Vortrag Daniela Angetter

Die österreichischen Nobelpreisträger
Vortrag am 4.12.2015 von Dr. Daniela Angetter
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Sehr geehrte Damen und Herren, es ist mir eine große Ehre, Ihnen hier heute im Rahmen
dieses Festaktes die österreichischen Nobelpreisträger vorstellen zu dürfen.
Wie viele Nobelpreisträger Österreich allerdings tatsächlich hervorgebracht hat, lässt sich gar
nicht so einfach klären. Das Harenberg-Lexikon der Nobelpreisträger aus dem Jahr 1998
umfasst alle Preisträger seit dem Jahr 1901 bis inklusive 1998. Darin sind 13
Österreicherinnen und Österreicher genannt, dazu käme nach den Aufnahmekriterien des
Lexikons noch Elfriede Jelinek hinzu. Forscht man hingegen im Internet nach den
österreichischen Nobelpreisträger/innen, so findet man in Wikipedia 21 Preisträger, ORF on
Science nennt im August 2009 23, nach der Wiener Zeitung vom Oktober 2013 könnte
Österreich auf 29 Nobelpreisträger stolz sein. Auf der Homepage des Nobelpreis-Komitees
findet man unter den österreichischen Nobelpreisträgern insgesamt 31, wovon 17 Preisträger,
aus dem Gebiet des heutigen Österreich stammen und 14 im ehemaligen Gebiet der
Habsburgermonarchie geboren wurden, deren Nachfolgestaaten aber außerhalb des heutigen
Österreichs liegen.
Diese unterschiedliche Auffassung ergibt sich aus der Frage, welche Kriterien erfüllt sein
müssen, um als österreichischer Nobelpreisträger zu gelten: ist es der Geburtsort, die
Staatsbürgerschaft oder der berufliche Standort zum Zeitpunkt der Verleihung. Das
Nobelpreiskomitee hat sich auf seiner Homepage für den Geburtsort entscheiden und ordnet
den jeweiligen Preisträger dem Land zum Zeitpunkt der Geburt zu – für Österreich jedoch
auch keine eindeutige Lösung.
Fest steht allerdings, dass - wie bereits erwähnt - 17 Nobelpreisträger im Gebiet des heutigen
Österreichs geboren sind. Sechs Nobelpreisträger waren zum Zeitpunkt der Verleihung an
Österreichischen Universitäten bzw. Forschungseinrichtungen, wie der Österreichischen
Akademie der Wissenschaften beschäftigt.
„Forschen heißt zu sehen, was andere auch gesehen, jedoch dabei zu denken, was noch kein
anderer gedacht hat“. Der Weg der österreichischen Nobelpreisträger war nicht immer
einfach, geprägt oft von politisch schwierigen Zeiten aber auch von finanziellen Nöten,
jedoch Individualismus, Beharrlichkeit und Zielorientiertheit ebneten ihnen den Weg zum
ganz großen Erfolg.
Medizin:
Zu den heute eher unbekannten österreichischen Medizinnobelpreisträgern zählt Robert
Bárány. Er wurde 1876 in Wien geboren. Nach Absolvierung seines Medizinstudiums und der
Promotion zum Dr. med. 1900 in seinem Heimatort, vertiefte er seine Ausbildung in
Deutschland. 1902 kehrte er nach Wien zurück und war ab 1903 in verschiedenen Funktionen
an der Universitätsklinik für Ohrenheilkunde tätig; 1909 erfolgte zudem seine Habilitation.
Da ihm der Titel eines außerordentlichen Professors in Wien versagt blieb, ging er 1917 an
die Universität Uppsala, wo er die Klinik für Ohrenheilkunde zu einem weltweit
wissenschaftlichen anerkannten Zentrum ausbaute, dessen Leitung er übernahm. Bárány
arbeitete auf fast allen Gebieten der Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde. Er befasste sich auch
mit chirurgischen Fragen und entwickelte neue Operationsmethoden, u. a. bei der Behandlung
der chronischen Mittelohreiterung. Bahnbrechend waren seine Forschungen über das
Labyrinth des menschlichen Ohrs. 1914 erhielt er den Nobelpreis für Physiologie oder
Medizin für seine Arbeiten zur Physiologie und Pathologie des Gleichgewichtsorgans im Ohr.
