FietsPad.De – Los Pirineos - 1 - …mit dem Wohnmobil durch die

FietsPad.De – Los Pirineos
…mit dem Wohnmobil durch die Pyrenäen, Frankreich, Luxemburg…
Sommer 2002
© 2003 by Sascha Normann
www.FietsPad.De
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FietsPad.De – Los Pirineos
Inhalt
Französische Atlantikküste
Von Echo zum Parque
Nacional de Ordesa
Der Teutonengrill abseits
der Teutonen
Larrau
El Parque Nacional de Ordesa
Die Französischen Alpen
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Larrau - Port de Larrau Valles Visaurin
Überschwemmte Dörfer und
Las Vegas in den Bergen
Luxemburg
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Französische Atlantikküste
In der untergehenden Sonne schiebe ich mein Fahrrad durch den tiefen feinkörnigen Sand. Er
ist warm. Es ist angenehm mit den Füßen darin zu laufen. Aufgrund der Tiefe ist nur nicht mehr
an Fahren zu denken. Was mache ich hier gerade? Ich unterziehe mein Fahrrad seinem ersten
Test unter "Wüstenbedingungen".
Das flach einfallende Licht der untergehenden Sonne erzeugt feine Muster auf der Sandfläche, die
denen des allgemein bekannten "Sahara-Klischees entsprechen - nur dass diese Dünen bei
genauerer Betrachtung bedeutend kleiner sind.
Ein kleiner Cocker-Spaniel trottet mit tollpatschigen Schritten seinem Herrchen im tiefen Sand
hinterher. Aus dem Umfeld ist der einer jeden Sprache typische Akzent in Französisch, Englisch,
Deutsch, und Spanisch zu vernehmen. Genauer: Wir befinden uns hier in Moliets-Plage, dem letzten
Stück Sandstrand, an Frankreichs südlicher Atlantikküste.
Und wieder, meinen ganzen Gewohnheiten entgegen, habe ich mich für einen Urlaub mit der Familie
entschieden. Wobei aber - um ganz ehrlich zu sein - der finanzielle Aspekt keine unbedeutende Rolle
gespielt hat. Und nun - Schande über mein Haupt - befinden wir uns hier nach einer dreitägigen
Anreise per Wohnmobil. Natürlich ist mein Fahrrad trotzdem dabei. So ist mein erster Gedanke nach
der Ankunft, das Fahrrad aus der Fahrradgarage im Wohnmobil zu zerren, und wenigstens die letzten
300 Meter zum Atlantik im Sattel zurückzulegen. Ein Genuss, worauf ich letztes Jahr verzichten
musste. Nach über 3000 km holte mich in Santiago de Compostella die Erschöpfung ein und hinderte
mich daran die letzten 30 km zum Atlantik an die Finisterre, das "Ende der Welt" zurückzulegen.
Nach einem verregneten Tag präsentiert sich der Atlantik mit seinen hoch aufbrausenden Wellen
unter blauem Himmel. Auf den Schaumkronen der Wellen sind Surfer zu erkennen. Im Norden nimmt
der Sandstrand gar kein Ende, während im Süden die im Dunst liegenden Ausläufer der Pyrenäen zu
erkennen sind.
| Aquitaine |
Die Sonne versinkt langsam hinter den am Horizont liegenden Wolken. Ihre letzten Strahlen tauchen
den Strand in eine unglaublich intensive Farbe...
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| Moliets-Plage |
Am nächsten Morgen sind orangene Fahnen gehisst. Der Wellengang ist recht hoch und das Baden
ist nur auf einem etwa 100 Meter breit markierten Strandabschnitt zugelassen. An dessen Grenzen
stehen die Aussichtstürme der Rettungsschwimmer. Und wehe dem, der es auch nur wagt den
markierten Bereich zu verlassen. Sofort ertönt die schrille Trillerpfeife des Wächters und der
Abweichling wird mit fuchtelnden Armen in den markierten Badebereich zurück diktiert.
Dass man an diesem mehrere hundert Kilometer langen Strand nur auf diesem kleinen Stück baden
darf, verdirbt mir verdammt die Laune. Ich überwinde mich schließlich doch zum schwimmen gehen.
Und siehe da: Die bis zu 3 Meter hohen Wellen sind derart heftig, dass man schnell mal aus der Puste
kommt. Zudem versucht ständig eine reißende Strömung einen an den beiden Begrenzungen der
Badestelle ins Meer zu ziehen. Nur wenn man sich kräftig mit den Füßen am Grund abstößt, ist ein
Entweichen möglich. Dagegen anschwimmen wäre unmöglich. Ok, irgendwo hatte diese Begrenzung
auf
einen
bestimmten
Strandabschnitt
wohl
doch
ihre
Berechtigung...
Der Atlantik mit seiner Kraft relativiert noch einmal meine Vorstellung von Naturgewalten.
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Larrau
Über kleine Landstraßen der südlichen Aquitaine tauchen wir langsam in die Pyrenäen ein. Schließlich
finden wir uns auf der angepeilten Passstraße über die Pyrenäen wieder. Auf rund 50 Kilometern
erwartet uns die schlecht ausgebaute Straße nach Larrau, dem letzten kleinen Dorf vor Spanien
inmitten von Bergen. Ich kenne die Straße. Im letzten Jahr habe ich mir die Passüberquerung hier auf
dem Weg nach Santiago de Compostella zum Geburtstag "geschenkt". Das Wetter zeigt sich wie im
letzten Jahr wieder von seiner guten Seite: Strahlend blauer Himmel über den kräftig grünen
Nordpyrenäen.
Die Felsen zu beiden Seiten werden immer höher. Nach einem letzten großen Anstieg haben wir
Larrau erreicht. Wir quartieren uns auf dem netten kleinen Campingplatz ein, den ich ebenfalls noch
aus dem letzten Jahr kenne. Leider habe ich zuvor gar nicht bedacht, dass unser Wohnmobil über 7
Meter lang ist. Es ist gar nicht so einfach auf dem steil abfallenden Campingplatz eine genügend
große Nische für dieses riesige Gefährt zu finden. Überhaupt ergeben sich mit einem Wohnmobil ganz
andere Probleme. Unser Stromstecker passt wieder nicht in den französischen Stromverteiler. Der
Platzwart versucht uns so gut es geht ohne Adapter zu helfen. Gar nicht so einfach wenn keiner von
uns die Sprache des anderen spricht. Er kann weder Deutsch, Englisch oder Spanisch, noch können
wir Französisch oder Baskisch sprechen. Schließlich greift er zur Zange und zack! Deutscher Stecker
ab, Französischer Stecker dran! So einfach geht das...
Am Abend unternehme ich mit meinem Vater und meinem kleinen Bruder Raphael eine kleine Radtour
ins Gebirge. Wie im letzten Jahr getan habe, so folgen wir wieder einem kleinen holprigen Weg in ein
verlassenes Tal nach Süden. Dabei passieren wir eine Kuhherde, die ich auch noch vom letzten Jahr
zu kennen glaube. Raphael macht sich etwas früher auf den Rückweg. Später berichtet er davon,
dass eine der Kühe nach ihm ausgetreten habe. Dummerweise war er bei der Abfahrt zu schnell und
die Kuh traf daneben - einen ihrer Artgenossen...
Es ist schön nach einem Jahr mal wieder hier zu sein. Die Strapazen der Anreise mit dem Rad sind
fast vergessen, doch die grandiosen Landschaften sind geblieben. Und irgendwie habe ich schon ein
schlechtes Gewissen nicht mit dem Fahrrad zurückgekehrt zu sein...
| Larrau |
Am nächsten Morgen ist die Stimmung betrübt. Regen tropft gegen die Plexiglasscheiben. Trotzdem
nutzen wir eine Regenpause und machen uns fertig für eine Wanderung. Die ersten Kilometer legen
wir gemeinsam auf einer rasanten Abfahrt zurück. Hier kann ich das erste Mal meine neuen
Hydraulikbremsen ausprobieren. Ich bin erstaunt was für ein großes Spiel sie mir beim Wechsel der
Geschwindigkeiten lassen. Endlich wieder in den Bergen!
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Vom Restaurant Laugibar geht es zu Fuß weiter. Auf dem Weg durch die Schlucht des Erréka und
d'Olhadubi in Richtung der fast legendären Hängebrücke Georges d'Holzarté. Durch urige Landschaft
mit Gebirgsurwald und großen Farnwiesen steigen wir immer weiter bergauf. Die Pyrenäen haben hier
eine Ursprünglichkeit bewahrt, wie sie in den Alpen wahrscheinlich gar nicht mehr zu finden ist.
