Keine Kurse am Freitagmorgen!

Der Kampf um Unterhalt / Thailands
mutige Studenten / Stars und Drogen
e b e n T ip p s
U n i- P ro fi s g
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5 / 2015
Tanja Notheiß, IT-Projektleiterin Informationssysteme
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Inha
S. 12
Geld her, Papa!
Warum manche Studenten ihre Eltern verklagen.
S. 16
»Wir haben einen hohen Standard«
Bildungsministerin Wanka über volle Unis und Bafög-Erhöhungen.
S. 22
Titel: Keine Kurse am Freitagmorgen!
S. 26
Alleingang zum Abi
Deutschlands bekanntester Schulverweigerer will studieren.
S. 28
Erst Demo, dann Horrorknast
Der riskante Kampf thailändischer Studenten gegen die Junta.
S. 42
Ein Leben im Dunkeln
Eine Studentin versteckt einen ausreisepflichtigen Afrikaner.
S. 48
Stramm auf die Bühne
Warum Musiker das Saufen und Schnupfen nicht lassen können.
S. 4
S. 6
S. 46
Intro
Campus
Anonymes Jobprotokoll
S. 52
S. 54
S. 58
Eines Nachts
Szene
Studentin des Monats
S. 42
H i l f s b e re i t und
unpolitisch
Sie würde gerne wieder
studieren und hält deutsche
Hochschüler für unpolitisch:
Warum, erklärte Bildungsministerin Johanna Wanka
den Redakteurinnen Miriam
Olbrisch und Ann-Katrin
Müller (Seite 16).
Sein Traum ist ein besseres
Leben in Deutschland: Weil
das Asylgesetz aber gegen ihn
ist, versteckt sich ein junger
Afrikaner seit Monaten bei
einer Berliner Studentin.
Bettina Malter hat die beiden
besucht – und eine Geschichte
über eine riskante Hilfsbereitschaft geschrieben (Seite 42).
S. 16
Außerdem im Heft:
S. 28
Thailands Studenten begehren
auf (Seite 28) – und Felix Bohr
will in Trier feiern, fühlt sich
aber in der alten Römerstadt
wie im Museum (Seite 52).
S. 3
UNI SPIEGEL
5 /2015
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Uni-Profis geben Tipps für den Semesterstart.
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FOTOS: UNIVERSITÄT HEIDELBERG (1); DENNIS CLARK / POLARIS / LAIF (2); KHALED EL-FIQI / PICTURE ALLIANCE / DPA (3); PAUL HENNESSY / POLARIS / STUDIO X (4); MANUEL COHEN / AKG (5); SIRIUS DOCUMENTARY (6)
1
Blick ins
Jenseits
Mumien sind gruselige, manchmal verstörend schöne Zeugen der Vergangenheit.
Sie erzählen von Kulturen, die längst ausgestorben sind, oder von Katastrophen, die
sich vor langer Zeit ereignet haben. Kein
Wunder also, dass sich auch viele Uniforscher für sie und ihre Geschichten interessieren. Was über Hetep-Amun (1) herausgefunden wurde, kann man noch bis zum
25. Oktober im Universitätsmuseum von
Heidelberg erfahren – die Ägypterin litt
wohl unter Gelenkbeschwerden und ist mit
etwa 2700 Jahren ähnlich alt wie eine in
New York verwahrte Mumie (2). Auch über
die anderen Toten auf dieser Doppelseite
fanden Wissenschaftler einiges heraus: Bei
der Leiche mit dem langen Haar (3) handelt
es sich um die Großmutter des Pharaos
Tutanchamun, bei der Mumie mit Rock (4)
um den kleinen Ungarn Johannes Orlovits.
Die zusammengebundenen Füße sollten
verhindern, dass der Junge aus dem Jenseits
zurückkehrt. Das »Mädchen mit der Schleife« (5) heißt Rosalia Lombardo, starb
Anfang des 20. Jahrhunderts an der Spanischen Grippe und gilt wegen besonders
aufwendiger Einbalsamierungstechniken
als die schönste Mumie der Welt. Schwer
tun sich die Forscher mit der unheimlichen
Mumie Ata (6): Das 13 Zentimeter große
Wesen wurde 2003 in der chilenischen
Atacama-Wüste gefunden und erinnert
trotz menschlicher DNA an einen Außerirdischen. Wahrscheinlich handelt es sich
aber um einen Fötus, der an vorzeitiger
Alterung litt.
S. 5
UNI SPIEGEL
5 /2015
pu s
Cam
Schweiz
Die W G d er Z ukunf t
Eine Waschmaschine, die E-Mails schickt, wenn sie
fertig ist; ein Türöffner, der per App bedient wird; Blumentöpfe, die über LED den Wasserstand anzeigen –
und Musik, die nur in dem Raum zu hören ist, in dem
man sich gerade befindet: So könnte einmal die Wohngemeinschaft der Zukunft ausgestattet sein. Das glauben jedenfalls die Informatiker Daniel Geppert und Johannes Neumaier sowie der Designer Thomas Petrig.
Vor elf Monaten zogen die drei jungen Männer in einen
sanierten Altbau in der Schweizer Hauptstadt Bern.
Ihre Mission: im Auftrag des Schweizer Telekommunikationsanbieters Swisscom eine WG für das digitale Zeitalter auszurüsten. Nicht
mit Flachbildschirmen, Laptops und Spielekonsolen, sondern mit
Alltagsgadgets. Ihr Budget: 24 000
Schweizer Franken, gut 22 000 Euro.
Ihr Zeitraum: ein Jahr. Inzwischen gibt
es in der WG Alltagserleichterer, wohin man schaut (siehe Fotos). Die aufwendigste Erfindung war ein Busfahrplan in Echtzeit. Dafür nutzen sie frei
zugängliche Daten der Verkehrsbetriebe und lassen die Abfahrten von der
Haltestelle um die Ecke anzeigen –
stilecht mit Leuchtdioden. »So muss
sich keiner mehr kurz vor der Arbeit
durch die App klicken, um zu wissen,
wann die nächste Straßenbahn fährt«, sagt Petrig. Trotz aller digitaler
Helfer gibt es aber noch reichlich Bedarf – zum Beispiel nach
einem Kühlschrank, der automatisch Bier nachbestellt.
Stupa-Wahlen
33%
den-Württemberg schlug die Partei vor,
Räte und Parlamente künftig online wählen zu lassen. Weil das Votum per Mausklick bequemer sei als der Gang zur Urne
in einem Hörsaal, so die Hoffnung, könnten künftig wieder mehr angehende Akademiker ihre Vertreter wählen. Doch was
Gute
Demokraten?
Von
wegen!
für Zuspruch bei RCDS, Jusos und Co.
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Deutschlands
Hochschüler
nehmen
imsorgen soll, ist nur schwer umzusetzen.
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WW
mer seltener an den Wahlen zum Studen- Das geht aus einer Antwort des Stuttgartenparlament teil. Bundesweit ist die
ter Wissenschaftsministeriums auf eine
Beteiligung seit Jahren rückläufig, in
Anfrage der CDU hervor. Die OnlineMünster und Berlin lag sie zuletzt sogar
wahl berge »rechtliche Risiken« und stelle
im einstelligen Prozentbereich (siehe
die universitären Gremien vor »techniGrafik). Der Notstand an der Urne rief
sche und organisatorische Herausfordeim Sommer die CDU auf den Plan. In Ba- rungen«, schreibt Ministerin Theresia
Bauer (Grüne). So bestehe im Vergleich
zu einer Wahl auf Papier eine »ungleich
höhere Gefahr der Manipulation von au0 8 un
20
tu
ßen«. Gerade die jüngsten Spähattacken
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auf Server des Bundestags bewiesen,
»dass der Schutz von Computernetzwerken gegen derartige Eingriffe eine
anspruchsvolle Aufgabe ist«. Zur Identifizierung seien darüber hinaus etwa
PIN/TAN-Verfahren oder ein elektronischer Personalausweis notwendig. Das
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Ministerium hat die bisherigen Erfahrunz
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itä
vers
Uni
gen mit Onlinewahlen zusammengetragen, unter anderem die aus Mannheim,
Osnabrück, Hannover, Bremerhaven
und Jena. Sie sind ernüchternd: »Die Erhöhung der Wahlbeteiligung blieb aus.«
Eine Wahl in Österreich, von der dortigen Bundesregierung gefördert, »litt an
großen Mängeln und erbrachte aufgrund
erheblicher Akzeptanzprobleme die
niedrigste Beteiligung aller Hochschüler2009
2010
2011
2012
2013
2014
2015
wahlen«, schreibt das Ministerium.
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2008
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ILLUSTRATION: LISA ROST / UNI SPIEGEL; FOTOS: SWISSCOM.CH (L.); RADIO HOPE (3/R.)
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17%
Studentenradio
O n a i r in O stafrika
Ehrgeiziges Projekt:
Radio-Hope-Mitarbeiter
Katumba Badru, Franzi Freihart,
Anne Fleischmann (unten)
Für Journalisten gibt es einfachere Länder als Uganda. In
einer Rangliste zur Pressefreiheit, die der Verein Reporter
ohne Grenzen regelmäßig erstellt, steht das Land in Ostafrika aktuell auf Platz 97. Umso ehrgeiziger ist das Projekt
Radio Hope, das von ugandischen und deutschen
Studenten gemeinsam betrieben wird. Anne Fleischmann
und Franzi Freihart, beide 23, studieren eigentlich
Journalistik in Bayern und waren im vergangenen Sommer
als Gaststudentinnen an der Makerere University in Ugandas Hauptstadt Kampala eingeschrieben. Neben ihren
Kursbesuchen an der Uni bauten die beiden Freundinnen
die Redaktion mit auf und coachten ihre Kommilitonen. Der
Start war schwer, besonders die Suche nach passenden
Redaktionsräumen, die nun außerhalb der Stadt liegen.
Bisher ist der Sender nur im Web zu hören, erreicht damit
aber viele junge Leute (http:/ /www.radiohope.com) . Radio Hope begreift sich als Bildungsradio – und soll kritischen Nachwuchsjournalisten helfen, Erfahrungen zu sammeln. Die Sendungen haben stets ein Hauptthema, zum Beispiel
»Armut in den Slums«, und bestehen aus klassischen Radioreportagen, Umfragen und Interviews.
Radio Hope soll auch heiße Eisen anfassen, etwa
den Umgang mit Lesben und Schwulen. Vergangenes Jahr wollte die ugandische Regierung sogar
ein Gesetz erlassen, das die Todesstrafe für
wiederholte homosexuelle Handlungen vorsah.
»Die Medien in Uganda zensieren sich teil weise selbst«, sagt Anne. Seit einigen Wochen sind
zwei neue Gaststudenten der Universität Eichstätt in
Kampala, die das Radio weiterentwickeln wollen. Nächstes
Ziel: Radio Hope soll ein echter UKW-Sender werden.
Die Zahl
42
nt
Proze
aller Studiengänge in Deutschland
sind zum Wintersemester 2015/16
zulassungsbeschränkt. In Hamburg ist der Anteil
mit 68,6 Prozent
aller Studiengänge am höchsten,
in MecklenburgVorpommern mit
20,4 Prozent am
niedrigsten. Im
Vergleich zum
Wintersemester
2013/14 sind nun
weniger Studiengänge zulassungsbeschränkt. Das
Centrum für Hochschulentwicklung,
das die Zahlen zusammentrug, führt
das unter anderem
darauf zurück,
dass »die Hochschulen und die
Politik sich auf die
steigende Studierneigung eingestellt und entsprechende Kapazitäten geschaffen
haben«.
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Spionage
Spitzel auf
dem Campus
Es war ein Partybesuch, der Simon Brenner enttarnte. Der
verdeckte Polizeiermittler hatte monatelang an der Universität Heidelberg spioniert, als er zufällig eine alte Bekannte traf:
»Du bist doch der Simon von der Polizei«, sagte sie zu ihm.
Neun Monate zuvor hatte sich Brenner in den Sozialistischen
Deutschen Studentenbund (SDS) eingeschleust – getarnt
als Germanistikstudent. Im Auftrag des Landeskriminalamts
sammelte er Informationen über seine Kommilitonen und
besetzte mit ihnen sogar Hörsäle. Nach der Enttarnung Brenners klagten sieben Bespitzelte gegen das Land BadenWürttemberg. Vor einigen Wochen urteilte das Verwaltungsgericht Karlsruhe, dass der Einsatz des Spions wohl rechtswidrig war. Undercoverbeamte dürfen demnach nur eingeschleust werden, wenn ein Verdacht auf begangene Straftaten
von erheblicher Bedeutung besteht oder es konkrete Indizien
für zukünftige Verbrechen gibt. Der Fall Brenner sorgte bundesweit für Aufsehen. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt:
Neu sind Einsätze von Spitzeln in Studentenkreisen nicht.
DE R PROVOKATE U R
Der wohl spektakulärste Fall von Spionage im studentischen Milieu
begann Anfang 1967, als ein Mann mit Hut und Werkzeugtasche
im Büro des Berliner SDS erschien. Sein Name: Peter Urbach.
Er sagte, er sei Handwerker. In Wahrheit arbeitete er als Agent für
den Verfassungsschutz. Spion Urbach sollte die linke studentische
Szene gezielt kriminalisieren. Der Plan ging auf. Der V-Mann versorgte SDS-Mitglieder sogar mit Sprengsätzen und Schusswaffen.
Auch die Geschichte der terroristischen Roten Armee Fraktion
wäre ohne Urbach anders verlaufen. Er besorgte einem der Gründungsmitglieder eine Waffe – und lieferte 1970 Topterrorist
Andreas Bader ans Messer. Danach tauchte der Spitzel unter.
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Cam
DE R MAN N M IT DE M KOFFE R
Im Jahr 1973 ging der Tübinger Staatsschützer Klaus-Dieter
Engelbert in die Geschichte ein – als »Mann mit dem Koffer«.
Damals protestierten die Studenten der Eberhard-Karls-Universität
gegen eine Reform des Landeshochschulgesetzes, die eine politische Entmündigung der Allgemeinen Studierendenausschüsse
vorsah. Hörsäle und Seminare wurden bestreikt. Engelbert sollte
eine Gruppe von Studenten observieren, denen man vorwarf, Straftaten begangen zu haben. Vom Fenster eines Cafés aus fotografierte der Spion am 27. Juni 1973 eine Demo. Eine Studentin entdeckte ihn, mehrere Kommilitonen stürmten daraufhin die Treppe
des Gebäudes hinauf. Sie überwältigten Engelbert und nahmen
ihm seinen Koffer ab, darin eine Pistole und eine Fotoausrüstung.
Die Affäre sorgte seinerzeit ebenso für Furore wie Jahrzehnte später der Fall Brenner.
STASI M ETHODE N
Auch der DDR-Geheimdienst hatte unter der Leitung Erich
Mielkes etliche Spitzel an den westdeutschen Unis installiert.
Sie sollten Kommilitonen für den Sozialismus gewinnen oder Forschungsergebnisse beschaffen, wie es in einem Lehrbuch hieß.
Mindestens 25 Hochschulen hatte die Stasi im Visier, darunter
die in Köln, München und Münster. Die Spitzel schnüffelten in
erster Linie jenen Professoren und Kommilitonen hinterher, die
sich kritisch zum DDR-Regime geäußert hatten. Erst nach dem
Mauerfall fanden viele ehemalige Studenten heraus, dass sie ausgeforscht worden waren.
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Back-Blog
Der bärtige Herr
heißt Jeppe
Garly und will
seinen Studenten beibringen,
wie die Wikinger
kochten,
schmiedeten
und kämpften.
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2 E ier
Jeppe Garly lernen. Der 36jährige Däne ist Experte für
die skandinavischen Seefahrer. »Ich beschäftige mich mit
den Wikingern, seit ich denken kann«, sagt er. In Dänemark sei er in der sogenannten Reenactment-Szene aktiv
gewesen, in der es darum
geht, historische Ereignisse
möglichst authentisch nach-
Wikinger
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Ein Wikingerschiff segeln
und Werkzeuge schmieden –
wie das geht, können Studenten in Norwegen neuerdings ganz praktisch von
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Lehrer-in-MV.de
Willkommen
im Land
zum Leben.
zustellen. Genau deshalb wurde er von der Seljord Folkehøgskole beauftragt, sein Wissen über das Leben der
Wikinger auf akademischem
Niveau weiterzugeben. Seit
August unterrichtet er nun in
Seljord, etwa 200 Kilometer
von Oslo entfernt, 14 Studenten im Fach »Wikinger«.
Auch ausländische Studenten
können teilnehmen; es gibt
jedoch keinen offiziell anerkannten Abschluss. Zumindest die norwegischen
Hochschüler haben aber die
Möglichkeit, sich die neun
Monate, die sie in Seljord verbringen, an der Uni anrechnen zu lassen. Raubzüge stehen dabei nicht auf dem Plan:
»Die Wikinger waren mehr
als nur Krieger und Plünderer. Sie waren Bauern, Fischer
und Handwerker. Dieses
alltägliche Leben fasziniert
mich – und das will ich meinen Studenten nahebringen«,
sagt Garly. Am wichtigsten
ist dem Dozenten die praktische Erfahrung: Seine Schüler sollen zum Beispiel lernen,
Löffel oder Schüsseln zu
schnitzen, um damit später
echte Wikingergerichte zu
essen. Pfeil und Bogen kommen bei der dafür nötigen
Nahrungsbeschaffung allerdings nicht zum Einsatz.
»Wir ›fangen‹ die Tiere im
Supermarkt«, sagt Garly.
für den heutigen Leser nur
schwer zu entziffern. Außerdem werden für fast alle
Rezepte Eier, Milch oder andere tierische Produkte benötigt. Für die Studentin
kam das nicht infrage, da sie
vegan lebt. Doch sie wusste
sich zu helfen: »Ich habe
die Rezepte zusammen mit
meinem Vater übersetzt«,
sagt sie. »Und jetzt interpretiere ich sie vegan.« Das sei
gar nicht schwierig, da es
für fast jede tierische Zutat
ein Ersatzprodukt gebe –
eine Banane könne zum Beispiel zwei Eier ersetzen.
