es
ist das Ende einer Ära, die mit ihrem
Glanz und ihrer Korruption den idealen
Nährboden für eine abenteuerliche Existenz bildete.
Ausgehend von diesen Memoiren, die
er auf seine faktische Stichhaltigkeit
überprüft und mit zahlreichen kulturhistorischen Bezügen anreichert, zeichnet
Uwe Schultz das facettenreiche Bild
einer vielseitig begabten Persönlichkeit
und einer glanzvoll schillernden Epoche
im Untergang. ●
28. August 2016 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 23
Sachbuch
China Zwei Bücher resümieren die
Entwicklungen und weisen auf anstehende
Modernisierungen der Volksrepublik hin
Rückblickauf
dieMachtvon
morgen
Peter Achten: Abschied von China.
Stämpfli, Bern 2016. 271 Seiten, Fr. 48.90.
Joachim Rudolf, Elisabeth Tester: China.
Der nächste Horizont. Ein Kompass für
Anleger und Unternehmer. NZZ Libro,
Zürich 2016. 263 Seiten, Fr. 47.90,
E-Book 28.90.
Von Harro von Senger
Den weiten Weg, den die Volksrepublik
China in den letzten Jahrzehnten zurückgelegt hat, beschreibt Peter Achten
in seinem Buch «Abschied von China».
Es enthält 55 Beiträge, die er zwischen
1987 und 2015 als Chinakorrespondent in
Schweizer Medien veröffentlicht hat.
Achten vermittelt keinen systematischen Gesamtüberblick, sondern beleuchtet verständlich einzelne Aspekte
einer Entwicklung, die «keinem Land der
Dritten Welt bisher gelungen ist: den
überwiegenden Teil des Volkes mit einem menschenwürdigen Mass an Essen,
Kleidung, Wohnung und Erziehung zu
versorgen.» Das Buch ist unterteilt in die
Abschnitte «Wirtschaft und Reform»,
«Ideologie und Kultur», «Tibet und Xinjiang», «Alltag» und «International».
Peter Achten hat eine glückliche Hand
bei der Auswahl und Beschreibung
wissenswerter Fakten. Beispielsweise
berichtet er von der «billigsten, grössten, sichersten, schönsten und saubersten U-Bahn der Welt» in Peking «ohne
Schmierereien wie in New York City oder
im Schweizer Trämli», oder von der
grössten und modernsten Bibeldruckerei
der Welt, die ausgerechnet in dem offiziell atheistischen Land, und zwar in
Nanjing, betrieben wird. Er schreibt aber
auch von einfachen Chinesen wie einem
Zeitungsverkäufer, der ihn immer wieder auf ungewöhnliche Artikel in der
Parteipresse aufmerksam machte, und
einer am Strassenrand arbeitenden Coiffeuse, einer illegalen Migrantin aus der
Provinz Henan, die mit ihrer virtuosen
Handhabung der Schere Geld verdiente
und damit ihrem Sohn ein Hochschulstudium ermöglichte.
Zwei 100-Jahre-Ziele
Neben Fakten ist auch die normative
Kraft des Normativen in China zu beachten. Mit der Steuerung von Fakten durch
das Recht beschäftigt sich Peter Achten
nur am Rande, etwa, wenn es um Ferienregelungen oder um ein Gesetz geht, das
der Jugend konfuzianische Tugenden in
24 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 28. August 2016
Ganz ohne
Schmierereien –
die U-Bahn von
Peking, hier in einer
Aufnahme von 2004,
gilt als die sauberste,
billigste und sicherste
der Welt.
Erinnerung rufen soll. Es umfasst nicht,
wie dargelegt wird, 9, sondern 85 Paragrafen. Generell fällt in Presseberichten
westlicher Chinajournalisten, selbst solcher mit einer sinologischen Ausbildung,
eine gewisse Nonchalance im Umgang
mit dem Recht auf. Das hängt wohl damit
zusammen, dass, soweit bekannt, nie Juristen als Chinakorrespondenten eingesetzt werden.
