SI-Style September 2015

privé
Mittendrin
Die traut sich was: Statt rumzusitzen und
auf Rollenangebote zu warten, eröffnete die
Schauspielerin Sabina Schneebeli in Meilen
einen Concept-Store.
Interview Daniela Fabian Fotos Suter Caputo
Sie hat sie alle gespielt: eine tanzende
Katze (Musical «Cats», Hamburg), eine
Bündner Tourismus-Chefin (in der TVSerie «Die Direktorin»), eine tapfere
Ärztin (in der Soap «Tag und Nacht»), sie
war beim «Tatort» engagiert und beim
Kinostreifen «Ernstfall in Havanna».
Die Zürcher Actrice ist erfolgreich. Und
52. «Aber die hiesige Theater- und Filmbranche hat für Frauen in den mittleren
Jahren nicht viel übrig», sagt Schneebeli.
«Obwohl die gerade die aufregendste
Zeit ihres Lebens auskosten.» Schneebeli beweist, dass die schönste Rolle
sowieso nur die ist: sich selbst zu sein.
Dazu gehört auch, seine Träume zu
verwirklichen. Statt auf der Bühne
steht Schneebeli seit Kurzem in ihrer
kleinen Boutique und verkauft nebst
Rosen alles, womit sie am liebsten
auch ihr eigenes Heim schmückt.
Salons Boa Hair in Meilen zur Miete
anbot, zögerten wir nicht lang und gründeten den Laden Epilog.
Und fanden so das Glück.
Ich könnte meinen Tag nicht schöner
beginnen: Frühmorgens fahre ich zum
Händler, suche die Rosen aus, bringe
sie in mein Lager, putze sie und binde
Sträusse. Wie das geht, hat mir Hugo
beigebracht. Manchmal reissen mir die
ANGEKOMMEN Sabina Schneebeli
scheint mit 52 aufzublühen. Sie packt
ein neues Projekt an.
Je älter die Frau, desto spärlicher die
Rollenangebote. Tut das weh?
Natürlich. Ich stehe zwischen zwei Figuren, ich bin nicht mehr jung und noch
nicht die Grossmutter. Schade, gibt
es hierzulande nicht mehr Engagements für Frauen dieses Alters. Es ist
eine spannende Zeit mit Auf- und
Umbrüchen, das empfinde ich als
eine grosse Bereicherung.
Keine Trauer, dass die Jugend
vorüber ist?
Ich fühle mich heute wohler in meiner Haut als noch vor zehn Jahren.
Klar entdecke ich körperliche Veränderungen und denke: «Läck, das
sah schon besser aus …» Trotzdem
möchte ich die Uhr nicht zurückdrehen. Abschied nehme ich nur von
belastenden Dingen.
Schweizer Illustrierte Style: Von
der gefeierten Schauspielerin zur
Lädelibesitzerin – ein interessanter Karriereschritt.
Sabina Schneebeli: Ja, nicht wahr?
Ich finde es spannend, neue Dinge
auszuprobieren. Sie können sich gar
nicht vorstellen, wie viel Spass mir
diese Aufgabe macht.
Wie kamen Sie überhaupt auf
diese Idee?
Seit Jahren kaufe ich Rosen von Hugo
Nydegger. Dabei habe ich Hugo erzählt, dass ich neben der Schauspielerei
gern einmal etwas ganz anderes machen
würde. Eines Tages fragte er mich, ob ich
nicht seine Blumen verkaufen wolle. Ich
lasse mich schnell für etwas begeistern
und sah mich bereits in einem Lädeli stehen, umgeben von duftenden Rosen. Der
Gedanke liess mich nicht mehr los, und
ich überlegte mit meinem Freund Paul
Kurath (ein Gartenbau-Unternehmer,
Anm. der Red.), was zu Rosen passen
könnte: Karten, Schalen, Vasen, so kam
eins zum anderen. Als meine Coiffeuse
Manuela Daluz uns einen Teil ihres
Im Store geht es nicht um mich, sondern
um meine Ware. In den Hintergrund zu
treten, entspannt mich. Trotzdem gebe
ich meinen Beruf nicht auf. Gerade brüte
ich über einem Vierpersonenstück, auch
eine Rolle in einem Kurzfilm ist geplant.
