kompetent - Fachhochschule Kiel

Das Campusmagazin der FH Kiel 02/2015
KOMPETENT
Bescheidene Wegbereiter
Im Rahmen von Projekten bietet das FuE-Zentrum
Lösungen für wissenschaftliche Herausforderungen
aus allen Branchen
Mit Campus RadioAktiv raus aus den Federn
Donnerstags ab acht Uhr gibt’s was auf die Ohren
Das ganz dicke Brett bohren
Institut für CIM-Technologietransfer arbeitet an
der Realisierung einer „Digitalen Fabrik“
HOCHSCHUL-ABC
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Stipendien werden von ­Stiftungen,
­K irchen, Parteien, Gewerkschaften und
Unternehmen nach unterschiedlichen
Kriterien und Bewerbungsverfahren
vergeben. Als Voraussetzung gelten die
Immatrikulation an einer staatlichen oder
staatlich anerkannten meist deutschen
­Hochschule, Begabung, „gute Noten“
und g
­ esellschaftliches (soziales, kulturelles, religiöses oder politisches) Engagement. Zu den möglichen Leistungen
zählen neben finanziellen Grundförderungen auch Studienkostenpauschalen,
Promotionsförderungen, Forschungskostenpauschalen, Familien- und Kinderbetreuungszuschläge, Sprachkurse,
Praktika, Zuschläge zu ­Reisekosten
und Studiengebühren bei Auslandssemestern sowie ­ideelle F
­ örderung durch
­Bildungsveranstaltungen und ­nützliche
Kontakte.
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haltet Informationen über 6.800 Programme von mehr als 3.000 nationalen
und internationalen Förderern.
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diM
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Bei Fragen zu direkten Ansprechpartnern bei den 13 großen Begabtenförderungswerken und zur Bewerbung hilft
die Zentrale S
­ tudienberatung.
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Zentrale ­Studienberatung
Tel. 0431 210 - 17 60
www.fh-kiel.de/studienberatung
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In Deutschland werden über 2.000 Stipendien und F
­ örderungen angeboten. Datenbanken wie w
­ ww.­stipendienlotse.de und
www.mystipendium.de geben umfassend
und zielgerichtet Auskunft über aktuelle
Stipendienprogramme und individuell
passende Fördermöglichkeiten. Weitere Hinweise und Voraussetzungen zur
Bewerbung sind erhältlich unter www.
begabtenfoerderungswerke.de. Studierenden der Fachhochschule Kiel steht für
die Suche nach Stipendien unter www.
elfi.info kostenlos auch die elektronische
Datenbank ELFI zur Verfügung. Sie bein-
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A
tipendium (lat. stipendium – Sold,
Löhnung, Z
­ ahlung eines Betrages),
das: ­Dabei handelt es sich um eine finanzielle Unterstützung für beispielsweise
Schülerinnen und Schüler, S
­ tudierende,
­Absolventinnen und Absolventen, Doktorandinnen und Doktoranden, Wissenschaftlerinnen und ­Wissenschaftler oder
andere ­Gruppen zur Erleichterung der ­­­Ausund Weiterbildung.
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Illustration: Tatjana Grüner
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MOIN MOIN,
Kompetenz bedeutet nach unserem didaktischen Verständnis allerdings, dass unsere
Alumni in der Lage sind, ihre beruflichen Aufgaben von Anfang an zu bewältigen. Sie sind
dafür ausgebildet, auf wissenschaftlicher Basis den Transfer zur Lösung von praktischen
Problemen leisten zu können. Mit ihrer
anwendungsorientierten Herangehensweise
leisten Fachhochschulen den für die Wirtschaft und Gesellschaften wichtigen Beitrag,
Ergebnisse der Grundlagenforschung zum
Nutzen der Menschen sinnvoll in Produkte
und Dienstleistungen umzusetzen.
Tauchen Sie in die Welt der Fachhochschule
Kiel ein und lassen Sie sich auf die Vielfalt
kompetenten Handelns ein. Die Forschungsund Entwicklungszentrum Fachhochschule
Kiel GmbH unterstützt die regionale Wirtschaft unter dem Motto „Ihre Probleme
hätten wir gerne, um sie zu lösen“. Das
Blitzlabor und das Institut für CIM-Technologietransfer sind weitere Einrichtungen,
die den Unternehmen helfen können, aber
auch daran beteiligt sind, die Region mit
Fachkräften zu versorgen. Lassen Sie sich
über die hohe Professionalität des studentischen Teams informieren, das jedes Jahr
im November unseren Firmenkontakttag
ausrichtet. Über kulturelle Aktivitäten auf
Foto: Frederike Coring
die neue Ausgabe unseres Campusmagazins
setzt sich mit dem im Bereich der Bildung
modernen Begriff der Kompetenz auseinander. Nach traditionellem Verständnis sind
Menschen kompetent, wenn sie zuständig
oder befugt sind, etwas zu tun. In dieser juristischen Vorstellung ist auch die sprichwörtlich gewordene „Kompetenz-Kompetenz“
Edmund Stoibers angesiedelt. In der Didaktik
verfolgt unsere Hochschule diesen Ansatz
weniger. Natürlich sind unsere Lehrenden in
dem Sinne kompetent, als sie zuständig und
befugt sind, junge Menschen auf den Weg in
das Berufsleben zu begleiten.
unserem Campus haben wir bereits regelmäßig berichtet, dieses Mal lesen Sie etwas
vom Sender RadioAktiv.
Seien Sie gespannt darauf, wie facettenreich
sich verschiedene Kompetenzen an der FH
Kiel sowie bei gegenwärtigen und ehemaligen Angehörigen ausdrücken. Jede siebente
Absolventin bzw. jeder siebente Absolvent in
Schleswig-Holstein kommt zurzeit von uns.
Sie begegnen also überall im Lande Menschen von unserer Hochschule, die an der
Zukunft des schönsten Bundeslandes der
Welt arbeiten.
Ich wünsche Ihnen wieder viel Spaß beim
Lesen.
Ihr Udo Beer
Präsident der Fachhochschule Kiel
campusmagazin
3
viel.mehr
16
6 Comicszenen vom Campus
Illustrationsstrecke: gezeichnete Einblicke in den
Fachhochschulalltag
TITELTHEMA – KOMPETENT
16 Bescheidene Wegbereiter
Im Rahmen von Projekten bietet das FuE-Zentrum
Lösungen für wissenschaftliche Herausforderungen
aus allen Branchen
34 Das ganz dicke Brett bohren
Institut für CIM-Technologietransfer arbeitet an der
Realisierung einer „Digitalen Fabrik“
38 Das Ziel immer vor Augen
Von nichts kommt nichts: Zwei studentische Teammitglieder des Firmenkontakttags berichten über
die Vorbereitungen zur größten Jobmesse SchleswigHolsteins
22 Gewitter auf Knopfdruck
44 Erbstück
26 Lust auf mehr
50 Ein Leben mit vier Sinnen
Im Blitzlabor können Unternehmen und Studierende
die Auswirkungen künstlicher Naturgewalten testen
Gewusst wie: Studentin des Fachbereichs Soziale
Arbeit und Gesundheit bringt Studium, Nebenjob
und Ehrenamt gekonnt unter einen Hut
30 Mit Campus RadioAktiv raus aus den Federn
Donnerstags ab acht Uhr gibt’s was auf die Ohren
4 viel. ausgabe elf
Kunstwerk findet ein neues Zuhause auf dem
Kieler FH-Campus
Blind klettern: Reportage aus dem Projekt Linie 11
des Fachbereichs Medien
54 Ein ganz persönliches Japan-Projekt
Freemover des Fachbereichs Informatik und Elektrotechnik erkundete Japans Land, Leute und Studienalltag auf eigene Faust
50
22
30
64
70
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58 Komm her! Wenn Du Dich traust …
Fotostrecke: Medienstudierende entwarfen
Plakatserie für ein Kieler Theater
82 Impressum
83 Kolumne
64 Zeit zum kreativen Müßiggang
Studierende entdeckten spielerisch den Stadtteil
Neumühlen-Dietrichsdorf
70 Physiotherapie mit Weitblick
Unsere Nachbarn: Die CampusPraxis
74 „Wir setzen auf Annäherung,
nicht auf Abgrenzung“
43 Lieblingsfilm
69 Lieblingsmuster
77 Lieblingswort
Alumna der FH Kiel leitet Jugendarrestanstalt bei Neumünster
78 viel.beschäftigt
Neue Gesichter an der FH
79 viel.erlei
campusmagazin
5
COMICSZENEN
vom Campus
VON
CHRISTIAN BEER
Christian Beer hat ein Faible für Comics. Nicht zuletzt, um als Illustrator verschiedene Stile und eigene Kreationen ausprobieren zu können, bringt sich
der Multimedia-Production-Student seit mehr als
drei Jahren beim Campusmagazin „viel.“ ein. Nach
zahlreichen Beiträgen zeigt er nun gegen Ende seiner Studienzeit den FH-Campus aus seiner ganz
persönlichen Sicht – Orte, die ihm wichtig sind;
Szenen, mit denen er seinen Aufenthalt verbindet;
Details, die ihm aufgefallen sind. Inspiriert hat den
26-Jährigen dabei hauptsächlich der US-amerikanische Comiczeichner Adrian Tomine, dessen saubere Strichführung, harmonische Farbgestaltung
und Fähigkeit, mit wenigen Linien ein komplexes
Bild zu schaffen, ihn besonders begeistern. Sein
Ziel ist aber immer eine eigene Interpretation.
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Wenn sich die Gelegenheit bietet, fährt Christian Beer mit der Schwentinefähre zur FH und wieder nach Hause
aufs Westufer. Das kann er allen nur empfehlen, die das Angebot nicht ohnehin schon nutzen. „Die Fahrt ist schön
entspannend und mit dieser Stimmung gehe ich auch immer von Bord.“
campusmagazin
7
Die Straßenecke mit der Daily
Lounge in seine Bildstrecke mit
aufzunehmen, war für Christian Beer ganz selbstverständlich,
schließlich hat er dort schon die
ein oder andere Stunde verbracht.
„Das Café ist gerade für Studierende vom benachbarten Fachbereich
Medien ein Knotenpunkt. Hier
treffe ich mich oft mit Kommilitoninnen und Kommilitonen zum
Lernen und Kaffeetrinken.“
In diese Zeichnung spielt auch
seine Faszination für das Bild
„Regenschauer über der großen
Brücke in Atake“ von Utagawa
Hiroshige hinein, einem Meister
des japanischen Farbholzschnitts.
Denn darin „ist das Prasseln des
Regenschauers förmlich spürbar“, findet Christian Beer, und
genau das wollte er auch einmal
ausprobieren.
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Obwohl er als Illustrator seiner Fantasie auch mal freien Lauf lassen
kann, war es Christian Beer bei dieser Bildstrecke besonders wichtig, die
ausgewählten Motive möglichst natur- und detailgetreu darzustellen. Als
„Erinnerungsstütze“ und Grundlage für seine Zeichnungen zog er daher
teilweise Fotos heran, auch für diese Hörsaalszene. Denn einen Großteil
seiner Studienzeit verbindet er „natürlich mit Vorlesungen“ – und Hörsäle
und ihre Atmosphäre seien eine Welt für sich, sagt er schmunzelnd.
campusmagazin
9
In seiner Zeit als Hiwi für die Interdisziplinären Wochen im Büro für Hochschulentwicklung schloss sich
Christian Beer eines Tages spontan einer Einladung des FH-Kanzlers Klaus-Michael Heinze an, der für die
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Führung durch die Kulturwelt des Campus organisiert hatte, darunter
einen Besuch auf der Sternwarte. „Der Ausblick über die Förde ist echt malerisch! Wir kamen zum Sonnenuntergang oben auf dem Dach an und konnten uns später die Sternenkonstellation ‚Sommerdreieck‘ ansehen“,
erinnert er sich.
Der FH-Campus bietet eine Menge Kunst und Kultur, findet Christian Beer.
Ein farbenfrohes Spektakel ist ihm besonders in Erinnerung geblieben: Als er
eines Abends auf dem Nachhauseweg am Bunker-D vorbeikam, erstrahlte auf
einer seiner Wände eine riesige Projektion – ein Beitrag des Kieler Start-ups
„EDGE“ im Rahmen des KOORDINATEN-Festivals des Fachbereich Medien.
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Nach einem Auslandssemester in Antwerpen fand Christian Beer im Untergeschoss des Großen Hörsaalgebäudes eine
Überraschung vor: Die ehemalige Cafeteria war inzwischen in ein amerikanisches Diner umgewandelt worden – mit
knallroten Polsterbänken, chromglänzenden Barhockern und schwarz-weiß kariertem Fußboden. Ein richtiger Hingucker mit cooler Atmosphäre, findet er, jetzt fehlen nur noch die typisch amerikanischen Burger.
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Illustrationen: Christian Beer, Text: Katja Jantz
Titelthema KOMPETENT
TITELTH
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Hochschulen bilden nicht nur neue Kompetenzen aus – sie bündeln
auch bereits vorhandene persönliche und fachliche Fähigkeiten ihrer
Studierenden, Lehrenden und Angestellten und nutzen diese für
unterschiedliche Zwecke. Die folgenden Seiten zeigen Beispiele, wie
die FH Kiel ihre Rolle als Schnittstelle zwischen Forschung, Wirtschaft
und Gesellschaft wahrnimmt; mithilfe von Menschen, die in unterschiedlichen Bereichen einen „great job“ machen: Die Forschungs- und
Entwicklungszentrum Fachhochschule Kiel GmbH bringt wissenschaftliches Know-how mit regionalem unternehmerischem Forschungs- und
Entwicklungsbedarf zusammen – zu ihrem vielfältigen Angebot zählt
beispielsweise das Labor für Hochspannung und Blitzstrom. Das
Institut für CIM-Technologietransfer arbeitet ebenfalls eng mit der
Industrie und vielen Hochschulangehörigen zusammen. Doch auch
die Studierenden leisten ihren Beitrag im Zusammenspiel zwischen
Forschung, Wirtschaft und Gesellschaft und das nicht erst, wenn sie
die Hochschule verlassen: Jedes Jahr stellt ein Team aus unterschiedlichen Fachbereichen den Firmenkontakttag auf die Beine, die größte
Jobmesse Schleswig-Holsteins. Jedes Mitglied bringt neben seinen
Fachkenntnissen auch persönliche Kompetenzen mit ein. Gleiches gilt
für die Macherinnen und Macher des hochschuleigenen Radiosenders
Campus RadioAktiv. Dass sie viele Bälle gleichzeitig in der Luft halten
muss, um Studium, Nebenjob und Ehrenamt unter einen Hut zu bringen,
zeigt eine Studentin vom Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit.
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Foto: Forschungs- und Entwicklungszentrum Fachhochschule Kiel GmbH
Titelthema KOMPETENT
BESCHEIDENE
WEGBEREITER
Nur durch Forschung werden gute Produkte exzellent, doch eine eigene Forschungsabteilung ist
für viele Unternehmen zu teuer. Die Forschungs- und Entwicklungszentrum Fachhochschule Kiel
GmbH (FuE-Zentrum) sorgt dafür, dass Unternehmen die wissenschaftlichen und technologischen
Ressourcen der Fachhochschule nutzen können. Diese Kooperationen nützen aber auch der FH:
Studierende erhalten Einblicke in innovationsfreudige Unternehmen und Professorinnen sowie
Professoren können ihre Kontakte zur Wirtschaft intensivieren.
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uf den ersten Blick wirkt das Gebäude
in der Schwentinestraße 24 nicht wie ein
Ort, an dem Wirtschaft und Wissenschaft
zusammenkommen. Wer das Treppenhaus
des Wohngebäudes mit seinem Terrazzoboden betritt, glaubt zunächst, sich im Haus
geirrt zu haben. Doch tatsächlich arbeitet hier
Björn Lehmann-Matthaei mit seinem Team
daran, Forschungs- und Industrieaufträge für
die Professorinnen und Professoren der FH
Kiel einzuwerben und die Durchführung zu
betreuen. Auf die eigentümlichen Räumlichkeiten angesprochen erklärt der Geschäftsführer: „Beim Start vor 20 Jahren hatten
wir tatsächlich repräsentative Räume im
zehnten Stockwerk eines Bürogebäudes an
der Holsatiamühle, doch das war einfach zu
weit weg. Wir wollten auf den Campus, denn
nur hier haben wir den direkten Draht zu den
Lehrkräften und zum Präsidium. Selbst 300
Meter können da zu viel sein. Aber zumindest sind bisher noch keine Kundinnen und
Kunden abgesprungen, weil bei uns nicht
alles aus Stahl und Glas ist.“ In der langen
Liste der Auftraggeber des FuE-Zentrums finden sich zahlreiche bekannte Namen: Airbus,
Deutsche Bahn, Panasonic, Vattenfall. Der
Großteil kommt allerdings aus SchleswigHolstein. Unter anderem setzten bereits lokale Schwergewichte wie Caterpillar, Thyssen
Krupp Marine Systems und die Lindenau
Werft auf die Dienste des FuE-Zentrums.
Lehmann-Matthaei ist seit 15 Jahren Geschäftsführer der Forschungs- und Entwicklungszentrum Fachhochschule Kiel GmbH.
Hinter dem sperrigen Namen steckt eine
Gesellschaft, die unter anderem die Kompetenzen der Hochschule vermarktet. Neben
der Förde Sparkasse ist die Fachhochschule
Kiel die Hauptgesellschafterin, der über den
Kurs des Unternehmens bestimmt. Das
Geschäftsfeld des FuE-Zentrums gliedert sich
in drei Bereiche: Transferprojekte, Prüf- und
Messdienstleistungen und Drittmittel-Projektdienstleistungen. „Unser Team aus acht
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betreut
etwa 150 Projekte im Jahr“, erklärt Dr.
Christine Nürnberg, die sich im FuE-Zentrum
unter anderem um die Öffentlichkeitsarbeit
kümmert. „Seit unserer Gründung im Jahr
1995 waren es insgesamt etwa 1.500“,
ergänzt Lehmann-Matthaei, „wobei die etwa
70 Transferprojekte jährlich den Löwenanteil
ausmachen. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen aus der Region kommen
auf uns zu und erkundigen sich nach Lösungen für individuelle Probleme.“
„Seit unserer Gründung im
Jahr 1995 waren es insgesamt etwa 1.500 Projekte.“
Was es genau mit den Transferprojekten
auf sich hat, illustriert Lehmann-Matthaei
an einem Beispiel. „Ein Unternehmen, das
Küchenmixer herstellt, bemerkt, dass der
Absatz zurückgeht. Eine Umfrage ergibt,
dass die Kundinnen und Kunden grundsätzlich zufrieden sind, die Geräte aber als zu
laut empfinden. Will das Unternehmen mit
dem Produkt weiterhin am Markt bestehen,
muss es eine Ingenieurin beziehungsweise
einen Ingenieur mit dessen Verbesserung
beauftragen, was häufig mit der Anschaffung
neuer Maschinen und weiterem zusätzlichem Personal verbunden ist.“ Diese Lösung
sei aber teuer und langwierig, daher sei es
häufig die bessere Alternative, Kontakt zum
FuE-Zentrum aufzunehmen. „Wir setzen uns
zusammen, arbeiten das Problem heraus und
schauen dann, ob wir an der Fachhochschule
unter den Professorinnen und Professoren
jemanden finden, der sich dessen annehmen
könnte. Ist das der Fall, machen wir der Firma
ein Angebot, und sie erhält von uns eine Lö- ➢
campusmagazin
17
Foto: Frederike Coring
Titelthema KOMPETENT
Viele Studierende
haben durch FuEProjekte Kontakte
zu Unternehmen
geknüpft.
150
Projekte pro Jahr
sung für ihr Problem. Schneller und günstiger,
als dies in Eigenleistung möglich wäre.“ Etwa
50 Projekte im Jahr wickelt das FuE-Zentrum
im Geschäftsbereich Prüf- und Messdienstleistungen ab. Hierbei ist neben dem Wissen
der FH-Professorinnen und -Professoren vor
allem das Inventar der Fachhochschule für
das Klientel aus der Wirtschaft attraktiv. Das
hochschuleigene Blitzlabor bietet beispielsweise die Möglichkeit zu messen, wie sich
Produkte verhalten, wenn sie plötzlich hohen
Spannungen ausgesetzt sind. Solche Tests
sind für viele Unternehmen in der Produktentwicklung immens wichtig, müssen
allerdings nur selten durchgeführt werden.
Daher würde es sich für viele Unternehmen
nicht rentieren, einen eigenen Prüfstand zu
installieren und eine Fachkraft für die Durchführung der Tests anzustellen. Stattdessen
nehmen Unternehmen das Know-how der
FH-Professorinnen und Professoren und ihrer
wissenschaftlichen Angestellten in Anspruch.
Da die Messungen an einer Hochschule stets
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47 %
Transferprojekte
33 %
Prüf- und Messdienstleistungen
20 %
Drittmittel-Projektdienstleistungen
objektiv sind, sind an der FH auch Produktzertifizierungen möglich. Das FuE-Team bietet
den Professorinnen und Professoren deutlich
angenehmere Arbeitsbedingungen, als die,
die abseits des Campus herrschen: Damit sie
sich voll auf die Projekte konzentrieren und
diese schnell durchführen können, müssen
sie sich nicht um bürokratische Angelegenheiten wie Abrechnungen, Steuer- oder
Personalfragen kümmern. All das erledigt das
Service-Team des FuE-Zentrums. Die Gesellschaft trägt sogar das unternehmerische
Risiko und kümmert sich um den Eingang
der Auftragsgelder. „In der Regel gibt es da
aber keine Probleme“, lobt Lehmann-Matthaei seine Partnerinnen und Partner in
der Wirtschaft. „Trotzdem ist natürlich nie
ausgeschlossen, dass Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten und in
Insolvenz gehen.“ Er sieht in der Zusammenarbeit aber auch vielfältige Vorteile für die
Hochschule und die Studierenden. „Viele von
ihnen haben durch FuE-Projekte Kontakte
Aus einem unauffälligen Mehrfamilienhaus auf dem Campus schiebt das
Team der Forschungs- und Entwicklungszentrum Fachhochschule Kiel
GmbH große Projekte an.
zu Unternehmen geknüpft, dort Erfahrungen
sammeln und sich beweisen können und
später auch Anstellungen in diesen Betrieben
gefunden. Zudem verbleiben viele Anschaffungen, die von den Kundinnen und Kunden
für Messungen benötigt und bezahlt werden,
nach Projektende an der Fachhochschule.“
Im Bereich Drittmittel-Projektdienstleistungen
betreut das FuE-Zentrum jährlich zwischen
20 und 30 Aufträge. „Das hört sich nach
wenig an, macht aber viel Arbeit“, weiß Björn
Lehmann-Matthaei. Durch die langjährige
Erfahrung in der Förderungslandschaft kennt
das Team des FuE-Zentrums die regionalen,
nationalen und europaweiten Möglichkeiten, ein Forschungsvorhaben zu finanzieren.
Es geht jedoch nicht nur um das ohnehin
kostbare Wissen, welche Fördertöpfe es gibt,
sondern vor allem darum, wie vorzugehen ist,
um schließlich die Förderung und den begehrten Zuwendungsbescheid zu erhalten. Denn
einen solchen Antrag so zu formulieren, dass
die Wahrscheinlichkeit auf eine Förderung
aussichtsreich oder sogar wahrscheinlich ist,
erfordert eine Menge Arbeit. War er erfolgreich, kümmert sich das FuE-Zentrum auch um
die Abwicklung des Projektes. „Drittmittel-Projekte haben häufig einen sehr hohen Verwaltungsaufwand, weil hier meist mit öffentlichen
Geldern gearbeitet wird“, führt LehmannMatthaei aus. „Jede noch so kleine Ausgabe
muss belegt sein.“ Dennoch sind diese Projekte für das FuE-Zentrum sehr wichtig, geht
es doch um hohe Fördersummen und lange
Laufzeiten. „Sie laufen schon mal über zwei
oder drei Jahre und haben ein Volumen von
300.000 Euro. Wenn wir ein solches Projekt an
Land ziehen, erreichen wir bei aller Arbeit auch
bessere Planbarkeit für das Unternehmen.“
Doch das FuE-Zentrum vermarktet nicht
nur die Kompetenzen der Fachhochschule
Kiel. Die Gesellschaft ist zudem Träger von
sogenannten Verbundprojekten, in denen das
Fachwissen und die technologischen Ressourcen mehrerer Hochschulen gebündelt
„Abseits von den Verbundprojekten haben alle beteiligten Hochschulen Unterschiedliches zu bieten.“
werden. Zu diesem Verbund gehören neben
der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
die Fachhochschulen Flensburg, Lübeck, Kiel
und die Fachhochschule Westküste in Heide.
Inhaltlich liegt der Fokus auf dem Bereich Erneuerbarer Energien, mit den Schwerpunkten
Windenergie und Biomasse. Unternehmen
aus der Wirtschaft können über das FuEZentrum so bequem auf den größten Expertenpool in Schleswig-Holstein zugreifen.
„Abseits von den Verbundprojekten haben
alle beteiligten Hochschulen Unterschiedliches zu bieten. Wenn ein Projekt für die
eigene Hochschule zu groß ist oder nicht in
den eigenen Kompetenzbereich fällt, dann
übergibt man es gerne den Kolleginnen und
Kollegen“, bringt Lehmann-Matthaei die
partnerschaftliche Stimmung auf den Punkt.
Schließlich seien für Wissensvermittlerinnen
und -vermittler vor allem die Kontakte der
Professorinnen und Professoren zu den regionalen Unternehmen von Bedeutung, denn
jede und jeder habe vor der Berufung fünf
➢
Jahre in der Wirtschaft gearbeitet.
Forschungs- und Entwicklungszentrum
Fachhochschule Kiel GmbH
Schwentinestr. 24
24149 Kiel
Telefon: 0431 218 - 44 40
E-Mail: [email protected]
Internet: www.fh-kiel-gmbh.de
campusmagazin
19
Titelthema KOMPETENT
Seit 2003 steht FINO1 nördlich von
Borkum im Meer – das FuE-Zentrum hat
den Betrieb der Forschungsplattform im
Jahr 2012 übernommen.