So kommt es denn gelegentlich auch
zu verzerrten Aussagen. Etwa existieren
laut Peter Achten «Presse-, Versammlungs- und Meinungsfreiheit in der Verfassung, nicht aber in der Wirklichkeit».
Diese Freiheiten sind in Artikel 35 vorgesehen. Bei der Lektüre eines Gesetzestextes sollte man nicht nur die Bestimmung herausgreifen, die einem gefällt.
Man sollte den gesamten Gesetzestext
berücksichtigen. Nimmt man Artikel 1
der Verfassung zur Kenntnis, in dem die
Volksrepublik ganz offen als «Diktatur»
bezeichnet und «jeder Organisation und
jedem Individuum die Sabotage des sozialistischen Systems verboten» wird,
oder studiert man Artikel 51 bis 54, stösst
man auf massive, in der Verfassung verankerte Einschränkungen der in derselben Verfassung vorgesehenen Freiheitsrechte. Insofern kann man durchaus eine
Übereinstimmung zwischen Verfassung
und Wirklichkeit feststellen.
Zu Recht weist Peter Achten sodann
darauf hin, dass einschneidende Veränderungen in China von der Kommunistischen Partei (KP) ausgehen, die er zehn
Mal als «allmächtig» apostrophiert. Aber
nie erwähnt er die Satzung der KP, durch
die langfristige Veränderungen in die
Wege geleitet werden.
Von den durch die KP-Satzung angestossenen grundlegenden Weichenstellungen ist die Festsetzung von zwei
100-Jahre-Zielen hervorzuheben: Bis
zum 100. Gründungstag der Partei, also
bis 2021, sollen eine Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand aufgebaut und
bis zum 100. Gründungstag der Volksrepublik, also bis 2049, das Pro-Kopf-Bruttoinlandprodukt auf das Niveau eines
Schwellenlandes angehoben und die Modernisierung im Wesentlichen verwirk-
licht werden. Achten erwähnt nur eines
dieser Ziele, allerdings nicht präzise. Für
ihn bildet nicht der 100-Jahre-Plan der
Modernisierung Chinas den grossen Rahmen für die von ihm beschriebenen Einzelheiten, sondern die Politik der Reform
und Öffnung, auf die er ein gutes Dutzend Mal verweist. Reform und Öffnung
sind aber nur Methoden auf dem Weg
zum Ziel der Modernisierung, also zu allgemeinem Wohlstand, aber auch zu
Flugzeugträgern und Weltraumstationen. Erst in Anbetracht des Ziels der
wohlgemerkt «sozialistischen», also die
Führung der KP nicht antastenden Modernisierung wird verständlich, warum
China welche Reformen durchführt und
auf welche westlichen Dinge hin sich
China selektiv öffnet.
Unterhaltsames Potpourri
Einiges tippt Peter Achten nur an, so die
Falle des mittleren Einkommens. Ausführlich erläutern sie Joachim Rudolf
und Elisabeth Tester in ihrem mit vielen
Abbildungen
ausgestatteten
Werk
«China. Der nächste Horizont. Ein Kompass für Anleger und Unternehmer». Ein
Ziel dieses Buches besteht darin, zu zeigen, wie man in China investieren kann
und was dabei zu beachten ist. Zu diesem
Zweck vermitteln die Verfasser nicht nur
eine solide Übersicht über Chinas Volkswirtschaft, sondern auch über die chinesischen Finanz- und Wertschriftenmärkte. Wie Peter Achten betonen sie das konfuzianische Erbe, und wie er verlieren sie
kein Wort über den Einfluss der antiken,
auf Meister Sun (Sun Tzu) zurückgehenden Militärtheorie im heutigen China.
Die beiden Bücher ergänzen sich gut.