Von hier oben haben wir einen netten Ausblick auf die sich spaltende Schlucht. An den Berghängen
ziehen dicke Nebelschwaden nach oben. Es ist als stünden wir mitten in einem Regenwald.
Einige Zeit später können wir endlich die Puente d'Holcarté sehen. In einem dünnen Band spannt sie
sich in einer Höhe von 170 Metern über die Schlucht.
Aus der Ferne hören wir plötzlich ein leichtes Grollen. Nachdenkliche Blicke von allen. "Das ist ein
Flugzeug.", sage ich.
Zehn Minuten später, wir stehen gerade an der Brücke, beginnt es plötzlich mit Blitz und Donner in
Strömen zu regnen. "Na? Ist ja ein tolles Flugzeug!", bekomme ich jetzt von den anderen zu hören.
Ok, ok, ok... Ich würde sagen es ist eine Concorde der "Petrus Airlines". Wenigstens verleitet der
Regen zur flinken Überquerung der hohen Brücke. Der schützende Wald am anderen Ende lockt.
Unter Schönwetterbedingungen wäre das über dieser wackeligen Brücke sicherlich nicht so schnell
möglich gewesen. Auf der anderen Seite versuchen wir dennoch unsere Wanderung fortzusetzen. Auf
immer matschiger werdenden Wegen kämpfen wir uns durch den Wald nach oben. Im dumpfen Licht
des Gewitters sieht man an einigen Bäumen den Schriftzug der E.T.A. Unheimlich...
| Georges d'Holcarté |
Nach einer Weile mache ich den Vorschlag, doch lieber umzukehren.
Ungewohnt... einstimmig entscheiden sich alle für die Rückkehr.
Also geht es wieder zurück über die Hängebrücke. Die Wege haben sich stellenweise zu kleinen
Bächen verwandelt und ohne Wanderstock ist es schwer Halt zu finden. Die Luft ist feucht und die
Nebelschwaden werden immer dichter. Es ist nicht einfach auf den kleinen Wegen mit dem Steil
abfallenden Hang daneben. Doch letztendlich kommen wir wieder heil unten an.
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| Georges d'Holcarté |
Jetzt muss nur noch der Anstieg von Laugibar nach Larrau bewältigt werden. Das große Keuchen
beginnt und auch meine untrainierte Mutter schafft es mit ihrem Stadtrad die gut 300 Höhenmeter zu
bewältigen. Danach lehnen wir uns erst mal im Wohnwagen zurück und später unternehmen Raphael
und ich noch eine kleine Tour durch die schöne Landschaft um Larrau herum.
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Larrau - Port de Larrau - Valles Visaurin
Am Morgen lichtet sich die Wolkendecke langsam wieder und wir machen uns auf den Weg nach
Spanien. Hierbei müssen wir den Pass Port de Larrau überqueren. Bevor wir abfahren, sehe ich
mitten auf der Straße einen Hund sitzen, der ständig nach den Flöhen in seinem Fell kratzt. So sitzt er
dort und nimmt bei seiner "Körperpflege" keine Rücksicht auf einen heranrasenden Peugeot. Der
Fahrer hupt und macht in großer Geschwindigkeit einen Schlenker um den Hund, wobei seine kleine
Blechküste fast umzukippen droht. Das Flohtier sieht das weniger hektisch, würdigt den Wagen eines
Blickes, und kratzt weiter.
Die Auffahrt zum Pass habe ich noch gut aus dem letzten Jahr in Erinnerung. Im ersten Gang quält
sich das schwere Wohnmobil nach oben. Die Auffahrt ist dermaßen steil, wie man es in den Alpen nur
selten erlebt. Ich genieße die Aussicht, die Berge, das Massiv, diese ganze tolle Landschaft. Auf
halbem Weg treffen wir auf Wildpferde. Sie sind nicht scheu, lassen sich wunderbar aus der Nähe
fotografieren und machen den wenigen Autos auf der Straße nur widerwillig Platz.
Vom Pass bietet sich dann ein wunderbarer Ausblick auf die spanische und auf die französische Seite
der Pyrenäen. Dichte Wälder bedecken die Berge im Süden und gehen noch weiter südlich in
trockene Landschaft mit kargem Bewuchs über, wo sie ihre karge Farbe verlieren.
| Auffahrt zum Port de Larrau |
Nun wird alles Spanisch. Die Verkehrsschilder und die Menschen, die sich jedoch im Grunde auch
hier noch als Basken fühlen. Die Peugeots werden hier durch kleine Seats ersetzt. An der Abfahrt
nach Isaba nehmen wir einen Anhalter mit. Ein Wanderer im mittleren Alter, mit Dreitagebart und
mittellangen Haaren. Bei ihm ergibt sich für mich die erste Gelegenheit, mal wieder mein Spanisch
aufzufrischen. Während ich mit ihm über das Woher und Wohin rede, sitzen Mama und Raphael
misstrauisch in der hintersten Ecke der Sitzbank, verstehen kein Wort, und beäugen ihn misstrauisch.
Er erzählt mir, dass er aus Ochagavia kommt und nun weiter nach Isaba möchte. Außerdem sei er
Professor auf der Universität in Sevilla und möchte sich nun einmal eine Zeit lang in den Pyrenäen
entspannen. Mit seinem reichlich großen Rucksack scheint das per Anhalter auch besser zu
funktionieren als zu Fuß...
So langsam beginnt es im Wohnmobil zu stinken. Nein, es ist nicht der Anhalter. Der Abwassertank ist
voll und bei der kurvenreichen Fahrt kommt das Abwasser so stark in Bewegung, dass sich der
schreckliche Geruch im ganzen Wohnmobil verteilt. Nun ist es hier in den Bergen gar nicht so einfach
eine Station für das Ablassen von Abwasser zu finden. In meinem brüchigen Spanisch frage ich den
Anhalter, ob er mir bei der Suche nach einer solchen Möglichkeit im nächsten Ort behilflich sein
könnte. An der Tankstelle in Isaba machen wir uns schlauer. Nein, hier gäbe es leider keine
Möglichkeit - weit und breit nichts, lässt uns die Dame dort wissen. Obwohl - man könnte ja vielleicht...
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- Abwasser? - Nein, eigentlich doch nicht. Doch so wirklich genau scheint das hier niemand zu
nehmen.
| ¡España! |
Nach einer kurzen Besichtung des wunderschönen Bergdorfes Roncal machen wir uns wieder auf den
Weg. Von nun an durchfahren wir die Pyrenäen fast auf voller Länge von Westen nach Osten. Die
Geografie der Pyrenäen ist eine komplett andere als in den Alpen. Täler, die von West nach Ost
verlaufen, gibt es fast gar nicht. So müssen immer wieder Bergpässe auf holprigen Nebenstraßen
bewältigt werden. So wie die kleine Straße, die vom Valle del Roncal über das Dorf Ansó und zwei
Pässe in das Valle de Echo führt. Während der Fahrt kann man immer wieder die zahlreichen Geier
dieser Gegend in ihrem Gleitflug beobachten.
| Roncal |
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In Echo biegen wir nach Norden ab und machen uns auf den Weg nach Norden. Die Straße führt uns
in das Reserva nacional de los Valles Visaurin. Eine Sackgasse, denn einen befahrbaren Pass nach
Frankreich gibt es nicht und die Straße endet vor den über 2100 Meter hohen Felswänden des Puerto
de Pala, welcher nur zu Fuß zu überqueren ist. Die Straße ist von abenteuerlichen Felsformationen
eingeschlossen. Sie ist schmal und es gibt viele grob in den Stein gehauene Tunnels.
Über eine alte Steinbrücke biegen wir schließlich rechts ab. Wir sind erst noch am zweifeln ob dies
auch der richtige Weg zum Campingplatz ist. Die Brücke verläuft über eine tiefe Klamm und der Weg
dahinter besteht aus mehr Schlaglöchern als Asphalt. Nun, da müssen wir durch! Und tatsächlich
treffen wir nach einer holprigen Fahrt endlich auf einem gemütlichen Campingplatz ein. Im Wohnmobil
stinkt es bereits erbärmlich nach Abwasser.
