Lehrlingsmagazin „Pause“, 2015

OKTOBER 2015
ERSTE SCHRITTE
Grenzen überwinden im Praktikum
PERSÖNLICHES LIMIT
Extremsport mit Behinderung
AUSBILDUNGSREISE
Hürden meistern in der bayrischen Metropole
Pause 2015
3
IHR MACHT’S
MÖGLICH!
A
D N
K
GRENZEN
ÜBERWINDEN
E
Jedes Jahr der gleiche Stress. Eigentlich sollte unser Lehrlingsmagazin «PAUSE» bereits im Druck
sein und wir diskutieren immer noch über Titel
und Spitzmarken – oder schreiben das Editorial.
Ein Grund die «PAUSE» auf Eis zu legen und den
Herausforderungen und Schwierigkeiten aus dem
Weg zu gehen?
Beim Lesen der diesjährigen Pause-Artikel ist mir
aufgefallen, dass es oft um das Thema «Hürden
und Grenzen überwinden» geht. Manche Grenzen­
scheinen offensichtlich und sind dennoch nur
scheinbar vorhanden, dies zeigen mir besonders
die Extremsportler, die Pascal in seinem Artikel
vorstellt. Mich fasziniert, was diese Athleten trotz
ihrer körperlichen Einschränkungen leisten. Was
mich ausserdem sehr beindruckt, ist, wie Pascal
deutlich, welchen Einsatz es vom Umfeld und der
zu sich und zu seinen persönlichen Grenzen steht.
Familie braucht, um eine solche Situation zu be-
Man kann Grenzen ziehen, überwinden, akzeptie-
wältigen.
ren oder einreissen – und manchmal muss man
Brücken bauen, um Grenzen zu überwinden. Der
Ein Sprichwort sagt: Hebt man den Blick, so sieht
Zugang zum ersten Arbeitsmarkt ist für viele
man keine Grenzen. Ich glaube, es ist wichtiger
Menschen mit Behinderung sehr schwierig. Im
die Grenzen zu sehen und zu entscheiden, ob und
­Artikel «Erste Schritte» berichten wir von unseren
wie wir diese überschreiten können. So werden
Praktika. Unsere Praktikumsbetriebe haben uns
wir uns auch im kommenden Jahr der Heraus-
Brücken gebaut und uns geholfen, einen Einblick
forderung «PAUSE» stellen und dabei wieder un-
in den ersten Arbeitsmarkt zu bekommen.
sere persönlichen Grenzen entdecken und über­
Im Artikel «Auf der Stelle» zeigt uns Mateo, was
schreiten.
passiert, wenn der Rollstuhl streikt. Der Tagesab-
Liebe Praktikumsbetriebe, eure grosse Bereitschaft und
euer beherztes Engagement haben uns einen Einblick
in den ersten Arbeitsmarkt ermöglicht. Wir bedanken uns
herzlich bei euch für die wertvollen Erfahrungen!
Möchten auch Sie uns eine Chance geben?
Gerne gibt Ihnen Lukas Fischer Auskunft: Tel. 044 389 62 57
lauf ändert sich abrupt und ein grosser Teil der
Rahel Ebneter
Selbstständigkeit ist dahin. Mir wurde mal wieder
Lehrling
4
Pause 2015
Pause 2015
5
AUF DER
STELLE
Nichts geht mehr. Mateo
schildert die Auswirkungen
von Pannen mit dem
Elektro-Rollstuhl.
6 TATORT MÜNCHEN
14
MEIN HERZ
FÜR DEN FCZ
Jessica hat nie mit Barbies
gespielt. Sie ist mit den Jungs
vom FCZ aufgewachsen.
Weissbier, Brezeln und ein Mord auf der Ausbildungsreise
PERSÖNLICHES LIMIT
Extremsport mit Behinderung
18
ERSTE SCHRITTE
Vier Lernende blicken in die Arbeitswelt
25
GETESTET
Handheizung für Rollstuhlfahrer
25
KURZ UND BÜNDIG
Meldungen aus Sport und Freizeit
26
MATHILDES SÖHNE
Zwei Pioniere schreiben Geschichte
28
JOSEF MÜLLER
Der Geldwäscher im Rollstuhl
31
FOTOSTORY
Optische Täuschung
GIPFELSTÜRMER
Mit dem Helikopter ums Matterhorn – Die Stiftung Sternschnuppe
erfüllte Francescos Wunsch.
IMPRESSUM
PAUSE – das MEH-Lehrlingsmagazin. Ausgabe Nr. 115, 33. Jahrgang
Herausgeber: MEH, Lengghalde 1, 8008 Zürich, Tel. 044 389 62 00, www.meh.ch, [email protected]
Fotos: Michael Groer, Steven Deblander, André Bachmann
Korrektorat: Iris Vettiger Litho: b+b repro AG Druck: Druckerei Albisrieden AG
Auflage: 3'200 Exemplare Erscheint: 1 x pro Jahr
6
Pause 2015
Pause 2015
7
Ausbildungsreise 2014
Wie immer stimmten alle Teilnehmer der Ausbil-
Opfers. Blut, Kugeln, Waffen, Affären sowie ge-
dung für die Destination der jährlichen AU-Reise
heimnisvolle Schliessfächer und Akten – alles
TATORT
MÜNCHEN
ab. Zur Auswahl standen Mailand, Strassburg,
war dabei. Natürlich konnte der Täter der Roll-
Salzburg oder München. Der eindeutige Ge-
stuhl-Kripo nicht entkommen. Ein Kriminalfall als
winner… München. Hier, ein kleiner Auszug aus
Stadtführung: eine tolle Idee!
meinem Reisetagebuch aus der Stadt der Leder-
Den Nachmittag verbrachten wir mit Shoppen –
hosen.
dafür ist diese Stadt super. Wir kamen mit dem
Würziger Reiseauflauf – à la MEH-Ausbildung: Man bringe
21 MEHler nach München, verwickle sie in einen Kriminalfall,
füge eine Prise Fussball hinzu, schrecke sie mit der U-Bahn ab,
füttere sie mit Brezeln, Weisswürsten, süssem Senf und Haxen
und lösche anschliessend alles mit Bier ab.
Von Tomislav Tomic
Rollstuhl gut in die Läden und alle haben gefun-
Freitag, 4. Juli:
Mord in München
den, was er und vor allem sie suchte. Das Sport-
Kaum in München angekommen, wurden wir in
war riesengross und bot für jede Sportart etwas
einen Mordfall verwickelt. Ein Münchner Haupt-
Passendes – sogar fürs Surfen. Wie die Männer
kommissar übertrug uns die Ermittlungsarbeit im
im Sportgeschäft, so die Mädels im Kleiderladen.
Mordfall Blieninger. Nun lag es an uns, den Täter
Shoppen, bis der Rollstuhl-Akku leer ist. Typisch!
ausfindig zu machen. Wir folgten einer heissen
Die Einkaufs­taschen wurden immer mehr, gefüllt
Spur durch die Sehenswürdigkeiten der Münch-
mit Leder­jacken, Schals, Kleidern, Schmuck, Ge-
ner Innenstadt und verhörten die Zeugen: von
schenken für die Familie usw. Wir kauften so viele
der kreischenden Maitresse bis zum psychopa-
Sachen ein, dass wir am Schluss wie eine bela-
thischen Liebhaber der launischen Ehefrau des
dene Karawane aussahen.
geschäft war das beste, in dem ich jemals war. Es
8
Pause 2015
Pause 2015
Samstag, 5. Juli:
Ich will kein Yo-Yo sein.
nicht nur der Lift, sondern die ganze Haltestelle
Der heutige Tag fing leider ziemlich mies an.