Peter Achten präsentiert ein alle ansprechendes und unterhaltsames Chinapotpourri, und Joachim Rudolf und Elisabeth Tester erteilen dem wirtschaftlich
interessierten Publikum gut dokumentierte Ratschläge. ●
Harro von Senger ist emeritierter
Professor für Sinologie und Verfasser
von u.a. «Moulüe-Supraplanung»
(2008), und mit Marcel Senn
Herausgeber von «Maoismus oder
Sinomarxismus?» (2016)
Autobiografie In einer Mischung aus Bericht und Reflexion erinnert sich die Journalistin
Klara Obermüller an ein halbes Jahrhundert Schweizer Publizistik – und an ihr Leben
ReporterinineigenerSache
Klara Obermüller: Spurensuche. Wie ich
wurde, was ich bin. Xanthippe, Zürich
2016 (erscheint am 29. August).
206 Seiten, Fr. 29.80.
Von Beatrice von Matt
Ein bewegendes Buch. Man denkt lange
darüber nach. Zum einen hat es im Privaten einen schmerzhaften Hintergrund,
zum andern lässt es in vielfältiger Optik
die literarische und publizistische Öffentlichkeit der Schweiz seit 50 Jahren
aufleben. Klara Obermüller hat diese
massgeblich mitgeprägt.
Die 76-jährige Reporterin in eigener
Sache erkundet Spuren ihres Lebens. Tagebücher, Briefe helfen dem Gedächtnis
nach. Einmal schonungslos «ich» sagen
zu dürfen, bedeutet gerade für Journalisten eine Befreiung. Davon redet dieser
Text Seite für Seite. Er hält so eine spannungsvolle Mitte zwischen erzählendem
Bericht und Reflexion. Die Sätze bleiben
einfach, das Arrangement der Ereignisse
und Figuren verrät literarisches Flair.
Klara Obermüller ist in Zürich liebevoll behütet aufgewachsen. Auf einem
Waldspaziergang erfährt sie, dass sie
nicht das eigene Kind ihrer Eltern sei.
Auch wenn die Neunjährige äusserlich
ruhig darüber hinweggeht, scheint der
schockartige Bruch fortan ihr Lebensgefühl zu bestimmen, auch später, als sie
längst auf eigenen Füssen steht. Mit gut
40 erhält sie Einblick in die Krankenakte
ihrer psychisch labilen Mutter – dies in
der Klinik Königsfelden, über die sie eine
Reportage plante. In einem Lebenslauf
hält die Mutter fest, sie habe ihr Kind
hergeben müssen «ins Niemandsland».
Erst im geschützten Raum des Schreibens könne sie über diese Zusammen-
hänge reden, sagt die Autorin. In mehreren schwierigen Beziehungen habe sie
ungeduldig nach der einzigen Liebe gesucht, diese dann beim grosszügigen
Kurt Studhalter gefunden, dem philosophisch gebildeten Theologen, ihrem
Ehemann seit 34 Jahren. «Spurensuche»
ist auch eine Hommage an ihn.
Nach einem vielversprechenden Debut beim «Du» unter ihrem ersten grossen Mentor Manuel Gasser fand Obermüller einen neuen Förderer in Werner
Weber, der ihr den Weg ins Feuilleton der
NZZ ebnete. Der rebellisch linke Schriftsteller Walter Matthias Diggelmann, damals ihr zweiter Ehemann, hat sie in derselben Zeit politisiert — eine Tatsache,
die sich bei der bürgerlichen Zeitung zu
einem Problem auswuchs. Dabei ist zu
betonen, dass Obermüller in ihrem Buch
langjährige Gerüchte widerlegt, wonach
sie Diggelmanns wegen auf die Strasse
gestellt worden sei. Der damalige Chefredaktor Fred Luchsinger hatte gelassen
reagiert, was ein Briefzitat belegt. Er riet
ihr bloss, Beruf und Privates auseinanderzuhalten. Diggelmann aber mischte
mit und intervenierte seinerseits bei
Luchsinger. Der Zwiespalt setzte der Redaktorin so sehr zu, dass sie kündigte.
