Kleiner Abriss einer Geschichte der Suchtprävention Aldo Legnaro

Kleiner Abriss einer Geschichte der Suchtprävention
Aldo Legnaro
Vortrag auf dem 20. Wissenschaftlichen Symposium der DHS
1.6.2015 Klink/Waren (Müritz)
© Dr. Aldo Legnaro
Kontakt: [email protected]
1
Die Geschichte der Suchtprävention beginnt mit der Entdeckung und Definition, man könnte sogar
sagen: mit der Erfindung der Sucht. Denn dass die Prävention eines Verhaltens überhaupt erst dann
zum Ziel werden kann, wenn dieses Verhalten als solches benannt und beschrieben, bewertet und
schließlich für unerwünscht erklärt worden ist, das versteht sich ja von selbst. Dahinter verbergen
sich aber vielfältige gesellschaftliche Entwicklungen, und deswegen möchte ich zunächst einige
Anmerkungen machen über das semantische und drogenpolitische Feld, in dem wir uns hier
bewegen. Wenn man nämlich diesen Prozess von Definition und Erfindung der Sucht näher
betrachtet, dann lernt man nicht nur einiges über die Anfänge von Suchtprävention, sondern auch
über ihren sozialen Sinn und gesellschaftlichen Zweck.
Sie fragen sich wahrscheinlich: warum überhaupt Erfindung? Gab es süchtiges Verhalten nicht
schon immer, und ist Sucht nicht eine Qualität des Mensch-Seins, eine meistens eher ungeliebte,
aber dennoch eine historisch und sozial invariant vorhandene Qualität? Das stimmt und es stimmt
auch nicht: süchtige Abhängigkeiten hat es sicherlich schon immer gegeben, doch der Begriff
umgreift komplexe Verhaltens- und Reaktionsweisen, die auch, aber nicht ausschließlich physiologisch
durch den Drogenkonsum determiniert sind, und sie verlaufen keineswegs unabhängig von der
Umgebung und ihren Reaktionen – jeder Drogenkonsum findet in einem rückgekoppelten Gefüge aus
Droge, Konsument, Einstellungsmustern, Konsumsituation und Reaktionen der sozialen Umgebung
statt, und wie diese Faktoren miteinander zusammenwirken, erst das macht dann Drogenwirkung und
möglicherweise auch Suchtpotenzial aus. Als gesellschaftliche Reaktion ist Sucht damit eine soziale
Konstruktion, und erst wenn eine Gesellschaft über diese Konstruktion verfügt, ‚erkennt‘ sie den
Süchtigen und reagiert auf sein Verhalten, moralisch, punitiv, therapeutisch oder in jeweils spezifischen
Mischungen. In diesem Sinne ist ‚Sucht‘ keine Entdeckung, sondern tatsächlich eine Erfindung – und
das bedeutet nicht, dass es vorher keine süchtigen Verhaltensweisen gegeben hätte; aber es fehlte ein
Begriff, der sich für Selbst- und für Fremdetikettierung hätte nutzen lassen, und damit fehlte auch eine
Reaktion, die individuelles Verhalten abgrenzend und negativ sanktionierend hätte beeinflussen
können. Und es fehlte zugleich ein Begriff, der den Einzelnen eine Erklärung für ihre Verhaltensweisen
hätte liefern können. Mit einem Wort: ohne ein Konzept von Sucht keine Einbettung dieses Verhaltens
in die Spannweite gesellschaftlicher Wertungen zwischen zugeschriebener Normalität auf der einen
und zugeschriebener Abweichung auf der anderen Seite und deswegen dann auch keine Prävention.
Unser Begriff von Sucht bildet also eine komplexe soziale Leistung, und tatsächlich verstehen wir bis
heute ja nicht wirklich, warum manche Personen in unserem Sinne süchtig werden, viele aber nicht. Es
wundert deswegen nicht, dass der Begriff inzwischen einigen radikalen Dekonstruktionen unterzogen
worden ist. So hat man etwa argumentiert, dass er einen Mythos darstellt und gar nicht exakt definiert
zu werden braucht, sondern gerade mit einer gewissen Schwammigkeit seinen sozialen Sinn gewinnt –
‚Sucht‘ als Begriff bietet einen logischen und kausal begründbaren Zusammenhang für Handlungen,
die ansonsten nicht recht erklärlich wären, und hat auf diese Weise einen funktionalen Nutzen für
diejenigen, die als Süchtige deklariert werden, aber auch für ihre Umgebung. 1 Aus dieser Perspektive
ist ‚Sucht‘ ein formelhaftes Kürzel, das der Verständigung und zugleich der Rechtfertigung sozialer
Reaktionen dient, das ist sein bedeutsamer Effekt und sein gesellschaftlicher Sinn. Auch der
Vergleich der Behandlung von süchtig Abhängigen mit Voodoo-Zeremonien argumentiert ähnlich:
in einer sozialen Welt, die unabhängige, unternehmerische, ihre Handlungen kontrollierende
Individuen bevorzugt und ihren Begriff von Konformität nach diesem Standard ausrichtet, in einer
solchen Welt ist zwar jede Art von Kontrollverlust der Sündenfall 2 – doch können solche
Zeremonien allen Beteiligten nützliche Erklärungs- und Hilfsangebote zu machen. Vielleicht also ist
Sucht vergleichbar mit dem Ungeheuer von Loch Ness, wie ein Autor bemerkt: die Einheimischen
beteuern, sie hätten es gesehen und wüßten genau, wie es aussieht, während Besucher von außerhalb
1
2
Davies (1993).
