«Es braucht den Mut zur Konzentration der Standorte»

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BERUFSSCHULEN
Aktualisiert am 06.09.15, um 06:00 von Hans Fahrländer
«Es braucht den Mut zur Konzentration der
Standorte»
Will durch Bündelung der Standorte die aargauische Berufsbildung als Ganzes stärken: Ueli Meyer.
Quelle: Annika Bütschi
Die Aargauer Regierung musste sich für den Vorschlag zur Konzentration der BerufsschulStandorte bisher viel Kritik anhören. Nun setzt sich der Rektor der Berufsfachschule Aarau für die
Variante der Regierung ein. von Hans Fahrländer
Kommentare (2)
Noch bis Ende Monat läuft die Anhörung zum Standort- und Raumkonzept Sekundarstufe II (Berufs- und Mittelschulen). Bisher wurde
das Konzept in den Medien ziemlich zerzaust. Nun meldet sich die Gegenseite zu Wort. Zu den Befürwortern des Konzepts gehören
unter anderen die Rektoren der drei grössten gewerblich-industriellen Berufsfachschulen des Kantons, Ueli Meyer (Aarau), Ruedi
Siegrist (Baden) und Ruedi Suter (Lenzburg). Meyer erläutert im Folgenden den Standpunkt des Trios.
Herr Meyer, das Standort- und Raumkonzept ist ziemlich kritisch aufgenommen worden. Vor allem Schulleiter
haben empört reagiert. Sie sind auch Schulleiter – teilen Sie die harsche Kritik?
Ueli Meyer: Nein. Die Regierung hat nach unserer Überzeugung ein mutiges Konzept vorgelegt, das die Berufsbildung stärkt und
Kosten spart. Wir haben Verständnis, dass sich Regionalpolitiker und Schulleiter, deren Schulen von einer Schliessung bedroht sind,
wehren. Bisher sind aber in der öffentlichen Debatte fast nur sie zu Wort gekommen. Das hat uns genervt.
Sie haben gut reden, Ihre Schulen sind nicht gefährdet …
Das stimmt zwar, ist aber nicht der Grund für unseren Einsatz zugunsten des Konzeptes. Wie erwähnt: Es geht um die aargauische
Berufsbildung als Ganzes.
Wie wird diese gestärkt, wenn Schulen verschwinden?
Wir haben im Aargau sieben kaufmännische und sieben gewerblich-industrielle Berufsfachschulen. Entstanden sind sie vor allem aus
regionalen Überlegungen: jeder Region ihre Schule. Wenn wir aber nicht primär in regionalpolitischen, sondern in bildungspolitischen
Dimensionen denken, stellen wir fest: 14 Schulen sind heute zu viel. Das macht die Berufsbildung nicht fit für die Zukunft.
Warum nicht?
Die Berufsbildung hat sich in den letzten 20 Jahren enorm verändert. Innovation ist gefordert. Die Regierung strebt zu Recht grössere
Kompetenzzentren an, welche Qualität und Attraktivität der Berufsbildung verbessern und Kosten senken. Nicht ausgelastete
Infrastruktur – in der aargauischen Berufsbildung gibt es total rund 80 leere Schulzimmer – ist ebenso teuer wie zu kleine Klassen.
Die Regierung erklärt aber nicht nur «Kompetenzzentren» zu ihrem Ziel, sondern auch «angemessene
Berücksichtigung der Regionen».
Aber «gross» heisst doch nicht automatisch «besser».
Nicht automatisch. Aber man sollte die besten Ausbildner haben – die kann man nicht überall haben. Man sollte die beste Infrastruktur
haben – die kann man auch nicht überall haben. Deshalb ist eine Konzentration richtig. Zudem: Das Aargauer Bildungswesen steht
unter grossem Spardruck. In dieser Situation sollte man sich zu Synergien und Effizienzsteigerung aufraffen. Verzettelung ist teuer.
Wer denkt an die Jugendlichen? Wenn man Schulen schliesst, wird für viele ihr Schulweg länger.
