Seattle-Kriterien - Cardiovascular Medicine

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REVIEW ARTICLE
­
Oberstes Ziel der Sportkardiologie ist die Prävention des plötzlichen Herztods im Sport
­
EKG-Interpretation bei Sportlern –
die «Seattle-Kriterien»
Michael J. Schindler, Christian Schmied
UniversitätsSpital Zurich, Switzerland
der meisten kardiovaskulären Erkrankungen ist ein
Summary
generelles Sportverbot praktisch nie notwendig, je­
doch sind auf den aktuellen Richtlinien basierende,
Current guidelines for ECG interpretation in athletes —
aber immer auch individuell angepasste Sportempfeh­
the “Seattle Criteria”
According to most surveys, sudden cardiac death is the most common
tektion aller bisweilen morphologisch und klinisch
inapperzepten Erkrankungen trotz optimaler Vor­
­
sports-related cause of death amongst young athletes, whether during
lungen essentiell [9]. Auch weil eine vollständige De­
Reliable screening is crucial in order to prevent such tragic deaths. ECGs
still make up a vital diagnostic tool to this end. Critics of this method have
long condemned the high number of false-positive results, which have led
to numerous unnecessary, unsettling and costly investigations, particularly for athletes exhibiting physiological changes on account of the athletic heart syndrome. Through steady refinement of the ECG criteria for
­
athletes, however, the investigation’s specificity has improved consider
sorgestrategie letztlich niemals möglich sein wird,
kommt selbstverständlich auch der Sekundärpräven­
tion bzw. der Akutbehandlung bei Herzstillstand eine
entscheidende Rolle zu.
Der Erfolg der Akutbehandlung hängt neben der ver­
zugslosen Herzmassage unmittelbar mit der Verfüg­
­
gaging in recreational sports.
­
training or competitions, both for professional athletes and for those en-
barkeit von externen Defibrillatoren zusammen [10].
Im Rahmen dieser Übersichtsarbeit wird diese Thema­
tik für einmal ausgeklammert, und die Primärpräven­
ably in recent years. The “Seattle Criteria” or the latest “refined criteria”
tion durch kardiales Screening wird in den Vorder­
currently lay out the most accurate guidelines for ECG diagnostics
grund gestellt.
Trotz inzwischen guter Daten
tion of these guidelines has also allowed the specificity of the examination
herrscht immer noch kein globaler Konsens bezüglich
to be increased to over 90%. This makes arguments against the integration
der anzustrebenden Screening Strategie [5–8]. Die in
of ECGs into the basic screening examinations of young athletes difficult
diesem Artikel formulierten Überlegungen und ein
to understand, and hopefully the latest “Seattle Criteria”, scheduled for
spezifisches Ausleuchten des entscheidenden Scree­
publication in 2016, will serve as a basis for internationally accepted pre-
ning Tools, des Ruhe EKG, sollen den Standpunkt der
ventive examinations in young athletes.
grossen Sportverbände und der «Sports Cardiology
und Studienlage
-
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-
-
amongst athletes. Besides consistently high sensitivity, the implementa-
Section» der Europäischen Gesellschaft für Kardiolo­
Key words: ECG; prevention; screening; sudden cardiac death; sports; Seattle Criteria; refined criteria
gie begründen.
­
Die Entwicklung des kardialen
Screenings von Sportlern
Vorreiter aus klinischer wie auch wissenschaftlicher
gen die häufigste sportassoziierte Todesursache bei
Sicht waren Ende der siebziger Jahre die italienischen
jungen Sportlern dar – im Training oder im Wett­
Kollegen: Das Problem des plötzlichen Herztods im
kampf, sowohl bei Profiathleten wie auch bei der riesi­
Sport wurde damals erkannt. Nach Definition der Ursa­