Die Leuchtturm-Projekte des FuE-Zentrums
sind weithin sichtbar, aber kaum jemand
bekommt sie je zu Gesicht – das wäre auch
nur in einem Hubschrauber oder auf einem
hochseetauglichen Schiff möglich. Viel Engagement des FuE-Zentrums fließt beispielsweise in die beiden Forschungsplattformen
FINO1 und FINO3, die weit draußen in der
Nordsee vor Borkum und Sylt stehen. Bis zu
120 Meter hohe, rot-weiße Stahlkonstruktionen, die bis zu 30 Meter tief in den Meeresboden gerammt wurden. „Anfang der 2000er
Jahre war Windkraft ein intensiv diskutiertes
Thema“, erklärt Christine Nürnberg. „Da der
Wind über dem Meer generell stärker weht
und der Energieertrag dort deutlich höher ist,
sollten Offshore-Windparks errichtet werden.
Allerdings war unklar, welche Umweltbedingungen und Windverhältnisse weit draußen
in Nord- und Ostsee tatsächlich herrschen.
Daher schrieb die Bundesregierung das FINOProgramm aus.“ Heute werden auf FINO1
und FINO3 verschiedenste Untersuchungen
durchgeführt, zum Beispiel zu meteorologischen und ozeanographischen Daten oder Bodenbeschaffenheiten und neuen Korrosionsschutztechniken. Auch ökologische Forschung
zum Vorkommen von Schweinswalen oder
über Vogelzüge findet dort statt.
„Es wäre schön, wenn
die Politik noch mehr
auf die Förderung
der Zukunftstechnologien setzt, um eine
nachhaltige Stärkung
der regionalen Wirtschaftsstrukturen in
Schleswig-Holstein zu
erreichen.“
20 viel. ausgabe elf
Fotos: Forschungs- und Entwicklungszentrum Fachhochschule Kiel GmbH
Die im Jahr 2003 fertiggestellte Forschungsplattform FINO1 wurde ursprünglich vom
Bauherrn Germanischer Lloyd betrieben. Im
Februar 2012 erhielt das FuE-Zentrum dann
vom Bundesumweltministerium den Auftrag,
den Betrieb zu übernehmen. Weitaus spannender ist die Geschichte hinter FINO3, bei
der das FuE-Zentrum von Anfang an mit im
Boot war. „Da sich kein Unternehmen fand,
das die Plattform konstruieren, bauen und betreiben wollte, haben wir das selbst übernommen. Eine tolle Herausforderung“, erinnert
sich Lehmann-Matthaei. Dieser Entscheidung
ging eine lange Planungsphase voraus, in
der auch die Risiken abgewogen wurden. Vor
allem erhebliche finanzielle Risiken, wie er
ausführt: „Ein Tag auf See, an dem ein Schiff
mit dem Aufbau der Forschungsplattform
beschäftigt ist, kostet locker 100.000 Euro.
Wenn das Schiff gebucht ist und das Wetter
nicht mitspielt, dann wird es allerdings schnell
noch teurer. Wir hatten in unserer Kalkulation zwar schon ein paar Tage Schlechtwetter
eingeplant, die auch eintraten; aber zusätzlich
gab es auch noch Unstimmigkeiten mit der
ausführenden Firma, die das Projekt immer
weiter in die Länge zogen.“ Statt im Oktober 2008 nahm FINO3 dann erst im August
2009 seinen Betrieb auf. Dennoch ging die
Kalkulation des FuE-Zentrums auf, denn
heute erproben Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler auf der Nordseeplattform
westlich von Sylt Verfahren und Produkte der
Offshore-Technologie. Eine Brücke zwischen
Wissenschaft und Wirtschaft auf hoher See.
Angesichts von Projekten mit einem so
hohen Finanzvolumen wie FINO3 ist es
Lehmann-Matthaei jedoch wichtig zu betonen,
dass das FuE-Zentrum nicht auf Gewinnerzielung ausgerichtet sei. „Wir sind theoretisch
unabhängig von der Fachhochschule und
führen das FuE-Zentrum daher als selbständiges, privatwirtschaftliches Unternehmen. Die
kleinen Gewinne, die wir erwirtschaften, verbleiben in der Gesellschaft.“ Vorrangig geht es
ihm und seinem Team darum, die Zusammenarbeit von Hochschulen und Unternehmen in
und außerhalb Schleswig-Holsteins zu fördern.
Langfristig erhofft er sich Unterstützung von
der schleswig-holsteinischen Wirtschaft: „Es
wäre schön, wenn die Politik noch mehr auf
die Förderung der Zukunftstechnologien setzt,
um eine nachhaltige Stärkung der regionalen
Wirtschaftsstrukturen in Schleswig-Holstein
zu erreichen.“
Joachim Kläschen
FINO3 befindet sich etwa
80 Kilometer westlich der
Insel Sylt in der Nordsee und
hilft Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftlern dabei,
Offshore-Technologie zu
entwickeln.
Titelthema KOMPETENT
GEWITTER
AUF KNOPFDRUCK
22 viel. ausgabe elf
Um fünf Uhr morgens fährt Martin Friis Jensen von Kopenhagen nach Kiel, um zerstören zu
lassen, woran er seit Monaten gearbeitet hat. An der FH Kiel will der dänische Entwicklungsingenieur prüfen lassen, ob die meterlangen Funkantennen seiner Firma ein Gewitter schadlos
überstehen und besucht dazu das Labor für Hochspannungstechnik, Hochstromtechnik und EMV,
kurz Blitzlabor, in dem künstliche Naturgewalten auf modernste Technik treffen.
D
er Blick, den Prof. Dr. Kay Rethmeier,
Leiter des Blitzlabors, von seinem Stehschreibtisch im ersten Stock des Gebäudes
11 auf dem FH-Campus hat, ist unbezahlbar.
Er schaut auf die Schwentinemündung und
die Förde, um 9.50 Uhr deutet er aus dem
Fenster: „Da wendet die Color Line, das
ist immer ein Highlight.“ Neben seinem
Schreibtisch führt eine Wendeltreppe ins Erdgeschoss und hier geht es kräftig zur Sache.
Laboringenieur Jörg Kohlmorgen ist damit
beschäftigt, alles für den Besuch aus dem
Norden vorzubereiten, der sich für 10 Uhr angekündigt hat. Zwei Mitarbeiter der dänischen
Firma Procom möchten herausfinden, ob ihre
Antennen, die Feuerwehr, Seenotrettung und
Technischem Hilfswerk ausfallfreien Funkverkehr ermöglichen, auch in einem schweren
Unwetter ihren Dienst verrichten. Im Blitzlabor simulieren Prof. Rethmeier und Kohlmorgen die Naturgewalten und die Folgen, wenn
200.000 Ampere durch sensible Elektronik
fahren.
„Das ist mehr
elektrischer Strom
als der stärkste zu
erwartende Blitz.“
Unscheinbare Blechkisten stehen in einem
engen Raum in Reih und Glied, auf ihnen durch
Kupferdrähte verbundene Keramikspindeln,
die Kohlmorgen miteinander verbindet. „Auch
wenn wir sie bisher noch nicht ganz ausgereizt
haben, soll unsere Anlage bis zu 400.000 Ampere schaffen“, erklärt Prof. Rethmeier. „Das
ist mehr elektrischer Strom als der stärkste
zu erwartende Blitz. Aber manche Unternehmen wollen einfach wissen, was ihre Geräte
aushalten.“ So wie die Gäste aus Dänemark,
die ihre drei Meter langen und etwa fünf Kilo
schweren Antennen mittlerweile bereitgelegt
haben, damit Kohlmorgen die erste von ihnen
auf der elektrischen Schlachtbank einspannen
kann. Der Aufbau ist Handarbeit. Holzscheite
in verschiedenen Größen und Schraubzwingen
kommen zum Einsatz. Mit einem Maulschlüssel befestigt der 50-Jährige ein dickes Kupferband an der Spitze der Antenne und schraubt
die Fassung des Sendemastes mit fingerdicken Schrauben an Kupferplatten, damit der
Strom später in und hoffentlich auch durch den
Prüfling fahren kann.
Die Blitzanlage mutet archaisch an. Und welche Macht in ihr steckt, zeigt Prof. Rethmeier
anhand ihrer „Narben“. Eine der Keramikspindeln, die die gefährliche Hochspannung
aus dem Inneren des Stoßkondensators
führen, ist nur noch zu Teilen intakt, die
fehlende Hälfte einem Experiment geschuldet. Der 42-Jährige deutet mit dem Finger
auf die Wand und einen Kabelschrank. Bei
genauem Hinsehen sind Einschlagstellen
zu erkennen; Krater, verursacht durch die
abgesprengten Keramiktrümmer. Auch mit
künstlich erzeugten Naturgewalten ist nicht
zu spaßen. Daher finden alle Blitzexperimente hinter zentimeterdicken Glasscheiben und
Sicherheitstüren statt.
Der Aufbau ist fertig und die Anlage wird
hochgefahren. Eine Signalleuchte zeigt, dass
etwas im Gange ist. Schwer zu glauben, aber
der Blitzstrom, der gleich durch die Antenne
schießen soll, kommt aus einer üblichen
Steckdose. Über zwanzig Sekunden lässt
Kohlmorgen den Strom laufen, als füllte er
eine Badewanne. Die Kondensatoren speichern die elektrische Ladung, deren Höhe
auf zwei gelben Amperemetern kontinuierlich steigt. Damit der Knall der Entladung die
Trommelfelle der Zuschauer nicht schädigt,
gibt Prof. Rethmeier Gehörschutz aus. Kohlmorgen bellt ein letztes „Achtung!“ und löst
per Mausklick die Entladung aus. Ein Blitz.
Ein Knall. Stille.
➢
campusmagazin
23
Im Blitzlabor entfesselt Prof. Dr. Kay Rethmeier Naturgewalten auf Knopfdruck, wenn 200.000 Ampere in Sekundenbruchteilen freigesetzt werden, um die Belastungsgrenzen von Elektronikbauteilen auszuloten.
Konzentriert betrachtet Prof. Rethmeier die
Kurve auf dem Oszilloskop, während Kohlmorgen zielstrebig in das Labor eilt, um zu
messen, ob die Antenne Schaden genommen
hat. Eile ist geboten, denn der Versuch soll
dreimal binnen zehn Minuten wiederholt
werden, so, als schlüge der Blitz mehrfach
nacheinander in die Antenne ein. Gelassen
warten die Procom-Mitarbeiter das Ergebnis
ab. Es ist nicht ihr erster Besuch im Blitzlabor
und die erste Runde bedeutet für sie allenfalls
ein Warmlaufen. Prof. Rethmeier überbrückt
die Zeit bis zum zweiten Anlauf, indem er ein
kurzes Video von einem vergangenen Testlauf
vorführt: In der Nebenkammer prüften der
Professor und sein Team das „Verhalten“ der
Blitze, also wo ein Blitz in einen Prüfling einschlagen würde. Häufig sind es Rotorblätter
von Windkraftanlagen, die in der Nebenhalle
der künstlichen Naturgewalt ausgesetzt
werden. Im Video scheint alles nach Plan zu
verlaufen. Der Blitz schlägt genau an der Stelle in das Blatt, die dafür vorgesehen ist und
die Energie in die Erde ableiten soll.
Unter Prof. Rethmeiers Anleitung vergraben die Studierenden Kupferkabel in einer
Schüssel mit Quartzsand und
beobachten dann, wie der
Blitz auf Knopfdruck mit bis
zu 30.000 Grad Celsius den
Sand transformiert.
24 viel. ausgabe elf
Was die elektrische Energie anrichten kann,
zeigt Prof. Rethmeier auch Studierenden
unterschiedlicher Fachbereiche unter anderem regelmäßig in den Interdisziplinären
Wochen der Hochschule. Auf einem Tisch im
Blitzlabor liegen einige Ergebnisse: Fulgurite,
röhrenförmige Gebilde, die entstehen, wenn
ein Blitz in Sand einschlägt. Unter Prof. Rethmeiers Anleitung vergraben die Studierenden
Kupferkabel in einer Schüssel mit Quartzsand und beobachten dann, wie der Blitz auf
Knopfdruck mit bis zu 30.000 Grad Celsius
den Sand transformiert. Seine Arbeit mit
praktischen Beispielen zu veranschaulichen,
ist ihm eine Herzensangelegenheit. So lässt
er sie auch mit Baumarktmaterialien ein Stück
Reetdach nachbauen und installiert darauf
einen variablen Blitzableiter. Die Studierenden
lernen so, dass dieser einen bestimmten
Abstand vom Objekt haben muss, das er
schützen soll. Nur dann fährt die Energie nicht
in das leicht entflammbare Reet.
Sein Talent für verständliches Erklären hat den
Blitzexperten an die FH Kiel gebracht. „Schon
in der Schule habe ich gemerkt, dass viele
meiner Mitschülerinnen und Mitschüler in Mathe und Physik nicht mitgekommen sind, weil
einfach schlecht vermittelt wurde. Ich hab mir
mein Taschengeld mit Nachhilfe aufgebessert,
weil ich immer gut erklären konnte. Sogar
Klavierunterricht habe ich gegeben“, erinnert
sich Prof. Rethmeier, dessen Herz aber auch
für Schlagzeug, Gitarre und Cello schlägt.
„Während meines Elektrotechnik-Studiums an
der TU Berlin ist mir dann klar geworden, dass
ich unterrichten will. Und die praktische Arbeit
mit den Studierenden an der FH ist genau
das, wo ich hin wollte“, freut sich der Professor mit dem markanten Bart sichtlich.
Mittlerweile hat Kohlmorgen den dritten
Durchgang aufgebaut. Längst ist Jensen auf
der sicheren Seite, denn die Antenne hat die
Tests bestanden, die sie aushalten muss. Nun
will er wissen, wo die Grenze liegt. In einem
Sekundenbruchteil sollen 200.000 Ampere
durch die Antenne schießen, in deren Inneren
sensible Mikroelektronik verbaut ist. „You are
absolutely sure, you want us to do that? If we
do that, I am not sure what happens“, gibt
Prof. Rethmeier zu bedenken. „Absolutely
sure!“, entgegnet Jensen.
Bei so hohen Strömen zeige sich auch die
Kraft des Stroms, erklärt Prof. Rethmeier.
Deshalb greift Kohlmorgen zu Bohrmaschine
und zimmert pragmatisch aus den Holzscheiten eine passgenaue Halterung. Schraubzwingen halten die Spitze des Sendemastes auf
zwei Tischen fixiert. Kohlmorgen schaltet die
Warnlampe ein und fährt die Anlage hoch. Die
gelben Amperemeter beginnen zu zählen und
während des gespannten Wartens erläutert
Prof. Rethmeier: „Das ist jetzt der kritische
Bereich. Die Anlage ist dafür theoretisch ausgelegt, aber in dieser Größenordnung steigt
auch das Risiko, dass es Ausreißer gibt.“ Alle
setzen ihren Gehörschutz auf, Kohlmorgen
bellt wiederum sein „Achtung!“ und einen
blitzenden Knall später zeigt sich das zerstörerische Ergebnis des Experiments.
i
Blitzeinschläge dauern
nur einen Augenblick. Die
HochgeschwindigkeitsAufnahme bei 4.000
Bildern pro Sekunde macht
die Naturgewalt eindrucksvoll sichtbar.
Am Ende dient die Zusammenarbeit mit der
Industrie aber auch der Lehre. Prof. Rethmeier rechnet vor, dass ihm für fünf Jahre etwa
20.000 Euro zur Verfügung stehen. „Das
hört sich nach viel an. Aber einer unserer
Kondensatoren kostet 3.500 Euro! Wenn da
etwas ausfällt, müssen wir improvisieren.“
So kümmert sich der Herr des Blitzlabors um
Spenden von Wirtschaftsunternehmen, die
tatsächlich bereit sind, Material und Geräte zur Verfügung zu stellen. Mit der Spitze
seines Sicherheitsschuhs tippt er gegen eine
unscheinbare blaue Plastiktonne unter einem
Tisch. Die darin enthaltenen 45 Kilo Kupferkabel, die ein Unternehmen kostenlos an sein
Labor abgegeben hat, gehören zu den Verbrauchsstoffen für das Blitzlabor. Wer blitzen
will, muss freundlich sein.
Joachim Kläschen
Fotos: Andreas Diekötter
Im Labor riecht es verbrannt, das obere Ende
der Glasfaser-Ummantelung der Antenne
ist zersplittert. Die mechanische Wucht
des Stromschlags hat die Antenne aus den
Zwingen gerissen und so den Schaden
verursacht. Kohlmorgen beginnt umgehend
mit der Widerstandsmessung und Jensen
beginnt zu grinsen, als er das Ergebnis auf
der Anzeige des Messgeräts sieht. Seine
Antenne funktioniert, der Schaden ist lediglich
oberflächlich. „Unsere Kundschaft aus der
Industrie schätzt es, dass wir so flexibel sind.
Ihre Ingenieurinnen und Ingenieure können
uns im Zweifelsfall dabei helfen, Ungereimtheiten aufzuschlüsseln, weil sie ihr Produkt
in- und auswendig kennen.“ Prof. Rethmeier
indes schätzt die Rahmenbedingungen, innerhalb derer er solche Aufträge bearbeitet. „Die
Forschungs- und Entwicklungszentrum GmbH
der FH hält uns den Rücken frei und nimmt
uns viel von der Bürokratie ab. So können wir
uns dann voll auf unsere Arbeit für die Kundinnen und Kunden konzentrieren.“
Dutzende Keramikspindeln führen die gefährliche Hochspannung aus dem Inneren des Stoßkondensators. (l.)
In Experimenten ermitteln Studierende, wie weit ein Blitzableiter vom Reet entfernt stehen muss, um das Dach zu schützen. (r.)
campusmagazin
25
Titelthema KOMPETENT
LUST AUF
26 viel. ausgabe elf
Foto: Frederike Coring
MEHR
N
adja Winter startet durch. Was auch
Zeit wird, wie sie findet. Nach ihrem
Bachelorabschluss als Sozialarbeiterin
macht sie zurzeit ihren Master an der FH
Kiel, arbeitet nebenbei im Ministerium für
Soziales, Gesundheit, Wissenschaft und
Gleichstellung Schleswig-Holstein und
engagiert sich ehrenamtlich in der Politik. „Im Moment läuft es einfach gut bei
mir, aber das war nicht immer so“, erzählt
sie. „Ich musste über Jahre zurückstecken.
Nun kann ich endlich mal aufholen und es
macht mir richtig viel Spaß.“
Dass die 29-Jährige heute selbstbewusst und
zielstrebig durchs Leben geht, verdankt sie ihrem Durchhaltevermögen und ihrem Ehrgeiz –
und nicht zuletzt ihren Eltern. Dabei fiel es
ihr eine lange Zeit schwer, an sich und ihre
Fähigkeiten zu glauben. Nadja Winter stammt
aus einer Nichtakademikerfamilie mit Migrationshintergrund und hatte deshalb besonders
in ihrer Schulzeit mit Vorurteilen zu kämpfen.
„Total inkompetent und ausgebremst“ habe
sie sich gefühlt. Sie wurde gemobbt, trotz
guter Noten empfahlen ihre Lehrerinnen und
Lehrer nach der sechsten Klasse den Wechsel an die Hauptschule. Ein Glück, dass ihre
Eltern sich darüber hinwegsetzten und sie auf
dem Gymnasium beließen: Sie vertrauten in
die Fähigkeiten ihrer Tochter und unterstützten sie mit all ihren Möglichkeiten auf dem
Weg zum Abitur.
Trotzdem hinterließ die Schulzeit Spuren bei
Nadja Winter. Spuren in ihrer Selbstwahrnehmung, in ihrem Selbstvertrauen. Denn
obwohl sie den Schritt gerne gewagt hätte,
fühlte sie sich einem Studium anschließend
zunächst nicht gewachsen und bewarb sich
kurzerhand für eine Ausbildung zur Bankkauffrau. Doch sie erhielt nur Absagen. Ein
weiterer Schlag. Ihre Unsicherheit wuchs,
wusste sie doch nicht, was das Richtige für
sie sein könnte – denn was, so dachte sie,
konnte sie schon? In ihrer Not entschied
sie sich spontan für ein Freiwilliges Soziales
Jahr in einem Neumünsteraner Altenheim.
Ein Glücksgriff, wie sich herausstellen sollte,
denn damit hatte sie immerhin schon einmal
ihr Berufsfeld gefunden, wenn auch noch kein
konkretes Ziel. Ihre anschließende Ausbil-
dung zur Erzieherin verlief so gut, dass es ihr
schon fast unheimlich war. Ihre Noten waren
hervorragend, die Lehrkräfte lobten begeistert ihre Leistungen. „Die Erfahrung hatte ich
vorher noch nie gemacht“, sagt sie. „In dieser
Zeit fing ich an zu lernen, dass ich etwas kann,
und auch schaffe, was ich mir vornehme. Es
gibt immer einen Weg.“
„Ich mag es, mich zu fordern,
mein Wissen gleich anzuwenden und so festigen zu können.
Das ist total wertvoll.“
Mit dieser neu gewonnenen, noch vorsichtigen Einstellung wagte Nadja Winter endlich
den Schritt in ein Bachelorstudium am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der
Fachhochschule Kiel. In der Ausbildung hatte
sie sich manchmal etwas unterfordert gefühlt,
nun wollte sie mehr, wollte sich ausprobieren, mehr Kompetenzen hinzugewinnen. Sie
stürzte sich jedoch nicht nur voller Elan in
Vorlesungen und Seminare, sondern auch in
einen neuen Nebenjob. Schon während ihrer
Ausbildung hatte sie nebenbei in einer betreuten Grundschule gearbeitet, um ihr BAföG
aufzustocken. Nun sammelte sie Erfahrungen
in einer sozialpsychiatrischen Einrichtung. „Ich
mag es, mich zu fordern, mein Wissen gleich
anzuwenden und so festigen zu können. Das
ist total wertvoll.“ Um sich zusätzlich finanziell
abzusichern, spielte sie mit dem Gedanken,
sich für ein Stipendium zu bewerben, traute
sich zunächst aber nicht – zu groß war ihre
Unsicherheit. „Im ersten Semester hatte
ich Supernoten, aber ich wollte lieber noch
abwarten, ob das auch so weitergeht.“ Es ging
so weiter, daher nahm Nadja Winter nach dem
zweiten Semester allen Mut zusammen und
wurde belohnt: Die Friedrich-Ebert-Stiftung
nahm sie auf und so entdeckte sie die Politik
für sich. „Voraussetzung für die Förderung ist
es, sich ehrenamtlich zu engagieren, nicht unbedingt parteipolitisch, aber das kam für mich
wie gerufen.“ Denn für politische Arbeit hatte
sie sich schon vorher interessiert, hätte es aber
niemals gewagt, in eine Partei einzutreten. ➢
campusmagazin
27
Die Zusage für das Stipendium war für sie
der Auslöser, „es einfach mal zu riskieren“.
Ein Volltreffer, ihre Begeisterung für politische
Aspekte nahm zu. Inzwischen hat Nadja
Winter einige Ämter inne: Sie ist stellvertretende SPD-Kreisvorsitzende in Neumünster,
im Landesparteirat, im Sozial- und Gesundheitsausschuss der Stadt, Beisitzerin in ihrem
Ortsverein und hat im zweiten Jahr den
JUSO-Vorsitz übernommen.
„An der Schnittstelle zur
Politik habe ich vielleicht
eher die Chance, Überzeugungsarbeit zu leisten.“
An der FH Kiel macht Nadja Winter heute
ihren Master im Studiengang Forschung,
Entwicklung, Management mit dem Schwerpunkt Rehabilitation/Gesundheit und möchte sich damit nicht zuletzt die Möglichkeit
zur Promotion offenhalten. Den Job in der
sozialpsychiatrischen Einrichtung hat sie ganz
bewusst gegen eine Anstellung im Ministerium getauscht: „Ich wollte aus der direkten
Klientenarbeit heraus, weil ich mehr erreichen
möchte.“ Außerdem, hat sie erkannt, würden
ihr die schwierigen ökonomischen Rahmenbedingungen in der Sozialen Arbeit auf Dauer
zu schaffen machen. Also arbeitet sie lieber
‚auf der anderen Seite‘, auf der Verwaltungsebene. „An der Schnittstelle zur Politik habe
ich vielleicht eher die Chance, Überzeugungsarbeit zu leisten und dazu beizutragen, dass
sich die Rahmenbedingungen auf Dauer zum
Positiven entwickeln.“
Nach ihrem Studium möchte sie gerne im
Ministerium bleiben, dazu muss sie vorausschauend vorgehen. Und so absolviert Nadja
Winter dort seit November 2014 studienbegleitend ihre staatliche Anerkennung. 19,2
Stunden wöchentlich ist sie in der Abteilung
Gesundheit beispielsweise beteiligt am
Psychiatriebericht – einer kürzlich begonnenen Bestandserhebung aller psychiatrischen
Angebote in Schleswig-Holstein – und der
Fachaufsicht im Maßregelvollzug, arbeitet
an der Krebsregistrierung oder in Arbeitsgruppen mit, plant und organisiert Sitzungen,
erstellt Verordnungen.
28 viel. ausgabe elf
Ihre drei „Jobs“ bescheren ihr einen vollen
Tagesablauf. Dass sie morgens gegen sieben
Uhr das Haus verlässt und nicht vor sechs Uhr,
sondern eher noch später zurückkehrt, ist für
Nadja Winter inzwischen normal. „Phasenweise finde ich es selbst schon grenzwertig“,
gibt sie zu. Der Spagat zwischen ihren vielen
Aufgaben kostet nicht nur Zeit, sondern auch
die ein oder andere Freundschaft. „Einige sind
nicht damit klargekommen, dass ich so wenig
Freizeit habe. Das ist natürlich schade“, bedauert sie, „andererseits weiß ich nun, wer meine
wahren Freundinnen und Freunde sind.“
Um bei diesem Arbeitspensum den Überblick
zu behalten, braucht es Selbstdisziplin, Eigeninitiative und Organisationsfähigkeit und daran
mangelt es Nadja Winter nicht. „Nicht mehr“,
sagt sie lächelnd und räumt ein: „Früher war
ich eher unstrukturiert und musste erst in
diese Situation reinwachsen. Aber ich habe
es gelernt, denn nur so funktioniert es.“ Bei
keiner ihrer Aufgaben möchte Nadja Winter
zurückstecken, daher ist gute Planung ihr A
und O. Was sie erledigen kann, erledigt sie
„Früher war ich eher unstrukturiert und musste erst in diese
Situation reinwachsen.“
lieber sofort und verschafft sich dadurch manchen Vorteil. Ihre Bachelorthesis schrieb sie in
drei Wochen, die Gliederung hatte sie schon
weit vorher fertig – wusste sie doch, dass sie
vor dem Abgabetermin mitten im Wahlkampf
stecken würde. Irgendetwas kann bei Nadja
Winter immer dazwischenkommen, deswegen arbeitet sie schon jetzt an ihrer Masterthesis, auch wenn sie sie erst im Herbst 2016
abgeben wird.
