Stadtstrukturen aus Kindersicht - eine andere Stadt?

AG Planung & Umwelt
STADTSPAZIERGANG 03-2016 STADT MIT KINDERAUGEN / 09. Juli 2016
U. Scheibler
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Stadtspaziergang 09. Juli 2016
Stadtstrukturen aus Kindersicht - eine andere Stadt?
Spaziergang vom Neufeld über den Binzacker zur Tödistrasse
Kurz-Dokumentation einer komplexen öffentlichen Angelegenheit
Ausgangspunkte
Qualitäten und Problematik
Empfehlungen zum Vorgehen
Überlebensraum?
Spielraum?
Planung als Lösung?
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1. Worum geht es?
In unserer Stadt gibt es rund 3’700 Kinder im Alter bis 14 Jahre. Das sind knapp 15 % der Bevölkerung. Seit rund 30 Jahren sinkt der Anteil langsam, aber stetig.
Die Hauptkriterien der Stadtentwicklung leiten sich weitgehend von finanziellen Interessen,
den Bedürfnissen der Erwachsenen und des motorisierten Verkehrs ab. So nehmen beispielsweise die Verkehrsflächen heute einen Drittel der Siedlungsfläche ein und für die „Bewegung“
einer Person werden im Mittel 1 Tonne Material mit der Kraft von 100 PS bewegt. Nur 30 % dieser Bewegungen dienen aus dem Arbeits- und Geschäftssektor.
In der Schweiz werden jährlich 1’500 Kinder im Verkehr verletzt, 10 davon getötet. Damit verursacht der Verkehr etwa 3,5 % aller Todesfälle von Kindern im Alter von 0-14 Jahre. Das Unfallrisiko ist aber gar nicht der wichtigste Effekt des Verkehrs. Viel entscheidender sind Verdrängungs-, Anpassungseffekte und Belastungseffekte. Die Kinder lernen früh, dass der Stärkere
mehr Rechte hat und dass man sich anpassen muss. Es entstehen vor allem durch Verkehrsstrukturen bedingte, spezifische Bewegungsräume für Kinder unterschiedlichen Alters. Auf
dem Stadtplan können die durch entsprechende „Barrieren“ abgegrenzten Bereiche für jede
Altersstufe gut abgebildet werden. Darüber hinaus belastet der motorisierte Verkehr, vom PW
über den LKW und Bus bis hin zum Flugzeug das Kinderleben durch Giftstoffe und Lärm.
Tab. 1: Idealisiertes Raumnutzungsmuster
organisch
stadtstrukturell-bedingt
Aufbau
- von innen nach aussen
- grösstenteils
zusammenhängend
- zum wesentlichen Teil
selbstbestimmt
- natürliche, statt administrative
Grenzen
- Aktionsräume unabhängig
voneinander, nur durch
„Deportation“ miteinander
verbunden
- wesentlich von aussen
bestimmt
- abstrakte Räume sind
bestimmend
soziale Entwicklung
- permanente soziale
Interaktionen
- Entwicklung der Kontakte
möglich, auch selbstbestimmt
- Selbständigkeit fördernd
- zeitlich-räumlich beschränkte
soziale Interaktionen
- unterbrochene Kontakte
- soziale Segregation
- Abhängigkeit betonend
Folge
- Nutzung aller potentiellen
Bewegungsräume
- Einengung der potentiellen
Bewegungsräume
Abbildung 1:
Ausschnitt aus
der Strassenkarte
Wetzikon mit der
sich daraus ergebenden
Raumkompartimentierung.
Stark befahrene
Strassen wirken
altersbedingt als
Grenzen für die
Bewegungsräume von Kindern
und Jugendlichen (gilt auch
für alte Leute)
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U. Scheibler
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Das Auto ist in der Schweiz und auch in Wetzikon seit Jahrzehnten das dominierende Verkehrsmittel. Allerdings hat „das Auto“ von 1960 bis heute sein Aussehen und seine Ausstattung
wesentlich verändert. Und es ist nicht nur das „Wachstum“ des durchschnittlichen PW, sondern vor allem auch das massiv gesteigerten Fahrvermögen, z.B. die enorme Beschleunigung, die zu Gefahrensituationen führen.