Cohen (2000).
2
lediglich einen undeutlichen Schatten wahrgenommen haben, der vielerlei – sogar ein Ungeheuer –
gewesen sein könnte.3
Unabhängig von solchen Erwägungen lassen sich die sich wandelnden gesellschaftlichen
Bedingungen nachzeichnen, die der ausschlaggebende Grund dafür gewesen sind, einen Begriff von
Sucht zu entwickeln. Alkohol diente dabei in Deutschland als die Leitdroge, deren Konsummuster
diese Begrifflichkeit überhaupt erst ermöglichen – Opium und Kokain sind im Deutschen Reich
zwar seit 1891 rezeptpflichtig,4 aber für ein Problem hält man diese Drogen zu dieser Zeit nicht,
und das ist eine Wahrnehmung, die sich erst am Ende der 1920-Jahre verändert, als sich die
Vorstellung von Sucht auch bei diesen Drogen uneingeschränkt durchgesetzt hat – eine
Entwicklung, die entsteht in einer interaktiven Rückkoppelung zwischen Medizinern, der Presse,
moralischen Unternehmern und der international eingebundenen staatlichen Politik. 5 Doch auch bei
Alkohol dauert es lange, ehe er zur Problemdroge ernannt wird. Denn bis ins 18. Jahrhundert hinein
gilt Trunkenheit gewöhnlich zwar als ein Laster, aber keineswegs als krankhaft, und der
alkoholische Rausch ist ein durch und durch konformes Verhalten, sogar „magische Praxis und soziale
Pflicht“.6 Einen neuen, man könnte geradezu sagen, einen neuzeitlichen Akzent setzt dann 1784
Benjamin Rush in seiner Untersuchung über die Wirkungen des Branntweins auf Körper und Geist; er
beschreibt, daß der Brauch, viel zu trinken, zuerst eine freie Entscheidung sei und dann von der
Gewohnheit zur Notwendigkeit werde, es handele sich um eine „Krankheit des Willens“. 7 Diese
Vorstellung führt tief hinein in theologische und philosophische Debatten des 18. Jahrhunderts, das will
ich hier nicht weiter vertiefen; festzuhalten bleibt nur, dass am Beginn der Problematisierung von
Alkoholkonsum ein moralisches Defizit im Vordergrund steht und Trunksucht als ein hybrides
Verhalten aus moralischen und physischen Komponenten erscheint. Pierer's Universal-Lexikon stellt
denn auch 1863 fest: „Die T.[runkenheit] ist als ein den Menschen bürgerlich, moralisch, psychisch u.
körperlich destruirender Mißbrauch der moralischen Freiheit zu betrachten.“ 8 Das gilt ganz ähnlich
auch für Opium, das im 19. Jahrhundert in Großbritannien eine beliebte und weit verbreitete Droge ist,
deren Konsum dann aber zu einem moralischen Versagen stilisiert wird. Das gelingt vor allem durch
die unaufhörlichen Bemühungen einiger Quäker, die sich in der Society for the Suppression of the
Opium Trade zusammengeschlossen haben – in ihren Augen liegt das Problem darin, dass Opium nicht
aus medizinischen Gründen, sondern als Rauschmittel konsumiert wird und dabei die moralischen
Fähigkeiten schwäche. Dieses Modell moralischen Versagens konkurriert aber bald mit einem
medizinischen Modell, das die Ursache von Sucht primär in physiologischen Vorgängen erblickt –
und diese Vorstellung setzt sich dann mit dem 20. Jahrhundert im Zuge einer naturwissenschaftlich
geprägten Medizinisierung universell durch.9
Allerdings ist die Vorstellung eines moralischen Versagens keineswegs ganz obsolet geworden. Lassen
Sie mich kurz einen Sprung ins Heute zu machen: Das Rauchen befindet sich gerade in der Phase, als
Willensschwäche und Disziplinlosigkeit zu gelten. Es ist lange Zeit das Symbol eines lässigen
Lebenstils gewesen, aber typischerweise – und das gilt für alle Drogen – gibt es Diskurse von
lustbetontem Konsum und von Vergnügen nur solange, wie ein Verhalten als unproblematisch gilt. 10
Dass etwa das erste deutsche Betäubungsmittelgesetz von 1921 den Konsum von Rauchopium
verbietet, lässt sich schon als ein Zeichen der Neubewertung lesen: ein genussorientierter Konsum wird
3
4
5
6
7
8
9
10
Reinarman (2005), S. 27.