Diese Nachricht kam für ihn völlig überraschend. Eines Tages erhielt er ein Telegramm in
russischer Sprache. Da er es nicht lesen konnte, überreichte er es einem Kameraden zur
Übersetzung. Dieser rief, nachdem er es gelesen hatte, erstaunt aus „Ja, ist denn das möglich?
Du hast ja den Nobelpreis bekommen.” Aufgrund seiner Kriegsgefangenschaft während des 1.
Weltkriegs konnte Bárány den Preis jedoch erst 1916 übernehmen.
1927 erhielt Julius Wagner-Jauregg als erster Psychiater den Medizin-Nobelpreis für die
Entdeckung des therapeutischen Wertes einer künstlich herbeigeführten Malariainfektion zur
Behandlung der sogenannten progressiven Paralyse, einer durch Syphilis hervorgerufenen
schweren Gehirnerweichung. Wagner-Jauregg wurde 1857 in Wels geboren, studierte im
Rekordtempo Medizin in Wien und wurde 1880 promoviert. Zunächst als Internist tätig,
begann er 1883 seine Karriere an der Psychiatrischen Klinik bei Maximilian von Leidesdorf.
1883 Dozent für Neurologie und 1888 für Psychiatrie, übernahm er nach einigen Jahren in
Graz 1893 die Leitung der Psychiatrischen Klinik in Wien. Bedeutende Arbeiten widmete er
dem Kretinismus, einer angeborenen Schilddrüsenerkrankung, die durch Jodmangel zu
Entwicklungsstörungen des Nerven- und Skelettsystems führte und der Kropfforschung. In
Österreich initiierte er die Vorbeugung gegen Kropff durch die Salz- und
Trinkwasserjodierung.
Als der einzig geniale Kopf unter den österreichischen Bakteriologen gilt der 1868 in Baden
bei Wien geborene Karl Landsteiner. Sein Name ist untrennbar mit der Entdeckung der
menschlichen Blutgruppen, für die er 1930 den Nobelpreis erhielt, und des Rhesusfaktors
verbunden. Landsteiner studierte ab 1885 Medizin an der Universität Wien und erhielt 1891
sein Doktorat. Anschließend vertiefte auch er seine Ausbildung in Deutschland, ehe er sich im
Alter von 27 Jahren von der praktischen Medizin abwandte, weil er jede Berührung mit
Patienten scheute, und seine Laufbahn als „Theoretiker“ begann. 1903 habilitierte er sich für
pathologische Anatomie, 1908 übernahm er die Leitung der Prosektur des
Wilhelminenspitals. Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie veranlasste die
soziale Not Landsteiner Österreich zu verlassen. Zunächst erhielt er eine Stelle in Den Haag,
1923 wechselte er an das Rockefeller- Institut for Medical Research, wo er
immunochemische, serologische und genetische Forschungen durchführte.
Dreigeteilt wurde der Medizinnobelpreis im Jahr 1973 und zwar zwischen Konrad Lorenz,
Karl von Frisch und dem Niederländer Nikolaas Tinbergen. Konrad Lorenz kam 1903 in
Wien zur Welt, studierte Medizin in seiner Heimatstadt und in New York. 1928 wurde er zum
Dr. med. und 1933 zum Dr. phil. im Fach Zoologie mit einer Arbeit über den Vogelflug
promoviert. Nach einigen Jahren Assistenzzeit am II. Anatomischen Institut in Wien wirkte
Lorenz als Privatgelehrter. 1936 habilitierte er sich für Zoologie mit besonderer
Berücksichtigung der vergleichenden Anatomie und Tierpsychologie. In den 1930er-Jahren
legte er mit seinen Forschungen den Grundstein für die klassische Ethologie. Damals befasste
er sich mit einem speziellen Lernprozess, der sogenannten Prägung. Den Nobelpreis erhielt er
für grundlegende Erkenntnisse in der vergleichenden Verhaltensforschung, insbesondere
anhand des Familien- und Liebeslebens der Graugänse. Sein Name ist auch untrennbar mit
dem 1981 gegründeten Konrad-Lorenz-Institut der Österreichischen Akademie der
Wissenschaften sowie 1984 mit der Anti-Atombewegung betreffend die Errichtung eines
Nationalparks anstatt eines Kraftwerks bei Hainburg und mit dem damaligen sogenannten
Konrad-Lorenz-Volksbegehren verbunden.