Tab. 2: Unterschiede in der Entwicklung eines durchschnittlichen PW von 1960 - 2015
PW 1960 (VW-Käfer)
PW 2010 (VW-Passat)
Differenz
Länge in cm
392
479
+ 22 %
Breite in cm
158
183
+ 19 %
Fläche in m2
6,2
8,8
+ 42 %
Höhe in cm
142
156
+ 10 %
Rauminhalt in m3
5,8
10,9
+ 88 %
Leergewicht in kg
650
1486
+ 128 %
Motorstärke in PS
30
150
+ 400 %
21,5
6,8
+ 216 %
Beschleunigung von
0 auf 80 km/h in sec
Diese Entwicklungsrichtung gilt auch für LKW und für Busse.
Tab. 3: Physikalische Verhältnisse I „Grössenverhältnisse“
Gewicht in kg
Höhe in cm
Breite in cm
Länge in cm
Kind (10 J.)
35
135
0,50
0,50
Erwachsener
80
172
0,50
0,50
Velo
15
110
0,50
1,50
1500
156
183
479,00
LKW
28000
380
225
1200,00
Sattelschlepper /
Bus
40000
400
250
1800,00
PW
Tab. 4: Physikalische Verhältnisse II „Massenverhältnisse in Bewegung“ (Angaben in J)
5 km/h
15 km/h (Velo 15
kg)
30 km/h
50 km/h
Kind (35 kg)
34
434
-
-
Erwachsener (80
kg)
77
825
-
-
1447
13021
52083
144676
LKW (28000 kg)
27006
243056
972222
2700617
Sattelschlepper /
Bus (40000 kg)
38580
347222
1388889
3858025
PW (1500 kg)
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Das Energieverhältnis zwischen einem gehenden Kind und einem Sattelschlepper innerorts
mit T-50 beträgt also 1:113’000.
Diese physikalischen Verhältnisse verändern sich ganz erheblich mit zunehmender Geschwindigkeit. Das zeigt auch die folgende Tabelle.
Tab. 5: Auswirkungen der Fahrgeschwindigkeit eines PW auf eine Fussgängerin
Tempo 30
Tempo 50
geringer
höher
Bremsweg (bei aufmerksamem Fahren)
15 m
30 m
Sterbewahrscheinlichkeit bei
Aufprall
12 %
70 %
Unfallwahrscheinlichkeit
Neben dem Verkehr ist es vor allem die bauliche Struktur der Stadt, welche den Lebensraum
der Kinder bestimmt. Der Trend der baulichen Verdichtung führt mit fast jedem Bauprojekt
zum Verschwinden von grossen Bäumen und Grünflächen. Damit gehen potentielle Bewegungs- und Spielflächen für Kinder verloren. Eine öffentliche Grünplanung, welche dieses
ständig grösser werdende Defizit kompensieren könnte, ist allerdings nicht in Sicht.
Ebenso wirkt die Tendenz der zunehmenden Abgrenzung bis Abschottung der privaten
Grundstücke. Die früher meist offenen oder nur mit niedrigen Zäunen bezeichneten Grundstücksgrenzen gleichen heute mehr und mehr Hochsicherheitstrakten und bilden absolute
Barrieren für Kinder. Dies wirkt sich nicht nur einengend auf den Bewegungsdrang, sondern
auch negativ auf die möglichen sozialen Kontakte und Erfahrungen aus.
Auf Grund von gesellschaftlichen Trends findet das Leben von Kindern und Jugendlichen
aber auch immer mehr „indoor“ statt.
Ein „Normaltag“ besteht also aus rund 11 Stunden Schlaf, 6 Std. Schule, 4 Std. sitzende Tätigkeit, 1,5 Std. Essen (meist auch sitzend). Damit bleiben theoretisch nur noch 1,5 Std. für bewegte Tätigkeiten übrig. Ein Drittel der Schweizer Kinder bewegt sich heute weniger als 1 Std.