Hoffmann (2012), S. 36.
Hoffmann (2012), S. 149f.; zusammenfassend S. 297 ff.
Spode (1993), S. 99.
Levine (1978; 1982a). Siehe generell auch Valverde (1998).
Pierer's Universal-Lexikon, Band 17. Altenburg 1863, S. 877.
Harding (1988; 1998, S. 56ff.).
O‘Malley und Valverde (2004).
3
damit kriminalisiert, und das bereitet den Weg, Konsum überhaupt für problematisch zu halten. 11 Was
das Rauchen angeht, so hat es die Phase des Nicht-Problematisch-Seins schon länger verlassen, zuerst
ist es zur schlechten Gewohnheit herabgesunken, und inzwischen gilt es im wesentlichen als ein
Verhalten süchtigen Charakters, das man selbst zu bewältigen und zu beenden hat und deswegen
unbedingt auch selbst beenden sollte. Ob Rauchen jemals die nächste Phase, nämlich einen Status als
Krankheit erreicht, das bleibt allerdings abzuwarten, und es wird auch davon abhängen, welche der
beteiligten Lobbygruppen sich durchsetzen kann. 12
Zurück ins 19. Jahrhundert: Die Gedanken von Benjamin Rush begründen ideologisch die Mäßigkeitsbewegung in den USA, die für breite Mittelschichten zum Paradigma einer Welterklärung avanciert, in
der eine teuflische Substanz das ‚Reich des Bösen‘ verkörpert und die umfassende Lösung aller
Probleme einzig durch Abstinenz gegeben ist.13 Denn Rush lässt keinen Zweifel daran, dass nur die
völlige Abstinenz geeignet ist, dieser Krankheit vorzubeugen: ‚Taste not, handle not, touch not‘ lautet
sein Rezept, und es ist nicht zufällig, dass das erinnert an den predigthaft wiederholten Ratschlag von
Nancy Reagan, die als präventive Maßnahme gegen alle Übel dieser Welt ein ‚Just say No‘ empfahl.
Entsprechend wird denn auch im ältesten Trinkerasyl der USA, dem Washingtonian Home in Boston,
gegründet 1857, als therapeutische Maßnahme – neben der völligen Abstinenz selbstverständlich – die
„Kräftigung des sittlichen Moments“ verfolgt. 14 Daneben nutzt man dann auch eine Vielfalt von
Getränken und Applikationen – von Kakao und Mineralwasser bis zu Strychnin und Sedativen – um
die moralische Widerstandskraft zu stärken.15 Diesen frühen Suchttherapien in den USA unterliegt eine
Rauschfeindlichkeit im allgemeinen und Alkoholfeindlichkeit im speziellen, die sich von den religiös
motivierten Abstinenzbewegungen des 19. Jahrhunderts über die Zeit der Prohibition in den 1920Jahren16 bis heute verfolgen und nur verstehen lässt vor dem Hintergrund einer spezifisch puritanischen
Weltsicht. Und aus dieser Weltsicht heraus erschöpft sich Prävention vor allem in einer Anstrengung
des Wollens und des Willens – das Nein-Sagen ist eine individuelle Leistung, nicht Nein zu sagen
dagegen ein sündhaftes Vergehen gegen die gottgewollte Ordnung. Das schließt allerdings schon
damals Ökonomisierungen des Lebensstils keineswegs aus. So berichtet Meyers Lexikon 1905, dass
„von englischen Lebensversicherungsanstalten den Abstinenten eine ermäßigte Prämienzahlung
zugebilligt“ werde,17 und das ist ausgesprochen modern und heutig – Versicherungen, die gerade mit
nach Lebensstil differenzierten Prämienzahlungen experimentieren, sind auf diese Idee offenbar noch
gar nicht gekommen.