9
Jemand erzählte uns, er gehöre weltweit zu den
ausser ­Betrieb ist. Das bedeutet dann Yo-Yo hoch
Sonntag, 6. Juli:
Die Kathedrale des Fussballs
ins blendende Tageslicht und dann auf der Stras-
Es ist Sonntagmorgen und wir fahren in die Alli-
und Spaziergänger können auf fast 80 km Weg-­
Nicht alles, was einem in München unter die Rä-
se weiter.
anz Arena. Die sieht schon aus der Distanz sehr
netz den Park erkunden. Es gibt vieles zu bestau-
der kommt, ist toll. Die Münchner U-Bahn ist für
Zum Trost endete der Tag wenigstens mit einem
cool aus. Aus der Nähe erkennt man dann erst
nen, Bäche, Biergärten, den Chinesischen Turm,
Rollstuhlfahrer ein «Mist». Man benötigt diverse
Höhepunkt. Das Tollwood-Festival lockte viele Be-
recht, was für ein wahres «Biest» dieses Stadion
Nudisten, Musiker, Seiltänzer in den Bäumen
Lifte um zu den Gleisen runter und wieder hoch
sucher an, darunter auch unsere kleine Gruppe.
ist. Eine gigantische, glänzende Kathedrale des
oder die Surf-Freaks im Eisbach. Da hat’s echt
zu kommen. Wie ein gigantisches Donkey Kong-
Es gab Stände mit Kunsthandwerk, Gastronomie
Fussballs. Ich staune jetzt noch vor Begeisterung!
was für jeden. Am Abend besuchten wir einen
Spiel. Nur an Stelle eines zornigen Gorillas wird
aus allen Kontinenten sowie diverse Stände für
Vor allem die Führung durchs Stadion war toll –
riesigen Bierkeller. man bei der Ankunft am Gleis von einem zornigen
Kinder wie «Kochen und Probieren», «Basteln»
informativ und einfach zu verstehen. Sogar die
Was habe ich gelernt? Bier ist nicht gleich Bier.
U-Bahn-Fahrer begrüsst. Muss man umsteigen,
oder einen Abenteuerspielplatz. Vom Graffitikurs
Damen in unserer Gruppe haben was verstanden.
Ausserdem war das Essen trotz der Nähe zur
heisst das wieder mit dem Lift hoch, runter, hoch
über Akrobatik, Komiker und Tanz bis hin zum
Wir durften sogar in die Umkleidekabine der Spie-
Schweiz für einige Mitreisende recht exotisch. Es
und runter bis zum nächsten Gleis. Tomislav,
Puppentheater – es hatte für jeden Geschmack
ler. Besonders imponierend war die grosse Zahl
gab Brezeln, Weisswürste, süsser Senf, Haxen,
das menschliche Rollstuhl-Yo-Yo. Hat man Pech,
etwas dabei. Ausserdem gab es tolle Konzerte von
von Rollstuhlplätzen – obwohl diese meiner Mei-
Knödel, Sauerbraten, Sülze, Saures Lüngerl und
steigt man bei der Ankunft aus dem Zug und der
deutschen wie auch von internationalen Künst-
nung nach im VIP-Bereich besser platziert wären.
vieles mehr. Die Grösse der Portionen verlief pro-
Lift ist kaputt. Das heisst dann in den nächsten
lern, die meisten sogar kostenlos. Das Beste? In
Trotzdem super, dass sie auch auf die Bedürfnisse
portional zur Freundlichkeit der in Trachten ge-
Zug einsteigen und wieder Yo-Yo spielen. Am
den Bierzelten wurde die Fussball-WM 2014 live
von behinderten Menschen achten.
wandeten Kellnerinnen und Kellner. Ein Wunder,
zornigen Fahrer vorbei in den nächsten Zug, der
übertragen.
Am Nachmittag gingen wir in den Englischen Gar-
dass sich die Münchner trotz des vielen Essens
ten. Der liegt mitten in der Stadt und ist riesig.
und Biers erstaunlich schlank halten. aber nicht dort hinfährt, wo man hin will – weil da
grössten innerstädtischen Parks. Radler, Jog­
ger
•
Pause 2015
11
Wenn der Rollstuhl streikt
AUF DER STELLE
Oh, nein! Nichts geht mehr. Die Steuerung zeigt eine Fehler­
meldung an und der Elektro-Rollstuhl bewegt sich nicht
vom Fleck. Pannen mit dem Rollstuhl haben weitreichende
Auswirkungen für uns Rollstuhlfahrer und unser Umfeld.
Von Mateo Tomic
Ich bin in einem Einkaufszentrum, als mein E-
rück ins Zimmer. Bis zum Abendessen ist wieder
Rollstuhl den Dienst verweigert. Zum Glück bin
Gamen und Fernsehen angesagt. Eigentlich will
ich mit der ganzen Familie unterwegs. Mein Va-
meine Mutter einkaufen gehen, aber jetzt muss
ter muss mich bis zum Auto stossen. Das ist sehr
sie zuhause bleiben und mir helfen, falls ich etwas
anstrengend. Immerhin wiege ich zusammen
brauche. Wenn mein Rollstuhl kaputt ist, muss
mit dem Rollstuhl fast 200 Kilo. Mein Mechaniker
meine Mutter immer zuhause bleiben. Im Hand-
kann heute nicht mehr kommen. Das ist ziemlich
rollstuhl bin ich auf noch mehr Hilfe angewiesen.
blöd, weil ich deshalb im Handrollstuhl zuhau-
Sie hat dann nur wenig Zeit für sich selbst und
se bleiben muss. Da ich meine Arme nur wenig
die Hausarbeit.
bewegen kann, muss ich gestossen werden. Mit
Der Tag ist meist einseitig. Ich kann mich nicht
dem Handrollstuhl komme ich nicht unter den
umdrehen und schaue die ganze Zeit in eine
Tisch und kann deshalb nicht selbstständig essen.
Richtung. Somit weiss ich nicht, was um mich
­
Auch den Laptop und den Play Station Control-
herum geschieht. Wenn meine Mutter putzen
­
ler kann ich deshalb nicht bedienen. Mit anderen
muss, kann ich nicht selbstständig wegfahren
Worten: Ohne den Elektroantrieb geht nichts. Ich
und Platz machen. Und dann stehe ich auch noch
verbringe den Tag vor dem Fernseher.
im Weg. Im MEH würde ich jetzt Kollegen treffen und mich in der Pause mit ihnen unterhalten.
Stillstand
In der Ausbildung arbeite ich am Computer. Der
Am nächsten Morgen die Diagnose: Motorscha-
Unterricht ist spannend und abwechslungsreich,
den! Der Mechaniker muss den E-Rollstuhl mit-
man lernt viel. Vielleicht wäre ich auch in der
nehmen. Ich habe es bereits befürchtet. Das wird
Physiotherapie. Das Durchbewegen von Armen
­
wohl wieder ein Tag vor dem Fernseher. Lang-
und Beinen bringt mir viel, dann fühle ich mich
sam schmerzt mein Rücken. Der Handrollstuhl
beweglicher.
ist unbequem und verursacht Druckstellen, die
ich nicht selbst entlasten kann wie bei meinem
Veränderungen
E-Rollstuhl. Die verstellbaren Rücken- und Fuss-
Ich habe noch einen älteren Bruder, der auch im
stützen sind für mich wichtig, damit ich meinen
E-Rollstuhl ist. Wenn wir beide zuhause sind, be-
Rücken und meine Hüften entspannen kann. Es
deutet das sehr viel Arbeit für unsere Eltern. Ich
ist anstrengend, den ganzen Tag im Handrollstuhl
kann mich nicht erinnern, dass meine Eltern mal
in der gleichen Stellung sitzen zu müssen.
alleine Ferien hatten. Wenn unsere Mutter ein-
Eigentlich wäre ich jetzt schon seit einer Stunde
kaufen geht, ist mein Vater mit uns zu Hause.
in Zürich, an meiner Ausbildungsstelle im MEH.
Wenn sie zu Besuch gehen, kümmert sich un-
Ich würde wohl gerade mit Photoshop arbeiten
ser Onkel um uns.
und danach im Englischunterricht bei Steven über
Mein Bruder wird demnächst ins MEH einziehen.
Politik diskutieren oder einen englischen Film an-
Er hat sich fürs MEH entschieden, weil er in der
schauen.
