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Kultur
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Wuzzi
REINHARD HICKL
Der österreichische Begriff für
­ ausendsassa drängt sich geradezu auf,
T
wenn unter den geschickten ­Händen des
Salzburgers handwerkliche Kleinode
­entstehen. Sein an ein barockes
­Raritätenkabinett erinnerndes Geschäft
birgt Schönes, Nützliches und Kurioses.
Markus Deutsch
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seine gerade geschlagene Beute, eine Gams, in die Höhe.
Darunter buhlt ein balzender Auerhahn um die Gunst der
holden Weiblichkeit. Die Szenen von Lust und Leid finden
sich traulich vereint auf einer Krachledernen eingestickt.
Ihre ähnlich reich verzierten Schwestern in verschiedenen
Brauntönen mit Tragespuren harren sauber im Regal aufgereiht eines neuen, Trachten liebenden Besitzers.
Direkt daneben stapeln sich, zu Schnecken aufgerollt,
breite Ledergürtel mit großen Messingschließen. Auf einigen
rekelt sich die Jagdgöttin Diana und erholt sich vom anstrengenden Waidwerk, auf anderen umrahmen Hirsche einen
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Wappenschild. In einem knorrigen Wurzelstück prangen
prachtvolle Gams- und Dachsbärte. Darunter bergen Glasvitrinen zahlreiche Messer, Fuhrmannsbestecke und Hut­nadeln
in allen möglichen Ausführungen. Gegenüber präsentiert ein
weiterer Schauschrank allerlei Sehenswertes: Auf den ersten
Blick sind alte, mit Greifenfängen geschmückte P
­feifen,
Hirschhornschnitzereien und Reservistenkrüge zu sehen.
„Da kommt noch ein Raum mit ein paar Schmankerln“,
verheißt Reinhard Hickl mehr Staunenswertes, während er
sich eine grüne Schürze vorbindet. „Aber das schauen wir
uns später an. Erst mal gehen wir rauf in die Werkstatt.“ Der
52-Jährige ist der Herr der Wunderkammer in seinem Heimat-
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Fotos: Markus Deutsch
Mit schweren Schwingenschlägen wuchtet ein Adler
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ort Koppl östlich von Salzburg, deren
vielfältige Fülle den Betrachter beeindruckt. Auf dem Weg zur Schaffensstätte
im Stockwerk über dem Geschäft passieren wir noch Geweihmöbel, Präparate aus Großvaters Zeiten, bunte Schützenscheiben und üppig geschnitzte
Trophäenschilde.
tigt werden. Auf der Werkbank liegt
bereits die gegossene Verzierung des
Koppelschlosses in Form eines silbernen, flüchtenden Hirsches. „Die Holzmodel dafür schnitze ich selbst“, verrät Hickl eines seiner vielen Talente.
Er arbeitet nach alten Vorlagen, die er
auf Flohmärkten oder bei Auktionen
ergattert hat.
„Ich hab‘ die Schnallen erst nur gesammelt. Die erste hab‘ ich zum Beispiel in Bad Ischl auf einem Trödel entdeckt. Ich hatte halt schon immer ­ein
Faible für Altes“, deutet der Österreicher die Ursprünge seiner heutigen
Tätigkeit an, während er auf einer Messingplatte die Umrisse der entstehenden Schließe anreißt. „Als ich ein paar
zusammen hatte, habe ich die mal ausgestellt. Dann wollten einige Besucher
Fotos: Markus Deutsch
Heute soll ein Trachtengürtel gefer-
Dieser Kunde ist angereist, um sich für einen in Wien stattfindenden Jägerball
eine zünftige Krachlederne zu kaufen.
Die Holzmodel für die Verzierungen schnitzt Hickl
selbst. Sie formen das Negativ in die rote Gussmasse.
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Die Messingplatte (l.) bekommt nach dem Aussägen und
Entgraten im Schraubstock die nötige Wölbung verpasst.
unbedingt welche kaufen. Aber das
sind ja alles Unikate, und weil die
Nachfrage so groß war, hab ich vor
zehn Jahren angefangen, sie nachzufertigen.“
Dass die in seinem Geschäft angebotenen Kopien ihren originalen Vorlagen in nichts nachstehen, kommt nicht
von ungefähr: Hickl beherrscht viele
Kniffe der Holz-, Metall- und Lederverarbeitung. Einen Gutteil seines Könnens hat er während seiner Ausbildung
zum Büchsenmacher und Schäfter im
kärntnerischen Ferlach erworben. Weitere Kenntnisse kamen bei seiner späteren Tätigkeit als Antiquitätenrestaurator und -händler dazu: „Damit habe ich
mich 1986 selbstständig gemacht. Damals waren Schellackpolierer gesucht.