Der Platzwart ist sehr freundlich und gibt sich alle Mühe uns erst einmal auf dem riesigen Areal den
schönsten Platz zuzuweisen. Vom unten aus dem Tal gesehen kann man sich kaum vorstellen, dass
an diesem Berghang ein schöner großer Campingplatz Platz finden würde. Ich frage den Platzwart
nach einer Möglichkeit, dass Dreckwasser abzulassen. Kurze Zeit später hält er mir einen
Gartenschlauch und Brause vor die Nase. Nun können wir ja loslegen, meint er. Und erst jetzt fällt mir
auf, dass ich das spanische Wort für Dreckswasser mit dem für Waschwasser vertauscht habe: Aqua
limpia. Peinlich, peinlich...
Ok, das empfindet er auch nicht als so schlimm und ich bewundere seine Geduld mittlerweile. Nein,
eine Anlage zum ablassen von Dreckswasser habe er nicht. Aber wir können das Zeugs ja in die
Toiletten kippen. Schnell sind Eimer herangeschafft und Hand in Hand mit dem Platzwart und dem
Gärtner entleeren wir den Tank des Wohnmobils. Eine wirklich gute Zusammenarbeit trotz erschwerter
Kommunikation. Dazu kommt noch, dass der Platz wunderschön gelegen ist. Man hat einen tollen
Ausblick auf das unten liegende Tal. Und über dem Campingplatz ragen hohe Felswände empor, an
denen man zahlreiche Geier bei der Aufzucht ihres Nachwuchses beobachten kann.
| Das Valle de Echo |
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Gegen Abend unternehmen mein Vater und ich noch eine Radtour den Berg rauf. Raphael begleitet
uns noch die ersten zwei Kilometer und macht sich dann mit Vorfreude auf die Abfahrt wieder auf den
Rückweg.
Langsam kriechen wir mit unseren Fahrrädern den Berg hinauf. Serpentine um Serpentine, Kurve um
Kurve. Bis die Straße schließlich an einer "Alm" endet. Eigentlich schade, denn nach einer guten
Stunde bergauf Fahrens habe ich immer noch nicht genug und bin gerade in Topform. Wir versuchen
unsere Tour noch über holprige Waldwege fortzusetzen. Doch je tiefer wir in den Wald vordringen,
desto felsiger wird der Untergrund und an ein Fortkommen mit unseren Trekkingsrädern ist jetzt gar
nicht mehr zu denken. Also geht es wieder auf den Rückweg. Mit meinen neuen Hydraulikbremsen
macht eine solche Abfahrt gleich doppelt spaß und ich traue mir schon viel höhere Geschwindigkeiten
auf der kurvenreichen Strecke zu als sonst. Nach einer langen Abfahrt erreichen wir schließlich wieder
den Campingplatz.
Am Abend werden wir dort noch von einem heftigen Gewitter überrascht. Das Szenario ist unglaublich
beeindruckend. Die Wolken scheinen von allen Seiten zu kommen und während es in Strömen gießt,
zucken von allen Seiten Blitze, die den dunklen Campingplatz und das darunter liegende Tal für
Sekundenbruchteile in unheimlichem Licht erscheinen lassen.
Beim Thema: Der Campingplatz hat keinen Stromanschluss und der Gärtner hat mich schon heute
Mittag wissen lassen, dass er den Generator immer so um 12 Uhr ausschaltet. Oder vielleicht auch
erst um 1 Uhr. Oder auch 2 Uhr. Je nachdem wie ihm gerade ist. Und morgens wird er dann wieder
angeschaltet. So um 6 Uhr. Aber auch da behält er sich vor die Uhrzeit selbst zu bestimmen. Wie ihm
gerade ist...
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Von Echo zum Parque nacional de Ordesa
Wir verlassen den Campingplatz in Richtung Echo, wo wir erst einmal einkaufen und das Dorf
besichtigen wollen. Es ist gerade Markt und obwohl gerade Hauptsaison ist, sind unter den wenigen
Leuten hier kaum Touristen zu sehen. Wir machen uns auf die Suche nach einer vernünftigen
Straßenkarte, da wir für den östlichen Teil der Pyrenäen bis jetzt keine gefunden haben. Durch
Bambusgardinen treten wir in einen kleinen dunklen Laden, der uns am ehesten nach Landkarten
aussieht. In zwei Räumen gibt es ein großes Sortiment von Lebensmitteln bis zu Baumarktartikeln,
sortiert in altersschwachen Regalen und Kartons. Ich frage einen alten Mann nach Straßenkarten.
Langsam bewegt er sich mit seiner Krücke zu einem Tresen und holt ein paar Karten aus der
Schublade. Er muss erst mal den Staub von ihnen pusten. Leider stellt sich heraus, dass er nur
welche vom Dorf und Umgebung hat. Abseits vom Dorf hört die Welt für die Menschen hier scheinbar
auf.
| Bergdorf Echo |
Wir kaufen noch kurz etwas Gemüse und Obst auf dem kleinen Markt ein und machen uns dann
wieder auf den Weg.
Erst einmal geht es immer weiter südlich, bis wir auf die HU 212 abbiegen, die uns in das Valle de
Canfranc führen soll. Auf der Karte ist es wieder einmal der kürzeste Weg, die Zeitersparnis wird sich
dabei aber eher in grenzen halten. Doch werden wir auf der holprigen Strecke durch beeindruckende
Naturlandschaft entschädigt. Neben dem Wohnmobil kann ich unter uns einen Geier im Flug
beobachten. Mit wenigen Flügelschlägen hält er locker unsere Geschwindigkeit und überholt uns dann
mit Leichtigkeit.
| Die "kürzesten" Wege... |
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Im Bergdorf Jasa endet die Straße plötzlich auf dem Dorfplatz. Weiter geradeaus geht es nicht. Wir
müssen ziemlich ratlos aussehen und schon nach wenigen Sekunden hält ein Jeep neben uns und
der Fahrer weiß liefert uns sofort die Antwort auf unsere nicht gestellte Frage. Ob wir weiter nach Aisa
wollen? Alternativen gibt es hier sowieso keine. Das wäre ganz einfach. Wir müssten nur die nächste
Gasse rechts abbiegen. Mit dem großen Wohnwagen ist das leichter gesagt als getan. Knapp passt er
zwischen den Häuserwänden durch, bis die Gasse sich endlich zur weiterführenden Landstraße
ausbreitet.
An einer Stelle stutzen wir schon wieder. Ein Erdrutsch scheint im letzten Frühling die Straße
weggespült zu haben und wurde sie wurde nur provisorisch durch Schutt und Kies wiederhergestellt.
Uns wird schon etwas mulmig, wie wir mit dem schweren Gefährt auf dieser Piste am Abhang entlang
fahren.
Nur wenig später liegt das Valle de Canfranc mit seiner gewaltigen Gebirgskulisse vor uns. Hier gibt
es den Bahnhof mit dem angeblich längsten Bahnsteig der Welt. Dumm nur, dass die Strecke nicht
mehr in Betrieb ist und die Strecke nie, wie geplant, bis nach Frankreich ausgebaut wurde.
| Valle de Canfranc und Bujaruelo |
An Provinzhauptstadt Jaca vorbei fahren wir weiter nach Osten. Hier ist der Boden schon um einiges
trockener und das Thermometer steigt beträchtlich. Es ist beeindruckend, wie intensiv in dieser dürren
Gegend Landwirtschaft betrieben wird.
Wir folgen der N260 nach Torla, die hinter Biescas zu einer kleinen kurvigen Gebirgsstraße mit vielen
Tunneln wird. Biescas ist 1996 durch die Überflutung eines Campingplatzes weltweit bekannt
geworden. 80 Menschen starben bei dieser Tragödie. Hier möchten wir natürlich ungern campen
zumal die Gegend nicht außergewöhnlich spektakulär ist.
Nach kurvenreicher Anfahrt erreichen wir schließlich Torla. Hier trifft uns der Tourismus mit voller
Härte. Gleich am Ortseingang gibt es einen kostenpflichtigen Parkplatz, auf dem bereits Unmengen an
Autos stehen. Warum? Dieser Ort ist das Tor zum bekannten Nationalpark von Ordesa. Laut den
Reiseführern ein Highlight, das jeder Pyrenäen-Besucher gesehen haben sollte. Die Leute hier sind
bei weitem nicht so freundlich wie die in den kleinen Bergdörfern. Man merkt schnell, dass man in den
vielen Souvenirgeschäften nur als Geldbringer betrachtet wird.
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| Valle de Bujaruelo |
Wir machen uns auf die Suche nach einem passenden Campingplatz. Wieder möchten wir auf einem
Campingplatz in den Bergen übernachten, doch dummerweise führt uns die Straße in eine Sackgasse.