Werkstätte des MEH arbeiten kann. Er möchte
dort gerne an Webseiten mitarbeiten. Der Ent-
Positionswechsel
schluss ist ihm schwergefallen, weil er gerne
Der einzige Lichtblick, wenn ich zuhause bleiben
zu Hause ist. Er hat mit den Leuten vom MEH
muss, ist das Essen meiner Mutter. Sie kocht sehr
und den Eltern darüber gesprochen. Sie mein-
fein. Endlich gibt es Mittagessen. Meine Mutter
ten, dass er selbst entscheiden soll, was für ihn
stösst mich zum Tisch und bringt das Essen. Dann
besser ist. Das hat ihm Mut gegeben. Ich bin
gibt sie mir das Essen ein. Im MEH könnte ich
gerne mit meinem Bruder zusammen. Wir ver-
jetzt selbstständig und in meinem eigenen Tempo
stehen uns gut. Ich werde darum auch ins MEH
mit der Gabel essen. Ich brauche nur Hilfe, wenn
ziehen, wenn wieder ein Zimmer frei ist. Hof-
es Fleisch gibt, das geschnitten werden muss.
fentlich haben unsere Eltern dann wieder ein-
Nach dem Essen schiebt mich meine Mutter zu-
mal Zeit für sich. •
Pause 2015
13
hütte hätten landen dürfen. Ich bin glücklich und
zufrieden, dass alles so gut geklappt hat!
Wir fliegen direkt nach Zermatt zurück. Nach
dem Helikopterflug schenken mir die Piloten der
Air Zermatt einen Sonnenhut als Erinnerung.
Am Abend essen wir in einem Restaurant in Zermatt gemeinsam mit dem Kamerateam und den
Wunschbegleitern von der Sternschnuppe.
Wie alles begann
Wenig später liege ich bereits erschöpft im Bett
und überlege, wie es eigentlich dazu gekommen
ist, dass ich hier in Zermatt gelandet bin. Ange-
Mit dem Heli ums Matterhorn
GIPFELSTÜRMER
Mit dem Rollstuhl auf hohe Berge? Jungfraujoch, Pilatus,
Bürgenstock, Titlis, Säntis und Schilthorn habe ich schon be­
zwungen. Nun möchte ich aufs Matterhorn. Alles dröhnt
und vibriert. Ich bin aufgeregt. Endlich startet der Helikopter.
Von Francesco Tunzi
fangen hat alles mit einem Schlüsselanhänger.
Ein Arzt schenkte mir vor ungefähr zwei Jahren
bei einem Untersuch einen Schlüsselanhänger
erste Kurve und ich bin erleichtert, die Hand mei-
von der Stiftung Sternschnuppe. Er erklärte mir,
ner Mutter halten zu können. Mit der Zeit kann
dass ich mir bei der Stiftung etwas wünschen
ich mich entspannen und geniesse die Aussicht
könnte, bevor ich 18 Jahre alt bin. Ich war schon
aus dem Helikopter. Wir fliegen ganz nah an der
auf vielen rollstuhlgängigen Bergen wie zum Bei-
Spitze des Matterhorns vorbei. Der Gipfel beein-
spiel Jungfraujoch, Rigi, Pilatus, Bürgenstock, Tit-
druckt mich: Mit seinen 4ꞌ478 Metern überragt er
lis, Säntis, Schilthorn. Deshalb überlegte ich mir
alle anderen Berge.
einen besonderen Wunsch, den ich mir ohne die
Sternschnuppe nicht hätte erfüllen können.
Landung bei der Hörnlihütte
Ich meldete meinen Herzenswunsch online an
Nach einem halbstündigen Rundflug landen wir
und schrieb der Sternschnuppe, dass ich so hoch
in der Nähe der Hörnlihütte. Der Landeplatz ist
wie möglich auf das Matterhorn möchte. Nach
Es ist so weit. In fünf Stunden sitze ich im Heli-
Mutter. Mit dabei sind auch der Partner meiner
sehr eng und liegt unglaublich nah am Berg. Ein
ein paar Wochen bekam ich einen Anruf von der
kopter. Der Tag sieht vielversprechend aus, die
Mutter, ein Kameramann und ein Mitarbeiter der
kurzer, steiniger Weg führt zur Hörnlihütte hinun-
Sternschnuppe und die Zusage, dass sie meinen
Sonne scheint und keine Wolke ist am Himmel zu
Sternschnuppe. Wir erhalten alle Kopfhörer ge-
ter. Ich bin froh, dass mich ein Sherpa auf dem
Wunsch organisieren wollten. Das Problem war
sehen: perfektes Flugwetter. Ich freue mich sehr
gen den Lärm und zum Kommunizieren. Dieser
Rücken bis zur Hütte trägt. Er sagt mir, dass er
die Landeerlaubnis auf der Hörnlihütte. Man ent-
auf diesen Tag. Ich geniesse die Landschaft, die
stört mich etwas, aber ich habe keine Zeit, darü-
normalerweise schwerere Lasten trage und ich für
schied sich dafür, einen Film zu drehen, um so eine
an meinem Zugfenster vorbeizieht. Kurz vor Zer-
ber zu diskutieren. Mein Herz schlägt höher. Ich
ihn ein Fliegengewicht sei. Daher mache ich mir
Landeerlaubnis zu bekommen. Die Sternschnup-
matt sehe ich meinen Berg. Bald geht es los.
weiss nicht, was mich erwartet. Ich bin schon in
keine Sorgen. Auf der Terrasse der Hörnlihütte er-
pe hatte eine Sendung von Star TV geschenkt
einem Flugzeug geflogen, aber noch nie in einem
halte ich einen prachtvollen Schokoladenkuchen
bekommen und beschloss, meinen Wunsch mit
­
Bereit für den Start!
Helikopter. Beim Start vibriert alles, es ist sehr
als Überraschung. Wir geniessen den Kuchen und
dieser Sendung zu kombinieren. Ich hatte wirklich
Ein Pilot trägt mich vom Rollstuhl in den Helikop­
laut und ich bin nun froh, die Kopfhörer zu tragen.
die Sonne. Später macht das Filmteam noch Auf-
Glück, dass alles so gut klappte. Ich werde diesen
ter. Ich sitze hinten am Fenster neben meiner
Nach wenigen Sekunden macht der Helikopter die
nahmen, ohne die wir gar nicht auf der Hörnli-
Tag nie vergessen. •
Pause 2015
15
Viele denken, Rollstuhlfahrer können keinen Extremsport
betreiben. Wer hätte gedacht, dass man im Rollstuhl einen Back­
flip machen oder als Blinder Berge besteigen kann. Ohne Arme
und Beine den Ärmelkanal durchschwimmen! Unmöglich?
Von Pascal Degonda
Ich selbst spiele E-Rollstuhl-Hockey und gebe da
gen. Ihm fehlt allerdings noch der Mount Everest.
mein Bestes. Da ich wenig Kraft in den Armen
Er ist bereits einmal gescheitert und wird es wie-
habe, ist es nicht mehr möglich, denn Hockey-
der probieren. Wenn ich ihn etwas fragen könnte,
schläger zu halten. Darum spiele ich mit einem
dann dies: Hast du keine Angst vor dem Sterben?
Schläger, der am Rollstuhl befestigt ist. Er sieht
aus wie ein T, darum heisst er T-Stick. Ich finde
Zurück ins Leben schwimmen
es cool, dass E-Hockey ein schneller Sport ist. Ich
Der dritte Ausnahme­
athlet ist Phillipe ­
Croizon.
bin ein Typ, der nicht gerne verliert. Die Natio-
Er überlebte einen Stromschlag von 20‘000 Volt.
nalmannschaft ist mein grosses Ziel. Es wäre ein
Normalerweise ist man tot. Es mussten ihm Arme
Erlebnis, dort zu spielen. Dann weiss man erst,
und Beine amputiert werden. Danach wollte er
ob man top ist.
nicht mehr leben. Über eine Fernsehdokumenta-
E-Hockey ist eigentlich recht sicher. Eine der Ge-
tion entdeckte er das Schwimmen. Mittlerweile ist
fahren ist, dass der Rollstuhl kippt. Ich hoffe, dass
Phillipe Croizon Langstreckenschwimmer. Er nutzt
ich nie umkippen werde, das könnte zu schwe-
beim Schwimmen Prothesen mit langen Flossen.
ren Verletzungen führen. Aber das passiert nur
Damit überquerte er bereits einmal den Ärmel-
sehr selten und ich fahre so, dass es hoffentlich
kanal. Um die 30 Kilometer zu überwinden, trai-
nicht dazu kommen wird. Ich kenne meine Gren-
nierte er zwei Jahre lang hart.
zen. Für mich ist es schwer nachvollziehbar, was
Menschen mit Behinderung motiviert, Extrem-
Auf mich hören
sport zu betreiben und hohe Risiken einzugehen.