Nach den Anfängen bei Benjamin Rush bringt in Mitteleuropa Carl von Brühl-Cramer 1819 den
Begriff ‚Trunksucht‘ endgültig in den Diskurs der Zeit, und die moderne, heute noch gültige
Terminologie setzt sich, wenn auch gegen Widerstände, durch.18 Es ist nun nicht zufällig, dass dieser
Suchtbegriff am Beginn einer rapiden Industrialisierung und Modernisierung entwickelt wird, denn mit
seiner Hilfe wird das Instrumentarium der Disziplinierung modernisiert: das Konstrukt ‚Sucht‘
repräsentiert dabei Verhaltensweisen, die die neuen funktionalen Notwendigkeiten der Fabrikarbeit und
der disziplinierten Eingepasstheit massiv stören.19 Diese neuen funktionalen Notwendigkeiten laufen
auf Rationalität und Berechenbarkeit hinaus: Sucht bildet die exzessive Abweichung hiervon, wird als
Krankheit aber verständlich. Die permanente Neu-Erfindung von Süchten – zuletzt lese ich von der
Smartphone-Sucht – sagt also oft mehr über die Gesellschaft und die gesellschaftlichen Akteure, die
11
12
13
14
15
16
17
18
19
Hoffmann (2012). Siehe auch zur Geschichte der deutschen Drogengesetzgebung Scheerer (1982),
Zur Karriere des Rauchens von konformem zu deviantem Verhalten siehe etwa Schmidt-Semisch (2005).
Levine (1982b). Vgl. auch zur frühen Prävention in den USA Beck (1998).
Meyers Konversationslexikon 4. Auflage, 1889, → Trunksucht.
Valverde (1998), S. 62 ff.
Vgl. etwa Gusfield (1963; 1967/1968, deutsche Fassung bei Klimke und Legnaro 2015); Woodiwiss (1998).
Meyers Großes Konversations-Lexikon (1905), Bd. 19, S. 758, → Trunksucht.
Vgl. hierzu Spode (1993), S. 115 ff..
Vgl. Drogen-Stereotypisierungen im historischen Überblick bei Berger und Legnaro (1980),
4
solche Etiketten vergeben, als über die vermeintlichen Süchtigen: Suchtdefinitionen sind immer auch
Gesellschaftsdiagnosen. Und das lässt erkennen, welche Funktion die definitorische Festlegung von
Sucht erfüllt: sie ist eine Form der abstrakten Steuerung von Verhalten durch ein sanktionierendes
Etikett, und alle Formen der Prävention konkretisieren diese abstrakte Steuerung, indem sie die
gesellschaftlich richtigen Verhaltensvorgaben aufzeigen und propagieren.
Wenn man nun aber gesellschaftlich über einen Suchtbegriff verfügt, dann ergeben sich daraus
folgerichtig die naheliegenden präventiven Vorgehensweisen. Nicht alles kommt dabei gleichermaßen
in Frage, und Meyers Konversations-Lexikon rät 1889: „In dem Kampf gegen die Trunksucht sind nur
solche Mittel anzuwenden, die, den Anschauungen des Volkes angepaßt, auf Anerkennung und
Mitthätigkeit der Gesellschaft rechnen dürfen. Auch hier sollte man nur das zu erreichen suchen, was
zu erreichen möglich ist.“20 Das schließt für mitteleuropäische Verhältnisse die völlige Abstinenz als
primäres oder gar einziges Ziel weise aus, wenngleich es solche Versuche auch im Deutschen Reich
gab.21 Aber von Einfluss ist etwa der Deutsche Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke, 22 der
schon im Namen signalisiert, dass Abstinenz nicht sein Ziel ist. Und so empfiehlt Pierer's UniversalLexikon 1863 präventiv eher die Mäßigkeit: „Die Trunksucht muß durch psychische Mittel,
Ermahnungen, Erregung von angemessenen Gemüthsbewegungen, am besten so bekämpft werden,
daß der Mensch die Menge der Getränke vermindert.“ 23 Diese Therapie zielt merklich noch auf das
moralische Versagen, das allem zugrunde liegt. Doch daneben wirken die Mittel der Wahl
überraschend modern, und sie lassen sich kennzeichnen als eine Angebotspolitik, die die
Möglichkeiten des Drogenerwerbs zu kanalisieren sucht. So versuchen in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts viele europäische Staaten, die Zahl der Wirtschaften zu begrenzen, indem man strenge
Maßstäbe anlegt (auch an die Moralität des Wirts, wie es heißt), indem man Konzessionen nur auf ein
Jahr vergibt oder pro Gemeinde die maximale Anzahl von Wirtschaften festsetzt. Als vorbildlich gilt
eine Regelung aus Schweden, wonach eine Aktiengesellschaft die Schankstellen aufkauft und dann
ohne Gewinnabsicht ‚im Sinne der Mäßigkeit‘, wie es heißt, selbst betreibt. Und außerdem wird
empfohlen, den Konsum von Getränken zu fördern, die als Substitut für Branntwein gelten – worunter