»Unmöglich ist nichts, sogar
eine mehrstöckige Sahnetorte bekommt man hin«,
sagt Schrader. Damit es
auch andere Veganer beim
Backen leichter haben,
veröffentlicht die Studentin
jede Woche eine ihrer
Rezeptvarianten auf ihrem
Blog »Knust und Kooken«
(www.veganer-kuchen.net).
S. 10
UNI SPIEGEL
5 /2015
FOTOS: SELJORD FOLKEHØGSKULE (L./4); VANESSA SCHRADER (M./2); JESSICA HILL / AP (R.)
Norwegen
Franzbrötchen, Friesentorte,
Kohlbrot – Vanessa Schrader (Foto) liebt es, norddeutsche Spezialitäten zu
backen. Das alte Kochbuch
ihrer Großmutter ist deshalb
besonders wertvoll für die
29-Jährige, denn es enthält
viele traditionelle Rezepte.
Leider ist es von Hand in
Sütterlin geschrieben und
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Cam
Frauen-Unis
Q u ee r -Ver wei s
Wann ist eine Frau eine Frau? Mit dieser Frage
beschäftigten sich in den vergangenen Monaten nordamerikanische Frauencolleges. Auslöser war der Fall von Calliope Wong (Foto).
Die Schülerin aus dem kleinen Örtchen Woodbridge in Connecticut schickte nach ihrem
Highschoolabschluss eine Bewerbung an das traditionsreiche Smith College, eine der ältesten und
größten Frauenhochschulen der USA. Einen Studienplatz
bekam sie nicht, ihre Bewerbung wurde erst gar nicht gelesen.
Das lag nicht an ihren Noten, sondern daran, dass sie zwar als
Frau lebt, aber als Mann geboren wurde. Wong ist transgender,
sie bekam also eine Art Queer-Verweis.
Nachdem die Schülerin den Fall auf ihrem Blog öffentlich gemacht
hatte (calliowong.tumblr.com), wurde er zu einem Politikum – und
auf dem Campus des Smith College kam es zu Protesten. Es könne
nicht sein, dass Hochschulen, die Offenheit, Toleranz und Inklusion
predigten, nun selbst nicht nach diesen Grundsätzen handelten.
Transgender-Studenten solle erlaubt werden, zusätzliche Dokumente von Lehrern oder Eltern einzureichen, um nachzuweisen,
dass sie sich als Frauen fühlten. Eine Petition mit 4000 Unterzeich-
nern brachte schließlich die Wende: Das Smith
College entschied, dass auch Bewerber, die
»sich als Frauen identifizieren und als solche leben, gleich mit welchem Geschlecht sie geboren wurden«, für einen Studienplatz in Betracht
gezogen werden sollten.
Zu diesem Zeitpunkt hatten andere Frauencolleges wie Wellesley und Mount Holyoke ihre
Aufnahmeregelungen wegen Wongs Fall bereits
geändert. Das bekannte Barnard College in New
York war die letzte der großen Frauenhochschulen,
die vor wenigen Wochen ihre Türen für Transgender-Studenten öffnete. Barnards Präsidentin Debora L. Spar sprach zuvor
von einer Generationenfrage: »Die meisten von uns wurden noch
in dem Glauben erzogen, dass Jungs Jungs sind und Mädchen
Mädchen.« Mit der Entscheidung erkenne man den Wandel der
Geschlechteridentitäten an. Studenten, die zwar als Frauen geboren
wurden, nun aber als Männer leben, bleibt der Zugang zu den meisten Frauencolleges aber nach wie vor verwehrt.
Calliope Wong hat unterdessen ein Studium begonnen – allerdings
nicht am Smith, sondern an einer gemischten Universität. Ihr Verdienst bleibt aber, dass sie die Frauencolleges des Landes zu
einer der weitreichendsten Entscheidungen der vergangenen Jahrzehnte zwang.
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Mutter o d er Vater notfalls au ch ve rk lagen, um
von CHARLOTTE HAUNHORST (Text),
MIRIAM MIGLIAZZI und MART KLEIN (Illustration)
W
enn Felix seinem Vater
mailt, klingt es, als würde er einer
Behörde schreiben. »Bei Bedarf
kann ich das noch genauer darlegen«, hat er zum Beispiel formuliert. Oder: »Die Studienbescheinigung habe ich angefügt.« Je bürokratischer und unemotionaler er
mit seinem Vater kommuniziert,
desto besser. »Ich will mich nicht
angreifbar machen«, sagt er.
An einem Spätsommertag sitzt
der 26-jährige Jurastudent, der seinen vollen Namen nicht gedruckt
sehen will, in einem hellen Leinenanzug vor einem Hamburger Café
in der Sonne. Das letzte Mal habe
er seinen Vater vor zwei Jahren gesehen, erzählt er. Er traf ihn zufällig in der Innenstadt. »Wir haben
uns kurz unterhalten, aber nicht
über uns«, sagt Felix. Dabei hätte
es Anlass genug gegeben, denn
ihre vorherigen Treffen hatten alle
vor Gericht stattgefunden und sich
um Unterhaltsfragen gedreht.
Im Bürgerlichen Gesetzbuch
steht, dass Eltern ihren Kindern
»eine angemessene Vorbildung zu
einem Beruf« bezahlen müssen,
wenn es ihnen finanziell möglich
ist. Doch was simpel klingt, kann
im Ernstfall jahrelange Macht-
m
i
r
eht zu
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E lte r n. D o ch s ol lte man
es du rchzus etzen?
S. 13
UNI SPIEGEL
5 /2015
spiele nach sich ziehen, denn die
Formulierung des Gesetzes ist
vage: Ist man für den Beruf bereits
mit einem Bachelorabschluss gerüstet – oder erst mit dem Master?
Schließt die Pflicht auf Unterstützung die Finanzierung von Privatunis mit ein? Wie viel Geld ist
angemessen?
Klar ist nur eines: Wenn die
Eltern nicht kooperieren, landen
viele Studenten finanziell in einer
Sackgasse – so war es auch bei
Felix. Nach der Scheidung seiner
Eltern lebte er bei seiner Mutter,
die nicht annähernd so viel verdient wie sein Vater. Um Bafög zu
bekommen, benötigte er Einkommensnachweise beider Elternteile.
Mit diesen Angaben wird meist
bemessen, ob man Unterstützung
vom Staat bekommt und in welcher Höhe.
Felix’ Vater weigerte sich jedoch, sein Einkommen offenzulegen – weil herausgekommen
wäre, dass er seinem Sohn sehr viel
mehr Unterhalt hätte zahlen müssen, als er es tat. Er war wütend,
dass sein Spross nach der Scheidung den Mädchennamen seiner
Mutter angenommen hatte, jetzt
wollte er ihn dafür bestrafen. Ein
Kräftemessen begann, und irgendwann wusste Felix, dass er ohne
Anwalt nicht mehr weiterkommen
würde. »Ich wollte meinem Vater
auch zeigen, dass er seine Verantwortung für mich nicht einfach abgeben kann«, sagt er. Seine Mutter
hat ihn in dieser Entscheidung immer unterstützt; sie musste selbst
mehrere Unterhaltsverfahren mit
ihrem Exmann durchstehen.
Auf den Cafétisch hat Felix einen Ordner gelegt, in dem der
Schriftverkehr mit seinem Vater
abgeheftet ist, die meisten Briefe
stammen aus Anwaltsbüros. Das
wichtigste Dokument ist der
schriftliche Vergleich, mit dem der
Gerichtsprozess beendet wurde.
Darin steht, dass der Vater seinem
Sohn bis zum Studienende 400
Euro monatlich zahlen muss, plus
Extrakosten fürs Auslandssemester und 4500 Euro Nachzahlung
für die bisher versäumten Monate.
»Ich habe nur eingefordert, was
mir zusteht«, sagt Felix.
Auch Iris hat mit ihren Eltern
um Unterhalt gekämpft, aber ihre
Geschichte ging nicht ganz so gut
aus. »Eigentlich habe ich schon immer alles alleine gemacht«, sagt die
24-Jährige. Sie studiert Sozialpädagogik und wohnt am Stadtrand
von Oldenburg auf einem Bauernhof. Ihre Haare sind rot gefärbt, auf
dem Knöchel ist ein Peace-Zeichen tätowiert. Sie ist fröhlich und
hat ihren Humor nicht verloren –
trotz ihrer Biografie.
Als sie elf Jahre alt war, kam
das Jugendamt und nahm sie mit,
weg von ihrer Mutter. Die Nachbarn hatten beobachtet, dass das
Mädchen immer weiter verwahrloste. Iris kam in Pflegefamilien,
mit 19 zog sie in die erste eigene
Wohnung, mit 21 brach sie den
Kontakt zu ihrer psychisch kranken Mutter völlig ab. Und ihr Vater? »Bis vor zwei Jahren kannte
ich den gar nicht«, sagt die junge
Frau. »Jetzt haben wir sporadisch
Kontakt, er hat eine neue Familie.«
Iris schaffte , was Politiker eine
»vorbildliche Bildungsbiografie«
nennen würden: guter Realschulabschluss, Ausbildung zur Erzieherin, Fachabitur, dann die Studienzulassung an der Uni Oldenburg. Immer war es auch ein
Kampf ums Geld, den sie führen
musste.
»Als ich Bafög für die Ausbildung zur Erzieherin beantragte,
wollten die eine Einkommensauskunft meiner Eltern«, sagt Iris. Sie
erklärte ihre Lage, die Mitarbeiterin erwiderte nur pampig: »Na, rufen Sie Ihre Mutter halt an.« Nach
längerem Bitten kontaktierte das
Amt die Frau schließlich selbst –
verhängte Bußgelder, wegen der
nicht ausgefüllten Anträge. Ohne
Erfolg. Irgendwann sah das Amt
ein, dass bei Iris’ Mutter, die nie
richtig gearbeitet hatte, nichts zu
holen war. Doch bis dahin konnte
Iris ihre Miete nicht zahlen. »Zum
Glück war die Vermieterin nachsichtig«, sagt Iris.
Eigentlich sind Bafög-Ämter
verpflichtet, das Geld für die Studenten vorzustrecken, wenn ein
Anspruch besteht und die Eltern
nicht kooperieren. So soll verhindert werden, dass jemand aufgrund akuter Geldnot keine Ausbildung antreten kann. Im Ernstfall ist sogar ein »Gläubigerwechsel« vorgesehen, das heißt, das
Bafög-Amt zahlt den Studenten
aus und holt sich den Unterhalt
später von den Eltern zurück.
Doch viele Studenten wissen nicht,
dass sie Anspruch auf Unterhaltsvorschuss vom Staat haben – vielleicht wird das auch nicht offensiv
genug kommuniziert. Ansonsten
würden nicht so viele Studenten
bei Michaela Klose landen.
Die Juristin ist auf Familienrecht spezialisiert, ihre Kanzlei
liegt in einer Seitenstraße des Berliner Kurfürstendamms. »Ich weise die Mandanten immer darauf
hin, dass ihr Verhältnis zu den Eltern durch einen Prozess zerrüttet
wird – aber die meisten, die zu mir
kommen, sind sich ihrer Sache
nach oft zermürbenden Streitigkeiten bereits sicher«, sagt Klose.
Zunächst klärt die Juristin die
Formalien: Wurde bereits ein
Bafög-Antrag gestellt? Haben die
Eltern Auskunft über ihr Einkommen gegeben? Weigern sich Mutter oder Vater, Angaben zu machen, kommt es zur Klage. »Selbst
wenn alles glattläuft, kann sich ein
Unterhaltsverfahren über einen
längeren Zeitraum erstrecken«,
S. 14
UNI SPIEGEL
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»Das
Verhältnis zu
den
Eltern
wird
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sagt Klose. Anderthalb Jahre sollte
man mindestens einplanen. Die
Kosten für den Anwalt und das
Verfahren werden bei mittellosen
Studenten oft über die sogenannte
Prozesskostenhilfe bezahlt. Für die
Erstberatung beim Anwalt kann
man außerdem beim Amtsgericht
am Wohnsitz einen »Beratungshilfeschein« beantragen.
Hat das Gericht irgendwann
eine Entscheidung gefällt, ist der
Streit mit den Eltern aber oft noch
nicht ausgestanden. Hochschüler
müssen danach stets Auskunft
über den Studienverlauf geben –
wie Felix es in den E-Mails an seinen Vater tut. »Außerdem darf der
Student nur aus wichtigem Grund
von der Regelstudienzeit abweichen. Ein Bummelstudium muss
von dem Unterhaltsverpflichteten
nicht hingenommen werden«, sagt
Michaela Klose.
Iris hat bisher auf eine Klage
verzichtet, dabei braucht sie wirklich dringend Geld. Weil ihre Ausbildung bereits gefördert worden
war, hatte sie alle weiteren BafögAnsprüche verwirkt, als sie nach
Oldenburg kam. Sie beantragte
einen Bildungskredit – aber auch
den gibt es erst, wenn die Eltern
zuvor ihre Einkünfte offenlegen.
Ihr Vater lieferte tatsächlich die entsprechenden Infos. Das Ergebnis
war, dass er ihr eigentlich 200 Euro
Unterhalt zahlen müsste – und der
monatliche Kredit deswegen sofort
um diese Summe gekürzt wurde.
Iris fasste sich daraufhin ein
Herz und fragte ihren Erzeuger
nach Geld. »Er hat sich mit seiner
Frau beraten – und abgelehnt«,
sagt Iris. Dass sie nun rechtliche
Schritte einleiten könnte, ist ihr bewusst. »Aber dann wäre mein letzter Angehöriger auch noch weg«,
sagt sie und zuckt mit den Schultern. Das will sie nicht riskieren.
Iris versucht, die nun monatlich fehlenden 200 Euro wieder
reinzubekommen, indem sie möglichst viel neben der Uni arbeitet.
Alle sechs Monate bekommt sie
einen Brief. Darin steht, wie hoch
ihre Kreditschulden sind. »Es sind
schon über 13 000 Euro«, sagt Iris.
Einen Master wird sie nicht mehr
machen. Ohne Eltern kann sie sich
das nicht leisten.
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SPIEGELGespräch
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FOTO: HANS CHRISTIAN PLAMBECK / LAIF
Frau Wanka, Sie sagen, Sie seien Anfang der Siebzigerjahre an der Uni Leipzig gern Studentin gewesen.
Wären Sie das unter den heutigen Bedingungen auch
noch? Absolut! Vor allem wenn ich mir anschaue, welche An-
Bundesbi ldungsminister in Johanna
Wanka (CDU) üb er
» A k a d e m i s i e r u ng s wa hn«, unp olitis che
Studenten und gutes
Z eit management
gebote es an den deutschen Hochschulen gibt. Diese Vielfalt hatten wir früher nicht, schon gar nicht in der DDR, wo ich an der
Uni war. Ich hatte eine ganz naive Vorstellung vom Studium.
Ich dachte, man würde in der Breite lernen und auch fachfremdes Allgemeinwissen dazugewinnen. So war es oft leider nicht. Heute geht das aber, zum Beispiel mit dem »Studium generale«,
das es an den meisten Hochschulen als Zusatzangebot gibt. Vielen Studierenden bleibt
gar keine Zeit, neben den ganzen Bachelorseminaren auch noch Veranstaltungen zur Verbesserung des Allgemeinwissens zu besuchen. Laut dem Deutschen
Studentenwerk arbeiten die Hochschüler etwa 35 Stunden pro Woche für die Uni. Ich denke,
wenn man sich gut organisiert, bieten sich noch Freiräume. So viele Chancen, etwas zu lernen,
hat man jedenfalls nie wieder im Leben, daher sollten junge Menschen diese auch nutzen. Die
Studenten geben sich also nicht genug Mühe? Ich bin der Meinung, dass man mit
dem richtigen Zeitmanagement vieles schaffen kann. Das habe ich auch als eine meiner Stärken
im Studium entdeckt. Mein Mann und ich haben Mathematik studiert. Es gab das PflichtS. 17
UNI SPIEGEL
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UNI
SPIEGELGespräch
programm und zwölf weitere Vorlesungen, die freiwillig waren. Wir wollten aber alle machen.
Das war dann nicht ganz zu realisieren, aber fast. Heute sind die Vorlesungen allerdings
auch viel voller, es gibt immer mehr Studenten. Manche Politiker sprechen gar
von einem »Akademisierungswahn«. Ich lehne dieses Wort ab. Jeder, der an die Uni
möchte und die realistische Chance hat, das Studium erfolgreich abzuschließen, sollte es auch
versuchen. Das heißt aber nicht, dass man nach dem Abitur automatisch an die Hochschule
muss – die berufliche Ausbildung bietet exzellente Chancen, die oft nicht gesehen werden. Dabei
brauchen wir Menschen, die ein Handwerk lernen oder in die Pflege gehen. Die Balance zwischen
akademischer und dualer Ausbildung ist im Moment nicht mehr gegeben, so würde ich es
formulieren. Der Drang an die Unis hat auch zur Folge, dass es in den Hörsälen
immer enger wird und es zu wenig Lehrpersonal gibt. Bund und Länder haben Milliarden in zusätzliche Plätze investiert – mit dem Hochschulpakt. Schwierig ist die unterschiedliche
Ausstattung zwischen Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, das
stimmt. Der Bund hat den Ländern aber auch da geholfen. Seit diesem Jahr übernehmen wir
die Kosten für das Bafög komplett. Was die Länder dadurch sparen, können sie in die Lehre
oder in neue Gebäude stecken. Sie müssen das jetzt aber auch umsetzen. Wir sind skeptisch,
ob die Hochschüler im Alltag etwas merken von den frei werdenden Mitteln.