Das Extremste, was ich je gemacht habe, war
Gleichzeitig fasziniert mich ihr Mut. mit dem E-Rollstuhl auf die Eisfläche einer Kunsteisbahn zu gehen. Am Anfang fand ich das nicht
Extremsport mit Behinderung
PERSÖNLICHES
LIMIT
Salto im Rollstuhl
lus­tig, aber nach einer Weile hat es richtig Spass
Drei Ausnahme­
athleten mit Behinderung beein-
gemacht. Manche Menschen wünschen sich, dass
drucken mich besonders. Einer von ihnen ist Aaron
ich mir mehr zutraue und mutiger werde. Ich bin
Wheelz. Er macht mit dem Rollstuhl Backflips und
aber eher der vorsichtige Typ und finde das nicht
Doublebackflips. Dabei dreht er sich rückwärts in
schlimm. Jeder muss selbst entscheiden, was er
der Luft um 360° und landet mit viel Glück wieder
sich zutraut. Wenn ich mit der Rampe in den Bus
auf den Rädern. Bei einem Doublebackflip dreht
fahre, gebe ich nicht Vollgas. Ich fahre nur im
er sich sogar zweimal in der Luft, bevor er auf-
Schritttempo, damit ich nicht von der Rampe flie-
knallt. Das ist extrem schwierig. Im Internet kann
ge. Im E-Hockey wünsche ich mir manchmal, mu-
man seine Sprünge und seine Ausdauer bewun-
tiger zu werden. Für mich ist es meist in Ordnung,
dern. Wenn er stürzt, probiert er es weiter, bis er
vorsichtig zu sein. Es passieren weniger Unfälle,
den Sprung schafft. Er zeigt keine Angst und ist
ich kassiere im Hockey keine Karten. Wenn ich
der absolute Draufgänger. Mit meinem E-Rollstuhl
über Fussgängerschwellen fahre, gebe ich acht,
würde das nicht gehen, er wäre viel zu langsam.
dass es mich nicht durchschüttelt. Ich passe auf
mich und meinen Rollstuhl auf.
•
Dem Echo folgen
Ein anderer Extremsportler ist Andy Holzer. Er besteigt weltweit die höchsten Berge, und das obwohl er blind ist! Unfassbar. Holzer hat ein sehr
gutes Gehör. Er kann sich am Ton der Begleiter
INFOS ZU DEN PERSONEN
orientieren, zudem stösst er Schnalzlaute mit
Aaron Wheelz: aaronfotheringham.com
der Zunge aus. Durch das Echo der Laute findet
Andy Holzer: andyholzer.com
er heraus, wie es um ihn herum aussieht. Er hat
Phillipe Croizon: philippe-croizon-consulting.com
schon sechs der sieben höchsten Berge bestie-
DAS REDAKTIONSTEAM
(v.l.n.r) Francesco Tunzi, Sarmed Hussain, Mateo Tomic, Loris Lang (llan),
Steven Deblander, Rahel Ebneter, Michael Groer, Dave Inhelder,
Tomislav Tomic, Leslie Weiss, Annete Plammoottil (apla), Pascal Degonda,
Frank Grüninger, Lukas Fischer, Jessica Mone
Pause 2015
19
ich zu meinem Arbeitsplatz komme, werde ich von
einem Schild gefragt, ob mein Gewehr gesichert
ist. Ich sortiere verschiedene Ausrüstungsgegenstände, z. B. Uniformen, welche die ehemaligen
Rekruten abgegeben haben. Diese kontrolliere ich
auf vergessene Gegenstände. Zudem sortiere ich
Abzeichen nach Gebrauchszustand und bereite
sie für eine erneute Ausgabe vor.
Im Moment ist meine Arbeit sehr leicht, das
macht mir Spass, weil ich dann schnell arbeiten
kann. Ich sehe, was ich gemacht habe. Meine
Arbeit ist wichtig, wäre ich nicht da, würde sie
von Mitarbeitern ohne Behinderung erledigt. Ich
Praktikum im ersten Arbeitsmarkt
ERSTE SCHRITTE
Von der Armee über die Fachhochschule, den Verein Behinderten-­
Reisen Zürich bis zur Agentur für Webdesign: Vier Lernende der
MEH-Ausbildung zeigen, dass ihre Arbeitskraft in jeder
Branche einsetzbar ist.
Von Annete Plammoottil
weiss, dass es nicht bloss eine Beschäftigung ist,
sondern dass meine Arbeit auch geschätzt wird.
«MEINE ARBEIT
WIRD GESCHÄTZT.»
R ahe l E bne t e r
Praktikumsort: Arme e logistikc ent e r
Name:
Dauer:
12 Monat e
Pensum:
1 Tag pro Woc he
Alle Lernenden, die ein zweites Ausbildungsjahr
gibt es mehr Möglichkeiten als gedacht. Wenn
Ich bin dank Vitamin B zu meiner Praktikumsstelle
finanziert bekommen, machen mindestens vierzig
man uns lässt, leisten wir tolle Arbeit, ob wir
gekommen. Mein Vater arbeitet im Armeelogistik­
Tage lang ein Praktikum ausserhalb des MEH. Das
­etwas recherchieren, Daten erfassen oder telefo-
center Othmarsingen und hatte dort seinen Chef
ist eine Herausforderung für alle Lernenden sowie
nieren. In fast jedem Betrieb gibt es Arbeit, die
gefragt. Meine Arbeitszeiten sind flexibel. Meist
für das Ausbildnerteam. Es ist nicht einfach, ein
wir Menschen im Rollstuhl erledigen können. Ich
arbeite ich einen Tag pro Woche. Ich darf meine
Praktikum im ersten Arbeitsmarkt zu finden. Wir
hatte ein spannendes Praktikumsjahr und hoffe,
Pausen selbst einteilen. Das ist für mich manch-
müssen einige Hürden überwinden. Erstens muss
dass auch künftige Lehrlinge die Möglichkeit ha-
mal schwierig, weil ich es vergesse, Pause zu ma-
der Arbeitsbetrieb rollstuhlgängig sein. Zweitens
ben werden, im ersten Arbeitsmarkt ein Prakti-
chen. Meine Arbeitskollegen erinnern mich immer
benötigen viele von uns einen Computerarbeits-
kum zu machen. Ich berichte mit drei weiteren
wieder daran. Sie sind sehr hilfsbereit. Die weiter-
platz, was die Praktikumssuche weiter erschwert.
Lernenden über die Erfahrungen, die wir in un-
gehende Betreuung wird durch meinen Vater ab-
Diese Probleme sind jedoch oft sekundär, meist
seren Betrieben sammeln konnten.
gedeckt. Ich arbeite in einer riesigen Halle. Bevor
Das gibt mir ein gutes Gefühl.