am Tag, während dieser Anteil in den 1970-er Jahren noch 3-4 Stunden betrug. Hier gleichen
sich die Kinder dem allgemeinen Durchschnitt an und entfernen sich von den biologischen
Grundanlagen. Von diesen her ist der Mensch mobil, ein Bewegungswesen. 20 bis 40 km
Fussmarsch pro Tag wären für Erwachsene eigentlich normal, heute beträgt die tägliche
Fussbewegung nur noch 0,8 bis 1,5 km. Die motorisierte Bewegung hingegen ist bei uns mittlerweile auf durchschnittlich über 50 km pro Mensch und Tag angewachsen. Das dauert rund
90 Minuten täglich.
Die Bewegung im Kindesalter bestimmt wesentlich auch die Gesundheit in den folgenden
Altersphasen. Zum Beispiel wird sogar die Wahrscheinlichkeit von Oberschenkelbrüchen bei
über 70-Jährigen noch durch viel Bewegung im Kindesalter um rund 50 % reduziert. Entsprechend reduzieren sich auch die Kosten im Gesundheitswesen.
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Viel Bewegung in der Kindheit scheint auch ein Schlüssel für die Entwicklung von Intelligenz
und sozialen Kompetenzen zu sein. So werden Kinder, die sich mehr bewegen auch früher
selbständiger, schlauer und sind lernfähiger als bewegungsarme Kinder.
Es gibt also gute Gründe, um Kinder „in Bewegung“ zu halten und dafür in der Stadt gute Bedingungen zu halten oder zu schaffen. Dafür sind primär Eltern und Familie, daneben aber
auch Schule und Stadtverwaltung verantwortlich.
2. Kinderverhalten
Dass Kinder sich anders verhalten als Erwachsene ist den meisten klar. Konkret sind das aber
viele Einzelfaktoren, die dazu führen, dass Erwachsene das Verhalten von Kindern oft als „unberechenbar“ einschätzen.
Einerseits gibt es rein körperliche und entwicklungsbedingte Eigenschaften. Viele Gegenstände haben für Kinder andere Dimensionen und Perspektiven als für Erwachsene und ihr Gefahrenbewusstsein entspricht bei weitem nicht demjenigen der Erwachsenen. So zeigen Studien,
dass Kinder im Durchschnitt erst ab 6 Jahren überhaupt realisieren, was eine „Gefahr“ ist. Ab
8 Jahren entwickelt sich das Bewusstsein, dass ein bestimmtes Verhalten zu einer Gefahr führen kann. Das Verständnis für vorbeugende Massnahmen bildet sich noch später aus, erst mit
ca. 9–10 Jahren. Bestimmte Verhaltensweisen für ganz genau definierte Situationen lassen
sich zwar auch kleinen Kindern „antrainieren“ (z. B. Verhalten beim Überqueren einer Strasse
am Fussgängerstreifen), aber schon Kleinigkeiten können sie ablenken. Die Fähigkeit, sich
über eine längere Zeit zu konzentrieren, ist erst mit 13–14 Jahren voll ausgebildet. Kinder haben also jene Fähigkeiten noch nicht entwickelt, die es braucht, um sich sicher im heutigen
Strassenverkehr zu bewegen. Andererseits liegt eine mögliche Ursache für das hohe Unfallrisiko der Kinder in der typischen Verhaltensweise, die sich grundlegend von derjenigen der Erwachsenen unterscheidet. Kinder sind „unberechenbar“, impulsiv und leicht ablenkbar. Alltägliche Dinge, die ein Erwachsener oft gar nicht wahrnimmt, können die ganze Aufmerksamkeit eines Kindes in Anspruch nehmen. Dieser charakteristischen Wesensart widersprechen die grossen Anforderungen des heutigen Strassenverkehrs, der ein hohes Mass an Konzentration und Aufmerksamkeit verlangt.
Im Einzelnen sind folgende körperliche und psychische Kennzeichen wichtig:
- Die Bewegung, auch das Gehen, sind von Neugier, vom Spieltrieb und von der Lust an der
Bewegung geprägt. Das Gehen ist meist langsamer als bei Erwachsenen, dafür kann die
Richtung schlagartig ändern.
- Ein hoher Bewegungsdrang und eine stark gefühlsmässige Bewegungssteuerung sind typisch.
- Erst ab 6-8 Jahren entwickeln Kinder die Fähigkeit, sich in die Situation anderer hineindenken
zu können (theory of mind). Bis dahin gehen sie davon aus, dass andere genau das selbe
wahrnehmen (z.B. ein beleuchtetes Auto „sieht“ den Fussgänger).