Der Bund investiert seit Jahren ja auch lieber viel Geld in die Exzellenzinitiative
als in normale Studierende. Wir haben in Deutschland insgesamt einen sehr hohen Stan-
dard in der Lehre, anders als etwa in den USA, wo es einzelne Spitzenuniversitäten gibt, aber in
der Breite weniger ankommt. Das wollen wir in Deutschland nicht, aber wir brauchen zwingend
auch Eliteförderung, um in der Weltliga mitspielen zu können. Dabei hilft uns die Exzellenzinitiative, die zudem Bewegung in die gesamte Hochschullandschaft gebracht hat. Von unserem
guten Ruf als exzellenter Wissenschaftsstandort profitieren nicht nur wenige, sondern sehr viele
Studierende, davon bin ich überzeugt. Wir lassen gerade wissenschaftlich untersuchen, wie die
positive Wirkung der Exzellenzinitiative noch verstärkt werden kann. Auf die Ergebnisse bin
ich gespannt. Während die Zahl der Studierenden in den vergangenen Jahren
rasant gestiegen ist, wurde der Anteil der Bafög-Empfänger immer kleiner. Das
können wir uns nur so erklären, dass die Hürden zur Unterstützung viel zu hoch
sind. Pauschale Erklärungen greifen meist zu kurz. Jedenfalls
»Uns ere D e mokrat ie
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haben wir das Bafög entscheidend reformiert. Ab nächstem August erhöhen wir die Bedarfssätze und Freibeträge um sieben
Prozent. Dadurch wird die Zahl derer, die antragsberechtigt sind,
enorm erhöht: Wir schätzen, dass dann etwa zusätzlich 100 000
junge Leute Anspruch auf Bafög bekommen. Warum sind Sie
dagegen, dass die Höhe der Bafög-Sätze regelmäßig
an die Lebenshaltungskosten angepasst wird – wie
es beispielsweise bei Hartz IV geschieht? Weil man
dann nicht flexibel auf die Wünsche und Nöte der Hochschüler
reagieren kann. Man muss sich zum Beispiel genau anschauen,
wie sich die Wohnraumsituation für Studierende verändert, ein
Automatismus würde da nicht gut funktionieren. Ich kann Ihnen aber versichern, dass die Entwicklung der Bedarfssätze von 2000 bis 2012 bis auf ein einziges Jahr immer erheblich über der
der Verbraucherpreise lag, sie also nicht zu niedrig berechnet waren. Eigentlich sollten mal
acht Prozent der Studierenden mit dem Deutschlandstipendium gefördert werden. Bisher ist es aber nur gut ein Zehntel davon, also nicht einmal ein Prozent.
Warum ist das Stipendium so unattraktiv für Studenten? Das ist superattraktiv!
Und warum bewerben sich dann so wenige? Das machen doch ganz viele. Aber ich weiß,
was Sie meinen. Immer diese Zahl, diese acht Prozent, die einst als Zielmarke im Gesetz festgeschrieben wurde. Ich habe sie nicht genannt und hielt sie für zu ambitioniert. Unabhängig von
dieser Zahl ist das Deutschlandstipendium aber ganz eindeutig eine Erfolgsgeschichte: Wenn
man sich zum Vergleich die Begabtenförderwerke anguckt, die haben teilweise bis zu 50 Jahre
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UNI
SPIEGELGespräch
Tradition – und fördern alle zusammen rund 26 000 Studenten. Das Deutschlandstipendium
gibt es erst seit drei Jahren, und wir unterstützen schon jetzt mehr als 22 000 junge Menschen.
Dabei finanzieren wir ja nur die Hälfte der 300 Euro im Monat, die der Stipendiat bekommt.
Der Rest kommt von Stiftungen und aus der privaten Wirtschaft, das machte allein 2014 zusammen rund 24 Millionen Euro aus. Mehr als die Hälfte der Nachwuchswissenschaftler
an den Hochschulen haben Arbeitsverträge, die nicht mal ein Jahr gelten. Würden Sie einem Studenten ernsthaft raten, eine Karriere an der Uni anzustreben?
Auf jeden Fall! Auch Ihren eigenen Kindern? Ja. Es stimmt zwar, dass wir einen hohen
Anteil von befristeten Stellen haben. Aber Wissenschaft lebt von jungen Leuten, die temporär
dort arbeiten und neue Ideen mitbringen. Wenn man jetzt alle fest anstellen würde, wären die
Türen für den Nachwuchs über Jahre geschlossen, das wäre ungerecht für die nächste Generation.
Ist es nicht genauso ungerecht, sich von einer Befristung zur nächsten hangeln
zu müssen? Ja, das ist es. Deswegen haben wir jetzt das Wissenschaftszeitvertragsgesetz ge-
ändert. Mitarbeiter, die Daueraufgaben haben, etwa Labortechnik, dürfen keinen Zeitvertrag
mehr bekommen. Und die Befristungszeiten richten sich von nun an nach der Promotionsdauer.
Außerdem haben wir im Gesetz geregelt, dass Frauen, die schwanger werden, ihren Vertrag verlängern können, das gibt mehr Sicherheit. In diesem Sommer sind viele Flüchtlinge
nach Deutschland gekommen. Sie haben kürzlich gesagt: »Integration funktioniert am besten durch Bildung.« Warum erleichtern Sie Ihnen nicht den Zugang
zu den Unis? Das möchten wir. Der Bund kann den Hochschulen die Hoheit darüber allerdings
nicht abnehmen. Die Hochschulen tauschen sich gerade darüber aus, welche Erfahrungen es im
Umgang mit fehlenden Zeugnissen gibt und ob sich einheitliche Regeln aufstellen lassen. Als
Bund werden wir beispielsweise die Gebühren von UniAssist, über das sich Ausländer für ein
Studium in Deutschland bewerben müssen, für alle anerkannten Flüchtlinge übernehmen. Wir
prüfen aber auch weitere Maßnahmen. Die allermeisten Studiengänge werden auf
Deutsch angeboten. Sollte Englisch nicht besser als verbindliche Unterrichtssprache eingeführt werden, damit ausländische Studierende leichter folgen können? Wir haben ganz viele englische Angebote im Masterbereich. Aber Untersuchungen zeigen,
dass Wissenschaftler am kreativsten in ihrer eigenen Sprache denken. Dass wir als deutschsprachiges Land alles auf Englisch umstellen, halte ich deswegen
nicht für richtig. Deutschland ist weltweit das drittbeliebteste
Land für ausländische Studierende, trotz, aber auch wegen der
Sprache. Flüchtlinge sind Bafög-berechtigt – allerdings
müssen sie 15 Monate warten, bevor sie das Geld bekommen. Ist das nicht sehr lang? Bis vor Kurzem lag die
tisiert, dass die Studenten von heute nicht mehr so
politisch sind. Woran machen Sie das fest? Im StudenWanka (Mitte) mit UNI SPIEGEL-Mitarbeiterinnen
Miriam Olbrisch und Ann-Katrin Müller
tensurvey haben wir die Studenten gefragt, ob sie sich für Politik
interessierten. Lediglich 32 Prozent bejahen das. Es ist das niedrigste Ergebnis, das es je gab. Zwei Drittel interessieren sich nicht oder nur wenig, die Beteiligung
an Wahlen für die Studienräte sinkt auch. Dieses große Desinteresse ist besorgniserregend.
Warum? Weil man nach dem Studium nicht in einen luftleeren Raum geht! Wenn man später
ein Unternehmen leitet oder Ingenieur wird, ist nicht nur das Fachwissen gefragt, sondern man
muss Dinge auch politisch einschätzen können. Unsere Demokratie lebt von mündigen Bürgern
– und die Menschen, die studieren, haben gesellschaftliche Verantwortung! Im Oktober
starten wieder Tausende Erstsemesterstudenten an den Unis. Haben Sie einen
Ratschlag für sie? Seid gelassen! Für viele ist es ein Schock, wenn sie neu an die Unis
kommen, weil sie nur wissen, wie Schule funktioniert. Es braucht Zeit, um sich an die neuen
Bedingungen zu gewöhnen. Kommunizieren hilft, auch mit den Professoren. Und: Verkriecht
euch nicht mit euren Sorgen, wenn ihr nicht gleich so gut seid, wie ihr es in der Schule wart.
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FOTO: CHRISTIAN WERNER / UPPERORANGE / UNISPIEGEL
Wartezeit bei vier Jahren, das haben wir schon deutlich verkürzt.
Eine solche Wartezeit halte ich für angemessen. Sie haben kri-
Kein Plan!
Neue Stadt. Neue Leute. Erst BWL. Und jetzt doch Medizin? Mal sehen.
Erst mal mit dem Rucksack nach Kuba. Oder lieber auf den Kilimandscharo?
Ich will alles ausprobieren. Und dazu muss ich gesund sein. Zum
Glück bietet die TK die Kostenübernahme für Reiseimpfungen an.
Gesundheit ist alles. Deshalb die Techniker.
www.tk.de/keinplan
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FOTOS: ROB E RT PI FFE R / ACTION PR ESS (L.); S. 22 V.L.N.R.: WE R N E R SCH Ü R I NG / DE R SPI EG E L; MARTI N Z ITZ LAFF; FE DE R ICO GAM BAR I N I / DPA; FALKE / T&T
Harald Welzer, 57, ist
Professor für Sozialpsychologie und Mitbegründer der Stiftung
Futurzwei: Man sollte
sich neben dem Studium
einen Job suchen, der neue Perspektiven
bringt. Ich selbst habe damals beim
Paketdienst, in Forschungseinrichtungen
und Hörfunkredaktionen gearbeitet,
und der Mehrwert lag weniger im Geld
als in der Erfahrung unterschiedlicher
Welten.
Irina Böck, 23, studiert Wirtschaftsrecht
in Hof: Ich würde jedem
raten, in den ersten Semestern Single zu bleiben und
das Studentenleben ohne
Anhang zu genießen. Macht so viel Party,
wie es geht, und gebt euer Geld nicht nur
für Lehrbücher aus. Die stehen sowieso
meistens in der Bibliothek herum, oder
jemand aus einem höheren Semester ist
froh, wenn er sie für wenig Geld verkaufen kann.
Lukas Oberem, 24, studiert Kunstgeschichte
und Volkswirtschaftslehre in Stuttgart: Man
darf nicht zu verbissen ins
erste Semester gehen und
zu viele Kurse besuchen. Am besten,
man belegt am Anfang nur GrundlagenVorlesungen, aber beschäftigt sich mit
diesen dann umso intensiver. Außerdem
sollte man viel einführende Literatur lesen, denn später im Studium fehlt einem
die Zeit dazu.
Klaus Brinkbäumer,
48, studierte Philosophie, Politik und Psychologie und brach
sein Studium ab.
Er ist seit 1993 beim
SPI EG E L und seit Januar 2015
Chefredakteur: Ich würde raten, einige
Semester im Ausland zu verbringen. Es
war ein Privileg, dass ich dank eines Stipendiums in Santa Barbara, Kalifornien,
studieren konnte, das war eine spektakuläre Zeit. Am wichtigsten ist aber: Such
dir etwas, das du mit Leidenschaft machst
– und dann bleib geduldig und zäh.
Frederik Trapp, 22,
studiert Politik und
Gesellschaft in Bonn:
Mein Tipp fürs Studentenleben lautet: bloß keine
Kurse am Freitagmorgen
belegen! Am Donnerstag ist meist Studententag in den Kneipen, da kann man
gut Party machen.
Ka rol ine He rfu rth ,
31 , wa r bis 20 08 an
de r Ern stBu sc h-S ch au sp iel
sc hu le: Liebe Studie
rende,
lasst
euch auf die Uni-Welt ein
, sperrt Augen und Ohren
auf,
und lenkt euch nicht zu vie
l mit eigenen und andere
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Personalien ab. Wenn ich
mein Schauspielstudium
noch
mal machen könnte, würde
ich zum Beispiel mehr in
klassische Stoffe eintauche
n, würde jeden Sprechun
terricht bis ins Letzte auskos
ten und viiiieeel mehr
üben! Und ich würde me
inen Dozenten mehr auf
die Nerven gehen mit Vorschlägen
für Szenenstudien. Am
liebsten würde ich noch
mal Sprechunterricht bei
meiner
großartigen Sprachlehrer
in Frau Schneider nehme
n.
Svenja Schulze, 47,
studierte Politik und
Germanistik in
Bochum und ist nordrhein-westfälische
Landesministerin für
Innovation, Wissenschaft und Forschung: Weil die Uni im Unterschied
zur Schule am Anfang sehr unübersichtlich ist, empfehle ich jedem, sich frühzeitig innerhalb der Hochschule Netzwerke zu suchen, zum Beispiel in den
Fachschaften. Das ist wichtig, um Gleichgesinnte zu finden. Ich war selbst in
der Studierendenvertretung und habe gelernt, wie man Interessen durchsetzt.
Das hat mir auch für den späteren Beruf
viel gebracht.
Studium nicht wohlfühlt,
sollte sich nicht dazu zwingen – und es im Zweifelsfall abbrechen.
Ich habe während meiner Zeit an
der Hochschule hauptsächlich Pixel am
Rechner hin und her geschoben, für
Kreativität blieb da kaum Platz. Also beendete ich die Sache, fand aber trotzdem
einen Job als Designer und betreibe
nun nebenbei eine Kampfkunstschule.
Jetzt bin ich zufrieden.
Patricia Stolz, 25,
studiert Literatur und
Medien und macht
gerade ein Auslandssemester in Sydney:
Im Studium sollte man
ausgiebig reisen, denn diese Freiheit hat
man im Berufsleben meist nicht mehr.
Ich war während meines Bachelors in
New York, Kopenhagen, Zürich, London,
Barcelona und an vielen anderen Orten
der Welt. Finanziert habe ich das durch
einen Werkstudentenjob. Jetzt verbringe
ich ein Semester an der University of
Sydney und kann sagen: Es lohnt sich.
Michael Tully, 23,
studiert Pharmazie in
München: Ich habe drei
Jahre in einem Wohnheim
am Stadtrand gewohnt,
und da hat es mir nicht besonders gefallen. Seit einem halben Jahr
wohne ich nun in einer WG und bin viel
zufriedener. Ich kann daher nur jedem
raten, das von Anfang an zu tun, denn
das ist der beste Weg, um Leute kennenzulernen. Außerdem bringt es einen
persönlich weiter, weil man sich auch
manchmal mit Konflikten auseinandersetzen muss.
Dieter Nuhr, 54, studierte in Essen
Geschichte und Kunst
auf Lehramt und ist
einer der erfolgreichsten Kabarettisten
Deutschlands: Den Ehrgeizigen sage
ich: Macht auch mal Party. Und den Partymachern sage ich: Studieren erfordert
auch ein bisschen Ehrgeiz. Ansonsten:
Am Ende kann man immer noch Komiker werden. Wenn ich noch mal studieren könnte, würde ich das etwas schneller tun. Wir haben damals mangels
Perspektive langsam gemacht, in der Zeit
würde man heute zwei Studiengänge
absolvieren. Habe ich etwas verpasst?
Nein. Außer dass ich meine Kommilitonin Claudia nicht angebaggert habe.
Alex Siedenbiedel, 39,
studierte BWL in
Münster, spielt Gitarre
bei der Punkrockband
Donots und arbeitet
nebenbei an seiner
Promotion: Zwischen Proberaum,
Tonstudio und Tourneen war mir der
Hörsaal eine hochwillkommene Abwechslung. Das ging aber auch manchmal schief. Einmal bin ich nachts nach
einem Konzert in Stuttgart in den Zug
gestiegen, um morgens um acht Uhr
in Münster eine Klausur zu schreiben.
Ich bin mit Pauken und Trompeten
durchgerasselt. Warum ich das erzähle?
Weil es zeigt, dass man sich nicht zu
viel zumuten und sich bloß nicht von seiner Umgebung irremachen lassen sollte.
Auch wenn es so aussieht, als ob alle
Kommilitonen schlauer und schneller
sind als man selbst – es handelt sich dabei meist nur um eine Täuschung.
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FOTOS: ULLSTEIN BILD; JETTE VOOD; MARC-STEFFEN UNGER; AGENTUR LUX; XIM.GS / IMAGO; HORST GALUSCHKA / INTERTOPICS
Benjamin Sembritzki,
34, studierte Design in
Köln – und brach vorzeitig ab: Wer sich im
Markus Flohr, 34,
studierte Geschichte
und ist Journalist und
Autor. Sein Roman debüt »Alte Sachen«
erscheint im Frühjahr
2016 : Manchmal sollte man im Studium
auch Dinge tun, die einen nerven – es
lohnt sich nämlich. Gegen Ende des
Grundstudiums musste ich ein Seminar
zu Kaiser Augustus belegen. Der Termin
war unmöglich (Montagabend), die
Anforderungen drakonisch (Hausarbeit
bis Weihnachten, niemals fehlen, Latein
können) und das Thema, nun ja, alt. Wir
lasen und übersetzten im Akkord die
lateinischen Quellen; unerschrocken erteilte der Dozent Hausaufgaben. Bis zum
ersten Advent hatte ich zudem drei Augustus-Biografien gelesen. Ende Dezember gab ich erleichtert meine Arbeit ab;
im Januar verteidigte ich sie im Seminar.
Als ich im Februar den Schein bekam,
hatte ich das Gefühl, tatsächlich etwas
gelernt zu haben. Auch über Augustus.
Jana Julia Hübler, 32,
promovierte Rechtsanwältin, studierte Jura
in Köln: Ich kann allen
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verpasst, also da
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wo es angeblich
wird. Das hole
erst interessant
ich nach – als Se
nioren-Gasthör
erin.
Corinne Heuer, 26, studierte Kommunikationswissenschaften in
Bamberg: Ich würde we-
Larissa Zimmermann,
24, studiert
Wirtschaftsingenieur wesen in Stuttgart:
niger in die Mensa gehen.
Die vegetarischen Gerichte,
die es bei uns gab, waren oft Mist. Besser
zwei Euro drauflegen und in ein Mittagsrestaurant gehen – oder selbst kochen.
Unbedingt von zu Hause
ausziehen! Wer selbstständig werden will, schafft das nicht bei
Mama und Papa, sondern braucht eine
eigene Wohnung oder ein WG-Zimmer.