Wenn eine Berufsgruppe mit gesamtkantonal 550 Lernenden in Rheinfelden angesiedelt wird, um den Standort Rheinfelden zu retten –
wie in Variante Beta vorgesehen –, dann reisen Hunderte von jungen Menschen weit bis sehr weit durch den Kanton, ein ökonomischer
und ökologischer Unsinn. Insgesamt wird weniger herumgefahren, wenn sich die Schulen in den Zentren befinden statt an der
Peripherie. Schon heute geht übrigens nur eine Minderheit der Berufslernenden im gewerblich-industriellen Bereich in ihrer eigenen
Region zur Schule.
Schulschliessungen bedeuten auch: Es gibt stellenlose Lehrer.
Die nichtkantonalen Berufsfachschulen haben schon mehrfach bewiesen, dass sie in guter Zusammenarbeit Härtefälle bei der
Pensensicherung von Lehrpersonen und Mitarbeitenden verhindern können. Arbeitsplatzverlegungen sind in der Wirtschaft völlig
normal.
07.09.2015 08:53
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Die Regierung stellt für die Berufsbildung drei Varianten zur Debatte, Alpha, Beta und Gamma. Bei allen Varianten
verschwinden Schulen. Welche Variante bevorzugen Sie?
Ganz klar die Variante Alpha.
In dieser Variante gibt es nur noch drei statt sieben KV-Standorte, Aarau, Baden und Wohlen. Im gewerblichindustriellen Bereich verschwinden Brugg, Rheinfelden und Niederlenz.
Wir sind überzeugt, dass sieben selbstständige Kompetenzzentren die Zielsetzungen der Raumauslastung und Kosteneffizienz optimal
erfüllen. Die Arbeitsgruppe des Kantons hat im Vernehmlassungstext zu Alpha ausführlich begründet, warum sie zu diesem Resultat
kommt; es basiert auf einer umfassenden Menge von Fakten und Zahlen.
Der Spareffekt bei allen Varianten ist gemäss Anhörungsbericht nicht berauschend.
Der Spareffekt bei Alpha ist grösser als von der Regierung berechnet, weil der unumgängliche Investitionsbedarf an etlichen heutigen
Standorten nicht eingerechnet ist. Es kann doch nicht sein, dass in Sanierungen und Erweiterungen von Schulen investiert wird, wenn
an anderen Orten mehr als genügend top eingerichteter Schulraum zur Verfügung steht. Ebenfalls nicht eingerechnet ist: Verschiedene
Standortgemeinden würden Millionen sparen, wenn sie frei werdenden Schulraum der Berufsbildung für die Volksschule oder für die
Verwaltung nutzen könnten.
Noch ein Wort zu den Mittelschulen. Die Regierung will, dass die Wirtschaftsmittelschule WMS an den
Kantonsschulen bleibt und nicht an die kaufmännischen Berufsschulen wechselt. Ihre Meinung?
Den Grundsatzentscheid können wir nachvollziehen. Es kann nicht sein, dass die Wirtschaftsmittelschule direkt oder indirekt zur
«Rettung» von regionalen KV-Standorten dient. In die Details der Mittelschulproblematik mischen wir uns aber nicht ein.
Wie schätzen Sie den anlaufenden politischen Prozess ein? Hat die Konzentration eine Chance oder werden die
Regionalismen obsiegen?
Für einen Bildungsstandort gibt es nichts Schlimmeres als Unsicherheit – diese gibt es im Aargau leider seit vielen Jahren. Die Politik
ist aufgerufen, endlich Klarheit zu schaffen und die Interessen der Berufsbildung und nicht persönliche oder regionale Argumente in
den Vordergrund zu stellen. Beta und Gamma sind halbherzige, wenig mutige und nicht zukunftsgerichtete Varianten, welche die
vorhandenen Mängel nicht beheben. Die Variante Alpha ist eine Chance und ein echter Meilenstein in der Entwicklung der
Berufsbildung Aargau. Wir hoffen sehr, dass sie sich durchsetzt.
(az Aargauer Zeitung)
07.09.2015 08:53