Karl von Frisch, der 1886 in Wien geboren wurde, interessierte sich bereits in seiner Jugend
fast ausschließlich für Tiere. Während seiner Gymnasialzeit beherbergte er neun verschiedene
Arten von Säugetieren, 16 Vogelarten, 26 verschiedene Kriechtiere und Lurche, 27 Fischarten
und 45 Arten von wirbellosen Tieren in der elterlichen Wohnung. Ab 1905 studierte er
Medizin an der Universität Wien, wechselte aber nach wenigen Semestern zur Zoologie und
wurde 1910 in Wien promoviert. 1921 wurde er Ordinarius für Zoologie und Direktor des
Zoologischen Instituts in Rostock und damit – ohne es zu wissen – automatisch deutscher
Staatsbürger. Später beantragte er dann die Doppelstaatsbürgerschaft. Ab 1925 war er in
München tätig, 1946 kam er nach Graz. Frisch erhielt den Nobelpreis für seine Leistungen auf
den Gebieten der vergleichenden Physiologie und der Verhaltensforschung, insbesondere
anhand der Sinnesphysiologie der Honigbiene.
Der letzte in der Reihe der österreichischen Medizinnobelpreisträger ist der 1929 in Wien
geborene Eric Richard Kandel. Er flüchtete 1939 in die USA und wurde 1945 amerikanischer
Staatsbürger. Ab 1952 studierte er Medizin an der Universität in New York. Nach seiner
Promotion konzentrierte er sich auf die Neurobiologie. 1963 konnte er nachweisen, dass
Nervenzellen lernen können und zugleich die Grundlage des Lernens sind. 2000 erhielt er
gemeinsam mit dem Schweden Arvid Carlsson und dem Amerikaner Paul Greengard den
Nobelpreis für die Entdeckung eines speziellen Proteins, das es ermöglicht, Erinnerungen im
Langzeitgedächtnis zu speichern.
Chemie:
Der erste Österreicher, der den Nobelpreis für Chemie erhielt, war Fritz Pregl. Er wurde 1869
in Laibach geboren, studierte ab 1887 Medizin an der Universität Graz und wurde 1894 zum
Dr. med. promoviert. 1899 habilitierte er sich für Physiologie und studierte anschließend
Chemie. 1904 wurde er außerordentlicher Professor für physiologische Chemie an der
Universität Graz, 1910 erhielt er einen Ruf an das Medizinische-Chemische Institut der
Universität Innsbruck. 1913 kehrte er als Ordinarius an das Medizinisch-Chemische Institut
an die Universität Graz zurück. 1923 erhielt er für die Einführung der Methode der
Mikroanalyse organischer, also kohlenstoffhaltiger Substanzen die höchste wissenschaftliche
Auszeichnung seines Fachs. Pregl gilt heute als Wegbereiter der Weiterentwicklung der
klinischen-chemischen Analyse. Seine Forschungen erwiesen sich u. a. als unentbehrlich für
die Analyse von Vitaminen und Hormonen. Aus seinen Beiträgen zur physiologischen
Chemie entstammt eine von ihm hergestellte Jodlösung, die als Desinfektionsmittel in der
medizinischen Praxis Anwendung fand.
Nur zwei Jahre später, 1925, erhielt wieder ein Österreicher den Nobelpreis für Chemie.
Richard Adolf Zsigmondy wurde als Sohn eines Arztes ungarischer Abstammung 1865 in
Wien geboren und studierte hier von 1883 bis 1887 Chemie an der Technischen Hochschule.
Seine Doktorarbeit verfasste er allerdings an der Technischen Universität in München sowie
der Universität Erlangen, wo er 1889 promoviert wurde. Seine berufliche Karriere führte ihn
über Berlin, Graz, Jena letztlich an die Universität Göttingen, wo er 1907 die Leitung des
anorganisch-chemischen Laboratoriums übernahm und 1919 zum Professor ernannt wurde. In
Jena entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit mit der Glasmanufaktur Schott und
Zsigmondy gelang die Erfindung eines Ultramikroskops. Mit diesem konnte er die Struktur
von Proteinen und anderen biologischen Makromolekülen auf eine völlig neue Art
untersuchen und leistete damit einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung der
Biochemie. Seine bahnbrechenden Arbeiten über die heterogene Natur von kolloiden
(gelförmigen) Lösungen wie zum Beispiel Eiweiß, Gelatine oder Stärke, für die er 1925 auch
den Nobelpreis erhielt, gelten als die Geburtsstunde der Molekularbiologie als experimentelle
Wissenschaft.