20
Pause 2015
Pause 2015
21
Ein Vorteil ist, dass ich im Praktikum mit dem
lief gut, obwohl ich sehr nervös war. Am ersten
beitsplatz aussieht. In den ersten paar Tagen
gleichen Programm arbeiten darf wie in der Aus-
Arbeitstag haben sie mit mir zuerst meinen Ar-
durfte ich zuschauen, wie sie Bestellungen ent-
bildung, es heisst Dreamweaver. Ich freue mich
beitsplatz eingerichtet. Ich brauche vor allem Hilfe
gegennehmen und richtig eintragen, worauf
darüber, wenn ich etwas Neues hinzulerne. Ich
beim Einschalten des Computers und beim Öffnen
ich achten muss etc. Als ich erfuhr, dass noch
setze mich gerade mit einer weiteren Computer-
der Türen, sonst kann ich selbstständig arbeiten.
zwei weitere Mitarbeiter im Rollstuhl im Büro
sprache namens ColdFusion auseinander. Diese
Eine meiner Aufgaben ist es, Adressen und Kon-
arbeiten, war ich sehr erleichtert. Ich wuss-
ist zwar kompliziert, aber sehr spannend. Mein
takte zu aktualisieren, zu recherchieren und zu
te ­
nun, dass ich als Rollstuhlfahrerin keine
Praktikum gefällt mir sehr, ich kann so eine Er-
ergänzen. Ich bearbeite die Rückläufer, das sind
Schwierigkeiten haben würde. Meine Arbeits-
fahrung nur weiterempfehlen.
Briefe, die von der Post nicht zugestellt werden
konnten. Wenn die Adresse nicht stimmt, dann
schaue ich zuerst bei uns im System nach, ob die
«DIE AUFGABEN
SIND VIELSEITIG.»
L oris L ang
Praktikumsort: ZH AW
Name:
Dauer:
9 Monat e
2 halbe Tage pro Woc he
«ICH WUSSTE
NICHT, OB ICH DIE
ERWARTUNGEN
ERFÜLLEN KANN.»
Pensum:
Dave Inhe lde r
Praktikumsort: Be st vie w
Praktikumstelle gibt. Mein Vorstellungsgespräch
Name:
Dauer:
12 Monat e
Pensum:
2 halbe Tage pro Woc he
Ich mache mein Praktikum bei Bestview, einem
Adresse bereits angepasst wurde. Wenn das nicht
der Fall ist, muss ich die neue Adresse recherchieren. Zudem gestalte ich die Geburtstagskarten für
die neuen Mitarbeiter oder bearbeite Bilder. Das
macht mir sehr viel Spass.
Die Arbeit ist vielseitig und ich arbeite in verschiedenen Programmen: CRM (Datenbank), Photoshop, InDesign, Adobe Acrobat und Microsoft Outlook. Ich freue mich sehr, dass ich das Praktikum
machen kann. Ich mache das Praktikum in der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften im Toni
Areal. Leslie, meine Praktikumsbegleiterin des
MEH, hat bei der ZHAW angefragt, ob es eine
«DAS PRAKTIKUM
IST ERST DER
ANFANG.»
Anne t e Plammoot til
Praktikumsort: VBR Z
Name:
Dauer:
12 Monat e
Pensum:
2 halbe Tage pro Woc he
Unternehmen, das Websites und Intranet-Lösun­
kollegen sind sehr freundlich und hilfsbereit.
Ich brauche beim Einrichten meines Arbeitsplatzes Hilfe, d.h. zum Ein- und Ausschalten
des PCs, zum Einrichten des Tastaturtischs
gen designt und erstellt. Am Anfang konnte ich
Ich hatte riesen Glück bei meiner Praktikums­
und zum Bereitlegen von Unterlagen, Bestell-
mir noch nicht vorstellen, was auf mich zukom­
suche. Seit 2013 fahre ich mit dem Verein
schein, Block und Stift. Bevor das Praktikum
men würde. Dementsprechend war ich an mei­nem
Behinderten-Reisen Zürich (VBRZ) zur Ausbil-
anfing, musste ich einige Dinge organisieren.
ersten Tag ein wenig nervös. Ich wusste ­
nicht,
dung und als ich von meiner Praktikumssuche
So habe ich die Spitex aufgeboten, damit sie
welche Aufgaben man mir geben würde und ob
erzählte, machte mir ein Fahrer den Vorschlag,
mich während der Pause unterstützen, die Fi-
ich die Erwartungen erfüllen kann. Die Nervosität
den Geschäftsführer des VBRZ zu kontaktie-
nanzierung des Praktikumswegs geklärt und
legte sich schnell, weil die Leute der Firma von
ren. Daraufhin rief ich den Geschäftsführer an,
den Arbeitsplatz so eingerichtet, dass ich mög-
­Anfang an super mit mir umgegangen sind. Mein
schickte ihm meine Bewerbungsunterlagen
lichst selbstständig arbeiten kann.
Arbeitsplatz ist perfekt für mich. Alle Tische im
und bekam so meine Praktikumsstelle.
Die Arbeit im Büro macht mir sehr viel Freude,
Büro sind elektrisch höhenverstellbar, auch ich
Im August 2014 habe ich beim VBRZ mein
daher habe ich mich entschlossen, nach mei-
kann sie selbstständig bedienen. Die anderen
Praktikum begonnen. Zu meinen Aufgaben ge-
ner Ausbildung in MEH, eine kaufmännische
Mit­ar­bei­ter können so auch im Stehen arbeiten.
hören unter anderem das Schreiben und Kon-
Ausbildung zu machen und Fuss im ersten Ar-
Bis jetzt klappt alles gut. Ich darf sogar an den
trollieren von Bestellungen, das Eintragen ins
beitsmarkt zu fassen. Ich bin jetzt auf der Su-
Kunden-Websites mitarbeiten. Ich arbeite viel mit
Dispo-Programm, das Beantworten der Mails.
che nach einer Lehrstelle und hoffe, dass ich
CSS-Code, einer Computersprache, mit der die
Am ersten Praktikumstag war ich ein bisschen
für den Sommer 2016 einen Ausbildungsplatz
Ge­staltung eines Webprojekts umgesetzt wird.
aufgeregt, da ich nicht wusste, wie mein Ar-
finde. •
Pause 2015
23
Der FCZ und sein treuster Fan
EIN BUND
FÜRS LEBEN
Frauen können nicht einparken, brauchen Schuhe, um glücklich
zu sein. Frauen sind immer am Quatschen, interessieren sich
nicht für Fussball, kennen die Regeln nicht und haben keine
­A hnung, was Abseits ist. Doofe Klischees! Mit Barbies habe ich
nie gespielt. Ich bin mit den Jungs vom FCZ aufgewachsen.
Von Jessica Mone
Wenn andere baden gehen, kann ich nicht mit-
hatte. Ich fand es trotzdem immer sehr lustig.
gehen. Aber im Stadion live dabei sein, das geht.
Meine Mutter musste mich danach immer in die
Ich wurde vor 18 Jahren mit einer Cerebralen
Badewanne setzen. Eines Tages habe ich mit den
Lähmung geboren. Daher bin ich auf einen Hand-
drei Rodriguez-Brüdern «Fangis» gespielt. Dabei
rollstuhl angewiesen. Als kleines Kind habe ich
hat mich Francisco aus Versehen von der Treppe
meinen Rollstuhl gehasst. Ich habe am Anfang
geschubst. Ricardo wurde sehr wütend und hat
sogar geweint, wenn ich in den Rollstuhl muss-
ihm eine Lektion erteilt. Ihre Mutter hat mir da-
te. Ich war noch keine zwei Jahre alt, als ich das
raufhin mein Lieblingsessen gekocht.
erste Mal ins Letzigrund durfte. Mein Bruder hat
beim FCZ gespielt und mich immer ins Training
Südkurve
mitgenommen. Wir haben neben der Familie von
Randalieren und prügeln, Pyros im Stadion zünden
Ricardo Rodríguez gewohnt. Ich bin mit den drei
– typisch Südkurve? Für mich ist das vor allem ein
Rodríguez-Brüdern aufgewachsen und mein Bru-
Klischee. Ich nehme die Südkurve anders war. Sie
der absolvierte mit Ricardo die Nachwuchsabtei-
nehmen mich, so wie ich bin, und stellen meine
lung. Beim Fussball haben sie mich rumgetragen
Behinderung nicht in den Vordergrund. Ich kann
oder aufs Spielfeld gesetzt. Meine Mutter hat mir
mich normal fühlen. Manchmal habe ich trotzdem
alte Kleider angezogen, damit sie mich ins Tor
den «Behindi-Bonus». Wenn ich mit den Fans der
setzen konnten. Ich sah nach jedem Spiel aus
Südkurve nach dem Spiel an der Halltestelle auf
wie ein kleines dreckiges Schweinchen. Manch-
den Bus warte, machen sie mir Platz, damit ich
mal kam ich auch mit einem blauen Auge nach
zuerst einsteigen kann, bevor sie sich in den Bus
Hause, weil ich den Ball an den Kopf bekommen
zwängen. Sie sind sehr hilfsbereit. Wenn mir ir-
24
Pause 2015
Pause 2015
gendwo Treppen in die Quere kommen, tragen sie
Kopf. Wer ist in der Startaufstellung? Was wird
mich. Bei den Feiern zu Meistertiteln oder Cup-
die Südkurve heute wohl singen? Welche Choreos
siegen setzen sie sich ein, dass ich vorne dabei
haben sie vorbereitet? Welcher meiner Jungs wird
sein kann. Manchmal darf ich auch bei der Cho-
ein Tor schiessen? Wie wird das Spiel ausgehen?