man damals keineswegs alkoholfreie Getränke versteht, sondern leichten Wein und, so wörtlich, gutes,
billiges Bier.24 Diese Substitutionspolitik erinnert allerdings an die Bekämpfung von MorphiumKonsum durch Heroin, das 1896 bei Bayer entwickelt wurde – diese Therapie war immerhin bis
nahezu in die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts der state of the art. Aber das zeigt, dass
Versuche, Drogenkonsum mit Drogenkonsum zu behandeln, leicht in die Irre gehen – zumindest dann,
wenn man an der tradierten Suchtkonzeption und ihren moralischen Untertönen festhält. Und so
tauchen schon am Beginn des 20. Jahrhunderts in der Liste der präventiven Vorkehrungen auch
alkoholfrreie Restaurants und billige alkoholfreie Getränke am Arbeitsplatz auf.25
Wie diese Beispiele zeigen, ist Prävention im 19. Jahrhundert eine Form der Klassenpolitik, und alle
Präventionsüberlegungen zielen mit Selbstverständlichkeit auf das Proletariat. Das gilt für Alkohol im
Deutschen Reich wie für Opium in Großbritannien – der Oberschichtkonsum dieser Drogen erscheint
immer per definitionem als unproblematisch. Deswegen ist, wie es Meyers Konversations-Lexikon
1889 ausdrückt, „die Förderung des körperlichen Wohls der arbeitenden Klassen“ durch billige und
gesunde Nahrungsmittel und eine menschenwürdige Wohnung von großer Bedeutung, und das
verbindet die Alkoholprävention direkt mit der sozialen Frage der Zeit. Aber nichts geht ohne „die
Stärkung des sittlichen Gefühls im Volk“. Die Terminologie ist 19. Jahrhundert, aber die
Vorgehensweise ganz modern: man würde das heute empowerment nennen. Diese Stärkung des
20
21
22
23
24
25
Meyers Konversationslexikon 4. Auflage, 1889, → Trunksucht.
Spode (1993), S. 217 ff.
Vgl. etwa Spode (1993), S-. 204 ff.
Pierer's Universal-Lexikon Band 17. Altenburg 1863, S. 877, → Trunksucht.
Meyers Konversationslexikon 4. Auflage, 1889, → Trunksucht.
Meyers Großes Konversations-Lexikon (1905), Bd. 19, S. 759, → Trunksucht.
5
sittlichen Gefühls hat aus der Sicht der Arbeiterbewegung eine etwas andere Akzentuierung als aus der
bürgerlichen Sicht. SPD und Gewerkschaften suchen im 19. Jahrhundert das Proletariat durch
Domestizierung des Alkohols in eine rationale und affektkontrollierte Lebensführung einzuüben, und
das schafft innerhalb der Arbeiterklasse selbst eine Differenzierung in den sozial ritualisiert Bier
trinkenden Facharbeiter und das exzessiv Branntwein trinkende Lumpenproletariat. 26 Auch hier also
dient die Politik gegenüber dem Alkohol als eine Form der Klassenpolitik, die klare Grenzen schafft
zwischen dem politisch bewussten und aufstiegsorientierten Arbeiter und jenem Lumpenproletariat,
das sich nicht als politisches Subjekt empfindet.
Prävention ist heutzutage zwar kein Mittel des Klassenkampfes mehr, aber die distinktive
Abgrenzung zwischen den Gesundheitsbewussten und denen, die darauf weniger oder gar nicht
achten, die ist geblieben und hat sich sogar noch verstärkt, denn sie dient mehr als früher als ein
Merkmal kontrollierter Selbstdisziplin, und sie ermöglicht ein überlegenes Gefühl leichter
Verächtlichkeit: die Schlanken vs. die Dicken, die Nicht-Raucher vs. die Raucher, die Konsumenten
gehobener Alkoholika vs. die Konsumenten von billigem Bier. Das sind individuelle Selbst- und
Fremdeinschätzungen, doch auch die staatliche Präventionspolitik ist, ohne es zu wollen, schichtspezifisch orientiert. Denn mit Präventionsförderung erreicht man vor allem jene Gruppen der
Bevölkerung, die schon von sich aus entsprechende Mentalitäten und Verhaltensweisen ausgebildet
haben, diejenigen also, die solche Formen der Aufklärung kaum nötig hätten. 27 Und darüber hinaus
spiegeln die Bemühungen um Prävention die kulturellen Rahmenbedingungen, und ihre
Gefährlichkeitszuschreibungen waren lange Zeit stereotypisiert nach ‚bösen‘ Drogen einerseits und
zumindest akzeptablen Drogen andererseits, wozu vor allem der kulturell eingebürgerte Alkohol
gehörte. Das war kein Klassenkampf, aber doch zum Teil ein Generationenkonflikt, 28 und es hat
sehr lange gedauert, bis die Zuschreibungen von Gefährlichkeit sich nicht mehr an den rechtlichen
Gegebenheiten – legal vs. illegal – ausgerichtet haben und insgesamt realistischer und damit auch
glaubwürdiger geworden sind.