1900 wurde in Wien der Chemie-Nobelpreisträger Richard Johann Kuhn geboren. Er besuchte
das Gymnasium in Wien-Döbling und studierte hier von 1918 bis 1920, wechselte dann aber
an die Universität München, wo er 1923 promoviert wurde und sich bereits 1925 habilitierte.
Seine Karriere setzte er in Zürich und Heidelberg fort. 1938 erhielt er den Nobelpreis für
seine experimentellen Untersuchungen über Carotinoide sowie über einige Vitamine, durfte
diesen jedoch auf Befehl Adolf Hitlers nicht annehmen und erhielt Medaille und Urkunde erst
1949 überreicht. Kuhns Erkenntnisse waren wesentlich für das Verständnis elementarer
biochemischer Reaktionen im lebenden Organismus.
1962 erhielt der 1914 in Wien geborene Max Ferdinand Perutz gemeinsam mit dem Briten Sir
John Kendrew den Nobelpreis für Chemie für seine Studien zur Struktur der sogenannten
globularen Proteine. Perutz studierte ab 1932 an der Universität Wien Chemie und wechselte
1936 an das Cavendish-Laboratorium der Cambrigde-University in London, wo er sich
besonders für den Aufbau von Enzymen und Eiweißsubstanzen interessierte. 1938 begann er
mit der Strukturbestimmung des Hämoglobins, des roten Blutfarbstoffs. Erst 1940 erhielt er
sein Doktorat. 1947 wurde er zum Direktor des medizinischen Forschungsrates für
Molekularbiologie an der Universität von Cambridge ernannt.
Ebenso wird der 1923 in Wien geborene Walter Kohn, der als Jugendlicher 1937 aufgrund
seiner jüdischen Eltern in die USA emigrierte und 1950 an der Harvard University in
theoretischer Physik promoviert wurde unter den österreichischen Nobelpreisträgern für
Chemie geführt. Er erhielt 1998 gemeinsam mit dem Briten Sir John Anthony Pople den
Nobelpreis für die Entwicklung quantenchemischer Methoden. Auf der Basis seiner Arbeiten
über die Dichtefunktionaltheorie lassen sich komplexe Systeme, wie zum Beispiel Enzyme
berechnen, jedoch kann auch untersucht werden, wie ein Protein auf einen
Arzneimittelwirkstoff reagiert oder wie die Ozonschicht durch Fluorchlorkohlenwasserstoffe
abgebaut wird.
Der letzte in der Reihe der Nobelpreisträger für Chemie ist der 1930 in Wien geborene Martin
Karplus, der sich allerdings selbst eindeutig als Amerikaner fühlt. Karplus entstammte dem
jüdischen Großbürgertum. 1938 floh er über die Schweiz in die Vereinigten Staaten von
Amerika. Er studierte ab 1947 Chemie an der Harvard University, wechselte dann an das
California Institut of Technology, wo er 1953 promoviert wurde. Seit 1966 ist Karplus
Professor an der Havard University und übernahm dort 1979 den Theodore-William-Richards
Lehrstuhl für Chemie. Zu seinen wichtigsten Forschungsgebieten zählen Arbeiten im Bereich
der Kernspinresonanzspektroskopie, der Quantenmechanik und der Molekulardynamik. 2013
erhielt er gemeinsam mit seinen amerikanischen Kollegen Michael Levitt und Arieh Warshel
den Nobelpreis für bahnbrechende Arbeiten zur Entwicklung universeller Computermodelle
für die Voraussage chemischer Prozesse – oder wie es das Nobelpreiskomitee formuliert
hatte, die Preisträger brachten das „Chemie-Experiment in den Cyberspace“.
Physik:
Der erste in der Reihe der Physiknobelpreisträger ist Erwin Schrödinger. Er wurde 1887 in
Wien geboren, studierte ab 1906 Mathematik und Physik an der dortigen Universität und
wurde 1910 promoviert. 1914 habilitiert, folgte er 1921 einem Ruf an die Universität Zürich,
wo seine berühmten Arbeiten zur Wellenmechanik entstanden. 1927 trat er die Nachfolge von
Max Planck an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin an, 1933 ging er nach Oxford,
1936 nach Graz. 1938 flüchtete er nach Irland, 1956 kehrte er wieder nach Österreich zurück.