Das konnte ich von meiner Ausbildung
her. Und so habe ich Biedermeier-­
Möbel restauriert und verkauft.“
Das Auge fürs Besondere und die
Sammelleidenschaft taten ihr Übriges,
sodass sich der Koppler mehr und
mehr auf den Handel mit alpenländischer Volkskunst, Trachten und historischen Jagdartikeln spezialisiert hat.
Um seinen Kunden Exklusives bieten
Nachdem die Metallstege an der Verzierung angelötet
sind (l.), wird der Silberhirsch auf der Schließe befestigt.
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Neben neu geschnitzten
Trophäenbrettern hat der
Salzburger auch antike
Stücke im Angebot.
Auf Wunsch bekommen die Schnallen
einen Gürtel aus alten Treibriemen.
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zu können, scheut der Salzburger auch
nicht davor zurück, Neues auszuprobieren. So hat er ein Verfahren entwickelt, Lederhosen künstlich zu altern.
„Leder zu antikisieren, ist nicht
ganz einfach“, verweist Hickl auf die
Herausforderungen des Unterfangens.
„Aber alte Stücke sind unter Lieb­habern
fünf- bis zehntausend Euro wert. Ich
hab‘ ein paar solcher Schätze ergattern
können, die teilweise 160 Jahre alt sind.
Durch die Alterungstechnik sehen die
neuen Hosen zünftig aus, sind aber
trotzdem erschwinglich.“ So kann der
Salzburger nach den alten Vorlagen gefertigte Krachlederne in unterschiedlichen Größen und Ausführungen anbieten, ohne dass diesen das Stigma touristischer Stangenware anhaftet.
Mittlerweile ist die rechteckige Messingplatte für die Schließe ausgesägt.
Die Kanten sind angeschrägt und entgratet. Mithilfe zweier Holzstücke, zwischen die das Metallstück in einen
Schraubstock geklemmt wird, presst
Fuhrmannsbestecke – Messer,
Gabel und manchmal sogar Löffel –
hat Hickl einige im Angebot.
Der tönerne Kaiser Franz
Joseph im Jagdgewand
birgt unter seinem
allerhöchsten Hintern
einen Tabakstopf.
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Antike Pfeifen und Messer
mit Greifenfängen verziert
(u.) finden sich ebenso
wie Garderobenmandl
mit Krucken (l.).
Weinankauf
Hickl dem Werkstück die nötige Wölbung
auf. Dasselbe Prozedere durchläuft die
Hirschverzierung. Mit Kennerblick prüft
der Österreicher, ob beide Teile sauber
aufeinanderpassen.
Nachdem aus einem kleinen Schränkchen die nun benötigten Utensilien zusammengestellt sind, zündet Hickl seinen
Gasbrenner an. Die blau-fauchende Flamme fixiert den Haken und die Befestigung
für den Lederriemen durch Silberlot auf
der gewölbten Platte.
Nach seiner Kundschaft befragt, ant-
Bordeaux, Burgund, Italien,
Spanien, Australien, USA...
„Jetzt gehts mit dem Gürtel weiter“,
deutet Hickl an die Wand seiner Werkstatt,
an der alte Treibriemen hängen. Er wählt
einen passenden aus, rückt eine Maschine von der Wand in den Raum und spaltet
damit das Leder. Dann wird es passgenau
zur Schnalle zugeschnitten, gefettet und
eine Lasche mit Löchern zur Weitenverstellung aufgeklebt. „Den Rest mache ich
morgen“, unterbricht Hickl seine Arbeit
nach einem Blick auf die Uhr. „Gleich
kommt der Kunde, und wir wollen uns ja
noch mal im Geschäft umschauen.“
Die Fülle der fast schon musealen Stücke lässt den Betrachter staunen: alte Präparate, darunter ein Perückengehörn,
Jahrmarktsbilder mit Wildererkitsch neben alten Jagdstichen, Kuckucksuhren,
Berg- und Gehstöcke mit Hirschhorngriffen. Über dem Tisch schwebt ein Lüsterweib mit Geweihstangen als Beinen. Dar-
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Hickl hat, um der Nachfrage
Herr zu werden, viele fleißige
Zuarbeiter. Die Koppelschlösser
fertigt er aber meist selbst.