Abschreckung durch zugeschriebene Gefährlichkeit ist sowieso kein sonderlich gutes präventives
Argument, und Programme, die Drogen selbst in den Mittelpunkt stellen, scheinen eher einen
negativen oder gar keinen Effekt auf Drogeneinstellungen und -konsum zu haben, ganz abgesehen
davon, dass Zuschreibungen von Gefährlichkeit ja auch eine subtile Lockung beinhalten können.
Programme hingegen, die – vor allem bei Jugendlichen – die Lebenswelt in den Mittelpunkt stellen,
scheinen insgesamt präventiv wesentlich erfolgversprechender.29 Damit ist die heutige Prävention von
Drogenkonsum gar nicht weit entfernt von ihren historischen Vorbildern, und tatsächlich sind manche
Übereinstimmungen verblüffend. Schon in den 1860- und 70-Jahren steht es in Schweden,
Großbritannien und Frankreich unter Strafe, an öffentlichen Orten auf sichtbare Weise betrunken zu
sein, und das erinnert doch sehr an die Bemühungen mancher Städte heutzutage, Alkoholkonsum
zeitlich und örtlich einzuschränken.30 Der Unterschied liegt nur darin, das man damals den betrunkenen
Zustand für strafbar hielt, heute dagegen sein Zustandekommen – das ist eine Vorverlagerung, aber
kein prinzipieller Unterschied. Und die damaligen Bemühungen um die „Kräftigung des sittlichen
Moments“ finden ihre heutige Parallele in allen Versuchen einer generellen Stärkung des
Selbstwertgefühls.
Tatsächlich lassen sich in zweihundert Jahren präventiver Benühungen vor allem Veränderungen der
Rechtslage sehen: während Opium im 19. Jahrhundert noch teilweise den Status einer Alltagsdroge
innehatte, gibt es seitdem bei Opium und Opiaten eine eindeutige Tendenz zu gesetzlichen
26
27
28
29
30
Spode (1993), S. 203 ff.
Kühn und Rosenbrock (1994/2009).
Vgl. Quensel (2004), S. 211 ff.
De Haas (1987).
Meyers Konversationslexikon 4. Auflage, 1889, → Trunksucht.
6
Konsumverboten. Doch ansonsten haben sich die Mühen der Prävention vergleichsweise wenig
verändert; was sich aber entscheidend verändert hat, ist die gesellschaftliche Handhabung von Sucht,
denn Prävention sucht zwar den Lebensstil der Zielgruppe zu beeinflussen, doch Drogenkonsum ist
inzwischen ebenfalls ein Lebensstil geworden, auch wenn es lange gedauert hat, ehe Drogenpolitik das
einzusehen bereit war. Das, was heute ‚akzeptierende Drogenarbeit‘ genannt wird, lässt sich ja
einerseits als Kapitulation werten – Abstinenz ist eben nicht durchzusetzen und Drogenkonsum eine
ubiquitäre Verhaltensweise – sie beinhaltet aber andererseits eben dadurch eine überfällige
Modernisierung der Konzeptionen von Sucht und Prävention. Und dann wird mit ‚Drogenmündigkeit‘
nicht Abstinenz als präventives Ziel gesetzt, sondern reflektierter, ritualisierter und dadurch
kontrollierter Drogenkonsum.31 Das alles ist allerdings nicht ohne Widersprüche, und auch
akzeptierende Drogenarbeit ist eine Form der Kontrolle, nicht zuletzt im Rahmen urbaner
Ordnungspolitik, die Drogenkonsum auf definierte Enklaven begrenzt. 32 Aber wie auch die
Regelungen zu kleinen Konsummengen bedeutet es immerhin eine gewisse Liberalisierung, so dass
in der offenen Drogenarbeit ‚Sucht‘ oft gar nicht mehr das explizite Thema bildet und hinter
allgemeine Lebenshilfe zurücktritt.33
Solche Liberalisierungen haben aber keineswegs dazu geführt, dass Prävention an Bedeutung
eingebüßt hätte. Im Gegenteil, sie ist – nicht nur, was Drogenkonsum angeht – ein politischer
Steuerungsmechanismus geworden, mit dessen Hilfe die Eigenverantwortlichkeit der Subjekte
eingefordert und präventiv orientiertes Verhalten zur Daueraufgabe erhoben werden kann. 34
Deswegen hat im Falle von Alkoholismus das Bundesarbeitsgericht wiederholt betont, dass von
einer positiven Prognose nur bei Therapiewilligkeit ausgegangen werden könne, ansonsten sei eine
Kündigung gerechtfertigt.35 Das Bemühen um die eigene Gesundung ist also eine
eigenverantwortliche Aufgabe, während das Ausgeliefert-Sein an die Sucht exkulpierend wirkt und