gen Gruppe der immer zahlreicheren ambitionierten
chen der fatalen Ereignisse bei jungen Sportlern wurde
Breitensportler [1–4].
ein entsprechendes Screening Konzept mit Nachdruck
Oberstes Ziel der Sportkardiologie ist deshalb die
umgesetzt [11, 12]. So wurde gar gesetzlich verankert,
Prävention des plötzlichen Herztods im Sport. In der
dass alle Sportler, die kompetitiven Sport betreiben,
Primärprophylaxe ist dazu ein kardiales Screening in­
sich einer kardialen Vorsorgeuntersuchung zu unter­
diziert, das die meist asymptomatischen oder durch
ziehen haben. Diese Strategie hat bis heute Bestand.
unspezifische Symptome charakterisierten zugrunde­
Erst bei negativem Screening Resultat kann eine Sport­
liegenden Erkrankungen detektiert [5–8]. Bei Vorliegen
erlaubnis bzw. die offizielle Lizenz ausgestellt werden.
CARDIOVASCULAR MEDICINE – KARDIOVASKULÄRE MEDIZIN – MÉDECINE CARDIOVASCULAIRE
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Der plötzliche Herztod stellt in den meisten Erhebun­
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(ohne EKG) zwar eine Spezifität von 94,4% (95% CI, 92,0
tersuchung sind global akzeptierte Bestandteile des
bis 96,2%) erreichte, zeigte sich eine sehr tiefe Sensiti­
Basis Screenings (beispielsweise orientiert an den
vität des kardialen Screenings von lediglich 45,5% (95%
Richtlinien der European Society of Cardiology oder
CI, 16,8 bis 76,2%). Das «europäische» Konzept mit Inte­
des Internationalen Olympischen Komitees: Lausanne
gration des EKG, das nach den damaligen Interpretati­
Recommendations [6, 7]). Gerade die italienischen Lang­
onsrichtlinien der ESC beurteilt wurde, erreichte eine
zeitdaten demonstrieren jedoch die zentrale und ent­
sehr gute Sensitivität von 90,9% (CI, 58,7 bis 99,8%). Auf­
scheidende Bedeutung des EKG. So konnten mittels
grund falsch positiv interpretierter EKG Untersuchun­
EKG neben den Ionenkanalerkrankungen und Reiz­
gen in bis zu 16,9% ist die Spezifität dabei mit 82,7% (CI,
leitungsstörungen die meisten der zugrundeliegenden
79,1 bis 86,0%) aber relativ tief [15]. Gerade bei Sportlern
angeborenen Kardiopathien, insbesondere die hyper­
afro karibischer Abstammung führen die ursprüngli­
trophe Kardiomyopathie (HCM) und die Arrhythmo­
chen ESC Kriterien zu einer weiteren Zunahme (falsch )
gene
positiver EKG Befunde [16–18].
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-
-
Kardiopathie/Dysplasie
-
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­
Rechtsventrikuläre
-
Auch die Anamnese und eine fokussierte klinische Un­
­
Zweifelsohne ist eine derart hohe Rate an falsch posi­
alarmierend häufig fatalen kardialen Ereignisse
tiven Befunden problematisch. Doch der Ansatz, eine
relevant und auf das Niveau der Normalbevölkerung
Untersuchung aufgrund ungenügender Spezifität zu
reduziert werden [11–13].
übergehen, dadurch aber über die Hälfte der theo­
Dieses Screening Konzept wird seit Jahrzehnten bei
retisch detektierbaren Erkrankungen zu übersehen, ist
einer grossen Kohorte von Athleten unterschiedlichen
in unseren Augen nicht vertretbar.
Leistungsniveaus
Sportarten
Die Lösung dieses Dilemmas konnte nur dahingehend
durchgeführt. Die Langzeitdaten sind überzeugend.
gesucht werden, die Spezifität des teilweise durch die
Doch noch ruft der Einsatz des Ruhe EKG im Basis­
physiologischen Adaptionen im Rahmen eines Sport­
­
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­
(ARVC/D), zuverlässig detektiert werden und die zuvor
-
­
verschiedener
­
und
jungen Sportlern zu verbessern. Dies wurde mit dem
diopathien die zumindest früher nicht von der Hand
Überarbeiten der ESC Richtlinien von Uberoi und Kol­
zu weisende hohe Zahl falsch positiver Befunde gegen­