Zu unserer Rechten haben wir den Schlagbaum des Nationalparks und zu unserer Linken ist die
Zufahrt zum Campingplatz von Bujaruelo - entlang einer schmalen Schotterpiste durch eine Schlucht.
Und schnell fällt uns auch das Verbotsschild für Wohnmobile ins Auge.
Uns bleibt nichts anderes übrig als umzukehren. Doch nur einige hundert Meter zurück gibt es noch
einen Campingplatz. Dazu noch ein sehr schöner mit sauberen Sanitäranlagen und schöner Lage.
Von hier starten wir am Nachmittag eine Radtour nach Bujaruelo. Am tosenden Rio Ara entlang geht
es durch die Schlucht. Die Straße ist eng an die Felsklippen geschmiegt und immer wieder müssen
wir Rücksicht auf die recht zahlreichen Pkws nehmen, die über die Schotterpiste holpern. Während
unsere Eltern wieder zurückfahren, setzen Raphael und ich unsere Tour fort. Weiter und weiter geht
es auf dem schwierigen Untergrund bergauf. Irgendwo sehe ich eine verletzte Kuh am Straßenrand
liegen. Sie ist dreckig und sieht auch ziemlich verwahrlost aus. Wahrscheinlich ist sie vor ein Auto
gekommen oder am Hang abgerutscht. Ich weiß nicht, wie ich helfen soll und fahre mit schlechtem
Gewissen weiter. Auf der Rückfahrt ist sie weg.
An der Ermita de Sta Elena vorbei kommen wir weiter nach Bujaruelo. Neben dem Campingplatz gibt
es ebenfalls eine kleine Ermita. Über die Puente de Salud - die Brücke der Gesundheit - kehren
gerade viele Wanderer von ihrer Wanderung durch den Nationalpark zurück um sich kurz darauf in der
Ermita de San Nicolas zu stärken.
Hinter Bujaruelo nimmt die Menge an Wanderern schnell ab und wir sind die meiste Zeit alleine. Und
das gerade hier, wo sich der Fluss durch wunderschön grünen Tal windet. Im Norden ist Frankreich
nicht mehr weit. Wir ziehen uns die Schuhe aus und nehmen ein erfrischendes Fußbad im Fluss,
dessen Strömung hier oben bereits weniger reißend ist. Außerdem bleibt uns dieser Luxus im
Nationalpark verwehrt, da man dort nicht in den Flüssen baden darf. Hier befinden wir uns nicht weit
vom Nationalpark entfernt, einem Gebiet, wo sich die Wanderer fast auf die Füße treten. Und trotzdem
ist es hier wunderschön und wird durch den Nationalpark selbst kaum zu steigern sein...
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El parque nacional de Ordesa
Nach dem Frühstück brechen wir auf um dem Nationalpark zu Fuß zu erkunden. Wir folgen erst etwa
einen Kilometer der Landstraße nach Norden und von da an geht es über Wanderwege in die Wälder
des Valle de Ordesa. Leider ist es heute ziemlich diesig und verregnet, was dem Nationalpark viel von
seinem Reiz nimmt. Die hoch aufragenden Felswände verstecken sich hinter dichten grauen Wolken,
doch dennoch ist die Landschaft hier ziemlich beeindruckend. Es gibt viele Punkte von denen aus wir
einen wunderbaren Ausblick in das Tal genießen können.
| El parque nacional de Ordesa |
Große Wasserfälle rauschen tosend in die Schlucht hinab. Der Wald mit seinen vielen Mosen und
Gräsern wirkt sehr urtümlich und es bieten sich immer neue Perspektiven. Trotz des diesigen Wetters
sind recht viele Leute unterwegs. Von wegen faule Spanier, die täglich Siesta halten und nicht viel von
Bewegung halten. Im Schüleraustausch habe ich gemerkt, dass sich junge Spanier in der Regel
bedeutend mehr zu Fuß bewegen als Deutsche. So ist es kein Wunder, dass es hier - wie auf dem
Jakobsweg - viele Menschen gibt, die große Distanzen zu Fuß zurücklegen.
| Muchas Cascadas |
Leider sind wir eben nicht so gut wie die Spanier. Dadurch, dass in der Familie nicht alle die gleiche
Kondition haben, kommt es zu Streit und Wut baut sich auf. Ich bin stinksauer und laufe noch alleine
weiter bis zu den Stufenwasserfällen, den Cradas de Soaso. Wie das Tal des Rio Ara wird auch das
Valle de Ordesa weiter oben weitläufiger und grüner und auf den Wiesen wachsen viele Blumen.
Auf dem Rückweg steigen wir in der auf halber Strecke gelegenen Haltestelle in den Bus ein, damit
wir nicht das ganze Stück bis zum Campingplatz zurücklaufen müssen. Der Bus ist voll mit Franzosen,
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Engländern, Spaniern und Deutschen. Der Busfahrer ist so nett und setzt uns vor dem Campingplatz
ab, bevor sich der Bus weiter auf den Weg nach Torla macht, wo die meisten Wanderer aus dem Bus
ihr Auto oder Hotelzimmer haben.
Wir genießen noch den Abend im Café des Campingplatzes. Inzwischen ist auch wieder die Sonne
zum Vorschein gekommen und die Dämmerung beginnt.
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Überschwemmte Dörfer und Las Vegas in den Bergen
Wir verlassen Torla über die N260 in Richtung Südosten. Je
weiter wir nach Süden kommen, desto trockener wird die
Landschaft wieder. Es gibt hier unheimlich viele
Geisterdörfer. Oftmals sind es kleine an auf den Bergen
gelegene Ansammlungen von zerfallenen Häuschen, in
deren Mitte noch - scheinbar unversehrt - ein Kirchturm
steht. Die Menschen müssen Scharenweise aus dieser
schönen Region ausgewandert sein. Sehr viele Dörfer sind
auf der Karte gar nicht verzeichnet, da sie kaum oder gar
keine Einwohner mehr haben. Die einzigen Menschen in
dieser Gegend abseits der Städte scheinen nur noch eine
Hand voll Bauern zu sein, die sich hartnäckig hier halten.
Es ist beinahe unheimlich wie sehr die Landflucht in Spanien in Erscheinung tritt. Auf dem
Schulaustausch in Salamanca habe ich mit der Familie meiner Austauschschülerin mal ihr Heimatdorf
besucht. Sie haben dort zwar ein eigenes Häuschen, ziehen es aber trotzdem vor in den anonymen
Wohnblöcken in der Vorstadt zu wohnen. Auch dieses Dorf nahe Salamanca war fast vollkommen
verlassen. Nur aufgrund eines wichtigen Feiertages sind einige Menschen kurzfristig zurückgekehrt,
um ihre Ahnen zu ehren. Danach ging es wieder zurück in die Stadt und in das Leben in der
Mietwohnung.
| Embalse de Mediano |
Die Bewohner des Dorfes Mediano hatten gar keine andere Wahl als
auszuwandern. Damit die Städte in der südlich gelegenen Ebene mit
ausreichend Trinkwasser versorgt werden konnten, wurden zwei riesige
Seen aufgestaut. Einer davon ist der Embalse de Mediano, benannt nach
dem kleinen Dorf, dessen größter Teil nun unter Wasser liegt. Nur der
Kirchturm ragt noch wie ein Mahnmal aus dem Wasser.
Es ist stechend heiß, trotzdem ist der Wasserstand in diesem Sommer
nicht so weit abgesunken wie in anderen Jahren, wo man angeblich
sogar das Kirchenschiff betreten kann. Das liegt nun etwa unter 10 Meter
unter dem Wasser. Ein zurzeit trockenliegender Damm führt zu den
Überresten von ein paar Bauernhäusern. Die verschlammten Tröge für
das Vieh wurden lange nicht mehr benutzt. Von den Häusern stehen nur
noch die Grundmauern, die vom ursprünglichen Aussehen nur wenig
erahnen lassen.
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Wir müssen heute noch einige Kilometer schaffen und fahren weiter. Die Berge der Pyrenäen werden
immer kleiner und gehen im Süden schließlich in die Ebene von Katalonien über. Nun, was bezeichnet
man in Spanien schon als "Ebene"? Oftmals sind das - wie diese hier - Hochebenen, deren hügelige
Landschaft ein ständiges Auf und Ab zwischen etwa 100 Höhenmetern bedeutet. Eine doch recht
anstrengende Landschaftsform für Radfahrer, wie ich im letzten Jahr erfahren durfte. Doch diese
Landschaft mit in unser Programm aufzunehmen würde den zeitlichen Rahmen unseres Urlaubes
sprengen. So biegen wir recht schnell wieder nach Osten ab und folgen der N230 bis nach Puente de
Montaña, wo wir uns wieder mitten in den Pyrenäen befinden.
| Faszinierend: Die südlichen Pyrenäen |
Über einen kleinen Pass fahren wir weiter nach Tremp, wo wir erst einmal einkaufen. Es ist unheimlich
schwül und bei der Abfahrt beginnt es zu regnen. Wir fahren den Regenwolken immer weiter in
Richtung Osten davon.