reographie mitreden. Sie finden es toll, dass ich
Dabei werde ich nur noch nervöser und kann den
mich so für Fussball interessiere. Leider darf ich
Anpfiff kaum erwarten. Manchmal darf ich bei der
im Letzigrund nicht bei der Kurve sitzen, weil es
Mannschaft auf der Bank sitzen. Ich bin trotz Roll-
laut Polizei zu gefährlich ist. Man schiebt mich in
stuhl überall dabei, ich war sogar in Madrid. Auch
den Familiensektor ab.
in München war es toll. Dort bin ich mit den Fans
llan – E-Hockey ist eine der wenigen Sportar-
vom Bahnhof zum Stadion gegangen und habe
ten, die für E-Rollstuhlfahrer geeignet ist. Für
Immer dabei
Party gemacht. Wir sorgten für Stimmung und
viele Menschen mit Muskeldystrophie vom Typ
Ich mache im Moment eine schwierige Phase
haben auf dem Marienplatz gesungen. Die Fans
Duchenne ­stellt E-Hockey die einzige Möglichkeit
durch und bin recht frustriert, weil meine Cere-
haben mir mit dem ÖV geholfen. Auch der Cup-
dar, einen Mannschaftssport auszuüben. Für die
brale Lähmung immer schlimmer wird und ich
Sieg 2014 war ein Erlebnis. Bei der Cup-Feier ha-
Spieler ist dieser Sport ein Mittelpunkt im ihrem
starke Schmerzen habe. Die Ärzte wissen nicht,
ben sie mir Platz gemacht. Ich durfte ganz nach
Leben. Die Sportart hat sich in den letzten Jahren
woher die Schmerzen kommen. Das Spital ist
vorne, damit ich alles sehen konnte. Die Mann-
stark entwickelt. Es gibt sogar Europa- und Welt-
mein zweites Zuhause. In dieser schwierigen Zeit
schaft hat mir zugewinkt und dann haben wir alle
meisterschaften. Unsere Iron Cats-Mannschaft
helfen mir der Fussball und der FCZ sehr. Wenn
mit der Mannschaft den Titel gefeiert. Ich war voll
Zürich mischt auch international mit. Viele E-
ich Fussball schaue, kann ich meine Schmerzen
dabei.
Rollstühle sind dafür jedoch ungeeignet. Um gut
25
Kurz und bündig
IRON CATS: SPORT AUF
HÖCHSTEM NIVEAU
DAS KLEINE
SCHWARZE
Von Loris Lang
spielen zu können, benötigt man Sportrollstühle.
und meine Sorgen für 90 Minuten vergessen.
Ich freue mich jede Woche aufs Neue, wenn ich
Leidenschaft
Diese werden jedoch von der IV nicht finanziert.
weiss, dass mein Verein am Wochenende spielt.
Auf der Wohngruppe gibt es immer wieder Dis-
Die hohen Kosten müssen zu grossen Teilen von
Ich bin jedes Mal so aufgeregt wie ein kleines
kussionen und Streit wegen meiner grossen Lei-
den Spielern und ihren Familien übernommen
Kind. Am Morgen vor dem Match stehe ich früh
denschaft, dem Fussball. Bei mir fliessen auch
werden. Daher braucht es auch Sponsoren, die
auf und sitze nervös vor dem Kleiderschrank.
mal die Tränen. Meine Zimmernachbarin interes-
einen Beitrag leisten. Weitere Informationen fin-
Ich überlege mir genau, was ich anziehen möch-
siert sich leider nicht für Fussball. Manchmal flie-
den Sie unter: www.iron-cats.ch.
te. Manchmal ziehe ich mich fünfmal um, bis es
gen die Fetzen! Wir mussten sogar Zimmerregeln
passt. Mir gehen dabei tausend Sachen durch den
einführen. Auch mit den Betreuern meiner Grup-
EIN ABENTEUERPARK
FÜR ROLLSTUHLFAHRER
Bei kaltem Wetter können E-Rollstuhlfahrer mit der Steue­
es für mich gefährlich werden könnte oder ich mit
apla – In Luzern wurde 2014 der Rodter Park er-
die Kontrolle über den Rollstuhl verlieren oder nicht mehr
den falschen Leuten «abhänge»... Ich darf nur im
öffnet – ein Natur- und Abenteuerpark für Kinder,
fah­
ren können. Zum Glück gibt es eine Handheizung für
PARTNERSCHAFT
ZWISCHEN FCZ UND MEH
Ausnahmefall später ins Bett gehen. Ich versuche
Jugendliche und Erwachsene mit und ohne Behin-
E-Rollstuhlfahrer. Diese kann direkt an die Stromversorgung
immer, mich durchzusetzen – mit meinem Dick-
derung. Die Initiative für diesen Park ergriff die
des Rollstuhls angeschlossen werden. Sie produziert einen
kopf oder meinem Charme. Verbieten mir die Be-
Stiftung Rodtegg für Menschen mit körperlichen
warmen Luftstrom, der die Hand warm halten soll.
Jessica, die Autorin des oben stehenden Artikels, begann im Au-
treuer oder die Gruppenleiterin an den FCZ-Match
Behinderungen. Der neue Park ist barrierefrei und
Tomislav verwendet die Handheizung regelmässig. Seiner
gust 2015 ein einjähriges Praktikum beim FCZ. Sie freut sich sehr
zu gehen, ist das für mich der Weltuntergang.
soll als Ort der Begegnung für Menschen mit und
Meinung nach könnte sie noch verbessert werden: «Wenn
ohne Behinderung dienen. Im Rodter Park kann
man mit dem E-Rollstuhl schnell fährt, ist die Heizung
pe habe ich oft hitzige Diskussionen. Sie finden
es nicht gut, wenn ich unter der Woche an einen
Fussball-Match gehe. Sie haben das Gefühl, dass
auf die neuen Aufgaben.
rung ihres Rollstuhls Probleme bekommen, weil die Hände
vor Kälte steif werden. Dies führt so weit, dass manche
Zwischen der Werkstätte des MEH und dem FCZ besteht bereits
Mein grosser Traum
man gemeinsam spielen und Spass haben. Es gibt
überfordert, weil kalte Luft an die Hand kommt.» Auch bei
eine Partnerschaft. Seit 2014 verkauft der FCZ im Fanshop créa-
Ich träume davon, mit den Spielern ins Trainings-
unter anderem eine Nestschaukel, Rampen, eine
starkem Wind nütze sie nicht viel. Auch die Steuerung der
tion handicap-Produkte aus der Werkstätte des MEH. Der Erlös
lager zu gehen. Ich habe schon sehr viel mit der
Hängebrücke und ein Planschbecken, welches auf
Heizung ist laut Tomislav ein Kritikpunkt. «Wenn man die
kommt zu 100% dem MEH zugute.