Es kamen die Reisen in die DDR, wo
Diggelmann verlegt wurde. Die dortige
Literatur hatte bei vielen in der Schweiz
Kultstatus. Es kam die Präsidentschaft
der Gesellschaft Schweiz-DDR. Obermüller bezeichnet heute einiges daran als Irrtum. Der früh verstorbene Diggelmann
aber verdankt ihr viel, nicht zuletzt eine
ausgezeichnete Edition seiner Werke, die
sie hier unerwähnt lässt.
Auf 16 Jahre «Weltwoche» folgte die
Zeit beim Fernsehen, die glücklichste
ihres Berufslebens. Nie primär an formaler Ästhetik interessiert, hatte sie die
Literaturkritik zuweilen als einengend
empfunden. Sie moderierte die «Sternstunden», was zu herausfordernden intellektuellen Begegnungen führte, die sie
souverän auf den Bildschirm brachte. ●
Buchpremiere: Verlosung
Am 6. September findet im Literaturhaus
Zürich die Buchpremiere von «Spurensuche» statt. Die Lesung ist ausgebucht,
Restkarten an der Abendkasse. Als Partnerin der Veranstaltung verlost die NZZ
am Sonntag drei Tickets. Schicken Sie
uns bis zum 31. August eine E-Mail an
[email protected], Betreff «Lesung».
Teilnahmeberechtigt sind volljährige Personen mit
Wohnsitz in der Schweiz. Die Gewinner werden
ausgelost und persönlich benachrichtigt. Rechtsweg
ausgeschlossen, keine Barablöse, keine Korrespondenz über die Verlosung.
In ihrer «Spurensuche»
blickt Klara
Obermüller (2013)
auf Hochs und
Tiefs in Berufs- und
Privatleben zurück.
Reisebericht 1847 nutzt Gustave Flaubert einen Streifzug durch die Bretagne zur Schärfung seines Stils
Unterwegs zum Schriftsteller
Gustave Flaubert, Maxime du Camp: Über
Felder und Strände. Aus dem Franz. von
Cornelia Hastings. Dörlemann, Zürich
2016. 450 S., Fr. 46.90, E-Book 29.–.
Von Janika Gelinek
Als Gustave Flaubert und sein Freund
Maxime du Camp am 1. Mai 1847 in die
Bretagne
aufbrechen,
klingt
das
Sommerferienprogramm erstmal bescheiden: Zwischen Ginster und Farnkraut wollen sie «unbeschwert Atem
schöpfen», heisst es, mit «keinem anderen Ehrgeiz, als nach einem von
Wattewolken geflockten klaren Stück
Himmel zu suchen oder (…) eines jener
armen kleinen Dörfer zu entdecken, wie
sie noch zu finden sind, mit Holzhäu-
sern, Wäsche, die auf der Hecke trocknet, und Kühen an der Tränke».
Mit grossstädtischer Noblesse soll das
unverstellte Landleben gesucht werden,
doch der literarische Ehrgeiz der beiden
Twens gibt sich nicht mit der beschaulichen Betrachtung bretonischer Dörfer
zufrieden. Sie teilen die Kapitel unter
sich auf – Maxime die geraden, Gustave
die ungeraden –, und auf den folgenden
400 Seiten wird in konkurrierender Detailtreue alles ausgebreitet, was Land
und Leute, Historie und Anekdote hergeben. Allein das Wort «Spitzbogen» – variiert als Portal, Gewölbe, Rippen, Fenster,
Stil – taucht 38-mal auf und zeigt, dass
die beiden auch in architektonischer
Hinsicht nichts anbrennen lassen.
Was in dieser übermütigen Beschreibungs- und Bildungswut zum Vorschein
kommt, ist jedoch weniger die Bretagne,
sondern das Ringen zweier junger Literaten um die richtige Form. Sie haben offensichtlich noch keinen rechten Zugriff
auf ihr Material, und so beschwören sie
die Imagination, paraphrasieren ihre
Reiseführer, schärfen ihren Witz an zufälligen Reisegenossen – und schreiben
vorsichtshalber alles auf. Trotz schöner
Ausstattung und leichtgängiger Übersetzung ist das Buch also weniger Ferienlektüre als ein faszinierender Einblick in das
Werden eines grossen Schriftstellers.