Die nun folgende Straße nach Tremp würde den abenteuerlichen Pisten in Roadrunner alle Ehre
machen. In scharfen Kurven schlenkert sie sich am Fels entlang während am Straßenrand oft nur ein
Blick in den Abgrund bleibt. Die Kurven sind nur notdürftig durch Maschendrahtzaun gesichert und so
sehr mit tiefsten Schlaglöchern übersät, dass wir uns in den Kurven gerne an allem greifbaren in dem
schwankenden Wohnmobil festhalten.
Auf der Passhöhe bietet sich wieder ein wundervoller Ausblick. Ein schmaler in das Tal ragender
Felsgrat fordert Raphael und mich geradezu zum Klettern auf. Auf dem schmalen Fels lässt es sich
auf gleicher Höhe immer weiter laufen. Doch bis zum Ende des Grates wagen wir uns nicht, da er dort
etwa 200 Meter über dem Abgrund herausragt und es darunter noch weiter bergab geht.
Den hier fließenden Fluss können wir nicht sehen, doch sein Name sagt schon alles: el Cañón. Steil
und kurvenreich führt uns die Straße an seiner Schlucht entlang wieder nach unten. Schließlich hat die
ganze Kurverei endlich ein Ende und auf gerader Straße finden wir uns zwischen Olivenplantagen
wieder.
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| Im Gebirge / Andorra |
Während wir durch das tiefe Tal des Segre fahren, entscheiden wir uns spontan von einem Abstecher
in das nahe gelegene Andorra, auch wenn ich davon weniger begeistert bin. Ich habe zu beginn der
Reise meinen Ausweis nicht eingepackt, da ich ihn in diesem Teil Europas als Unnütz angesehen
habe. So krame ich noch einige Zeit lang in meinem Portemonnaie alles zusammen, was mich
einigermaßen als deutschen Staatsangehörigen ausweisen könnte. Das geht von der Jahresfahrkarte
für den Hamburger Verkehrsverbund über den Schülerausweis bis zur abgelaufenen Bahncard. Mal
sehen, ob die Zollbeamten diese seltsame Mischung als eine Art "Pass" anerkennen werden...
Dann, an der Grenze: Pustekuchen! Es will uns überhaupt niemand kontrollieren!
Andorra scheint das Land des Shoppings schlechthin zu sein. Kaum kommen wir über die Grenze,
sehen wir nur noch massenhaft kleine Läden und Einkaufszentren, die vorzugsweise Elektronikartikel
verkaufen. Auch Casinos und Tankstellen mit Dieselpreisen von 55 Cent sind zahlreich vertreten. Von
Natur ist hier nichts mehr zu sehen. Alles zwängt sich rücksichtslos in jede bebaubare Ecke. Und es
regnet - in Massen! So stark, dass die Gullys überlaufen und der kleine Valira d'Orient zu einem
reißenden Strom anschwillt. Ein weiteres Problem ergibt sich durch unser recht großes Fahrzeug. Bis
hin zur Innenstadt haben wir immer noch keinen Parkplatz gefunden, drehen um und versuchen in der
anderen Richtung unser Glück. Leider ist dieses Land so dermaßen eng, dass wir bis zur Grenze
weder einen Parkplatz noch eine Möglichkeit zum Wenden gefunden haben und zu Ausreise
regelrecht gezwungen sind.
Die Fahrzeuge vor uns werden durchgehend auf die Durchfahrtsspur gewunken. Aber nein! Ein dickes
Wohnmobil! Das scheint der Herr Zöllner sich doch ganz gerne einmal ansehen zu wollen! Flugs
werden wir in zur Kontrolle gewunken und müssen auf unseren Kontrolleur warten. Der feine Herr
lässt sich natürlich nicht lumpen und wir müssen ihm den Hocker vor den Eingang zum Wohnmobil
setzen. Sonst kommt er nicht über die Stufe. Darf's denn noch ein roter Teppich sein, Señor? In aller
Ruhe lässt er sich von uns nach Fingerzeig mehrere Schränke öffnen und verlässt dann
desinteressiert wieder das Wohnmobil. Die Pässe? Uff! Von denen wollte er nichts sehen. So ist das
Kapitel Andorra endlich geschafft und so schnell führt es uns hier sicher nicht mehr hin.
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FietsPad.De – Los Pirineos
Der Teutonengrill abseits der Teutonen
Wir starten in La Pobla de Lillet, wo wir die Nacht verbracht
haben. Es ist diesig und von den zahlreichen Skulpturen,
die Dalí und seine Schüler in diesem Ort erschaffen haben,
ist leider nur wenig zu sehen. Bei Figueras wird die
Landschaft flacher und die Straßen werden zu geraden sich
durch die Landschaft ziehenden Bändern. Erst im
Supermarkt fällt mir auf, dass hier alles Katalanisch ist. Alle
Artikel sind in der Sprache Catalán beschrieben, sie lassen
sich so gerade durch ein wenigen kombinieren zwischen
Spanisch und Französisch interpretieren.
Auf der Küstenstraße N260 nähern wir uns der
französischen Grenze. Ich protestiere dagegen, dass wir
schon wieder zurück nach Frankreich fahren. Was sollen wir so schnell wieder dort, wo keiner von uns
Französisch spricht und die Steckdosen eine so komische Form haben...? So suchen wir uns auf dem
Campingplatz eines Küstendorfes mit dem vielsagenden Namen Colera ein Plätzen. Oder besser:
Eine Parzelle. An der schroffen Küste herrscht Platzmangel und in fast jede Bucht hier zwängen sich
dichte Siedlungen.
Der erste Eindruck von Colera lässt uns nicht gerade in Jubel verfallen. Es gibt zwar keine Discos und
der Auflauf an Deutschen, die der Costa Brava den Namen "Teutonengrill" gegeben haben, ist hier im
Norden nur sehr gering. Doch die wenigen Läden sind teuer und man merkt, dass man sich nach der
einsamen Bergwelt der Pyrenäen plötzlich wieder in einem Tourismuszentrum befindet.
| Colera |
Das soll aber noch lange nicht heißen, dass es hier keine schönen Ecken gibt. Bei einem kleinen
Ausflug mit meiner Mutter zum Strand stelle ich fest, dass neben dem kleinen Hafen ein Wanderweg
den Berg hinauf führt. Von hier oben bietet sich bereits ein toller Ausblick auf die Bucht von Colera.
Aus den Bergen wehen heftige Sturmböen über das Dorf hinab. Immer wieder muss ich Halt vor ihnen
suchen und genieße den Ausblick auf das aufgewühlte Meer. Hoffentlich kommt heute kein Gewitter,
denn seit einiger Zeit zieht ein dichtes Wolkenband knapp an uns vorbei.
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FietsPad.De – Los Pirineos
| Die Costa Brava nahe Colera |
Am Nachmittag ist von einem Gewitter weder etwas zu hören noch etwas zu sehen. Also beschließen
Raphael und ich uns aufzumachen, um den beim Hafenbecken startenden Wanderweg zu erkunden.
Direkt am Campingplatz führt ein breiter betonierter Wasserkanal entlang. Durch ein kleines Loch in
der Mauer gelangen wir in den trockenen Kanal und können wunderbar die paar hundert Meter bis
zum Hafenbecken fahren, dort wo der Kanal ins Meer führt. Jetzt nur hoffen, dass in den Bergen
gerade kein Wolkenbruch ist...
Doch wir kommen gut am Hafenbecken an, stellen unsere Räder ab und machen uns zu Fuß weiter
auf den Weg. Nach einiger Zeit erreichen wir an eine Steilküste von wo sich ein grandioser Ausblick
auf das Meer bietet. Weiter unten sehen wir eine kleine Felsinsel, die durch das flache Wasser sicher
leicht zu erreichen ist. Also folgen wir der abfallenden Steilküste noch ein wenig bis zum Strand und
laufen zurück zum Felsen. Von hier aus können wir dort bereits ein paar Fischer sitzen sehen. Ok, wir
sind also nicht die einzigen, die diese verrückte Idee haben. Dumm ist jetzt nur, dass des
scharfkantige Lavergestein im Wasser haufenweise schwarze Flecken zeigt. Es sind Seeigel, die sich
massenhaft in jede Spalte zwängen! Trotzdem ziehen wir unsere Schuhe aus und versuchen
irgendwie durch das flache Wasser zu kommen ohne auf eines dieser stacheligen Biester zu treten.