legen getan, was die Spezifität der Untersuchung be­
über, die zu unnötigen, die Athleten ver unsichernden
reits etwas verbesserte [19]. Doch bezeichnenderweise
und kostentreibenden Zusatzuntersuchungen führen,
war es mit Jonathan Drezner ein Sportmediziner und
um eine Verdachtsdiagnose zu widerlegen [5].
kein Kardiologe, auf dessen Initiative die sogenannten
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herzens schwierig zu interpretierenden Ruhe EKG bei
potentiellen Detektion der meisten hereditären Kar­
­
screening viele Kritiker auf den Plan. Sie stellen der
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article
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R
Das Ruhe-EKG als «crux of the matter»
-
­
«Seattle Criteria» entwickelt wurden, die aktuell akku­
ratesten Richtlinien zur Interpretation von Sportler
EKG [20–23].
national anerkannte Sportkardiologen und Experten
mentierte unter anderem die Europäische Gesellschaft
der EKG Interpretation zusammen, um die aktuellen
für Kardiologie (ESC) 2010 Empfehlungen, wie die EKG
Richtlinien zu verbessern. Dabei wurden Vertreter aus
-
Erstmals 2012 kamen in Seattle, Washington, inter­
lem nordamerikanischen Fachgesellschaften) imple­
-
Trotz teilweise berechtigtem Widerstand (von vor al­
setzt werden sollte [14].
Sports Cardiology» der ESC, Experten aus dem Mittle­
Auch die grossen Sportverbände, wie etwa der Welt­
ren Osten, Südamerika und vor allem auch von den
fussballverband FIFA, schlossen sich früh der Strategie
bekannten nordamerikanischen Hochschulen eingela­
mit Integration der EKG Untersuchung an, während
den. Dies gilt es besonders hervorzuheben, da doch
die kritischen Stimmen aufgrund der zwar unumstrit­
gerade aus Nordamerika die kritischen Stimmen hin­
tenen Sensitivität, aber je nach Interpretationsansatz
sichtlich Integration des EKG in das Basisscreening
ungenügenden Spezifität der Untersuchung an einem
herrühren und dort auch heute die zwei grossen kar­
Basisscreening festhielten und weiterhin festhalten,
diologischen Fachgesellschaften am herkömmlichen
das neben der Anamneseerhebung lediglich einen fo­
Regime offiziell festhalten [5].
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Europa, hauptsächlich aus dem Kreise der «Section of
-
Interpretation in einem kardialen Screening umge­
kussierten klinischen Status beinhaltet [5, 8]. Dadurch
doch die Sensitivität des kardialen Screenings fällt
­
durch diese Massnahme auf ein inakzeptabel tiefes
Zuverlässige Richtlinien auch
für «Nicht-Kardiologen»
­
lässt sich zwar zweifelsohne die Spezifität erhöhen,
Drezner erkannte als Sportarzt, dass EKG Richtlinien
Baggish und Kollegen lieferten dazu eindrückliche
für Ärzte geschrieben werden müssen, die sich nicht
Zahlen [15]: Während die nordamerikanische Strategie
regelmässig in der Interpretation der EKG Befunde von
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­
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Niveau ab.
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Sportlern üben, um die Spezifität der Untersuchung
nachhaltig zu verbessern.
Physiologische Veränderungen
beim jungen Sportler (Tab. 1)
werte sind bei Sportlern sehr häufig (bis zu 60%). Sie
derungen zu definieren (Tab. 1).
sind auf physiologische Veränderungen im Rahmen
Eindeutig pathologische EKG Veränderungen wurden
eines «Sportherzens» mit elektrischem und struktu­
einerseits strukturellen, andererseits elektrischen
rellem Remodelling zurückzuführen [21].
-
-
Physiologische EKG Veränderungen ohne Krankheits­
Sport bedingte und somit physiologische EKG Verän­
-
Primäres Ziel war es deshalb, durch regelmässigen