Mannschaft erlebt, aber im Trainingslager war ich
der einen Seite nur wenige Zentimeter tief ist,
Heizstufen verstellen will, muss man das manuell an der
noch nie. Ich würde die Spieler bei ihren schweiss­
damit auch Rollstuhlfahrer selbstständig durch-
Heizung machen. Die Heizung kann also nicht vom E-Roll-
www.creation-handicap.ch
treibenden Trainingseinheiten mental unterstüt-
fahren können. Der Park ist etwa so gross wie
stuhl aus gesteuert werden. Darum brauche ich jemanden,
www.fcz.ch
zen. Manchmal komme ich mit einem Lächeln und
zehn Tennisfelder und wurde durch die Rodtegg
der mir hilft. Es wäre gut, wenn man die Heizung mit der
meinen grossen Augen weiter, vielleicht hilft es
Stiftung und Spenden finanziert.
E-Rollstuhl-Steuerung kontrollieren könnte, damit man die
mir auch diesmal.
•
Heizstufen auch selbstständig verstellen kann.» Gerade hier
sei noch grosser Entwicklungsbedarf nötig. Tomislavs Fazit:
«Die Hand­heizung ist für mich dennoch ein unverzichtbares
Hilfsmittel in der kalten Jahreszeit.»
•
uediPause 2015
R26
Pause 2015
27
Zwei Pioniere schreiben Geschichte
MATHILDES
SÖHNE
Sie wissen, wie es in einer Welt ohne Computer war. Sie sahen
Präsidenten kommen und gehen. Sie erlebten Katastrophen
und neue Erfindungen. Nach über einem Vierteljahrhundert im
Einsatz für das MEH verabschieden wir zwei treue Seelen in
ihren wohlverdienten Ruhestand. Von Dave Inhelder
-­ eben ng
N
s
gu
di
Rue chäfti
s
be
hef?
ier der C
h
t
is
r
e
W
a?
Zapp
k
n
Fra
i
Uel
im
opp be
Boxenst Pannendienst
n
seigene
hau
Der v
talentier ielseitig
te «Prof
essor»
eug!
pielz
Uelis S
Der gross
e Charme
u
r...
te:
er Ers
d
t
i
m
a
War d iPod.
i
l
e
U s
für die
Immer ganz
a...
d
n
te
Klien
Schon fast eine Ewigkeit her starteten zwei jun-
den Übergang der Heimleitung als reibungslos
ge Männer ihre Karriere im MEH. Einige munkeln
erlebte, war der Wechsel für Ueli anspruchsvoll.
sogar, dass sie Mathilde noch persönlich kannten.
«Man muss sich den Veränderungen stellen»,
Alles begann im Jahr 1985. In der Ukraine war
sagte er dazu. Als das MEH 1997 zustimmt, neben
gerade der Kernreaktor in Tschernobyl explodiert
Duchenne auch Klienten mit anderen Körperbe-
und Michael Jackson veröffentlichte sein Album
hinderungen aufzunehmen, werden in Deutsch-
Thriller, als Ueli Schären ein Praktikum als Ergo-
land gerade die Weichen für den Euro gestellt.
therapeut im MEH begann. Kam er noch mit der
Ruedi dachte schon damals: «Das klappt nicht.»
Kutsche zur Arbeit oder gab es schon Fahrräder?
Im selben Jahr zog das MEH ins Kasernenareal
Fast gleichzeitig fand die Eröffnung der Ausbil-
um und Ueli bekam für die Ergotherapie end-
dungsabteilung statt. Diese wurde damals noch
lich einen angemessenen Raum. Der Weg dahin
als Pilotprojekt bezeichnet, weshalb man die Teil-
war allerdings abwechslungsreich, man traf auf
nehmenden Piloten nannte. Ueli hatte zu jener
Hundekot und auf gebrauchte Spritzen. Auch die
Zeit einen braunen Lockenkopf. Die Suche nach
Technik machte Fortschritte. 1997 benutzte der
Fotos verlief leider erfolglos. Vermutlich wurde
erste Bewohner im MEH ein Atemhilfsgerät. In
das Beweismaterial verbrannt.
­Japan erschien der Game Boy.
Hasen, Hühner und ein Mac
Informationswege
Im Jahr 1990, als sich das MEH gerade auf Muskel-
Das MEH kam in Mode. Viele wollten einziehen
dystrophie vom Typ Duchenne spezialisiert hatte,
und ab 2001 gab es eine Warteliste für den Wohn-
nahm Ruedi Hons seine Arbeit beim technischen
bereich. Im gleichen Jahr geschah 6323 km ent-
Dienst auf. Erst 25 Jahre später wird Ruedi mit
fernt etwas ganz Schlimmes. Beim Anschlag auf
seiner Pensionierung in die Freiheit entlassen. Er
das World Trade Center starben 2994 Menschen.
musste fast ebenso lange darauf «verzichten»
Wie viele im MEH erfuhr auch Ueli von der Phy-
wie Nelson Mandela, der im Jahr von Ruedis Stel-
sio, was in New York geschehen war. Im Bereich
lenantritt 9078 km von Zürich entfernt nach 28
Technik hingegen war es Ueli, der das MEH stets
Jahren Haft freigelassen wurde. Ruedi hatte zu
zuverlässig über Innovationen informierte. Eine
Beginn weder eine Werkstätte noch ausreichend
davon war der iPod, der einen Monat nach dem
Werkzeug. Er musste sich sogar sein Büro selbst
Anschlag von Steve Jobs vorgestellt wurde. Ruedi
suchen und einrichten. Seither wechselte er fünf-
beschäftigte sich damals noch nicht mit dem iPod,
mal sein Büro. In den ersten Jahren machte er
sondern mit seinem ersten Handy.
viel Gartenarbeit, eine Weile kam er sich vor wie
ein Landwirt. Er setzte Obstbäume, fütterte die
Danke
Hasen und die Hühner im MEH.
Mit schönen Erinnerungen blicken wir zurück und
Auch für Ueli sollte 1990 ein prägendes Jahr wer-
sagen Danke. Ueli, der du auch schon als zer-
den. Er musste einem Klienten den ersten Mac im
streuter Professor wahrgenommen wurdest. Du
MEH einrichten, damit er selbstständig arbeiten
warst deinen Prinzipien treu und standhaft; auch
konnte. Etwa ein Jahr später verstarb der Klient
wenn du Gegenwehr bekamst, hast du dich im-
und niemand wusste, was man mit dem Mac an-
mer für die Interessen von uns Klienten einge-
fangen sollte. Das war der Moment, als Ueli be-
setzt. Ruedi, du warst immer der Dreh- und An-
schloss, sich bezüglich Computer weiterzubilden.
gelpunkt des MEH, man konnte dich immer um
Das MEH profitiert bis heute davon.
etwas bitten und du versuchtest stets zu helfen.
Nach dem Motto: «Wenn Sie einen Platten haben,
Abwechslung
rufen Sie einfach unseren hauseigenen Pannen-
Im August 1996 übernahm Jürg Roffler die Lei-
dienst an.» Tag und Nacht standest du uns immer
tung des MEH. Nach 18 Jahren in seinem Amt als
zur Verfügung. Getreu deiner Devise: «Wenn du
Heimleiter erzählte er mir, dass Ueli und Ruedi
etwas in Angriff nimmst, lass dir genug Zeit und
sehr korrekte Menschen seien. Während Ruedi
mach es ordentlich.»
•
Pause 2015
29
Josef Müller im Interview
FILMREIF
Seit einem tragischen Autounfall ist Josef Müller querschnitts­
gelähmt. Doch er liess sich nicht bremsen und schaffte es in
die Kreise der Schönen und Reichen. Dann kam der Absturz. Er
verspekulierte Geld seiner Mandanten, unter anderem der Mafia.
Im Gefängnis wurde ihm klar, dass Reichtum nicht alles ist.
Von Rahel Ebneter
Was, denken Sie, wäre anders gewesen, ­­
wenn Sie nicht im Rollstuhl sitzen
­w ürden?
Wovor hatten Sie am meisten Angst?
Das kann ich nicht beantworten. Was wäre, wenn
te, und herausfand, dass ich diese 40 Millionen
ich keinen Unfall gehabt hätte? Was wäre, wenn
nicht einer Person schulde, sondern einem Dro-
du nicht mit deiner Behinderung auf die Welt ge-
gen- und Waffenkartell. Ich versuchte, es ihnen in
kommen wärst? Wir wissen es nicht. Ohne Roll-
Ruhe beizubringen. Sie haben mir mit dem Tode
stuhl hätte ich sicher weniger Abenteuer und Er-
gedroht. Ich hatte wirklich Angst um mein Leben.