Zum Abschluss lese man in den Briefen Flauberts an Louise Colet, wie er inmitten all der altklugen Walzerei von der
Sehnsucht schreibt, nur endlich, endlich
einen Brief von ihr zu erhalten. Auch der
detaillierteste Reisebericht erzählt nämlich nie die ganze Geschichte. ●
28. August 2016 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 25
Sachbuch
Wirtschaft Historische Grundlage für die Beurteilung aktueller Schweizer Aussenhandelsabkommen
Was aus der Vergangenheit zu lernen wäre
Max Schweizer (Hrsg.): Die Schweiz im
Welthandelsdorf. Initiativen, Konferenzen, Konflikte. Ein Lesebuch.
Chronos, Zürich 2016. 321 Seiten, Fr. 51.–.
Von Katharina Bracher
TTIP. Vier Buchstaben machen ratlos.
Die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) wird seit
drei Jahren zwischen der EU und den
USA vorbereitet. Die Schweiz ist Zuschauerin. Kommt die TTIP zustande,
wird der neue Wirtschaftsraum 40 Prozent des Welthandels betragen. Die
Schweiz muss sich dann den privilegierten Marktzugang in die EU mit den Amerikanern teilen, muss den USA aber weiterhin Zölle entrichten. Was dies für die
Wirtschaft und Wohlfahrt des Landes
bedeutet, steht in den Sternen.
Ist die Zukunft ungewiss, kann ein
Blick zurück helfen. In seinem Buch «Die
Schweiz im Welthandelsdorf» schafft der
Diplomat Max Schweizer eine historische Grundlage für die Beurteilung von
Abkommen wie TTIP. Darüber hinaus
vermittelt er generelles Wissen über die
Schweizer Aussenhandelspolitik: Wie
hat sie sich seit der Industrialisierung
verändert? Sind ihre Konzepte aufgegangen? Aber auch: Profitiert die Schweiz
vom bilateralen Freihandel?
Es sind Diplomaten, Politiker und
Journalisten, die Antworten auf diese
Fragen geben. Die zur Meinungsbildung
wichtigen Fakten muss man sich etwas
zusammensuchen. Das entspricht auch
der Absicht der Sammlung, die der Herausgeber als «Lesebuch» bezeichnet. Bestechend ist die schiere politische und
wirtschaftliche Breite der Autoren. Dabei
hat sich Schweizer nicht um politische
Korrektheit geschert. So hat er ein Interview von Werner Gartenmann, Geschäftsführer der «Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz», ausge-
wählt. Dieser fragt den Vertreter der
Welthandelsorganisation, ob sein Arbeitgeber nicht eigentlich überflüssig sei. Die
Antworten auf so unverblümte wie naheliegende Fragen zu lesen, ist erhellend.
Dass die Autoren der Beiträge nicht
vorgestellt werden, ist eine Schwachstelle des Buches. Wer mit Namen wie Werner Gartenmann oder Luzius Wasescha
nichts anzufangen weiss, der tappt im
Dunkeln. Dass Wasescha einer der
prägendsten Handelsdiplomaten der
Schweizer Aussenpolitik war, ist für die
Einordnung nicht unerheblich.
Das Buch zeigt auf, wie ohnmächtig
die Schweiz angesichts supranationaler
Abkommen ist. Es zeigt aber auch, was
Politik und Diplomatie aus Fehlern der
Vergangenheit lernen können. Über
allem steht der Grundsatz von David
Dorn, Schweizer Jungstar der Ökonomieprofessoren: Man sollte nicht naiv davon
ausgehen, dass jedes Handelsabkommen
automatisch nur Vorteile bringt. ●
Das amerikanische Buch Der weisse Abschaum der britischen Elite
Die Vereinigten Staaten als einzigartige
«Stadt auf dem Hügel» und «Land der
unbegrenzten Möglichkeiten» – diese
nationalen Mythen haben speziell bei
Präsidentschaftswahlen Konjunktur.