Wir haben Glück und kommen unversehrt auf der kleinen Felsinsel an.
"El otro Peño" - "Der andere Felsen". Das ist die heutige Titelschlagzeile der landesweit
erscheinenden Zeitung el periódico, die eindeutig auf Gibraltar anspielt. Doch hier geht es nicht um
das ewige politische Tauziehen um die britische Kronkolonie Gibraltar im Süden Spaniens, sondern
um die Isla Perejil oder den Deutschen inzwischen auch unter der Bezeichnung "Petersilieninsel"
bekannt. Der "Petersilienkrise" werden die ersten 6 Seiten gewidmet und dabei geht es nur um ein
kleines Stückchen Fels vor der marokkanischen Küste. Ok, ein paar marokkanische Soldaten haben
verbotenerweise ein Feuerchen auf der Insel gemacht! Aber ob das die ein paar Tage später
stattfindende Stürmung der Insel durch spanische Eliteeinheiten rechtfertigt? Sie ist ja nicht einmal
Naturschutzgebiet...
Auf unserem peño dagegen geht es momentan weitaus friedlicher zu. Einige Angler warten in aller
Ruhe darauf, dass etwas anbeißt und ein paar Meter weiter sind Seeigelsammler am Werke. Und
auch ein Feuerchen macht hier niemand. Wir erklimmen nach und nach die kleine Insel. Das
scharfkantige Gestein bietet sich wunderbar zum kleinen Training in Freeclimbing an. An einigen
Stellen ist es dann doch recht heikel, da unter unseren Füßen kräftige Wellen gegen die Felsen
schlagen.
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FietsPad.De – Los Pirineos
| Auf der Felseninsel |
Oben auf dem Felsen angekommen müssen wir immer wieder Schutz suchen. Der Wind fegt in derart
starken Böen über die die Insel hinweg, dass wir uns nur selten dabei auf den Füßen halten können.
Mit der Zeit bekommen wir den Dreh raus. Bevor die nächste Böe kommt, spritzt sie in der Bucht
Gischt in große Höhe und nähert sich dann. Dann krallen wir uns immer an einer schützenden Stelle
an den Felsen und lassen die Böe über uns ergehen.
Durch den starken Wind erweist sich der Rückweg als gar nicht so einfach. Inzwischen hat er das
Meer so weit aufgewühlt, dass wir an der Furt zurück den passenden Moment abwarten müssen, da
sonst das Wasser zu tief uns wellig ist. Um diesen Moment nicht zu verpassen, springe ich mit
Schuhen in das kurzzeitig seichte Wasser. Doch es steigt es schnell wieder an und am Ufer
angekommen sind meine Schuhe dann doch klatschnass. Raphael hat kaum mehr Glück. Pech
eben...
| Naturgewalten |
Über der Steilküste vergnügen sich ein italienischer Vater und sein Sohn. Sie versuchen, sich
verkrampft auf eine der antiken Kanonen zu stellen um dabei vom Wind nicht umgeblasen zu werden.
Der eine krallt sich am anderen Fest und schnell liegen sie wieder auf dem Boden, wobei sich der
Kleine vor Kichern kaum halten kann.
Die Kanonen sind Zeugnisse von ehemaligen Grenzkonflikten mit dem nur wenige Kilometer
entfernten Frankreich. Und dorthin geht es morgen. Nur wohin genau? Das werden wir sehen...
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FietsPad.De – Los Pirineos
Die Französischen Alpen (von Hans-Georg Normann)
Da dies der erste "richtige" Bergpass ist, den mein Vater je mit dem Rad bewältigt hat,
überlasse ich ihm an dieser Stelle die Beschreibung der Geschehnisse. Es ist vielleicht auch
mal ganz interessant das Ganze aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Allerdings
zeichne ich mich nicht verantwortlich für eventuelle Beleidigungen oder Beschimpfungen, die
in dem folgenden Text möglich sein könnten... ;-)
Viel Spaß beim Lesen!
Nachdem uns nun die Flucht aus dem spanischen Colera bei heftigstem Sturm gelungen ist, fahren
wir Richtung nach Hause. Manchmal haben uns Sturmböen auf den Hügeln der westlichen Pyrenäen
doch ganz schön durchgeschüttelt. Aber je näher wir den französischen Alpen kommen, desto mehr
flaut der Sturm ab. Roswitha konnte dann auch mal für eine Stunde das Steuer übernehmen.
Kurzentschlossen wurde das Etappenziel von irgendwo Richtung nach Hause auf Richtung
französische Alpen und Grenoble geändert.
So langsam steigt denn auch unsere Stimmung wieder. Unseren ursprünglichen Plan, die Rückfahrt
durch die Schweiz anzutreten, mussten wir leider fallen lassen. Sascha war der Meinung, da man für
fast ganz Europa keinen Pass an der Grenze benötigt, benötigt man für die Schweiz diesen eben
auch nicht. Dass sind halt die Erfahrungen eines Weltreisenden. Also entschließen wir uns, Richtung
Grenoble zu fahren und bei der Heimreise die Schweiz zu umfahren.
Die Fahrt verlief denn auch ohne besondere Zwischenfälle. Rauf auf die Autobahn und immer gerade
aus. Beim Kartenstudium hatten wir während der Fahrt gesehen, dass in der Nähe von Grenoble ja
auch der Col de la Madeleine liegt. Da geisterte doch noch die Idee im Hinterkopf rum, dass wir einen
"richtigen" Pass der Tour de France mit dem Fahrrad bewältigen wollten.
In Grenoble hört ja denn auch die Autobahn auf. Aber wir entschließen uns noch bis Albertville weiter
zu fahren. Die Gegend gefällt uns. Vor Albertville gibt's denn auch einen autobahnähnlichen Abschnitt.
Den nehmen wir natürlich. Bis wir dann auf einmal feststellen, dass wir die Ausfahrt verpasst haben.
Da stehen wir aber schon vor einer Mautstation. Umdrehen? Nein, das geht nicht. Wir müssen zahlen.
An der nächsten Ausfahrt, kam uns vor wie zwanzig Kilometer, wieder raus und zurück. An der
Mautstation, wo wir schon vorhin gar nicht durch wollten, wurden wir natürlich wieder zur Kasse
gebeten.
Egal. Wir steuern den nächsten Campingplatz an. Sascha entscheidet, dass wir den städtischen
Campingplatz nehmen. Nicht komfortabel, aber für ein oder zwei Nächte wird's schon reichen. Ein
Platz ist schnell gefunden. Rechts von uns, wie könnte es anders sein, ein campingerfahrener
Holländer. Aber was ist das links von uns? Die Frau verschleiert, auf dem Nummernschild nicht
lesbare Zeichen. Stellt sich raus, dass diese Nachbarn aus Kuwait sind. Ob die den ganzen Weg
gefahren sind, oder ob die mit samt Auto geflogen sind? Waren leider sehr scheu, so dass keine
Konversation zu Stande kam.
Der Wetterbericht sagt halbwegs stabiles trockenes Wetter voraus. Deshalb fassen wir, d. h. Sascha
und meine Wenigkeit, den Entschluss, den nächsten Tag mit dem Fahrrad auf den Col de la
Madelaine zu fahren. Auf der Karte sieht das gar nicht so weit und gefährlich aus. Roswitha und
Raphael werden in der Zeit das Heim hüten oder die Umgegend von Albertville unsicher machen.
Dann noch etwas einkaufen. Mit dem Rad natürlich. Hei, das ist ja ein Erlebnis. Da verhalten sich
deutsche Autofahrer im Vergleich zu den hiesigen ja schon vorbildlich. Ich weiß nicht was ich anstellen
muss, damit die Blindfische uns sehen! Es kommt uns so vor, als dass wir bei sich jeder ergebenden
Möglichkeit geschnitten, abgedrängt oder fast überfahren werden. Nett. Und dann diese Radwege!
Eine Nummer für sich. Wenn es denn mal welche gibt, heißt das aber nicht, dass an Kreuzungen und
Einmündungen die Bordsteinkante abgeflacht ist. Man kann sogar das Gefühl haben, dass die hier
noch extra einige Zentimeter höher gemacht wurden. Kurz und Bündig: Albertville ist nix für Radfahrer
sondern scheinbar nur für zahlende Skitouristen.