Fotos: Markus Deutsch
wortet der 52-Jährige, während er die Konturen der Hirsch-Silberverzierung mit
­einem Bleistift aufs Messing paust: „Vom
hiesigen Landwirt bis in Hochadelskreise
ist alles dabei. Die meisten werden durch
Mundpropaganda auf mich aufmerksam.
Gleich kommt noch ein Kunde. Der soll
zum Jägerball nach Wien und will sich dafür noch was Passendes kaufen.“
Am Standbohrer versieht Hickl die
Messingschließe mit vier kleinen Löchern.
Durch diese soll die Hirschapplikation befestigt werden. Dafür kommt der Brenner
noch mal ins Spiel. Dem Silbercerviden
lötet der Koppler vier Metallstege auf. Anschließend steckt er sie durch die Löcher
im Messing, knipst die überstehenden Enden mit einer Zange ab und vernietet die
Verzierung auf der Rückseite der Messing-
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platte. Noch ein Kontrollblick, dann
schmeißt Hickl die Poliermaschine an,
säubert die neue Schnalle und legt sie auf
die Werkbank.
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Dieses nützliche Utensil
aus Bein diente seinem
Besitzer als Zahnstocher
(Spitze) und Ohrkratzer (Löffel).
Verwandlung: Aus der kopflosen PrinzregentLuitpold- Schirmständer-Vorlage (r.) wurde
auf Kundenwunsch ein Franz Joseph.
Allerdings musste dieser dabei die Leibesfülle
seines bayerischen Verwandten übernehmen.
unter sitzt ein tönerner Kaiser Franz
Joseph in Jagdkluft, unter seinem kaiserlich-königlichen Allerwertesten ein
Fach für Tabak bietend. In ­einer Ecke
schmiedet eine Bismarck-Statuette an
der deutschen Reichseinheit, symbolisiert durch ein Schwert auf dem Amboss. Unter der Decke streicht ein sogenannter Suppenbrunzer, eine den
Heiligen Geist symbolisierende Holztaube, die im Alpenländischen über
dem Tisch befestigt war. Aus der darunter platzierten Suppe aufsteigende
Dämpfe kondensierten an dem Vogel
und leckten wieder zurück in den Topf
– daher der etwas despektierliche
Name. Der Hinweis Hickls, dass er auch
schon Requisiten für Filmproduktionen
gestellt hat, verwundert bei der Menge
und Vielfalt der Gegenstände nicht.
Der Kunde ist da. Im Handumdrehen
Kleidung von einigen Leuten als für
­einen Ball zu wenig festlich empfunden
wird, lässt Hickl, der selbst immer
Tracht oder Jagdliches trägt, nicht gelten: „Ich halte es da, wie es ein leider
schon verstorbener Freund von mir immer gesagt hat: Stehts zu eurem Land,
ziagts oh a gscheit‘s Gwand!“
findet der Salzburger die passende
Lederhose, einen nicht allzu großen
­
Gürtel und Stutzen für ihn, der nun entsprechend zünftig beim Jägerball in der
Hauptstadt übers Parkett schweben
kann. Das Argument, dass diese Art der
Weitere Bilder sowie Informationen und
dass Reinhard Hickl nicht nur handwerkliche, sondern auch musikalische
Fertigkeiten besitzt, s­ehen Sie unter
Dossiers auf www.wildundhund.de
e
Die gusseiserne Pistole lässt sich zu
einem Stiefelknecht aufklappen (r.).
Fotos: Markus Deutsch
Messer (unten Griffe) werden in Koppl
in großer Zahl und Form angeboten.
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,,Manuela Lewentz` Regionalkrimi Tödliche
Treibjagd hebt sich von ähnlichen Büchern
wohltuend durch die an Josef Haslingers Opernball geschulte multiperspektive Erzählweise ab, die
auch den psychotischen Täter immer wieder in
Ich-Form zu Wort kommen lässt.“
MÜNCHNER MERKUR
Kuckucks Mord
,,Als ich meine Augen öffne, sehe ich in den Lauf einer Flinte, höre einen
Kuckuck, vielleicht ist es nur eine Einbildung. Wo ist Andreas?
Ich will nach ihm schreien, dann wird es dunkel.“
Die Geister der Vergangenheit ruhen nicht: Petra, eine junge Journalistin, findet heraus, dass im Kreiskrankenhaus
Babys vertauscht wurden. Ihre Recherche wirbelt viel Staub auf. Die Menschen, denen Petra und
ihr Vorgesetzter Achim auf die Spur kommen, reagieren eiskalt. Petra wird vergiftet,
Achim erschossen unter seinem Hochsitz gefunden.
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