Baier, Kurt: Der Standpunkt der Moral : eine rationale Grundlegung

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ethische
Theorie
ausdrücklich
zur
Gruppe derer, »die moralische Urteile
als Tatsachen behauptend versteht« (8).
Moralische Aussagen beurteilen demnach Sachverhalte in ihrem Bezug auf
»Recht und Unrecht«. Dies setzt freilich
beim Menschen eine vorgängige Bereitschaft voraus, überhaupt »moralisch«
handeln zu wollen, und diese gründet
in der empirisch-rationalen Erkenntnis,
»daß ein allgemein anerkanntes System
von nur eigennützigen Gründen« (8)
zu »wenig anziehenden Lebensbedingungen führen« (9) und deshalb niemals allgemein akzeptiert würde. Daraus erhelle zwingend, daß schrankenloser Egoismus nicht richtig sein könne,
er sei unvernünftig, unlogisch. »Moralische Gründe« sind nun solche, welche
die Gründe des Eigeninteresses mißachten, »wenn ihre Befolgung dazu
führen kann, daß andere Schaden
leiden« (9, vgl. auch 287).
Baier, Kurt: Der Standpunkt der
Moral. Eine rationale Grundlegung der
Ethik. Aus dem Englischen
übersetzt
von Rainer von Savigny. Patmos,
Düsseldorf
1974. 8\
304 S.
DM 32-.
Dieses in England bereits in sechster
Auflage erschienene Standardwerk des
angesehenen Vertreters der analytischen
Ethik (Originaltitel: The moral point
of view. *1958) setzt in Gegenposition
zum Emotivismus von Ayer, Stevenson
und Hare bei der von Stephen E.
Toulmin zu Ansehen gebrachten These
an, daß Werturteile vernünftig und somit empirisch verifizierbar seien (2.
Kap.). Der Verfasser rechnet seine
Baier versucht »drei fundamentale
Fragen der Ethik« zu beantworten:
»Warum sollen wir tun, was recht ist?«
(16), »Warum tun wir, was recht ist?«
(23) und »Woher wissen wir, was recht
ist?« (26). Dabei ist für den Autor die
erste Frage identisch mit der nach der
bestmöglichen
Handlungsweise (86).
Diese sei dann gewährleistet, wenn sie
bestmöglich empirisch begründbar ist.
Man müsse dazu jeweils die konkreten
Tatsachen sichten, »ihr relatives >Gewicht< bestimmen und so die Handlungsweise finden, die die gewichtigsten
Gründe für sich hat, für die das Gewicht der Vernunft spricht« (93). Daraus aber ergibt sich das richtige »Abwägen der Gründe« (98) für Baier als
entscheidendes Problem, mit dem sich
speziell die Kapitel vier bis sieben beschäftigen. Dabei wird viel »Vernünftiges« gesagt und manches recht originell
beleuchtet. Wie aber kann man testei,
daß es sich um wahre moralisdte
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Gründe handelt? Der Vf. antwortet:
»Wenn sie vom Standpunkt der Moral
erforderlich oder zulässig sind« (175),
Dies wiederum läßt sich durch eine
kritische Prüfung, inwieweit tatsächlich
das Eigeninteresse so eingeschränkt
wird, d a ß andere dadurch keinen Schaden erleiden, rational deutlich machen.
Damit ist der eigentliche »Standpunkt
der Moral« (8. Kapitel), das Moralprinzip des Autors, nach dem sich
Richtig und Unrichtig letztlich bestimmt,
definiert. Da dieser Sachverhalt rational-objektiv feststellbar ist, können
die verschiedenen Ethiken durchaus nach
Wahr und Falsch beurteilt werden, und
obgleich jede Ethik engstens mit Gesellschaft verbunden ist, bewahrt sie
doch einen absoluten Charakter (10.
Kap.). Die beiden letzten Kapitel versuchen nach eingehenden Auseinandersetzungen mit anderen ethischen Positionen eine abschließende Antwort auf
die eingangs gestellte zweite und dritte
Grundfrage zu geben, und das Ergebnis lautet: Wir handeln moralisch nicht
eines letzten Zweckes, nicht der Lust,
nicht eines kategorischen Imperatives
wegen, sondern deshalb, weil es »einfach ein besonderer Fall des Handelns
entsprechend von Gründen, nämlich den
gewichtigen moralischen Gründen« ist
(276). Warum aber folgen wir diesen
Gründen? Darauf bekommen w i r die
u.E. enttäuschende Antwort: »Wir sind
dazu
erzogen
worden, moralische
Gründe als allen andern Gründen überlegen anzusehen, und wir haben das
akzeptiert« (276, vgl. auch 143); und
ferner lesen wir: Wir sollen der Vernunft gehorchen, »weil es sich auszahlt«
(296); und schließlich: »Es ist eben die
raison d'etre der Moral, Gründe an die
Hand zu geben, die höher stehen als
Gründe des Eigeninteresses, und zwar in
den Fällen, in denen jeder jedem
schaden würde, wenn man den eigenen
Vorteil verfolgte. Deswegen sind moralische Gründe allen anderen überlegen.«
(287)
Warum und wie?, fragt man sich unwillkürlich. Bleibt damit der Vf. nicht
doch in einem Utilitarismus oder
Sozialeudaimonismus
stecken? (Vgl.
auch 190ff.) Es scheint sich hier die
positivistische Selbstbeschränkung der
analytischen Ethik zu rächen; denn sie
kann letztlich keine zwingende Antwort
darauf geben, warum jedermann zu
jeder Zeit in jeder Situation das Gute
tun muß. Ohne Rückgriff auf die personale Wesensnatur des Menschen, die
immer schon auf das Du Gottes und des
Mitmenschen verwiesen ist, kann man
nicht begründen, warum moralisches
Handeln »sich auszahlt«. Zwar können
wir zweifellos auch im Bereich des
Ethischen Zweck-Mittel-Beziehungen mit
Hilfe unserer Vernunft erfassen, aber
nicht dank einer ihr immanenten Gesetzlichkeit, sondern nur im Hinblick
auf die metaphysische Struktur der
menschlichen Person mit all ihren transzendentalen Bezogenheiten. So erst gewinnt eine moralische Begründung ihre
Absolutheit, nicht ^sron der ratio als solcher, sondern dank der ihr möglichen
Erkenntnis des menschlichen Wesensbestandes.
In dem Buch Bauers steckt viel fruchtbare Einzelarbeit;; originelle Perspektiven werden reichlich geboten und
Fragestellungen de* analytischen Ethik
ausgiebig behandelt; deshalb ist es sehr
beachtenswert. Deinnoch zeigt es deutlich auch die Greiüzen und Unzulänglichkeiten der analytischen Ethik auf.
Eichstätt
Alois
Edmaier