«DAS DESSERT IST JETZT!»
Die Kirschen des Lebens soll man nicht
aufsparen, sondern essen.
Kundinnen die schon aus den Händen,
bevor ich sie einstellen kann. Es gibt
aber auch Tage, an denen niemand Rosen
möchte. Dann muss ich sie halt nach
Hause nehmen (strahlt).
Die Schauspielerei stellt ganz andere
Anforderungen an Sie.
Beim Spielen muss man auf Knopfdruck
Leistung erbringen, sein Inneres nach
aussen kehren. Die Aufmerksamkeit für
meine Person ertrug ich all die Jahre eher
schwer. Als zurückhaltender Mensch
stehe ich nicht so gern im Rampenlicht.
Zum Beispiel?
Mich selber so wahnsinnig wichtig zu
nehmen. Oder von Ängsten: nicht zu
genügen, es immer allen recht machen zu müssen. Das war ein langer,
aber befreiender Prozess. Ich spüre
viel mehr Ruhe in mir, und ich lasse
mich auch nicht mehr so schnell in eine
Ecke drängen.
Ihre Söhne Tim und Luca sind
erwachsen, wie sehr beflügelt das
Ihre Freiheit?
Natürlich gibt mir das Luft und Raum,
Dinge zu tun, die ich zurückstecken
musste, solange die Kinder klein waren.
Freiheiten gehen aber auch mit Loslassen
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privé
SPIEGLEIN …
Eine Trouvaille
vom Flohmarkt.
Was fällt dort so schwer?
Den Überblick nicht mehr zu haben. Wo
sind sie? Was machen sie? Essen sie gesund, haben sie eine warme Jacke dabei?
Tim besuchte zweieinhalb Jahre in New
York die Schauspielschule, das war ein
Lehrblätz für mich. Als ich ihn das erste
Mal besuchte und sah, wie schäbig er
wohnte, habe ich heimlich eine Träne verdrückt. Nicht mal sieben Quadratmeter
gross war sein Zimmer, ohne Fenster, in
einer düsteren Ecke Brooklyns. Aber es
gehört halt dazu. Wenn man Künstler
sein will, muss man auch unten durch.
Sie selber haben ein bisschen was von
Meg Ryan.
Ach ja? Aber unoperiert, bitte sehr.
Liessen Sie nie etwas machen?
Ehrlich, das Thema langweilt mich.
Uns nicht.
Ich liess ein paar Flecken an den Händen
weglasern. Und dieser hier (zeigt auf
einen winzigen Schatten unterm Auge)
stört mich. Der kommt auch noch weg.
Ich habe Botox ausprobiert, aber ich finde
es schwierig, wenn man keine Mimik
mehr hat. Schauen Sie (verzieht das Gesicht zu Grimassen), das würde alles nicht
mehr gehen.
Benutzen Sie Anti-Aging-Produkte?
Ich habe etwas Neues entdeckt, das übrigens auch bei mir im Epilog erhältlich ist:
Schweizer Naturkosmetik von Robert
und Josiane. In ihrem Serum Schöne
Aussichten verwenden sie unter anderem
Amalaki. Es soll verjüngende Wirkung
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haben. Diese Stachelbeere aus Indien
gibt es auch in Pulverform. Ich löse es in
Wasser und trinke jeden Tag ein Glas davon. Amalaki ist mein neues Zauberwort.
Sie haben immer noch die Figur
einer Tänzerin, ernähren Sie sich
streng gesund?
Früher hat mir Essen nicht viel bedeutet,
mit Paul lernte ich es schätzen, er kocht
gern und gut. Von mir aus müsste es kein
Fleisch geben, ich mag Fisch. Ich liebe
auch Smoothies aus Früchten und Gemüse, gönne mir Pasta, aber kaum Brot.
Ich esse, worauf ich Lust habe.