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FietsPad.De – Los Pirineos
| Auf dem Col de la Madeleine |
Guten Morgen! Die Sonne scheint. Nicht heftig, aber sie scheint. Da wird einem doch warm ums Herz.
Also Fahrräder startklar machen. Sascha bietet sich als mein persönlicher Domistique an. Völlig neues
Gefühl, jetzt habe ich auch meinen Wasserträger! Jackenträger. Ich habe natürlich überhaupt keine
Erfahrung. Sascha hat ja denn doch schon einige male einen Pass bezwungen. Aber die höchste
Erhebung bei uns zu Hause ist wohl die Autobahnbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal. Also legen wir
mal los.
Zuerst geht es entlang der Autobahn Richtung Moutiers. Schnell noch einige Kleinigkeiten beim
Bäcker besorgt. Wir durchfahren Tours en Savoie und wechseln bei La Bathie auf die andere Seite
Autobahn. Die Autobahn stört uns eigentlich nicht weil wir sie kaum sehen und hören. Der Verkehr hält
sich in Grenzen. Die Straßen werden auch immer schmaler und steigen leicht an. Wir kommen durch
eine Reihe kleiner Ortschaften, bis wir dann Notre Dame de Briancon erreichen. Wir sind am Fuße
des Col de la Madeleine. Wir sind bereits so an die 25 km gefahren, gerade so die richtige Entfernung
um warm zu werden.
Ein Schild weist bis zum Gipfel noch 23 km aus. Ist doch gar nicht mehr so weit. Und die Sonne
scheint ganz zaghaft. Ist doch ideal. Also beginnen wir den Aufstieg. Immer schön langsam. Ja nicht
überpowern. Kaum am ersten Anstieg, weist ein weiteres Schild auf größeres hin. Nächste Woche ist
die Straße hier für die Tour de France gesperrt. Die ersten zwei oder drei Kilometer schaffe ich ja noch
"spielend". Aber dann wird's kurz mal etwas heftiger. Luft! Anhalten und zu Kräften kommen. Sascha
kommt erst einige Zeit später. Es ist halt immer wieder das übliche bei mir. Stark anfangen, aber leider
dann auch stark nachlassen. Dabei rauche ich schon nicht mehr und habe auch schon 15 kg
abgenommen.
Sascha kommt in üblicher Mountainbiker-Manier. Kleiner Gang und treten und treten und treten
und ..... Also wieder rauf aufs Fahrrad. Sascha als Schrittmacher. Mann fährt der langsam! Da fällt
man ja um. Irgendwann überhole ich Ihn dann wieder. Bin ja durchtrainiert. Dreimal die Woche
Fitness .... Durst! Schnell mit einem Schluck aus der Flasche gestillt. Hier ist ja der Hund verfroren!
Nix als Wald und Wiese mit einzelnen kleinen Dörfern. Und das alles verbunden mit einer kleinen,
schmalen und holperigen Straße. Außer den gelegentlichen Schildern deutet nichts darauf hin, dass
hier eine Woche Später alle Welt hinschaut. Durst! Schluck, Schluck ... Au weia, Flasche leer....
Wie weit ist es noch? Ich bin bereits so fertig, dass mir das langsam Schnuppe ist. Wald gibt's so
langsam auch keinen mehr. Die Vegetation wird doch schon merklich spärlicher. Da ist Wasser......
Flasche voll... Nun kann man wieder treten und treten und treten und treten und treten .... Einige
hundert Meter weiter spricht mich ein alter Dorfbewohner, ich schätze so in den Siebzigern, an. Ich
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FietsPad.De – Los Pirineos
verstehe natürlich gar nichts und mach ihm verständlich: Allemange. Das wirkt. Jetzt spricht er
deutsch. Nur noch sechs Kilometer und das schlimmste sollen wir bereits hinter uns haben. Luft!
Das ist ja echt nervtötend. Keinen Hintern in der Hose und dann mit Volldampf an uns vorbeirauschen.
Wie die das bloß machen? Durst! Und die Motorradfahrer sind auch nicht mehr zu halten. Endlich mal
wieder einige Kurven unter der Motofuzzi. Luft! Ich bin kaputt und liebe mein Fahrrad. Also schiebe
ich es. Bei Sascha merke ich nichts von Anstrengung. Ich kann meine Sachen auswringen. Bei
Sascha sehe ich nicht mal eine Schweißperle auf der Stirn.
Ich kämpfe mich im wahrsten Sinne des Wortes den Berg hoch. Und dann diese blöden Sprüche auf
der Straße. JAN, VIRENQUE, T, "DU SAU, QUÄL DICH". An uns denkt hier wohl keiner. Nach der
Kurve wird's flacher. Dann kann ich ja mal wieder aufs Rad steigen. Einen halben Kilometer gefahren.
Luft! Durst! Ich liebe mein Fahrrad doch soooo ..... Und der Gipfel ist sichtbar.
Das geht dann doch noch so eine Zeitlang weiter. Die ansteigende Gerade noch, dann sollten wir
eigentlich da sein. Also noch mal in die Pedale treten. Nach zweihundert Metern geht das Spielchen
wieder los. Luft! Durst! Die Flasche ist auch schon wieder leer. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit
mache ich sie voll. Egal wo. Hauptsache flüssig. Ich komme da hoch und wenn ich auf allen Vieren
laufe! Am Ende Der Geraden Stillstand! Da hat doch so ein wahnwitziger Straßenbauer noch mal
hundert Meter Erde aufgeschüttet und da eine Spitzkehre drauf gebaut. Mann, hätte der das nicht
woanders machen können! Trotzdem schaffe ich nochmals zweihundert Meter radfahrend.
Luuuffft! Durst! Die Sonne scheint doch gar nicht mehr. Es ist sogar leicht nebelig und eigentlich
auch kalt. Und Sascha tritt und tritt und tritt und ..... Und ich schiebe und schiebe und schiebe ... Das
hat mit Radfahren nichts mehr zu tun. Ich quäle meine Pfunde da nur noch hoch. Wenn ich die
Hänflinge bergauf an uns vorbeifliegen sehe, dann meine ich, dass ich noch mal dreißig Kilo
abnehmen müsste. Und dann die Abfahrer. Wenn die mit ihren Rennmaschinen angerauscht kommen,
dann donnert es regelrecht. Luuuffft! Wir kommen bereits an besagte Spitzkehre. Und das Ziel ist in
Sicht.
Jetzt heißt wieder aufsteigen, denn ich will ja radfahrend den Pass erreichen. Man hat ja schließlich
auch seinen Stolz. Geschafft. Hier oben ist ja wirklich der reinste Bikertreff. Aber egal. Was nicht egal
ist: Es ist kalt. Also schnell Saschas Taschen nach allen anziehbaren Sachen durchsuchen. Eine
zweite Garnitur T-Shirts habe ich sowieso immer dabei. Also erst mal alles anziehen und dann meinen
Kohlehydratspiegel wieder mit Cola auffüllen. Sascha bevorzugt da am liebsten einige Stücke Torte,
am liebsten so richtig schön matschig und vieeel Sahne, besonders wenn er jemand dabei hat, der es
bezahlt.
Die Lebensgeister kommen bei mir doch relativ schnell zurück. Tüdelüdelü... Schei.... Handy, können
die nicht ein andermal anrufen. Min Boss sucht mal wieder dieses und jenes. Wie gut das der
Empfang derart schlecht ist, dass sich das schnell erledigt. Genießen wir noch die Aussicht.
Manchmal verziehen sich auch die Wolken die mir wahrscheinlich alle persönlich gratulieren wollen.
Schnell noch die üblichen Gipfelfotos und dann wieder startklar machen für die Abfahrt. Lange Hose
aus, T-Shirt aus, T-Shirt aus, Windjacke an. Wie sind gespannt, wie sich unsere Bremsen gewähren.
Statt der üblichen Shimano Teilen haben wir auf ein etwas anderes Fabrikat gesetzt. Die Leute sagen
über sich selbst: " Die ganze Fahrradwelt ist fest im Griff eines japanischen Teile-Giganten. Die ganze
Fahrradwelt? Nein, in Deutschlands wildem Süden, am Fuße der Schwäbischen Alb, bauen die
unbeugsamen Brake People von MAGURA seit Jahren vollhydraulische Bike - Bremsen vom
Feinsten." Na denn auf eine gute Abfahrt.