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Kardiopathien zugeordnet (Tab. 2 und 3). Die 2012/13
ten Seattle Kriterien umfassten somit mehrere Einzel­
Auf eine primär elektrische Kardiopathie
hinweisende EKG-Veränderungen (Tab. 2)
publikationen [20–23].
Hereditäre primäre Arrhythmiesyndrome, wie etwa
-
im British Journal of Sports Medicine (BJSM) publizier­
Ionenkanalerkrankungen und weitere Reizleitungs­
störungen, sind häufige Ursachen für fatale kardiale
Ereignisse im Sport. Oftmals bleiben diese Athleten
lange asymptomatisch, und einzig das EKG ermöglicht
eine frühzeitige und häufig auch akkurate Diagnostik.
Insbesondere die im Vergleich zu den ursprünglichen
­
-
ESC Richtlinien deutlich grosszügigeren Normwerte
1.
Sinusbradykardie (Herzfrequenz ≥30/min)
2.
Sinusarrhythmie
3.
Ektoper atrialer Rhythmus
4.
Junktionaler Ersatzrhythmus
5.
AV-Block Grad 1 (PQ-Zeit >200 ms)
6.
AV-Block Grad 2, Typ Wenckebach
7.
Inkompletter Rechtsschenkelblock
8.
Isolierte QRS-Amplituden-Kriterien für linksventrikuläre Hypertrophie (cave Ausnahme: falls zusammen mit weiteren Kriterien für linksventrikuläre Hypertrophie wie
Vergrösserung des linken Vorhofs, überdrehter Linkslagetyp, ST-Senkung, T-Wellen-Inversion oder pathologischer Q-Welle)
-
für die QTc Intervalle führten zu einer massiven Re­
duktion der «pathologischen» Befunde.
­
Auf eine primär strukturelle Kardiopathie
hinweisende EKG-Veränderungen (Tab. 3)
Eine Publikation im Rahmen der «Seattle Criteria»
suggerieren.
Erfolg der Seattle-Kriterien
Aufgrund zahlreicher neuerer Daten konnte gezeigt
­
«Seat tle Criteria» die Anzahl pathologischer EKG
Befunde im Vergleich zu den ESC Richtlinien von 17 auf
Konvexe ST-Hebung («domed») zusammen mit T-Wellen-Inversion in Ableitung
V1–V4 bei schwarzen/afrikanischen Athleten
4% gesenkt werden konnte, und dies obwohl gleichzei­
­
Tabelle 2: Abnorme EKG-Befunde, die auf eine primär elektrische Pathologie hinweisen. Diese EKG-Veränderungen entstehen
nicht aufgrund eines regelmässigen Trainings und stellen keine physiologischen Adaptationen dar. Sie lassen eine patho
logische kardiovaskuläre Krankheit vermuten und benötigen deshalb weiterführende Abklärungen. Amplitude 1 mm entspricht
0,1 mV. (Adaptiert nach Drezner JA, Ackerman MJ, Cannon BC, Corrado D, Heidbuchel H, Prutkin JM, et al. Abnormal electrocardiographic findings in athletes: recognising changes suggestive of primary electrical disease. Br J Sports Med 2013;47:153167, mit freundlicher Gehehmigung.)
EKG-Befund
Definition
1.
Ventrikuläre Präexzitation
PQ-Zeit <120 ms mit Delta-Welle und breitem QRS-Komplex (>120 ms)
2.
Lange QT-Zeit*
QTc ≥470 ms (männlich), QTc ≥480 ms (weiblich), QTc ≥500 ms (immer)
3.
Kurze QT-Zeit*
QTc ≤320 ms
4.
Brugada-ähnliches EKG
Hoher ST-Abgang und deszendierende ST-Streckenhebung ≥2 mm, gefolgt von
einer negativen T-Welle in mindestens 2 benachbarten EKG-Ableitungen (V1–V3)
5.
Sinusbradykardie
Herzfrequenz <30/min oder Sinuspausen ≥3 s
6.
Atriale Tachyarrhythmien
Supraventrikuläre Tachykardie, Vorhofflimmern, Vorhofflattern
7.
Ventrikuläre Extrasystolen
≥2 pro 10 s EKG-Aufzeichnung
8.
Ventrikuläre Arrhythmien
Couplet, Triplet, nicht anhaltende ventrikuläre Tachykardie
­
* QTc-Zeit idealerweise bei einer HF von 60–90/min gemessen. EKG-Wiederholung nach leichter aerober Aktivität erwägen für grenzwertige oder
abnorme QTc-Zeit bei einer Herzfrequenz <50/min.
QTc: korrigierte QT-Zeit.
CARDIOVASCULAR MEDICINE – KARDIOVASKULÄRE MEDIZIN – MÉDECINE CARDIOVASCULAIRE
-­
werden, dass durch die akkurate Anwendung der
Frührepolarisation («Early Repolarisation»: ST-Hebung, J-Punkt Hebung, J-Welle
oder «verzogener» terminaler QRS-Komplex: «Slurring»)
-
10.
turelle Kardiopathien, wie etwa Kardiomyopathien,
­
 