- Eine hohe Spontaneität und geringe Geduld kennzeichnen oft das Verhalten. Die Konzentrationsfähigkeit ist noch gering, lässt rasch nach, Ablenkungen sind häufig.
- Auf neue Situationen kann nicht „gelernt“ reagiert werden.
- Wegen der Kleinheit ergibt sich eine ganz andere Perspektive auf die für Erwachsene eingerichtete Welt, ausserdem stolpern Kinder häufig, weil ihr Körperschwerpunkt hoch liegt.
- Das Blickfeld ist bis zum 10. Lebensalter etwa ⅓ kleiner als bei Erwachsenen und die Umstellung von Nah- zu Fern-Sehen verläuft langsamer als bei Erwachsenen.
- Trotz ausgebildetem Hörvermögen können die Geräusche erst ab dem 8./9. Lebensjahr
auch räumlich richtig geortet werden.
- Die Reaktionszeiten sind länger als bei Erwachsenen, die Fähigkeit zum „MultiTasking“, z.B.
Laufen-Sehen-Einschätzen, ist erst ab 12 gut entwickelt.
- Bis zum 10. Lebensjahr werden links und rechts noch häufig verwechselt.
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- Entfernungen und Geschwindigkeit von Fahrzeugen können erst ab dem 10. Lebensjahr einigermassen eingeschätzt werden.
- Kinder können bis zum 7./8. Jahr nicht verstehen, dass ein herannahendes Fahrzeug einen
Bremsweg benötigt.
Tab. 6: Hypothetische Wahrnehmungsskala nach Alter, Radius (in Metern) und Bewusstseinsgebiet (nach Jong 2005)
Um auf diese ganz andere Lebenswelt angemessen zu reagieren, ist eine langsame und an die
individuelle Entwicklung des Kindes angepasste Steigerung der
Anforderungen notwendig. Auf
diese Weise können Kinder die
altersgerechten Kompetenzen
erwerben und sich zunehmend
selbständiger bewegen. Die „totale“ Sicherheit dagegen erhält
eine nicht altersgerechte Unselbständigeit und führt dann später zu grösseren Problemen.
3. Das Spielen ist die „Arbeit“ der Kinder
Spiele-Arten
- Bewegungsspiel (z.B. Laufen, Klettern, Fangen)
- Rollenspiel (z.B. „Räuber und Poli“, Familie, Dökterlen)
- Herstellungsspiel (z.B. Hüttenbauen, Strassenmalerei)
- Regelspiele (z.B. Verstecken, „Sport“, Gummitwist)
- Kommunikationsspiele (z.B. Stille Post, auf der Wiese träumen, Singen)
- Explorationsspiele (z.B. Nachbarn auskundschaften, verbotenes Gelände betreten, unbekannte Materialien/Pflanzen/Tiere ausprobieren)
- Kombinationsspiele (z.B. erst Hüttenbauen, dann Fangen als „Räuber und Poli“, HotzenplotzLied)
Für jedes Alter gibt es unterschiedliche Spielarten dieser Grundformen, entsprechende Möglichkeiten sollten die so genannten Spielplätze bieten. Das „Merkblatt Spielraumgestaltung“
der Stadt Wetzikon ist dafür eine kompetente Grundlage. Leider kommt sie wenig zur Anwendung und gilt auch nur für einzelne Bauvorhaben.
4. Spielräume für künftige Entwicklungen
Um die bestehenden Defizite abzubauen und mit der Zeit eine kinderfreundlichere Stadt zu
entwickeln, stehen folgende Massnahmen im Vordergrund:
- Gesamtverkehrskonzept als Mobilitätskonzept für alle Altersgruppen statt Strassenbau und
Tempo-30 als Grundgeschwindigkeit im Siedlungsgebiet
- attraktives, sicheres und flächendeckenden Fuss- und Velowegenetz mit Grünkorridoren
- flächendeckende Versorgungseinrichtungen in allen Quartieren (Stadt der kurzen Wege)
- Spielraumplanung und Förderung gemeinsamer Nutzungsformen
- kindergerechte und naturnahe Gestaltung und Pflege der Frei- und Grünräume
- Einbezug von Kindern und Jugendlichen in die Planung und in die Politik
Ein kinderfreundliches Wetzikon ist auch ein für Erwachsene freundliches Wetzikon.