Wenn sie sich etwas in den Kopf setzt, will
sie es auch erreichen. Trotzdem freut sie sich
auf ruhigere Zeiten. Bei diesem Arbeitspensum bleiben Selbstzweifel manchmal nicht aus.
Denn zurzeit tanzt sie auf allen möglichen
Hochzeiten, das weiß Nadja Winter. „Zeitweise frage ich mich, ob ich allen Aufgaben
überhaupt gerecht werde und gleichzeitig, ob
ich nicht noch mehr rausholen könnte. Ich bin
zum Beispiel oft gezwungen, erst kurz vor
meinen Prüfungen mit dem Lernen zu begin-
Foto: Carsten Wiegmann
Ministerpräsident Torsten Albig und Nadja Winter (r.) bei der Regio­nal­kon­fe­renz zum Thema „Ver­spro­chen.
Gehal­ten!“ der SPD-Landtagsfraktion in Neumünster im Februar 2015
nen. Das bleibt natürlich nicht so hängen, als
hätte ich kontinuierlich dabei bleiben können.“
Da hilft es ihr auch nicht, dass die guten
Ergebnisse ihrer Arbeiten für sich sprechen –
sie ist eben wissbegierig. „Mehr Zeit investieren und so tiefer in manche Themen einsteigen zu können, wäre schon schön. Aber ich
weiß, dass es nicht anders geht. Wenn ich
das alles will – und das will ich –, läuft es auf
einen Kompromiss hinaus.“
Ein Kompromiss, der sie jedoch bereichert –
mit jedem Tag gewinnt sie an Erfahrungen
und Kompetenzen. Sie baut sich ein großes
Netzwerk auf, nutzt die Chance, interdisziplinär zu arbeiten. „Ich lerne so viele Menschen
aus unterschiedlichen Bereichen kennen“,
sagt Nadja Winter. In ihrem Studium beschäftigt sie sich mit zahlreichen Disziplinen – Recht,
Medizin oder Psychologie. „Alles Wissensbestände, die wir Sozialarbeiterinnen und
Sozialarbeiter im Blick behalten und berücksichtigen müssen. Unsere Arbeit ist multiperspektivisch geprägt. Das ist mit der Zeit in
mich übergegangen und das ist gut, denn so
muss ich nicht lange nachdenken, sondern
handle einfach.“
Zusätzlich erhält sie einen Einblick in politische und verwaltungstechnische Prozesse
und in deren Zusammenspiel. „Vorausschau-
end zu handeln und die nächsten Schritte immer im Hinterkopf zu behalten, lerne ich mit
jedem Tag besser.“ Auch dabei kommt ihr nun
zugute, was sie im Studium gelernt hat: Entscheidungen zu hinterfragen und zu reflektieren. „Auf beiden Seiten werden teilweise so
widersprüchliche Beschlüsse gefällt, dass ich
mir darüber einfach Gedanken machen muss,
um reagieren zu können.“ Bei ihrer Arbeit
und auch im Privatleben ethisch zu handeln
und andere Menschen zu berücksichtigen, ist
ihr sehr wichtig. „Denn nur, weil man etwas
kann, muss man es nicht machen, wenn man
anderen damit schadet“, findet sie.
„Trotz mancher Schwierigkeiten
habe ich immer irgendwie die
richtige Entscheidung getroffen.“
Nach dem holprigen Start in ihrer Jugend ist
sich Nadja Winter sicher, auf dem richtigen
Weg zu sein – dafür arbeitet sie jeden Tag
hart. Mittlerweile scheint ihre frühere Unsicherheit nur noch selten durch. „Es war aber
viel Glück dabei“, betont sie. „Trotz mancher
Schwierigkeiten habe ich immer irgendwie
die richtige Entscheidung getroffen.“
Katja Jantz
campusmagazin
29
Titelthema KOMPETENT
MIT CAMPUS RADIOAKTIV
RAUS AUS DEN FEDERN
30 viel. ausgabe elf
„Achtung Aufnahme“ – jeden Donnerstagmorgen leuchtet das rote Schild im Gang vor dem Tonstudio
am Fachbereich Medien. Denn dann sendet das Campusradio der FH Kiel live über die Frequenz des
Offenen Kanals Kiel (101.2). Die Studierenden Annemarie Nielsen und Malte Lorenz gehören zum
Radioteam und legen sich in ihrer Freizeit ins Zeug, um ihrer Hörerschaft jede Woche ein studentisches Programm aus Musik und journalistischen Beiträgen zu bieten.
N
och zehn Sekunden – Achtung Mikros!“
„
warnt Medienstudent Andreas Diekötter, während er die Lautstärkeregler vor sich
nach oben schiebt. Schlagartig verstummen
das Gemurmel und Gelächter seiner zehn
Kommilitoninnen und Kommilitonen im Tonstudio. Die Mikrofone sind offen, Annemarie
Nielsen und Malte Lorenz, die heute für die
Moderation zuständig sind, setzen sich große
geschlossene Kopfhörer auf und sind startklar.
Aus den Lautsprechern flötet der Musikjingle:
„Mit Campus RadioAktiv raus aus den Federn!“ Pünktlich um Punkt acht Uhr beginnt
die Sendung.
Tobias Hochscherf, Professor für audiovisuelle
Medien am Fachbereich Medien, hat die wöchentliche Radiosendung vor sechs Jahren zur
regelmäßigen Veranstaltung gemacht, denn
wichtig für die Lehre, sagt er, sei vor allem
der Anwendungsbezug. Das Campusradio ist
eine von vielen Möglichkeiten, die die FH Kiel
ihren Studierenden bietet, um Studieninhalte
sofort praktisch umzusetzen. Dazu gehören in
diesem Fall sowohl die journalistische Aufbereitung der Beitragsthemen und die vorherige
Recherche als auch die technische Tonbearbeitung. „Die Studierenden arbeiten eigenverantwortlich und bestimmen die Inhalte der
Sendungen selbst.“
So auch dieses Mal. Malte Lorenz beugt sich
zum Mikrofon. „So kann ein Donnerstagmorgen losgehen“, begrüßt er die Hörerinnen
und Hörer. Annemarie Nielsen fasst kurz die
Themen der heutigen Sendung zusammen:
Ein Computerspiele- und ein Kinofilmtipp
werden dabei sein, ebenso ein journalistischer Beitrag zum Fun Run, einem Sportevent, das in der vorangegangenen Woche
auf dem Nordmarksportfeld stattgefunden
hat, und – wie jede Woche – das Gewinnspiel. „Aber wir wollen erstmal ein bisschen
Musik machen“, sagt sie, kündigt den Song
„Carry me“ vom Bombay Bicycle Club an und
nimmt die Kopfhörer von den Ohren.
Ist sie aufgeregt, wenn sie am Mikrofon
steht? Eigentlich nicht mehr so sehr. Mit der
Zeit sei sie sicherer und selbstbewusster
geworden, erzählt die 22-jährige Masterstudentin. „Das erste Mal war dagegen etwas
ganz anderes – da habe ich fast gestottert.“
Seit über drei Jahren ist Annemarie Nielsen
beim Campusradio aktiv. Ein Semester lang
hat sie pausiert, um ihre Bachelorthesis zu
schreiben und sich so „auf das Wesentliche
konzentriert“, wie sie es nennt. Sie moderiert
aber nicht nur, sondern hilft auch bei der Produktion journalistischer Beiträge – „sammelt
Töne“ und „nimmt Stimmen mit“. Diese werden zusammengeschnitten, gegebenenfalls
mit einem Musikbett unterlegt oder um eine
Sprecherstimme ergänzt und erzählen so eine
Geschichte. Die Themen sind vielfältig – meist
von regionalem oder studentischem Interesse – und reichen von Veranstaltungen an der
FH bis zu Demonstrationen in der Innenstadt.
Bei so etwas sei sie schon eher aufgeregt,
schließlich wisse sie bei einem Interview vorher nie, ob und wie das Gegenüber reagiere.
Im Tonstudio des Fachbereichs Medien
läuft noch immer Musik. Die technischen
Radioanlagen wurden im Frühjahr komplett
erneuert und sind im mobilen Radiowagen
vor Annemarie Nielsen und Malte Lorenz
untergebracht. Ein Pult mit Tonreglern ist in
die Holzoberfläche eingelassen – Sendungsfahrer Andreas Diekötter steuert hier die
Lautstärken, startet die Musik und spielt die
vorproduzierten journalistischen Beiträge ein.
Drei Mikrofone hängen seitlich an Stativen,
die wie überdimensional große Spinnenbeine aussehen, drei Kopfhörer direkt daneben.
Das Tonstudio ist so groß, dass es zwanzig
mobile Radiowagen fassen würde. Durch
eine große Glasscheibe kann das restliche
Radioteam die drei am Radiowagen beobachten. Die Luft ist trocken und riecht nach
neuem Teppich. Dieser sorgt dafür, dass der
Schall weniger stark reflektiert wird als bei
➢
glatten Bodenbelägen.
campusmagazin
31
Der Monitor auf dem Radiowagen zeigt die
Restlaufzeit des aktuellen Songs an. „Noch
zwanzig Sekunden – Achtung Mikros!“ Es
wird wieder still im Tonstudio. Annemarie
Nielsen tritt vor das Mikro und wendet sich an
ihren Kollegen: „Malte, Du siehst müde aus.
Kann ich Dich wecken mit etwas ‚Unnützem
Wissen‘?“ Sie erklärt ihm, dass Pinguine fliegen können, wenn sie auf eine Geschwindigkeit von 276 Stundenkilometer beschleunigt
werden. Die Rubrik „Unnützes Wissen“ ist
als auflockerndes Element fester Bestandteil
jeder Radiosendung. Doch alles, was bei der
Ausstrahlung so spontan und erfrischend
wirkt, muss vorher recherchiert werden. Etwa
15 Studierende arbeiten aktuell hinter den
Kulissen daran, die kurzweiligen Sendungen
zu produzieren.
„Es soll für alle Hörerinnen
und Hörer etwas dabei sein.“
Vivian Braackert beispielsweise, ebenfalls
Studentin am Fachbereich Medien, hat für
heute den EGON vorbereitet – den „Extra
Geilen On-Air Notizzettel“. Darauf ist die
Sendeuhr notiert, auf der sich genau ablesen lässt, welche Inhalte wann gesendet
werden. Er enthält außerdem Informationen,
die Annemarie Nielsen und Malte Lorenz für
ihre Moderation brauchen: Geburtstage von
Prominenten, Veranstaltungstipps für Kiel und
das Umland, die aktuellen Single-Charts und
eben auch das „Unnütze Wissen“. „Ich achte
darauf, die Inhalte gut zu mischen – die Veranstaltungstipps dürfen nicht nur Partys enthalten, auch Kulturelles gehört in die Sendung“,
erklärt Vivian Braackert, „denn es soll für alle
Hörerinnen und Hörer etwas dabei sein.“
Ebenfalls auf der anderen Seite der Glasscheibe sitzt Rachel Unzen am Computer und
bestückt die sozialen Netzwerke mit Informationen zum Programm. Das Campusradio
betreibt unter www.campusradioaktiv.de eine
eigene Homepage – vor allem aber zählt Facebook zu den wichtigsten Distributionsmedien
für das Campusradio. Unter facebook.com/
campusradioaktiv weist das Team einen Tag
vorher auf die Sendungen hin, postet Fotos
direkt aus dem Tonstudio oder gibt Informationen zum Gewinnspiel. „Die sozialen Netzwerke gewinnen auch für uns an Bedeutung“,
weiß Prof. Hochscherf, „so halten wir den
Kontakt zu unserer studentischen Zielgruppe,
einem Nischenpublikum.“
In die zweistündige Sendung plant das
Campusradio-Team neben journalistischen
Beiträgen, Gewinnspielen und Musik auch
zwei Serviceblöcke ein. Malte Lorenz kündigt
an: „Und nun die Nachrichten mit Jennifer
Bergmann.“ Die Studentin hat die Nachrichten
am Vorabend vorformuliert, überarbeitet sie
aber vor der Sendung noch einmal, wenn in
der Zwischenzeit noch etwas Neues passiert
Annemarie Nielsen (r.) und Malte Lorenz (l.) moderieren die heutige Sendung. Andreas
Diekötter steuert die Musik und spielt vorproduzierte Beiträge ein.
Fotos: Frederike Coring
Das Campus RadioAktiv-Team mit seinem Radiowagen: Laura Gragert, Jennifer Bergmann, Lisa Oppermann, Jannis Lippisch,
Prof. Dr. Tobias Hochscherf, Oliver Ujc, Andreas Diekötter, Lucas Pinnow, Frederic Schade, Annemarie Nielsen, Nele Wöhlk, Rachel Unzen,
Malte Lorenz, Florian Retiet und Vivien Braackert (v. l.).
ist. Für die Hörerinnen und Hörer sind dabei
vor allem lokale und regionale Themen interessant, außerdem bildungspolitische Inhalte
und Sport.
Die beruflichen Anforderungsprofile und
Aufgabenbereiche in Radioredaktionen sind
vielfältig und das Campusradio soll diese möglichst realitätsgetreu widerspiegeln. „Es gibt
weit mehr als Moderatorinnen und Moderatoren, Nachrichtensprecherinnen und -sprecher
und Programmdirektorinnen und -direktoren“,
sagt Oliver Ujc, der das Projekt Campusradio als Hiwi betreut. „Es müssen Beiträge
produziert werden, es gibt eine Musikredaktion, die Struktur der Sendung muss durchdacht sein und außerdem braucht der Sender
Verpackungselemente wie Trailer und Jingles,
die ihm nach außen ein ‚akustisches Gesicht‘
verleihen.“ Er hat das Ziel, den Studierenden
den kompletten Ablauf eines Radiosenders
nahezubringen. „So haben sie später im
Berufsleben gute Chancen, weil sie schnell
eingesetzt werden können.“ Und er möchte
den Enthusiasmus weitergeben, den er selbst
beim Radiomachen verspürt – denn das sei
zwar viel Arbeit, aber allem voran mache es
wahnsinnig viel Spaß. Und das nicht nur im
Tonstudio, auch außerhalb der Fachhochschule
unternehmen die Studierenden viel gemeinsam, um das Teamgefühl zu stärken.
Dass es trotzdem nicht leicht wird, nach
dem Studium in der Radiowelt Fuß zu fassen,
weiß Malte Lorenz schon jetzt. Der Wandel
in der Medienbranche hin zum digitalen
Zeitalter zwingt auch die Radiosender zum
Umdenken: Sie müssen kostengünstiger produzieren, können immer weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fest anstellen und so
sind befristete Arbeitsverhältnisse und freie
Mitarbeit gang und gäbe. Der 38-Jährige
möchte es trotzdem versuchen. „Die Arbeit
am Mikro wäre ein Traum, ich kann mir aber
auch vorstellen, in der Tonbearbeitung oder
im Schnitt zu arbeiten.“ Sein Studiengang
Multimedia Production liefere ihm dafür die
besten Voraussetzungen, denn die Inhalte
seien breit gefächert und so könne er schon
jetzt Einblicke in viele Aufgabenbereiche
gewinnen.
„Mitmachen dürfen alle,
technische Vorkenntnisse
sind nicht nötig.“
Für die Zukunft des Campusradios wünschen
sich die Teammitglieder vor allem Zuwachs
aus anderen Fachbereichen. „Mitmachen dürfen alle, technische Vorkenntnisse sind nicht
nötig. Und wir freuen uns, wenn Studierende
aus anderen Fachbereichen ihre Themen
mitbringen“, sagt Malte Lorenz.
Nach zwei Stunden Sendezeit setzen sich
Annemarie Nielsen und Malte Lorenz für
heute ein letztes Mal die Kopfhörer auf und
verabschieden sich von ihren Hörerinnen
und Hörern: „Wir hoffen, euch da draußen
hat es Spaß gemacht heute. Uns hat es auf
jeden Fall Spaß gemacht. Bis zum nächsten
Donnerstag!“ Sendungsfahrer Andreas Diekötter zieht die Regler für die Mikrofone nach
unten, die Aufnahmelampe im Gang vor dem
Tonstudio erlischt.
i
Das Campusradio sucht
neue Teammitglieder aus
allen Fachbereichen.
Wer interessiert ist, kann
donnerstags im Tonstudio
(Gebäude 12, Raum 0.20)
vorbeikommen oder sich
unter facebook.com/campusradioaktiv melden.
Stephanie Degenhart, Studentin
campusmagazin
33
Titelthema KOMPETENT
DAS GANZ DICKE
BRETT BOHREN
34 viel. ausgabe elf
In der Digitalen Fabrik produzieren intelligente Maschinen weitgehend automatisch das, was sich
Kundinnen und Kunden wünschen und kümmern sich zudem um die Beschaffung des Materials
und die Auslieferung der Produkte. Das Institut für CIM-Technologietransfer (CIMTT) an der FH Kiel
will im Sommer 2016 seine Werks-Tore für Studierende aus dem Maschinenwesen und der Elektrotechnik öffnen und sie dazu einladen, bei der nächsten industriellen Revolution dabei zu sein.
D
ie Dinge, die uns durch den Tag begleiten –
vom Radiowecker über die elektrische
Zahnbürste, die Kaffeemaschine und das
Smartphone bis hin zum Auto – haben eines
gemein: Sie kommen aus Fabriken. Doch seit
Henry Ford vor mehr als 100 Jahren mit der
Fließbandfertigung den Automobilbau perfektionierte, der die Vorstellung vieler von industriellen Abläufen prägt, hat sich einiges getan.
Heute sind es im Wesentlichen hochspezialisierte oder auch extrem flexible Maschinen,
verknüpft in langen Prozessen und gesteuert
durch eine Vielzahl von Programmen, die
Werkstücke fertigen, montieren und verpacken. Dabei zwingen die hohen Arbeitskosten
die Unternehmen in Deutschland dazu, immer
effektiver und effizienter zu produzieren, um
auf dem Weltmarkt überleben zu können.
Hersteller, die jenseits kleiner Nischen
bestehen wollen, müssen ihre Produktionsprozesse einschließlich der erforderlichen
Software perfektionieren und dabei viel weiter
denken als von Werkstor zu Werkstor. Von der
Konzeption eines neuen Produkts über die
Fertigung bis hin zur Bestellung und Auslieferung an die Kundinnen und Kunden müssen
alle Schritte einem makellosen Prozess folgen.
Das Institut für CIM-Technologietransfer an
der FH Kiel entwickelt diesen Prozess und
tritt den Beweis an, dass er funktioniert.
„Was wir hier entwickeln,
hilft vorrangig kleinen
und mittelständischen
Unternehmen.“
Prof. Dr. Henning Strauß, der seit Oktober
2014 eine Professur am Fachbereich Maschinenwesen an der FH Kiel innehat, versucht
mit einem Beispiel zu erklären, wie komplex
Fertigung und Prozesse heute sind: „Bestellen Sie sich im Internet ein Paar Markenturnschuhe. Da wählen Sie ein Modell, das
Ihnen gefällt und suchen sich eines von drei
Obermaterialien und die Lieblingsfarbe aus.
Anschließend bestimmen Sie dann, ob die
Sohle einfarbig oder transparent sein soll und
schließlich die Botschaft, die in der Wunschfarbe auf die Ferse gestickt wird. Sie bezahlen
digital mit der Kreditkarte und können per
Auftragsnummer verfolgen, wann die Schuhe
geliefert werden. Fragen Sie sich, wie der
Hersteller dafür sorgt, dass das alles klappt –
und glauben Sie mir, es klappt.“
Die Lösung liegt in der Digitalen Fabrik, einem
Bereich, der künftig auch im CIMTT der FH
Kiel vertreten sein wird und um den sich der
40-Jährige kümmert. In einer Digitalen Fabrik
werden alle Schritte der Produktion digital
abgebildet. Liegen alle relevanten Informationen vor, ist eine reibungslose Kommunikation
zwischen den verschiedenen Etappen einer
Produktion möglich: Die persönlichen Design-Entscheidungen für die Schuhe werden
an die Server des Herstellers übertragen. Ist
die Bezahlung erfolgt, können die Daten direkt
in die Produktion und durch die Maschinen
fließen, bis schließlich das Entgegennehmen
des Pakets an der Haustür den Auftrag im
Hersteller-System als „erfolgreich abgearbeitet“ markiert.
Das ist zumindest der Idealfall – das Digitale
ist Voraussetzung, aber kein Garant für die
reibungslosen Abläufe. In der Digitalen Fabrik
der FH Kiel kommt an dieser Stelle Prof. Dr.
Christoph Wree ins Spiel, der sich am CIMTT
unter anderem um Fragen der digitalen Infrastruktur kümmert. Der 41-Jährige hat eine Professur am Institut für Elektrische Energietechnik, aber wie seinen Kollegen liegt auch ihm
zusätzlich die CIMTT-Arbeit am Herzen. „Was
wir hier entwickeln, hilft vorrangig kleinen
und mittelständischen Unternehmen – und
die machen die Mehrzahl der Arbeitgeber in
Schleswig-Holstein aus. Vor allem aber wollen
wir unseren Studierenden vermitteln, dass sie
über die Grenzen ihres Fachbereichs hinausblicken und hinauswachsen müssen.“
➢
campusmagazin
35
Alteingesessene Betriebe haben es manchmal
schwer mit dem Digitalen, weiß Prof. Wree,
denn Neues ist nicht nur teuer, sondern häufig
auch aufwendig zu integrieren. „Sie können
nicht einfach Hightech neben eine Maschine aus den 1970er Jahren stellen und dann
erwarten, dass die Geräte sich miteinander
verstehen und die Produktion beflügeln.“ Prof.
Wree untersucht und lehrt den Umgang mit
Schnittstellen, mithilfe derer eine Kommunikationsinfrastruktur geschaffen werden kann,
die alte wie neue Maschinen effizient verbindet und so die Anschaffungskosten für die
Unternehmen reduziert. In der Digitalen Fabrik
lernen die FH-Studierenden, wie technologische Innovationen schrittweise in bestehende
Szenarien eingebracht werden können und den
gesamten Prozess verbessern.
Prof. Manfred Fischer vom Fachbereich
Maschinenwesen setzt sich seit 20 Jahren
mit der Digitalisierung in Entwicklung und
Konstruktion auseinander, der Planung und
Gestaltung von Werkstücken und Produkten
am Computer. Er hat die digitale Revolution
miterlebt, den Sprung vom Reißbrett auf den
Monitor und die in die Tiefe des Raumes.
Heute ist es selbstverständlich, dass Ingenieurinnen und Ingenieure sowie Designerinnen und Designer am Computer 3-D-Objekte
entwerfen, die weit am Anfang der Produktionskette der Digitalen Fabrik stehen. Für
Studierende ist CAD-Software heute das
Handwerkszeug mit dem sie ab dem ersten
Semester arbeiten.
Die fünf Professoren hinter der Digitalen Fabrik: Christoph
Wree, Bernd Finkemeyer, Manfred Fischer, Henning Strauß
und Ralf Gläbe (v. l.).
„Wir wollen die Studierenden aus dem Maschinenbau und der Elektrotechnik zusammenbringen,
denn für eine reibungslose
Produktion sind sie auch
im Beruf aufeinander angewiesen.“
36 viel. ausgabe elf
Damit auch unter ungünstigen Bedingungen
oder bei Störungen in der Digitalen Fabrik
alles nach Plan läuft, reicht ein Notfallplan
nicht aus. Die Maschinen müssen intelligent
sein, Situationen und Zustände erfassen und
sich selbst neu organisieren. Prof. Dr. Bernd
Finkemeyer kümmert sich um die Roboter,
die in der Digitalen Fabrik arbeiten, darunter
zum Beispiel ein Arm mit sieben Gelenken.
Dieser Roboter könnte in der Schichtpause
gegen den Werksleiter Mühle spielen, wenn
es in der Digitalen Fabrik denn Pausen für die
Maschinen gäbe.
„Eine clevere Programmierung sorgt dafür,
dass ein Roboter unterschiedliche Aufgaben
wahrnehmen kann. Er ist in der Lage, Umweltreize zu interpretieren, beispielsweise
die Kräfte, die auf ihn einwirken“, erklärt der
43-Jährige vom Fachbereich Maschinenwesen. Wenn die komplexen Algorithmen der Digitalen Fabrik melden, dass eine neue Fuhre
Rohmaterialien angeliefert wird, kann er sich
entscheiden, ob er zum Ausladen gebraucht
wird. Bei guter Programmierung trifft er die
richtige Entscheidung: Er hilft bei der Verladung, weil die aktuelle Produktion keinen Zeitdruck hat und ein zweiter Roboter während
des drohenden Leerlaufs gewartet werden
kann und die gegenüberliegende Produktionsstraße in der Zeit andere Bauteile fertigt,
die am Folgetag ohnehin benötigt werden. In
der Digitalen Fabrik an der FH Kiel werden
später in jeder Produktionsstufe Leitstellen
mit berührungsempfindlichen Bildschirmen
stehen, über die Studierende die Arbeitsabläufe einsehen und justieren können.
Wie wichtig die Studierenden für diesen
FH-Bereich sind, betont Prof. Dr. Ralf Gläbe,
seit 2014 geschäftsführender Direktor des
CIMTT. Mit der Rückendeckung des Präsidiums entwickelt der Fertigungstechniker dort
gemeinsam mit seinen Kollegen das Konzept
für die Digitale Fabrik der FH. Er will, dass
sie im Sommer 2016 endlich produziert und
die Studierenden die Werkshalle mit Leben
füllen. Sie sollen dort mithilfe von CAD-Werkzeugen ein modular aufgebautes Produkt mit
mechanischen und elektronischen Funktionen
gestalten, die Maschinen für die Fertigung
programmieren, die Produktion organisieren
und automatisieren, bis sie am Ende des Studiums in der Digitalen Fabrik hocheffektiv ihr
eigenes Produkt fertigen lassen. Der Patentantrag ist in Vorbereitung.