Mitten in der laufenden Kampagne erhebt die Historikerin Nancy Isenberg
dagegen mit ihrer weithin beachteten
Geschichte über die weisse Unterklasse
Amerikas Einspruch. Sekten wie die
Puritaner mögen die Neue Welt als
Heimstatt einer idealen Gesellschaft
unter Gottes Schutz betrachtet haben.
Aber wie Isenberg in White Trash: The
haben britische Eliten die Kolonien von
Anfang an stets auch als eine Art Komposthaufen für «menschlichen Müll»
betrachtet: Waisenkinder, Landstreicher und sonstiger «Abschaum» der
britischen Gesellschaft wurden nach
Amerika ausgeschafft und sollten dort
als billige Arbeitskräfte oder Schuldknechte den Boden für neue Siedlungen bereiten.
Ein sozialer Aufstieg war für diese
Menschen explizit nicht vorgesehen.
Dazu war der «Abfall unseres Volkes»
schon durch «Blut» und Abstammung
gar nicht fähig, so die herrschende Meinung. Isenberg zitiert Offizielle und
Autoren des 17. Jahrhunderts und 18.
Jahrhunderts, die Kolonisten wie Jagdhunde oder Pferde nach ihrer «Zucht»
in Wertkategorien einstuften: Wer arm
war, als schmutzig, faul und verwahrlost erschien, der musste dies aufgrund
seiner Veranlagung sein. Dazu sorgte
die Verteilung von Grundbesitz an bessere Stände rasch für die Zementierung
einer Klassenordnung, die Macht und
Eigentum in den Händen einer relativ
kleinen Elite konzentrierte. So verfüg26 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 28. August 2016
ZUMA / DUKAS
400-Year Untold History of Class in
America (Viking, 460 Seiten) zeigt,
Die armen Weissen,
denen Nancy Isenberg
(unten) ihr Buch
widmet, hausen heute
gemäss Klischee im
Trailerpark (Florida,
2004).
ten in Virginia um 1770 zehn Prozent
der Weissen über die besten Böden.
Arme flohen an die Grenzen oder in
weniger fruchtbare Regionen wie die
Appalachen. Dort bestätigten sie mit
ihrer kläglichen Existenz den Abscheu
der Besitzenden.
Die rassistische oder im heutigen
Sprachgebrauch genetische Begründung von Armut und Ausgrenzung erreichte in den 1920er Jahren mit der Eugenik eine schockierende Zuspitzung.
Damals plädierten Politiker und Verfassungsrichter für die Sterilisierung von
als debil, sexuell verwahrlost und kriminell betrachteten Weissen der Unterschicht. Für diese war neben Begriffen
wie «Lehm-Fresser» und «Sumpf-Treter» seit 1821 «White Trash» im Umlauf.
Eine gewisse Rehabilitierung erlebten
«Hillbillies» dann während des New
Deal von Franklin D. Roosevelt. Nach
dem Zweiten Weltkrieg wurde mit Lyndon B. Johnson ein «Poor Boy» aus dem
ländlichen Texas Präsident, und der
Tagelöhner-Sohn Elvis Presley regierte
die Hitparaden. Mit der Bürgerrechtsära der 1960er Jahre erreichte die
Identitätspolitik auch ärmere Weisse.
Heute signalisiert die Selbstbezeichnung «Redneck» Stolz auf eine rustikale Eigenständigkeit, die eine Kampfansage gegen farbige Minoritäten und
liberale Eliten enthalten kann. Gleichzeitig leben Vorurteile gegen die weisse
Unterschicht fort. Die sexuellen Eskapaden des aus ärmsten Verhältnissen
in Arkansas stammenden Ex-Präsidenten Bill Clinton dienen oft genug als
Begründung für die Behauptung, dass
sich «White Trash» auch im Weissen
Haus treu bleibe.
