Gewalt am Arbeitsplatz – Erfahrungsbericht der Wiener Linien

Gewalt am Arbeitsplatz – Erfahrungsbericht der Wiener Linien
Zum Einstieg einige Fallbeispiele aus 2014:
19. Jänner 2014: Stationswart in der U6-Station plötzlich von einem Betrunkenen von
hinten angefallen und mit einem Messer verletzt.
26. Jänner 2014: 23-jähriger Straßenbahnfahrer wollte an der Endstelle der Linie 31
zu den Diensträumlichkeiten der Verkehrsbetriebe gehen, um eine Pause anzutreten.
Er wurde von hinten von einem 52-Jährigen niedergestochen. Die Stiche ziehen sich
vom Kopf über den Nacken- und Halsbereich bis zu Schulter und Oberarm. Arterien
wurden von der rund zwölf Zentimeter langen Klinge oft nur um Millimeter verfehlt.
1. Feber 2014: 31-jähriger Straßenbahnfahrer der Linie 5 stieg wegen einer
Türstörung aus. Plötzlich kam hinter dem Wagen ein ihm unbekannter Mann hervor
und beschimpfte den 31-Jährigen. Er verpasste ihm unvermittelt einen Faustschlag
ins Gesicht und rannte davon. Der Straßenbahnfahrer erlitt eine Verletzung im
Gesichtsbereich.
12. März 2014: Busfahrer wollte einen Fahrgast, der die Tür blockierte, dazu
bewegen, den Eingang freizugeben. Dieser attackierte daraufhin den Busfahrer und
erhielt Unterstützung von einem zweiten Mann, der auf den 41-Jährigen eintrat, als
dieser schon auf dem Boden lag.
15. April 2014: Ein Straßenbahnfahrer bei der Endstelle der Linie 60 in Liesing wurde
von einem Fahrgast mit einem Schlagstock attackiert. Der Mann erlitt Platzwunden
am Kopf und Prellungen am Unterarm.
5. Juni 2014: 34-Jähriger Straßenbahnfahrer der Linie 46 wurde am
Joachimsthalerplatz in Wien-Ottakring von einem psychisch Kranken mit einem
Winkeleisen auf den Kopf geschlagen. Der erste Hieb drückte dem
Straßenbahnfahrer den Schädelknochen ein. Dem Schwerverletzten musste im
Spital ein Titannetz eingesetzt werden, da sich die Schädeldecke ansonsten nicht
mehr schließen hätte lassen.
14. Oktober 2014: Vier Jugendliche hatten bei der Station Laurenzgasse in WienMargarethen den Ulf durch Blockieren einer Tür an der Weiterfahrt gehindert. Als der
Fahrer ausstieg, um die Situation zu klären, ging einer der Teenager mit Schlägen
auf ihn los, während sich seine Freunde passiv verhielten. Anschließend machte sich
das Quartett aus dem Staub. Der Fahrer erlitt Prellungen.
Unternehmensdaten:
Die Wiener Linien betreiben 143 Linien mit 762 U-Bahnen, 525 Straßenbahnen und
469 Autobussen. Es werden jährlich 920 Millionen Fahrgäste befördert.
Die Unfallrate beträgt insgesamt 28/1000 Arbeitnehmer.
Erstellt von Dr. Yvonne Popper, Arbeitsmedizin Wiener Linien
27.4.2015
Bei Analyse der Unfallursachen aller meldepflichtigen Arbeitsunfälle ergibt sich als
Hauptunfallursache Sturz, Fall und Stolpern, aber schon an zweiter Stelle mit 50
Fällen im Jahr 2014 „tätlicher Angriff“. Natürlich ist diese Zahl mit 1 Fall pro 18
Millionen beförderter Fahrgäste relativ niedrig, aber jede Verletzung ist eine zu viel!
Im Detail sind die Fahrscheinprüfer mit 20% (das ist jeder 5. Arbeitnehmer!) die am
häufigsten betroffene Berufsgruppe, dann folgen die Stationswarte mit 5,3%,
während BuslenkerInnen mit 3,3%, StraßenbahnfahrerInnen mit 2,95% und UBahnfahrerInnen mit 1,4% betroffen sind.
Prävention
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Aktion „Rücksicht hat Vorrang“
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Aktion „Wiener Linien gegen Gewalt“
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Videoüberwachung (1500 Kameras, Speicherung über 48 Std.)
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Zusammenarbeit mit Polizei
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Geschlossene Fahrerkabinen (nachts mehr Ulfs)
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Nachrüstung der Fahrerkabinen E2 (120 Stück)
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Alarmknopf für Fahrer
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Rundgänge im Zweier-Team
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Deeskalationstraining
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Verbesserung der Beleuchtung in Endstellen
Nachbetreuung
2009 wurde ein Ersthelfersystem „SOZIUS“ bei den Wiener Linien eingeführt, um
MitarbeiterInnen nach einem außergewöhnlich belastenden Ereignis zu unterstützen.
SOZIUS kommt automatisch, wenn
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eine Person wurde von einem Fahrzeug überfahren bzw. niedergestoßen
Unfälle mit Kinderbeteiligung
tödliche (Arbeits-) Unfälle
Suizid, erfolgter Suizidversuch (keine aktuelle Suizidandrohung)
tätliche Angriffe auf MitarbeiterInnen
oder auf eigenen Wunsch
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(schwere) Arbeitsunfälle
(Augenzeuge von) Gewaltverbrechen, Überfällen, Katastrophen (Explosion,
Brand, Einsturz etc.), Terroranschlag etc.
akute persönliche Krisen (z.B. Todesfall in der Familie)
Erstellt von Dr. Yvonne Popper, Arbeitsmedizin Wiener Linien
27.4.2015