Fotos: Frederike Coring
„Der interdisziplinäre Ansatz ist uns allen
wichtig“, so der 49-Jährige. „Wir wollen die
Studierenden aus dem Maschinenbau und
der Elektrotechnik zusammenbringen, denn
für eine reibungslose Produktion sind sie auch
im Beruf aufeinander angewiesen. Nur wenn
sie die Bedürfnisse und Anforderungen der
anderen kennen und diese in ihre Planung
mit einbeziehen, arbeitet die Digitale Fabrik
effektiv.“ Prof. Gläbe wünscht sich, dass noch
andere Fachbereiche an der Digitalen Fabrik
mitarbeiten, schließlich geht es auch um
Logistik, wirtschaftliche Aspekte, Marketing
und vieles mehr. Langfristig wünscht er sich,
dass die Digitale Fabrik aus dem Curriculum
herauswächst und zu einem eigenen Studiengang wird – nicht um Studierende mit einem
klangvollen Namen zu locken, sondern um
dem komplexen Thema gerecht zu werden.
Doch bis dahin ist es noch weit, weiß Gläbe,
der das Projekt Digitale Fabrik bescheiden
als „zartes Pflänzchen“ bezeichnet, das viel
Pflege bedarf. „Wir sind glücklich, dass uns
das Präsidium bei unseren Plänen nach Kräften unterstützt. Ohne diese Rückendeckung
würden alle unsere Bemühungen ins Leere
laufen.“
Dass die Digitale Fabrik der richtige Weg ist,
dass darin sowohl die Zukunft industrieller
Fertigung als auch die Grundlage für ein modernes Curriculum liegt, darüber sind sich alle
beteiligten Professoren einig. Auf dem Kieler
Ostufer können Studierende von Sommer
2016 an lernen und mitgestalten, wie diese
Zukunft aussehen soll. Mit dem gewonnenen Know-how soll dann auch die regionale
mittelständische Industrie in ihrem Bestreben unterstützt werden, digitaler zu werden.
Gläbe und seine Mitstreiter wollen an der
Fachhochschule das ganz dicke Brett bohren.
Vollautomatisch, versteht sich.
Joachim Kläschen
In einer Digitalen Fabrik
werden alle Schritte der Produktion digital abgebildet.
Im Sommer 2016 sollen
Studierende die Werkshalle
mit Leben füllen.
Titelthema KOMPETENT
38 viel. ausgabe elf
Foto: FKT/Lisa Campbell
DAS
ZIEL
IMMER VOR AUGEN
Auf der Suche nach Praktika, Thesis-Stellen oder dem Direkteinstieg ins Berufsleben strömen jedes Jahr am
ersten Mittwoch im November Tausende Studierende zum Mehrzweck- sowie Großen Hörsaalgebäude der
Fachhochschule Kiel, den Zentren des Firmenkontakttages (FKT) – der größten Jobmesse für Studierende und
Unternehmen in Schleswig-Holstein. Vor ihnen liegt ein chancenreicher Tag, den ein kleines interdisziplinäres
Team neben dem Studium auf die Beine stellt. Bereits Monate zuvor fällt für die jungen Frauen und Männer der
Startschuss für die Vorbereitungen. Bis zum finalen Ergebnis liegt eine intensive und lehrreiche Zeit vor ihnen,
wie die beiden Teammitglieder Janine Butenberg und Fabian Weißhaupt, Bachelorstudierende der Betriebswirtschaft sowie Öffentlichkeitsarbeit und Unternehmenskommunikation, erfahren haben. Eine Zeit, in der sie
das gemeinsame Ziel immer vor Augen haben – die erfolgreiche Durchführung des FKT.
Laura Berndt: Wer steckt genau hinter
dem FKT?
Fabian Weißhaupt: Wir sind aktuell 13
Studierende – acht männliche und fünf
weibliche –, von denen einige bereits zum
wiederholten, andere zum ersten Mal mit
dabei sind. Die meisten kommen aus den
Fachbereichen Wirtschaft und Medien, gefolgt von Maschinenwesen sowie Informatik
und Elektrotechnik. Agrarwirtschaft sowie
Soziale Arbeit und Gesundheit sind in diesem Jahr leider nicht vertreten, was wirklich
schade ist, denn schließlich ist der FKT eine
Veranstaltung für alle Studierenden der Fachhochschule, daher sollten im Idealfall auch
die Interessen der sechs Fachbereiche durch
mindestens eine Vertreterin oder einen
Vertreter im Team abgedeckt werden. Wir
werben immer um eine breite Beteiligung
und haben im kommenden Jahr vielleicht
wieder eine ganz neue Konstellation.
Janine Butenberg: Diese Vielfalt hat manche
Vorteile – nicht nur in puncto kreativem Input,
sondern auch auf menschlicher Ebene. Denn
unterschiedliche Charaktere bereichern die
Gruppendynamik ungemein. Im vergangenen Jahr hatten wir zum Beispiel eine Studentin des Fachbereichs Soziale Arbeit und
Gesundheit im Team, die unsere teilweise
verrückten Ideen durch ihre Bodenständigkeit hin und wieder mit viel Einfühlungsvermögen zu bremsen wusste und uns
so dazu gebracht hat, uns auf die wirklich
wichtigen Dinge zu konzentrieren.
Wie würden Sie die Zusammenarbeit in
der Gruppe beschreiben?
Butenberg: Harmonisch, freundschaftlich und
gleichberechtigt. Unser Team gliedert sich in
sechs Bereiche, Leitung, Medien/PR, Marketing, Location, IT und Finanzen. Innerhalb dieser verfahren wir nach dem Junior-Senior-Prinzip. Das heißt, ein älteres Mitglied arbeitet
stets mit einem jüngeren zusammen, um
Erfahrungen und Wissen aus den Vorjahren
weiterzugeben. Hört der Senior auf, kann der
Junior die Arbeit problemlos fortführen. Bei
dieser Struktur könnte schnell der Gedanke
entstehen, dass es eine Rangordnung gibt.
Aber im Gegenteil: Wir befinden uns auf einer
Augenhöhe. Jede Idee findet Gehör, wir unterstützen uns, treffen Entscheidungen gemeinsam und meistern auch Hindernisse im Team.
Was müssen Sie im Vorfeld alles leisten?
Weißhaupt: Viele wundern sich, wie viel
Arbeit in der Organisation dieses einen Tages
tatsächlich steckt und sind überrascht, dass
wir bereits im März mit den Vorbereitungen
beginnen. Wenn neue Mitglieder hinzugekommen sind, lernen wir uns erst einmal gegenseitig kennen und teilen dann die jeweiligen
Arbeitsbereiche auf. Anschließend erstellen
wir ein Konzept für den FKT, das wir mit
dem Präsidium in einer Auftaktveranstaltung
abstimmen. Einmal wöchentlich treffen wir
uns in der großen Gruppe, darüber hinaus vereinbaren die einzelnen Teams Extratermine.
Dabei stecken wir in mal mehr, mal weniger
intensiven Planungsphasen, unser Studium
steht dabei im Vordergrund.
➢
campusmagazin
39
Butenberg: Als nächstes gehen die Einladungen an die Unternehmen raus, die sich bis
Ende Juni anmelden können. Dabei greifen
wir auf einen großen Pool aus circa 300
Firmen zurück, die zumeist aus den Bereichen
Wirtschaft und Maschinenwesen kommen.
Wir betreiben übrigens nur wenig Kaltakquise. Der FKT ist in Norddeutschland inzwischen so bekannt, dass Unternehmen in der
Regel auf uns zukommen. Nach dem Anmeldeschluss beginnt die heiße Phase: Erstellung
eines Messestandplans und einer -broschüre,
Aktualisierung und Betreuung der Webseite
und der Social-Media-Kanäle, Planung und
Durchführung der Marketingmaßnahmen,
Bestellung des Werbematerials, Mieten der
Räumlichkeiten, Öffentlichkeitsarbeit – das
sind nur einige der Dinge, die auf unserem
Plan stehen.
Werden Sie in Ihrer Arbeit seitens der
Fachhochschule unterstützt?
Butenberg: Die Verantwortung für den FKT,
der ein Projekt der Forschungs- und Entwick-
lungszentrum Fachhochschule Kiel GmbH ist,
liegt bei Dr. Gerd Küchmeister, dem Technologietransferbeauftragten der Hochschule. Wir
dürfen sehr eigenständig arbeiten, wichtige
Entscheidungen, wie finanzielle Belange,
laufen jedoch über seinen Tisch. Er ist für uns
aber auch eine große moralische Unterstützung, jederzeit ansprechbar, nimmt bei Bedarf
an unseren Treffen teil und sagt uns ehrlich,
wo wir Grenzen erreichen und welche Ideen
nicht umsetzbar sind. Wir profitieren von
seinen Erfahrungen.
Weißhaupt: Von den Hausmeistern bis hin
zum Präsidenten, alle helfen uns gerne bei
Fragen und haben gute Anregungen für uns.
Wir versuchen auch, die Lehrenden zunehmend für uns zu gewinnen, damit sie uns in
Zukunft noch mehr unterstützen, indem sie in
ihren Vorlesungen auf den FKT hinweisen, ihre
Studierenden darin bestärken, sich vorab über
die Unternehmen zu informieren, sich auf den
Besuch vorzubereiten und direkt auf Firmenvertreterinnen und -vertreter zuzugehen.
Foto: privat
WENN SICH TÜREN ÖFFNEN
Christian Bergert (30),
IT-Consultant und
Softwareentwickler
40 viel. ausgabe elf
„Als Student des Bachelorstudiengangs
‚Informationstechnologie und Internet‘ hat
mich das breite Leistungsspektrum des
Kieler IT-Dienstleisters Consist auf dem FKT
sofort überzeugt und dazu bewogen, mich
dort auf einen Praktikumsplatz zu bewerben – mit Erfolg. Meine Studienerfahrungen
in puncto Java und Softwareengineering
sprachen sicherlich genauso für mich wie
meine Kenntnisse über die Programmierung
von Android-Smartphones. Letztere konnte
ich bei meiner Praktikumsaufgabe einsetzen,
die schließlich zur Grundlage meiner Thesis
wurde: die Entwicklung von Synchronisationsverfahren mobiler Softwaresysteme am Beispiel einer Android-App. Sechs Monate lang
erhielt ich einen Einblick in die Praxis und
wurde durch einen Mentor intensiv betreut.
Und dann kam das Angebot – der Direkteinstieg ins Unternehmen als Consultant und
das, obwohl ich mein Studium gerade erst
beendet hatte. Ein tolles Gefühl! Auch als
Berufsanfänger hat mich das Consist-Team
immer unterstützt und gefördert. Ich hatte
die Möglichkeit, unterschiedliche Technologien kennenzulernen, mich durch Zertifikate
weiterzubilden und mich in Projekten bei
weltweit agierenden Kundinnen und Kunden
zu engagieren. Genauso einen anspruchsvollen und abwechslungsreichen Job hatte
ich mir während meines Studiums immer
gewünscht. Mittlerweile hat es mich zu
einem Startup nach Berlin verschlagen, für
die Chancen, die sich mir durch den Firmenkontakttag geboten haben, bin ich allerdings
bis heute dankbar.“
Foto: FKT/Lisa Campbell
Trotz der Unterstützung haben Sie eine
Menge zu tun und durch Ihr Engagement
im FKT-Team vermutlich weniger Freizeit.
Warum haben Sie sich dennoch für die
Mitarbeit entschieden?
Butenberg: Hauptsächlich, weil ich mich
neben meinem Studium irgendwo sinnvoll
einbringen wollte. Dass ich viele praktische
Erfahrungen für meinen Studienschwerpunkt Projektmanagement sammeln kann,
ist ein toller Nebeneffekt. Ich bin zum
zweiten Mal dabei und dieses Jahr vom
Team Finanzen in die Leitung gewechselt.
So kann ich mir noch mehr Fähigkeiten
aneignen, die mir später im Berufsleben
zugutekommen: Ich muss Aufgaben koordinieren und delegieren, den Überblick behalten, Probleme erkennen, Lösungen finden
und die Gruppe zusammenhalten. Aber
vom Lernfaktor mal abgesehen ist es ein
unbeschreibliches Gefühl, ein halbes Jahr
gemeinsam an etwas zu arbeiten und die
Fortschritte sowie das gelungene Ergebnis
mitzuerleben.
Auf dem FKT können Studierende sich bei verschiedenen Unternehmen persönlich
vorstellen und ihre Bewerbungsunterlagen abgeben.
Weißhaupt: Das kann ich unterschreiben –
und zum Schluss sind wir immer eine eingeschworene Truppe. Als mich die damalige
Teamleitung vor knapp zwei Jahren auf eine
Mitarbeit ansprach, habe ich die Chance gesehen, mich nach drei Semestern PR-Theorie in
der Praxis zu erproben und anzuwenden, was
ich bis dato gelernt hatte. Seitdem arbeite ich
im Team Medien/PR, schreibe unter anderem ➢
Foto: Hartmut Ohm
Spätestens wenn sich ihr Studium dem Ende nähert, machen sich Studierende Gedanken über ihre
Zukunft und ihren Berufswunsch und fragen sich, welches Unternehmen dazu passen könnte.
Antworten darauf können sie seit einigen Jahren auf dem Firmenkontakttag der Fachhochschule Kiel
finden. Wie erfolgreich der Besuch der Messe verlaufen kann, zeigen zwei Beispielgeschichten.
Svenja Schwerdtfeger (26),
Masterstudentin
Betriebswirtschaftslehre
„Mir war es wichtig, den Messeausstellerinnen und -ausstellern gut vorbereitet
entgegenzutreten, deshalb habe ich mich
im Vorfeld über die Unternehmen informiert, Lebensläufe und Bewerbungsmappen angefertigt und Fragen aufgeschrieben.
Im Zuge meines Bachelorstudiums war ich
auf der Suche nach einem Praktikum in
einer Marketingabteilung und bin schließlich beim Stand der Provinzial gelandet.
Genau genommen wollte ich gar nicht zu
einer Versicherung, da ich bereits gelernte
Kauffrau für Versicherungen und Finanzen
bin, aber ich habe mich dennoch vorgestellt – zum Glück. Mein Gesprächspartner
versprach, meine Unterlagen an die entsprechende Abteilung weiterzuleiten und
zwei Wochen später erhielt ich tatsächlich
eine E-Mail und das Angebot über ein fünfmonatiges Praktikum in der Marketingabteilung
Marktbearbeitung Nord. Mein motiviertes Auftreten und mein Werdegang – von der Hauptschule zum Fachabitur und Studium – hatten
überzeugt. Während des Praktikums hatte ich
die Chance, unterschiedliche Abteilungsbereiche, wie Eventmarketing, Sponsoring oder
Verkaufsförderung, kennenzulernen. Außerdem konnte ich in bestimmte Themengebiete,
wie die Erstellung eines Rechnungsbeilegers
oder die Betreuung des Außendienstes, tiefer
einsteigen. Mit meiner Leistung waren die
Vorgesetzten so zufrieden, dass ich direkt
im Anschluss und auch während meines
Masterstudiums als Werkstudentin weiter im
Unternehmen arbeiten durfte.“
campusmagazin
41
Durch die Arbeit im FKT-Team lernen Sie
vieles für Ihr späteres Berufsleben. Aber
welche Fähigkeiten mussten Sie bereits
mitbringen?
Weißhaupt: In diesem Fall kann ich wohl für
unsere gesamte Projektgruppe sprechen;
Teamfähigkeit ist eindeutig die Schlüsselkompetenz. Eine solche Veranstaltung lässt
sich nicht realisieren, wenn nicht alle an
einem Strang ziehen. Jedes Mitglied muss
anderen gegenüber offen sein, sich einbringen, aber auch an manchen Stellen zurücknehmen, kooperativ sein und Interesse an
einem gemeinsamen Ergebnis haben. Wer
das mitbringt, ist bei uns richtig und hat die
Möglichkeit sich auszuprobieren – egal ob
in der eigenen Komfortzone oder auf einem
vollkommen neuen Gebiet. So müssen Wirtschaftsstudierende sich zum Beispiel bei uns
nicht unbedingt um die Finanzen oder das
Marketing kümmern, sondern können auch
in die Öffentlichkeitsarbeit reinschnuppern.
Gemeinsam stellen sie den
Firmenkontakttag 2015 auf
die Beine: Annemarie
Nielsen, Yannik Schumacher,
Fabian Weißhaupt, Max
Mende, Janine Butenberg,
Felix Schammer, Natali
Fricke, Maikel Sudau.(v. l.)
Es fehlen: Yves Schumann,
Jana Aouci, Marlena Rohlf,
Philipp Selle und Rik Fisser.
Wie sicher fühlen Sie sich mittlerweile in
Ihrem Aufgabenbereich?
Butenberg: Ich bin selbstbewusst genug
gewesen, um die Herausforderungen, die
die Position der Teamleiterin mit sich bringt,
anzunehmen. Nichtsdestotrotz war ich am
Anfang – es ist inzwischen besser geworden – unsicher, weil ich um die Verantwortung wusste; schließlich muss der FKT am
Ende stattfinden, da soll natürlich alles gelingen. Niemand beherrscht neue Aufgaben
von Beginn an perfekt, wir alle müssen in
diese erst hineinwachsen. Ich befinde mich
nach wie vor in einem Lernprozess – und
vielleicht bin ich irgendwann an dem Punkt
angekommen, an dem ich mich absolut sicher
fühle. Auf der anderen Seite kommt es immer
wieder zu unerwarteten Situationen.
Weißhaupt: Hundertprozent sicher bin auch
ich nicht, dazu fehlt mir die jahrelange Erfahrung. Ich fühle mich aber wohl mit meinen
Aufgaben, und denke, dass ich nach außen
schon eine gewisse Sicherheit ausstrahle,
denn das Team vertraut mir und sucht auch
meinen Rat. Prinzipiell würde ich sagen, dass
mir einige Erfahrungen im Vorfeld, wie mein
abgeschlossenes Radio-Volontariat, die Aufgaben erleichtert haben. Redaktionelle Abläufe
sind mir bekannt und ich habe ein gewisses
journalistisches Gespür entwickelt. Das hat
mir jedoch nicht die Aufregung genommen,
als ich dem Präsidium zum ersten Mal bei der
Präsentation unseres Konzepts gegenüber stand.
Momente der Unsicherheit gibt es immer, egal in
welchem Alter – und vor allem, wenn Probleme
oder Herausforderungen auftreten.
Wie meistern Sie diese in Ihrem Team?
Butenberg: Grundsätzlich versuchen wir, sie
gemeinsam anzugehen und zu überwinden.
Das heißt, alle packen in schwierigen Situationen mit an und entscheiden, wenn möglich,
mit. Es ist ganz natürlich, dass Fehler passieren. Aber wir lernen daraus und dann kommen sie kein zweites Mal vor. Zum Beispiel
stand die frühzeitige Einladung der schleswig-holsteinischen Wissenschaftsministerin
dieses Mal ganz oben auf der Agenda. Im vergangenen Jahr war uns leider nicht bewusst,
dass der Terminkalender von Politikerinnen
und Politikern extrem voll ist und so konnte
sie zwar ein Grußwort für die Messebroschüre beisteuern, aber nicht persönlich anwesend
sein. Ich denke, dass wir mit jedem FKT
erfahrener werden und vor allem besser mit
Ausnahmesituationen umgehen können – bisher hat jedenfalls noch jede Messe – dieses
Jahr steht die 24. an – erfolgreich stattgefunden und das liegt vor allem daran, dass wir
unser Ziel nie aus den Augen verlieren.
Foto: Frederike Coring
Einladungen, kümmere mich um den Internetauftritt und die sozialen Netzwerke und versuche ständig, neue Anreize für die Presse
zu schaffen, um über die Messe zu berichten.
Ein Thema, auf das ich dieses Mal besonders
hinweise, sind unsere Ansätze zur Nachhaltigkeit. Unser Ziel ist es, einen grüneren
Fußabdruck zu hinterlassen: Unsere Werbematerialien sollen künftig umweltfreundlich
gedruckt werden, unsere Webseite befindet
sich auf einem Green-IT-Server.
M
an kann mich wohl als echten Filmfreak bezeichnen. Meine Faszination zu Filmen hat mich
sogar dazu gebracht, meinen Beruf zu wechseln.
Nach meinem Wirtschaftsinformatikstudium habe ich
einige Jahre im IT-Bereich gearbeitet, aber das war
auf Dauer einfach nichts für mich. Also habe ich ein
Multimedia-Production-Studium an der FH Kiel und
anschließend in England meinen Master in Filmschnitt
drangehängt. Heute bin ich unter anderem Lehrbeauftragter für Audio- und Videoproduktion und arbeite als
Freelance Video Editor.
LIEBLINGSFILM
Hauke Sterner, Fachbereich Medien
Die eine oder andere Beispielszene werde ich wohl
in meine Lehre einbringen, denn auch nach heutigen
Gesichtspunkten ist „Zurück in die Zukunft“ technisch
extrem gut gemacht. Abgesehen von ein paar logischen Brüchen sind mir bisher keine großen Fehler
aufgefallen. Vielleicht blende ich sie aber auch einfach
aus, weil ich sozusagen „vorbelastet“ bin. Wer also
welche findet, kann sie gerne behalten.
Foto: Andreas Diekötter, aufgezeichnet von Katja Jantz
Obwohl ich mittlerweile unglaublich viele Filme kenne,
ist die „Zurück in die Zukunft“-Trilogie mein ganz klarer
Favorit. Mir gefallen nicht nur die Idee mit der Zeitreise
und die Running Gags, das Zusammenspiel zwischen
Marty McFly und Doc Brown und die Entstehungsgeschichte, sondern ich verbinde auch viele Erinnerungen
damit. Zum ersten Mal habe ich „Zurück in die Zukunft“
als kleiner Junge zusammen mit meiner Schwester
gesehen. Noch heute ist besonders der erste Teil unser
Lieblingsfilm; wir könnten ihn mitsprechen, wenn wir
wollten. In Anlehnung an den Fluxkompensator, der
die Zeitreise im Film erst möglich macht, haben wir
uns beide für „FL UX“-Nummernschilder entschieden.
Zu meinem 30. Geburtstag entführten mich meine
Freundinnen und Freunde mit verbundenen Augen in
ein Kino – sie hatten dort eine Sondervorstellung des
ersten Teils organisiert. Das war das geilste Geschenk,
das ich je bekommen habe.
Foto: Petra Langmaack
Erbstück
Der Sommer ist zu Ende, die Semesterferien sind wieder einmal wie
im Flug vergangen und die Studierenden strömen zurück auf den
Campus der Fachhochschule Kiel und füllen die Hörsäle mit buntem
Leben. Vieles hat sich in den vergangenen Wochen verändert: Zahlreiche Absolventinnen und Absolventen haben die FH und vielleicht
auch Kiel verlassen, rund 1.300 neue Studierende stehen in den
Startlöchern und ein neues Seminargebäude ist inzwischen fertiggestellt. Und auch die Campus-Kunstszene hat einen Neuankömmling zu
verbuchen: Hoch oben über dem Dach des Bunker-D, dem Kultur- und
Kommunikationszentrum der FH, prangt – scheinbar schwebend –
eine rote, ineinander verhakte Stahlskulptur.
Alter Standort: Plöner Schloss
Ursprünglich zierte die rote Skulptur „KUBUS BALANCE“ von
HD Schrader die Terrasse des Plöner Schlosses. Dort war sie
1990 für die erste Sommerausstellung errichtet worden und auch
bis zum Verkauf des Schlosses im Jahr 2002 geblieben. Danach
wurde sie abgebaut und rostete auf einem Kieler Betriebshof vor
sich hin. Als Dieter Pape, der damals Mitorganisator der Sommerausstellung auf Schloss Plön gewesen war, im Jahr 2012 von
Ministerpräsident Torsten Albig mit dem Bundesverdienstkreuz
ausgezeichnet wurde, kamen sie auf das vergessene Kunstwerk
und darüber auf Klaus-Michael Heinze, den ihnen beiden bekannten Kanzler der Fachhochschule Kiel, dessen Liebe zu bildender
Kunst und die daraus resultierende umfangreiche Campus-Kunst- ➢
campusmagazin
45
Foto: Hanna Schrader
Zwölf Jahre zierte die „KUBUS BALANCE“ die Terrasse des Plöner Schlosses. Der Künstler HD Schrader schuf
das aus zwei ineinander verhakten Elementen bestehende Werk 1990 für die dortige Sommerausstellung des Plöner Kunstvereins.
das Kunstreferat und die Kulturabteilung der Landesregierung für diese Idee gewonnen werden, die auch
zustimmten und das Projekt fördernd begleiteten.
Zwischenstopp: Restauration
Ein zweites Treffen entschied schließlich über den Standort der Skulptur: Die Wahl fiel auf das Dach des Bunker-D.
Es folgten eineinhalb Jahre an Planungsarbeit und Vorbereitungen: Freunde und Förderer, Spender und Sponsoren
wurden gesucht und gefunden, der Architekt und der
Statiker verzichteten auf ihr Honorar.
Als das Plöner Schloss im Jahr 2002 verkauft wurde, wurde die „KUBUS
BALANCE“ abgebaut und auf einem
Kieler Betriebshof eingelagert. Für den
Transport mussten die jeweils vier mal
vier Meter großen, ineinander verhakten
Elemente getrennt werden – dafür wurde
ein Seitenteil herausgeschweißt.
46 viel. ausgabe elf
Foto: Klaus-Michael Heinze
sammlung zu sprechen. Beide waren sich einig, dass
dieses Werk sehr gut auf den Campus der FH passen
würde. In Pape reifte diese Idee weiter heran und so
stellte er den Kontakt zwischen Heinze und HD Schrader her. Im November 2014 trafen sich die drei zu einer
ersten Begehung auf dem Campus. Angetan von den
bereits zusammengetragenen Kunstwerken und dem
mit einer Galerie ausgestattetenBunker-D übernahm HD
Schrader Papes Idee, seiner Skulptur ein neues Zuhause auf dem FH-Campus zu geben. Da das Kunstwerk
dem Land Schleswig-Holstein gehört, mussten noch
Foto: Roland Hirche
Ein Team der Kieler Werft ThyssenKrupp Marine
Systems beseitigte die Spuren der Zeit am Werk,
erneuerte die Schweißverbindungen und lackierte
das ganze Werk neu in einem leuchtenden Rot.
Darüber hinaus wurde die „KUBUS BALANCE“
mit vier Stelen ausgestattet, um den gewünschten
„Schwebezustand“ in vier Metern Höhe über dem
Bunkerdach zu ermöglichen.
Für den Bauantrag musste die Statik berechnet
werden und der Ortsbeirat, das Stadtplanungsamt,
die Denkmalbehörde sowie das Wasser- und Schifffahrtsamt waren zu beteiligen. Schwertransporte
und die Restauration des Kunstwerks mussten in
die Wege geleitet werden.Schließlich wurde die
„KUBUS BALANCE“ vom Betriebshof abgeholt und
als Schwertransport mit Überbreite unter Polizeibegleitung um vier Uhr morgens in die Kieler Werft
ThyssenKrupp Marine Systems GmbH gebracht.