Schrödinger leistete wichtige Beiträge zum Aufbau der Quantenmechanik, aber auch in der
Farbenlehre, der Thermodynamik, der statistischen Physik und der allgemeinen
Relativitätstheorie. 1933 erhielt er gemeinsam mit dem Briten Paul Dirac den Nobelpreis für
Physik für die Entdeckung neuer produktiver Formen der Atomtheorie. Seit 1956 vergibt die
Österreichische Akademie der Wissenschaften jährlich den Erwin-Schrödinger Preis für das
Lebenswerk auf dem Gebiet der Mathematik und Naturwissenschaften.
Drei Jahre später wurde der Nobelpreis für Physik neuerlich an einen Österreicher vergeben.
Der 1883 im Schloss Waldstein bei Peggau geborene Victor Franz Hess wurde vor allem für
seine Forschungen auf dem Gebiet der Radioaktivität und anderer Formen der Strahlung
bekannt. Hess wurde 1906 an der Universität Graz promoviert. Nach seiner Habilitation 1910
ging er an das Institut für Radiumforschung nach Wien. Nach Aufenthalten in Graz und den
USA, übernahm er 1931 die Leitung des Instituts für Radiologie an der Universität Innsbruck.
1938 emigrierte Hess in die USA. Berühmt wurden seine Ballonflüge zur Entdeckung der
Kosmischen Strahlung 1912, für die er 1936 gemeinsam mit dem Amerikaner Carl David
Anderson den Nobelpreis erhielt.
Der dritte österreichische Nobelpreisträger für Physik ist Wolfgang Pauli. Er wurde 1900 in
Wien als Medizinersohn geboren und galt schon in seiner Jugendzeit als mathematisches
Wunderkind. Ab 1918 studierte er an der Universität München, wo er bereits 1921 promoviert
wurde. Beeinflusst von Niels Bohr und Max Born, waren danach Hamburg und die
Eidgenössische Technische Hochschule Zürich wichtige Stationen seiner Karriere, ehe er von
1940 bis 1945 in den USA in der Nähe von Albert Einstein arbeitete. Nach dem 2. Weltkrieg
kehrte er nach Zürich zurück. 1925 formulierte er das später nach ihm benannte Pauli-Prinzip
zur quantentheoretischen Erklärung des Atomaufbaus, das aber auch weitreichende
Bedeutung für größere Strukturen hat. 1945 bekam er hierfür den Nobelpreis.
Wirtschaftswissenschaften:
Als einziger Österreicher wurde der in Wien 1899 geborene Friedrich August von Hayek mit
dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet. Nach seinem Studium der
Rechts- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Wien arbeitete Hayek 1921 bis
1927 als Jurist im österreichischen Staatsdienst, danach bis 1931 als Direktor des Instituts für
Konjunkturforschung, ehe er an der London School of Economics lehrte. 1938 erhielt er die
britische Staatsbürgerschaft, von 1950 bis 1962 wirkte er als Professor für soziale und
moralische Wissenschaften an der Universität Chicago. Zuletzt war er Professor für
Volkswirtschaftslehre in Freiburg im Breisgau. Hayek gilt als bedeutender Vertreter der
Österreichischen Schule der Nationalökonomie und als wichtiger Vordenker des
Neoliberalismus. 1974 erhielt er gemeinsam mit dem Schweden Gunnar Myrdal den
Wirtschafts-Nobelpreis für ihre Pionierforschung zur Geldtheorie und zu wirtschaftlichen
Schwankungen sowie für ihre genaue Analyse der Wechselbeziehungen von ökonomischen,
sozialen und institutionalen Phänomenen.
Literatur:
Als einzige Österreicherin bis heute erhielt die 1946 in Mürzzuschlag geborene und in Wien
aufgewachsene Elfriede Jelinek den Literaturnobelpreis. Von 1964 bis 1967 studierte sie
Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft, allerdings ohne einen Abschluss zu erreichen. Seit
1966 lebt sie als freie Schriftstellerin in Wien und München. Jelinek, die Hörspiele, Essays,
Romane, Dramen, Drehbücher und Lyrik verfasst, gilt als exponierte Vertreterin der
Frauenliteratur und als kritische österreichische Schriftstellerin, die insbesondere gegen
Missstände im öffentlichen, politischen und privaten Leben der österreichischen Gesellschaft
auftritt, oftmals in einem sarkastischen, provokantem, oder wie sie selbst sagt,
blasphemischen, vulgären oder höhnischen Stil. 2004 erhielt sie den Nobelpreis für ihr Werk,
das „den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die
mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen
Klischees enthüllen“, umfasst.