Erstsemesterstudenten
nur Folgendes mit auf den
Weg geben: weniger lernen! Es bringt
nichts, sich stundenlang einzuschließen,
keinen Sport zu machen und Freunde
zu vernachlässigen. Nach mehr als fünf
Stunden Lernen am Stück nimmt die
Effektivität ohnehin ab.
Lencke Steiner, 30,
studierte BWL in Vechta. Sie ist Fraktionsvorsitzende der FDP
Bremen und arbeitet
als Geschäftsführerin
in der von ihren Eltern gegründeten Firma W-Pack Kunststoffe: Ich
war durch mein duales Studium fest
im Unternehmen verankert und hatte
die Chance und Herausforderung einer
Doppelbelastung. Ein Auslandssemester
war mir daher nicht möglich. Heute
wünsche ich mir, ich hätte das gemacht,
und ich kann nur allen Studenten raten,
sich die Zeit dafür zu nehmen. Man sollte nicht nur Fachkompetenz anhäufen,
sondern offen sein für Erfahrungen,
die nicht direkt etwas mit dem Studium
zu tun haben.
D e r B ot s chaf te r
D euts ch l ands har t näck igster S chu l ve r weigerer hat das Abitur ge s chaf f t. Jetzt mö chte
Mor itz Ne ubronner studieren – u nd neb enb ei
das Bi ldungssystem veränder n.
von JONAS LEPPIN
FOTO: FRANZISKA VON DEN DRIESCH / UNISPIEGEL
W
enn Moritz Neubronner seine Geschichte erzählt, »Das findet man zwei Wochen cool, wohnen will man da aber
stellen die Menschen ihm meist die ewig gleichen
nicht.«
Fragen. »Ist das in Deutschland überhaupt mögNeubronner unterrichtete sich wieder zu Hause, und nach
lich?«, zum Beispiel. Oder: »Hast du Freunde?«
dem Abschluss zur mittleren Reife entschied er, außerhalb der
Die erste Frage lässt sich schnell beantworten, denn NeubronSchule auch noch sein Abi zu machen. Da er keine Leistungsner, 18 Jahre alt, bestand im Mai seine Abiturprüfung – mit
kurse vorweisen konnte, musste er vier schriftliche und vier
einem Stempel der Schulbehörde und einem Notendurchmündliche Prüfungen ablegen. Hatte er vorher relativ unstrukschnitt von 2,5. »Ich war extrem aufgeregt«, sagt er, »und ich
turiert gelernt, musste er sich nun jeden Tag an den Schreibbin froh, dass es vorbei ist.«
tisch setzen. Er nutzte dafür fast ausschließlich Bücher aus der
Es ist Ende August, der hartnäckigste Schulverweigerer der
Stadtbibliothek und Erklärvideos im Internet. Für Spanisch hatRepublik sitzt in einem Lokal in Bremen, vor sich eine Dose
te er einige Stunden einen Nachhilfelehrer. »Mit meinen Eltern
Red Bull und ein Schnitzel. Es ist eine Art Bilanzgespräch.
habe ich dann vorher eine mündliche Prüfungssituation simuDarüber, wie er sich am Ende gegen alle Zweifler durchsetzte –
liert und auch geübt, längere Texte am Stück zu schreiben.«
und bewies, dass man keine Schule besuchen muss, um Wissen
Neubronner spürte Druck: »Oft waren die Erwartungen an
anzuhäufen und Freunde zu finden.
mich als Homeschooler völlig überzogen. Ich hatte den EinNeubronner war in der zweiten Klasse, als er beschloss, ab
druck, ich müsste besser sein als der Rest.« Es sei gut gewesen
dem nächsten Tag zu Hause zu bleiben. Ihn störte der Lärm im zu merken, dass man kein Genie sein müsse, um es trotzdem
Klassenzimmer und auf dem Pausenhof, er bekam Bauchzu schaffen. Er sagt: »Es reicht, am Tag ein paar Momente zu
schmerzen davon. Seine Eltern taten etwas Ungewöhnliches:
haben, an denen man konzentriert lernt.«
Sie akzeptierten den Wunsch und begannen, Moritz und später
Spricht man mit Moritz’ Mutter, dann wirkt diese erleichauch seinen Bruder Thomas daheim zu unterrichten. Für
tert: »Ich wusste damals, wenn wir das durchziehen, kommen
dieses Recht zogen sie bis vor den Europäischen Gerichtshof.
harte Jahre.« Zu Beginn schickten aufgeregte Eltern ihr noch
So wurden die Mitglieder der Familie Neubronner zu Symbolwütende Briefe. »In zehn Jahren werden Sie und Ihre Söhne
figuren der deutschen Homeschooling-Bewegung.
diese Entscheidung bereuen«, stand zum Beispiel darin.
Im Gegensatz zu vielen anderen hatten die Neubronners
Es ist anders gekommen. »Heute fühlt es sich so an, als habe
keine religiösen Motive. Es ging ihnen nie darum, ihre Kinder
ich beim Thema Homeschooling den Staffelstab an Moritz
von der Evolutionstheorie oder dem Sexualkundeunterricht
weitergegeben.«
fernzuhalten. Der Vater argumentierte, die »SchulbesuchsTatsächlich ist Neubronner zu einem smarten Botschafter
pflicht« müsse überwunden werden, weil sie das Recht auf Frei- der Homeschooling-Bewegung geworden. Auch, weil er es anzügigkeit verletze. Nach einer Niederlage vor dem Gerichtshof
scheinend mühelos zum Abitur schaffte. Neubronner ist schlau,
und der Androhung von Zwangsgeldern meldete er einen zwei- nicht missionarisch, und er weiß sich gut zu verkaufen.
ten Wohnsitz in Frankreich an, wo Homeschooling erlaubt ist.
Man kann das auch daran beobachten, wie seine Sprache
Die ersten Jahre hätten sie zu Hause noch Schule nachgesich in den vergangenen Jahren verändert hat. Seine Sätze sind
spielt, sagt Neubronner. Mit einem Stundenplan, Arbeitsblätklar, fast druckreif geworden. Fragt man ihn nach einem Intertern, Pausen. Aber je länger er zu Hause lernte, desto mehr ent- view, dann antwortet er: »Das macht Sinn. Der UNI SPIEGEL
fernte er sich von diesem System. Relativ schnell begann Neuhat eine Zielgruppe, die das interessieren könnte.« Neubronner
bronner, sich selbst zu strukturieren: »Ich war viel unterwegs,
sagt nicht: Das Konzept des Lernens zu Hause ist das beste.
habe etwas mit Freunden unternommen, Kung-Fu gelernt. Und Er sagt: »Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass es eine
ich habe oft ausgeschlafen«, sagt er. Trotzdem machte er in
super Alternative ist.« Und: »Ich will nicht ständig Argumente
Baden-Württemberg einen externen Hauptschulabschluss.
suchen, weshalb man nicht zur Schule muss. Man sollte mir
Note: 1,4. »Das war ein wichtiger Schritt. Ich konnte nachweibesser einen Grund nennen, warum ich nicht auch zu Hause
sen, dass mein Weg nicht vollkommener Unsinn war«, sagt er.
wie in der Schule lernen kann.«
Mit 16 Jahren sah es kurz so aus, als würde Neubronner
Im Frühling will Neubronner erst mal für ein halbes Jahr
doch wieder in die Schule gehen. Für ein halbes Jahr besuchte
nach Kanada reisen, sein Englisch verbessern und etwas sehen
er die 10. Klasse der Oberschule Lesum in Bremen. »Das war
von der Welt. Bis dahin werde er jobben und überlegen, weleine Phase, in der ich gezweifelt habe.« Neubronner wollte kein ches Fach er studieren soll.
Fragt man ihn, ob er auch schon einmal gescheitert sei, beschräger Vogel werden. Er hatte durch den Sport genügend
richtet er von seiner ersten Fahrprüfung: »Da bin ich durchgefalsoziale Kontakte, aber er wollte wissen, ob er auch in einer
Klassengemeinschaft funktioniert. »Ich habe dort viele Freunde len.« Es sei neblig gewesen damals, und Menschen, die in dunkler
Jacke über die Straße rannten, hätten ihn so verwirrt,
gefunden. Aber man lernt in der Schule nicht zwangsS. 27
dass der Fahrlehrer die Prüfung kurz darauf abgebrochen
läufig Sozialkompetenz, dafür habe ich viele Beispiele
UNI SPIEGEL habe. Später stellte sich heraus: Es waren Kinder, die
gesehen«, sagt Neubronner. Insgesamt sei sein Gast5 /2015
ihn abgelenkt hatten. Sie waren unterwegs zur Schule.
spiel in der Schule wie ein Urlaub in der Ferne gewesen:
Die
letzte
Opposition
Thailands
Militärregierung
marschiert
stramm in
Richtung
D i k t a t u r .
Nu r e i n i g e S t u d e nt e n b e g e h r e n
n o c h au f – u n d
riskieren
damit
eine
Ha f t
im
Horrorknast.
von
FREDERIC
SPOHR
S. 29
UNI SPIEGEL
5 /2015
Aktivistinnen bei
einer Demo gegen
die Junta
S. 30
UNI SPIEGEL
5 /2015
E
s ist schon weit nach Mitternacht, als Chonthicha
Jangrew vor dem Militärrichter steht. Sie ist ein zierliches Mädchen, gerade mal 1,60 Meter groß und nur
40 Kilogramm schwer. Die Häftlingsklamotten, die sie
wenige Stunden zuvor anziehen sollte, sind ihr viel zu weit: Immer
wieder muss sie ihren Rock hochziehen, damit er nicht zu Boden
fällt.
Chonthicha, eine 22-jährige Studentin mit Piepsstimme, soll
das thailändische Volk gegen die Regierung aufgehetzt haben.
Nun muss der Richter während einer ersten Anhörung entscheiden, was mit ihr und 13 Freunden, die ebenfalls am Nachmittag
festgenommen wurden, passieren wird. »Dieses Verfahren ist
nicht rechtmäßig«, ruft Chonthichas Freund Rome in den Saal.
Er begründet das 15 Minuten lang, doch es nützt nichts: Die jungen Akademiker werden bis auf Weiteres in Untersuchungshaft
geschickt, der Beginn der Hauptverhandlung werde ihnen bald
mitgeteilt, heißt es.
Thailand war in den vergangenen Jahren vom Kampf zweier
Lager geprägt. Auf der einen Seite standen die Anhänger des ehemaligen Premierministers Thaksin Shinawatra, die sogenannten
Rothemden – auf der anderen Seite deren Gegner, die Gelbhemden. Im Mai 2014 schaltete sich das Militär ein, jagte die Regierung von Thaksins Schwester Yingluck aus dem Amt und installierte selbst eine Regierung. Erst atmeten viele Thais auf, doch
seit der Machtübernahme der Generäle verabschiedet sich der
Staat immer weiter von der Demokratie: Versammlungen wurden
verboten, die Presse überwacht, versprochene Neuwahlen immer
wieder verschoben. Kaum einer traut sich noch, dagegen zu
demonstrieren – eine Ausnahme sind Thailands Studenten, die
überall im Land gegen die Machthaber aufbegehren.
Bevor Chonthichas Gruppe festgenommen wurde, hatte sie
vor Polizeiwachen protestiert, Pamphlete veröffentlicht und
Flashmobs organisiert, um die Politik der Junta anzuprangern.
Mit zwei großen Demonstrationen überspannten sie den Bogen
nach Ansicht der Machthaber: Polizisten lösten die Proteste mit
Gewalt auf – und nahmen die Studenten kurz darauf fest.
In ihrer ersten Nacht im Gefängnis muss Chonthicha auf
dem Boden schlafen. Ihr Rücken schmerzt, ein Polizist hatte während einer Demonstration an ihr gezerrt und den Rücken verletzt.
Sie wird in ein Militärkrankenhaus verlegt und dort direkt neben
hochansteckenden Tuberkulosepatienten behandelt.
Den Jungs der Gruppe geht es nicht besser. Mit mehr als
20 weiteren Insassen teilen sie sich die Zelle. Ein Loch im Boden
ist das Klo. Wer mal muss, hat immer Zuschauer. Die Mitgefangenen sind Vergewaltiger und Mörder. Was habt ihr denn angestellt, fragen die Schwerverbrecher. »Wir haben nur Plakate gemalt
und hochgehalten«, antworten die Studenten.
Während die Gruppe um Chonthicha in Haft ist, formiert
sich draußen der Widerstand: Die EU nennt die Festnahme der
Studenten »beunruhigend«, die Vereinten Nationen schalten sich
ein. Immer wieder ziehen Bürger und Hochschüler aus dem
ganzen Land vor das Gefängnis und fordern die Freilassung der
14 Aktivisten.
Nach knapp zwei Wochen kommen sie tatsächlich aus der
Untersuchungshaft frei – und verlassen das Gefängnis als
kleine Volkshelden. Doch die Anklage bleibt vorerst bestehen –
der Prozess vor dem Militärgericht könne jederzeit beginnen,
heißt es.
Einige Monate später sitzt Chonthicha in einer kleinen Bar,
ganz in der Nähe der Khaosan Road, der weltweit vielleicht
berühmtesten Partymeile für Rucksacktouristen. Bisher hat es
keinen Prozess gegeben, aber Chonthicha befürchtet, dass er bald
anberaumt wird. Infolge der Verletzung durch den Polizisten
FOTOS SEITE 28/29: DAMIR SAGOLJ / REUTERS; GETTY IMAGES NEWS (O.)
Thailändische Soldaten: »Es geht dem Militär
nicht um Demokratie«
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1 Zukunft
S. 32
UNI SPIEGEL
5 /2015
hinkt sie wie eine alte Frau, die eine neue Hüfte braucht. Regelmäßig geht sie zur Physiotherapie.
Ob es das wert war? Chonthicha überlegt nicht lange. »Irgendjemand muss diese Gesellschaft ja wachrütteln«, sagt sie und
schimpft über den strengen Gehorsam der Thais gegenüber der
Elite und die permanente Entmündigung der Bevölkerung. Das
Mädchen, das auf Facebook gern Bilder von knutschenden Pärchen postet, ballt seine Fäuste. Chonthicha sagt, dass sie »niemals«
aufgeben werde.
Wegen ihres politischen Engagements geriet sie auch mit
ihrem Vater aneinander, einem Soldaten, der sogar in der Freizeit
Uniform trägt. Schon immer wollte sie sich von ihm abgrenzen:
Anstatt Krankenschwester zu werden, wie er es wünschte, studierte sie Geschichte und lernte bei liberalen Dozenten Theorien,
von denen er nichts hören will.
Mittlerweile ist Chonthicha von zu Hause ausgezogen. »Es
würde sonst nur noch Streit geben«, sagt sie. Als sie aus dem Gefängnis kommt, feiert nur ihr Opa mit ihr, ein alter Kommunist.
Mit der Studentenbewegung hat Chonthicha eine neue Familie.
Es ist eine bunte Truppe, die da gegen die Militärherrschaft kämpft:
Engagierte Jurastudenten, verträumte Idealisten und Aussteigertypen haben sich ihr angeschlossen. Auch ihre politischen Überzeugungen sind unterschiedlich: Manche bezeichnen sich als Sozialisten, andere haben nichts gegen den Kapitalismus. Auf eines können
sich aber alle einigen: Thailand braucht faire und freie Wahlen.
Ein Hauptquartier der Studentenbewegung liegt nicht weit
von der Universität Khon Kaen entfernt. Hier, etwa 400 Kilometer
nordöstlich von Bangkok, wohnen die »Dao Din«, was so viel
heißt wie »Sterne auf der Erde«. Das Grundstück sieht aus wie
eine Bauwagensiedlung. Im Garten sind Sitzecken und Bühnen
für Diskussionen aufgebaut.
Das Terrain der Kommune ist zu einem kleinen Zentrum
der politischen Debatte in Thailand geworden. »Die Studenten
mögen wenig Macht und kaum politische Verbündete haben«, sagt
Janjira Sombutpoonsiri, Politikwissenschaftlerin an der ThammasatUniversität in Bangkok. »Aber sie haben durchaus Einfluss auf die
politische Diskussion im Land.« Ihr Mut habe ihnen auch bei
konservativen Bürgern große Anerkennung eingebracht.
Sogar eine EU-Diplomatin hat die Kommunarden schon auf
ihrem Grundstück besucht, um mit ihnen zu diskutieren. An diesem Nachmittag kommen zwei thailändische Journalisten, sie
wollen die Meinung der Gruppe zum aktuellen Verfassungsentwurf hören. »Es geht dem Militär nicht um Demokratie, sondern
nur darum, seine Macht zu zementieren«, sagt der 24-jährige
Jatupat Boonpattararaksa den Redakteuren. So offen sagen derzeit
nur wenige ihre Meinung in Thailand.
»Die Junta hat gemerkt, dass sie gegen die Studenten nicht
gewinnt, indem sie sie wegsperrt«, sagt die »Dao Din«-Anwältin
Yaowalak Anupan. »Dann gibt es Proteste, und die jungen Leute
werden noch wichtiger.« Trotzdem hat sie Angst, dass einer ihrer
Schützlinge eines Tages zu weit geht und die Herrschenden zu
sehr provoziert. »Ich muss sie immer wieder warnen. Sie sind zu
mutig, das ist gefährlich.«
Dass die Militärregierung bereit ist, das Leben junger
Leute zu zerstören, hat sie gezeigt. Zwei Aktivisten sind im Frühjahr zu einer Haftstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt worden,
weil sie mit einer Aufführung den König beleidigt haben sollen –
ein schweres Vergehen in Thailand. Chonthicha und ihre Freunde
wollen trotzdem nicht aufgeben. »Ich weiß, dass ich vielleicht irgendwann wieder hinter Gitter muss und dass es furchtbar werden
würde«, sagt die junge Frau. »Aber ich weiß jetzt, dass ich es aushalten kann.«
FOTO: JACK KURTZ / PICTURE ALLIANCE / ZUMAPRESS.COM / DPA
Demonstranten mit Bildern von Chonthicha Jangrew (oben links)
und Mitstreitern: »Sie sind zu mutig«
ANZEIGEN-SONDERVERÖFFENTLICHUNG
DIE CHEFS
VON MORGEN
Absolventen eines Traineeprogramms winken beste
Karrierechancen. Warum man die Weichen frühzeitig
stellen sollte, was ein gutes Programm auszeichnet
und welche Fallstricke Einsteiger umgehen können.