Dort wurde sie neu verschweißt, von Rost befreit
und ihre matte abgeblätterte Farbe wieder in ein
strahlendes Rot zurückverwandelt. Die Werftmitarbeiter bauten die „KUBUS BALANCE“ in ihrer vollen
Pracht und Größe wieder auf – allerdings in einer
anderen Position als der ursprünglichen. Wegen
der Kranmontage und der Installation auf vier Meter
hohen Stelen auf dem Bunkerdach musste die
Stabilität des Werks anders gewährleistet werden.
Die schwächste Stelle, die obere Verkantung der
beiden Stahlteile, wurde speziell ausgemessen und
verstärkt, sodass sie bei der Montage nicht mehr
verrutschen oder sich der Stahl unter dem Gesamt➢
gewicht verbiegen konnte.
Foto: Marie Kapust
Mehr als fünf Stunden benötigte ein 13-köpfiges Team, um die beiden Einzelteile des Kunstwerks zu montieren und zunächst
mit einem Kran auf das 13 Meter hohe Dach des Bunkers zu befördern, weitere viereinhalb Stunden beanspruchte die Installation.
campusmagazin
47
Foto: Philipp Spieck
Neuer Standort: Bunker-D
Nach der Instandsetzung der „KUBUS BALANCE“ folgte
ein weiterer Schwertransport, mit dem das Werk noch vor
Sonnenaufgang am 3. September auf den Campus befördert
wurde. Mit einem Kran und etlichen Helfern wurde das fast
zwei Tonnen schwere, vier Meter hohe und fast acht Meter
breite Kunstwerk auf das Bunkerdach gehievt und dort montiert. Die eigens dafür angefertigten Stahlstützen sind auf
vier Montageplatten verschweißt, die mit jeweils acht 200 mm
langen Stahlbolzen befestigt wurden, um bei Wind und Wetter
ausreichend Stabilität und Sicherheit gewährleisten zu können.
Nun lässt sich die rote Skulptur als neues Wahrzeichen von der
Förde und auch vom Westufer aus bestaunen.
Laura Duday, Studentin
Nach monatelangen Vorbereitungen ist
die „KUBUS BALANCE“ zur Freude
von HD Schrader (l.) und FH-Kanzler
Klaus-Michael Heinze endlich auf dem
Dach des Bunker-D angekommen und
bereichert als 432stes Werk die Kunstsammlung auf dem Campus.
Foto: Philipp Spieck
Weitere Informationen zur
„KUBUS BALANCE“ und
zum Künstler:
48 viel. ausgabe elf
LINIE
11
FÜNFTER AUSZUG
Der Kieler Student Niels Luithardt
meistert sein Leben mit nur vier statt
mit fünf Sinnen.
50 viel. ausgabe elf
EIN LEBEN MIT VIER SINNEN
N
„
och etwas weiter oben und mehr nach rechts!“ Geübt
tastet Niels Luithardt mit seinen Händen nach einem
grünen Griff schräg über seinem Kopf. Schließlich hat
er ihn gefunden, sucht nun mit den Füßen nach einem
geeigneten Vorsprung, um sich abzustoßen. Von unten
ruft ihm sein Kletterpartner immer wieder Anweisungen
zu, Tipps, wo sich der beste Vorsprung befindet. „Ein Griff
noch, dann bist du oben angekommen!“ Luithardt berührt
mit seiner rechten Hand die Decke der Kletterhalle der
Fachhochschule Kiel und lässt sich wieder abseilen. Als er
unten ankommt, ist er erschöpft, jedoch auch stolz auf das,
was er gerade geschafft hat. „So langsam kehrt Routine
ein, ich habe schon wesentlich weniger Anweisungen
gebraucht als am Anfang“, erklärt er, während das Seil von
seinem Sicherungsgurt entfernt wird und er zu seiner Getränkeflasche greift. Einmal die Kletterwand hoch bis unter
die Decke und anschließend wieder runter – was sich
für andere schon nach einem Drahtseilakt anhören mag,
erweist sich für Luithardt als eine noch größere Herausforderung. Denn er ist blind.
Verursacht durch die Krankheit Toxoplasmose kam
Luithardt bereits mit einer Sehbehinderung auf die Welt.
Bei genannter Krankheit geht der Erreger, der eigentlich
Tiere befällt, auf den Menschen über. Ist Toxoplasmose
normalerweise harmlos, so kann sie sich bei Schwangeren als problematisch erweisen, da sich der Erreger
auf das ungeborene Kind übertragen und somit schwere
Luithardt probierte als Erster das Angebot „Klettern für
Blinde“ von Prof. Dr. Thomas Martens aus, inzwischen ist die
Gruppe jedoch gewachsen.
Schäden verursachen kann – so auch im Falle Luithardts.
Ein Mensch erblindet durch eine Krankheit nicht von heute
auf morgen, sondern in einem langwierigen Prozess. Bei
Luithardt begann dieser ab dem Jahre 2006 – seine ohnehin schon eingeschränkte Sehkraft ließ immer mehr nach.
Seit 2009 ist er komplett erblindet. Trotz seiner Sehbehinderung in der Kindheit ging er wie jedes andere Kind auf
eine ganz normale Grundschule, später auf ein Gymnasium, wo er sein Abitur meisterte. „Natürlich konnte ich
nicht alles mitmachen, was meine Mitschüler und Freunde
gemacht haben, aber mit den richtigen Tricks war auch für
mich vieles möglich“, erzählt der heute 31-Jährige. Beim
Fußballspielen wurde stets ein greller Ball benutzt, den
auch er erkennen konnte. Fahrradfahren war für ihn zwar
nicht alleine möglich, jedoch fuhr er mit seinem Vater oft
Tandem, ein Fahrrad, auf dem hintereinander zwei Leute
Platz haben, bei dem jedoch nur die vordere Person lenkt.
Die Trinkpause ist beendet, Luithardt nähert sich einer
anspruchsvolleren Route als der vorherigen. „In der sogenannten Kaminroute fühlt Niels sich inzwischen sicher.
Er ist sie schon oft hochgeklettert und durch ihren Verlauf
direkt an einer Ecke kann er seinen ganzen Körper zur Hilfe
einsetzen. Doch diese Route hier mit dem Überhang ist
wesentlich schwerer“, erklärt Prof. Dr. Thomas Martens
vom Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der FH Kiel,
der Leiter des Kletterkurses. Die Idee zu diesem Angebot
für Blinde kam ihm durch seinen blinden Nachbarn. „Da die ➢
LINIE 11
Sie ist die Buslinie Kiels: die 11. Ihre Strecke führt einmal um die Förde,
von der Haltestelle „Pillauer Straße“ in Dietrichsdorf bis zum Kanal in
der Wik. Für die Studierenden der FH Kiel ist sie die wichtigste Verbindung zum Campus auf dem Ostufer. Zugleich ist die Linie 11 der Titel
eines Online-Portals. Unter www.die11.de finden sich journalistische
Experimente von Studierenden aus dem Fachbereich Medien. Die hier
veröffentlichten Beiträge entstehen in der Lehre, aber auch auf Eigeninitiative der Studentinnen und Studenten. Sie probieren aus, wie sich
Geschichten multimedial erzählen lassen, üben also das Schreiben von
Texten ebenso wie das Drehen und Schneiden von Videos oder das
Aufnehmen von Podcasts und anderen Audio-Formaten.
In der Wahl ihrer Themen sind die Studierenden völlig frei. Die Linie 11
bildet lediglich den Ausgangspunkt für ihre Gedanken, die sie zu ihrem
Thema führen. Der Bus ist somit der assoziative Rahmen, den sie mal
eng, mal weit auslegen. Vom Bus und seinen Fahrgästen über die an der
Strecke liegenden Stadtteile bis hin zu abstrakten Fragen wie der, was
eigentlich Glück sei, reicht die Bandbreite.
campusmagazin
51
Halle für den Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit erbaut wurde, dachte ich mir, dass sie auch für
einen sozialen Zweck genutzt werden sollte.“ Und so
entstand das Projekt. Erst war Niels Luithardt der einzige Teilnehmer, dann kamen immer mehr Blinde und
Sehbehinderte dazu. Inzwischen ist die Gruppe mit
der Klettergruppe der Fachhochschule Kiel vermischt.
„Eine sehende Person ist für mich Voraussetzung, da
ich Anweisungen brauche, wo sich der nächste Griff
oder Vorsprung befindet. Eine blinde Person könnte
mir das nicht sagen“, erzählt Luithardt, während er das
Sicherungsseil gekonnt an seinem Gurt befestigt.
Sehende Personen sind Luithardt nicht nur beim
Klettern eine Hilfe, auch in seinem Unialltag wird
er begleitet. Seit 2003 ist er an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel eingeschrieben, studiert dort
Mathe und Physik auf Diplom. Natascha Jürgens leistet
Bundesfreiwilligendienst und steht ihm seit September
2014 in Sachen Mobilität in der Uni zur Seite. „Niels und
ich verstehen uns super. Es fühlt sich nicht wie Arbeit
an, eher, als würde ich mich mit einem Freund treffen“,
so Jürgens. Auch bei seiner Arbeit im AStA und als
Inklusionsbeauftragter unterstützt sie ihn. „Ich helfe bei
Arbeiten am PC oder beim Kopieren“, erklärt sie.
Wie gut Luithardt jedoch auch ohne Hilfe am PC klarkommt, wird bei einem Blick auf seinen Arbeitsplatz deutlich. Auf seiner Tastatur sind auf bestimmten Buchstaben
zur Orientierung kleine Klebepunkte angebracht. Auf
seinem PC ist ein Sprachprogramm installiert, das ihm
vorliest, welche Programme sich auf seinem PC befinden. Auch mit dem Handy umzugehen ist für Luithardt
kein Problem. „Ich benutze ein ganz normales iPhone
6, das hat die ‚Voice-Over‘-Funktion und funktioniert
somit wie die Sprachausgabe auf meinem PC“, erklärt
er. Außerdem hat er auf seinem Smartphone spezielle
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Kletterkurse müssen
die Knoten zum Sichern perfekt beherrschen.
Fotos: Andreas
Niels Luithardt merkt sich, wo sich die Griffe befinden.
Je besser er also eine Kletterroute kennt, desto leichter fällt
es ihm, diese zu bezwingen.
Mobilitätsapps installiert, die ihm helfen, den nächsten
Supermarkt, das nächste Restaurant oder auch einfach
nur die nächste Kreuzung zu finden. Seit neuestem hat
er nun auch eine portable Braille-Zeile für sein iPhone,
die es ihm ermöglicht, Texte mit Hilfe der Blindenschrift
zu schreiben. Aber nicht nur für die Uni, auch für andere
Alltagssituationen hat Luithardt sich bestimmte Hilfsmittel vertraut gemacht. Wenn er einmal nicht in der Mensa
zu Mittag isst, sondern sich selbst etwas kocht, benutzt
er eine Barcode-Scanner-App, die ihm vorliest, welche
Lebensmittel er vorrätig hat. Auch Gesellschaftsspiele
sind für Luithardt keine Unmöglichkeit. Ob Kartenspiele
mit Blindenschrift, Schachbretter mit unterschiedlich
hohen Feldern und Strukturen, oder Kniffel, bei dem die
Augenzahlen plastisch auf den Würfeln angebracht sind –
die Produktpalette für Blinde ist weitreichend.
Luithardt hat bereits die ersten zwei Meter der Route
erklommen. Nun gelangt er zum Überhang. Er tastet
nach dem nächsten Griff, verfehlt ihn jedoch knapp und
rutscht ab. Langsam lässt er sich auf den Boden abseilen.
Doch Luithardt lässt sich von dem kleinen Zwischenfall
nicht entmutigen, sondern setzt an, um es noch einmal
auszuprobieren.
Auch in der Uni hat Luithardt gewisse Hürden zu überwinden. Manches, was für einen sehenden Menschen
selbstverständlich ist, bereitet ihm große Schwierigkeiten oder ist gar unmöglich. In den Vorlesungen lässt er
ein Aufnahmegerät laufen, das alles aufzeichnet, da es
für ihn undenkbar ist mitzuschreiben. Die Mitschriften
von Kommilitoninnen und Kommilitonen kann er nur
verwenden, wenn sie in digitaler Form vorliegen. Auch
Situationen, die für einen sehenden Menschen lediglich
fünf Minuten in Anspruch nehmen, wie etwa ein Raumwechsel zwischen zwei Vorlesungen, sind für Luithardt
nicht ganz einfach zu handhaben. „Ganz normal von A
nach B zu kommen ist für mich ohne die Unterstützung
von Natascha sehr schwer. Ich würde mich oft verlaufen
und müsste für die kleinsten Wege schon sehr große
Zeitpuffer einrechnen.“ Oft ist für ihn schon eine Vorlesung ausgefallen, wenn Jürgens krank war oder jemanden vertreten musste und ihm somit nicht helfen konnte.
Da die Mobilitätshilfe jedoch eine freiwilliges Angebot
des Studentenwerk Schleswig-Holsteins ist, besteht bei
einem solchen Ausfall für Luithardt kein Anspruch auf
Ersatz.
„Es gehört sehr viel Vertrauen
dazu, wenn sich jemand von
mir sichern lässt, denn ich kann
schließlich nicht sehen, wenn
der Partner unsicher wird.“
Er lässt sich wieder abseilen – den Überhang konnte er
heute noch nicht meistern. Nun ist sein Kletterpartner
an der Reihe und Luithardt bereitet sich darauf vor, ihn
dabei zu unterstützen. Die Wand zu erklimmen ist eine
Sache, selbst die Person zu sein, die sichert, eine andere.
Doch auch dieser Aufgabe ist Luithardt gewachsen. „Es
gehört sehr viel Vertrauen dazu, wenn sich jemand von mir
sichern lässt, denn ich kann schließlich nicht sehen, wenn
der Partner unsicher wird und abzurutschen droht“, erklärt
er. Für ihn ist es deswegen wichtig, das Seil durchgängig
straff zu halten.
Auch wenn die meisten Leute mit Luithardts Blindheit
umgehen können, gibt es auch jene, die es weniger können. „Beispielsweise diejenigen, die besonders hilfsbereit
sein wollen, einfach meinen Arm packen und mich über
die Straße ziehen, obwohl ich gar nicht hinüber wollte“,
erzählt er. Einen besonders groben Zwischenfall habe es
gegeben, als ihn ein Rentner beschimpfte, so etwas wie
er gehöre vergast.
Luithardt hat seinen Partner nun wieder abgeseilt. Erschöpft lässt er sich zu einer Sitzbank führen und löst
seinen Sicherheitsgurt. „Ich bin fertig – für heute jedenfalls“, sagt er. Am folgenden Abend wird er wieder klettern
gehen. Irgendwann wird er die schwere Route mit dem
Überhang meistern können, denn eines ist klar: So schnell
lässt sich Luithardt nicht entmutigen.
Lene Rusbült, Studentin
campusmagazin
53
Diekötter
EIN GANZ PERSÖNLICHES
JAPAN-PROJEKT
54 viel. ausgabe elf
Zu Beginn seines Bachelorstudiums Technologiemanagement und -marketing am Fachbereich Informatik und Elektrotechnik der FH Kiel hatte Philipp Hühn eines bereits fest eingeplant – ein Auslandssemester im dritten Studienjahr. Doch im
Gegensatz zu seinen Kommilitoninnen und Kommilitonen, die es vorrangig nach Spanien oder in die Türkei zog, entschied
er sich für einen Aufenthalt im 9.000 Kilometer entfernten Japan. Dass die Fachhochschule Kiel dort keine Partnerhochschule hat, hielt den heute 23-Jährigen nicht davon ab, seinen Plan zielstrebig umzusetzen. Er suchte sich in Eigenregie
einen Studienplatz und ging im März 2014 als sogenannter „Freemover“ an die Ritsumeikan-Universität Kyoto. Durch
einen glücklichen Zufall fand Philipp Hühn vor Ort auch eine Praktikums- und Thesis-Stelle, blieb noch ein halbes Jahr und
erfüllte sich damit einen weiteren langgehegten Wunsch.
W
as Philipp Hühn genau an Japan reizt, kann er nur
schwer in Worte fassen. Es ist aber vor allem das Traditionsbewusstsein, mit dem alte Handwerkskünste wie
der Holzschnitt, das Papierfalten oder das Schönschreiben,
gepflegt werden. Auch das ruhige und zielstrebige Ausführen der Arbeiten begeistern den gebürtigen Hessen;
vielleicht, weil er sich mit diesen Eigenschaften identifizieren kann. Bereits während seiner Schulzeit besucht Philipp
Hühn aus Neugier einen Japanisch-Sprachkurs an der
Volkshochschule – und kann fortan nicht mehr vom ostasiatischen Land im Pazifik lassen. Um seine Kenntnisse zu
vertiefen, sucht er im Internet nach Briefbekanntschaften,
aus denen manche im Laufe der Jahre zu echten Freundschaften werden.
Doch nicht nur sprachlich verbessert er sich, auch über
die Geschichte, Landschaft und Kultur erfährt er viel. 2012
entschließt er sich, das Land endlich einmal zu bereisen,
bucht kurzerhand die Flüge und macht sich alleine auf den
Weg. Per Zug erkundet er Orte und Gegenden wie Tokio
oder Nagasaki, besucht einige seiner japanischen Bekanntschaften und lernt dabei Land und Leute sehr zu schätzen.
In dieser Zeit kommt er auf die Idee zu seinem persönlichen Japan-Projekt. „Für einen intensiven Eindruck reichen
zwei, drei Wochen als Tourist eben nicht aus. Ich wollte
meine Urlaubseuphorie einem Realitätscheck unterziehen
und nicht nur Japans schöne Seiten, sondern auch die
Mankos erleben. Deshalb stand für mich schnell fest, dass
ich mein Auslandssemester dort verbringen würde.“
Als Philipp Hühn dem damaligen Auslandsbeauftragten
des Fachbereichs Informatik und Elektrotechnik von
seinem Plan erzählt, legt dieser ihm nahe, vielleicht lieber
nach China zu gehen, dort gebe es eine Partnerhochschule, was viel weniger Organisationsstress mit sich bringe. Keine Chance: Philipp Hühn gefällt die Freiheit, das
Auslandssemester nach seinen Vorstellungen zu gestalten,
dafür nimmt er die Mühe gerne auf sich. Auf der Suche
nach einer passenden Hochschule konzentriert sich der
junge Mann bewusst auf das Kansai-Gebiet auf der Hauptinsel Honshu im Westen Japans, das mit den Großstädten
Kyoto, Osaka und Kobe viel zu bieten hat, aber nicht so
überwältigend ist wie Tokio.
„Für einen intensiven Eindruck
reichen zwei, drei Wochen als
Tourist eben nicht aus.“
Auf der Webseite der Ritsumeikan-Universität Kyoto stößt
er auf das englischsprachige „Study in Kyoto Program“ für
ausländische Studierende. Philipp Hühn bewirbt sich auf
den Wirtschaftszweig des Programms und wird angenommen. „Einige Wahlmodule aus dem sechsten Semester
hatte ich schon abgearbeitet, und so musste ich vor Ort
nur noch zwölf Creditpoints abdecken. Dafür konnte ich
Fächer wie International Management, Japanisch oder
Intercultural Basics belegen.“
Im März 2014 beginnt Philipp Hühn sein Auslandssemester in Kyoto und ist plötzlich einer von 36.000 Studierenden – eine Dimension, die er aus Kiel so nicht kennt. Japan zeigt sich ihm geordnet und organisiert, denn dort, wo ➢
campusmagazin
55
126 Millionen Menschen auf engem Raum leben, müssen
Struktur und Regeln herrschen, das erkennt er schnell. So
sind Gehwege beispielsweise durch eine Linie getrennt:
links für die eine Richtung, rechts für die andere. Studierende der Ritsumeikan-Universität dürfen die Tore des
Campus nur mit ihrem Studierendenausweis passieren.
Die kleine rauchfreie „Stadt“ mit eigenem Supermarkt und
Buchladen bleibt für Fremde verschlossen. Der verschulte
Unterricht läuft streng nach Plan, jeden Tag gibt es Hausaufgaben. Doch in den englischsprachigen Kursen bleibt
Zeit für Fragen, weil die Lehrenden hier keinen traditionell
japanischen Frontalunterricht pflegen. Philipp Hühn merkt,
dass er das freie Studium zuhause bevorzugt.
„Die Menschen vermeiden klare
Stellungnahmen und dadurch
ziehen sich auch Entscheidungen
in die Länge.“
Mit einem landestypischen Phänomen wird er von
Beginn an konfrontiert: Tatemae und Honne, die öffentliche und eigene Meinung. In Gesprächen verbergen die
Einheimischen meist ihre Gefühle und Wünsche und
verhalten beziehungsweise äußern sich stattdessen so,
wie es den Erwartungen der Gesellschaft entspricht.
„Die Menschen wollen ihr eigenes Gesicht wahren und
ihr Gegenüber nicht verletzen. Hin und wieder fand ich
es anstrengend, zwischen den Zeilen lesen zu müssen,
um die Honne herauszubekommen und war irritiert, weil
ich nicht wusste, ob meine Bekannten meine Vorschläge wirklich gut fanden oder nicht – es kam ja nie eine
Gegenwehr. Die Menschen vermeiden klare Stellungnahmen und dadurch ziehen sich auch Entscheidungen
in die Länge.“ Wo die Unterschiede zwischen Japan und
Deutschland einerseits gewöhnungsbedürftig sind, sind
sie für Philipp Hühn an anderer Stelle leicht anzunehmen.
Er reist viel umher und lernt dabei mehr und mehr den
buddhistisch und shintoistisch geprägten Rhythmus
Japans kennen, der von unzähligen Feiertagen geprägt
ist, und ihn fasziniert. Von der Geburt Buddhas über das
Vertreiben böser Geister bis hin zum Toten- oder Erntefest, jeder Monat steckt voller Ehrungen und Feierlichkeiten, die von großen Feuerwerken begleitet werden.
Noch in Deutschland hatte Philipp Hühn überlegt, seinen
Aufenthalt in Japan durch ein sechsmonatiges Praktikum
zu verlängern. Sein Studienschwerpunkt liegt auf den Erneuerbaren Energien, einem Thema, das auch zu Japan
gut passt, denn seit dem Tohoku-Erdbeben 2011 und
dem Nuklearunfall im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi
hat sich dort für diesen Energiebereich ein Fenster geöffnet. Wie in seiner Heimat gibt es mittlerweile einen
Förderungssatz für verschiedene Erneuerbare Energien,
aufgrund der vielen Flüsse und Bäche insbesondere für
Kleinstwasserkraftwerke. Die Suche nach einem Energieunternehmen hatte sich vorab schwierig gestaltet, erst in
Japan wird Philipp Hühn fündig: Zufällig kennt einer seiner
Professoren eine japanische Firma, die ein Joint Venture
mit dem österreichischen Technologiedienstleister WWS
Wasserkraft eingegangen ist, der nun in Japan Anlagen
verkaufen und aufbauen will. Für die Kommunikation zwischen beiden Firmen sucht die Okayama Electric Co. Ltd.
einen Mitarbeiter, der sowohl Japanisch als auch Deutsch
und Englisch spricht und technisches Verständnis mitbringt. Ein Profil wie auf Philipp Hühn zugeschnitten und
so bekommt er die Stelle.
Anfang August zieht er für sechs Monate aufs Land,
nach Ayabe, in ein Apartment über der Firma. Hier ist
er als Ausländer plötzlich ein Exot, wird von den Einheimischen beobachtet, ansonsten aber gemieden. Seine
Kolleginnen und Kollegen jedoch schätzen den jungen
Mann und behandeln ihn wie einen vollwertigen Mitarbeiter. Zu seinen Hauptaufgaben gehört der tägliche
E-Mail-Verkehr zwischen beiden Unternehmen.
Zusätzlich beginnt Philipp Hühn nach drei Monaten
Praktikum mit der Anfertigung seiner Bachelorarbeit.
„Kleinstwasserkraftwerke: Netzeinspeisung im Niederspannungsbereich – technische Möglichkeiten und
politische Rahmenbedingungen in Japan“ lautet das
Thema, das er zusammen mit seinem Arbeitgeber entwickelt hat. Wann immer es die Arbeit zulässt, versucht
er nicht nur herauszufinden, wie sich die politische und
wirtschaftliche Einstellung zu Kleinstwasserkraftwerken
entwickelt hat, sondern auch, welche Besonderheiten
es in Japan beim Anschluss einer solchen Anlage zu
beachten gilt. Denn im Gegensatz zu Deutschland ist
das japanische Stromnetz zweigeteilt, in einen 50- und
Während seines Aufenthalts genießt Philipp Hühn die japanische
Küche mit ihren exotischen Lebensmitteln. Besonders Okonomiyaki,
eine Art Weißkrautpfannkuchen mit verschiedenen Füllungen, hat
es ihm angetan.
56 viel. ausgabe elf
einen 60 Hertz-Netzfrequenzbereich – der Nordosten
des Landes erhielt seine Generatoren und Transformatoren 1895 aus Deutschland, der Südwesten aus den USA.
Seine Untersuchungen zum passenden Anschlussort
oder der richtigen Spannungsebene helfen dem österreichischen Unternehmen, künftig die richtigen Konstruktionskomponenten zu wählen. Während seiner Recherche stößt Philipp Hühn auf zwei Probleme: Einerseits
stammen die verfügbaren Informationen oftmals nur
von offizieller Seite – an unabhängigen Quellen mangelt
es –, andererseits sind sie vermehrt auf Japanisch. „Um
sie alle genau zu verstehen, hätte ich viele spezielle
Kanji, also Schriftzeichen, kennen müssen. Das Schriftsystem ist sehr kompliziert und hat 15.000 Zeichen.
Selbst Muttersprachlerinnen und -sprachler verzweifeln
daran. Glücklicherweise waren einige Quellen auch auf
Englisch und im Notfall konnte ich einen Kontakt aus der
Branche um Hilfe bitten – in der Firma sprach nämlich
niemand Englisch. Ich habe gelernt, Geduld zu haben
und mit eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten
trotzdem ans Ziel zu kommen. Eine Erfahrung, die ich in
Deutschland so nicht gemacht hätte.“
„Ich habe mein Ziel, jede der 47
Präfekturen, sprich japanische
Bundesländer, zu besuchen, noch
nicht erreicht. Aktuell bin ich bei
25, von daher bleibe ich Japan
noch etwas erhalten.“
Weit gefehlt, wer denkt, dass Philipp Hühns persönliches Japan-Projekt damit vorbei sei. Nach erfolgreichem Bachelorabschluss beginnt der 23-Jährige noch
2015 einen englischsprachigen Deutsch-Japanischen
Doppelmaster in International Material Flow Management an der Fachhochschule Trier. Dieser bringt ihn
wieder für ein Jahr ins Land der aufgehenden Sonne.