Zu den österreichischen Jubilaren zählen natürlich die Friedensnobelpreisträger Bertha von
Suttner, obwohl sie 1843 in Prag geboren wurde, und Alfred Fried. Diesen beiden ist ein
eigener Vortrag gewidmet.
Zusätzlich zu den bereits vorgestellten Nobelpreisträgern gebührt es sich, noch einige
Vertreter aus der ehemaligen Habsburgermonarchie zu würdigen, die eng mit dem heutigen
Österreich verknüpft sind. Hierzu zählt zunächst der deutsch-US-amerikanische
Pharmakologe Otto Loewi, der oftmals zu den Vertretern der österreichischen
Medizinnobelpreisträger gezählt wird. Dies resultiert daher, dass Loewi, der 1873 in Frankfurt
am Main geboren wurde und in München und Straßburg studierte, 1904 zunächst in Wien
eine Professur für Pharmakologie erhielt und nach seiner Assistenzprofessur in Marburg in
den Jahren 1905 bis 1909 den Lehrstuhl für Pharmakologie an der Universität Graz innehatte.
1921 nahm er eine Doppelstaatsbürgerschaft deutsch-österreichisch an. 1936 erhielt er
während seiner Zeit in Graz gemeinsam mit Sir Henry Hallett Dale den Medizinnobelpreis für
Arbeiten im Zusammenhang mit der chemischen Übertragung von Nervenimpulsen. Loewi
beschäftigte sich intensiv mit der Nierenfunktion, mit den Auswirkungen harntreibender
Mittel sowie mit der Wirkung von Adrenalin. Im Jahre 1938 war der jüdisch stämmige Loewi
gezwungen Österreich zu verlassen, emigrierte über Belgien und Großbritannien in die USA,
wo er zunächst über die Rockefeller-Stiftung in New York eine Stelle erhielt und 1940
Professor für Pharmakologie am College of Medicine der Universität in New York wurde.
1946 nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an.
Ebenso werden Carl Ferdinand Cori und seine Ehefrau Gerty Theresia gerne als
österreichische Medizinnobelpreisträger bezeichnet. Geboren zwar im Gebiet der
Habsburgermonarchie, nämlich beide 1896 in Prag, war Carl Ferdinand Cori als Assistent
Otto Loewis in Prag und Wien tätig. Das Ehepaar wanderte 1922 in die USA aus, arbeitete in
St. Louis und Boston und nahm 1928 die amerikanische Staatsbürgerschaft an. 1947 erhielten
sie gemeinsam mit dem Argentinier Bernardo Alberto Houssay den Nobelpreis für ihre
Beschreibung der katalytischen Umwandlung des Zuckerspiegels Glykogen im Gewebe, der
später auch als Cori-Zyklus bezeichnet wurde.
Gelegentlich werden noch der in Vukovar in Kroatien im Jahre 1887 geborene Leopold
Ruzicka, der 1939 für seine Experimente über die Kohlenwasserstoff-Gruppen der
Polymethylene und höheren Terpene, u. a. zur Duftstoffherstellung, den Chemienobelpreis
erhielt, aber schon 1917 die Schweizer Staatsbürgerschaft angenommen hatte, sowie der 1905
in Rustschuk, damals Bulgarien, heute Russland, geborene Elias Canetti, der 1913 mit seiner
Mutter nach Wien kam und nach einem Aufenthalt in Zürich sowie Frankfurt/Main von 1924
bis 1929 in Wien Chemie studierte und daneben Vorlesungen von Karl Kraus besuchte, zu
den österreichischen Nobelpreisträgern gezählt. Nach dem Anschluss Österreichs an das
Deutsche Reich 1938 emigrierte Canetti über Paris nach London. Er erhielt 1981 den
Nobelpreis für Literatur insbesondere aufgrund seiner Werke, die in seinen Wiener Jahren von
1924 bis 1938 entstanden waren.
Ob nun Österreicher, Auslandsösterreicher, Doppelstaatsbürger, die Leistungen der
Nobelpreisträger gehören zweifellos zu den international angesehensten und ihre Träger
nehmen einen verdienten Platz in der österreichischen Wissenschaftsgeschichte und im
österreichischen Kultur- und Geistesleben ein.