 
 
 
 
9.
-
befasst sich mit EKG Veränderungen, die primär struk­
­
 
 
 
 
­
Tabelle 1: Normale EKG-Befunde bei Athleten. Diese EKG-Veränderungen stellen physiologische Adaptationen dar, die aufgrund regelmässigen Trainings als Normalvariante
bei Athleten auftreten können. Bei asymptomatischen Athleten mit isoliertem Auftreten
eines oder mehrerer dieser Kriterien sind keine weiterführenden Abklärungen notwendig. (Adaptiert nach Drezner JA, Fischbach P, Froelicher V, Marek J, Pelliccia A, et al.
Normal electrocardiographic findings: recognising physiological adaptations in
athletes. Br J Sports Med. 2013;47:125–36, mit freundlicher Genehmigung).
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Definition
T-Wellen-Inversion
>1 mm Tiefe in 2 oder mehr Ableitungen in V2–V6, II und aVF oder I und aVL
(mit Ausnahme III, aVR und V1)
2.
ST-Senkung
≥0,5 mm Senkung in 2 oder mehr Ableitungen
3.
Pathologische Q-Zacke
>3 mm Tiefe oder >40 ms Dauer in 2 oder mehr Ableitungen (mit Ausnahme III
und aVR)
4.
Kompletter Linksschenkelblock
QRS ≥120 ms, mehrheitlich negativer QRS-Komplex in V1 (QS oder rS) und mono
phasische, steil ansteigende R-Zacken in I und V6
5.
Intraventrikuläre Reizleitungsstörung
jede QRS-Verbreiterung ≥140 ms
6.
Überdrehter Linkslagetyp
–30° bis –90°
7.
Linksatriale Vergrösserung
P-Welle >120 ms in I oder II mit negativem P-Wellen-Anteil ≥1 mm und ≥40 ms
Dauer in V1
8.
Rechtshypertrophiezeichen
überdrehter Rechtslagetyp und R in V1 + S in V5 >10,5 mm
9.
Ventrikuläre Extrasystole
≥2 pro 10 s EKG-Aufzeichnung
10.
Ventrikuläre Arrhythmien
Couplet, Triplet, nicht anhaltende ventrikuläre Tachykardie
 
 
 
 
 
 
 
 
 