“Ich habe bei
Schwierigkeiten
schon so vieles
ausprobiert. Zur
Stimme meines
Herzens fand ich
erst in der Stille.”
SABINA SCHNEEBELI
Wie haben Sie Paul kennengelernt?
Beim Coiffeur.
Der scheint ein zentrales Thema bei
Ihnen zu sein …
(Lacht.) Erst habe ich dort seine Mutter
getroffen. Eine äusserst attraktive ältere
Dame, sie lächelte und strahlte, obwohl
sie warten musste. Ich fand sie herzig, so
modern, mit roten Haaren, ich musste
einfach zu ihr hin und ihr ein Kompliment machen. Dann kam ein wunderschöner Mann herein und grüsste sie,
«Hoi, Mami». Er kaufte ein Shampoo
und verlangte auch gleich die Rechnung
seiner Mutter. Das fand ich rührend.
Glauben Sie denn noch an die grosse
Liebe?
Auf jeden Fall. An Liebe überhaupt.
Sie trifft einen ja nicht so oft.
Das ist wahr.
Wie erklären Sie Ihren Söhnen,
wie Liebe funktioniert?
Das erkläre ich ihnen nicht, das sollen
sie selber herausfinden. Ich glaube auch
nicht, dass sie das von mir hören wollen,
sie würden sagen: «Ouuh Mama, häsch
es ?!» Man kann nur versuchen, die Liebe
vorzuleben durch Mitgefühl für Mensch,
Tier und Umwelt. Durch Achtung und
Respekt. Und Selbstliebe. Wenn man mit
sich im Reinen ist, lernt man verzeihen.
Liebe ist geben, ohne etwas zu erwarten.
SITZLEDER Den romantischen
AM TATORT Ihr Büro besteht bloss aus einer Nische im Shop.
Dass die Zahlen stimmen, dafür sorgt Paul. epilog-laden.ch
Sessel hat Sabina Schneebeli eigenhändig restauriert.
EI, EI!
Auerhuhn
Frieda heisst
im Entrée
die Gäste
willkommen.
Wie leben Sie Mutterliebe?
Da müsste man meine Söhne fragen. In
der Kontinuität vielleicht? Präsent und
immer da gewesen zu sein. Zu beschützen. Das war vielleicht auch mein grösster Fehler, dass ich sie zu sehr bewahren
wollte vor Schmerz und Schwierigkeiten.
Ihr Shop heisst Epilog. Warum?
Tim fand diesen Namen. Es bedeutet
Nachwort, dass noch etwas anderes
kommt. Das Dessert sozusagen.
Für die Nachspeise sind Sie noch
zu jung.
Das sehe ich anders. Wir sollten das Leben immer hier und jetzt feiern, solange
wir können und gesund sind. Wozu aufsparen? Paul kauft gern etwas Schönes,
und dann hortet er es. Letzthin einen
Föhn. Ich: «Wo ist der neue Föhn?» Er:
«Den sparen wir.» Auf wann? Wenn wir
keine Haare mehr haben?
Wie schafften Sie es, sich selbst das
Gute zu gönnen?
Ich hatte einen Lehrer, einen buddhistischen Mönch. Tenzin Wangyal Rinpoche.
In einer schwierigen Phase besuchte ich
seine Kurse und lernte seine Meditationspraktiken. Ich hatte vieles ausprobiert,
nur manchmal hilft das Zerreden von
Problemen nicht weiter. Zur Stimme meines Herzens fand ich in der Stille.
HAIR & MAKE-UP: Nicola Fischer / Style Council
einher. Das ist nicht immer einfach. Aber
ich bin mir bewusst: Loslassen ist der
Schlüssel zum Glück. Manchmal gelingt
es mir besser, in Bezug auf meine Söhne
habe ich allerdings zu beissen.
SEHNSUCHT
GESTILLT «Unter
dem Kirschbaum
im Garten – dort
ist mein Lieblingsplatz.»
ROSIGE
AUSSICHT
Blumen und
Bücher gehören dazu.
UNGEKÜNSTELT Zarte Vasen
machen auch leer etwas her.