T
TRAINEE
YOUR WA
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Y
INHALT
Den Einstieg als Trainee
frühzeitig planen
Woran Bewerber ein gutes
Traineeprogramm erkennen
Von Fettnäpfchen, die
man meiden sollte
ANZEIGEN-SONDERVERÖFFENTLICHUNG
Praktikantin: Frühzeitige
Kontakte zu Unternehmen
verbessern die Chancen
auf die Teilnahme an einem
Traineeprogramm
AUF DIE POLEPOSITION
Als Trainee bei einem Unternehmen den ersten Karriereschritt wagen – davon träumen
mehrere Tausend Universitätsabsolventen. Doch zuvor gilt es, einige schwierige Hürden
zu nehmen. Wie Anwärter sich in eine gute Startposition bringen.
einah die Hälfte aller Hochschulabsolventen würde sich eher für ein Traineeprogramm als für den
Direkteinstieg ins Berufsleben entscheiden. Das
ist ein Ergebnis der „Absolventenstudie 2014/15“
der Unternehmensberatung Kienbaum. Doch die
Traineeplätze sind heiß begehrt, schließlich sollen sie auf
eine Position im gehobenen Management vorbereiten.
Wer allerdings erst etwas ausprobieren oder sich noch
nicht festlegen möchte, könnte für ein Traineeprogramm
zu spät dran sein. Denn denken Interessierte erst nach
dem Bachelor oder Master über die Bewerbung für ein
Traineeprogramm nach, laufen sie anderen Absolventen
mitunter hinterher. „Geschätzt 80 Prozent aller Traineeplätze werden an den Bewerbungsverfahren vorbei vergeben“, sagt Jürgen Hesse, Gründer des Büros für Berufsstrategie in Berlin. Zusammen mit Co-Autor Christian
Schrader hat er rund 200 Bewerbungsratgeber verfasst.
B
„Die Stellen werden besetzt mit Absolventen, die vor ihrem
Abschluss ein Praktikum im Unternehmen absolviert oder
dort ihre Bachelorarbeit geschrieben haben“, so Hesse.
Wer so die ersten Kontakte knüpft und diese weiter pflegt,
hat die besten Chan„Hobbys, die auf konkrete cen auf einen Platz im
Traineeprogramm.
Persönlichkeitsmerkmale
Bernd Schmitz, der
bei Bayer die Markeschließen lassen,
tingaktivitäten für
kommen in Bewerbungen die Personalbeschaffung leitet, kann das
besonders gut an.“
nur zum Teil bestätiJürgen Hesse, Bewerbungscoach
gen: „Praktische Erfahrungen bewerten
wir sehr hoch. Auch wenn jemand diese etwa bei der
Konkurrenz gemacht hat. Doch für ein Traineeprogramm
ANZEIGEN-SONDERVERÖFFENTLICHUNG
müssen sich alle auf dem gleichen Weg bewerben, bei
anderen Unternehmen ist das möglicherweise anders.“
(Siehe Interview nächste Seite.)
werbungscoach Hesse. Die Mitgliedschaft in einem Sportverein etwa belegt Kontaktfreudigkeit und Teamfähigkeit.
Musiker verfügen oft auch über Durchhaltevermögen,
Disziplin und vielleicht gute Umgangsformen.
ES ZÄHLEN DIE INHALTE
Wer bei Studienabschluss noch keinen Traineevertrag in
der Tasche hat, braucht deshalb also nicht zu verzagen.
Die Chance, auf dem üblichen Weg mit einer schriftlichen
Bewerbung an einen Platz zu kommen, besteht weiterhin,
wenn man einiges beachtet. „Bei Bewerbungen ändert
sich die Mode ungefähr alle zwei Jahre“, sagt Hesse. Vor
Kurzem noch galt die online verschickte Bewerbung als
das Nonplusultra. „Heute setzen Unternehmen moderne
Analyseprogramme ein, bei denen die Kandidaten 20 bis
30 Fragen beantworten müssen.“
So werden schon im Vorwege Bewerber aussortiert, die
beispielsweise zu alt sind oder deren Studium zu lange
gedauert hat. In die engere Wahl kommen jene Bewerbungen, die möglichst viele Begriffe aus der Stellenbeschreibung enthalten – diese werden dann persönlich
gesichtet. „Die Möglichkeit, durch individuelle Gestaltung
aufzufallen, haben Bewerber heute immer weniger“, erklärt Hesse, es zählten allein Inhalte.
Mit einem sehr guten Abschlusszeugnis allein kann sich
niemand mehr hervortun, das wird vorausgesetzt. „Was
dagegen immer positiv auffällt, sind Hobbys, die auf besondere Persönlichkeitsmerkmale schließen lassen“, sagt Be-
„In meiner HARIBO-Bettwäsche
habe ich nicht nur als Kind am
liebsten geschlafen. Als ich für
mein Trainee-Programm nach Bonn
gezogen bin, war eines klar: Die
Bettwäsche kommt mit.“
Vanessa Mohr
Junior- Controllerin
Ehem. Trainee Finanzen
SEINE POSITIVEN EIGENSCHAFTEN KENNEN
Auf die sogenannten Soft Skills, also soziale Kompetenzen,
werden die Bewerber auch in Assessment-Centern getestet. Diese dauern zumeist etwa zwei bis sechs Stunden,
allein das Auswärtige Amt braucht mehrere Tage, um zukünftige Diplomaten auf Herz und Nieren zu prüfen. „Es
ist wichtig, dass die Kandidaten keine Angst davor haben,
sondern sich wirklich vorbereiten“, so der Bewerbungstrainer. Wer nicht gern vor mehreren Leuten spricht, kann
dies zum Beispiel im Rollenspiel mit Freunden oder vor
einer Kamera üben.
Außerdem ist es hilfreich, sein Profil zu kennen und zu
wissen, mit welchen positiven Fähigkeiten man sich präsentieren möchte. „Wenn nach einer Übung negatives
Feedback gegeben wird, wollen die Personaler vor allem
herausfinden, wie man mit Kritik umgeht. Wer dann nicht
souverän reagiert, hat schnell verloren“, sagt Hesse.
Am Ende komme es weniger auf ein scharfes Profil des
Bewerbers an, als vielmehr auf seine Anpassungsfähigkeit.
Wenn er gut ins Unternehmen passt, mit seiner Motivation überzeugen kann und die Leistungen bisher stimmten,
ist er bei der Auswahl in der Poleposition.
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INTERVIEW
Lieber selbstreflektiert
als unauthentisch
Bernd Schmitz, Leiter Personalmarketing bei der Bayer
AG, über wichtige Soft Skills von Bewerbern – und warum
die Bereitschaft zu Veränderung am wichtigsten ist.
Herr Schmitz, wie fällt man mit seiner Bewerbung
für ein Traineeprogramm bei Bayer positiv auf?
Wer sich nach der Devise „keep it short and simple“ auf
das Wesentliche beschränkt und schnell zum Punkt
kommt, macht vieles richtig. Der Lebenslauf sollte keine
Fragen aufwerfen – nachfragen kostet Zeit, und daran
fehlt es oft. Zudem erfahren wir gern schon etwas über
die Persönlichkeit des Bewerbers. Es kann nicht schaden,
im Anschreiben die eigene Motivation für ein Traineeprogramm darzulegen. Wer angibt, bereits ein Praktikum
bei uns gemacht zu haben, hat gute Karten. Allerdings
müssen sich ehemalige Praktikanten genauso offi ziell
bewerben wie alle anderen auch.
Im Assessment-Center geht es vor allem um die Persönlichkeit. Welche Eigenschaften sollte man unbedingt mitbringen?
Die Bewerber sollten gern mit anderen zusammenarbeiten, auch in einem interkulturellen Team. Wenn sie schon
Erfahrungen in anderen Kulturen gemacht haben – umso
besser. Unsere Trainees arbeiten mit Kollegen aus aller
Welt zusammen. Die interne Geschäftssprache ist Eng-
lisch, gute Sprachkenntnisse sind also notwendig. Außerdem sollten die Bewerber ergebnisorientiert, eigenverantwortlich und flexibel arbeiten. Großen Wert legen
wir auf die Bereitschaft zu Veränderung. Unsere Mitarbeiter sollen schließlich Ideen für Verbesserungsmöglichkeiten entwickeln. Schön ist, wenn wir das Potenzial sehen, Führungsverantwortung zu übernehmen.
Geschieht es häufig, dass Bewerber sich Eigenschaften zuschreiben, die sie eigentlich nicht haben?
Es kommt vor, dass Bewerber sich offenbar selbst nicht
gut kennen. Auf die Frage „Worin siehst du dein höchstes
Verbesserungspotenzial?“ fällt vielen nur wenig ein.
Früher war das die Frage nach den persönlichen Schwächen. Es ist legitim, seine Stärken zu betonen. Uns ist
aber jemand, der sich selbst reflektiert, viel sympathischer als jemand, der unauthentisch ist. Es geht um das
Potenzial, das sich auch mithilfe unseres Entwicklungsprogramms entfalten soll.
Sie erwarten von den zukünftigen Trainees also,
dass sie sich später noch weiterentwickeln?
Auf jeden Fall, kein Mensch ist perfekt. Jeder entwickelt
sich weiter, wie das Unternehmen auch.
Es geht uns bei der Auswahl der richtigen Leute nicht nur um ein zweijähriges Ausbildungsprogramm.
Idealerweise planen die Trainees bei
uns ihre weiteren Karriereschritte,
und es entsteht daraus ein
langfristiges Engagement.
Bernd Schmitz:
Er leitet die Marketingaktivitäten für die Personalbeschaffung von Bayer
So klappts mit der Traineestelle!
Die Picht
Die Kür
Um einen Platz in einem Traineeprogramm zu ergattern, müssen
bestimmte Grundvoraussetzungen erfüllt sein. Zu den allgemeingültigen Anforderungen, den sogenannten Hard Skills, zählen:
Auch besondere Fähigkeiten und Qualifikationen jenseits der
fachlichen Expertise stehen bei Unternehmen hoch im Kurs und
können bei der Kandidatenauswahl entscheidend sein. Zu einem
überzeugenden Set an Soft Skills gehören unter anderem:
Bewerber müssen ein Hochschul- oder Fachhochschulstudium absolviert haben. Besonders hilfreich ist es,
wenn die Abschlussnote überdurchschnittlich ist.
Ob Betriebs-, Geistes- oder Rechtswissenschaften –
der inhaltliche Schwerpunkt des Studiums sollte fachlich
zum ausgewählten Traineeprogramm passen.
Mindestens eine Fremdsprache sollten Bewerber fließend
sprechen. Diese Fähigkeit zählt mittlerweile zum
Standard, da immer mehr Traineeprogramme für die
Ausbildung künftiger Führungskräfte auch Stationen im
Ausland vorsehen.
Auslandserfahrung, sei es im Rahmen des Studiums oder
aber in Form von Praktika, gewinnt zunehmend an Bedeutung.
Damit signalisieren Bewerber interkulturelle Kompetenzen.
Mehrere erfolgreich absolvierte Praktika zeigen, dass sich
das Hintergrundwissen angehender Trainees über die jeweilige
Branche nicht nur auf die Theorie beschränkt.
Besonders gute Chancen haben Kandidaten mit Branchenkontakten. Denn manche Traineestellen werden nur
unternehmensintern ausgeschrieben. Bewerber, die sich schon
während des Studiums exzellent vernetzen, haben hier Vorteile.
Wie könnten Sie Ihrer Karriere Flügel verleihen?
Wenn Sie sich den großen Herausforderungen der Welt stellen
Indem Sie dabei helfen, Satelliten ins All zu schicken
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wir komplexe Herausforderungen aus allen Bereichen der Wirtschaft und Gesellschaft
meistern, von Großbauprojekten über den Klimawandel bis hin zur Raumfahrt.
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DIE RICHTIGE WAHL
Traineestellen werden immer beliebter. Doch woran erkennen Bewerber ein qualitativ gutes
Programm? Betreuung durch einen Mentor und eine angemessene Bezahlung liefern erste
Anhaltspunkte – darüber hinaus sollten Trainees die einzelnen Stationen sinnvoll planen.
programm bietet ein solides Fundament aus fachlichen,
methodischen und sozialen Kompetenzen, im Munich Re
International Graduate Trainee Programme gepaart mit
vielen internationalen Stationen. Der Trainee lernt in der
Praxis ein Unternehmen in einer Breite kennen, die es
ihm ermöglicht, die Herausforderungen seiner Branche
zu meistern.“
EIN TRAINEE IST KEIN PRAKTIKANT
Sorgfältige Suche:
Kandidaten für Traineestellen
sollten sich ihre Ziele und
Wünsche bewusst machen
erantwortungsvolle Aufgaben, flache Hierarchien,
spannende Herausforderungen – wer wünscht
sich das nicht von seinem Traineeprogramm?
Doch hinter diesen gängigen Floskeln aus Stellenausschreibungen kann sich vieles verbergen. Einheitliche Standards für Traineeships gibt es nicht. Bewerber sollten sich deshalb nicht von schönen Formulierungen
blenden lassen, sondern sich ausführlich über die Inhalte
und die Organisation des Programms informieren.
V
AUF DIE INNEREN WERTE KOMMT ES AN
Ein Traineeprogramm schlägt eine Brücke von der Theorie aus dem Studium zur praktischen Tätigkeit im Unternehmen. Dabei durchläuft der Berufseinsteiger verschiedene Stationen, die für seine spätere Position relevant
sind. Der Trainee sollte dabei aber nicht auf sich allein
gestellt sein, sondern einen Mentor an seiner Seite haben,
der ihm regelmäßig Feedback gibt. Für 46 Prozent der
Bewerber ist die persönliche Betreuung sogar der ausschlaggebende Faktor bei der Entscheidung für eine Traineestelle. Das hat eine Umfrage der Personalberatung
Kienbaum ergeben (siehe rechts). Wichtig sind vielen
außerdem die inhaltliche Vielfalt des Programms, gezielte
Personalentwicklungsmaßnahmen, Auslandsaufenthalte
und die Vermittlung von Fachwissen.
Maximilian Schumacher, Consultant Talent Management bei Munich Re, fasst zusammen: „Ein gutes Trainee-
So wie es keinen Standard für die Inhalte gibt, so ist auch
der Zeitrahmen nicht festgelegt. Die gesetzliche Krankenkasse Barmer bietet ein zwölfmonatiges Programm für
den Bereich IT an. Bei den Maltesern dauert ein solches
im Non-Profit-Management 18 Monate. Und beim Chemiekonzern Beiersdorf werden Trainees 18 bis 24 Monate im
Controlling geschult.
Wichtig ist für Berufsanfänger auch die Bezahlung. Ein
Trainee verdient weniger als ein Direkteinsteiger, aber
wesentlich mehr als ein Praktikant. Wie viel genau, hängt
von Branche und Unternehmensgröße ab. Der Gehaltsreport der Vergütungsberatung Personalmarkt zeigt: Einsteiger in kleinen Unternehmen erhalten im Schnitt 32 500
Euro jährlich. Firmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern
zahlen durchschnittlich 43 300 Euro. Von den Branchen
schneidet der öffentliche Dienst am schlechtesten ab mit
mittleren Jahresgehältern unter 35 000 Euro. Am besten
verdienen Trainees bei Banken und Industrie: Dort sind
mehr als 45 000 Euro Gehalt drin.
Was ist Ihnen bei der Entscheidung für ein
Traineeprogramm wichtig?
Diese Frage stellte die Personalberatung Kienbaum im
November 2014 im Rahmen einer Studie 582 Studierenden.
Das Ergebnis: Eine gute Betreuung hat für viele Priorität.
46 %
Persönliche Betreuung
38 %
Inhaltliche Vielfalt des Programms
36 %
Gezielte Personalentwicklungsmaßnahmen
35 %
Auslandsaufenthalte
29 %
Vermittlung von Fachwissen
Quelle: Kienbaum, Absolventenstudie 2014/15
www.volkswagen-karriere.de
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ABSOLUTE BEGINNER
Nach dem erfolgreichen Auswahlverfahren weicht die Freude oft dem Lampenfieber:
Was, wenn gleich am Anfang etwas schiefgeht? Der erste Eindruck, den Vorgesetzte
und Kollegen vom neuen Mitarbeiter bekommen, ist nicht zu unterschätzen.
Fotos: iStock.com (7), PR (1)
er Schritt von der Uni ins Berufsleben ist nicht immer
einfach. Da Trainees in der
Regel verschiedene Abteilungen innerhalb eines Unternehmens durchlaufen, müssen sie
sich mit wechselnden neuen Vorgesetzten und Kollegen auseinandersetzen, sich immer wieder in Fachbereiche einarbeiten und am Ende jeder
Station mit Feedback umgehen. Viele
sind sich jedoch der Bedeutung einer
reibungslosen Anfangsphase nicht
bewusst. Dabei ist sie entscheidend
für einen erfolgreichen Start. Mit diesen Tipps vermeiden Einsteiger Pannen und punkten im neuen Job.
D
Die Zeit im Blick haben: Zu spät
kommen am ersten Arbeitstag ist
peinlich. Ein Zeitpuffer für mögliche Staus oder Zugausfälle hat
deshalb oberste Priorität. Und: Ist
man dennoch nicht pünktlich,
sollte unbedingt der Fachbetreuer
angerufen werden.
Dresscode beachten: Eine dezente Kleidung zu Beginn hinterlässt einen seriösen Eindruck. Auch in
Branchen mit eher lockerer Kleiderordnung ist es für
Einsteiger ratsam, die Garderobe lieber etwas zu förmlich anstatt zu leger zu wählen.