In der Sache zeigt sich die amerikanische Kritik weitgehend überzeugt von
dieser Sichtweise der Landesgeschichte. Isenberg will mit ihrem Buch explizit eine lange überfällige Diskussion
der gesellschaftlichen Realitäten in den
USA anstossen. Dies begrüssen etwa
die Rezensenten der «New York Times»
oder des «Atlantic». Allerdings wird
Isenberg in den späteren Kapiteln zu
allgemein, wie die «Washington Post»
schreibt. So bleibt die demografische
und regionale Verortung der armen
Weissen im heutigen Amerika unklar:
Stammen sie von frühen Kolonisten
ab? Und leben sie vorwiegend im
Süden und in den Appalachen von
Georgia bis Maine? Isenberg deutet
dies an. Aber letztlich bleibt sie etliche
Fakten für eine nachhaltige Diskussion
über «White Trash» schuldig.
Von Andreas Mink ●
Agenda
Exilkunst Galerie der Vergessenen
Agenda September 16
Basel
Donnerstag, 1. September, 19 Uhr
Tilman Lahme: Die Manns. Lesung und
Gespräch. Moderation: Martin Ebel,
Fr. 18.–. Literaturhaus, Barfüssergasse 3.
Reservation: 061 206 99 96.
Dienstag, 13. September, 19 Uhr
Sacha Batthyany: Und was hat
das mit mir zu tun?
Lesung und Gespräch.
Mit Katrin Eckert
(Moderation),
Melitta Brznik und
Hanspeter Flury,
Fr. 18.–. Literaturhaus
(siehe oben).
Bern
Sonntag, 4. September, 11 Uhr
Ingrid Noll: Der Mittagstisch. Lesung
und Gespräch. Moderation: Thomas
Meyer, Ausstellungseintritt. Zentrum
Paul Klee, Monument im Fruchtland 3.
www.zpk.org.
Rund 10 000 deutsche Kulturschaffende wurden von
den Nationalsozialisten ins Exil getrieben, darunter
auch mehrere hundert bildende Künstler. Einige – Beckmann, Kokoschka, Grosz, Max Ernst – kennen wir noch,
viele andere sind nach 1945 in Vergessenheit geraten.
Dagegen kämpft der Autor, Sammler und Verleger Thomas B. Schumann an. «Memoria» heissen sowohl seine
Sammlung als auch seine Edition. Schumanns Kunstbestände werden nun in einem reichhaltigen Katalog dokumentiert, der 71 Künstlerinnen und Künstler in Wort
und Bild vorstellt. Er begleitet eine Ausstellung, die im
Stadtmuseum Langenfeld (Rheinland, bis 16.10.) zu
sehen ist. Unsere Abbildung zeigt das 1948 entstandene
Ölbild «Flüchtlinge» von Arthur Kaufmann (1888–1971),
der 1928 die «Rheinische Sezession» mitbegründete und
1930 die Leitung der Kunstgewerbeschule Düsseldorf
übernahm, wegen seiner jüdischen Herkunft aber 1933
aus dem Dienst entlassen wurde und über Holland in die
USA emigrierte. Manfred Papst
Thomas B. Schumann (Hrsg.): Deutsche Künstler im Exil
1933–1945. Mit Beiträgen von Mario Adorf, Herta Müller
u.a. Edition Memoria, Hürth 2016. 176 S., ca. Fr. 42.–.
Bestseller August 2016
Belletristik
Sachbuch
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
Jean-Luc Bannalec: Bretonische Flut.
Kiepenheuer & Witsch. 448 Seiten, Fr. 21.90.
Michael Theurillat: Wetterschmöcker.
Ullstein. 352 Seiten, Fr. 23.40.
Jojo Moyes: Ein ganz neues Leben.
Wunderlich. 528 Seiten, Fr. 25.90.
Guillaume Musso: Vierundzwanzig Stunden.
Pendo. 384 Seiten, Fr. 15.90.
Joy Fielding: Die Schwester.
Goldmann. 448 Seiten, Fr. 19.90.