„Ich habe mein Ziel, jede der 47 Präfekturen, sprich japanische Bundesländer, zu besuchen, noch nicht erreicht.
Aktuell bin ich bei 25, von daher bleibe ich Japan noch
etwas erhalten. Weltreisen reizen mich nicht, ich möchte stattdessen lieber einige wenige Länder wirklich gut
kennen. Ob ich später in Japan arbeiten werde, weiß ich
noch nicht, möglich wäre es.“
Laura Berndt
Fotos: privat
Diese Staustufe eines kleinen Flusses entdeckt
Philipp Hühn auf seinen Ausflügen durch die
Präfektur Kyōto.
campusmagazin
57
KOMM HER!
WENN DU DICH TRAUST
Von der Zielgruppe für die Zielgruppe: Postkartenserien und Plakate wünschte sich das
Kieler Theater im Werftpark von Medienstudierenden der FH Kiel, um nicht nur Kinder,
sondern auch mehr Jugendliche und junge Erwachsene für seine Vorstellungen zu
begeistern. Als Semesterprojekt ihres Seminars „Grundlagen der Gestaltung“ machten
sich rund 40 Teams an die Arbeit. Ausgewählte Ergebnisse gab es im April 2015 in der
Ausstellung „Mega krasse Grafik“ im CITTI-PARK zu sehen – Laura Braband, Lene Klindt
und Osman Mukhtar gehörten mit ihrer Idee zu den Favoriten der Gäste.
Vorgaben gab es kaum und so konnten alle Studierenden ihrer Kreativität freien Lauf
lassen. Während manche Teams mit typografischen Elementen oder Schriftarten spielten, entschieden sich Laura Braband, Lene Klindt und Osman Mukhtar für Porträtfotos, um die gewünschte Zielgruppe „direkt einzufangen“. Das Besondere dabei:
Sie fotografierten sich selbst vor einem schwarzen Vorhang des Werftparktheaters.
Dazu suchten sie Stücke aus dessen Repertoire aus, um sie auf eine besondere Art
und Weise zu präsentieren: „Plakativ, ein bisschen herausfordernd, spannend, düster,
gefährlich und auf keinen Fall kleinkindmäßig oder quietschig – genau richtig, um
Jugendliche und junge Erwachsene aus der Reserve und in das Theater locken“, fasst
Laura Braband zusammen. Passend dazu entwickelten sie einen Slogan: „Komm her!
Wenn Du Dich traust“.
58 viel. ausgabe elf
Jeweils fünf Motive sollten die Studierenden entwerfen. Eines davon bezog das Dreierteam bewusst auf kein
bestimmtes Stück, sondern hielt es neutral – die Maske verweist symbolisch auf das Theater an sich. Um Abwechslung bei den Aufnahmen zu bieten, stellte sich die gelernte Fotografin Laura Braband hier selbst als Model
zur Verfügung.
campusmagazin
59
Für das Foto zum modernen Märchen „Frida und der komische Mann, der vergessen hatte, wer er war“
von Isabel Martinez, bediente sich das Team aus der Requisite des Theaters. Um des ernsten Konzeptes
Willen musste sich Osman Mukhtar trotz der skurrilen Kopfbedeckung des komischen Manns das Lachen
verkneifen.
60 viel. ausgabe elf
Janoschs Kultstück „Oh, wie schön ist Panama“ ließ Lene Klindt tief in die Schminkkiste greifen: Sie
verwandelte sich selbst in eine der Hauptfiguren, den Tiger. Künstlerische Freiheit, denn in der Werftpark-Version kommt dieser im Gesicht „nackig“ daher: „Der Kontrast zwischen einem erwachsenen
Gesicht und der Kinderschminke passte aber gut zu unserem Vorhaben“, erklärt Lene Klindt.
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61
In der Vorbereitungsphase besuchten die Projektteams eine Vorstellung der Revolutionssatire „Animal
Farm“ von George Orwell, um einen Eindruck von der Art der Aufführungen im Werftparktheater zu erhaschen und Anregungen für ihre Konzepte zu sammeln. Verschiedene Pferde, verschiedene Schweine: Bei den
vielen Masken fiel Laura Braband, Lene Klindt und Osman Mukhtar die Auswahl schwer. Am Ende entschieden sie sich für diese Schweinevariante, weil sie frontal auf dem Foto am besten wirkte.
62 viel. ausgabe elf
Fotos: Laura Braband, Text: Katja Jantz
Thema des Solostücks „OUT! – Gefangen im Netz“ von Knut Winkelmann ist Cybermobbing. Gar nicht so
einfach, das bildlich darzustellen, fanden die drei Studierenden – auch in der Requisite wurden sie nicht
fündig. Also probierten sie ihre Idee erst mit einem Kartoffelnetz aus und landeten am Ende bei einem Zwiebelnetz, weil das farblich gut zum Tiger aus „Oh, wie schön ist Panama“ passte.
campusmagazin
63
ZEIT ZUM
N
E
V
I
T
KREA
Katharina Pausch, Dennis Strohbach,
Tim Schauder, Daniel Molkentin und Morten
Bidzinski erkundeten im November 2014 gemeinsam den Stadtteil Neumühlen-Dietrichsdorf.
Für eine Pause, beispielsweise am Teich im Park
am Ivensring (u. r.) oder am Probsteier Platz (o.),
war das Wetter zu ungemütlich, stattdessen
tobten sich die vier Studenten auf dem nahegelegenen Spielplatz aus, während Katharina Pausch
ihre Aufwärmübungen für die anschließende
Dokumentation fotografisch festhielt (u. l.).
MÜSSIGGANG
Entspannt durch die Gegend schlendern, sich abseits von ­gewohnten Wegen treiben lassen, den Gedanken
­nachgehen, neben der Umgebung vielleicht auch ­kreative Züge an sich entdecken und das ohne ­jeglichen
Druck, ohne H
­ intergedanken – wo gibt es dafür im oftmals hektischen Alltag noch Gelegenheiten? Zum Beispiel an der F­ achhochschule Kiel.
S
tudierende sehen selten einen Anlass, sich länger als
nötig an ihrer Hochschule aufzuhalten, und lernen
den Campus und seine Umgebung daher kaum kennen,
so die Erfahrung von Pädagogin Regina Schaller. „Sie
kommen zu den Vorlesungen – und anschließend gehen
sie wieder. Ihre Freizeit verbringen sie meist woanders.“
Das passiere ganz automatisch, denn sie empfänden ihre
Hochschule häufig nur als eine Art „Durchgangsraum“,
als relativ sterilen, standardisierten Ort, an dem sie sich
nur zu einem bestimmten Zweck aufhielten: nämlich
zum ­Studieren. Auch an der FH Kiel zeigt sich – nicht
zuletzt bedingt durch ihre Lage am Stadtrand – dieses
­Phänomen. „Fakt ist, dass bis heute nur eine Minderheit
unserer Studierenden im Stadtteil Neumühlen-Dietrichsdorf wohnt“, so ­FH-Präsident Prof. Udo Beer. Daher
wüssten sie wenig über diese Gegend, ihre Geschichte,
ihre Anwohnerinnen und Anwohner.
Um dem entgegenzuwirken und den Studierenden
ihren Campus und sein Umfeld näherzubringen sowie
­gleichzeitig ihre Kreativität anzuregen, bietet die FH
Kiel seit Herbst 2013 ganz offiziell zweimal im Jahr
ein Forum: Im Rahmen der Interdisziplinären Wochen
(IdW) veranstaltet Regina Schaller, Mitglied der FH-Arbeitsgruppe Kreative FreiRäume, einen gleichnamigen
Workshop mit dem Untertitel: Entdecke die Möglichkeiten. Den Ansatz, die Bereitschaft von Studierenden zum
Verweilen auf dem Campus und zur kreativen Erkundung
seiner ­Umgebung, gezielt zu fördern, verfolgte die heutige ­FH-Mitarbeiterin bereits in ihrer Masterthesis zum
Thema „Universitäre Nichtorte“. Hauptsächlich beschäftigte sie sich dafür mit zwei wissenschaftlichen Methoden, die sie nun – in leicht abgewandelter Form – auch
an der FH Kiel einsetzt.
64 viel. ausgabe elf
Bevor sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des
Workshops auf Entdeckungsreise begeben, bittet Regina
Schaller sie, sogenannte kognitive Landkarten von der
Gegend zu zeichnen. Karten, auf denen sie spontan
das wiedergeben, was ihnen im Gedächtnis geblieben
ist. „Da das subjektive Empfinden dabei eine große Rolle
spielt, können die Ergebnisse erheblich von der Realität
abweichen“, weiß Regina Schaller aus ihrer Masterarbeit. So tauchten darin zum Beispiel plötzlich Ampeln an
Kreuzungen auf, an denen sich keine befänden. Oder es
würden nur für das eigene Studium relevante Gebäude
abgebildet, also weniger als tatsächlich vorhanden seien.
Manche zeichneten auch ihr Zuhause mit ein, obwohl es
objektiv betrachtet nicht zum Campus zähle. Mithilfe dieser Methode möchte Regina Schaller nun auch den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ihres Workshops diese Diskrepanz zwischen eigener Wahrnehmung und Wirklichkeit
ansatzweise bewusst machen. „Sie zeichnen die kognitiven Karten aber nur für sich selbst, um ein Gefühl dafür
zu bekommen, was sie hier auf dem Campus eigentlich
wahrnehmen und kennen – wir besprechen das nicht“,
erklärt sie. „Aber bei ihrer Erkundungstour können sie
dann direkte Vergleiche ziehen. Würden sie anschließend
eine neue Karte anfertigen, könnten sie ­wahrscheinlich
einige Unterschiede feststellen.“ Zwar bleibt dafür in der
eintägigen Veranstaltung leider keine Zeit, aber Regina
Schaller ist es wichtig, Impulse zu setzen.
Daneben gibt die 36-Jährige den Teilnehmerinnen und
Teilnehmer eine weitere Methode an die Hand: die Dérive,
eine psychogeografische Praxis, die die Künstlergruppe
Situationistische Internationale 1958 als spielerische
­Erkundung einer Stadt durch zielloses Umherschweifen
definierte. „Durchstreife bekanntes und unbekanntes ➢
campusmagazin
65
Foto: Tim Schauder, übrige Fotos: Katharina Pausch
Foto: Tim Schauder, übrige Fotos: Katharina Pausch
66 viel. ausgabe elf
Auf dem Rückweg zur FH entdeckte die Fünfergruppe ein
kleines Waldstück zwischen Wohnhäusern und Gartenlauben.
(o. / Mitte)
An einer Hauswand der Adolf-Reichwein-Schule in der Tiefen
Allee fiel den Studierenden die rund fünf Meter hohe Wandkeramik „Erster und letzter Schultag“ von Gerhard Hurte auf.
(Mitte l.)
Über den Steg bei der Schwentine-Mensa führte ihr Weg Richtung Fähranleger. (u. l. / u. r.)
In der Hertzstraße kamen die Studierenden am Obolus-Sozialladen vorbei. (Mitte r.)
Das klappt auch ganz gut, wie die Feedback­
runden am Ende der bisherigen Workshops
gezeigt haben. Nach dem Spaziergang trifft sich
die Gruppe, um Entdeckungen, Perspektiven und
Wahrnehmungen auszutauschen. „Die Erfahrungen sind durchweg positiv. Viele Studierende
­erzählen, sie hätten den Stadtteil ganz anders
kennengelernt. Sie sind überrascht, weil sie
vorher nicht wussten, dass sie in der Nähe
­einkaufen oder Geld abheben können, oder
weil sie plötzlich in der Nähe auf Plätze gestoßen sind, an denen sie gerne ihre Freistunden
verbringen möchten“, erzählt Regina Schaller.
Das freut sie besonders, denn damit hat die AG
Kreative FreiRäume, wenn auch in kleinem Rahmen, eines ihrer Ziele erreicht. Auch Prof. Beer,
ebenfalls AG-Mitglied, hält den Workshop für
wertvoll. Er helfe, die Verankerung der Hochschule in Neumühlen-Dietrichsdorf zu fördern. „Die
eigenständige Erkundung öffnet den Blick für die
vielen kleinen Sehenswürdigkeiten, die Lebensverhältnisse unserer Nachbarn, die Schönheit
der Umgebung und die Spannungsverhältnisse
zwischen Hafen und Hochschule, Unter- und
Oberland, Schwentine und Förde, Arbeiterviertel
und bürgerlichen Wohnquartieren in Mönkeberg
und Heikendorf und vieles mehr.“
Die Studierenden haben jedoch nicht nur
­ elegenheit, den Stadtteil zu entdecken,
G
­sondern auch kreative Züge an sich selbst. Mit
beliebigen Mitteln sollen sie die Strecke und
ihre Entdeckungsreise dokumentieren. „Das
­können Fotos sein, Zeichnungen, Audioaufnahmen. ­Theoretisch könnten sie auch Steine von
der Straße aufsammeln, wenn es ihnen sinnvoll
erscheint. Da sind keine Grenzen gesetzt“, sagt
­Regina Schaller. Dieser Teil liegt ihr ­besonders
am Herzen, denn Kreativität kommt ihrer
­Meinung nach im Privatleben heutzutage sehr
oft zu kurz. „Im Berufsleben hingegen wird
sie geradezu g
­ efordert. Unternehmen suchen
­ständig nach neuen Ideen und unterstützen das
über unterschiedliche Techniken und Trainings.“
Auch Regina Schaller möchte den Studierenden
Ideen mit auf den Weg geben und ihnen außerdem eine ungezwungene Atmosphäre – eben
Freiraum – bieten, etwas Neues ­kennenzulernen.
Dieses Angebot scheint anzukommen, die
Teilnehmerzahl steigt von Mal zu Mal an. „In
einem Durchlauf hatte ich einen Studenten
vom Fachbereich Informatik und Elektrotechnik
dabei, der meinte, neben seinem alltäglichen
Semesterprogramm aus Programmieren, Technik
und Mathematik wolle er nun auch mal etwas
Kreatives machen“, erzählt Regina Schaller.
Ausgerüstet mit einer Kamera sei er losgezogen,
um seine Entdeckungsreise durch den Stadtteil
fotografisch festzuhalten.
Wer sich entscheidet – und das tun die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer –, seine
Dokumentation auszuarbeiten und später offiziell
einzureichen, erhält dafür 0,5 ECTS-Punkte.
Überwiegend handelt es sich dabei um Powerpoint-Präsentationen mit Fotos, doch auch eine
Slideshow und ein kurzer Erfahrungsbericht
waren schon dabei. Diese Ergebnisse sind auch
für Regina Schaller interessant. „Ich kenne den
Stadtteil selbst nicht im Detail und kann manchmal gar nicht zuordnen, was auf den Bildern zu
sehen ist“, gibt sie schmunzelnd zu. „So habe
ich beispielsweise erfahren, dass etwas, was ich
immer für eine Brücke gehalten hatte, eigentlich
ein ehemaliger U-Boot-Bunker ist.“
Überrascht ist sie auch von der Bereitschaft
der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die bisher
immer aus verschiedenen Fachbereichen der
Hochschule stammten, sich – ganz im Sinne der
Interdisziplinären Wochen – miteinander zu vernetzen und in gemischten Gruppen ­loszuziehen.
Und nicht nur das: Gezeigt hat sich außerdem,
dass sich die Studierenden auf ihrem Weg
durch den Stadtteil nicht scheuen, Kontakte zu
Anwohnerinnen und Anwohnern zu knüpfen, um
beispielsweise zu fragen, ob sie deren Häuser
fotografieren dürfen.
Der IdW-Workshop ist jedoch nicht der einzige
Erfolg der AG Kreative FreiRäume. Auf Anregung
seines Direktors Eduard Thomas, dem Initiator
der AG, wird das Zentrum für Kultur- und Wissenschaftskommunikation der FH Kiel künftig
in Kooperation mit dem Studentenwerk Schleswig-Holstein auf seiner Sternwarte einen Astronomiekurs für S
­ tudierende anbieten. „Für unsere
Studierenden ist es wichtig, sich nicht nur mit
ihrem Studium zu beschäftigen“, weiß auch Prof.
Udo Beer. „Kultur wird auf unserem Campus
nicht aus Zufall groß geschrieben, sondern weil
wir diesen intellektuellen Ausgleich für mindestens so wichtig halten wie einen sportlichen.“
Dafür möchte die Hochschule ihren Studierenden genügend „Futter“ liefern.
Foto: Hartmut Ohm
Terrain. (…) Entdecke neue ­Perspektiven und
Räume deiner ‚Heimat auf Zeit’“, heißt es d
­ aher
in Regina Schallers Veranstaltungs­beschreibung.
„In diesem Prozess ist es wichtig, sich wirklich
treiben zu lassen und keinen bestimmten Ort
anzupeilen – dann landet man schnell mal an
unbekannten Stellen“, erklärt sie.
Regina Schaller ist als Mitglied
des Teams MeQS|Hochschuldidaktik der FH Kiel („Mehr
StudienQualität durch Synergie – Lehrentwicklung im
Verbund von Fachhochschule
und Universität) zuständig für
den Bereich E-Learning. Seit
2013 organisiert sie außerdem
regelmäßig den Workshop
„Kreative FreiRäume“ im
Rahmen der Interdisziplinären
Wochen.
Katja Jantz
campusmagazin
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Foto: Leevke Struck
Studentin Katharina Pausch (22 Jahre)
vom Fachbereich Soziale Arbeit und
Gesundheit nahm im November 2014 am
IdW-Workshop „Kreative FreiRäume“ teil.
S
eit ich an der FH Soziale Arbeit studiere, habe ich zu
fast allen Interdisziplinären Wochen einige Kurse besucht. Ich muss zugeben, dass ich mir diesen Workshop
anders vorgestellt hatte; ich bin immer auf der Suche
nach kreativen oder künstlerischen Kursen und dachte,
dass dies auch bei diesem im Mittelpunkt stehen würde.
Das war zwar nicht der Fall, aber ich war überrascht, wie
viel Spaß er mir gemacht hat und welche Anregungen ich
mitnehmen konnte.
Ich kannte von Dietrichsdorf bislang nur den Weg, den
der Bus zur FH nimmt, und fand die Idee spannend,
einen Ort ohne ein bestimmtes Ziel und ohne Druck zu
erkunden. Denn wann nimmt man sich im Alltag schon
mal die Zeit, durch sein Umfeld zu laufen und zu schauen,
was es sonst noch so bietet? In der Regel fahren wir alle
doch nur zum Campus, bleiben während unserer Kurse
dort und fahren denselben Weg wieder heim und das
wollte ich gerne mal durchbrechen.
Ich habe mich einer Gruppe von vier Studenten aus dem
Fachbereich Informatik und Elektrotechnik angeschlossen. Abgesehen davon, dass wir unsere Strecke dokumentieren sollten, gab es keine Vorgaben. Ich fotografie-
68 viel. ausgabe elf
re sehr gern, aber im Alltag geht das ja doch häufig etwas
unter. Bei diesem Workshop habe ich die Gelegenheit
genutzt, ganz spontan und unbewusst zu entscheiden,
was ich aufnehmen möchte, und so ein paar schöne
Fotos mit nach Hause genommen.
Ich war überrascht von unserer „Erkundungsreise“: Zugegebenermaßen hatte ich nicht damit gerechnet, dass der
Stadtteil so groß ist und es abseits der Hauptstraße noch
so vieles zu entdecken gibt. Wir sind zum Beispiel an einem Teich vorbeigekommen, haben kleine Läden ausfindig
gemacht, Schrebergärten, das Brezelhaus und sogar einen
wunderschönen Aussichtspunkt über einen Teil Dietrichsdorfs gefunden.
Doch ich habe nicht nur den Stadtteil besser kennengelernt, sondern auch neue Kontakte geknüpft. Es war
unfassbar witzig, sich mit den anderen Gruppenmitgliedern über die jeweiligen „Vorurteile“ zu unterhalten, die
die einzelnen Fachbereiche gegenüber anderen haben.
Sporadisch schreiben wir uns mal und haben auch nach
wie vor eine Ebbelwoi-Verköstigung geplant. Dies als
kleine Erinnerung an die Herren.
S
tricken ist für mich wie eine Sucht, ich habe fast
immer mein Strickzeug dabei. Am liebsten mag
ich Norwegermuster mit Sternen oder Bordüren, wie
das klassische Setesdal-Muster. Im Gegensatz zu
vielen anderen habe ich damit keine Schwierigkeiten.
Vielleicht liegt das daran, dass ich als Ingenieurin eine
Art „mathematisches Hirn“ habe? Diese Muster sind
meistens sehr symmetrisch aufgebaut, man muss
nicht viel weiter als bis fünf zählen können und außerdem wiederholen sich die Schritte immer wieder.
LIEBLINGSMUSTER
Sabine Hansson, Fachbereich Maschinenwesen
Mein größtes Projekt bisher war ein Kostüm für die
Taufe unseres Sohnes, bestehend aus gemusterter
Jacke und Rock. Inzwischen ist er ein Teenager, aber ich
habe und trage es immer noch, zuletzt im Frühjahr zur
Konfirmation meiner Nichte. Ansonsten stricke ich alles
Mögliche: Pullover, Jacken, Socken, Topflappen, Teekannenwärmer, Fäustlinge … Eine Zeitlang habe ich auch
Auftragsarbeiten übernommen, aber nun beschränke
ich mich lieber auf das, worauf ich gerade Lust habe.
Für dieses Hobby nutze ich schließlich meine kostbare
Freizeit, da möchte ich auch Spaß daran haben.
Foto: Andreas Diekötter, aufgezeichnet von Katja Jantz
Hin und wieder verschenke ich mal etwas zum Geburtstag, aber meistens stricke ich für mich und die
Familie. Meine Tochter trägt ganz gerne selbstgestrickte Socken. Eine Zeitlang war das mal „total out“, aber
jetzt ist es eben wieder „total in“. Mein Mann hingegen nimmt auch gerne mal einen Pullover – und unser
Hund Egon auch. Hunde zu bestricken ist gar nicht so
einfach, das funktioniert eher nach Augenmaß. Und das
Anprobieren geht auch nicht ganz problemlos vonstatten. Aber wenn Egon abends müde ist und sich nicht
mehr wehrt, kann ich ihn schon mal da hineinstecken.
Merkwürdig, denn wenn der Pulli erst einmal sitzt,
trägt er ihn gerne. Als ich das gute Stück vergangenen
Herbst aus dem Schrank geholt habe, hat er geradezu
Freudensprünge gemacht.
PHYSIOTHERAPIE MIT
WEITBLICK
Spaß und Freude bei der Arbeit kommen bei Anna-Christin Kokot (l.) nicht zu kurz.
Den Heikendorfer Weg passieren viele Studierende und Mitarbeitende der Fachhochschule
Kiel, um ihren Hörsaal oder Arbeitsplatz zu erreichen. Wer einmal innehält und sich genauer
umschaut entdeckt – hinter ein paar Hecken versteckt und doch direkt am Campus – die
CampusPraxis, eine Physiotherapiepraxis.
A
ls ich an einem regnerischen Freitagnachmittag in der CampusPraxis zum
Interview eintreffe, wird sehr schnell deutlich: Von der Tristesse draußen vor der Tür ist
drinnen nichts zu merken. Physiotherapeutin
Anna-Christin Kokot öffnet die Tür mit einem
Strahlen: „Komm rein und mach`s dir schon
mal bequem. Möchtest du einen Kaffee?“
Das „Du“ sei hier normal, zwischen den Kolleginnen und Kollegen, aber auch im Umgang
mit den Patientinnen und Patienten, erzählt
die 26-Jährige. Neben ihr gehören noch Jan
Ahrens, Carsten Braun, Lena Karnatz – die
Inhaber der Ahrens, Braun, Karnatz Physiotherapeuten Partnergesellschaft –, ganz neu
Carolin Schmidt und eine weitere Kollegin
am Empfang zum Team. „Unser Motto lautet
‚Physiotherapie mit Weitblick‘. Wir möchten
70 viel. ausgabe elf
nicht nur bei der Behandlung selbst in alle
Richtungen schauen und offen für neue
Ansätze sein, sondern auch darüber hinaus
die Zufriedenheit unserer Patientinnen und
Patienten im Blick haben“, erklärt Jan Ahrens.
Wie wichtig ihm das ist, ist kaum zu verkennen: Wenn er über seine Arbeit spricht, strahlt
auch er und gestikuliert, als würde er jeden
seiner gelernten Handgriffe zeigen wollen.
Die Liebe und Leidenschaft zur Physiotherapie scheinen ebenfalls Teil der Betriebsphilosophie zu sein. „Es ist so ein großartiges
Gefühl, Menschen helfen zu können, ihnen
Schmerzen zu nehmen und ihnen ihren Alltag wieder zu erleichtern“, schwärmt auch
Anna-Christin Kokot. Dies sei der Grund
für ihre Berufswahl gewesen und auch an
„Es ist so ein großartiges Gefühl,
Menschen helfen zu können, ihnen
Schmerzen zu nehmen und ihnen
ihren Alltag wieder zu erleichtern.“
schwierigen Tagen immer wieder ihr Hauptantrieb. Fast immer entwickele sich nach ein
paar Behandlungen eine Art freundschaftliches Verhältnis zur Patientin bzw. zum
Patienten, schließlich verbringe man regelmäßig 30 Minuten intensive Zeit miteinander
und lerne sich kennen. Anna-Christin Kokot
gehört seit zweieinhalb Jahren fest zum
Team. Wie auch Jan Ahrens hat sie Physiotherapie an der Fachhochschule Kiel studiert.
Direkt nach ihrem Bachelor fand sie in die
CampusPraxis. „Ich bin hier angestellt und
die anderen sind meine Chefs. Aber so fühlt
es sich für mich gar nicht an und das macht
unsere Praxis auch irgendwie aus: Wir sind
alle befreundet und es gibt kaum Hierarchien“, betont sie.