Gut vorbereitet sein: Um im Gedächtnis zu bleiben,
empfiehlt es sich für Neueinsteiger, in den Vorstellungsrunden drei Fragen zu beantworten: „Wer bin ich? Was
kann ich? Was will ich?“ Hilfreich ist es außerdem, sich
bei Meetings und während der Rundgänge durch die
Abteilungen relevante Informationen und Namen der
Kollegen zu notieren.
Sich selbst einbringen: Am ersten Tag in der neuen
Abteilung kann es zu Leerlauf kommen, etwa weil das
Passwort für den Computer fehlt oder man noch nicht
in Arbeitsabläufe integriert ist. Fühlen sich Trainees
allein gelassen, sollten sie aktiv nach Aufgaben fragen.
Interessiert, aber zurückhaltend sein: Als Einsteiger
sollte man unverfänglich bleiben und sich bei Lästereien
und Zickereien neutral zeigen. Besonders in der ersten
Zeit ist es wichtig, Arbeitsabläufe und den Umgang der
Kollegen untereinander aufmerksam zu beobachten,
um sich schnell im Unternehmen zurechtzufinden. Fragen zur Firma zeigen Interesse am Arbeitgeber.
Stark im Team:
Trainees durchlaufen
verschiedene
Stationen und
haben mit vielen
Kollegen zu tun
Mit Fingerspitzengefühl: Selbstdarstellung und überhebliches Auftreten zerstören jeden positiven ersten
Eindruck. Ein weiteres No-Go zum Start: Kritik an internen Prozessen. Verbesserungsvorschläge sind erst
nach der Eingewöhnungsphase angebracht – mit Fingerspitzengefühl. Sonst wird man schnell als Besserwisser abgestempelt.
Die richtige Balance finden: Viele Trainees engagieren sich gerade in der Anfangszeit überdurchschnittlich. Stark eingebundene Kollegen zu unterstützen
sowie Leistungen unter Zeitdruck zu erledigen, führen
schnell zu Überstunden – für viele selbstverständlich.
Dennoch ist eine gute Work-Life-Balance wichtig. Neueinsteiger sollten versuchen, ruhigere Zeiten zu nutzen,
um Überstunden abzubauen und Energie zu tanken.
Fehler zugeben: Alle machen Fehler, besonders unerfahrene Berufseinsteiger. Sie sollten diese nicht vertuschen, sondern Vorgesetzten erklären, was passiert
ist – idealerweise gleich mit Lösungsvorschlag.
Feedback annehmen: Am Ende jeder Station steht ein
Feedback-Gespräch – mit Lob, vielleicht auch mit Kritik.
Ganz wichtig sind dabei Offenheit, Sachlichkeit und
Authentizität. Trainees sollten Rückmeldung dazu geben,
was gut und was weniger gut lief, sowie nach Tipps fragen, um aus schwierigen Situationen lernen zu können.
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UNI SPIEGEL
5 /2015
F l ü c ht l i n g R ay h a n R e z a w i l l u n b e d i n g t
in Deutschland bleiben, doch das Gesetz ist gegen ihn.
D i e B e r l i n e r Stu d e nt i n L i s a Kü h n ve r s t e c kt d e n A f r i k an e r –
und versucht alles, um ihm eine Perspektive zu geben.
Von BETTINA MALTER (Text) und VERENA BRANDT (Fotos)
Sein
Rayhan sitzt am Fußende eines Bettes, im
Doppelzimmer am Ende des Gangs. Die letzte Nacht musste Lisa, seine Mitbewohnerin,
im Krankenhaus verbringen, mit Verdacht
auf einen Bandscheibenvorfall. Nun bringt
er ihr Socken und eine lange Hose, außerdem Wraps mit Lachs, die sie so gerne mag.
Er sieht zu, wie sie isst, und scheint froh zu
sein, etwas zurückgeben zu können.
Seit fast einem Jahr versteckt Lisa
Kühn, eine hübsche Frau mit langem Haar,
Rayhan Reza in ihrer Berliner Wohnung;
sie ist sein einziger Schutz. Die 25-Jährige
studiert Politikwissenschaft, er, sechs Jahre
älter als sie, arbeitet in einem Restaurant
und gibt Sprachunterricht. Vor fast zehn
Jahren verließ Rayhan, der fast immer
Basecap und kariertes Hemd trägt, aus Angst
um sein Leben seine Heimat; ein Land in
Afrika, das er nicht nennen mag, weil er
fürchtet, dass ihn das verraten könnte.
Die Geschichte von Lisa Kühn und
Rayhan Reza, die ihre richtigen Namen
nicht gedruckt sehen wollen, ist eine Geschichte über Angst, Hilfsbereitschaft und
eine Verordnung namens Dublin III. Diese
EU-Regelung macht Hunderttausenden
Asylbewerbern zu schaffen, die in Europa
ein neues Leben beginnen wollen. Denn
ihr zufolge müssen Flüchtlinge in jenem
EU-Land Asyl beantragen und sich aufhalten, das sie als Erstes betreten haben – in
Rayhans Fall war das Italien, doch dorthin
will er nie wieder zurück.
Rayhan berichtet, dass er aus seiner
Heimat in Afrika geflohen sei, nachdem
sein älterer Bruder gemeinsam mit anderen sich bei einer Organisation gemeldet, die
Männern versucht hätte, den Präsidenten Schlafplätze für Asylbewerber vermittelt,
zu stürzen. Weil das nicht gelang und die ohne das den Behörden zu melden.
Regierung nach Rache sann, galt er als Kol- »Schickt mir jemanden, der sauber ist«, hatlaborateur. »Du musst schnell das Land verlassen«, sagte sein Bruder am Telefon. Es
sei das Letzte gewesen, was er von ihm gehört habe, dann ging er auf die Reise.
Der junge Mann lebte zunächst meh- te sie damals am Telefon gesagt. Natürlich
rere Jahre lang in Libyen, verdiente Geld war ihr mulmig zumute, ganz allein mit
als Übersetzer und floh dann in einem einem unbekannten Mann in ihrer WohSchlepperboot nach Italien, wo er regis- nung. Doch sie hatte schnell das Gefühl,
triert wurde. Dort habe er auf der Straße dass ihr von Rayhan keine Gefahr droht.
schlafen müssen und keinerlei Aussicht
Anfangs saßen beide schweigend auf
auf ein würdiges Leben gehabt, erzählt Ray- ihrem Sofa bei Kräutertee. Er konnte ihr
han. Deswegen machte er sich wieder auf aus lauter Schüchternheit nicht in die Auden Weg, zunächst nach Dänemark, gen schauen, sie konnte nicht einschätzen,
schließlich nach Deutschland, wo er seinen worüber er reden wollte. Zum Glück beAsylantrag stellte und in eine Flüchtlings- herrschen beide Französisch, so gab es zuunterkunft zog. Wegen Dublin III bekam mindest keine sprachliche Barriere.
er aber schon bald einen Brief, dass er nach
Rayhan schläft in dem Zimmer, das
Italien abgeschoben werde.
Lisa einst als Büro nutzte. Noch immer steJetzt versucht Rayhan, dem zu ent- hen ihre Bücherregale im Raum, daneben
kommen – und mit ihm werden es in den nun ein Lattenrost mit Matratze und eine
nächsten Jahren vermutlich Tausende tun, kleine Kommode, die fast leer ist. Nichts
die das Land wieder verlassen sollen. Lisa Persönliches hängt an der Wand, nur eine
Postkarte mit einem Satz von Meister Yoda
aus »Star Wars«, der Rayhan anspornt:
»Noch viel lernen du musst.« Mehrmals
die Woche geht er zu einem Deutsch- und
versucht, zumindest ihm zu helfen – auch Englischkurs, zweimal wöchentlich gibt er
wenn das von Anfang an mit einigen Risi- Arabischunterricht für einen pakistaniken verbunden war.
schen Studenten und für Lisa Kühn. AuZum ersten Mal sahen sich die beiden ßerdem putzt er in einem Restaurant.
im Oktober 2014. Er stand vor ihrer Tür,
Gute Deutschkenntnisse und ein eigeim zweiten Stock eines Altbaus. Sie hatte ner Verdienst sind wichtig, um bleiben zu
einziger
Schutz
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UNI SPIEGEL
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20% 4800 75%
aller Menschen, die
2014 in Deutschland
einen Asylantrag
stellten, wurden bereits
in einem anderen EUStaat registriert. Wegen
der Dublin-III-Regeln
gelten diese Flüchtlinge
als ausreisepflichtig.
Menschen überstellte
Deutschland 2014 wegen
der Dublin-Regeln in andere
EU-Länder, geplant waren
aller Flüchtlinge
kommen ohne Papiere
nach Deutschland.
11000
Abschiebungen.
Fast
Flüchtling Reza: »Nach Italien zurück? Niemals!«
50 %
der Ausreisepflichtigen
tauchten unter.
können, so viel weiß Lisa Kühn. Sie hilft
ihm beim Lernen, hat ihm den Job besorgt.
Doch ohne rechtlichen Beistand wird es
Rayhan nicht gelingen, irgendwann legal
in Deutschland zu leben.
An einem Montag im März sitzen Lisa
und Rayhan im Wartezimmer einer Anwaltskanzlei für Asylrecht. Ein kleines Zimmer, heller Laminatboden, wenige Stühle.
Lisa hält ein Formular in der Hand, das
sie ausfüllen müssen: wie sie die Anwaltskanzlei gefunden haben, ob sie zum ersten
Mal hier sind und andere Daten. »Wann
war noch mal dein Geburtstag?«, fragt sie.
Rayhan nennt drei Zahlen – viel mehr sprechen sie nicht. Monate haben sie auf den
Termin gewartet, es gibt derzeit viele, die
das gleiche Anliegen haben wie Rayhan.
Sie hoffen auf Tipps für ihre Strategie, auf
mehr Sicherheit und Unterstützung. Dann
kommt ein junger Anwalt ins Wartezimmer und fordert sie auf, ihm in sein Büro
zu folgen.
»Also, Sie waren sieben Monate in
Italien, dann in Dänemark«, fasst der
Anwalt auf Französisch zusammen. »Ja,
korrekt«, antwortet Rayhan, wie so oft
leise und fast ohne die Lippen zu öffnen,
als könnte er sonst zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. »Hat die Polizei
bereits aktiv versucht, Sie abzuschieben?«,
fragt der Anwalt weiter. Rayhan weiß
es nicht, er lebt ja schon seit einem Jahr
nicht mehr in der Flüchtlingsunterkunft,
in der die Polizei ihn vermutet. Für den
Anwalt gibt es daher zwei mögliche
Szenarien. Die würde er aber lieber auf
Deutsch erklären, entschuldigt er sich.
Damit wird Lisa wieder zur Übersetzerin.
Sie mag diese Situationen nicht, weil sie
findet, dass Rayhan dadurch unmündig
wirkt. Sie wünscht, er könnte selbst für
sich sprechen, doch noch reicht sein
Deutsch nicht aus.
»Wenn die Abschiebung nach Italien
wie ein Damoklesschwert über Ihnen
schwebt, dann ist es sehr schwierig«, sagt
der Anwalt. Und wenn nicht, könne er
versuchen, noch einmal einen Asylantrag
zu stellen oder zumindest eine Duldung
zu beantragen. Das wäre eine Chance
zu bleiben. »Das hört sich paradiesisch an,
ist aber ein steiniger Weg«, schiebt der
Anwalt nach. Erst einmal werde er nun
die Akte vom Bundesamt anfordern und
schauen, ob die Polizei ihn schon einmal
aus der Flüchtlingsunterkunft holen
wollte.
Lisa zahlt mit ihrem Geburtstagsgeld,
während Rayhan vor der Tür wartet. Sie
will nicht, dass er es sieht. Fünf Monate
wird es dauern, bis sie wieder vom Anwalt
hören. Eine Zeit, in der Rayhan die ständige Angst plagt, in die Fänge der Polizei zu
geraten. Er meidet Plätze, auf denen viel
kontrolliert wird – und geht nicht einmal
bei Rot über die Ampel.
»Die lesbische Köchin will mich heiraten«, sagt er an einem Sommerabend, als
er mit Lisa zu Abend isst. Er spricht inzwischen viel lauter, lacht mehr, vor allem
wenn er von Menschen umgeben ist, die
er kennt. Hat sie selbst schon an die Option
der Scheinehe gedacht? »Na klar«, sagt sie –
doch das Risiko sei ihr zu groß. Jemanden
illegal zu verstecken werde selten verfolgt.
Aber bei einer Scheinehe gehe es um Urkundenfälschung, da mache sie sich strafbar: Das will sie nicht, da sieht sie ihre
Grenze.
Ende August gibt es Neuigkeiten vom
Anwalt. Er habe beim Bundesamt herausgefunden, dass es bisher noch keinen aktiven Abschiebeversuch gegeben habe. Rayhan gelte folglich noch nicht offiziell als
untergetaucht, das gebe ihm neue Möglichkeiten. Allerdings dränge die Zeit, denn
der Versuch, ihn nach Italien zu schicken,
werde garantiert erfolgen, teile die Behörde
mit.
»Nach Italien zurück? Niemals!«, sagt
Rayhan. Also wird er sich vorerst wohl weiter in Lisa Kühns Wohnung verstecken,
um der Abschiebung zu entgehen. Er wird
warten, was der Anwalt für ihn tun kann –
und notfalls für immer illegal in Berlin
leben.
Es ist Lisa bewusst, dass Rayhan stark
von ihr abhängig ist. Manchmal fragt sie
sich, ob er sich wirklich wohl bei ihr fühlt,
ob sie auch Zeit miteinander verbringen
würden, wenn es Dublin III nicht gäbe.
Aber selbst wenn nicht: Sie verlangt keine
Gegenleistung für ihre Hilfe, nicht einmal
Sympathie. »Damit wird meine Welt zwar
nicht besser«, sagt sie im Krankenhaus,
»seine aber schon.«
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Pro
blick über die Branche – auch weil etliche Praktika Bestandteil
der Ausbildung sind. Viele meiner Klassenkameraden waren
direkt im Anschluss »feste Freie« oder Pauschalisten. Einige
Redaktionen binden junge Journalisten an sich, indem sie
Si e w u rd e von a lte n Has e n ge w ar nt ihnen wenig, aber regelmäßig Geld zahlen, ohne jedoch Verpflichtungen einzugehen. Versichern muss sich jeder selbst.
un d er ntet auf Par t ys m it l eid ige
Das klingt aber schlimmer, als es ist. Freie Journalisten können
Blicke : Eine Jour nalist in b e r i chte t
in die staatlich subventionierte Künstlersozialkasse eintreten,
üb e r i hre n We g in d ie Me d ien die den Anteil des Arbeitgebers übernimmt.
Trotzdem war ich damals unsicher, was meine Zukunft angeht.
branche – u n d d i e Fre u d e d ar an ,
Aber ich rief mir immer wieder in Erinnerung, dass ich als
g roße G e s ch i chte n z u s ch re i b e n .
junger Mensch in Deutschland kaum Risiken eingehe: Falls
Te i l 8 d e r S e r i e » D a s anony m e
wirklich alles schiefgehen sollte, müsste ich mich irgendwann
Jobprotokol l « .
arbeitslos melden – aber selbst dann hätte ich keine hohen
Schulden und wäre sozial abgesichert.
Lange dachte ich, der Journalismus sei ein kleiner Klub Dazu ist es bei mir Gott sei Dank nicht gekommen. Ich habe
von sehr klugen Menschen, in den nur die wenigsten Einlass relativ schnell eine Pauschale angeboten bekommen: einmal
bekämen. Deshalb fragte ich mich während des Studiums im- pro Woche fest in einer Redaktion. Der Job ist nicht der
mer wieder, was gerade mich dazu berechtigt, meine Sicht
anspruchsvollste, aber ich kann damit
der Dinge in die Welt zu posaunen. Eindeutig kann ich
sicher meine Miete zahlen. Außerdas bis heute nicht beantworten, aber ich bin jetzt 30,
dem habe ich genügend Zeit, um
arbeite seit vier Jahren als freie Journalistin und
andere, viel interessantere Aufweiß nun, dass der Klub nicht so exklusiv ist, wie
träge anzunehmen und auch
ich einmal dachte.
mal große Geschichten zu
Als ich in meiner Schulzeit zwei Wochen lang
schreiben, was mir mehr Spaß
bei einer Regionalzeitung war, sagten mir die
bereitet als alle andere Jobs, die
Redakteure: »Das ist eine Scheißbranche.
ich mir vorstellen könnte.
Mach was anderes.« Aber trotz anderer
Um gut über die Runden zu
Praktika, zum Beispiel in einem Kulkommen, muss ich 250 Euro am
turamt, zog es mich immer zum JourTag verdienen, in der Regel sind
nalismus zurück. Ich habe bei Radioes mittlerweile aber 300. Einen Allsendern hospitiert – und kam immer
tag habe ich überhaupt nicht, desmehr auf den Geschmack. Einige
halb ist es sehr unterschiedlich, wie
Jahre später schrieb ich eine Bewerviel ich im Monat zur Verfügung habe.
bungsreportage für eine JournalisManchmal reihen sich die Schreibaufträge
tenschule – und wurde tatsächlich
aneinander, und ich sitze zwei Wochen am
zum Aufnahmetest eingeladen.