Rückfälle in der Regel nicht als ein Selbstverschulden zu werten sind, das den Anspruch auf
Lohnfortzahlung verwirkt, so ebenfalls das Bundesarbeitsgericht.36 Das charakterisiert die
dominanten Einstellungen gegenüber der Sucht – wenn sie als unauffälliger Lebensstil in geringer
sozialer Sichtbarkeit stattfindet, dann ist sie heute Privatsache, aber jede soziale Dysfunktionalität
wird weiterhin sanktioniert. Mit diesen Entwicklungen ist auch die Prävention bescheiden
geworden: die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung begnügt sich zur Not auch mit der
„Hinauszögerung des Einstiegs“ in Drogenkonsum und einer „Verringerung von Missbrauch und
Sucht“,37 und eine Kampagne wie „Alkohol? Kenn dein Limit“ zielt bereit dezidiert auf einen
bewussten Konsum und nicht auf Abstinenz. Ironischerweise trifft sie sich dabei mit der
Tabakindustrie, die in ihrem Abwehrkampf gegen weitere Regulierungen inzwischen ganz ähnlich
argumentiert.38 Wenn denn eigenverantwortlich begrenzter Drogenkonsum als Methode und Mittel
der Prävention gilt, dann läge es nahe, zumindest bei den traditionellen legalen und illegalen
Drogen Drogengenuss als Präventionsziel auszugeben. Die amtliche Prävention ist noch nicht
soweit, doch das wäre der nächste Schritt, um die Individualisierungen einer Gesellschaft
nachzuvollziehen, in der Abhängigkeit zwar weiterhin gefürchtet, Drogenkonsum aber ubiquitär ist.
31
32
33
34
35
36
37
38
Quensel (2004), S. 338 ff. Vgl. zum kontrollierten Konsum Werse et al. (2005); Kolte und Schmidt-Semisch (2006).
Legnaro (1999); Schmidt-Semisch und Wehrheim (2005).
Streck (2015).
Vgl. Legnaro (2014).
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 20.03.2014, 2 AZR 565/12 unter Rekurs auf frühere Urteile.
BAG 10 AZR 99/14.
http://www.bzga.de/themenschwerpunkte/suchtpraevention/
Siehe etwa die Ausführungen auf der Homepage von Philipp Morris:
http://www.pmi.com/deu/tobacco_regulation/pages/tobacco_regulation.aspx
7
Literatur
Beck, Jerome (1998), 100 Years of “Just say No” versus “Just say Know”. Reevaluating Drug
Education Goals for the coming Century. In: Evaluation Review vol. 22 Nr. 1, S 15-45.
Berger, Herbert und Aldo Legnaro (1980), Die historischen Wandlungen von Drogenstereotypen:
250 Jahre Bewertung von Haschisch und Opium. In: Thomas Kutsch und Günter Wiswede (Hrsg.),
Drogenkonsum, Meisenheim, S. 143-160.
Cohen, Peter D.A. (2000), Is the Addiction Doctor the Voodoo Priest of Western Man? In:
Addiction Research Vol. 8 Nr. 6, S. 589-598.
Davies, John Booth (1993), The Myth of Addiction: an application of the psychological theory of
attribution to illicit drug use, Chur.
De Haas, Willy F. M. (1987), Looking for Effective Drug Education Programmes: Fifteen Years
Exploration of the Effect of Different Drug Education Programmes. In: Health Education Research,
2, Nr. 4, S. 433-438.
Gusfield, Joseph (1963), Symbolic Crusade: Status Politics and the American Temperance
Movement, Urbana-Chicago.
Gusfield, Joseph (1967/1968), Moral Passage. The Symbolic Process in Public Designations of
Deviance. In: Social Problems 15, S. 175-188.
Harding, Geoffrey (1988), Opiate Addiction, Morality and Medicine. From Moral Illness to
Pathological Disease, Houndmills, Basingstoke.
Harding, Geoffrey (1998), Pathologising the Soul: The Construction of a 19th Century Analysis of
Opiate Addiction. In: Ross Coomber (Hrsg.), The Control of Drugs and Drug Users. Reason or
Reaction? Amsterdam, S. 1-11.
Hoffmann, Annika (2012), Drogenkonsum und -kontrolle. Zur Etablierung eines sozialen Problems
im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, Wiesbaden.
Klimke, Daniela und Aldo Legnaro (Hrsg.) (2015), Kriminologische Grundlagentexte, WeinheimBasel.
Kolte, Birgitta und Henning Schmidt-Semisch (2006), Kontrollierter Drogenkonsum: Ein prekäres
Paradigma? In: Aldo Legnaro und Arnold Schmieder (Hrsg.), Kontrollierter Drogenkonsum –
Drogenkonsum als Lebenskontrolle, Jahrbuch Suchtforschung Bd. 5, S. 7-24.