Die CampusPraxis bietet ein breites Leistungsspektrum. Unter dem Oberbegriff Physiotherapie führt das Team beispielsweise
Krankengymnastik mit Geräten, aber auch
ohne Hilfsmittel, manuelle Therapie und
Lymphdrainagen, aber auch klassische Entspannungsmassagen durch. Der häufigste
Grund, aus dem Patientinnen und Patienten
in die Praxis kommen, ist der sogenannte
unspezifische Rückenschmerz, ein Schmerz
ohne radiologischen oder neurologischen
Befund. „Der Rücken tut einfach weh, ohne
dass es einen richtigen medizinischen Grund
dafür gibt. Hier sind Herangehensweise und
Behandlungsart dann auch immer ganz unterschiedlich“, so Jan Ahrens. Oft spielten in
Rückenschmerzen zusätzlich auch noch psychologische Aspekte mit hinein, etwa die
klassische „Last auf den Schultern“. Neben
physiotherapeutischen Fähigkeiten verlange
der Beruf also auch häufig ein hohes Maß
an Empathie.
Diese durch das Studium zu erlernen, sei
nicht möglich – als Physiotherapeutin
oder Physiotherapeut sei es daher sehr
wichtig, über die medizinische Thematik
hinaus Interesse am Menschen mitzubringen. Auf äußere Faktoren einzugehen, die
Patientinnen und Patienten als Gesamtbild
wahrzunehmen und ihre Lebenssituation zu
kennen, sei unerlässlich für eine gelungene
Behandlung. Natürlich beschränken sich die
Behandlungen nicht einzig auf den Rücken.
Vor allem Sportverletzungen und Rehabehandlungen nach Operationen stehen
oft auf dem Programm. Auch Hausbesuche
bietet das Team an, was besonders ältere
Menschen oder Krebserkrankte zu schätzen
wissen. Die Betroffenen durch schwere Zeiten zu begleiten und ihnen zur Seite stehen
zu können, das sind die tollen Seiten ihres
Berufs, findet Anna-Christin Kokot. Obgleich
die physiotherapeutische Arbeit vorwiegend
eine ernsthafte Angelegenheit ist, kommt
im Team der CampusPraxis der Spaß nicht
zu kurz. Nicht nur während unseres Interviews lachen Jan Ahrens und Anna-Christin
Kokot viel, auch während der Behandlungen,
erzählen sie. Durch kleine Akzente erhellt
das Praxisteam nicht nur den eigenen Alltag,
sondern auch den seiner Patienten und
Patientinnen. So steht in einem der fünf Behandlungsräume beispielsweise ein Skelett
mit essbaren Schaumzuckeraugen.
Die Geschichte der CampusPraxis ist auch
ein bisschen eine FH-Geschichte. Ins Leben
gerufen wurde sie durch ein Projekt des Bachelorstudiengangs Physiotherapie am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Nach
einer Idee der damaligen Professorin Heidi
Höppner sollte eine Praxis mit FH-Bezug ➢
campusmagazin
71
Verein, den Campus-Praxis-Gesundheit e. V.
Als die Fachhochschule nach sechs Jahren
die Räumlichkeiten wegen Eigenbedarf
kündigte, wagten Ahrens, Braun, Karnatz
im März 2012 als Partnergesellschaft einen
Neuanfang im Heikendorfer Weg 57.
Unter Beobachtung: Das Skelett
mit den Schaumzuckeraugen
im großen Behandlungsraum
scheint jeden Handgriff zu
beobachten und erhellt nicht nur
den Alltag der Patientinnen und
Patienten, sondern auch den des
Therapeutenteams.
entstehen, die „mit für die gesundheitliche
Versorgung der FH-Angehörigen“ verantwortlich sein und „eng mit dem Physiotherapiestudiengang kooperieren“ sollte. Für
dieses Konzept erhielten Prof. Höppner und
die mitwirkenden Studierenden, darunter
auch Jan Ahrens, Carsten Braun und Lena
Karnatz, damals finanzielle Mittel aus einem
Frauen- und Innovationsförderpool, und eröffneten mit deren Hilfe im Januar 2006 die
CampusPraxis im Untergeschoss des von
der FH angemieteten Gebäudes im Heikendorfer Wegs 29, das heute Seminarräume
des Fachbereichs Medien beherbergt.
Doch der Anfang war schwer. „Es war gar
nicht so einfach, sich für eine Rechtsform
zu entscheiden“, erinnert sich Jan Ahrens.
Letztlich fiel die Wahl zunächst auf einen
Das Team der CampusPraxis
arbeitet nicht nur zusammen,
sondern ist auch befreundet:
Carolin Schmidt, Carsten Braun,
Lena Karnatz, Jan Ahrens und
Anna-Christin Kokot (v. l.).
72 viel. ausgabe elf
Darüber hinaus musste sich die CampusPraxis bei ihrer Gründung erst einmal einen
Namen machen und einen Patientenstamm
aufbauen: „Die ersten vier Monate bestand
unsere Arbeit vorwiegend aus Telefondienst.
Wir mussten uns alle zusätzlich noch mit anderen Jobs über Wasser halten“, erzählt Jan
Ahrens. Aber dies sei auch eine Besonderheit
der CampusPraxis: Denn nur selten machten
sich Physiotherapeutinnen und -therapeuten
direkt nach ihrem Abschluss selbstständig.
Die meisten bauten sich zunächst in einer Anstellung ihr Klientel auf und wagten dann den
Schritt in die eigene Praxis. Bis sich die drei,
die seit Studienzeiten eng befreundet sind,
finanziell keine Sorgen mehr machen mussten, verging einige Zeit, aber aufgeben kam
für sie nicht in Frage: „Wir hatten das Projekt
zusammen auf die Beine gestellt und wollten
es auch zusammen durchziehen.“
Beruf und Freundschaft miteinander zu verbinden, ist das nicht gefährlich? Doch, pflichtet
Jan Ahrens bei, und es habe durchaus auch
schwierige Zeiten gegeben. Besonders als
die Praxis erfolgreicher wurde, immer mehr
Patientinnen und Patienten kamen und die
Auslastung sich erhöhte, kam es zu Diskussionen über die Arbeitsaufteilung.
Auch die Zielsetzung der drei entwickelte sich
phasenweise in unterschiedliche Richtungen:
Während einer die Praxis noch weiter vorantreiben wollte, wollte der andere beispielsweise für die Familiengründung beruflich
„Wir hatten das Projekt
zusammen auf die Beine
gestellt und wollten es auch
zusammen durchziehen.“
kürzertreten. Es habe ein paar Mal krachen
müssen, bis jeder seinen Platz und seine
Aufgaben gefunden habe. Dafür laufe es
heute so gut wie nie, auf allen Ebenen. Die
CampusPraxis hat viel zu tun und das Klientel
ist durch den Standort Dietrichsdorf sehr
vielfältig, was dem Team sehr gut gefällt.
Die CampusPraxis: ein FH-Nachbar, der
nicht nur für die Angestellten, sondern auch
für Studierende interessant sein könnte.
Denn Rückenschmerzen und Verspannungen sind auch für junge Leute immer mehr
ein Thema, weiß Jan Ahrens. Woran das
liegt? „Ich habe manchmal das Gefühl,
dass der Druck auf Studierende sowie Berufseinsteigerinnen und -einsteiger immer
mehr wächst. Sie tragen quasi ein schweres Paket auf dem Rücken“, glaubt der
38-Jährige. Hinzu komme die viele Arbeit
an Schreibtisch, Computer und Smartphone. Für den Studien- und Arbeitsalltag hat
er ein paar Tipps: „Bewusste Auszeiten und
schon kleine Veränderungen im Alltagsverhalten können Wunder bewirken. Beispielsweise auch mal im Stehen arbeiten, das
Smartphone oder die Getränkeflasche in
einem anderen Raum platzieren, so dass
die routinierte Bewegung bewusst unterbrochen werden muss.“ Und falls das
nicht reicht, ist der Weg vom Hörsaal in die
CampusPraxis nicht weit. In eine Praxis,
in der sich die Menschen auf Augenhöhe
begegnen, in der Patientinnen und Patienten ernst genommen werden und sich auf
Anhieb wohlfühlen können. Und leckeren
Kaffee gibt es auch.
Jan Ahrens führt eine Übung durch, die den Schmerz der
„klassischen Last auf den Schultern“ lindern soll.
Medizinisches Fachwissen und Empathie: Eine erfolgreiche physiotherapeutische Behandlung vereinigt beides gleichermaßen.
Fotos: Frederike Coring
Pia Höllwig, Studentin
campusmagazin
73
„WIR SETZEN AUF
NICHT AUF ABGRENZUNG“
I
hr Büro ist hell und freundlich, farbige moderne Pop-ArtBilder hängen an den Wänden, zwei Tulpen in einer Vase
schmücken ihren Schreibtisch, auf dem sich neben dem
Computer ein paar Akten stapeln. „Ich bin gern hier“, sagt
Britta Krüger lächelnd. Mit „hier“ meint die Alumna der
Fachhochschule Kiel die Jugendarrestanstalt Moltsfelde
bei Neumünster, die sie seit zwei Jahren leitet.
plätzen und einem Garten mit Teich. Fast sieht es hier aus
wie in einer Jugendherberge, wären da nicht der hohe,
gut abgesicherte Zaun und die grünen massiven Türen
ohne Klinken im Innern der Gebäude.
Arrest klingt erst einmal nach Freiheitsentzug und harter
Strafe. Ganz so ist es jedoch nicht, denn kürzlich erst
wurde in Schleswig-Holstein ein neues Gesetz für den
Jugendarrest verabschiedet. Ziel für die jungen Straffälligen: „ein „selbstverantwortliches Leben ohne weitere
Straftaten.“ „Das ist genau unser Anliegen. Wir versuchen,
sie auf diesem Weg zu unterstützen und auch Hilfen nach
dem Arrest zu organisieren“, erklärt Britta Krüger.
Doch Moltsfelde ist kein Gefängnis. „Wir wollen die
Jugendlichen nicht wegsperren, sondern den Alltag hier
mit ihnen gemeinsam organisieren. Wir möchten Vorbilder
sein“, betont die Sozialpädagogin ihre eigene und die Arbeit ihrer 21 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Meist sind
es junge Männer, die hier vorübergehend leben – einige
für ein Wochenende, andere bis zu vier Wochen. Junge
Frauen sind mit knapp über zehn Prozent in der Minderheit. „Wir wollen für alle da sein und arbeiten mit pädagogischen Konzepten“, schildert Britta Krüger. Dabei gehe es
eher um Nähe als Distanz.
Die Arrestanstalt – einzigartig in Schleswig-Holstein – liegt
mitten im Grünen nahe des Outlet-Centers Neumünster:
zwei relativ neue Backsteingebäude, umgeben von Sport-
Nicht ganz so einfach. Denn die jungen Menschen
zwischen 14 und 21 Jahren haben so einiges auf dem
Kerbholz: Körperverletzung, Raub, Diebstahl oder
74 viel. ausgabe elf
Kunstvolle Keramik in der Töpferwerkstatt: In ihrer Freizeit können
sich die Jugendlichen ausprobieren.
Britta Krüger strahlt Zuversicht aus – sie identifiziert
sich mit ihrer Arbeit und hofft, dass die Jugendlichen
ihr Leben noch in den Griff kriegen.
Betrug. Vereinzelt sind auch welche darunter, die den
Arbeitsauflagen des Gerichts nicht nachgekommen sind
oder immer wieder die Schule schwänzten. Eine feste
Struktur in Moltsfelde soll ihnen helfen. Handy und Fernsehen sind tabu, Alkohol und Drogen sowieso. Von Anfang
an lernen die Jugendlichen einen strukturierten Start in
den Tag kennen: um 6.45 Uhr selbstständiges Aufstehen
und Duschen, um 7.20 Uhr Frühstücken, von 8.10 Uhr
bis mittags Gruppen- bzw. Arbeitszeit. Längere Arbeitsgruppenphasen sind sie nicht gewohnt. „Deshalb zeigen
wir ihnen nachmittags, was sie in ihrer Freizeit anstellen
können“, erklärt die Anstaltsleiterin. „Auf dem Programm
stehen Sport, Kunst oder auch Kochen. Außerdem haben
wir natürlich keinen Hausmeister, Gärtner oder Putzhilfen.
Wir machen alles selbst – und so manche und mancher
hält zum ersten Mal einen Feudel in der Hand oder mäht
den Rasen.“ Die Jugendlichen sind dabei ständig mit
einer Betreuerin oder einem Betreuer zusammen, um
bei Bedarf unterstützt zu werden. Außerdem werden sie
im sozialen Training mit der harten Wirklichkeit konfrontiert.
„Wir organisieren regelmäßig Gespräche mit Gefangenen
der Justizvollzugsanstalt Neumünster. Damit die Jugendlichen sehen, was auf sie zukommt, wenn sie ihr Leben
nicht ändern.“ „Reden statt schlagen“ ist zum Beispiel ein
Vorsatz, den das Team vermitteln möchte.
Zu Britta Krügers Aufgaben zählt nicht nur ihre Verwaltungstätigkeit – sie arbeitet auch eng mit einem Netzwerk
aus Gerichten und Jugendämtern zusammen. Mit Veranstaltungen und Fortbildungen für Externe, wie Richterinnen und Richter, Staatsanwältinnen und Staatsanwälte
oder Pädagogikfachkräfte versucht sie, über die Arbeit der
Arrestanstalt aufzuklären. Außerdem kann sie mit ihrem
Team in Moltsfelde immer wieder neue Erfahrungen sammeln und Ideen umsetzen.
Natürlich könne im Alltag schon mal Frust aufkommen,
aber es sei auch eine Herausforderung, an sich zu
arbeiten und besser zu werden. „Wir müssen bereit
sein, mit straffälligen Menschen umzugehen, und daran
glauben, dass sie sich ändern können.“ Britta Krüger
strahlt Zuversicht aus – so schnell lässt sie sich nicht
unterkriegen. Sie bringt eine große Portion Energie und
viel Geduld mit. Denn meist erfährt sie nicht, was aus
den sogenannten Arrestantinnen und Arrestanten wird –
ob sie später ein normales selbstverantwortliches Leben
führen oder im Strafvollzug landen. „Ich wünsche mir
mehr Feedback“, sagt sie, aber die Jugendämter seien
hoffnungslos überlastet.
Ursprünglich wollte Britta Krüger nach dem Abitur in
Elmshorn Ethnologie studieren. Feldversuche in Afrika oder
Südamerika lockten sie. Aber ihr Notendurchschnitt reichte
nicht für den Numerus Clausus. So startete sie erst einmal
an der Kieler Uni mit den Fächern Psychologie, Soziologie
und Pädagogik. „Doch nach einem Jahr war mir klar, das ist
es nicht. Ich bin knackig und schnell und wollte eine konkrete Vorstellung von meinem Beruf nach dem Studium.“ Also
wechselte sie 1994 an die Fachhochschule Kiel. „Ich habe
mich schnell auf die Soziale Arbeit im Strafvollzug sowie im
Bereich Gesundheit konzentriert und sehr viel über soziale
und juristische Strukturen, über psychische und körperliche
Erkrankungen und über Suchtverhalten gelernt, und so
außerdem viel über den Umgang mit Menschen und über ➢
campusmagazin
75
Fotos: Leevke Struck
Die Türen in der Arrestanstalt haben keine
Klinken. Über Nacht werden die Jugendlichen eingeschlossen.
In Arbeitsgruppen sprechen die straffälligen
Jugendlichen über ihre Zukunftsmöglichkeiten und halten die Ergebnisse auf Postern fest.
Personalführung erfahren.“ Alles wichtige und notwendige
Voraussetzungen für ihren jetzigen Berufsalltag.
Wobei sich Britta Krüger nicht nur auf ihr Studium beschränkte: Sie engagierte sich in der Hochschulpolitik
und wurde Fachschaftsvorsitzende. Auch heute ist sie in
mehreren Berufsverbänden aktiv. „Ich möchte nicht nur an
meinem Arbeitsplatz Lebensumstände verändern, sondern
darüber hinaus auch die Arbeit selbst und gesellschaftliche
Prozesse mitgestalten“, begründet sie ihr Engagement.
Direkt nach ihrem Studium arbeitete sie in der Bewährungshilfe Elmshorn und leitete anschließend acht Jahre
lang die Zugangsabteilung der Justizvollzugsanstalt. „Dort
hatte ich mit straffälligen Erwachsenen zu tun. Und das
war gut so – denn für den Umgang mit Jugendlichen war
ich einfach noch zu jung, zu nah dran. Heute bin ich reifer
und habe mehr Berufs- und Lebenserfahrung.“ Dazu beigetragen haben sicher auch die sechs Arbeitsjahre im Justizministerium. „Da war ich näher an der Politik dran – aber
meine Arbeit verlief in festeren, größeren Strukturen. Dass
ich hier in Moltsfelde eigenständiger und freier vorgehen
kann, gefällt mir.“
Bei einem Rundgang zeigt Britta Krüger, wie gut und
professionell die Arrestanstalt ausgerüstet ist. Die Jugendlichen können eine Bibliothek und einen Computerraum
nutzen, es gibt eine Lehrküche, eine Werkstatt und eine
Töpferei. Austoben können sie sich in der Sporthalle oder
draußen auf einem Sportplatz und einem Beachvolleyballfeld. Alle Räume sind hell und modern möbliert. Nur die
Gitter vor den Fenstern erinnern daran, dass hier nicht alle
ein- und ausgehen dürfen.
76 viel. ausgabe elf
Natürlich gibt es auch ein Besuchszimmer in Moltsfelde.
Doch meist steht es leer. Zwar dürfen die Eltern einmal
pro Woche nach ihren Kindern sehen, sie nehmen das
Angebot jedoch kaum wahr. „Daran sehen wir, wie
zerrüttet oft die Familien sind, aus denen unsere Jugendlichen kommen. Neulich hat ein Vater seinen 14-jährigen
Sohn, der zwei Wochen bei uns war, nicht wieder aufnehmen wollen. So etwas kommt leider vor“, bedauert
Britta Krüger.
Auch wenn die 41-Jährige eine Teilzeitstelle mit 80
Prozent besetzt, macht sie klar, dass sie sich mit Moltsfelde mehr als einhundert Prozent identifiziert. „Mein
Beruf ist mir sehr, sehr wichtig – aber natürlich habe ich
auch Familie.“ Schon jetzt macht sie sich Gedanken, wie
sie nächstes Jahr, wenn ihr Sohn in die Grundschule
kommt, seine Nachmittagsbetreuung organisieren soll.
„Arbeit, Familie, Freundinnen und Freunde stehen bei
mir klar an erster Stelle, da habe ich nicht mehr so viel
Zeit für Hobbies.“ Aber das Segeln hat sie nicht aufgegeben – immerhin war sie früher sogar im Vorstand der
Segelsportgruppe der FH Kiel. „Außerdem habe ich mit
dem Klavierspielen angefangen. Dabei kann ich herrlich
abschalten.“
Last, not least möchte Britta Krüger noch einen Appell an
die Studierenden der Fachhochschule Kiel loswerden.
„Ich würde mich freuen, wenn sich mehr junge Menschen
zutrauen würden, in unserem Bereich zu arbeiten, und
auch vor Leitungspositionen nicht zurückschrecken.“ Sie
zumindest hat das geschafft.
Sigrid Werner-Ingenfeld
Prof. Dr. Thomas Grabner, Fachbereich Wirtschaft
Ü
ber Worte und ihre Bedeutung für uns machen wir
uns normalerweise kaum Gedanken, wir benutzen sie
einfach. Meinen beruflichen Weg hat jedoch eines stark
geprägt: „muda“. Es stammt aus dem Japanischen und bedeutet „Verschwendung“. Deren Vermeidung ist entscheidend, um Prozesse in Unternehmen zu optimieren.
Kennengelernt habe ich diesen Begriff und die Philosophie, die dahintersteckt, als Abteilungsleiter eines schleswig-holsteinischen Maschinenbauunternehmens und seitdem begleitet er mich bei meiner Arbeit. Damals nahm
ich zusammen mit einem Kollegen an einem Workshop in
unserem amerikanischen Schwesterunternehmen teil, in
dem eine japanische Unternehmensberatung die „MudaVermeidung“ als Kernelement ihres Konzeptes vorstellte.
Danach werden nur solche Tätigkeiten und Abläufe als
wertschöpfend angesehen, für die Kundinnen und Kunden
auch zu zahlen bereit sind. Alle anderen sind per Definition Verschwendung und sollten abgeschafft werden – ein
Gedanke, den alle Mitarbeitenden verstehen, sodass jede
und jeder einen Beitrag zur Weiterentwicklung des Unternehmens leisten kann. Zurück in Deutschland übertrugen
wir diese Philosophie und die damit verbundenen Konzepte mit viel Erfolg auf das eigene Unternehmen.
Zeitgleich fand diese Denkhaltung, basierend auf dem
Toyota-Produktionssystem, in Deutschland eine breite
Öffentlichkeit unter dem Begriff „Lean Management“ .
Wenig später habe ich mich gemeinsam mit einem Kollegen entschlossen, eine eigene Unternehmensberatung
zu gründen, um dieses auch in anderen Unternehmen
einzuführen.
Heute versuche ich, meinen Studierenden diese „verschwendungsarme“ Denkhaltung zu vermitteln. Privat gehe
ich mit diesem Begriff jedoch eher liederlich um. Ich möchte lieber nicht darüber nachdenken, ob es sinnvoll ist, zum
zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit in den Keller zu gehen,
weil ich dort beim ersten Mal etwas vergessen habe.
Foto: Andreas Diekötter, aufgezeichnet von Katja Jantz
LIEBLINGSWORT
viel.beschäftigt
Foto: Harmut Ohm
PROF. DR. KATRIN MAHLKOW-NERGE LEHRT SEIT DEM 1. AUGUST 2015 „TIERERNÄHRUNG“ AM FACHBEREICH
AGRARWIRTSCHAFT
Nach Abschluss der zehnten Klasse habe
ich eine dreijährige „Berufsausbildung mit
Abitur“ zur Zootechnikerin/Mechanisatorin
absolviert – ein Bildungsweg in der DDR,
der die Erlangung der Hochschulreife und
des Facharbeiterbriefs gleichzeitig ermöglichte. Am Volkseigenen Zentrum Tierzucht
in Velgast habe ich das Halten, Pflegen
und Füttern von landwirtschaftlichen Großtieren wie Rindern und Schweinen sowie
den Umgang mit entsprechenden Maschinen von der Pike auf gelernt. In Tag- und
Nachtschichten und sogar am Wochenende musste ich dort neben den Lernphasen
teilweise harte Knochenarbeit verrichten,
aber das war mein Ding. Während dieser
Zeit – die zu den schönsten meiner Jugend
gehört – habe ich noch mehr gemerkt,
dass ich die Kombination aus Praxis und
Theorie in meinem Leben brauche.
Foto: Laura Berndt
PROF. DR. AYÇA POLAT LEHRT SEIT DEM 1. MÄRZ 2015 „SOZIALE ARBEIT MIT DEM SCHWERPUNKT
INTERKULTURALITÄT“ AM FACHBEREICH SOZIALE ARBEIT UND GESUNDHEIT
Als Einwandererkind habe ich schon von
klein auf an miterlebt, dass Menschen
mit Migrationshintergrund in dieser
Gesellschaft nicht immer die gleichen
Chancen und Möglichkeiten haben wie
Deutsche. Bis heute gibt es eine große
Diskrepanz in puncto Bildungsniveau,
die mit Unterschieden im Einkommen,
Lebensstandard, gesellschaftlichen Ansehen und der sozialen Sicherheit einher-
geht. Darüber hinaus haben meine Eltern
und ich auch klare Fälle von Ablehnung
und Diskriminierung erlebt. Diese Erfahrungen haben mich als junger Mensch
geprägt und in meinem Ehrgeiz bestärkt,
etwas dafür zu tun, dass Minderheiten
eine Chance auf gesellschaftliche, politische, ökonomische und kulturelle Teilhabe haben und als vollwertige Mitglieder
unserer Gesellschaft anerkannt werden.
Foto: Laura Berndt
PROF. DR.-ING. CHRISTOPH WREE LEHRT SEIT DEM 1. JANUAR 2015 „AUTOMATISIERUNGSTECHNIK“ AM FACHBEREICH INFORMATIK UND ELEKTROTECHNIK
78 viel. ausgabe elf
Ich suchte nach einem angewandten
Studiengang, der verschiedene Disziplinen
vereinte und mir breite Einsatzmöglichkeiten bot. Außerdem wollte ich unbedingt
während meiner Studienzeit in spannenden Firmen arbeiten und eine längere Zeit
ins Ausland – Elektrotechnik erschien mir
dafür die beste Wahl. Rückblickend war
ich durch mein Studium in meiner Berufswahl immer offen und als Diplomingenieur
im Ausland sehr geachtet. Diese Erfahrung durfte ich in New Jersey machen,
wo ich fünf Jahre mit meiner Familie gelebt und für das amerikanische Unternehmen Discovery Semiconductors gearbeitet
habe. Die Ausbildung in Deutschland ist
ein Qualitätsmerkmal, unser interdisziplinäres Denken und Vernetzen werden sehr
geschätzt.
Die vollständigen Interviews können
unter www.fh-kiel.de/berichte/neu
eingesehen werden.
VIEL.ERLEI
PREISE
Medienstudenten siegen in Salt Lake City
Foto: privat
Im Rahmen des diesjährigen DUG-Treffens
(„Digistar Users Group“) vom 10. bis 18.
August in Salt Lake City gewannen Fabian
Schrader, Jan Figura, Ruben Wünsche und
León Kobzik, Studenten vom Fachbereich
Medien, den ersten Preis des DUGAwards. Mit ihrem 360-Grad-Computerspiel „Xur“ setzten sie sich gegen 16
weitere Beiträge durch.
FH-Kiel-Rennwagen Baltic Thunder erreicht vierten Platz bei Gegenwindrennen
Beim achten internationalen Wettbewerb
Racing Aeolus für windbetriebene Fahrzeuge verpasste die FH Kiel nur knapp einen
Medaillenplatz. In diesem Jahr traten bei
dem einwöchigen Event in Den Helder
(Niederlande) zehn Fahrzeuge aus fünf Nationen an. Dabei legten die Boliden nach einer kurzen Beschleunigung eine 250 Meter
lange Rennstrecke gegen den Wind zurück.
Entscheidend war das durchschnittliche
Verhältnis von Fahrt- zu Windgeschwindigkeit in Prozent. In der neuen Disziplin der
‚Drag Races‘, bei denen 50 Meter aus dem
Stand gefahren werden sollten, erreichte
das Kieler FH-Team den dritten Platz.