Schreibtisch. Und dann gibt es Wochen, da bin
Um den Wissenstest zu bestehen,
ich nur auf Themensuche – und verdiene dabei gar nichts.
las ich Tageszeitung, studierte die
Die Nachteile meiner Arbeit liegen auf der Hand. Es gibt
Jahresrückblicke der großen Zeitwenig Sicherheit, man muss bei Redaktionen mit seinen Ideen
schriften und schaute jeden Abend das
hausieren gehen und sie ständig mit Nachfragen nerven. Den
»heute journal«. Unangenehmer fand ich das Gespräch mit Kontakt zu zuverlässigen Redakteuren muss man aktiv halten.
der Aufnahmejury. Die fragte mich unter anderem, ob Angela Wahrscheinlich sollte man sich auch bei Twitter und Facebook
Merkel machtversessen sei. Ich antwortete: »Da kommt jetzt vermarkten, aber das ist mir zuwider.
die kleine Emanze in mir durch. Bei einem Kanzler würde Klar gibt es ein paar feste Jobs, die ich mit Kusshand nehmen
man so eine Frage doch nicht stellen.« Danach hätte ich mir würde. Mein Traum wäre es, ein Magazin von Anfang an mitam liebsten auf die Zunge gebissen, weil mir das viel zu auf- zuentwickeln, seine Identität aufzubauen: Was passt zur Marke,
sässig vorkam. Aber der Jury gefiel es.
wer ist die Zielgruppe? Trotzdem bin ich gern freie JournaEs ist schwer, an einer der bekannten deutschen Journalisten- listin. Oft werde ich auf Partys etwas mitleidig angesehen,
schulen angenommen zu werden, und es ist auch nicht der wenn ich erzähle, was ich mache. Manchmal heißt es dann,
einzige Weg in die Branche. Die meisten Kollegen qualifizieren dass die Branche doch keine Zukunft habe, was aus meiner
sich über ihren Fleiß und über freie Mitarbeit für ein Volon- Sicht definitiv nicht stimmt. Wenn mich jemand so richtig
tariat – das ist oft eine gute Vorbereitung auf den Job und nervt, sage ich ihm: »Wofür du einen Monat arbeiten gehst,
führt manchmal zu einem Redakteursposten. Ich war
das verdiene ich manchmal in sieben Tagen.« Und
S. 46
trotzdem sehr gern an der Journalistenschule, sie bietet
wenn es gut läuft, ist meine Work-Life-Balance ein
Aufgezeichnet von LAURA BACKES
super Kontakte in einige Redaktionen und einen Über- UNI SPIEGEL Traum.
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ILLUSTRATION: BENEDIKT RUGAR / UNI SPIEGEL
M ei n L eb en a l s f re i e
Jou r n al i s t i n
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Entspannt
für die Zukunft abgesichert
Darauf sollten Studierende und Berufseinsteiger achten.
E
igenes Einkommen, Wohnungswechsel, neues Auto – mit
Beginn einer Ausbildung oder eines Jobs ändert sich Vieles. Spätestens nach Ende der Ausbildung oder des Studiums sollte man den eigenen Versicherungsschutz überprüfen
und sich selbst absichern. Doch es ist gar nicht so leicht, dabei
den Überblick zu behalten und zu entscheiden, was notwendig
ist und was nicht. Um eine individuell passende Absicherungslösung zu finden, kann der Rat eines Experten sinnvoll sein. So
sind beispielsweise die Vermögensberater der Deutschen Vermögensberatung AG (DVAG) Ansprechpartner in allen finanziellen Fragen – von der Absicherung bis hin zur Vorsorge.
Frühzeitig gegen Berufsunfähigkeit absichern
Spätestens mit dem Berufsantritt sollte auch eine Berufs- oder
Erwerbsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen werden.
Sie springt ein, wenn man den eigenen Beruf nicht mehr ausüben kann oder überhaupt nicht mehr in einem Beruf arbeiten
kann. Das passiert jedem vierten Berufstätigen im Laufe seiner
Karriere. „Das ist besonders für Berufsanfänger dramatisch,
denn: Die Rentenversicherung zahlt erst, wenn der Betreffende
bereits vier Jahre lang eingezahlt hat“, so die Finanzexperten der
DVAG. Um auch in der Freizeit geschützt zu sein, sollte für einen
Unfall und dessen oft langfristige finanzielle Folgen auch mit einer privaten Unfallversicherung vorgesorgt werden.
Staatliche Förderungen nutzen
Sind die elementaren Risiken abgedeckt, sollten Berufseinsteiger
schon frühzeitig beginnen, Vermögen für ihre Altersvorsorge
aufzubauen. Um für die Rente vorzusorgen, eignet sich die sogenannte Riester-Rente. Das große Plus hierbei: Schon mit kleinen
eingezahlten Beiträgen erhält man hohe staatliche Zulagen. Denn Förderberechtigte profitieren bei Riester
durch Grundzulagen oder steuerliche Vorteile.
Berufseinsteiger unter 25 Jahren erhalten
dazu noch einen einmaligen
Bonus von 200 Euro.
Ein Umzug bedeutet Freiheit – aber
auch große Verantwortung für sich
und sein Eigentum.
Basisabsicherung – das A und O
Berufseinsteiger sollten sich zunächst gegen elementare Risiken absichern. Unverzichtbar ist dabei die private Haftpflichtversicherung. Sie schützt vor finanziellen Verlusten,
die als Folge aus einem unabsichtlich verursachten Schaden
resultieren. Mit dem Umzug in eine eigene Wohnung wird
zudem eine eigene Hausratversicherung zum Schutz des
persönlichen Eigentums notwendig. Sowohl bei der privaten Haftpflichtversicherung als auch bei der Hausratversicherung sollten junge Menschen jedoch prüfen, ob sie während
der Ausbildung oder des Studiums noch über ihre Eltern mitversichert sind.
Gute Beratung ist entscheidend
Mit rund 3.400 Direktionen und Geschäftsstellen betreut die Deutsche Vermögensberatung 6 Millionen Kunden. Die DVAG
ist Deutschlands größte eigenständige Finanzberatung. Das Unternehmen wurde 1975 von Dr. Reinfried Pohl (1928-2014)
gegründet. Andreas Pohl ist seit 2014 Vorsitzender des Vorstands des Familienunternehmens. Einen Vermögensberater in der
Nähe finden Interessierte unter www.vermoegensberatersuche.de.
L eb ende L e iche n
von ANDRÉ BOSSE
MUSIK UND
DROGEN –
d as g eh ör t z us a m m e n
wi e P om m e s und
M ayo. A b e r
wa rum
e i g en t l i c h?
H i l f t ei n
Tri p d ab e i ,
g u t e Mus i k
z u m ach e n?
O d er
t r i n ken d i e
Po p s t a r s
nur aus
Langeweile?
Winehouse
Doherty
S. 48
UNI SPIEGEL
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S. 49
UNI SPIEGEL
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W
ie man sich im Rausch lächerlich macht, bewies Sido
an einem späten Samstagabend im September. Der
Berliner Rapper war zusammen mit Popsänger
Andreas Bourani in Stefan Raabs Zweikampfshow
»Schlag den Raab« zu Gast. Die Sendung sprengt erfahrungsgemäß
den zeitlichen Rahmen, die Uhr zeigte nach Mitternacht, als Sido
und Bourani endlich ihren Hit »Astronaut« singen durften.
Die Show lief zu dieser Zeit schon vier Stunden, die Wartezeit
nutzte Sido, um sich backstage volllaufen zu lassen. Bei seinem
Auftritt legte Paul Hartmund Würdig, wie Sido bürgerlich heißt,
einen ziemlich unwürdigen Auftritt hin. Er vergaß den Text, torkelte wie eine Boje bei hohem Wellengang und klatschte dazu
deutlich ungelenker als das Livepublikum der Volksmusiksendung »Stadlshow«, die am gleichen Abend in der ARD lief. Sein
Bühnenkollege Andreas Bourani, ein echter Profi, schaute erst
erschrocken, dann belustigt, schließlich peinlich berührt. Sidos
Hashtag bei Twitter kurz nach der Show: #IchTrinkNieWieder.
Wer’s glaubt.
Ob Hip-Hop, Rock oder Pop: Musik und Rausch, das gehört
zusammen wie Pommes und Mayo oder Kuchen mit Sahne. In
Studios, Backstageräumen und Bandbussen wird noch immer so
viel gesoffen, geraucht und geschluckt, dass es unweigerlich zu
peinlichen Auftritten, Krankenhausaufenthalten oder gar Todesfällen kommen muss. Drogenopfer gibt es zwar auch in anderen
Branchen, bei Bankern und Vertretern, Schauspielern und Schriftstellern. Doch die Sterbefälle aus der Musi-
kerszene haben sich besonders ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.
Amy Winehouse soff sich zu Tode, Kurt Cobain gab sich eine
Überdosis Heroin, bevor er sich erschoss. Megastar Whitney
Houston ertrank in der Badewanne und hatte Kokain, Alkohol
und Medikamente im Blut. Jimi Hendrix und Led-Zeppelin-Schlagzeuger John Bonham erstickten im Rausch an
ihrem eigenen Erbrochenen – und Janis Joplin
und Jim Morrison, die berühmtesten Drogenopfer der Siebzigerjahre, experimentierten mit
allem, was sie bekommen konnten.
Eine abschreckende Wirkung hatten all diese Geschichten nicht, das Klischee »Sex, Drugs
& Rock’n’Roll« zieht noch immer. Das hat mehrere Gründe, und der erste ist ziemlich banal:
Das Leben als Musiker ist langweiliger, als man
Hendrix
denkt. Im Aufnahmestudio geht die meiste Zeit
dabei drauf, die richtige Position der Mikrofone für die Abnahme
des Schlagzeugs zu finden. Das ist ungefähr so aufregend, wie im
Einwohnermeldeamt darauf zu warten, dass die eigene Nummer
aufleuchtet. Auf Tour geht es dann weiter mit der Tristesse: Bevor es
auf die Bühne geht, müssen die Bands oft Stunden im Bus, Backstageraum, in Flughafen-Lounges oder Hotelzimmern ausharren.
Und was bei Teenagern zu beobachten ist, trifft auch auf Rockmusiker zu: Wer unter Langeweile leidet, kommt auf dumme Gedanken.
Doch Musiker erhoffen sich vom Rausch nicht nur schöne
Stunden, sondern auch kreative Höhenflüge. Das galt schon
Morrison
A$AP Rocky
Cobain
Rapper A$AP Rocky hat in diesem Jahr die Single »L$D« veröffentlicht, eine Ode an den Acid-Konsum, mit einem Video, in
dem die Farben und Formen zerlaufen. Auf die Idee, das Zeug
zu probieren, brachte ihn der Rapkollege ILoveMakonnen, der
in der Szene das Zeug so freizügig verteilt wie CDU-Wahlkämpfer
Kugelschreiber und Luftballons. Acid müsse sein, sagt er – ohne
den Stoff gebe es keine positive Energie, keine Spiritualität, keinen
Frieden mit sich selbst.
Kollege A$AP Rocky kann die Liste noch ergänzen: Als er
das Halluzinogen zum ersten Mal genommen habe, verriet er
kürzlich, habe er dreimal hintereinander Sex mit jeweils drei
Frauen gehabt. Das mag für manchen verheißungsvoll klingen,
doch dass kräftiger LSD-Konsum ein Tanz am Abgrund ist, zeigt
die Geschichte von Beach-Boys-Kopf Brian Wilson: Er nahm
Acid, um dem lieben Gott Symphonien zu schreiben, wie er selbst
immer sagte. Heute hört er Stimmen im Kopf und wirkt mit seinen 73 Jahren nicht mehr wie ein göttliches Genie, sondern wie
ein seniler Greis.
Trips ohne Nebenwirkungen – das wär’s. Eine Droge zu entwickeln, die nur hilft – und nichts kaputt macht. Und tatsächlich:
Die Forschung arbeitet daran, wie jetzt von Paul Philip Hanske
in seinem Buch »Neues von der anderen Seite: Die Wiederentdeckung des Psychedelischen« beschrieben wird. Darin ist auch
zu lesen, dass Acid in einigen Silicon-Valley-Firmen bereits als
Grundnahrungsmittel für visionäre Köpfe gilt.
Aber wenn moderne Halluzinogene in der gesundheitsbewussten Ökovariante eines Tages nicht mehr gefährlich sind,
taugen sie dann überhaupt noch für Musiker? Ist das Zeug noch
hip, wenn auch Manager, Banker und Studenten es nehmen?
Eher nicht. Der Star will anders sein, das Spiel mit dem Feuer
gehört dazu. Darum reagierten in den sozialen Netzwerken so
viele Leute auf den Sido-Auftritt bei Stefan Raab – oder auf die
fragwürdige Leistung eines Mannes, der am selben Septemberabend auf einer Open-Air-Bühne auf dem ehemaligen Flughafen
Tempelhof in Berlin stand: Pete Doherty.
Seine Band The Libertines war der Headliner
des ersten Lollapalooza-Festivals auf europäischem Boden. Dass Doherty noch lebt, ist eine
medizinische Sensation: Der Kerl startete Anfang
WE R
der Zweitausenderjahre eine dramatische Drogenkarriere. Kokain, Cannabis, Schmerzmittel,
N I M MT
Schnaps, vor allem aber Heroin und Crack – DoWAS ?
herty schmiss sich alles rein, was er kriegen konnSelbstverständlich wird
te. Wer im Netz bei der Bildersuche nach »Pete
querbeet konsumiert,
Doherty« googelt, findet erschreckende Fotos:
dennoch lassen
So sehen sie aus, die lebenden Leichen.
sich bestimmte Stoffe
Gesund schaut er auch heute nicht aus, aber
bestimmten Musikder bislang letzte Entzug in einer thailändischen
Szene aus einem Sido-Video
richtungen zuordnen.
Spezialklinik verlief offenbar erfolgreich: Die
Mediziner hatten Doherty deutlich gemacht, dass sein OrganisBier:
Punkrock, Irish Folk, Heavy Metal
mus einen weiteren Rückfall kaum mitmachen werde. Seitdem
Speed:
Avantgarde, Indierock
blieb er zwar clean, aber die Nachwirkungen der vielen Drogen
LSD:
Psychedelic-Rock, Hip-Hop
sind unverkennbar. Vor und nach der Show beim Lollapalooza
Cannabis: Stoner-Rock, Hip-Hop, Reggae
musste die Band Gigs absagen, weil ihr Sänger an Panikattacken
Ecstasy:
Rave, Techno
litt. Zudem benimmt sich der im Grunde intelligente Kerl äußerst
Kokain:
Pop, Rock, Hip-Hop
sonderbar. Die Drogen haben offenbar nicht nur DoherS. 50
Heroin:
Britpop, Grunge, Free Jazz
tys Organismus beschädigt, sondern auch seinen Geist.
UNI SPIEGEL So gut, wie die Libertines mal waren, werden sie wohl
Schnaps:
Schlager, Volksmusik
5 /2015
Alles:
Festivalbesucher
nie wieder werden.
FOTOS S. 48-50: ANDREA DE SILVA / REUTERS; EAGLE / SEEGERPRESS; ESTATE OF EDMUND TESKE / MICHAEL OCHS ARCHIVES / GETTY IMAGES; ALICE WHEELER / RETNA / PHOTO SELECTION; JOEL AXELRAD / GETTY IMAGES
für die Jazzpioniere der Vierziger- und Fünfzigerjahre, die
heute als Freigeister und Erneuerer abgefeiert werden, weil sie
den Jazz von den Konventionen befreiten. Miles Davis, damals
noch sehr jung, sagte: »Die Typen waren hip, weil sie Heroin
nahmen.« Aber wurden sie durch die Droge auch zu besseren
Musikern?
»Wohl kaum«, sagt Rainer Holm-Hadulla, Leiter der Psychosozialen Beratung für Studierende der Universität Heidelberg.
Der Forscher glaubt nicht daran, dass Drogen die Kreativität
eines Menschen positiv beeinflussten. Eine Gehirnstudie zum
Thema Alkohol zeige, dass bei einer milden Intoxikation von
0,7 Promille die Fantasien etwas flüssiger würden – jedoch nur
bei Personen, die an diese Wirkung auch glaubten. Will heißen:
Der kreative Rausch ist ein Placeboeffekt. »Man kann die gleiche
Wirkung auch mit grünem Tee erzielen«, bilanziert Holm-Hadulla. Der Rausch eliminiere zwar störende Gedanken und Gefühle – die Scham zum Beispiel oder Stress. Aber Kreativität habe
immer auch etwas mit Produktivität zu tun. Anders gesagt: Was
nützt der Superhit im Kopf, wenn man nicht mehr in der Lage
ist, ihn auf Papier zu bringen oder zu performen? »Das geht mit
Drogen nicht«, glaubt der Mediziner.
Holm-Hadullas Lieblingsbeispiel ist Jim Morrison, Sänger
der Doors. Für viele gilt Morrison immer noch als SechzigerIkone, als eine Symbolfigur für Freiheit und Rebellion. Für
den Heidelberger Forscher ist er nichts weiter als ein Säufer
und Junkie, der sein Talent vergeudete. Ein Jahr lang sei
Morrison wirklich kreativ gewesen, dann kamen zum Schnaps
weitere Drogen hinzu; der Doors-Sänger starb mit 27 Jahren.
Übrigens genau das Alter, in dem auch Janis Joplin, Jimi Hendrix,
Stones-Gitarrist Brian Jones, Kurt Cobain und Amy Winehouse
von uns gingen: »27 Club« nennt man diese morbide Vereinigung.
Die aktuelle Generation amerikanischer Hip-Hopper beeindruckt die lange Liste der Verblichenen nur wenig – sie wirft
haufenweise LSD ein, das auch als Acid bezeichnet wird. Der
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Eines Na chts in: Tr ier.
18.15 Uhr:
In Trier wandelt man auf großen Spuren.
Die Römer waren da, Napoleon war da,
Goethe war da. Nach langer Zugfahrt bin
auch ich angekommen und laufe unter
der Porta Nigra hindurch, dem antiken
Wahrzeichen der Stadt an der Mosel. Vor
rund 2000 Jahren war Trier eine der vier
Hauptstädte des Römischen Reichs und
zeitweise die größte Metropole nördlich
der Alpen. Heute ist Trier eine vergleichsweise kleine Unistadt am Rande Deutschlands, und am Bahnhof hält nicht mal
mehr ein Intercity.
19.00 Uhr:
Ich treffe Antonia und Johannes, die mich
durch den Abend begleiten wollen. Antonia stammt aus Trier, studiert Geschichte
in Freiburg und verbringt ihre Semesterferien in der alten Heimat, Johannes ist
Maschinenbauer und arbeitet seit einigen
Jahren in der Stadt. Er sagt: »Ich mag es
hier, aber der Massentourismus nervt.«
Knapp eine halbe Million Besucher kommen jedes Jahr nach Trier, viele davon sind
pensionierte Studienräte und geschichtsinteressierte Rentner. Die grauhaarigen
Massen besichtigen die zahlreichen römischen Baudenkmäler, gehen ins Museum –
aber eher nicht in Bars und Klubs. Gibt es
trotzdem einige Läden für junge Menschen?