Harlan Coben: Ich schweige für dich.
Goldmann. 416 Seiten, Fr. 20.90.
Hazel Brugger: Ich bin so hübsch.
Kein & Aber. 176 Seiten, Fr. 13.90.
Donna Leon: Ewige Jugend.
Diogenes. 336 Seiten, Fr. 24.90.
Blanca Imboden: Schwingfest.
Wörterseh. 224 Seiten, Fr. 25.90.
Tess Gerritsen: Totenlied.
Limes. 320 Seiten, Fr. 18.90.
Giulia Enders: Darm mit Charme.
Ullstein. 288 Seiten, Fr. 22.90.
Silvia Aeschbach: Älterwerden für Anfängerinnen. Wörterseh. 176 Seiten, Fr. 26.90.
Peter Wohlleben: Das geheime Leben der
Bäume. Ludwig. 224 Seiten, Fr. 26.90.
Peter Wohlleben: Das Seelenleben der Tiere.
Ludwig. 240 Seiten, Fr. 28.90.
Ajahn Brahm: Der Elefant, der das Glück vergass.
Lotos. 240 Seiten, Fr. 22.90.
Roland Gohl: Unser Weltrekord-Tunnel Gotthard. Weltbild. 144 Seiten, Fr. 35.90.
Ramita Navai: Stadt der Lügen.
Kein & Aber. 288 Seiten, Fr. 27.90.
Thomas Widmer: Schweizer Wunder.
Echtzeit. 272 Seiten, Fr. 26.90.
M. Schmieder, U. Entenmann: Dement, aber
nicht bescheuert. Ullstein. 224 S., Fr. 25.90.
Christian Eisert: Viele Ziegen und kein Peter.
Ullstein. 333 Seiten, Fr. 21.90.
Erhebung GfK Entertainment AG im Auftrag des SBVV; 16.08.2016. Preise laut Angaben von www.buch.ch.
Mittwoch, 21. September, 19.30 Uhr
Lukas Hartmann: Ein passender Mieter.
Lesung und Gespräch. Haus der Religionen, Europaplatz 1. Infos:
www.lukashartmann.ch
Zürich
Donnerstag, 1. September, 19.30 Uhr
Frédéric Zwicker: Hier können Sie im
Kreis gehen. Lesung, Fr. 15.–. Sphères,
Hardturmstrasse 66.
Infos: www.spheres.cc
Samstag, 3. September, 16/17/19/20/21 Uhr
Sibylle Baumann: Going Wild – Erlebnistage für bedrohte Tiere, Zooeintritt.
Zoo Zürich, Zürichbergstrasse 221.
Infos: www.zoo.ch.
Dienstag, 6. September, 19.30 Uhr
Klara Obermüller: Spurensuche. Buchpremiere. Moderation: Isabelle Vonlanthen. In Kooperation mit der NZZ am
Sonntag, Fr. 18.–. Literaturhaus, Limmatquai 62. Reservation: 044 254 50 00.
Dienstag, 6. September, 20 Uhr
Alex Capus: Das Leben ist gut. Buchvernissage, Fr. 25.–. Kaufleuten, Pelikanplatz. Infos: www.kaufleuten.ch.
Mittwoch, 14. September, 20.30 Uhr
Mitra Devi, Petra Ivanov (Bild):
Mord in Switzerland.
Autorenlesung mit Mitra
Devi, Petra Ivanov, Andrea Fazioli, Sunil
Mann, Fr. 15.–.
Orell Füssli Bellevue,
Theaterstrasse 8.
Infos: www.orellfuessli.ch.
Bücher am Sonntag Nr. 8
erscheint am 25.09.2016
Weitere Exemplare der Literaturbeilage «Bücher am
Sonntag» können bestellt werden per Fax 044 258 13 60
oder E-Mail [email protected]. Oder sind
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Falkenstrasse 11, 8001 Zürich, erhältlich.
28. August 2016 ❘ NZZ am Sonntag ❘ 27