Angst hatte ich, als sich herausstellte, dass ich
40 Millionen US Dollar an der Börse verzockt hat-
lebnisse gehabt.
Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie
andere Leute um ihr Geld brachten?
Als alles aufflog, mussten Sie vor dem
FBI flüchten? Geht das im Rollstuhl
überhaupt?
Ich habe nicht absichtlich jemanden betrogen und
Ja, freilich geht‘s! Es ist für Menschen unvorstell-
nie eine Bank überfallen. Ich habe es billigend
bar. Fliehen heisst nicht, jemand rennt mir nach.
in Kauf genommen! Als mir bewusst wurde, wie
Ich bin von Deutschland über Wien nach London
schlimm dies war, habe ich mich bei der Staatsan-
und New York geflogen und von dort bis Miami
waltschaft selbst angezeigt, um für meine Schul-
gefahren. Das FBI und damals das bayerische
den geradezustehen. Es ist mir wichtig, mich nicht
Landeskriminalamt wussten nicht, wo ich war. Ich
nur zu entschuldigen, sondern den Schaden soweit
hatte Angst, dass sie nach mir fahnden. Ich konn-
wie möglich wieder gutzumachen. Darum trete
te das Land verlassen, in England und in die USA
ich die Autorenhonorare meines Buches an die
einreisen und mich dort verstecken, um meine
Gläubiger ab.
Unschuld zu beweisen. Dies ist mir gelungen.
Sie hatten Bargeld im grossen Stil
­geschmuggelt. War das nicht heikel?
Klar hatte ich Angst, die Koffer könnten abhan-
Sie haben sich dann gestellt und sind
ins Gefängnis gekommen. Wie hat Ihre
Gefängniszelle ausgesehen?
denkommen. Ich war dafür nicht geeignet, weil
Es gab damals in Wien keine behindertengerechte
ich viel zu nervös war! Ich bin immer mit vier
Zelle. Es war schwierig, auf die Toilette zu gehen.
Millionen gereist, in jeden Koffer ging eine Million.
Duschen war einfacher. Ich wurde nach München
Mit den vier Koffern bin ich immer von Miami nach
Stadelheim verlegt, welches auch nicht behinder-
München gereist. Früher gab es kein Geldwäsche-
tengerecht war. Ich war der erste Querschnitts-
reigesetz, weshalb ich damals keine Gesetze ge-
gelähmte in ganz Bayern, der im Gefängnis war.
brochen habe.
Sie waren nicht darauf vorbereitet. Es wurde eine
30
Pause 2015
Pause 2015
31
Vernissage
OPTISCHE TÄUSCHUNG
Zelle für mich gebaut. Die Zelle war so klein, dass
die schönste Zeit meines Lebens. Ich hatte viel
ich mich im Handrollstuhl kaum umdrehen konn-
Zeit ohne Verpflichtungen. Ich hatte drei Schreib-
te. Mit dem Rollstuhl in einer Gefängniszelle ist es
tische, einen Flatscreen-Fernseher, eine Kaffee-
noch extremer als ohne.
maschine, einen Computer, ein höhenverstell-
Von Francesco Tunzi
Wow, cooles
Bild!
bares Bett. Mir ging‘s relativ gut. Ich war nicht in
Wie lange sassen Sie?
einer Zelle, sondern in einem Haftraum.
Sitzen tue ich schon seit 41 Jahren, aber im Gefängnis war ich fünf Jahre und vier Monate!
Wie haben die anderen Häftlinge ­
auf Sie reagiert?
Wie war die Zeit für Sie im Gefängnis?
Es war natürlich so, wie wenn ich ein Mensch von
Wenn man im Gefängnis sitzt, bekommt man nor-
einem anderen Stern wäre. Eine Behinderung ist
malerweise eine Arbeit zugeteilt. Bei mir war das
im Gefängnis sehr ungewöhnlich. Ich habe mich
nicht möglich, weil die Werkstatt nicht behinder-
verhalten wie sonst auch. Die anderen waren of-
tengerecht war. Deshalb habe ich ein Theologie-
fen und sehr hilfsbereit, aber es war sehr unge-
Fernstudium absolviert. Es war in gewisser Weise
wöhnlich.
Gefällt mir auch. Ich habe
eine Handtasche mit einem
ähnlichem Muster.
Armer Behinderter.
Denkst du, der versteht überhaupt, was
er da sieht?
Also es war nicht so, dass Sie
­ausgegrenzt wurden?
Vielleicht hat ihn
­jemand hier vergessen?
Dann sollten wir
das dem Fundbüro
melden.
Nein, überhaupt nicht, ich hätte mich überall eingeklinkt. In Josef Müllers Leben gab‘s nie Ausgrenzung.
Wenn Sie Theologie studiert haben,
welche Bedeutung hat dann Gott
in Ihrem Leben?
Früher gar keine, weil du mit viel Geld dein eige-
Ha, ha!
Meinst du?
Wahrscheinlich nicht.
ner Gott bist! Ich dachte, ich muss mich selber
lieben, damit mich wenigstens einer liebt. Jetzt
habe ich erfahren, dass Gott mich liebt. Es gibt
Und, wie gefällt dir mein
neues Bild?
Kurz darauf
nichts Schöneres, als immer von jemandem geliebt zu werden, auch wenn ich ihn nicht sehen
kann. Trotzdem weiss ich, er ist da. Viele Leute
suchen Liebe, wie ich damals, in Sex, Drogen,
Ich hab mich
vom Dazzle-Stil
inspirieren lassen.
Hey...Ciao
Francesco!
Alkohol, Ehre und Luxus, wo ich sie nicht gefunden habe. Umso mehr ich besass, umso leerer
VOM FBI GEJAGT,
VON GOTT BEKEHRT
wurde es in mir. Diese Lücke konnte ich mit nichts
füllen.
Schön, dich an
meiner Vernissage
zu sehen.
Josef Müller wuchs in Deutschland
Fall. Er landete im Gefängnis. Dort
In welcher Situation fällt es Ihnen
schwer, mit dem Rollstuhl umzugehen?
in einer bürgerlichen Familie auf.
studierte er Theologie und fand den
Ich fahre alleine Auto und warte dann auf je-
Sein Vater war Kriminalbeamter. Mit
Weg zu Gott.
manden, der mir den Rollstuhl aus dem Koffer-
17 Jahren hatte er einen schweren
Das erste Mal habe ich Josef Müller
raum hebt. Es fällt mir schwer, da ich ein ziemlich
Autounfall und ist seitdem quer-
in einer Fernsehsendung gesehen.
ungeduldiger Mensch bin und alles sofort erledigt
schnittsgelähmt. Er machte den-
Seine Geschichte faszinierte mich.
werden muss. Wartezeit ist das Schlimmste!
noch den Pilotenschein und wagte
Ich habe ihm eine E-Mail geschrie-
den Sprung in die Tiefe beim Bun-
ben und ihn gefragt, ob ich ihn in-
gee Jumping. Er wurde erfolgreicher
terviewen könnte. Bereits fünf Tage
Was wollten Sie schon immer einmal
gefragt werden?
Steuerberater und umgab sich mit
später trafen wir uns in einem Zür-
Ich bin schon alles gefragt worden, (grins) scham-
Luxus. Nach dem Aufstieg kam der
cher Hotel zum Interview.
los in jeder Weise. Aber ich habe auch kein Problem
damit. Wie es mir gesundheitlich geht, ist eine
selten gestellte Frage. Das finde ich schade.
•
?
?
Sehr, Sandro! Wie immer,
ein grosser Wurf.
Das habe ich vermutet.
Wusstest du, dass der
Stil dem analytischen
Kubismus entlehnt ist?
Verstehst du das?
Ja, klar! Das Spiel
mit den Illusionen.
Genau! Das Phänomen rückt
konzeptuell in die Nähe des
Trompe-l’œil im Barock, mit
arkadischen Aussichten …
Äh …