Uuuiiiii, das rauscht ja alles so schnell vorbei. Uuuaaaaahhhhh, da kommt ne Spitzkehre! Mit bis zu
Tempo sechzig rauschen wir mit unseren Rädern zu Tal. Ginge vielleicht noch schneller, aber uns
fehlt die Erfahrung. ....die blöde Kuh will doch wohl nicht auf die andere Straßenseite wechseln.
Vorsicht! Schlaglöcher links und rechts.... und in der Mitte auch! Warum liegt das doofe Viech da auf
der Straße. Ich schwitze schon wieder! ... aber nicht vor Anstrengung. Sascha biegt nach Rechts ab
wo's etwas Bergauf geht, zum ausrollen.
Weiß auch nicht warum ich mir gerade dieses Nest gemerkt habe: Dessous. Wir benötigen beide eine
Pause. Uns tun die Finger vom Bremsen weh! Wir wagen gar nicht daran zu denken, wie das
gewesen wäre, wenn wir Bremsen Marke Fern Ost gehabt hätten. Da wären die Finger bestimmt
schon abgefallen oder hätten einen Abgang über die Leitplanke gemacht (sofern da welche gestanden
hätten).
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FietsPad.De – Los Pirineos
Machen wir uns auf den zweiten Teil der Abfahrt. Ich weiß nicht, ob wir das Tempolimit in den
Ortschaften einhalten, ....du blöder Hund, mach doch dass du aus dem Weg kommst..., aber wir
haben genug damit zu tun die Straße im Visier zu behalten, als auch noch auf den futzigen Tacho zu
schauen. Bergauf haben wir irgendwie länger gebraucht. Kam uns eigentlich gar nicht so steil vor,
aber trotzdem bekommen wir ein unheimliches Tempo drauf. Und Sascha muss treten und treten und
treten und treten und treten ... und ich lass laufen und laufen und laufen und laufen und laufen und
laufen... Ist doch von Vorteil, wenn man "etwas" mehr Gewicht hat. Hin und wieder eine Spitzkehre,
wo man das Tempo komplett wegnehmen muss und dann wieder gib Gummi! Die Abfahrt will kein
Ende nehmen! Klasse.
Irgendwann war sie denn aber doch zu Ende. Und die Treterei ging wieder los. Schnell noch die
Windjacke meinem Wasserträger Jackenträger übergeben. Kamen auch noch zwei ältere Herren an
uns vorbeigezogen, gaaannnz langsam aber mit Rennmaschinen. Also Schlagzahl erhöhen und
versuchen im Windschatten zu bleiben. Mann, sind die dünn, die erzeugen ja kaum einen
Windschatten. Trotzdem können wir denen einige Kilometer folgen. Aber irgendwann mussten wir
dann doch abreißen lassen.
Je näher wir Albertville kamen, desto mehr merkten wir die Strapazen des Tages. Wir fahren zwar
sehr viel Fahrrad, aber selten über 100 km. Da merkt man eben doch, dass hier noch ein kleiner
Hügel dazwischen lag. In Albertville will es dann auch gar nicht mehr so richtig rollen. Die Autofahrer
interessiert es nicht was wir vollbracht haben. Also der Alltag hatte uns wieder.
Muss wohl nicht besonders erwähnt werden, das wir kaum im Wohnmobil angekommen, erst einmal
das Getränkedepot (Bier, Wein, Wasser, etc., Hauptsache flüssig) geplündert haben. Dann so gut es
ging eine heiße Dusche und .... ja da war nicht mehr viel.
| Du Sau! Quäl Dich! |
Aber wir, wir waren oben, und sogar eher wie Virenque, Lens Amstrong, Heppe und Co. (Das wir eher
und auch noch von der falschen Seite losgefahren sind, wollen wir mal großzügig übersehen.) Sascha
war der Meinung, dass er schon schwierigere Pässe gefahren ist. Mag sein, aber die Länge, offiziell
24,8 km mit durchschnittlich 7,3 Prozent schlauchen doch ganz schön. Ich glaube, ich mach so etwas
noch einmal.
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FietsPad.De – Los Pirineos
Luxemburg
Nach unserem leider viel zu kurzen Abstecher in die französischen Alpen geht es nun weiter nach
Luxembourg, wo wir das letzte Mal auf unserer Reise übernachten werden. Wir verlassen die Alpen
über eine kurvenreiche Landstraße. Es geht wieder auf die Autobahn und bis nach Luxemburg geht es
nur noch monoton geradeaus. Bei dem Teilstück nahe Metz stehen wir stundenlang im Berufsverkehr.
Hier, wo keine Autobahngebühren verlangt werden, bemerkt man, was für Massen von den Gebühren
abgeschreckt werden...
Gegen Abend erreichen wir dann endlich Luxemburg. Mit unserer groß skalierten Karte haben wir es
gar nicht so leicht einen Campingplatz zu finden. Doch wir haben schließlich Glück und können uns
einem netten Campingplatz bei ... ausfindig machen. Der Platzwart spricht sein Deutsch mit einen
seltsamen Akzent - ähnlich als wenn er die Zunge verschluckt hätte - irgendwie seltsam zu deuten.
Doch er besteht darauf, dass er Deutscher sei. Es ist angenehm warm und die Sonne geht gerade
hinter den seichten Hügeln Luxemburgs unter.
| Superlatív - Französischer Supermarkt |
In der Dunkelheit entschließe ich mich noch schnell dazu eine kleine Radtour zu machen, um auch
einmal etwas von Luxemburg gesehen zu haben. Ich schwinge mich auf mein Rad und fahre rauf zur
Stadt. Sie bettet sich in eine tolle Topografie. In der Mitte wird alles durch einen breiten Graben
durchschnitten und darüber spannen sich zwei hell erleuchtete Brücken. Ich genieße den Ausflug
richtig. Für die Hauptstadt eines ganzen Landes wirkt diese Stadt doch ziemlich zurückhaltend und
dennoch sehr geschäftig. Am Hauptbahnhof ist viel Betrieb und ständig schweben Flugzeuge über die
Hausdächer im Anflug auf den Luxembourg International Airport ein.
Ich fahre kreuz und quer durch die Stadt und entdecke dabei ganz interessante Ecken. So bemerke
ich durch Zufall (jawohl!), dass sogar dieses so saubere Städtchen ein Rotlichtvi ertel hat. Während ich
in einer dunklen Straße an einer Ampel warte, kann ich auf dem Bürgersteig eine nette Szene
beobachten. Dort befindet sich eine Bar namens "Vous être", geschrieben in pinken Buchstaben. Zwei
aufgetakelte Frauen winken hartnäckig einen nur wenige Meter entfernt stehenden Geschäftsmann
herbei. Er traut sich nicht so wirklich und sieht mit einem hochroten Kopf schüchtern drein. So nach
dem Motto "Waaas, iiich? öhem... wirklich?". Wenige Sekunden später sind sie alle zusammen im
Freudenhaus verschwunden und meine Ampel hat ihre hochrote Farbe auf Grün gewechselt.
| Luxemburg |
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FietsPad.De – Los Pirineos
Ich fahre noch einige Kilometer in Richtung Flughafen. An einer Tankstelle finde ich endlich den
Luxemburg-Landesaufkleber für meine Sammlung. Warum müssen diese popeligen Länder immer so
riesige Aufkleber haben? Damit ist schon fast wieder eine Ortlieb-Tasche zur Hälfte beklebt! Als
Gegenleistung sitze ich erst einmal eine viertel Stunde auf der Tankstellentoilette. Irgendwas Falsches
war in meinem Essen und ich hatte schon die Befürchtung, dass mein Hintern explodieren würde.
Was für eine Wohltat!
Auf dem weiteren Weg rennt mir zweimal ein Kamikaze-Wiesel vors Rad. In der Dunkelheit ist mir das
doch ein wenig unheimlich und bei der Bergauffahrt möchte ich nicht noch von diesem dämlichen
Nager angegriffen werden. Also entschließe ich mich zur Umkehr. Es ist auch schon zwölf Uhr. Und
hiermit hat auch dieser tolle Urlaub schon ein Ende. Morgen Abend um diese Zeit werden die
Regentropfen gegen das Plexiglas des Wohnmobils schlagen. Der Regen wird vor dem Elbtunnel
beginnen - kurz vor unserem zu Hause. Ja, so ist es, zu Hause...
Ich habe so oft auf dieser Reise ein schlechtes Gewissen gehabt, wenn wir Reiseradler überholt
haben. Nun wird es Zeit, dass ich die "verlorenen" Kilometer mit dem Rad nachhole. Fazit: Der
nächste Urlaub wird sicher wieder per Fahrrad stattfinden...
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