EKG-Befund
1.
tig keine Einbusse bezüglich Sensitivität der Untersu­
­
­
­
Tabelle 3: Abnorme EKG-Befunde, die auf eine Kardiomyopathie hinweisen. Diese EKG-Veränderungen entstehen nicht
aufgrund eines regelmässigen Trainings und stellen keine physiologischen Adaptationen dar. Sie lassen eine pathologische
kardiovaskuläre Krankheit vermuten und benötigen deshalb weiter führende Abklärungen. Amplitude 1 mm entspricht 0,1 mV.
(Adaptiert nach Drezner JA, Ashley E, Baggish AL, Börjesson M, Corrado D, Owens DS, et al. Abnormal electrocardiographic
findings in athletes: recognising changes suggestive of cardiomyopathy. Br J Sports Med 2013;47:137-152, mit freundlicher
Genehmigung.)
Die «revidierten» Kriterien 2015
chung in Kauf genommen werden musste [24]. Ausser­
Durch die nun seit längerer Zeit klinisch breit eta­
ethnisch bedingte Normvarianten, wie etwa T Inver­
blierte Anwendung der «Seattle Criteria» konnten in
sionen über V1–V4 mit vorangehender ST Hebung bei
den letzten Jahren wichtige Erfahrungen gesammelt
Athleten afro karibischer Herkunft [20–23].
werden [24–26]. Dabei rückten insbesondere EKG Kri­
-
-
-
-
-
dem berücksichtigten die Seattle Kriterien erstmals
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­
Abbildung 1: Die sogenannten «Refined Criteria». Eine Gruppe «grenzwertiger» Veränderungen ist in isolierter Form als
benigne anzusehen. Das Auftreten mehrerer Veränderungen aus dieser Gruppe suggeriert jedoch eine Kardiopathie.
(From: Sheikh N, Papadakis M, Ghani S, Zaidi A, Gati S, et al. Comparison of electrocardiographic criteria for the detection of
cardiac abnormalities in elite black and white athletes. Circulation. 2014;129(16):1637–4. Reprint with permission. Promotional
and commercial use of the material in print, digital or mobile device format is prohibited without the permission from the
publisher Wolters Kluwer Health. Please contact healthpermissionswolterskluwer.com for further information.)
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Obwohl diese EKG Charakteristika in den «Refined
hinsichtlich Signifikanz lagen und teilweise nur des­
Seattle Criteria» keine Berücksichtigung finden, lies­
­
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terien in den Fokus, die bisher in einem Graubereich
sen sich in dieser Studie 98,1% einer Subgruppe von
Athleten mit bekannter hypertropher Kardiomyo­
Gruppe um Sanjay Sharma publizierte in diesem Zu­
pathie mittels EKG identifizieren [27].
sammenhang Daten, die eben diese EKG Kriterien bei
Die gleiche Gruppe untersuchte die «refined» Kriterien
einer grossen Zahl von Athleten untersuchte [27]. Die
in einem grossen Kollektiv von über 2400 Sportlern
Quintessenz der Untersuchungen stellten die soge­
verschiedener Ethnien [25]: Als Schlüsselergebnis die­
nannten «Refined Criteria» dar, also eine weitere Adap­
ser Studie fand sich eine deutlich reduzierte Prävalenz
tion der aktuell geltenden EKG Interpretations Richt­
von pathologischen EKG Befunden (5,3% bei weissen
-
-
-
-
halb in den Seattle Kriterien verankert wurden, weil
damals die Datenlage nicht konklusiv erschien. Die
-
rien (11,6%) und den ESC Richtlinien von 2010 (22,3%),
tion, eine isolierte Achsendeviation oder Hinweise für
während durch die Anwendung aller drei Kriterien
eine rechtsventrikuläre Dilatation mit einer extrem
sämtliche relevanten Pathologien mittels EKG erkannt
tiefen Wahrscheinlichkeit für eine tatsächlich zugrun­
wurden (98,1% Sensitivität) [25]. Verglichen mit den
deliegende Pathologie.
klassischen ESC Empfehlungen konnte durch die
-
-
-
-
Athleten) im Vergleich zu den «Original» Seattle Krite­
etwa eine isolierte (links oder rechts )atriale Dilata­
-
linien (Abb. 1). Konkret zeigten sich EKG Muster, wie
-
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­
Anwendung der «refined» Kriterien die Spezifität der
-
EKG Untersuchung bei schwarzen Athleten von 40,3
auf 84,2% und bei weissen Athleten von 73,8 auf 94,1%
100%
gesteigert werden.
Auch wenn bei schwarzen Athleten afro karibischer
-
80%
-
Abstammung die Anzahl positiver EKG Befunde im­
mer noch etwa doppelt so hoch ist wie bei weissen
60%
Sportlern kaukasischer Ethnie, konnte die Spezifität
40%
bei erhaltener optimaler Sensitivität, was ja die unbe­
strittene Stärke der Untersuchung darstellt, massiv er­
­
20%
wichtige Argumente aus, und es bleibt zu hoffen, dass
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auch bei den grossen amerikanischen Fachverbänden
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ein Umdenken stattfindet, das die Integration des EKG
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im kardialen Screening ermöglicht.
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Nicht zuletzt aufgrund dieser eindrücklichen Daten
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fand im Februar 2015 eine zweite Expertenkonsensus­
UniversitatsSpital Zürich
-
CH 8091 Zürich
michael.schindler[at]usz.ch
CARDIOVASCULAR MEDICINE – KARDIOVASKULÄRE MEDIZIN – MÉDECINE CARDIOVASCULAIRE
rien implementierte und eine entsprechend adaptierte
Form der Empfehlungen erarbeitete. Die Publikation
ist dieses Jahr geplant.
Disclosure statement
­
No financial support and no other potential conflict of interest
relevant to this article was reported.
References
–
Die komplette Literaturliste ist im PDF der Online Version des
Artikels unter www.cardiovascmed.ch zu finden.
-
Michael J. Schindler, M.D.
Correspondence:
Abbildung 2: Pathologische EKG-Befunde in einer grossen
multi-ethnischen Sportlerkohorte: Die ESC-Empfehlungen
führten zu der Verdachtsdiagnose einer Kardiopathie bei
16,2% der weissen und 40,4% der schwarzen Athleten. Aufgrund der «Seattle Criteria» konnten die pathologischen
EKG- Befunde auf 7,1% bei weissen und 18,4% bei schwarzen
Sportlern reduziert werden. Die «Refined Criteria» schliesslich führten zu einer weiteren Reduktion der pathologischen
Befunde bei weissen (5,3%) und schwarzen Sportlern (11,5%).
Alle drei Interpretations-Strategien identifizierten 98,1% der
Athleten mit hypertropher Kardiomyopathie [25].
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konferenz in Seattle statt, welche die «refined» Krite­
­
Cr
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CG
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0%
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höht werden. Somit gehen den Kritikern der Methode
Athleten mit HCM
Schwarze / afrikanische Athleten
Weisse / kaukasische Athleten
2016;19(3):72–76
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