Gegründet von »Chaoten«: Terrasse des Astarix
21.00 Uhr:
Umgeben von mittelalterlichen Gemäuern
und beschattet von mächtigen Kastanien
ist der Biergarten Petrusbräu ein besonders
lauschiges Plätzchen. Am Nebentisch sitzen die Psychologiestudenten Mia und
Bennie. Das Problem sei, dass man in Trier
zu vorgerückter Stunde kaum noch Ausgehmöglichkeiten habe, sagt Mia. Außerdem seien die Einheimischen sehr verschlossen und sprächen einen komischen
Dialekt. Zum Glück gebe es viele nette Zugezogene, die Hochdeutsch beherrschten
und regelmäßig WG-Partys veranstalteten.
19.20 Uhr:
Wir sitzen auf der Terrasse des Astarix,
eines Restaurants, das sehr beliebt sein soll
bei den rund 14 000 Studenten der Stadt.
Wir bestellen Pizza und »Viez«, einen
Trierer Apfelwein, und kommen mit Reni
und Christoph ins Gespräch. Sie sind zwei
der Besitzer des Astarix, das 1979 vom
AStA der damals neu gegründeten Universität in Trier eröffnet wurde. Seinerzeit
habe es kaum Treffpunkte für Studenten
gegeben, erinnern sich die beiden. Viele
alteingesessene Bürger hätten den »langhaarigen Chaoten« misstraut, die fortan
durch die konservative Stadt geisterten.
Doch wie die Gallier in den Asterix-undObelix-Comics trotzten die Studenten des
Astarix den Bewohnern der Stadt und deren römischem Erbe. »Wir sind immer
noch da«, sagt Reni.
22.15 Uhr:
Wir ziehen weiter durch das Freilichtmuseum, das die Trierer für ihre Innenstadt halten, und stoppen kurz am Pranger,
an dem man im Mittelalter schon wegen
kleinster Vergehen angekettet wurde: Wer
wollte, durfte den Gefangenen attackieren.
Zur Beruhigung legen wir etwas später an
Typisch Trier: Kopfsteinpflaster und Spitzenwein
einem Weinstand am Hauptmarkt eine
Pause ein. Trier ist weltberühmt für seine
Wir spazieren durch die Brückenstraße Weißweine. Wir bestellen drei halbtrockeund erreichen Haus Nummer 10, wo am ne und mischen uns unter die fröhlichen
5. Mai 1818 ein Mann das Licht der Welt Senioren. Dann treffen wir zu unserer
erblickte, der selbige revolutionieren sollte: Überraschung auf eine Gruppe unter 30Karl Marx. »Hier werden täglich
Jähriger, die sich als BWL-StudenS. 52
Busladungen von Chinesen rausten zu erkennen geben. Trier sei
geworfen«, sagt Johannes. Abends UNI SPIEGEL »laaangweilig«, begrüßt uns Lisa,
5 /2015
ist es vor Marx’ alter Haustür
24. Daniel, 26, ist prinzipiell glei20.30 Uhr:
Grausames Erbe: Studentin Antonia vorm Pranger
allerdings gespenstisch still, und wir beschließen weiterzuziehen.
Zur Abwechslung mal ein Pils: Studenten und andere Gäste im Biergarten Petrusbräu
cher Meinung, findet den Weinstand aber
»cool«: Bei gutem Wetter komme es hier
unter Studenten regelmäßig zum »Meet
and Greet«.
FOTOS: SVEN PAUSTIAN / UNISPIEGEL
22.45 Uhr:
Zu unserer Linken erhebt sich der imposante Dom, das höchste Gotteshaus Triers
und eine von über 30 Kirchen der Stadt.
Als Goethe 1792 in Trier weilte, verspottete
er die Stadt als »altes Pfaffennest«. Damals
gab es aber noch viel mehr sakrale Gebäude. Wenige Jahre nach dem Besuch des
großen Dichters marschierten nämlich
französische Truppen ein, und Napoleon
ließ ein Dutzend Kirchen und Klöster abreißen. Die Stadt ist eine Art Zeitmaschine – und irgendwie fehlt der Notausgang
in die Gegenwart.
der und sagen Sätze, die man unmöglich
verstehen kann. Mein Simultandolmetscher Johannes bringt uns einige Brocken
Dialekt bei: »Ich« heiße »eich«, »du« heiße
»dau« und »Geld« »Lowie«. Ist der Trierer
begeistert, ruft er nicht »Super!« oder »Spitze«, sondern »Sauwer die Hoor g’schnidde!«, was sich mit »super Haarschnitt«
übersetzen lässt. Um die Mundart besser
ertragen zu können, bestellen wir »Don
Promillo«, einen Schnaps mit Chili. Während ich versuche, wieder Luft zu bekommen, sagt Antonia, dass wir unbedingt
bald losmüssten, wenn wir noch tanzen
wollten: »Die Klubs in Trier schließen
früh«, sagt sie. Also zahlen wir die Zeche
und schieben »Lowie« über den Tisch.
1.00 Uhr:
Zum Tanzen geht’s in die VillaWuller. Zu
unserer Überraschung erwartet uns vor
dem Klub eine lange Schlange. Auf der
Tanzfläche ist es gefühlte 60 Grad heiß und
fast dunkel. Wir trinken Wodka-Mate.
Über dem DJ-Pult schwingt ein Kronleuchter hin und her. Die Stimmung ist gut, der
Sound auch: willkommen in der Gegenwart. Nach zweieinhalb Stunden sind wir
23.15 Uhr:
Freilichtmuseum: In Trier erinnert (fast) alles an früher
Wir erreichen eine Kneipe mit dem Namen Simplicissimus. Im schmalen Eingangsbereich steht eine lange Holztheke,
an den Wänden hängen Fotos alter Stammgäste, es wird Hardrock gespielt. Etliche
Einheimische stehen rauchend beieinan-
völlig durchgeschwitzt und beschließen,
zurück in die Vergangenheit zu gehen. Vor
den Stufen des mittelalterlichen Marktkreuzes verabschieden wir uns und gehen
schlafen.
Hardrock mit Dialekt: Eingang des Simplicissimus
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Harfe
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kanerin als Genie verehrt. In ihren LieInstrument. Viele Jahre tat Joanna
dern singt sie lange Texte zu Melodien,
Newsom kaum etwas anderes, als
die aus der Zeit gefallen zu sein scheiüben, üben, üben. Ihre erste Harfe be- nen, ihre Stimme klingt häufig wie das
kam sie mit fünf, und Familie Newsom
beleidigte Quieken einer zickigen Prinwar streng: Die kleine Joanna durfte
zessin. Ist das nun Klassik oder Folk,
nicht fernsehen, nicht mal Radio höHippie-Kram oder Märchenmusik?
ren. Sie besuchte eine Waldorfschule
Egal, ihre Fans und die Musikkritiker
und übte weiter. Und als auf der
lieben ihre Platten. Und jetzt kommt es
Highschool die anderen vom eigenen
noch besser: Auf ihrem neuen Album
»Divers« spielt sie nicht nur Harfe,
Auto träumten, saß Joanna im Musiksondern hat Dutzende Gastmusiker
raum und übte. Bis sie eines Tages
dabei, Schlagzeuger und Gitarristen,
dachte, nun beherrsche sie ihre Harfe
Akkordeon- und Flötenspieler. Die Lieperfekt. Sie stellte das Instrument zur
Seite, um auf dem Klavier neue Songs der sind kürzer und einfacher zu verstehen. Man könnte auch sagen: Joanzu schreiben. »Als ich die Harfe wiena Newsom ist poppiger geworden.
derherholte, war sie widerspenstig«,
So poppig, wie Songs über Gänsesagt sie. Also ging sie zu ihrem Harfenlehrer, der ihr erklärte: Die Muskeln, eier und Gespräche mit Vögeln sein
können. »Divers« ist eines der besten
die man für das Spiel benötigt, bauen
Alben des Jahres. Und damit das
sich langsam auf, aber schnell wieder
Üben auf der Harfe vor der Tour nicht
ab. Die Faustregel: Man muss so viele
zu anstrengend wird, hat ihr Mann
Tage üben, wie man pausiert hat.
Andy Samberg einen Auftrag erhalten:
Joanna Newsom verbringt jetzt also
Der Star der Sitcom »Brooklyn Ninewieder viel Zeit mit ihrer Harfe: Im
Nine« soll sie stündlich unterbrechen
Herbst will sie ihre neuen Songs auf
und ein paar Witze machen.
der Bühne spielen – und
S. 54
Hoffentlich nimmt die Harfe
zwar perfekt. Seit zehn Jahren
wird die 33 Jahre alte Ameri- UNI SPIEGEL das nicht persönlich.
5 /2015
FOTOS: ANNABEL MEHRAN (L.); JAKUBASZEK / REDFERNS FOR LOLLAPALOOZA BERLIN (R.)
Epoche der
Extreme
e
Sz en
Roman
Mit d em Tod
g e quat s ch t
Die meisten kennen Thees Uhlmann nur als Musiker, dabei startete der Mann seine Künstlerkarriere
als Schriftsteller. Nach einem abgebrochenen Studium ging er als Roadie mit der Band Tocotronic
auf Tour und schrieb auf,
was er auf dieser Deutschlandreise erlebte. »Wir
könnten Freunde werden:
Die Tocotronic-Tourtagebücher« erschien 2000, damals kannte Uhlmanns
Band Tomte außerhalb der
norddeutschen Szene noch
niemand. Das änderte sich erst kurz
danach: Es folgten der Gitarrendiscohit »Korn & Sprite«, das Studentenkonsensalbum »Eine sonnige
Nacht« und die Gründung der eigenen Plattenfirma Grand Hotel Van
Cleef. Jetzt, 15 Jahre nach seinem
ersten Buch, versucht sich Thees
Uhlmann wieder als Schriftsteller.
Sein zweites Werk, »Sophia, der
Tod und ich«, ist kein weiteres
Tagebuch, sondern ein Roman.
Jetzt wird es also ernst mit der
Autorenkarriere. Wer Thees Uhlmann schon einmal begegnet ist,
der weiß: Reden kann der Mann.
Aber kann er auch schreiben? Der
Roman beginnt im Plauderton, doch dann steht plötzlich ein Mann vor der Tür,
der behauptet, er sei der
Tod und wolle den Icherzähler mitnehmen. Es
wird eine Zeit lang gequatscht, dann haut der
Tod unverrichteter Dinge
wieder ab, was den Erzähler
dazu bringt, in seinem Leben ein
paar Dinge geradezurücken. Sophia
kommt ins Spiel, seine Ex. Und sein
sieben Jahre alter Sohn, den er ewig
nicht gesehen hat. Wie das alles
endet? Wird hier natürlich nicht
verraten. Nur so viel: Ja, Uhlmann
kann schreiben.
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UNI SPIEGEL
5 /2015
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» Ke i ne L us t a uf
ei n Ka t z e nv i d e o«
Meelah Adams, 28, studierte
Medienproduktion in Lemgo und
schrieb gerade ihre Bachelorarbeit
über den Erfolg von Internetvideos.
Dafür produzierte sie den nur
102 Sekunden langen Gruselclip
»Selfie from Hell«, der zum viralen Hit und millionenfach geklickt
wurde. Story: Eine junge Frau, gespielt von Adams (Foto), will ihrem
Freund ein Selbstporträt mit dem
Handy schicken und sieht auf den
Bildern, dass sie nicht allein ist.
Frau Adams, wen wollten Sie
mit »Selfie from Hell« erschrecken? Eigentlich niemanden. Für
den praktischen Teil meiner Bachelorarbeit musste ich einen Kurzfilm
drehen, und weil ich keine Lust auf
ein Katzenvideo hatte, habe ich
einen Horrorfilm gemacht. In meiner Arbeit habe ich untersucht, wie
virale Videos am besten funktionieren. Und was ist die Formel
für ein erfolgreiches Video im
Netz? Letztlich kann man es nicht
steuern. Es gibt aber einige Zutaten,
mit denen man die Chance erhöht.
Ganz viel davon steckt in »Selfie
from Hell«: Der Film ist nicht länger als zwei Minuten, er erzählt eine
Geschichte, hat einen Spannungsbogen und einen Überraschungseffekt. Das reicht? Nein. Ein gutes
Video ist die Basis. Mindestens
genauso wichtig sind »Influencer«,
also Meinungsführer, die viele
Follower haben. Ich habe bestimmt
hundert Menschen angeschrieben.
Als dann die Communitys von
»Moviepilot« und »Imgur« den Film
empfohlen hatten, ging es schnell:
Der Clip verbreitete sich von Russland bis Indien und wurde viele
Millionen Mal angeschaut. Da wusste ich: Es funktioniert. Der Film
wirkt professionell. Wie ist er
entstanden? Ich habe bereits eine
Ausbildung als Schauspielerin und
arbeite mit einem Freund an verschiedenen Filmprojekten. »Selfie
from Hell« wurde an drei Tagen in
der Wohnung meiner Eltern gedreht. Ohne Budget. Wir haben von
der Kamera über den Ton und den
Schnitt alles selbst gemacht. Gar
nicht so leicht, einen Horrorfilm zu
machen, wenn Mama und Papa
nebenan schlafen wollen. Nutzen
Sie den viralen Erfolg jetzt für
eine Schauspielkarriere? Das
ist schwierig. Ich habe gelernt, dass
man ernster genommen wird, wenn
man Filme auch selbst produzieren
kann. Wir planen jetzt, aus dem
Kurzfilm einen richtigen Spielfilm
zu machen, und wollen ihn über
Crowdfunding finanzieren. Mögen
Sie überhaupt Horrorfilme?
Tatsächlich mag ich Komödien viel
lieber.
Impressum
SPIEGEL-Verlag
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Verlag und Redaktion
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Herausgeber
Rudolf Augstein (1923 – 2002)
Chefredakteur
Klaus Brinkbäumer (V. i. S. d. P.)
Stellvertretende Chefredakteure
Susanne Beyer
Dirk Kurbjuweit
Alfred Weinzierl
Redaktionsleitung
Guido Kleinhubbert
Gestaltung
Kristian Heuer
Redaktion
André Boße
Jonas Leppin
Mitarbeit
Laura Backes
Felix Bohr
Jan Friedmann
Christine Haas
Charlotte Haunhorst
Marie-Charlotte Maas
Bettina Malter
Ann-Katrin Müller
Miriam Olbrisch
Christopher Piltz
Anna Reuß
Frederic Spohr
Almut Steinecke
Bildredaktion
Sabine Döttling
Antje Klein
Schlussredaktion
Regine Brandt
Ursula Junger
Tapio Sirkka
Produktion
Solveig Binroth
Petra Thormann
Dokumentation
Jörg-Hinrich Ahrens
Ulrich Booms
Marko Scharlow
Verantwortlich für Anzeigen
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Anzeigenobjektleitung
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Objektleitung
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Druck
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Nr. 16 vom 1. Januar 2015
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Der nächste UNI SPIEGEL erscheint
am 5. Dezember 2015
Ihre lange Reise begann im Irak und führte sie unter Das Trio baute Infostände in der Kölner Innenstadt auf, staranderem auf ein schrottreifes Schiff, das auf dem Weg übers tete Spendenaufrufe über Facebook und hatte bald darauf 11 600
Mittelmeer Feuer fing. Weil die Flammen gelöscht werden Euro gesammelt. Doch anstatt das Geld zu überweisen, setzten
konnten, schafften es Gian Aldonani und ihre Familienmit- sich die drei Studentinnen in ein Flugzeug. »Viele Leiter von
glieder 2001 nach Deutschland, wo sie später als Asylbewerber Flüchtlingscamps im Irak sind korrupt«, sagt Gian, »deshalb
anerkannt wurden. Gian, 23, studiert nun Politik auf Lehramt wollte ich ganz sicher gehen, dass unser Geld auch in die richin Köln – während Mossul, die Stadt, in der sie geboren wurde, tigen Hände gelangt.« Kurz bevor sie in Erbil im Nordirak lanvon den Schlächtern des »Islamischen Staats« regiert wird. deten, schaltete der Pilot alle Lichter am Flugzeug aus, um
Zehntausende Menschen sind seit Mitte 2014 vor den Mör- einen Abschuss durch den IS zu verhindern. »Da hatte ich
derbanden geflohen, darunter viele Angehörige der jesidischen große Angst«, erinnert sich Gian, »aber als ich in den Camps
Minderheit, der auch Gian angehört. Gemeinsam mit ihrer ankam und sah, wie die Kinder im bitterkalten Winter froren,
Schwester Shilan und einer Kommilitonin will die Studentin wusste ich, dass es sich gelohnt hatte.« Von den Spenden kauften
etwas von ihrem Glück abgeben – und Menschen helfen, die die Frauen Winterjacken und -schuhe für 1500 Kinder bei eiselbst nicht die Kraft und das Geld für die Flucht haben. So nem irakischen Großlieferanten. Alles ging gut, und die Stugründeten die jungen Frauen das »Hawar Hilfswerk« –
dentinnen planen, schon bald erneut in den Irak zu
S. 58
der Verein soll jesidische Kinder unterstützen, die in
fliegen. »Auf manche mag das leichtsinnig wirken«,
irakischen Camps außerhalb des IS-Gebiets leben. UNI SPIEGEL sagt Gian, »aber ich kann nicht anders.«
5 /2015
FOTO: MATTHIAS JUNG / UNISPIEGEL
Studenten studieren nicht nur. Sie erschaffen Kunst, machen Erfindungen, vollbringen außergewöhnliche Leistungen
und helfen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wie die Studenten in unserer UNI-SPIEGEL-Serie.
Gian Aldonani
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PRALL GEFÜLLT AB OKTOBER AN DEINER HOCHSCHULE