Kühn, Hagen und Rolf Rosenbrock (2009; urspr. 1994), Präventionspolitik und
Gesundheitswissenschaften. Eine Problemskizze. In: Uwe H. Bittlingmayer, Diana Sahrai, PeterErnst Schnabel (Hrsg.), Normativität und Public Health. Vergessene Dimensionen gesundheitlicher
Ungleichheit, Wiesbaden, S. 47-71.
Legnaro, Aldo (1999), Der flexible Mensch und seine Selbstkontrolle – eine Skizze, in: Aldo
Legnaro und Arnold Schmieder (Hrsg.) Jahrbuch Suchtforschung, Band 1 Suchtwirtschaft,
Münster-Hamburg, S. 117-132.
Legnaro, Aldo (2014), Prävention als Steuerungsprinzip der späten Moderne. In: Beatrice
Brunhöber (Hrsg.), Strafrecht im Präventionsstaat, Stuttgart, S. 19-39.
Levine, Harry G. (1978), The Discovery of Addiction: Changing Conceptions of Habitual
Drunkenness in America. In: Journal of Studies on Alcohol 15, S. 493-506.
Levine, Harry G. (1982a), Die Entdeckung der Sucht - Wandel der Vorstellungen über Trunkenheit in
Nordamerika. In: Gisela Völger und Karin von Welck (Hrsg.), Rausch und Realität. Drogen im
Kulturvergleich, Reinbek, S. 212-224.
Levine, Harry G. (1982b), Mäßigkeitsbewegung und Prohibition in den USA. In : Gisela Völger und
Karin von Welck (Hrsg.), Rausch und Realität. Drogen im Kulturvergleich, Reinbek, S. 241-251.
O‘Malley, Pat und Mariana Valverde (2004), Pleasure, Freedom and Drugs: The Uses of ‘Pleasure’ in
Liberal Governance of Drug and Alcohol Consumption. In: Sociology Vol. 38 (1), S. 25-42.
Reinarman, Craig (2005), Sucht als Errungenschaft. Die diskursive Konstruktion gelebter
Erfahrung. In: Bernd Dollinger und Wolfgang Schneider (Hrsg.), Sucht als Prozess. Sozial8
wissenschaftliche Perspektiven für Forschung und Praxis, Berlin, S. 23-41.
Scheerer, Sebastian (1982), Die Genese der Betäubungsmittelgesetze in der Bundesrepublik
Deutschland und in den Niederlanden, Göttingen.
Schmidt-Semisch, Henning (2005), Vom Laster zur Modellsucht. Einige Anmerkungen zur Karriere
des Tabakproblems. In: Bernd Dollinger und Wolfgang Schneider (Hrsg.), Sucht als Prozess.
Sozialwissenschaftliche Perspektiven für Forschung und Praxis, Berlin, S. 123-141.
Schmidt-Semisch, Henning und Jan Wehrheim (2005), Exkludierende Toleranz.Ordnung und Kontrolle
im Kontext akzeptierender Drogenarbeit. In: Bernd Dollinger und Wolfgang Schneider (Hrsg.), Sucht
als Prozess. Sozialwissenschaftliche Perspektiven für Forschung und Praxis, Berlin, S. 221-237.
Spode, Hasso (1993), Die Macht der Trunkenheit. Kultur- und Sozialgeschichte des Alkohols in
Deutschland, Opladen.
Streck, Rebekka (2015), Undoing Addiction? Situative Neutralisierung von ‚Sucht‘ in der offenen
Drogenarbeit. In: Bernd Dollinger und Nina Oelkers (Hrsg.), Sozialpädagogische Perspektiven auf
Devianz, Weinheim-Basel, S. 186-202.
Valverde, Mariana (1998), Diseases of the Will. Alcohol and the Dilemmas of Freedom, Cambridge.
Werse, Bernd, Uwe E. Kemmesies und Oliver Müller (2005), Kontrollierter Konsum illegaler Drogen
– Einige Ergebnisse aus dem Projekt „Umgang mit illegalen Drogen im bürgerlichen Milieu. In: Bernd
Dollinger und Wolfgang Schneider (Hrsg.), Sucht als Prozess. Sozialwissenschaftliche Perspektiven
für Forschung und Praxis, Berlin, S. 203-220.
Woodiwiss, Michael (1998), Reform, Racism and Rackets: Alcohol and Drug Prohibition in the
United States. In: Ross Coomber (Hrsg.), The Control of Drugs and Drug Users. Reason or
Reaction? Amsterdam, S. 13-30.
Quensel, Stephan (2004), Das Elend der Suchtprävention, Wiesbaden.
9