Erfolge bei 5. Nordeuropäischer E-Mobil
Rallye
Mit zwei Rennteams ging die FH Kiel im
Juni bei der 5. Nordeuropäischen E-Mobil
Rallye an den Start. Dabei verteidigten
Freerk Schaefer und Zeno Müller, Masterstudenten der Elektrischen Technologien
des Fachbereichs Informatik und Elektrotechnik, im Peugeot iOn den Titel der Hochschul-Cup-Klasse erfolgreich und erhielten
den Sonderpokal Gleichmäßigkeitswertung
Eco-Cars. Sie fuhren in der Gesamtwertung auf den zweiten von insgesamt 30
Plätzen. Guido Daun und Migen Bebeti,
Bachelorstudenten der Mechatronik, belegten mit dem gleichen Fahrzeugmodell den
zwölften Platz und bekamen den Sonderpokal Slalom Eco-Cars überreicht. In nur zwei
Tagen legten die Teams eine Strecke von
331 Kilometern durch Schleswig-Holstein
und Dänemark zurück und stellten sich dabei verschiedenen Orientierungsaufgaben
und Leistungsprüfungen.
Jan Figura, Fabian Schrader, León Kobzik (v. l.) und Ruben Wünsche (fehlt auf dem Bild) entwickelten, konzipierten und
programmierten als erstes studentisches Projekt dieser Art das Spiel „Xur“.
HOCHSCHULE
Rekordzahl bei Erasmus +
110 FH-Studierende absolvieren einen
Teil ihres Studiums oder Praktikums im
Hochschuljahr 2015/16 an einer der über
75 Erasmus-Partnerhochschulen. Die
Teilnehmerinnen und Teilnehmer des
Austauschprogramms Erasmus + zieht es
in insgesamt 16 verschiedene Länder. Zu
den beliebtesten Zielen gehören Spanien
(21), die Türkei (17) und Norwegen (15).
Am mobilsten sind die Studierenden des
Fachbereichs Medien. Der Grund: neue,
attraktive Kooperationen im Baltikum.
FH Kiel erhält Zertifikat zum audit familiengerechte hochschule
Für ihr Bemühen um eine verbesserte Vereinbarkeit von Beruf, Studium und Familie
ist die FH Kiel im Juni mit dem Zertifikat
zum audit familiengerechte hochschule
ausgezeichnet worden. Dieses wurde von
der berufundfamilie gGmbH – einer Initiative der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung – in
Berlin erteilt. Zuvor hatte die Hochschule
erfolgreich das audit-Verfahren durchlaufen
und dabei familienbewusste Ziele und
Maßnahmen beschlossen, von denen etwa
450 Beschäftigte und 7.000 Studierende
seit August 2014 profitieren. So wurde
beispielsweise ein Familienservicebüro zur
Beratung aller Hochschulangehörigen und
Umsetzung des Projekts gegründet sowie
ein Eltern-Kind-Raum eingerichtet. Bis zur
Re-Auditierung im August 2017 plant die FH
Kiel eine transparente Regelung von Heimarbeitsmöglichkeiten und die Ausschöpfung
der Spielräume für eine familiengerechte
Studien- und Prüfungsgestaltung.
Erfolgreicher Abschluss der „Maschinenhaus“-Initiative
Im Juni schloss die FH Kiel die Initiative
„Maschinenhaus – Campus für Ingenieure“
des Verbands Deutscher Maschinen- und
Anlagenbau (VDMA) mit der offiziellen
Zertifizierung erfolgreich ab. Diese unterstützt Fakultäten und Fachbereiche des
Maschinenbaus und der Elektrotechnik
bei der Verbesserung ihrer Lehre, der Senkung der Studienabbruchquoten und der
Realisierung von mehr Studienerfolg. Im
Rahmen des dazugehörigen Wettbewerbs
„Bestes Maschinenhaus 2015“ wurden der
Fachbereich Maschinenwesen und das
Team MeQS | Hochschuldidaktik am Wettbewerb bereits im Mai für ihre Konzepte
zur Verbesserung der Lehre und Erhöhung
des Erfolgs im Maschinenbaustudium als
„Maschinenhaus 2015“ ausgezeichnet.
Baltic-Thunder- und Raceyard-E-Projekte
erhalten Spende
Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI)
spendete den Rennteams des Fachbereichs
Maschinenwesen der FH Kiel, Baltic Thunder und Raceyard-E, im Juli jeweils 2.500
Euro. Das Geld soll dazu beitragen, sowohl
die technische Forschung und Entwicklung
als auch den Nachwuchs im Bereich der In-
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Foto: VDMA / Frank Molter
VIEL.ERLEI
Zertifikatsverleihung Maschinenhaus-Initiative: Ein Windauto und ein
elektrisch betriebener Rennwagen – Projekte wie „Baltic Thunder“ und
„Raceyard“ bringen Praxisbezug in das Studium an der FH Kiel.
genieurwissenschaften voranzubringen, das
Engagement der Kieler Studierenden sowie
ihr Interesse an herausfordernden Projekten
zu fördern und ihnen dabei zu helfen, erste
Kontakte zur Berufswelt zu knüpfen.
FH Kiel baut Kooperation mit Georgien aus
Der FH Kiel stehen in den kommenden
zwei Jahren rund 43.000 Euro für die Hochschulkooperation mit der Ivane Javakhishvili
Tbilisi State University in Georgien zur Verfügung. Im Juli genehmigte die Nationale
Agentur für EU-Hochschulzusammenarbeit im DAAD den FH-Antrag, mit dem
Austauschmaßnahmen von Studierenden
und Lehrenden außerhalb Europas finanziell
unterstützt werden können.
Hochschulbibliothek erhält Förderbescheide
Für die Sicherung und den Erhalt historischen Schriftguts übergab die Landesregierung Schleswig-Holsteins der FH Kiel im
Juli Förderbescheide über rund 17.000 Euro.
Die Mittel dienen der Entsäuerung, Restaurierung und Dekontaminierung von Büchern
und Handschriften. Gleichzeitig zielt die
Landesregierung mit dieser Strategie auf
eine langfristige Sicherung digital publizierter wissenschaftlicher Texte.
STUDIUM
FH Kiel mit neuem Masterstudiengang
Im September startete der neue Masterstudiengang „Information Engineering“, ein gemeinsames Angebot der
80 viel. ausgabe elf
Fachbereiche Informatik und Elektrotechnik sowie Wirtschaft. Damit reagierte die
Hochschule auf aktuelle Anforderungen
des Arbeitsmarkts: In Zeiten der voranschreitenden Digitalisierung benötigen
Unternehmen verstärkt Fachleute für
komplexe IT-Infrastrukturen. Studierende
des viersemestrigen englischsprachigen
Studiengangs können sich künftig in den
Gebieten Intelligent Systems, IT-Security,
Information Technology and Systems
Development sowie Business-IT-Management spezialisieren.
Fortsetzung des schleswig-holsteinischen Hochschulprojekts LINAVO
Nach der erfolgreichen Probephase im
Wintersemester 2014/15 können die
staatlichen Fachhochschulen Kiel, Lübeck
und Westküste (Heide) sowie die EuropaUniversität Flensburg ihr gemeinsames
Projekt LINAVO („Offene Hochschulen in Schleswig-Holstein: Lernen im
Netz, Aufstieg vor Ort“) fortsetzen. Das
Bundesministerium für Bildung und
Forschung (BMBF) und der Europäische
Sozialfonds (ESF) bewilligten dafür im
März insgesamt gut 3,3 Millionen Euro
an Fördergeldern. Bis 2017 entwickeln
die Hochschulen vier weitere berufsbegleitende Onlinestudiengänge: „Medizintechnik“, „Baumanagement“, „Educational Studies – Train the Trainer“ sowie
„Regenerative Energietechniken“. Bisher
bieten 29 Module aus den Bereichen
Maschinenbau, Tourismusmanagement,
Maritime Wirtschaft und Food Processing
die Möglichkeit, ein Onlinestudium in
ganz unterschiedlichen Lebensphasen
und -situationen erfolgreich zu starten.
Stapellauf des Partnerprogramms
„Gemeinsam Segel setzen“
Um den Praxisbezug im Studium zu
erhöhen, qualifizierte Nachwuchskräfte
zu fördern und diese in der Region zu
halten, rief der Fachbereich Wirtschaft der
Fachhochschule Kiel im Mai ein Partnerprogramm mit schleswig-holsteinischen
Unternehmen ins Leben. Unter dem
Motto „Gemeinsam Segel setzen“ können
Studierende künftig über vier Bausteine in
die Unternehmen mit eingebunden werden: über ein Mentoring, ein Stipendium,
ein Werkstudium und „Punktuelles“, wie
die Förderung von Auslandsaufenthalten,
gezielte Trainings oder Projekte.
PERSONALIEN
FH-Professor wird Vorsitzender des Fachbereichstages Agrar
Prof. Dr. Martin Braatz, Dekan des Fachbereichs Agrarwirtschaft, wurde im Februar
auf der 20. Sitzung des Fachbereichstages
Agrar in Bingen zum neuen Vorsitzenden
gewählt. Der Fachbereichstag ist die hochschulpolitische Interessenvertretung aller
Fachhochschulen mit agrarwissenschaftlichen Studiengängen in Deutschland.
Senatsehrungen
Gleich vier Ehrungen nahm der Senat der
FH Kiel auf seiner Sitzung im Juni vor. Für
seine Verdienste um die Hochschulen des
Landes Schleswig-Holstein im Allgemeinen
und der FH Kiel im Besonderen wurde
Prof. Dr. Herbert Zickfeld zum Ehrensenator
ernannt. Mit der Ehrenbürgerwürde wurde
Manfred Rieper für sein ausgeprägtes
Engagement ausgezeichnet. Er war nicht
nur langjähriges Mitglied des Senats und
anderer Ausschüsse der Hochschule,
sondern auch 20 Jahre im Personalrat tätig,
elf davon als erster Vorsitzender. Seit über
75 Semestern engagiert sich Dr. Hans-Siegfried Grunwaldt am Fachbereich Agrarwirtschaft – zunächst als Lehrbeauftragter
im Fach Chemie, später als Gestalter und
Betreuer des Agrikulturchemischen Praktikums und zuletzt in der Betreuung von
Projekten im Modul Pflanzenernährung.
Dafür verlieh ihm der Senat die Hochschulmedaille. Dr. Reimer Mohr wurde zum
Honorarprofessor ernannt. Er ist seit 2009
am Fachbereich Agrarwirtschaft tätig und
lehrt dort im Bereich der Marktlehre sowie
der Internationalen Märkte und Agrarpolitik.
KULTUR
Rückblick Bunker-D
Neben einer großen Jubiläumsausstellung
gab es im vergangenen halben Jahr die
Werke vierer Künstlerinnen und Künstler
bestaunen. Den Anfang machte im März
Vladimir Sitnikov, der unter dem Titel „20
Jahre Arbeit – geht so“ Ölbilder aus den
Jahren 1995 bis 2015 in einer völlig neuen
Zusammenstellung präsentierte.
Bildwelten des Kieler Künstlers, die von
Phantasie, vielfältigen malerischenTechniken, unterschiedlichen inhaltlichen Themensetzungen, eindrucksvoller Farbigkeit und
vor allem einem, selbst bei den surrealen
Bildern immer wieder zu sehenden Realitätsbezug geprägt sind.
Im April begab sich der Bunker-D mit „50
Ausstellungen im Bunker-D“ auf Spurensuche. Zum Jubiläum vereinten sich Reminiszenzen und Fragmente aller 66 Künstlerinnen und Künstler, deren Werke es seit 2006
in die Galerie geschafft hatten. Zeitgleich
erschien auch das erste Bunker-Buch, das
den Rückblick auf 50 Ausstellungen auf
Papier festhält.
ANKÜNDIGUNGEN
Fachhochschulinfotage
Studieninteressierte können sich am 2.
und 3. November anlässlich der Fachhochschulinfotage (FIT) umfassend über alle an
der FH Kiel angebotenen Studiengänge
informieren. Am 2. November stellen sich
zunächst die Fachbereiche Informatik und
Elektrotechnik, Maschinenwesen sowie
Medien vor. Einen Tag später präsentieren die Fachbereiche Soziale Arbeit und
Gesundheit sowie Wirtschaft ihr Studienangebot. An beiden Tagen findet jeweils von
11 bis 13 Uhr ein Vorprogramm zum Thema
„Studienfinanzierung und Arbeitsmarktperspektiven: Studieren lohnt!“ statt.
Informationen und Anmeldungen:
www.fh-kiel.de/fit.
In ihrer Ausstellung „In der Spur – oder?“
zeigte Helga Helmig im Mai eine Auswahl
an Bildern und Objekten, die ihre Überlegungen zur facettenreichen Natur ausdrückten. Ihre Werke prägte sie zum Teil durch
expressive Farbgebung, grafische Elemente
und die Verarbeitung von Strukturmassen
auf der Leinwand.
Die Sonderausstellung „Drahtseilakt“
bescherte den Gästen im Mai ein spektakuläres Erlebnis. An einem Wochenende
konnten sie überdimensionierte freischwebende Bilder von Wolfgang Defant im
Audimax betrachten. Unter anderem wurde
ein elfteiliges, insgesamt acht Meter langes
Requiem für François Villon aus dem Jahr
2011 an einem gespannten Netz aus Stahlseilen unter der Hallendecke montiert.
17. Bunkerwoche
Mit der Vernissage „COMPRESSIONS –
affecting the global demand“, einer Ausstellung, die Bilder, Videos, Klänge, Objekte
und Bücher des Bremer Medienkünstlers
Michael Weisser präsentiert, eröffnet Kanzler Klaus Heinze am 15. Oktober um 18 Uhr
die siebzehnte Bunkerwoche. Bis zum 21.
Oktober bietet das Kultur- und Kommunikationszentrum Bunker-D ein abwechslungsreiches Programm voller literarischer,
musikalischer, kulinarischer und kultureller
Highlights.
www.bunker-d.de
„Kunst läuft durch das Leben“ von Volker
Huschitt eröffnete im Juli. Die Werkschau
nahm Gäste mit auf eine Reise durch die
Foto: Wolfgang Defant
Firmenkontakttag 2015
„Die Nacht“ von Wolfgang Defant
Am 4. November findet der 24. Firmenkontakttag statt. Unter dem Motto „Zukunft Ahoi“ können Studierende Kontakt
zu Unternehmen knüpfen, Praktikumsplätze, Thesis-Stellen oder sogar ihren
Berufseinstieg finden. Über 90 Firmen aus
unterschiedlichen Branchen haben sich
dieses Jahr angekündigt.
www.firmenkontakttag.de
Krabbelrunde
Das Familienservicebüro lädt den jüngsten FH-Nachwuchs zusammen mit seinen
Eltern am 20. November von 9 bis 10 Uhr
zu einer „Krabbelrunde“ in den ElternKind-Raum in der Grenzstraße 17 ein. Das
Treffen dient dem gegenseitigen Kennenlernen und richtet sich an Beschäftigte mit
Kleinkindern bis zwei Jahre. Hinweis: Es
handelt sich hierbei um eine nicht-dienstliche Veranstaltung. Fragen und Anmeldungen: [email protected].
Regionalkonferenz zur offenen Kinderund Jugendarbeit
Das Netzwerk der Offenen Kinder- und
Jugendarbeit lädt am 9. November zu der
Regionalkonferenz „Kommunaler Mehrwert Offener Kinder- und Jugendarbeit“
von 17 bis 20 Uhr in das Audimax der FH
Kiel ein. Die Veranstaltung richtet sich an
Vertreterinnen und Vertreter der Kreise
Plön, Rendsburg-Eckernförde und Ostholstein sowie der Städte Kiel und Neumünster. Gemeinsam sollen der Mehrwert
dieses Bereichs der Bildungsarbeit für die
Kommunen diskutiert und Perspektiven
entwickelt werden. Die Anmeldung erfolgt
an Anja Seelig: [email protected].
Workshop „Aktivierende Lehre – Methoden und Strategien“
Im Rahmen des Projekts MeQS bietet die
FH Kiel gemeinsam mit ihren Verbundpartnern, der FH und der Europa Universität
Flensburg, Lehrenden der drei Hochschulen
den Workshop „Aktivierende Lehre – Methoden und Strategien“ am 17. November
von 9 bis 13 Uhr im Heikendorfer Weg 31
an. Dieser demonstriert Teilnehmerinnen
und Teilnehmern, wie die Aktivierung von
Studierenden in unterschiedlichen Lehrveranstaltungen gelingen kann und sie diese
im Aufbau berufsrelevanter, flexibel einsetzbarer Kompetenzen unterstützen können.
Anmeldungen bis zum 3. November:
[email protected] oder
www.fh-kiel.de/meqs-anmeldung.
Vierte Kieler Kindheitspädagogische
Abendvorlesungen
Zum letzten Mal in diesem Jahr lädt der
Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
im Rahmen der vierten Kieler Kindheitspädagogischen Abendvorlesungen am
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VIEL.ERLEI
10. November von 16 bis 17.30 Uhr zu
einem Dialog im Großen Hörsaalgebäude der FH Kiel ein. Die Veranstaltung
„Qualitätsentwicklung – eine unendliche
Geschichte? Aber ja!“ gibt unter anderem
einen Überblick über die Diskurse um
Qualität bezüglich Kindertageseinrichtungen und zeigt Praxisbeispiele. Sie richtet
sich an pädagogische Fachkräfte aus
Kindertageseinrichtungen, Eltern, Lehrkräfte, Studierende sowie die interessierte
Öffentlichkeit.
Veranstaltung „soundtrack leben“
Gemeinsam mit dem Masterstudiengang
Musiktherapie der Hochschule für Musik
und Theater Hamburg veranstaltet der Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit am
20. November im Rahmen der Interdisziplinären Wochen einen ganztägigen fachübergreifenden Austausch unter dem Motto
„soundtrack leben“. Angeboten werden
Workshops zu Themen wie Soundscape,
Improvisation ohne Instrumente, Musik im
Lebenslauf, Kommunikation und Kontakt
bei Demenz und Kreative Musikanalyse.
Die Veranstaltung richtet sich an Hochschulangehörige, Fachpersonal und die interessierte Öffentlichkeit. Informationen und
Anmeldungen: https://ida.fh-kiel.de.
Kieler Prozessmanagementforum 2015
Die Veranstaltung des Fachbereichs
Wirtschaft findet am 18. Dezember von 10
bis 17 Uhr im Audimax der FH Kiel statt.
Details: www.fh-kiel.de/kpmf.
Tagung „Bewegtbilder 2015“
In der Wahrnehmung, Verarbeitung und
Speicherung bewegter (interaktiver) Bildtypen greifen Menschen auf ihren Geist und
Körper zurück: Sie entschlüsseln zum Beispiel Zeichen und Symbole, werden eins mit
den Bewegungen ihrer Avatare oder tauchen
immer tiefer in mediale Welten ein. Welche
mentalen und körperlichen Prozesse an
diesen Phänomenen beteiligt sind und wie
diese durch Bilder gesteuert werden können,
diskutiert die Tagung „Bewegtbilder 2015:
Perzeption – Rezeption – Interaktion. Spielarten und Ausprägungen der Verarbeitung von
Medienbildern“ am 19. und 20. November
im Senatssaal – jeweils ab 9.45 Uhr. Sie
wird von der Forschungsgruppe Bewegtbildwissenschaft Kiel, einer Kooperation des
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Fachbereichs Medien der FH Kiel mit dem
Institut für Kunst-, Design- und Medienwissenschaften der Muthesius Kunsthochschule, organisiert. Informationen:
www.bewegtbildwissenschaft.de.
Ehemaligentreffen Fachbereich Medien
Das Alumni- und Fördernetzwerk mediaproducer.net e. V. des Fachbereichs
Medien veranstaltet am 21. November das
jährliche Ehemaligentreffen. Nach der Mitgliederversammlung um 13 Uhr werden
die Studios und Labore vorgeführt und
ausprobiert, bevor es ab 18.30 Uhr zum
großen Zusammenkommen in den BunkerD geht. Die Veranstaltung richtet sich an
Alumni, Studierende, Lehrende sowie
Fördermitglieder. Programminformationen,
Anmeldungen und Teilnahmekosten:
www.mediaproducer.net.
Siebter Kieler Tag der Wirtschaftsinformatik
Die FH Kiel, die CAU zu Kiel und die
Berufsakademie der Wirtschaftsakademie
Schleswig-Holstein veranstalten am 26.
November von 10 bis 15.30 Uhr im Audimax der FH Kiel den siebten Kieler Tag der
Wirtschaftsinformatik. Die Veranstaltung
soll Schülerinnen und Schülern einen
Eindruck von der Wirtschaftsinformatik
vermitteln und ihnen einen Einblick in das
diesbezügliche Studienangebot der drei
Institutionen verschaffen. Informationen:
www.tag-der-wirtschaftsinformatik.de.
Die 13. IdW
Vom 9. bis 21. November können Studierende und Lehrende aller sechs Fachbereiche sowie Angestellte der Hochschule
in den Interdisziplinären Wochen
in Vorträgen, Workshops,
Kursen oder Exkursionen
Einblicke in die Inhalte
anderer Studienbereiche
erhalten. Der interdisziplinäre Ansatz schafft neue
Perspektiven und fördert
die Fähigkeit, strategisches
Denken mit Fachwissen zu
verbinden.
https://ida.fh-kiel.de
Impressum
Herausgeber
Präsidium der Fachhochschule Kiel
Sokratesplatz 1, 24149 Kiel
Redaktion dieser Ausgabe
Chefredakteurin – Katja Jantz
Art-Direktorin – Prof. Heidi Kjär
Layoutchefin – Petra Langmaack
Layout – Philipp Alker,
Christian Beer, Tatjana Grüner,
Christoph Klipp, Clarissa Küpper,
Petra Langmaack, Marleen
Osbahr
Fotos und Illustrationen –
siehe Bildnachweis
Redaktionelle Mitarbeit
Laura Berndt, Stephanie Degenhart,
Pia Höllwig, Laura Duday,
Joachim Kläschen,
Prof. Dr. Patrick Rupert-Kruse,
Lene Rusbült, Bob Weber, Sigrid
Werner-Ingenfeld
Prepress
Martin Schröder
Sitz der Redaktion
Heikendorfer Weg 29, 24149 Kiel
Telefon: 0431 - 210 10 24
E-Mail: [email protected]
Druck
nndruck
Am Kiel-Kanal 2, 24106 Kiel
Redaktionsschluss
dieser Ausgabe
Juli 2015
viel. erscheint zweimal pro Jahr,
Auflage dieser Ausgabe:
6.000 Exemplare
Titelfoto
Andreas Diekötter
Der Nachdruck von Textbeiträgen ist
unter Quellenangabe kostenlos.
Die Redaktion erbittet
Belegexemplare.
ENHANCED
ENHANCEMENT
ch stehe vorm Spiegel. Höre meine Tochter um Hilfe
schreien. Erinnere mich an die wenige Stunden entfernte Deadline für einen zugesagten Artikel. Und sehe
„couch body“ statt „beach body“. Doch um meine Tochter
aus ihrem Toilettenpapiermumienkostümdilemma zu
befreien, fehlt mir die Zeit. Für den Artikel fehlt mir die
Ruhe. Und für Sport fehlt mir die Motivation …
„Human Enhancement“ ist das Zauberwort. Der Terminus bezeichnet die Steigerung der menschlichen
Leistungsfähigkeit oder genauer: Die Verbesserung von
Körper und Geist durch elektronische Hilfsmittel. Also
bestelle ich mir ein Paar Smartglasses, eine Smartwatch
und installiere nach ausgiebiger Recherche einige vielversprechende Apps.
Über die Standortabfrage aktiviert sich in der Mensa
automatisch Im2Calories, ein Programm, mit dessen
Hilfe sowohl bei realem Essen als auch bei Lebensmittelfotos Kalorien von Mahlzeiten bestimmt werden können.
Meine Glasses zeigen 995 kcal für den Mensa-Burger
mit Pommes an. Nach den ersten Bissen vibriert meine
Smartwatch so stark, dass ich mein Essen über den
Tisch verteile. Nike Training Club meldet sich und fordert
15 Klappmesser. Ich bleibe sitzen. Plötzlich spüre ich
einen stechenden Schmerz: Meine Uhr stupst mich an.
„15 Klappmesser“ teilt mir das Display mit. „Sofort!“ Ich
kapituliere ...
Inzwischen sind 30 Emails eingegangen und größtenteils
durch die App MailAssist bearbeitet worden. Die Software leitet lediglich die wichtigsten Mails an mich weiter,
alle anderen verwaltet sie autonom. So beantwortete sie
diverse Phishing-Mails einer gewissen Sonja Schneider
(„Sehr geehrte Frau Schneider, danke … leider mitteilen, dass Herr … verheiratet ist … Teilnahme an Ihrem
Service XXXPartner verzichtet …“) und schickte dem
Fake-Kundencenter der Sparkasse meine Kontodaten.
Darüber hinaus hat sie in meinem Namen neun Zusagen
zu wissenschaftlichen Artikeln und Vorträgen für den
kommenden Monat ausgesprochen. Danach synchronisierte sich mein Kalender mit dem Wecker, stellte ihn
auf 4 Uhr morgens und reservierte mir von 22 bis 24
Uhr einen Heimarbeitsblock. Seufzend installiere ich
WordSmith, ein smartes Textverarbeitungsprogramm,
und werde von nun an kein Skript, keinen Artikel oder
Vortrag mehr selbst schreiben müssen …
Als ich nach Hause komme, rast meine Tochter auf ihrem
von einer selbst gebauten überdimensionalen Schleuder
abgeschossenen Bobbycar an mir vorbei und knallt gegen
die Badezimmertür. Sie weint eine Sekunde, dann fordert
sie mich lachend auf, ihre Mutter und Schwester zu
suchen. Es gelingt mir nicht. Ich aktiviere ToddlerCNTRL,
eine Augmented-Reality-App, die Eltern „in schwierigen Situationen mit ihren Kleinkindern“ helfen soll. Aus
Versehen aktiviere ich kurz Im2Calories und erfahre, dass
meine Tochter meinen Kalorienhaushalt für zwei volle
Tage decken würde. Dann analysiert ToddlerCNTRL die
Situation und navigiert mich quietschebunt durch ein dreistündiges Babykatzen-Piraten-Teegesellschaft-VaterMutterKind-Rollenspiel, an dessen Ende mir meine Tochter
endlich das Versteck verrät.
Prof. Dr. Patrick Rupert-Kruse
Illustration: Christian Beer
I
Bestelladresse
Campusredaktion, Heikendorfer Weg 29, 24149 Kiel
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